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Prof. Dr. Hans Theile LL.

M Universität Konstanz Fachbereich Rechtswissenschaft


Strafrecht - Allgemeiner Teil: Kausalität und objektive Zurechnung

Kausalität und objektive Zurechnung


A. Überblick

Fragen von Kausalität und objektiver Zurechnung spielen nur bei


Erfolgsdelikten (z.B. §§ 212 I, 223 I), nicht aber bei reinen Tätigkeitsdelikten
(z.B. § 316 I) eine Rolle. Bei den Erfolgsdelikten sind Kausalität und objektive
Zurechnung Tatbestandselemente, die vorliegen müssen, wenn der objektive
Tatbestand bejaht werden soll.

B. Kausalität

I. Äquivalenztheorie

Handlung und Erfolg stehen bei Erfolgsdelikten nicht isoliert nebeneinander,


sondern vielmehr muss der Erfolg mit dem strafrechtlich relevanten Verhalten
ursächlich verbunden sein, m.a.W.: Das Verhalten muss den Erfolg kausal
herbeiführen.

Nach h.M. wird die Kausalität auf Grundlage der Äquivalenztheorie bestimmt,
die sich hierzu der sog. conditio sine qua non-Formel bedient: Kausal ist jede
Bedingung, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in
seiner konkreten Gestalt entfiele. Man wendet also ein Eliminationsverfahren
an: Hinwegzudenken ist ausschließlich die unter dem Kausalitätsgesichtspunkt
untersuchte Bedingung (= das strafrechtlich relevante Verhalten), alles andere
bleibt unverändert. Auf dieser Basis ist dann zu fragen, ob der konkrete Erfolg
auch ohne diese Bedingung eingetreten wäre.

Anm.: Andere Ansätze zur Bestimmung der Kausalität wählen Adäquanztheorie,


Relevanztheorie und Theorie von der gesetzmäßigen Bedingung.

II. Einzelaspekte:

Folgende Punkte sind bei der Kausalitätsbeurteilung auf dem Boden der
Äquivalenztheorie von Bedeutung:

1. Alle Bedingungen sind gleichwertig („äquivalent“), eine Differenzierung


nach wichtigen oder unwichtigen Bedingungen ist unzulässig.

2. Maßgeblich ist stets der Erfolg in seiner konkreten Gestalt. Reserveursachen


bzw. hypothetische Kausalverläufe sind unbeachtlich. Bsp.: Sofern A dem ster-

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benden B das Kissen auf das Gesicht drückt, hat er kausal den Tod herbei-
geführt. Dass B kurze Zeit später ohnehin gestorben wäre, ist unerheblich.

3. Für die Ursächlichkeit ist es ohne Bedeutung, wenn der Erfolgseintritt durch
eine anormale Konstitution des Verletzten begünstigt wurde (Str. ist dann aber,
ob trotz der Kausalität nicht die objektive Zurechnung unter dem Gesichtspunkt
eines atypischen Geschehensablaufs entfällt). Hierzu folgender

Fall:

Bei einer Schulhofschlägerei wirft A mit einem Stein und trifft den B. An
sich wäre die dadurch herbeigeführte Wunde nicht weiter tragisch,
allerdings ist B Bluter und kommt deshalb zu Tode. Strafbarkeit des A?
(RGSt 54, 349 ff.)

Das RG hatte keinen Zweifel an der Kausalität und erklärte:

„Die Ursache des Todes des Schülers G. war die Verletzung


durch den Stein, den der Angeklagte vorsätzlich nach seinem
Bruder geworfen hatte. Ohne die Handlung des Angeklagten
wäre keine Verletzung und ohne diese auch nicht der Tod des
Verletzten eingetreten, die Handlung des Angeklagten war
sonach eine Bedingung des Erfolges, der bei ihrem Fehlen nicht
eingetreten wäre. Freilich mag es zweifelhaft sein, ob ein
Erfolg, wie der eingetretene, nach menschlicher Erfahrung mit
einer Handlung gleicher Art regelmäßig und allgemein
verbunden ist oder sein kann. Darauf kommt es aber nicht an;
denn für die Frage der Verursachung ist nach der
Rechtsprechung des Reichsgerichts ausschließlich der im
Einzelfall nachweisbare äußere Zusammenhang entscheidend;
die allgemeine Vorhersehbarkeit eines Erfolges als des
erfahrungsgemäßen Endglieds des Verlaufs einer gleichartigen
Handlung ist dagegen kein Merkmal der Verursachung.“

4. Wie die einzelnen Kausalfaktoren zusammenhängen, ist unerheblich.


Ausreichend ist, dass andere potentielle Ursachen ausgeschlossen sind. Hierzu
folgender

Fall:

Nachdem es Hinweise auf Gesundheitsschäden durch ihre Pflegeartikel


gegeben hatte, trat die Geschäftsführung einer Lederpflegeartikel
betreibenden GmbH zu einer Sondersitzung zusammen. Ein Rückruf
wurde ebenso abgelehnt wie sonstige Sicherungsmaßnahmen. Auch als
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sich später die Hinweise auf Gesundheitsschäden immer mehr


verdichteten, wurden die Produkte nicht vom Markt genommen; eine
nochmalige Sitzung der Geschäftsleitung war aber nicht feststellbar. Der
konkrete Wirkungszusammenhang zwischen dem Produkt und den
aufgetretenen Gesundheitsschäden konnte nicht eindeutig geklärt werden.
Gutachter kamen insoweit zu bejahenden bzw. zu verneinenden Ergeb-
nissen, die konkrete toxische Substanz und das Kausalgesetz blieben
unbekannt. Allerdings waren signifikante Übereinstimmungen der Krank-
heits- und Heilungsverläufe sowie bei Tierversuchen zu verzeichnen.
Kausalität? (BGHSt 37, 106 ff. mit Anm. Brammsen, Jura 1991, 533 ff.;
Beulke/Bachmann, JuS 1992, 737 ff.)

Ungeachtet der Zweifel im Hinblick auf die konkret wirksame toxische


Substanz und das Kausalgesetz ging der BGH von einem
Kausalzusammenhang aus, indem er ein Ausschlussverfahren anwandte.
Er stellte fest:

„Auf die Ermittlung des dafür verantwortlichen Inhaltsstoffes,


die Kenntnis seiner chemischen Zusammensetzung und die
Beschreibbarkeit seiner toxischen Wirkungsweise kam es im
vorliegenden Falle nicht an. Ist in rechtsfehlerfreier Weise
festgestellt, dass die – wenn auch nicht näher aufzuklärende –
inhaltliche Beschaffenheit des Produkts schadensursächlich
war, so ist zum Nachweis des Ursachenzusammenhangs nicht
noch weiter erforderlich, dass festgestellt wird, warum diese
Beschaffenheit schadensursächlich werden konnte, was also
nach naturwissenschaftlicher Analyse und Erkenntnis letztlich
der Grund dafür war. Freilich müssen dort, wo sich die
Ursächlichkeit nicht auf diese Weise darlegen lässt, alle
anderen in Betracht kommenden Schadensursachen aufgrund
einer rechtsfehlerfreien Beweiswürdigung ausgeschlossen
werden können.“

5. Bei psychisch vermittelter Kausalität treten an die Stelle allgemeiner


Kausalgesetze ausnahmsweise allgemeine Erfahrungssätze. Bsp.: A hetzt B in
Tötungsabsicht über ein Dach. In seiner Verzweifelung springt B und kommt
dabei zu Tode. - Auch wenn der Sprung des B keine naturgesetzliche Folge der
Hetzjagd war, war er doch nahe liegend und nachvollziehbar; demnach ist
Kausalität gegeben und A hat kausal den Tod des B herbeigeführt.

6. Beim Abbruch rettender Kausalverläufe darf ausnahmsweise der rettende


Kausalverlauf hinzugedacht werden; vgl. folgender

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Fall:

B ist ins Meer hinaus geschwommen und droht zu ertrinken. Als C ihm
mit einem Rettungsboot zu Hilfe eilen will, hält A den C fest. B ertrinkt.
Strafbarkeit des A nach § 212 ? - Wenn man sich das Festhalten
wegdenken würde, würde B immer noch in Lebensgefahr schweben.
Dennoch kann hier der (hypothetisch) rettende Kausalverlauf
ausnahmsweise hinzugedacht werden. Demnach ist Kausalität gegeben,
so dass sich A gem. § 212 I strafbar macht.

7. Problematisch ist die Konstellation, dass unabhängig voneinander zwei


Ursachen wirken, die denselben Erfolg zur selben Zeit herbeiführen (Doppel-
kausalität / alternative Kausalität). Hierzu folgender

Fall:

C trinkt ein Glas Bier, in dem unabhängig voneinander A und B eine


jeweils tödliche Menge von 2 gr. E 605 aufgelöst hatten. Strafbarkeit von
A und B nach § 212 I ? - Denkt man sich die Giftmenge des A bzw.
umgekehrt die des B weg, so wäre C zur selben Zeit an der Giftmenge
des jeweils anderen gestorben. Unabhängig voneinander wirken daher
zwei Ursachen, die denselben Erfolg zur selben Zeit herbeiführen (sog.
Doppelkausalität / alternative Kausalität). Es wäre absurd, wenn sich A
und B unter Hinweis auf die Giftverabreichung durch den jeweils anderen
der strafrechtlichen Haftung entziehen könnten (bzw. lediglich eine
Versuchsstrafbarkeit in Betracht käme). Deshalb wird hier die conditio
sine qua non-Formel abgewandelt: Von mehreren Bedingungen, die zwar
alternativ, aber nicht kumulativ hinweggedacht werden können, ohne
dass der Erfolg entfiele, ist jede für den Erfolg ursächlich. Daher haben
sowohl A als auch B kausal den Tod des C herbeigeführt und sind jeweils
strafbar gem. § 212 I.

8. Anders ist die Kausalitätsfrage zu beantworten, wenn zwei Ursachen zwar


unabhängig voneinander wirken, aber erst durch ihr Zusammenwirken den
Erfolg herbeiführen (kumulative Kausalität). Hierzu folgender

Fall:

A und B verabreichen C unabhängig voneinander Gift. Jede der


Giftmengen allein hätte nicht ausgereicht, C zu töten, das
Zusammenwirken der Gifte führt jedoch den Tod des C herbei.
Kausalität? - Hier ist die Kausalität unproblematisch gegeben, denn:

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Denkt man sich die Giftmenge des A hinweg (oder umgekehrt: die des
B), wäre der Tod des C nicht eingetreten.

Anm.: Jedoch wäre der Erfolg nicht objektiv zurechenbar, da er sich als
Ergebnis eines atypischen und unvorhersehbaren Kausalverlaufs
darstellt. Nach allgemeiner Lebenserfahrung ist es völlig unwahr-
scheinlich, dass die Vergiftung des Opfers mit einer an sich
unzureichenden Dosis gerade deswegen gelingt, weil unabhängig davon
ein zweites Giftattentat durch eine andere Person erfolgt.

9. Kausalität ist auch dann anzunehmen, wenn an eine Erstursache eine


Zweitursache anknüpft, die vom Täter selbst bzw. einem Dritten oder gar dem
Opfer gesetzt wurde. Siehe hierzu folgende Fälle:

Fall 1:

A schoss X an, B gibt dem nur noch röchelnden X den Gnadenschuss.


Strafbarkeit von A und B? (BGH, MDR/D 1956, 526 ff.)

Der BGH verurteilte auch den A wegen § 212 I, obwohl die unmittelbare
Todesursache nicht sein Schuss, sondern der des B war; denn:

Erst der Schuss des A hat den Gnadenschuss des B veranlasst; A hat
daher den Tod des X verursacht. Hierbei kommt es, wie der BGH noch
bemerkt, darauf an, ob X ohne den Gnadenschuss auch sofort gestorben
wäre, oder ob er noch zu retten gewesen wäre.

Fall 2:

A sticht auf X ein, die irrtümlich für tot gehalten wird. Als der zur
Spurenbeseitigung herbeigerufene Freund B bemerkt, dass X noch
röchelt, schlägt er mit einer Wasserflasche auf X ein (ex post lässt sich
nicht feststellen, dass diese Schläge mit der Wasserflasche den Todes-
eintritt beschleunigten). X starb entweder an den Messerstichen oder an
den Schlägen. (BGH, NStZ 2001, 29 ff.)

Auch hier war das spätere Handeln des B - der Schlag mit der
Wasserflasche - nach Auffassung des BGH irrelevant für die Frage der
Kausalität. Zur Begründung führte er aus:

„Ursächlich ist jede Bedingung, die den Erfolg herbeigeführt


hat; dabei ist gleichgültig, ob neben der Tathandlung noch
andere Umstände, Ereignisse oder Geschehensabläufe zur

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Herbeiführung des Erfolgs beigetragen haben. Anders verhält


es sich allerdings, wenn ein späteres Ereignis ihre Wirkung
beseitigt und unter Eröffnung einer neuen Kausalreihe den
Erfolg allein herbeiführt. Dagegen schließt es die
Ursächlichkeit des Täterhandelns nicht aus, dass ein weiteres
Verhalten, sei es des Täters, sei es des Opfers, sei es auch
Dritter, an der Herbeiführung des Erfolgs mitgewirkt hat.
Ursächlich bleibt das Täterhandeln selbst dann, wenn ein
später handelnder Dritter durch ein auf denselben Erfolg
gerichtetes Tun vorsätzlich zu dessen Herbeiführung beiträgt,
sofern er nur dabei an das Handeln des Täters anknüpft, dieses
also die Bedingung seines eigenen Eingreifens ist. Auch dies
entspricht gefestigter Auffassung in Rechtsprechung.(…)
Danach hat die Angeklagte durch die Messerstiche den Tod J's
verursacht. Daran ändert es nichts, dass der später zum Tatort
gekommene Angeklagte dem Opfer durch Schläge mit der
Wasserflasche weitere Verletzungen zugefügt hat, die
gleichfalls geeignet waren, den Tod herbeizuführen. Es kommt
nicht darauf an, ob die Messerstiche oder die Schläge mit der
Wasserflasche jeweils für sich genommen den Tod des Opfers
bewirkt hätten oder J erst in Folge des Zusammenwirkens der
ihr von beiden Angeklagten beigebrachten Verletzungen
gestorben ist. Die Angeklagte hat mit den von ihr geführten
Messerstichen jedenfalls eine Bedingung für den Tod des
Opfers gesetzt; denn ohne diese, ihr von der Angeklagten
beigebrachten Verletzungen wäre es nicht dazu gekommen,
dass der Angeklagte eingriff und - an das Handeln seiner
Freundin anknüpfend - J mit der Wasserflasche auf den Kopf
schlug, um das von der Angeklagten begonnene Tötungswerk zu
vollenden. Für die Annahme, der Angeklagte habe mit seinen
Schlägen die todesursächliche Wirkung der von seiner
Freundin gesetzten Messerstiche beseitigt und stattdessen einen
neuen, davon unabhängig zum Tod führenden Kausalverlauf in
Gang gesetzt, ist hiernach kein Raum.“

10. Anders ist die Situation zu beurteilen, wenn ein späteres Ereignis die
Fortwirkung der früheren Ursachenkette beseitigt und nunmehr allein unter
Eröffnung einer neuen Ursachenreihe den Erfolg herbeiführt (sog. überholende
Kausalität). Hierzu folgender

Fall:

A (der sich schon lange über B ärgerte) schlägt mit einem Eisenrohr auf
B ein, um ihn zu töten. Er wird noch drei Schläge benötigen, um die
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Verletzungen des B so schwer werden zu lassen, dass B zu Tode kommt.


Unabhängig davon tritt der dem A unbekannte C, der den B auch nicht
leiden kann, hinzu und erschießt B. Strafbarkeit von A und C? - C hat
kausal den Tod des B herbeigeführt und ist dementsprechend strafbar
gem. § 212 I. Insbesondere steht der Kausalität nicht entgegen, dass B
drei Schläge später ohnehin durch A zu Tode gekommen wäre, da es sich
insoweit um einen hypothetischen Kausalverlauf handelt. A ist dem-
gegenüber nicht kausal für den Tod des B geworden und kann deshalb
nicht wegen vollendeten Totschlags gem. § 212 I bestraft werden. Denn
durch den Schuss wurde die durch das Handeln des A angelegte Kausal-
kette unterbrochen und C hat eine völlig neue Ursachenreihe eröffnet, die
schließlich den Tod des B herbeiführte (überholende Kausalität). Jedoch
ist A strafbar wegen versuchten Totschlags gem. §§ 212 I, 22, 23 I und
vollendeter gefährlicher Körperverletzung gem. §§ 223 I, 224 I Nr. 2,
Nr. 5.

C. Objektive Zurechnung

I. Haftungsbegrenzung durch normativen Zusammenhang

Probleme bereitet die uferlose Weite der Äquivalenztheorie, da in ihrem Sinne


etwa auch der genetische Erzeuger eines Mörders den objektiven Tatbestand
des § 212 I verwirklicht: Denkt man sich den Zeugungsakt weg, so wäre der
Mörder nicht auf die Welt gekommen und hätte seine Tat nicht begehen
können. Daher besteht ein Bedürfnis, über die Äquivalenztheorie hinaus die
strafrechtliche Haftung zu begrenzen. Hierbei werden verschiedene Ansätze
vertreten, die entweder bereits am Kausalitätsbegriff im objektiven Tatbestand
(Adäquanztheorie = Kausal sind nur solche Bedingungen, die generell geeignet
sind, den Erfolg herbeizuführen) oder beim Vorsatz im subjektiven Tatbestand
(Lehre von der subjektiven Zurechnung = Vorsatz muss sich auf Kausalität
beziehen, wobei eine wesentliche Abweichung des tatsächlichen vom
vorgestellten Kausalverlauf den Vorsatz ausschließen soll) ansetzen.

Herrschend ist mittlerweile aber die Lehre von der objektiven Zurechnung, die
in der Bejahung der Kausalität einen notwendigen, aber keinen hinreichenden
strafbarkeitsbegründenden Zusammenhang sieht. Dementsprechend verlangt sie
über den nach der Äquivalenztheorie zu bestimmenden Kausalzusammenhang
hinaus einen normativen Zusammenhang zwischen Tathandlung und Taterfolg.
Im Hintergrund steht dabei die Überlegung, dass es nicht Aufgabe des Straf-
rechts sein kann, jede im Hinblick auf Rechtsgüter kausale Risikoschaffung
oder Risikorealisierung in der Gesellschaft zu unterbinden, da diese auf die
Schaffung bestimmter Risiken angewiesen ist (Bsp.: Straßen- und Flugverkehr,
Betreiben von Elektrizitätswerken u.s.w.). Der Einsatz des Strafrechts ist nur

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dort legitimierbar, wo rechtlich missbilligte Risiken geschaffen werden, die sich


in einer Rechtsverletzung realisieren. Insoweit kommt es darauf an, rechtlich
gebilligte von rechtlich missbilligten Risiken abzuschichten bzw. rechtlich
relevante von rechtlich irrelevanten Risikorealisierungen abzuschichten.

II. Rechtlich missbilligtes Risiko und Risikozusammenhang

Sofern der Kausalzusammenhang nach Maßgabe der Äquivalenztheorie fest-


steht, ist demnach ein bestimmter Erfolg objektiv zurechenbar, wenn der Täter
ein rechtlich missbilligtes Risiko geschaffen (1.) und sich dieses Risiko im
Erfolg niedergeschlagen hat (2.). Hierbei existieren jeweils verschiedene
Fallgruppen:

1. Schaffung eines rechtlich relevanten Risikos

Bei der Frage, ob ein rechtlich missbilligtes Risiko geschaffen wurde, geht es
um die Abschichtung rechtlich gebilligter von rechtlich missbilligten Risiken.

a) Schadenseintritt außerhalb des menschlichen Beherrschungsvermögens

Die objektive Zurechnung scheidet aus, wenn die Realisierung des Risikos
außerhalb des menschlichen Beherrschungsvermögens liegt. Bsp.: A schlägt
seinem Erbonkel B vor, trotz des aufziehenden Unwetters einen Spaziergang zu
unternehmen, bei dem B - wie von A erhofft - von einem Blitz erschlagen
wird. - § 212 I scheidet aus, da ungeachtet der Ursächlichkeit des Ratschlages
der Schadenseintritt außerhalb des menschlichen Beherrschungsvermögens liegt
und deshalb nicht objektiv zurechenbar ist.

b) Sozialadäquates Verhalten

Ebenso wenig ist ein Erfolg objektiv zurechenbar, der auf ein Verhalten
zurückgeht, das sozialadäquat ist und im Bereich des erlaubten Risikos liegt.
Wann in derartigen Konstellationen ein erlaubtes in ein unerlaubtes Risiko um-
schlägt, ist jeweils konkret zu bestimmen. Bsp.: A besucht mit einer Grippe-
erkrankung die Vorlesung und steckt zahlreiche Kommilitonen an. - § 223 I
scheidet aus, da ein solches Verhalten zwar kausal zu Gesundheits-
beschädigungen geführt hat, aber gleichwohl noch im Bereich des erlaubten
Risikos liegt. Anders wäre die Situation möglicherweise dann zu beurteilen,
wenn A mit derselben Krankheit seine auf der Intensivstation eines Kranken-
hauses liegende Großmutter besucht, die sich ansteckt und verstirbt.

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c) Risikoverringerung

Die objektive Zurechnung scheidet trotz Kausalität des Verhaltens aus, wenn
der Täter per saldo das Risiko für das Rechtsgut verringert. Bsp.: B will C mit
einer Axt auf den Schädel schlagen. A tritt hinzu und lenkt im letzten Moment
den Axthieb vom Kopf auf die Schulter des C, der dadurch einen Arm verliert.
Strafbarkeit des A gem. § 223 I? - Zwar setzt A eine Ursache für die mit dem
Verlust des Armes verbundene körperliche Misshandlung bzw.
Gesundheitsbeschädigung. Dennoch wird durch die Ablenkung des Schlages im
Ergebnis das Risiko für das Rechtsgut der körperlichen Unversehrtheit
verringert; demnach scheidet eine Strafbarkeit nach § 223 I mangels objektiver
Zurechenbarkeit des Erfolges aus, da bereits der objektive Tatbestand nicht
verwirklicht ist. Beachte: Der Gedanke der Risikoverringerung bezieht sich
stets auf dieselbe Rechtsgutsverletzung. Hätte A, um weitere Axthiebe zu
verhindern, den C zusätzlich für ein paar Stunden in einen Keller gesperrt, so
hätte er den objektiven Tatbestand des § 239 I verwirklicht und damit eine
andersartige Rechtsgutsverletzung herbeigeführt (anstelle des Eingriffs in die
körperliche Unversehrtheit ein Eingriff in die körperliche
Fortbewegungsfreiheit) In einem solchen Fall wäre allenfalls an eine
Rechtfertigung des A zu denken.

2. Risikozusammenhang (= Realisierung des rechtlich missbilligten Risikos


im Erfolg)

Selbst wenn ein rechtlich missbilligtes Risiko geschaffen wurde, so muss sich -
soll ein Erfolg objektiv zurechenbar sein - dieses Risiko auch im Erfolg
niederschlagen, da ohne einen solchen Risikozusammenhang die strafrechtliche
Haftung auf einen bloßen Kausalzusammenhang gestützt würde. Demnach geht
es um die Abschichtung rechtlich relevanter von rechtlich irrelevanten
Risikorealisierungen.

a) Atypische Schadensfolge/Geschehensablauf liegt außerhalb jeder


Lebenserfahrung

Obwohl der Täter ein rechtlich missbilligtes Risiko geschaffen hat, scheidet die
objektive Zurechnung aus, wenn eine völlig atypische Schadensfolge
herbeigeführt wird oder der zum Erfolg führende Geschehensablauf außerhalb
jeder Lebenserfahrung liegt. Bsp.: A schießt B vorsätzlich an und verletzt ihn.
Während des Transports ins Krankenhaus wird der Krankenwagen in einen
Unfall verwickelt, so dass B zu Tode kommt. - Auch wenn A hier eine kausale
Bedingung für den Tod setzt und überdies durch den Schuss ein rechtlich
missbilligtes Risiko setzt, handelt es sich um einen außerhalb jeder
Lebenserfahrung liegenden Geschehensablauf. Der konkrete Tod stellt sich

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weniger als Ausdruck des von A gesetzten Risikos, sondern eines allgemeinen
Lebensrisikos dar, das jeden anderen Menschen oder Krankenwageninsassen
gleichermaßen hätte treffen können.

Anm.: Teilweise wird dieser Fall auch unter dem Gesichtspunkt des
Schutzzwecks der Norm diskutiert: Soll die Norm, nicht auf andere zu schießen,
verhindern, dass jemand auf der Fahrt ins Krankenhaus im Rahmen eines
Autounfalls verstirbt?

In denselben Zusammenhang gehören die bereits unter dem


Kausalitätsgesichtspunkt erörterten Fälle der kumulativen Kausalität (siehe B.
II. 8.) sowie des Bluters (siehe B. II. 3.). Während im Falle kumulativer
Kausalität die objektive Zurechnung abgelehnt wird, wird sie im Falle des
Bluters kontrovers beurteilt.

b) Schutzzweck der Norm

Der Risikozusammenhang entfällt, wenn der Erfolg außerhalb des


(sachlichen/persönlichen) Schutzbereichs der verletzten Verhaltensnorm liegt,
wobei zwischen dem sachlichen und persönlichen Schutzbereich der Norm
unterschieden werden kann. Siehe mit Blick auf den sachlichen Schutzbereich
der Norm folgenden

Fall:

A fährt bei Rot über eine Ampel und kollidiert drei Kilometer weiter mit
einem Fußgänger, der dabei zu Tode kommt. - A hat durch das
Ignorieren des Rotlichts eine Ursache für den Tod des Fußgängers
gesetzt, denn hätte er angehalten, wäre er später am Ort der Kollision
gewesen und es wäre gar nicht erst zu einem Zusammenstoß gekommen.
Dennoch scheidet eine Strafbarkeit nach § 222 aus, da die Tat nicht
zugerechnet werden kann: Die Verhaltensnorm, gegen die A verstoßen
hat (§§ 49, 37 StVO), zielt lediglich darauf ab, Unfälle im unmittelbaren
Ampelbereich - und nicht etwa drei Kilometer weiter - zu verhindern.

Zum persönlichen Schutzbereich der Norm siehe folgenden

Fall:

B ist erwachsener Beifahrer eines an der Heckscheibe mit orange-


farbenem Hinweisschild ausgestatteten Schülerbusses, der nach einem
Schülertransport unbesetzt zurück zum Hof des Transportunternehmens
fuhr. Als B außerhalb einer Ortschaft einen Bekannten am Wegesrand

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spazieren sah, bat er den Fahrer anzuhalten, damit er sich kurz mit dem
Bekannten unterhalten könne. Der Fahrer kam dieser Bitte nach, indem er
auf dem Seitenstreifen an einer Haltestelle anhielt und die Warnblink-
anlage anschaltete, so dass B die Straße überqueren konnte. Nach einigen
Minuten der Unterhaltung wollte B zum Schülerbus zurückkehren und
überquerte zu diesem Zweck abermals die Straße, wo er mit dem
Motorradfahrer A kollidierte und zu Tode kam. A, der kurz vor der
Kollision durch die Scheiben des Schulbusses keine Kinder gesehen
hatte, hatte seine Geschwindigkeit nicht reduziert und seine Fahrt
unverändert mit 70 km/h fortgesetzt. Bei Drosselung der Geschwin-
digkeit auf 50 km/h wäre der Unfall vermeidbar gewesen. Strafbarkeit
des A gem. § 222? (OLG Hamm, VRS 60, 38)

Das OLG lehnte eine Strafbarkeit nach § 222 ab, weil der Erfolg
außerhalb des persönlichen Schutzbereichs der verletzten Verhaltensnorm
des § 20 I StVO lag, und erklärte hierzu:

„Bei den Fahrlässigkeitsdelikten genügt es nicht, dass die


sorgfaltswidrige Handlung eine Ursache des Erfolges nach den
allgemeinen Regeln der Bedingungstheorie bildet. Der Erfolg
kann dem Täter vielmehr nur dann objektiv zugerechnet
werden, wenn er seine spezifische Voraussetzung gerade in der
Sorgfaltspflichtverletzung gehabt hat. Die Pflichtverletzung
selbst muss sich also in dem eingetretenen Erfolg ausgewirkt
haben. Dies ist dann zu verneinen, wenn der Erfolg außerhalb
des Schutzbereichs der verletzten Norm liegt. In jedem Fall
wäre der Erfolg einer Pflichtwidrigkeit für den Täter nicht
voraussehbar, wenn die verletzte Vorschrift nicht der
Verhütung von Erfolgen der Art dient, wie sie tatsächlich
eingetreten sind. Die Strafkammer hat zwar zutreffend unter
Hinweis auf § 20 Abs. 1 a StVO dargetan, der Angekl. habe nur
mit so geringer Geschwindigkeit an dem haltenden Schulbus
vorbeifahren dürfen, dass eine Gefährdung von Schulkindern
ausgeschlossen war. Dabei kommt es entgegen der Auffassung
der Revision nicht darauf an, ob Schulkinder erkennbar waren.
Die Bestimmung des § 20 Abs. 1 a StVO dient jedoch
ausschließlich der Sicherheit von Schulkindern im
Straßenverkehr. Nach der amtlichen Begründung des Abs. 1 a
soll dem Kraftfahrer bei Annäherung an einen Schulbus für
jedes – auch linkes – Vorbeifahren eine erhöhte Sorgfaltspflicht
auferlegt werden, da ein Kraftfahrer, der links an einem
haltenden Schulbus vorbeifährt, damit rechnen muss, dass
Kinder hinter dem Schulbus nicht nur einige Schritte
hervortreten, sondern auch unachtsam über die Fahrbahn
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laufen. Eine Gefährdung von Schulkindern muss


ausgeschlossen sein. Die Einfügung des Abs. 1 a ist nach der
ausdrücklichen amtlichen Begründung nur deshalb erfolgt, um
dem in der Praxis beobachteten Fehlverhalten von Kindern an
haltenden Schulbussen vorzubeugen. Dem Schutz erwachsener
Fußgänger, die trotz des schnellen Herankommens eines
beleuchteten Motorrades von links die Fahrbahn betreten, dient
die Vorschrift des § 20 Abs. 1 a StVO ersichtlich nicht.
Vorliegend hat sich folglich die mit Rücksicht auf eine mögliche
Gefährdung von Schulkindern zu hohe Geschwindigkeit des
Angekl. nicht auf den Unfall ausgewirkt, da die für ihn
bestehende Pflicht zur besonderen Rücksichtnahme nach
§ 20 Abs. 1 a StVO nicht den Sinn hat, auch gegenüber
erwachsenen Fußgängern, die in der Nähe eines Schulbusses
mit eingeschalteter Warnblinkanlage die Fahrbahn überqueren,
gesteigerte Vorsicht walten zu lassen; zumindest war die
Kollision mit dem die Fahrbahn überquerenden Zeugen A für
ihn nicht voraussehbar. Ein solches Verhalten ist so
unvernünftig, dass der Kraftfahrer es nur bei Vorliegen
besonderer Umstände in den Bereich seiner Überlegungen
einbeziehen muss.“

c) Freiverantwortliches Dazwischentreten

Die objektive Zurechnung scheidet aus, wenn der Erfolg ausschließlich auf das
freiverantwortliche Verhalten des Opfers zurückzuführen ist (Hintergrund:
Abschichtung von Verantwortungsbereichen). Str., ob sich die Freiverantwort-
lichkeit nach der Exkulpations- (Maßstab: §§ 19, 20, 35) oder Einwilligungs-
lösung (Maßstab: Einsicht in Wesen, Bedeutung, Tragweite der Gefahr)
bestimmt. Hierzu folgender

Fall:

A erklärt gegenüber dem in Drogendingen erfahrenen B, dass er Heroin


habe, das man zusammen drücken könne. Die erforderlichen Spritzen
müsse aber B besorgen. Dieser erklärt sich einverstanden und kauft zwei
Einwegspritzen. Nachdem sich beide eine Spritze mit einer verhältnis-
mäßig großen Menge an Heroin gesetzt haben, werden sie bewusstlos.
Durch Dritte werden beide schließlich aufgefunden. Während bei B nur
noch der Tod festgestellt werden kann, wird A gerettet. Strafbarkeit des
A? (BGHSt 32, 262 ff.)

Der BGH lehnte hier eine strafrechtliche Haftung unter Hinweis auf das
Autonomieprinzip ab, denn:
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„Eigenverantwortlich gewollte – erstrebte, als sicher


vorausgesehene oder in Kauf genommene – und verwirklichte
Selbsttötungen oder Selbstverletzungen unterfallen (weil das
Gesetz nur die Tötung oder Verletzung eines anderen mit Strafe
bedroht) nicht dem Tatbestand eines Tötungs- oder
Körperverletzungsdelikts. Wer sich daran beteiligt, nimmt an
einem Vorgang teil, der – soweit es um die Strafbarkeit wegen
eines solchen Delikts geht – keine Tat im Sinne der §§ 25, 26,
27 Abs. 1 StGB ist. Der sich vorsätzlich Beteiligende kann
infolgedessen (wegen Fehlens einer Haupttat) nicht als
Anstifter oder Gehilfe bestraft werden. Wer das zur
Selbsttötung oder Selbstverletzung führende
eigenverantwortliche Handeln des Selbstschädigers fahrlässig
veranlasst, ermöglicht oder fördert, kann nicht strafbar sein,
wenn er sich im Falle vorsätzlicher Veranlassung,
Ermöglichung oder Förderung nicht strafbar machen würde.
Würde er wegen fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung
deshalb bestraft, weil er pflichtwidrig eine Bedingung für den
voraussehbaren (oder vorausgesehenen) Erfolg gesetzt hat,
verstieße eine solche Bestrafung gegen das in den Vorschriften
der §§ 15 und 18 StGB zum Ausdruck kommende
Stufenverhältnis der Schuldformen. In ihr läge ein
Wertungswiderspruch. (…)
Auch die eigenverantwortlich gewollte – erstrebte, als sicher
vorausgesehene oder in Kauf genommene – und vollzogene
Selbstgefährdung unterfällt nicht dem Tatbestand eines
Körperverletzungs- oder Tötungsdelikts, gleichgültig, ob das
mit der Gefährdung bewusst eingegangene Risiko sich realisiert
(der Handelnde sich verletzt oder tötet) oder ob der „Erfolg“
ausbleibt. Wer lediglich den Akt der eigenverantwortlich
gewollten und bewirkten Selbstgefährdung (vorsätzlich oder
fahrlässig) veranlasst, ermöglicht oder fördert, nimmt an einem
Geschehen teil, das – soweit es um die Strafbarkeit wegen
Tötung oder Körperverletzung geht – kein tatbestandsmäßiger
und damit kein strafbarer Vorgang ist. Die Strafbarkeit kann
erst dort beginnen, wo der sich Beteiligende kraft überlegenen
Sachwissens das Risiko besser erfasst als der sich selbst
Gefährdende.“

Von der freiverantwortlichen Selbstverletzung/-gefährdung ist die einverständ-


liche Fremdgefährdung zu unterscheiden (Kriterium: Tatherrschaft), die nach
h.M. nicht die objektive Zurechnung unterbricht, sondern allenfalls auf der
Ebene der Rechtswidrigkeit (rechtfertigende Einwilligung) eine Rolle spielt.
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Prof. Dr. Hans Theile LL.M Universität Konstanz Fachbereich Rechtswissenschaft
Strafrecht - Allgemeiner Teil: Kausalität und objektive Zurechnung

Bsp.: Wenn sich B das Gift hätte spritzen lassen, so hätte die Tatherrschaft
ausschließlich bei A gelegen und der Erfolg wäre ihm objektiv zurechenbar
gewesen. Auch die Rechtswidrigkeit wäre zu bejahen, da man nach h.M. zwar
in die Gefährdung (nicht aber die Verletzung! Vgl. § 216 I) des eigenen Lebens
einwilligen kann, eine solche Einwilligung aber sittenwidrig gem. § 228 war.

Die objektive Zurechnung scheidet aus, wenn der Erfolg ausschließlich auf das
freiverantwortliche Verhalten eines Dritten zurückzuführen ist, sofern durch die
Zweithandlung eine völlig neue Gefahr geschaffen wird, die in keinem
Wertungszusammenhang mehr mit der Ersthandlung steht. Wäre im
Gnadenschuss- und Pflegemutterfall die objektive Zurechnung unterbrochen,
weil der Zweithandelnde eigenverantwortlich dazwischentritt? (BGH, MDR/D
1956, 526 ff.; BGH, NStZ 2001, 29 ff.)

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