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Proceedings Chapter

Die Risiko-Haftung im Entwurf des türkischen Obligationengesetzes

WINIGER, Bénédict

Reference
WINIGER, Bénédict. Die Risiko-Haftung im Entwurf des türkischen Obligationengesetzes. In:
Büren, Roland. Rezeption und Autonomie : 80 Jahre türkisches ZGB : Journées
turco-suisses 2006. Bern : Stämpfli, 2007. p. 91-106

Available at:
http://archive-ouverte.unige.ch/unige:42519

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Die Risiko-Haftung im Entwurf des türkischen
0 b IigaHonengesetzes

Prof. Dr. Benedict Winiger' (

Inhaltsverzeichnis

I. Allgemeine Bemerkungen .................................................................................... ................................ 91


II. Kurzer Vergleich der verschiedenen Entwürfe ..................................................................... 95
1. Das allgemeine Prinzip....................................................................................................................... 95
a) Verschuldensfreie Haftung ................................................................................................. 95
b) Das Gefahrenmoment .............................................................................................................. 96
c) Der Haftende ..................................................................................................................................... 98
d) Das Haftungskriterium: Tätigkeit oder a uch gefährliche
Sachen? .................................................................................................................................................... 99
2. Der Begriff der Gefahr ...................................................................................................................... 100
a) Gefährliche Tätigkeit und hohe Gefahr... ............................................................ 100
b) Unvermeidbarkeit der Gefahr ....................................................................................... 101
c) Nur die Schwere oder auch die Häufigkeit der Unfälle?................... 102
d) Voraussehbarkeit der Gefahr ......................................................................................... 102
3. PETL: Matter of commun usage ............................................................................................. 103
Ill. Zusammenfassende Betrachtung ................... .................................. .... .................................... 104

I. Allgemeine Bemerkungen
Der türkische Entwurf z ur Revision des Haftungsrechts sieht, wie Prof.
Ulusan dargelegt hat, im Artikel 70 eine Norm für Gefährdungshaftung vor.
Damit wird im türkischen Entwurf derselbe Weg beschritten wie im schwei-
zerischen!, österreichischen2 und französischen3, sowie in gewissem Masse

Mein herzlicher Dank gehe hier an meinen Assistenten PA TRICK FLEURY für seine Hilfe
bei der Erstellung des Manuskripts.
Revision und Vereinheitlichung des Haftpflichtrechts, Vorentwurf eines Bundesgeset-
zes, von Pien·e Widmer, Professor an der Universität St. Gallen und Direktor des

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Benedict Winiger

in den Principles of European Tort Law.4 Ich möchte gleich vorwegnehmen,


dass ich eine solche Norm grundsätzlich begrüsse.
Schweizerischen Institu ts für Rechtsve rgleichung und Pierre Wessner, Professor an der
Universität Neu enburg.
Art. 50 [Gefä hrdungshaftung): <<1 Wird Schaden dadurch verursacht, dass sich das charakte-
ristische Risiko einer besonders gefährlichen Tätigkeit verwirklicht, so haftet dafür die Person,
die diese betreibt, selbst wenn es sich um eine von der Rechtsordnung geduldete Tätigkeit han-
delt. 2 Eine Tätigkeit gilt als besonders gefährlich, wenn sie ihrem Wesen nach oder nach der
Art der dabei verwendeten Stoffe, Geräte oder Kräfte geeignet ist, auch bei Anwendung aller
von einer fachkundigen Person zu erwartenden Sorgfalt häufige oder schwerwiegende Schäden
herbeizuführen; dies ist insbesondere dann anzunehmen, wenn für ein vergleichbares Risiko
bereits ein Gesetz eine spezielle Haftung begründet. 3 Spezielle Haftungsbestimmungen für ein
bestimmtes charakteristisches Risiko sind vorbehalten.>> Revision und Vereinh eitlichung des
Haftpflichtrechts. Vorentwurf eines Bundesgesetzes von Prof. PfERRE WIDMER und
Prof. PIERRE WESSNER, Bem 2000.
§ 1302. (Haftung fü r Quellen hoher Gefahr]: «(1) Der Halter einer Quelle erhöhter Gefahr
haftet, soweit sich diese in einem Schaden verwirklicht. Wer Halter ist, richtet sich danach, wer
ein besonderes Interesse an der Gefahrenquelle hat, die Kosten trägt und die tatsädüiche Ver-
jügungsgewalt ausübt. (2) Eine Quelle hoher Gefahr liegt vor, wenn eine Sache als solche, iFzr
gewöhnlicher Gebrauch oder eine Tätigkeit trotz Aufwendung der erforderlich Sorgfalt das
Risiko häufiger oder schwerer Schäden mit sich bringt. Quellen hoher Gefahr sind insbesondere
Kernnnlagen, Staudämme, Öl-, Gas- und Starkstromleifrmgen, Munitionsfabriken und -Iager,
ferner Luftfahrzeuge, Eisen- und Seilbahnen, Motorfahrzeuge und Motorboote sowie Bergbau
und Sprengungen. (3) Die Haftung kann ausgeschlossen sein, wenn der Schaden durch höhere
Gewalt oder trotz Mangelfreiheit der Sa.che und höchstmöglicher Sorgfalt (unabwendbares
Ereignis) verursacht wird. Gleiches gilt, wenn der Geschädigte irr die Schädigung einwilligt
oder die Gefahr auf sich nimmt. Ob ein derartiger Einwand zu berücksichtigen ist, hängt vor
allem von seinem Gewicht und vom Grad der Gefährlichkeit, insbesondere in der konkreten
Situation, ab. In Fällen besonderer Gefährlichkeit kann die Haftung auch bloß gemindert
werden.>> lRMGARD GRJSS, Gefährdungshaftung, Un tem ehmenshaftung, Eingriffshaf-
tung, in I. Griss/G. Ka th rein/H. Koziol (Hrsg.), Entwurf eines neuen Österreichischen
Schadenersatzrechts, Wien 2006 (GRISS, Gefährd ungshaftung).
Art. 1362: «Sans prejudice de dispositions speciales, /'exploitant d'une activite anorrnalement
dangereuse, meme licite, est tenu de n!parer le dommage consecutif a cette activitt!. Est reputee
anormalernerrt dangereuse l'activite qui crt!e rm risque de dommages graves pouvant affecter un
grand nombre de personnes sitnr.tltam!ment. L'exploitant ne peut s'exonerer qu'en etablissant
l'existence d'une Jaule de Ia victime dans/es conditions prevues aux articles 1349 a 1351- 1».
Avant-projet de n:Horme du d roit des Obligations (articles 1101-1386 du code civil) et
du d roit de Ia p rescription (articles 2234-2281 du code civil), Paris 2006.
Art. 5:101. [Abnormally dangerous activities]: «1. A person who carries on an abnorrnally
dangeraus activity is strictly liable for darnage characteristic to the risk presented by the activity
and resulting from it. 2. An activity is abnormally dangeraus if a) it creates a foreseeable and
highly significant risk of darnage even when all due care is exercised in its management and b)
it is not a matter of common usage. 3. A risk of damage rnay be significant having regard to the
seriousness or the likelihood of the damage. 4. This Article does not apply to an activity which .is
specifically subjected to strict liability by any other provision of tfzese Principles or any other

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Die Risiko-Haftung im Entwurf des türkischen Obligationengesetzes

Das Problem der Gefährdungshaftung ist entgegen einer geläufigen An-


nahme sehr alt. Bereits im römischen Recht wird die Frage aufgeworfen. Ein
Eigentümer hielt Sklaven, von denen er wusste, dass sie gefährlich waren.
Als einer von ihnen trotz aller getroffenen Sicherheitsmassnahmen Schaden
amichtete, stellte sich die Frage, ob der Eigentümer dafür zu haften habe. Es
wurde entschieden, dieser habe den Schaden zu ersetzen, obschon ihn kein
Verschulden traf, und zwar, «weil er solche Sklaven hielt», wie Proculus sich in
diesem Fragment von Ulpianus ausdrückte. 5 Es handelt sich hier mit
anderen Worten um eine vom Verschulden abgelöste Haftung, die bei Scha-
densfällen zur Anwendung kam, wenn jemand eine Gefahr in Kauf genom-
men hatte, obschon er gewusst hatte oder hätte wissen müssen, dass sie
Schaden bringen konnte. Dieses und andere Fragmente rufen in Erinnerung,
dass Gefährdungen seit jeher bestanden haben und dass bei bewusster In-
kaufnahme einer Gefahr die Haftung im Schadensfall bereits vor 2000 Jahren
vom Verschulden abgekoppelt werden konnte.
Kommen wir nun aber zu unserer Problemstellung. Auch für uns lautet
die Frage nicht, ob wir die Haftung bei besonderen Gefährdtmgen regeln
wollen oder nicht. Unser Beispiel zeigt, dass seit der Antike Parteien dem
Richter ·solche Fälle vorlegen und ihn zu einer Entscheidung zwingen. Die
Frage ist nur, wie wir diese Haftung gestalten. Oie meisten europäischen
Rechtsordnungen kennen die Gefährdungshaftung zwar in verschiedenen
Ieges speciales,6 jedoch nur selten in der Iex generalis des Obligationemechts.
Die allgemeine Erfahrung mit dieser Lösung ist zwiespältig. Die auf das

national law or international convention.» European Group on Tort Law, Principles of


European Tort Law, Wien 2005 (PETL).
Ulp. D 9,2,27,11.: Proculus ait, cum coloni servi villam exussissent, colonum vel ex locato vel
lege Aquilia teneri, ita ut colonus possit servos noxae dedere, et si uno iudicio resesset iudicata,
altere amplius non agendum. sed haec ita, si culpa colonus careret ceterum si noxios servos
habuit, damni eum iniuria teneri, cur ta/es habuit. idem servandum et circa inquilinorum
insulae personas scribit quae sententia habet rationem.
Haben Sklaven eines Pächters das Wirtschaftsgebäude durd1 Brand zerstört, so hafte,
sagt ProcuJus, der Pächter entweder aus dem Pachtvertrag oder nach der Lex Aquilia,
jedoch so, dass er die Sklaven (dem Geschädigten} als Sdlädiger ausliefern kann und
dass, falls die Sache aufgrund einer der beiden Klagen entschieden worden ist die an-
dere nid1t mehr erhoben werden kann; immer vorausgesetzt, den Pächter treffe kein
Verschulden. Habe er dagegen Sklaven, die zu sdlädlichen Handlungen neigen, so
hafte er wegen widerrechtlich zugefügten Schadens, weil er sidl solche Sklaven hielt.
(Übersetzung BEHRENDS/KNÜTEL/KUPISCH/SEILER, Corpus luris Civilis, Text und Über-
setzung, Band II, Heidelberg, 1995). Dazu ausführlid1, ETTER, GUILLAUME, Du risque a
la faute, Genf, 2006, S. 101.
Den klassischen Fall bilden hier etwa die Eisenbahngesetze.

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Benedict Winiger

Obligationenrecht gestützte Rechtsprechung geht mit dem Verschuldens-


begriff bekanntlich so streng um, dass selbst bei culpa levissima eine Haft-
pflicht entsteht und man im Haftungsfall gelegentlich sogar Mühe haben
kann, überhaupt ein Verschulden auszumachen. Der Nachteil dieser Lösung
wurde treffend als «Verschuldenshaftung ohne Verschulden» beschrieben,
wo ein Schuldloser für ein fik tives Verschulden haften muss. Ein Vorteil
dieser Lösung hingegen ist, dass sie dem Geschädigten einen sehr hohen
Schutz bietet.
Bei den Juristen hat im Laufe der Zeit die Toleranz gegenüber diesem
dogmatischen Widersprud1 abgenommen und es werden zunehmend Rufe
nach einer besseren Lösung laut. Diese muss gleichzeitig dogmatisch sauber
sein und dem hohen Sicherheitsbedürfnis gerecht werden, das die Gesell-
schaft bekundet.
In ihrem Bestreben, eine solche Lösung zu finden, diskutiert die Fach-
welt seit einem guten JahrhunderF verschiedene Varianten der Gefähr-
dungshaftung, die in die Iex generalis des Obligationenrechts eingefügt wer-
den könnte. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben einzelne Gesetzgeber
erste eher zaghafte Schritte unternommen und die Risikohafttmg zwar ins
Obligationenrecht aufgenommen, sie aber zum Beispiel mit der Beweislast-
umkehr entschärft.S Seit der Jahrtausendwende liegen nun mehrere Entwür-
fe vor, die eine eigentliche Gefährdungshaftung vorschlagen.
Siehe in der Schweizer Diskussion namentlich BURCKHARDT, CHR., Die Revision des
Schweizerischen Obligationemechtes in Hinsicht auf das Schadenersatzrecht, in Zeit-
schrift für Schweizerisches Recht, Basel, 1903. (vers 1905), S. 468 ff., 578.
Siehe namentlich den Art. 2050 des italienischen Zivilgesetzbuches von 1942: «[Respon-
sabilitil per l'eserciz io di attivilil pericolose] Chiunque cagiona danno ad altri nello svolgimento
di un 'attivita pericolosa, per sua natura o per Ia natura dei mezzi adoperati, e tenuto al risar-
cimento, se non prova di avere ndottato tuttele misure idonee a evitare il danno.»
Russisches Zivilgesetzbuch von 1995: art. 1079: «(Responsibility for Harm Caused by
Activity Crealing Increased Danger for surrounding Persons} 1. furidical Persansand citizens
whose activity is connected with an increased danger for surrormding persons (use ofmeans of
transport, mechanisms, high tensio11 electric power, atomic power, explosive substances, viru-
lent poisons etc.; effectuation of corrstruction arrd otlrer activity conrrected therewitlr, and
others) shnll be obliged Ia compensate the harm caused by a source of increased darrger unless it
is proved that the harm arose as a consequence of insuperable force or the intent of Iire victim.
Tfre possessor of a source of increased danger may be relieved by a court Jrom responsibility
fully or partially also on tlre grounds provided for by Article 1083 (2) and (3) of the present
Code. The duty of comperrsation of harm shall be placed on the juridical persorr or citizen who
possesses the source of increased danger by rig!rt of ownership, right of economic jurisdiction, or
rig!rt of operative management, or other legal basis (rigltt of lease, power of attorney, for tlre
right to drive means of ~rnnsport, by virtue of fhe regulation of n respective agency corrceming
the transfer of the source of increased dnnger to it, and t!re like). 2. Tfre possessor of a source of

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Die Risiko-Haftung im Entwurf des türkischen Obligationengesetzes

li. Kurzer Vergleich der verschiedenen Entwürfe


Ich möchte hier kurz und schematisch die fünf oben erwähnten Entwürfe
einander gegenüberstellen. Bei diesem kurzen Vergleich geht es natürlich
nicht um eine ausschöpfende Analyse, sondern nur um ein kleines Inventar
einiger wichtiger Punkte.
Auf den ersten Blick fällt beim Vergleich auf, dass in den verschiedenen
neuen Entwürfen eine sehr ähnliche Grundstruktur gewählt wurde. Und
zwar wird als erstes ein allgemeines Prinzip zur Risikohaftung aufgestellt.
Als zweites folgt sodann eine Umreissung des Begriffs der gefährlichen
Tätigkeit. In formaler Hinsicht handelt es sich jeweils um eine Generalnorm
für Gefährdungshaftung.9

1. Das allgemeine Prinzip


a) Verschuldensfreie Haftung
Das Hauphnerkmal aller Entwürfe ist natürlich, dass die Gefährdungs-
haftung auf das Verschulden des Haftenden keine Rücksicht nimmt. Dieser
Punkt, der zentral ist, wird hier nur der Vollständigkeit halber und ohne
weitere Kommentare erwähnt.

increased dangershall r10t be linble for hnrm causcd by this source if it is proved timt lfre source
left his possession as a result of the unlawful actions of other persons. Responsibility Jor harm
caused by the source of iucreased danger in such inslances sha/1 be borne by the person who
unlawfully possessed IIre source. lf there is fault of the possessor of a source of increased danger
in the unlawful seizure of Iris sortrce from Iris possession, responsibility may be placed botlz on
the possessor and on IIre persou who unlarvfully Iook possession of tlze source of increased
danger. 3. 71re possessor of Sources of increased dauger sha/1 bear responsibility jointly and
severally for lrarm caused as a resu/1 of tlre intcractiou of tlrese sources (collisions of means of
transporl, and otlrers) to third persans on lhe grormds providcd for by point 1 of IIre present
Article. Civil code of Iire Russia11 fcderation.» E. Butler (ed .), 2nd ed., London 1997.
Siehe dazu namentlich Schweizer Entwurf Erläuternder Bericht, 2.4.4.2. S. 132 (Fn. 1
supra); I. GRJSS, Gefährdungshaftung, Unternehmenshaftung, Eingriffshaftung (Fn. 2
supra), 59 n. 8.

95
Benedict Winiger

b) Das Gefahrenmoment
Alle Entwürfe zielen auf gefährliche Sih1ationen ab. Im Art. 50 des Schwei-
zer Entwurfs 10 ist davon die Rede, dass sich <<das charakteristische Risiko
einer besonders gefährlichen Tätigkeit verwirklicht». Der § 1302 des Öster-
reichischen Entwurfs11 sieht eine <<Quelle hoher Gefahr» vor, die sich <<in
einem Schaden verwirklicht>>. Der Art. 1362 des französische Entwurfst2
spricht ähnlich wie die französische Fassung des Schweizer Entwurfs von
einer «activite anormalement dangereuse», die zu einem Schaden führt und
der Art. 5:101 der Principles of European Tort Law (PETL) 13 arbeitet mit
einer «abnormaly dangerous activity», der «a darnage characteristic to the
risk presented by the activity» entspringt. Der Art. 70 des türkischen Ent-
wurfs14 schliesslich spricht von einer «Tätigkeit eines Betriebes, von dem
eine besondere Gefahr ausgeht». Der Begriff der <<besonders» oder «abnor-
mal» gefährlichen Tätigkeit des schweizerischen und des französischen Ent-
wurfs sowie der PETL ist vielleicht etwas stärker als die «hohe» und die <<be-
sondere>> Gefahr im Österreichischen und türkischen Entwurf. Die beiden
letzten setzen auf den ersten Blick die Schwelle zur Risikohaftung etwas
tiefer an.
10 Art. 50 [Gefährdungshaftung] (Fn. 1 supra): <<1 Wird Schaden dadurch verursadrt, dass
sich das clrarakteristisclre Risiko einer besonders g~(dlrrlic/ren Tätigkeit verwirkliclrt, so luiftet
dafür die Person, die diese betreibt, selbst wen11 es siclr um eine vo11 der Rechtsordnung gedul-
dete Tätigkeit handelt. 2 Ei11e Tätigkeit gilt als besonders gefährlich, wenn sie ihrem Wesen
nach oder nach der Art der dabei verwe11deten Stoffe, Geräte oder Kräfte geeignet ist, auch bei
Anwendung aller von einer fachkundigen Person zu erwartenden Sorgfalt häufige oder schwer-
wiegende Schäden /rerbeizufiilrren; dies ist insbesondere dann anzrmehmen, wenn für ein
vergleichbares Risiko bereits ein Gesetz ei11e spezielle Haftung begründet. 3 Spezielle Haftungs-
bestimmungen für ein bestimmtes charakteristisclres Risiko sind vorbehalten.>>
II § 1302.: (Haftung für Quellen hoher Gefahr] (Fn. 2 supra): «(1) Der Halter einer Quelle
erhöhter Gefahr haftet, soweit sich diese in einem Schaden verwirklicht. Wer Halter ist, riclrtet
sich danach, wer ein beso11deres Interesse an der Gefahrenquelle hat, die Kosten trägt und die
tatsächliche Verfügungsgewalt ausübt. (2) Eine Quelle hoher Gefahr liegt vor, wenn eine Sache
als solche, ihr gewölmliclrer Gebrauch oder eine Tätigkeit trolz Aufwendrmg der erjorderlidren
Sorgfalt das Risiko häufiger oder schwerer Schäden mit sich bringt. Quellen !roher Geja/rr sind
insbesondere Kernanlagcn, Staudämme, Öl-, Gas- und Starkstromleitungen, Mu~rilionsfa­
briken und -Iager, ferner Lriftfnhrzeugc, Eisen- und Seilbahnen, Motorjahrzeuge und Motor-
boote sowie Bergbau uud Sprengungeu.»
12 Fn. 3 supra.
I)
Fn. 4 supra.
14
Entwurf des türkischen Obligationengesetzes Art. 70: «1 Wird durch die Tätigkeit eines
Betriebes, von dem eine besondere Gefahr ausgeht, ein Schaden verursacht, so hajteu dafür der
Betriebsinhaber uud, falls es eine solchen gibt, der Belreiber solidarisclr. 2 Als besonders gefähr-
lich gilt der Betrieb, wc1m er seiner Natur nadr oder 11ach derjenigen der verwendeten Stoffe,

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Die Risiko-Haftung im Entwurf des türkischen Obligationengesetzes

Die Materialien - soweit sie beim gegenwärtigen Stand der Arbeiten zu-
gänglich sind - weisen darauf hin, dass die verschiedenen Kommissionen
offensichtlich einen ähnlichen Sachverhalt im Auge hatten. Die Schweizer
Kommission spricht von einem «qualifizierten tmd charakteristischen Risi-
ko»,1s die Österreichische von gefährlichen «Sachen oder Tätigkeiten>>, 16 und
die European Group on Tort Law von einem «highly significant risk»P Es
geht also in allen Entwürfen um die Hafttmgsregelung bei Gefahren, die das
normale Mass übersteigen.
Dies könnte einen ersten Hinweis auf die Anwendung der Gefahren-
klausel geben. Offensichtlich geht es in den einzelnen Landesentwürfen
immer darum, mit einer geschmeidigen Norm ein sehr breites Spektrum von
Gefahren zu erfassen. Eine Ausnahme machen hier vielleicht die PETL, die
trotz ihrer offenen Formulierung erhebliche Restriktionen vorsehen.
Das weite Anwendungsfeld der Gefahrenklauseln hat gewisse Bedenken
erregt und es wurde namentlich eine unkontrollierte Auswucherung der
Gefährdungshaftung prophezeit. 18 Auch wenn die Gefahrenhaftung viel-
leicht dereinst ein breites Anwendungsfeld erhalten wird, haben die Kom-
missionen meines Erachtens richtigerweise zur Generalklausel gegriffen,
weil die andere Lösung, nämlich die punktuelle Regeltmg in einzelnen
Gesetzen, nicht (mehr) zum Ziel führt. Man könnte aber auch versucht sein,
die Generalklausel durch den Einbau gewisser Restriktionen zu entschärfen.

Geräte oder Energien geeignet ist, auch bei Anwendung aller von einer fachkundigen Person zu
erwartenden Sorgfalt häufige oder schwerwiegende Schiiden 211 verursachen. Eine Betrieb gilt
namentlich auch dmm als besonders geflillrlich, wenn bereits ein Gesetz besteht, welches fiir
Betriebe mit vergleichbaren Gefahren eine spezielle Haftung vorsie!Jt. 3 Spezielle Haftungsbe-
stimmungen, welche die Haftung für ein bestimmtes charaktcrislisclres Risiko regehr, sind vor-
behalten. 4 Selbst wenn fiir die Tätigkeilen eines Betriebes, von dem eine besondere Gefahr
ausgeht, durch die Rechtsordnung eine Genehmigung vorliegt, kömren die Geschädigten fiir
Schäden, die durch die Tätigkeiten dieses Betriebes verursacht wurden, einen angemessenen
Gegenwert als Ausgleich verlangen.»
15 Revision und Vereinheitlichung des Haftpflichtrechts (Fn. 1 supra), 2.4.4.4, S. 143.
16 GRISS, Gefährdungshaftung (Fn. 2 supra) 60 n. 9.
17 B. A. KOCH, Strict liability, in European Group on Tort Law, Principles of European
Tort Law. Text and commentary, Wien etc. 2005, 105 n. 4. Der französische Kommentar
(Expose des motifs, par Genevieve Viney, a Ia revision de Ia responsabilite civile (fll, 5,
148) (Fn. 3 supra) bleibt dazu sehr kurz; leider lag uns der Kommentar zum türkischen
Entwurf nicht vor.
18 Revision und Vereinheitlichung des Haftpflichtrechts (Fn. 1 supra), S. 138; neuerdings
namentlich Erdern Büyüksagis, L'opportunite de preciser Ia porhie d'une eventuelle
clause generale de responsabilite pour risque, in Have 1/2006, S. 5.

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Bem!dict Winiger

Dies wäre jedoch konzeptuell widersprüchlich, weil die Generalklausel ja


gerade auf eine weite Anwendung ausgelegt ist.

c) Der Haftende
Ein zentraler Punk betrifft die Frage, wer für den Schaden zu haften habe.
Im Schweizer Entwurf haftet der Setreiber der Tätigkeit. Ähnlich sind die
PETL gestaltet, wo ebenfalls diejenige Person in Haftung genommen wird,
die die Tätigkeit betreibt («A person who carries on ... »). Der Kommentar
unterstreicht, dass es sich nicht um die Person handelt, die die Sache direkt
«in der Hand» hatte, sondern um jene, die das Geschäft als solches betreibt.
Der französische Entwurf scheint sich dieser Lösung anzuschliessen, indem
er als Haftenden «l'exploitant d'une activite» bezeichnet. Im Österreichischen
Entwurf hingegen haftet der Halter der Gefahrenquelle. Hier wird hinzu-
gefügt, dass als Halter gilt, wer ein besonderes Interesse hat, die Kosten trägt
und die Verfügungsgewalt innehat. Der Kommentar unterstreicht jedoch,
dass nur der Halter haftbar ist und nicht der Eigentümer, auch wenn der Hal-
ter natürlich gleichzeitig Eigentümer sein kann. 19 Der türkische Entwurf
sieht hier eine interessante Erweiterung vor, indem er den Betriebsinhaber
haften lässt und, sofern vorhanden, mit ihm solidarisch den Betreiber (siehe
Referat Prof. ULUSAN). Dieser Zusatz bedarf einer Erklärung, die wahr-
scheinlich in den mir leider nicht zugänglichen Materialien zu finden ist.
Die türkische Lösung, so scheint mir, wirft für die anderen Entwürfe die
Frage auf, ob nicht in jenem Fall, wo getrennt ein Inhaber und ein Setreiber
vorhanden sind, ebenfalls eine Solidarhaftung ins Gesetz aufzunehmen
wäre. Ich verstehe zwar, dass in erster Linie derjenige zu haften hat, der die
Tätigkeit als Halter leitet und über die Entscheidungskompetenzen verfügt.
Dennoch geht es meines Erachtens vor allen Dingen darum, dem Geschädig-
ten zu einer mög lichst sicheren Entschädigung zu verhelfen, indem auch der
Eigentümer für die Haftung herangezogen werden kann. Gegenüber Letz-
terem wäre eine Solidarhaftung vertretbar, weil er im voraus von seiner soli-
darischen Haftung Kenntnis hat und damit die entsprechenden Vorkehren
treffen kann.

19
Griss, Gefährdungshaftung (Fn. 2 supra), 60 n. 10.

98
Die Risiko-Haftung im Entwurf des türkischen Obligationengesetzes

d) Das Haftungskriterium: Tätigkeit oder auch gefährliche Sachen?


Hier fällt ein Unterschied zwischen dem Österreichischen und den anderen
Entwürfen auf. Laut österreichischem Entwurf wird neben gefährlichen Tä-
tigkeiten auch für gefährliche Sachen gehaftet, mit der Begründung, dass es
Sachen gibt, die als solche eine Gefahr bilden, auch wenn sie nicht einer
Tätigkeit unterzogen sind.2o
Der Schweizer Kommentar hingegen unterstreicht, dass die Gefahren-
haftung nur an eine Tätigkeit anknüpft und nicht an Sachen, da die Sache an
sich, wie zum Beispiel ein Jagdgewehr, oft nicht gefährlich ist, sondern es
nur durch eine bestimmte Tätigkeit wird. 21 Der Kommentar zum Schweizer
Entwurf gibt noch einen weiteren Gnmd für diese Lösung an. Es sollte mit
der Beschränkung auf Tätigkeiten der Schwierigkeit aus dem Weg gegangen
werden, zwischen der Sache t.md der haftenden Person einen haftungsbe-
gründenden Zusammenhanges herzustellen. Dieses Problem löst sich min-
destens teilweise au( wenn die Haftung - wie im Schweizer Entwurf -
direkt an eine Tätigkeit geknüpft wird. Der französische t.md der türkische
Entwurf begehen hier offenbaT einen ähnlichen Weg wie der schweizeri-
sche.22 Was die PETL betrifft, deren Formulierung nahe beim Schweizer,
französischen und türkischen Entwurf liegt, weist der Kommentar darauf
hin, dass der verwendete Begriff der <<activity», der dem Schweizer Entwurf
entlehnt wurde, die Anwendtmg der Norm nicht auf Tätigkeiten im stren-
gen Sinne einschränken soll. So gilt zum Beispiel auch die Lagerung von
Feuerwerk als eine Tätigkeit.23
Obschon ich die Bedenken der schweizerischen Kommission verstehen
kann, ist meines Erachtens die Begründt.mg im Österreichischen Kommentar
überzeugend. Es gibt tatsächlich Sachen, von denen eine hohe Gefahr aus-
geht, auch ohne dass irgendjemand durch eine eigentliche Tätigkeit auf sie
einwirkt. Wer zufällig zu Hause eine Büchse Munition hat - um ein aktuel-
les helvetisches Beispiel zu nehmen - übt meines Erachtens keine Tätigkeit
aus. Dennoch ist zu vermuten, dass ein Gericht dies als Tätigkeit ansehen
würde, um den durch eine Explosion entstandenen Schaden zu erfassen.
Man kann sich deshalb die Frage stellen, ob die ausschliessliche Abstützung
auf eine Tätigkeit, obschon sie zwar die Verknüpfung des Handelnden mit
dem Schadensereignis erleichtert, nicht im Gegenzug zu schwierigen Proble-

21

99
Benedict Winiger

men bei der Definition des Begriffs der Tätigkeit führen könnte. In diesem
Zusammenhang schlägt übrigens der Kommentar zu den PETL bezeichnen-
derweise vor, die Tätigkeit durch den Begriff der «Einflusszone» (sphere) zu
erweitern, innerhalb derer ein Schaden entstanden ist. 24

2. Der Begriff der Gefahr

a) Gefährliche Tätigkeit und hohe Gefahr


Der Schweizer Entwurf fasst den Begriff der «besonders gefährlichen
Tätigkeit» anhand der spezifischen gefährlichen Eigenschaften der Tätigkeit
oder der dabei verwendeten Stoffe oder Einrichtungen. Gemeint ist hier zum
Beispiel das Betreiben gefährlicher Maschinen oder der Umgang mit gefähr-
lichen Stoffen. Der Kommentar erläutert, dass die spezifische Gefahr zwei
Komponenten enthält, und zwar eine objektive und eine subjektive. Objektiv
muss es sich um eine besonders intensive Gefahr handeln, während die sub-
jektive Komponente sich auf die Person bezieht, die die Tätigkeit ausübt.
Und zwar muss die hohe Gefahr selbst dann bestehen bleiben, wenn diese
Person über eine hohe Qualifizierung für die Ausübung der Tätigkeit ver-
fügt. Darauf werde ich soeben zurückkommen. Oie Formulierung des türki-
schen Entwurfs liegt hier sehr nahe bei der schweizerischen. Allerdings
wäre auch hier für eine weitere Analyse der Kommentar beizuziehen. Ge-
mäss PETL muss die Tätigkeit ein «hoch signifikantes» und zudem voraus-
sehbares Risiko bergen. Ähnlich wie die PETL setzt der französische Ent-
wurf im Wortlaut eine «abnormal hohe Gefahr» der Tätigkeit voraus. Wäh-
rend diese vier Fassungen vergleichbare Lösungen vorschlagen, ist der
Österreichische Entwurf, wir haben es gesehen, etwas weiter gefasst und
richtet sich allgemeiner gegen «Quellen hoher Gefahr>>.
Hier ist ferner kurz auf eine sehr interessante Besonderheit des Öster-
reichischen Entwurfs hinzuweisen. Dieser unterscheidet ganz im Sinne eines
«beweglichen Systems» verschiedene Gefahrengrade. So folgt dem § 1302,
der die Quellen «hoher Gefahr>> erfasst, im § 1303 die nächst tiefere Gefah-
renstufe der <<erhöhten Gefahr». 25 Der§ 1303 ist weniger streng als der§ 1302

24 KOCH, Strict liability (Fn. 17 supra), 106 n. 6.


25 Österreichischer Entwurf, § 1303. [Erhöhte Gefahr) (Fn. 2 supra): «(1) Der Haller einer
Quelle erhöhter Gefahr, die nicht das in § 1302 Abs. 2 vorausgesetzte Ausmass erreicht, haftet,
soweit sich diese in einem Seiraden verwirklicht und er nicht beweist, dass die zur Abwendung
des Schadens erforderliche Sorgfalt aufgewendet wurde. Gleiches gilt, wenn jemand durch seine
Tätigkeit eine solche Gefahr schafft. (2) Eine erhöhte Gefahr kann insbesondere durch Tiere,

100
Die Risiko-Haftung im Entwurf des türkischen Obligationengesetzes

und erlaubt dem Halter den Entlastungsbeweis, dass er die erforderliche


Sorgfal t ausgeübt hat.
Es kann sein, dass der Vergleich der Gesetzestexte hier vielleicht gewisse
Nuancen der Kommissionen in der Empfindlichkeit gegenüber den Gefah-
ren aufzeigt. Allerdings sollten die gewählten Wortlaute und die begleiten-
den Kommentare nicht auf die Goldwaage gelegt werden. Dem Richter wird
nämlich in allen Fällen ein grosser Abwägungsspielraum in der Bewertung
des Gefahrengrades eingeräumt, der für die Einschätzung der Gefahr ent-
scheidend sein wird.

b) Unvermeidbarkeil der Gefahr


Die Unvermeidbarkeit der Gefahr ist ein wichtiges Kriterium. Alle Entwürfe
ausser dem französischen enthalten das Merkmal, dass die Gefährlichkeit
trotz aller möglichen Sicherheitsmassnahmen weiter bestehen muss. So for-
dern der Schweizer und der tw:kische Entwurf das Bestehen der Gefahr
«auch bei Anwendung aller von einer fachkundigen Person zu erwartenden
Sorgfalt». Die PETL drücken dasselbe aus als «even when all due care is
exercised» und der Österreichische Entwurf benutzt leicht abgeschwächt den
Ausdruck «trotz Aufwendung der erforderlichen Sorgfalt». 26
Das Kriterium der Unvermeidbarkeit steht in subjektiver Hinsicht direkt
damit in Zusammenhang, dass die Gefahrenhaftung ohne das Verschulden
des Haftenden auskommt. Die Ausgangsthese ist ja gerade, d ass selbst der
tadellos Handelnde die Gefahr nicht bannen konnte. In objektiver Hinsicht
ist das Kriterium d er Unvermeidbarkeit auf das materielle Sicherheitsdispo-
sitiv des Handelnden ausgerichtet. Und zwar wird hier postuliert, dass die
Gefahr nicht unter Kontrolle zu bringen sei, selbst wenn alle denkbaren Vor-
kehrungen getroffen werden. Der erläuternde Bericht zum Schweizer Ent-
wurf fügt hier im Übrigen noch eine Anmerkung an. Sollte der Haftende
eine unbeherrschbare, aber unnötige Gefahr erzeugen, zum Beispiel indem
er eine veraltete Anlage betreibt, würde seine Tätigkeit wahrscheinlich nicht
unter die Gefahren- sondern unter die Verschuldenshaftung fallen,v weil er
sich das Verschulden zukommen Hesse, nicht alle notwendigen Sicherheits-
vorkehren getroffen zu haben.

Bauwerke, Motorfahrzeuge mit niedriger Höcltstgescltwindigkeit oder Tätigkeiten wie Rad und
Schifnhren mit höherer Geschwi11digkeit hervorgerufen werden.»
26 Siehe auch GRISS, Gefährdungshaftung (Fn. 2 supra), 60 n. 9.
v Revision und Vereinheitlichung des Haftpflichtrechts (Fn. 1 supra), S. 138.

101
Benedict Winiger

c) Nur die Schwere oder auch die Häufigkeit der Unfälle?


Der Schweizer, der Österreichische tmd der türkische Entwurf fügen hier
ferner alternativ die Kriterien der Häufigkeit oder der Schwere der Schäden
auf («häufige oder schwerwiegende [schwere] Schäden»). Ähnliches wird
wahrscheinlich in den PETL angestrebt, wo von «Seriousness or likelihood
of the damage» die Rede ist. Im Kommentar zum Sd1weizer Entwurf wird
dazu ausgefi.ilu"t, dass sowohl eher begrenzte, aber sehr häufige? 8 als auch
eher (oder sehr) seltene?9 aber besonders schwere Schadensereignisse erfasst
werden sollen.3o
Der französische Entwurf geht hier einen anderen Weg, indem er für die
Gefahrenhaftung das Risiko schwerer Schäden für eine grosse Anzahl von
Opfern fordert («un risque de dommages graves pouvant affecter un grand
nombre de personnes simultanement»). Eine Fussnote erläutert dazu, dass
damit vor allem grosse industrielle Unfälle gemeint seien. Diese Fassung
weicht vor allem darin von den anderen Entwürfen ab, als kleinere, aber
häufige Unfälle offenbar nicht einbezogen würden.
Die französische Fassung verrät möglicherweise eine grw1dsätzliche
Entscheidtmg der Kommission hinsichtlich der Verteilung der Gefahren-
haftung in der Gesetzgebung. Offenbar sollte mit der Gefahrenhaftung nur
der ganz besondere Fall des grossen industriellen Unfalls geregelt werden.
Zweifellos ist diese Wahl im Zusammenhang mit der im französischen Recht
hoch entwickelten «responsabilite du fait des choses» zu sehen, die ebenfalls
eine Form verschuldeosfreier Haftw1g darstellt, jedoch kein besonderes Ge-
fahrenmoment voraussetzt.

d) Voraussehbarkeit der Gefahr


Die PETL setzen als einziger der fünf hier behandelten Texte für die Anwen-
dung der Gefahrenklausel voraus, dass die Gefahr vorhersehbar war («a
foreseable and highly significant risk»). Die Frage stellt sich daher, ob das
Kriterium der Voraussehbarkeit nicht auch in den anderen Entwürfen be-
rücksichtigt werden sollte. Dies wird auch von gewissen türkischen Autoren
unterstützt.31

28 Ähnlich wie zum Beispiel Strassenunfälle.


29 Etwa vergleichbar wären Nuklearunfälle.
30 Revision und Vereinheitlichung des Haftpflichtrechts (Fn. 1 supra), 2.4.4.3, S. 140.
31 Siehe ERDEM BÜYÜKSAGIS, Oe l'opportunite de preciser Ia portee d'une eventuelle
clause generale de responsabilite pour risque, HA VE 1/2006, S. 2-8, 7.

102
Die Risiko-Haftung im Entwurf des türk ischen Obligationengesetzes

Die Vorhersehbarkeit des Schadens bildet seit dem vorklassischen rö-


mischen Recht einen festen Bestandteil der Verschuldenshaftung. Und zwar
haftet nur, wer nicht die nötige diligentia hat walten lassen, das heisst, wer
nicht vorausgesehen hat, was ein diligens hätte voraussehen können.32 Über-
trägt man diese Bedingtmgen auf den eingangs erwähnten Fall des Sklaven-
halters, kann man davon ausgehen, dass auch da eine gewisse Vorherseh-
barkeit bestand. Denn dieser wusste, dass seine Sklaven gefährlich waren.
Der problematische - und wahrscheinlich eher seltene - Fall wäre in
diesem Zusammenhang namentlich jener, wo eine gewisse Tätigkeit zum
ersten Mal ausgeübt wird und man eigentlich keine grosse Gefahrenent-
wicklung erwartet. Es stellt sich dann die Frage, ob beim ersten entstehen-
den Schaden dieser Art die Gefahrenhaftung greife. Gegen eine solche An-
wendung scheint auf den ersten Blick zu sprechen, dass der Handelnde von
der entstehenden Gefahr gar nicht wissen konnte und dass er also auch nicht
haftbar gemacht werden kann. Bei näherem Hinsehen allerdings fällt auf,
dass die Vorhersehbarkeit - im Französischen noch heute «diligence» ge-
nannt- nicht nur im antiken, sondern auch im heutigen Recht das Kernstück
der Verschuldenshaftung bildet. Wenn wir also die Vorhersehbarkeit in die
Gefahrenklausel aufnehmen, schleusen wir in Wirklichkeit das Verschulden
in die Gefahrenhaftung. Damit würden wir die heutige «Verschuldenshaf-
tung ohne Verschulden» durch eine «verschuJdensfreien Haftung für Ver-
schulden» ersetzten und unter umgekehrten Vorzeichen gerade jene dogma-
tische contradictio in adiecto neu schaffen, die wir heute beklagen.

3. PETL: Matter of commun usage


Es ist ferner hier kurz auf einen Punkt einzugehen, wo die PETL Neuland
bezüglich der Anwendungsbedingungen der Gefahrenklausel beschreiten.
Sie bestimmen, dass eine abnormal gefährliche Tätigkeit keine «matter of
common usage», also keine allgemein übliche Tätigkeit sein dürfe. Was auf
den ersten Blick beinahen nach einer Selbstverständlichkeit aussieht, er-
scheint bei näherem Hinsehen nicht unproblematisch. Der Kommentar er-
klärt, unter solchen allgemein üblichen Tätigkeiten seien jene zu verstehen,
die von einem grossen Teil der betroffenen Bevölkerung ausgeübt werden.
Autofahren zum Beispiel ist typischerweise eine solche Tätigkeit und würde
daher- wenn es nicht in einem Sondergesetz geregelt wäre- nicht unter die
Gefahrenklausel fallen, wie auch zum Beispiel das Abfeuern von Neujahrs-

32 D. 9,2,31.

103
Benedict Winiger

feuerwerk durch einzelne Personen.33 Eingrosses Feuerwerk hingegen, das


zum Beispiel ein Veranstalter bei einem alljährlichen Fest organisiert, wäre
kein «matter of common usage» und daher der Gefahrenklausel unterstellt.
Dies kann deshalb erstaunen, weil die bescheidenen Sicherheitsmassnah-
men, zu denen ein einzelner Privatmann im Stande ist, in nichts verglichen
werden können mit dem aufwendigen Schutz, der für ein grosses Feuerwerk
üblich ist. Es überrascht, dass ausgerechnet jene Art von Gefahren, die weit
verbreitet sind tmd deshalb auch grösste soziale Besorgnis auslösen, gerade
nicht unter die Gefahrenklausel fallen. Der Umkehrung des im Kommentar
erklärten Prinzips ist ebenfalls schwer zu folgen. Auch wenn Wenige eine
bestimmte Tätigkeit ausüben, damit aber eine Grasszahl von Personen errei-
chen, fällt diese Tätigkeit ebenfalls nicht unter Art. 5: 101. Dies ist zum Bei-
spiel der Fall bei Elektrizitätsverteilern, die zwar wenig zahlreich sind, aber
viele Personen bedienen. Da Flugzeuge heute von einer g:rossen Anzahl von
Personen benutzt werden, dürfte auch hier die Klausel keine Anwendung
finden.

ill. Zusammenfassende Betrachtung


Es ist - wie eingangs erwähnt - bemerkenswert, dass innerhalb weniger
Jahre fünf Entwürfe zum Haftungsrechts, die aus verschiedenen Teilen Eu-
ropas stammen, das Problem der Gefährdungshaftung aufgreifen und attf
ähnliche Weise lösen. Die verwendete Technik, nämlich die Haftung vom
Verschulden abzukoppeln, ist zwar nicht neu. Hingegen ist als Neuerung zu
werten, dass die verschuldensf:reie Haftung in eine Generalklausel gekleidet
wird. Grundsätzlich ist diese Entwicklung zu begrüssen.
Dennoch könnte die Verwendung der Generalklausel einen Hinweis ge-
ben auf eine vielleicht nicht beabsichtigte Tendenz, die sich in den Ent-
würfen abzuzeichnen beginnt. Die Generalklausel war eine grosse Errun-
genschaft der nationalen Gesetzbücher, wie etwa des Code civil franr;ais
oder des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs Österreichs. In ihr wurde
die Zivilhaftung in einem einzigen allgemeinen Prinzip zusammengefasst
(Art. 1382 CCF, 1293-1295 ABGB). Zwar entha lten auch die Entwürfe nach
wie yor eine generelle Haftungsformulierung (zum Beispiel Art. 41 im
' ..
Schweizer Entwurf; § 1292 in jenem Osterreichs etc). Aber diese verliert ihre
dominante Stellung, wenn ihr andere Generalklauseln - wie zum Beispiel
die Generalklausel der Gefährdungshaftung oder jene für Verschuldenshaf-
n KOCH, Strict liability (Fn. 17 supra), 106 f. n. 8 f.

104
Die Risiko-Haftung im Entwurf des türkischen Obligationengesetzes

tung- zur Seite gestellt werden. Wenn man ferner die allgemeine Entwick-
lung des Haftungsrechts seit dem 19. Jahrhundert einbezieht, wo die Gesetz-
geber in zunehmendem Masse Spezialgesetzgebungen einzuführen began-
nen, um einzelne spezifische Probleme zu lösen (Eisenbahn-, Fabrik-, Stras-
senverkehrgesetze etc), entsteht der Eindruck, dass wir vor einerneuen Auf-
spaltung stehen. Während das 19. und das 20. Jahrhundert eine Trennlinie
zwischen einerseits der Iex generalis des Obligationenrechts und andererseits
den Ieges speciales gezogen und unentwegt vertieft haben, fügen die vorlie-
genden Entwürfe mit der Vervielfältigung von Generalklauseln nun eine
neue Aufspaltung ilmerhalb der Iex generalis hinzu. Diese Tendenz bringt
Vor- tmd Nachteile mit sich. Der wesentliche Nachteil ist vielleicht, dass
wahrscheinlich der Traum einer ausservertragüchen Haftungsregelung aus-
geträumt ist, die von einem einzigen, im Gesetz aufgeführten Grundprinzip
getragen wird. Gleichzeitig werden auch die normativen Strukturen des
Haftungsrechts in der Iex generalis komplexer. Die Diskussionen um den
Schweizer Entwurf haben gezeigt, dass sich unsere Juristenschaft mindes-
tens anfänglich damit schwer getan hat. Als Vorteil hingegen sehe ich, dass
wir die Zivilhaftung im Obligationenrecht besser strukturieren können, in-
dem wir für die verschiedenen tatsächlichen Grundmuster der Schadenszufü-
gung auch spezifische normative Lösungen vorschlagen können.
Auffallend an den fünf Vorschlägen ist auch, dass die Schwerpunkte in
der Gefahrenhaftung ähnlich gesetzt werden. Trotz der erwähnten Verschie-
bungen wird überall derselbe Feind, nämlich die gefährliche Handlung oder
auch die gefährliche Sache, verfolgt. Und zwar geht es immer um Hand-
lungen oder Sachen, die als solche gefährlich sind tmd die der Handelnde gar
nicht völlig beherrschen kann.
Daraus ergibt sich in den verschiedenen Texten auch ein ähnlicher
Anknüpfungspunkt für die Hafttmg- der übrigens nach wie vor derselbe ist
wie bereits in der Antike: Der Handelnde haftet nicht für die Modalitäten
seiner Handlung, sondern für die Wahl, eine gefährliche Tätigkeit auszu-
üben oder eine gefährliche Sache zu haben. Mit andern Worten handelt er
im Schadenfalle nicht dafür «wie» er gehandelt hat, sondern <<weil» er eine
gefährliche Tätigkeit betrieben oder eine gefährliche Sache gehabt hat.
Zum Schluss noch folgende Bemerkung. Es ist auffallend, dass die Prin-
ciples of European Tort Law die am wenigsten weit reichende Lösung vor-
schlagen. Dazu ist zwar zu vermerken, dass Art. 5:101 Abs. 4 ausdrücklich
auf die nationalen Rechtsordnungen und die internationalen Konventionen
verweist und sich vielleicht sogar ein bisschen hinter ihnen versteckt. Aber

105
Benedict Winiger

dennoch stellt sich die Frage, wie diese Zurückhaltung auszulegen ist.
Zweifellos handelt es sich um einen Kompromiss, der aufzeigt, dass die vier
Landesentwürfe, die hier zum Vergleich herangezogen wurden, keine Aus-
sagen fi.ir ganz Europa erlauben. Dies heisst nicht unbedingt, dass andere
Teile Europas den gefährlichen Handlungen gleichgültig gegenüber stehen.
Vielmehr könnte dies bedeuten, dass in anderen Gesetzgebungen die Vor-
stellungen über die Art und Weise, die Gefahrenhafh.mg zu regeln, ganz ver-
schieden sind. So könnte man sich, wir haben es gesehen, zum Beispiel
fragen, ob eine Generalklausel für die Gefährdungshaftung überhaupt in die
Iex generalis gehöre, oder ob nicht ganz allgemein die verschuldensfreie Haf-
tung nur in den Ieges speciales ihren Platz habe.
Ich habe bereits angetönt, dass meines Erachtens die Gefahrenhaftung
auch in der Iex generalis geregelt werden sollte und dass es gute Gründe
dafür gibt, sie als eine Generalklausel zu gesta lten. Und zwar sind Handlun-
gen mit grossem Gefahrenpotenzial zahlreich und können beinahe überall
auftauchen. Nur in Ieges speciales, die ein eher schwerfälliges Instrument
sind, wäre ihnen wohl nicht beizukommen.

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