Sie sind auf Seite 1von 16

22 AMEZ – Argumente und ­Materialien

der Entwicklungs­zusammenarbeit

Susanne Luther (Hrsg.)

POPULISMUS
Politik und Gesellschaft zwischen
Krise und Kooperation

Götz Heinicke: Philippinen: Internationale Aufmerksamkeit aufgrund populistischer Töne


Henning Melber: Politischer Populismus im südlichen Afrika: Befreiungsbewegungen an der Macht
Jochen Lobah: Requiem der Demut - Der Islam zwischen Populismus und politischem Wettbewerb

www.hss.de
.
Susanne Luther (Hrsg.)

POPULISMUS
Politik und Gesellschaft zwischen Krise und Kooperation
Impressum

ISBN 978-3-88795-550-2
Herausgeber Copyright 2018, Hanns-Seidel-Stiftung e.V., München
Lazarettstraße 33, 80636 München, Tel. 089/1258-0
E-Mail: info@hss.de, Online: www.hss.de
Vorsitzende Prof. Ursula Männle, Staatsministerin a.D.
Generalsekretär Dr. Peter Witterauf
Leiterin des Instituts für Dr. Susanne Luther
Internationale Zusammenarbeit
Redaktion Karin von Goerne
Kontakt zur Redaktion: iiz@hss.de
V.i.S.d.P. Thomas Reiner
Redaktionsschluss 29.03.2018
Druck Hausdruckerei der Hanns-Seidel-Stiftung
Titelbild Korhan Karacan/shutterstock.com

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verbreitung sowie Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil dieses
Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung
der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder
verbreitet werden. Von dieser Einschränkung ausgenommen, sind sämtliche Teile, die als Creative Commons gekennzeich-
net sind. Das Copyright für diese Publikation liegt bei der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. Namentlich gekennzeichnete redak-
tionelle Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.

Die Abgabe dieser Publikation erfolgt kostenfrei im Rahmen der Stiftungsarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. Ein Verkauf
oder eine sonstige gewerbliche Nutzung der von der Hanns-Seidel-Stiftung herausgegebenen Medien ist nicht gestattet.

Weitere Exemplare können über die Hanns-Seidel-Stiftung, Lazarettstraße 33, 80636 München,
E-Mail: publikationen@hss.de bezogen werden.

Alle Ausgaben der Publikationsreihe finden Sie unter folgendem QR-Code auch im Internet zum Lesen und Bestellen.
INHALT

03 Geleitwort
Susanne Luther
08 Politischer Populismus im Südlichen Afrika:
Befreiungsbewegungen an der Macht
Henning Melber
18 The future of South Africa - dealing with risks of populism
Interview mit Jakkie Cilliers
28 Requiem der Demut – Der Islam zwischen Populismus und poli-
tischem Wettbewerb
Jochen Lobah
38 Philippinen: Internationale Aufmerksamkeit aufgrund populis-
tischer Töne
Götz Heinicke
56 Populistische Politik und die Krise der ökonomischen und politi-
schen Integration Ostasiens
Bernhard Seliger
62 Die Verkürzung der Demokratie: Nicht-Charismatischer Popu-
lismus in Venezuela
Sergio Angel Baquero
74 Central Europe on the road to a new type of populism
Martin Kastler

ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22 7


Die Verkürzung der Demokratie:
Nicht-charismatischer Populismus in Venezuela

|| Sergio Angel Baquero

Der Politologe Kurt Weyland vertritt die wahltaktischen Gründen oder nicht zuletzt
These, dass man von populistischer Politik die permanente Nutzung von Strategien zur
sprechen kann, wenn ein politischer Führer verbalen Ansprache der Bürger.2
die Regierungsgeschäfte auf Grundlage ei- Auch wenn Demokratie und Populismus
ner breiten Gefolgschaft ausübt.1 Dies öffnet durch die Geschichte immer wieder vereint
dann die Tür dafür, strategische Referenden wurden und denselben Weg genommen ha-
wie Volksabstimmungen, politische Märsche ben, unterscheiden sie sich deutlich. Mit
und Versammlungen als Mittel einzusetzen, Blick auf den Faktor Zeit ist es so, dass wäh-
um den Rückhalt in der Bevölkerung aufzu- rend die Demokratie den Weg über die Insti-
zeigen, was zugleich ein Merkmal dieser tutionen geht und daher bisweilen längere
Regierungen ist. Und es sind eben diese Zeiträume benötigt um politische Maßnah-
Mechanismen, welche die politischen Führer men zu beschließen und umzusetzen, geht
dazu nutzen, ihre Spielräume im politischen der Populismus einen unmittelbaren, ver-
System zu erweitern, ihren politischen Ego- kürzten Weg, der kurzfristigen Wandel und
ismus durchzusetzen und zugleich die Hand- schnelle Veränderungen verspricht, die un-
lungsspielräume für die Opposition einzu- mittelbar und deutlich von der Wahlbevölke-
schränken. rung spürbar sind. Der wohl größte Unter-
schied liegt jedoch im Verhältnis des Popu-
Die permanente Aktivierung der Wahl- lismus zu den Institutionen, denn eine frei-
bevölkerung und der politischen Basisorga- heitliche Demokratie baut auf politische
nisationen sind nicht die einzigen Grundla- Parteien, Gewaltentrennung und Pluralis-
gen des Populismus, denn gänzlich jenseits mus, während der Populismus durch seine
der Betrachtung als Ausdruck eines kran- direkte Beziehung mit den Bürgern über die
kenden politischen Systems könnte dies Institutionen hinweg geht, dabei die Partei-
auch als eine Form von Accountability oder en und die Unabhängigkeit der Staatsgewal-
Rechenschaftslegung und somit positiv in- ten überspringt und seine Kraft auf die Ver-
terpretiert werden. Als Populismus hingegen folgung der Opposition richtet.
können diese Handlungsweisen gesehen Dieser Unterschied ist allerdings oft
werden, wenn weitere Faktoren hinzukom- nicht in dieser Klarheit zu erkennen und,
men, die einen eindeutigen Beigeschmack mehr noch, oft erscheint es so, dass der Po-
haben: So beispielsweise Strategien, die pulismus durch die Einbindung marginali-
eine Unterscheidung zwischen einem „Wir“ sierter Gruppen und die Neuinterpretation
und „den Anderen“ schaffen; das gezielte der politischen Gedankenwelt das Beste der
Streben nach einem Bruch der bestehenden Demokratie in sich vereint. Dies geht in La-
Ordnung in Verbindung mit illusorischen teinamerika soweit, dass es ungeachtet vom
Versprechen hinsichtlich Veränderungen; Wandel der ideologischen Vorzeichen bei
die Nutzung redistributiver Politiken aus Regierungswechseln von links nach rechts

ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22 63


SERGIO ANGEL BAQUERO

und umgekehrt der Populismus als ein ver- charismatischer Führer zu sein? Für
einendes Element oder gar roter Faden be- Weyland ist Charisma ein Charaktermerkmal
trachtet werden kann. Dies ist beispielswei- der populistischen Führer, aber es ist nicht
se der Fall bei Regierungen wie die von Car- unabdingbare Voraussetzung für den Popu-
los Menem in Argentinien und Alberto Fuji- lismus.4 Präsident Fujimori in Peru genoss
mori in Peru in den 1990er Jahren, die neo- als populistischer Politiker große Populari-
liberalen Vorstellungen folgten, ganz anders tät, dies jedoch wegen seiner Politik der
also als die „klassischen“ Populisten, aber harten Hand und nicht wegen seines Cha-
wiederum auch anders als die populisti- rismas oder eines besonderen Drahts zu den
schen Regierungen der „neuen Welle“ von Menschen.
Hugo Chávez in Venezuela, Rafael Correa in Komplizierter wird die Betrachtung,
Ecuador, Christina Kirchner in Argentinien wenn es sich um einen Prozess der Macht-
und Evo Morales in Bolivien.3 Dies zeigt, übergabe handelt wie dies in Venezuela
dass der Populismus keine bestimmte poli- anlässlich des Todes von Präsident Hugo
tische Ideologie verfolgt, sondern von ganz Chávez im Jahr 2013 der Fall war. Chávez
unterschiedlichen Bewegungen als Waffe war ein politischer Führer, der sehr populär
eingesetzt wird und dieser sich wie ein his- war, was sich nicht zuletzt auf sein Charisma
torisches Pendel den Gefühlen der Wähler- zurückführen ließ. Sein Nachfolger Nicolás
schaft anpasst. Maduro ist weit davon entfernt ein charis-
Lateinamerika war in diesem Sinne matischer politischer Führer zu sein – auch
stets eine Brutstätte für populistische Regie- wenn er den politischen Diskurs, die Rheto-
rungen – dies auch aufgrund der in der Re- rik sowie Gestik und Mimik seinen Lehr-
gion vorherrschen sozialen und ökonomi- meisters imitiert. Vor diesem Hintergrund
schen Bedingungen. Armut und Ungleich- sollen im Folgenden am Beispiel Venezuelas
heit, aber auch die historisch betrachtet die Merkmale und Besonderheiten beim
schon immer marginalisierten Gesell- Übergang von einen charismatischen zu
schaftsgruppen und die von der Politik weit einem nicht-charismatischen populistischen
entfernten Minderheiten, sind der Treibstoff Führer aufgezeigt werden.
zur Nutzung des historischen Erbes des tra-
ditionellen Politiker-Ideals des Caudillos, Populismus der Zahlen vs. Verdunklung der
eines starken politischen Anführers, der sich Statistiken
mit dem Volk verbündet und über demokra-
tischen Institutionen und vor allem die Jus- Der Wahlerfolg von Hugo Chávez und
tiz hinwegsetzt. Und auch wenn man Latein- dessen Übernahme des Präsidentenamts im
amerika nicht als einzigen geographischen Februar 1999 zeigt zwei Präzedenzfälle für
Raum betrachten kann, in dem sich das Phä- den Übergang von einer demokratischen,
nomen Populismus entwickelt hat, so bleibt aber delegitimierten Regierung zu einer
die Region doch ein idealer Nährboden für populistischen Regierung mit einem hohen
dessen Entstehung, Entwicklung und Ver- Polarisierungsfaktor: Der erste hat mit dem
breitung. Charakter des politischen Führers zu tun.
Denn neben der Tatsache, dass Chávez ehe-
Es lässt sich bis hierin festhalten, dass mals Offizier und daher ein politischer Out-
der Populismus einen starken Personenbe- sider war, hatte er im Februar 1992 einen
zug, einen anti-institutionellen und anti- Militärputsch gegen den damaligen Präsi-
demokratischen Charakter hat. Es stellt sich denten Carlos Andrés Pérez angeführt. Der
als nächstes die Frage, wie es sich mit dem zweite hat damit zu tun, dass Chávez wäh-
Charisma des politischen Führers verhält. rend des Akts zu seiner Vereidigung vor den
Ist es denkbar sich im Sinne des Populismus Augen und Ohren des Landes die damals
über die Institutionen zu erheben, ohne ein gültige Verfassung aus dem Jahr 1961 als

64 ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22


DIE VERKÜRZUNG DER DEMOKRATIE: NICHT-CHARISMATISCHER POPULISMUS IN VENEZUELA

eine „im Sterben liegende“ Verfassung be- liberale Reformen in Verbindung mit einer
zeichnete. Diskreditierung der Parteien des Vertrages
Chávez sendete so pauschal negative von Puntofijo und der Legitimationsverlust
und zugleich undifferenzierte Signale: Zum der traditionellen Eliten.
einen die gänzliche Ausblendung der Bedeu- All dies trug dazu bei, dass der neue
tung und des historischen Kontexts der an- Präsident an die Macht kam und in Folge
gesprochenen Verfassung, mit welcher in eine neue Verfassung schuf. Möglich war
Gestalt der sogenannten Vierten Republik ab dies aber nur durch ein weiteres entschei-
dem Jahr 1958 die Wiederherstellung und dendes Element: Den Ruf und die Berühmt-
dann Stabilisierung der Demokratie nach heit, die Chávez dadurch erlangt hatte, dass
der Diktatur von Marcos Pérez Jiménez ge- er im Februar 1992 einen Putschversuch
lang. Es ist zum Verständnis der Zusammen- gegen den damals amtierenden Präsidenten
hänge notwendig an dieser Stelle darauf Pérez anführte. Anders formuliert, die Rah-
hinzuweisen, dass das Ende dieser Diktatur menbedingungen ebneten den Weg für eine
mit dem Vertrag von Puntofijo in die Etab- neue, die Fünfte Republik. Diese wurde aber
lierung einer Zwei-Parteiendemokratie erst durch die charismatische Führung von
mündete, wobei im Rotationsverfahren für Chávez zu einer Realität in der letzterer
vier Jahrzehnte stets eine der beiden tradi- schließlich von Wahl zu Wahl mehr Anhä-
tionellen Parteien COPEI und Acción nger gewinnen konnte. In diesem Sinne
Democrática, die eine christlich-sozial, die kann die Außendarstellung von Handlungen
andere sozialdemokratisch ausgerichtet, die und Ergebnissen das Image des tatkräftigen
Alleinregierung stellte. Die zweite Botschaft politischen Führers in der Öffentlichkeit
Chavez‘ war die warnende Ankündigung verstärken.
eines grundlegenden politischen Wandels in
Form einer neuen Verfassung und eines Das Interesse, Ergebnisse öffentlich zu
grundlegend neuen Abschnitts der venezo- machen nutzt einer populistischen Regie-
lanischen Demokratie, der späteren Fünften rung jedoch nur dann, wenn die Statistiken
Republik. positive Ergebnisse des Regierungshandelns
Dies alles waren Warnsignale für einen liefern, was für eine solche Regierung auf
neuen Populismus, der nicht nur einen zwei Wegen geschehen kann: Auf einer Seite
Wandel für Venezuela brachte, sondern ei- die Manipulation von Statistiken um politi-
nen Linksrutsch in Lateinamerika einleitete. sche Zielwerte zu erreichen, und, auf der
Unter der Fahne des „Sozialismus des 21. anderen Seite die Nutzung von Policies, die
Jahrhunderts“ und der Wiederauferstehung kurzfristig spürbare Wirkungen erzielen und
des Bolivarismus – also der Überhöhung von so eine unmittelbare Auswirkung auf die
Simón Bolívar, dem in Caracas geborenen Wählerschaft haben. Dabei sind die Wirkun-
Befreier des nördlichen Teils von Südameri- gen jedoch in der Regel nicht längerfristig
ka von der spanischen Kolonialherrschaft aufrechtzuerhalten und somit nicht nachhal-
und ersten Präsidenten der damals zeitwei- tig. Dies sind zugleich die zwei wesentlichen
se vereinten Länder Venezuela, Kolumbien Wege, welche die Regierung Chávez be-
und Ecuador – suchte Hugo Chávez eine schritten hat. Hinzu kam ein historischer
Ausweitung seines Einflusses und seiner Glücksfall: Die gut zehn Jahre andauernde
Macht, indem er eine neue Form von Diplo- Erdölbonanza ab der Jahrtausendwende. Die
matie kreierte, welche die Beseitigung der hohen und beständig steigenden Preise
Hegemonie der USA in der Region zum Ziel sorgten für ausreichende Deviseneinnahmen
hatte. Im Land selbst fand das politische um über lange Zeit Sozialprogramme aufzu-
Projekt von Chávez eine sozio-ökonomische legen, welche in der Tat die Lebensbedin-
Situation der 1980er und 90er Jahre vor, die gungen der ärmeren Teile der Bevölkerung
dieses begünstigte: Gefallene Ölpreise, neo- zu verbessern vermochten.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22 65


SERGIO ANGEL BAQUERO

Laut dem Politologen Andrés Otálvaro zielen vermochte, zu einem großen Erfolg
waren die als Misiones bezeichneten Sozial- und diente zugleich als Modell für weitere
programme als kurzfristige Notfallprogram- Programme in anderen strategisch wichtigen
me gedacht, um auf die Krise zu reagieren, Bereichen, wie Bildung, Ernährung und
in der sich die venezolanische Gesellschaft Landwirtschaft.6 Im Bildungsbereich zielten
in dieser Zeit befand. Doch schnell wurden die Misiones Robinson 1 und 2 auf die Al-
die Programme dann jedoch verstetigt und phabetisierung und die Förderung des
zum Rückgrat der Sozialpolitik der Regie- Grundschulbesuchs der ärmsten Bevölke-
rung Chávez. Dabei entstanden die Misiones rungsteile ab, währen die Misión Ribas den
erst im Jahr 2002 – also im vierten Regie- Besuch weiterführender Schulen und die
rungsjahr – zum Zeitpunkt einer massiven Misión Sucre den Zugang zur Hochschulaus-
Erschütterung der politischen Landschaft bildung förderten.7
Venezuelas, ausgelöst durch einen von den Es kann kein Zweifel daran bestehen,
USA unterstützen Putschversuch der traditi- dass die Programme als solche ein Erfolg
onellen Eliten und den längsten Erdölstreik waren, denn neben der Tatsache, dass sie in
der Geschichte des Landes. Die Sozialpro- Rekordzeit positive Ergebnisse brachten,
gramme stehen für eine Sozialpolitik, die erntete die Regierung damit massenhaft
sich stark von den traditionellen Instrumen- Wählerstimmen. Das führte dazu, dass der
ten dieses Politikfeldes unterscheidet, in- politische Diskurs von Chávez zunehmend
dem sie eine klare politisch-ideologische aggressiver wurde und den gesellschaftli-
Ausrichtung hat und auf die lokale Gemein- chen Raum in zwei teilte, indem er zwischen
schaft abzielt. Letzterer kommt eine beson- der „Oligarchie“, also der traditionellen
dere Rolle bei der Planung, Durchführung politischen Klasse und dem Unternehmer-
und Evaluierung dieser Programme zu.5 tum auf der einen, und dem „Volk von
Bolívar“, also der von den Sozialprogram-
Das erste Programm dieser neuen Sozi- men profitierenden Arbeiter- und Armen-
alpolitik mit populistischem Anstrich war klasse auf der anderen Seite, unterschied.
die Misión Barrio Adentro, welches darauf Durch all dies gelang es Chávez sein öffent-
abzielte, die staatliche Gesundheitsvorsorge liches Bild in den ärmeren Bevölkerungs-
in die Armenviertel zu bringen, indem dort schichten progressiv zu steigern und ein
Gesundheitsstationen mit einer Basisaus- besonderes Band zwischen Volk und politi-
stattung an Medikamenten und der Präsenz schem Führer zu schaffen. Aber, wie bereits
von vornehmlich kubanischen Ärzten errich- ausgeführt, unterscheiden sich Phasen der
tet wurden. Das Programm wurde durch die Demokratie deutlich von Phasen des Popu-
Wirkungen, die es in diesen Vierteln zu er- lismus und viele der Sozialprogramme zeig-

Grafik 1: Hochschulzugangsrate weltweit (2008-2010, brutto, in Prozent)

120
100
80
60
40
20
0

Quelle: Eigene Darstellung, Ministerio Popular para la Educación Universitaria / UNESCO, Oktober 2010

66 ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22


DIE VERKÜRZUNG DER DEMOKRATIE: NICHT-CHARISMATISCHER POPULISMUS IN VENEZUELA

ten im Zeitverlauf Ergebnisse, die sich als Einsatzes dieser immensen Haushaltsmittel
nicht nachhaltig herausstellten. besteht.
Auch wenn die offensichtliche Erfolge
Der Populismus des Hugo Chávez hatte von Chávez‘ Sozialpolitik beachtlich sind, ist
zu diesem Zeitpunkt jedoch seine ersten es so, dass, wie María Cristina Parra und
bedeutenden statistischen Erfolge gefeiert Carmen García Guadilla in ihren Untersu-
und eine überzeugte Anhängerschaft ge- chungen zeigen, alle hinsichtlich der Erfolge
schaffen, mittels der das politische Projekt bereitgestellten Daten und Statistiken vom
nach vorne katapultiert wurde. Präsidentenamt stammen und dieser daher
An dieser Stelle muss erwähnt werden, nicht als valide verifiziert werden können.9
dass das Bildungsprogramm der Vereinten 10 Die UNESCO stützt ihre Bewertungen aus-

Nationen UNESCO im Jahr 2005 Venezuela schließlich auf die von der venezolanischen
zum Land frei von Analphabetismus erklärte Regierung bereitgestellten, nicht nachvoll-
und dieses im Jahr 2008 als das Land mit ziehbaren und daher fragwürdigen Daten,
der lateinamerikaweit zweithöchsten Zu- und wird so zu einem einfachen Sprachrohr
gangsrate – nach Kuba – zur Hochschulbil- derselben. Eine vergleichbare Situation ist
dung auszeichnete. Das Ernährungspro- für Kuba festzustellen, wo die Hochschulzu-
gramm der Vereinten Nationen FAO zeichne- gangsrate aufgrund der Einbeziehung von im
te Venezuela im Jahr 2012 für seine Erfolge Land studierenden Ausländern mit mehr als
bei der Reduzierung von Armut und Hunger 100 Prozent angegeben wird.
aus und die Wirtschaftskommission für La- Grafik 2: Hochschulzugangsrate in Lateinamerika
teinamerika und die Karibik CEPAL wies (2008-2010, brutto, in Prozent)
Venezuela als das Land mit der drittgerings-
ten Armutsrate in Lateinamerika aus. 120
100
80
Auch wenn die kurzfristigen Resultate 60
der Sozialprogramme beeindruckend sind, 40
zeigt sich der populistische Charakter der 20
Misiones in fehlender Kontinuität und insti- 0
Argentina…
Brasil

tutioneller Einbettung. Der Politologe An-


México

Chile

Venezuela
Guatemala

Uruguay
El salvador

Perú (2006)
Panama (2006)

Cuba
Colombia

drés Otálvaro identifiziert in seinen Studi-


en gravierende strukturelle Probleme bei
deren Umsetzung: Erstens, die beständige
Improvisierung und Unstimmigkeiten bei
der Steuerung; Zweitens, die fehlende Quelle: Eigene Darstellung, Ministerio Popular para la
Educación Universitaria / UNESCO, Oktober 2010
Nachhaltigkeit und der fehlende Zugang zu
verlässlichen Daten und Statistiken und die Zu ergänzen ist in diesem Zusammen-
mangelhafte oder nicht existente Aufberei- hang, dass die venezolanische Regierung
tung und Darstellung der Resultate sowie Indikatoren nutzt, die manipulierbar sind.
Drittens, die fehlende Einbettung in einen Andere, die nicht genehm sind und das Bild
institutionellen Rahmen, der die Durchfüh- der Regierung beschädigen würden, ver-
rung und den langfristigen Fortbestand schweigt sie hingegen. Dies ist der Fall bei
garantiert.8 Denn es handelt sich bei den der Frage der Reichweite der Bildungspoli-
Misiones um eine Sozialpolitik, die losge- tik, denn eine der Ursachen für den Anstieg
löst von Ministerien beim Staatspräsiden- des Zugangs zur Hochschulbildung ist die
ten angesiedelt ist. Die Programme werden Schaffung von Parallelstrukturen mit gerin-
vornehmlich von Militärangehörigen ver- gem Qualitätsanspruch. Zu erwähnen ist hier
waltet und gesteuert, ohne dass eine trans- die 2003 zusammen mit der Misión Sucre
parente Nachweisführung bezüglich des ins Leben gerufene Universidad Bolivariana

ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22 67


SERGIO ANGEL BAQUERO

de Venezuela mit landesweit zwölf Standor- dell feiert, und auf der anderen Seite die
ten sowie die Reform der Universidad Opposition verteufelt und als Marionette der
Nacional Experimental Politécnica de la USA verunglimpft. Der Chávez eigene Dis-
Fuerza Armada Nacional (UNEFA). Die Re- kurs, der in Schwarz-Weiß-Manier die Ge-
gierung zeigt hier quantitative Indikatoren sellschaft in Gut und Böse einteilte, und auf
für den Hochschulbesuch, ohne qualitative Grundlage dienlicher (Teil-)Statistiken ar-
Indikatoren, also die Frage des Niveaus der gumentierte, wurde bei Maduro durch einen
Hochschulausbildung zu erheben, da dieser abstrakten radikalisierten Diskurs, der keine
gegen die Regierungspolitik sprechen wür- materielle Unterlegung durch Fakten kennt,
de. Die genannten Universitäten besitzen aber einen stark sanktionierenden und auf
mehr den Charakter von politischen Kader- Repression gegen Oppositionelle setzenden
schulen als von Institutionen akademischer Charakter hat, abgelöst.
Bildung.
Wahlpopulismus vs. Wahlbetrug
Es lässt sich bis hierhin zusammenfas-
sen, dass der charismatische Populismus Eines der bedeutendsten Merkmale des
von Chávez Darstellung bzw. Ausblendung Populismus ist die direkte Beziehung zwi-
von Indikatoren als politische Strategie nutz- schen dem politischen Führer und seinen
te. Es ist offensichtlich, dass sein Nachfolger Wählern. Die konstante Befragung der
Nicolás Maduro diese Strategie nicht ver- Wahlbevölkerung ist das wichtigste Instru-
folgt. Warum? Die Antwort ist einfach: Die ment zur Legitimierung der Regierungspoli-
fehlende Finanzierbarkeit der Sozialpro- tik, da es neben einem Sprungbrett zum
gramme. Die Strategie von Chávez fand An- Überspringen der staatlichen Institutionen
wendung im Umfeld hoher und immer weiter als politisches Thermometer zur Messung
steigender Erdölpreise. Maduro hingegen des Wählerwillens dient. Daher kann das
sieht sich sehr viel niedrigeren Preisen des Umfeld und die Frequenz von Wahlen als
Erdöls gegenüber und muss daher angesichts Referenzpunkt für den Vergleich des charis-
fehlender finanzieller Handlungsspielräume matischen mit dem nicht-charismatischen
eine andere Strategie anwenden. Wenn sich Populismus herangezogen werden: Der Erste
von Regierungsseite mittels Statistiken kei- unterzieht sich mit hoher Frequenz Wahlen,
nerlei positive Daten erzeugen lassen, ist es während der Zweite diesen ausweicht und
nach dieser Logik ratsam, die Datensätze der diejenigen, die doch durchgeführt werden,
Vorjahre nicht mehr zu aktualisieren, interna- hinsichtlich der Authentizität der Ergebnis-
tionalen Organisationen keine Daten mehr se als fragwürdig charakterisiert werden
bereitzustellen und grundsätzlich keine Sta- müssen.
tistiken mehr zu veröffentlichen. Die Verdun-
kelung der Statistiken ist eine Antwort auf Seit dem Wahlerfolg 1998, der Chávez
die Ergebnisse der Wirtschafts- und Sozialpo- ins Präsidentenamt brachte und die Boliva-
litik der Bolivarianischen Revolution, der es rische Revolution einleitete, bis zu den Re-
angesichts kurzfristig orientierter populisti- gionalwahlen im Dezember 2012, bei denen
scher Policies nicht gelang, den Erdölboom er sich bereits zur Behandlung seiner Krebs-
so zu nutzen, dass genügend finanzielle Re- erkrankung in Kuba befand, haben insge-
serven für schwierigere Zeiten aufgebaut samt 15 Wahlen stattgefunden. Also im
werden. Durchschnitt etwa ein Abstimmungsgang pro
Angesichts dieser Situation rettet sich Jahr, was einen großen Unterschied zur da-
der nicht-charismatische Populismus von rauffolgenden Amtsperiode von Maduro
Maduro in einen immer radikaleren politi- bedeutet, in der von Mai 2013 bis Mitte
schen Diskurs, der auf der einen Seite wei- 2017 nur zwei Wahlen durchgeführt wurden:
terhin das sozialistische Entwicklungsmo- Die Präsidentschaftswahlen 2013 an sich,

68 ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22


DIE VERKÜRZUNG DER DEMOKRATIE: NICHT-CHARISMATISCHER POPULISMUS IN VENEZUELA

Grafik 3: Wahlen in Venezuela im Zeitraum 1998 – 2017

Präsident Wahltypus Anzahl Wahlen


Präsidentschaftswahlen 1998
(Amtsübernahme von Chávez)
Volksabstimmungm (neue
Verfassung) 1999
Volksabstimmung (Genehmigung
Verfassung) 1999
Präsidentschaftswahlen 2000
Parlamentswahlen 2000
Regional- und Lokalwahlen 2000
Abwahlreferendum Präsident
Hugo Chávez 2004 15
Regional- und Lokalwahlen 2004
Parlamentswahlen 2005
Präsidentschaftswahlen 2006
Volksabstimmung
(Verfassungsreform) 2007
Regional- und Lokalwahlen 2008
Volksabstimmung (unbegrenzte
Wiederwahl Präsident) 2009
Parlamentswahlen 2010
Präsidentschaftswahlen 2012
Präsidentschaftswahlen 2013
(Amtsübernahme von Maduro)
Parlamentswahlen 2015
Volksabstimmung
Nicolás Maduro (verfassungsgebende
5
Versammlung) 2017
Regionalwahlen 2017
Lokalwahlen 2017
Quelle: Eigene Darstellung

aus denen er als gewählter Präsident keiner Volksabstimmung über deren Einbe-
hervorging, und die Parlamentswahlen rufung kam. Das Verfahren wurde fortge-
2015. Die ebenfalls für diesen Zeitraum führt und ausschließlich Repräsentanten des
anstehenden Regional- und Lokalwahlen Regierungslagers in die Versammlung ge-
wurden immer wieder verschoben. wählt, was diese zu einem politischen Ak-
teur macht, der nur mit einer Stimme spricht
Nachdem die venezolanische Wahlbe- und abstimmt. Ein weiterer kritischer Punkt
hörde CNE ein legitimes und legales Ab- war in diesem Zusammenhang der mutmaß-
wahlreferendum gegen Präsident Maduro liche Wahlbetrug, der durch das Unterneh-
mit fragwürdiger Argumentation zurückge- men Smartmatic, der Hersteller der in Vene-
wiesen hatte, genehmigte es im Jahr 2017 zuela genutzten Wahlautomaten, der für
die Einberufung einer verfassungsgebenden technische Verarbeitung der Stimmenabga-
Versammlung, als Asamblea Nacional be verantwortlich ist, aufgedeckt wurde. Das
Constituyente (ANC) bezeichnet, die von Unternehmen sprach von einer Differenz von
Maduro beantragt worden war. Ein Prozess, mindestens einer Million Stimmen, welche
der von dem oppositionellen Parteienbünd- die Wahlbehörde über die tatsächliche
nis Mesa de la Unidad Democrática (MUD) Stimmenabgabe hinaus dem Ergebnis hin-
den meisten Beobachtern, als Verfassungs- zugefügt haben dürfte.
bruch betrachtet, und entsprechend abge- Ungeachtet dieser kritischen Punkte
lehnt wird, da es im Gegensatz zu 1999 zu und der Ablehnung der weder legalen noch

ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22 69


SERGIO ANGEL BAQUERO

legitimen verfassungsgebenden Versamm- deutlich waren.12 Dies steht ganz im Gegen-


lung ANC durch die Opposition und die in- satz zu Maduro, dessen Legitimität ange-
ternationale Staatengemeinschaft, nahm sichts seines knappen Wahlsiegs über den
diese ihre Arbeit auf. In Folge bereitete sie Oppositionskandidaten Henrique Capriles
den Weg für die Durchführung der mehr als von Beginn an hinterfragt und sein Wahler-
ein Jahr überfälligen Regionalwahlen, wel- folg angezweifelt wurde.
che schließlich durch die Wahlbehörde an-
gesetzt und im Oktober 2017 durchgeführt Eine Zeitenwende und den Bruch in der
wurden. Die Opposition reklamierte aber- Wahlgeschichte der Bolivarischen Revoluti-
mals einen Wahlbetrug, da die Ergebnisse on bedeutenten die Parlamentswahlen vom
den Beobachtungen der eigenen Wahlbe- Dezember 2015, in denen das Oppositions-
obachter und den Umfragen widersprachen, bündnis MUD zwei Drittel der Mandate ge-
die ein komplett entgegengesetztes Ergeb- wann. Die große Verzögerung, mit der die
nis vorausgesagt hatten. Die regierende Bekanntgabe der Resultate erfolgte, war ein
Sozialistische Einheitspartei Venezuelas Vorbote künftiger Entwicklungen: Ein Wahl-
PSUV bekam 18 von 23 Gouverneursämtern betrug bei der Besetzung der illegalen ver-
zugesprochen und zwang die gewählten fassungsgebenden Versammlung und ein
Gouverneure ihren Amtseid vor der – von solcher bei den Regionalwahlen im Oktober
der Opposition nicht anerkannten – ANC 2017. Es scheint als hätte das Regierungsla-
abzulegen. Der zum Gouverneur des Bun- ger dadurch, auch im Angesicht eines nicht-
desstaats Zulia gewählte Oppositionspoliti- charismatischen Populismus, einen Mecha-
ker Juan Pablo Guanipa weigerte sich, dies nismus zum dauerhaften Machterhalt gefun-
zu tun, und durfte daher sein Amt nicht an- den, nämlich die Manipulierung des Wahler-
treten. Und auch bei den angesichts des gebnisses in einer „Demokratie“, in der
Erfolgs daraufhin eiligst angesetzten Bür- Wahlen keine Wahlen sind. Dies erscheint
germeisterwahlen zwei Monate später zeig- besonders deutlich wenn man sieht, dass
ten sich vergleichbare Tendenzen. Die größ- nach einer langen Phase der Verzögerung
ten Oppositionsparteien boykottierten diese von Wahlen im Jahr 2016 nunmehr im zwei-
Wahl angesichts fehlender Transparenz und ten Halbjahr 2017 plötzlich überhastet rei-
Garantien. henweise ausstehende Wahlen nachgeholt
werden.
Es lässt sich zusammenfassen: Die 14 Der Wahlbetrug als politische Strategie,
Jahre der Präsidentschaft Chávez waren um die Opposition auseinander zu dividie-
geprägt von einer ständigen Anrufung der ren und die Wahlbeteiligung zu minimieren,
Wählerschaft. Auch diese Wahlen wurden hat besonders bei den Lokalwahlen vom
mittels unterschiedlicher Mechanismen ma- Dezember 2017 die angestrebte Wirkung
nipuliert: Strukturelle Anpassungen der entfaltet: Mit einer Wahlbeteiligung von nur
Wahlkreiszuschnitte und der Zuweisung der 47,32 Prozent, der geringsten seit dem Jahr
Mandate; der Missbrauch staatlicher Medien 2004, eroberte das Regierungslager mehr
für den Wahlkampf des Regierungslagers; als 300 von 335 Bürgermeisterämtern und
der Missbrauch öffentlicher Mittel für Wahl- feierte so einen vollständigen Wahlsieg, der
kampfzwecke; die Vermischung der Sozial- den Unilateralismus vom Maduro stärkt in-
programme mit Wahlfragen; die Androhung dem es fast alle verbliebenen Bastionen des
des Verlusts von finanziellen Privilegien bei Pluralismus einnimmt.
Abweichung von der „Wahlempfehlung“ der
Regierung.11 Dennoch ist es unwahrschein- Damit ist es inzwischen nicht mehr
lich, dass Wahlen nach der Stimmenabgabe notwendig, dass das Regierungslager Mani-
manipuliert wurden, unter anderem, da die pulationen am Wahlergebnis vornimmt um
Unterschiede bei den Wählerstimmen sehr eigene Kandidaten zu bevorteilen, da die

70 ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22


DIE VERKÜRZUNG DER DEMOKRATIE: NICHT-CHARISMATISCHER POPULISMUS IN VENEZUELA

Oppositionswähler nunmehr die Stimmen- Anhängerschaft auslöste, sondern auch zur


abgabe verweigern und an den Wahlgängen Geschlossenheit bei seinen Gegnern beitrug.
nicht mehr teilnehmen. Letzteres ist das Der Ausdruck „Schwächlinge“ wurde glei-
Ergebnis eines politischen Systems, das chermaßen von der Opposition als identi-
keinerlei Garantien auf ordnungsgemäße tätsstiftendes Etikett aufgegriffen und selbst
und rechtsstaatliche Verfahren leistet, und zur Abgrenzung von den „Chavisten“ ge-
politischer Führer, von denen sich die Bür- nutzt. Der Populismus von Chávez schuf
ger nicht mehr repräsentiert fühlen. Der einen Personifizierung, einen Personenkult,
Wahlbetrug des nicht-charismatischen Popu- wie es ihn in dieser Form noch nie zuvor
lismus von Nicolás Maduro führt so zu sei- gegeben hatte. Die verbalen Angriffe kamen
nem größten Übel in Form der Deskreditie- bei Teilen der Wahlbevölkerung gut an, was
rung des Wahlsystems und einer Partizipati- dazu führte, den hasserfüllten Worten auch
on, die sich fast ausschließlich auf Mitarbei- Taten folgen zu lassen: Die Ablehnung der
ter der „öffentlichen Verwaltung“, also An- Oligarchie manifestierte sich in Enteignun-
gehörige des aufgeblähten Staatsapparats, gen, die Ablehnung und der verbale Wider-
die zur Stimmenabgabe für das Regierungs- stand der Medien führte zu Schließung von
lager angehalten sind, und Anhänger der Fernsehsendern und der Hass auf die politi-
Regierungspartei, PSUV, stützt. Dies alles schen Gegner wurde durch die Verfolgung
ermöglicht Maduro nunmehr eine Rückkehr von Oppositionspolitikern und Richtern eine
auf den „Weg der Wahlen“. Realität. Dies vor allem mit dem Ziel, die
eigenen Reihen zu schließen und die Treue
Chávez‘ Bolivarische Revolution vs. Maduros der eigenen Anhängerschaft gegenüber der
„Säuberungspolitik“ Bolivarischen Revolution sicher zu stellen.

Das politische Projekt von Hugo Chávez Wenn wir nun den Blick auf Chávez‘
hatte einen Anstrich von Klientel- oder Klas- Nachfolger Nicolás Maduro richten, lässt
senpolitik im populistischen Sinne, die Ge- sich beobachten, dass der politische Diskurs
sellschaft in zwei zu spalten. Darüber hinaus und die Konfrontation nicht nur aufrechter-
wusste er Symbole, Mythen, Überzeugungen halten wurden, sondern sogar noch radikaler
und die Eigenarten der Venezolaner als Waf- und rücksichtsloser geworden sind. Dahinter
fe zu seinem Vorteil zu nutzen. So nutzte er steht das Ziel, Chávez nachzueifern und die
die Figur von Simón Bolívar zur Erschaffung Anerkennung als dessen Nachfolger und
der Fünften Republik und schaltete die Ge- einzig legitimer Führer der Bolivarischen
schichte, die Bildung, das Staatswappen bis Revolution zu erhalten. Die harte Hand er-
hin zum offiziellen Namen des Landes mit scheint hier als eine Strategie, um sich den
seinem politischen Projekt gleich. In diesem Respekt von Seiten der Opposition zu si-
Sinne ist die „Bolivarische Republik Vene- chern, aber auch die Anerkennung innerhalb
zuela“ das Ergebnis eines Konvergenzpro- der linken Bewegung und der Regierungs-
jekts, in dem nur diejenigen einen Platz partei PSUV. Mit dem Tod von Chávez und
fanden, die sich mit dem Weltbild des Füh- der Übergabe des „Throns“ mit dessen Gna-
rers dieses Projekts zu arrangieren vermoch- de an Maduro ist die Regierbarkeit Venezue-
ten. Diejenigen, die sich dem Vorhaben ver- las schwieriger geworden. Dies unter ande-
weigerten, endeten auf der Seite der rem durch den Ölpreisverfall, die Stärkung
„Schwächlinge“, wie Chávez seine Gegner der Opposition, die Kritik an der Politik ei-
öffentlich bezeichnete, um diese zu diskre- ner immer weiter zunehmenden Annäherung
ditieren. an Kuba aus Teilen des Regierungslagers
Die persönliche Ausstrahlung von und nicht zuletzt die tiefgreifende Wirt-
Chávez war so ausgeprägt, dass er nicht nur schaftskrise und der Verlust an Lebensquali-
Identifikationsprozesse in seiner eigenen tät für die venezolanische Bevölkerung.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22 71


SERGIO ANGEL BAQUERO

Die Antwort der Regierung Maduro auf Der charismatische Populismus des Hugo
all diese Herausforderungen ist nicht etwa Chávez fand seine Ankerpunkte in sich
ein ernsthafter Dialog und die Suche nach selbst und konnte sich auf die Darstellung
einer Annäherung an die Opposition, son- von Erfolgsindikatoren, die eigenen Wahlsie-
dern die Verschärfung der eigenen Positio- ge und die Hegemonie der Bolivarischen Re-
nen und die Verfolgung jeglicher abwei- volution stützen. Der nicht-charismatische
chender Meinung. Eine wahre Hexenjagd Populismus von Nicolás Maduro hingegen,
gegen zivilgesellschaftliche Organisationen, setzt auf die Verdunkelung von Statistiken,
oppositionelle Studenten, Fernsehsender, Wahlbetrug sowie die Verfolgung von politi-
Journalisten, Politikern bis hin zu Komödi- schen Gegnern in der Opposition wie auch
anten ist Ausdruck dieser Haltung. Das wirk- der eigenen Bewegung. Dies deutet darauf
lich überraschende an dieser Entwicklung hin, dass der nicht-charismatische Populis-
ist das Vorgehen gegen die Gegner inner- mus notwendigerweise stärker auf einen
halb der eigenen Bewegung im bildlichen radikalerer Diskurs und das Bekämpfen von
Sinne stalinistischer Säuberungen, in der (Meinungs-)Unterschieden, also eine unge-
der damalige Führer der Sowjetunion, gegen schminkte, aggressivere Form des Autorita-
all diejenigen vorging, die in der Vorgänger- rismus setzen muss, bei der die Wege der
regierung unter Lenin eine bedeutende poli- Demokratie nur mittels Abkürzungen ge-
tische Funktion innehatten. Bei Maduro sind kreuzt werden. Daher wird sich eine Regie-
es die langjährigen Weggefährten von rung, wie die von Maduro, weiterhin an die
Chávez, die nun Schritt für Schritt politisch Macht klammern und alle denkbaren Win-
kaltgestellt und zum Teil mittels der „Justiz“ kelzüge anwenden, um einen politischen
verfolgt werden. Ein Beispiel ist die Verfol- Wandel zu verhindern.
gung der Generalstaatsanwältin Luisa Orte-
ga, die dem Machtanspruch Maduros im
Rahmen ihrer Amtsbefugnisse rechtliche || Sergio Angel Baquero
und verfassungsmäßige Grenzen aufzeigte,
was den Präsidenten dazu brachte, ihre Ab- Professor für Politikwissenschaft an der
setzung und die Eröffnung eines Verfahrens Universidad Sergio Arboleda, Bogotá
zu erreichen.
Übersetzung aus dem Spanischen:
Dies alles zeigt, dass der Populismus,
auch wenn er teilweise nach den Regeln der || Benjamin Bobbe
Demokratie spielt, kein demokratisches Pro-
jekt ist. Dies wird im Fall Venezuelas ganz Projektleiter Kolumbien und Venezuela der
besonders deutlich, wo, auch wenn die Boli- Hanns-Seidel-Stiftung
varische Revolution über den Weg von Wah-
len an die Macht kam, diese in Polarisierung,
Konfrontation und eine unverantwortliche
Wirtschaftspolitik abgeglitten ist.13 In diesem
Sinne kommen beide hier beschriebenen
Versionen des Populismus darin zusammen,
dass sie die Demokratie als Schützengraben
zur Verteidigung ihrer radikalen Ideale miss-
brauchen und unter dem verschleiernden
Schlagwort der „Democracia protogónica“,
der partizipativen Demokratie, die Verletzung
der Menschenrechte zu rechtfertigen, wie im
Fall der Studentenproteste des Jahres 2014.

72 ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22


DIE VERKÜRZUNG DER DEMOKRATIE: NICHT-CHARISMATISCHER POPULISMUS IN VENEZUELA

ANMERKUNGEN

1
Vgl. Weyland, K., (2004): Clarificando un concepto: “el
populismo en el estudio de la política
latinoamericana,” in: Releer Los Populismos, Diálogos.
Centro Andino de Acción Popular, Quito.
2
Vgl. Romero, G.A.B., (2013): El populismo como
concepto en América Latina y en Colombia. Estud.
Políticos.
3
Vgl. Retamozo, M., (2014): Populismo en América
Latina: desde la teoría hacia el análisis político.
Discurso, sujeto e inclusión en el caso argentino*.
Colomb. Int.
4
Vgl. Weyland, K., (2004).
5
Vgl. Otálvaro, A., (2009): Una nueva estrategia de
política social en américa latina como alternativa al
neoliberalismo: el caso de las misiones bolivarianas en
Venezuela. Análisis Político 22.
6
Vgl. Alvarado, N., (2012): El modelo endógeno
socialista de Venezuela y sus estrategias de inclusión
social. Rev. Cienc. Soc. Ve XVIII.
7
Vgl. López Maya, M., (2004): Democracia Participativa
y Políticas Sociales en el Gobierno de Hugo Chávez
Frías. Rev. Venez. Gerenc. 9.
8
Vgl. Otálvaro, A., (2009).
9
Vgl. Parra-Sandoval, M.C., (2015): Venezuela: las
políticas de educación superior en el proceso
revolucionario. Propues. Educ. 43.
10
Vgl. García-Guadilla, C., (2012): Polarización y
tensiones en la educación superior venezolana. Rev.
Iberoam. Educ. Super. 3.
11
Vgl. Arenas, N., (2007): Poder reconcentrado: el
populismo autoritario de Hugo Chávez. Politeia 30.
12
Vgl. Romero, C.A., (2013): La Revolución Bolivariana:
sinopsis de una permanente ambigüedad. Desafíos 25.
13
Vgl. Paramio, L., (2006): Giro a la izquierda y regreso
del populismo. Nueva Soc. 2005.

ARGUMENTE UND MATERIALIEN DER ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT 22 73