Sie sind auf Seite 1von 4

„Unser Kind ist völlig verändert“

Traumatisierung bei Kindern: Informationen für Eltern


von Irmela Reynders

Theresa ist acht Jahre alt. Sie hat schon


viele Streitigkeiten zwischen den Eltern Dass solche Ereignisse, wie die oben ge-
erlebt, andere belastende Erfahrungen ma- nannten Kinder sie erlebt haben, extrem
chen müssen und selbst Gewalt erfahren. belastend sind, versteht sich von selbst.
Eines Tages war ihr Vater so wütend auf Auch, dass besonders Kinder Zeit brau-
seine Frau, dass er sie geschlagen, an die chen, um sie zu verarbeiten, weil sie noch
Wand gedrückt und dann gewürgt hat bis wenig Lebenserfahrung haben, um erschüt-
ihr die Luft wegblieb und sie leblos auf ternde Erlebnisse einordnen und verarbei-
den Boden sank. Theresa stand hilflos da- ten zu können.
neben. Nun hat sie Albträume und wacht Sind Theresa, Ryan, Amelie und Anna-Le-
nachts schreiend auf, obwohl das Ereignis na traumatisiert? Was genau macht eine
schon viele Monate her ist und sie inzwi- Traumatisierung aus?
schen mit der Mutter allein lebt.
  Ein Trauma ist ein unerwartet plötzliches
Ryan war zwei Jahre alt, als er mit heftigen Ereignis, das so belastend ist, dass man
Bauchschmerzen ins Krankenhaus kam. Es sich hilflos ausgeliefert und ohnmächtig
musste schnell gehandelt werden, eine fühlt. Alle Mittel und Wege, die sonst ge-
Notoperation verhinderte den drohenden holfen haben, versagen, um diese schwieri-
Blinddarmdurchbruch. Jetzt hat Ryan ge Situation zu meistern. Der seelische Be-
Angst vor Ärzten, schläft extrem schlecht wältigungsapparat ist überfordert.
ein, klammert heftig an der Mutter und
kann selbst für kurze Zeit nicht mehr allein Nun haben vergleichbare belastende Situa-
in einem Raum bleiben, ohne zu schreien. tionen nicht zwangsläufig bei allen betrof-
Dabei war er doch vor der Operation so ein fenen Menschen eine Traumatisierung zur
fröhlicher, schon selbständiger kleiner Bur- Folge. Entscheidend ist, ob ein extremes
sche gewesen. Ereignis verarbeitet und damit seelisch be-
 
wältigt werden kann. Manche Kinder re-
Amelie, sechs Jahre alt, war dabei, als ihr geln diese Verarbeitung selbständig im
Hund Blacky von einem Auto erfasst und Spiel, indem sie das Ereignis wiederholt
durch die Luft geschleudert wurde. Heftig spielerisch aufgreifen, dabei alternative
blutend verstarb er kurz danach. Nun weint Handlungsentwürfe ausprobieren, Helfer
Amelie viel, zieht sich zurück und wirkt hinzu ziehen und dadurch zu einem „gu-
wie betäubt. Sie „will nie wieder einen ten“ Ende finden.
Hund haben“ und wenn sie Blut sieht, rea-
giert sie völlig panisch. Gelingt diese Verarbeitung nicht (inner-
  halb von ein bis drei Monaten nach dem
Anna-Lena wurde mit zwölf Jahren wäh- Ereignis), sprechen wir von einer posttrau-
rend eines Urlaubs von ihrem Onkel ge- matischen Belastungsstörung (PTBS), die
küsst, gestreichelt und dann immer intensi- sich anhand einer Reihe von Symptomen
ver sexuell bedrängt bis sie sich endlich ih- zeigen kann: Neben emotionalem Rück-
rer Mutter anvertrauen konnte. Die Bilder zug, Vermeidung von Aktivitäten, die das
dieser Übergriffe tauchen immer wieder Kind früher gern gemacht hat, Überängst-
vor ihrem inneren Auge auf, insbesondere lichkeit, klammerndem und extrem besorg-
in der Schule. Anna-Lenas Schulleistungen tem Verhalten bis hin zu Überwachsam-
haben sich extrem verschlechtert, sie kann keit, können auch die Neigung zu heftigen
sich nur noch schwer konzentrieren.
Wutausbrüchen (meist schon bei Kleinig- sonen oft an den Rand ihres Verständnisses
keiten), zu ständiger Unruhe, zu einem und ihrer Belastbarkeit.
„unter-Anspannung-Stehen“ oder „wie-
aufgezogen-Sein“ oder auch die Neigung Erst nach genauer Anamnese kann die Dia-
zu häufigen Prügeleien und zu Streit diag- gnose posttraumatische Belastungsstörung
nostische Zeichen für posttraumatische Be- gestellt werden. Danach kann die trauma-
lastungen sein. Vielfach kommen Schlaf- therapeutische Unterstützung beginnen, die
störungen, Albträume, Bauch- oder Kopf- im wesentlichen drei Phasen umfasst:
schmerzen und Konzentrationsstörungen 1. die Stabilisierungsphase
vor. Manchmal können auch Jahre nach 2. die Phase der Neuverarbeitung
einem belastenden Ereignis Symptome 3. die Integration
auftauchen, wie z.B. extremer Leistungsab-
fall in der Schule, und anzeigen, dass eine In der Stabilisierungsphase geht es darum,
PTBS vorliegt. Waren die zurückliegenden wieder Sicherheit herzustellen. Dazu ge-
Erlebnisse bis dahin nicht aktiviert, ist hört, dass sowohl äußerlich so viel Sicher-
möglicherweise durch irgendeinen Auslö- heit wie möglich hergestellt wird als auch
ser nun die Belastung erneut aktiviert wor- innerlich.
den und Symptome werden deutlich.
Für Theresa zum Beispiel bedeutet das,
Klare Anzeichen einer PTBS – und be- dass sie vor der Unberechenbarkeit des Va-
sonders schwierig zu handhaben – sind ters ausreichend geschützt wird. Solange
sogenannte flash backs: Ein Wiedererleben sie mit dem Vater in einer Wohnung lebte,
von Teilen der traumatischen Situation in fühlte sie sich permanent bedroht. Erst seit
Form von plötzlich auftauchenden Bildern sie mit der Mutter allein wohnt, fühlt sie
oder inneren Filmen. Diese Bilder aktivie- sich wieder sicher.
ren hoch belastende Gefühle, die von den
Betroffenen kaum gesteuert werden kön- Die Eltern und ihre betroffenen Kinder be-
nen. nötigen Information und Aufklärung über
Ähnlich beeinträchtigend ist es, wenn Aus- traumatische Erfahrungen und deren Fol-
lösereize – sogenannte Trigger – plötzlich gen. Die Belastungssymptome und Stress-
und unvermittelt die extremen Belastungs- reaktionen durch die PTBS werden so ent-
gefühle aktualisieren. Das können zum stigmatisiert und als Folgereaktionen ver-
Beispiel Gerüche, Geräusche oder Farben standen. Das Verhalten des Kindes wird
sein. Dann ist den betroffenen Menschen nachvollziehbar und das trägt zur Stabili-
zwar oft klar, dass diese Stressgefühle sierung bei.
nicht zur momentanen Realität passen
(weil gar keine aktuelle Gefahr besteht); Um innerlich mehr Sicherheit im Umgang
dennoch können sie sich nicht beruhigen. mit den teilweise überflutenden Gefühlen
herzustellen, helfen diverse Übungen mit
Mit den Folgen einer traumatischen Erfah- dem Ziel der Flash-back-Kontrolle, zum
rung – besonders mit Flash-backs und Umgang mit Triggern, zum Umgang mit
Triggern – umzugehen ist extrem schwie- der traumatischen Belastung und zur inne-
rig, nicht nur für die Betroffenen selbst. ren Stärkung. Das hilft dem Kind, mehr
Auch die Eltern und Bezugspersonen brau- und mehr Kontrolle über seine Gefühle zu-
chen Unterstützung, da die Reaktionen der rück zu erlangen. Bei jüngeren Kindern
Kinder doch manchmal recht bizarr anmu- werden außerdem die Eltern angeleitet,
ten und teilweise über einen langen Zeit- ihre Kinder zu unterstützen.
raum anhalten. Die innere Not der Kinder
ist groß und bringt Eltern und Bezugsper-
   

 
Handelt es sich bei der traumatischen Er- Bei den meisten dieser Verfahren wird das
fahrung um ein einmaliges Erlebnis, kann traumatische Erlebnis rekonstruiert oder
es sein, dass bald schon die nächste Phase wiedererlebt, wobei eine ausreichende
folgen kann: die Phase der Neuverarbei- emotionale Distanzierung vom Geschehen
tung. Wesentliches Ziel dieser Phase ist es, angestrebt wird. Das kann zum Beispiel
dass die traumatische Belastung sich ver- durch das Installieren eines Beobachters
ringert und das Erlebnis vom Gehirn als geschehen, um eine Überflutung durch ex-
ein vergangenes Ereignis erkannt wird und treme Belastungsgefühle zu verhindern.
als solches mit dieser Neubewertung dann Wie die Distanzierung eingeführt wird, ist
erst im Langzeitgedächtnis abgespeichert von Verfahren zu Verfahren recht unter-
werden kann. schiedlich.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Entscheidend in der Phase der Neuverar-


Neuverarbeitung zu begünstigen. Neben ei- beitung ist, dass das traumatische Erleben
ner Trauma-zentrierten Spieltherapie1, ei- nur insoweit aktiviert wird, dass keine
ner Trauma-fokussierten kognitiv-behavi- überflutenden Gefühle aktualisiert werden,
oralen Therapie2, der KIDNET-Methode3, weil diese ein Abspeichern der Erfahrung
hypnotherapeutischen Verfahren oder der ins Langzeitgedächtnis verhindern. Eine
PITT-Methode4 nach Luise Reddemann Bewältigung der Erfahrung muss entweder
hat sich die EMDR5-Methode in der Arbeit erfolgen, indem alternative Handlungsent-
mit Kindern und Jugendlichen sehr be- würfe entwickelt werden, die die Verarbei-
währt.6 tung begünstigen oder indem das Erlebnis
als ein vergangenes begriffen wird.
                                                                                                                       
1 Hat eine Neuverarbeitung stattgefunden,
Nach Dorothea Weinberg
2
Mit Hilfe von Affektregulierung, Ent- zeigt sich dies in der letzten Phase: der In-
spannungsverfahren, Trauma-Exposition und alter- tegration. Die Integration der traumati-
nativen Verhaltensstrategien wird hier das Trauma schen Erfahrung ist gelungen, wenn die
verarbeitet – basiert auf verhaltenstherapeutischen Symptome der posttraumatischen Belas-
Verfahren
3
Bei der „Narrative Expositionstherapie“ (
tung verschwunden sind. Manchmal ge-
NET) für Kinder werden die traumatischen Erleb- lingt dies – wie bei Ryan – schon nach
nisse als Narrative (Erzählungen) erarbeitet und in zwei bis drei Sitzungen.
die eigene Lebensgeschichte eingeordnet  
4
Psychodynamisch Imaginative Trauma- Mit Unterstützung durch EMDR erzählte
therapie nach Luise Reddemann ich Ryan ein sogenanntes Trauma-Narra-
5
EMDR: Eye Movement Desensitization
and Reprocessing – beim EMDR werden die tiv, eine Geschichte, in der einem kleinen
Traumainhalte gezielt aktiviert bei gleichzeitiger Jungen oder Tierkind das passiert, was er
Seiten wechselnder optischer (schnelles Augen hin- selbst erlebt hatte. Anhand seiner heftigen
und her bewegen unter Anleitung), taktiler (Seiten Reaktionen konnte ich erkennen, dass er
wechselndes Berühren) oder auch akustischer Sti-
sein traumatisches Erlebnis noch einmal
mulierung. Diese wechselnde Stimulierung führt
zur Verringerung der erlebten Belastung und akti- durchlebte – diesmal sicher auf dem Schoß
viert den Parasympatikus, was zu einer spontanen der Mutter. Für Ryan hatte ich die Ge-
Entspannungsreaktion führt. Gleichzeitig hilft sie, schichte mit einem guten Ende ausgestat-
den Verarbeitungsprozess durch Aktivierung je- tet, bei dem das Tierkind wieder gesund
weils der linken und rechten Gehirnhälfte zu unter- wird und sicher zurückkehrt zu Mama und
stützen.
5
Einen guten Überblick über all diese Ver- Papa. Diese Sicherheit konnte Ryan in der
fahren finden Sie in dem Buch: M. Landolt, T. therapeutischen Situation dann auch bei
Hensel: Traumatherapie bei Kindern und Jugend- sich erleben. Mit dieser Vorgehensweise
lichen, Hogrefe Verlag 2008 konnte ich ihm zu einer Neuverarbeitung
   

 
seiner traumatischen Notoperations-Ge- vor allen Verwandten bloßstellen, müsse
schichte verhelfen. eingestehen, was er mit ihr gemacht habe
und würde dann anschließend von der Poli-
Amelie brauchte zur Neuverarbeitung und zei abgeführt und ins Gefängnis gebracht.
Integration des Verlustes von ihrem Hund Dass diese Vorstellungen nicht der Realität
Blacky noch eine ganz andere Hilfestel- entsprachen und allenfalls teilweise eintre-
lung. Zunächst einmal bekamen Eltern und ten würden, wusste Anna-Lena. Doch das
Kind eine Anleitung, wie sie mit dem Trig- war nicht wichtig; für sie war entschei-
ger „Blut sehen“ umgehen sollten. Dann dend, dass sie die Situation innerlich „ge-
mussten die Eltern verstehen lernen, dass löst“ und somit verarbeitet hatte. Außer-
die Aussicht auf einen neuen Hund dem dem hat sie angefangen einen „Defending-
Kind zu diesem Zeitpunkt nicht half, das Kurs“ zu besuchen, weil sie lernen will,
Erlebte zu verarbeiten. Amelie brauchte sich zu verteidigen.
Anerkennung und wiederholt Trost für ih-
ren tiefen Schmerz über den Verlust und Und Theresa? Ihr Gesundungsprozess wird
sie musste begreifen, was es heißt, dass noch einen längeren Zeitraum benötigen.
Blacky nun tot ist. Kindgerechte Erklärun- Mit Theresa mache ich viele Übungen zur
gen und Bilder sollten ihr dabei helfen. Ge- Stabilisierung. Sie beginnt, Gefühle von
meinsam überlegten wir, wo ein guter „Ge- Stress und Überflutung steuern zu können
denkplatz“ für ihren Blacky wäre – etwa und lernt einen Ort zu visualisieren, an
ein Grab im Garten oder auch ein „Altar“ dem sie sich sicher fühlt. Wenn Trigger sie
mit Bildern und Erinnerungsstücken. Erst in extreme Belastungsgefühle zu bringen
als dies alles geklärt war, konnte Amelie drohen, kann sie durch eine bewusste Ori-
beginnen, sich mit Hilfe der EMDR- entierung an der Gegenwart schon immer
Methode mit ihren Schuldgefühlen über besser aus diesem Kreislauf aussteigen.
Blackys Tod auseinanderzusetzen. Nun wartet Theresa auf einen Therapie-
platz. Die vielen extremen Gewalterfah-
Anna-Lena hat enorme Ressourcen; ihre rungen, die sie hat machen müssen, brau-
Stabilisierung war schnell wieder herge- chen Zeit und eine stabile, tragfähige the-
stellt. So schaffte sie es schon bald, sich rapeutische Beziehung mit viel Geduld,
mit den schlimmsten Momenten der Über- damit sie diese Stück für Stück verarbeiten
griffe ihres Onkels dank EMDR zu kon- und integrieren kann. Dazu wird sie eine
frontieren. Die Neuverarbeitung gelang, in- Langzeittherapie bei einer Trauma-
dem Anna-Lena sich während des Wieder- therapeutin benötigen.
erlebens vorstellte, der Onkel müsse sich
 

Irmela Reynders - Lottbeker Weg 144 a - 22395 Hamburg