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Tagebuchblätter
von

Alexander
(Alexander Heimbürger).
Erſter Band
Mit einer Einleitung von Dr. Levin Schüc ing.

Münſter i. W .
Berlag der Coppenrath 'ſchen Bitch - & Kunſthandlung.
1882 .
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VIE

MVE
verurunei .
* Herr AlexanderHeimbürgerin Münster
| vollendete am Montag sein 80. Lebensjahr.
| Dem jüngeren Geschlecht dürfte derselbe
weniger bekannt sein , älteren Leuten hin
gegen ist seine Persönlichkeit um so leb
hafter in Erinnerung. Vor etwa einem
halben Jahrhundert erfreute er sich einer
grossen Berühmtheit nicht bloss in seiner
rol engen Heimath ,sondern in ganzDeutschland
und weit über die deutschen Grenzen hinaus.
er | Er galt damals unbestritten als der erste
le | Zauberkünstler Europa's. Schon im jugend
lichen Alter von 18 Jahren gab er in den
| grössten Städten Deutschlands Vorstellungen
und erntete überall bis in die höchsten
Kreise hinein reichsten Beifall und unge
theilte Anerkennung. Mit 20 Jabren ging
ib, er nach Amerika und erzielte zunächst in
ler den Vereinigten Staaten Erfolg nach Erfolg .
Luf Dann wandte er sich nach Mexiko und
len den Staaten und Inseln Mittel-Amerikas.
en . Unter grossen Entbehrungen und Gefahren
vid durchstreifte er die damals noch wenig
er urbaren Gegenden , ausschliesslich zu Pferde
ien und mit geringer Begleitung. In gleicher
ine Weise besuchte er die meisten Staaten
ge Südamerika's und hatte besonders in Bra.
silien die grössten Erfolge. Er hatte häufig
die Ehre, am Hofe des Kaisers Don Pedro II.
ct Vorstellungen
ein geben zu dürfen . Das Wohl.
em wollen des Kaisers gegen ihn zeigte sich
ro auch in der Verleihung eines höheren
int Ordens. In seinem 30. Jahre kehrte er aus
he der neuen Welt in seine Vaterstadt Münster
is . zurück und stellte seit dieser Zeit seine
es Kunst nur in den Dienst der Wohlthätigkeit.
18 Seine höchst interessanten Erlebnisse
or wäbrend seiner Thätigkeit in Europa hat
Herr Heimbürger in einem spannend ge
schriebenen Buche ,,Ein moderner Zauberer"
geschildert. Leider ist das Buch bis jetzt
noch nicht vollendet worden , so dass die
noch weit seltsameren Abenteuer in Amerika
é weiteren Kreisen nicht bekannt sind.
Ein

moderner Zauberer.

Tagebuchblätter
von

Alexander
(Alexander þeimbürger).

Erſter Band.

Mit einer Einleitung von Dr. Levin Schücing.

Münſter i. W .
Verlag der Coppenrath' ſchen Buch - & Kunſthandlung.
1882 .
Alle Rechte vorbehalten.
793. 8
H364

Zur Einleitung.
„ Where is a will there is a way,“ ſagt ein eng
liſches Sprichwort, und ich wüßte fein beſſeres Motto
zu finden für die Erinnerungen eines langjährigen
Bekannten und Freundes, der nach einem ereigniß - und
abenteuerreichen Wanderleben in der Ruhe des reifen
Alters auf dieſen Blättern die wechſelnden Schickſale,
welche hinter ihm liegen , aufgezeichnet hat. Das In
- tereſſe , welches ſie bei der Leſewelt finden werden ,
liegt in der reichen und bunten Mannigfaltigkeit dieſer
Schickſale , in den ſpannenden Situationen , in welche
der Verfaſſer gerieth , und den Menſchen und Charak
teren , mit denen er in Berührung fam ; liegt vorzugs
weiſe dann in der Weite und Fremdheit des Schauplakes,
durch den ſein Lebensweg ihn dieſſeits und jenſeits des
- Meeres , über norddeutſche Haiden und amerikaniſche
Prairien * ) und durch tropiſche Urwälder führte. Aber
in die höhere Bedeutung dieſer Erinnerungen möchte ich
in dem ſuchen , was uns aus dem Ganzen als der

*) Die Erlebniſſe auf dem amerikaniſchen Continent, deren


hier gedachtwird, ſind einer ſpäteren Veröffentlichung vorbehalten .
1267 4 ^ nm . des Verfaſſers.)
IV

geiſtige Kern deſſelben entgegentritt und was ich nidit


beſſer und kürzer auszudrücken wüßte , als mit dem
obigen engliſchen Sprichwort. Es tritt uns nämlich in
dieſen Erinnerungen überall cine concentrirte Willens
kraft entgegen , eine zähe Energie , welche ſich keiner
Schwierigkeit gefangen gibt und vor keiner Unmöglich
keit beugt; und dies iſt es eben , was dem Verfaſſer
fo lebhaft unſre Sympathien gewinnt, wie es ihm
ſeine großen und glänzenden Erfolge in der Thätigkeit,
welche er zu ſeinem Berufe gewählt hatte, verſchaffte.
Es iſt, als ob gerade die vorzugsweiſe Schwierigkeit,
die ruhcloſe Anſtrengung , das Ringen mit unlösbar
ſcheinenden Aufgaben, dasjenige geweſen , was ihn ver
lockend dieſem Berufe zugeführt hat, der ihm dann
bei ſeiner eigenthümlichen Begabung dafür ein ſo reich
lohnender geworden iſt. Um deſto theilnahmevoller
wird man der ungeſchminkten und überall den Stempel
ſchlichter Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit tragenden
Aufzeichnung ſeiner Erinnerungen folgen , die er jeßt
in geachtetſter Lebensſtellung, als belichter Bürger
unſrer Vaterſtadt dem otio cum dignitate hingegeben,
zur Veröffentlichung beſtimmt hat und die ich gern mit
dieſen Zeilen , als dem Ausdruck meiner Ucberzeugung,
daß ſie dem Verfaſſer einen weiten Kreis von Freunden
gewinnen werden , begleite.
Saſſenberg, im December 1881.

Sevin Shüding.
I n h alt.

Erſies Capitel. Seite


Vorgeſchichte der „ Heimbürge“ . - - Vater Heimbürger's
Jagdleidenſchaft. — Flucht und Leben in der Fremde. -
Der Rekrut . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Bweites Capitel.
Ein hoffnungsvoller Sohn. – Schulzcit, Knabenſtreiche,
Vorzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Drittes Capitel.
Wiſjenſchaftliche Neigungen . - Elektriſirmaſchine. -
Experimente. — Das alte Zauberbuch . — Profeſſor Döbler. —
Enttäuſchung und Belohnung. – Auf höheren Schulen . –
Lithographiſcher Verſuch . . . . . . . . . . . . 28
Virrtes Capitel.
Beſſere Ausſichten . – Volontair. - Eine Secretair
ſtelle. – Eine Entdeckung
fire. und ihre Folgen . — erotik
Brodloſe
Künſte.sie– eine eindeutung
Ein neuer naha
Prinzipal the. .Folgen.
. . . . . . . 38
Fünftes Capitel.
Eine Zauberin . – Die hübſche Couſine. — Auch ein
Idyll. – Der Magier Becker. - Gewagte Mithülfe . . 47
VI

Sedistes Capitel. Seite

Bedcutjamer Brief. — Reijeentſchluß. — Beſiegte Hinder


niffe. - In die Welt! . . . . . . . . . . . . 66
Siebentes Capitel.
Ein Abenteuer in Mühlhauſen . – Sonderbarer Zufall.
- Der Sohlenwagen . -- Des Vaters Geburtsſtätte.'-— Der
Vetter. – Verlegenheiten in Merſeburg. – Ankunft in
Leipzig . – Enttäuſchung. – Polizei-Schub. – Der über
liſtete Kutſcher. – Das Rencontre im Wirthshauſe. -
Rückkehr zum Vetter . . . . . . . . . . . . . 87
Actes Capitel.
Fußreiſe. – Ein alter Bekannter. - Gezwungener
Aufenthalt. -- Zurück nach Leipzig. — Ein blinder Paſſagier.
Der Zwillingsbruder. – Roſtock. - Nochmals enttäuſcht 123
Meuntes Capitel.
Der Orgeldreher. – An Bord. – Der vergrabene
Schaß. — Auf See. – Mittel gegen die Scefrankheit. --
Endlich gefunden. — Schlechte Ausſichten . — Erſte Thätig
feit. -- Becker's Vorſtellungen . – Der lebendige Automat. –
Die entſeßliche Hand . . . . . . . . . . . . . 141
Behntes Capitel.
Herr Becfcr. — Þamburg, Braunſchweig, Magdeburg .
- Der Aſſocié in spe. – Trennung von Becker . . . 177
Elftes Capitel.
Neuhaldensleben . – Herr Nalewsky . - Schlimmc
Tage. – Nochmals beim Vetter . . . . . . . . 193
Bwölftes Capitel.
Veränderte Zeiten . – Der blinde Förſter. --- Nach
Nordhauſen . – Rencontre und leberraſchung. – Neue
Vereinbarung mit Becker . . . . . . . . . . . 202
VII
Dreizehntes Capitel. Seite
Jena. – Profeſſor Gries . – Ein Naturdichter. - '
Der Sonderling in Eisleben . — Perpetuum mobile. — Stahi
harmonika. – Der ſprechende Automat. – Ein Grashalm 217
Vierzehntes Capitel.
Elberfeld. — Erſte Heimkehr. —- Glückliches Wiederſchen
ind baldige Trennung. – Neuhaldensleben . – Salewsky .
- Gemeinſame Kunſtreiſe . . . . . . . . . . . 238
Fünfzehntes Capitel.
Der Biograph in eigener Perſon. - Erſtes Auftreten
.n Gardelegen . – Eine humane Wirthin . — Stendal, Salz
wedel. - Verunglückter Verſuch . -- Braunſchweiger Meſje.
- Schlechter Anfang. - Hülfe in der Noth . – Die Seil
tänzer-Geſellſchaft. – Neucs Engagement . . . . . 249
Sedizehntes Capitel.
Die Künſtlerfamilie. – Debüt in Hannover. — Ham
burg . – Hydrauliſche und Gas-Experimente. — Phantas
magorien . — Erſtmaliges Hervorrufen . – Familienleben
und deſſen Folgen. – Dr. Töpfer. – Der überraſchte
Redacteur. – Salomon Heine. . . . . . . . . . 273
Ein '

moderner Zauberer .

Erſter Band
Erſtes Capitel.
Vorgeſchichte der „ Heimbürge" . – Vater Heimbürger's Jagd
leidenſchaft. – Flucht und Leben in der Fremde. –
Der Rekrut.

Anweit der Fürſtlich S .'ſchen Reſidenz in Thü


ringen liegt ein kleines unſcheinbares Dörfchen , wel
ches faum ſo viel Einwohner hat, als das Jahr Tage
zählt. Die Gegend iſt gebirgig, die Umgebung wild
romantiſch . Die ganze Ortſchaft beſteht eigentlich nur
aus einer großen Familie, da jeder Inſaſſc cin ver
wandtſchaftliches Verhältniß mit ſeinem Nachbarn nach
zuweiſen im Stande iſt. Die Leutchen führen ein wahr
haft patriarchaliſches , von der Cultur kaum belecktes
Zuſammenleben und entringen im Schweiße ihres An
geſichtes dem wenig fruchtbaren Boden nur nothdürftig
die Mittel zu ihrer Exiſtenz. Wenn Alt und Jung,
Groß und Klein zu dieſem Zwecke dic Felder bebauen
oder geſchäftig die Ernte beſorgen , ſo iſt der „ Heim
bürge“ *), in der Regel das älteſte Gemeindeglied, zum
Schuße des Dorfes und zur Vertretung ſeiner Ein
wohner daheimgeblieben . Seinen Anordnungen muß
*) Schon im Altdeutſchen „ heimburgo“ genannt und durch
„ tribunus“ erläutert oder durch „ fisci pagani custos“ .
BD. I.
unbedingt Folge geleiſtet , ſeinen Befchlen gehorcht
werden .
In dem bezeichneten Dorfe lebte vor langen Jahren
eine Familie , aus deren Mitte ſeit undenklichen Zeiten
der „ Heimbürge“ hervorgegangen , ſo zu ſagen der
Familie erblich geworden war. So wurde jene Be
zeichnung im Laufe der Zeit zum Hausnamen , welchen
ausſchließlich dieſe Familie führte und dann noch bei
behielt, als der Fortſchritt der Zeit andere Benen
nungen für die betreffenden Perſönlichkeiten erfand
und ihnen die Titel „Ortsvorſteher, Amtmann oder Bür
germeiſter“ beilegte.
Das Haupt jener Familie betrat eines Morgens,
aus dem Schlafzimmer kommend , die wenigen Stufen,
die zur Küche , dem eigentlichen Hauptfamilienzimmer
hinabführten , ſetzte ſich an den zum Frühſtücken vor
bereiteten Tiſch , legte ſchweigend den Kopf auf den
linken Arm und ließ plößlich den rechten ſchlaff neben
ſich herabſinken . Er war zum beſſeren Jenſeits hin
übergegangen ; ein Schlagfluß hatte ihn getroffen . Die
Mutter war untröſtlich , die drei kleinen Kinder jam
merten . Jedoch die wunderbar Alles heilende Zeit
legte ſich ins Mittel und brachte den nothwendigen
Ausgleich alsbald wieder zu Wege.
Der eben ſo energiſchen als fleißigen Hausfrau ge
lang es über alle Erwartungen , alsbald den Haushalt,
auch ohne Hülfe und Beiſtand eines Oberhauptes , in
eine geregelte Bahn zu bringen , obgleich ihr die drei
hinterbliebenen Kinder, zwei Mädchen und ein Knabe,
nicht geringe Sorgen verurſachten . Von dicſen Dreien
war es der lektere vorzugsweiſe , der durch ſeine Wild
heit und Ausgelaſſenheit zunächſt ihre mütterliche Au
torität in die Schranken forderte.
Zur Einleitung in die ſpäter folgende Erzählung,
ſowie zum Verſtändniß verſchiedener darin vorkommen
der Epiſoden des eigentlichen Helden derſelben, glaubt
der Schreiber dieſes dem Leſer einen kurzen Lebens
Abriß von dem oben bezeichneten kleinen Taugenichts
- dem demnächſtigen Vater unſeres Abenteurers -
nicht vorenthalten zu ſollen .
Nachdem Frit — das war der Rufnamedes Knaben
-- das Alter der Flegeljahre crreicht hatte, überzeugte
ſich die Mutter , daß es das Beſte ſei , ihn von dem
Schauplaße ſeiner tollen Streiche und Ausgelaſſen
heiten zu entfernen und ihn bei einem Tiſchler in der
Reſidenz in die Lehre zu geben . Wurden ihin hier
gleich ſtrafferc Zügel angelegt, ſo genügten dieſelben
doch nicht, das lebhafte und leidenſchaftliche Tempc
rament des Anaben vollſtändig zu beherrſchen . Außer
dem wußte derſelbe durch ſeine Gelehrigkeit und An
ſtelligkeit bei den ihm übertragenen Arbeiten ſich die
Gunſt des Meiſters in jo hohem Grade zu erwerben ,
daß derſelbe nachſichtig genug war, ihm manche Un
bedachtſamkeit und beſonders ſeine große Leidenſchaft
für die Jagd hingehen zu laſſen , wenn er mit Bewil
ligung der Meiſterin ſich einen Tag abſentirte , dafür
aber in der Regel einen Haſen oder ein anderes Stück
Wild in die Rüche des Meiſters lieferte. Bedeutende
1 *
Nahrung hatten dieſer Paſſion die fürſtlichen Treib
jagden gegeben , die in der nächſten Nähe ſeines hei
mathlichen Dorfes ſtattfanden , und bei denen als Trei
ber zu fungiren er keine Gelegenheit ſich entgehen ließ .
Ein Bündel kurzer Snittel an der Seite, wußte er
vermittelſt dieſer den flüchtigen Haſen mit eben ' fo
großer Geſchicklichkeit zu erlegen , wie der Jäger mit
ſeinem Gewehr.
Doch ſo großes Vergnügen ihm die Befriedigung
dieſer Neigung gewähren mochte , ſo große Ungclegen
heit ſollte ſie für ihn zur Folge haben .
Seine Lehrzeit war glücklich beendet; er hatte es
zu einem tüchtigen Geſellen gebracht. Aus dem Trei
ber war ein leidenſchaftlicher Jäger geworden , der ,
ſeinen Hang zu befriedigen , der Verſuchung nicht wi
derſtand , ab und zu in den fürſtlichen Forſten auf
cigene Fauſt ein Stück Wild zu erlegen . Bei einer
ſolchen Gelegenheit wurde er eines Tages von dem
Oberförſter in flagranti ertappt. Eine drohende Reußc
rung des Beamten , welcher den Muth nicht hatte, den
verwegenen jungen Wilderer perſönlich zu verhaften ,
ließ das Schlimmſte befürchten .
Raſch entſchloſſen eilte der Ueberraſchte zum elter
lichen Hauſe , packte ſeinen Torniſter , nahm von der
Mutter einen ſchnellen , kurzen Abſchied, und ſprang
im Augenblicke , als zwei Gendarmen zu ſeiner Ver
haftung in das Haus drangen , aus einem der nach
hinten gelegenen Zimmer in den Garten , um auf Nim
merwiederſehen zu verſchwinden.
Er begann nun ein , ſeinem Character entſprechendes ,
herumſtreifendes , abenteuerliches Leben , indem er bald
als Tiſchler, bald als Jäger auftrat, je nachdem es
die Umſtände mit ſich brachten und mehr oder minder
Annchmlichkeiten dabei in Ausſicht ſtanden .
Es liegt, wie ſchon geſagt , nicht in der Abſicht
des Erzählers, dem Leſer ein zuſammenhangendes Bild
von dem abenteuernden Leben des Genannten zu geben,
da wir es hier eigentlich mit den Erlebniſſen ſeines
Sohnes zu thun haben ; doch fann der Erzähler nicht
unterlaſſen , einer Epiſode zu gedenken , die ebenſo ſehr
als ein Beitrag der damaligen Zeitverhältniſſe den
Leſer zu intereſſiren , ſowie demſelben eine andeutende
Erklärung über die ſpätere Characterbildung des Soh
nes zu geben vermöchte.
Nach längerem Umherſchweifen in verſchiedenen
Ländern befindet ſich der Wanderluſtige in Hannover,
wo er bei einem höheren Forſtbeamten eine Stelle als
Jäger annimmt. Dieſer weiß ihn zu bewegen , als
Stellvertreter ſeines Sohnes beim dortigen Militair,
angeblich einem Jäger - Bataillon , einzutreten. Nach
ſtattgefundener ſchriftlicher Verpflichtung wird er nun
den Refruten zugeſellt und ihm demnächſt die ent
ſprechende Uniform angewieſen. Dieſelbe entſpricht aber
nicht der Equipirung eines Jägers , als welcher er
Dienſt zu nehmen dem Oberförſter gegenüber ſich ver
pflichtet hat, und ſo weigert er ſich mit aller Ent
ſchiedenheit, in dem Glauben , hintergangen zu ſein ,
dieſelbe anzulegen . Vorſtellungen und Strafandro
hungen halfen nicht; er verharrte bei ſeiner Erklärung
und Weigerung .
Er wurde zum Arreſt abgeführt, und bald kam die
Sache zu den Ohren des derzeitigen commandirenden
Generals, der Veranlaſſung nahm , den Widerſpenſtigen
perſönlich vor ſich zu beſcheiden .
„ Wie heißeſt Du ?“ war ſeine Anrede.
„ Heimbürger."
„ Wo biſt Du her ?"
„ Aus dem Fürſtenthum S . in Thüringen."
„ So, ſo ; hm - ja , ja , ich habe den Namen nennen
hören . Haſt Du den Prinzen F. gefannt?"
„ Nicht doch , Herr General; aber wohl weiß ich,
daß der Prinz F . der zweite Sohn Sr. Durchlaucht
unſeres allergnädigſten Fürſten iſt.“
Nun , ſo kennſt Du ihn jeßt,“ fuhr der General
fort , „und wundert es mich , wie ein S .Picher Unterthan
ſich ſo wortbrüchig zeigen kann, wie Du.“
„ Verzeihen Ew . Durchlaucht,“ entgegnete ſchnell ge
faßt der Ueberraſchte, „und erlauben mir allerunter
thänigſt vorzutragen , wie ſich die Sache eigentlich
verhält.“
Der Prinz geſtattete ihm dies und ſo erzählte cr,
wie er ſich von dem Forſtbeamten hintergangen glaube ,
da er ohne jedwede Entſchädigung die Stellvertretung
ſeines Sohnes beim Militair übernommen , indem dieſer
ihm vorgeſpiegelt habe, daß ſein Eintritt beim Säger
Bataillon ſtatthaben würde, was jedoch , wie er ſich
überzeugt habe, keineswegs der Fall ſei.
In wohlwollender Weiſe entgegnete der Prinz, daß
dies allerdings in etwa zu ſeiner Entſchuldigung diene
und er in gewiſſer Beziehung in ſeinem Rechte ſei;
aber auch der Forſtmeiſter ſei in ſeinem Rechte, da
die ſogenannten Flurſchüßen in Hannover die Stelle
der Jäger verträten und auch als ſolche betrachtet
würden.
„ Und nun ,“ ſeşte er begütigend hinzu , „ rathe ich
Dir, ruhig einzutreten und Deine Schuldigkeit zu thun ;
es iſt mir lieb , einen Landsmann in einem meiner
Regimenter zu haben . Werd ’ mich Deiner ſchon erin
nern und ein aufmerkſames Auge auf Dich haben , ſoliſt
ſchon zufrieden ſein . Jeßt gehab Dich wohl, forge da
für, daß mir nächſtens ein günſtigerer Rapport von
Dir gemacht werde, als gegenwärtig. Adieu !"
Im Fortgehen reichte ihm der Prinz freundlich die
Hand und hatte natürlich ſofort den vor Kurzem noch
ſo Widerſpenſtigen zum willfährigſten Refruten um
gewandelt.
Als er in Begleitung des Offiziers, der ihn her
geführt hatte, die Wohnung des Prinzen verließ , wurde
ſeine Zuverſicht nicht wenig durch die Bemerkung des
felben gehoben , daß er es als ein Glück betrachten
würde, in ſeiner Stelle ſich zu befinden. Selbſtver
ſtändlich blieb dieſer Vorgang kein Geheimniß und
gelangte alsbald zur Kenntniß des ganzen Regiments ,
wodurch Friß ebenſo ſehr ein gewiſſes Anſehen, als
andererſeits ſich manche Neider erwarb.
War es nun in Folge des dann und wann zu ſehr
zur Schau getragenen Selbſtgefühls, und der kecken
Zuverſicht, die er gelegentlich bei ſeinen Kameraden
zeigte, oder war es der Geiſt des Neides, – gleich
viel, er hatte das Unglück , bei ſeinem Korporale in Un
gnade zu fallen , der keine Gelegenheit vorübergehen
ließ , ihm das Leben möglichſt ſauer zu machen .
Als dieſer ihm cinſt zumuthete , die Knöpfe ſeiner
Uniform ihm zu pußen und er zu entgegnen wagte,
daß er mit dem Pußen ſeiner eigenen Montirung ge
nug zu thun habe , rief derſelbe ihm zornig zu , daß
er ſchon Gelegenheit finden werde , ihn zahm zu machen .
Die Revanche ließ nicht lange auf ſich warten . Es
fand eine Inſpicirung ſtatt. Das Militair ſtand auf
dem Erercirplaße aufgeſtellt. Der Korporal ging mit
cinem ſpaniſchen Rohre in der Hand,* ) von dem einen
Soldaten zum anderen , die Uniformen und Waffen
ciner genauen Muſterung zu unterwerfen . Angekommen
bei dem Widerſpenſtigen , verweilte er bei demſelben
länger , wie es bei den Uebrigen der Fall geweſen ,
zweifelsohne in der Abſicht , einen Anlaß zu finden,
ſein Müthchen zu fühlen . Als er einen ſolchen nach
längerer Beſichtigung jedoch nicht entdeckte , nahm er
zuletzt das Gewehr unſeres Soldaten , unterſuchte das
ſelbe mit Ladeſtock und Schraube und ſah, daß an der
Spiße der leşteren ſich eine winzige Quantität Schmuß
befand. Sofort erhob er den Stock, um auf den Schul

* ) Zu jener Zeit waren Stockprügel beim Militair noch an


der Tagesordnung.
digen loszuprügeln . Dieſer aber ſprang im ſelben
Augenblicke aus dem Gliede vor die Front, warf ſeine
Waffen heftig zu Boden , ſeinen Torniſter , Czafo und
Montirung oben drauf, und erklärte unter heftigen
Ausdrücken der Entrüſtung, daß er in einem ſolchen
Regimente nicht mehr dienen werde; man möge mit
ihm beginnen , was man wolle. Die Scene hatte ſo
fort einen großen Zuſammenlauf von Menſchen zur
Folge, und der Zufall wollte , daß zur ſelben Zeit
der commandirende General auf dem Ercrcirplaße er
ſchien. Dieſer ließ durch ſeinen Adjutanten Erfundi
gungen über die Veranlaſſung jenes Auflaufes ein
ziehen . Auf die Mittheilung, daß ein Soldat ſich
gröblich gegen die Subordination verfehlt habe, ritt
er heran , um von dem Thatbeſtand perſönlich Kennt
niß zu nehmen. Nicht wenig war 'er erſtaunt, ſeinen
Landsmann in Hemdsärmeln mit glühenden Augen in
höchſtem Grade leidenſchaftlich erregt daſtehen zu ſehen .
„ Was iſt hier vorgefallen ?“ rief der General un
muthig aus.
Beide, Korporal und Soldat, ergriffen zugleich
das Wort. Lekterer wurde jedoch zunächſt aufgefor
dert zu reden und dem Erſteren Stillſchweigen geboten .
Nachdem der General den Zuſammenhang der
Sache vernommen , befahl er in entſchiedener , jedoch
Zutrauen erweckender Weiſe dem Erbitterten : „ Zieh
Deine Uniform an , ſchultere das Gewehr, kehrt, cin
getreten !" welchem Befehl der Halbentkleidete maſchi
nenmäßig folgte. Dann wandte ſich der General zu
jeinem Adjutanten , gab Ordre, den Korporal mit
ciner Wache abführen zu laſſen , und ritt weiter.
Als das Regiment nach beendigter Inſpicirung
zurückmarſchirte und auf dem Markte an der Haupt
wache vorüberzog, ſtand der Korporal dort an einem
Pfeiler , mit über dem Kopf aufgebundenen Händen ,
auf ſpißen Pfählen .
Welch gewaltige Wirkung dieſer Vorgang auf das
ganze Regiment und ſelbſt auf die Offiziere hatte,
läßt ſich leicht errathon . Niemand kam fortan dem
Günſtling des Generals irgendwie zu nahe. Dem
ungeachtet wurde dem Begünſtigten im Laufe der Zeit
der Dienſt durch Neid, Mißgunſt und kleine Chicanen
derartig verleidet, daß er es vorzog, denſelben wenn
irgend möglich zu quittiren, wozu ſchließlich ſein nach
ſichtsvoller Protector ihm Gelegenheit gab.
Der glücklich Entlaſſene fand es nun gerathen,
feine Zuflucht zu ſeiner früheren unſtäten , abenteuer
lichen Lebensweiſe zu nchmen . Er licß ſich in Ham
burg bei dem Bürger -Militair anwerben , bekam als
bald den einförmigen, thatenloſen Dienſt hier ebenfalls
ſatt, und entfloh , um ſeine Dienſte 1812 dem be
drängten Vaterlande zu widmen. Des Preußen -Königs
Aufruf an ſein Volk war auch zu ihm gedrungen ,
und er vermochte nicht, der mächtigen Wirkung zu
widerſtehen.
Er fand Aufnahme bei den freiwilligen Jägern des
Lübow 'ſchen Corps , wurde in einer der Schlachten
ſchwer verwundet, nach ſeiner Wiederherſtellung als
Invalide entlaſſen , trat dann bei der preußiſchen Gen =
darmeric ein , brachte es bis zum Wachtmeiſter , und
erhielt auf Grund ſeiner Civil-Verſorgungs-Anſprüche
eine Subaltern -Stellung bei der Regierung zu Münſter.
Hier verheirathete er ſich , wurde im zweiten Jahre
ſeiner glücklichen Ehe Wittwer , verehelichte ſich zum
zweiten Male und wurde Vater des eigentlichen Helden
unſerer Erzählung am 4 . December 1819.
Zweites Capitel.
Ein hoffnungsvoller Sohn. – Sdulzeit, Knabenſtreiche, Vor
zeichen .

Mit einem ſogenannten Helme (lat.: choreum )


war der Knabe zur Welt gekommen und hatte des
halb , wie die Leute prophezeiten , Ausſicht auf eine
glückliche Zukunft. In der Taufe erhielt derſelbe dic
Vornamen Johann Friedrich Alexander, ein Umſtand,
welchen wir hier beſonders erwähnen , da derſelbe in
der ſpäteren Erzählung cine gewiſſe Bedeutung erlangt.
Der mittlere Name wurde ſcin Rufname, da der Vater
denſelben führte.
Natürlich war „ Unſer Kind“ cin Wunderkind, bis
es zur Schule gebracht wurde. Jedenfalls zeigte der
Knabe ein lebhaftes Temperament; die Eltern hegten
die größte Hoffnung, dereinſt an der Carrière ihres
Sohnes Freude zu haben . Gewiß war es ein from
mer Wunſch des Vaters, an ſeinem Sohne das, was
er ſelbſt nicht erreicht hatte , verwirklicht zu ſchen.
Mindeſtens mußte er es zu einem Regierungsrathe
bringen , während die Mutter in der Beſcheidenheit
ihres Herzens ihren Lichling wenigſtens zu einem
Paſtor fich emporſchwingen ſah und im Geiſte ſchon
13

den ſalbungsreichen Worten lauſchte , welche er, von


einer andächtigen Gemeinde umgeben , von der Kanzel
würde herabtönen laſſen. Leider wollte es das Gc
ſchick anders.
Friß war ein herzensguter, aufgeweckter Junge;
aber das Lernen gehörte nicht zu ſeinen ſtärkſten Sei
ten . Während die Mutter zu nachſichtig , der Vater
meiſtens abweſend war, wußte er ſich ſeine Freiſtunden
beſſer zu Nuße zu machen , als dieſelben mit ernſten
Arbeiten und Studien zu vergcuden . Dem Vater war
es auch nicht zu vcrargen, wenn er Abends nach voll
brachter Arbeit ſich eine kleine Erholung gönnte und
keine Luſt verſpürte , die Schularbeiten der Kinder
nachzuſehen . Wozu hatten dieſelben denn einen ganzen
Tag Unterricht? Hatte er doch in ſeiner Jugend bei
ſeinem Dorfſchulmeiſter und zwar nur in der Winter
zeit höchſtens einen halben Tag auf der Schulbank
geſeſſen und war dabei dennoch kein „ Dummerjahn “
geblieben , wie er ſich auszudrücken beliebte.
Hin und wieder jedoch verzichtete er auf ſeine
Abenderholung und verbrachte die Feierſtunden in der
Familie , was mchrentheils kein Zeichen beſonders gün
ſtiger Laune war ; dann verſammelte er die Kinder,
zwei Knaben und drei Mädchen , um den Tiſch , nahm
Feder und Dinte zur Hand, gab jedem ein Stück
weißes Papier und ließ Schreibübungen machen , um
ſich über ihre Fortſchritte zu unterrichten . Mit zagen
dem Herzen ging Fritz dann an die Arbeit. Er wußte,
wie ſchwer es war, den Herrn Papa alsdann zufrieden
14

zu ſtellen . „ Was,“ rief dieſer dann wohl aus, wenn


Friß mit aller Anſtrengung verſucht hatte, ſein Beſtes
zu thun , „ kannſt Du nicht einmal ein ordentliches F
machen ? Was iſt das für ein Schwung obenauf; ein
Bauernjunge verſteht es ja beſſer wie Du. Sich her,
den Arm aufgehoben , jeßt mit der Hand leicht über
das Papier gefahren ! Das iſt ein F , wie es ſein
foll. Du machſt ja Dinger , als ob eine Krähe über
das Papier gelaufen wäre !"
Vergebens bemühte ſich Friß, es ſeinem geſtrengen
Papa nach Wunſche zu machen ; es blieb immer ein
ſteifes, miſerables F . Zu ſeiner Schande müſſen wir
bekennen , daß er in ſeinem ganzen Leben nicht dazu
fam , ein regelmäßiges , ſchwunghaftes F fertig zu
bringen. Nach mehreren mangelhaften Schreibverſuchen
fuhr der Vater endlich entrüſtet mit einem Donner
wetter drein , dem häufig ein kalter Schlag nachfolgte .
Das war denn eine böſe Zeit für den armen Friß ,
welcher dem lieben Schöpfer dankte , wenn die Nacht
heranrückte und ihm ein : „ Marſch ,zu Bett !“ befohlen
wurde. Gott ſei Dank! dachte er dann im Stillen,
daß der Vater fein Latein verſteht, wie würde cs da
erſt ſchlimm ausſchen ! Nach einem ſolchen Abend
gewitter trat in der Regel für längere Zeit beſſeres
Wetter ein : dann nahm er ſich auch wohl für einige
Zeit etwas mehr zuſammen , verfiel aber bald wieder
in den alten Schlendrian .
In der Schule erging es ihm nicht beſſer. Be
ſtändig unter der Zahl derjenigen Schüler, welche das
15

ſogenannte todte Gewicht in der Klaſſe bilden , hatte


er ebenſo ſehr für dummeStreiche, wie für ſeine geringe
Lernbegierde zil ſeiden und häufig die Befanntſchaft
der oft ſehr rigorojen Strafmittel ſeines Lchrers zlı
machen . Ob die Schuld an ihm allein lag, möchten
wir bezweifeln , ſo ſehr es ſein Lehrer an ſtrengen
Ermahnungen und Strafen nicht fehlen ließ . Das
waren aber auch die einzigen Hülfsmittel der Erzic
hung , während es dem Lehrer an jedem Verſtändniß
für individuelle Anlagen und Neigungen des Knaben
und der entſprechenden Bchandlung mangelte. Von
liebevoller Nachſicht, von leutſeliger Ermunterung war
keine Rede ; er wollte nur Furcht einflößen und erreichte
dies durch ſein Verfahren ſo vollſtändig, daß auch ſelbſt
die beſſeren Schüler keine Gelegenheit wahrnahmen ,
ihm Beweiſe von Anhänglichkeit und Liebe an den
Tag zu legen .
Die Erinnerung an dieſen Lehrer und die ſchwere
Zeit, die Friß unter demſelben verlebte, begleitete ihn
durchs ganze Leben . Oft noch im ſpäteren Mannes
alter fand er ſich im Traume auf die ſchmalen eichenen
Bänke verſekt, und es war ihm , als ob das falte for
ſchende Auge des Lehrers auf ihm ruhte und er mit
klopfendem Herzen der Aufforderung entgegenſähe, ſeine
Lection herzuſagen .
Für Manchen mag das Andenken an die erſte
Schulzeit ein angenehmes ſein , für ihn war es das
nicht. Wenn trok alledem einige heitere Erinnerungen
an jene Tage ſich knüpfen , ſo verdankt er dies vor
16

zugsweiſe ſeinem ſonſt aufgeweckten heitern Naturell.


Mit welcher Schnſucht und ungeduldiger Erwartung
wurde gegen Ende des Sommers den heranrückenden
Ferien cines jeden Jahres entgegengeſehen , wo das.
Joch des unerbittlichen Schuldespoten für die Dauer
von vier Wochen konnte abgeſchüttelt werden. Nur
war leider in der Regel noch eine ſchlimme Plage,
die des leßten Examens , und vorzugsweiſe ein böfer
Tag, die Prämien - Vertheilung, zu beſtehen .
Zweimal begaben ſich , in Folge der von Friß aus
geſprochenen Hoffnung, ſeine Eltern zu derſelben hin ,
kchrten aber unbefriedigt und mißmuthig heim , als ihr
Sohn leer ausging und kaum eine belobende Aner
kennung gefunden hatte. Eine ſolche Erfahrung hatte
dann ſelbſtverſtändlich jedesmal eine ernſte Küge des
Vaters zur Folge, wobei die beſorgte Mutter ihn mög
lichſt in Schutz nahm und den Zorn des Vaters zu
beſänftigen ſuchte. Fortan wurde dieſer Tag mit Still
ſchweigen übergangen .
Alles kann zur Gewohnheit werden , ſelbſt der Um
ſtand wurde es, daß Friß keine Prämie erhielt.
Während der Ferien hing er nun ſeinen verſchie
denen Liebhabereien nach , die in Theaterſpielen ,mecha
niſchen Arbeiten , Taſchenſpielereien , Sammeln von
Schmetterlingen , Käfern , Vogeleiern u . f. w . beſtanden .
Bei dieſen verſchiedenen Beſchäftigungen zeigte er ſolche
Einſicht und Beharrlichkeit, ſolchen Fleiß und Eifer,
daß ſein Vater oft unmuthig ausrief: „ Wenn der
Bengel zu ſeinen eigentlichen Studien ſolchen Tricb
17

zeigte, wie zu dieſen Allotrien, dann könnte noch der


einſt etwas Geſcheidtes aus ihm werden ; leider aber
predige ich tauben Ohren !" Sonderbarer Weiſe nahm
der Vater troß alledem oft ſelbſt thätigen Antheil an
all den Spielereien und niedlichen Sächelchen , welche
der Anabe mit beſonderer Geſchicklichkeit zu verfertigen
verſtand, und unterſtüßte dieſen dabei nicht ſelten ſogar
mit Rath und That. Selbſt die loſen Streiche ſeines
Sohnes, wenn ſie nicht allzuſehr gegen die väterliche Au
torität verſtießen, fanden an ihm einen nachſichtsvollen
Beurtheiler,wobei er wohl des Sprüchwortes eingedenk
ſein mochte, daß der Apfel nicht weit vom Stamme fällt.
„ The child is father of the man,“ ſagt ein eng
liſches Sprüchwort.
Wenn wir die Natur oder den Character des Kindes
beobachten , werden wir daraus Schlußfolgerungen für
ſein ſpäteres Leben zichen können . Und zum Beweiſe
deſſen , inwiefern unſer Sprößling einen Schatten vor
ſich herwarf, wollen wir dem Leſer einige lu
ſtige Anabenſtreiche und originelle Erleb
niffe deſſelben zum Beſten geben . Zu leßteren
gehört unter andern das Nachfolgende, deſſen wir um
ſo mehr Veranlaſſung nehmen hier zu gedenken , als
wir dem dabei betheiligten Knaben in ſpäteren Zeiten
unter eigenthümlichen Verhältniſſen wieder begegnen .
Fr. hatte einen Jugendgeſpielen Carl M ......,
Sohn einer in ärmlichen Verhältniſſen lebenden Wittwe,
deren kleine Penſion , welche der verſtorbene Gatte ihr
hinterlaſſen , nicht ausreichte, um ſie und ihre vier
Bd. I.
18

Kinder hinlänglich zu ernähren ,weshalb ſie, unterſtüßt


von ihrer älteſten Tochter , ſich zur weiteren Erwer
bung des nöthigen Unterhaltes mit Näharbeiten und
Anfertigen von Kleidungsſtücken befaßte.
Carl, einige Jahre älter als Friß, war ein ſtiller,
ſchüchterner Knabe, beſaß ein ſehr angenehmes Weſen
und zeichnete ſich beſonders durch eine mehr als ge
wöhnliche Anlage zum Zeichnen aus, obgleich er darin
keinen Unterricht genoſſen hatte. Seine Zeichnungen ,
denen er nebenbei aus ſeinem Farbenkaſten ein hüb
ſches Colorit zu geben verſtand, übten eine beſondere
Anziehungskraft auf Friß aus, der in dieſer Beziehung
es nur zum Bewundern der Fähigkeit ſeines Freundes
gebracht hatte. Dagegen beſaß Friß ein praktiſches
Geſchick im Anordnen und Herſtellen ſolcher Gegen
ſtände und Spielereien , welche für das Abwechslung
bedürftige Anabenalter die Welt ausmachen . Hier fand
er nun oft Gelegenheit, ſeinen Freund zu unterſtüßen
und ihm mit Rath und That an die Hand zu gehen ,
Mit dem herannahenden Herbſte hatten die Schul
ferien begonnen , die glückliche Zeit zur Ausführung
aller derjenigen Pläne und Spiele, die wegen man
gelnder Muße einſtweilen nicht zur Verwirklichung ge
langt waren.
Die Herſtellung eines Papier- Drachen war nach
langer Ueberlegung zum Beſchluſſe erhoben . Tarl
verſprach, denſelben mit einem impoſanten Rieſengeſicht
bemalen zu wollen , während Friß den mechaniſchen
Theil und das Befleben übernahm .
Das Geſtell war fertig. Zwei weiße Bogen Papier
waren an einander gepappt, und da Carl's Mutter
mit großen Scheeren verſehen war, ſo wurde beſchloſſen ,
in deren Wohnung auf dem geräumigen Tiſche den
Vogel zuzuſchneiden . Mutter und Tochter waren mit
dem Nähen eines neuen Kleides beſchäftigt, wozu ein
Theil des Stoffes auf dem Tiſche ausgebreitet lag. Das
Papier wurde glatt hingeſpreitet und das Geſtell da
rauf gelegt. Friß fuhr in raſcher ſicherer Bewegung
mit der Schcere rings um daſſelbe her und hob beides
auf, um zur fernern Herſtellung die lezte Hand an
zulegen . Aber, o Himmel ! was zeigte ſich ſeinen
Augen , als er ſein Meiſterſtück in den Händen hielt !
Mit dem Zuſchneiden des Papiers hatte er gleichzei
tig mit der ſcharfen Spiße der Scheere den auf dem
Tiſch gelegenen Kleiderſtoff erfaßt und aus dieſem
kunſtgerecht die ganze Geſtalt des Drachen mit aus
geſchnitten . – Ein Wink mit den Augen , und die
beiden Anaben waren vor der Thüre. „ Carl," rief
Friß aus, „ esthut mir unendlich leid , dies Unheil
angerichtet zu haben . Du mußt die in Ausſicht ſte
hende Tracht Prügel ſchon guten Muthes hinnehmen ,
während Du begreifen kannſt, daß ich mich für die
nächſte Zeit in Eurem Hauſe nicht darf ſehen laſſen ;
dafür aber werde ich den erforderlichen Bindfaden
zu beſorgen übernehmen.“
Der Drache ſtieg ſpäter nach überſtandener Noth
famos. Das darauf gemalte Rieſengeſicht ſtrahlte aus
dem Wolkengebiete lächelnd aufdie beiden Taugenichtſe
2 *
20

hernieder, und es blieb zweifelhaft, welches von den


drei Geſichtern am vergnügteſten drein ſchaute.
Eine beſondere Vergünſtigung war es , wenn dem
ſchelmiſchen Anaben geſtattet wurde, den Vater des
Abends zum Bierhauſe zu begleiten , wo er Gelegen
heit fand, ſeinem jugendlichen Erfindungsgeiſte die
Zügel ſchießen zu laſſen . Hier verſenkte er in die
geſtopften Pfeifen der Stammgäſte alle möglichen un
erquicklichen Dinge, von einem Pflöckchen Ruhhaare
bis zu einer Priſe Jagdpulver , welches er dem ſtets
gefüllten Pulverhorn ſeines noch immer jagdliebenden
Papa's entnommen , und weidete ſich bald an dem
grämlichen Geſichtsausdruck der Rauchenden , bald am
Entfeßen derſelben , wenn die unerwartete Exploſion
erfolgte. Ging dem Anaben der Unterhaltungsſtoff
aus , dann ſegte er ſich auch wohl neben den Papa
und ſah eine Zeit lang dem Kartenſpiele zu , bis er
zuleßt durch ein unwillkürliches Kopfnicken ſein zwei
felhaftes Intereſſe für das ihm unbekannte Spiel ver
rieth . Das war namentlich dem Vater unerträglich ,
der dann die Lebensgeiſter des Knaben durch die hin
geworfene Bemerkung wieder auffriſchte, wenn er ſchla
fen wolle, möge er zu Hauſe bleiben .
Das Eintreten einer ſolchen Situation bewog eines
Abends den Schlaftrunkenen , ſich den Vorwürfen des
Vaters dadurch zu entziehen , daß er ſich in eine Fen
ſterniſche fekte, die durch lange Gardinen verdeckt wurde,
in der Abſicht, hier ein kleines Schläfchen zu halten
und zur Zeit des Aufbruchs wieder zur Hand zu ſein ,
21

vorausſeßend, daß ihm das alsdann entſtehende Ge


räuſch den richtigen Zeitpunkt zum Aufwachen ſchon
verkünden würde. Leider aber kam es anders.
Die Solopartie war zu Ende. Der Vater ver
mißte ſeinen Sohn und glaubte ihn zu Hauſe. Die
Gäſte brachen auf und überließen ahnungslos den
Schlafbedürftigen ſeinem Schickſal. Der Wirth ging
zu Bette. Um Mitternacht purzelte der Schlaftrun
fene von ſeinem Ruheſiße, riß ein Stück der Gar
dinen und damit zugleich eine Partie Seidel, die auf
einem naheſtehenden Tiſche ſich befanden, herunter
und bewirkte durch den damit verbundenen Lärm
das Herbeieilen des Wirthes und der Knechte , die
einen Einbruch vermuthen mochten und nicht wenig
erſtaunt waren , den verſchlafenen Knaben vorzufinden.
Friß wurde von einem der Knechte nach Hauſe ge
bracht und nach umſtändlich erlangtem Einlaſſe den
Seinigen überliefert. Die Folge hiervon war, daß
Friß lange Zeit hindurch darauf verzichten mußte,
feinen Vater zum Bicrhauſe zu begleiten , bis endlich
nach vielem Bitten der gutmüthige Papa ſich wieder
erweichen ließ und ihn mitnahm . Schlafen wollte Friß
nicht; das hatte er verſprochen und feſt ſich vorge
nommen. Eine Zeitlang ging es auch gut, bis endlich
Langeweile eintrat. Dann ſah er wieder dem Karten
ſpiele zu. Aber der Himmel weiß , wie es zuging :
Das ſchweigſame Zuſchauen übte alsbald ſeinen unwi
derſtehlichen Einfluß aus. Von Sekunde zu Sekunde
wurden ihm die Augenlider ſchwerer. Noch hatte es
22

der Papa nicht bemerkt, und um den gefürchteten Vor


wurf zu vermeiden , ſtand Friß auf und überlegte, auf
welche Weiſe es am beſten zu ermöglichen ſei , unbe
achtet von dem Bapa und den Gäſten , ein Schläfchen
zu halten , ohne Gefahr zu laufen , wie früher ver
geſſen zu werden . Es gelang ihm dies auch meiſter
haft, und zwar in nachfolgender Weiſe. Er verſchaffte
ſich eine Schnur, begab ſich damit an das äußerſte
Ende des breiten , ſchwerfälligen , eichenen Tiſches , der
ringsumher nahe am Boden von einer Querlatte um
geben war, ſchlüpfte unbemerkt unter denſelben bis
zu ſeinem Vater , welchen er an der großen Meer
ſchaumpfeife erkannte , machte nun eine Schlinge in
den Bindfaden , legte dieſe dem Vater vorſichtig um
das Bein , während er das andere Ende an ſeinen
eigenen Arm befeſtigte , und ſich nun gemächlich auf
dem Boden ausſtreckte, geſchüßt durch die breite Latte
gegen die zufälligen Fußtritte der Gäſte. Als nach
beendigtem Spiele der Vater im Begriffe war aufzu
ſtehen , um ſich nach ſeinem Sohne umzuſehen , fühlte
er ſich plößlich am Bein feſtgehalten und fiel auf den
Stuhl zurück. Eine nähere Unterſuchung erklärte den
Zuſammenhang, zum großen Amüſement der Anwe
ſenden . In gerade nicht ſanfter Weiſe aus ſeinem
Schlafe geweckt und unter dem Tiſch hervorgezogen ,
wurde er jedoch durch ſeine gelungene Liſt und den
guten Humor, in welchen er den Vater und die übrige
Geſellſchaft verſeßt hatte, diesmal mit guter Laune
von dannen geführt. Wenngleich der Vater die loſen
23

Streiche des Knaben , ſobald ihm dieſelben zu Ohren


famen , nicht ungerügt ließ , ſo war er doch dadurch
nichts deſtoweniger perſönlich vor den nediſchen Attenta
ten ſeines Sohnes geſchüßt. Eine gute Gelegenheit, ſeiner
Koboldlaune die Zügel ſchießen zu laſſen , konnte Leşte
rer nicht leicht widerſtehen , wenn auch vorausſichtlich
für ihn unangenehme Folgen daraus erwachſen mußten .
So begleitete er cines Tages das Hausmädchen ,
welches den Auftrag hatte, ein Fuder Holz zu kaufen ,
und wußte derſelben , die noch anderweitige Beſor
gungen zu machen hatte, den Auftrag abzuſchmeicheln .
Statt ihrer kauft er denn das Holz und begleitet den
Wagen bis zum Hauſe, wo er den Bauer erſucht, das
Holz abzuladen , und ihn aufmerkſam macht, er müſſe,
wenn er den Betrag hierfür entgegennehmen wolle,
zum Vater ſehr laut ſprechen . Dann ging er hinein und
erfreute den Vater durch die Mittheilung ſeines ſelb
ſtändigen Vorgehens, benachrichtigte jedoch auch ihn
in gleicher Weiſe , daß der Bauer ſchwerhörig ſei
und er denſelben ſehr laut anzureden habe.
Der vorausgeſehene komiſche Conflict blieb nicht
aus. Im Augenblicke, als Beide ſich einander in die
Ohren ſchricen und Jeder erklärte, ganz gut hören zu
können , verſchwand der Ränkeſchmied über die Hof
mauer des nachbarlichen Gartens. Nicht immer aber
wurden dem Vater die Fäden ſichtbar, welche der er
finderiſche Sohn zur Ausführung eines Schelmen
ſtreiches verknüpfte .
So ſaß er einſt auf den Stufen der Treppe, die
24

zur Rüche hinabführten , beſchäftigt, aus Pferdehaaren


kleine Ringe zu einer Rette zuſammenzuſchlingen , ein
Zeitvertreib , der wohl den meiſten Anaben aus ihren
Schuljahren bekannt iſt. Auf dem Küchentiſche ſtand
cin Teller mit Eiern , die beſtimmtwaren, hart gekocht
zu werden . Ein ſchnurriger Gedanke erfüllte den Kna
ben beim Anblicke der Eier. Kaum war derſelbe in
Friß lebendig geworden, ſo ſchritt er zur Ausführung,
nahm unbemerkt eines von den Eiern , cntfernte ſich
damit, machte mit einer Nadel ein kleines Loch in
daſſelbe , und ſchob mit großer Vorſicht cin langes ,
ſchwarzes Pferdehaar hinein . Als dies vollkommen
gelang, bemächtigte er ſich in gleicher Weiſe der übrigen
Eier, mit denen er die gleiche Procedur vornahm . Vor
ſichtig legte er ſie dann wieder auf den früheren Plaß.
Die Eier wurden gekocht und aufgetragen . Friß
faß unweit ſeines Vaters am Tiſche mit Leſen beſchäf
tigt, während dieſer eines von den Eiern in die Hand
nahm und bedächtig den oberen Theil der Schale ab
löſte. Ein wenig Salz und Pfeffer wurde aufgeſtrichen
und nun vermittelſt eines Meſſers die erſte Scheibe
abgeſchnitten.
„ Was zum Henker iſt das ?" rief plößlich erſtaunt
der Vater aus, als cr, im Ei jenes Schwarze unter
ſuchend, ein langes Pferdehaar aus demſelben hervor
zog. „ Nein, ſo etwas iſt mir noch nicht vorgekommen ,
ein Pferdehaar in einem Ei!" Friß verwunderte ſich
natürlich ebenſo ſehr über dieſe fonderbare Erſchei
nung, wie der Vater, welcher, nachdem er das Ei vor
25

ſichtig nach allen Seiten unterſucht hatte , das Haar


auf ein Papier wickelte und es in die Taſche ſteckte.
Nachdem er ſich genugſam hierüber verwundert hatte,
griff er zum zweiten Ei. Jedoch wer beſchreibt ſein
Erſtaunen, als er in dieſem ebenfalls ein Pferdehaar
vorfand. Das Mädchen wurde heraufbeſchieden und
befragt, von wem cs die Eier bezogen habe. Dieſes
erwiederte, daß es die Eier am Morgen auf dem
Markte gekauft habe. Der Vater ſchüttelte bedenklich
den Kopf, ſchlug die beiden anderen Eier , nachdem
dieſe ſorgfältig beſichtigt waren , in ein Papier ein ,
und legte ſie auf die Seite, mit der Abſicht, dieſelben
als Beweismittel zu benußen , wenn man ſeiner Er
zählung keinen Glauben ſchenken ſollte. Erſt viele
Jahre ſpäter nahm ſein herangewachſener Sohn in
einer launigen Stunde Veranlaſſung, dieſes wunder
bare Räthſel zu löſen .
Ein wahres Glück war es , daß des Sohnes erfin
deriſches Talent meiſtens nur ſolche Eulenſpiegeleien
ausführte , welche einen harmloſen Character trugen .
Friß war zufrieden , wenn ſeine ausgeſponnenen In
triguen , die bald dem Einzelnen, bald der Menge gal
ten , eine komiſche Wirkung hervorbrachten . Hin und
wieder wurden jedoch Störungen dadurch hervorge
rufen , welche für den Anſtifter, wenn er entdeckt wor
den wäre, böſe Folgen hätten haben können .
So bewerkſtelligte er unter anderem ein Stückchen ,
das noch lange nachher ihm und ſeinen Bundesgenoſſen
Stoff zur Heiterkeit gab.
26

In ſeiner Vaterſtadt wurden alljährlich verſchie


dene Prozeſſionen abgehalten . Eine derſelben erſtreckte
ſich über eine etwas entlegene Straße, die von einem
kleinen Fluſſe durchſchnitten wurde, über den eine höl
zerne Brücke führte. An der Ecke dieſer Brücke lag
die Wohnung eines ſeiner intimſten Schulfameraden
und Complicen .
Die Straßen , durch welche die Prozeſſion ſich be
wegte , waren mit Blumen , Blättern und grünem
Schilfe beſtreut; dcsgleichen dic erwähnte Brücke. Friß
hatte ſich ein Fünfgroſchenſtück mit einem darin befind
lichen Loche zu verſchaffen gewußt, welches er zur Zeit,
als das Herannahen der Prozeſſion bemerkt wurde,
auf die Brücke feſtnagelte. Vorher aber hatte er, da
mit das Geld leichter bemerkbar würde, das in der
Nähe liegende Grün zur Seite geſchoben . Raſch ver
ſchwand dann unſer Friß , um mit ſeinen Kameraden
vom ſicheren Verſtecke aus die Wirkung ſeiner Inven
tion zu beobachten .
Langſamen Schrittes kommt jeßt der Zug in zwei
nebeneinander gehenden Reihen näher , geführt von
zwei, mehr wie gewöhnlich kräftig gebauten Männer
geſtalten, von denen Jeder ein ſchweres Banner trägt,
von welchem der untere Theil des Schaftes in einem
umgehängten ledernen Gürtel ſteckt. Bedachtſam und
würdevoll ſchreiten die beiden Führer einher. Zur ,
Löſung ihrer ſchweren Aufgabe iſt es ihnen geſtattet,
dort,wo ſie es für nothwendig anſehen , Halt zu machen ,
um ſich auszuruhen . Sie erreichen die Brücke und be
27

• ſchreiten ſie mit geſenktem Auge. Da gibt der Eine


das Zeichen zum Halten , hebt den ſchweren Schaft
aus dem Gürtel und ſeßt ihn auf den Boden , beugt
ſich nach dem verhängnißvollen Fünfgroſchenſtücke, er
greift aber ſofort mit geröthetem Angeſichte das Ban
ner, ſeßt es wieder in den Gurt und bewegt ſich , von
ſeinem Collegen gefolgt, langſam weiter. Zum großen
Gaudium der verſteckten Schelme erfolgt nun ein fort
währendes Bücken der nachziehenden Waller nach dem
verzauberten Geldſtück. — Selbſtverſtändlich gelangte
der Uebelthäter wieder in den Beſiß der fünf Groſchen ,
nachdem der leßte Mann der Prozeſſion die Brücke
paſſirt hatte.
Drittes Capitel.
Wiſſenſchaftliche Neigungen . — Elektriſirmaſchine. — Experi
mente. - Das alte Bauberbach . - Profeſſor Döbler . -
Enttäuſchung und Belohnung. – Auf höheren Schulen .
- Lithographiſcher Verſuch .

Gelingt es einem Menſchen , ſich auf irgend einem


Kunſtgebiete hervorzuthun und ungewöhnliche Erfolge
zu erringen , ſo wird er der oft wiederkehrenden Auf
forderung nicht entgehen , Auskunft zu geben , welcher
Umſtand, welche Veranlaſſung ihm den erſten Impuls
zu ſeiner Carrière gegeben . Entweder entſpringt nun
dieſe Frage aus gewöhnlicher Neugierde und dem natür
lichen Wunſche, ſich jede auffällige Erſcheinung zu er
klären , oder ſie findet ihren Grund in dem Streben
ides Pſychologen , über eine abnorme Erſcheinung ſich
Aufſchluß zu verſchaffen .
Sei dem nun wie ihm wolle ; die Erfahrung hat
gelehrt, daß die Entwickelungs - Periode eines jeden
Talentes , und als ein ſolches glauben wir unſeren
Helden bezeichnen zu dürfen , das ohne Führer, durch
eigene Kraft , ſich den Weg zu einer hervorragenden
Stellung in ſeinem Berufs - und Lebens-Mreiſe bahnte,
ſtets von allgemeinerem Intereſſe iſt. Deshalb möge
29

es dem Biographen vergönnt ſein , in dieſer Hinſicht


noch einige Mittheilungen zu machen.
Zu ernſten Studien ,wie ſchon erwähnt, zeigte Friß
keine ſonderliche Neigung ; dahingegen legte er eine
große Vorliebe für jede mechaniſche Arbeit, beſonders
für phyſikaliſche Erperimente an den Tag, von denen
er in der Schule eine flüchtige Kenntniß erlangt und
aus Büchern durch Selbſtſtudium einiges bruchſtück
weiſe erlernt hatte. Befaßte er ſich damit auch nur
in ſpielender Weiſe, ſo gelang es ihm doch, mit Hülfe
einer alten Phyſik, aus einer großen Terpentinflaſche
eine vollſtändige Elektriſirmaſchine herzuſtellen ,wodurch
er im Stande war, manche eben ſo intereſſante als
amüſante Experimente zu bewerkſtelligen. Es liegt nahe,
daß die Errungenſchaft einer ſolchen unſichtbaren Kraft
in den Händen eines Schalkes , wie unſer Friß es war,
nicht blos zu wiſſenſchaftlichen Verſuchen , ſondern
auch zu neckiſchen Experimenten diente , die ihn eben
ſo ſehr ergößten , als die Betheiligten. mit komiſcher
Furcht erfüllten . Der Eine erhielt beim Deffnen der
Thür, der Andere beim Niederſißen eine unliebſame
Erſchütterung , während ein Bauer von dem in Em
pfang zu nehmenden Gelde, welches mit einer Lei
dener Flaſche verbunden war, mit Entſeßen zurück
fuhr und nicht mehr zu bewegen war, das Geld von
dem Theebrette aufzunehmen.
So blieb jedoch dieſe Sache nichts weiter als eine
Spielerei, die auch von dem Vater nur als ſolche be
trachtet wurde und dem Sohne manchen Verweis ein
brachte. Hätte ein leitender Führer ihm zur Seite
geſtanden , der, ſeine Neigungen und Anlagen erfen
nend, dieſelben in den richtigen Kanal geleitet hätte,
ſo wäre es wohl nicht unwahrſcheinlich geweſen , daß
Friß auf dem geeigneten , vielleicht naturwiſſenſchaft
lichen Gebiete, es zu gewiſſen Erfolgen würde gebracht
haben . So aber vertändelte er ſeine Zeit, ohne weder
das Eine, noch das Andere gründlich zu erlernen .
Der Zufall führte ihm in dieſer Zeit ein altes
Buch : „ Deliciae Physico -Mathematicae , oder Philo
ſophiſche Erquicſtunden am Tag gegeben durch M .
Danielem Schwenterum , 1636 “ in die Hand ; - ein
wahrer Schat für ihn . Bis tief in die Nacht ver
fenkte er ſich nun häufig in die vergilbten Blätter
dieſes alten Druckes und konnte oft, wenn er zu Bette
ging, mit Fauſt ſagen :
„ Da ſteh' ich nun , ich armer Thor,
Und bin ſo klug als wie zuvor.“
So unklar“und ſchwer verſtändlich war die Sprache
des Buches :, ſowie auch die darin beſchriebenen Erpe
rimente oft ſolcher Art waren , daß ſie ſelbſt einem
gereifteren Verſtande Kopfzerbrechen gemacht haben
würden . Dennoch aber fiel manches Samenkorn auf
fruchtbaren Boden . Wenigſtens gelang es Friß , man
ches intereſſante Experiment ſich aus dem Wunderbuche
zu eigen zu machen und ſich dadurch bei ſeinen Mit
ſchülern ein nicht geringes Anſehen zu erwerben .
Leider kam der Herr Papa einſt zufällig hinter
den herrlichen Schaß und nahm ihn zum größten
Kummer des Beſißers in cigenen Verwahr. Dadurch
war allerdings dem Anaben das Material zu nächt
lichen Studien genommen , aber der Sinn für das
Wunderbare, für das Laboriren und Experimentiren
war einmal auf zu lebhafte Weiſe in ihm angeregt,
als daß er demſelben , bei ſeiner in dieſer Richtung
vorherrſchenden Neigung, fortan vollſtändig hätte ent
ſagen können . Nunmehr trieb er im Geheimen ſeine
Liebhabercien weiter und war nicht wenig erfrcut, in
einem Freunde ſeines Präceptors , der ein geſchickter
Architekt war und bei allen Knaben im Rufe der
Zauberei ſtand , ſogar einen Protector zu finden , der
ihn in manchen kleinen Geſchicklichkeiten unterwies.
Mehr als Alles aber wurde ſeine lebhafte Phan
taſie durch das Auftreten des ſeiner Zeit berühmten
Profeſſors der Magie , Döbler, *) in Aufregung ver
feßt , wenn er auch den Beſuch dieſer Vorſtellungen
durch eine bittere Demüthigung zu erkaufen hatte.
Durch einen Schulkameraden , deſſen Vater Bille
teur beim Theater wax , erfuhr er, daß dieſer eine
für jenen Künſtler anzufertigende Arbeit in Auftrag
habe. Dieſe Andeutung genügte , ſeinen Kameraden
zu deſſen Hauſe zu begleiten , um die betreffende Ar
beit in Augenſchein zu nehmen. Dieſelbe beſtand in
cinem großen ,mit Goldpapier überzogenen Starton , auf
dem mit Blei die Umriſſe von Quaſten oder Troddeln

* ) Ludw . Döbler verſtarb am 17. April 1864 auf ſeiner Be


fißung Gſtellenhof bei Turniß . Er war 1801 in Wien geboren .
32

· aufgezeichnet waren , die weiter ausgemalt werden


follten.
Gerade als Friß jenem Kamcraden mit fecker Zu
verſicht, unter nicht geringem Scharfblicke bezüglich
deſſen , was dadurch zu erreichen war, geſtand , daß
er ſich wohl getrauc , dieſe Arbeit erwünſchtermaßen
auszuführen , überraſchte der Vater ſeines Collegen
die beiden Anaben bei der geöffneten Rolle. Eine
Verſtändigung wurde bald erzielt und das Endreſultat
davon war, daß Friß mit großem Selbſtvertrauen die
Arbeit übernahm ,während ihm anheimgegeben wurde,
dieſelbe ſeiner Zeit perſönlich dem berühmten Künſtler
zu überreichen .
Die Schule wird geſchwänzt, die Arbeit in einem
Tage fertig geſtellt. Frißens Farbekaſten mußte ent
feßlich herhalten . Weder Zeichen - noch Mal-Unter
richt hatte er je genoſſen ; nichtsdeſtoweniger war er
überzeugt, daß er ſeine Sache gut gemacht habe, zu
mal er großen Fleiß darauf verwandt hatte.
Am folgenden Morgen trägt er triumphirend die
Rolle zum Hotel des Rünſtlers. Der Diener nimmt
dieſelbe in Empfang , und läßt ihn im Vorzimmer
warten . Die Thüre bleibt halb geöffnet , ſo daß der
Maler par excellence jedes Wort deutlich verneh
men kann .
„ Wer hat denn dieſe Sauerei gemacht?" hört er
plößlich vernehmlich zu ſeinen Ohitn dringen .
Es wird ihm blau vor den Augen ; er umfaßt
frampfhaft die Lehne eines neben ihm ſtehenden Stuh
33

les , und nachdem er ſich einen Augenblick geſam


melt, ſteht er im Begriffc , ſich geräuſchlos zu ent
fernen , als der Diener zurückfehrt und mit lachendem
Geſichte nach dem Preiſe fragt. Mit beklommenem
Herzen geſteht er nun,daß er ſich nur ein paar Galleric
billete zu einer der Vorſtellungen hätte erwerben wol
len ; da er aber zufällig gehört habe , daß ſein Herr
mit der Arbeit unzufrieden ſei, ſo verzichte er auch
auf dieſe.
„Bleiben Sie, — bleiben Sie,“ rief der gutmüthige
Diener ihm nach ; „dieſe ſollen Ihnen dennoch werden .“
Nach wenigen Augenblicken verließ er mit zwei Bille
ten das Hôtel. Er eilte ſcheu durch die Straßen , ſich
felber nicht klar, ob er mehr durch das bittere Gefühl
der erlebten Demüthigung oder durch den glücklichen
Beſiß der beiden Einlaßkarten zu den Vorſtellungen
des berühmten Zauberers in ſolch nervöſe Aufregung
verſekt worden ſei.
Keinem Menſchen theilte er ſeinen Erfolg mit, aber
am Abend gehörte er zu den Erſten ,welche die Theater
thüre belagerten .
Was er ſah und hörte , blieb in ſeinem tiefſten
Innern mit Lapidarſchrift eingegraben. Ueberwältigend
war für ihn der crſte Anblick des Fecntempels , der
im Glanze von unzähligen Kerzen voll bunter Farben
pracht ſich ſeinen Augen darbot.
Aber was war das Alles im Gegenſaße zu den
darauf folgenden Leiſtungen des Künſtlers , der mit
leichtem , anmuthigen Benehmen das zahlreiche Publi
Bd. I.
34

kum durch ſeine überraſchende Darſtellung in Erſtaunen


ſeşte und Alle zu lebhaftem , enthuſiaſtiſchem Beifalle
hinriß !
Friß applaudirte nicht. Es war' ihm , als ob er
ſich in einem märchenhaften Traum befände, aus wel
chem er erſt erwachte , als der Vorhang fiel und das
Publikum ſich unruhig nach den Ausgängen des Mu
ſentempels drängte.
Der Neophyt ging nachdenklich zu Hauſe und ver
brachte eine unruhige, wenn auch nicht ſchlafloſe Nacht.
Aber der Zauber wurde fortgefekt. Vor ihm lag wic
dcrum der alte, dicke, ſtaubige „ Schwenterus“ mit ſei
nem ſchweinsledernen Einbande, ſeinen vergilbten Blät
tern und merkwürdigen Hieroglyphen. Emſig nad)
der Zauberformel ſuchend, die ihm das Geheimniß der
geſehenen Wunder löſen ſollte , erſchien plößlich eine,
wie in grauen Nebel gehüllte, geſpenſterhafte Geſtalt,
die ihre eiſige Hand auf ſeine Stirn legt. Er ſchlägt
die Augen auf; vor ihm ſteht der beſorgte Vater, der
ihn zum Aufſtehen mahnt, da es die höchſte Zeit ſei,
zum Frühſtücke zu fommen und den Weg zur Schule
anzutreten.
Die folgende leßte Vorſtellung findet unſeren
Schwärmer ſchon ruhiger, zumal der Künſtler einige
leichtere Kunſtſtücke erklärt und er nun die Ueberzeu
gung gewinnt, daß Alles auf natürlichem Wege zugeht.
Wenn auch allmählich der überwältigende Eindruck
des Neuerlebten mehr oder weniger in dem Gemüths
des Knaben verwiſcht wurde, der Kern deſſelben hatte
35

feſte Wurzeln gefaßt, die herauszureißen Nicmand mehr


fähig war.
Wir legen einen um ſo größeren Werth auf die
Mittheilung dieſes Ereigniſſes , als der betreffende
Künſtler ſich gewiß nicht träumen ließ , daß der un
geſchickte Quaſtenmaler dereinſt ſein erfolgreicher Rivale
werden ſollte , der es ſogar dahin brachte , daß ſein
Vorbild mehrfach gefliſſentlich die Städte micd , in
denen Jener demnächſt ähnliche Vorſtellungen gab.
Sehren wir zurück zu der Entwickelungsperiode des
Knaben , welcher bis jeßt noch nicht das Alter zur
Confirmation erreicht hatte.
„Mit Hangen und Bangen , in ſchwebender Pein "
brachte Friz es unter Benußung aller erdenklichen
Hülfsmittel allmählich bis zur Quarta. Hier aber
hatte er den Endpunkt ſeiner claſſiſchen Schulbildung
erreicht, indem von Seiten des Directors dem Vater
der gute Rath ertheilt wurde, für das fernere Studium
des Sohnes weiter kein Geld nußlos zu verſchwenden .
Das war ein gar ſchlimmer Zeitpunkt. Nachdem
das häusliche Unwetter ſich in etwa verzogen hatte ,
wurde nach längerer Ueberlegung des unzufriedenen
Papas noch zu einem leßten Zufluchtsmittel , der Ge
werbeſchule gegriffen . Obgleich er ſich in dieſem In
ſtitute fleißiger denn bisher der Studien annahm und
zuweilen ſogar ſich einer Belobigung zu erfreuen hatte,
ſo brachte er es trokdem auch hier während der Dauer
von anderthalb Jahren zu keinem hervorragenden Er
folge. Sein angeborener Leichtſinn , ſein Hang zu
3*
36

Liebhabereien , die ſeinen Fleiß beeinträchtigten , die


nachſichtsvolle Erziehung, die ihm zu Hauſe zu Theil
wurde, und die hieraus entſpringende Unbeſtändigkeit
in ſeinen Beſchäftigungen , waren die Urſachen ſeiner
mangelhaften Fortſchritte. So wurde der Vater end
lich der ſteten Ausgaben für Schulunterricht über
drüſſig und beſtand darauf, der Junge ſolle eine Pro
fefſion erlernen .
Umſonſt vergoß die Mutter bittere Thränen , indem
ſie überzeugt war, daß ihr Liebling zu etwas Beſſerem
geboren fei ; aber all ihre Einwürfe halfen nichts .
Einſtweilen wurde Friş tagediebend im Hauſe ge
duldet, während der Vater unſchlüſſig war , was mit
ihm eigentlich zu beginnen ſei. Die meiſten derjenigen
Metiers , zu denen Friß wohl Luſt bezeigte, erforderten
ein zu großes Lehrgeld , und ſolches war der Vater
aufzubringen nicht im Stande. Sich einer beſcheidenen
Beſchäftigung zu widmen , dazu beſaß der Knabe be
reits einen zu großen Dünfel.
Endlich ſchien jedoch das Rechte gefunden zu ſein .
In einem lithographiſchen Inſtitute war ein Lehrlings
plaß zu beſeßen . Friß fand dieſe Stelle nicht unter
feiner Würde und hoffte, mit einiger Anlage zum
Zeichnen und nicht übler Handſchrift, es hier zu etwas
zu bringen . Leider aber ſtellte ſich alsbald heraus,
daß der Lehrling zu vielen anderen Dingen heran
gezogen wurde,welche ihm nicht nach der Müße waren
und wenig Gelegenheit gaben , ſich in der Hauptſache,
der lithographiſchen Kunſt, auszubilden . Außerdem war
37

ſein Lehrherr vollſtändig zufriedengeſtellt , wenn Fritz


die ihm übertragenen anderweitigen Aufträge pünktlich
ausführte, und befümmerte ſich wenig oder gar nicht
darum , was der Lehrling weiter trieb. Friß ſelbſt
war außer ſich über das verfehlte Unternehmen , um
ſo mehr, da er es nicht wagte , ſeinem Vater ein
offenes Geſtändniß zu machen" .
Da wurde er unerwartet von einer Krankheit be
fallen , welche ihn auf längere Zeit zwang, Haus und
Bett zu hüten . Er benußte nun die Gelegenheit, ſeinem
Vater von der ungeſunden und unzweckmäßigen Bea
ſchäftigung Kenntniß zu geben , und bewog denſelben
demnächſt, den Lehr - Contract rückgängig zu machen ,
was um ſo eher möglich war, da die feſtgeſcßte Pro
bezeit nachgerade zu Ende ging.
Aufs Neue verbrachte er nun mehrere Monate
peinlichen Angedenkens im elterlichen Hauſe , indem
der Tages über beſchäftigte Vater ſeinem unbeſchäf
tigten Sohne beim Zuhauſekommen nicht immer in der
beſten Laune begegnete. Friß ſelbſt, eines ſolchen un
thätigen Lebens nicht weniger überdrüſſig , ſchnte ſich
herzlich nach einer anderweitigen Beſchäftigung. End
lich wurde ihm eine ſolche im December 1835 zu Theile,
und zwar derart, daß ſeine Anſprüche und Erwar
tungen eine vollſtändige Befriedigung fanden und ſo
gar bei ſeinen Eltern erneute Hoffnung erweckt wurde,
dereinſt ihren Sohn in einer reſpectablen Stellung
zu ſehen .
Viertes Capitel.
Beſſere Ausſidten . – Volontair . – Eine Secretairſtelle. —
Eine Entdeckung und ihre Folgen. — Brodloſe Künſte. —
Ein neuer Prinzipal.

Auf dem Büreau des Landraths Grafen v . S .


war die Stelle eines Volontairs vacant. Friş be
warb ſich um dieſelbe und erhielt ſie. Erwies er ſich
fleißig und thätig, ſo konnte er auf dieſem Wege nach
Ablauf von zwei bis drei Jahren eine Stelle als Bür
germeiſterei -Secretair und ſpäter ſogar Ausſicht auf
cine Amtmannsſtelle gewärtigen . Die Beſchäftigung,
welcher er obliegen mußte, beſtand hauptſächlich im
Copiren der landräthlichen Verfügungen und Berichte,
und obgleich er mit den beſten Vorſäßen ſich ſeiner
Pflicht unterzog, ſo konnte es doch bei ſeinem regen
Geiſte , dem die eigentliche Sphäre der in ihm ſchlum
mernden Anlagen entzogen war, nicht verwundern,
wenn er oft und peinlich das Geiſtloſe einer ſolchen
Beſchäftigung empfand. Dies hatte zur Folge, daß
er allmählich über ſich ſelbſt, ſeine Gegenwart und Zu
kunft ernſtlich nachzudenken begann und ſo endlich
zur Erkenntniß ſeines eigentlich verfehlten Lebens kam .
Zu ſeinem Schrecken erfannte er nun ſeine mangelhafte
39

geiſtige Ausbildung. Mit voller Klarheit traten ihm


die großen Nachtheile vor Augen , die ihm aus ſeiner
Fahrläſſigkeit , aus ſeiner Gleichgültigkeit für ernſte
Studien , aus ſeinem Vielerlcitreiben erwachſen mußten .
Sein Erwachen war von ſchweren Selbſtvorwürfen be
gleitet. Zum erſten Male vergoß er über ſeinen Leicht
finn und ſeine Thorheit bittere Thränen . Die eigent
liche Zeit zur Erlernung nüßlicher Kenntniſſe, wie ſie
cincm jungen Manne zu ſeinem ſpäteren Fortkommen
in der Welt durchaus nothwendig ſind, war unwider
bringlich verloren. Es blieb Friß jeßt nichts anderes
übrig , als fortan den ernſten Entſchluß und Vorſak
zu faſſen , ſich ſeiner gegenwärtigen Beſchäftigung mit
Ausdauer zu widmen , und keine Gelegenheit unbenußt
zu laſſen , das Verſäumte in etwa durch fleißiges Selbſt
ſtudium nachzuholen .
Um ſich dieſes gefaßten Entſchluſſes ſtets mit Leb
haftigkeit zu erinnern und denſelben vor Augen zu
behalten , beſchloß cr zunächſt, ihn in ein Tagebuch
niederzuſchreiben . — Daß er ſein Vorhaben auch als
bald zur Ausführung brachte, beweiſt die gegenwärtige
Biographie , welcher jene Aufzeichnungen zur haupt
fächlichen Grundlage dienen . Wenn nun auch dieſe
Selbſterkenntniß in Zukunft für ihn von großer Wich
tigkeit war und ſein Streben fortan cine entſchieden
reellere Baſis gewann , ſo war er dadurch doch keines
wegs gänzlich von ſeinen alten Thorheiten befreit,
noch für den Augenblick in Stand geſeßt, ſich einen
crfolgreicheren Wirkungskreis zu bahnen . Er crgab
40

ſich alſo einſtweilen ruhig in ſein Schickſal, war flei


ßig und thätig und ſuchte den Anforderungen ſeines
Chefs, ſoweit es in ſeinen Kräften ſtand, zu genügen .
Wenn die übrigen Beamten das Bürcau verlaſſen
hatten , ſaß er , oft noch ſtundenlang allein vor ſei
nem Schreibtiſche, und ſann über Pläne und Projecte
für die Zukunft nach . Am meiſten ſchmerzte ihn dann
der Gedanke, ſeinen armen Eltern bei dem beſchränkten
Einkommen des Vaters fortwährend zur Laſt fallen
zu müſſen . Oft wurde er dann von ſchweren Sorgen
und bitterem Unmuthe ergriffen , und ſtand darauf und
daran, aufs Gerathewohl in dieWelt zu gehen , wenn
er nicht befürchtet hätte, den lieben Scinen dadurch
den größten Kummer zu bereiten. Tauſenderlci Ent
würfe für ſeine zukünftige Exiſtenz wurden gemacht
und wieder über Bord geworfen . In ſolchen Stunden
tauchte dann häufig die Erinnerung an die Vorſtellung
des Herrn Döbler und der Gedanke in ihm auf, deſſen
Beiſpiel zu folgen . Aber wie das bewerkſtelligen ?
woher die Mittel, woher das Geld zur Reiſe nehmen ?
wie und wo anfangen ? - Das waren Fragen , deren
Löſung er nicht aufzufinden vermochte.
So hatte er bereits dritthalb Jahr unter dem
Drucke crfolgloſen Strebens, ohne jede Ausſicht auf
ein Salair , wodurch er im Stande geweſen wäre,
ſeinen Antheil zum Haushalt der Seinigen beizuſteuern,
in Mißmuth verbracht, als er im Tageblatte eine An
nonce las , derzufolge in einem kleinen Landſtädtchen
ein junger Mann als Secretair für einen Rechtsanwalt
geſucht wurde. Er bewarb ſich um dieſe Stelle und
crhielt ſie. Obgleich nur mit einem Salair verknüpft,
das eben genügte , ſeinen Unterhalt zu beſtreiten , bot
jene Stellung jedoch ſeinen früheren Verhältniſſen
gegenüber manche Vortheile und Annehmlichkeiten , die
er in dem Bewußtſein ſeiner endlich erreichten Selb
ſtändigkeit mit enthuſiaſtiſcher Freude begrüßte. Ein
freundlicher, cinſichtsvoller Prinzipal, trauliche BC
kanntſchaften , gemüthlicher Familienverkehr in dem
kleinen , romantiſch gelegenen Städtchen , machten ihn
zum glücklichſten Menſchen . Eine Zeitlang waren
ſeine Neigungen zum Experimentiren und zum Ver
folgen naturwiſſenſchaftlicher Studien , wie er ſie in
der kleinen Dachkammer des elterlichen Hauſes getrie
ben hatte, in den Hintergrund getreten , und würden
vielleicht allmählich erloſchen ſein , wenn nicht gerade
hier das Schickſal ihm eine ſchwere Verſuchung hätte
entgegentreten laſſen .
Der Zufall führte ihn nämlich , bei Gelegenheit
eines Wohnungswechſels , in das Haus einer Wittwe,
deren Gatte Arzt. geweſen und bereits ſeit einer Reihe
von Jahren verſtorben war. Beim Beſichtigen der
Räume leuchteten ſeinem Auge eine Menge unordent
lich umherſtehender Maſchinen und Inſtrumente ent
gegen , welche ihm ſofort verriethen , daß der einſtige
Beſiber derſelben auf dem Gebiete der Naturwiſſen
ſchaften heimiſch geweſen ſein müſſe. Mit welcher freu
digen Erregung Friş indeſſen dic Entdeckung machte,
daß unter einem großen Haufen Bücher, welche in der
42

Ecke eines Zimmers aufgeſpeichert lagen , ſich eine


Menge derjenigen Werke befanden , die er längſt dem
Namen nach kannte und die, auch nur vorübergehend,
zu beſiken , ſeit geraumer Zeit ſein ſchnlichſter Wunſch
geweſen war , davon macht ſich der Leſer ſchwerlich
einen Begriff.
Mit der Wohnung war es zwar nichts , aber nichts
beſtoweniger gelang es ihm , bei der frcundlichen alten
Frau , wahrſcheinlich durch das lebendige Intereſſe,
das der junge Mann für die alten Schartefen aus
dem Nachlaſſe ihres verſtorbenen Gatten unverhohlen
zeigte, ſich ſo in Gunſt zu ſeßen , daß ſie ihm in der
zuvorkommendſten Weiſe geſtattete , ſeine Beſuche zu
wiederholen , um die alten Bücher und Maſchinen
näher in Augenſchein zu nehmen . Dieſe intereſſante
Bekanntſchaft wurde natürlich ſorgſam gepflegt und
hatte zur Folge , daß er diejenigen Gegenſtände und
Bücher, welche für ihn ein beſonderes Intereſſe hat
ten , gegen eine verhältniſmäßig geringe Entſchädigung
ſich zu eigen machen durfte. So geringfügig der Be
trag von einigen Thalern für dieſe höchſt werthvolle
Acquiſition war, ſo konnte Friß denſelben doch nur
mit Aufopferung einer Menge anderer kleiner Annehm
lichkeiten erreichen . Was war aber dieſe Widerwär
tigkeit gegenüber jenen Genüſſen , welche ihm aus dem
Beſige dieſer unerſchöpflichen Wiſſensquelle entſpran
gen ? Die zwölf Bände von Halles Magie, welche ſich
darunter befanden , wogen allein zehnfach den dafür
zu erlegenden Betrag auf, der berühmten Werke von
43

Eckartshauſen , Guyot, Wigleb u . a . m . nicht zu ge


denken , die er nebenbei noch in den Kauf erhielt.
Unerſchöpfliches Vergnügen erwuchs ihm aus dieſem
Handel,zumal ſeine bereits ziemlich gedämpften Hoffnun
gen hinſichtlich ſeiner früheren abenteuerlichen Projecte
dadurch wicderum einen ncuen Aufſchwung erhielten.
Die geſelligen Vergnügungen, die er bisher aufgeſucht,
traten in den Hintergrund. Fortan widmete er ſeine
freien Stunden beinahe ausſchließlich dieſer für ihn
ſo anziehenden Lectüre und war nie glücklicher , als
wenn er derſelben ungeſtört nachhängen konnte.
Nach einer ungefähr zwcijährigen Dauer dieſer
glücklichen Zeit begann ſein Horizont ſich wieder zu
trüben. Einige Mißhelligkeiten mit einem unverträg
lichen Collegen brachten ihn in Conflict mit ſeinem
Prinzipal und veranlaßten ihn , gegen Ende des Jah
res 1837, nach Münſter zurückzukehren . Er verbrachte
auf's Neue einige Monate im elterlichen Hauſe , um
alsdann eine Stelle als Secretair eines Steuer -Em
pfängers, Herrn .. ...., mit einem beſchränkten Sa
lair von monatlich 8 Thalern anzunehmen. Auch ge
lang es ihm , die einförmigen Rechnungen und ſonſtigen
Büreau -Arbeiten zur Zufriedenheit ſeines neuen Prin
zipals , eines Mannes von großer Herzensgüte und
äußerſt leutſeligem , liebreichem Character, zu erledigen .
Die vorgeſchriebenen Büreauſtunden ließen Friß täg
lich noch einige Zeit mehr als vordem zu ſeinen Er
holungen frei, wobei der Umſtand nicht zu unter
ſchäßen war, daß er im elterlichen Hauſe wohnte.
44

Sein kleines Einkommen theilte er mit ſeinen Ange


hörigen . In dem trauten, kleinen Studieſtübchen rich
tete er ſich wiederum gemüthlich ein. Wenn er gleich
mit ſeinem ſpärlichen Einkommen keine großen Sprünge
zu machen im Stande war, ſo wußte cr doch immer
hin ſoviel zu erübrigen , daß das Erſparte hinreichte,
um damit die Auslagen für manche intereſſante Erpe
rimente in der Chemie und Phyſik zu beſtreiten . In
wie fern dieſe für ihn von Nußen waren, wollen wir
hier nicht erörtern . Nach dem Urtheile rancher cin
ſichtsvollen Leute hätte er beſſer gethan, ſich irgend
cinem beſtimmten Studium oder einem ernſten wiſſen
ſchaftlichen Streben zu widmen . Aber was half es ,
wenn ihm ſelbſt auch ab und zu dieſer Gedanke kam ;
feinen angeborenen Neigungen vermochte er nicht zu
widerſtehen . Er experimentirte ohne jeden cinheitlichen
Plan, ohne wiſſenſchaftliche Grundlage. Da war es
denn nicht zu verwundern, wenn namentlich dicjenigen
Experimente einen großen Reiz für ihn hatten , welche
mit auffälligen Erſcheinungen verbunden oder auch
geeignet waren , bei Anderen Aufſehen und Staunen
zu erregen .
Stets bereit, Andere durch ſein Wiſſen und ſeine
Kunſt zu erfreuen , war er überall cin gern geſehener
Geſellſchafter , und fand in manchen Kreiſen freund
liches Entgegenkommen , die vielen ſeiner Altersgenoſſen
verſchloſſen blieben . Dieſe „brodloſe Kunſt“ , wie ſein
guter Vater ſich unmuthig auszudrücken pflegte, ſollte
ihm ſpäter zu den glänzendſten Erfolgen verhelfen und
45

ihm den Weg zu ciner ebenſo unabhängigen als acht


baren Stellung bahnen . „Nicht die Beſchäftigung ſoll
den Mann, vielmehr dieſer die erſtere zu Achtung und
Ehre erheben ,“ ſagt ein Schriftſteller, und das iſt unter
Bekämpfung mancher Schwierigkeiten und Widerwär
tigkeiten dem Unverdroſſenen redlich gelungen . War
er gleich zur Zeit über die Art und Weiſe der Er
reichung ſeines Zieles im Unklaren , ſo arbeitete er
doch demſelben unausgeſeft durch ſein darauf hinzie
lendes Studium mit Umſicht und Conſequenz entgegen ,
auf einen günſtigen Zufall rechnend, der den Ball ins
Rollen bringen würde. Niemandem aber vertraute er
ſeinen Plan und ſeine Hoffnungen . Die Erfahrung
hatte ihn bereits belehrt, daß es bis zum geeigneten
Zeitpunkt beſſer ſei zu ſchweigen . Einſtweilen begnügte
er ſich mit der angenehmen Zerſtreuung , welche ihm
aus ſeiner Liebhaberei erwuchs, die höchſtens ab und
zu, durch die Unklarheit der Situation hervorgerufen ,
von entmuthigenden Gedanken und zweifelhaften Hoff
nungen unterbrochen wurde. Ein anderer Weltſchmerz
aber begann zu dieſer Zeit ſeine melancholiſchen Fit
tige über ihn auszubreiten und ihn ernſtlich zu be
cinfluſſen. Er fühlte ſich oft von einer eigenthüm
lichen Schwermuth und Niedergeſchlagenheit befallen ;
eine bange Sehnſucht erfüllte ſeine Bruſt und trieb
ihn zum Aufſuchen einſamer Gegenden . Er konnte
von einer unerklärlichen Traurigkeit ergriffen werden ,
die das Auge ihm feucht machte. Dann verlor
cr die Luſt ſelbſt an ſeinen Lieblingsbeſchäftigungen
46

und fand nur Troſt und Beruhigung in der freien


Natur.
Was mochte dieſem geheimniſvollen Zuſtande zu
Grunde liegen , der vorzugsweiſe zur Zeit des Früh
lings, wenn Flur und Wald ſich bei mildem Sonnen
fchein mit friſchem Grün und Blumen ſchmückten , zu
Tage trat?
Ihm ſollte geholfen werden und zwar merkwürdi
gerweiſe durch Vermittlung ſeiner Kunſt.
Fünftes Capitel.
Eine Bauberin. – Die hübſche Couſine. — Aud ein Idyll. –
Der Magier Becker . – Gewagte Mithülfe.
Auf dem Wege zu ſeinem Bürcau entdeckte Frit
eines Morgens an den Straßenecken große, bunte
Zettel, mit Holzſchnitten verziert, die das Auftreten
einer Magierin , Profeſſorin B . . . . . , wie ſie ſich
nannte, demnächſt in Ausſicht ſtellte. Daß Friß all
abendlich bei dieſen Vorſtellungen unter der ſchau
luſtigen Menge ſich befand, iſt ſelbſtverſtändlich . Wenn
er auch Manches bei dieſer Gelegenheit lernte, ſo be
friedigten ihn jedoch die Vorſtellungen , im Ganzen
genommen , keineswegs. Der wiederholte Beſuch ſollte
aber in anderer Beziehung für ihn cine Bedeutung
gewinnen . An cinem der Abende traf er cinen Freund
in Begleitung ſcines wundcrhübſchen Couſinchens, die
zum erſten Male in ihrem Leben einer derartigen Vor
ſtellung beiwohnte , und mit lebhaftem Intereſſe den
verſchiedenen Productionen folgte. Er hatte das Glück,
ihr Nachbar zu ſein und von ſeinem Freunde ihr vor
geſtellt zu werden. Das liebliche blaue Auge, das
animirte Weſen der jungen Dame, machte neben dem
Intereſſe, das ſie für die verſchiedenen Kunſtleiſtungen
48

an den Tag legte , einen mächtigen Eindruck auf ihn .


Der Zwiſchenact bot ihm Gelegenheit, ſich derſelben
als einen Eingeweihten in der Kunſt bemerkbar zu
machen und durch verſchiedene bezügliche Mittheilun
gen ihr Intereſſe in ſo hohem Grade zu erwecken , daß
ſie ihren Couſin erſuchte, ſeinen Freund aufzufordern ,
ihn gelegentlich bei einem Beſuche ihres Hauſes zu
begleiten und ihnen einige ſeiner Kunſtfertigkeiten zum
Beſten zu geben . Das war es gerade, was unſer
junger Diplomat erſtrebte. Von einer mehr wie ge
wöhnlich freudigen Erregung erfüllt, nahm er die Ein
ladung dankbar entgegen , und ſchon nach wenigen
Tagen ſollte er das Vergnügen haben, in Begleitung
ſeines Freundes den Eltern und Geſchwiſtern der
jungen Dame vorgeſtellt zu werden . Es gelang ihm
in der That, ſich durch ſeine kleinen Kunſtfertigkeiten
den Beifall und Dank der ganzen Geſellſchaft zu er
werben . Mehr jedoch als alles Andere belohnten ihn
die dankbaren anerkennenden Blicke und Worte der
jenigen, die mit kindlicher Naivetät den erſten Impuls
zu ſeinem Hierſein gegeben hatte. Als er nach mehr
ſtündiger Anweſenheit ſich empfahl, begleitete ihn dies
ſelbe bis zum Ausgange des Hauſes, wo er ſchüchtern
es wagte, ihr die Hand zu reichen und dieſelbe leiſe
zu drücken . Seine erregte Phantaſie machte ihn glau
ben , einen ſanften Gegendruck empfunden zu haben ,
und vor Freude jubelnd cilte er durch die dunkeln
Straßen ſeiner Wohnung zu. Der im Kalender ver
kündete, aber leider nicht eingetretene Mondſchein ließ
49

die Straßen in vollſtändige Dunkelheit gehüllt , deſto


heller aber war es in ſeinem Innern.
Fortan war Friß zu einem verliebten Schwärmer
umgewandelt , der in kurzen und langen poetiſchen
Ergüſſen das Glück und die Sehnſucht ſeiner Liebe
beſang. Natürlich war ſeine Zeit dadurch ſo in An
ſpruch genommen , daß ſeine gewohnten Liebhabereien
ſehr in den Hintergrund traten. Außerdem gelang es
ihm , bei einer Freundin Joſephinens — dies war der
Name ſeiner Angebeteten – eingeführt zu werden , die
alsbald auch ſeine intime Freundin und Vertraute
wurde und bei welcher er – die Umſtände geſtatteten
es – den größten Theil ſeiner freien Abende ver
brachte und ab und zu ſich des Glückes erfreute, ſeine
Uuserkorene von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen .
Zur Erklärung muß hier angeführt werden , daß
Emilie 6 . .. .. . — die beiderſeitige Freundin — ihre
Eltern frühzeitig verloren hatte und dem Haushalte
ihres außerhalb des Hauſes beſchäftigten Bruders
allein vorſtand und dadurch , troß ihres jugendlichen
Alters , zu einer Selbſtändigkeit und Unabhängigkeit
gelangt war, die ihr, obgleich ſie mit ihrer Freundin
von gleichem Alter war, eine Characterreife verliehen
hatten , welche unnatürlich erſchienen wäre, wenn nicht
ſo manche ſchmerzliche Prüfung und bittere Erfahrung
bereits ihren jugendlichen Lebenspfad durchfreuzt hätten .
Zwar liegt es nicht in der Abſicht des Biographen ,
die, einem Roman viclleicht entſprechende, genaue Cha
racteriſirung beider Perſönlichkeiten zii entwerfen , doch
Bd. I.
50

kann er nicht umhin , zur näheren Aufklärung des an


gedeuteten Verhältniſſes und zum Verſtändniß des
ſpäter Folgenden etwas eingehender derſelben zu ge
denken, um dem Leſer auch den kleinſten Schatten einer
möglichen , anderweitigen Deutung zu benehmen .
Emilie, die einzige Tochter ihrer Eltern, hatte eine
ſorgſame und für ihre Verhältniſſe vorzügliche Er
zichung genoſſen. Sie beſaß ein weiches , empfäng
liches Gemüth und war für alles Gute , Edle und
Schöne ſtets begeiſtert. Von einem ſtreng religiöſen
Sinn geleitet, zeugten all’ ihre Handlungen nur von
echter Frömmigkeit und Weiblichkeit. Natürlich und
ungezwungen in ihrem Benehmen , war ſie beliebt bei
allen , die mit ihr in Verkehr ſtanden . An eine ſtets
rege Thätigkeit gewöhnt, fand ſie ihr größtes Ver
gnügen darin , ſich in den Erholungsſtunden neben ir
gend einer weiblichen Handarbeit mit dem Leſen deut
cher Claſſiker zu befaſſen . Spätere Zeiten überführ
ten Friß , daß ſie es auch verſtand , ihren Gedanken
und Empfindungen in ſinnigen und entſprechenden
Gedichten Ausdruck zu geben ; doch währte es lange
Zeit, ehe er davon Kenntniß erlangte, was er, neben
bei geſagt , nur einem beſonderen Zufall verdankte.
Dieſe Andeutungen mögen dem Leſer genügen .
Was nun das ideal ſeiner Schwärmerei, ſeine
Joſephine, anbetrifft, ſo wollen wir ſeinem Tagebuche
Glauben ſchenken , daß dieſelbe mit allen Vorzügen
körperlicher Schönheit alle Eigenſchaften eines edeln
Herzens, einer nicht gewöhnlichen geiſtigen Begabung
51

3 on: und die cines flaren , ſcharfen Verſtandes verband.


So ſehr ſie mit ihrer Freundin harmonirte , herrſchte
inot
doch eine große Characterverſchiedenheit zwiſchen Bei
den. Während jene mehr von augenblicklichen Ein
drücken beeinflußt wurde und das Herz ſtets auf der
eine Zunge trug , beobachtete Joſephine bei aller Liebens
würdigkeit im Umgange ſtets ein ernſtes, zurückhaltendes
Benchmen , welches unſeren verlichten Schwärmer hin
und derte , einen klaren Einblick in ihr Inneres zu thun
und ihm manche troſtloſe Stunde bereitete.
Von So ſchr die Umſtände und das Benehmen der
ind jungen Dame ihn auch zu der Ueberzeugung brachten ,
daß er derſelben nicht gleichgültig ſei, gelang es ihm
doch nie , zu einem Geſtändniſſe ihrer Gegenliebe ſie
zu bewegen .
Es war ſeine erſte Jugendliebe, welche ſein ganzes
Sein und Denken erfüllte und , fern jeder falten Be
rechnung, jedem anderen Nebengedanken , nur nach dem
cinzigen Ziele ſtrebte , das Herz der Gelichten zu ge
winnen und Liebe um Licbe zu tauſchen . Das ſollte
aber nicht ſein ; er mußte ſich begnügen mit den un
zweifelhaften Beweiſen ihrer Zuneigung, die aus einer
Menge kleiner, unſcheinbarer Kundgebungen hervor
gingen , wie ſie dem weiblichen Herzen zu Gebote ſte
hen, die wohl überführen , aber zu Nichts berechtigen.
Er ergab ſich ſchließlich in ſein Schickſal und pries
nichts deſto weniger die Stunden als die glücklichſten,
welche er in ihrer Geſellſchaft verbrachte. Der tägliche
Beſuch ihrer Freundin , der gegen Abend zu erfolgen
4*
52

pflegte, gab ihm hierzu häufige Gelegenheit, wofür er


ſeiner Freundin Emilie, die mit kindlicher Herzensgüte
bei ſeinem Erſcheinen ſtets ein freundliches Willkom
men für ihn hatte, zu großem Danke verpflichtet war.
Meiſtens hatte Joſephine nur „ auf wenige Minuten "
Zeit , die ſich in der Regel aber zum wenigſten auf
ein Viertel- oder ein halbes Stündchen ausdehnten .
Ab und zu ließ ſie ſich von ihrer Freundin bewegen,
den Abend bei ihr zuzubringen . Alsdann übernahm
häufig einer von den dreien , aus einem älteren oder
neueren Schriftſteller etwas vorzuleſen , wenn nicht
vielleicht irgend eine epochemachende Erſcheinung in
der Tagesliteratur den Stoff zu einer belebten Unter
haltung gab. Die gemeinſame Freundin las gern und
las gut, weshalb Friß ſich auch darauf beſchränkte,
mehr ein „ geſchickter“ Zuhörer als Vorleſer zu ſein ,
und den — wie hätte es anders ſein können ? — aus
gewählten geiſtigen Vorträgen Beifall und Bewunde
rung zu zollen . Da jedoch nach einer anderen Rich
tung hin ſein Wohlgefallen in einem noch höheren
Maße in Anſpruch genommen wurde, als durch die
ſchönſten Stellen der berühmteſten Dichter und Dent
ker , ſo mag es wohl vorgekommen ſein , daß er hin
und wieder nur wenig auf die Vorträge achtete und
in eine nicht geringe Verlegenheit gerathen wäre, wenn
er ſich einem Eramen hätte unterwerfen ſollen .
Die Vorliebe der beiden jungen Mädchen für die
ſchöne Literatur im Allgemeinen entſprang wohl zu
nächſt aus ihrer beiderſeitigen natürlichen , geiſtigen
53

Beanlagung, ſowie andererſeits aus dem Umgange


mit naheſtehenden Freunden und Verwandten , deren
Namen in der Schriftſteller-Welt einen nicht unbe
deutenden Klang hatten .
Somit hatte der häufige Umgang mit ſeinen beiden
vertrauten Freundinnen in jeder Beziehung für unſeren
Friß eine geiſtige Erhebung zur Folge, die bei ſeinem
ganzen fünftigen wechſelvollen Leben einen wichtigen
Einfluß behielt.
In ſeinem Tagebuch beſchreibt Friß eingehend die
über alles glücklichen Stunden , die er Abends nach
beendigtem Büreaudienſt in dem kleinen gemüthlichen
Stübchen ſeiner Freundin Emilie verbrachte , die in
Abweſenheit der Erſehnten ihn durch trauliche Mit
theilung über dieſelbe zu beglücken wußte , wobei er
oft in der Küche, an ihrer Seite ſtehend, ihre emſigen
Vorbereitungen zum Abendbrode mit einer Aufmerf
ſamkeit verfolgte, als ob er unter ihrer Anlcitung die
Geheimniſſe der Gaſtronomie zu ſtudiren beabſichtige.
Wie klopfte ihm dann freudig das Herz , wenn er,
auf jeden Tritt, der ſich der Thüre des Hauſes nä
herte, aufmerkſamen Ohres lauſchend, endlich den leiſe
ſchwebenden Schritt ſeiner Angebeteten erkannte , -
wenn dann die alterthümliche große Hausthüre auf
ihren ſchweren Angeln knarrend und kreiſchend cine
Muſik der Sphären crklingen ließ und die Liebliche,
Anmuthsvolle, mit einer unbeſchreiblichen jungfräulichen
Würde und mit beſcheidenem Selbſtbewußtſein herein
fretend, mit melodiſcher Stimme einen „guten Abend“
54

wünſchte. Meiſtens pflegte ſie dann ſich den beiden am


Herde Stehenden zuzugeſellen und mit icherzender Laune
am Geſpräch theilzunehmen , bis die geſchäftige Freundin ,
der beiden Zuſchauer überdrüſſig, ſie aufforderte, ſich in
das angrenzende Stübchen zu begeben , wohin ſie nach
Zubereitung des Abendbrodes nachfolgen würde. Dann
traten meiſtens Augenblicke beſeligender Beklommenheit
für unſeren Glücklichen ein ,welcher,ſo ſehr er kurz vorher
auch bei Worte war, alsbald im höchſten Grade ſchüch
tern und wortarm ſich zeigte. Erſt wenn Emilie eintrat,
wurde er, von dein Banne gclöſt, wieder geſprächig .
Der große Renner des Menſchenherzens ſagt in
ſeiner „ Wahrheit und Dichtung“ : „ Die erſte Liebes
neigung einer unverdorbenen Jugend, nimmt durchaus
cine geiſtige Wendung. Die Natur ſcheint zu wollen ,
daß ein Geſchlecht in dem andern das Gute und Schönc
ſinnlich wahrnehme.“
Auch bei unſerem Helden bewährte ſich die Wahr
heit dieſes Ausſpruches im vollen Sinnc des Wortes .
Sein ganzes Glück beſtand zunächſt in der Wahrneh
mung der guten und ſchönen Eigenſchaften ſeiner erſten
Neigung.
Doch gleichwie der Schatten vom Licht unzertrenn
lich , ſo hat auch die Liebe ihre Schmerzen im Gefolge.
Dem erſten Glückesrauſche folgten allmählich die
Stunden trüber ahnungsvoller Gedanken , wenn er
ſeinen Blick in die Zukunft ſchweifen ließ .
Von ſolcher Stimmung beherrſcht, wurde er eines
Tages von Joſephine in theilnehmendem Tone um
55

die Urſache derſelben befragt. Da faßte er ſich ein


Herz und geſtand ihr mit bangem Zagen , was ſcine
Bruſt ſo düſter und ahnungsvoll bewege. Mit einem
gewiſſen Ausdruck von Ueberraſchung, aber nichtsdeſto
weniger mit Theilnahme horchte ſie auf ſeine Worte.
Das waren Gedanken , denen ſie bis dahin in
ihrem Herzen noch keinen Raum vergönnt hatte. Sie
vermochte es nicht, ſich der darin enthaltenen Wahr
heit zu entziehen , wußte jedoch den Beängſtigten nach
einigem Nachdenken durch eine ruhige, halb philoſo
phiſch klingende Auffaſſung und Vorſtellung wieder zu
beruhigen . Der Kernpunkt derſelben gipfelte in den
Worten : „ Warum ſollen wir den Augenblick des Glückes ,
das wir gegenwärtig genießen , uns verbittern ,
wenngleich wir uns auch dem Gedanken nicht verſchlie
ßen können , daß das Geſchick über kurz oder lang
nach aller Wahrſcheinlichkeit die Stunden dieſes Glückes
begrenzen wird . Ich liebe es , der nackten Wahrheit
ins Auge zu ſehen , und deshalb wollen wir uns kei
nen Hoffnungen und Fluſionen hingeben , deren Ver
wirklichung das Geſchick uns verſagt. Nichts deſto
weniger aber glaube ich nicht, daß es nothwendig iſt,
auf das Vergnügen verzichten zu müſſen , das uns
aus dem gegenſeitigen Verkehre erwächſt. Die Proſa
des Lebens wird nur allzubald auch unſere Lebens
wege durchfreuzen. Deshalb laſſen Sie uns mit Rc
fignation des Schickſals Fügungen entgegenſchen und
die Augenblicke des Glückes feſthalten , ſo lange ſie
uns noch geboten ſind.“
56

Friß mußte ſich mit dieſen Argumenten zufrieden


geben . Jedenfalls gewannen die mit ſo ungeſchmückter
Aufrichtigkeit geſprochenen Worte einſtweilen für ihit
eine wichtige, das Herz beruhigende Bedeutung, indem
er darin zu einem gewiſſen Grade ein theures Ge
ſtändniß zu entdecken glaubte, und ſo verſuchte er nach
beſten Kräften ,ſich der philoſophiſchen Anſchauung ſei
ner Verehrten anzuſchließen.
Wer weiß jedoch, wie es ihm damit ergangen wäre,
wenn nicht eines Tages cin renommirter Magier mit
Namen Friedrich Becker (im Winter des Jahres 1839)
ſein Auftreten in dem ſtädtiſchen Theater angekün
digt hätte.
Das war ein Ereigniß für Fritz. Die Bekannt
îchaft des Künſtlers war bald gemacht, und es bedurfte
nur kurzer Zeit, ſich auch deſſen Vertrauen zu erwer
ben. Nicht allein wurde er zu den Vorſtellungen des
ſelben beſtändig eingeladen , ſondern er war auch ein
ſtets gern geſehener Gaſt bei demſelben in ſeinem häus
lichen Kreiſe. Der Künſtler logirte im erſten Hôtel
und trat überhaupt mit einem gewiſſen Pomp auf,
der Friß imponirte. Dieſer wurde nicht allein ohne
fein Erſuchen mit einer Perſonalkarte verſehen , ſon
dern erhielt auch noch zu jeder Vorſtellung eine Menge
Billets zum Verſchenken an ſeine Freunde.
Nach Beendigung einer der Vorſtellungen wurde
Friß eines Abends von dem Herrn Becker zum Abend
cſſen eingeladen. Es bedurfte kaum der Aufforderung
des zuvorkommenden Wirthes , ſich den vorgeſekten
57

Wein munden zu laſſen , der nicht verfehlte, cine ani


mirte Stimmung bei unſerm Neuling in ſolchen Dina
gen hervorzurufen. Ganz beſonders war er in ſeinem
Elemente, als die Unterhaltung ſich auf das Gebiet
ſeines Lieblings- Themas erſtreckte,wobei er den Wunſch
laut werden ließ , dem Meiſter gleich cinſt vor einem
dankbaren Publikum auf der Bühne erſcheinen zu
fönnen .
: „ Nun ,“ entgegnete mit diplomatiſch lächelnder
Miene ſein Gönner , indem er auf ſein Wohlfein an
ſtieß , „ dieſe Gelegenheit könnte Ihnen ſchon bald ge
boten werden ."
„Und wie ?" fragte Friß mit geſpannter Erwartung,
„ Nun,“ entgegnete der Künſtler , „ ich muß zuerſt
Ihre vollſtändige Verſchwiegenheit hinſichtlich des Mit
zutheilenden in Anſpruch nehmen .“
„ Darauf können Sie ſich verlaſſen .“
„ So hören Sie meinen Vorſchlag. Schon in den
nächſten Tagen können Sie Ihren Wunſch verwirklicht
ſehen , dem Publikum eine Ueberraſchung und mir einen
großen Dienſt bereiten . Zu einem Experimente, betitelt :
,,Das Selbſtverſchwinden des Künſtlers “ , bedarf ich eines
gewandten Einverſtandenen und Mithelfers. Sie ha
ben , wie ich mich davon überzeugt habe, ganz das
Zcug dazu und gleichen mir obendrein an Geſtalt und
Größe. Statt meiner müſſen Sie , in einem gleichen
Roſtüme, mit Hülfe entſprechender Mittel zu meinem
Conterfei umgewandelt,einige Momente auf der Bühne
erſcheinen , während ich mit möglichſter Schnelligkeit
58

zur Gallerie cile und dort in dem Augenblicke meint


Erſcheinen mache, in welchem Sie unter dem Pulver
dampfe einer zu entladenden Kanone verſchwinden.
Was ſagen Sie dazu ? an Muth, davon bin ich über
zeugt, wird es Ihnen nicht fehlen und, Sie zu erken
nen , wird ein Ding der Unmöglichkeit ſein , wenn ich
Ihnen die Verſicherung gebe, daß Sie mir ähnlich
fein ſollen , wie ein Ei dem anderen .“
Wenngleich Friß von vornherein etwas ganz An
deres erwartet hatte, ſo fühlte er doch durch das ihm
geſchenkte Vertrauen ſeine Eitelkeit zu ſehr geſchmei
chelt , um eine ſolche ſchöne Gelegenheit, ſein Geſchick
zu erproben , unbenußt vorübergehen zu laſſen , und
ſo nahm cr mit großem Selbſtvertrauen , ohne die ge
ringſte Zaghaftigkeit zu empfinden , den gemachten
Vorſchlag an.
Schon am folgenden Tage wurde in der Mittags
ſtunde cinc Probe im Theater gemacht, wobei ſich Friß
mit ſolcher Sicherheit und Geiſtesgegenwart benahm ,
daß Herr Becker ihm darüber die größten Lobeserhe
'bungen machte, wodurch ſein Sclbſtvertrauen natürlich
noch mchr gehoben wurde.
Während B . es kaum für nothwendig erachtete,
beſtand Friß darauf, zur größeren Sicherheit am Tage
der Vorſtellung die Probe noch einmal zu wiederholen ,
die dann auch ohne jeden Anſtoß von ſtatten ging.
Erwartungsvoll rückte der Abend heran. Seine
beiden Freundinnen wurden zu dicſer Vorſtellung ein
geladen . Friß hatte zu dem Zwecke , um anderweitig
59

nicht beobachtet zu werden , ſich eine abgeſchloſſene


Loge reſerviren laſſen , die es geſtattete , ſelbſt unge
ſehen , das ganze Theater und namentlich die Bühne,
beobachten zu können . Hier blieb er ſo lange in ihrer
Geſellſchaft , bis der Zeitpunft gekommen war, wo er
in der Garderobe des Künſtlers zu erſcheinen hatte.
Unter einem angemeſſenen Vorwande entfernte er ſich
dann mit der Verſicherung, in kurzer Zeit wieder bei.
ihnen zu ſein .
Mit Hülfe cines geſchickten Aſſiſtenten war die
Metamorphoſe alsbald in größter Vollkommenheit be
werkſtelligt, und er betrachtete mit nicht geringem Wohl
gefallen das leibhafte Conterfei ſeines Meiſters in
dem großen Toilettenſpiegel. Ganz beſonderes Ver
gnügen machte ihm der angeklebte fecke Schnurrbart
und der am Rinn befeſtigte kühne Henri quatre. Dic Er
tremitäten in ſchwarzſeidene Tricots gehüllt, die ſich
in niedere Schuhe mit Silberſchnallen verliefen , waren
theilweiſe von einem kurzen , ſchwarzſamitnen Wappen
rock , der reich mit Goldborde verziert war, bedeckt.
Den Hals umgeben von einem , mit feiner Spiße be
ſekten , blendend weißen Kragen , ſchmückte den Kopf
cin mit Gold cingefaßtes , ſchwarzes Sammetbarett,
von dem zwei prachtvolle , weiße Straußfedern , von
einer blißenden Agraffe gehalten , ſtolz herunterwallten .
Mit größerer Selbſtzufriedenheit und tieferer Er
regung könnte ein Indianermädchen , das zum erſten
Male in ihrem Leben ihr Bild aus einem Spiegel
wiederſtrahlen ſieht, ihr Auge dem wunderbaren Glaſe
60

nicht zuwenden . Kaum daß er ſich ſelber wieder


erkannte, er war ſich ein förmliches Räthſel geworden .
Denn ſonderbar war es , wie mit dem neuen Kleide
eigenthümlich behagliche Empfindungen und ein Gefühl
von Meckheit und Zuverſicht ihn erfüllten , von dem er
bisher keine Ahnung hatte. Sein geiſtiges Getränk
hatte ſeine Lippen berührt, und doch fühlte er ſich
von einer Art angenehmen Rauſches ergriffen , von
dem er ſich keine Rechenſchaft zu geben vermochte. Das
Geheimniß lag wohl darin , daß er ſich ſelbſt, deſſen
unbewußt, am rechten Plaße fühlte.
Der Erfolg des nun folgenden Begebniſſes über
traf alle Erwartungen . Der Künſtler hatte von dem
Publikum mehrere Uhren geliehen , die er in eine zier
liche Kanone lud, welche er, vorne am Proſcenium
ſtehend, nach dem Hintergrunde des Theaters , wo ſich ,
über den terraſſenförmig aufgeſtellten Apparaten erhöht,
cin großer Spiegel befand, richtete, und vorgab , die
. ſelben dort hinein ſchießen zu wollen . Unter dem Vor
geben , die noch im Wege ſtehenden Apparate etwas
zur Seite zu ſchieben , trat er mit einem der Gegen
ſtände für einen Augenblick hinter einen hohen , vorne
behangenen Tiſch , wo ſein Doppelgänger, der Ueber
einkunft gemäß, Stellung genommen hatte , der ſtatt
-

ſeiner nun auf die Bühne trat, um das weitere Auf


-

räumen und Beſeitigen der Gegenſtände zu beſorgen .


-

Die Verwechſelung hatte keine Secunde gedauert; dann


waren circa 20 Secunden zur Ausführung des Erpe
rimentes erforderlich. Während dieſes Zeitraums hatte
61

Friß ſich in Beckers Weiſe zwiſchen den Apparateit


umherzubewegen , die Kanone nochmals zu richten u .
ſ. w . und dabei von eins anfangend fortwährend zu
zählen , bis er fünf und zwanzig erreicht hatte. Nach
dem Hintergrunde der Bühne, in der Richtung der
Kanone, zurücktretend , commandirte er alsdann dem
mit brennender Lunte in der Nähe ſtehenden Diener :
„ Achtung , Feuer !" und verſchwand im ſelben Augen
blicke , begünſtigt durch den Knall und den Pulver
dampf durch eine geeignete Vorrichtung, während der
Zauberer auf der Gallerie ſein Erſcheinen bewerkſtel
ligte und von dort mit lauter Stimme dem Publikum
verkündete, daß er die angekündigte „ Reiſe durch die
Luft“ hiermit vollführt habe. Höchſt überraſcht flogen
Aller Blicke zur Gallerie. Man traute ſeinen Augen
di OrnEs
nicht. plawar
uſe , nicht
Da möglich ! Keine Hand regte ſich
zum Applauſe, da jeder minſtleine Imitation dort vermu
er von
thete. Erſt als der Künſtler von der Gallerie elcherherab
kam und durch das Parterre ſchritt, bei
bei wwelcher Ge
legenheit ſich das Publikum von ſeiner Identität über
zeugte , begleitete ihn ein donnernder Applaus bis
zur Bühne.
Der laute Beifall drang bis zu den Ohren des
Einverſtandenen , der ſich bereits wieder in der Gar
derobe befand und dadurch den beſten Beweis erhielt,
daß er ſeine Rolle gut geſpielt haben mußte.
Hier ſtand er wiederum vor dem verführeriſchen
Spiegel und betrachtete halb wohlgefällig , halb weh
müthig den „prächtigen Jungen “, der ſich jeßt wieder,
62

wahrſcheinlich für immer, des herrlichen Koſtüms ent


ledigen ſollte.
Da fuhr ihm plößlich ein verwegener Gedanke
Durch den Kopf. Wie wäre es, dachte er, wenn ich ,
in meinen Mantel gehüllt, vorher noch zur Loge meiner
Freundinnen eilte und mich denſelben im Zauber
Ornate präſentirte. Ihre Verſchwiegenheit iſt mir ge
wiß , und beiden würde ich unzweifelhaft eine amüſante
Ueberraſchung bereiten . Kaum hatte er den Gedanken
gefaßt, als er auch ſchon zur Ausführung ſchritt. Die
äußeren Gänge waren leer, und ſo erreichte er unbe
obachtet die Thüre der betreffenden Loge, dic er, wäh
rend er den Mantel zu Boden fallen ließ , ſciſe öffnete
und cintrat. Erſt das Anſtoßen an einen Stuhl ver
rieth ſeine Gegenwart den Freundinnen , deren Auf
merkſamkeit von dem auf der Bühne befindlichen Künſt
ler in Anſpruch genommen wurde.
Ein lauter Aufſchrei entfuhr den beiden von Schreck
Ueberwältigten , die nichts anderes glaubten , als daß
Der eben noch auf der Bühne ſichtbare Künſtler bei
ihnen in der Loge erſchienen ſei.
Frig fand es gerathen , ſchnell ſeinen Mantel zu
ergreifen und ſpornſtreichs zur Garderobe zurückzu
cilen , um in kürzeſter Friſt des Koſtüms ſich zu ent
ledigen.
Jeßt erſt drängte ſich ihm der Gedanke auf, wie
leicht er durch ſeine Handlungsweiſe dem Publikum
den Zuſammenhang der Sache hätte verrathen können .
Wenige Minuten genügten , ſich wieder das alte ehren
63

hafte Ausſehen zu geben und zu ſeinen Freundinnen


zurückzukehren .
Die ſtattgchabte Ueberraſchung war beiden ſo un
erwartet gekommen und hatte ſie ſo außerordentlich
crrcgt, daß ſie ſich bei ſeiner Rückkehr noch lebhaft
darüber unterhielten , in wiefern ihr Freund bei dieſer
Angelegenheit die Hand im Spiele gehabt haben fönne.
Er ergögte ſich nicht wenig über den kleinen
Schrecken , den er ihnen bereitet hatte , und ließ ge
duldig die ſchmollenden Vorwürfe über ſich ergehen .
Seine Betheiligung zu leugnen , wäre Thorheit ge
weſen , und ſo geſtand er dieſelbe mit ſelbſtgefälligem
Lächeln ein . Auch gelang es ihm im Allgemeinen , eine
heitere Stimmung wieder herzuſtellen. Nur ſeine
Freundin Joſephine, die anfänglich ſich in der hei
terſten Laune befand und den ihr geſpielten Scherz
im Ernſte nicht übel genommen zu haben ſchien , war
fortan in eine nachdenkende Stimmung verſekt, die
ihm trok aller Mühe nicht gelang zu verſcheuchen .
Offenbar war ſie bei der Ausführung des Impromptü 's
durch irgend einen Umſtand unangenehm berührt.
Vergeblich drang er in ſie , ihm die Urſache ihrer
Verſtimmung mitzutheilen ; ſie lehnte es beſtändig mit
einer verneinenden Kopfbewegung ab. Erſt als ſie nad)
beendigter Vorſtellung ſich wieder auf dem Wege nach
Hauſe befanden , ſollte ihm die Urſache ihrer Verſtim
mung klar werden. Während er mit enthuſiaſtiſchen
Worten des angenehmen Lebens eines ſolchen Künſt
lers, ſeiner Triumphe u . ſ. w . gedachte, unterbrach ihn
64

plößlich Joſephine mit den Worten : ,,Ach Gott! ich


glaube, Sie werden dereinſt auch ein ähnlicher Künſtler.“
Bis dahin hatte Friß , der überhaupt ſeine ſtill ge
hegten Pläne und ſeine daran geknüpften Hoffnungen
gegen alle Welt mit Vorbedacht verſchwieg , auch gegen
ſeine Freundinnen nicht die leiſeſte Andeutung verlauten
laſſen . Dieſe Worte aber fielen , bei der augenblicklich
gehobenen Stimmung des von den Nebenumſtänden
elektriſirten Kunſtenthuſiaſten , wie Feuer auf Zunder,
und ſo erfolgte eben ſo unwillkürlich wie freudig zu
ſtimmend die Antwort: „ Ja, wenn mir das Glück will,
werde ich es in der That zu einem ſolchen Künſtler
bringen."
Die Wohnung Joſephinens war erreicht. Mit be
trübter zitternder Stimme wünſchte ſie ihm eine gute
Nacht und verſchwand mit ihrer Freundin .
Friß ſchlug nachdenklich den Weg nach ſeiner Woh
nung ein . Er fühlte eine Art tropiger Stimmung in
ſich auffeimen . Wozu ſollte es führen, hier in Feſſeln
zu ſchmachten , welche auf die Dauer ſeinen Character
verweichlichen mußten , ohne daß er jemals die Hoff
nung hegen durfte, dereinſt ein Glück verwirklicht zu
fehen , welches als Culminationspunkt ſeinem liebebe
dürftigen Herzen erſchien ? Fort mußte er , hinaus in
die Welt , mit dem Schickſale ums Daſein kämpfen !
Heute Abend hatte er ja die Ueberzeugung gewonnen ,
daß er das Zeug dazu beſaß, in der Welt Erfolge zu
erringen . Jeßt galt es , der Verwirklichung ſeines
lange in der Stille gehegten Wunſches näher zu treten .
65

Der Magier hatte ſeine leßte Vorſtellung gegeben .


Den Abend vor der Abreiſe verbrachte Friß in ſeiner
Geſellſchaft. An dieſem Abende hatte er ſich vorge
nommen , demſelben ſeine Ideen und Pläne mitzutheilen
und ihn um feinen Rath zu fragen. Im ſtillen Hin =
tergrunde jedoch hegte er die ſanguiniſche Hoffnung,
daß der Künſtler ihm vielleicht ein Anerbicten mache,
ihn als Eleven in ſeiner Kunſt anzunehmen oder als
irgend ein ſonſt geeignetes Factotum auf ſeine Reiſen
mitzunehmen . Leider aber erging cs ihm wie ſo man
chem anderen fecken Weltenſtürmer, der in der ſtillen
Stammer verwegene Entſchlüſſe faßt. Als der ent
ſcheidende Moment an ihn herantrat, gebrach es ihm
an Muth , das , was er auf dem Herzen hatte, aus
zuſprechen . Die herangerückte Mitternachtsſtunde und
die hingeworfene Andeutung des Herrn B ., daß er
am nächſten Morgen in aller Frühe cine Reiſe an
zutreten habe, erheiſchte die Trennung. Friß nahm
mit ſchwerem , unentſchloſſenem Herzen Abſchied von
feinem neu erworbenen Freunde. Sein bisher geführ
tes einfaches, ruhiges Leben trat mit ſeinen beſchei
denen Genüſſen wieder in den Vordergrund.

BS. I.
Sechstes Capitel.
Bedeutſamer Brief. – Reiſeentſchluſ . – Beſiegte Hinder
niſſe . – In die Welt !

Die Erinnerung an die erwähnten Erlebniſſe gab


in dem traulichen Kreiſe ſeiner lieben Freundinnen
noch oft den Stoff zu ernſter und heiterer Unterhal
tung ab , bei welcher Gelegenheit Joſephine jedoch,
ſo ſehr ſie geneigt ſchien , jenes Abenteuers mit hci
terer Laune zu gedenken , zeitweiſe ihre Befriedigung
nicht verhchlte , ihren Freund nicht mehr in dem Bes
reiche perſönlichen Einfluſſes des Herrn B . zu wiſſen .
So mochten ungefähr vierzehn Tage verſtrichen
ſein , als Friß eines Morgens von einem Briefe über
raſcht wurde, an deſſen Aufſchrift er ſofort die Hand
des Herrn B . erkannte, der ſich mit einigen orthogra
phiſchen Mängeln in ſeinem Album mit den Worten :
Klar wie die Sonne, feſt wie ein Stein ſoll ewig
unſere Freundſchaft ſein ," verewigt hatte. Mit ge
ſpannter Erwartung wurde derſelbe erbrochen. Außer
einigen freundlichen Grüßen und einem einliegenden
Treſorſcheine ergab ſich aus dem Inhalte deſſelbert
nichts weiter , als daß B . ſeit einiger Zeit ſeinen
Trauring vermiſſe und die Vermuthung hege, den
67

ſelben wahrſcheinlich in Münſter verloren zu haben ,


weßhalb er ſeinen Freund erſuche, eine entſprechende
Annonce , zur möglichen Wiedererlangung deſſelben ,
in das Tageblatt mit dem Bemerken einrücken zu
laſſen , der Finder werde den Werth des Ringes als
Belohnung erhalten .
Fritz betrachtete dieſen Vorfall als einen Finger
zeig der Vorſehung , das, was er dem Schreiber des
Briefes mündlich auszuſprechen nicht fertig gebracht
hatte, demſelben ſchriftlich vorzutragen .
Sofort kam er zunächſt deſſen Anliegen entgegen ,
die erwähnte Annonce publiciren zu laſſen , die aber
nach mehrmaliger Wiederholung leider erfolglos blieb .
Dann beeilte er ſich , B . davon Kenntniß zu geben , und
benußte dieſe Gelegenheit, ihn einen Antrag dahin zu
machen , ſofern die Umſtände es geſtatteten , ihn als
Secretair , Geſchäftsführer oder dergl. mit in die Welt
zu nehmen , indem er ſeinen Entſchluß entſprechend
motivirte.
Mit ängſtlicher Spannung ſah er Tage und Wochen
verſtreichen , ohne die erſehnte Antwort zu erhalten .
Als ſelbſt Monate darüber vergangen waren , gelangte
cr allmählich zur Ueberzeugung, daß die Zeit der Er
füllung ſeiner fanguiniſchen Hoffnungen noch nicht ge
kommen ſei. Was war zu machen ? Einſtweilen mußte
er ſich in ſein Schickjal ergeben . Noch war nicht aller
Tage Abend. Der Stein hatte einſtweilen einen An
ſtoß erhalten , war aber noch nicht ins Rollen ge
kommen , hoffentlich gab ihm gelegentlich ein anderer
68

Glücksſtoß einen beſſeren Schwung. Frißons Muth


und Hoffnung waren in dem Verkehr mit dem Künſt
ler, durch den näheren Einblick in deſſen Verhältniſſe,
und ganz beſonders durch ſein kurzes Debüt auf der
Bühne zu einem nicht geringen Grade gewachſen , und
ſo war er feſt überzeugt, ſeiner Zeit ſchon Mittel und
Wege zu finden , ſeinen ſehnlichſten Wunſch, die Welt
als Künſtler zu durchſtreifen , verwirklicht zu ſehen.
Einſtweilen blieb ihm nichts anderes übrig , als ſich
feiner bisherigen monotonen Beſchäftigungsweiſe mit
aller Geduld zu ergeben und ſich in dem Streiſe ſeiner
lieben Freundinnen mit der angenehmen Erinnerung
an das Erlebte zu begnügen .
So war wiederum ein halbes Jahr verfloſſen , ohne
daß irgend welche bedeutungsvollen Ereigniſſe ſeinen
einförmigen Lebenslauf unterbrochen hatten , als ihm
eines Tages ein Schreiben mit dem Poſtſtempel Leipzig
eingehändigt wurde. Die Züge der Aufſchrift waren
ihm nur zu wohl bekannt. Mit klopfendem Herzen
erbrach er den Brief, und wer beſchreibt ſeine freu
dige Ueberraſchung , als er von dem nachfolgenden
Inhalte Kenntniß nahm ?
„ Leipzig , den 1. Juni 1839.
Werther Herr H .........!
Gehäufte Geſchäfte , ausgedehnte Reiſen , Un
ſchlüſſigkeit hinſichtlich der Erwicderung Ihres freund
lichen Briefes haben mich bisher abgehalten , den
felben zu beantworten , weßhalb ich um Entſchuldi
gung bitten muß.
69

Nachdem ich Ihren freundlichen Antrag in reif


liche Ueberlegung gezogen , habe ich mich entſchloſs
ſen , vorausgeſeßt, daß Sie gegenwärtig noch dazu
gencigt ſind , Sie als Geſchäftsführer und Secre
tair zu engagiren . Iſt gleich das Honorar, welches
ich Ihnen einſtweilen zu bieten im Stande bin, kein
glänzendes , ſo hoffe ich doch , Ihnen Ihre Stellung
möglichſt angenehm zu machen , ſowie Sic ſpäter
hin , wenn Sie erſt in meine Geſchäftsangelegen
heiten eingeweiht ſein werden , auf eine Erhöhung
Ihres Salairs rechnen dürfen. Einſtweilen kann
ich Ihnen jedoch nur außer freier Reiſe und Be
föſtigung ein monatliches Gehalt von fünf Thalern
zugeſtehen.
Sollten Sie nun gencigt ſein , dies Anerbieten
anzunehmen , ſo iſt es erforderlich , daß Sic ſo
fort, ohne Zeitverluſt Ihre Reiſe nach Leipzig an
treten , woſelbſt ich während der Dauer der Mefie
verweilen werde, indem ich noch hinzufüge, daß ich
die aus der Herreiſe entſpringenden Koſten zur Hälfte
erſtatten werde.
In der Hoffnung, Sie recht bald hier zu ſchen ,
danft Ihnen für die freundlichen Bemühungen be
treffs des Ringes
mn
Ihr ergebener
Profeſſor Friedrich Becker.“
Hurrah ! Friß ſprang wie toll im Zimmer umher.
Die Welt ſchien ſich wie ein Narrouſſel mit ihm zu
drchen. Freie Reiſe, freie Beföſtigung, monatlich fünf
Thaler obendrein , das war ja ein herrliches Leben !
Er ſah im erſten Rauſche den ģimmel voller Geigen
hangen, die ſelbſtändig eine Jubelhymne über ſein ver
meintliches Glück anſtimmten .
Allmählich folgte aber die Ernüchterung, als er zu
überlegen begann, auf welche Weiſe dic noch vorhan
denen Schwierigkeiten zu beſeitigen ſeien . Woher das
Geld zur Rcije nehmen ? Auf welche anſtändige Weiſe
von ſeinem ihm gewogenen Prinzipal loskommen ?
Wie die jedenfalls zu gewärtigenden Einwendungen
der Eltern beſchwichtigen ? Das waren lauter Fragen,
deren Löſung für ihn keine leichte Aufgabe war.
Bewältigt werden mußten ſie , das unterlag keinem
Zweifel; das Eiſen war warm und es mußte geſchmie
det werden . Aber das Wie !
Noch am ſelben Tage verſchaffte er ſich Auskunft
über den Koſtenbetrag einer Reiſe nach Leipzig, welche
in der damaligen Zeit per Poſt bewerkſtelligt werden
mußte und ungefähr zıvölf Thaler beanſpruchte. Die
waren aufzutrciben , zumal er ſein lektes Monatsſa
lair noch zu gewärtigen hatte. Es fehlten dann noch
vier Thaler , für deren Beſchaffung er auch ſchon
Mittel zu finden hoffte.
Schwieriger und unangenehmer war die Aufgabe,
ſich von ſeinem bisherigen Prinzipal los zu machen ,
welcher ihm ſtets ein freundliches Wohlwollen ent
gegengetragen und bei dem cr nach geſchchener Ueber
cinkunft wenigſtens bis Ende des Monats ausharren
mußte. Der Monat aber hatte kaum ſeinen Anfang
genommen , ſo daß er , wenn er ſo lange ſeine Reiſe
hätte aufſchieben müſſen , B . gewiß nicht mehr in
Leipzig angetroffen haben würde.
Der Menſch muß Glück haben.
So wenig Friß auch bei allen Unternehmungen ,
die vom bloßen Zufall abhingen , Erfolg hatte, ſo war
er doch , wie ſich namentlich ſpäter herausſtellte, bei allen
denjenigen Unternchmungen , die auf Grund ſelbſtthä
tigen Eingreifens in ſein Geſchick beruhteit, entſchieden
vom Glücke begünſtigt , wenn auch ab und zu ſeine
Ausdauer auf eine harte Probe geſtellt wurde.
Erwar am Ueberlegen, als es an ſeine Thüre flopfte
und ein Jugendfreund zu ihm hereintrat, der fürzlich
ſeinen Vater, cinen unbemittelten Beamten, verloren
hatte und ſich dadurch gezwungen ſah, für ſeine fernere
Exiſtenz ſelbſt Sorge zu tragen . Er hatte daher
ſeinen Freund aufgeſucht, damit dieſer ihm Rath gebe.
„ Dir kann geholfen werden,“ antwortete ſelbſtver
gnügt der Glücksvogel. „ Komm morgen Mittag wic
der zu mir, und Du ſollſt das Nähere erfahren . Jeßt
aber entſchuldige mich , da ich dringende Geſchäftsan
gelegenheiten zu beſorgen habe.“
Er ſtürzte ſofort zu ſeinem Prinzipal und ſtellte
demſelben , gehoben durch das Bewußtſein , daß cr ihn
nicht in Verlegenheit bringe, ſein Anliegen in warmen ,
dringenden Worten vor. Dic anfänglich hervortre
tende Empfindlichkeit ſeines Chefs legte ſich, als Friß
ihm die Verſicherung gab, ihm ſofort einen geſchickten
und wohl empfohlenen Stellvertreter zuzuführen .
72

Die Sache wurde geordnet, indem Friß verſprach ,


während der beiden nächſten Tage ſeinem Nachfolger
in den betreffenden Arbeiten die erforderliche Unter
weiſung zu geben.
Sein Freund war beinahe ſo glücklich wie Fritz
ſelber , als dieſer ihm ſeine bisherige Stelle anbot.
Nun kam aber der ſchlimmſte Punft an die Reihe :
die Eltern für ſein Vorhaben zu gewinnen .
Er benußte hierzu den Moment, als das Mittags
mahl beendet war, da er befürchtete , ſeinem Vater
möglicher Weiſe durch ſeine Eröffnungen den Appetit
zu verderben , und dann – das wußte er aus Er
fahrung – war mit demſelben ſchlecht umzugchen .
„ Ich habe Euch etwas Wichtiges mitzutheilen ,"
begann er einleitend, indem er B .'s Brief hervorholte
und nun fortfuhr, ihnen auseinander zu ſeßen , wie
er endlich am Ziel ſeiner Wünſche angekommen zu
ſein glaube. „ Hier der Vrief wird Euch Alles cr
klären .“
Des Vaters Züge hatten ſich verfinſtert, während
Friß den Brief vorlas ; doch lag mehr der Ausdruck
elterlicher Fürſorge als der des Unmuthes darin aus
geprägt.
„ Das klingt freilich ſehr verlockend,“ nahm der
Vater das Wort, „,was Du uns da mittheilſt. Haſt
Du aber wohl bedacht, welche Folgen der Schritt
haben kann , den Du zu thun im Begriffe ſtehſt?
Welche Bürgſchaft haſt Du , daß es Dir gelingen
werde, auf dieſem Wege Deine Exiſtenz Dir zu ſichern ?
73

Haſt Du eine Ahnung, was es heißt, in der großen ,


weiten Welt verlaſſen dazuſtehen , da die geringſte Ver
anlaſſung ein Zerwürfniß zwiſchen Dir und Deinem
Prinzipal herbeiführen und eine ſofortige Trennung
zur Folge haben könnte ? Nehmen wir den beffcrent
Fall an, daß es Dir gelingen werde, Dich demſelben
in einem gewiſſen Grade unentbehrlich zu machen ,
was aber ſoll auf die Dauer daraus werden ?
„ Du willſt," fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,
cin gleicher Künſtler werden ! Meinſt Du denn , daß das
fo leicht ſei ? Glaubſt Du denn , daß nicht mehr dazu
gehöre als der bloße Wille ? Nein — nein ! Gicb dent
Gedanken auf! Ich habe ſo eine Ahnung, daß Du im
Elende zurückkehrſt, und dann bedenke den Gram und die
Sorgen , die Du uns machſt, wenn Du , ein Tagedich ,
Dich hier umhertreibſt und jede Gelegenheit verſcherzt
haſt, cin ordentliches , chrenhaftes Unterkommen zu fin
den . Wer wird mit Dir zu thun haben wollen, wenn Du
erfolglos eine Weile Dich in der Welt umhergetrieben
haſt und Dich ſchließlich in Elend und Noth wieder
nach Deiner Heimath flüchteſt ? Friß, ſei vernünftig ,
gieb den Gedanken auf! Gedenke des wahren Sprüch
wortes : Bleibe im Lande und nähre Dich redlich.“
Dieſe Worte , in väterlich herzlicher Weiſe ge
ſprochen , ließen crfennen , daß der Gedanke, ſich von
ſeinem älteſten Jungen zu trennen und ihn einem ſo
gewagten Unternehmen entgegengehen zu laſſen, ſein
Vaterherz ſchmerzlich berührte.
Friş hatte Schlimmeres befürchtet. Die hellen
74

Zähren ſtrömten ihm bei der milden , väterlichen Vor


ſtellung über die Wangen , während zum crſten Male
der Gedanke an eine wahrſcheinliche lange Trennung
ihm ſo recht lebendig vor die Seele trat. Dennod)
behielt ſein einmal gefaßter Entſchluß die Oberhand,
und ſchluchzend entgegnete er : „ Du ſagſt, bleibe im
Lande und nähre did redlich , und haſt doch ſelbſt
Deine Heimath verlaſſen , die Welt durchzogen und
im fernen , fremden Lande Dein häusliches Glück
gefunden."
Dieſer Einwand war zutreffend und nicht zu
widerlegen .
„ Nun gut!" entgegnete der Vater endlich mit
Widerſtreben , nachdem auch die Mutter, gewiß mit
ſchwerem Herzen , für ihren Sohn Partei genommen
hatte. „ Nun gut! verſuche es, die Zukunft wird Dich
belehren , daß ich Recht hatte , weil ich eben aus Er
fahrung ſpreche. Haſt Du aber auch bedacht, daß
ich nicht im Stande bin , Dich bei der Ausführung
Deines Planes irgend wie pecuniär zu unterſtüßen ,
ſo gerne ich auch wollte ?"
Dieſer Einwand hatte für Friß die geringſte
Bedeutung, da er ſicher überzeugt zu ſein glaubte,
denſelben aus dem Wege räumen zu fönnen . Die
Sache hatte aber doch ihren großen Hafen , wie ſidy
alsbald herausſtellte.
Nachdem er ſich bei der Mutter für ihre freund
liche Fürſprache bedankt hatte, ging er nun an's Werk
mit ſeinen übrigen Vorbereitungen . Zunächſt verſeşte
er ſeinen Mantel auf dem Pfandhauſe und empfing
dafür acht Thaler, ſo daß er mit den hinzukommenden
acht Thalern ſeincs Monat-Salairs ſich vollſtändig
geborgen glaubte. Dann beſchaffte er ſich den un
entbehrlichen Paß und begann , als er im Beſite
deſſelben war, ſeine wenigen Reiſebedürfniſſe zu ord
nen und zu packen .
Mittlerweile hatte ſich unter ſeinen Bekannten
die Nachricht von ſeiner nahe bevorſtehenden Abreiſc
verbreitet, und vermuthlich war hierdurch das Gerücht.
auch zu den Ohren zweier unbarmherziger Gläubiger,
ſeines Schuſters und ſeines Schneiders , gedrungen ,
die am Tage vor der Abreiſe bei ihm erſchienen und
erbarmungslos auf Bezahlung drangen . Es halfen
keine Verſprechungen , keine Vorſtellungen , daß er ſtets
ein pünktlicher Zahler geweſen ſei. Beide erklärten,
das Haus nicht eher verlaſſen zu wollen , bis er die
betreffenden Schulden , im Geſammtbetrage von Zwölf
Thalern, gezahlt habe. Vergebens bat er, unter der
Verſicherung, daß ſie innerhalb eines Jahres auf Heller
und Pfennig befriedigt ſein ſollten , um Ausſtand.
Es half Alles nichts . Die zudringlichen Manichäer
blieben ungerührt, und ſo blieb ihm ſchließlich nichts.
Anderes übrig, als mit blutendem Herzen ſeiner
Schulden ſich zu entledigen .
Das war ein harter Schlag. Was nun anfangen ?
Zum Verſeßen hatte er nichts mehr, das von Belang.
war. Wie er auch ſeinen Scharfſinn anſtrengte, was
immer er auch in 's Auge faßte, er entdeckte keine Quelle,
76

die ergiebig genug geweſen wäre , dieſen Verluſt zu


decken . Den Kopf auf beide Hände geſtüßt, ließ er
alle ſeine Freunde und Bekannten Reväe paſſiren ,
ob nicht ein rettender Engel darunter zu entdecken ſei;
aber ſic erwieſen ſich ſammt und ſonders als eben
ſo dürftige, arme Schlucker, wie er ſelbſt.
Es war zum Verzweifeln . So nahe am Ziele ,
ſollte er durch die Gewalt des erbärmlichen Mammons
um all ſeine ſchönen Hoffnungspläne gebracht werden .
Da plößlich leuchtete ihm ein fühner Göðanfe.
Der Banquier v . 0 . . . . . , ein Mann von hohem
Anſehen und Reichthum , dem er als Knabe mchrfach
im Auftrage des Vaters eine Beſtellung machen mußte,
hatte ſich ſtets bei ciner ſolchen Gelegenheit ſo freund
lich und leutſelig gegen ihn gezeigt, daß er annehmeit
zu dürfen glaubte, bei demſelben einen kleinen Stein
im Brette zu haben. „ Zu dem will ich gehen ,“ dachte
cr, „ und ihm meine Lage vorſtellen . Wenn er ein
Herz im Leibe hat, ſo hilft er mir.“
Zeit war nicht zu verlieren, und raſch zu handeln
war Friß gewohnt, wenn er in irgend einer Ange
legenheit zu einem klaren Gedanken gekommen war.
Alſo hin zu ihm !
Unterwegs ſeine Anrede überlegend , hielt er íš
für zweckmäßig , ſein abenteuerliches Project ſelbſt
uncrwähnt zu laſſen , befürchtend , dadurch möglicher
Weiſe einen ungünſtigen Eindruck zu machen.
Er trat ein . Auf die freundliche Anfrage, was
er bringe, fam er zaghaft mit ſeinem Anliegen , ihm
77

zwölf Thaler zu Icihen , zum Vorſchein , hinzufügend,


daß er dieſelben zu einer Reiſe nach Leipzig gebrauche.
Dort ſei ihm cine vortheilhafte Stelle geboten. Er
verſpreche zugleich , daß er ſeinen erſten Verdienſt zur
Rückzahlung der Schuld verwenden würde.
Herr V. D . war aber mit dieſer oberflächlichen
Darſtellung nicht zufriedengeſtellt. Er verlangte zu
erſt reinen Wein eingeſchenkt zit haben , und ſo blieb
Friß nichts anderes übrig , als ihm den cigentlichen
Sachverhalt mitzutheilen . Herr v . D . ſah ihn mit
großen Augen an und erflärte ihm bündig, daß er zlı
ſolch thörichtem Unternehmen kein Geld zu verleihen
habe, fügte aber , nachdem er ihm in freundlichen Worten
das Gewagte ſeines Unternehmens vor Augen geſtellt
hatte, den wohlgemeinten Rath hinzu , ſich ſold ) un
ſinnigen Plan aus dem Sopfe zu ſchlagen .
Gelaſſen und ſchweigſam hörte Friß die crnſten
Vorſtellungen und den freundlichen Rath des Herrn
an , erklärte dann aber mit möglichſter Entſchiedenheit,
daß er den einmal gefaßten Plan unter allen Um
ſtänden zur Ausführung bringen werde, indem er das
Bewußtſein in ſich trage, mit Ausdauer und Entſchlof
feiiheit auf dieſem Wege es zu etwas zu bringen, z4 =
mal die unter den obwaltenden Verhältniſſen ihm zur
Zeit in Ausſicht ſtehende Zukunft eine feinenfalls ſehr
crmuthigende ſei. Jede Lebensaufgabe fönne chren
voll betrieben werden , und dies hoffe er in Zukunft
zit beweiſen . „ Verſuchen Sie es , Herr v . O .,“ ſeşte
er dann noch hinzı!, „ leihen Sie mir die zwölf Thaler,
78

und ich verſpreche Ihnen treu und aufrichtig, daß ich


.meinen erſten Verdienſt dazu verwenden werde, Ihnen
die Schuld zurückzuzahlen . Und," fuhr er fort, „,wenit
ich wirklich ſo wortbrüchig ſein ſollte, mein Verſprechen
nicht zu halten , ſo werden Sie, als reicher Mann ,
den Verluſt leicht verſchmerzen , während es für Sic,
follte ich denken , immerhin ein intereſſanter Verſuch)
wäre, den ehrlichen , willensfeſten Character eines jun
gen unerfahrenen Menſchen zu erproben.“
Fritz war fertig . Als Herr v. D . keine Miene
machte , die vermuthen ließ , daß ſeine Beredtſamfcit
von Erfolg geweſen ſei, nahm er ſeine Müße, ver
beugte ſich, um ſich ſchweigſam zu entfernen.
„ Halt, Junge!" rief der Banquier, als Friß bereits
die Thürklinke in der Hand hatte ; „ Du ſollſt das
Geld haben , haſt Deine Sache gut plaidirt; aber das
ſage ich Dir,“ ſegte er mit drohendem Finger hinzu,
daß Du mir Wort hältſt.“

-
Friß ergriff dankbar die Hand ſeines Gönners ,
-
ſtrich das Geld ein und eilte triumphirend nach Hauſe. --
-- -
Wir wollen dem Leſer jezt ſchon lt verrathen , daß
auch Anleiher
ſein Ginpünktlich ld zWort
t die Schuſein fe und
urückerhielt und mmit ſeinen
it ſeinem
--

der
--

crſten Verdienſt die Schuld zurückerſtattete, wofür denn


-

auch ſein Gönner ihm ein ſolches Intereſſe bewahrte,


-

daß er ihn auf all ſeinen Irr- und Wirrfahrten thun


-

lichſt verfolgte, und alle ſich darbietenden Notizen über


-

ihn ſammelte, die ſpäter nach ſeinem Hinſcheiden als


*

ein kleines Actenconvolut in die Hände ſeines hinter


bliebenen Sohnes famen .
79
Friß glaubte nun alle Schwierigkeiten beſeitigt zil
haben , fand aber, zu Hauſe angekommen , noch ein
neues Vorzeichen
unangen von zu erwartenden Hinderniſſen , die
15t unangenehme
höchſt orrderNatur
ung vonſein fonnten . Er fand
nämlich eine Aufforderung vor, ſich ſofort
Freiherrzu Sr. Ercel
lenz dem Herrn Oberpräſidenten Freiherrn i Vincke zu
begeben . Was er dort zu erwarten hatte , konnte er
ahnen, zumal er nicht daran zweifelte, daß der Vater
dabei die Hand im Spicle habe. — Hin mußte er,
das war nicht zu vermeiden , wenn er den Vater nidit
auf das Höchſte erzürnen wollte. Se. Ercellenz war
ja der erſte und höchſte Vorgeſepte deſſelben .
Alſo vorwärts ! Höchſt ehrerbietig und beſcheiden
machte er ſeine Aufwartung, und hatte, wie er richtig
vermuthete, von dieſem hohen Herrn eine Standpredigt
entgegenzunehmen , die wer weiß was bewirkt haben
würde, wenn er nicht vorhin von dem Herrn v. 0 .
Die zwölf Thaler erhalten hätte.
Gepanzert mit dem Bewußtſein , bisher die ſchwie
rigſten Hinderniſſe beſiegt zu haben, war er feſt ent
ſchloſſen , hier nicht zu unterliegen . Er ließ Alles
ruhig über ſich ergehen, dankte für die gut gemeinten
Ermahnungen und Vorſtellungen des hohen Herrn ,
bat um Verzeihung , wenn er ſich die Ungnade Sr.
Excellenz zuziehen müſſe , da es ihn unwiderſtehlich
treibe, ſeiner Inſpiration zu folgen , und wurde dann
ungnädig entlaſſen.
Wer den hohen Herrn gefannt hat, der zu den
erſten Patrioten Preußens gehörte , der durch ſeine
80

cbenſo gerechte als volksthümliche Handlungsweiſe


eine große Popularität in der ganzen Provinz Weſt
falen genoß , der wird überzeugt ſein , daß ſeine Er
mahnungen und Vorwürfe an den unverbeſſerlichen
Abenteurer ebenſo zutreffend wie wirklich verdient
waren . - - Aber was nußt dem Zugvogel ein milder
Winter und alle Frühlings - Anerbieten ? Iſt die Zeit
da, muß er zichen .
Nunmehr galt cs nur noch, des Herzens Wehe zu
bewältigen , welches in dem Abſchiede von ſeinen lieben
Freundinnen lag. Er brachte noch einen lebten , weh
muthsvoll glücklichen Abend bei ihnen zu , und die
von ſeiner geliebten Joſephine ſeiner Zeit vorausge
ſehene Stunde war da ! – Es mußte geſchieden ſein .
Was in ſeinem Tagebuche darüber ſteht, wird im
Ganzen den Leſer zu wenig intereſſiren , als daß wir
es hier mittheilen ſollten . — Glauben wir ihm , daß
der Abſchied für ihn ein unſäglich ſchmerzlicher war,
umſomehr, als Joſephine im lekten Augenblicke der
Entſcheidung ihn cinen offenen Blick in ihr tief befüm
mertes Herz thun ließ .
Auf den Abend des folgenden Tages, den 7. Mai
1839, war die Abreiſe feſtgeſekt. Einzelne Abſchieds
beſuche und die nöthigen Vorbereitungen zur Reiſe
machten den Tag ſchnell dahinſtreichen .
In Begleitung ſeiner Eltern und Geſchwiſter be
gab er ſich Abends gegen 9 Uhr zur Poſt. Dort
harrten bereits ſeine jugendlichen Freunde, iím cin
leztes Lebewohl zu ſagen . In burſchifofer Weiſe –
81

die meiſten derſelben waren Studenten auf der Aka


demie – hatten dieſelben zwei mächtige mit Bier ge
füllte Früge in ihrer Mitte ſtehen und ließen die ge
füllten Gläſer munter umherfrciſen. Er wurde auf
das Freundlichſte bewillkommnet, mußte mit jedem
anſtoßen und natürlich auch einem Jeden ausführliche
Epiſteln über ſeine fünftigen Erlebniſſe verſprechen .
Dieſer Umſtand hatte das Gute zur Folge , daß ihm
dadurch die Aufgabe erleichtert wurde, Herr ſeiner
Gefühle zu bleiben , zumal cr bereits mit aller Gewalt
gegen eine ſchmerzliche Beklommenheit anfämpfte, die
ihn zu überwältigen drohte. Dank der fröhlichen Stim
mung ſeiner Freunde, gelang es ihm , ſich den Anſchein
einer ſorgloſen Heiterkeit zu geben .
In dem Hintergrunde der luſtigen Freunde ſtanden
die bekümmerten Eltern. Als die Pferde vor den
Wagen geſpannt wurden , ging er mit heiterer Miene
zu ihnen.
„ Friß , ich begreife Dich nicht,“ redete ſein Vater
ihn an , „wie Du ſo heiter und froh ſein kannſt, wäh
rend uns das Herz zu brechen droht.“
Er vertröſtete ſie auf ein baldiges glückliches Wie
derſehen . „ Ich gehe ja nicht aus der Welt,“ entgeg
nete er ſcherzhaft, „und denkt an die Freude, wenn ich ,
vom Glücke begünſtigt, als ein großer reicher Mann
in Eure Arme zurückkehre."
Der Poſtillon gab das Zeichen zum Einſteigen .
Noch einen leßten herzlichen Händedruck ſeinen Freun
den , eine lekte Umarmung ſeinen lieben Eltern und
BD. I.
82

Geſchwiſtern, und der Wagen raſſelte auf die Straße


hinaus, während die Freunde das Lied ertönen ließen
„ Lebt wohl nun, ihr Berge“ u . f. w .
Noch einmal zum geöffneten Fenſter hinauswin
kend , verſchwand er aus ihrem Geſichtsfreiſe und fiel
halb erſchöpft, nach der unnatürlichen Rolle , die er
zuleßt geſpielt hatte, auf ſeinen Siß zurück, während
ein Strom von Thränen über ſeine Wangen herabfloß .
Jeßt erſt begann er zu empfinden, wie Vielem er
entſagt hatte, um einem dunkeln , zweifelhaften Schick
ſale ſich in die Arme zu werfen . Eine knabenhafte
Bangigkeit, eine zaghafte Beflommenheit überkam ihn
bei dem Gedanken an die möglichen Folgen dieſes
erſten Schrittes .
Schweigſam , in ſich verſunken , drückte er ſich in
die Ecke des Wagens und ließ ſeinen Gedanken und
Thränen freien Lauf, ohne von den übrigen Inſaſſen
weitere Notiz zu nehmen , während man rückſichtsvoll
genug war, Gleiches mit Gleichem zu vergelten . Eine
flüchtig angeknüpfte Unterhaltung unter den Gefährten
verlief alsbald bei dem Herannahen der Nacht im
Sande. Es herrſchte allgemeine Stille. Frik träumte
eine Zeitlang wachend und endlich auch ſchlafend.
Stunden waren verfloſſen . Er träumte, in Phöbus'
ſtolzem Sonnenwagen zu ſißen . Die Sonne genirte
ihn ; er wollte durch eine Seitenbewegung ſich der
Wirkung derſelben entziehen , als er in Folge deſſen
cinen entſeßlichen Sturz aus dem Wolkenwagen
machte, - - — und unter dem halbunterdrückten
83

Gelächter der Reiſegeſellſchaft erwachend, ſich in einer


gerade nicht ſehr romantiſchen Lage zwiſchen der Hin
terwand des Wagens und dem kräftigen Rücken ſeiner
korpulenten Nachbarin wiederfand.
Verlegen auffahrend bat er die ältliche, etwas
verdrießlich ausſehende Dame um Verzeihung , ſie be
läſtigt zu haben. „ Nun ja , Sie junges Blut,“ ent
gegnete dieſelbe mit gutmüthiger Nonchalance , „ Ihr
Kopf, der ſeit einiger Zeit meine Schultern ſich zum
Ruhefiſſen auserſchen hatte, wurde mir nachgerade zu
ſchwer, und da dachte ich, wenn Sie denn doch ein
mal fortzuſchlafen geſonnen ſeien , Ihnen einen größeren
Plaß dazu einzuräumen.“ Das ſchalkhafte Geficher
zweier ihm gegenüberſißenden jungen Damen , ſowie
das Benchmen ſeiner zufriedengeſtellten Nachbarin , ers
muthigten ihn , an der cingekehrten guten Stimmung
und der damit angeregten Unterhaltung Theil zu
nehmen.
Ein warmer , prachtvoller Maimorgen war ange
brochen. Es war noch früh am Tage. Die Sonne
hatte ihre erſten goldigen Strahlen ausgeſandt, die
Natur zu beglücken . Einer derſelben ruhte auf Frißens
Angeſicht und hatte wohl Veranlaſſung zu dem erwähn
ten Traume gegeben .
Während man in Weſtfalen zur damaligen Zeit
Eiſenbahnen nur dem Namen nach fannte, waren nicht
einmal die bedeutenderen Städte ſämmtlich durch Chauſ
feen verbunden . Seine Reiſe führte ihn zunächſt nach
Paderborn über größtentheils weiche, ſandige Land
84

wege, durch die der ſchwerfällige Poſtwagen ſich ge


müthlich hinbewegte. Durch ein lautes „ Jü!" ſah der
Poſtillon fich häufig genöthigt , die armen Pferde bei
ihrer ſchweren Arbeit anzuſpornen , denen er jedoch ,
wenn dieſelben in Schweiß gebadet und von Erſchö
pfung bedroht waren , hin und wieder, von menſchlicher
Rührung erfaßt, eine Raſt von einigen Minuten ver
gönnte, um friſche Kräfte zu ſammeln .
Einer der ebenſo menſchlich geſinnten Injaſſen
machte bei dieſer Gelegenheit den Vorſchlag, lieber
eine Zeitlang, bis der Weg fahrbarer würde, nebenher
wandern zu wollen. Dieſem Entſchluſſe folgten auch
die übrigen Paſſagiere, zumal die Wärme im Wagen
und der hereindringende Staub ſich in läſtiger Weiſe
begannen bemerkbar zu machen. Bis auf ſeine korpus
lente Nachbarin, waren Alle ausgeſtiegen und in kurzer
Friſt dem Wagen bedeutend vorausgeeilt.
Wenn auch das Reiſen im Poſtwagen ſeine Schat
tenſeiten haben mochte, dennoch iſt nicht zu verkennen,
daß auch Annehmlichkeiten daraus entſprangen , welche
das wie Sturmwind dahinbrauſende Dampfroß der
Feſtzeit kaum noch ahnen läßt. In erſter Linie ſteht
die leichtere und ungezwungenere Annäherung der
Reiſenden unter einander, welche, von der Eigenthüm
lichkeit der Verhältniſſe beeinflußt, ſehr bald zu näherer
Bekanntſchaft oder doch wenigſtens zu ciner Art ka
meradſchaftlicher Beziehung unter einander führte.
Auch Friß verdankte diefem Umſtande die in ſeiner
Stellung nicht zu unterſchäßende Annehmlichkeit, ſich
85

mit der ganzen Geſellſchaft auf gutem Fuße zu be


finden. Bei der improviſirten Fußtour war er mit
einer der jüngeren Damen in lebhafter Unterhaltung
begriffen , zur Zeit , als ihr Weg an einem breiten ,
grünen Kleefelde vorüberführte.
„ Was meinen Sie,“ bemerkte dieſelbe, „wenn wir
unſern Weg durch das Grün lenften und den Verſuch
machten , ein glückverkündendes vierblätteriges Kleeblatt
zu finden ?"
Fritz war init dem Vorſchlage der jungen Dame
einverſtanden , obgleich er entgegnete, daß er in ſeinem
Leben oft nach einem ſolchen ausgelugt, aber nie eines
gefunden habe. Wie angenehm aber war er überraſcht,
als er — kaum waren die Worte ausgeſprochen -
cin ſolches unmittelbar vor ſeinen Füßen entdeckte.
War es ihm zu verdenken , wenn er den glücklichen
Fund als ein günſtiges Omen betrachtete und daſſelbe
mit einer ungewöhnlich freudigen Empfindung ſeinem
Taſchenbuche einverleibte ? Eine liebe Reliquie ſüßer
Erinnerung hat er daſſelbe bis in ſein ſpätes Alter
als ein Heiligthum aufbewahrt.
Am ſelben Tage ſollte noch eine andere kleine
Ueberraſchung ſich dieſer zugeſellen , die nicht minder
in ihm den Glauben an eine günſtige Vorbedeutung
wachrief. Der Weg hatte ſich gebeſſert. Die Paſſagiere
waren wieder eingeſtiegen , als neben dem zwiſchen
grünen Fluren und Kornfeldern dahinfahrenden Wagen
cin kleiner Anabe einherlief , der mit ausgeſtreckter
Hand einen friſchen Kornblumenkranz den Paſſagierent
86

zum Kauf anbot. Als aber Niemand Micne machte,


ſich denſelben anzueignen , warf der Knabe ihn auf's
Gerathewohl durch das offene Fenſter in den Wagen ,
und der Zufall wollte , daß der friſche blaue Kranz
ſich auf das Haupt unſeres jugendlichen Abenteurers
niederließ .
Während die Mitreiſenden ihm zu dieſer uner
warteten Befränzung Glück wünſchten , griff er , von
dem glücklichen Zufall höchſt angenehm berührt, in
die Taſche und belohnte den Knaben in ſeiner Weiſe
königlich.
Siebentes Capitel.
Ein Abenteuer in Mühlhauſen . – Sonderbarer Bufall. –
Der Kohlenwagen . – Des Vaters Geburtsſtätte. — Der
Vetter. – Verlegenheiten in Merſeburg. – Ankunft in
Leipzig . — Enttäuſchung. – Polizei- Schub. – Der über
liftete Kutſcher. – Das Rencontre im Wirthshauſe . —
Rückkehr zum Vetter.
Zur Zeit, als Friß ſich für die Reiſe entſchied
und, wie ſich von ſelbſt verſteht, ſeinen Kaſſenbeſtand
ciner genauen Reviſion unterwarf, hatte ſich , nach
aller Wahrſcheinlichkeits - Berechnung ein Ueberſchuß
von wenigen Thalern herausgeſtellt , welchen er nicht
beſſer verwenden zu fönnen glaubte, als wenn er bei
Gelegenheit dieſer Reiſe den Geburtsort ſeines Vaters,
den er durch einen kleinen Umweg zu erreichen im
Stande war, aufſuche. Seit Jahren hatte er den
ſehnlichen Wunſch gehegt, die Stätte kennen zu lernen ,
wo ſein Vater ſeine glücklichen Anabenjahre verlebt
und ſo manchen übermüthigen Streich hatte auslaufen
laſſen ; jene Stätte , von welcher der Vater ſeinen
Kindern ſtets ſo anziehend zu erzählen wußte , und
die derſelbe, wie bereits erwähnt, durch eine Thorheit
veranlaßt, in ſeiner früheſten Jugendzeit verlaſſen und
dann nie wieder geſehen hatte. Was dem Vater nicht
88

möglich geweſen , beſchloß der Sohn zu vollführen ,


um dereinſt demſelben durch den Bericht über ſeine
Heimath eine Freude zu bereiten .
Zu dieſem Zwecke lenkte er ſeine Reiſe nach Mühl
hauſen , von wo er nur noch wenige Meilen bis zu
dem Heimaths-Orte ſeines Vaters hatte. Da er hier
jedoch erfuhr, daß die Poſt erſt folgenden Tages dort
hin abgche, entſchloß er ſich , wenn keine andere Ge
legenheit vorhanden ſei , zumal es noch früh am
Morgen war, die Strecke dorthin zu Fuß zurückzulegen
und ſein Gepäck am nächſten Tage per Poſt nach
kommen zu laſſen , in der Abſicht, bei ſeinen Verwandten
wenigſtens
g einen Tag zuzubringen.
ietet afEntſchluß
Dieſer rit Fitt hätte beinahe eine große Un
annehmlichkeit für ihn
einigzur Folge gehabt. Als cr auf
e n
dem Poſthofe bei einigen dort anweſenden Perſonen
nach dem Wege ſich erkundigte, trat ein etwas verkommen
ausſehendes Subject an ihn mit dem Bemerken heran ,
daß er, wenn Friß es wünſche, ihm denſelben zu zeigen
bereit ſei, ihm jedoch den Vorſchlag mache, eine Fahr
gelegenheit zu benußen , welche ſich , weil heute gerade
Markttag ſei, zweifelsohne gegen eine billige Ent
ſchädigung finden laſſe. Erfreut über dieſe Auskunft,
übergab er ſeinen Koffer dem Manne, der ihn zu dem
Aufenthaltsort der Fuhrleute hinzugeleiten verſprach .
Beim Fortgehen paſſirten ſie das Fenſter des Poſt
bureaus. Im ſelben Augenblicke klopfte der bort
ſtehende Beamte an daſſelbe und winkte Friß , herein
zukommen . Sein Begleiter ſeşte den Koffer nieder ,
89

Während er in das Bureau zurückging. Wer beſchreibt


feine Ueberraſchung, als der zuvorkommende Beamte
ihm mit den Worten entgegentrat: „ Junger Mann,
nehmen Sie ſich in Acht, Sie haben Ihre Effecten dem
größten Gauner und Diebe der ganzen Umgegend
anvertraut.“ Dankbar für dieſe freundliche Warnung
cilte er raſch wieder auf die Straße, wo ſein ver
dächtiger Führer , der ſich zweifelsohne beobachtet
wußte, auf ihr ruhig zu warten ſchien , und forderte
ihn auf, den Weg weiter fortzuſeßen . Um dem Kunden
jedoch ein moraliſches Paroli zu bieten , blieb cr
plößlich, nachdem ſie eine Strecke weiter gegangen
waren , mit dem Bemerken ſtehen , er habe in dem
Paſſagier - Zimmer der Poſt ein geladenes Terzerol
( Revolver waren noch nicht an der Tages - Ordnung)
liegen laſſen , er möge hier bis zu ſeiner Rückkehr
warten . Nachdem er wenige Schritte zurückgelegt
hatte, kehrte er plöglich , während er eine Hand-Be:
wegung nach den hinteren Rocktaſchen machte, mit dem
Bemerken wieder um , daß er trotz der Zerſtreutheit
daſſelbe doch eingeſteckt habe. Sein Begleiter verzog
keine Miene, machte aber die Bemerkung, daß die
Umgegend hier ſo ſicher ſei, daß es Niemandem ein
falle, ſich durch Schußwaffen auf eine Vertheidigung
vorzubereiten .
Jeßt hielten ſie an einem Plaße, auf dem ver
ſchiedencs Fracht- und anderes Fuhrwerk aufgeſtellt
war , vor einem Wirthshauſe an , von deſſen Giebel
ein großes, rothes Herz als Aushängeſchild herabhing.
90

Der Gepäckträger forderte Friß auf, hier am Eingange


einen Augenblick zu verweilen , während er dem Wirthe
das Gepäck zum Aufbewahren übergeben und gleich
wieder zurückkehren wolle , um ihn alsdann zu dem
betreffenden Kutſcher zu geleiten . Friß war jedoch
der Meinung, daß es beſſer ſei, dem Wirthe perſönlich
die Sachen zu übergeben . „ Ich möchte nicht gerne,“
bemerkte darauf der Entgegenkommende, „daß Sie mit
in die Gaſtſtube gingen , wo ſich ſtets eine Menge
von Kutſchern und Fuhrleuten aufhalten , mit denen
ich meiſtens befreundet bin , und die es mir ühel ver
merken würden , wenn ich Sie einem anderen Kutſcher,
der ſich etwas weiter von hier aufhält , und der ent
ſchieden billiger iſt , zuführen wollte. „ Es iſt gut,"
fuhr er fort, „mit Allen auf gutem Fuße zu ſtehen,
deßhalb iſt es beſſer, wenn Sie hier ſo lange ver
weilen , bis ich, ohne Aufſehen zu erregen , den Koffer
dem Wirthe übergeben habe. Ich bin ſofort dann
wieder bei Ihnen .“
Fritz hatte jedoch kein Ohr für dieſe Auseinander
feßung und beſtand darauf, ihn zu begleiten .
„ Nun denn ,“ entgegnete der Menſch mit einem
nicht zu verkennenden Unmuthe, „wenn Sie es nicht
anders wollen , ſo will ich den Wirth herausrufen,
dem Sie dann perſönlich die Sachen in Verwahr ge
ben können .“ Damit feßte er die Sachen neben Friß
nieder und begab ſich in die zunächſt liegende Stube.
Wer aber nicht wiederkehrte, das war der gefällige
Bote. Endlich trat ein mit einer blauen Schürze be
91

kleideter Mann heraus, der , wie Friß richtig ver


muthete, der Hausknecht im „ Rothen Herzen “ war. Bei
dieſem crkundigte er ſich nach dem bezeichneten Men
ſchen und erfuhr zu ſeiner Ueberraſchung, daß der
felbe nach kurzem Aufenthalte in der Gaſtſtube einen
entgegengeſeßten Ausgang, der auf eine andere Straße
führe , benußt habe. Der verdächtige Geſelle hatte
offenbar die Abſicht gehabt, auf demſelben Wege Friß.
um ſein bischen Hab' und Gut zu bringen , und das
wäre ihm auch wahrſcheinlich gelungen , wenn nicht
ein warnender Engel, in Geſtalt des freundlichen Poſt
Beamten , ſich ſeiner angenommen hätte.
Als Friß nun bei dem Knechte ſich wegen einer
Fahrgelegenheit nach S . oder vielmehr nach dem in
der Nähe gelegenen Dorfe Ebrathal erkundigte, theilte
dieſer ihm mit, daß er vielleicht einen mit Kohlen be
ladenen Wagen hier vorfinden würde, der höchſtens
ſeine Koffer mit aufladen fönne, wenn er nebenher zit
Fuß gehen wolle. Auch das war Friß willkommen,
und ſo führte der Anecht ihm einen Mann zu , der
ſich bereit erklärte, für einen Gulden ſein Gepäck mit
nehmen und bei guten Wegen ihm geſtatten zu wollen ,
mit aufzuſteigen . Er war gerade zur rechten Zeit ge
kommen . Der erwachſene Sohn des Fuhrmannes lud
ſein Gepäck auf, während das Pferd ſchon angeſchirrt
war. Die Reiſe ging nun in Begleitung von Vater
und Sohn per pedes vorwärts . Seine kurze Pfeife
in Brand feßend, ſchritt er in Geſellſchaft der Beiden
munter nebenher und erzählte dem freundlichen Alten
92

ſein ſoeben erlchtes kleines Abenteuer. Zwei Stunden


mochten verfloſſen ſein , als auf einem gebahnten Wege
der Alte ihm den Vorſchlag machte , mit aufzuſteigen .
Es bedurfte dazu keiner zweiten Aufforderung. Auf
ſeinen Koffer , der ſo ein Mittelding zwiſchen einem
Kaſten und Soffer war, fich niederlaſſend , erſuchte
er den Alten , ſich zu ihm zu feßen . Dieſer , im Be
griff ſeiner Aufforderung nachzukommen , bemerkte im
ſelben Augenblicke den auf den Koffer befeſtigten Zettel
mit ſeinem Namen. „ I, was Tauſend !" rief er ver
wundert aus. „ Wie kommtdenn dieſer Name hierher ?"
„ Nun,“ entgegnete Friß lächelnd, „wie ſollte der
hierherkommen ; es iſt der meinige.“
„Wie ? der Shrige, das iſt ja merkwürdig ! Wie
kommen Sie denn zu dieſem Namen ?" forſchte der
Alte mit großem Intereſſe weiter. „ Der Name iſt
meines Wiſſens nur in meiner Heimath zu Hauſe,
während Sie doch, nach Ihrer Sprache und Ihrem
ganzen Weſen zu urtheilen , aus einer fernen , frem
den Gegend herkommen .“
Friß erklärte ihm den Zuſammenhang , wobei er
erwähnte , daß ſein Vater aus Ebrathal gebürtig ſei.
„ Was ?" rief der Mann voll freudiger Erregung
aus ; ,was , Ihr Vater aus Ebrathal, und Sie der
Sohn deſſelben , — der Sohn des wilden Friß , meincs
beſten Jugend-Kameraden ? es iſt nicht möglich !“
Als Friß ihm aber nun doch die Möglichkeit näher
bewies , ſchloß der Alte ihn lebhaft in feine Arme,
drückte ihm die Hände, und nachdem er einige Augen
93

blicke ſeine Züge näher betrachtet hatte , rief er aus :


„ Ja, ja , weiß Gott , Sie haben dieſelben Augen , die
felbe fecke Stirn und Naſe ; nur der Mund iſt mir
fremd, der rührt gewiß von der Mutter her ; dieſe
Milde des Ausdruckes war ihm nicht in dem Maße
eigen . Aber immerhin ! ich täuſche mich nicht. Herr
Gott , welche Freude wird mir noch auf meine alten
Tage zu Theil!“ Von Neuem drückte er Friß an
ſeine Bruſt, und dieſer ließ den ſo lebhaft erfreuten
Alten unter der ihn ſelbſt überkommenden frohen Er
regung willig gewähren .
* „ Junge !" rief er dann plößlich zu ſeinem Sohne
ſich wendend, „ gib mir die Zügel, lauf voraus, was.
Du laufen fannſt, nach Ebrathal und verkünde ihnen ,
daß ich einen Sohn brächte von Friß Heimbürger.“
Der Sohn ſprang davon wie ein flüchtiges Reh
und verlor ſich bald aus dem Geſichte, während der
Fuhrmann die Pferde , troß der ſchweren Ladung,
zum kurzen Trabe antrieb . Jedoch die häufig ein
tretenden ſchlechten Wegſtrecken hemmten den Eifer
und erregten die Ungeduld des Alten , der den Augen
blick nicht erwarten konnte, den Sohn des wilden Friß
den Bewohnern Ebrathals vorſtellen zu können .
Endlich , gegen Abend war das Dorf erreicht. Am
Eingange deſſelben ſchien die ganze Einwohnerſchaft,
Jung und Alt, ſich verſammelt zu haben , um Friß zu
cmpfangen. Bchende ſprang er an der Hand ſeines
erfreuten Führers in die Mitte derſelben . Alles um =
drängte ihn. RüſtigeMänner und Frauen , alte Greiſc
94

und gebeugte Mütterchen , Alles wollte dem Sohne


des ehemaligen Jugendgeſpielen die Hand drücken , jeder
ihn, unter der beredtſamſten Einladung,mit nach ſeiner
Wohnung ſchleppen , um das Gaſtrecht an ihm auszu
üben . Das war eine Theilnahme, eine Herzlichkeit,
wie ſie nur bei einfachen Naturmenſchen möglich ſind.
Friß wußte nicht, was er mit den guten Leuten
beginnen ſollte , von denen Jeder erklärte , das erſte
Anrecht zu haben , ihn bei ſich zu beherbergen . Ver
legen ſah er ſich nach ſeinem Führer um , welcher,
als er ihm die bedungene Entſchädigung zahlen wollte,
dieſelbe mit Entrüſtung zurückwies und erklärte, daß
er durch dic gehabte Freude mehr wie zchnfach be
lohnt ſei.
„Nun denn ,“ ſagte Friß tief gerührt , „ ich danke
Euch Allen und Ihnen insbeſondere für den mir ſo
unerwartet zu Theil gewordenen glücklichen Augen :
blick ; doch hier zu bleiben vermag ich nicht, da meine
Reiſe die dringendſte Eile crheiſcht und ich außerdem
noch heute Abend den Vetter W . in der Nähe von
S . erreichen muß. Vorher aber möchte ich gerne noch
das Haus kennen lernen , welches meine verſtorbenen
Großeltern bewohnten ' und in welchem mein Vater
feine Anabenjahre verlebte.“
Im Jubel wurde er dahin geführt. Ein eigen
thümliches Gefühl von Wehmuth und Freude beſchlich
ihn , als er die Schwelle der kleinen dürftigen Woh
nung, deſſen parterre gelegenes Hauptzimmer von klei
nen , winzigen Fenſterſcheiben ſpärlich erleuchtet war,
95

betrat. Die vielfach gerißten , von der Sonne ver


brannten Scheiben mit ihren prismatiſchen Farben be
kundeten ein hohes Alter und waren gewiß die ein
ſtigen Zeugen des beſcheidenen Stilllebens derjenigen
Menſchen geweſen, die ſeinem Herzen ſo theuer waren .
Das Haus war von einem alten Mütterchen, einer
entfernten Verwandten, bewohnt, die ſich ſchwerfällig
an einer Krücke einherbewegte und über das Erſcheinen
des Fremden und das große Gefolge von Dorfbe
wohnern in nicht geringe Unruhe gerieth . Als Fritz
jedoch , auf ſie zutretend, ihr freundlich die Hand reichte
und ſeine Begleiter ſich wetteifernd beeilten , ihr den
Zuſammenhang mitzutheilen , verklärte ſich alsbald
ihr Geſicht und mit lebhafter Geſchwäßigkeit, wie ſie
den Alten ſo häufig eigen iſt, erzählte ſie ſofort auf
die an ſie gerichteten Fragen , eine Menge für Fritz
höchſt intereſſanter kleiner Thatſachen , die ſich theils
auf ſeine Großeltern, theils auf ſeinen Vater , den fo
genannten wilden Friß , bezogen. „ Ia,“ ſeßte ſie dann
mit wohlgefälligem Lächeln hinzu , „ wir haben uns
gut gekannt; ich war damals eine ſchlanke Dirne,
und hatte nicht nothwendig , an einer Brücke umher
zuhumpeln ; nur war ich einige Jahre älter als Friß ,
der demungeachtet aber nicht unterließ, mich bei jedein
Erntefeſte mehr wie einmal zum Tanze aufzufordern .“
„ Ja , das iſt ſo,“ beſtätigten einige der Anweſenden
lächelnd, „ und ein flottes Paar waren die Beiden .
Man wußte bei der ſchönen Trude nie , wie alt ſie
war, und weiß es auch heutigen Tages noch nicht.“
96

Nach verſchiedenen anderen ähnlichen , heiteren


Bemerkungen wurde Friß nun, welchen die Zeit drängte,
in den Garten geleitet, von wo aus der Vater als
Knabe die Tauben des Nachbars mit dem Blasrohr
verfolgt und manche andere unnüße Streiche voll
führt hatte. Da ſtand auch der große Nuß- ſowie
Birnbaum , von denen derſelbe ſo oft erzählt hatte,
deren ergiebige Quelle halbreifer Früchte beim Mond
ſcheine er ſo oft in Anſpruch genommen hatte , und
welche unüberwindliche Schanzen bildeten, zu denen
der Taugenichts nach irgend einem Exceß ſich vor dem
Zorne der Mutter flüchtete. Selbſt eine den Garten
umgebende Hecke mit ihren knorrigen Zweigen und
verunglückten Aeſten ließen ein hohes Alter und die
Abſtammung aus jener Zeit vermuthen. Sie flößten
ein nicht geringeres Intereſſe dem pietätvollen Sohne
ein . Jeder Baum , jeder Strauch mußte auf das Be
dachtſamſte beſichtigt und betaſtet, jedes Pläßchen genau
in Augenſchein genommen werden , und ſo waren in
der Betrachtung dieſer lieben , theucren Wahrzeichen ,
ſowie in der Geſellſchaft der theilnehmenden , biederen
Menſchen, die ihn überall begleiteten , ſchnell ein paar
Stunden verfloſſen .
Die herannahende Dämmerung gemahnte Friß an
den Aufbruch, da er bis zur Wohnung ſeines Vetters
in S . noch beinahe eine Meile hatte. Vorher mußte
er jedoch der dringenden Bitte und Einladung der
Hausmutter nachkommen und ſich durch einen Imbiſ
ſtärken . Ein fort üblicher warmer , direct auf der
97

Ofenplatte gebackener Kuchen und friſche Milch bil


deten die Speiſen , welche ihm troß der vielen Zu
ſchauer, die er hatte , in der dürftigen , für ihn aber
allen Luxus übertreffenden Umgebung beſſer mundeten ,
als das koſtbarſte Mahl.
Jeßt aber war es die höchſte Zeit aufzubrechen ,
und ſo erkundigte er ſich nach einem Führer, der zu =
gleich ſein Gepäck zu befördern geneigt ſei. Ein förm
licher Streit entſtand unter den Leuten , wem dieſe
Ehre zu Theil werden ſolle. Endlich wurde dieſelbe
einem auf ſeine Verwandtſchaft Anſpruch machenden
Einwohner zugeſtanden.
Die Nacht war ſchon angebrochen. Unter tauſend
fachen Glückwünſchen trat Friß ſeine Weiterreiſe zu
Fuß an, während ſein Begleiter den Koffer auf einem
Schiebkarren nebenherſchob.
Nachts gegen 12 Uhr erreichte er die Wohnung
feines Vetters, bei dem er, an das Fenſter klopfend,
um ein Nachtlager anhielt, welches dieſer ihm aber
mit dem Bemerken verſagte , daß er eine fürſtliche
Kaffe im Hauſe habe und dieſer Umſtand ihm nicht
geſtatte, cinen Fremden bei ſich aufzunehmen ; doch
befinde ſich in dem benachbarten Orte ein Wirths
haus , in welchem er zweifelsohne ein Unterkom
men finden würde. Friß empfahl ſich , ging zu ſei
nem Begleiter zurück und ſandte dieſen unter einem
fingirten Vorwande mit ſeinem Gepäck zu dem Hauſe
des Verwandten , welcher ſofort, den Zuſammenhang
ahnend, herausſprang und ſeinen Vetter, den er nur
BS. I.
98

brieflich kennen gelernt hatte , mit offenen Armen


empfing.
Beide hatten ſeit einer Reihe von Jahren in
einem freundſchaftlichen Briefwechſel geſtanden und
den ſehnlichen Wunſch gehegt, ſich perſönlich kennen
zu lernen . Die unerwartete Erfüllung desſelben rief
ſomit erklärlicher Weiſe beiderſeits eine überſchweng
liche Freudenäußerung hervor; Photographien oder
Daguerreotypen gab es bekanntlich damals noch nicht;
höchſtens der Austauſch von Silhouetten vertrat deren
Stelle. So beſahen ſich beide Vettern bei dem ſpär
lichen Licht einer Talgkerze gegenſeitig mit neugierigen
Augen und fanden in dieſem oder jenem Geſichtszug e
eine oder andere Familienähnlichkeit.
Leider wollte es aber das tüdiſche Geſchick , daß
dieſer Beſuch für Friß alsbald ein in jeder Beziehung
verhängnißvoller werden ſollte.
Obgleich Friß beſchloſſen hatte , höchſtens einen
Tag bei ſeinem Vetter zu verweilen , ließ er ſich
doch durch deſſen und ſeiner Frau inſtändiges
Bitten bewegen , ſeinen Beſuch auf drei Tage aus
zudehnen , zumal er glaubte , annehmen zu dürfen ,
daß Herr Becker , den er brieflich von ſeiner Ab
reiſe in Kenntniß geſegt hatte , bis zu ſeiner An
kunft in Leipzig verweilen würde. Außerdem ver
ſicherte ihm der Vetter eine willkommene Aufnahme
bei ihm , für den Fall, daß er dieſen Herrn in Leipzig
verfehlen ſollte.
Unter abwechſelnden Zerſtreuungen und mannig
99

fachen Beweiſen der freundſchaftlichſten Theilnahme


war die Zeit zum Abſchiede herangerückt.
Am 13. Mai trat Frif ſeine Weiterreiſe per
Poſt an und erreichte Merſeburg mit dem Reſte ſei
ner Baarſchaft,welche bis auf vierzehn Silbergroſchen
zuſammengeſchmolzen war. Gegen 11 Uhr Nachts
traf er dort in Geſellſchaft eines jungen Ehepaares
cin , welches auf das Freundlichſte ſich von ihm ver
abſchiedete. In aufgeräumter Stimmung über ſein
bald erreichtes Ziel hatte er es ſich angclegen ſein
laſſen , die jungen Eheleute durch ein zuvorkommendes
Benehmen für ſich zu gewinnen .
Wie genau er ſeine Koſten - Berechnung gemacht
hatte , mag daraus hervorgehen , daß er noch zwei
Groſchen übrig behielt,als er ſich für die am nächſten
Morgen abgehende Journalière hatte einſchreiben laſſen .
– Aber dennoch hatte er die Rechnung ohne den
Wirth gemacht.
Als er den Paſſagierſchein in Empfang nahm ,
frug der Poſtbeamte ihn, ob cr Gepäck habe.
„ Jawohl !"
„ Nun,“ entgegnete Jener in etwas barſcher Wciſe,
„ o muß dasſelbe gewogen werden .“
„ Vier Groſchen Ueberfracht," bemerkte mitmonotoner
Stimme der mit dem Abwiegen beſchäftigte Poſtdiener.
Friß ſtand einen Augenblick da , aals enn eein
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Blißi aus cheiterer f t
u vvor
LLuft r m
o iihm
h eingeſchlagen wäre.
we Groſ hen ñ
3Zwei Groſchen beſaß er noch, aber wo die zwei noch
fehlenden hernehmen ?
100

„ Nun, Sie haben gehört,“ herrſchte ihn der Poſt


beamte an .
Die zwei Groſchen in der Linken , fuhrwerkte Friß
mit der Rechten angſtbeklommen in allen Taſchen
umher; aber kein rother Heller wollte mehr aus den
ſelben zum Vorſchein kommen .
Nun, was ſuchen Sie denn ?“ rief endlich unge
duldig der Beamte, der ihn ſchon eine Zeitlang mit
einiger Unzufriedenheit beobachtet hatte.
„ Ach , Gott,“ ſtotterte Friß heraus, „ ich habe nur
noch zwei Groſchen in der Taſche, und mein übriges
Geld iſt hier in dieſer kleinen Schatulle, von der ich
wahrſcheinlich den Schlüſſel verloren habe.
„ Thut mir leid !" entgegnete mit gleichgültiger
Miene der Beamte, ſo daß Friß jeglicher Muth be
nommen wurde, an ſeine Gutmüthigkeit zu appelliren .
Doch cin anderer Rettungsgedanke fuhr ihm durch
den Kopf.
„ Wiſſen Sie vielleicht,“ wandte er ſich an den noch
anweſenden Conducteur, „wohin ſich der Herr und die
Dame begeben haben, die mit mir ausgeſtiegen ſind ?“
„ Jawohl,“ erwiederte derſelbe, „ im Gaſthof zur
Sonne, unweit von hier am Markte ; ich habe ſie dort
hingeleitet.“
„ D , dann erlauben Sie, Herr Poſt-Secretair, daß
ich mich eben dorthin begebe, den fehlenden Betrag
zu holen und denſelben gleich herzubringen .“
„ Beſſer , ich gehe mit,“ entgegnete dienſtfertig der
Conducteur, „ erſpare Ihnen den Rückweg und der
101

Herr Poſt - Secretair braucht Ihrethalben hier nicht


länger zu verweilen .“
Das Anerbieten wurde dankbar angenommen .
Beide traten in das bezeichnete Hôtel. Der Kell
ner führte Friß an das Zimmer der eben Angekom
menen . Er klopfte.
„ Hercin !"
„ Ach, ſieh da, unſer Reiſegeſellſchafter !" trat ihm
der Herr zuvorkommend entgegen ; „ kommen Sie, neh
men Sie eine Taſſe warmen Thee mit uns ein.“
Friß acceptirte die freundliche Einladung unter dem
Bemerken , daß er vorher noch eine Bitte habe. Er ſei
um zwei Groſchen zu kurz gekommen, die u . ſ. w .
„ Nichts weiter wie das ? Hier , es macht mir Ver
gnügen ; bitte ſprechen Sie nicht weiter davon ! Es
iſt ja nicht der Rede werth !"
: Fritz reichte erleichterten Herzens dem Conducteur
das Geld . Dieſer blieb jedoch, ihn anſehend, mit aus
geſtreckter Hand vor ihm ſtehen .
„ Lieber Freund,“ redete er denſelben mit aller
ihm zu Gebote ſtehenden Leutſeligkeit an ; ſeien
Sie zufrieden , daß ich Ihnen die zwei Groſchen
geben kann . Gelingt es mir, die Schatulle zu öffnen ,
ſo ſollen Sie morgen für Ihre Bemühung bedacht
werden .“
Etwas Unverſtändliches in den Bart brummend,
ging er ſeiner Wege.
„ Bitte , nehmen Sie Plaß , hier iſt Zucker , Rum
und Zwieback. Eine warme Taſſe Thee mit etwas
102

Rum bekommt vortrefflich nach einer ſolch' angeſtreng


ten Reiſe.“ – Friß war derſelben Meinung.
„ Sie fahren alſo morgen früh um fünf mit der
Journalière ?"
„ Zu dienen ."
„Und bleiben über Nacht hier im Hôtel?"
,,So iſt's."
„ Das iſt ja vortrefflich ; dann bleiben wir noch
etwas zuſammen ; aber wie wollen Sie morgen früh
Ihre Rechnung bezahlen , wenn Sie nicht zu Ihrem
Gelde kommen können ?"
„ Hm , das iſt wahr ; das iſt ſehr ſchlimm ,“ ſtöhnte
Friş verlegen .
„ Beigen Sie mal den Kaſten her! — Soll ich ver
ſuchen , ihn zu öffnen ? ich verſtehe mich etwas auf
ſolche Dinge."
Friß , über die Maßen erſchrocken , !mußte nolens
volens das freundliche Anerbieten annehmen .
Der Herr zog die Glocke , ein Kellner trat ein .
„ Beſorgen Sie mir doch , wenn möglich, einen etwas
ſpißen, langen Nagel.“
Der Rellner verſchwand , um alsbald mit einem
ſolchen zurückzukehren.
Man denke ſich Frißens Lage! Der Angſtſchweiß
brach ihm aus. Die Blamage war entfeßlich. Der
Maſten enthielt nichts weiter als ſein Tagebuch und
einige Toiletten - Gegenſtände. Er war in äußerſter
Verlegenheit. Seine Ehre ſollte Schiffbruch leiden ,
gegenüber dieſen lieben , freundlichen Menſchen , auf
103

die er, wie er glaubte , einen ſo günſtigen Eindruck ge


macht hatte.
Der Herr , ſeines Amtes Betriebs- Inſpector eines
Bergwerkes, ſteckte den Nagel zwiſchen das Schloß der
Stubenthür und bog einen Dietrich daraus.
„ Erlauben Sie die Schatulle."
Friß war feſt entſchloſſen , daß ſich dieſelbe nicht
öffnen ſolle. Auch er verſtand ſich auf ſolche Kunſt
fertigkeiten , in denen er beim verbotenen Beſuche der
Obſtſtube im elterlichen Hauſe eine ziemliche Uebung
erlangt hatte.
Mit beiden Händen hielt er den Kaſten hin , um
dem Zuvorkommenden anſcheinend die Manipulation
dcs Deffnens zu erleichtern , drückte aber jedesmal mit
beiden Daumen , wenn der Hacken die Feder des
Schloſſes gefaßt hatte , den Deckel krampfhaft nieder.
Ein mehrfach wiederholter Verſuch hatte daſſelbe Er
gebniß zur Folge, ſo daß der freundliche Herr ſchließ
lich Veranlaſſung nahm , dem ſchwer Bedrängten den
Rath zu ertheilen , falls er ſich nicht dazu verſtehen
könne, das Schloß aufzubrechen, lieber gleich noch einen
Schloſſer ausfindig zu machen.
„Sofort, ſofort!" ergriff der Geängſtigte das Wort
und dankte ſeinem Schöpfer , als er vor der Thüre
des Hôtels ſtand.
Was war zu beginnen ? Im Hôtel zu übernachten ,
fehlten ihm die Mittel , und ſo blieb ihm nichts anderes
übrig , als bis zur Morgenfrithe einen Spaziergang
durch die dunklen Straßen der Stadt zu improviſiren .
104

Das mochte er ungefähr eine Stunde lang fertig


gebracht haben , als ihm das Unternehmen doch ſehr
unbehaglich vorkam , zumal mittlerweile ſich auch noch
ein feiner Nebelregen eingeſtellt hatte. Da kam ihm
endlich der Gedanke , zur Poſt wieder zurückzukehren.
Dort mußte ja eine Paſſagicrſtube vorhanden ſein .
Jedenfalls war ein Unterkommen in derſelben den fa
talen Straßenwanderungen vorzuziehen , zumal er dort
außerdem gegen den Regen geſchüßt war. Der ſchrille
Pfiff eines Nachtwächters in ſeiner Nähe belehrte ihn ,
daß es Eins geſchlagen hatte.
„ Verehrteſter, bitte, wo finde ich die Poſt ?"
,, Die würden Sie hier vergebens ſuchen ,“ entgeg
nete etwas verwundert der Nachtwächter. „ Aber kom
men Sie mit mir, ich werde Sie zurecht führen . — Dort
unten ,wo der Wachtpoſten auf- und abgeht, iſt die Poſt.“
Friß ging ſtracks auf das Gebäude los , öffnete
ungehindert die Frontthür, die geräuſchvoll wieder zu
ſchlug , und befand ſich nun in der dunkeln Vorhalle
der Poſt, von deren Räumlichkeiten er bei ſeiner An
kunft nur eine dunkle Vorſtellung gewonnen hatte .
Als er eine Weile ſo dageſtanden und das Ticken
einer großen Uhr aufmerkſam verfolgt hatte, fappte er ,
unter dem linken Arm die erwähnte Schatulle , mit
der rechten Hand an den Wänden umher. Eine Thür
kam in ſeinen Bercich , deren Schloß ſich jedoch nicht
öffnen wollte. Alſo weiter ! Wiederum eine Thür.
Dieſelbe öffnete ſich. Vorſichtig und leiſe betrat er
den Raum . Wiederum ſtand er horchend ſtille , und
105

als ſein Ohr nichts Auffallendes vernahm , ſchritt er,


langſam an den Wänden tappend, weiter , die Räum
lichkeit zu unterſuchen .
Da, o Himmel , ſtieß er an eine Bettlade. Das
plößliche Räuspern cines darin Liegenden fuhr ihm
elektriſch durch alle Glieder. Er ſtand einige Augen
blicke wie feſtgewurzelt. Tauſend Gedanken drangen
blißartig ihm durch den Kopf und machten ihm ſeine
prefäre Lage klar. Zur Sicherung ſeines Rückzuges
einige Minuten am ſelben Plaße verweilend , kehrte
er vorſichtig wieder um und gelangte alsbald , ohne
bemerkt worden zu ſein , zurück in die dunkle Vorhalle.
Man ſollte glauben, er hätte an dieſem Schrecken
genug gehabt; aber nein , das Langweilige und Unbe
queme ſeiner Lage , die hinzufommende Ermüdung
er hatte in zwei Nächten kaum geſchlafen – bewog
ihn alsbald zu neuen Unterſuchungen , wobei er denn
auch ſo glücklich war, an einer zu Ende des Ganges
gelegenen Thür ein etwas hervorſtehendes Blechſchild
und hier endlich das ſo ſehnlichſt geſuchte Paſſagier
zimmer zu entdecken. Die in der Dunkelheit mögliche
Reviſion ergab das Vorhandenſein einiger Stühle, eines
Tiſches und eines Sophas , welches leßtere er ſofort
mit Beſchlag belegte , um nach wenigen Minuten ,
unter dem feſten Vorſake, rechtzeitig wieder aufzu
wachen , in einen ſchweren Schlaf zu verfallen .
Wenn nicht glücklicher Weiſe ein Portier das Paſ
ſagierzimmer frühzeitig zu reinigen beabſichtigt hätte,
würde er aller Wahrſcheinlichkeit nach den Abgang der
106

Poſt verſchlafen haben ; ſo aber ſtürzte er hinaus, drückte


ſich in eine Ecke des nur von wenigen Paſſagieren be
ſekten Wagens und ſeşte hier das Geſchäft fort, in
welchem er ſo eben zu ſeinem Glücke unterbrochen wor
den war.
Am 16 . Mai traf er in den Morgenſtunden in
Leipzig ein . Am Thore wurde angehalten . Ein Po
lizeibeamter nahm ein Verzeichniß der Reiſenden auf
und ließ ſich zugleich die Bäſſe derſelben übergeben ,
bemerkend, daß dieſe auf der Polizei wieder in Empfang
genommen werden könnten. Wer in der Stadt zu ver
weilen beabſichtige , der möge ſich dort eine Aufent
haltskarte geben laſſen .
Vom Poſthofe aus auf's Gerathewohl in die Stadt
wandernd, ſtrahlte ihm alsbald an einer der Straßen
ecken ein coloſſaler, rother Anſchlagezettel ſeines Freun
des und fünftigen Prinzipals , Profeſſors Friedrich
Becker, entgegen . Das darauf vermerkte Datum war
erſt acht Tage alt, und ſo hoffte Friß , noch zur rechten
Zeit gekommen zu ſein .
Der auf dem Zettel vermerkte Schauplaß war bald
aufgefunden . Unter einer großen Menge hölzerner Bu
den , die er dort vorfand, machte ſich eine namentlich
durch ihre Höhe und Größe bemerkbar. Auf dieſe ſteu
erte er inſtinctmäßig los. Er hatte , wie die an der
ſelben befindlichen Anſchlagezettel verriethen , die rich
tige getroffen . Beim Eintreten in dieſelbe fand er
mehrere Arbeiter mit dem Abbrechen der inneren Ein
richtung beſchäftigt. Auf ſeine Nachfragen nach dem
107

Herrn Becker wurde ihm bemerkt , daß er denſelben


wahrſcheinlich noch in ſeinem Hôtel treffe. Schnell
eilte er dorthin . Mit ängſtlicher Spannung fragt er
den ihm entgegentretenden Wirth nach dem Geſuchten
und erhält die niederſchmetternde Auskunft, daß der
ſelbe vor zwei Tagen über Berlin nach Roſtock abge
reiſt ſei. „Unmöglich ! er hat mich ja hierher beſchieden,“
entfuhr in großer Erregung ſeinen Lippen , indem er
ſeine Augen angſtvoll auf den Wirth richtete, mit der
Leiſen Hoffnung , daß dieſer ihm vielleicht eine ander
weitig befriedigende Nachricht noch zu übermachen habe.
„ Sind Sie vielleicht der junge Mann aus Weſt
falen , den er ſeit längerer Zeit erwartet hat?“ frug
theilnehmend der Wirth .
„So iſt's,“ erwiederte Friß haſtig ; „ hat er keine
Beſtimmung hinterlaſſen , ob ich ihm nachfolgen ſoll ?"
„ Reine,“ verſeşte der Wirth ; „da aber Herr Becker
in Berlin ein paar Tage bei ſeinem Schwager zu ver
weilen beabſichtigte, ſo können Sie denſelben vielleicht
noch einholen , wenn Sie ſofort ihm nachreiſen ; die
Poſt fährt um 12 Uhr Mittags.“
Im höchſten Grade niedergeſchlagen , kehrte Friß auf
die Straße zurück. Ihm ſchwindelte es vor den Augen.
Keinen rothen Heller in der Taſche, hier in der großen
Weltſtadt allein und verlaſſen , keine menſchliche Seele,
die er um Rath und Hülfe angehen konnte, — es war
entſeßlich ! Er hätte herzlich weinen können , wenn die
Straßen nicht ſo belebt geweſen wären . Endlich raffte er
ſich auf. „Mit bloßem Grübeln kommſt Du nichtweiter,"
108

ſagte er zu ſich ; „ es muß gehandelt, Deine Kleider und


ſonſtigen Effecten müſſen raſch verſeßt werden , und
dann eilſt Du Becker nach.“ Geſagt, gethan ! Eine
Art Eckenſteher — conceſſionirte Dienſtleute gab es
zur Zeit noch keine — ſtand ihm redlich zur Seite.
Die Sachen wurden von der Poſt geholt, zum Leih
amt gebracht, dort verſeßt, und er hatte baare acht
Thaler in ſeiner Taſche. Jeßt zum Polizeibüreau,
- es war die höchſte Zeit , da fein Paß erſt noch
nach Berlin viſirt werden mußte. Auch dies war be
ſorgt. Mit Sturmes -Eile ging es zur Poſt. Als er
dort ankam , ſchlug es zwölf Uhr. Im ſelben Augen
blicke fuhr eine Journalière mit der großen Aufſchrift:
„ Berlin “ an ihm vorüber, welcher er mit aufgeriſſenem
Munde nachſah.
Die Reiſe vier und zwanzig Stunden ſpäter an
zutreten, wäre Thorheit geweſen . Er faßte nach eini
gem Ueberlegen den Entſchluß , Herrn Becker durch
einen Brief nach Roſtock von Allem in Kenntniß zu
ſeßen und ihn um die Mittel zur Weiterreiſe zu er
ſuchen . Ein kleiner Gaſthof war bald gefunden . Als
dann , nachdem er ſein Schreiben zur Poſt befördert
hatte , ging er zum Polizeibüreau , das Viſa ſeines
Paſſes aufheben zu laſſen und um eine achttägige
Aufenthaltskarte nachzuſuchen .
Mit barſchen Worten wurde ihm angedeutet, ſein
Paß ſei einmal viſirt, und ſo habe er zu reiſen . Alle
Vorſtellungen blieben fruchtlos, ſo daß er zuleßt das
Büreau tropig verließ und ſich entſchloß , auch ohne
109

Aufenthaltskarte zu bleiben. Er kehrte alſo zu dem


erwähnten Wirthe, cinem ſehr human ausſehenden
Manne, zurück, den er dann mehr oder weniger zum
Vertrauten ſeiner augenblicklichen , unbequemen Lage
machte , und der aus bloßer Fürſorge, wie er ſagte,
ihn erſuchte , ſeinen Paß ihm in Verwahr zu geben .
Seine Effecten waren ja, wie wir wiſſen , anderweitig
untergebracht. Es war zum erſten Male , daß Friß
ſich inmitten des regen Lebens und Treibens einer
großen Weltſtadt befand, und es unterliegt keinem
Zweifel, daß ihm hieraus, unter anderen Umſtänden ,
eine Fülle der intereſſanteſten Beobachtungen , ſowie
manches Vergnügen entſprungen wäre ; ſo aber , wie
die Sache jeßt. lag, hatte Nichts für ihn Reiz. Die
Ungewißheit , ob Becker ferner ſich ſeiner annehmen
werde, die in Ausſicht ſtehende troſtloſe Zukunft, wenn
dies nicht der Fall war, laſteten wie ein ſchwerer Alp
auf ihm und verfümmerten ihm jegliches Vergnü
gen . Dabei ſah er ſich in Anbetracht der wenigen
Mittel, die ihm noch zur Verfügung ſtanden , zur
ſtrengſten Sparſamkeit genöthigt. Raum daß er ordent
lich zu frühſtücken wagte. An ein Mittagsmahl war
gar nicht zu denken ; ſtatt deſſen begnügte er ſich mit
Nahrungsmitteln , die er verſtohlen aus cinem Winkel
laden holte.
Sechs lange, bange Tage hatte er auf dieſe Weiſe
verbracht, als er am Morgen des ſiebenten von einem
Klopfen an ſeiner Thüre überraſcht wurde. Er ſtürzte:
hinaus. Ein Mann in Uniform ſtand vor derſelben .
110

„ Sie haben einen Brief für mich ?" redete Friß


ihn haſtig an .
„ Einen Brief? nein , aber wie heißen Sie ?" ent
gegnete dieſer.
Friß nannte ſeinen ganzen Vor- und Zunamen ,
im Glauben , daß derſelbe ihm vielleicht eine Geld
ſendung zu überreichen habe.
„ Dann ſind Sie der Rechte ,“ fuhr jener ruhig
fort, „und fordere ich Sie auf, mir augenblicklich zum
Polizei-Bureau zu folgen."
Friß , wie vom Donner gerührt, riß Augen und
Mund weit auf. Auf ſeine Nachfragen , weßhalb und
warum , wurde ihm die einfache Antwort zu Theil, daß
er dies ſchon ſeiner Zeit erfahren werde; einſtweilen
möge er ſich beeilen , ihm zu folgen . Das war in ſo
entſchiedener Weiſe ausgeſprochen , daß er von weiteren
Nachfragen Abſtand nahm und ſchweren Herzens ſei
nem Begleiter zur Polizei folgte. Dort angekommen ,
wurde er ſofort von einem Beamten ins Verhör ge
nommen und befragt, wie er ſich habe unterſtehen
können , in Leipzig ohne Aufenthaltskarte Tage lang
zu verweilen , während doch ſein Paß nach Berlin
viſirt ſei.
„ Entſchuldigen Sie - - - - - "
„ Was, entſchuldigen ? – Hier iſt von Entſchuldi
gen keine Rede," wurde ihm entgegengedonnert; „Sie
haben gegen die Polizci-Ordnung gehandelt und wer
den mit Arreſt beſtraft.“
Das war ihm denn doch zu viel. Hätte er auch
111

im Grunde wenig dagegen einzuwenden gehabt, auf


dieſe Weiſe ſeiue Anweſenheit in Leipzig noch auf ein
paar Tage zu verlängern – denn ſchließlich konnte
das Leben auch nicht viel ſchlimmer ſein , als dasje
nige, wie er es bisher geführt – ſo ſträubte ſich doch ſein
Ehrgefühl gegen eine ſolche Beſtrafung. Thränenden
Auges machte er , mit aller ihm zu Gebote ſtehenden
Beredtſamkeit, Einwendungen und Vorſtellungen gegen
dieſes Verfahren , was zur Folge hatte, daß ein zwei
ter, wie es ſchien , höher ſtehender Beamter ſeinen Baß
in die Hände nahm und erklärte, daß ihm dieſesmal
durch die Finger geſehen werden ſollte ; reiſen aber
müſſe er, entweder rück- oder vorwärts .
Nach kurzem Beſinnen entſchloß er ſich denn zum
erſteren , und zwar entſchied er ſich , zu ſeinem Vetter
ſich zurück zu begeben . In Begleitung des Polizei
dieners kehrte er zuerſt nach ſeinem Hôtel zurück, ſcine
Schulden zu bezahlen , und gelangte in Begleitung
desſelben liebenswürdigen Geſellſchafters zu dem Thore
der Stadt, wo er, ſo zu ſagen , unter dem Wunſche
einer glücklichen Reiſe, gelinde an die Luft geſegtwurde.
Betrübten Sinnes wanderte er anfangs feines
Weges und dachte über die bitteren Enttäuſchungen
nach , die ſein abenteuerlicher Entſchluß ihm bereits
eingebracht hatte.
Allmählich aber machte ſein Trübſinn in Gottes
freier Natur einer beſſeren Stimmung Plaß. Es war
ein herrlicher Frühlingsmorgen. Die Luft war ſo er
friſchend , die Sonne ſchien ſo wohlthuend auf ihn
112

nieder , die Vögel ſangen ſo luſtig in den Zweigen ,


die muntere Lerche lobpreiſete ihren Schöpfer, und ſo
ſchritt auch er , von friſchem Vertrauen und neuen
Hoffnungen beſeelt, tapfer ſeines Weges weiter.
Die Jugend hat glücklicher Weiſe ein biegſames
Gemüth, und ſo dürfen wir uns nicht wundern, wenn
er alsbald , den Vögeln nachahmond, ein munteres Lied
anſtimmte und mit lauter Stimme ein : „ Friſcher Muth
und heiterer Sinn“ auf ſeinem Wege erſchallen ließ .
Nach einem ſechsſtündigen Marſche hatte ihn zwar
der friſche Muth und heitere Sinn nicht verlaſſen ,
wohl aber verſpürte er, daß die Wanderungen zu Fuß
gerade nicht zu den größten Annehmlichkeiten des
Lebens gehörten , und ſo war er froh , ein am Wege
gelegenes Wirthshaus erreicht zu haben , wo er von
ſeinem Marſche etwas auszuruhen vermochte. Wäh
rend er ſich mit einem Trunfe friſchen Bieres ſtärkte,
vernahm er das Heranrollen eines Wagens , welcher ,
von derſelben Richtung herkommend, alsbald vor dem
Hauſe Halt machte. Die Inſaſſen deſſelben , ein alter
Herr und drei Damen , traten in das Gaſtzimmer
und baten ſich ebenfalls eine Erfriſchung aus . Von
Haus aus zuvorkommender , höflicher Natur, beeilte
Friß ſich , dem alten Herrn , der im Begriffe ſtand,
ſich eine Pfeife anzuzünden , mit einem brennenden
Fidibus entgegenzukommen . Ob er ſonſt noch einen
Hintergedanken dabei hatte , wollen wir dahingeſtellt
ſein laſſen . Wer aber in höflicher Weiſe ein Ziel
verfolgt, dem wird man es ſelten verdenfen .
113

Seine Zuvorkommenheit gab dem alten Herrn eine


Veranlaſſung , ſich nach ſeinem „ Wer“ und „ Wohin “
zu erfundigen . Friß ließ dieſe Gelegenheit nicht un
benußt. Nach gegebener Auskunft fügte er ſchüchtern
die Frage hinzu , ob für den müden Wandersmann
nicht vielleicht ein Pläßchen auf dem Bocke des Wa
gens vorhanden ſei. Er hatte bereits vernommen , daß
die Reiſe in gleicher Richtung mit ihm fortgeſeßt wer
den ſolle. Der Herr ſprach ſein Bedauern aus, dar
über nicht verfügen zu können , zweifelte aber keinen
Augenblick, daß der Kutſcher ihm ein ſolches gewähren
würde. Dieſer war zur Zeit mit dem Füttern der
Pferde beſchäftigt. Er brachte demſelben ſein Anliegen
vor. In mürriſcher Weiſe erklärte der Kutſcher , die
Pferde ſeien von einer größeren Reiſe bereits ermüdet,
und fügte kurz angebunden hinzu , daß es einem jun
gen , rüſtigen Menſchen , wie er, nicht ſchaden könne,
ſich auf ſeinen „ Schuſters -Kappen “ zu verlaſſen ; ſonſt
hätte er, wenn ihm dies zu beſchwerlich ſei, lieber zu
Hauſe bleiben ſollen .
Während dieſer Unterredung trat die Reiſegeſell
ſchaft wieder aus dem Hauſe und nahm in dem Wagen
Blak; der alte Herr bedaucrte achſclzuckend, ihm nicht
helfen zu können .
„ Help yourself, so helps you God !" ſagt ein eng=
liſches Sprüchwort.
Während Friß , an der Thüre des Wirthshauſes
ſtehend , anſcheinend gleichgültig den legten Beſchäfti
gungen des barſchen Kutſchers zuſah, war ihm der
B . I.
114

ſchlaue Gedanke gekommen , ſich ſpäter hinten aufzu


feßen , wo ein mächtiger,viereckiger,vorne offener Korb ,
der theilweiſe mit Futterheu gefüllt war, eine ſehr ver
lockende Ausſicht bot. „ Beſſer,“ dachte er, „ demüthig
gefahren , als hochmüthig gegangen."
Aber andere Leute waren ſo klug wie er. Der
Kutſcher , welcher wahrſcheinlich ſchon manche Erfah
rung in dieſer Hinſicht gemacht und zweifelsohne mit
einem bischen geſunden Menſchenverſtande herausge
klügelt hatte, was im Kopfe des jungen Burſchen vor
ging, ergriff die Zügel, trieb die Pferde an und ging
ruhig neben dem Wagen her, bis er eine ſolche Weg
ſtrecke zurückgelegt hatte, die nicht annehmen ließ, daß
er noch eingeholt werden könne. Dann ſich nochmals
nach dem Wirthshauſetaumſehendehers , wo der Enttäuſchte
au ſtehenden Bank fich nieder
bes PHauſe
auf einer vor", dem
gelaſſen hatte , beſtieg er raſch den Wagen und trieb
das Geſpann zum flotten Trabe an.
Jeßt galt's, die ganze jugendliche Kraft gegen die.
Liſt des ſuperflugen Kutſchers und die Flexibilität
ſeiner Miethgäule einzuſeßen . Es war ein Wettlauf
auf Leben und Tod. Er rückte dem Wagen immer
näher, aber allmählich auch machte ſich eine Erſchöpfung
fühlbar, welche drohte, angeſichts des wenige Fuß von
ihm entfernten Zieles den Wettkampf aufgeben zu
müſſen . Da, im lezten Augenblicke, vermochte er mit
ausgeſtreckter Hand das vor dem Korbe geſpannte
Seil zu erreichen , an welchem er ſich nun, zu einem
mechaniſchen Laufen gezwungen, eine Strecke weit mit
115

ſchleppen ließ , bis er ſich ſoweit erholt hatte, daß er


mit einiger Anſtrengung von dem verführeriſchen Plaße
Beſik ergreifen konnte.
Sich vollſtändig in das Heu einwühlend, jepte er
nun ſein Pfeifchen in Brand und lachte ſich, in trau
licher Geſellſchaft derſelben , über den überliſteten
Kutſcher in 's Fäuſtchen.
Er mochte auf dieſe Weiſe ein paar Stunden
weiter gefommen ſein , als er, cine baufällige Stein
brücke paſſirend, in unmittelbarer Nähe derſelben un
crwartet einen Theertopf auf dem Boden erblickte,
den vermuthlich der Autſcher verloren hatte.
Schon überlegte er, ob er ſich demſelben nicht
durch das Aufheben des Topfes verpflichten ſolle, als er
wahrnahm ,wie derſelbe durch ein lautes Br — r — r — r
die Pferde zu halten beſtimmte. Wie der Blip ſprang
er bei dieſem Zeichen drohender Gefahr von ſeinem
Ruheplaße und verſchwand, ſich raſch orientirend, mit
einem kühnen Sprung in den Graben, unter den Bogen
der Brücke. Wenige Minuten ſpäter vernahm er die
lauten Scheltworte des erzärnten Kutſchers , der, an
geſichts des zuſammengedrückten Heues, ſeinen Ingrimm
nicht an ſich zu halten vermochte und nur bedauerte,
den unverſchämten Geſellen nicht mehr abgefaßt zu
haben. Der Wagen rollte weiter.
Frißz lugte wie ein verſcheuchtes Hermelin ans
ſeinem Verſtecke hervor und — audaces fortuna juvat,
ſo hieß ja einer ſeiner lateiniſchen Uebungsſäße —
raſch hervorſpringend, nahm er wieder von dem alten
* 8
116

Plaße Beſik. Kaum daß er ſich jedoch eingerichtet


hatte, hielt unerwartet der Wagen wieder an , ſo daß
er drauf und dran war, einen neuen Salto mortale
auf die Chauſſee zu machen , als er im ſelben Augen
blick bemerkte , daß aus dem Fenſter eines Hauſes ,
vor welchem der Wagen hielt, eine Art Alingelbeutel,
an einer langen Stange befeſtigt, zum Vorſcheine kam ,
um , wie ihm ſofort klar wurde, das Chauſſecgeld ein
zuziehen . Die Gefahr ging auch diesmal, wie in
einigen ähnlichen , nachfolgenden Fällen , glücklich vor
über. Gegen Abend jedoch wollte bei ähnlicher Ge
Icgenheit , troß des wiederholten Peitſchenknalles , der
Klingelbeutel ſich nicht zeigen . In Anbetracht ſeines
böſen Gewiſſens und einer bemerkbaren rüttelnden
Bewegung des Wagens, zog er es vor, zur Vermeidung
einer unfreundlichen Begegnung ſchnell ſeinen Plaß
zu verlaſſen. Schon hatte er kurz vorher in einiger
Entfernung die Thürme einer Stadt wahrgenommen ,
weshalb er den Entſchluß faßte, den Reſt des Weges
dahin zu Fuß zurückzulegen . Um jedoch nicht un
nöthiger Weiſe in der Nähe des Wagens mit dem
Kutſcher in Berührung zu kommen , zögerte er kcinen
Augenblick, dem Wagen auf der entgegengeſeßten Seite
vorbeizueilen .
Aber , o Himmel! der Zufall wollte , daß der
Kutſcher, durch irgend einen Umſtand veranlaßt, gleich
zeitig auf dieſelbe Seite tritt und wie erſtarrt ſtehen
bleibt, als er Friß haſtigen Schrittes an ſich vorüber
cilen ſicht, der es für rathſam hielt, einen ſich dar
117

bietenden Seitenweg , der von grünen Hecken ein


geſchloſſen war, einzuſchlagen , bis das Fuhrwerk
weiter rollte.
Wohlgemuth erreichte er alsbald gegen Dunkel
werden das kleine Städtchen Artern, wo er im erſten
beſten Gaſthofe einkehrte. Seine Anfrage, ob er
Quartier erhalten könne, wurde mit dem Bemerken
bejahet, daß er ſich bis zur Bereitſtellung deſſelben
einſtweilen in die Kutſcherſtube begeben möge. –
Kutſcherſtube! hm - - nun ja, die Leute ſahen ihn
wahrſcheinlich für einen wandernden Handwerksburſchen
an. — Mit Hintanſepung ſeiner verlegten Eitelkeit
trat er in die von ſtarkem Tabaksrauch erfüllte Stube,
welche von einer über einen großen , eiſernen Ofen
herabhängenden Del-Blechlampe ſpärlich erleuchtet war.
Die anweſenden Perſönlichkeiten flüchtig muſternd,
entdeckte er zu ſeinem gerade nicht ſonderlichen Be
hagen am Ende des langen , eichenen Tiſches, an
welchem die meiſten Gäſte Plaß genommen , auch ſeinen
ominöſen Kutſcher , der, mit ſeinem Abendbrode be
ſchäftigt, anſcheinend von dem ſo eben Eingetretenen
weiter keine Notiz zu nehmen ſchien . Während auch
er ſich den Anſtrich möglichſter Gleichgültigkeit gab
und fich cine Erfriſchung beſtellte, nahm er zur Seite
einer Geſellſchaft Plaß, die mit Kartenſpielen beſchäftigt
geweſen war und die Karten zuſammen auf den Tiſch
gelegt hatte.
Das war eine zu ſchöne Gelegenheit für unſern
angehenden Zauberer , die er nicht unbenußt konnte
118

vorübergehen laſſen , ſich bei der Geſellſchaft in An


ſehen zu ſeßen . Die Karten zur Hand nehmend, cr
öffnete er mit ſeinem nächſten Nachbar ein Geſpräch ,
deſſen Endreſultat in einer Probe ſeiner Fertigkeit
beſtand, wodurch er zugleich die Aufmerkſamkeit der
Nächſtſißenden , und durch einige fernere Kunſtſtücke
die der übrigen Geſellſchaft, mit Ausnahme des mit
ſeinem Abendbrode zu ſehr beſchäftigten Rutſchers , in
Anſpruch nahm . Eine Zeit lang verhielt ſich lekterer,
ob mit oder ohne Abſicht, theilnahmlos. Als jedoch
das allgemeine Intereſſe der Anweſenden ſich mit jedem
Kunſtſtücke ſteigerte, ließ auch er ſich endlich beſtimmen,
dem icßt von allen Seiten Umringten neugierig näher
zu treten . Die dankbare Anerkennung, die Friß durch
ſeine Kunſtleiſtungen ſich bei der Geſellſchaft erwarb ,
brachte ein Gefühlder Sicherheit in ihm hervor, das ihn
zu dem verwegenen Gedanken trieb, den Kutſcher mit
ins Spiel zu ziehen . Er ließ ſomit dieſen nebſt zwei
anderen eine Karte aus dem Spiele nehmen , die er
wicder zurückerhielt und alsbald unter dem Vorgeben
verſchwinden ließ , daß ſich dieſelben in der Kleidung
cines der Anweſenden wiederfinden würden . Ein Jeder
ſtellte natürlich ſofort eine Unterſuchung bei ſich an,
aber Niemand fand eine Karte. „So bleibt mir nichts
anderes übrig,“ bemerkte Friß, „als ein Verfahren an
zuwenden , welches den augenblicklichen Inhaber der
Karten ſofort an den Tag bringen wird. Ziehe Feder
von Ihnen eine Karte, und derjenige, welcher Coeur
Aß zieht, hat dieſelben bei ſich verborgen.“ Natürlich
119

zog der mißtrauiſche Kutſcher das Coeur-Aß. Aller


Augen waren auf ihn gerichtet,während er ſeine ſämmt
lichen Taſchen durchſuchte, daſelbſt aber nichts vorfand.
Friß deutete nun den Neugierigen an , die Kragen
ſeines Matins * ) zu unterſuchen , die in der That zum
großen Gaudium der ganzen Geſellſchaft die vermißten
Karten beherbergten .
Man kann ſich keine Vorſtellung machen von dem
eben ſo einfältigen als verwunderten Geſichte des
Betroffenen . Es bedurfte feiner großen Menſchen
fenntniß , unter dem verlegenen Lächeln desſelben die
dahinter verborgene geiſtige Beſchränktheit und aber
gläubiſche Scheu herauszuleſen . Auch Friß war
dies nicht entgangen , und ſo benußte er dieſe Gele
genheit, um daraus Kapital zu ſchlagen.
Nachdem er der Geſellſchaft erflärt hatte, daß man
mit dem zuleßt ausgeführten Kunſtſtücke ſich als Leß
tes zu begnügen habe, ſtand er von ſeinem eng um
drängten Siße auf, um ſich Luft zu machen , und redete
bei dieſer Gelegenheit den erſtaunten Kutſcher mit
einer Unverfrorenheit an , als ob er ihn nie in ſeinem
Leben vorher geſehen habe. Die einſilbigen Antwor
ten deſſelben hinderten ihn nicht, mit einer gewiſſen
Theilnahme und Ungezwungenheit ſich nach ſeinem
,,Woher“ und „ Wohin “ zu erkundigen .
* ) Ein damals übliches Kleidungsſtück der Kutſcher, welches
in einer Art Ueberzieher beſtand , deſſen oberes Theil von einer
Menge aufeinanderliegender Kragen , jeder folgende kleiner wie
der vorhergehende, bedeckt war.
120

„ So,“ entgegnete Friß nach cmpfangener Auskunft.


„ Sie fahren morgen nach Sondershauſen ? Dahin
geht auch meine Reiſe, und ſollte es da nicht möglich
ſein , für Geld und gute Worte ein Pläßchen bei
Ihnen auf dem Wagen zu finden ?"
„ Wenn Ihnen damit geholfen iſt,“ cntgegnete der
Kutſcher mit etwas verlegener Stimme, „ fo kann ich
Ihnen beſſer mit einem Plaß in meinem leer gewor
denen Wagen dienen , und ſoll es mir Vergnügen
machen , wenn Sie morgen früh um ſieben mitfahren
wollen.“
Friß nahm natürlich dankbar dieſes Anerbieten
an, tractirte den Kutſcher noch mit einem Glaſe Bier
und folgte alsdann dem Hausknechte , der ihm ſeine
Schlafſtelle anwies . Der Sicherheit halber verſprach
er legterem ein Trinkgeld , wenn er ihn morgen zur
Zeit wecke, wenn der obige Kutſcher Anſtalt zur Ab
reiſe mache.
Dieſe Vorſichtsmaßregel ſollte ſich am folgenden
Morgen als ſehr am Plaße bewähren ; denn kurz
nach fünf Uhr ſtand der Hausknecht ſchon an ſeinem
Bette, ihn zu wecken .
Im Hui war er in ſeinen Kleidern und überraſchte
den pfiffigen Kutſcher bei ſeinem Frühſtück , der ſich
in ſein Schickſal ergab und den unliebſamen , verdäch
tigen Geſellen mitnahm .
Bald darauf fuhr Friß zum Thore hinaus und
brachte es fertig , ſich im Laufe des Tages mit dem
Kutſcher ganz vortrefflich zu verſtändigen, ohne daß
121

weder der Eine, noch der Andere des am Tage vor


her ſtattgefundenen quid pro quo's gedachte.
Am Abend des 24. Mai langte er wohlbchalten
in Sondershauſen an . Friş verabſchiedete ſich auf
das Dankbarſte von dem Kutſcher, zumal derſelbe ſich
entſchieden weigerte, eine Entſchädigung anzunehmen ,
und wahrſcheinlich dem lieben Schöpfer dankte, einen
ſolch unheimlichen Geſellen ſo guten Kaufs losgewor
den zu ſein .
Bei ſeinem Vetter fand er eine freundliche Auf
nahme, wenngleich er in dem Benehmen desſelben
eine etwas gedrückte Stimmungwahrzunehmen glaubte,
die ſich aber allmählich wieder verlor, als er geſtand,
daß leider ſein verlängerter Aufenthalt bei demſelben
die unſchuldige Urſache ſeines Mißerfolges geweſen
ſei, er jedoch ſicher glaube, in wenigen Tagen von B .
die Mittel zur Wciterrciſe zu erhalten.
Wenngleich es an verſchiedenen Abwechslungen
und beſcheidenen Zerſtreuungen nicht fehlte , die ihm
vorzugsweiſe aus dem Beſuche ſolcher Ortſchaften und
Punkte, welche in dem Jugendleben ſeines Vaters
eine hervorragende Rolle ſpielten , entſprangen , ſo war
er doch herzlich froh , als er nach Verlauf von acht
Tagen von einem in Leipzig Beauftragten die Nach
richt erhielt, es ſei daſelbſt für ihn ein Geldbrief mit
vier Louisd'or angekommen , den man in der Voraus
ſicht, daß er ſo wie ſo zum Einlöſen ſeiner Effecten
nach Leipzig kommen würde, daſelbſt für ihn reſervirt
habe. Friß war nicht wenig über dieſe Nachricht
122

erfreut, zumal die aufgeräumte Stimmung des Vetters


in den leßten Tagen ſeiner Anweſenheit bedeutend
nachgelaſſen und er es unangenehm empfunden hatte,
wenn derſelbe ab und zu Mißtrauen gegen ſeine Er
wartung betreffs B .'s ausgeſprochen hatte. Auf Beide
(chien das Ereigniß eine gleich freudige Wirkung her
vorgebracht zu haben . Die bereits gemachten bitteren
Erfahrungen führten zu einem raſchen Entſchluſſe.
Actes Capitel.
Fußreiſe. – Ein alter Bekannter. – Gezwungener Aufent
halt. — Burück nad Leipzig. — Ein blinder Paſſagier. –
Der Bwillingsbruder. — Roſtock . — Nochmals enttäuſcht.

Schon am folgenden Morgen , den 1. Juni, trat


Friß in Begleitung ſeines Vetters ſeine Reiſe zu
Fuß wieder an. Der kleine Reſt ſeiner Baarſchaft
geſtattete ihm nicht, die Poſt zu benußen ; doch hoffte
er, bei cinem etwas angeſtrengten Marſche Leipzig in
zwei Tagen zu erreichen .
Nach zweiſtündiger Begleitung nahm er von ſeinem
Vetter Abſchied und ſchritt tapfer fürbaß, bis er das
Städtchen Frankenhauſen erreichte, wo er zufällig mit
einem Herrn zuſammentraf, der ſich früher längere
Zeit in ſeiner Vaterſtadt Münſter aufgehalten , und
den cr dort kennen gelernt hatte. Auf eindringliches
Bitten deſſelben ließ er ſich unter dem Verſprechen ,
daß er ihn bis zu dem Orte, den er an dieſem Tage
zu erreichen ſich vorgenommen hatte, begleiten werde,
endlich dazu bewegen , das Mittagsmahl mit demſelben
zu theilen .
Der zuvorkommende Freund, ein Junggeſelle, ver
ſtand es, mit Hülfe eines alten Dieners in kurzer
124

Zeit ein vorzügliches Mahl, ſowie noch einige luſtige


Freunde herbeizuſchaffen , die es ſich bei einem Glaſe
Wein angelegen ſein ließen , den Gaſt ihres Freundes
in die heiterſte Stimmung zu verſeßen . Friß amüſirte
ſich köſtlich. Nur war es ihm unbequem , daß die
Geſellſchaft alles Mögliche aufbot, ihn von ſeinem
Vorſaße, die Reiſe noch am ſelben Tage fortzuſeßen ,
abzubringen. Alles Zureden und Zutrinken war in
Deß vergebens. Schon begann der Abend anzubrechen,
als er trop der Schwere, die er bereits im Kopfe
fühlte, entſchloſſen plößlich aufſprang und der fidelen
Geſellſchaft erklärte, daß er jeßt mit oder ohne Be
gleitung ſeine Weiterreiſe antreten werde, zumal ihm
unter Umſtänden ein großer Nachtheil aus ſeinem
längeren Verweilen entſpringen könne. Als ſie ſich
überzeugten, daß Alles vergeblich war, ihn von ſeinem
Vorhaben abzubringen , erklärten ſie dann vereint, ihn
bis zu dem für heute feſtgeſeßten Ziclpunkte begleiten
zu wollen .
Arm in Arm ſegelten die vier vergnügten Zecher
von dannen und ließen , als ſie die leßten Häuſer des
Städtchens hinter ſich hatten , mit etwas ſchwerer
Zunge ein luſtiges Wanderlied ertönen. In ſtock
dunkler Nacht wurde unter Lachen und Scherzen,
wozu die unſicheren Pedale mehrfache Veranlaſſung
gaben , die Reiſe fortgeſeßt. Die Luft war ſchwül
und der Himmel umzogen , ſo daß nur vereinzelte
Sterne vorübergehend am Horizont ſichtbar waren .
Ein mehrfach ſich wiederholendes Wetterleuchten machte
125

jedoch die nächtlichen Wanderer ſtuþig , zumal als


mit demſelben auch ein fernes Donnerrollen ſich ver
nehmen ließ . Sic beeilten ihre Schritte und erreichten
glücklich noch das kleine Dörfchen Dſchersleben , als
ein heftiges Gewitter ſich entlud, und der Regen in
Strömen herniederfloß. Von einem Weitermarſche
konnte unter dieſen Umſtänden keine Rede ſein , und
ſo waren ſic herzensfroh, in dem Hauſc, wohin ſie
auf's Gerathewohl ihre Zuflucht genommen hatten ,
cin bereites Unterkommen zu finden, obgleich das Lage:
nur aus einer großen Streu beſtand. In der Frühe
des folgenden Morgens wollte Friß ſeine Reiſe allein
fortſeßen , was jedoch ſeine freundlichen Begleiter nicht
zugaben , indem ſie ihm bis zu dem uns bereits be
fannten Städtchen Artern Geſellſchaft leiſteten. Hier
trennte er ſich von den freundlichen Leuten , um keinen
derſelben im Leben jemals wieder zu ſehen . Er ſeşte
nun allein ſeine Reiſe weiter fort, bis cr Merſeburg
erreichte und hier übernachtete. Mit Tagesanbruch
war cr wieder unterwegs und traf Vormittags früh
in Leipzig ein .
Der Brief, den er hier von dem Herrn B .mit dem
erwähnten Gelde vorfand , enthielt die Aufforderung,
ihm ſofort nach Roſtock zu folgen . Nachdem er ſeine
Effecten auf dem Pfandhauſe eingelöſt hatte , gelang
es ihm am ſelben Tage noch , mit der Schnellpoſt
nach Magdeburg abzureiſen und am 4 . Juni dort
einzutreffen . Leider ſah er ſich hier wiederum ge
nöthigt, bis zur Abfahrt des Dampfſchiffes (B .hatte
126

ihm die Benußung deſſelben in ſeinem Briefe ange


rathen ) zwei erſchrecklich lange Tage zu verbringen .
Mit Bangen und Sorgen nahm er von Tag zu Tag
wahr, wie ſein Baarbeſtand trotz der größten Genüg
ſamkeit immer mehr zuſammenſchmolz.
Aus Sparſamkeitsrückſichten begab er ſich am
Abende des 6 . Juni in die ſchmußige Spelunke der
Heizer des Dampfſchiffes , wo er für zwei Thaler ein
Unterkommen bis Boißenburg fand. Zehnmal lieber
würde er auf dem Decke des Schiffes die Nacht ver
bracht haben , wenn nicht andauernder Regen ihn daran
gehindert und gezwungen hätte, zu dieſem , mit me
phitiſchen Düften angefüllten , höchſt unſauberen, von
rüden Geſellen beſekten , engen Raume ſeine Zu
flucht zu nehmen . Er athmete ordentlich auf, als er
mit Anbruch des Tages bei Boißenburg ans Land
geſcßt und aus dieſem infernalen Aufenthaltsorte er
löft wurde.
Poſt na ein en ag , ehe er
Wiederumperverlor ercheinen halben TTag, ehe er
ſeinen Reiſe per Poſt nach Ludwigsluſt weiter fort
fe ße fokonnte.
feßen r Hier angekommen , ſtellte ſich heraus,
daß fein Poſt-Anſchluß ſtattfand. Somit blieb nichts
anderes übrig, als die Reiſe weiter zu Fuß fortzu
ſeßen. Seine Reiſeeffecten entſendete er nach Roſtock
per Poſt. In Schwerin angelangt, nahm er ſeinen
Weg an dem großherzoglichen Park vorüber, dort ließ
er ſich auf eine Bank nieder , begann eine Reviſion
ſeines Baarbeſtandes vorzunehmen und gelangte zu
der traurigen Ueberzeugung, daß derſelbe die Fortſeßung
127

der Reiſe per Poſt ihm nicht geſtattete. Was ſollte


aber daraus werden , wenn er die noch ſo bedeutende
Strecke bis Roſtock zu Fuß zurücklegen mußte ? Seine
bereits wund gegangenen Füße ſchmerzten ihn ſehr,
und wie leicht konnte der Zuſtand derſelben ſich ſo
verſchlimmern , daß er unterwegs liegen bleiben mußte ?
Er ließ ſehr entmuthigt den Kopf hängen . Aus
einiger Entfernung drang zu ihm dic heitere Muſik
eines großen Orcheſters. Herren und Damen zogen
luſtwandelnd in munterem Geſpräch durch die Anlagen
des Parfes und ſahen mit ſcheuen Blicken , wenn ſie
ſich bis zu ſeinem Plaße verloren , auf den hier verein
ſamt Sißenden , deſſen ſtaubige und ziemlich vernach
läſſigte Toilette ſofort verrieth , daß er nicht zu den
jenigen Vergnügungsgäſten gehörte, die ein Recht hatten,
ſich hier einzufinden .
Bekannte trauliche Melodien, die ſodann ertönten ,
erfüllten ihn mit tiefer Wehmuth und verſekten ihn
unwillkürlich in die liebe Heimath, in die Nähe der
geliebten Seinen . Thränen rollten ihm über die Wan
gen , während ein unausſprechliches Wehe ihn ergriff.
Was half's ? Er mußte zu einem Entſchluſſe kom
men , er mußte weiter. Aber wie ? Da kam ihm ein
Gedanke aus der Heimath , der erſt wie ein kleines
Fünkchen in ihm auflebte, und dann wie ein flam
mender Stern ſein Gehirn erfüllte.
Von blinden Paſſagieren hatte er dort gehört.
Darunter waren ſolche Reiſenden zu verſtehen , die
es verſtanden , durch ein freundliches Wort und ein
128

kleines Trinkgeld ſich in die Gunſt eines Poſt- Con


ducteurs zu feßen , der , ein Auge zudrückend , nach
Umſtänden denſelben geſtattete, auf eine billige Weiſe
ihr Reiſeziel zu erreichen . Warum ſollte das hier
in dem fremden Lande nicht möglich ſein ? Es kam
auf einen Verſuch an , viel riskirt konnte kaum dabei
werden .
Nach einigem Nachdenken begab er ſich in eine
Schenke, ſich hier nach der erſten Station auf dem
Wege nach Wismar zu erkundigen . Dann ging er
zur Poſt und ließ ſich bis dahin für wenige Groſchen
cinſchreiben . Während der Poſtwagen vorfuhr, ſtrengte
er ſeinen ganzen Scharfſinn an , die Phyſiognomie
des Conducteurs ſorgfältig zu ſtudiren , um ſich mög
lichſt zu vergewiſſern, in wiefern er auf einen Erfolg
ſeines Planes rechnen dürfe. Das Reſultat war ein
günſtiges . Er war zufällig der einzige Paſſagier , und
ſo erſuchte er zur Beſeitigung der Langeweile den Con=
ducteur, ihm in ſeinem Coupee Geſellſchaft leiſten zu
dürfen , was dieſer offenbar, zumal der Poſtillon
vom Pferde aus fuhr, mit freundlicher Zuvorkommen
heit geſtattete.
Es wird kaum nothwendig ſein , dem Leſer zu
verſichern , daß Fritz ſich zur beſonderen Aufgabe ſtellte,
den Conducteur für ſich einzunehmen . Bald war es
fein gefüllter Tabaksbcutel, bald ſein ſchlecht gefüllter
Geldbeutel, wenn es ſich um eine Erfriſchung handelte,
dic er demſelben zur Verfügung ſtellte. Mehr jedoch
als durch dieſe Zuvorkommenheiten gelang es ihm
129

durch ſeine Unterhaltungsgabe, ſich die Gunſt desſel


ben zu erwerben .
Längſt waren ſie über den Punkt, bis wohin Friß
ſich hatte einſchreiben laſſen , hinausgerückt , als der
Conducteur ſich nach ſeinem eigentlichen Reiſeziel erfun
digte, und Friß ihm beklommenen Herzens das Geſtänd
niß machte, daß er Wismar zu erreichen wünſche.
„ Nun , da haben wir noch eine ziemliche Strecke
zurückzulegen ,“ entgegnete dieſer gutmüthig, und möchte
ich Ihnen rathen, da die Nachtluft empfindlich fühl
geworden, Sie außerdem leicht gekleidet ſind, ſich in
das Innere des Wagens zu begeben, wo Sie wenig
ſtens nicht zu befürchten haben , ſich zu erfälten .“
Troß Frißens wohl nicht ganz aufrichtig gemein
ten Einwendungen , beſtand der Conducteur auf ſeinem
Vorſchlag, welchem Friß in der Wirklichkeit nur all
zu gern Folge leiſtete, zumal er bis dahin blos unter
dem Einfluſſe ſteter Aufregung und Beſorgniß ſeiner
nachgerade ſchr bemerkbar gewordenen Ermüdung Herr
geworden war.
Der gutmüthige Conducteur, der zweifelsohne
ſeinem offenherzigen jugendlichen Reiſegeſellſchafter
wohlwollte , hatte ſicherlich, wenn auch von Mitleid
erfüllt, noch einen anderen Grund, ihn zu dieſer Ver
änderung aufzufordern , indem er an den verſchiedenen
Halteſtellen ihn gegen die beobachtenden Blicke etwa
herantretender Poſtbeamten geborgen wußte.
Die Situation hatte ſich geklärt. Dem Beſorgten
war ein Stein vom Herzen gefallen , und ſo machte er
Bd. I.
130

von dem wohlmeinenden Anerbieten Gebrauch . Wenige


Minuten waren verfloſſen , als er troß Schütteln und
Rütteln des Wagens eingeſchlummert war.
Inſtinctmäßig erwachte er nach einiger Zeit, als
der Wagen über eine gepflaſterte Straße hinrollte
und alsdann vor einem großen Poſtgebäude anhielt.
Vermuthlich hatten ſie Wismar crreicht. Zum Aus
ſteigen war es , meinte er , immer noch früh genug,
wenn er dazu aufgefordert würde.
„ Ach, wenn er mich wollte vergeſſen ,
Wie würde zufrieden ich ſein !"
dachte er mit dem alten Volksliede, drückte ſich ſtramm
in eine Wagenecke und wartete der Dinge, die da
kommen ſollten.
Es währte jedoch nicht lange, ſo ſchaute der Con
ducteur in den Wagen und rüttelte den vermeintlich
Schlafenden aus ſeinen Träumen . Er machte ihm be
merkbar, daß ſie in Wismar angelangt ſeien und bei
nahe mit ihm weiter gefahren wären . Was blieb un
ſerem Helden anders übrig , als auszuſteigen ?
Die hellerleuchtete Poſtuhr zeigte beinahe Eins. Dic
dunkeln Straßen waren ſpärlich von einigen trübbren
nenden Dellampen erhellt. Außer den Leuten vor der
Poſt war kein menſchliches Weſen bemerkbar.
Wohin ? Wohinaus ? er wußte es nicht. In der
Richtung, wohin die Pferde des Poſtwagens ange
ſchirrt wurden , nahm er nach wenigen Schritten an
den Säulen cines Hauſes , die einen hervorſpringenden
Balkon trugen , Stellung, um dem freundlichen Con
131

ducteur cin leßtcs, ſtilles Lebewohl zu wünſchen . Er


hatte ja dann noch Zeit genug zu überlegen , was
weiter zu beginnen ſei.
Trüben Blickes und beklommenen Herzens ſah er
auf den wieder mit friſchen Pferden beſpannten Poſt
wagen .
„ Wo bleibe ich ? " war natürlich ſein einzigerGedanke.
Da blies der Poſtillon das Abfahrts -Signal und
im folgenden Augenblicke fauſten Pferde und Wagen
an ihm vorüber.
Es gibt Momente im Leben , wo die ganze erfin
deriſche Kraft eines Menſchen, ſei es bei plößlich dro
hender Gefahr oder durch ein unerwartet an ihn her
antretendes, eine raſche Entſcheidung forderndes, wich
tiges Ereigniß , eben ſo plößlich und unerwartet in
einem einzigen Augenblicke zum Ausbruch gelangt und
ihn das cinzig richtige Mittel ergreifen läßt, das allein
geeignet iſt , die augenblickliche Gefahr oder Schwie
rigkeit zu bewältigen .
Ob dieſer plößliche Impuls, dieſes Ausſichheraus
gehen über die gewohnheitsgemäße Denk- und Hand
lungsweiſe des Einzelnen den Namen „ Geiſtesgegens
wart“ verdient, wollen wir dahin geſtellt ſein laſſen ,
und uns dem im nächtlichen Dunkel, im Schatten einer
düſter flackernden Straßenlaterne verweilenden , Trüb
ſal blaſenden Helden unſerer Erzählung wieder zu =
wenden, der ſich in einer Situation befindet, dic uns
zu obiger kurzen Reflexion Veranlaſſung gegeben hat.
Nachläſſig an den Pfeiler gelehnt, ſah er in höch
9*
132

ſtem Grade niedergeſchlagen und entmuthigt den Wa


gen auf ſich zucilen und vorüberfahren. –
Da, urplößlich werden ſeine Augen lebendig , der
Körper ſtreckt ſich und gewinnt eine ſtramme Haltung,
cine Stimme im Innern ruft ihm zu : „ Noch iſt es
Zeit !" und ein klarer, verwegener Gedanke blißt in
ihm auf.
Wir haben bereits früher von ſeiner Geſchicklich
keit im Laufen einen Begriff bekommen , und ſo ſehen
wir auch jeßt ihn wieder im lekten verzweifelten Mo
ment mit wilden Sprüngen hinter dem Poſtwagen her
cilen , obgleich derſelbe nicht, wie damals, eine geeignete
Gelegenheit zum unbemerkten Aufſiße bietet.
Mit der Schnelligkeit eines Achilles eilt er hinter
dem Wagen her , während er ab und zu ein lautes :
Halt, Halt! erſchallen läßt und endlich auch erreicht,
denſelben zum Stehen zu bringen .
„Was iſt los ? “ ruft neugierig der Conducteur zum
Wagencoupé heraus.
„ Ach, entſchuldigen Sie,“ ſtößt der Nacheilende halb
athemlos heraus, „ Ihr lekter Paſſagier hat ſeinen Ta
baksbeutel im Wagen liegen laſſen.“
„ Nun , ſo beeilen Sie ſich , denſelben herauszuneh - ,
men ,“ entgegnete Jener.
Friß öffnete den Wagen , ſchwang fich hinein , ſuchte
cinige Augenblicke in demſelben umher und benußte
zugleich dieſe Gclegenheit, das Fenſter in der Wagen
thür zu öffnen und dieſe dann mit großem Geräuſch
von innen zuzuſchlagen . Den Kopf zum Fenſter hin
133

ausſteckend, rief er dann mit lauter Stimme: „ Ich


habe ihn , fahren Sie wohl!"
Marſch ging es zum Thore hinaus , während der
kecke Abenteurer mit möglichſter Vorſicht von den weich
gepolſterten Pläßen wieder Beſiß nahm .
Mochte nun kommen , was da wollte , jedenfalls
war er eine Strecke weiter, wenn er etwa entdeckt und
an die Luft geſegt werden ſollte. Außerdem glaubte
er ſchlimmſten Falles an die humanen Geſinnungen
des ihm bekannten Conductcurs appelliren zu können
und auf eine nachſichtige Behandlung ſeinerſeits rechnen
zu dürfen . Seine anfängliche Erregung verlor ſich, je
ſchneller der Wagen ſich fortbewegte und je mehr er
der Hoffnung lebte , vor Tagesanbruch nicht entdeckt
zu werden , und ſo dürfen wir uns nicht wundern ,
wenn er, im höchſten Grade ermüdet, auf dem weichen
Lager vertrauensſelig einſchlief und es ſeinem Schick
ſale überließ , die Welt ihm in den nächſten Stunden
in aſchgrauer Färbung oder im roſafarbigen Schim
mer zu zeigen .
Zwanzig Jahre, braune Haare ,
Straujer Bart um Lipp' und Kinn,
Leichte Waage , leichte Waare ,
Feſter Glaube, lockerer Sinn ,
Nie nach „ Wenn“ und „ Aber“ fragen ,
Kraft im Arm , Troß unter'm Hut,
Statt Beweiſes zugeſchlagen –
Das iſt zwanzigjähr'ges Blut.
ſingt der Dichter Gaudy, und er hat gewiß Recht.
Was wäre die Jugend ohne ihren leichten Sinn, und
134

was wäre das Leben , wenn wir ſchon von Jugend


an uns mit ernſten Gedanken und Sorgen über die
nächſte Zukunft plagen wollten .
Daß unſer jugendlicher Abenteurer , froß ſeiner
eigentlich ernſten Gemüthsrichtung, mit einer gehörigen
Portion glücklich leichten Sinns ausgeſtattet iſt, hat
der Leſer wohl längſt wahrgenommen . Er konnte
ihn auch gebrauchen und hat ihn auch , wie wir als
Berichterſtatter ſeiner ferneren Schickſale fühn be
haupten dürfen , noch ſehr nothwendig.
Wir haben ihn nun lange genug des ſüßen Schlafes
pflegen laſſen ; der Tag iſt bereits angebrochen , ob
gleich noch im erſten Stadium ſeines Entſtehens .
Friß erwacht zu dieſer Zeit wiederum durch das
raſſelnde, eigenthümliche Getöſe, welches die gepflaſterten
Straßen im Wagen verurſachen , und überzeugt ſich
alsbald , daß er ſich innerhalb der Ringmauer einer
größeren Stadt befindet.
Eben ſo ſchnell, wie er in der vergangenen Nacht
ſeinen kecken Entſchluß zur Ausführung brachte, ebenſo
raſch erkannte er auch gegenwärtig die Nothwendigkeit,
den Wagen ſofort zu verlaſſen . Ohne einen Augen
blick zu zögern , öffnet er die Thür des Wagens,
ſchließt, auf dem Tritte ſtehend, dieſelbe wieder und
macht einen fühnen Sprung in die Straße. Ein tau
melnder Sturz war die Folge. Ohne ſich weſentlich
verleßt zu haben , ſpringt er wieder auf, ſäubert die
durch den Fall etwas beſchmußte Kleidung, nimmt die
ſeitwärts gefallene Schatulle unter den Arm und ſteuert
135

auf das Gerathewohl durch die ſtillen und unbelebten


Straßen in die Stadt hinein , mit der Abſicht, irgendwo
eine Gelegenheit zum Frühſtücken zu finden und dann
jeine Weiterreiſe zu Fuß fortzuſeßen . Ein ihm be
gegnender Arbeiter beſtätigt ſeine Vermuthung, daß
er ſich in Dobberan befinde.
Unerwartet erreicht er einen freien Plaß und
ſieht in nächſter Nähe den ſo eben verlaſſenen Poſt
wagen ſtehen , der mit friſchen Pferden beſpannt wurde.
Dieſer Umſtand feßt ſofort wieder all ſeine Lebens
geiſter in Bewegung, ſich zum Herrn der Situation
zu machen .
Da kommt der leutſelige Conducteur zum Vor
ſchein, der mit dem Ausdruck des größten Erſtaunens
den in Wismar zurückgelaſſenen Paſſagier auf ſich
zukommen ſieht.
„ Wo, zum Teufel, kommen Sie denn her ?" ruft er
ſeinem geſtrigen Paſſagier, der anſcheinend ganz ſorg
los auf ihn zuſchreitet, entgegen .
„ Wie kommen Sie zu dieſer Frage ?“ erwiederte
dieſer mit effectvoller Verwunderung.
„ Nun," antwortete Jener, „ganz einfach aus dem
Grunde, weil ich Sie vergangene Nacht in Wismar
gelaſſen habe, und es mir ein Räthſel iſt, wie Sie
ſich gegenwärtig hier befinden können ."
„Mich wollen Sie in Wismar gelaſſen haben ?"
lächelte Friß ihm entgegen ; „das muß wohl ein Jrr
thum ſein , da ich hier in Dobberan geſchlafen und
vergeblich auf meinen Bruder gewartet habe, mit dem
136

ich gemeinſam heute Morgen eine Reiſe nach Roſtock


vereinbart hatte.“
„ Einen Bruder erwarten Sie?" Nun das kann
nur ein Zwillingsbruder ſein ; denn ſolch ' eine Xehn
lichkeit iſt mir in meinem Leben noch nicht vorge
kommen .“ Er hatte offenbar noch weitere Auslaſſun
gen auf dem Herzen , als der Poſtillon ihm anzeigte,
daß er fertig ſei.
„ Sie wollen noch mit nach Roſtock," unterbrach
ſich dann der Conducteur, „ dann eilen Sie ſchnell zum
Herrn Poſtſecretair hinauf, vielleicht daß derſelbe
Ihnen noch ein Billet gibt. Da oben, eine Treppe
hoch , die erſte Thür links iſt das Büreau, aber wie
geſagt, beeilen Sie ſich, es iſt Zeit zur Abfahrt.“
„ Apropos, wie weit haben wir noch bis Roſtock ?“
„ Zwei Meilen .“
Mit zwei Säßen ſprang Friß zur Treppe hinauf,
öffnete die bezeichnete Thür und ſtand vor dem etwas
ſchlaftrunken ausſehenden Poſtſecretair, welcher ſchrei
bend an ſeinem Pulte ſaß . In der höflichſten Weiſe
bat er um ein Fahrbillet nach Roſtock. Dazu konnte
der Reſt ſeiner Baarſchaft noch eben ausreichen .
Es erfolgte keine Antwort; nicht einmal ein neu
gieriger Blick wurde ihm von dem Angeredeten zu
Theil. Er wiederholte alſo ſeine Bitte und wurde
auch diesmal keiner Antwort von dem ſchlechtgelaunten
Beamten gewürdigt.
Zur Zeit einen Blick zum Fenſter hinauswerfend,
gewahrte er den auf ihn wartenden Conducteur, der
137

durch bezeichnende Geſticulationen und Mienen ihm


zu bedeuten ſuchte, daß er ſich gezwungen ſehe, ab
zufahren , wenn er nicht ſofort herunterkomme.
Hier war guter Rath theuer.
Friß warf noch einen legten Blick auf den mit
Schreiben beſchäftigten Secretair, und als dieſer feine
Miene machte, ſich ſeiner anzunehmen , machte er furz
Kehrt, eilte die Treppen hinunter, und — - - -
ſteigt in den für ihn offen gehaltenen Wagen ein .
Schnell war auch der Conducteur auf ſeinem Plak
und trieb den Poſtillon zur eiligen Abfahrt an .
Es bedurfte kaum dieſer Aufforderung. Im ſelben
Augenblicke flogen die Pferde im raſchen Galopp von
dannen.
Die noch wenige Sccunden dauernde Zögerung
wurde für Friß zu einer halben Ewigkeit, und um für
alle Fälle die Aufmerkſamkeit des Conducteurs auf ſich
zu lenken , ließ er raſch das Verbindungsfenſter her
unter und ſtimmte mit lauter Stimme ein luſtiges Bur
fchenlied an, bis ſie um die nächſte Straßenecke bogen .
Der Conducteur ſchüttelte den Kopf und betrachtete
mit zweifelhaften Blicken den ſonderbaren Paſſagier.
Nach Verlauf von zwei Stunden hatten ſie Roſtock
erreicht.
Es war noch ziemlich früh am Morgen . Beim
Ausſteigen trat der Conducteur, der mittlerweile doch
wohl einigen Verdacht gegen ſeinen Paſſagier geſchöpft
haben mochte, an ihn heran und erſuchte ihn um Vor
zeigung ſeines Paſſagier -Billets.
138

„ Billet ?" entgegnete dieſer mit einiger Verlegen


heit; „ ich habe keines bekommen .“
„ Sie haben doch den Fahrpreis gezahlt , und da
müſſen Sie auch ein Billet erhalten haben.“
Seßt ſchien es Friß jedoch an der Zeit , an die
bereits erprobte Gutmüthigkeit des Fragenden zu ap
pelliren , und machte demſelben ein offenes Geſtändniß .
Als er ihm mittheilte, wie er ohne ſein Wiſſen in der
vergangenen Nacht mit ihm gefahren ſei, konnte der
ſelbe ſich des Lachens nicht erwehren , machte gute
Miene zum böſen Spiele und warnte ihn, ſolch ein
in jeder Beziehung gefährliches Experiment nicht zum
zweitenmale zu verſuchen .
Mit einem herzlichen Händedruck trennte er ſich
von dem humanen Conducteur und wanderte auf's
Gerathewohl in die Straßen Roſtock's hinein . Auch
diesmal dienten ihm die an den Straßenecken befind
lichen Anſchlagezettel als Führer, aus denen er ent
nahm , daß das große Zaubertheater des Profeſſors
ſich am ſogenannten Strande befinde. Dort ange
langt, erkannte er alsbald unter einer Reihe von höl
zernen Schaubuden , an einem mit Rieſenſchrift bedeck
ten Plakate , den geſuchten Tempel. In der frühen ,
Morgenſtunde herrſchte in der Umgebung der Buden
nur wenig Leben . Die meiſten derſelben waren ge
ſchloſſen . An der hinteren Seite der für ihn allein
Bedeutung habenden Bude entdeckte er jedoch eine kleine,
geöffnete Thür, durch die er mit Herzklopfen cintrat.
Ein daſelbſt beſchäftigter Arbeiter gab ihm die Aug
139

kunft, daß Herr Becker ſeit vier Tagen den Cyclus


ſeiner Vorſtellungen geſchloſſen habe, vermuthlich aber
noch in ſeinem Hôtel zu den drei Sternen weile.
Spornſtreichs eilte Friß dorthin . Auf ſeine Erkun
digung benachrichtigte ihn der Wirth , daß Becker ge
ſtern nach Stopenhagen abgereiſt ſei.
Friß erblaßte und ſtarrte ſprachlos vor Schrecken
den Wirth mit großen Augen an , welcher, die plöß
liche Veränderung im Geſicht des Nachfragenden be
merkend, theilnehmend fich erkundigte, ob ihm nicht
wohl ſei.
„ Nicht doch,“ entgegnete dieſer, der ſich inzwiſchen
etwas geſammelt hatte und mit der Hand die kalten
Schweißtropfen von der Stirn wiſchte. – „ Ich , -
ich , – haben Sie mich auch recht verſtanden ? Ich
ſuche den Herrn Becker , der hier magiſche Vorſtel
lungen in der Bude am Strande gab.“
„ Ja wohl,“ erwiederte dieſer, „den meine ich auch;
ſind Sie vielleicht der junge Mann , den er ſeit län
gerer Zeit erwartet hat ? Dann kann ich Ihnen mit
theilen , daß derſelbe ſogar Shrethalben zwei Tage
länger hier verweilte, als er Abſicht hatte, und zuleßt,
als er glaubte, daß Sie nicht nachkommen würden ,
höchſt unzufrieden ſeine Reiſe nach Kopenhagen antrat."
Mit ſchwerem Herzen theilte Friß die Urſachen
ſeiner Verzögerung dem Wirthe mit. Ihn ſehr be
dauernd, gab dieſer ihm den Rath, mit einem im Hafen
liegenden , gerade ſegelfertigen Schiffe ſofort nachzu
eilen . Gegen einen ſehr mäßigen Preis würde er auf
140

demſelben Paſſage finden ; doch möge er ſich beeilen ;


denn das Schiff harre nur auf guten Wind, um ab
zuſegeln . Dankbar für den Rath empfahl ſich Friß .
Das warwieder eine verzweifelte Lage, in welcher er
ſich befand. Wie benebelt wanderte er nüchternen Ma
gens durch die Straßen , ohne eigentlich zu wiſſen ,
wohin ? Häuſer ſah er keine; ſeine Blicke glitten ge
dankenlos über das Pflaſter hin . Vor ſeinem Auge
tanzten trübe Schatten , die ſich bald zu großer Länge
ausdehnten und ſich bald wieder zu einem winzigen
Punkte zuſammenzogen .
Augenblickliche Gelegenheit ! – Seereiſe ! — mä
figer Preis ! — klang es in ſeinen Ohren. Der Rath
war gut, aber woher das Geld zur Reiſe nehmen ?
Er beſaß kaum noch ſoviel , um ſich dafür ein Mahl
zu kaufen . Zum Vcrſeßen oder Verkaufen hatte er
auch nichts mehr. Auf ſein ganzes Hab und Gut
hatte er auf der Poſt Vorſchuß genommen . Woher
dieſen erſeßen ?
Neuntes Capitel.
Der Orgeldreher. – An Bord. — Der vergrabene Schak . —
Auf See. – Mittel gegen die Seekrankheit. – Endlid;
gefunden . — Sdilechte Ausſichten . — Erfte Thätigkeit. —
Becker's Vorſtellungen . – Der lebendige Automat. –
Die entſetliche Hand.

In verzweifelter Stimmung hatte Friß, ohne es


wahrzunehmen , unerwartet den Strand erreicht, wel
chen er entlang ging, ohne auf das bewegte Leben
und Treiben zu achten , das ſich dort kundgab.
In ſeiner apathiſchen Wanderung wurde er plöß
lich durch eine Menge Matroſen geſtört, die unter
luſtigem , tactmäßigem Geſange eine große Winde be
wegten , um ein Schiff dem Strande näher zu bringen .
Der muntere, aufgeweckte Geiſt der Matroſen , die
kräftigen , kernigen Geſtalten , die heiteren Geſichter, die
er wahrnahm , brachten ihn wieder zur Beſinnung.
Seiner Niedergeſchlagenheit ſich ſchämend , ſah er mit
theilnehmendem Intereſſe auf das belebende Bild. Von
friſchem Muthe beſeelt, geſtand er ſich, daß er noch
geſunden Körper und kräftige Glieder habe, und daß,
wenn alle Stricke riſſen , er ja auch nöthigenfalles
Matroſe werden könne. Vorab aber wollte er, feinem
142

guten Stern vertrauend, einen Verſuch machen , ob er


nicht doch etwa auf eine oder andere Weiſe den guten
Kath des Wirthes ſich zu Nuße machen könne.
Ein fühner Gedanke verjagte den anderen , bis er
zuleßt den Entſchluß faßte, ſich an den Kapitain des
bezeichneten Schiffes zu wenden , ihm ſeine mißliche
Lage vorzuſtellen und ihm das Verſprechen zu geben ,
in Kopenhagen angekommen , die Baſſage entrichten
zu wollen. Vielleicht daß er die auf der Poſt befind
lichen Gegenſtände einlöſen und als Pfand für die
Zahlung annchmen würde. '
Gedacht, gethan ! Er eilte zu dem Rapitain und
trug demſelben mit den rührendſten Worten , die ihm
zu Gebote ſtanden, ſeine Bitte vor. Gelaſſen hörte
dieſer ihn an , entgegnete jedoch ſchlicßlich achſelzuckend,
daß er principiell ein für alle Mal keine Paſſagiere
annähme, die die Baſſage von fünf Speciesthalern
nicht im Voraus zu erlegen im Stande ſeien. Dieſe
Worte waren in ſo entſchiedener, rückhaltsloſer Weiſe
geſprochen und mit ſo kalter, ſtrenger Miene beglei
tet, daß Friß, die Erfolgloſigkeit jeder ferneren Ver
ſuche einſehend, das Haus des Kapitains verließ .
Der Muth war ihm aber nicht erſtorben . Zuerſt ſtärkte
er ſich in der erſten beſten Matroſenkneipe und ſeşte
dann ſeinen Gang zu dem Schiffe ſelbſt fort, wo er
ſich an Bord begab und eine Muſterung der verſchie
denen Paſſagiere vornahm , in der Hoffnung, unter
denſelben eine Seele mit menſchlichem Rühren zu
entdecken . In der That fand er auch alsbald eine
143

Vertrauen einflößende Phyſiognomie heraus. Der


Eigenthümer derſelben hörte mit anſcheinender Theil
nahme auf ſein Anliegen , ſprach ſchließlich aber ſein
Bedauern aus, daß er ſelbſt nur mit dem Nothwen
digſten zu dieſer Reiſe verſehen und ſomit nicht im
Stande ſei, ihm zu helfen ; doch machte er ihn auf
einen anderen Paſſagier aufmerkſam , der, nach dem
Auftreten zu urtheilen , jedenfalls die Mittel beſiße,
ihn aus ſeiner Verlegenheit zu befreien.
Frit folgte dieſem Fingerzeige, wurde aber ſchnöde
abgewieſen , und ſo begab er ſich wieder an's Land,
zumal das äußere Erſcheinen der übrigen Paſſagiere
nicht geeignet war, ihn zu weiteren Verſuchen dieſer
Art zu crmuthigen .
Beklommenen Herzens wanderte er von dannen .
In Nachſinnen verſunken , hörte und ſah er nicht, was
um ihn her vorging, und war nicht wenig überraſcht,
als ſich unerwartet eine Hand auf ſeine Schulter legte.
Sich umſchauend , gewahrte er einen Menſchen mit
ſonnenverbrannter, bärtiger Phyſiognomie, deſſen Klei
dung ſo abgeſchabt und reparaturbedürftig war, daß
man es Friß nicht verargen konnte, wenn er denſelben
mit empfindlichem , unwirſchem Blickc anſah. Ehe er
jedoch Worte fand, den Bummler , – cinen ſolchen
glaubte er unzweifelhaft vor ſich zu haben — nach
der Urſache der ſo vertraulichen Annäherung zu be
fragen , redete dieſer ihn ſchon mit einem pfiffigen
Lächeln an, wobei ſein kupferfarbiges Angeſicht noch
einen erhöhten Glanz zu bekommen ſchien .
144

„ Seien Sie nur nicht ungehalten , junges Blut,


ſich in folcher Geſellſchaft, wie die meinige iſt, zu be
finden." — Dabei ließ er einen höchft komiſchen Blick
über ſein Habit gleiten . — „ Es ſteckt oft unter ſolchen
Lumpen mehr Gefühl für die Noth Anderer, als unter
dem feinen Plüſchrock mit glänzenden Knöpfen .“
Einen ſolchen Rock trug derjenige, von dem Friß
zulegt an Bord des Schiffes abſchläglich beſchicden war.
„ Ich befand mich auf dem Schiffe und hörte zu
fällig Ihr Anliegen , das Sie gegen einige Paſſagiere,
ohne Erfolg zu haben , ausſprachen , und dann, offen
bar ſehr niedergeſchlagen , daſſelbe verließen . Das hat
mich bewogen , Ihnen nachzufolgen und Ihnen meine
Hülfe anzubieten . Ich ſelbſt reiſe nach Kopenhagen,
kenne den Herrn Becker wenigſtens par Kenommée
und von Angeſicht; iſt ein Teufelskerl, aber auch ein
Ehrenmann, ſo viel ich weiß ; dabei vertraue ich Ihrem
ehrlichen Geſichte, daß Sie mir das Geld dortwieder
geben werden ; es ſei denn, daß Sie es nicht könnten .“
feßte er lachend hinzu : „ Nun , dann bin ich auch nicht
viel ärmer.“
Friş ſah und hörte mit dem größten Erſtaunen
und Befremden dieſen Menſchen mit ſeinem abgeriſſe
nen , ſchmußigen Anzuge und der zweifelhaften Phy
ſiognomie an, während ein Hoffnungsſchimmer in ihm
auflcuchtete.
„ Aber wie kommen Sie dazu ,“ entgegnete Friz
mißtrauiſch , „ ſich meiner ſo unerwartet anzunehmen ?“
„ Nun, das habe ich Ihnen ja ſchon mehr oder
145

weniger geſagt. Sie thaten mir leid, zumal Ihnen


Ihre Unerfahrenheit in der Welt auf dem Geſichte
geſchrieben ſteht. Es macht mir nun einmal Spaß ,
ein gutes Werk zu thun. Als Sie auf dem Verdecke
ſo ſchüchtern umhergingen , die verſchiedenen Paſſagiere
beäugelten und bei mir mehrerc Male vorüberſchritten ,
ohne von mir Notiz zu nehmen , ſah ich alsbald als
erfahrener Practicus in ſolchen Dingen , daß Sie
etwas auf dem Herzen haben müßten , und ſo drückte
ich mich unbemerkt in Ihre Nähe, zur Zeit als Sie
ſich an den Herrn mit den blanken Knöpfen auf dem
Rocke wandten. Hätten Sie mich nur eines Blickes
gewürdigt, dann wäre Ihnen ſchon gleich wohler
um 's Herz geworden ; aber ſo cin unerfahrener Grün
ling überſieht den ſchlechter als die Anderen geklei
deten , wie der ungeübte Säger den Haſen in der
Furche. Doch zur Sache ! Kommen Sie mit ! Ich
will Ihnen das Geld zur Reiſe und zur Einlöſung
Ihrer Sachen geben .“
„ Dieſe Botſchaft hör' ich gern !“ dachte Frit ; aber
ſie fam ſo unerwartet und aus einer ſolch ' zweifel
haften Quelle, daß er ſeines Erſtaunens nicht Herr zu
werden vermochte und den Sprecher immer noch mit
ungläubig mißtrauiſcher Miene anſah.
„ Wer ſind Sie denn eigentlich ,“ brach Friß dann
halb verlegen in die Worte aus, „daß Sie ſo ohne
Weiteres bei einem Ihnen gänzlich unbekannten Men
ſchen Ihr Geld auf das Spiel zu ſeben bereit ſind?"
„ Wer ich bin , das thut zwar eigentlich nichts zur
Bd. I. 10
146

Sache; aber Sie ſollen es bald erfahren. Einſt


weilen aber kommenUebSie mit, um
riga sem fondeIhnen
das Uebrige zum Gelde
rba mii.“chen ihnen
zu verhelfenin, das wird ſich finden
Mechaniſch folgte er dem ſonderbaren Menſchen ,
während unterwegs kein Wort weiter zwiſchen ihnen
geſprochen wurde, ſo daß er genügend Zeit fand, alle
möglichen verſtändigen und unverſtändigen Betrachtun
gen über denſelben anzuſtellen .
So viel ſtand feſt : Während einerſeits derſelbe
auf ihn den Eindruck eines perſonificirten Land
ſtreichers machte, verrieth er andererſeits durch ſein Be:
nehmen und ſeine Redeweiſe eine gewiſſe Bildung, die
mit ſeinem äußeren Erſcheinen nicht im Einklange
ſtand. Doch es war ein zu verführeriſcher Gedanke,
ſo unerwartet aller augenblicklichen Sorgen mit cinem
male fich enthoben zu ſehen , und ſo folgte er dem
Führer durch verſchiedene Straßen und Gaſſen , bis
derſelbe endlich vor einer kleinen , abgelegenen Schenke
ſtehen blieb , ihn erſuchend, vor der Thüre einen Au
genblick zu verweilen .
Bald darauf kehrte er zurück, führte ihn zu einer
in der Nähe befindlichen Anlage, und hier zu einer
von Gebüſch umgebenen Bank, auf welcher er Plak
nahm und ſeinen Begleiter aufforderte, ſeinem Bei
ſpiele zu folgen . Dann holte er einen kleinen ledernen,
mit klingenden Münzen gefüllten Beutel aus der
Taſche und zählte zehn Speciesthaler, die ſo blank
und neu waren , als ob ſie eben die Münze verlaſſen
hätten , auf die Bank.
147

Friş überlief ein Gruſeln dabei. Unter hörbarem


Herzklopfen kam ihm der Gedanke, durch den Empfang
des Geldes vielleicht von einem Menſchen abhängig
zu werden , der nichts Gutes im Schilde führe.
Sollte es vielleicht ein Seelenverkäufer ſein ? Er
hatte ſo oft von einem ſolchen in der Heimath reden
hören , war ſich aber dennoch nicht recht klar über die
Bedeutung des Wortes , welches in der damaligen
Zeit bei den vielen ſo bitter enttäuſchten Auswan
derern an der Tagesordnung war.
„ Nun," frug der Fremde, „was ſehen Sie mich nun
noch ſo mißtrauiſch an ? Hier, nehmen Sie das Geld
und bringen Ihre Angelegenheit in Ordnung. Sie
haben keine Zeit zu verlieren , da wir morgen , wenn
der Wind einigermaßen günſtig iſt, in See gehen .
Sie zögern ? Scien Sie nicht thöricht; die Gelegen
heit wird Ihnen nicht wieder geboten .
„Sie können Ihres Argwohns gegen mich nicht
Herr werden , ich finde es in Ihrer Lage und bei
Ihrer Unerfahrenheit verzeihlich. – Nun denn , ſo
muß ich Ihnen wohl zu Ihrer Beruhigung eine nähere
Aufklärung über mich geben, was ich am beſten wohl
durch einen kurzen Abriß aus meinem Leben erreiche.
.. .

So hören Sie denn :


„ Der einzige Sohn nicht unbemittelter Eltern, hatte
--

ich eine gute, zu nachſichtsvolle Erziehung genoſſen .


--

Ich ſtudirte Philologie, trug eine Korpsmüße und


cin dreifarbiges Band auf der Bruſt.“
Der Erzähler ſtrich bei dieſen Worten mit einem
10 *
148

gewiſſen Wohlgefallen ſeinen graugeſprenkelten , mar


tialiſchen Schnurrbart und fuhr dann fort :
„ Das war die ſchönſte Zeit meines Lebens. Viel
leicht danken Sie ihr einen Theil meiner Theilnahine.
Auch Sie kommen mir vor , wie cin verunglückter
Student und verhätſcheltes Mutterſöhnchen , welches
Gott weiß was auslaufen ließ und es vorgezogen
hat, in der großen Welt ein Unterkommen zu ſuchen .
Vielleicht daß ich mich irre ; ſchadet aber nichts . Sic
ſehen zum Wenigſten , woher mein Intereſſe für Sic
in der Hauptſache entſpringt.“
Der Erzähler machte hier eine kurze Pauſe, holte
aus der Bruſttaſche eine Flaſche hervor, that einen
gehörigen Zug und fuhr dann wieder fort:
„ Ich gerieth in ſchlechte Geſellſchaft, vernachläſſigte
meine Studien , verpraſte meiner Eltern Geld , wurde
relegirt und trieb mich eine Zeitlang unter allen mög
lichen Verſuchen , mir eine Exiſtenz zu ſchaffen , in
der Welt umher. Zu meiner Schande muß ich ge
ſtehen , daß die Flaſche – ein bedeutungsvoller Blick
auf ſeine Bruſttaſche begleiteten dieſe Worte – mir
ſtets einen Strich durch die Rechnung machte. Noth
lehrt beten . Meine Eltern waren geſtorben . Ich
wurde älter und wollte leben , und ſo verfiel ich auf
den Gedanken , Orgeldrcher zu werden. Es gelang
mir, den geringen Betrag für ein halb verdorbenes
Inſtrument zuſammenzubetteln . Ich fing an, etwas
vernünftig zu werden und nun ſo viel zuſammenzu
orgeln , bis ich im Stande war, ein beſſeres Inſtrument
149

mir zu kaufen . Bis auf den heutigen Tag iſt dies mein
Erwerbszweig, und ich habe es dahin gebracht, durch
die von mildthätigen Händen geſpendeten Pfenninge
und Dreier das Sümmchen, welches ich hier in dem
Beutel habe, als einen etwaigen Nothpfenning mir
zu erſparen . Während der Meſſe habe ich den Be
trag um ein Erfleckliches vermehrt und beabſichtige
icßt, mit der Hoffnung auf gleichen Erfolg, das Thier
gartenfeſt in Kopenhagen zu beſuchen . Verſchiedene
an Bord befindliche Künſtler, die mich kennen , würden
Ihnen nöthigenfalls , wenn Sie dies für gerathen er
achten, über meine Perſon noch einen weiteren , Sie
beruhigenden Aufſchluß gcben . Sind Sie nun zu
friedengeſtellt über die Motive meiner Handlungsweiſe ?"
Zu Thränen gerührt ergriff Friß die Hand des
edlen , theilnahmevollen Unbekannten , dankte auf das
Herzlichſte für ſeine uneigennüßige Hülfe, crbat ſich die
nöthige Information betreffs der Seefahrt, cilte leichten
Herzens zum Kapitain, zahlte ſeine Paſſage, löſte ſeine
Sachen auf der Poſt ein , verſah ſich auf den Rath
des Unbekannten mit verſchiedenen entſprechenden Le
bensmitteln , und begab ſich an Bord des Schiffes .
Das Verdeck wimmelte jept von allen möglichen Ge
ſtalten, die meiſt der Klaſſe der vagabondirenden Kunſt
jünger angehörten .
Nachdem ſeinc Effecten untergebracht waren , unter
nahm er eine oberflächliche Beſichtigung ſeiner ſchwim
menden Behauſung , eines kleinen ſogenannten Schoo
ners. Der zum Schuß der Paſſagiere beſtimmte Auf
150

enthalt, die ſogenannte Koje, beſtand aus einem ſehr


beſchränkten , ſchmußigen Raume, der offenbar nur einen
Theil der Paſſagiere in ſich aufzunehmen vermochte.
Das war freilich keine ſehr angenehme Wahrnch
mung, aber was fümmerte das zur Zeitunſeren Glücks
ritter ! Die Hauptſache war , daß er vorwärts fam .
Außerdem nahm die Neuheit der Verhältniſſe ſein In
tereſſe in Anſpruch , da cr zum erſten Male in ſeinem
Leben , mit der Ausſicht auf eine Seereiſe, ſich an Bord
eines Schiffes befand und nicht anders glaubte, als
daß die Einrichtungen auf allen Schiffen mehr oder
weniger gleiche Unbequemlichkeiten böten .
Bald nach ſeiner Ankunft erſchien auch der edel
müthige Helfer in der Noth an Bord, ſeine gewichtige
Orgel mit ſich führend.
Mit freundlicher Zuvorkommenheit trat er ihm ent
gegen , war aber nicht wenig überraſcht, denſelben ſehr
kurz angebunden zu finden . Nach einer flüchtigen Be
grüßung wandte ſich dieſer einigen anderen Paſſagieren
zu , nachdem er ſeiner Orgel einen ſicheren Plaß ge
geben . Im Glauben , daß irgend eine Unannehmlich
feit ſeinen edelmüthigen Beſchüßer in ſchlechte Laune
verſekt habe, wartete er eine ſpätere Gelegenheit ab, ſidh
demſelben zu nähern , wurde aber nicht wenig verðußt,
als derſelbe ein kaltcs, zurückhaltendes Benehmen gegen
ihn an den Tag legte und ein gleiches unerklärliches
Verhalten gegen ihn während der ganzen Dauer der
Reiſe bewahrte. Nicht wenig betrübte anfangs dieſer
unerklärliche Geſinnungswechſel den Ueberglücklichen .
151

Vergebens grübelte er eine Zeitlang über die mögliche


Urſache nach , bis er endlich auf den Gedanken kam ,
ob ſein Helfer in der Noth vielleicht aus einer über
triebenen edelherzigen Abſicht dies Verhalten gegen
ihn beobachte , um ihn ſeiner Danfespflicht zu über
heben , oder gar, um ihn von dem Zwang einer Ge
fellſchaft zu befreien , die möglicher Weiſe ihn in den
Augen der Uebrigen beeinträchtigen konnte. Er hatte
das Richtige getroffen , wie ſich im Laufe der Reiſe
herausſtellte.
Eine ſolche ungewöhnliche, aufopfernde Selbſtver
läugnung, wie bei dieſem halb verkommenen Menſchen ,
iſt Friß in ſeinem Leben nie wieder begegnet.
Er begriff glücklicher Weiſe die volle Bedeutſamkeit
derſelben , ließ ſich durch die anſcheinende Kälte und
Zurückhaltung des Mannes nicht beirren und trat
ihm ſtets mit der größten Freundlichkeit und Zuvor
fommenheit entgegen.
Die Nacht war mittlerweile herangerückt. Friß
verfroch ſich in einen Winkel der unheimlichen Kajüte,
die von Männern, Frauen und Kindern dichtgedrängt
angefüllt war. Einen alten Rock zum Kopfkiſſen be
nußend , ſchlief er alsbald den Schlaf des Gerechten.
Mit Tagesanbruch verließ er ſein unbequemes La
ger und begab ſich auf das Deck. Dort fand er einen
großen Theil der Paſſagiere in Decken und Mäntel
eingehüllt, die größtentheils ein Nachtlager im Freien
der dumpfen Kajütenluft vorgezogen hatten .
Während des Tages waren die meiſten noch mit
152

dem Ordnen ihrer Habe beſchäftigt. Ab und zu ver


ließen Einzelne, mit einer Menge Aufträge beladen ,
das Schiff, kehrten aber nach kurzer Zeit, zumeiſt mit
den verſchiedenartigſten Lebensmitteln bepackt, zu ihren
Freunden zurück , denen noch im leßten Augenblicke
dies oder jenes als für die Seereiſe wichtig oder noth
wendig erſchienen war.
Es war eine bunte Geſellſchaft , in der Friß ſich
befand, Athleten und Marionettenſpieler , Seiltänzer
und Wachsfiguren - Cabinet - Beſißer , Albinos und
Zwerge, Harfeniſten und Orgeldrcher bildeten haupt
ſächlich das Contingent derſelben , ein luſtiges , mun
teres Völkchen, das, an ein derartiges Nomadenleben
gewöhnt, von dem heiterſten Humor beſeelt war.
Der Kapitain hatte Ordre gegeben, das Schiff nicht
mehr zu verlaſſen . Es handelte ſich nur um Eintritt
des günſtigen Windes , um in See zu gehen . Am Nach
mittage wagte auch Niemand mehr, vom Schiff zu gehen ,
und ſo ſtellte ſich allmählich Langeweile unter den
Paſſagieren ein , die man durch Spiel und ſonſtigen
Zeitvertreib zu verdrängen ſuchte. Auch Friß trug
dazu bei, indem er einige ſeiner Kunſtſtücke zum Beſten
gab. Er erreichte dadurch zugleich, als ein würdiges
Mitglied der Geſellſchaft betrachtet zu werden , nicht
ahnend , daß ihm dadurch noch am ſelben Tage ein
eigenthümliches Abenteuer in Ausſicht ſtand.
Während er ſeine Umgebung unterhielt und hin
und wieder lauten Beifall einerntete, ſtand unweit von
ihm , an die Schiffsbrüſtung gelehnt, cin ernſt ausſc
153

hender , ſtattlicher Mann , den er bis dahin nicht be


merkt hatte. Derſelbe war mit einem Matroſenhute
bedeckt, in blaue Jacke und Beinkleider gehüllt, ſo daß
es ſchien , als ob er zur Schiffsmannſchaft gehörte, ob- ,
gleich die Sauberkeit ſeines Anzuges dieſer Vermu
thung in etwa widerſprach.
Schweigſam und ernſt verfolgte derſelbe mit an
ſcheinend großem Intereſſe die verſchiedenen Kunſtſtücke
des Zauberlehrlings.
Als dieſer bei eintretender Dämmerung ſich auf
dem Schiffe umherbewegte, trat der erwähnte ſchweig
ſame Beobachter an ihn heran und flüſterte ihm leiſe
zu , er habe ihm etwas Wichtiges mitzutheilen . Er
wünſche jedoch , ihn allein zu ſprechen , zu welchem
Zwecke er ihn erſuche, nach cinigen Augenblicken ihm
in den Zwiſchenraum des Vorderdeckes zu folgen , je
doch es ſo einzurichten , daß dies nicht bemerkt würde.
Natürlich ſagte Friß zu. Es war ja nichts dabci zu
riskiren , und neugierig war er nicht wenig, was dieſe
Aufforderung für eine Bewandtniß habe.
Der Fremde verſchwand alsbald in der dunkeln ,
ſchmalen Deffnung des Vorderdeckes , während er noch
einen auffordernden , crmuthigenden Blick dem Ein
verſtandenen zuwarf, der auch nicht lange auf ſich
warten ließ . Mit einiger Unbeholfenheit kletterte er
auf einer ſehr ſchmalen und abſchüſſigen Leiter in den
ſehr ſpärlich vom Tageslichte erhellten Schiffsraum
hinab. Als er feſten Fuß gefaßt hatte, redete ihn der
Fremde mit halb unterdrückter, leiſer Stimme an :
154

„ Junger Mann , nach Ihnen habe ich ſchon lange


geſucht. Wollen Sie Ihr Glück machen und in kurzer
Zeit ein reicher Mann werden ? Wollen Sie mit leich
ter Mühe dreißigtauſend Thaler gewinnen ? Doch vor
her eine Frage noch , zu welcher Religion gehören Sie ? "
„ Zur katholiſchen.“
„Nun ,“ fuhr jener fort, „ dann iſt Alles richtig ;
doch hier iſt nicht der Ort , Ihnen eine nähere Aus
cinanderſeßung zu machen . Sie müſſen mir, wenn es
vollſtändig dunkel iſt, an's Land und zu meinem Hauſe
folgen , wo wir bei einem frugalen Abendbrode uns
ausſprechen können und ich Gelegenheit haben werde ,
Ihnen ungeſtört das Nähere mitzutheilen . Zeit und
Umſtände ſind dazu hier nicht geeignet.“
Eine wunderbare Mähr für Frißens aufmerkſames
Ohr; doch war er nicht ſo ſanguiniſcher Natur, daß
er darüber die Warnung des Kapitains, das Schiff
nicht mehr zu verlaſſen , vergeſſen hätte , und ſo er
flärte er, troß der in Ausſicht geſtellten dreißigtauſend
Thaler, daß er ſich unter ſolchen Umſtänden nicht ent
ſchließen könne, ihn an's Land zu begleiten .
„ Seien Sie unbeſorgt,“ entgegnete dieſer , „ das
Schiff wird nicht in See ſtechen, wenn ich mich nicht
an Bord befinde. Ich bin der Eigenthümer deſſel
ben , der Kapitain iſt mein Bruder und hat meinen
Befehlen unbedingt Folge zu leiſten . Das Schiff
geht nach London , ich ſelbſt reiſe mit, um dort
einige wichtige Einkäufe zu machen . In Kopenhagen
halten wir nur ſo lange an , um die Paſſagiere ab
155

zuſeßen ; dann geht es gleich weiter. Sie können alſo


darüber ganz beruhigt ſein . Das Schiff wird nicht
cher den Hafen verlaſſen , als bis wir Beide wieder an
Bord ſind. Sollten Sie Zweifel in meine Ausſage
feßen , ſo können Sie ſich leicht durch irgend einen
der Matroſen oder, wenn Sie wollen , nöthigenfalls
durch den Kapitain ſelbſt die Beſtätigung deſſen , was
ich geſagt, verſchaffen ; nur bitte ich, die ſtrengſte Ver
ſchwiegenheit über das Mitgetheilte zu beobachten . Nur
wenn Sie in dieſer Beziehung vollſtändig beruhigt ſind,
bitte ich , mir nach dem Lande zu folgen , ohne jedoch
bemerkbar werden zu laſſen , daß wir zu einander in
Beziehung ſtehen.“
Mehr konnte Friß nicht verlangen , und ſagte unter
dieſer Bedingung zu . Die eingezogenen Erkundigungen
beſtätigten Alles auf das Vollſtändigſte, und ſo gab
cr dem geheimniſvollen Schiffscigenthümer durch einen
Wink ein Zeichen ſeiner Einwilligung.
Bald darauf befindet er ſich am Lande und in
des Mannes Wohnung. Er wird der ziemlich be
jahrten Frau ſowie einem erwachſenen Sohne und
einer Tochter einfach als Paſſagier des Schiffes vor
geſtellt und aufgefordert, am Abendeſſen Theil zu
nehmen . Die Unterhaltung erſtreckt ſich auf gleichgül
tige Dinge. Gegen zehn Uhr wird den beiden Kindern
kurz angedeutet, daß ſie ſich zu Bette verfügen können .
Dieſelben gehorchten , ohne eine Miene zu verziehen,
mit dem Gehorſam eines zehnjährigen Kindes des
Vaters Befehle.
156

Die Frau holte eine Flaſche Wein herbei; dann


war der Zeitpunft gekommen , wo die Neugierde des
Erwartungsvollen befriedigt werden ſollte.
Nachdem L . .., ſo wollen wir Frißens neue Be
kanntſchaft nennen, die Gläſer gefüllt hatte, erzählte
er ſeiner Frau, durch welche Umſtände er zuerſt auf
ſeinen Gaſt aufmerkſam geworden ſei. Es unterliege
keinem Zweifel, daß er endlich den rechten Mann ge
funden , der alle die Eigenſchaften beſiße, die vor einer
Reihe von Jahren ein berühmter Wahrſager als er
forderlich für den bezeichnet habe, der geeignet ſei, den
verborgenen Schaß an das Tageslicht zu befördern.
Derſelbe habe erklärt, daß ein Jüngling von reinem ,
unbeſcholtenem Character , katholiſcher Religion , der
im Beſiße großer Kenntniſſe geheimniſvoller Natur
kräfte ſei, einſt ſich mit ihm auf einem Schiffe befinden
würde, und dieſer, wenn derſelbe ſeiner Beobachtung
nicht entginge, wäre der Mann, der ihm zur Hebung
des verborgenen Schakes behülflich ſein könne. Sich
direct an ſeinen Gaſt wendend, der ſich alle Müher
gab, das gelöſte Räthſel ſowie die damit verknüpfte,
unter bedeutſamem Ernſte und wichtiger Miene vor
getragene Erzählung nicht mit einem lauten Auf
lachen zu begrüßen , ſeşte er demſelben nun auseinan
der, wie im Jahre 1812 genau auf dem Raume, wo
jeßt ſein Haus ſich befinde, ein Sapuzinerkloſter
geſtanden habe, welches von den Franzoſen in Brand
geſchoſſen und vollſtändig zerſtört worden ſei. Die
armen Kapuziner, von den Franzoſen ciner Verräther
157

ſchaft beſchuldigt, hätten kaum Zeit gehabt, ihren


anſchnlichen Gold - und Silberreichthum zu vergraben ;
dann wären ſie ſämmtlich ein Opfer der Kriegswuth
geworden .
Im biſchöflichen Archive ſei nun vor einigen Jahren
ein vergilbtes Document entdeckt, welches die vergra
benen Gegenſtände näher bezeichne und den Werth
derſelben auf wenigſtens ſechzigtauſend Thaler an
gebe. Leider ſei der Ort, wo dieſelben vergraben
ſeien, nicht genau bezeichnet, doch unterliege es feinem
Zweifel, daß die Mönche den Schaß nur im Bereiche
des Kloſters oder der nächſten Umgebung hätten ver
bergen können .
Der beſondere Grund aber, durch den er zu der
Ueberzeugung gelangt ſei, daß der Schaß ſich in ſeinem
Hauſc befinde, liege in einer merkwürdigen Erſchei
nung, die er nebſt ſeiner Frau zu zwei verſchiedenen
Malen beobachtet habe. Sie ſeien um Mitternacht
aufgewacht und hätten ihr Schlafzimmer von einem
hellen Feuerſchein erleuchtet geſehen . Eine nähere
Nachforſchung habe dann ergeben, daß in der Küche,
unmittelbar vor der Kellerthür eine helle, weißblaue
Flamme auf einem Punkt geiſterhaft geflackert habe.
Seine Frau forderte er nun auf, alle Einzelheiten
der Erſcheinung mitzutheilen , welcher Aufgabe ſich
dieſelbe mit großer Redſeligkeit entledigte. Dann
führte ſie Fritz an das kleine Fenſterchen , das von
der Schlafſtube zur Küche ging, durch welches der
helle Schein in das Zimmer gedrungen war, und von
158

dem aus man nun die bedeutſame Kellerthür nebſt


dem Küchenherd überſehen konnte.
Alsdann, erzählte L . . . weiter, als ſich die Er
ſcheinung zum zweiten Male wiederholt, habe er einen
Mann ausfindig gemacht, der im Rufe eines Schah
gräbers geſtanden . Unter deſſen Beihülfe habe er
dann Nachgrabungen in der Küche angeſtellt, die je
doch erfolglos geweſen ſeien , wenngleich derſelbe in
der zweiten Nacht mit ſeiner Schaufel auf einen ciſcrnen
Kaſten geſtoßen ſei, der jedoch , wie jener beſtätigt
habe, dadurch, daß er , der Erzähler, in demſelben
Augenblicke geſprochen und gefragt habe, ob er was
ſehen könne, ſofort wieder verſunken ſei. Die Sache
unterliege alſo gar keinem Zweifel. Der Schak be
finde ſich hier und es hänge nun von ihm ab, dazu
beizutragen, denſelben an 's Tageslicht zu fördern , und
er ſei bereit, den Schaß mit ihm zu theilen . Einſt
weilen biete er ihm an, hier in ſeinem Hauſe bis zu
ſeiner Rückkehr von London zu verweilen , worüber
höchſtens ein Monat verlaufen würde. Sie könnten
alsdann gemeinſam die erforderlichen Maßregeln treffen ,
die zur Erreichung ihres Zieles nothwendig ſeien .
Unter allen Umſtänden könne er ſo lange bei ihm zu
bringen , wie ihm überhaupt zur Ausführung des Pro
jectes erforderlich ſcheine.
Während L . . . mit dem Ausdrucke gläubigſter
Ueberzeugung ſeinen Gaſt anſah und deſſen Zuſtim
mung erwartete, befand ſich dieſer in nicht geringer
Verlegenheit, auf welche Weiſe er ſich am beſten aus
159

dieſer cigenthümlichen Situation befreien könne. Das


unbeſchränkte Vertrauen , welches der Sprecher ihm
an den Tag legte, die gaſtliche Aufnahme, die er ge
funden, waren ihm im höchſten Grade peinlich und
ließen ihn den Entſchluß faſſen , ſeine Dankbarkeit
dadurch zu beweiſen, daß er das abergläubiſche Paar,
durch vernünftige Vorſtellungen und naturgemäße Er
klärung der ſtattgehabten Erſcheinung von ihrem thörich
ten Glauben zu heilen ſuchte, hinzufügend, daß er ſelbſt
an ſolche Dinge keinen Glauben habe und ſomit auch
nichts davon verſtehe.
Seine Einwendungen und Vorſtellungen halfen aber
nichts , bis endlich der Wirth , unter einem hohen Grad
von Erregung, empfindlich in die Worte ausbrach, er
ſehe wohl, daß er ihm nicht helfen wolle oder ihm
augenblicklich nicht helfen könne; dann aber bitte er
ihn , da er einmal von dem Glauben nicht laſſen fönne,
den rechten Mann gefunden zu haben , er möge ihm
zum wenigſten ſeinen guten Rath ertheilen, auf welche
Weiſe er am ſicherſten in den Beſit des Schaßes ge
langen könne.
Frik ſah nun ein , daß er mit Vernunftgründen
hier nichts auszurichten vermöge. Der Schaß und
ſein Beſiß war dem Manne zur fixen Idee geworden ,
und ſo griff er denn zu dem ihm allein übrig bleibenden
Auskunftsmittel, auf die abergläubiſchen Ideen des
Mannes bis zu einem gewiſſen Grade einzugehen ,
indem er der Wichtigkeit eines guten Einvernehmens
mit dem Schiffseigenthümer, unter deſſen Aegide er
160

mchrere Tage hindurch auf dem Waſſer ſchwimmen


ſollte, gedachte.
Er bedeutete ihm alſo, daß, ſoweit ſeine Kenntniß
in ſolchen Dingen reiche, der einzigſte und ſicherſte
Weg, Herr des Schaßes zu werden, der ſei, nur allein
in Verbindung mit ſeiner Frau die Nachgrabungen
anzuſtellen. Das Hinzuziehen fremder Hülfe würde
ihn deſſelben unbedingt verluſtig machen .
Es irar ſeine Abſicht, auf dieſem Wege die thörichten
Leute zum wenigſten gegen eine mögliche bittere Er
fahrung zu ſchüßen, die ja troß unſeres aufgeklärten
Zeitalters bis auf den heutigen Tag in den Anna
len der Criminaliſtik mehrfach eine Rolle ſpielt.
Friß erreichte auf dieſem Wege ſeinen Zweck,
wenn auch nicht zur vollſtändigen Zufriedenheit des
Abergläubiſchen , der jedoch verſprach , ſeinem Rathe
unbedingt Folge zu leiſten.
Nicht wenig froh war er, als er gegen Mitter
nacht in Begleitung ſeines Führers das Schiff wieder
erreicht hatte. Nur mit Schwierigkeit gelang es ihm ,
ein Verſteck aufzufinden , wo er einigermaßen gegen
die friſche Nachtluft geſchüßt war.
Mit Tagesanbruch wurde er durch ein lebhaftes
Geräuſch und laute Stimmen geweckt. Aus ſeinem
Winkel hervorkriechend, erfuhr cr die frohe Runde,
daß ein günſtiger Wind ſich erhoben und man im
Begriffe ſtehe, das Schiff aus dem Hafen zu bugſiren .
Am 10. Juni, Vormittags gegen 11 Uhr, war die
Mündung der Warnau erreicht.
161

Angeſichts der kleinen freundlichen Häuſer von


Warnemünde, an deſſen Ufer viele Neugierige , wohl
größtentheils Badegäſte, den Reiſemuthigen mit Hän
den und Taſchentüchern noch einen freundlichen Gruß
zuwinkend, ſich eingefunden hatten , ging das Schiff
unter Sang und Klang in See.
Während die Matroſen beim Aufhiſſen der Segel
und Aufräumen der Taue eine muntere Thätigkeit
entwickelten und ein luſtiges „ Hoi, hoh !" ertönen
ließen , hatte ſich unter den auf Deck befindlichen
Paſſagieren , von denen ſchon manches Gläschen auf
eine glückliche Reiſc geleert worden war, eine allge
meine Heiterkeit verbreitet. Es war ein eigenthümlich
belebtes Bild, das ſich hier entfaltete. In dem ſichern
Bewußtſein der nunmehr gemeinſam begonnenen Reiſe,
machte ſich das Gefühl einer gewiſſen Zuſammen
gehörigkeit geltend, welches ſich zunächſt darin aus
ſprach , daß nicht allein die Matroſen in verſchwen
deriſcher Weiſe mit Wein und Liqueur bedacht wurden ,
ſondern auch die Paſſagiere untereinander mit einer
Art communiſtiſcher Freigebigkeit Getränke , pikante
Delikateſſen u . ſ. w . theilten und vertheilten .
Zwei Harfeniſtinnen , die längſt über die Zeit der
erſten Jugendblüthe hinaus waren, aber ſich doch im
Ganzen ziemlich conſervirt hatten , ſangen unter Harfen
begleitung ein Matroſenlied, bei deſſen Refrain die Ma
troſen und Paſſagiere jedesmal luſtig mit einſtimmten .
Als dieſc geendet, nahm der uns bereits bekannt gewor
dene Orgeldreher mit einem , wie von untergehender
11
· Bd. I.
162

Abendſonne feurig geröthetem Geſichte, ſeinen Plaß an


einem Maſtbaum und ließ ſeine Lieblingsmelodien er
klingen , wozu ein paar Tiroler Handſchuhhändler in
ſolch kunſtgerechter Weiſe einſtimmten , daß man an eine
nähere Bezichung zu dem vortragenden Orgelfünſtler
hätte glauben ſollen .
Es war ein herrlicher, warmer Sommertag. Ein
ſanfter aber ſtetiger Wind ſchwellte die Segel. Die
gefüllten Gläſer freiſeten beſtändig umher , was zur
Folge hatte, daß alsbald an Stelle der anfänglichen
Heiterkeit eine förmliche Ausgelaſſenheit zu Tage trat.
Ein völliges Chaos von Liedern , Orgel- und Harfen
tönen erfüllte die Luft in nicht ſehr harmoniſcher
Weiſe. Dieſe Stimmung war jedoch zum Glück von
nicht langer Dauer. Allmählich wurde der Wind heftiger,
die See unruhiger , das Schwanken des Schiffes
unbehaglicher , das kurz vorher noch ſo ausgelaſſene
Völkchen ſtiller und ruhiger. Lieder, Orgel- und Harfen
töne verklangen alsbald unter dem Rauſchen der
wogenden Wellen .
Frauen und Kinder hatten ſich bereits größten
theils unter Deck geflüchtet, als auch bei unſerem
Abenteurer ſich allmählich ein gewiſſes Unbehagen ein
ſtellte, das er mit Recht als Vorboten der Seefrank
heit betrachtete. Zur Zeit mit cinem Matroſen fich
unterhaltend, frug er denſelben, ob es denn kein Mittel
gegen die Seefrankheit gebe. „ Gewiß ,“ entgegnete
dieſer , „ trinken Sie ein Glas Seewaſſer , und Sie
werden davon verſchont bleiben.“ Der Rath war
163

: allen Ernſtes und unter feſter Zuſicherung cines gün


ſtigen Reſultates gegeben , in Folge deſſen Friß den
heroiſchen Entſchluß faßte, denſelben zu befolgen .
Aber, o Himmel! Kaum hatte er mit der größten Selbſt
überwindung den widerwärtigen Trank herunter, als
er auch ſchon unter großem Gelächter ſeiner Um
gebung an die Brüſtung des Schiffes ſtürzte , der
Sec den geraubten Trunk wieder einzuverleiben .
Der einzige Troſt war ihm , daß ſeinem Beiſpiel
alsbald mehrere Andere folgten . Doch Manche, die
nicht ſo glücklich waren, ſich von der Bürde ihres re
voltirenden Innern zu befreien , und ſich offenbar ſehr
elend fühlten , würden gewiß ein gutes Werk an ſich
gethan haben, wenn ſie dem theils ſchelmiſchen , theils
gut gemeinten Rathe des Matroſen gefolgt wären.
Gegen Abend fühlte ſich Friß bedeutend beſſer und
entſchloß ſich , der Ruhe bedürftig , in die erwähnte
einzige Kajüte hinunterzuſteigen. Kaum aber hatte er
die leßte Sproſſe der Leiter verlaſſen , als er, wie von
der Tarantel geſtochen , wieder emporſprang, um friſche
Luft zu ſchöpfen und womöglich ein anderes Ruhe
pläßchen auszufundſchaften . Die mephitiſche Luft, die
in dem engen Raume herrſchte, das aller Beſchreibung
ſpottende Bild , das ſich ihm hier darbot, war derartig,
daß auch die Nerven des Geſündeſten davon überwäl
tigt worden wären.
Zwiſchen Kiſten und Fäſſern, die mit einem großen
Scgeltuch überſpannt waren , ſchlug er ſein Nachtlager
auf. Die Unbequemlichkeit,welche daſſelbe bot,würde ihn
11 *
164

weniger genirt haben , wenn ihn nicht ein intenſives Se


fühl von Abſpannung und Schwäche beherrſcht hätte.
Der folgende Tag brachte keinen günſtigen Wechſel in
ſeinem Befinden mit ſich , vielmehr hatte ſich daſſelbewohl
noch verſchlimmert,da der Wind einen ſturmartigen Cha
racter angenommen hatte und das Schiff hin und her
ſchleuderte. Was um ihn her vorging, war ihm voll
ſtändig gleichgültig. Selbſt wenn es geheißen hätte, das
Schiff ſtehe in Gefahr, er würde liegen geblieben ſein .
In dieſem hülfloſen Zuſtande fand ihn der Schiffs
eigenthümer , der ſich nach ihm umgeſehen zu haben
ſchien . Er erbarmte fich ſeiner , führte ihn zu ſeiner
eigenen kleinen Kajüte und erſuchte ihn, das beſchränkte
Lager mit ihm zu theilen , welche Bevorzugung von
den übrigen Paſſagieren mit neidiſchen Augen wahr
genommen wurde. Für ihn war dies eine große Wohl
that, da er nicht allein ſich ſehr unwohl fühlte, ſondern
auch von den beſtändig überſprißenden Wellen voll
ſtändig durchnäßt war .
So verdankte er alſo dem kleinen Schakgräber
Abenteuer zum wenigſten dieſe für ihn nicht hoch ge
nug anzuſchlagende Annehmlichkeit , zumal ſein Be
fchüßer ſich auch angelegen ſein ließ , ihn mit ſtärkenden
und erfriſchenden Nahrungsmitteln zu verſorgen .
Das Wetter war von Tag zu Tag unerträglicher
geworden . Nach fünf Tagen der Angſt und Noth er
reichten ſie in der Nacht Kopenhagen .
Friß begab ſich Tags darauf ans Land, um Becker
aufzuſuchen.
165

Es ſei vorläufig bemerkt, daß mit Beginn des


Monats Juli in der Nähe des Fiſcherdorfes Dorbeck,
von Kopenhagen vielleicht eine halbe Meile entfernt,
im ſogenannten Thiergarten alljährlich eine Art Mefic
abgehalten wird, die ſechs Wochen lang dauert und im
Ganzen genommen eigentlich den Character eines gro
ßen Volksfeſtes trägt.
Zu dieſer Zeit finden ſich nun aus allen Weltge
genden die verſchiedenartigſten Induſtrie-Münſtler hier
ein , die, wenn das Wetter günſtig iſt, ſtets auf ein zahl
reiches , vergnügungs- und ſchauluſtiges Publikum rech
nen dürfen . Eine Menge von Omnibuſſen und ande
ren Fuhrwerfen vermittelt beſtändig den Verkehr.
Die Meiſten der auf die Neugierde des Publikums
fpeculirenden soi-disant Künſtler und Schaubuden -In
haber wohnten in ihren Buden ; die mehr begüterten
jedoch hatten ſich meiſtens in dem ca . 10 Minuten von
dort gelegenen Fiſcherdorfe Dorbeck cinquartiert. Hier
auch hatte B . ſeine Wohnung aufgeſchlagen .
Angeſichts dieſes Dorfes lag das Schiff vor Anker,
und ſo waren , nachdem Friß ans Land getreten war,
nur wenige Minuten erforderlich, ihn zu der Wohnung
des ſo beharrlich Verfolgten zu führen .
Eine nicht geringe Aufregung hatte ſich ſeiner be
mächtigt, als er an die Thür klopfte und' Herein ! ge
rufen wurde. Dem Rufe folgend , trat er ſofort in das
Boudoir , Empfang- , Wohn- und Schlafzimmer des
Herrn B ., welcher , – es war keine Täuſchung, -
umgeben von ſeiner ganzen Familie, im Begriff ſtand,
166

ſeinen Morgenimbiß einzunehmen. Ein lauter Ausruf


der Ueberraſchung folgte ſeinem Erſcheinen . Wenn
gleich Herr Becker ihm freundlich grüßend entgegen
trat und ihn , nachdem er einen flüchtigen Aufſchluß
ſeincs verzögerten Erſcheinens gegeben hatte , zuvor
fommend einlud, am Frühſtücke Theil zu nehmen , ſo
entging Friß jedoch nicht, daß ſein Benehmen eine ge
wiſſe Zurückhaltung zeigte , die weſentlich von dem
herzlichen Entgegenkommen abſtach, welches er f. 3 . in
Münſter bei ihm gefunden hatte. Seine Frau hingegen,
eine ſchon ziemlich bejahrte , corpulente , gutmüthige
Dame, trat ihm mit aller Herzlichkeit entgegen .
Während des Frühſtücks gab Friß nun eine de
taillirte Schilderung des verſchiedenartigen Mißgeſchicks
und der kleinen Abenteuer, die er zu beſtehen gehabt,
zum Beſten . Seine Zuhörer verfolgten dieſelbe mit
lebhaftem Intereſſe. Nur Herr Becker ſchien ab und
zu zerſtreut und in Nachdenken verſunken zu ſein .
Am Schluſſe des Frühſtücks forderte derſelbe ihn
auf,zu ſeinem im Bau begriffenen , ambulanten Theater
ihm zu folgen .
Erſt auf dem Wege dahin nahm er Veranlaſſung,
ihm ſeine eigentliche Theilnahme und zugleich ſein
Vedauern auszuſprechen , daß er ſich leider in die
unangenehme Nothwendigkeit verſekt ſehe, ihm die
Mittheilung machen zu müſſen , daß er, ſein ferneres
Eintreffen bezweifelnd , vor wenigen Tagen einen
Anderen ſtatt ſeiner engagirt habe und an denſelben
contractlich für längere Zeit gebunden ſei, weshalb
167

er ſich nicht im Stande befinde, ihn verſprochener


Maßen bei ſich zu beſchäftigen , zumal ſein ihn be
gleitendes Perſonal ſich noch um einige Mitarbeiter
vermehrt habe, die er theils aus Politik , theils aus
dem Grunde, ſeinen Vorſtellungen eine größereMannig
faltigkeit zu verleihen , habe engagiren müſſen .
Was konnte Friß da einwenden ? Den Blick zu
Boden gerichtet, ging er ſchweigſam und befümmert
nebenher. Auch B . ſeşte eine Zeitlang unter nach
denklichem Schweigen ſeinen Weg neben ihm fort.
Nach einigen Minuten redete er ihn wieder an, und
verſuchte ihn durch die Mittheilung aufzumuntern, daß
cs vielleicht gelingen werde, bei einem der übrigen anwe
ſenden Künſtler eine Stellung zu erlangen , bis wohin
er einſtweilen bei ihm verbleiben könne, vorausgeſekt,
daß er auf ein gutes Logis keinen Anſpruch mache,
da hier ein Jeder ſich den Umſtänden zu fügen und
mit dem vorlieb zu nehmen habe, wie es die Ver
hältniſſe böten . Ein Stein fiel ihm vom Herzen , als
B . noch hinzufügte , daß er ſich einſtweilen als bei
ihm in Dienſten ſtehend benchmen ſolle ; er werde
ihm ſchon Gelegenheit geben , ſich durch Beſorgung
verſchiedener kleiner Aufträge nüßlich zu machen .
Friß war natürlich zu Alem bereit und ſeelenfroh,
daß die Sache zunächſt dieſe Wendung nahm . Zeit
gewonnen , Alles gewonnen , dachte er im Stillen , und
dankte B . für das gütige Anerbieten, die Verſicherung
hinzufügend, daß er jede Gelegenheit ergreifen werde,
fich dafür erkenntlich zu zeigen .
168

Auf dem Heimwege, nachdem der Bau beſichtigt


war, gab B . ſeinem Begleiter noch den wohlgemeinten
Rath , ohne ſein Vorwiſſen mit keinem der anderen
Künſtler anzubinden . Es ſei gerathen für ihn, nament
lich in dieſer Hinſicht, vorſichtig zu ſein , da der Schein
oft trüge.
Zu Hauſe angekommen , bat er um die Erlaubniß ,
ſeine Effecten vom Schiffe holen zu dürfen .
Der Leſer wird es verzeihlich finden , wenn Friſ
unter den obwaltenden Umſtänden nicht wagte , B .
um ein Darlehen anzugehen , um damit dem braven
Orgeldreher ſeine Schuld abzutragen . Er beſchloß
deshalb, dieſen mit einer Auswahl aus ſeinen Effecten
womöglich zufrieden zu ſtellen , die im Verein mit
ſeiner ſilbernen Taſchenuhr, ſeinem theuerſten und
werthvollſten Beſikthume, vielleicht den braven Gläu
biger zufrieden ſtellen würde.
Er fand Leşteren an Bord des Schiffes , jedoch
gerade im Begriffe , ans Land zu gehen. Er nahm
ihn auf die Seite, ſchilderte ihm ſeine Verlegenheit
und offerirte ihm ſein Hab und Gut.
Lächelnd entgegnete dieſer : „ Machen Sie ſich keine
Sorgen deshalb . Behalten Sie in Gottes Namen
Ihre Sachen, und zahlen Sie mir, wenn Sie beſſere
Zeiten ſehen , den Betrag zurück. Wir treffen uns
fchon noch wieder. So lange mir meine Geſundheit
und meine Orgel bleibt , bin ich geborgen , und in
Verlegenheit komme ich für's Erſte nicht.“ Damit
huckte er ſeine Orgel auf die Schulter , drückte ihm
169

die Hand und entſchwand, am Ufer angekommen, ſeinen


Augen.
Tief gerührt ſah Friß dem edelmüthigen , uneigen
nüßigen Helfer nach , ſo lange er ihn mit ſeinen
Blicken verfolgen konnte. Dann packte er ſeine wenigen
Sachen zuſammen , nahm Abſchied von dem Kapitain
und ſeinem Bruder, und eilte wieder zu B . zurück.
Es begann nun ein für ihn gänzlich ncues , mit
manchen nicht unintereſſanten Abwechſelungen ver
knüpftes Leben. Bald führte ihn die Beſorgung von
Aufträgen zurnahegelegenen , höchſt intereſſanten Haupt
ſtadt, bald hatte er den Bau des Theaters und die
Anfertigung der Decorationen zu überwachen , bald
beim Ordnen der Billete und Anfertigen der Pro
gramme zu helfen , überhaupt dem Herrn B. bei den
mannigfachſten Beſchäftigungen und Anordnungen zur
Hand zu gehen und nebenbei auch den beiden kleinen
Kindern im Leſen und Schreiben Unterricht zu er
theilen. Dieſer an ihn geſtellten Anforderungen ent
ledigte er ſich mit eben ſo großem Dienſteifer , als
auch mit angeborenem Geſchick , ſo daß er ſich in
wenigen Tagen nicht allein die beſondere Gunſt des
Herrn B ., ſondern auch die feiner Frau erwarb, in
Folge deſſen ſchon nach einer Woche V . ihm die Er
öffnung machte , daß er ihn gegen ein monatliches
Salair von fünf Thalern, nebſt freier Reiſe und Be
köſtigung bei ſich behalten wolle. Friß war natürlicher
weiſe unter den obwaltenden Umſtänden von Herzen
damit einverſtanden, zumal er nachgerade ſich über
170

zeugt hatte, daß zu einem anderweitigen Unterkommen


wenig Ausſicht vorhanden war.
Die Vorſtellungen waren nun eröffnet, doch im
Bereich der Bühne und der eigentlichen Experimente
wurde er, obgleich er ſehr darauf gehofft hatte, nicht
in Anſpruch genommen . Es fiel dieſe Thätigkeit vor
zugsweiſe einem nahen Verwandten B .'s und einem
cingeweihten Gehülfen deſſelben zu. Wie es ſchien,
wollte B . den Neueingetretenen auch nicht ſofort mit
den Geheimniſſen ſeiner Kunſt vertraut werden laſſen .
Seine Aufgabe beſtand vorzugsweiſe darin , bei den
Vorſtellungen die Stelle eines Einverſtandenen zu
übernehmen ,welcher Hut, Uhr, Tuch u. ſ. w . zur be
ſtändigen Verfügung des Künſtlers hielt. Eine Auf
gabe , der nachzukommen ihm in kurzer Zeit ebenſo
langweilig als unbequem wurde, da er ſich einbildete,
von einzelnen mißtrauiſchen Augen unter dem Pu
blikum in ſeiner gerade nicht ſehr ſchmeichelhaften Kolle
erkannt und beobachtet zu werden . Es trug dieſer
Umſtand auch weſentlich dazu bei, daß er ſich der
Nebenaufgabe als Claqueur nur mangelhaft entledigte,
wodurch cr ſeinem Prinzipal die erſte Veranlaſſung
zu einer Rüge gab.
Im Uebrigen crwuchs ihm aus dieſer Aufgabe der
Vortheil, daß er in kurzer Zeit, durch die beſtändige
Wiederholung der Experimente alsbald mit dem grö
ßeren Theile derſelben in ſolchem Maße vertraut
wurde, daß er einer Erklärung derſelben nicht mehr
bedurfte. Nichts deſto weniger aber waren die auf der
171

Bühne und während der Vorſtellung Mithelfenden


beſtändig beſtrebt, ihm gegenüber das Geheimniß der
verſchiedenen Einrichtungen ſorgſam zu bewahren . Je
doch eine fingirte Gleichgültigkeit gegen die Geheim
thuerei der Gehülfen und gegen die Geheimniſſe auf
der Bühne lüfteten alsbald mehr als alles Andere ihm
den Schleier auch der verſteckteſten Räthſel.
Wenn man bedenkt, daß der Künſtler oft bis zwölf
Vorſtellungen an einem und demſelben Tage gab,
dann mag man ſich eine Vorſtellung davon machen ,
mit welchem innerlichen Widerſtreben der geheime Ver
bündete ſeiner Obliegenheit ſchließlich nachkam . Von
einem regen Thätigkeitstricb beſeelt, war ihm nichts
mehr verhaßt, als zur Unthätigkeit oder geiſtloſen Be
ſchäftigung verurtheilt zu ſein. Er lebte förmlich auf,
wenn ſich in der Vorſtellung hin und wieder Gelegen
heit bot, durch eigenes Eingreifen ſeinen Meiſter
aus der einen oder der anderen Verlegenheit zu ziehen ,
die ihm aus dem Vorwiß und der Zudringlichkeit
einzelner Zuſchauer erwuchſen. Ab und zu ſcheiterte
jedoch ſein guter Wille und ſeine Erfindungsgabe an
der Eigenthümlichkeit der aller Geiſtesgegenwart ſpot
tenden Situation .
. So widerfuhr B . eines Tages eine Unannehm
lichkeit, die für die Zuſchauer aber ſo komiſch , als
für den Künſtler im höchſten Grade widerwärtig war,
um ſo mehr, als jede Möglichkeit ausgeſchloſſen war,
der Sache einen anderen Anſtrich zu geben .
Es war regnichtes Wetter eingetreten . Trokdem
172

erfreute ſich B . an dieſem Tage eines zahlreichen Be


ſuches, während die Buden der übrigen Meßkünſtler
meiſtens leer waren . Viele derſelben hatten, in Er
mangelung eines Beſſeren , von dem unter ihnen be
ſtehenden collegialiſchen Uſus Gebrauch gemacht, ſich
bei dieſer Vorſtellung einzufinden . B ., von dieſem
Umſtande unterrichtet, bot Alles auf, deshalb gerade
fein Beſtes zu thun , um ſeinen Concurrenten dadurch
zu imponiren .
Die Bühne war hübſch decorirt, die Aufſtellung
der Apparate glänzend, und beſonders waren die Tiſche
mit ſilber- und goldbordirten Sammetdecken , dic bis
zum Boden reichten , geſchmackvoll verziert. Neidiſche
Zungen wollten jedoch wiſſen , daß Leşteres ſeinen
beſonderen Grund habe , indem hinter den langen
Decken die verborgenen Mithelfer des Künſtlers agiren
follten . Beweiſe dafür hatte man jedoch keine, zumal
B . vor und nach verſchiedenen Erperimenten die Decke
des Haupttiſches mehrfach aufhob.
An dem betreffenden Tage nun brachte er unter
anderem einen angeblichen Automaten , der, in der
Geſtalt eines drei Fuß hohen Türken , die Eigenſchaft
hatte , auf Commando an eine Glocke zu ſchlagen,
Zahlen zu errathen und durch bejahende und ver
neinende Kopfbewegungen Fragen zu beantworten.
Ehe er damit zu operiren begann , hob er, nachdem
er die Figur auf den Tiſch geſtellt hatte, die Decke
deſſelben empor, um das Publikum von dem Fernſein
jeder anderen Mithülfe zu überzeugen .
173

Die Leiſtungen des Automaten wurden vom Pu


blikum beklatſcht. B ., dem einige der anweſenden naſe
rümpfenden Concurrenten in 's Auge fallen mochten ,
ließ ſich in ſeiner Siegesgewißheit verleiten , den Vor
hang am Schluß des Automaten -Exercitiums nochmals
raſch empor zu heben , um auch den leiſeſten Zweifel
an eine anderweitige Mithülfe zu beſeitigen . Aber, o
Himmel! Unter dem Tiſche präſentirte ſich in weißen
Hemdärmeln die Oberhälfte cines bärtigen Gehülfen ,
mit einem wahren Schafsgcſichte, der mit der einen
Hand ſich auf den Boden ſtüßte , mit der anderen
einen vergeblichen Verſuch machte, die Decke feſt zu
halten. Noch ehe derſelbe in der Verſenkung wieder
verſchwinden konnte, hatte B . die Decke, unter dem
Hohngelächter mancher Zuſchauer, wieder zur Erde
fallen laſſen .
B ., durch dies peinliche, unerwartete quid pro quo
vollſtändig außer Faſſung gebracht, fühlte ſich wahr
haft erleichtert, als er die Vorſtellung zu Ende ge
bracht hatte.
Zu bewundern blieb, daß dieſes Vorkommniß auch
nicht den geringſten Einfluß auf ſeine ferneren Vor
ſtellungen hatte, die nach wie vor zahlreich beſuchtwaren.
Zur Aufklärung des Leſers ſei hier noch bemerkt,
daß in der Mitte des erwähnten langen Tiſches ein
Theil deſſelben in der Art eines Schachbrettes aus
gelegt war und jedesmal vier zuſammenhängende,
kleine Quadrate als Klappe von dem unter dem Tiſche
verborgenen Mitgehülfen geöffnet werden konnten , um
174

die entſprechende Verwechslung oder ſonſtige Hülfs


Leiſtungen dadurch zu bewerkſtelligen. Eine ſo wichtige
Rolle, wie dieſer Tiſch nun auch ſpielte, er brachte
dennoch den ſich häufig überſtürzenden und wohl auch
zerſtreuten Künſtler in manche arge Verlegenheit, zu
denen nicht als die mindeſte zu rechnen war, daß er
eines Tages einen zum Verſchwinden beſtimmten Ge
genſtand auf einen falſchen Theil des Tiſches legte
und denſelben mit einem hohlen Cylinder bedeckte.
Die Folge davon war, daß plößlich durch die geöff
nete Klappe die zierliche Hand eines jungen Mädchens,
ciner nahen Anverwandten B .'s , der dieſe Hülfslei
ſtungen meiſtens oblagen , erſchien und eine ſuchende
Bewegung oberhalb des Tiſches machte. So komiſch
dieſe Scene an und für ſich war, wurde dieſelbe noch
dadurch verſtärkt, daß eine im erſten Range ſißende,
nervöſe Dame bei dieſer Entdeckung unter dem lauten
Ausruf: „ Ach Gott! eine Hand!" ohnmächtig wurde.
Die Schilderung des Thiergartenfeſtes wollen wir
unſerem Leſer erſparen , zumal ſich daſſelbe wenig von
irgend einem gewöhnlichen großen Jahrmarkte unter
ſcheidet. Friß machte zwar hier manche intereſſante
Beobachtungen , die ihm ſpäterhin von Nußen waren .
Mit den einzelnen Repräſentanten der verſchiedenen
Kunſtgenoſſenſchaften kam er ſelten in nähere Be
rührung, da B . es ſo einzurichten wußte , daß ihm
hierzu wenig Gelegenheit geboten war. Um ſo mehr
wurde er ein häufiger , wenn nicht beſtändiger Gc
fellſchafter ſeines Prinzipals .
175

Bei der langen Dauer des Feſtes war es jedoch


nicht gänzlich zu vermeiden , daß Friß ab und zu
dennoch mit den anderen Kunſtforyphäen in Beziehung
kam , zumal er ſich keine Gelegenheit entgehen ließ ,
die Sehenswürdigkeiten derſelben in Augenſchein zu
nehmen . Dies hatte zur Folge , daß ihm von ver
ſchiedenen Seiten günſtige Anerbieten gemacht wurden ,
zumal es in deren Kreiſen , durch B .'s ſonſtige Ge
hülfen bekannt geworden war, daß Friß bei den ver
ſchiedenen Beſprechungen über B .'s Leiſtungen in den
Kopenhagener Tagesblättern die Hand im Spiele habe.
Friß war jedoch durch die fürzlich gemachten Er
fahrungen gewißigt worden und war ſchon zufrieden ,
bei B . erſt feſten Fuß gefaßt zu haben. Die Offerten
ſchmeichelten ihm , aber für's Erſte war ihm die Luſt
zum Verändern vergangen . Außerdem hatte er von
B .'s zuvorkommendem Anerbieten Gebrauch gemacht
und ſich einen kleinen Vorſchuß geben laſſen , wodurch
er einestheils im Stande war, dem edeln Orgeldrcher
gerecht zu werden und andrerſeits dem Banquier
v . O . in ſeiner Heimath das von ihm empfangene
Darlehn zurückzuzahlen , ſo daß er auch ſchon aus
dieſen Gründen an eine Veränderung ſeiner Stellung
nicht denken konnte. War auch ſein Einkommen ein
verhältnißmäßig ſehr geringes , ſo fümmerte ihn dieſes
für's Erſte wenig. Er bekam die Welt zu ſehen und
fand Gefallen an dem ganzen Leben und Treiben
der ihn umgebenden Künſtlerwelt, wenn nur nicht die
abſcheuliche Aufgabe damit verknüpft geweſen wäre,
176

die Rolle des geheimen Einverſtandenen dabei zu


übernehmen. Darin beſtand für ihn zur Zeit das
größte Dnus und es war ihm klar, daß , wenn B .
ihn nicht davon befreite, er ſchwerlich lange bei ihm
ausharren würde. Glücklicher Weiſe ſtellte ſich jedoch
alsbald heraus, daß er dieſer Aufgabe nur während
einiger wenigen Meſſen und Fahrmärkte nachzukommen
habe, und dann auch nur theilweiſe, da noch eine
anderweitige Beſchäftigung ſeiner harrte.
Frißens Stellung zu ſeinem Prinzipal geſtaltetc
ſich nun zu einer in mancher Beziehung bevorzugten .
Wie ſchon bemerkt,war er, ſo zu ſagen , ſein beſtändiger
Begleiter, und in geſellſchaftlicher Beziehung geſchah
kaum etwas, wobei er nicht zu Rathe gezogen wurde.
Anfänglich wurde dies von einem Theil des Perſonals,
welches B . im Gefolge hatte, und namentlich von dem =
jenigen, der eigentlich an ſeiner Stelle engagirt war,
mit ſcheelen Augen bemerft ; doch als dieſer , der zu
gleich mit auf der Bühne agirte , in Folge eines
Zerwürfniſſes mit Herrn B . ſeine Stellung gegen
Ende des Feſtes quittirte, beſſerte ſich Frißens Ver
hältniß dem übrigen Perſonal gegenüber .
Um dem Leſer Friſens Stellung und Beziehung
zu ſeinem Prinzipal einigermaßen aufzuhellen und
damit im Voraus einzelne Situationen zu erklären ,
mögen folgende Mittheilungen dienen.
Zehntes Capitel.
Herr Becker. – Hamburg, Braunſchweig , Magdeburg. –
Der Aſſocié in spe. – Trennung von Becker .

Becker's Vaterſtadt war Berlin , wie in Fettſchrift


auf ſeinen Anfündigungszetteln ſtets zu leſen war.
Vielleicht lag hierin auch die Urſache, daß er beſtändig
mit dem Dativ und dem Accuſativ auf ſchlechtem
Fuße ſtand. Seine Schulbildung war überhaupt eine
beſchränkte. Bei einem Klempner in die Lehre ge
bracht, nahm er nach Beendigung derſelben bei dem
7. 3 . berühmten Eskamoteur Bosco *), der bei ſeinem
Meiſter verſchiedene Apparate hatte anfertigen laſſen ,
Dienſt. Nachdem er im Laufe zweier Jahre ſich eine
genügende Kenntniß auf dem Gebiete der Taſchen
ſpielerkunſt erworben zu haben glaubte , verſuchte er
ſein Heil auf eigene Rechnung, ging auf die Wander
ſchaft, creirte ſich zum Profeſſor und brachte es nach
mancher Ebbe und Fluth allmählich bis zu den gegen
wärtigen Erfolgen . Unter dem Beiſtande einer ſehr
* ) Bosco , aus einer piemonteſiſchen Adelsfamilie ſtammend,
war 1793 geboren und ſtarb am 7. März 1863 auf ſeiner Villa
bei Dresden .
Bd. I . 12
178

einſichtsvollen , häuslichen Frau war es ihm gelungen ,


cin nicht unbedeutendes Vermögen ſich zu erwerben,
wodurch es ihm ermöglicht wurde , ſich in glän
zender Weiſe einzurichten , und ſich mit einem gewiſſen ,
äußeren Pomp zu umgeben.
Damals im Alter von ungefähr 40 Jahren , hatte
er ſich im Ganzen ein ziemlich friſches, jugendliches
Ausſehen erhalten. Die Kunſt that das Uebrige, ſo
daß er Abends auf dem Theater wenigſtens um 10
Jahre jünger erſchien . Unter ållen Umſtänden aber
war er ein ſtattlicher , ja hübſcher Mann , mit leben
digem , feurigem Auge und gewandtem , gefälligem Be
nehmen , das er auf ſeinen Reiſen , im häufigen Ver
kehr mit gebildeten Leuten , ſich angeeignet hatte. Eitel
auf ſeine perſönliche Erſcheinung und ſeinen Ruf, ver
mied er jedoch , ſoweit irgend thunlich , mit Perſonen
feinerer Bildung in perſönliche Berührung zu treten ,
und ließ ſich in ſolchen Fällen meiſtens durch ſeinen
Geſchäftsführer oder Secretair vertreten . Ohne geizig
genannt werden zu können , war er ſtets auf ſeinen
Vortheil in hohem Grade und oft in kleinlichſter
Weiſe bedacht. Da jedoch , wo es galt ſein Geſchäft
durch äußeren Aufwand zu heben , ſcheute er keine Aus
gaben , ſie mochten noch ſo bedeutend ſein . Von Haus
aus heftigen Temperaments , milderte er wiederum die
für ſeine Umgebung daraus mehrfach entſpringenden
unangenehmen Eindrücke durch ein freundliches , leut
ſeliges Benehmen . Einzelne Züge von Gutmüthigkeit
traten nur in den Augenblicken beſonders guter Laune
179

hervor. Meiſtens blieb es jedoch zweifelhaft, ob die


ſelben nicht ſpeculativen Urſprunges waren .
Von Natur mit manchen guten Anlagen ausge
ſtattet, hatte er in den ſpäteren Jahren entweder keine
Zeit oder auch keine Neigung gehabt, das Verſäumte
durch Selbſtſtudium auszugleichen . Das Leſen und
Studiren belehrender Schriften ſchien ihm ebenſo
überflüſſig, wie läſtig. Wozu bedurfte er deſſen auch,
da er ja ohnehin Geld genug verdiente ? –
Rehren wir nun zu Frißens weiteren Erlebniſſen
zurück.
Acht Tage vor Beendigung des Jahrmarktes cr
hielt Friß von B . den Auftrag, in zwei Tagen eine
Reiſe nach Braunſchweig anzutreten , um dort für ihn
Quartier zu machen , ſowie einige andere geſchäftliche
Anordnungen und Vorbereitungen zu treffen . Er beab
ſichtige , während der Meſſe dort einen Cyclus von
Vorſtellungen zu geben.
Wie Frißens Herz ob dieſer Nachricht jauchzte,
davon macht ſich der Leſer ſchwerlich eine Vorſtellung.
Ausgerüſtet mit einer verhältnißmäßig bedeutenden
Summe, ſollte er ſelbſtändig, unangefochten von ban
gen Befürchtungen und Sorgen , die Reiſe antreten
und ſich der Eindrücke und Genüſſe ungeſtört erfreuen
dürfen , die eine derartige Reiſe im Gefolge haben
mußte.
Am 17. Juli trat er, mit allen Erforderniſſen ver
ſehen , die Reiſe per Dampfſchiff nach Lübeck an .
Die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten , die der
12 *
180

Dampfer bot, ließen ihn jeßt erſt in vollem Maße


den Grad der Noth und Entbehrungen erkennen , die
er auf der Herreiſe nach Kopenhagen zu beſtehen ge
habt hatte.
Gegen Abend des folgenden Tages traf er wohl
behalten in Lübeck ein , und jepte am nächſten Tage
ſeine Reiſe nach Hamburg fort. Das war ein Ereigniß
für ihn. Der erſte Eindruck war ein überwältigender .
Einen halben Tag, den er bis zur Weiterreiſe hier zu
verweilen hatte, benußte er, mit behaglicher Neugierde
die Straßen der großen Welt- und Handelsſtadt zu
durchwandern, die ihm des Neuen und Ungewöhnlichen
ſo außerordentlich viel darboten, daß es ihm im Kopfe
ganz wirr und im Herzen ganz bange wurde.
Friß hatte freilich in den leßtvergangenen Monaten
Manches erlebt und erfahren ; aber die Beobachtungen,
welche er während der wenigen Stunden ſeines Auf
enthaltes in Hamburg machte, übertrafen alles bis
her Erlebte.
Von Hamburg bedurfte es in damaliger Zeit noch
einer dreitägigen Reiſe, um Braunſchweig zu erreichen .
Mit großer Pünktlichkeit kam er den ihm gewor
denen Aufträgen nach. Dieſelben beſtanden vorzugs
weiſe darin, nach einem vorhandenen Plane eine große
Bude erbauen zu laſſen , Verträge für Muſik und
Druckſachen abzuſchließen , Keclamen in die Welt zu
ſenden und Quartier zu machen .
Bei dieſer Gelegenheit machte er die Bekanntſchaft
cines Schriftſtellers F. W . Lindner. Es war ein
181

Herr ſchon in den reiferen Jahren , deſſen vielſeitiges


Wiſſen Friß imponirte und deſſen freundliches zuvor
kommendes Weſen ihn zu einer intimeren Annäherung
ermuthigte. Zwiſchen Beiden entſpann ſich ein Freund
ſchaftsverhältniß , deſſen Werth Friß erſt in ſpäterer
Zeit vollſtändig kennen lernen ſollte.
Nach Verlauf von acht Tagen traf B . mit ſeiner
Familie ein . Der erſte, gemeinſameGang galt natür
lich dem proviſoriſchen Theater, welches Friß auf dem
Meßplaße hatte crbauen laſſen . · Zu ſeinem großen
Leidweſen fand ſein Prinzipal an den getroffenen
Einrichtungen manches auszuſeßen und zu bemäkeln ,
trofdem Friß glaubte, genau nach Vorſchrift gearbeitet
zu haben . Nicht minder auch hatte er betreffs ſeiner
übrigen Anordnungen ſich manchen Tadel gefallen zu
laſſen . Er entſchuldigte ſich mit ſeiner Unerfahrenheit
und hoffte im Laufe der Zeit die Anforderungen ſci
nes Prinzipals beſſer zu befriedigen . Dieſer Umſtand
gab Anlaß , daß Friß eines Tages betrübten Her
zens ſeinem Freunde Lindner ſein Leið klagte.
„Wie," entgegnete ihm dieſer , „ich bin erſtaunt
über das , was Sie mir mittheilen , denn erſt vor
wenigen Tagen ſagte mir Herr B ., daß er ganz außer
ordentlich mit Ihnen zufrieden ſei und ſich glücklich
ſchäße, Sie für ſein Intereſſe gewonnen zu haben .“
Friß machte große Augen ; doch ſo angenehm ihm
einestheils dieſe Nachricht war, ſo unangenehm fühlte
er ſich durch die Entdeckung berührt, daß B . ſich offen
bar durch kleinliche, egoiſtiſche Motive zu einem der
182

artigen Benehmen beſtimmen ließ . Dieſe Erfahrung


belehrte ihn alsbald , daß ſein Bleiben bei Herrn B .
nicht von langer Dauer ſein konnte. So ſehr er ſich
auch bemühte, ſeine Aufträge und geſchäftlichen Ob
liegenheiten mit größter Pflichttreue zu erfüllen , es
trat im Benehmen ſeines Prinzipals keine Aenderung
ein . Klugheit gebot ihm zu ſchweigen. Im Stillen
faßte er jedoch den Entſchluß, ſich ſo bald wie mög
lich nach einem anderen Unterkommen umzuſehen. Der
Mangel an Vertrauen und Anerkennung von Seiten
ſeines Prinzipals verleideten ihm ſeine Stellung im
höchſten Grade.
Die Meſſe war beendet. B . hatte glänzende Ge
ſchäfte gemacht. Friß empfing Anwciſung nach Magde
burg zu reiſen , um dort in ähnlicher Weiſe die ent
ſprechenden Vorbereitungen zu treffen . Mit ſchwerem
Herzen nahm er von ſeinem Freunde Lindner Abſchied
und trat am 27. Auguſt ſeine Reiſe an .
Die erſten Tage ſeiner Anweſenheit in Magdeburg
verliefen in herkömmlich geſchäftiger Weiſe. Die
Gäſte des Hôtels , in welchem er logirte, verdankten
ihm manche heitere Stunde. Unter den verſchiedenen
Bekanntſchaften, die er hier machte,war auch ein älterer
Herr , ſeines Zeichens Tabaksfabrikant, der ihm ein
freundliches Intereſſe bezeugte. Als er mit demſelben
ſich eines Abends unterhielt und dabei ſeine augen
blicklichen Lcbensverhältniſſe in den Vordergrund traten ,
gab er gelegentlich dem Gedanken Ausdruck, über kurz
oder lang ſein Glück auf eigene Fauſt verſuchen zu
183

wollen . Dies veranlaßte den Herrn zu einer Mitthei


lung, welche Friß mit großem Intereſſe crfüllte.
In Neuhaldensleben , alſo nur drei Meilen von
Magdeburg entfernt, crzählte derſelbe, lebe ein Mann
mit Namen Kalewsky , der im Beſiße eines koſtbaren
magiſchen Apparates und nicht abgeneigt ſei, dieſen
zu verkaufen . Derſelbe habc früher in Berlin eine
Kunſthandlung beſeſſen und aus Liebhaberei nebenbei
ſich mit magiſch-phyſikaliſchen Experimenten beſchäftigt.
Ungünſtige geſchäftliche Unternehmungen hätten den
ſelben beſtimmt, Berlin zu verlaſſen , ſich mit ſeiner
Frau nach Neuhaldensleben zurückzuziehen und hier
cin Confections-Geſchäft zu begründen . Wie er be
ſtimmt wiſſe, ſei derſelbe bereit, ſeine Inſtrumente
für einen angemeſſenen Preis zu verkaufen . Möglich
auch ſei es, daß er ſich mit einem jungen geeigneten
Aſſocié zum Zwecke öffentlichen Auftretens verbinden
würde , zumal er ſelbſt die dazu nothwendigen Eigen
ſchaften weniger zu beſißen ſcheine.
Als Friß ſich zurückgezogen , ſchwirrten tauſend
Gedanken und Projecte ihm durch den Kopf. Sollte
das Eiſen warm ſein , um von ihm geſchmiedet zu
werden ? Welch herrlicher Gedanke ! Eine ſelbſtändige
Stellung, Lorbeeren und Schäße in Ausſicht! und
aller Sorgen und Nörgeleien baar, die ihm in der
leßteren Zeit
Mendas Leben ſo Hverkümmert
ände ortio raſhatten !
ſch iiſtmmſeines
„ Jeder Menſch er die Glückes Schmied ch a!"t ſagt ein
altes Sprüchwort. Wer die Hände in den Schooß legt;
fommt nicht vorwärts undwird alt. Alſo raſch an's Werk!
184

Schon folgenden Morgens war der Brief an den


Herrn Ralewsky entworfen ; Friß machte ihm den Vor
ſchlag, zum Zwecke einer Kunſtreiſe ſich mit ihm zu
verbinden ; nöthigenfalls werde er die Aufgabe des
öffentlichen Auftretens allein übernehmen .
Es mag allerdings etwas auffallend erſcheinen , daß
der junge, unerfahrene Adept mit ſolchem Selbſtver
trauen zu Werke ging. Wir müſſen aber bedenken, daß
neben ſeinem angeborenen Talente ihm die Erfahrungen
der leßten Zcit zur Seite ſtanden und ſein Vertrauen zu
einem ſelbſtändigen Handeln bedeutend gehoben hatten .
Der abgeſandte Brief hatte eine prompte Antwort
zur Folge . Der Schreiber derſelben erklärte, den ge
machten Vorſchlag in nähere Erwägung ziehen zu
wollen . Binnen wenigen Tagen würde er perſönlich
in Magdeburg eintreffen , um Rückſprache mit Friß
zu nehmen .
Als Friß einige Tage darauf von einem Geſchäfts
gange nach ſeiner Wohnung zurückkehrte, wurde ihm
die Mittheilung, daß ein Fremder nach ihm gefragt
habe. Er ließ ſich denſelben beſchreiben und zweifelte
keinen Augenblick, daß es Kalewsky geweſen ſei. Der
ſelbe hatte hinterlaſſen , daß er ſeinen Beſuch wieder
holen würde. Noch hatte Friß einige nothwendige
Beſorgungen in der Stadt abzumachen. Unweit des
Marktes begegnete ihm ein Fremder, in einen weiten
grauen Mantel gehüllt, mit gleichfarbiger Müße, von
kurzer, gedrungener Geſtalt, das Geſicht leicht mit
Pockennarben bedeckt, aus dem , unter einem grauen
185

intelligenten Augenpaar, eine ſcharf geſpißte Naſe her


vortrat. Das mußte der empfangenen Beſchreibung
gemäß der Fremde ſein . Schnell entſchloſſen, redete
Friß ihn mit dem Namen Ralewsky an und hatte
das Vergnügen, ſeine Vermuthung beſtätigt zu finden .
Derſelbe zeigte ſich im höchſten Grade überraſcht und
begriff nicht, wie es möglich ſei, Iemanden nach einer
nur flüchtigen Beſchreibung im Getümmel einer be
lebten Straße zu erkennen. Zur näheren Beſprechung
traten ſie nun in eine naheliegende Reſtauration . Mit
beredter Sprache verſtand es Friß , ſeinen bereits ſchrift
lich gemachten Vorſchlag weiter auseinander zu ſeßen
und die unzweifelhaften Vortheile hervorzuheben , die
Beiden aus einer Verbindung entſpringen müßten .
Der graue Fremde, von Geburt ein Pole, der an
Jahren und Erfahrungen unſerem jungen Sanguini
kus bedeutend voraus war, hörte deſſen Vorſchläge
mit Ruhe an, ließ ſich ſein Verhältniß zu ſeinem ge
genwärtigen Prinzipal auseinander ſeßen , erkundigte
ſich nach Frißens Vergangenheit und erklärte dann ,
durch die Mittheilungen zufriedengeſtellt, daß er einem
gegenſeitigen Arrangement nicht abgeneigt ſei. Er müſſe
jedoch vorher , ſekte er hinzu , die Angelegenheit mit
ſeiner Frau in nähere Ueberlegung ziehen ; dann ſollte
Friß entweder mündlich oder ſchriftlich nähere Nach
richt erhalten .
So endete die Zuſammenkunft.
Becker traf nach ciniger Zeit in Magdeburg ein
und gab mit glücklichem Erfolg eine Reihe von Vor
186

ſtellungen . In ſeinem Benehmen gegen . Friß fand


feine Aenderung ſtatt , vielmehr verfügte derſelbe mit
despotiſcher Härte über deſſen Arbeitskraft.
Nicht das geringſte Zeichen einer Aufmunterung
oder Zufriedenheit wurde ihm zu Theil. Von einer
Verbeſſerung ſeiner Stellung war natürlich keine Rede.
Endlich, kurz vor Beendigung der Meſſe, traf der
fehnlichſt erwartete Brief von R . ein . Derſelbe ent
hielt die erwünſchte Zuſtimmung und die Aufforde
rung, Friß möge ſich bei ihm in Neuhaldensleben ein
finden . Eine eingehende Darlegung der geſchäftlichen
Beziehung zu einander, um welche Friß erſucht hatte,
war in dem Briefe nicht enthalten . Der leidige Geld
punkt war ohne Zweifel Anſtands halber nicht in Er
wähnung gebracht. Doch war ja wohl anzunehmen, .
daß der Beſiber des koſtbaren Kabinets auch über die
Mittel werde verfügen können , die zum Betriebe des
Geſchäftes erforderlich waren . Wenngleich auch die
Offerte eine klare Auseinanderſeßung vermiſſen ließ ,
ſo konnte ihn dieſer Mangel doch nicht beſtimmen , auf
die verführeriſche Gelegenheit eines ſelbſtändigen Wir
fungskreiſes zu verzichten . Einſtweilen begnügte er
ſich mit der erhaltenen Aufforderung und beſchloß,
ſich von Becker zu trennen , in deſſen Dienſten zu ver- .
bleiben ihm nachgerade ein unerträglicher Gedanke war.
Die Meſſe war zu Ende. Jeßt war es an der
Zeit , B . mit ſeinem Entſchluſſe bekannt zu machen .
Derſelbe nahm anfänglich mit anſcheinender Glcichgül
tigkeit ſeine Eröffnung entgegen und erfundigte ſich
187

cinfach nach den Beweggründen . Friß fand es jedoch


bei dem leidenſchaftlichen , heftigen Temperament B.'s
für gerathen, ſeinen cigentlichen Plan für's Erſte ge
heim zu halten , indem er Ueberdruß an der gegen
wärtigen Lebensweiſe vorſchüßte und zugleich erklärte,
daß ihm eine anderweitige Stellung in Ausſicht ſtehe.
Mit cinem kurzen : „ Es iſt gut!“ wurde er entlaſſen .
Friß war nicht wenig erfreut, ſo wohlfeilen Kau
fes über dieſen , für ihn immerhin peniblen Augenblick
hinweggekommen zu ſein, nicht ahnend, daß das cigent
liche Gewitter ſich erſt ſpäter über ihn entladen ſollte.
Unter den Mitarbeitern auf der Bühne befand
ſich ein Gehülfe P ., ein Mann von beſchränkter Bil
dung, aber hübſcher Figur und einigem natürlichen
Geſchick. Derſelbe hatte in der Regel die Vorſtellun
gen mit ſeinen Experimenten zu eröffnen. Doch ſtand
ſeine Ausführung und Darſtellung derjenigen Becker's
entſchieden nach . Zwiſchen Beiden war ebenfalls ſchon
ſeit einiger Zeit beim Schluſſe der Meſſe eine Tren
nung vereinbart.
Dieſem Gehülfen war Friß unbedachtſam genug
auf Bitten eine Zeichnung von einem Apparate zu
entwerfen, welcher in B .'s Vorſtellungen zur Verwen
dung kam ; doch hatte Friß denſelben , die äußere Form
abgerechnet, weſentlich verändert und verbeſſert. Nach
dieſer Skizze hatte der Gehülfe einem Klempner die
Ausführung übertragen .
Am Tage nach Frißens Kündigung führte cin Zu
fall B . zu dieſem Arbeiter , und fand er dort zu ſei
188

ner nicht geringen Ueberraſchung den fertigen Apparat


nebſt dabei liegender Zeichnung. Es bedurfte keines
großen Nachdenkens, um den Eigenthümer,wie den An
fertiger der Zeichnung zu ergründen . Natürlich ent
ſtand ſofort bei ihm die Vermuthung, daß Beide ſich
vereinbart hatten , gemeinſame Sache zu machen .
Zu Hauſe angelangt, überhäufte er Friß nun mit
einer Fluth von Schmähungen und Zornesausbrüchen ,
und ließ ihn nicht zu Worte kommen , den wahren
Sachverhalt zu erklären .
Unter dem Gefühle ſciner theilweiſen Schuld ,
nahm Friß die ihm gemachten Vorwürfe geduldig ent
gegen , bis ihm endlich vergönnt war, die Verſicherung
abgeben zu können , daß er im Entfernteſten an eine
Verbindung mit dem P . nicht denke, ſowie auch, daß
die fragliche Maſchine eine gänzlich verſchiedene , in
ihrer inneren Einrichtung vollſtändig abweichende und
jedenfalls zweckmäßigere ſei.
Das war nun eine ſehr unüberlegte Aeußerung,
die den ganzen Zorn ſeines Prinzipals gegen ihn ent
flammte , dem der Gedanke, daß ein Concurrent eine
vollkommenerc Maſchine als er ſelbſt befißen ſolle,
mehr wie alles Andere unangenehm ſein mochte.
„Warten Sie,“ rief er im höchſten Grade erbittert
aus, „das ſollen Sie büßen ! Sie ſind gezwungen ,
Ihren Monat bei mir auszuhalten ; ich reiſe von hier
nach Rußland, Sie gehen mit, und wenn ich dort an
gekommen bin , ſo mögen Sie hingehen , wohin Sie
Luſt haben . Dort erſt werden Sie Ihre Papiere von
189

mir erhalten , jeßt aber beſorgen Sie die Ihnen ge


wordenen Aufträge."
Friß kannte den im höchſten Grade Erregten zu
gut, als daß er von irgend einer vernünftigen Vor
ſtellung ſich nur den geringſten Erfolg hätte ver
ſprechen dürfen. Somit entfernte er ſich , beſorgte ſeine
Angelegenheiten und cilte alsdann zu dem Polizei
Commiſſair K . .. ..., deſſen Bekanntſchaft er gemacht
und der ihn ſtets freundlich aufgenommen hatte. Die
ſem klagte er ſeine Noth, theilte demſelben wahrheits
getreu alles Vorgefallene mit und bat ihn um ſeinen
Beiſtand. Dieſer wurde ihm zugeſichert. Friß folle
am Nachmittage deſſelben Tages zu einer beſtimmten
Stunde ſich auf dem Polizei- Bureau einfinden und
ſein Prinzipal zu gleicher Zeit dort hinbeſchieden
werden .
Legterer war nicht wenig überraſcht, mit Friß hier
zuſammenzutreffen. Mit zornſprühenden Blicken ihn
muſternd, ließ er ſich alsbald auf einige von dem
Commiſſair an ihn gerichtete Fragen zu ſolch leiden
ſchaftlichen Ausbrüchen hinreißen , daß dieſer ſich ge
nöthigt ſah , ihn zur Ruhe zu verweiſen . Nach ein
gehender Erörterung der Sachlage erklärte endlich der
Commiſſair, daß Friß , bei Ermangelung einer beſtimm
ten contractlichen Vereinbarung zwiſchen beiden , nicht
gezwungen ſei , ihm auf ſeiner Weiterreiſe zu folgen ,
und ſo müſſe er ihn erſuchen , demſelben ſeine Papiere
verabfolgen zu laſſen, ſowie ihm ein Abgangs - Atteſt
auszuſtellen , was am beſten ſofort geſchehe. Erſt dann
190

würde er Veranlaſſung nehmen , ihm ſeinen eigenen


Paß zurückzuſtellen . Zugleich gab er ihm die bündigſte
Verſicherung, daß Friß nicht im Entfernteſten daran
denke, ſich mit dem erwähnten P . zu verbinden .
Ob dieſe Zuſicherung auf Becker, der gegen den P .
noch einen beſonderen Groll im Herzen zu tragen
ſchien, beruhigend wirkte , oder ob die Wahrnehmung
des Intereſſes , welches der Polizei- Commiſſair für
Friß an den Tag legte, ihn fügſamer machte ; genug,
B . fand ſich bereit, das beanſpruchte Atteſt ſofort aus
zuſtellen , ſowie die betreffenden Papiere Friß einzu
händigen . Während er ſich kleinlaut entfernte , blieb
Lekterer noch einige Augenblicke zurück, um ſeinen
Dank dem Commiſſair auszuſprechen , der ihn dann
wohlwollend entließ.
Zu Hauſe angekommen , fand er zu ſeiner großen
Ueberraſchung B . vollſtändig umgewandelt. Derſelbe
übergab ihm unter der Erklärung , nur ſein Beſtes
gewollt zu haben , ohne Weiteres ſein Eigenthum . Auch
offerirte er ihm , falls er fortan bei ihm verbleiben
wolle , ſein monatliches Gehalt auf das Doppelte zu
crhöhen, und als Friß bei ſeinem Entſchluſſe zu be
harren erklärte, ſteigerte er ſogar ſein Anerbieten auf
das Dreifache. Aber Alles war vergebens. Theils
waren es die unangenehmen Erfahrungen , die er im
Dienſte B .'s gemacht hatte, theils die verlockende Aus
ſicht, ſein eigener Herr zu werden , die ihn feſt bei
ſeinem einmal gefaßten Beſchluſſe beharren ließen.
„ Sie werden es bercuen , meinen Antrag ausgeſchla
191

gen zu haben ; denken Sie an mich !“ waren die leß


ten Worte B .'s , als ſich Friß entfernte.
Leider ſollte ſich dieſe Prophezeiung nur zu bald
beſtätigen . Einſtweilen ſah Friß aber die nächſte Z11
kunft im roſigſten Lichte, wenngleich ſeine augenblick
lichen pekuniären Verhältniſſc troß aller Sparſamkeit
ſich in einem wahrhaft deſolaten Zuſtande befanden,
da durch die erhaltenen Vorſchüſſe ſein Einkommen
beinahe gänzlich abſorbirt war.
Als er folgenden Tages von ſeinem Fenſter aus
B .'s Wagen zur Abreiſe vorfahren ſah, konnte er ſich
doch einer gewiſſen Beklommenheit nicht erwehren.
Vom Fenſter ſich zurückziehend, feßte er ſich zum Früh
ſtücken nieder, als ſich die Thüre öffnete und B . mit
ſeiner Frau eintrat, von ihm nochmals Abſchied zu
nehmen , in der Hauptſache aber wohl nur in der Ab
ſicht, noch einen lebten Verſuch zu machen , ihn von
ſeinem Entſchluſſe abzubringen. Er erklärte , fortan
ſein Monatsſalair von fünf auf zwanzig Thaler erhö
hen zu wollen. Noch ſei es an der Zeit , ſich eines
Beſſeren zu beſinnen . Der Wagen ſtehe vor der Thür,
wenige Minuten ſpäter möchte er ſeinen unüberlegten
Entſchluß vergebens bereuen . Friß wurde es heiß
und kalt ob dieſem Anerbieten. Aber was half's ?
Er hatte einem Anderen ja bereits ſeine Zuſage ge
macht, und um die peinliche Scene zu beenden , er
klärte er jeßt ohne Umſchweife , daß er ſich mit Ka
lewsky zu einer gemeinſchaftlichen Kunſtreiſe verbun
den habe.
192

„Nun, dann wünſche ich Ihnen viel Glück zu dies


ſem Compagnon,“ entgegnete Becker höhniſch und em
pfahl ſich.
Brrr ! – das war ein unangenehmer Augenblick.
Er hörte den Wagen fortrollen und ſtand allein mit
leeren Taſchen . Seine ganze Baarſchaft belief ſich
auf zwei Thaler und den Pfandzettel ſeiner Uhr, die
er einem armen Teufel, einem Athleten , der erklärt
hatte, ſeit zwei Tagen nichts gegeſſen zu haben , in
ſeiner Gutmüthigkeit zum Zwecke, dieſelbe zu verſeken,
geliehen hatte. Natürlich vergaß der Herr Athlet am
Ende der Meſſe nicht allein , die Uhr wieder einzu
löſen , ſondern ſogar , den Pfandzettel an Friß zu
übergeben , den dieſer nur mit vieler Mühe im Leften
Augenblicke der Abreiſe von demſelben zurück erhielt,
und ſo blieb ihm doch wenigſtens die Hoffnung , bei
beſſeren Zeitverhältniſſen die Uhr auf eigene Koſten
wieder einlöſen zu können. Einſtweilen ſah Friß ſich
jedoch genöthigt, dieſen Pfandzettel weiter zu ver
ſeßen , und fand in dem ihm bekannt gewordenen
Zettelträger die mildthätige Seele, die ſich zu dieſem
Zwecke ſeiner annahm . Derſelbe lieh ihm darauf
zwei Thaler, die nach Beſtreitung anderweitiger noch
nothwendiger Ausgaben ſeine ganze Baarſchaft auss
machten , als er am 8. October ſeine Reiſe nach Neu
haldensleben antrat.
Elftes Capitel.
Heuhaldensleben . – hjerr Kalewsky. — Schlimme Tage. —
Nochmals beim Vetter.

Salewsky empfing Frit in der zuvorkommendſten


Weiſe. Seine noch junge , erſt ſeit einem Jahre mit
ihm verbundene Frau ſchien ſich ebenfalls ſeiner An
funft zu freuen . Der erſte Tag verlief unter allge
meinen , intereſſanten Geſprächen. Am Abende ſprach
Se ſein Bedauern aus, ihn nicht bei ſich aufnehmen
zu fönnen ; er würde ihn jedoch zu einem Gaſthofe
führen , wo er eben ſo billig wie gut logiren würde.
. Es war ſchon ſpät geworden, als er hicr einkehrte.
Die freundliche Aufnahme, die er bei k. gefunden ,
beſtärkte ihn in dem Glauben an einen günſtigen Ver
lauf aller übrigen Angelegenheiten.
Folgenden Morgens beſuchte ihn K . und lud ihn
zu einem Spaziergange ein . Natürlich erſtreckte ſich
ihre Unterhaltung nur auf das Gebiet ihrer gemein
famen Pläne und Projecte. Nach verſchiedenen Ab
ſchweifungen brachte K . endlich denjenigen Punft zur
Sprache, der das eigentliche Alpha und Omega dcs
Ganzen bildete und der , wenn beiderſeits die Sache
BS. I. 13
194

reiflicher überlegtworden wäre, zu allererſt als nervus


rerum hätte in Betracht und in Berathung gezogen
werden ſollen .
„ Wie ſteht es denn mit Ihrer Caſſe ?" frug R .
nach einigem Zögern , und man merkte es ihm an, daß
ihm dieſe Frage ſchwer wurde. „ Es iſt nothwendig ,
daß wir hierüber gegenſeitig in 's Klare kommen , um
darnach das Weitere zu bemeſſen .“
„ Meine Caſſe,“ entgegnete Friş verlegen , „damit
ſieht es ſchlecht aus; ſie iſt bis auf wenige Groſchen
erſchöpft, da mein Einkommen durch Reiſe und ſon
ſtige Auslagen , die Herr Becker für mich gehabt, mehr
oder weniger ausgeglichen wurde. Uebrigens habe ich
den feſten Glauben , daß ich durch mein Geſchick und
meine Erfahrungen auf unſerem Gebiete dieſen Man
gel bald und reichlich erſeßen werde. Sie dürfen un
beſorgt und ohne großes Riſico die erſten Ausgaben
zu unſerem Unternehmen beſtreiten . Es wird nur
weniger Vorſtellungen bedürfen , um Ihnen Alles zu
erſeßen und unſer fernerweitiges Unternehmen zu
ſichern .“
„ Wie,“ entgegnete beſtürzt der Frager , „ Sic find
ohne Mittel ! und muthen mir, der ich die Maſchinen
und Apparate zu dem Geſchäfte zur Verfügung ſtelle,
auch noch zu , die erforderlichen Geldmittel zum Un
ternehmen herzugeben ! Weshalb haben Sie mir das
um des Himmelswillen nicht gleich mitgetheilt ? Es
war Shrerſeits ein unverzeihlicher Leichtſinn, mir dic
ſen Umſtand zu verhehlen. Sie hätten uns gegen
195

ſeitig eine bittere Enttäuſchung geſpart ; hätte ich da


von nur im Entfernteſten eine Ahnung gehabt, im
Traume würde ich nicht daran gedacht haben , auf
Ihren Vorſchlag einzugehen.“
„ Lieber Herr R.,“ entgegnete Friß begütigend,
„ laſſen Sie uns nicht darum ſtreiten , wer von uns
Beiden zuerſt des leidigen Geldpunktes hätte gedenken
ſollen . Seien Sie verſichert , daß mein an den Tag
gelegtes Selbſtvertrauen nicht auf eitler Selbſtüber
ſchäßung beruht. Ich weiß , weſſen ich fähig bin , und
daß ich zum allerwenigſten das zu leiſten vermag, was
meinem bisherigen Prinzipal möglich iſt. Wenn es
dieſem ſchon gelingt, ſo große Erfolge zu erzielen ,
dann dürfen Sie verſichert ſein , daß wir mit verein
ten Kräften auf ein , wenigſtens eben ſo günſtiges Re
ſultat rechnen dürfen . Seien Sie deshalb außer
Sorge."
Rt., welcher einſehen mochte , daß er nicht minder
den Vorwurf einer Uebereilung verdiene, entgegnete
niedergeſchlagen : „ Das Geſagte mag ſeine Berech
tigung haben . Es klingt ſehr gut und ſchön, aber ich
befürchte, daß Ihre Vorausſeßungen auf allzu ſan =
guiniſchen Hoffnungen beruhen , wie ſie der unerfahre
nen Jugend eigen ſind, während das reifere Alter die
Lebensverhältniſſe mit kälterem Blute weniger opti
miſtiſch auffaßt. Wenn ich auch annehme, daß unſer
Unternehmen im Laufe der Zeit einen günſtigen Er
folg haben würde, ſo bezweifle ich doch ſehr, daß wir
auf einen ſolchen gleich beim Beginn rechnen dürfen .
13 *
196

Aller Anfang iſt ſchwer, und ſo werden auch wir im


Beginne mit manchen Widerwärtigkeiten und Miß
erfolgen zu kämpfen haben , welche Ausdauer, Muth
und, was wichtiger wie alles Andere iſt, Geld erhei
ſchen, das mir augenblicklich ebenſo wenig zu Gebote
ſteht, wie Ihnen . Es iſt mir im höchſten Grade
ſchmerzlich, Ihnen geſtehen zu müſſen , daß in Folge
verſchiedener unglücklicher Verhältniſſe in der lekteren
Zeit meine Caffe derartig in Anſpruch genommen
wurde , daß ich augenblicklich nur über eine geringe
Baarſchaft zu verfügen habe, und dieſe iſt mir um
ſo nothwendiger, als ich in der nächſten Zeit einen
Familienzuwachs zu gewärtigen habe. — Ich bin
einmal vom Unglücke verfolgt,“ ſeßte er im höchſten
Grade niedergeſchlagen hinzu ; „ ſelbſt das Schickſal
ſcheint mich tückiſch mit günſtigen Ausſichten auf die
Zukunft verhöhnen zu wollen. Welche bitteren Er
fahrungen habe ich ſchon im Leben gemacht, und noch
immer ſcheint es damit kein Ende nehmen zu wollen .
Hören Sie, lieber Freund,“ fügte er dann tief ergrif
fen hinzu , indem er Frißens beide Hände erfaßte und
ihn mit einem Ausdrucke unendlicher Niedergeſchlagen
heit anſah, - „ das Beſte iſt , daß Sie ſich von mir
losmachen , um nicht das Mißgeſchick mit mir zu thei
len , das ſich beſtändig an meine Ferſen heftet. Sic
ſind noch jung und lebensmuthig , mit fühnem , zuver
ſichtlichem Selbſtvertrauen ausgerüſtet, das Sie über
kurz oder lang zum Ziele führen wird. Mir aber iſt
daſſelbe in dem beſtändigen Ringen und Kämpfen mit
197

allen möglichen Widerwärtigkeiten des Lebens bereits


verloren gegangen !"
Der arme Mann war ſeiner Empfindung nicht
mehr mächtig ; ein Strom von Thränen rollte über
ſein Geſicht und machte ihn unfähig, weiter zu ſprechen.
Wenngleich Friß über die Vergangenheit N .'s wc
nig mehr als Nichts wußte, ſo hatte ihn doch die Art
und Weiſe ſeines Benehmens, ſowie das ungeſchminkte,
Wahrheit bergende Geſtändniß ſeines Rummers und
ſeiner Noth derartig für ihn eingenommen , daß er,
für den Augenblick ſeine eigene hülfloſe Lage vergeſ
ſend, den ſo tief Befümmerten zu tröſten ſuchte. Er
bat ihn, nicht alle Hoffnungen auf eine Beſſerung ſei
nes Geſchickes aufzugeben, noch ſei ja nicht Alles ver
loren , vielleicht ſtehe ja gegenwärtig ſchon cinc Wen
dung zum Beſſeren vor der Thüre. Dann mac;te er
ihm den Vorſchlag , hier am Orte mit einigen Vor
ſtellungen zu beginnen , die möglicherweiſe einen gün
ſtigen Erfolg haben und ihnen über die erſten Schwic
rigkeiten hinweghelfen könnten . – Jedenfalls möge cr
ſich ſeinethalben keine Sorgen machen. Er werde ſich
ſchon auf irgend eine oder die andere Weiſe durch
ſchlagen .
Dieſe tröſtende Zuſprache verfehlte ihre Wirkung
nicht. R . ergriff dankbar die Hand ſeines jungen Ge
fährten und erklärte ſich mit ſeinem Vorſchlage ein
verſtanden. Dann bat er ihn dringend, von dem Vor
gefallenen gegen ſeine Frau keine Erwähnung zu thun.
Sie ſei in ihrem gegenwärtigen Zuſtande großer Scho
198

nung bedürftig und habe außerdem von der eigent


lichen Sachlage ſeiner Verhältniſſe keine Ahnung.
Schon am folgenden Tage, wurde bei den Behör
den die Erlaubniß zu einigen Vorſtellungen nachge
ſucht. Leider vernichtete aber ein abſchläglicher Bes
ſcheid die daran geknüpften Hoffnungen .
Beide waren untröſtlich. Beſonders R . quälte
ſich mit Selbſtvorwürfen , daß er ſeinen jungen Freund
ſo unbedachtſamer Weiſe durch ſeine Unſchlüſſigkeit
oder vielmehr durch ſeine Unentſchiedenheit bei dem
Beginne der Verhandlungen in dieſe unangenehme
Lage gebracht habe, zumal Friß ihm mitgetheilt, welche
günſtige Offerte Bet.teihm im leßten Augenblicke ſeiner
Abreiſe gemacht hatte.
Friß wußte auch dieſes Mal ihn zu tröſten . Er
erklärte, eine Secretairſtelle bei einem dortigen Anwalte
annehmen zu wollen , die vacant ſei und ihm Gelegen =
heit gebe, beſſere Zeiten abzuwarten .
Des Schickſals Tücke wollte es aber , daß, als er
ſich um die Stelle bewarb, dieſelbe Tages vorher ver
geben war. Was war da zu machen ? – Guter
Rath war hier theuer.
„ Nür drei Monate ſorgen Sie für Ihre eigene
Exiſtenz, und ich ſchaffe die Mittel zu unſerer Reiſe
und zu unſerem Unternehmen,“ ſtöhnte .
Das war leicht geſagt, aber unter den obwalten
den Umſtänden ſchwer zu bewerkſtelligen .
Die einzige Hoffnung hot Frißens Vetter in
Thüringen. Denſelben aber ſo ohne Weiteres auf
199

zuſuchen , ſchien ihm doch zu bedenklich. Er entſchloß


ſich alſo , an ihn zu ſchreiben, um ſo mehr, als er
den Verſuch machen wollte, denſelben um ein kleines
Darlehn anzugehen. War die Briefbeförderung in
der damaligen Zeit ſo ſchlecht, oder konnte der Vetter
zu feinem Entſchluſſe kommen ? - genug, es verfloſſen
wiederum zehn ſorgenvolle Tage der Angſt und Noth .
Sein mißtrauiſch gewordener Wirth ſeşte ihn an die
Luft und zwang ihn , zu einer niederen Herberge,ſeine
Zuflucht zu nehmen , wo er Gelegenheit fand, ſich in
Entüchrungen jeglicher Art einzuüben . Selbſt der
einzige Tröſter, der ihm geblieben : ſeine Pfeife, die
ihm ſo manches Mal den Hunger beſiegen half, ließ
ihn wegen mangelnder Zufuhr im Stich und hing,
beſſere Zeiten gewärtigend, verlaſſen am Nagel.
So ſaß er an einem der unfreundlichen nebligen
Herbſttage Trübſal blaſend am Fenſter und beobach
tete neidiſchen Blickes den vorüberziehenden Gänſe
hirten , auf deſſen Peitſchengeknalle die gefiederten
Martinsfreunde herbeiwatſchelten und mit lebhaftem
Geſchnatter ihre Freude zu erkennen gaben , in Ge
ſellſchaft ihres geſtrengen Führers wieder einen Tag
in Gottes freier Natur zu verbringen . In der einen
Hand das Material zu einem derben Hanfſtrumpf,
in der anderen eine ſelbſtgeflochtene Peitſche vom ſel
ben Material, mit welcher er in wirklich virtuoſer
Weiſe alle möglichen Anall - Variationen zu Wege
brachte, ſchritt derſelbe in Begleitung ſeines zottigen ,
vierfüßigen Adjutanten gravitätiſch durch die Straßen
200

der Stadt. Ein nicht geringes Selbſtbewußtſein ob


der Wichtigkeit ſeines Amtes prägte ſich unter komiſcher
Würde auf ſeinem Geſichte aus.
Die unfreundliche Luft , der beſtändige, ſchwere,
feucht- kalte Herbſtnebel , der auf Stadt und Land
lagerte und nur ſelten von einem freundlichen Sonnen
ſtrahl durchbrochen wurde, bewog Friß in Ermange
lung jedweden weiteren Anſchluſſes , zumal auch .
ſich nur ſelten ſehen ließ, ein halbes Gefangenleben
zu führen . Seine einzige Zerſtreuung beſtand im
Leſen einiger wiſſenſchaftlichen Bücher , die ihm R .
geliehen . Unter ſolchen Umſtänden war es nicht zu
verwundern , wenn ſich nach und nach eine ſehr düſtere
Stimmung ſeiner bemächtigte, zumal wenn der un
heimliche Gedanke an ihn herantrat, was er beginnen
ſolle, wenn der Vetter ihn im Stiche laſſe.
Da wurde er zur rechten Zeit durch die Erſchei
nung des friſch und munter ausſehenden , ſelbſtzu
friedenen Hirten auf andere Gedanken gebracht.
„Menſch, hinaus in 's Freie !" rief eine innere
Stimme ihm zu ; „ ſieh , wie der Hirt unverdroſſen
ſeine Gänſe hütet, da wird's Dir anders werden .“
So war's. Der leicht erkennbaren Fährte folgend,
fand er den Hirten inmitten ſeiner gefiederten Schüß
linge auf einem alten Baumſtamme ſiken , mit ſeinem
Strickſtrumpf emſig beſchäftigt. Eine kurze Unterhal
tung mit demſelben, aus welcher freilich nur hervor
ging , daß er, ſoweit er denken könnte, in ſeinem Leben
nichts anderes gethan habe, als Gänſe hüten , gab
201

dennoch unſerem Bedrängten friſchen Muth , und ſo


kehrte er, feſt entſchloſſen , ſeinem Schickſale feck die
Stirne zu bieten , in ſeine Wohnung zurück.
„ Rommt Zeit – kommt Rath !“ dachte cr ; „ haſt
ſo manche Verlegenheit glücklich beſtanden, da wirſt
Du ja auch auf irgend eine oder die andere Weije
die jeßige überwinden .“
Sein Vertrauen zur gütigen Vorſehung ſollte ſich
glänzend bewähren .
Kaum daß er in ſeiner Wohnung wieder ange
langt war, erſchien der Poſtbote mit einem Briefe,
auf dem die bedeutungsvollen fünf rothen Siegel Fritz
entgegenglänzten .
Der Vetter ſandte zehn Thaler, mit dem Bemer
ken , daß er die Summe ſelbſt geborgt, und fügte hinzu ,
daß er einige Monate bei ihm verweilen könne; er
erwarte jedoch, daß , wenn Frit ſpäter beſſere Zeiten
ſehe, er ihn dafür entſchädigen werde.
Friß dankte ſeinem Schöpfer und ſeinem Vetter ;
cr war geborgen . Noch in ſelber Stunde eilte er zu
R ., ſich von dieſem zu verabſchieden und zugleich ein
kleines Anleihen demſelben zurückzuzahlen, welches
dieſer jedoch ſich weigerte anzunehmen , indem er die
Rückzahlung auf beſſere Zeiten verſchob. Nach einem
herzlichen Abſchiede wurde nun unverzögert die Reiſe
nach Sondershauſen zu Fuß angetreten .
Zwölftes Capitel.

Veränderte Beiten . – Der blinde Förſter. – Nach Nord


hauſen . - Rencontre und Ueberraſchung. — Uene Ver
einbarung mit Becker.

Am 26. October trat Friß bei ſeinem Vetter


cin , der ihn zwar freundlich aufnahm , aber in ſeinem
Benehmen eine gewiſſe Zurückhaltung erkennen ließ,
die nahe an Kälte grenzte. In ſeiner Weiſe zu reden
ſchien cine eigenthümlicheStrenge zu liegen , wie Frit
vordem nie wahrgenommen hatte. Seine eigene Be
klommenheit über die Unſicherheit ſeiner Lage mochte
wohl das Shrige zu der, cine gewiſſe Beſorgniß er
regenden Beobachtung beitragen . Er fühlte ſich jedoch
vollſtändig beruhigt, als der Vetter ihm in dem Augen
blicke, als er das ganze crhaltene Darlehn zurück
erſtattete , wozu Ralewsky 's Generöſität ihn in den
Stand geſegt hatte, in der zuvorkommendſten Wciſe ſein
Haus, ſo lange cr deſſen bedürfe, zur Verfügung
ſtellte.
Es verging ein Monat, ohne daß das Verhältniß
zwiſchen Beiden weſentlich getrübt worden war. Nur
fiel es Friß auf, daß Wilbert, ſo war der Vorname
203

des Vetters, in der leßten Zeit ſchr ſchweigjam ſich zeigte


und ihn nicht mehr, wie anfänglich , zu gemeinſamen
Spaziergängen aufforderte.
Ein Brief M .'s , in welchem derſelbe ſchrieb , daß
das abgeſprochene Zuſammentreffen noch auf einige
Zeit hinausgeſchoben werden müſſe, machte auf den
Vetter, wie es unverkennbar war, einen ſehr un
günſtigen Eindruck.
Statt wie bisher ihm ſein Bedauern und ſeine
Theilnahme auszuſprechen , zuckte er diesmal mit dem
Bemerken die Achſeln, es ſei dies eine unangenehme
Nachricht, und ging ſeiner Wege.
Von dieſem Augenblick an trat ein höchſt unbc
hagliches Verhältniß zwiſchen Beiden ein . Der freund
ſchaftliche Austauſch war zu Ende. In ſeinem ganzen
Benehmen zeigte Wilbert einemürriſche Schweigſamkeit
und äußerſte Verſtimmung. Friß mußte daraus er
kennen , daß ſeines Bleibens hier nicht länger ſein
konnte, und ſah mit Angſt und Schrecken dem Augen
blicke entgegen , wo ſich das Gewitter entladen würde.
Bei ruhigem Nachdenken mußte er ſich geſtehen, daß
es dem Vetter, der ſelbſt in beſchränkten Verhältniſſen
lebte, nicht zu verdenken war, Unzufriedenheit über
ſein verlängertes Bleiben zu empfinden . Ein großer
Troſt für Friß war es jedoch , daß ſeine Couſine,
Wilbert's Frau , in der Abweſenheit ihres Mannes
ſtets ein freundliches, tröſtendes Wort für ihn hatte
und ihn in ſeiner großen Niedergeſchlagenheit durch
ihre freundliche Theilnahme aufzurichten ſuchte.
204

Sie bat ihn, dem unwirſchen Benehmen ihres


Mannes eine ruhige Schweigſamkeit entgegenzuſtellen
und von demſelben , deſſen Temperament von jeher
heftiger Natur geweſen ſei, einen Vorwurf, ein Wort
augenblicklicher Erregtheit geduldig hinzunehmen und
zu verzeihen , dann werde fich Alles ſchon machen und
er jedenfalls den Zeitpunkt zur Vereinigung mit K .
abwarten können.
Es war dies keine leichte Aufgabe, doch war er
feſt entſchloſſen , den gut gemeinten Rath ſeiner Cou
ſine, ſoweit nur möglich , zu befolgen . Seine penible
Lage erheiſchte dies ja auch ſchon ohnehin von ſelbſt.
An Entbehrungen und Einſchränkungen jeglicher
Art gewöhnt, ertrug er mit ſtoiſcher Ergebung die
geſtrengen häuslichen Anordnungen des verſtimmten
Vetters. Hatte er ja doch bis zur Realiſirung ſeiner
Hoffnung ein Obdach hier gefunden , wenn daſſelbe
auch ſehr primitiver Natur war, und er bei dem
mittlerweile eingetretenen ſtrengen Winter des Morgens
den Schnee von ſeiner Decke zu ſchütteln hatte, welchen
der ſcharfe Nordwind durch die ſchlecht gefügten Dach
ziegel trieb .
Das Ende des Jahres war mittlcrweile heran
gerückt. Ein Winter, wie Frit kaum einen ähnlichen
erlebt, hatte ſich unter anhaltender, heftiger Kälte und
ſtarkem Schneefall entwickelt. In Thüringen ſchien
man daran gewöhnt zu ſein . Für Friß hatte derſelbe
jedoch manche Unbequemlichkeiten . Seine Toilette war
nicht darauf eingerichtet, und der Gedanke, vielleicht
205

unter dieſen Umſtänden auf's Gerathewohl in die Welt


wandern zu müſſen , war ein nicht ſehr erhebender.
An einem hellen Mondſchein -Abend — Wilbert war
den Tag über draußen geweſen -- ſtürmte Friß hinaus
auf die ſchneebedeckte Landſtraße, um die wüſten , tu
multuariſchen Gedanken zu verſcheuchen , die ein böfer
Dämon ihm zuflüſterte. Die große Kälte bewog ihn,
über den kniſternden Schnee raſch hinwegzueilen und
durch eine ſchnelle Bewegung ſeine Glieder, die von
Tehr dünner Bekleidung bedeckt waren, zu erwärmen.
Er entfernte ſich immer mehr von ſeiner unbehaglichen
Wohnung, ſich ſelbſt nicht klar, wohin es ihn eigentlich
trieb. Vorwärts ging es , nur vorwärts ! Kein lebendes
Weſen bewegte ſich auf der Landſtraße. Nur ab und
zu ſah er mit neidiſchem Blicke auf die einzelnen
Lichtflammen , die durch das Fenſter eines dürftigen
Häuschens oder einer Hütte ſo traulich hervorbližten.
Da taucht unerwartet über die helle Schneefläche
ein vereinzelter Wanderer auf, der auf ihn zukommt,
und der — wie ſich alsbald herausſtellte — Niemand
anders war, als ſein Vetter Wilbert. Derſelbe war
in Nordhauſen zu Beſuch geweſen und ſchien in
guter Laune ſich zu befinden , wie ein munteres
Liedchen, das er pfiff, annehmen ließ .
Nach einer gegenſeitigen Begrüßung machte Fritz
Kehrt mit demſelben . Beide gingen ſchweigſam eine
Strecke nebeneinander. Endlich nahm der Vetter das
Wort und lenkte das Geſpräch mit auffallender
Mäßigung auf die gegenſeitigen Verhältniſſe, indem
206

er die Anſicht ausſprach , daß auf Frißens Ver


einigung mit R . nicht mehr zu rechnen ſei, und
ſo , fügte er hinzu , müſſe er zu einem anderweitigen
Entſchluſſe kommen . Seine Verhältniſſe wenigſtens
geſtatteten nicht länger, in der bisherigen Weiſe ihn
bei ſich zu behalten . Um ihm jedoch noch Zeit und
Gelegenheit zu geben , ſeine erforderlichen Maßregeln
zu treffen , ſo wolle er ihm noch einen achttägigen
Aufenthalt bei ſich gewähren, dann aber müſſe er
unwiderruflich ſein Haus verlaſſen .
Friß verſuchte keine Einwendungen , keine Bitte.
Des Vetters Sprache , ruhig und mäßig gehalten ,
war eine ſolch entſchiedene, daß er jede fernerweitige
Vorſtellung als überflüſſig erkannte, während er außer
dem von einem Gefühl heftigen Widerwillens beherrſcht
wurde, die Güte des Vetters ferner noch in Anſpruch
zu nehmen .
Der folgende Tag fand ihn mit Briefſchreiben
beſchäftigt. Den erſten Brief richtete er an K ., ent
weder ſofort die projectirte Kunſtreiſe mit ihm anzu
treten oder das ganze Project aufzugeben. Den zweiten
Brief dirigirte er an ſeinen Freund in Braunſchweig,
den er bat, irgend eine Stelle – gleichviel welche —
für ihn zu ermitteln . Den dritten an B . oder viel
mehr deſſen Schwager in Berlin . In dieſem erklärte
er ſich bereit, unter jeder ihm geſtellten Bedingung
wieder in deſſen Dienſte zu treten . Nur nach der
Heimath fandte er keinen . Er konnte ſich nicht ent
Tchließen ,' ſeine lieben Angehörigen durch ſeine Stoß
207

ſeufzer in Angſt und Sorgen zu ſeßen . Zu Allem


war er bereit, nur nicht, unter dieſen Umſtänden ſeine
Zuflucht zur Heimath zu nehmen.
Fünf von den acht verhängnißvollen Tagen waren
bereits verſtrichen , ohne daß irgend ein Hoffnungs
ſtrahl an ſeinem umdüſterten Horizonte ſichtbar ge
worden wäre. Es war Abend; ein höchſt frugales
Mahl wurde ſtill und ſchweigſam eingenommen . Drau
Ben pfiff ein ſcharfer Nordwind. Trotz des geheizten
Zimmers waren die Fenſterſcheiben mit bunten Eis
blumen bedeckt, deren ſtellenweiſe lichte Flecken den
vergeblichen Kampf der Stubenwärme gegen die von
außen eindringende Kälte verriethen . Es war nicht
blos ungemüthlich , ſondern im höchſten Grade unbe
haglich im Zimmer. Wilbert, der nach der lebten
Auseinanderſeßung wiederum ſein altes, ſchweigſames
Weſen beobachtete, hatte das im Zimmer vorhandene,
einzige Licht für ſich in Anſpruch genommen , und ſo
wußte Friß nichts Beſſeres zu thun , als in die
Nähe des Ofens zu rücken , ſeinen Blick dem wechſeln
den Flammenſpiele zuzuwenden und ſeinen Gedanken
freien Lauf zu laſſen .
Alſo nur noch drei Tage waren ihm bis zum
Augenblicke der Entſcheidung vergönnt. Traf bis da
hin keine Antwort auf einen der abgeſandten Briefe
ein , – und die Hoffnung darauf war nachgerade
eine ſehr ſchwache geworden, — dann mußte er wieder
um hinaus in die Welt, hinaus in den kalten , eiſigen
Winter, ohne Mittel, ohne Beiſtand, ohne jeglichen
208

Rath. Dennoch aber wirkte der Gedanke in gewiſſez


Beziehung belebend auf ihn. Er war dann zum
wenigſten aus der troſtloſen , im höchſten Grade
qualvollen Situation, die kaum noch zu ertragen war ,
erlöſt. Die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf auf
die beiden Hände geſtüßt, war er in düſtere Träu
mereien verſunken , aus denen er plößlich durch ein
Klopfen an das Fenſter aufſchrack. - Wilbert öffnete
daſſelbe und erſuchte den Klopfer , nachdem er ſich
überzeugt hatte, daß es ein Bekannter ſei, cinzutreten .
Halb erfroren trat ein blinder Mann, geführt von
ſeinem zwölfjährigen Töchterchen , ein und bat, ihm
zu geſtatten , ſich mit demſelben etwas erwärmen zu
dürfen. Sein Anſuchen wurde um ſo bereitwilliger
gewährt, als er, wie geſagt, ein Bekannter des Hauſes
war. Auch Friß hatte denſelben bereits vor einiger
Zeit als einen vorzüglichen Hornbläſer kennen ge
lernt, und erfahren , daß er vordem als Förſter in
fürſtlich S . . Pichen Dienſten geſtanden , in Folge einer
Krankheit erblindet und alsdann mit einem kleinen
Einkommen penſionirt ſei, ſo daß er ſich gezwungen
jah, zur Verbeſſerung ſeiner Lage ſeine Zuflucht zu
feinen Waldhorn zu nehmen und ab und zu in den
Concerten der Reſidenz und der Umgcgend zu ſpielen .
Auch dieſesmal war er von einem Ausfluge nadı
Nordhauſen , woſelbſt er an einem Concerte Theil ge
nommen , zurückgekehrt und hatte, aus Beſorgniß für
ſein ihn führendes , vor Kälte halb erſtarrtes Töchter
chen , um Einlaß gebeten .
209

„ Was giebt es denn Neues in Nordhauſen , Herr


W . .. . . . ?“ redete der Vetter den Blinden an, nach
dem ſich derſelbe etwas erholt und durch einen ihm
dargereichten warmen Trank geſtärft hatte.
„ Neues wüßte ich kaum mitzutheilen ," antwortete
dieſer, „ es ſei denn , daß ein Tauſendfünſtler durch
ſeine Wunderleiſtungen ganz Nordhauſen in Aufregung
verſeßt hat. Man erzählt von demſelben , daß er ſich
das Bein ausreißen und den Kopf abſchneiden läßt
und bald darauf Alles wieder ohne viele Umſtände
an den rechten Plaß bringt.“
Friß ſpißte bei dem Worte „ Tauſendfünſtler“ die
Ohren . Als er nun aber gar die beiden leßten Pro
ductionen erwähnen hörte , die ihm als cin Chef
d 'oeuvre ſeines ehemaligen Prinzipals bekannt waren,
da fuhr er wie elektriſirt von ſeinem Stuhle mit den
Worten empor: „ Um Gotteswillen , wie heißt der
Künſtler? Gewiß haben Sie den Namen gehört.“
„ Das hab' ich freilich ," entgegnete der Blinde,
„ nur kann ich mich deſſelben nicht mehr entſinnen ,
doch erinnere ich mich , daß es ſo ein allgemeiner
Name, wie Müller, Schneider, oder dergleichen war.“
„ Vielleicht Becker ?“ ſeßte Friß in geſpannter Er
wartung hinzu.
„ Ja wohl, ganz richtig, Becker, das war der Namc;
· begreife nicht, wie ich denſelben habe vergeſſen können .“
Wenn dem Leſer die verzweifelte Lage, in der
Friß ſich augenblicklich befand , klar geworden und
derſelbe nicht vergeſſen hat, zu welchem Anſehen er
Bd. I. 14
210

ſchließlich bei ſeinem ehemaligen Prinzipale gelangt


war, ſo wird derſelbe ſich leicht eine Vorſtellung von
deſſen eraltirter Freude über dieſe unerwartete Nach
richt machen können, und ſo wollen wir es unterlaſſen ,
dieſelbe hier auszumalen . Er wußte ſich geborgen .
Auch nicht der leiſeſte Gedanke an die Möglichkeit,
ſich zu verrechnen, wurde in ihm lebendig .
Seine wenigen und nothwendigſten Effecten waren
bald gepackt, ſo daß er leicht darüber verfügen konnte.
Geſchlafen wurde kaum . Gegen drei Uhr war Friß
vollſtändig reiſefertig und ſchlich leiſe die Treppe
hinunter, ſeinen Verwandten Adicu zu ſagen. Zu
ſeiner Ueberraſchung fand er jedoch ſeinen Vetter eben
falls ſchon angekleidet und bereit , ihn auf ſeiner
Wanderung nach Nordhauſen zu begleiten .
Es war eine ſchneidig falte Winternacht. Die
Sterne glißerten förmlich eiſig am Himmel, der Schnee
fniſterte und knarrte unter den Füßen der beiden
Wanderer. Geſprochen wurde wenig, obgleich Wilbert
ſeit dem verfloſſenen Abend etwas redſeliger geworden
war. Theils war die Kälte, theils aber auch der Um
ſtand daran ſchuld , daß Friß allzuſehr mit ſich ſelbſt
und ſeiner demnächſtigen Zukunft beſchäftigt war.
Wilbert's Begleitung war ihm außerdem unbequem .
Er hatte ein Gefühl, als ob derſelben egoiſtiſche Mo
tive zu Grunde lägen .
Gegen ſieben Uhr Morgens erreichten ſie Nord
hauſen . Es ſtellte ſich heraus, daß B . im erſten Hôtel
am Markte wohne.
211

Wilbert, des Weges kundig , ſchlug unverfroren


den Weg in dieſer Richtung ein. Durch mehrere
Straßen wandernd, erreichten ſie eine ſchmale, hohe
Steintreppe, welche bei dem ungleichen , gebirgigen
Terrain die Verbindung des unteren mit dem oberen
Stadttheile herſtellte. Auf halber Höhe befand ſich
ein Abſaß. Hier hielt Friß an, ſich einen Augenblick
auszuruhen , und benußte dieſe Gelegenheit, ſeinem Vet:
ter vorzuſchlagen , ihn in der Nähe bei einem Freunde
abzuwarten , während er dann den Herrn B . aufſuchen
und ihn ſpäter zu demſelben hinführen wolle , da es
ſich wohl nicht ſchicke, mit einem Fremden in der Frühe
des Morgens bei demſelben einzutreten .
Raum hatte er in höflicher Weiſe dieſc Worte an
ſeinen Vetter gerichtet, als derſelbe in einer Anwand
lung von Jähzorn ihn an der Bruſt ergriff, drohend,
wenn er noch ein Wort weiter rede, ihn den Abhang
hinunter zu ſtürzen .
Wer wird es Friß verdenfen , wenn ihm endlich
die Geduld ausging und er mit kräftigem Arme ſich
des Angriffs crwehrte. Beide ſtrauchelten und ſtürzten
auf die Brüſtung des Abhanges . Noch eine Spanne
weiter, und Beide hätte wahrſcheinlich cin jähes Loos.
ereilt.
War es der Anblick der drohenden Gefahr oder
Frißens energiſches Entgegentreten, das dem Vetter,
der ſich an ſeine ſtete Nachgiebigkeit gewöhnt haben
mochte, in Schrecken verſeßte, genug, Beide kamen zu
Verſtande und ließen von weiteren Thätlichkeiten ab .
14 *
212

Grollend gingen ſie auseinander.


Friß eilte nun zu dem bezeichneten Hôtel, der
Wohnung B .'S . Die ganze Familie nebſt Gehülfen
war zum Frühſtück verſammelt, als Friß auf den
Hereinruf in die Stube trat.
Sein unerwartetes Erſcheinen rief eine förmliche
Revolte unter den Anweſenden hervor, die ihn zu
begrüßen ſämmtlich auf ihn zueilten .
Nur Herr B . allein näherte ſich ihm langſamen
Schrittes. Als er jedoch vernahm , daß Friß die Ver
einigung mit M . aufgegeben , ſich gegenwärtig in Son =
dershauſen befinde, um demnächſt eine andere Stelle
anzunehmen, und er gegenwärtig nur ihn zu beſuchen
beabſichtige, bewillkommte auch diejer ihn mit Wärme.
Dringend wurde er aufgefordert, ſich an dem Früh
ſtücke zu betheiligen. Friß erklärte ſich dazu unter
der Bedingung bereit, wenn er ſeinen Vetter, der ihn
herbegleitet habe, mit einführen dürfe, was natürlich
mit größter Zuvorkommenheit geſtattet wurde. Seiner
Sache nun gewiß , ſuchte er mit triumphirendem Selbſt
bewußtſein denſelben bei deſſen Freunde auf. Sich
nunmehr zu beherrſchen war nicht ſchwer ; er that, als
ob nichts vorgefallen ſei, und bewog in der That
nach einigem Zureden denſelben , ihn zur Wohnung
B .'s zu begleiten .
Die Aufnahme, welche beide in der Familie fan
den, ſowie die Sicherheit, mit welcher Friß ſich in
dem Kreiſe derſelben bewegte, imponirten nicht wenig
dem jeßt kleinlauten Vetter.
213

Beide wurden zu der am ſelben Abend ſtattfin


denden Vorſtellung ſowie zum Mittagseſſen eingeladen .
Wilbert erklärte jedoch , leßteres wegen anderweitiger
Verhinderung nicht annehmen zu können , während
Friß keinen Grund hatte, die Einladungen abzulehnen .
Welchen Eindruck die von einem zahlreichen Pu
blikum beſuchte Vorſtellung in ihrer glänzenden Aus
ſtattung und Ungewöhnlichkeit auf den Vetter machen
mußte, der zum erſten Male in ſeinem Leben einer
ſolchen beiwohnte, läßt ſich leicht ermeſſen . Nach be
endigter Vorſtellung begleitete er Friß ichwcigſam , in
kleinlauter Stimmung zu dem Hôtel des Herrn B .
Dort wurde mit verſchwenderiſcher Gaſtlichkeit ein
förmliches , kleines Bewillkommnungsfeſt in Scene ge
feßt, das bis Mitternacht dauerte, zu welcher Zeit
ſich Wilbert verabſchiedete, um folgenden Tages in
der Frühe ſeine Rückreiſe anzutreten , während Friß
verblieb, um , wie er Herrn Becker erklärte, mit der
am Abende des nächſten Tages abgehenden Poſt
wieder zurückzukehren. Wie wenig ernſt er es mit
der Erklärung gemeint und wie ſicher er ſeine ander
weitigen Berechnungen gemacht hatte, werden wir als
bald crſehen .
Die verſchiedenen Erfahrungen der lekten Ver
gangenheit hatten ihre Früchte getragen . Er war
nicht dümmer davon geworden und hatte einſehen ge
lernt, daß es unter Umſtänden im Leben gerathen
fei, ſeine eigentlichen Intentionen nicht ſofort erkennen
zu laſſen .
214

Als Friß folgenden Tages Mienemachte, nach ſeinem


Vetter zurückzukehren , erſuchte B . ihn, wenigſtens bis
zur nächſten Vorſtellung noch zu verweilen und
ihm den Gefallen zu erzeigen, bei der Ausführung des
Experimentes „ Die Reiſe des Künſtlers durch die
Luft" - dem Leſer wohl noch aus dem Beginn
unſerer Erzählung erinnerlich – ihn zu unterſtüßen . .
Friß konnte natürlich in Anbetracht der ihm zu
Theil gewordenen gaſtlichen Aufnahme nicht Nein
ſagen und blieb .
Das Stück machte wie immer ein volles Haus
und großes Furore. B . war in der beſten Laune.
Als Friß folgenden Tages ernſte Miene machte, ſich
zu verabſchieden , trat B . endlich mit dem ſehnlichſt
erwarteten Vorſchlage hervor, ſich wieder mit ihm zu
vereinigen . Er ſei bereit, ſein früheres Salair auf
das Doppelte, alſo auf zehn Thaler, zu erhöhen .
Friß ſchien ſich nicht entſchließen zu können. Als
B . jedoch hinzufügte, daß er binnen einigen Monaten
feine Heimath berühren und ihm dann freiſtellen
würde, nach Belieben zu handeln , ließ er ſich nach
cinigem ferneren Zureden und dem Verſprechen , nach
Umſtänden ſein Gehalt zu erhöhen , — Friß wußte,
was davon zu halten war, - beſtimmen , auf den
Vorſchlag einzugehen . Dann erſuchte B . ihn , ſofort
den Contract aufzuſeßen , ſowic ſich in demſelben zu
verpflichten , wenigſtens drei Monate bei ihm zu bleiben
und was ſonſt dahin gehört. Derſelbe wurde in zwei
gleichlautenden Exemplaren ausgefertigt, geleſen , ge=
215

nehmigt, unterſchrieben und mit einer Flaſche Wein


beſiegelt.
Beide, im höchſten Grade mit ihrem Erfolge zu
frieden , ſaßen noch gemüthlich plaudernd zuſammen ,
als ein Briefträger mit zwei Briefen für Herrn B .
hereintrat.
Friß wechſelte die Farbe. Er erkannte ſofort den
cinen derſelben als den ſeinigen , den er in der größten
Noth und Bedrängniß vor einiger Zeit an B . ge
ſchrieben und in welchem er demſelben bedingungslos
ſeine Dienſte angeboten .
„ Sieh da ,“ rief B . überraſcht aus, der ſofort die
Handſchrift ſeines chemaligen Factotums wieder
crkannte, „ ein Brief von Ihnen .“
„ Iſt jeßt überflüſſig, Herr B .!“ bemerkte Friß mit
verlegen lächelnder Miene, indem er die Hand nach
dem Briefe ausſtreckte.
„ Nicht doch , lieber Freund, wollen ſehen , was Sie
denn Neues mitzutheilen haben.“
Friß ſtand da wie ein armer Sünder, der ſich
bemüht, ſeine innere Bewegung nicht zu verrathen .
„ Was iſt das ?" rief B ., nachdem er den Brief
geleſen, mit einem Anſtrich von Entrüſtung aus.
„ Hier ſchildern Sie mir Ihre Lage mit den troſt
loſeſten Farben und erbieten ſich, beimir bedingungslos
wieder eintreten zu wollen , während Sie gegenwärtig
Anforderungen geltend machen , die mit Ihrem brief
lichen Anerbieten nicht im Einklange ſtehen.“
Friſens Verlegenheit war keine geringe, und nur
216

der Troſt, den ſchriftlichen Vertrag in ſeiner Taſche


zu wiſſen , ermuthigte ihn zu der Entgegnung, daß,
ſeit jener Brief geſchricben, ſeine Verhältniſſe ſich
günſtiger geſtaltet hätten , „und,“ fügte er, den Con=
tract langſam aus der Taſche ziehend, verwegen hinzu ,
wohl wiſſend, daß er kein va banque ſpielte : „viel
leicht iſt es auch für mich beſſer, nicht hier zu bleiben ;
hier iſt der Vertrag zurück.“
Er hatte ſich nicht verrechnet. B . verzich , indem
er die Erwartung ausſprach, daß Friß fortan durch
rege Thätigkeit und geſchäftliches Intereſſe ſeine Danf
barkcit für die generöſe Vereinbarung bezeugen werde.
Dreizehntes Capitel. .
Jena . – Profeſſor Gries. — Ein Naturdichter . – Der Son
derling in Eisleben. – Perpetuum mobile. – Stahl
harmonika. – Der ſprechende Automat. – Ein Gras
halm .

Es liegt nicht in der Abſicht des Biographen ,


fortan das Leben des jungen Abenteurers mit pein
licher Gewiſſenhaftigkeit von Ort zu Ort zu verfol
gen , obgleich ſeine Tagebücher des Ausführlichen ge
nug darüber berichten . Wir wollen nur diejenigen
Momente feſthalten , die ein allgemeines Intereſſe
bieten und die zum Verſtändniſſe des ſpäter Folgenden
unerläßlich ſind.
10 .

Friß befindet ſich wieder auf flottem Fahrwaſſer


und ſteuert mit vollen Scgeln dem noch fern liegen
den „ Kap der guten Hoffnung“ zu . Durch Umſicht,
Fleiß und Thätigkeit wußte er ſich die Gunſt ſeines
alten Prinzipals in kurzer Zeit auf's Neue zu erwerben .
Bald als Chargé d'affaire, bald als Commiſſio
nair, bald als Secretair reiſte er dem Künſtler voraus
und machte die Welt auf den größten Zauberer des
Jahrhunderts aufmerkſam . Gleichzeitig benußte er jede
Gelegenheit, alles Sehenswerthe und Intereſſante, das
218

irgendwie in den Bereich ſeiner Beobachtungen ge


langte, ſich zum geiſtigen Eigenthum zu machen und,
ſoweit die Umſtände es geſtatteten , ſein Wiſſen zu
erweitern.
Zunächſt machen wir Halt in Jena und gedenken
zweier Perſönlichkeiten, deren Bekanntſchaft Friß hier
gemacht hatte, die aus verſchiedenen Gründen in den
Rahmen unſerer Erzählung gehören .
Der erſte war der Profeſſor und Hofrath Dr. I .
D . Gries, vorzugsweiſe bekannt durch ſeine metriſchen
Ueberſeßungen , insbeſondere des „ Befreiten Jeruſa
lems“ . Eine briefliche Empfehlung hatte eine wohl
wollende Aufnahme zur Folge. Der Profeſſor, welcher
neben ſeiner ſchriftſtelleriſchen Thätigkeit ſich auch noch
mit phyſikaliſchen Studien beſchäftigte, bot Friß zum
Erſtenmale Gelegenheit, die Wirkung einer in ſeinem
Beſige befindlichen dynamo-elektriſchen Maſchine
kennen zu lernen, die, freilich erſt viele Jahre ſpäter,
in ihrer Anwendung eine große praktiſche Bedeutung
crlangen ſollte. Das Intereſſe , welches Friß für
dieſen Apparat zeigte, gab dem Profeſſor Veranlaſſung,
ihn auf eine Perſönlichkeit aufmerkſam zu machen,
die auf dem Gebiete des Magnetismus und der Elek
tricität viele ſchäßenswerthe Erfindungen gemacht hatte.
Es war dies ein Herr Warmholz in Eisleben . Er
empfahl ihm , falls er nach Eisleben komme, ſich bei
demſelben einführen zu laſſen . Nur bedauere er, daß
feine nur flüchtige Bekanntſchaft mit demſelben ihm
nicht ſelbſt Gelegenheit dazu gebe. ----
219

Bevor wir jedoch den Leſer zu Herrn Warmholz


führen , haben wir uns noch mit der zweiten Bekannt
ſchaft, welche Friß in Jena machte, zu beſchäftigen .
In der Offizin der Druckerei, in welcher die Zettel
zu den Vorſtellungen des Herrn B . gedruckt wurden ,
lernte er einen Schriftſeßer Namens Treunert, einen
cbenſo beſcheidenen und liebenswürdigen , als vielſeitig
unterrichteten Mann kennen , der neben ſeiner Be
ſchäftigung als Seßer noch die Redaction eines klei
nen, literariſchen Wochenblattes beſorgte. An dieſem
Herrn fand Friß häufig einen ſehr angenehmen Ge
fellſchafter, zumal derſelbe eine Bildung verrieth, die
über die Grenze des Alltäglichen hinausreichte.
Mißgunſt der Verhältniſſe und angeborene Schüch
ternheit hatten dem ſtrebſamen Manne nicht geſtattet,
ſich aus den Feſſeln ſeines Berufes herauszuarbeiten
und ein höheres Ziel zu verfolgen. Seine einzige
Erholung beſtand in guter Lectüre und den literari
Ichen Arbeiten für das Wochenblatt. Eine Sammlung
von Gedichten, die er herausgegeben , erfreute ſich durch
den gemüthvollen , anmuthigen Inhalt einer allſei
tigen Anerkennung und Theilnahme.
Wenn wir im Nachfolgenden eine Probe derſelben
mittheilen , ſo geſchicht dies aus dem Grunde, weil
cine eigenthümliche Bewandtniß damit verknüpft war,
welche der Leſer zweifelsohne mit Befriedigung ver
nehmen wird.
220

Der Neider.
Nein , ich kann es nicht verſchweigen ,
Ob ich freilich gern gewollt,
Ich beneide doch die Reichen ,
Und zwar wegen ihrem Gold !
Nicht das Gold in ihren Taſchen ,
Nicht das Gold auf ihrem Kleid ,
Nein , das Gold in ihren Flaſchen ,
Das betracht ich ſtets mit Neid.
Hat geſagt ein fluges Männchen ,
Ueberzählend allen Wein ,
Daß für Jedermann ein Männchen
Täglich wüchſe insgemein .
Nun, ſo dachť ich, mußt nur fragen,
Da du ihn ſo gerne ſchmeckſt,
Ob dir Jemand könnte ſagen ,
Wo denn wohl dein Kännchen wächſt ?
Nachdem dies anmuthige Gedichtchen an einem
Sonnabende in dem Wochenblatte erſchienen war,
kam einige Tage ſpäter ein verſchloſſener großer Korb
bei dem Verfaſſer an. Ihn eröffnend, fand er , daß
derſelbe mit zwanzig Flaſchen beſten Rheinweins ge
füllt war. Obenauf aber lag ein kleines Billet, auf
dem die Worte ſtanden :
„ Dem , der ſich in Dichterweiſe
Schmerzlich ſehnt nach Flaſchengold ,
Sei zu ſeines Liedes Preiſe
Hiermit etwas gern gezollt.“
In der Handſchrift waren dic Züge der Groß
herzogin erkennbar.
221

Verabſchieden wir uns nun von dieſer Bekannt:


ſchaft und ſeßen die Reiſe nach Eisleben fort.
Hier beſichtigt Friß die Wohnung Luthers, die zur
Zeit als Schule benußt und arg in Verfall war.
Nebſt den verſchiedenen , darin aufbewahrten geſchicht
lichen Wahrzeichen wurde ihm auch in deſſen Studir
ſtube der Tintenfleck an der Wand gezeigt, der ent
ſtanden war, als Luther, mit dem Ueberſeßen der
Bibel beſchäftigt, dem ihm erſchienenen Teufel das
Tintenfaß an den Kopf warf.
Mehr jedoch, als durch dieſe Merkwürdigkeiten ,
war ſein Intereſſe durch jene Perſönlichkeit in An
ſpruch genommen , auf die er zuerſt durch den Pro
feſſor Gries in Jena aufmerkſam gemacht worden
war, und die in ihrer ganzen Abſonderlichkeit nicht
verfehlen konnte, auf unſeren wiſſensdurſtigen , für
alles Ungewöhnliche im hohen Grade empfänglichen
Abenteurer einen ungewöhnlichen Eindruck zu machen .
Es war dies der genannte, ſeiner Zeit berühmte
Mechaniker Warmholz. Ein Mann , der in den wiſſen
ſchaftlichen Kreiſen damals ſich ebenſo ſehr durch ſeinc
theoretiſchen wie praktiſchen Kenntniſſe einen Namen
erworben hatte. In Eisleben ſelbſt war er merk
würdiger Weiſe kaum dem Namen nach bekannt.
Wenigſtens bedurfte es eines längeren Nachfragens,
um ihn auszukundſchaften . Dabei brachte Firk in Er
fahrung, daß unter jenem Namen ein cigenthümlicher
Sonderling außerhalb der Stadt in einem einſamen ,
abgelegenen Hauſe wohne, der mit den Einwohnern
222

der Stadt kaum in irgend welcher Beziehung ſtehe.


Vergebens bemühte er ſich, Jemanden ausfindig zu
machen , der ihn hätte bei demſelben einführen können .
Selbſt der Polizei-Commiſſair, den Friß kennen ge
lernt hatte, vermochte nur cine ungenaue Auskunft
über den Betreffenden zu geben. Wie es ſchien, hatte
ſich der Geſuchte von der Welt vollſtändig zurück
gezogen . Die früher empfangenen Nachrichten über
denſelben waren jedoch ſolch anziehender Art, daß es
Friß in hohem Grade wünſchenswerth erſchien , deſſen
Bekanntſchaft zu ſuchen , und ſo faßte er zuleßt den
Entſchluß, auf eigene Fauſt den Verſuch zu machen,
dem Einſiedler näher zu treten . Zu dieſem Zwecke
ſteckte er eine kleine Flaſche zu ſich , in welcher - --
zu einem der Becker'ſchen Erperimente war dieſelbe
außerdem nothwendig – an einer beſtimmten Stelle
eine kleine Deffnung eingeſchliffen werden ſollte, und
begab ſich auf den Weg.
Ein ſtattliches , unweit der Stadt iſolirt gelegenes
Haus, ringsum von hohen Pappeln umgeben , wurde
ihm als die Wohnung des Geſuchten bezeichnet. Mein
lebendes Weſen bevegte ſich in der Nähe. Die Fenſter
waren mit grünen Jalouſien verſchloſſen .
Mit einer Anwandlung von Zaghaftigkeit zog er
die Glocke. Ein junges, hübſches Mädchen öffnete
die Thüre und frug nach ſeinem Begehr.
Auf ſeine Frage nach Herrn Warmholz crſuchte
ſie ihn , einen Augenblick zu verweilen . An ihrer
Statt erſchien cine mürriſche, ernſt ausſehende Alte,
223

die prüfenden Blickes ihn vom Kopf bis zu den


Füßen muſterte und auf ſeine Nachfrage bemerkte,
daß Herr Warmholz feine Beſuche annehme. Friß
ließ ſich jedoch ſo leichten Kaufes nicht abweiſen und
crwiderte unter Anwendung möglichſt großer Höf
lichkeit und der freundlichſten Miene, die ihm augen
blicklich zu Gebote ſtand, daß er fremd hier ſei und
Herrn Warmholz dringend nur auf einige Augenblicke
zu ſprechen wünſche.
Nach einigem Zögern gab endlich die geſtrenge
Alte dem Geſuche nach, führte den Zudringlichen eine
Treppe hinauf, öffnete eine Flügelthür, bedeutete ihm ,
hindurch zu wandern und an einer Thüre zur Rechten
anzuklopfen.
Der erſte Raum , den Friß betrat, war cin großer
Saal, deſſen Wände rings von gefüllten Bücherſchrän
fen befekt waren . In der Mitte deſſelben auf einer
Reihe ancinander geſchobener Tiſche waren verſchic
denartige Maſchinen und Geräthſchaften aufgethürmt,
deren Zwiſchenräume wiederum von großen Folianten
Stößen ausgefüllt waren .
An der bezeichneten Thüre angekommen , erfolgte
auf ſein lciſes Klopfen ein dumpf klingendes „ Herein !"
Dem Rufe folgend, betrat er das Zimmer, in
welchem er jedoch nach flüchtiger Umſchau kein menſch
liches Weſen , wohl aber ein förmliches Muſeum
cigenartiger Inſtrumente wahrnahm . .
„ Wer iſt da ?“ ertönte mit hohlem Alange die
Stimme des Unſichtbaren .
224

Friß überkam ein leichtes Gruſeln . Forſchend um


ſich ſchauend, trat er einen Schritt vorwärts und er
blickte nun in einer Vertiefung zwiſchen dem zu ſeiner
Linfen ſtehenden Schrank und dem zunächſt liegenden
Fenſter eine, gerade nicht großes Zutrauen erweckende
Erſcheinung. Ein Greis ſaß da, mit magerem , cin
gefallenem Geſichte, gefurchter Stirne und tief liegen
den , grauen Augen . Langes, weißes Haar hing un
geordnet auf die Schultern herab und bedeckte nur
dürftig den hageren , nackten Hals . Sein Gewand
beſtand aus grobem braunen Tuche. Auf der Bruſt
war daſſelbe nachläſſig mit ciner Hanfſchnur zuſam
mengezogen , ſo daß unterhalb deſſelben ein Theil
eines Wamſes aus verſchoſſenem , ſchwarzem Sammet
ſichtbar wurde. Auf ſeinem Schooße lag ein großer ,
ſtaubfarbiger Foliant aufgeſchlagen .
Einen ſcharfen , durchdringenden Blick auf den
Eindringling richtend , crkundigte er ſich brüsk nach
deſſen Begehr.
Friß erklärte ihm ſchüchtern , daß er hier fremd
ſei, in einer Flaſche, die er mittlerweile hervorgeholt,
eine Deffnung eingeſchliffen bedürfe, ſowie daß er ver
geblich ſich bemüht habe, dies anderwärts in der Stadt
zu erreichen. Dann habe man ihm endlich die Ver:
ſicherung gegeben, daß nur Herr Warmholz dies aus
zuführen im Stande ſei, weshalb er cs gewagt, ſeine
Zuflucht zu ihm zu nehmen .
Ob die ausgeſprochene kleine Schmeichelei dazu
beigetragen , oder ob blos die gute Abſicht , einem
225

Fremden aus einer Verlegenheit zu helfen , ihn dazu


beſtimmte, – genug, er forderte Friß auf, die Flaſche
auf den Tiſch zu ſtellen und morgen um dieſelbe
Zeit wieder zu kommen .
Das war für's Erſte genug, er durfte wieder
fommen . Der Sprecher hatte ſofort ſeinen Blick
wieder ſeinem Buche zugewandt, und damit mehr oder
weniger angedeutet, daß er nicht fernerweitig geſtört
zu ſein wünſche. Friß empfahl ſich alſo .
Am folgenden Morgen fand ſich Friß eine Stunde
vor der angedeuteten Zeit ein, feſt entſchloſſen, den
wortfargen Greis , wenn irgend möglich , zu einer
Unterhaltung zu bewegen . Als ein gutes Zeichen be
trachtete er die Willfährigkeit der Haushälterin , ihn
ohne Weiteres zu ihrem Herrn gelangen zu laſſen .
Bei ſeinem Eintritt in das Zimmer fand er den
ſelben genau am ſelben Plaße und in gleicher Stel
lung wie geſtern. Einer leichten Bewegung ſeiner
Hand folgend, erblickte Friß auf einem Seitentiſche
die fertige Flaſche. Sich nach ſeiner Schuld erkun
digend, wurde ihm die kurze Antwort: „ Nichts “ zu
Theil, der nach einer Pauſe von einigen Sekunden
der Zuſaß nachfolgte: „ Es ſoll mich freuen , wenn
die Arbeit nach Wunſch ausgefallen iſt.“ Das auf
ſeinem Schooße liegende Buch übte dann wieder ſeine
alte Anziehungskraft.
Ein großes Zeitungsblatt aus der Taſche holend,
wickelte Friß mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt
die Flaſche ein , während er ſeinen Blick im Zimmer
BS. I. 15
226

umherſchweifen ließ , und entdeckte zu ſeiner nicht ge


ringen Freude unter den verſchiedenen dort aufgeſtellten
Inſtrumenten einen neuen elektriſchen Apparat, über
den er erſt vor Kurzem eine flüchtige Renntniß er
langt hatte. Vermittelſt deſſelben konnte die durch
eine Reibungsmaſchine gewonnene Elektrizität in ihrer
Licht- und Araftentwickelung ohne Anwendung einer
Batterie in hohem Grade verſtärkt werden . Nichts
fam ihm gelegener , eine Unterhaltung anzuknüpfen .
Er bat ſich die Erlaubniß aus, denſelben in Augen
ſchein nehmen zu dürfen .
Der Alte ſchien von dem Geſuche überraſcht, ſtand
auf und näherte ſich der Maſchine, ſprach zugleich
ſein Bedauern aus, wegen des darauf liegenden Stau
bes dieſelbe nicht in Thätigkeit ſeßen zu können .
Flugs hatte Friß ſein Taſchentuch heraus, den
Staub zu beſeitigen . „ Damit werden wir ſchwerlich
etwas erreichen ," meinte Herr W . „Wenn Sie aber
die Sache ſo ſehr intereſſirt, will ich zuerſt vcrſuchen ,
ob die Elektriſirmaſchine auch wirkſam iſt.“
Der Erfolg beſtätigte dies . Der eigenthümlich
conſtruirte Conductor, der eigentliche Gegenſtand des
Intereſſes , wurde nun vom Staube gereinigt und mit
der Maſchine in Verbindung geſegt. Friß , der dieſen
Apparat nur durch Beſchreibung kannte, war in der
That durch die überraſchende Wirkung, welche ver
mittelſt deſſelben hervorgebracht wurde, in das höchſte
Erſtaunen verſeßt. Fußlange Bliße fuhren alsbald
mit großer Intenſivität im Zickzack aus dem Conduc
227

for hervor und entluden ſich mit lautem heftigen


Geknatter auf verſchiedene in die Nähe gebrachten
Gegenſtände.
Das Eis war gebrochen . Das gegenſeitige Inter
eſſe für die Wiſſenſchaft that das Weitere. Der alte
Herr wurde allmählich ziemlich redſelig und ließ ſich,
cinmal wieder auf das richtige Tapet gebracht, ſogar
herbei, unſern wiſſensdurſtigen Neophyten mit noch
verſchiedenen anderen neuen elektriſchen Experimenten
bekannt zu machen . Alsdann folgte eine animirte
Unterhaltung, die jedoch durch das Erſcheinen der
Alten , die Friß geſtern in Empfang genommen hatte,
geſtört wurde, indem dieſelbe mit Tlang ausgeſtrecktem
Halſe neugierigen Blickes den Kopf OP zzur hin hinein
ur TThür
e
rn Seele :: „„ DDas
ſchob undStiverfündete as G Eſſen wartet.“
Die Stirne des aufgemunterten Greiſes umwölfte
ſich bei dieſer Unterbrechung. Der frühere Ernſt
trat wieder an Stelle des heiteren Ausdruckes . Er
reichte Friß die Hand und forderte ihn auf, am fol
holt, genden Nachmittage ſeinen Beſuch zu wiederholen .
Zu Hauſe angekommen , wurde Friß von ſeinem
Prinzipale eröffnet, daß er in zwei Tagen ſich zur
Abreiſe nach Halle bereit halten müſſe, um die üb
lichen Vorbereitungen zu ſeiner demnächſtigen Anfunft
wiejen daſelbſt zu treffen . So blieb ihm alſo nur noch der
folgende Tag übrig, ſich der errungenen Befanntſchaft
des für ihn ſo höchſt intereſſanten alten Herrn zu
wöchiti
sbal
erfreuen .
onduc Becker, der es gern ſah, wenn ſein Aſſiſtent inter
15 *
228

eſſante , neue Bekanntſchaften anknüpfte , beurlaubte


denſelben für den ganzen folgenden Nachmittag, zu
mal an dieſem Tage keine Vorſtellung ſtattfand. :
Friß begab ſich demnach frühzeitig zu Herrn W .
und war nicht wenig erfreut, von demſelben mit un
verkennbarer Freundlichkeit empfangen zu werden . Der
Alte war wie umgewandelt. Er nöthigte ſeinen Gaſt
ſich nicderzulaſſen und drang ihm eine Taſſe Kaffee
auf. Dem Wunſche, etwas Näheres über das Leben
des jungen Abenteurers zu erfahren, kam dieſer mit
größter Bereitwilligkeit entgegen . Mit welcher Ge
nugthuung die ungeſchminkte Erzählung aufgenommen
wurde, bewies der Umſtand, daß auch er aus ſeinem
Leben ab und zu eine intereſſante Epiſode zum Beſten
gab , die in gewiſſer, verwandtſchaftlicher Beziehung
zu dem Erzählten ſtand. Alsdann wurde wieder
crperimentirt, bei welcher Gelegenheit ein mächtiger,
drei Centner ſchwerer , künſtlicher Magnet zur Ver
wendung kam , vermittelſt deſſelben der Inhaber höchſt
erſtaunliche Wirkungen hervorbrachte. Er behauptete ,
im Beſißc des Geheimniſſes zu ſein , die größten fünſt
lichen Magnete herſtellen zu können .* )
Unter den verſchiedenen magnetiſchen Experimenten
war eines, das Frißens Aufmerkſamkeit beſonders
feſſelte. Es war dies eine Art Perpetuum mobile.
Das Geſetz der Schwere und die magnetiſche An

*) In der damaligen Zeit war dieje Kenntniß noch nicht


allgemein verbreitet.
229

· zichungskraft ſchienen zu dieſem Zwecke vereinigt, in


dem auf zwei parallellaufenden magnetiſchen Stahl
ſtäben , welche an den beiden Enden durch hufeiſen
förmige Bogen verbunden waren , ein kleines Meſſing
rad, mit einer Stahlachſe verſehen, ſich auf der einen
Seite hinauf, und auf der anderen Seite wieder hinab
bewegte, wobei die zuſammenhängenden Parallelſtäbe,
welche wiederum auf einem entſprechenden Geſtelle in
einem genauen Gleichgewichte ruhten , ſich jedesmal
fenften und hoben , je nachdem das kleine, in Bewe
gung geſeßte Rad einen Punkt erreichte, wo die ver
einte Schwere die Parallelſtäbe zum raſchen Nieder
ſinken zwangen , ſo daß dadurch das Rad einen Anſtoß
erhielt, dem magnetiſchen Stromc continuirlich weiter
zu folgen , was wenigſtens, ſo lange der Apparat im
Bereiche der Beobachtung lag, der Fall war.
Der Tag ging zur Neige. Friß machte anſtands
halber Miene, ſich zu verabſchieden , als der freundliche
Alte erklärte, er möge, falls es feine Zeit geſtatte, zum
Thee bei ihm verweilen ; vorher wolle er ihm dann noch
einige intereſſante Apparate und Experimente zeigen .
Es bedurfte dazu feines großen Zuredens. Friß
blieb und kam der Aufforderung ſeines Wirthes nach,
ihm zu folgen .
Schweigſam ſchritt derſelbe voran durch verſchiedene
Zimmer, bis ſie vor einer verſchloſſenen Thüre ſtanden ,
zu der er den Schlüſſel bei ſich führte.
Während die Räume, welche ſie durchſchritten ,
mehr einer großen Werkſtatt oder einem phyſikaliſchen
230

Laboratorium glichen , in denen Friß jeden Augenblick


hätte Halt machen und um Auskunft bitten mögen ,
machte der zulegt betretene Raum mehr den Eindruck
eines ſtattlichen , im Rococo - Stile möblirten Sa
lons, deſſen dunkeltapezirte Wände cine Menge
alter Delgemälde, in kunſtvoll geſchnißte Rahmen
gefaßt, verzierten . Der Boden war mit weichen
Teppichen belegt.
Außer verſchicdenen antiken und cigenthümlich ge
formten Schränken, dic umherſtanden , befand ſich in
der Mitte des Salons ein mehrere Fuß hohes Piedeſtal,
auf welchem , wie es ſchien, eine menſchliche Figur
ſtand, die jedoch von einer Art Schleier verdeckt und
dadurch dem Auge nicht deutlich erkennbar war. Der
Kaum war durch die halbverſchloſſenen Jalouſien
vom Tageslicht nur ſpärlich erhelt.
Friß wurde aufgefordert, auf einem in der Nähe
der Thüre ſtehenden Stuhle Plaß zu nehmen . Mit
crwartungsvoller Spannung ließ er ſich nieder. Laut
loſe Stille herrſchte ringsumher, die auf dem weichen
Teppiche nicht einmal durch die Schritte des eigen
thümlichen Alten geſtört wurde. Derſelbe begab ſich
zu einem , an dem entfernteſten Ende des Salons
ſtehenden Inſtrumente, welches annähernd die Geſtalt
cines Pianinos hatte, und ſagte, indem er ſich
niederließ :
„ Es iſt dies eine von mir conſtruirte Stahlhar
monika, auf der ich Ihnen etwas vorſpielen werde.“
Einige Augenblicke in Nachdenken verſunken , legte
231

cr alsdann die Hände auf die Taſten , und ließ eine


Melodie, von wunderbaren Tönen getragen , erſt leiſe
und ſchwermüthig wie Aeolsharfen , dann ſtürmiſch
und mächtig wie ferner Donnerhall ertönen .
Wenn auch die äußeren Umſtände, ſowie das leicht
bewegbare, empfängliche Gemüth des Zuhörers dazu
beitragen mochten , ihn in cine Art bezauberter Stim
mung zu verſeßen , ſo famen doch die aus ſeinen
Augen unwillkürlich hervorquellenden Thränen nur
auf Rechnung der wunderbar ergreifenden Muſik.
Leiſer und leiſer verſchwanden die leßten Accorde,
und ſchienen ſich mit den Strahlen der untergehenden
Sonne, die ſich durch die halbgeſchloſſenen Jalouſien
drängten und den Raum mit einem milden ſanften
Licht erhellten, zu verſchmelzen.
Friß war wie bezaubert. Geſchloſſenen Auges
fühlte er ſich in einen traumartigen Zuſtand verſeßt
und hatte nicht bemerkt, wie der Alte auf den weichen
Teppichen ſich ihm wieder unhörbar genähert hatte
und mit ſelbſtzufriedenem , beinahe triumphirenden
Blicke an ſeinem ſtummen Erſtaunen ſich weidete. Er
crkundigte ſich nicht, welchen Eindruck die Töne auf
den Zuhörer gemacht hatten , noch auch fand dieſer
Worte, ſeinen Gefühlen Ausdruck zu geben .
„ Ießt,“ unterbrach der Alte die wieder eingetretene
Stille, „will ich Ihnen das Reſultat jahrelanger
Arbeit und endloſen Nachdenkens zeigen . Dieſe Figur,
- er zeigte auf das Eingangs erwähnte Piedeſtal —
fann die menſchliche Stimme in all' ihren Modula
232

tionen vermöge des darin angebrachten , ſehr compli


cirten Mechanismus nachahmen .
Kaum hatte er nun auf der entgegengeſekten Seite
des Piedeſtals Plaß genommen, als mit einem Ruck
der verdeckende Schleier verſchwand, und die Geſtalt
eines Greiſes in Lebensgröße ſichtbar werden ließ,
welcher, wie es ſchien , er ſelbſt als Vorbild gedient
hatte. Es war unverkennbar eine Imitation ſeines
eigenen Selbſt, ein Greis in fißender Stellung , ein
Buch auf ſeinem Schooße, gerade ſo wie Friß ſeinen
merkwürdigen Freund zuerſt geſehen hatte.
Langſam beugte die Figur den Kopf abwärts,
erhob das Buch , blikte hinein , richtete den Kopf
wieder in die Höhe, und ſprach mit langgezogener ,
etwas zitternder Stimme die Worte : „ Grau, Freund,
iſt alle Theorie !"
Raum war das leßte Wort verhallt, als wie durch
Zauber der dichte Schleier die Figur wieder einhüllte
und ſie den Blicken des in ſtummer Bewunderung
Daſißenden entzog.
Der alte Nefromant ſtand auf, ſah mit ſelbſtzu
friedenem Lächeln den Erſtaunten an, nahm ihn bei
der Hand und führte ihn zu dem Zimmer zurück, von
wo ſie ausgegangen waren . Hier erſt gelang es Friß ,
ſich zu ſammeln und über das, was er ſoeben gehört
und geſehen , fein Erſtaunen und Bewunderung aus
zuſprechen .
„ Wie iſt es möglich," rief er im höchſten Grade
enthuſiasmirt aus, „daß Sie ſolche Schäße in tiefer
233

Abgeſchloſſenheit vor den Augen der Welt verbergen


und der Verſuchung widerſtehen fönnen , ſich wenigſtens
der gerechten Anerkennung zu erfreuen , die Sie zu:
verſichtlich gewärtigen dürfen .
Mit halb melancholiſchem ,halb unmuthigem Lächeln
entgegnete der Alte kopfſchüttelnd: „ Undank iſt der
Welt Lohn ! Glauben Sie mir, junger Mann , nicht
immer hab' ich ein ſolch ' abgeſchloſſenes Leben geführt,
wie das gegenwärtige. Es hat Zeiten gegeben , wo
ich in regem Verkehr mit geiſtesverwandten Menſchen ,
hochgeſtellten Perſonen und wiſſenſchaftlichen Geſell
ſchaften ſtand. Man ernannte mich zum Ehrenmitglied
angeſehener, auswärtiger Vereine, ließ mir Auszeich
nungen zu Theil werden , die ich kaum verdiente, be
lobte meine Erfindungen und ſchmeichelte meiner
Eitelkeit durch ſchwülſtige Berichte in den Zeitungen.
Selbſt bedeutende pekuniärc Vortheile entſprangen
meinen Arbeiten ; aber auch Neid, Mißgunſt und
Bosheit verleideten mir die Veröffentlichung derſelben
in dem Maße, daß ich endlich den Entſchluß faßte,
mich von der Welt zurückzuziehen, die ich verachten
gelernt hatte. Jeßt habe ich Ruhe, indem ich mir
ſelber und den Wiſſenſchaften lebe und mich an den
ſtets wechſelnden Erſcheinungen weide, die ich den
ſelben verdanke. Es würde zu weit führen , vollte
ich Ihnen ein klares Bild meiner Vergangenheit geben,
während ich gleichzeitig befürchten müßte, von Ihnen,
bei Ihrer noch ſo gläubigen , jugendlichen Anſchauung
vom Leben und Treiben der Welt nicht verſtanden zu
234

werden. - Laſſen Sie uns davon ſchweigen . Ich


fann aber nicht umhin , Ihnen die Verſicherung zu
geben , daß Ihr Erſcheinen mir auf meine alten Tage
noch eine große Freude gewährt hat, deren Möglichkeit
ich ſeit Jahren bezweifelt habe.“
Der Thee wurde hereingetragen , die eingetretene
Störung gab der Unterhaltung eine andere Wendung.
Altes und Neues wurde nun unter behaglichem Aus
tauſch verhandelt, bis die Mitternacht herangerückt
war. Friß ſtand auf, ſich zu entfernen , da ergriff
der Alte nochmals das Wort :
„ Bleiben Sie morgen hier und beſuchen mich gegen
Abend ; ich will Ihnen alsdann dic wunderbarſte meiner
Erfindungen zeigen , die keines anderen Menſchen Auge
je geſehen hat, und vor der Alles, was Sie bisher
hier bewundert haben, in Nichts verſchwindet.“
Unter großem Bedauern ſeßte Friß ihm die Gründe
auseinander, die ihn verhinderten , dieſer freundlichen
Aufforderung Folge zu leiſten , und fügte die Bitte
hinzu , ſeine Neugier wenigſtens durch eine Mit
theilung des in Ausſicht geſtellten Experimentes zu
befriedigen .
Der Alte zögerte, indem er erklärte , daß Worte
kaum genügten, die Sache darzulegen oder vielmehr
die Bedeutung des Experimentes in das rechte
Licht zu ſtellen. Die That müſſe der Beſchreibung
folgen , wenn ſie richtig gewürdigt und verſtanden
werden ſolle.
Friß legte ſich auf's Bitten , indem er anzubeuten
235

ſich erlaubte, daß Herr Warmholz ſchon etwas An


deres als bloße Neugierde, vielmehr, wie er hoffentlich
ſich ſchon überzeugt habe, ein theilweiſcs Verſtändniſ
für irgend cin wiſſenſchaftliches Experiment bei ihm
gewärtigen dürfe.
„ Nun gut,“ entgegnete er , „ ich mache Sie 'nur
darauf aufmerkſam , daß die Sache, ſo großen wiſſen
ſchaftlichen Werth ich ihr auch beilege, an und für
ſich höchſt unbedeutender Natur und winzig in ihrer
Erſcheinung iſt. Sie haben geſehen , wie ich durch
den magnetiſchen Strom bereits verſchiedenartige, nicht
alltägliche Erſcheinungen zu Wege brachte. Die meiſten
derſelben waren in Folge ihrer effectvollen Wirkung
ſehr in 's Auge fallend, während dies jedoch bei dem
crwähnten Experiment durchaus nicht der Fall, viel
mchr die Erſcheinung ſelbſt höchſt unbedeutender Natur
iſt. Daſſelbe beſteht nämlich darin , daß ich durch den
Einfluß des Magnetismus aus einer Hand voll feuchten
Sandes vor Ihren Augen einen cinfachen , grünen
Grashalm allmählich hervorwachſen laſſe. — Sehen
Sie nun wohl, lieber Freund, daß ich beſſer gethan
hätte, zu ſchweigen ? In Ihren Augen iſt der Ausdruck
der Ungläubigkeit und Nichtbefriedigung zu leſen . Aber,
ſo ſicher wie ich in dieſem Augenblicke Ihre Hand in
der meinigen halte , ſo ſicher verſpreche ich Ihnen ,
falls Sie morgen noch hierbleiben können , ſollen Sie
Zeuge von dieſem eben ſo unſcheinbaren als wunder
baren Experimente ſein , das ſelbſt mir noch ein halbes
Räthſel und höchſtens ein Fingerzeig iſt, daß die
236

magnetiſche Kraft in der Natur eine größere Rolle


ſpielt, als wir im Allgemeinen annehmen .“
Wer ſich nach dieſer Mittheilung eine Vorſtellung
machen kann , mit welch ' außerordentlichem Intereſſc
dieſelbe von dem jungen Wiſſensdurſtigen aufgenommen
wurde, der wird begreifen, wie ſchwer es demſelben
wurde , auf die Erfüllung dieſer außerordentlichen
Zuſage Verzicht zu leiſten . Der Anordnung ſeines
Prinzipals mußte Folge geleiſtet werden . Das er
heiſchte einmal ſeine Pflicht, ſowie die natürliche Klug
heit in Anbetracht der Verhältniſſe, die dem Leſer ja
bekannt geworden ſind.
„ Nun,“ ließ ſich der Alte vernehmen , „ ſo gehen
Sie mit Gott. Es würde mich freuen, wenn Sie in
ſpäterer Zeit meiner brieflich mal gedenken wollten ;
es iſt mir, als ob Sie für meinen grauen Bart ge
wachſen wären ; leben Sie wohl!"
Von der alten Dienerin begleitet, die ihm bis zur
offenen Landſtraße mit einer Laterne voranleuchtend
den Weg zeigen mußte, crreichte er nach Mitternacht
ſein Hôtel. Natürlich waren ſeine Gedanken noch
lange mit der Erſcheinung, des merkwürdigen Mannes
und mehr noch mit deſſen wunderbaren Leiſtungen
beſchäftigt, che der Schlaf ſeine Augen ſchloß.
Es ſei hier noch bemerkt , daß trop verſchiedener
Briefe , die Friß in der ſpäteren Zeit an den Herrn
Warmholz richtete , ihm nie eine Antwort zu Theil
wurde ; auch hat er niemals etwas Näheres über den
felben erfahren . Vielleicht war er mittlerweilc mit
237

demjenigen Geheimniſſe vertraut geworden , worüber


eines Menſchen Mund nichts mehr zu verrathen im
Stande iſt. —
Am folgenden Tage trat Friß ſeine Reiſe nach
Halle an. Weder hier noch in den nachfolgenden
Ortſchaften gab es etwas Bemerkenswerthes zu ver
zeichnen .
Vierzehntes Capitel.
Elberfeld . – Erfte Heimkehr. – Glückliches Wiederſehen
und baldige Trennung. – Neuhaldensleben . – Ka
lewsky. — Gemeinſame Kunſtreiſe.

Im Monat Mai 1840 traf Friß in Geſellſchaft


ſeines Prinzipals in Elberfeld ein . Nach Beendigung
der Meſſe trennte er ſich von demſelben , um auf un
beſtimmte Zeit nach ſeiner Heimath zurückzukehren .
Betroffs der Militairpflicht ſah er ſich genöthigt, da
ſelbſt zu erſcheinen . Becker ſtellte ihm frei, zu jeder
Zeit zu ihm zurückzukehren , und verſah ihn zu dieſem
Zwecke mit genauer Auskunft über ſeine demnächſtigen
Reiſen .
War auch die augenblickliche Urſache zur momen
tanen Rückkehr nach der Heimath gerade keine beſon
ders erquickliche , ſo freute er ſich doch nichts deſto
weniger aus vollem Herzen auf das Wiederſehen der
lieben Seinigen .
In der legten Zeit hatte er außerdem viele Briefe
von Ralewsky erhalten , in welchen dieſer unter den
günſtigſten Verſprechungen ihn zu bewegen ſuchte, jest
zu ihm zurückzukehren , da eine kleine Erbſchaft ihn in
den Stand ſeße, das damalige Project nunmehr ohne
239

weitere Schwierigkeiten zur Ausführung zu bringen .


Auch in dieſer Beziehung wollte Friß mit den Sci
nigen Rath nehmen , und ſo trat er denn am 26 . Mai
1840 ſeine Reiſe nach der Heimath an.
Mit einer Baarſchaft von zwanzig Thalern in der
Taſche, die ihm nach Deckung verſchiedener Schulden
noch übrig geblieben war, eilte er, mit der Ausſicht
auf ein glückliches Wiederſehen, der Heimath zu . Dank
ſeinem angeborenen leichten Sinne, war ſein ganzes
Denken nur auf das bevorſtehende glückliche Wieder
ſehen gerichtet. Es war ja die erſte Rückkehr nach
längerem Getrenntſein . Ein ſorgenvolles Jahr voll
trüber Erfahrungen lag hinter ihm . Fortuna hatte
ſtiefmütterlich auf ihn herabgeſehen , und ſelbſt dic
wenigen freudigen Momente , die er als hervorragend
in dieſer Zeit zu verzeichnen hatte , waren nur den
glücklich überſtandenen oder bekämpften Sorgenſtunden
entſprungen .
Welt und Menſchen hatte er in ſchattenreicher,
nüchterner Wirklichkeit kennen gelernt, und ſein Herz
war falt und theilnahmslos geblieben. Jeßt pochte
es um ſo lauter und freudiger in dem Bewußtſein ,
dorthin zurückzukehren , wo warme, gleichgeſinnte Her
zen ihm entgegenſchlugen .
Wenn das ungünſtige Schickſal ſeine Hoffnungen
und Pläne vereitelt hatte , wenn er von Sorgen und
tiefem Weh erfüllt , ſich einſam und verlaſſen in der
großen Welt fühlte , dann hatte eine unausſprechliche
Sehnſucht nach den lieben Seinigen ihn ergriffen, die
240

zu befämpfen ihm nur durch den einmal gefaßten Ent


ſchluß gelang, ſich unter keinen Umſtänden kampfes
lahm und obdachſuchend zu ihnen zurückzubegeben .
Waren auch die Umſtände, unter denen er zurück
fehrte, keine ſonderlich günſtigen, ſo war ihm doch die
Veranlaſſung dazu, der Aufruf der Behörde, eine nicht
unwillkommene. Er hatte aber den feſten Vorſaß, nur
ſo lange, wie nöthig war, in der Nähe der Seinigen
zu verweilen, und dann friſchen Muthes in der einen
oder anderen Weiſe ſeinen Plan weiter zu verfolgen .
Sein Ehrgeiz hätte nimmer geſtattet, ein demüthigen
des Verweilen in der Heimath zu ertragen . Aber
alles dieſes becinträchtigte für den Augenblick nicht
im Entfernteſten das hoch gehobene, freudige Gefühl,
welches ihm aus der geſicherten Ausſicht des unmittel
bar bevorſtehenden Wiederſehens erwuchs.
Das war eine entſeßlich lange Nacht , die er im
Poſtwagen zu verbringen hatte. Seine Ungeduld kannte
keine Grenzen . Vergeblich waren alle Verſuche, we
nigſtens durch Schlaf einen Theil der Nacht zu ver
fürzen. Die fieberhafte Aufregung ließ ihn troß ſeiner
Müdigkeit nicht dazu kommen . Endlich raſſelte gegen
ſieben Uhr des folgenden Morgens der Wagen durch
das, aus alten Zeiten herrührende, tunnelartige dun
fele Feſtungsthor, welchem in der Knabenzeit ſo häufig
eine wichtige Rolle bei den findlichen Fehden und Ver
ſteckſpielen zugefallen war.
ut .

Auf dem Poſthofe angekommen, cilte er, ſeine kleine


Schatulle unter dem Arm , dem Vaterhauſe zu . Nie
241

mand crwartete ihn. Er hatte es vorgezogen , ſeinen


Angehörigen von der Abſicht ſeines Beſuches feine
Nachricht zu geben . Große Stille herrſchte in der
frühen Morgenſtunde noch im elterlichen Hauſc. Leiſen
Schrittes eilte er die Treppe hinauf und klopfte an
die Thüre der Wohnſtube.
„Mutter !“ — „ Frig !" erſcholl es im ſelben Augen
blicke, und beide lagen ſich freudetrunken in den Armen .
„ Gott ſei Danf, daß ich Dich wieder habe !“ nahm
die Mutter das Wort, nachdem ſie ſich in etwas von
der Ueberraſchung erholt hatte. „ Wie wird ſich der
Vater über Deine Wiederkehr freuen ! Soeben hat
er das Haus verlaſſen , um ſeinen Geſchäften nachzu
gehen .“
Die Geſchwiſter waren ebenfalls außer ſich vor
Freude. Eines derſelben wurde ſofort entſandt, den
Vater zu benachrichtigen , ein fremder Herr habe einen
Brief und nähere Nachrichten von ſeinem Sohne ge
bracht. Er ließ nicht lange auf ſich warten . Friß
ſtand hinter der Thüre, ihn zu überraſchen , wenn er
den auf den Tiſch gelegten Brief in die Hand nähme.
Mit haſtiger Bewegung ſeşte der Vater die Brillo
auf, den Brief zu eröffnen. Im ſelben Augenblicke
entdeckte er unweit deſſelben die kleine Schatulle, die
er ſeinem Sohne bei der Abreiſe geſchenkt hatte.
Mit dem Ausrufe: „ Wo iſt der Junge ?" drehte
er ſich inſtinktmäßig nach der Thüre um . Im ſelben
Augenblicke fiel ihm derſelbe auch ſchon um den Hals.
Dic Freude des Wiederſehens war nicht zu beſchreiben .
BS. I. 16
242

„ Jeßt bleibſt Du bei uns !" rief er freudig er :


regt mit wohlgemeinter väterlicher Autorität aus .
„ Du haſt der böſen Erfahrungen nun genugſam
in der Welt gemacht, um die Ueberzcugung gewonnen
zu haben, daß es nirgend beſſer iſt, als im Heimath
lande. Welche Sorgen haben wir Deinetwillen aus
geſtanden ! Wenn Du auch in den wenigen Bricfen ,
dic Du zu uns gelangen ließeſt, ſtets Deine wirkliche
Lage uns zu verbergen ſuchteſt, ſo bedurfte es doch
keines großen Scharfſinnes, um zwiſchen den Zeilen
derſelben die bitteren Erfahrungen und enttäuſchten
Hoffnungen herauszuleſen . Nun, Gott ſei Dank! er
hat Dich uns wieder wohlbehalten zugeführt. Du
bleibſt jeßt bei uns, wir wollen mit Dir theilen , was
wir haben . Irgend cine angemeſſene Beſchäftigung
für Dich werden wir auch ſchon ausfindig machen ,
und die gemachten Erfahrungen werden dann ihr
Gutes haben. Du wirſt jeßt cinſehen , daß den
ſicherſten Halt Dir nur die Heimath bietet, und daß
Du die zuverläſſigſten Freunde nur in Deinen Eltern
und Geſchwiſtern findeſt.“
Die Mutter war natürlich mit dem Vater gänzlich
cinverſtanden .
Friß erhob kein Wort des Widerſpruches. Er
konnte es nicht über das Herz bringen, die erſte
Freude des Wiederſehens durch die Mitthcilung zu
trüben , daß ſein Entſchluß unabänderlich feſtſtche,
demnächſt auf's Neue ſein Glück in der Welt zu ver
ſuchen.
243

Den ganzen Tag verweilte er im Hauſe der Eltern .


Erſt gegen Abend, als Alle im Kreiſe um ihn ver
ſammelt waren , theilte er in aller Ausführlichkeit dic
Geſchichte ſeiner Erlebniſſe in dem vergangenen Jahre
mit und erweckte durch die Aufzählung ſeiner mannig
faltigen Abenteuer nicht geringes Erſtaunen und theil
nehmendes Intereſſe.
„ Du haſt vicl, ſehr viel erlebt !" bemerkte der
Vater am Schluſſe der Erzählung. „ Es iſt,wie geſagt,
ein Glück für uns geweſen, daß wir bei der großen
Sorge um Dich nicht geahnt haben , welch beſtändiges
Mißgeſchick Dich verfolgt hat. Doch Du haſt alles
glücklich und muthig beſtanden , und das liefert mir
einen Beweis, daß Du es im Leben noch zu Etwas
bringen wirſt. Einſtweilen wirſt Du aber auf Er
folge Verzicht zu leiſten haben , wie Du ſie Dir in
jugendlicher Selbſtüberhebung ſeiner Zeit leichtfertig
vorgeſpiegelt hatteſt.“
Des Vaters Ausſpruch ſchüchterte zunächſt den
Erzähler ein , bei dieſer Gelegenheit, wie er beabſichtigt
hatte, mit ciner Mittheilung über ſeine fernerweitigen
Abſichten hervorzutreten , umſomehr, als er wahrnahm ,
wie der Mutter freudeſtrahlendes Auge hoffnungsvoll
auf ihm ruhte.
Am Abende des folgenden Tages beſuchte er ſeine
Freundinnen Joſephine und Emilie.
Das Entgegenkommen derſelben war herzlich , doch
entging ihm nicht, daß er durch die Mittheilung ſeiner
cinſtweilen fehlgeſchlagenen Hoffnungen eine gedrückte
16 *
244

Stimmung bei denſelben hervorrief und eine mitleids


volle Theilnahme erweckte. Er wußte jedoch mit Zu
verſicht und Sclbſtvertrauen ſeine Pläne für die
nächſte Zukunft in ſolch roſigem Lichte auszumalen,
daß es ihm vollſtändig gelang, ſeine theilnehmenden
Freundinnen von ſeinen unzweifelhaften Erfolgen in
der nächſten Zeit zu überzeugen .
Nachdem ihm dieſes gelungen , war er beruhigt.
Was die übrige Welt für den Augenblick von ihm
dachte, war ihm gleichgültig. Er wußte ja , was er
wollte. Vorausſehend , daß ſeine gegenwärtige Wieder
fehr eine ungünſtige Beurtheilung erfahren würde,
war er entſchloſſen , alles das , was ihn in dieſer Hin
ſicht unangenehm berühren konnte, mit ruhigem Gleich
muth zu ertragen. Er war ja unter allen Umſtänden
feſt entſchloſſen , nur eine kurze Zeit in der Heimath
zu verweilen .
So weit wie möglich vermied er den Umgang mit
der Außenwelt und blieb nur im Verkehr mit ſeinen
Angehörigen und den wenigen guten Freunden , auf
die er bauen konnte.
Selbſt ſeinen ehemaligen Protector, den Banquier
Herrn v. D .....,welchem er zwar das ihm gemachte kleine
Darlehn zu ſeiner erſten Reiſe auf Heller und Pfennig
längſt wieder zurückerſtattet hatte, wagte er nicht, in
Anbetracht ſeiner zwcifelhaften Lage, aufzuſuchen . Er
verſchob dieſen Beſuch , der ihm beſtenfalls nur gegrün
dete Ermahnungen eintragen konnte, auf beſſere Zeiten .
Während dic Eltern einſtweilen ſich des Glückes
245

erfreuten , den halb verlorenen Sohn wieder unter


ihrem ſchirmenden Dache zu wiſſen , benußte dieſer dic
Zeit, ſeine Angelegenheiten mit der Behörde in Qrd
nung zu bringen . Er hatte das Glück, als untauglich
zum Militairdienſte befunden zu werden , und ſo kam
er eines Tages hocherfreut mit dieſer wichtigen Nach
richt zu Hauſe an, als der Vater, gleich darauf ein
tretend, ihm einen Brief von Kalewsky , der kurz vorher
eingetroffen war, mit dem Bemerken überreichte, daß
auch er einen ſolchen von demſelben erhalten habe.
Friß erbrach den Brief haſtig und war angenehm
überraſcht, als der Schreiber deſſelben ihn in der
dringendſten Weiſe erſuchte, ſofort zu ihm zu kommen .
Die erwartete kleine Erbſchaft ſei eingetroffen und er
nun im Stande, das lange gehegte Project ihrer ge
meinſchaftlichen Kunſtreiſe ſofort zur Ausführung zu
bringen . Die ihm aus der Reiſe erwachſenden Koſten
wolle er zur Hälfte tragen , und ſichere er ihm den
halben Gewinn der Netto- Einnahme zu.
Der Brief an die Eltern trug einen ähnlichen
Charakter, nur mit dem Unterſchiede, daß er dieſe
unter Klarlegung des ſo günſtigen Anerbietens er
ſuchte, ihren Einfluß anzuwenden , den Sohn zur An
nahme des vortheilhaften Anerbietens zu bewegen .
Friş hatte Ralewsky einige Zeit vorher benach
richtigt, daß er aller Wahrſcheinlichkeit nach, falls ſeine
Angelegenheiten in der Heimath ſich zu ſeinen Gunſten
geſtalten ſollten , zu ſeinem ehemaligen Prinzipal zu
rückkehren würde.
246

Eine beſſere Gelegenheit wie dieſe , mit ſeinen


eigentlichen Plänen endlich hervorzutreten und damit
in 's Klare zu kommen , gab es keine. Die verſchiedenen
Anläufe, die er dazu bisher genommen hatte, waren
ſo zu ſagen fortwährend verunglückt, da die lieben
Eltern ſich nichtmit dem Gedanken vertraut zu machen
vermochten , ihren eben wiedergewonnenen Sohn ſchon
jo bald wieder in die Welt ſteuern zu ſehen . Seine
Situation war außerdem eine höchſt unklare geweſen.
Einerſeits war er unſicher , welchen Ausgang ſeinc
Militair - Angelegenheit nehmen würde, während er
anderſeits , falls dieſelbe einen günſtigen Verlauf
nahm , unentſchloſſen war , ob er nach B . zurück
fehren , oder . wieder aufſuchen ſollte, unter deſſen
Aegide die verlockendſten Ausſichten ihm winkten ,
wenngleich dieſelben mit cinigem Riſico verknüpft waren .
Es war Friß nicht entgangen , daß der leßterwähnte
Brief auf die Eltern, beſonders auf den Vater, einen
nicht ungünſtigen Eindruck machte. Das allem An
ſcheinc nach glänzende Anerbieten Kalewsky 's beſtä
tigte , daß auch Andere von des Sohnes Fähigkeiten
cine günſtige Meinung hatten , und dieſer mit dem
Glauben an ſein eigenes Selbſt nicht iſolirt daſtand.
Es hielt jedoch ſchwer, die Mutter von der Noth
ivendigkeit ſeines Entſchluſſes zu überzeugen . Jedoch
crmuthigt durch die ſtillſchweigende Zuſtimmung des
Vaters , ſefte er ihr auseinander, daß es ihm unmög
lich ſei, an einem Orte zu verweilen , wo man von
allen Seiten mit Geringſchäßung auf ihn blicken würde
247

und das cinmal gegen ihn herrſchende Vorurtheil die


Wege zu einer geſicherten Exiſtenz ihm verſchließen
oder doch zum wenigſten im höchſten Grade ihm er
ſchweren müſſe. So gab auch ſie endlich nach . Das
Für und Wider wurde ſo nach allen Richtungen in
Erwägung gezogen , bis endlich der Vater für das
Anerbieten Kalewsky 's ſich entſchied .
Der Tag der Abreiſe wurde feſtgeſeßt. Mit ſchwe
rem Herzen, doch mit erneuten Hoffnungen trat er am
13. Juni ſeine Reiſe nach Neuhaldensleben an. Die
leßten Meilen hatte er in Ermangelung einer Poſt
verbindung zu Fuße zurückzulegen , während ein Bote
ſein Gepäck auf einem Schiebfarren nebenher ſchob.
Das gab wieder Gelegenheit zu einer erfriſchenden
Beobachtung. Mit ſtiller Verwunderung betrachtete
er den Mann, der für einen ſehr geringen Lohn fich
dieſer, bei den ſchlechten Wegen im höchſten Grade
anſtrengenden Arbeit, heiteren Sinnes unterzog und
ſich um die Schweißtropfen nicht fümmerte, die bc
ſtändig von ſeiner Stirn herabperlten .
„ Das ſoll mir ein ermunterndes Beiſpiel für's
ganze Leben ſein ,“ ſagte er ſich im Stillen. „ Auch
ich will meinen Karren , wie ſchwer er auch geladen
ſein mag, fortan arbeitsmuthig mit Ausdauer durch 's .
Leben ſchieben .“
Es hat oft im ſpäteren Leben die Erinnerung an
dieſes einfache Erlebniß ihn in Augenblicken der Muth
loſigkeit zu friſcher Thatkraft angeſpornt.
Am 17. Juni 1840 traf er bei K . ein , wo er ,
248

wie vorauszuſehen war, eine höchſt zuvorkommende


Aufnahme fand. Doch geſtattete die zur Zeit anbe
raumte Trauer wegen des kurz vorher eingetretenen
Sterbefalles Friedrich Wilhelm 's III. für's Erſte noch
nicht, mit den Vorſtellungen zu beginnen . Am 26. Juni,
jedoch wurde die erwartungsvolle Kunſtreiſe zunächſt
nach dem in der Nähe gelegenen Städtchen Garde
legen eröffnet.
Ein zweiſpänniger, großer, offener Korbwagen , in
welchem die ſämmtlichen, in Aiſten verpackten Apparate
untergebracht waren , diente den beiden Kunſtgenoſſen
als Reiſevehikel.
I . nahm einen rührenden Abſchied von Weib und
Mind, und dann ging die Reiſe bei Anbruch des Tages
vor ſich .
Der Himmel war ſchwarz umzogen . Kaum hatten
ſie die nächſte Umgebung der Stadt verlaſſen, als es
heftig zu regnen begann. Die Effecten wurden durch
vorhandene Decken geſchüßt, während die beiden Rei
ſenden in alte, von mächtigen Kragen beſepte Mäntel
eingehüllt waren , für dic . geſorgt und die auf das
Erfolgreichſte der Näſſe Widerſtand leiſteten .
Fünfzehntes Capitel.
Der Biograph in eigener Perſon . – Erftes Auftreten in
Gardelegen . – Eine humane Wirthin . – Stendal, Salz
wedel. – Verunglückter Verſuch . – Braunſchweiger
Meſſe. — Schlechter Anfang. – Hülfe in der Uoth . –
Die Seiltänzer-Geſellſchaft. – Neues Engagement.

Machen wir einige Augenblicke zum Zwecke einer


perſönlichen Bemerkung des Biographen hier Halt,
che wir mit der Schilderung der nun folgenden Er
lebniſſe fortfahren.
Der Leſer hat ſchon längſt errathen, daß der Bio
graph fein Anderer, als der Abenteurer ſelber iſt, der
die Erlebniſſe ſeiner Jugendzeit mit Umgehung ſeines
Ich 's hier wicdergibt.
Die Gründe, die ihn bisher ſo zu verfahren be
wogen , entſprangen hauptſächlich aus dem Gefühle
von Scheu , ſein liebes „ Ich “ beſtändig in den Vor
dergrund ſchieben zu müſſen , des Umſtandes nicht zu
gedenken , daß dann und wann , wo es am Plaße
ſchien , zur Coloratur der Erzählung dieſer oder jener
guten Eigenſchaft des Betreffenden zu gedenken , dies
eigentlich nur in dritter Perſon thunlich war. Das
Verfahren hatte jedoch , wie ſich im Laufe der Erzäh
250

lung für den Schreiber herausſtellte , Schattenſeiten


im Gefolge, die ihm höchſt unbequem waren . Sei
cs mir deshalb geſtattet, den als läſtig empfundenen
Hemmſchuh zur Seite zu ſchieben und die ferneren
Erlebniſſe in cigener Perſon wiederzugeben . Mir
wird die Erzählung in dieſer Form entſchieden leichter,
und wer Anſtoß an der häufigen Wiederholung des un
vermeidlichen „ Ich “ nimmt, dem kann ich keinen beſſeren
Rath geben , als auf das Weiterleſen des Buches zu
verzichten . Es läßt ſich nun einmal bei der Auf
zählung von Selbſterlebtem das kleine perſönliche
Fürwort nicht vermeiden , doch ſoll es nicht, wie es
in der engliſchen Sprache der Fall iſt , mit einem
großen Anfangsbuchſtaben geſchrieben werden .
Dann bitte ich noch vor allen Dingen , da, wo ich
Gutes von mir berichte, daſſelbemitmißtrauiſchen Augen
aufzunehmen , und da , wo ich Ungünſtiges von mir
mittheile, demſelben vollen Glauben zu ſchenken , wenn
nicht mit dem Vergrößerungsglaſe des beſſeren , eigenen
Urtheils daſſelbe zu bemeſſen . Alſo zur Sache ! —
Das Reiſewetter war ein ſehr unbehagliches. Wir
waren jedoch zu ſehr von den Plänen und Projecten
unſerer nächſten Zukunft erfüllt, als daß wir durch
dieſe Unannehmlichkeit in unſerer Stimmung weſent
lich beeinflußt worden wären . Wir erreichten alſo
wohlbehalten das Städtchen Gardelegen , kehrten in
das crſte Gaſthaus ein und wurden von der hübſchen
Wirthin , welche, wie ſich ſpäter herausſtellte , eine
junge Wittwe war, freundlichſt aufgenommen . Ein
251

geräumiges Zimmer mit zwei Betten ſowie ein guter


Imbiß entſchädigten uns für die unbehagliche Reiſe.
Wir waren die einzigen Gäſte im Hauſe und ver
dankten vermuthlich dieſem Umſtande die zuvorkom
mende Aufnahme. Auch befand ſich im Hôtel ein
großer Saal, der bereitwilligſt uns zu den Vorſtel
lungen zugeſagt wurde. Noch am ſelben Tage er
wirkte . die erforderliche Erlaubniß , während ich
inich mit der Herſtellung des Programmes zu unſerer
crſten Vorſtellung befaßte. Welch beſeligendes Ge
fühl mich folgenden Tages beim Anblick deſſelben
ergriff, als ich die Zettel, noch feucht von der Preſſe,
in Händen hielt, und darauf die Firma : Kalewsky
und Heimbürger in fetter gothiſcher Schrift mir ent
gegenſtrahlte, davon wird ſich ſchwerlich Jemand eine
Vorſtellung machen . War es doch das erſte An
zeichen der Verwirklichung meiner ſehnlichſten Wünſche
und Hoffnungen . Es wurde mir ordentlich ſchwer ,
mich davon zu trennen, als der Zettelträger erſchien ,
dieſelben in Empfang zu nehmen .
Auf den nächſten Sonntag war die erſte Vor
ſtellung feſtgeſeßt, zu welchem Zwecke Tages vorher
die Aufſtellung der Apparate ſtattgefunden hatte.
Eine kurze Beſchreibung wird für den Leſer genügen ,
ſich einigermaßen eine Vorſtellung davon zu machen .
An dem cinen Ende des Saales , der vielleicht
noch einmal ſo lang wie breit war, befand ſich eine
tribünenartige Erhöhung, welche mit einem dunkelen
Teppich bedeckt war. Der Hintergrund war mit
252

ſchwarzem , faltig herabhängendem Tuche, an dem ſich


weiße Garnirungen befanden , in Halbbogen decorirt,
ſo daß die hintere Wandfläche davon vollſtändig ver
hüllt war. In der Mitte deſſelben , die Apparate
hoch überragend, befand ſich ein großer , glänzender,
fünfeckiger Stern , aus Hunderten kleiner Kryſtall
Prismen zuſammengeſeßt, der, ſtark erleuchtet, durch
fein glißerndes , funkelndes Licht eine in der That
magiſche Wirkung hervorbrachte. Unterhalb des Ster
nes ſtand eine, von innen erleuchtete Pyramide, auf
deren vorderer Seite ein Auge, ein Ohr und cin mit
einem Schloſſe verzierter Mund ſichtbar waren . Zu
beiden Seiten war die Decoration gleichfalls durch
ähnliche Pyramiden begrenzt, die mit geheimniſvollen
Hieroglyphen bedeckt waren , deren Deutung weder
cinem der Zuſchauer, noch auch uns möglich geweſen
ſein würde.
Von der mittleren Pyramide aus führte über dic
Bühne ein freier Gang, deſſen Seiten , von terraſſen
förmigen , ebenfalls dunkel decorirten Tiſchen begrenzt
waren . Im Vordergrund der Bühne befand ſich ein
großer, langer, von broncefarbigen Sphinxen getra
gener Tiſch , der mit zwei zur Seite ſtehenden kleinen ,
mit einem ſilbernen Armleuchter verſehenen Tiſchen
den Abſchluß bildete. Auf dieſen waren die ver
ſchiedenartigen Maſchinen und Apparate, die größten
theils zierlich und geſchmackvoll gearbeitet und von
einer Menge Kerzen auf glänzend ſchwarzen Leuchtern
erhellt waren , aufgeſtellt. Einige weiß gebleichte
253

Todtenköpfe, deren chemalige Beſißer ſich gewiß nicht


hatten träumen laſſen, dereinſt zu dicfem ſonderbaren
Zweck ihre Schädel hergeben zu müſſen , bildeten da
zwiſchen einen eigenthümlichen Contraſt. Genug, die
ganze Aufſtellung war eine ſolche, daß das Auge des
erwartungsvollen Zuſchaucrs in cinem hohen Grade
dadurch beſchäftigt wurde, und machte dieſelbe dem in
myſtiſcher Richtung ſich bewegenden Geſchmacke R .'s
alle Ehre. Mir ſelber gebührte nur ein ſehr geringer
Antheil davon , indem ich höchſtens es verſtand, das
vorhandene Material in ſachgemäßer Weiſe zu ver
wenden , wofür ich übrigens das volle Lob meines
Compagnons einerntete.
Der Tag meines crſten Auftretens war anges
brochen . Geſchlafen hatte ich nur wenig. Als cin
günſtiges Omen betrachteten wir den klaren , wolken
loſen Himmel und den heiteren Sonnenſchein , der
durch die Fenſter in unſer Zimmer drang, während
Abends vorher ein höchſt unfreundliches Regenwetter
vorherrſchte. Bis zur Mittagsſtunde war ich mit
den verſchiedenen Vorbereitungen für die Vorſtellung
beſchäftigt. Als ich dieſe beendet, fonnte ich den
Augenblick meines Auftretens faum abwarten . Von
ciner unbegreiflichen Zuverſicht erfüllt, lag jede bange
Beſorgniß über ein etwaiges Mißlingen mir fern.
Ich hörte im Geiſte nur das Klatſchen lebhaft Bei
fall ſpendender Hände.
Endlich ſchlug es ſechs Uhr, die Kaſſe wurde er
öffnet. Einem zuverläſſigen Manne war der Ver
254

fauf der Billette am Eingange übertragen . Mit Un


geduld harrten wir des erſten Zuſchauers . Es ſchlug
ein Viertel nach ſechs, – cs ſchlug halb ſieben ; —
kein menſchliches Weſen ließ ſich ſehen . Da begann
es mir doch etwas ſchwül um 's Herz zu werden ; ich
wagte aber nicht, gegen meinen Compagnon meinen
Gefühlen Ausdruck zu geben , zumal deſſen ganzes
Weſen einen hohen Grad von Niedergeſchlagenheit
verrieth. Wir gingen uns förmlich aus dem Wege.
Keiner wollte gegen den Anderen zuerſt das Wort
ergreifen und die Befürchtungen ausſprechen , die ſein
Innerſtes bewegten .
Da endlich , es hatte bereits ein Viertel vor ſieben
geſchlagen , vernahmen wir ein Scharren, ein Käuspern
vor der Saalthüre, und – – hereintrat der Bürger
meiſter mit ſeiner Familie, die ſämmtlich mit Frei
billetten verſehen waren. Dann kam wieder Einer,
und noch Einer. Jeden neu Eintretenden zählte ich
den vorhandenen Zuſchauern hinzu und brachte es auf
dieſe Weiſe bis zur Zahl von zwei und vierzig, von
denen ungefähr die Hälfte mit Freibilleten ausge
ſtattet war. Die angekündigte Zeit zum Beginn der
Vorſtellung war ſchon vorüber, und ſo cröffnete R .
dieſelbe mit ſeinen Experimenten . Ich war im Hinter
grunde zu ſehr mit mir ſelbſt beſchäftigt, als daß ich
ſeinen Darſtellungen beſondere Aufmerkſamfeit hätte
widmen fönnen . Wahrnehmen mußte ich aber, daß
der Applaus ſehr ſpärlich ausfiel, was mich denn doch
etwas beklommen machte.
255

Der Schluß der erſten Abtheilung war in einer


etwas nüchternen Weiſe erfolgt. Zehn Minuten Pauſc,
und ich ſtand vor dem Publikum . Von dem Augen
blicke an war ich ein anderer Menſch, ich war wie
zu Hauſe , von Beklommenheit oder Zaghaftigkeit
keine Spur. Ich ging in 's Geſchirr, als ob ich mich
mutterjeclenallein im Saal befunden hätte. Es iſt
mir noch heute ein Räthſel, wie dies möglich war,
zumal K . ſowohl vorher , als während der Vorſtellung
eine peinliche Aengſtlichkeit verrieth , dic bei ſeinem
höchſt wortfargen Vortrage bis zu einem gewiſſen
Grade ſich auf das Publikum übertrug.
Auch mir wollte es troß meines großen Selbſt
vertrauens , troß meiner, wie ich meinte, brillant aus
geführten Experimente, nicht gelingen , die beim Pu
blikum vorherrſchende Kälte zu bewältigen. Auch ich
konnte mich keines beſonderen Beifalls rühmen. Erſt
das Schlußſtück , das allbekannte und beliebte „ Ein
Sträußchen“ , rief leidlich warmen Applaus hervor,
und dieſen dankte ich offenbar nur den Umſtande,
daß ich in der Vorausſicht eines gedrängt vollen
Hauſes mich mit einer ſolchen Anzahl von Sträußchen
verſehen hatte, daß ich damit die kleine Zuſchauer
menge vollſtändig zu überſchütten im Stande war.
Selbſtzufrieden mit meinem Erfolge, verfündete
ich den Schluß der Vorſtellung. Hinter den Vorhang
tretend, empfing mich K . mit applaudirenden Händen
und cinem herzlichen Bravo, das mir wohler that,
als der vom Publikum empfangene Applaus.
256

„ Das muß ich geſtehen , fügte er hinzu , „wenn


ich nicht ſicher wüßte, daß Sie noch nie aufgetreten
wären , es würde mir ſchwer werden , zu glauben , daß
dies Ihr Debut ſei. Ich habe friſches Vertrauen
gewonnen , wenn auch der pecuniäre Erfolg heute
Abend kein ſonderlicher geweſen iſt; das wird ſchon
beſſer gehen , und Sie werden ſehen , daß wir gut
miteinander fertig werden .“ Daß ſolch' crmunternder
Empfang von Seiten meines crfahrenen Compagnons
auch mir neues Vertrauen und friſche Hoffnungen
einflößte, war natürlich . Leider ſollten wir jedoch
nur allzubald bitteren Enttäuſchungen entgegengehen .
Am Abende der zweiten Vorſtellung fanden ſich
kaum ſo viel Zuſchauer ein , um die Hälfte unſerer
Koſten zu decken . So zogen wir es nach gemeinſamer
Berathung vor, dieſelbe aufzugeben , um wenigſtens die
nicht unerheblichen Koſten der Beleuchtung zu ſparen .
Im höchſten Grade verſtimmt, packten wir folgenden
Tages unſere Effecten ein und rüſteten uns zur Wei
terreiſe. Vorher mußte jedoch unſere Wirthin noch
abgefunden werden , bei der wir, wie wir befürchteten ,
für fünftägigen Xufenthalt und Verpflegung nebſt
Saalmiethe eine nicht unerhebliche Rechnung zu ge
wärtigen hatten . Nalewsky beauftragte mich , dieſelbe
cinzufordern . Wie ein Alp drückte uns der Gedanke,
daß die Wirthin ſich zur Zeit nicht darauf hatte ver
ſtehen wollen , die Miethe des Saales im Voraus zu
beſtimmen , bemerkend, daß wir uns deshalb keine Sor
gen machen und mit ihrer Forderung ſchon zufrieden
257

ſein ſollten . Beiderſeits wurde der feſte Entſchluß ge


faßt, ſolche Unbedachtſamfcit für die Zukunft unbedingt
zu vermeiden . — Ich forderte alſo ſchüchtern die Rech
nung. — Wer beſchreibt unſer Erſtaunen ? Wir trau
ten faum unſeren Augen , als wir laſcn : Für Koſt
und Logis 1 Thaler 25 Sgr., ſchreibe einen Thaler
fünf und zwanzig Silbergroſchen . Ich wollte mich
überſchlagen .
„ Das iſt freilich , wenn dic Saalmiethe mit einge
ſchloſſen iſt, eine mäßige Rechnung pro Tag,“ bemerkte
Kalewsky und öffnete mir dadurch die Augen . „ Aber
geben Sie Acht, Freund, der Saal – der Saal thut's
uns an. Verſuchen Sie was zu erreichen . Hier find
einſtweilen 9 Thlr. 5 Sgr.“
Ich begab mich alſo zur Wirthin , die mich ſehr
freundlich empfing und mir ihr Bedauern über unſere
ſchlechten Geſchäfte ausſprach.
„ Darf ich nach der Miethe für den Saal fragen ?“
brachte ich ſchüchtern hervor.
„ Saalmiethe? “ entgegnete ſie lachend ; „ ach was,
ich habe Ihnen nur meine gehabten Auslagen berech
net, die 1 Thlr. 25 Sgr. betragen , und wünſche nur,
daß Sie an anderen Orten glücklicher und erfolgreicher
ſein mögen , als es hier der Fall war.“
Alſo doch ! – Mit naſſem Auge und einem herz
lichen Händedruck dankte ich dem guten Weibe und
beeilte mich , Kalewsky mit dicſer frohen Kunde zu
überraſchen .
Am folgenden Morgen um 4 Uhr befanden wir
BO. I. : 17
258

uns wiederum eingeſchachtelt zwiſchen Kiſten und Kof


fern auf der Reiſe nach Stendal und trafen dort gegen
10 Uhr Vormittags ein .
Auch hier machten wir keine ſonderlichen Geſchäfte
und waren froh, als wir am Schluſſe der Vorſtellung
uns geſtehen durften , mit blauem Auge davon gekom
men zu ſein .
Etwas beſſer erging es uns in Salzwedel. Zwei
Vorſtellungen , die wir daſelbſt gaben , brachten uns
wenigſtens einen Reinüberſchuß von einigen zwanzig
Thalern , wodurch die bisherigen Verluſte in etwa aus
geglichen wurden .
Der Culminationspunkt unſerer Hoffnungen con
centrirte ſich nun auf den demnächſt projectirten Be
ſuch Braunſchweigs zur Zeit der Meſſe, deren Beginn
in die erſten Tage des Monats Auguſt fiel. Die f. 3 .
in der Begleitung Becker's daſelbſt gemachten Erfah
rungen ließen mich mit ziemlicher Sicherheit einen
günſtigen Erfolg erhoffen . Jedenfalls ſtand feſt, daß
hier unſer Schickſal ſich entſcheiden mußte.
Zunächſt lagen aber noch vierzehn lange Tage da
zwiſchen , die entweder mit einem möglichſt geringen
Koſtenaufwande durchlebt oder mit einem anderwei
tigen Debüt ausgefüllt werden mußten . Das lektere
ſchien uns etwas gewagter Natur. Wir befürchteten , *
daß ein etwaiges Fiasco uns der Mittel zu dem pro
jectirten Unternehmen in Braunſchweig berauben könnte.
Nach einer längeren Berathung faßten wir dennoch
den Entſchluß, in dem hannoverſchen Städtchen Lucho,
259

wenige Meilen von Salzwedel entfernt, unſer Heil


zu verſuchen.
Leider ſollte die Ausführung dieſes Entſchluſſes
uns nur eine Reihe höchſt unangenehmer Erfahrungen
einbringen , die vorzugsweiſe jedoch darin gipfelten,
daß uns zunächſt von der Ortsbehörde die Erlaubniß
zu den Vorſtellungen verweigert wurde und wir uns
genöthigt ſahen , am ſelben Tage den Rückweg anzu
treten , auf welchem wir durch eine dreimalige Steuer
reviſion im Hannoveriſchen , Preußiſchen und Braun
ſchweigiſchen halb zur Verzweiflung gebracht wurden.
Die Detailſchilderung dieſer widerwärtigen Fahrt
möchte dem Leſer, befürchte ich , doch langweilig er
(cheinen ,wenngleich dieſelbe, verglichen mit der jebigen
Verkehrserleichterung, die wir dem Fortſchritte des
Zeitgeiſtes und unſeren großen , deutſchen Errungen
ſchaften verdanken , nicht ganz ohne Intereſſe ſein
würde.
Die bei dieſer Gelegenheit gemachten Erfahrungen
benahmen uns ſo vollſtändig den Muth zu jedem fer
neren Zwiſchenunternehmen , daß wir direct gen Braun
ſchweig fuhren und dort, in der Erwartung beſſerer
Tage und Dinge, uns höchſt beſcheiden häuslich
einrichteten , mit der Abſicht, uns zu unſerem demnäch
ſtigen Auftreten gründlich vorzubereiten .
. war ſehr ſchweigſam . Seine Niedergeſchlagen
heit erfüllte auch mich mit Bangen und Sorgen .
Wenige Tage nach unſerer Ankunft theilte er mir mit,
daß die Sorge um Weib und Kind ihm keine Ruhe
17 *
260

laſſe und er ſich entſchloſſen habe, denſelben einen


Beſuch zu machen . — Von Haus aus verſchloſſener
Natur, hatte er mich keinen klaren Einblick in ſeine
finanziellen Verhältniſſe thun laſſen . Ich ſelbſt aber
war zu ſchüchtern, als daß ich um Aufſchluß erſucht
hätte. Daß es aber in dieſer Beziehung nicht ſonder
lich roſig ausſah, ſtand feſt. So viel war mir klar
geworden , er hatte Alles auf das Spiel geſeßt; ſchlug
unſer Geſchäft in Braunſchweig fehl, ſo waren wir
ruinirt.
Nachdem A . abgereiſt war , unternahm ich mit
wenigen Thalern in der Hand die crforderlichen Vor
bereitungen . Die Erlaubniß war erwirkt, der beſte
Plaß zur Errichtung unſerer Bude geſichert, die groß
genug war, günſtigen Falles uns in wenigen Abenden
aller Sorgen zu entheben . Zettel und Zeitungs
Annoncen wurden unter der Aegide meines Freundes
F . W . Lindner , deſſen ich bereits früher gedachte,
beſorgt.
Die Bekanntſchaft dieſes höchſt biederen , vorur
theilsfreien Mannes , der ſich durch vielſeitige
Kenntniſſe auszeichnete, gewann für mich einen großen
Werth während meiner Anweſenheit in Braunſchweig .
Derſelbe war mir in vielen Dingen ein ebenſo liebens
würdiger Mentor, als ein wahrhaft theilnehmender,
treuer Freund in der ernſten Lage, die mir ſchon in
nächſter Zeit bevorſtand. Wenige Tage vor dem
Beginn der Meſſe kehrte . zurück. Meine mittler
weile getroffenen Anordnungen fanden ſeinen Beifall.
261

i jedo zll
Als ich ihnhn jedochch zu unſerem
u ambulanten
vielen and Theater
führte, wurde er angeſichts derser vielen anderenBelähn
ißer
lichen Kunſttempel, die uns umgaben , deren Beſiger
uns noch unbekannt waren , die aber zweifelsohne
uns das Feld ſtreitig machen ſollten , von kleinlauter
Stimmung befallen . Wie leicht konnte es ſein , daß
in einem derſelben ein gewandter Rivale auftauchte !
Es entſprach mcinem Character nicht, mich mit den
theils phantaſtiſch, theils vagabundenartig ausſehenden
Perſönlichkeiten , die ſich bei den verſchiedenen Buden
bemerkbar machten, in Bezichung zu ſeßen und da :
durch etwas Näheres über deren eigentliche Inhaber
zu erfahren.
Für den Augenblick -- ich will es nicht läugnen
- - wurde ich dieſen Leuten gegenüber von einer Selbſt
überhebung beherrſcht, die nicht am Plaße war, da
wir im Grunde genommen mit ihnen denſelben Stand
punft einnahmen . A . war erſt recht nicht der Mann,
ſich auf dieſem Wege Aufſchluß zu verſchaffen , und ſo
hatten wir die mit Spannung erwartete Aufklärung
erſt durch die demnächſtigen Affichen zu gewärtigen .
Doch ſchon der folgende Tag ſollte uns eine nicht
ſehr angenehme Ucberraſchung bringen . Uns gegen
über war eine Bude von womöglich noch größeren
Dimenſionen , als die unſere, erbaut. Vor derſelben
präſentirte ſich eine Perſönlichkeit in ſtattlicher Klei
dung, ein ſelbſtbewußtes Air zur Schau tragend, in
der ich ſofort den früheren Mitarbeiter des Herrn B .,
Herrn Þ . . ., erkannte.
262

Wir begrüßten uns als alte Bekannte und theilten


uns gegenſeitig in kurzen Zügen die verſchiedenen
Stadien der Ebbe und Fluth mit, die wir ſeit unſerer
Trennung durchgemacht hatten . Er hatte im Ganzen
ſeit jener Zeit ſich in günſtigeren Verhältniſſen be
wegt, als dies bei mir der Fall war. Gegenwärtig
präſentirte er ſich als Compagnon des Befißers eines
ſogenannten Welt- und Marionetten - Theaters. Er
rühmte fenen als einen unübertrefflichen Mechaniker
und fügte hinzu , daß ihre gemeinſamen Vorſtellungen
ſich überall der größten Erfolge erfreuten, ſowie, daß
wir einen ſcheperen Standpunkt ihnen gegenüber ein
zunehmen haben würden.
Ich kannte ihn und ſeine Leiſtungen , die mir keine
Furcht einflößten . Etwas Anderes war es , wenn ſich
ſeine Ausſage betreffs ſeines Compagnons beſtätigen
ſollte.
Als ich Kalewsky dieſe unangenehme Neuigkeit
mittheilte, zuckte er die Achſeln und ſchwieg. Der
Ausdruck in ſeinem Geſichte ließ aber die Beſorgniß
nicht verkennen , die ihn darob erfüllte.
Was half Alles ! Wir mußten unſer Glück ver
ſuchen , und wenn der ganze Olymp uns Concurrenz
gemacht hätte.
Der Tag der erſten Vorſtellung rückte heran . Der
große, geräumige Marktplaß war von allen denkbaren
Schaubuden und Sehenswürdigkeiten angefüllt. Uns
gegenüber das erwähnte Marionetten- und Zaubertheater
von L . und P ., dem ſich ein akrobatiſches Theater ,
263

ein Wachsfigurenkabinet, cin Circus, eine Glasſpinner


Bude, diverſe Panoramas , eine Menagerie, zwei Sees
hunde, ein foloſſaler Ochſe, ein beinahe ebenſo ko
loſſales ſechszehnjähriges Mädchen u . ſ. w . anreihten ,
Erſcheinungen , wie ſie jeder große Fahrmarft oder
Meſſe in gleicher Weiſe darbietet.
Ein fürchterliches Chaos von allen möglichen
muſikaliſchen und unmuſikaliſchen Tönen erfüllte am
Nachmittage die Luft. Die einzelnen Budenbeſißer
überboten ſich im Hervorbringen des tollſten Spectafels :
Ausrufer, Harlekine, Fanfaronadenmacher ſchrieen ſich
heiſer, das herbeigeſtrömte ſchauluſtige Publikum in
die einzelnen Buden hinein zu perſuadiren . Auch
der uns gegenüber befindliche Concurrent hatte einen
ſolchen claſſiſchen Redner nicht verſchmäht, der von
zwei lebensgroßen Automaten unterſtüßt war, von
denen der eine die Trompete blies und der andere
die Trommel dazu ſchlug. Mit der herkömmlichen
lebhaften Geſticulation machte er auf die Sehens
würdigkeiten ſeiner Bude aufmerkſam .
„ Nur herein , nur herein , meine Herrſchaften !“ war
ſeine ſtereotype Redeweiſe ; „was Sie hier vor der
Bude ſehen , iſt nur ein Kinderſpiel. Sie müſſen
hereintreten , um das non plus ultra des menſchlichen
Erfindungsgeiſtes zu bewundern. Hier iſt man der
Welt um hundert Jahre vorausgeeilt. Was Kunſt
und Wiſſenſchaft Außerordentliches zu leiſten ver
mögen , davon kann man hier für wenig Groſchen ſich
überzeugen . Man muß es ſehen , um zu glauben !
264

Treten Sie herein , meine Herrſchaften , ſogleich wird


die Vorſtellung beginnen . Erſter Plaß“ u . f. w . Darauf
ſtieß der Automat in ſeine Trompete, der Tambour
rührte die Trommel und die neugierige Menge drängte
ſich durch die zurückgeſchlagene, mit weißen Franſen
beſepte, rothe Gardine zu einer mit einer mächtigen
Goldfette behangenen corpulenten Dame, die das Amt
eines Caſſirers verwaltete, und die ſich während der
Verlockungen und lauten Anpreiſungen des Haran
gueurs unter anſcheinend großem Gleichmuth mit
einem grauen Papagei unterhielt, der in einem glän
zenden Käfige vor ihr auf dem Tiſche ſtand.
Wie uns beiden armen Kunſtgenoſſen bei ſothanem
Schauſpiel zu Muthe war, davon macht ſich ein ge
wöhnlicher Erdenbürger wohl kaum einen Begriff.
Wir verſuchten ein verächtliches, mitleidiges Lächeln
heraufzubeſchwören ,vermochten aber faum den neidiſchen
Ingrimm zu verbergen , als wir ſahen , wie die ange
ſammelte Menge ſich beeilte, die angeprieſenen Wunder
in Augenſchein zu nehmen, während ein friſches Pu
blikum herbeiſtrömte, um die mit großen Schildern
und Malereien bedeckte Bude ſich anzuſehen .
In gleicher Weiſe waren auch die übrigen Buden
mit entſprechenden Reclamemitteln bedacht. Nur wir
allcin befanden uns inmitten dieſer tumultuariſchen
Anzichungskräfte in einer höchſt nüchternen Verfaſſung.
Vertrauend auf unſere Leiſtungen , die ſich nach unſerer
unmaßgeblichen Meinung durch ihre Gedicgenheit ſelbſt
Bahn brechen mußten, hatten wir nur einige unſerer
265

Ankündigungszettel an der Außenſeite der Bude ange


bracht, jedoch ein recht gutes Orcheſter engagirt, welches
ab und zu ſich innerhalb derſelben hören ließ . Hin und
wieder umſtanden einige Neugierige unſeren Zettel,
wurden aber alsbald durch die ſich in der Nähe bic
tenden wirkſameren Anziehungsmittel von uns abgelockt.
Die Zeit, in welcher wir die crſte Vorſtellung
angeſagt hatten , ging crfolglos vorüber. Keine Seele
ließ ſich bei uns ſehen . Zur Abendvorſtellung fanden
ſich endlich einige wenige Zuſchauer ein , deren Anzahl
durch die ſchnelle Ausgabe einer Menge Freibillets
verſtärkt wurde, um die vielen leeren Bänke in etwa
zu beleben . Dies in aller Eile zu erreichen , ver
danften wir nur dem erwähnten theilnehmenden, un
ermüdlichen Freunde Lindner, welcher, die Taſchen
mit Freibillets gefüllt, auf den belebten Meßplaß
hinauslief und bei ſeiner ausgebreiteten Bekanntſchaft
cs möglich machte, dieſelben an den Mann zu bringen.
Wir thaten unſer Beſtes. Die Inhaber der Frei
billets waren recht dankbare Zuſchauer und ſpendeten
reichlichen Applaus. Dieſelben verließen mit unver
kennbarer Zufriedenheit am Schluſſe der Vorſtellung
das Theater . · Mit der erzielten Einnahme ſah ci
aber ſchlecht aus, ſie reichte kaum hin , unſere Tages
foſten zu decken.
So wenig befriedigend auch der Anfang war, ſo
hofften wir doch auf Grund des reichlich eingeern
teten Beifalles auf beſſeren Erfolg für die folgende
Zeit. Leider ſollten wir uns aber in dieſen Hoff
266

nungen betrogen ſehen . An den drei nächſtfolgenden


Tagen ging es uns nicht beſſer.
Eine düſtere Niedergeſchlagenheit bemächtigte ſich
Ralewsky 's, und meine Stimmung war natürlich ein
Abbild der ſeinigen . Was aber aufmich deprimirender
als Alles andere wirkte, war der Umſtand, daß Ka
lewsky ein unausgeſeptes Schweigen beobachtete und
ſich förmlich ſcheute, über unſer verunglücktes Unter
nehmen ſich mir gegenüber auszuſprechen .
Am vierten Tage unſeres Auftretens erſuchte er
mich, fortan allein aufzutreten , da er ſich überzeugt
habe, nicht die Begabung zu beſißen , den Anfor
derungen des Publikums zu genügen.
Wir hatten bis dahin uns in die Aufführung ge
theilt, er den erſten , ich den zweiten Theil übernommen .
So ſehr wie des Alten ernſte, geheimniſvolle Ber
ſönlichkeit unter anderen Umſtänden dem Bilde eines
echten Zauberers entſprechen mochte, ſo wenig war er ,
wie ich bereits erkannt hatte, geeignet, die Zuſchauer
anzuregen , welche bald mit anſcheinendem Ernſt, bald
mit neckiſchem Humor unterhalten ſein wollten . Seine
Darſtellungen, wenngleich durchaus correct und ſicher ,
litten an einer gewiſſen Monotonie, die dem Publikum
troß der Sicherheit des Experimentators keine Gelegen
heit gab, irgend einmal in Exſtaſe zu gerathen .
Ich übernahm alſo die ganze Leitung, wenngleich
wir uns wenig Hoffnung machten , auf dieſem Wege
ein Mehreres zu erreichen . Es hatte jedoch dieſer
Umſtand zum wenigſten das Gute zur Folge , daß
267

wir zu einem Austauſch unſerer Gedanken kamen und


zu überlegen begannen , was unter den obwaltenden
ungünſtigen Verhältniſſen denn cigentlich zu beginnen
ſei. So viel ſtand feſt, daß wir am Schluſſe der
Meſſe weder die Bude, noch unſere ſonſtigen Schulden
zu bezahlen im Stande ſein würden ! Was war dann
zu beginnen ? Wir ſahen uns gegenſeitig mit großen
Augen an. Weder der Eine noch der Andere wußte
einen Rath in dieſer verzweifelten Lage. Ein jämmer
licher Bankerott ſtand uns in Ausſicht; das erkannten
wir beide, aber keiner beſaß den Muth , dies offen
auszuſprechen .
Wenn auch meine eigene Lage als keine ſonderlich
roſige erſchien , ſo war doch der arme Kalewsky ani
ſchlimmſten daran.
Er hatte Alles , ich Nichts zu verlieren . Er hatte
offenbar den leßten Anfer ausgeworfen, ſein auf den
Lebenswogen defect gewordenes Schiff wieder flott zu
machen ; und nun wurde auch dieſe leßte Hoffnung
zu Waſſer. Ich kann offen geſtehen , daß ich den
Mann ſehr bemitleidcte, ſo ſehr ich auch ſelbſt in der
Klemme ſaß. Mein alleiniges Auftreten hatte, wie
vorauszuſehen war, keinen nennenswerthen Erfolg .
So ſtanden die Sachen zur Zeit, als die Meſſe
bereits ihre halbe Dauer erreicht hatte. Beflommenen
Herzens ſaßen wir an einem Vormittage in unſerer
kleinen Wohnung und überlegten , was zu beginnen
ſei, ohne auf einen günſtigen Gedanken zu verfallen .
Da klopft es an unſerer Thüre.
268

„ Herein !"
Ein junger, fein gekleideter Herr ſtellt ſich uns
als der Geſchäftsführer der Seiltänzer- und Akrobaten
Geſellſchaft Reimſchüſſel vor, welche verſpätet hier ein
getroffen ſei und auf dem Marktplaf keinen Kaum
mehr zur Errichtung einer Bude habe erhalten können .
Er ſei benachrichtigt worden , daß wir mit unſeren
Geſchäften nicht ſonderlich zufrieden ſeien , und ſo
mache er uns den Vorſchlag, mit ſeiner Geſellſchaft
uns zu vereinigen , die in jeder Beziehung dic Mittel
beſike, allen übrigen Künſtlern eine crfolgreiche Con
currenz zu machen.
Kalewsky, den ich ob dieſes unerwarteten Aner
bietens fragend anſah, war leichenblaß geworden .
Seine Gemüthsbewegung zu verbergen , nahm er ſeinen
Hut, wies auf mich, mit dem Bemerken , daß er mir
die Sache überlaſſe, und empfahl ſich.
Nach einigen Erörterungen bat ich um zwei Stunden
Bedenfzeit, und ſchloß dann , nachdem ich vergeblich
einen Verſuch gemacht hatte, Kalewsky's habhaft zu
werden, einen Vertrag mit dem Geſchäftsführer dahin
ab, daß die Geſellſchaft R .'S die Bude zu über
nehmen habe, unſer Auftreten gemeinſchaftlich ſtatt
finde und wir ein Drittel der Einnahmen beziehen ,
ſowie in gleichem Verhältniſſe zu den Koſten beitragen
ſollten .
Der Vertrag war niedergeſchrieben , als Ralewsky
zurückfehrte, ſich mit Allem einverſtanden erklärte und
denſelben mit unterzeichnete .
269

Der Alte war voll rührender Dankbarkeit gegen


cin gnädiges Geſchick, das ſich unſer angenommen.
Es war das erſte Mal nach langer Zeit, daß ich ihn
wieder lächeln ſah. Wenigſtens waren wir durch
dieſe Geſtaltung der Dinge gegen einen Eclat machenden
Bankerott geſchüßt.
Die Familie R hatte ich bereits früher als eine
höchſt achtungswerthe fennen lernen . Sie erfreute
ſich ſowohl durch ihren äußeren Anſtand, wie durch
ihre vollendcten Leiſtungen ſtets großer Erfolge, ſo
daß ich alſo keinen Augenblick Bedenken trug, mit
derſelben cin Bündniß einzugehen.
Unſere Erwartungen wurden am Schluſſe der
Meſſe nicht enttäuſcht. Hatten wir auch keine großen
Errungenſchaften gemacht, ſo waren wir doch im
Stande, unſere fämmtlichen Schulden zu decken und
cinen , wenn auch nicht großen Ueberſchuß zu
regiſtriren .
Wiederum fand zwiſchen Kalewsky und mir keine
weitere Erörterung über unſere fernere Zukunft ſtatt,
bis endlich am lcßten Tage der Meſſe Kalewsky das
Wort ergriff und mir erklärte, daß wir uns trennen
müßten . Er bedauere außerordentlich, mich dadurch in
eine unangenchme Lage zu bringen , es bliebe ihm
leider kein anderer Ausweg . Mir, der ich allein da
ſtehe, würde es bei meiner Jugend ſchon möglich ſein ,
mich durchzuſchlagen . Er wolle gerne mir einige
Apparate überlaſſen , um mein Glück auf eigene Fauſt
verſuchen zu können .
270

Mich überraſchte dieſe Mittheilung nicht, wenn ſie


mir auch für den Augenblick die Kehle zuſammen
ſchnürte. Jedoch angeſichts des im höchſten Grade
muthloſen, niedergeſchlagenen Mannes gelang es mir,
mich zu ſammeln und in das Unvermeidliche zu finden.
Meinc Lage war eine unangenehme; ich hatte aber
ſchon ſchlimmere beſtanden . Meinem guten Stern
vertrauend, wanderte ich cinſtweilen mechaniſch dem
Meßplaße zu . Die verſchiedentartigſten Pläne durch
kreuzten meinen Kopf. Mehrfach drängte ſich mir
der Gedanke auf, ob es nicht am Ende doch das
Klügſte ſei, meiner Künſtler-Wanderſchaft Valet zu
ſagen . Aber was dann beginnen ? Die einzigſte Hoff
nung ſeßte ich auf meinen vielbewährten Freund
Lindner. Vielleicht, daß er - - -- - - - Da
wurde ich unerwartet bei Namen gerufen. Ich blickte
auf und ſah cine ziemlich bejahrte Dame mit mar
firten Geſichtszügen in der Thüre einer Bude ſtehen ,
in welcher während des Tages eine Glasſpinnerei
getrieben wurde und während des Abends hydrauliſche
und pyrotechniſche Gasexperimente zur Ausführung
kamen . Die Dame erſuchte mich, in das Innere der
Bude einzutreten.
Ich folgte dieſer Aufforderung. Nach einer kurzen
Einleitung, die ſich auf unſere Vorſtellungen bezog,
denen ſie mehrfach beigewohnt und von meinem Ta
lente fich überzeugt haben wollte 2c., machte ſie mir
den Vorſchlag, mit ihrer Familie mich zu vereinigen .
Ihr älteſter Sohn, bemerkte ſie, beſiße nicht die Be
271

gabung, die äußeren Geſchäftsangelegenheiten erwünſch


termaßen zu leiten , ſo ſehr er auch als Künſtler in
ſeinem Fache ſich auszeichne. Vereint würden wir
im Stande ſein , auch das verwöhnteſte Publikum zu
befriedigen , ſo daß wir auf einen ſicheren Erfolg
rechnen dürften . Mit einer ungewöhnlichen Volubi
lität der Zunge ſtellte ſie mir dann noch eine Menge
von Vortheilen und Annehmlichkeiten in Ausſicht, die
in der That ſehr verführeriſch klangen , und die mich
ſelbſt unter beſſeren Verhältniſſen hätten beſtimmen
können , auf ihren Vorſchlag einzugehen . Vorausge
febt, daß ich die äußere Geſchäftsleitung übernehmen
und mich auch an den Abendvorſtellungen , wenn er
forderlich , betheiligen würde, verſprach ſie mir den
dritten Theil der Netto-Einnahme.
Ich mußte mich ſehr zuſammennehmen, die freudige
Aufwallung in meinem Inneren nicht zu verrathen . Die
Erfahrung hatte mich bereits gelehrt, in ſolchen Dingen
vorſichtig zu ſein , und ſo erwiederte ich einfach, was
denn aus meinem — Compagnon werden ſolle?
„ Den laſſen Sie laufen ,“ entgegnete unverfroren
die Rednerin ; „ mit dem Alten kommen Sie doch
nimmer auf einen grünen Zweig ." .
So wenig es auch nothwendig war, erbat ich mir
doch bis zum folgenden Tage eine Bedenfzeit aus.
Im Begriff, mich zu empfehlen , erſchien aus dem
Nebenappartement ein hübſches junges Mädchen , das,
mit höflichen Lächeln mich begrüßend , mir als die
Tochter der alten Dame vorgeſtellt wurde.
272

War es Zufall oder Abſicht, daß die junge Dame


in dieſem Augenblicke erſchien ? Immerhin machte ihr
Weſen auf mich einen angenehmen Eindruck, und ſo
fehrte ich in gehobener Stimmung zu unſerer Wohnung
zurück. A war mit dem Einpacken ſciner Effecten
beſchäftigt. Freudig erregt theilte ich ihm die mir
ſo unerwartet entgegengetretene günſtige Ausſicht mit
und war nicht wenig überraſcht, dies von demſelben
ſehr kalt, wenn nicht gar mit Unmuth aufgenommen
zu ſehen. Erſt folgenden Tages crkundigte er ſich
mit einiger Theilnahme des Näheren , worauf ich ihm
mittheilen konnte, daß ein definitiver Abſchluß der
Vereinbarung ſtattgefunden habe.
Wir rechneten ab. A . fam wieder in den Beſiß
ſeiner vollen Auslagen , während mir nur ein Antheil
von wenigen Thalern zufiel. Ich hätte wohl Grund
gehabt, etwas dagegen einzuwenden , aber das Bewußt
ſein , geborgen zu ſein , ließ mich die Sache leicht
nehmen . Wir trennten uns in freundſchaftlicher
Weiſe. Ich blieb , da die Familie N . noch einige
Tage ihre Kunſtproductionen fortſeşte , in meiner
Wohnung und bereitete mich zu meiner demnächſtigen
neuen Stellung vor.
Mittlerweile will ich den Leſer flüchtig mit den
cinzelnen Gliedern der Familie bekannt machen , deren
Wohl und Wehe ich für die nächſte Zeit zu theilen
mich entſchloſſen hatte, und in der ich , wie die Mama
betonte,wie ein ,,Familienglied“ betrachtet werden ſollte.
Sedisjehntes Capitel.
Die Künſtlerfamilie. — Debüt in Hannover. — Hamburg . —
öydrauliſde und Gas-Experimente. -- Phantasmagorien .
- Erſtmaliges Hervorrufen . — Familienleben und deſſen
Folgen. – Dr. Töpfer . – Der überraſchte Redacteur.
- Salomon heine.

Die Familie war ruſſiſcher Abkunft. Die Seele


des Geſchäftes war natürlich die Mama. Sie war
hoch in den Fünfzigen , hatte ſich jedoch ſehr gut
crhalten . Das lebhafte Auge verrieth einen nicht
unerheblichen Grad von Schlauheit und Energie.
Die ſcharf hervorſpringende , etwas gebogene Naſe
gab dem Geſicht einen herriſchen , ſehr fecken Aus
druck, der zu denken veranlaßte und annehmen ließ ,
daß ſie in allen Dingen ihre eigene Meinung habe.
Der ältere Sohn, Anfangs der Dreißige , war
cin cbenſo gutmüthiger, wie liebenswürdiger Menſch ,
ſowie in der That in ſeinem Fache ein ausgezeichneter
Künſtler , der , jeder Oſtentation fern, ſeine Talente
mit einem wahrhaft naiven Gleichmuthe zum Beſten
ſeiner Familie verwerthete und den Anordnungen
ſeiner geſtrengen Frau Mama aufdas Strengſte nachkam .
I. BS.
274

Der jüngere Sohn , ungefähr im Alter von zwölf


Jahren , kam noch nicht zur Geltung. Sein aufge
wecktes Temperament machte ihn mir jedoch bei meinen
demnächſtigen Vorſtellungen als Gehülfen beſonders
werthvoll.
Die ſchon erwähnte Tochter , die das achtzehnte
Jahr eben erreicht hatte , war zwar keine hervorra
gende Schönheit , aber immerhin eine liebliche, an
zichende Erſcheinung , von üppigem Körperbau und
angenchmem Weſen . In Polen geboren , ſchien ſie
etwas von dem feurigen Character der polniſchen
Damien ererbt zu haben .
Zur Familie gehörte auch noch eine häßliche, kleine
Polin , von der mir nie klar geworden iſt, ob ſie
Mitglied der Familie oder blos Dienerin war.
Unſer gemeinſchaftliches Debut machten wir in
Hannover.
Hier wechſelte ich meinen Familiennamen mit
meinem zweiten Vornamen , Alexander, und zwar theils
des beſſeren Klanges wegen , theils aus dem Grunde,
weil ich glaubte annehmen zu dürfen , daß ein etwaig
ungünſtiges Reſultat nicht ſo bald zur Kenntniß in
meine Heimath gelangen werde.
Verſchiedene ungünſtige Umſtände ließen uns in
Hannover keinen durchſchlagenden Erfolg erreichen ,
ſo daß wir zufrieden waren , nach Abſchluß derſelben
unſere Koſten gedeckt zu ſehen . Für's Erſte hatte ich
alſo auf einen Gewinnantheil Verzicht zu leiſten , was
mir auch in der That nicht ſonderlich ſchwer wurde,
275

da mir die ganze Familie ein ſehr freundliches Ent


gegenkommen bot.
Von Hannover zogen wir direct gen Hamburg.
In dem zu jener Zeit in gutem Anſehen ſtehenden
Apollotheater gaben wir eine Reihe von Vorſtellungen .
Es wurde beſchloſſen , jede Vorſtellung in drei Ab
theilungen einzutheilen , von denen ich die erſte, die
beiden anderen Herr N . senior übernehmen ſollte.
Dieſe lepteren beſtanden aus einer Reihe ſogenannter
phantasmagoriſcher Darſtellungen , denen ſich dann in
der leßten Abtheilung ſehr hübſche hydrauliſche Er
perimente anſchloſſen. Die Bühne war zu dieſer Ab
theilung auf das Geſchmackvollſte in eine Park- oder
Garten -Anlage umgewandelt. Künſtliche Gewächſe,
mit wirklichen Pflanzen und Blumen vermiſcht, boten
w dem Auge einen höchſt anmuthigen Anblick. Inmitten
derſelben befand ſich ein großes, von tropiſchen Treib
hauspflanzen umgebenes , mit künſtlichen Marmor
figuren verziertes Baſſin , aus deſſen Mitte eine
Waſſernire hervorragte, die das Ende des Leitungs
rohres trug , aus dem ein zwanzig Fuß hoher
Waſſerſtrahl emporſtieg. Derſelbe geſtaltete ſich unter
der Hand des Künſtlers zu ſehr hübſchen Gebilden .
Bald zeigte ſich unter Anwendung von verſchieden
farbigem Licht ein prachtvoller Schmetterling, bald
ben ein buntfarbiger Pfau 2c. Ein glißernder Aronleuchter,
ich mit einer Menge brennender Lichter geſchmückt, ſteigt
was von dem Waſſerſtrahl getragen, nach dem Tacte der
Muſit, bald auf- bald abwärts und verwandelt ſich
18 *
276

alsdann in einen Lichterfrcis , welcher von einer


Waſſerglocke umſchloſſen war, durch deren kryſtallklare
Wandungen die Lichter eine Weile erglänzten und
dann allmählich in Folge des luftdichten Verſchluſſes
eines nach dem anderen langſam erloſchen . Natür
lich gab es außer den erwähnten noch cine Menge
anderer intereſſanter Abwechslungen , deren aller zu
gedenken , hier nicht der Blaß iſt.
Geſtehen muß ich , daß dieſe Waſſerſpiele, die durch
Anwendung zahlreicher , mechaniſcher Vorkehrungen
ſehr mannigfaltig waren, ſtets neuen Reiz für mich
hatten und mir entſchieden beſſer gefielen , als die
vorgeführten Feuererſcheinungen, welche dadurch hervor
gebracht wurden , daß der Rünſtler große , mit ver
ſchiedenen Gasarten gefüllte Blaſen unter den Armen
trug, an deren Oeffnungen ſich in beſtimmte Figuren
auslaufende Röhren befanden , durch die das Gas
ausſtrömte und angezündet oft recht brillante Er
ſcheinungen hervorbrachte. * ) Auch die phantasma
goriſchen Experimente oder ſogenannten Geiſtererſchei
nungen beſaßen für die damalige Zeit einen hohen
Grad von Vollkommenheit. Die dazu angewandten
Maſchinen waren mit großer Sorgfalt und Genauig
keit gearbeitet, ſo daß es möglich war, dadurch die
überraſchendſten Effecte hervorzubringen . Ganz be
*) Dieſe Experimente würden in der Jeßtzeit kaum ein
flüchtiges Intereſſe erwecken , während ſie damals als Vorläufer
der alsbald allgemein werdenden Gasbeleuchtung von nicht un
crheblicher Bedeutung waren .
277

ſonders machten unter dieſen die in der Luft ſch?re


benden, anſcheinend lebenden Perſonen cinen großen
Effect. Schwerlich hatte das Publikum eine Ahnung
davon, welcheMühe und Sorgfalt dies leßtere Erpe
riment erheiſchte, und in welcher unangenchmen Situa
tion derjenige ſich befand, der das Material zu der
Erſcheinung hergab.
Während die Bühne durch einen feuchten , durch
ſichtigen Vorhang, dem in vollſtändigem Dunkel ſich
befindenden Publikum gegenüber , abgeſchloſſen war,
lag derjenige, deſſen Bild crſcheinen ſollte , in einem
langen , ſchwarz ausgeſchlagenen und mit einem Deckel
verſehenen jargähnlichen Kaſten , an deſſen vorderer
Seite ſich eine große Linſe oder conveyes Glas be
fand, in der Art einer Laterna magica . Das Innere .
deſſelben war zu beiden Seiten von einer großen
Anzahl Lampen , deren Cylinder durch angebrachte
Deffnungen hervortraten , in der grellſten Weiſe er
lcuchtet. Die Hiße in dieſem Kaſten war derartig ,
daß man nur mit großer Anſtrengung kurze Zeit in
demſelben auszuhalten vermochte.
Ich, der ich in der Regel vorzugsweiſe bei dieſem
Erperimente herzuhalten hatte, dankte ſtets ſchweiß
triefend meinem Schöpfer , wenn die Geſchichte vor
über war.
Somit hat nun alſo der Leſer ein annäherndes
Bild von unſerer Geſammt- Vorſtellung gewonnen .
Meinen Antheil daran wird ſich derſelbe ſchon aus
dem früher Mitgetheilten vorſtellen können .
278

So ſehr nun auch die Darſtellungen und ein


zelnen Experimente des Herrn N . unterhaltend und
an innerem Werth den meinigen entſchieden überlegen
waren , ſo war er jedoch an jenem erſten Abend nicht
ſo glücklich wie ich , der ich am Schluſſc der erſten
Abtheilung zum erſten Male in meinem Leben
hervorgerufen wurde. Dieſer Umſtand hatte jedoch
zur Folge, daß ich bei der auf die Leiſtungen ihres
Sohnes nicht wenig ſtolzen Mama auf einige Zeit
in Ungnade fiel und mich nicht mehr wie vordem
ihrer mütterlichſten Sorgfalt zu erfreuen hatte. Mein
Erfolg regte in ſo hohem Grade ihre mütterliche
Eiferſucht an , daß ſie, die Kaſſe im Stiche laſſend,
auf der Bühne erſchien und, jede Selbſtbeherrſchung
vergeſſend, ihren Sohn unter lebhaftem Mienenſpiel
und feurigen Worten aufforderte, Alles aufzubieten ,
um ähnlichen Erfolg zu erringen , wobei ſie ab und
zu einen giftigen Blick auf mich fallen ließ , der ich ,
nicht wenig ſtolz auf meine Erfolge, mich gelaſſen
mit dem Beſeitigen meiner Apparate beſchäftigte. Die
leidenſchaftliche Art und Weiſe, mit welcher die Mutter
ihren Sohn anfeuerte , ging förmlich ins Lächerliche
über ; doch fand ich es gerathen , davon keine Notiz
zu nehmen. Ich traute ihr ſo wie ſo in dieſer Be
ziehung nicht, der ſicheren Ueberzeugung, daß ich den
Kürzeren ziehen würde. Ihren Kindern war ſie an
Klugheit und Schlauheit überlegen und hatte dieſelben
ſo erzogen, daß ſie unbedingt Ordre pariren mußten .
Und wenn ich aufrichtig ſein will, ſo muß ich ge
279

ſtehen , daß ſie es verſtanden hatte , auch mich voll


ſtändig unter den Pantoffel zu bringen , ſo daß ich
ſorgſam jede Gelegenheit vermied, mit ihr in Conflict
zu gerathen . Es ging dies ſoweit, daß ich bis dahin
ſelbſt nicht einmal gewagt hatte, nach meinem dritten
Antheil eine nähere Erkundigung einzuziehen , was
ſeinen Grund zunächſt darin hatte, daß man mich in
der That wie ein Mitglied der Familie behandelte,
für Kleidung, Wäſche und einiges Taſchengeld ſorgte
und es offenbar gern ſah , wenn ich mich als ein
ſolches gerirte.
Die Kinder waren nebenbei ſehr liebenswürdig
und zuvorkommend gegen mich , ſo daß ich in dem
gemüthlichen Zuſammenleben mit ihnen einen hin
reichenden Erſatz für die Entbehrung auswärtiger
Zerſtreuungen fand und nur in geringem Grade die
Beſchränkung meiner Freiheit fühlte.
Die Tochter Concha trug nicht wenig durch ihr
munteres , aufgewecktes Weſen dazu bei, daß ich meiſt
vorzog, meine überflüſſige Zeit nur in ihrem Familien
freiſe zu verbringen . Wir verkehrten eine Zeitlang
mit der größten Ungezwungenheit miteinander, ohne
daß ich auf ihr ſtets freundliches Entgegenkommen
einen beſonderen Werth legte. Nach mehrmonatlichem
Zuſammenſein nahm jedoch ihr Benchmen gegen mich
einen ſolchen Grad naiver Zutraulichkeit an, daß ein
beunruhigendes Gefühl fich meiner zu bemächtigen
begann , um ſo mehr, als ich wahrzunehmen glaubte,
daß die ſonſt ſo ſcharf fehende Mutter nichts davon
280

bemerken zu wollen ſchien . Trok einer guten Portion


Leichtſinn , die ich beſaß , wurde mir aber doch all
mählich klar, daß ich mich auf gefährlichem Boden
befand und durch ein unbedachtſames Benchmen
Gefahr lief, neben meiner Freiheit all meine ſchönen
Pläne und Hoffnungen für die Zukunft einzubüßen .
Das Beſte wäre nun wohl geweſen , mich mit einem
Male von der Familie loszureißen , allein mir fehlte
dazu der Muth und nicht weniger die Mittel.
Seit ich das Elternhaus verlaſſen , hatte ich kcine
ſolche angenehmen behaglichen Stunden verlebt, als in
dieſer Familie. Ganz beſonders gewährte mir der
Umgang mit dem älteſten Sohne ein großes Ver
gnügen. Derſelbe war ein ebenſo liebenswürdiger, wie
ungewöhnlich begabter Menſch auf dem Gebiete, auf
welchem wir beide uns bewegten . Er warmir unentbehr
lich geworden . Das Alles ſollte ich nun mit cinem
Male aufgeben , um erneut den Kampf mit den Wider
wärtigkeiten des Lebens auf fahrender Bahn anzutreten .
Ich zog deshalb den bequemen, freilich weniger
ſicheren Weg des Abwartens vor, zumal ich für den
Augenblick aller Mittel entbehrte und in der That
nicht gewußt hätte, was ich beginnen ſollte.
Bei der familiären Berückſichtigung, die ich fand,
ſowie in Anbetracht der bisher gerade nicht ſehr ein
träglichen Geſchäfte, wagte ich es nicht, an unſere ur
ſprüngliche Vereinbarung hinſichtlich des dritten Theils
der Netto -Einnahmen zu erinnern. Ich war cinſt
weilen zufrieden , den bis dahin beſtändig auf mich
281

eindringenden Sorgen und bitteren Erfahrungen ent


hoben zu ſein , während für mein leibliches Wohl
beſtens geſorgt war.
Zunächſt kam mir der Gedanfe, der jungen Dame
bei paſſender Gelegenheit mit Offenheit entgegenzu
treten . Das wenigſtens glaubte ich dem guten Ein
vernehmen , in welchem ich zu ihrer Familic ſtand,
ſchuldig zu ſein . Ein Anlaß dazu fand ſich ſchneller,
als ich erwartete. Concha machte mir Vorwürfe über
mein verändertes , zurückhaltendes Benchmen gegen
ſie. Ich verſuchte, in der ſchonendſten Weiſe ihr klar
zu machen, was mich zu dieſem Benehmen beſtimme.
Ich will den Leſer mit der Unterhaltung, die
zwiſchen uns ſtattfand, nicht ermüden und nur be
merfen , daß ſie ſchließlich dazu überging, mich zu
bitten , bei meinem früheren Benehmen gegen ſic zu
verharren, während ſie mir in aufrichtiger Freundſchaft
ſtets zugethan bleiben werde.
Eine Zeitlang ging nun wieder Alles gut. Das
Benchmen Concha's hatte eher an Freundlichkeit
zu-, als abgenommen . Allmählich aber wurde es mir
bei dieſen Freundſchaftsbezeigungen doch unbehaglich
zu Muthe. Ich glaubte zu bemerken , daß die Mama
uns mit ihren kleinen lebendigen Augen eine mehr
wie gewöhnliche Aufmerkſamkeit widmete. Wie ein
Alp laſtete dieſe Situation mir auf der Seele ; und
um mich in etwa den Einflüſſen derſelben zu ent
ziehen , begann ich, namentlich des Abends, neue Be
kanntſchaften außerhalb des Hauſes zu cultiviren .
282

Die Vorſtellungen hatten ſchon ſeit geraumer Zeit


ihr Ende erreicht. Eine andere Wohnung war ge
nommen , in welcher der junge N . ſein Glasſpinner
Atelier errichtete und ſich eines lebhaften Beſuches
erfreute. Ich durfte faulenzen . Dieſe Unthätigkeit
war mir aber im höchſten Grade zuwider. Ich mußte
Beſchäftigung haben; mochte es gehen wie es wollte !
Dem Rathe eines Freundes folgend , machte ich
zu dieſem Zwecke dem Dr. C . Töpfer,* ) Redacteur
der Thalia , in größeren Kreiſen als erfolgreicher
Luſtſpieldichter bekannt, einen Beſuch . Er war aus
gegangen . Als ich im Begriff war, mich zu entfernen ,
trat der Doctor ein , der auf meinen Wunſch , ihn zu
ſprechen , mich in ſein Zimmer geleitete und,während
er den Hut auf den Tiſch legte, die Handſchuhe aus
zog und den Spazierſtock zur Seite ſtellte, mich nach
meinem Begehr frug. In möglichſter Kürze theilte
ich ihm mit, wer ich ſei und was mir auf dem
Herzen liege.
„ Da kann ich Ihnen nicht helfen , lieber Freund,“
entgegnete er kurz ; „ ich kenne Ihre Leiſtungen nicht
und kann Sie demnach auch nicht empfehlen ."
Nun bat ich ihn , mir Gelegenheit zu geben , mein
Talent zu erproben.
Kopfſchüttelnd frug er, was ich denn eigentlich zu
leiſten im Stande ſei.

*) Dr. Carl Töpfer, Theaterdichter , ſtarb zu Hamburg am


22. Auguſt 1871.
283

„ Geſtatten Sie mir, Herr Doctor, eine Probe ab


zulegen , vielleicht daß es mir dadurch gelingt Ihre
Meinung zu meinen Gunſten zu geſtalten .“
Ungläubig lächelnd ging er zögernd auf meinen
Vorſchlag ein .
„ Erlauben Sie mir Ihren Spazierſtock!"
Er holte ihn herbei.
Den Hut des Doctors umgekehrt auf den Tiſch
ſtellend, berührte ich denſelben mit dem Stocke.
„ Bitte, heben Sie den Hut auf!"
Wer beſchreibt ſein Erſtaunen , als ſich unter dem
ſelben, frei auf dem Tiſche ſtehend, cine im Topfe be
findliche, vollaufgeblühte Monatsroſe vorfand.
„ Þerr !" rief er mit Erſtaſe aus, die Hand mir
auf die Schultern legend , „ Sie werden noch Geld
genug in Ihrem Leben verdienen ! Aber wo in aller
Welt haben Sie denn die Blume mit dem ſchweren
Topf gehabt, als Sie bei mir eintraten , und wie dic
ſelbe unter den Hut gebracht?“
Ich wies auf den leeren Plaß einer Blumeneta
gère, die in der einen Ecke des Zimmers ſtand.
„Wie !" rief er erſtaunt, „ das iſt meine eigene
Blume? Wie aber brachten Sie dieſelbe unter meinen
Hut, den ich doch erſt vor wenigen Augenblicken auf
den Tiſch ſtellte ?"
Ich erinnerte ihn daran, daß er auf mein Er
ſuchen den Spazierſtock herbeigeholt und ich dieſen
Moment benußt habe, den bereits mit der linken
284

Hand hinter meinem Rücken getragenen Blumentopf


unter den Hut zu bringen .
„ Bitte , nehmen Sie Plaß, darf ich Ihnen eine
Cigarre anbieten ? "
Der Doctor war plößlich ein Anderer geworden.
Mit großer Theilnahme erkundigte er ſich nach meiner
Vergangenheit, die ich ihm in ungeſchminkter Weiſe
erzählte. Er ſchüttelte häufig den Kopf, lachte mchr
mals laut auf und ſprang ſogar ein paarmal von
ſeinem Stuhle auf.
Als ich mit meiner Erzählung fertig war, es
mochten ein paar Stunden darüber verfloſſen ſein ,
frug er mich , ob ich etwas dagegen habe, wenn er
den Kern der Erzählung zu einer Mitthcilung in der
Thalia benuße. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden ,
nur erſuchte ich ihn , dies nicht unter Benußung meines
Namens zu thun, dazu hatte ich dem Doctor zu viel
erzählt.
Als ich mich von ihm trennte, drückte er mir herz
lich die Hand, unter der Verſicherung, daß er ſich
für mich intereſſiren und ich in nächſter Zeit von
ihm hören werde.
Mit gehobener Stimmung kehrte ich nach Hauſe
zurück, verſchwieg aber aus guten Gründen der
Familie N . dieſen Erfolg.
Mehrere Tage hindurch beſuchte ich regelmäßig
des Nachmittags die Alſterhalle, trank eine Taſſe Kaffee,
und --- fah zu , ob die Thalia frei war. Nach Ver
lauf einer Woche endlich, an einem Sonnabend Nach
285

mittags, wurde meine Neugierde befriedigt. Unter


Herzklopfen las ich meine cigene Geſchichte, die, cinige
Ausſchmückungen abgerechnet, ziemlich getreu wieder
gegeben und ſo gehalten war, daß ich ruhig meinen
Namen dazu hätte hergeben können .
Zwei Tage darauf langte früh Morgens ein Billet
von dem Herrn Doctor bei mir an , wenn möglich
ihn ſofort zu beſuchen .
Ich beeilte mich , ſeiner Aufforderung nachzukommen .
Beim Eintritt empfing mich derſelbe mit den Worten :
„ Ihr Glück iſt gemacht, Sie ſollen heute Vormittag
11 Uhr zu Salomon Heine kommen ."
Mit großen Augen ſah er mich verwundert an,
als dieſe Worte feinen Eindruck auf mich zu machen
ſchienen.
,,Salomon Heine ? “ frug ich tölpiſch , „ wer iſt das ?"
„ Was ?" entgegnete der Doctor mit halb unwir
ſchem Tone, „ Sie kennen Salomon Heine nicht, den
Vater Hamburg's , den reichſten Millionär der Stadt?“
Nun , ich kannte ihn bis dahin nicht, aber das
Wort „Millionär“ brachte mir raſch ein Verſtändniſ
für den Herrn bei.
„ Und was ſoll ich da ?"
,, Die Erzählung in der Thalia hat dem Herrn
Veranlaſſung gegeben , mich geſtern Abend in der
Oper darüber zu befragen ,“ antwortete er. „ Ich
nahm keinen Anſtand, Sie als den eigentlichen Helden
derſelben zu bezeichnen ,worauf er den Wunſch äußerte,
Sie perſönlich kennen zu lernen . Es liegt nun in
286

Ihrer Hand, dieſe Zuſammenkunft möglichſt zu Ihrem


Vortheil zu benußen und namentlich auf den alten
Herrn einen günſtigen Eindruck zu machen .“
Ich dankte dem Doctor, verſprach mich ſeiner
Empfehlung würdig zu bezeigen und begab mich
pünktlich zur beſtimmten Stunde in die Wohnung
des Herrn am alten Jungfernſtiege. Auf meine Nach
frage wurde ich in ein anliegendes kleines Boudoir
geführt, in welchem nach kurzem Verweilen ein ziem
lich bejahrter Herr mit freundlicher Miene erſchien
und mich, während er ſich in einen Seſſel ſekte, er
ſuchte, ebenfalls Blaß zu nehmen .
„ Sie haben ja bei Ihrer Jugend ſchon eine ſehr
bewegte Vergangenheit gehabt , wie ich durch den
Dr. Töpfer erfahren ,“ begann derſelbe, „und ich möchte
gerne erfahren , vorausgeſeßt, daß Sie nichts dagegen
einzuwenden haben, was Ihnen eigentlich den erſten
Impuls zu Ihrer Carrière gegeben ?"
Natürlich war ich zu dieſer Auskunft gern bereit,
und es gelang mir alsbald , das Intereſſe des alten
Herrn in ſo hohem Grade zu erwecken , daß er troß
mehrmaliger Mahnung, zum Diner zu kommen , auf
cinem Abſchluß meiner Erzählung beſtand.
Vergnügt ſtand cr endlich auf und erkundigte ſich ,
ob ich folgenden Tages zu einer bereits veranſtalteten
Soirée in ſeinem Hauſe eine Privat- Vorſtellung
geben könne.
Ich bejahte dies natürlich, bat um Anſicht des betref
fenden Salons und verſprach , pünktlich am Plaß zu ſein .
287

Ich war entlaſſen . Im Kopfe wirbelte es mir


buut durcheinander. Mein Nächſtes war,das Programm
zur Vorſtellung zu entwerfen . Damit fertig, ſah ich
mich nach einem Diener um , der beim Hinſchaffen,
Auspacken und Aufſtellen der Apparate mir zur Hand
ging. Auf die Unterſtüßung des jungen N ., der bis
dahin bei der öffentlichen Vorſtellung mir beigeſtanden ,
wagte ich nicht zu rechnen , da die geſtrenge Mama
ſeit einiger Zeit ſehr ſchlechter Laune zu ſein ſchien .
Ich fand jedoch eine Aushülfe in dem Sohne unſeres
bisherigen Zettelträgers .
Nun fehlte mir noch ein in meinen Augen für
fothanen Zweck durchaus wichtig crſcheinendes Garde
robenſtück – ein Frack !
Auf der Bühne war ich bisher in altdeutſchem
Studentenkoſtüm , Schuhen mit Schnallen , ſchwarzen
Tricots , zugefnöpftem Sammetrock mit kleinem weißem
Kragen aufgetreten . Für eine Privatgeſellſchaft ſchien
mir jedoch dieſe Toilette nicht am Plaße, und ſo
mußte Rath geſchafft werden. Noth macht erfinderiſch .
Ich ging zu einem mir flüchtig bekannten Trödler,
der in neuen und alten Kleidern machte, und erhielt
gegen ſofortige Erlegung von zwei Mark einen Frack,
der mir wie angemeſſen ſaß.
Mit den hauptſächlichſten Vorbereitungen in Ord
nung, fand ich mich eine Stunde vor Eröffnung der
Soirée bei dem Herrn Heine ein, nahm Beſik von
einem Nebenſalon, und richtete mich in ſolcher Weiſe
ein , daß ich jeden Augenblick im Stande war, mit
288

meiner Vorſtellung, die als Uebcrraſchung für die


Gäſte beſtimmt war, zu beginnen .
Ich mochte ungefähr zwei Stunden hier verweilt
haben , als auf ein gegebenes Zeichen die Flügel
thüren aufflogen und ich der Elite der faſhionabeln
Welt Hamburg's gegenüber ſtand. Eine leichte Bc
klommenheit, die mich in dieſem Augenblicke erfaßte,
war jedoch mit dem erſten Experimente, welches lauten
Beifall erntete, verſcheucht. Ich befand mich in rich
tigem Fahrwaſſer und ließ keine Gelegenheit unbenußt
vorübergehen , dem ausgewählten Publikum eine vor
theilhafte Meinung von mir beizubringen . Nament
lich hatte ich es auf die Damen abgeſehen, für welche
ich eine Menge kleiner Ueberraſchungen bereit hatte.
Auf die Detailſchilderung einzelner Stücke mich
einzulaſſen , würde zu weitläufig und für den Leſer
crmüdend ſein . Er muß ſich mit der Verſicherung
begnügen , daß ich in Anbetracht der Bedeutung,
welche unter Umſtänden dieſe Vorſtellung für mich
haben konnte, ein recht anzichendes Programm aus
gewählt hatte .
Nur eines Stückchens will ich Erwähnung thun,
weil daſſelbe urſprünglich nicht in meinem Programm
vorgeſehen , vielmehr nur durch die Gelegenheit her
vorgerufen war. Alle Anweſenden , ganz beſonders
aber der Gaſtgeber , wurde durch daſſelbe in das
größte Erſtaunen verſeßt.
Ich ließ von ciner jungen Dame cine Karte zichen
und dicſelbe wieder in das Spiel zurückſtecken, welches
289

ſie in der Hand hielt. Ein Taſchentuch gegen das


ſelbe ichwingend, erklärte ich, daß die gezogene Karte
daraus verſchwunden ſei. Eine Durchſicht beſtätigte
meine Angabe.
„ Und wo befindet ſich die Karte ? " lautete dic
Frage.
„ In der Taſche des Herrn Heine,“ war meine
Antwort.
Dieſe Behauptung allein genügte, in der ganzen
Geſellſchaft eine allgemeine Heiterkeit zu erregen.
Herr Heine forſchte nach, erklärte aber alsbald ,
daß meine Behauptung doch wohl auf einem Irrthum
beruhe, da er ſeine ſämmtlichen Taſchen unterſucht
und das corpus delicti nicht vorgefunden habe.
„ Ich bin meiner Sache gewiß , Herr Heine,“ ent
gegnete ich ruhig. „ Haben Sie die Güte und nehmen
Ihre Uhr aus der Taſche, in dieſer befindet ſich die
Karte."
Herr Heine zog eine ſchwere, goldene, in einem
Doppelgehäuſe befindliche, foſtbare Uhr heraus, öffnete
deren erſtes Gehäuſe mit nicht geringer Anſtrengung
und fand hier in der That die betreffende Karte
zuſammengefalten vor
„ Aber wie iſt dies möglich !" erklang die Stimme
des höchlichſt überraſchten Herrn Heine. „ Ich habe
die Uhr doch beſtändig bei mir geführt.“
Die meiſten Gäſte ſchüttelten bedächtig den Kopf,
während einzelne Flügere Herren in der Geſellſchaft
den Wirth mit pfiffig blinzelnden Augen anſchauten ,
BO. I. 19
290

als ob ſie vermutheten , daß er mit mir unter einer


Decke ſpiele. Dies bewog ihn, „ auf's Wort“ zu cr
klären , daß er nicht die leiſeſte Ahnung von dem Zu
ſammenhange der Sache habe.
Du möchteſt es gerne wiſſen , verehrter Leſer !
Nun , ſo will ich Dir denn das Geheimniß löſen , ob
gleich ich weit geſcheidter handelte, auch Dich über die
Ausführung im Unklaren zu laſſen ; denn, indem ich
Dir eine Aufklärung gebe, werde ich den Nimbus des
Wunderbaren zerſtören und Dich um eine Enttäuſchung
reicher machen . — Glaube aber nicht, mich ſtets ſo
bereitwillig zu finden . Ich weiß aus Erfahrung, daß
eine derartige kleine Zauberei für die Dauer ein weit
längeres und größcres Intereſſe erweckt, wenn ſie eben
nicht aufgeklärt wird . Ab und zu werde ich mich aber
ſchon aus dem Grunde dazu verſtehen müſſen , um
den Beweis zu liefern , daß derartige Ucberraſchungen
meiſtens mehr auf einer . einfachen Combination und
Benußung des rechten Augenblickes , als auf einer be
ſonderen manuellen Fertigkeit beruhen .
Alſo zur Erklärung: Zunächſt mußt Du mir
Glauben ſchenken , wenn ich Dir ſage, daß es mir ein
Leichtes iſt, eine beſtimmte Karte gezwungen zichen
und dieſe durch eine geſchickte Manipulation unter
den Händen des Betheiligten verſchwinden zu laſſen .
Wie nun aber gelangte die Karte in die Uhr?
Die Sache war ſehr einfach .
. Beim Beginn der Vorſtellung erbat ich mir von
den Anweſenden einige Uhren , von denen eine ausge
291

wählt wurde, um damit ein beſtimmtes Kunſtſtück aus


zuführen . Die übrigen blieben auf einem etwas ver
tieften Theebrette ſeitwärts auf dem Tiſche liegen .
Die große, ziemlich maſſive Uhr des Herrn Heine
brachte mich eben durch ihre Größe auf den Gedanken,
dieſelbe zu einem ſpäteren Stücke vorzubereiten .
Während die Aufmerkſamfeit der Anweſenden von
dem auszuführenden Stücke in Anſpruch genommen
war, gelang es mir, vermittelſt eines in der Nähe
der übrigen Uhren liegenden Taſchentuches, deſſen ich
zur Zeit ebenfalls bedurfte, die Uhr Heine's auf einen
Augenblick hinter einen auf dem Tiſche ſtehenden
kleinen Schirm zu bringen , dieſelbe raſch zu öffnen ,
und die betreffende Karte zuſammengefalten hinein zu
legen . Auf gleichem Wege wurde dieſelbe alsdann
den übrigen Uhren wieder zugeſellt. Wohlweislich
führte ich das crwähnte Stück erſt gegen Ende der
Vorſtellung aus, damit der Umſtand , daß die Uhr
auf einige Minuten in meinem Bereich geweſen , nicht
mehr zur Beachtung kam , was um ſo mehr der Fall
war, als dieſelbe allem Anſcheine nach unausgeſept
vor* Aller Augen auf dem Nebentiſche gelegen hatte.
So einfach nun auch die Erklärung des Stückes
crſcheint, darf der Leſer jedoch verſichert ſein , daß
cine ziemliche Portion Unverfrorenheit zur Ausfüh=
rung erforderlich und es nicht allzu leicht war, die
Aufmerkſamkeit der Zuſchauer in höchſt ungezwungener
Weiſe von der Hauptſache abzulenken .
Die Vorſtellung war zu Ende. Die Geſellſchaft
19 *
292

hatte ſich in den angrenzenden Salon wieder zurück


gezogen . Ich war mit dem Einpacken der Apparate
gerade zu Ende gelangt, als Herr Heine eintrat, mir
ſeine beſondere Zufriedenheit kundzugeben und mich
zuglcich zu erſuchen, in ihrem Kreiſe zu verweilen
und eine Taſſe Thee einzunehmen .
Die Einladung war in ſo herzlicher und ſchlichter
Weiſe ausgeſprochen , und mein nicht allzu ernſt ge
meinter Einwand wurde in ſo triftiger Weiſe beſeitigt,
daß ich, nachdem ich dem Diener die Fortſchaffung
der Apparate übertragen , der Einladung Folge leiſtete.
Das freundliche Entgegenkommen , welches mir beim
Eintrcten von mehreren Seiten zu Theil wurde, be
ſeitigte alsbald jedes Gefühl von Beklommenheit,
welches angeſichts der ausgewählten Geſcllſchaft mich
anfänglich beſchlich.
uy

Offenbar hatte Herr Heine den Anweſenden einige


Andeutungen über meine kleinen Erlebniſſe gemacht,
wie ich aus dem Umſtande entnahm , daß mir alsbald
Gelegenheit gegeben wurde, die Geſellſchaft durch eine
diesbezügliche Erzählung zu unterhalten .
Es war das erſte Mal in meinem Leben, daß ich
in einem ſo hoch angeſehenen Kreiſe, in welchem ſich
unter Anderen der Großherzog von Mecklenburg
Streliß befand, in faſt ausſchließlicher Weiſe das
Wort zu nehmen hatte. Wider Erwarten gelang es
mir , die Aufmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft bis
zum allgemeinen Aufbruch zu feſſeln , wodurch ich nicht
allein den beſonderen Dank des Gaſtgebers, ſondern
293

auch die Gewogenheit Vieler der Anweſenden mir er


warb,
zähler die ich alsbald zu meinen erſten Gönnern
zählen mitter
ſollte. nachte un nich
n d wart vorüber, als ich mit
Die Mitternachtsſtunde
gehobenem Gefühle und nicht geringem Stolze auf
inein heutiges Debut durch die Straßen Hamburg's
meiner Wohnung zucilte. Mir mochte ungefähr zu
Muthe ſein , wie dem Abiturienten , der ſein erſtes
Examen glänzend beſtanden hat und nun mit feckem
Selbſtvertrauen alle ferneren Eramina bis zur Er
reichung cinerº geſicherten Lebensſtellung glücklich zu
bewältigen hofft.

AMERICAS MOST
COMPROU * " * CTION

MAGIC ARTS
l+ ) ལ་
) 2 ༼g.
ཞེས་
UNIVERSITY OF MINNESOTA
wils v . 1
793.8 H364
Heimb urger, Alexander.
Ein moderner zauberer.

. 3 1951 001 620 376 6

WIL
SON
ANN
AISL E7X
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