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Arbeitsfragen

Hans Georg Gadamer – Wahrheit und Methode

1.1 Mit welchen Argumenten lässt sich die Behauptung stützen, der Historiker verhalte
sich nur dann wissenschaftlich, wenn er in in seiner Arbeit -sine ira et studio- persönliche
Erkenntnisinteressen ausklammert und von der eigenen geschichtlichen Situation abstrahiert?
Gadamer betont im Text den Begriff des "Vorurteils". Er wird bei ihm nicht, wie in der Tradition
der Aufklärung und auch noch bei Schleiermacher, negativ verstanden als Quelle des Mißverstehens.
Das "Vor-Urteil" ist bei Gadamer die durch Lebensgeschichte und Bildungsgeschichte vorstrukturierte
Verstehensfähigkeit des jeweiligen Subjekts, die es nun versuchsweise auf das neu zu Verstehende
"entwerfen" kann und meist korrigieren wird. In diesem Sinn ist das Vorurteil für ihn nicht Störung,
sondern geradezu produktive Bedingung des geschichtlichen Verstehens.

1.2 Wie beurteilen Sie die Überzeugung Gadamers, dass durch die Einsicht in die
Wirkung der Tradition dieses Wissenschaftsverständnis als positivistischer Selbstbetrug entlarvt
wird?
Traditionen, so meint Gadamer, sind nicht nur Erbstücke, sondern Deutungshorizonte, die wir
immer wieder neu zu bereichern haben. Das geschieht, wenn wir die Traditionen interpretieren und
verstehen. Gadamer glaubt nicht, Traditionen seien mit dem Tod der Vernunft verbunden. Er nennt die
Tradition „ein Moment der Freiheit und der Geschichte selber“, denn Tradition bedeutet Bewahren und
das ist „eine Tat der Vernunft“.

2. Erörtern Sie die These Gadamers, das Ziel der historischen Forschung bestehe darin,
„die Bedeutung des Erforschten neu zu bestimmen“.
Gadamer schildert hier die Idee, dass eine Sache kann unterschiedlicherweise verstanden
werden, und dafür spielt der Kontext, in dem sie auftacht, eine große Rolle. „So gilt unser Interesse
wohl der Sache, aber die Sache gewinnt ihr Leben nur durch den Aspekt, in dem sie uns gezeigt wird.“
Die Bedeutung einer Sache ist also vom Kontext abhängig. „Wir nehmen hin“, schreibt Gadamer
weiter „dass diese Aspekte sich nicht einfach in der Kontinuität fortschreitender Forschung sich
aufheben, sondern wie einander ausschließliche Bedingungen sind, die jede für sich bestehen und die
sich nur in uns selber vereinigen.“ Mit der Zeit wird der Sinn über eine Sache immer mit neuen
Aspekten bereichern, dank den verschiedenen Erfahrungen, die man erlebt, das bedeutet dass das
Verstehen über das Erforschte sich stets ändert und neue Formen nimmt.

3. Wie begründet Gadamer die methodologische Differenz zwischen Natur- und


Geisteswissenschaften?
Im Unterschied zu den Naturwissenschaften liegt im Vordergrund bei den
Geisteswissenschaften die Überlieferung, durch die Gegewart und ihre Interessen motiviert. Während
die Geisteswissenschaften konzentrieren alle Beobachtungen auf erkenntnistheoretische
Fragestellungen, verzichten Naturwissenschaften auf diese Perspektivierung. Was sie differenziert, ist
also die Beobachtungsweise.

4. Wie versteht Gadamer den Zusammenhang von Geisteswissenschaften und Leben?


Geisteswissenschaften beruhen auf Erleben, Verstehen und Lebenserfahrung. Es ist also ein
unmittelbares Verhältniszwischen dem Leben und den Geisteswissenschaften. Das Verständnis dringt
vom Leben aus in immer neue Tiefen; nur in der Rückwirkung auf Leben und Gesellschaft erlangen die
Geisteswissenschaften ihre höchste Bedeutung.

5. Erklären Sie den sogenannten „hermeneutischen Zirkel“ des Verstehens.


Mit diesem Ausdruck beschreibt Gadamer die Struktur des Verstehens. Der hermeneutische
Zirkel bezieht sich auf eine hermeneutische Regel die erklärt, dass das Ganze aus dem Einzelnen und
das Einzelne aus dem Ganzen zu verstehen ist . Die Bewegung des Verstehens läuft von einem zum
anderen und wieder zurück, wobei das Verständnis von beidem erweitert wird. Zwischen Autor und
Rezipient wird eine widersprüchliche Interpretationssituation bezeichnet, dass das Verstehen des Sinns
eines Textes an bestimmte Bedingungen des Interpreten gebunden ist, welche im Regelfall nicht mit
jenen des Schöpfers dieselben sind. Der Prozess der Annäherung beider „Verstehenshorizonte“ ist nicht
direkt zielführend abschließbar, sondern besteht in einer fortschreitenden Annäherung.
Die Vorstellung eines Zirkels erscheint, weil es keinen objektiv beginnenden und linearen Weg zum
Sinn eines Textes gibt. Der Verstehenshorizont bewegt sich. Der Gegenwarts- und der
Vergangenheitshorizont bewegen sich aufeinander zu, sie sind eigentlich immer in Bewegung. Mit
jedem Verstehensprozess fließen Gegenwart und Vergangenheit, Eigenes und Fremdes aufeinander zu.

6. Wie interpretiert Gadamer im Unterschied zu Schleiermacher den Satz, es gelte „einen


Schriftsteller besser zu verstehen, als er sich selber verstanden habe“?
Mit der Behauptung „einen Schriftsteller besser zu verstehen, als er sich selber verstanden
habe“, zeigt Schleiermacher dass, jemand der das Werk eines Schriftstellers liest, ein besseres
Verstehen darüben haben kann dank dem nachkommenden Verstehen, die er einmal mit dem
Textbegreifen bekommt.
Gadamer ist dagegen überzeugt, dass das Verstehen desjenigen der den Text rezipiert hat, nicht
identifizieren kann mit dem Verstehen des Verfassers. Es geht also um „eine unaufhebbare Differenz
zwischen dem Interpreten und dem Urheber, die durch den geschichtlichen Abstand gegeben ist“.
Dieser Unterschied kann also zeitlich bedingt sein. Gadamer schreibt weiter, „nicht nur gelegentlich,
sondern immer übertrifft der Sinn eines Textes seinen Autor, denn Verstehen bedeutet nicht nur etwas
begreifen, aber auch etwas weiterentwickeln.

7. Gadamer kritisiert das Zeitverständnis des Historismus. Wie begründet er seine Kritik?
Welche Konsequenzen haben seine Vorstellungen für das methodologische Bewusstsein der
historischen Wissenschaften?
Die Zeit soll nicht angesehen werden, als ein Schlucht die etwas trennt, in Gegenteil soll sie als
die Herkunft, die Quelle des Geschehens. Die Überlieferung, in der man lebt, ist nicht kulturelle
Überlieferung, die aus Texten und Denkmälern allein besteht und einen sprachlich verfassten oder
geschichtlich dokumentierten Sinn vermittelt. Vielmehr wird einem die kommunikativ erfahrene Welt
selbst als eine offene Totalität beständig übergeben. Hermeneutische Anstrengung gelingt nach
Gadamer überall dort, wo Welt erfahren und Unvertrautheit aufgehoben wird, wo Einleuchten,
Einsehen, Aneignung erfolgen, und am Ende auch dort, wo die Integration aller Erkenntnis der
Wissenschaft in das persönliche Wissen des Einzelnen gelingt.

8. Welchen Stellenwert haben innerhalb der Gadamerschen Argumentation die Begriffe


„Situation“ und „Horizont“?
Konkretisiert wird diese geschichtliche Grundstruktur des Verstehens von Gadamer in der
Metapher des "Horizonts". Damit meint er den "Gesichtskreis, der all das umfaßt und umschließt, was
von einem Punkte aus sichtbar ist". Der jeweils gegenwärtige Horizont ist in der historischen und
kulturellen Traditon von früheren Horizonten jedoch nicht grundsätzlich verschieden, denn er bildet
sich gar nicht ohne die Vergangenheit. Tatsächlich ist er in steter Bildung begriffen, da wir alle unsere
Vorurteile ständig erproben. Die hermeneutische Tätigkeit ist eine mehr oder weniger bewußte
Konfrontation mit der Tradition, die im Vollzug des Verstehens eine "Verschmelzung" des
gegenwärtigen mit dem vergangenen Horizont vollbringt.
Wenn nun nicht allein die einzelne hermeneutische Situation betrachtet wird, sondern auch die
Tatsache, daß sie in aller Regel auf eine ganze Reihe von entsprechenden Situationen folgt und
ihrerseits wiederum neue, nachfolgende hervorrufen kann, so eröffnet sich eine Dimension, die
Gadamer Wirkungsgeschichte nennt.

9. 1. Worin unterscheidet sich Gadamers wirkungsgeschichtliches Bewusstsein vom


historischen Bewusstsein des Historismus?
Historisches Bewusstsein bezieht sich auf die die Überzeugung, dass ein Text korrekt
interpretiert werden kann, wenn der Leser die Absicht des Autors begreifen kann. Im Gegesatz dazu ist
Gadamer der Meinung, dass die Leute ein wirkungsgeschichtliches Bewusstsein besitzen. Sie gehören
zu einer bestimmten Gesellschaft und Kultur, die sie ausformen. „In Wahrheit ist es also ein einziger
Horizont, der all das umschließt, was das geschichtliche Bewusstsein in sich enthält.“ Sie sehen einen
älteren Text immer mit ihren Gegenwartsaugen an. Nie können sie objektiv vor ihm stehen. Man trägt
also seine zeitgeschichtlichen und persönlichen Erwartungen bei sich, ist selektiv in seiner
Wahrnehmung, das heißt: jeder schreibt sich mit seiner individuellen und kulturellen Charateristika in
den Text hinein. Der Rezipient trägt also zum Schaffen des Werks bei.

9.2. Warum bedeutet für Gadamer die These von der Horizontverschmelzung die
Überwindung des Positivismus durch die Hermeneutik?
Jeder Text hat – unabhängig von der Richtigkeit des Ausgesagten – einen Wahrheitsanspruch,
den man normalerweise akzeptiert. Einen Text verstehen bedeutet, dessen Sinnganzes in Fragen des
Interpreten und Antworten des Textes in sich aufzunehmen. Dieses bezeichnete Gadamer als
Horizontverschmelzung. Diese Horizontverschmelzung, die ebenso im alltäglichen Geschehen wie in
der Auseinandersetzung mit den Texten fremder Kulturen stattfindet, ist die Bedingung der Möglichkeit
des Verstehens, also transzendentale Voraussetzung. Für Gadamer sind Verstehen und Verständigung
Vollzugsformen menschlichen Lebens, die der Reflexion und damit der Philosophie und den
Naturwissenschaften vorausgehen.