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Dr.

Halecker Arbeitsblatt Objektive Zurechnung

Objektive Zurechnung
(Weiterführend: Rengier, Strafrecht – AT, 6. Aufl. 2014, § 13 mit vielfachen
Literaturhinweisen; Jäger, Examensrepetitorium – Strafrecht AT, 6. Aufl. 2013, Rn. 31-61)

Kausalität
Handlung Erfolg

Objektive Zurechnung

Die objektive Zurechnung stellt ein Korrektiv dar, das der Kausalität einen gewissen Rahmen
verleiht. Die Einschränkung des Anwendungsbereichs ergibt sich aus der Frage, ob sich im
Erfolg tatsächlich die vom Täter geschaffene Gefahr realisiert hat. Eigenständiger
Prüfungsstandort für die obj. ZR ist der objektive Tatbestand nach Feststellung der
Kausalität. Beachte: Die Rechtsprechung nimmt diese Einschränkung über die Rechtsfigur
des Irrtums über Kausalverläufe im subjektiven Tatbestand vor, nur bei
Fahrlässigkeitsdelikten nimmt sie eine Einschränkung bereits auf objektiver Ebene vor.

Wie prüfe ich die objektive Zurechnung in der Fall-Lösung?

Definition: Objektiv zurechenbar ist der Erfolg, wenn der Täter durch seine Tathandlung
eine rechtlich missbilligte Gefahr (oder rechtlich relevantes Risiko) geschaffen
hat, die (das) sich im tatbestandlichen Erfolg konkretisiert hat.

Fallgruppen, bei denen die objektive Zurechnung (bei Fahrlässigkeitsdelikten


Pflichtwidrigkeitszusammenhang) problematisch ist und im Ergebnis zur Verneinung einer
Strafbarkeit führen kann, sind:

1. … mangels Schaffung einer rechtlich relevanten Gefahr:

a) Risikoverringerung
Bsp. Schlag des A auf den Kopf des B wird durch ein Dazwischentreten des C
abgelenkt und B „nur“ am Arm verletzt in Form einer schmerzhaften Prellung.
Beachte: Schafft der Täter durch die risikoverringernde Handlung zugleich eine neue,
eigenständige Gefahr, die sich im Erfolg realisiert, so ist eine Risikoverringerung
nach h.L. zu verneinen. (Weiterführender Beispielsfall hierzu Brunner, Jura 1989,
401 ff.)

b) Allgemeines Lebensrisiko
Bsp. A schickt B auf eine Bergwanderung in der Hoffnung, dass B abstürzt, was
auch tatsächlich passiert.

c) Sozialadäquates Verhalten
Bsp. A besucht B und steckt ihn mit einem Grippevirus an. (anders freilich, wenn B
sich in einem gesundheitlich stark geschwächten Zustand befindet und A diesen
Aspekt in rechtsfeindlicher Gesinnung ausnutzt)
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2. … mangels Konkretisierung der Gefahr im tatbestandlich eingetretenen Erfolg

a) Schutzzweck der Norm


Bsp. Apotheker verabreicht Medikament auf abgelaufenes Rezept; ein Verstoß gegen
die Verpflichtung, auf abgelaufene Rezepte keine Medikamente auszuhändigen, soll
Patient jedoch nicht vor Verletzung/Tod schützen (siehe hierzu: RGSt 15, 151)
Beachte: Unter den Schutzzweck der Norm kann jedoch fallen, wenn A infolge
überhöhter Geschwindigkeit mit dem Pkw den Rentner R anfährt und zu Fall bringt,
dieser im Krankenhaus eine Lungenentzündung bekommt und daran aufgrund seines
geschwächten gesundheitlichen Zustandes verstirbt. (weiterführend hierzu Jäger,
Examensrep – StR AT, Rn. 34)

b) Atypischer Kausalverlauf
Bsp. A sticht dem B mit Tötungsvorsatz in den Bauch, verletzt ihn dabei aber nicht
lebensgefährlich. Auf dem Weg ins Krankenhaus kommt B jedoch bei einem
Zusammenprall des Krankenwagens mit einem Lkw, verursacht durch eine
Unaufmerksamkeit des Lkw-Fahrers, ums Leben.
Beachte: Im Falle einer lebensgefährlichen Verletzung wird teilweise die obj. ZR (bzw.
Pflichtwidrigkeitszusammenhang) bejaht mit dem Argument, dass dem Täter das Risiko
eines für das Tatopfer tödlich verlaufenden Verkehrsunfalls infolge der bei
Rettungsfahrten bedingten Fahrweise durchaus zuzurechnen ist. Hierunter fallen auch
Fallgruppen, in denen die abnorme Konstitution des Tatopfers zu einem atypischen
Kausalverlauf führt, z.B. Blutereigenschaft, Glasknochenkrankheit. Sonderwissen des
Täters ist dabei zu berücksichtigen!

c) Pflichtgemäßes Alternativverhalten (spielt nur bei Fahrlässigkeit eine Rolle!)


Bsp. Der LKW- Fahrer L überholt den Radfahrer R mit zu geringen Sicherheitsabstand.
R wird getötet. Der Unfall wäre auch bei Einhaltung des Sicherheitsabstandes
möglicherweise geschehen, da R mit seinem Rad aufgrund des Alkoholgenusses
erheblich hin und her schwankte. (vgl. BGHSt 11, 1) Nach der h.L. erfolgt eine
Erfolgszurechnung nur dann, wenn Unfall bei pflichtgemäßem Alternativverhalten mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermeidbar gewesen wäre.
Beachte: Keinesfalls darf hier die Abgrenzung zur Risikoerhöhungslehre vergessen
werden, die für eine Zurechnung bereits die Möglichkeit einer Erfolgsvermeidung
ausreichen lässt, siehe hierzu weiterführend Jäger, ExR StR-AT, Rn. 35.

d) Eingreifen Dritter
Bsp. A schießt auf B mit Tötungsvorsatz. Der hinzukommende C gibt dem „röchelnden“
B einen Gnadenschuss.
Beachte: Weil C sich der von A geschaffenen Ausgangsgefahr insofern unterordnet, als
dass er die Todesqualen von B verkürzen will und seine Vorgehensweise nicht
außerhalb jeglicher Lebenserfahrung liegt, ist auch dem A der eingetretene Erfolg
objektiv zuzurechnen. Anders läge der Fall, wenn C völlig unabhängig von A die von ihm
geschaffene Lage für eigene Ziele ausnutzt. Hier ordnet sich C dem A keinesfalls unter,
sondern schafft vollverantwortlich eine neue, eigenständige Gefahr, die sich im Erfolg
auch realisiert. Für A bliebe in diesem Fall nur Raum für eine Versuchsstrafbarkeit.
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e) Eigenverantwortliche Selbstgefährdung
Bsp. A lässt sich von B Heroin besorgen und stirbt an einer Überdosis, die er selbst
gespritzt hat.
Beachte: Maßgebliches Abgrenzungskriterium zwischen strafloser Beteiligung an einer
eigenverantwortlichen Selbstgefährdung bzw. -schädigung und der – grundsätzlich
tatbestandsmäßigen – Fremdgefährdung eines anderen ist die Trennungslinie zwischen
Täterschaft und Teilnahme. Täter ist danach, wer die Tatausführung beherrscht,
Teilnehmer, wer ohne Beherrschung des Geschehens zur Tat beiträgt. Liegt die
Tatherrschaft über die Gefährdung- bzw. Schädigungshandlung nicht allein beim
Gefährdeten bzw. Geschädigten, sondern zumindest auch bei dem sich hieran
Beteiligenden, begeht dieser eine eigene Tat und kann nicht aus Gründen der
Akzessorietät wegen fehlender Haupttat des Geschädigten straffrei sein. Dies soll im
Grundsatz ebenso für Fälle fahrlässiger Selbst- bzw. Fremdgefährdung gelten; bei der
Prüfung der Gefährdungsherrschaft komme dabei dem unmittelbar zum Erfolgseintritt
führenden Geschehen besondere Bedeutung zu (str., denn im Fahrlässigkeitsbereich gilt
der Einheitstäterbegriff, folglich nicht als formales Abgrenzungskriterium geeignet,
allenfalls zur Konkretisierung eines eigenverantwortlichen Handeln des Tatopfers).

Bei Annahme einverständlicher Fremdgefährdung gibt es zwei mögliche Lösungswege:


1. Über die sog. Zurechnungslösung: Gleichstellung mit eigenverantwortliche
Selbstgefährdung wenn
a) Schaden aus dem bewusst eingegangenen Risiko resultiert und
b) Gefährdeter und Gefährdender das Risiko in gleichem Maße
erfassen/überschauen
c) Kein Allgemeingut betroffen ist.
Konsequenz: Falls Gleichstellung im Ergebnis zu bejahen ist, scheidet obj. ZR des
Erfolges aus.
2. Über die sog. Einwilligungslösung: Rechtfertigung über Einwilligung, der jedoch
durch die Rechtsgedanken der §§ 216, 228 StGB Grenzen gesetzt sind, mithin die
Einwilligung in eine konkret lebensgefährdende Handlung unzulässig ist.
Konsequenz: Falls EW bejaht wird, ist die RW zu verneinen.
In der Klausur kann beiden Auffassungen gefolgt werden, Letztere beansprucht für sich
freilich ein kriminalpolitisches Argument dergestalt, wonach Mutproben wie
Beschleunigungsrennen und Autosurfen Einhalt zu bieten sei. Gleichwohl suggeriert
diese Ansicht die Möglichkeit einer Einwilligung in eine rechtsgutsgefährdende Handlung
(nicht in den Erfolg!) und wendet §§ 216, 222 StGB im Fahrlässigkeitsbereich an, obwohl
diese vom Gesetzeswortlaut eher nur für Sonderfälle einer vorsätzlichen
Begehungsweise vorgesehen sind. Zudem soll einerseits der Zufall nicht über die
Wirksamkeit einer Einwilligung entscheiden, anderseits aber ihre Wirksamkeit in eine
rechtsgutsgefährdende Handlung ausscheiden, wenn das bewusst eingegangene Risiko
sich zu einer konkreten Todesgefahr wandelt. Mithin erscheint die erstgenannte Ansicht
vor diesem Hintergrund konsequenter.