Sie sind auf Seite 1von 50



«Im Schatten Deiner Flügel»


Tiere in der Bibel und im Alten Orient


«Im
Gefördert durch die Schatten
Tiere in der Bibel und im Alten Orient

Deiner
Flügel»
Stationen der Ausstellung 2000-2003: Othmar Keel – Thomas Staubli
Fribourg, Zürich, Chur, Wiesbaden, Winterthur, München, St.Gallen

mit Beiträgen von


Susanne Bickel, Ingrid Glatz, Hildi Keel-Leu, Max Küchler, Madeleine Page Gasser,
Silvia Schroer, Ursula Seidl und Christoph Uehlinger

Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Im Schatten deiner Flügel : Tiere in der Bibel und im Alten Orient / Othmar Keel ; Thomas Staubli
mit Beitr. von Susanne Bickel..., - Freiburg, Schweiz : Univ.-Verl., 2001
ISBN 3-7278-1358-X

0101 deutsche buecherei

Konzept:
Othmar Keel und Thomas Staubli

Redaktion:
Thomas Staubli

Satz und Layout:


Benny Mosimann, Atelier für Gestaltung, Bern, CH

© Projekt ‹BIBEL+ORIENT Museum›, Freiburg, CH 2001

Druck: Bolliger Druck, Köniz, CH


Bindung: Schumacher AG, Köniz, CH
Vertrieb: Universitätsverlag Freiburg, CH

ISBN 3-7278-1358-X Universitätsverlag Freiburg Schweiz

 
IN MEMORIAM Inhalt

Dr. Leo Mildenberg


(14.2.1913 - 14.1.2001)

7 Vorwort

Silvia Schroer
Zur Einleitung 8 «Im Schatten Deiner Flügel»

Kapitel I 13 Warum im alten Israel Bären und Hirsche neben Nilpferden und
Krokodilen lebten
Historische Tiergeographie

Thomas Staubli
Tiergeographie des antiken Palästina/Israel

Kapitel II 20 Warum die Hebräerinnen ihren Kindern Namen wie «Hund»,


«Schaf», «Esel» und «Kuh» gaben
Haustierwerdung und Wertung der Tiere

Thomas Staubli
Hinweise zur Haustierwerdung im Vorderen Orient

Othmar Keel
Tiere als Gefährten und Feinde

Ingrid Glatz
Tiernamen als Personennamen

Kat. 1-24

Kapitel III 46 Warum man Hühner ass, aber keine Schweine


Biblische Speisetabus und ihre Folgen

Thomas Staubli
Tiere als Teil menschlicher Nahrung in der Bibel und im Alten Orient

Kat. 25-45

Kapitel IV 58 Warum bei der Taufe im Jordan eine weisse Taube zu Jesus fliegt
Entstehung und Wandel von Tiersymbolen

Othmar Keel
Wie Tiere zu Symbolen wurden

Kat. 46-72

Kapitel V 75 Warum man sich Gott als Schlange oder Aal vorstellen konnte
Tiere als Gottessymbole

Othmar Keel
Hat Gott Tiergestalt?

Kat. 73-95

94 Abkürzungsverzeichnis

95 Abbildungsnachweis

 Kat. 21 
Tongefäss eines beladenen Kamels
Vorwort

Die Schlange im Paradies, Noachs Arche, das Goldene Kalb, Ohne die Stiftungen und privaten Donatorinnen und Dona-
die Eherne Schlange, Bileams Eselin, Jona im Walfisch, der toren, die uns den Kauf der Objekte erlaubten, und ohne
Heilige Geist als Taube, Christus als Lamm… – in der Bibel die Leihgeber und Leihgeberinnen wäre die Ausstellung
ist fast auf jeder Seite von Tieren die Rede. Zur Zeit des nicht möglich geworden. Die Realisierung des Katalogs
Ersten oder Alten Testamentes waren Tiere im Gegensatz in kurzer Zeit bedurfte der sachkundigen und spontanen
zu unserer industrialisierten Welt allgegenwärtig: Als uner- Mitarbeit von Autoren und Autorinnen, die einzelne Objekte
setzbare Helfer bei der Arbeit, als Nahrungs- und Materi- beschrieben haben, von Fotografen und der Fotografin, die
alspender im Alltag, aber auch noch als reale Bedrohung die Objekte ins rechte Licht setzten. Die Theologin Prof. Sil-
in der damals üppigen Fauna ausserhalb der kultivierten via Schroer hat eine Einleitung in die Ausstellungsthematik
Gebiete. Entsprechend gross war ihre Bedeutung im religi- verfasst, die die zur Darstellung gebrachten Themen mit
ösen Symbolsystem. Fragen unserer Zeit in Verbindung setzt. Ingrid Glatz hat
Die professionelle Bibelauslegung, weitgehend von einer einen Beitrag zu dem in der Forschung bisher vernachläs-
spirituell-theologischen, exklusiv auf das Verhältnis Gott- sigten Thema der Tierbezeichnungen als Personennamen
Mensch fixierten Tradition bestimmt, hat in ihren Entwürfen (vgl. Kap. IIc), den Ertrag ihrer Lizentiatsarbeit, beigesteuert.
zur Religionsgeschichte und Theologie des antiken Israel die Prof. Dietrich Meyer, Biologe, hat die Kapitel I und IIa kritisch
Tiere meistens schlicht ignoriert oder allegorisch gedeutet. durchgesehen. René Schurte hat den Text lektoriert. Stefan
Erst in letzter Zeit ist das Verhältnis zwischen Mensch und Münger war bei der Bildverarbeitung behilflich. Ihnen allen
Tier in einigen Monographien und Sammelbänden syste- sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt.
matisch angegangen worden, wodurch die Geschöpflich- Der Katalog ist dem Andenken von Dr. Leo Mildenberg
keit des Menschen deutlicher hervortrat. Die Ausstellung, gewidmet. Als deutscher Jude seiner Generation hat er
die dieser Katalog dokumentiert, will einen Beitrag zu Hass und mörderische Aggressivität auf grausame Weise
diesen relativ neuen Bemühungen leisten. Dabei wurden am eigenen Leib erfahren. In der Tradition einer antiken
die Aussagen der biblischen Schriften konsequent in ihren Praxis, die hauptsächlich durch Mosaikfussböden, und
altorientalischen Kontext gestellt. zwar pagane, jüdische und christliche, belegt ist* , hat er
Das Grundgerüst der Ausstellung wurde im Rahmen ei- antike Darstellungen von Tieren gesammelt, die weder
nes Seminars des Departements für Biblische Studien der gejagt werden, noch sich gegenseitig fressen. Er hat so für
Universität Freiburg/Schweiz im Studienjahr 1999/2000 sich und durch zahlreiche Ausstellungen für ein grosses
konzipiert und erstmals im Januar/Februar 2000 in vier Publikum ein virtuelles messianisches Reich geschaffen, in
Schaufenstern im Stadtzentrum von Freiburg realisiert, dem «der Wolf beim Lamme zu Gast ist und der Panther
unter dem Motto: Die Universität kommt in die Stadt. Die neben dem Ziegenböcklein lagert» (Jesaja 11,6). Diese uto-
sukzessiven Übernahmen der Ausstellung zuerst durch das pische Welt, in deren jüdischer Version David als Orpheus
Zoologische Museum der Universität Zürich (Mai-August fungierte, hat ihm und seiner Frau viel Freude gemacht und
2000), dann durch das Bündner Natur-Museum in Chur Zuversicht geschenkt. Dr. Mildenberg hat unser Projekt eines
(Januar-April 2001) und das Landeshaus Wiesbaden (April- BIBEL+ORIENT Museums sehr unterstützt und die Ausstel-
Juni 2001) führten zur Erweiterung und Professionalisie- lung durch kostbare Leihgaben bereichert. Wir möchten ihm
rung. Als sich weitere Ausstellungsstationen abzeichneten mit diesem Katalog danken, sein Andenken ehren und sein
(Winterthur, München, St. Gallen, Lausanne), schien es uns Werk ein Stück weiterführen.
angemessen, das vorerst flüchtige Dasein der Ausstellung
durch einen umfassenden, konsequent illustrierten Katalog Fribourg und Bern/Liebefeld, Oktober 2001
zu bereichern und zu dokumentieren. Die Ausstellung hat
den Vorteil, durch die Präsentation originaler Zeitzeugen die Othmar Keel und Thomas Staubli
Würde der Realität ernst zu nehmen. Der Katalog macht
ihre Inhalte über die lokale und zeitliche Beschränktheit der * M. Barasch, Animal Metaphors of the Messianic Age. Some Ancient Jewish
Ausstellungen hinaus zugänglich. Imagery; The David Mosaic of Gaza; beide Aufsätze in: M. Barasch, Imago
Hominis. Studies in the Language of Art, Wien 1991, 161-171.180-207.

 
Zur Einleitung siert. Von Anfang an sind Defizite (die Tiere vermögen die richten (Genesis 1-3) nicht abgeleitet, zumal die Menschen
Einsamkeit des Erdlings nicht wirkungsvoll zu beenden) zunächst als VegetarierInnen geplant sind (Genesis 1,29;
Silvia Schroer oder Machtverhältnisse ein Thema. Nach der gemeinsamen anders dann 9,3).4  Der Genuss von Fleisch war im alten
«Im Schatten Deiner Flügel» Rettung aus der Sintflut verlaufen die Entwicklungen nicht Israel wie im ganzen Orient weitgehend an kultische Opfer-
zugunsten der Tiere, denn den Menschen wird nun der handlungen gebunden. Am Heiligtum wurde geschlachtet
Fleischgenuss zugestanden, und von da an (Genesis 9,2) und das Opfertier dann von der Familie, die es gebracht hatte,
herrscht im Tierreich Furcht und Schrecken vor den Men- verzehrt (vgl. 1 Samuel 1,4ff). Im Opfer des Tieres steckt
schen. Paradiesischere Zustände sind vorstellbar. Wichtig die Ehrfurcht vor dem Leben, das die Gottheit schenkt, und
«Der Christ liebt die Tiere nicht mehr» Anknüpfungspunkte. Sie geben uns, die wir in einer nicht- aber ist die biblische Grundeinsicht: Tiere sind nicht so dessen Tötung die Beziehung zwischen Mensch und Gott
Bertolt Brecht lässt in einer Dorfschenkenszene seines frü- agrarischen, hochtechnisierten und tierfeindlichen Welt etwas wie Garnitur und Ausschmückung der Schöpfung, belasten würde, wenn der Kult sie nicht in Ordnung brächte.
hen Stücks «Baal» (1919) den Titelhelden ein imposantes leben, einiges zu denken. sondern wesentlicher Teil des Kosmos. Und deshalb gehören So wird das Tier vor der und für die Gottheit getötet, dann
Fest für dessen Freund Ekart planen. Aus sieben Dörfern Mich interessieren die Tiere als feministische Theologin sie auch zu den biblischen Utopien, den Vorstellungen von darf es in Gemeinschaft gegessen werden, dann ist dies
sollen die Bauern die besten Stiere zusammentreiben, nur aus zwei Gründen in besonderer Weise. Im herrschenden der «neuen Welt». Mahl ein fröhliches Fest. Die Probleme unserer modernen
damit sie beide sich an diesem Anblick weiden können. patriarchalen Symbolsystem gibt es zum einen eine aus- Die ersehnte Heilszeit bringt nach Jesaja 11,4-9 Mensch Zivilisation mit der Massenproduktion von Nutztieren als
Baals Pläne werden jedoch durch den Pfarrer des Ortes geprägte Verbindung von Natur oder der Vorstellung des und Tier endgültige Versöhnung und den Frieden. Die von reinen Eier-, Milch- und Fleischlieferanten, das Grauen der
rasch vereitelt. Enttäuscht sagt Baal zu Ekart: «Er begreift Animalischen und Weiblichkeit, und es gibt historisch nach- Gott selbst eingesetzte Herrschaft des gerechten neuen Schlachthäuser, der übermäßige Fleischkonsum – der ganze
es nicht. Er hat die Geschichte verdorben. Der Christ liebt weisbar einen Zusammenhang zwischen Naturzerstörung Davidsprosses führt zu einer neuen Lebensordnung im Teufelskreis käme nicht zustande, wenn das Fleischessen,
die Tiere nicht mehr.» und Frauenunterdrückung.1  Die toten Fische in vergifteten Tierreich und einem neuen Verhältnis zwischen Mensch wie es noch vor einigen Jahrzehnten unsere Vorfahren ge-
Treffsicher lässt Brecht die Konfrontation zwischen Baal, Flüssen, das Quälen und Ausbeuten von Versuchs- und und Tier. Das alte Gesetz des Fressens und Gefressen- wer- wohnt waren, an besondere Gemeinschaftsanlässe, Feste,
der seinen Namen und die Nähe zum Stier vom kanaanä- Nutztieren betrifft Frauen besonders, weil sie in der Pyra- dens ist aufgehoben. Angreifer und Beute liegen friedlich den Sonntag usw. gebunden wäre und wenn das Schlachten
ischen Wetter- und Fruchtbarkeitsgott geerbt hat, und dem mide der patriarchalen Herrschaft schon seit Aristoteles den nebeneinander, die Giftschlange stellt keine Bedrohung für der Tiere dort stattfinden müsste, wo sie leben, und von
Vertreter der christlichen Religion auf diesen Satz zulaufen. Tieren näher stehen als Männer. Tiere und Frauen sind aus das unschuldige Kind dar. Der berühmte Tierfriede ist die menschlicher Hand, statt von Maschinen, verrichtet würde.
Tatsächlich hat die christliche Tradition in ihrer anthropo- androzentrischer Perspektive, wenn auch nicht in derselben weltbewegende, kosmische Auswirkung der sozialen Ge- Es hat offenbar Sinn, den Fleischverzehr kultisch-kulturell
zentrischen Weltsicht und ihrem Misstrauen gegenüber Weise, als ganz Andere konstruiert. Das Ergehen der Tiere rechtigkeit und der Gottesfürchtigkeit unter den Menschen. zu regulieren. Eine völlige Deregulierung zeitigt, wie die
allem «Animalischen» die Tierwelt häufig gering geachtet. ist deshalb in verhängnisvoller Weise mit dem Ergehen der Für die Israeliten und Israelitinnen gehörte diese Einsicht jüngsten Skandale um Tierhaltung und Fleischproduktion
Aus der Sphäre des Göttlichen musste sie fast gänzlich wei- Frauen verwandt. Wenn Frauen sich für Tiere engagieren, zur religiösen Weltanschauung. Die Harmonie im einen und die wachsende Angst vor Krankheiten zeigen, desaströse
chen. Da sie theologisch somit kaum eingebunden waren vollzieht sich somit eine Verbündung von Unterdrückten. Bereich der Schöpfung hat unmittelbaren Einfluss auf die Folgen.5 
und die Isolierung des Unterwerfungsbefehls in Genesis Zum anderen hat die herrschende christliche Theologie Harmonie im anderen. Wir können den Zusammenhang
1,28 vom übrigen biblischen Kontext die gesamte Fauna des 20. Jahrhunderts sich einer weitgehenden Schöpfungs- logisch-kausal bestimmen: Ohne ein gerechtes Zusammen- Das Recht der Tiere auf eine nutzlose Existenz
buchstäblich zum Freiwild der Menschheit werden ließ, vergessenheit schuldig gemacht, indem sie ganz einseitig leben der Menschen wird es für die Tiere und zwischen In der Weisheits- und Liedtradition Israels wird – anders
konnten die Tiere in der abendländisch-christlichen Kultur Geschichte und Offenbarung, Befreiung und Erlösung als Mensch und Tier keinen Frieden geben (und umgekehrt). als in Genesis 1-3 – die Einsicht entwickelt, dass die Tier-
einerseits zu reinen Objekten menschlicher Herrschaft, Grundachsen des Glaubens betrachtete. Den israelitischen Ob es nur diese ganz rationale Deutung geben kann, sei welt von Gott eine eigene, von den Menschen unabhängige
Ausbeutung und Ausrottung werden und andererseits der Schöpfungsglauben hielt man für ausgeliehen und spät. Nur dahingestellt. Es ist bezeugt, dass Schweizer Kühe am 8. Existenzberechtigung erhalten habe. Nach Psalm 104 gehört
Romantisierung, Verhätschelung und Vermenschlichung sehr zaghaft beginnt sich die Exegese von diesen starken Mai 1945, dem Kriegsende, bis zu einem halben Liter mehr der Acker dem Erdling, die hohen Berge aber den Wildeseln,
anheimfallen. Die Aufarbeitung dieser unheilvollen Ent- Prägungen der dialektischen Theologie zu befreien und Milch gaben als sonst.3  Steinböcken und Klippdachsen. Auch im zweiten Teil der
wicklungen steht weitgehend noch aus. Beginnen kann sie die ausgeblendeten Bereiche, darunter die Tiertheologie, Ein Reich Gottes ohne Tiere wird es nicht geben. Der Wel- ersten Gottesrede des Buches Ijob (Ijob 38,39-39,30) vertritt
mit der Erinnerung an biblische Traditionen, vor allem jene verstärkt in den Blick zu nehmen.2  tenbaum des Senfkorngleichnisses verkörpert in Anlehnung Jhwh das Recht der wilden Tiere auf ein unverzwecktes,
des Ersten (Alten) Testaments, das fast Seite um Seite von an altorientalische Tradition die lebensstiftende Ordnung nicht am Profit der Menschen orientiertes Leben, ja er stellt
Tieren spricht. Ein und dasselbe Geschick – Mensch und Tier sind im Gottes, an der die Tiere teilhaben (Markus 4,30ff.): «Und sich selbst als Herrn und Hirten dieser Tierwelt dar.6  Die
Der hier vorliegende Katalog will, wie die Ausstellung, zur höchsten Grad verwandt Jesus sprach: Wie sollen wir das Reich Gottes abbilden oder entschiedene Parteinahme für den Eigenwert der Tierwelt
Erinnerungsarbeit beitragen und ermutigen. Er zeigt die In den biblischen Texten gilt das Tier vorrangig als Geschöpf unter welchem Gleichnis sollen wir es darstellen? Es gleicht ist sehr erstaunlich, auch im Vergleich mit Dokumenten aus
vielen Facetten der biblischen Tierwelt und ihrer Symbolik Gottes und zwar als das Lebewesen, das den Menschen am einem Senfkorn, das, wenn es in die Erde gesät wird, kleiner der Umwelt Israels. So wird ein ägyptischer Schreiber von
in einer repräsentativen Auswahl auf, zum einen in Einlei- nächsten steht (Genesis 2,18ff). Mensch und Tier sind aus ist als alle Samenarten auf Erden, und wenn es gesät wird, seinem Vorgesetzten in einem um 1100 v. Chr. verfassten
tungsbeiträgen, die jeweils besondere Aspekte des Themas demselben Erdboden gebildet, und sie teilen das Geschick geht es auf und wird größer als alle Gartengewächse und Text durch den Vergleich mit einer nutzlosen Nilgans und
beleuchten, zum anderen in Kommentaren zu den ausge- des Todes (Kohelet 3,19). In der Sintflut gehen Mensch und treibt große Zweige, so dass die Vögel des Himmels unter einer vagabundierenden Antilope als arger Nichtsnutz be-
stellten Objekten, die die Tierwelt des Alten Orients auf Tier zugrunde, miteinander werden sie in der Arche gerettet. seinem Schatten nisten können.» schimpft:7  «Du bist schlimmer als die Nilgans im Uferland,
eindrückliche Weise sichtbar werden lassen. Wie stark die Israeliten und Israelitinnen sich den Tieren die vor Nichtsnutzigkeit nur so strotzt. Sie verbringt den
verbunden fühlten, lassen ihre zahlreichen Tiernamen erah- Keine willkürliche Tötung von Tieren Sommer mit der Vertilgung der Datteln und den Winter
Einspruch gegen die Tiervergessenheit der christli- nen (s. Kap. IIB), aber auch viele Vorschriften zum Schutz Gemäß Psalm 8,7-9 hat Gott den Menschen die Haustiere mit der Vertilgung des Emmersamens. Den Rest des Jahres
chen Theologie der Tiere (s. Kap. IIA). und die Tiere des Feldes unter die Füße gelegt. Dieses Bild stellt sie den Pachtbauern nach und verhindert, dass man die
Das Interesse an der biblischen Tierwelt kann ein zoolo- Nach beiden Schöpfungserzählungen der Genesis erschafft eines herrscherlichen Verhältnisses drückt einen Anspruch Saat in den Boden einbringen kann, bevor sie nicht das Beste
gisches oder kulturgeschichtliches sein. Darüber hinaus Gott mit der Tierwelt einen Teil des bewohnbaren Kosmos, aus, der immerhin die Verteidigung des schwächeren Le- davon geraubt hat. Niemand weiß, wie man sie in die Falle
bieten die Bilder und die biblischen Texte aber auch für in den hinein Adam, der Erdling, gesetzt wird. Die Bezie- bewesens gegen das stärkere einschließt. Das Recht, Tiere bekommen soll, und im Tempel darbringen kann man ihn
hochaktuelle alltagsbezogene Fragen erstaunlich viele hung zwischen Mensch und Tier wird dabei nicht ideali- willkürlich zu töten, wird daraus auch in den Schöpfungsbe- auch nicht, diesen schlimmen Vogel mit stechendem Auge,

 10
der keinerlei Aufgabe erfüllt. Du bist schlimmer als die Kuh- wiesen ist. Ein völlig anderes Modell wäre das der Natur aber doch wenig geringer als ein göttliches Wesen (Genesis gewährt. Vor allem in Ägypten spielen Geiergöttinnen wie
antilope in der Wüste, die vom Vagabundieren lebt. Noch als «Weltkulturgut» oder als «Gesamtkunstwerks Gottes». 1,26f; Psalm 8,6). Nephtys und Mut von der Geburt bis zum Tod als für-
nie hat sie einen Mittag pflügend verbracht, noch jemals Nur weil jemand einen Picasso besitzt, darf er oder sie ihn sorgliche, barmherzige Begleiterinnen der Menschen eine
eine Dreschtenne betreten. Sie lebt von dem, was die Rinder nicht vernichten. Entsprechend gibt es ein unbedingtes Gott hat Flügel wichtige Rolle. Im Schatten von Geierflügeln – als Gemälde
erarbeiten, ohne sich unter sie zu mischen.» Von dieser Recht der Natur auf Weiterexistenz, unabhängig vom Men- Als Erbe des kanaanäischen Wettergottes Baal wurde der an den Decken der Grabkammern oder in den Sarkophagen
Tirade bis zur heute üblichen Verwendung von Tiernamen schen. In der Geschichte des Rechts geht es hier um eine israelitische Gott Jhwh in der Frühzeit Israels mit dem Stier als Schmuck auf der Mumie – ließen sich die Toten bestat-
als Schimpfworten ist es nur noch ein kleiner Schritt. weitere Emanzipation und ihre Verbriefung. Auch Sklaven verbunden. Wie der Personenname «Jhwh ist ein Stier» ten und hofften auf die Barmherzigkeit der Geiergöttinnen
Das Bild einer Gottheit, die sich um die Tiere sorgt, die nicht und Frauen galten lange Zeit juristisch als Sachwerte, ihre (hebr. ≤egeljau) auf einem Ostrakon aus Samaria10  nahe- beim Totengericht.
arbeiten, produzieren und leisten, greift Jesus von Nazareth rechtliche Mündigkeit schien kaum denkbar. Alle Theologen legt, konnte man sich ihn in der Erscheinungsweise eines Die Exegeten versuchen zwar bis heute, die genannten Psal-
auf, um bei seinen JüngerInnen Vertrauen in die Fürsorge und Theologinnen, nicht nur die für Ethik spezialisierten, Stieres vorstellen. Diese Erscheinungsweise wird aber nicht menverse im Sinne bloßer Vergleiche oder Metaphern zu
Gottes zu wecken (Lukas 12,24 in Anlehnung an Ijob 38,41; sind aufgefordert, sich mit Hinweis auf biblische Traditionen exklusiv gewesen sein, sondern eine von vielleicht zwei, drei bagatellisieren, doch ist es gänzlich unwahrscheinlich, dass
vgl. Matthäus 6,25): «Achtet auf die Raben: Sie säen nicht in diese Debatte einzumischen, denn die weisheitlichen möglichen, ähnlich wie in Ägypten der Schreibergott Thot hinter den poetischen Bildern nur die willkürliche, subjektive
noch ernten sie, sie haben weder Vorratskammer noch Schöpfungstexte formulieren nicht-anthropozentrische in Gestalt eines Ibis oder als Pavian erscheint. Das Erste Phantasie der Verfasser oder Verfasserinnen von Psalmen
Scheune, und Gott ernährt sie.» Modelle, und es ist höchste Zeit, dass wir der Sogwirkung Testament ist mit Hinweisen auf eine voll theriomorphe steht und nicht auch lebendige Traditionen und Konkreti-
von Genesis 1 entkommen. Gestalt Jhwhs durchaus vorsichtig, aber der Gott Israels ist onen, wie sie aus der Bildkunst bekannt sind.
Tiere als juristische Personen bis in die nachexilische Zeit der Tierwelt sehr nahe, er steht
Die biblischen Weisheitstraditionen sind bislang kaum in Die Numinosität der Tierwelt in direktem Kontakt zu ihr, wie das Buch Ijob zeigt, wo Gott Die Tiere kennen ihren Schöpfer
aktuelle Diskussionen einbezogen worden, wo sie aber sehr Im Alten Ägypten und im Vorderen Orient galten Tiere als sich u.a. als «Herr der Tiere» erweist. Während er im Ersten Nach biblischer Tradition haben Tiere bisweilen ein beson-
wertvolle Schützenhilfe für tiergerechteres Verhalten und Repräsentanten oder Begleiter göttlicher Mächte. Auch die Testament noch auf geflügelten Löwensphingen, den Keru- deres Sensorium, einen siebten Sinn für die Gegenwart
tiergerechtere Gesetze liefern könnten. Seit einigen Jahren IsraelitInnen haben in vielen Tieren heilige Mächte, Tremen- ben, thront, und in seiner Heiligkeit von geflügelten Kobras, Gottes, so z.B. in der Erzählung über die Kühe der Philister
wird die Möglichkeit, die «Natur», vorab Tiere, die im Staats- dum et Fascinosum, erkannt.9  Wohl erst im 6. Jh. v. Chr. den Serafen, umgeben ist, konnten die «Kerubim und Se- in 1 Samuel 6,7-12. Obwohl ihre Kälber zuhause sind, ziehen
recht den Status einer Sache (res nach römischem Recht) hat, hat die prophetische Bewegung der Deuteronom-isten die rafim» in der christlichen Überlieferung nur bestehen, weil sie den Wagen mit der Lade nach Bet Schemesch, weg von
zum rechtsfähigen Subjekt zu erheben, ernsthaft erwogen.8  Darstellung göttlicher Macht in Tiergestalt prinzipiell verur- man sie sich als menschengestaltige Engelwesen vorstellte. ihrem Stall, so als gehorchten sie einer anderen göttlichen
Nach europaweiten Skandalen um Massentierhaltung und teilt (Deuteronomium 4,12.16-18) – ohne durchschlagenden Aus dem reichen biblischen Fundus an Tiersymbolik fand in Stimme als der mütterlichen, die ihnen angeboren ist. Auch
deren Folgen setzen sich immer vernehmbarer verschiedene, Erfolg. Auf Schritt und Tritt blieb in Israel die Nähe der das christliche Gottesbild am Rand gerade noch das Bild von die hellseherische Eselin Bileams (Numeri 22,22-35) ist un-
auch kirchliche Gruppen für die Rechte von Tieren ein. Tiere zum Göttlichen bewusst. In der deuteronomistischen den Adlersfittichen («Lobe den Herren»), in das Christusbild mittelbar empfänglich für den Willen der göttlichen Macht,
Christlich motiviert sind die deutsche Tierschutzorganisati- Redeweise «der Wurf deiner Rinder und der Zuwachs deines Christusbild das Opferlamm und in die Vorstellung vom weit mehr als der auf seine Ideen fixierte Seher.2  Auf das
on «Animal’s Angels» und – im ganzen deutschsprachigen Kleinviehs» (Deuteronomium 7,13; 28,4.18.51) stecken noch Heiligen Geist die Taube Eingang (s. Kapitel IV). Tier zu hören bedeutet in beiden Geschichten Lebensrettung.
Raum – der Verein «Aktion Kirche und Tiere» (AKUT), der die Namen einer nordsyrischen und einer kanaanäischen Die Beter und Beterinnen der Psalmen waren weit unbefan- Nun sind dies außergewöhnliche Begebenheiten. Darüber
seit 1988 europaweit Unterschriften für das «Glauberger Fruchtbarkeitsgottheit, Schagar und Astarte. Die Gazellen gener in ihren Beschreibungen Gottes als wir. Ihren Gott hinaus setzt das Erste Testament jedoch ganz grundsätzlich
Schuldbekenntnis» zur christlichen Tiervergessenheit sam- und Hinden, bei denen im Hohenlied (2,7; 3,5) geschworen stellten sie sich jedenfalls nicht rein menschengestaltig vor. voraus, dass alle Tiere ihren Schöpfer kennen, dass sie also
melt (www.dike.de/akut). wird, sind die Attributtiere der Liebesgöttin. In der Bezie- Zuversicht und Trost spendete ihnen beispielsweise auch eine Begabung zur Gotteserkenntnis haben. Ganz anders
Erste Ansätze, der Natur im Recht einen eigenen Wert zu- hung von Mutter- und Jungtier wurde eine Art göttlicher das Bild der göttlichen Flügel, die Schatten und Schutz als in Griechenland (und im griechisch beeinflussten Buch
zubilligen, sie nicht nur um des Menschen willen zu schüt- Mütterlichkeit erkannt, weshalb beide nicht gleich nach der gewähren (Psalm 36,7b-9; vgl. Psalmen 17,7f; 57,2; 61,4f; Daniel3 ), wo den Tieren genau diese Fähigkeit abgesprochen
zen, sind bereits in der schweizerischen Bundesverfassung Geburt getrennt und das Böcklein nicht in der Milch seiner 63,8f; 91,1-4)1  (s. Kap. V): wird, hat man in Israel in dieser Hinsicht kein exklusives
auszumachen. Auch wenn sie ihre Interessen nicht selbst eigenen Mutter gekocht werden durfte (Exodus 23,19 u.ö.; Privileg der Menschen geltend gemacht (Ijob 12,7-10):
geltend machen könnte, wäre es doch möglich, Anwälte der Kat. 5, 6, 9, 33, 34). Deuteronomium 22,6f untersagt aus Den Menschen und den Tieren hilfst du, Jhwh!
juristischen Person «Natur» zu bestellen und so langfristig demselben Grund, die Vogelmutter mitsamt Eiern oder Wie köstlich ist deine Güte, o Gott! Frage doch das Vieh, dass es dich belehre,
Umweltzerstörung aller Art viel wirksamer zu bekämpfen Küken zugleich zu behändigen. Das Kastrationsverbot Im Schatten deiner Flügel bergen sich die Menschenkinder. die Vögel des Himmels, dass sie dir kundtun,
und zu bestrafen, als es bisher vom Gesetz her möglich (Levitikus 22,24) verhindert ebenfalls den Eingriff in die Sie laben sich am Überfluss deines Hauses, oder die Wildtiere des Feldes, dass sie dich belehren,
ist. Dieser Schritt wäre ein entscheidender Bruch mit dem Fortpflanzungsfähigkeit der Tiere (s. auch Kap. IIB). und mit dem Strom deiner Wonnen tränkst du sie. und dir sollen erzählen die Fische des Meeres.
materialen Anthropozentrismus, der Mensch wäre nicht Das Wissen um die Numinosität der Tiere ist vielleicht auch Wer wüsste nicht unter diesen allen,
mehr das Maß aller Dinge. Im Grunde vollzieht sich hier in der markinischen Version der Versuchung Jesu erhalten Es ist nicht ganz auszuschließen, dass die Beter und Be- dass die Hand Jhwhs dies gemacht hat,
ein Modellwechsel. Das Verhältnis von Mensch und Natur (Markus 1,12f): «Und alsbald treibt ihn der Geist in die Wüste terinnen sich ihren Gott (unter anderem) im Bild eines in dessen Hand alles Lebendigen Lebenshauch
war immer auch eine Machtfrage, und bis vor noch gar nicht hinaus. Und er wurde in der Wüste vierzig Tage vom Satan stattlichen Vogels vorstellten. Auch menschengestaltige und der Lebensgeist allen menschlichen Fleisches ist.
so langer Zeit war der Sieg des Menschen über die Natur versucht; und er war bei den Tieren, und die Engel dienten Gottheiten wurden in der darstellenden Kunst des Alten Ori-
nicht a priori entschieden, er ist es wohl auch heute und in ihm.« Eine Paradiesgeschichte ist das nicht. Die Tiere und ent aber gern mit Flügeln ausgestattet, wie z.B. in Ägypten Die Beobachtung der Tiere bietet den Menschen eine
Zukunft nicht, da das Zurückschlagen der Natur in Folge Engel in der wichtigen Phase der Versuchung zeigen die die Göttinnen Maat, Isis und Nephtys, in Vorderasien der Möglichkeit, weise zu werden, den göttlichen (Natur-)Ord-
menschlicher Eingriffe immer deutlicher absehbar wird. Gegenwart chaotisch-dämonischer und himmlischer Mächte Wettergott oder die nackte syrische Göttin. Die Flügel – in nungen und damit Gott selbst näher zu kommen. Anders
Wenn aber das Modell der Bezwingung beibehalten wird, an. Beide sind Jesus nah, mit beiden Sphären steht er im Ägypten dürften es Geier- oder Falkenflügel sein – stehen als die Menschen respektieren Tiere die von Gott verfügten,
kann es künftig nur darum gehen, den Sieger – in seinem Kontakt. Tiefenpsychologisch gelesen ist das ein Plädoyer für für gesteigerte, übermenschliche Fähigkeiten (Schnelligkeit, lebensstiftenden Ordnungen. Sie vergessen nicht, dass Gott
eigenen Interesse – davon abzuhalten, seine gesamte Beute die Verbundenheit mit dem Animalischen in uns und die Allgegenwärtigkeit, Kraft), wie sie die damals sehr bewun- sie ernährt (Psalmen 104,21; 147,9; Ijob 38,41; Joel 1,20),
zu vernichten, bzw. ihn zur Einsicht zu bringen, dass er Offenheit für das Göttliche. Die biblische Tradition hat den derten großen Vögel des Himmels besitzen, aber auch für dass sie ihm gehören (Psalm 50,10f). Und dafür preisen sie
zu seinem Überleben auf das Überleben der Natur ange- Erdling in dieser Spannung gesehen, verwandt mit dem Tier, bergenden Schutz, wie ihn die Vogelmutter ihren Jungen ihren Schöpfer (Jesaja 43,20; Psalm 148).

11 12
Kapitel I

Die meisten Theologen sind aber heute immer noch der


Meinung, dass nur der Mensch Gott erkennen, also religi-
1 Vgl. C. Merchant, Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeit-
liche Naturwissenschaft, München 1987, 2. Aufl. 1994; C. J.M. Halkes, Warum im alten Israel Bären und Hirsche neben Nilpferden und
ös sein kann. In Weihnachtsgeschichten von sprechenden
Das Antlitz der Erde erneuern. Mensch, Kultur, Schöpfung,
Gütersloh 1990; B. Orland/E. Scheich (Hg.), Das Geschlecht der Natur. Krokodilen lebten
Tieren in der heiligen Nacht und ähnlichen Volksüberlie- Feministische Beiträge zur Geschichte und Theorie der Naturwis- Historische Tiergeographie
ferungen ist allenfalls noch die Erinnerung bewahrt, dass senschaften, Hamburg 1995.
2 Vgl. dazu auch im Folgenden ausführlich O. Keel/S. Schroer, Schöp-
die Tiere einen direkten Draht zu Gott haben, den wir nicht fung. Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen, Thomas Staubli
haben. Wie können wir so sicher sein, dass Tiere Gott nicht Göttingen/Freiburg (CH) 2001. – Zur biblischen Tiertheologie sind in Tiergeographie des antiken Palästina/Israel
erkennen können? Sicher ist ihre Wahrnehmung, ihre Erfah- jüngerer Zeit u.a. erschienen: B. Janowski/U. Neumann-Gorsolke/U.
Gleßmer (Hg.), Gefährten und Feinde des Menschen. Das Tier in der
rung anders geartet als unsere menschliche. Vielleicht aber Lebenswelt des alten Israel, Neukirchen-Vluyn 1993; P. Riede, Im Die Landschaft Palästinas/Israels wurde in der Antike und mehr noch in jüngster Zeit in manchen Teilen tiefgreifend verändert. Die
erahnen sie auf ihre Weise das Geheimnis der Schöpfung Spiegel der Tiere. Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und historischen Quellen sind bruchstückhaft und wurden manchmal falsch verstanden. Die Zooarchäologie ist eine junge Disziplin, die nur
und ihres Schöpfers, vielleicht ist das Zwitschern der Vögel Tier in der christlich-jüdischen Tradition: Evangelische Akademie
Baden (Hg.), Lammfromm oder saudumm? Das Tier in unserer
auf eine beschränkte Datenmenge zurückgreifen kann und methodisch noch am Anfang steht. Trotz diesen Schwierigkeiten lohnt sich
und das Lärmen der Paviane bei Sonnenaufgang tatsächlich Kultur, Karlsruhe 2000, 9-41. die Rekonstruktion der Tiergeographie des antiken Palästina/Israel, denn sie bietet eine weltweit einzigartige Faunenkombination und
auch Gotteslob. In ägyptischen Sonnenheiligtümern wurde 3 A. Imfeld, Erinnerung an das Kriegsende: NW 89 (1995) 124-126, bildet den Hintergrund einer kulturgeschichtlich und damit auch für die Geschichte der Tierdomestikation hochinteressanten Gegend.
mehrfach ein Text über den Jubel der Paviane beim Aufgang bes. 126.
4 M. Weippert, Tier und Mensch in der menschenarmen Welt.
des Sonnengottes Re gefunden:4  Zum sog. dominium terrae in Gen 1: H.-P. Mathys (Hg.), Ebenbild Ungewöhnliche Fauna im reich gegliederten Treff- (Gazella subgutturosa), den Mesopotamischen Damhirsch
Gottes – Herrscher über die Welt. Studien zu Würde und Auftrag punkt dreier Kontinente (Dama dama mesopotamica) und den Asiatischen Mufflon
Die Paviane, die Re verkünden, des Menschen (BThSt 33), Neukirchen-Vluyn 1998, 35-55. Die südliche Levante ist ein durch das Meer im Westen, die (Ovis orientalis), den Ahnen des Hausschafes, präsent.
5 W.-R. Schmidt et al., Geliebte und andere Tiere im Judentum, Chris-
(wenn) dieser große Gott geboren wird zur 6.(?) Stunde in der tentum und Islam. Vom Elend der Kreatur in unserer Zivilisation, syrisch-arabische Wüste im Osten, die Sinaiwüste im Süden Typisch für die saharo-arabische Tierwelt sind Gazellen
Unterwelt. Gütersloh 1996; R. D. Precht, Noahs Erbe. Vom Recht der Tiere und und das Libanongebirge im Norden eng begrenztes Gebiet. (Gazella dorcas, Gazella gazella), Renn- und Springmäuse
Sie erscheinen, nachdem er entstanden ist, den Grenzen des Menschen, Hamburg 1997; P. Münch/R. Walz, Dennoch überrascht die Gegend durch eine ungewöhnlich (Gerbillinae, Jaculus jaculus, Acomys russatus) und Sandrat-
Tiere und Menschen. Geschichte und Aktualität eines prekären
indem sie zu beiden Seiten dieses Gottes sind Verhältnisses, Paderborn 1998; G. Fuchs/G. Knörzer (Hg.), Tier, Gott, vielfältige Fauna. Hauptgründe dafür sind die reiche Glie- ten (Psammomys obessus).
bei seinem Aufgang im östlichen Lichtland des Himmels. Mensch – Beschädigte Beziehungen, Frankfurt a.M. et al. 1998. derung der Landschaft mit Höhen bis zu 1200m (Meron)
Sie tanzen für ihn, sie springen für ihn,  6 O. Keel, Jahwes Entgegnung an Ijob. Eine Deutung von Ijob 38-41 und Depressionen bis –400m (Totes Meer), die lange Identifikationsprobleme
vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bildkunst (FRLANT 121),
sie singen für ihn, sie klatschen für ihn, sie kreischen (?) für ihn, Göttingen 1978, französisch Paris 1993. Nord-Süd-Erstreckung am östlichen Mittelmeerrand und Dass angesichts dieser Vielfalt die Identifikation hebrä-
(wenn) dieser Große Gott erscheint in den Augen der ‹Unterta- 7 TUAT, Ergänzungslieferung, 2001, 128f. die geographische Lage der Gegend im Schnittpunkt dreier ischer Tiernamen den Übersetzern, die zudem oft wenig
nen› und des ‹Himmelsvolkes›. 8 G. M. Teutsch, Die «Würde der Kreatur». Erläuterungen zu einem Kontinente, Europa, Asien und Afrika. In dieser Landschaft von Tieren verstanden, Kopfzerbrechen verursacht haben,
neuen Verfassungsbegriff am Beispiel des Tieres, Bern 1995; I. Pra-
Diese hören dann die ‹Jubelrede› Nubiens. etorius, Die Würde der Kreatur. Ein Kommentar zu einem neuen haben sich unzählige Ökosysteme herausbilden können, liegt auf der Hand. Von den vielen in der Bibel erwähnten,
Grundwert: dies., Zum Ende des Patriachats. Theologisch-politische die Tieren aus verschiedenen tiergeographischen Zonen meist lautmalerischen Vogelnamen (’oach, ’ajjah, barbur
Texte im Übergang, Mainz 2000, 97-137. Lebensraum bieten. Biogeographisch wird zwischen der usw.), sind bis heute nur wenige mit absoluter Sicherheit
9 S. Schroer, In Israel gab es Bilder. Nachrichten von darstellender
Kunst im Alten Testament (OBO 74), Freiburg (CH)/Göttingen 1987, Paläarktis im Norden und der äthiopischen Zone im Süden identifizierbar.3  Eine besondere Knacknuss war für die
bes. 67-135. (Afrika ohne Maghreb und Madagaskar) unterschieden.1  europäischen Übersetzer der ihnen unbekannte Klipp-
10 A. Lemaire, Inscriptions hébraïques, T. 1 Les ostraca, Paris 1977, Aufgrund der drei Kontinente kann eine eurasische, eine schliefer, von den Buren in Südafrika auch Klippdachs
53.
11 Vgl. zum Folgenden S. Schroer, »Im Schatten deiner Flügel«. Re- orientalische und eine afrikanische Tierwelt unterschieden genannt. «Die hohen Berge gehören dem Steinbock, dem
ligionsgeschichtliche und feministische Blicke auf die Metaphorik werden. Meistens aber wird analog zu den wichtigsten Klippschliefer (hebr. schafan) bieten die Felsen Zuflucht»,
der Flügel Gottes in den Psalmen, in Ex 19,4, Dtn 32,11 und in Vegetationszonen des Landes von Mittelmeer- (oder palä- heisst es in Psalm 104,18. Schon die älteste griechische
Mal 3,20: R. Kessler et al. (Hgg.), «Ihr Völker alle, klatscht in die
Hände!» Festschrift für E. S. Gerstenberger zum 65. Geburtstag, arktischer), irano-turanischer, saharo-arabischer und su- Übersetzung hat hier, wie später Luther, mit «Kaninchen»
Münster 1997, 296-316. dano-dekkanischer (oder ‹tropischer›) Fauna gesprochen.2  übersetzt. Notker Labeo vom Kloster St. Gallen kom-
12 Schroer, «Die Eselin sah den Engel JHWHs». Eine biblische Theologie Noch mehr als die Flora ist die beweglichere Fauna dieser mentierte um 1000 n. Chr. das seltene lateinische Wort
der Tiere – für Menschen: Dorothee Sölle (Hg.), Für Gerechtigkeit
streiten. Theologie im Alltag einer bedrohten Welt. FS für Luise vier Zonen komplex ineinander verzahnt, so dass es kaum erinaciis an dieser Stelle mit folgenden Worten: «Christus
Schottroff, Gütersloh 1994, 83-87. möglich ist, das Phänomen kartographisch zu erfassen. ist der Fels, er sei die Zuflucht der ‹erinaciis›, ich meine
13 Othmar Keel, Die Tiere und der Mensch in Daniel 7: O. Keel/U. Das exotische Durcheinander ansonsten getrennt lebender der Sünder. Der Klippdachs ist ein Tier so gross wie der
Staub, Hellenismus und Judentum. Vier Studien zu Daniel 7 und zur
Religionsnot unter Antiochus IV. (OBO 178), Freiburg (CH)/Göttingen Tierwelten ist das Charakteristikum dieser Fauna. Igel, ähnlich dem Bären und der Maus. Diese nennen wir
2000, 1-35 Typische Vertreter der Mittelmeertierwelt (Paläarktis) Bergmaus, denn sie hat ihren Bau in den Felshöhlen der
14 J. Assmann, Ägyptische Hymnen und Gebete. Übersetzt, kommen- sind das Wildschwein (Sus scrofa), das Reh (Capreolus Alpen.» Die althochdeutsche Interlinearübersetzung der la-
tiert und eingeleitet (OBO), Freiburg (CH)/Göttingen, 2. Aufl. 1999,
92. capreolus), der Braunbär (Ursus arctos), das Mauswiesel teinischen Ausdrücke in Notkers Kommentar von Ekkehart
(Mustela nivalis), das Eichhörnchen (Sciurus anomalus IV. gibt das Wort erinaciis mit murmunton und murmenti
syriacus), die Spitzmaus (Crocidura russula, Crocidura leu- wieder. Das sind die ältesten fassbaren Nennungen des
dodon) oder der Eichelhäher (Garrulus glandarius), die in Murmeltieres in deutscher Sprache (Abb. Ia).
diesem Raum ihr südlichstes Verbreitungsgebiet haben. Es muss vielleicht hinzugefügt werden, dass bereits die
Umgekehrt finden wir hier die nördlichsten Vertreter der Phönizier für einige zoologische Verwirrung sorgten. Als
sudano-dekkanischen bzw. ‹tropischen› Tiere, wie das Nil- sie die kaninchenreichen spanischen Küsten kolonisierten,
pferd (Hippopotamus amphibicus), das Krokodil (Crocodilus nannten sie das Land nach den ihnen bekannten Klipp-
niloticus) und den Klippschliefer (Procavia capensis). Die schliefern i-schefannim, eine Bezeichnung, die dem Land
irano-turanische Fauna ist durch Tiere wie die Kropfgazelle «Hispania, Spanien» haften blieb.4 

13 Historische Tiergeographie 14
Das Tier entpuppt sich auch für die Zoologen als knifflig. nas/Israels zur Hand nimmt, kann mit bis anhin unbe- kennbar, dazwischen sind riesige Agglomerationen von tet, dass das Verlassen der grossen chalkolithischen und
Während die Bibel es in der priesterschriftlichen Systema- kannter Präzision sehen, wie nicht nur einzelne Gärten menschlichen Siedlungen auszumachen, die die antike frühbronzezeitlichen Städte (in der Mitte des 3. Jt. v. Chr.)
tik zu den nicht-paarzehigen Wiederkäuern rechnet (Levi- oder Felder, sondern ganze Landschaften durch mensch- Urbanisierung um ein x-faches übertreffen. diesseits und jenseits des Jordans nicht nur klimatische und
tikus 11,5), hielt man sie zoologisch lange für Nagetiere. liches Eingreifen gestaltet und verändert worden sind: Die ganze Landschaft scheint zur menschlichen Modellier- politische Gründe hatte, sondern auch die ökologische Folge
Aufgrund des Knochenbaus wurden sie im 19. Jh. zu den Der Hule-See ist in den Fünfzigerjahren des 20. Jh. durch masse geworden zu sein und das mit teilweise dramatischen menschlicher Misswirtschaft war.8  Allerdings muss man
Fast-Huftieren (Paenungulata) gerechnet, galten also als Trockenlegung verschwunden, der Lauf des Jordans ist stel- Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt. Vor allem die künstli- angesichts heutiger Umweltkatastrophen die Relationen
nahe Verwandte der Elefanten und Seekühe. Neuere Un- lenweise kaum noch zu erkennen, der einst dschungelhaft che Bewässerung eines Landes, dessen als Vorteil gerühmtes wahren. So haben Hochrechnungen für die Scharon-Ebene
tersuchungen von Antikörpern aus Placenta, Milchdrüsen grüne Jordangraben ist – vor allem in seinem südlichen Markenzeichen in der Antike war, dass es im Gegensatz ergeben, dass in der städtebaulich aktiven Mittelbronzezeit
und Genitalien ergaben nun, dass die Schliefer einige Ge- Teil – wüstenhaft, der südliche Teil des Toten Meeres ist zum benachbarten Land am Nil nicht künstlich bewässert IIB (1750-1550 v. Chr.) maximal ein Viertel der Waldfläche
meinsamkeiten mit Unpaarhufern (Zebras etc.) besitzen.5  eine einzige grosse Saline geworden, Gebiete im Bergland, werden musste, sondern den Regen des Himmels trank verschwunden war.9 
Man stellt sie heute in eine eigene Ordnung Hyracoidea. die natürlicherweise aufgrund ihrer Waldvegetation grün (Deuteronomium 11,10f), hat das Antlitz dieses Teils der Erde In der darauf folgenden Spätbronzezeit (1550-1150 v. Chr.)
erscheinen müssten, sind braun oder rot, dafür sind in der entscheidend verändert. In Zahlen ausgedrückt vergrösserte sind, wie schon nach der Frühbronzeit, zivilisatorische
Tiefgreifende Landschaftsveränderungen in jüngster Küstenregion, im nordwestlichen Negev und im Hügelland sich die bewässerte Fläche von 300‘000 Dunam im Jahre Einbrüche zu verzeichnen, die vielerorts zu einer Erholung
Vergangenheit (Schefela) riesige Flächen aufgrund ihrer künstlichen, 1938 auf 2‘057‘000 Dunam im Jahre 1990.6  Auf einer Sa- der natürlichen Flora und Fauna beigetragen haben. Noch
Wer eine der heute so beliebten Satellitenkarten Palästi- nicht selten auch politischen Grenzen als bewässert er- tellitenkarte natürlich nicht sichtbar sind die Veränderungen in der Perserzeit stellte die Wiederinbesitznahme verlas-
in Luft und Meer. Dazu sei an dieser Stelle nur angemerkt, sener Städte durch die Wildnis aus menschlicher Warte
dass der Bau des Suezkanales einerseits Tiermigrationen ein Problem dar (Exodus 23,29; Levitikus 26,22; Deutero-
zwischen Afrika und Asien stoppte, andererseits zu einer nomium 7,22; 2 Könige 17,25). Allerdings muss bedacht
Veränderung der Fischgesellschaften entlang der östlichen werden, dass in diesen zivilisationsschwachen Perioden
Mittelmeerküste führte, da nun Fischarten aus dem Roten der Anteil der nomadisierenden Bevölkerung höher war.
Meer einwandern konnten.7  Dass das Nomadentum nicht unbedingt zur Landschafts-
pflege beitrug, sondern oftmals das für die Natur desaströse
Landschaftsveränderung durch menschliche Einwir- Werk der Städter noch zu Ende führte, wussten schon die
kung in der Antike Propheten (Jesaja 27,10f; Zefanja 2,6.13ff) und haben vor
Als eines der am frühsten von Menschen besiedelten und allem die Folgen der Blütezeit des Beduinentums unter
kultivierten Gebiete der Erde war die Levante allerdings osmanischer Herrschaft (16.-19. Jh.) vor Augen geführt.
auch zur Zeit König Davids (10. Jh. v. Chr.) längst kein Insbesondere der Jungbaumverbiss durch Ziegen hat in
Naturreservat mehr. Vor allem die Revolutionierung der der Landschaft Palästinas/Israels bis heute schmerzliche
Landwirtschaft durch den Einsatz von domestizierten Tieren Narben hinterlassen. Schon in römischen Standardwerken
als Pflüge-, Dresch- und Transporttiere, die grossflächige zur Agroökonomie wird vor der schädlichen Wirkung der
Rodung und die Beweidung, teilweise auch Überweidung Ziegen für Jungpflanzungen gewarnt10  und auch der Talmud
durch Kleinviehherden (Ziegen und Schafe) haben an gewis- kennt entsprechende Schutzempfehlungen.11 
sen Orten schon früh zu Erosion und anderen nachhaltigen In der frühen Eisenzeit (1150-1000 v. Chr.) hat sich die no-
Veränderungen der Landschaft geführt. So wird vermu- madisierende Bevölkerung in bis dahin nicht urbanisierten

Abb. Ia: Handschrift Nr. 21 der Stiftsbiblio-


thek St. Gallen, sog. Notker-Psalter, Fol. 384,
wo der Klippschliefer von Ps 104,18 in der Abb. Ic: Mediterranes Buschland (Galiläa; ca. 700m ü.M.) mit Taboreiche, Pistazien,
althochdeutschen Interlinearübersetzung als Eichelhäher, Buntspecht, Wiedehopf, Wachtel, Steinkauz, Windhund, Fettschwanz-
Murmeltier gedeutet wird. schafen. Im Vordergrund Akanthus, Alraune und Färberröte.

15 Kapitel I Historische Tiergeographie 16


Gegenden im Hügel- und Bergland niedergelassen, wozu sein gegen die Assyrer und ihre Verbündeten gerichteter verziertes Gebäude oder um ein Schatzhaus, auch Elfenbein- strenge Schutzbestimmungen nach 1948 in Israel halfen,
Abholzungen nötig waren (Josua 17,18).12  Damit wurde ein Drohspruch (2,17): «Die Vergewaltigung des Libanonwaldes haus genannt (1 Könige 22,39), in dem königliche Kostbar- das Schlimmste zu verhindern. Einige Tiere wurden wieder
Gebiet erschlossen, dass zwar von den Bauern eine enorm wird dich erdrücken, und die Massakrierung der Tiere wird keiten mit Elfenbeinelementen für besondere Zeremonien angesiedelt, so Onager, Damhirsch und Strauss, letzterer
aufwendige Infrastruktur verlangte (Zisternen, Terrassen), dich zerschmettern!» (vgl. auch Kat. 19) aufbewahrt wurden. Ein Schatzhaus dieser Art steht heute aber in seiner afrikanischen Unterart, da der asiatische
sie dafür aber durch einen grossen ökologischen Reichtum noch im Hof der Omajadenmoschee von Damaskus. Für Strauss vollständig ausgerottet ist. Prekär ist die Lage für
auf kleinem Raum entschädigte und ihnen in einem politisch Tierausrottung in Palästina/Israel den Propheten Amos (3,15) waren Häuser dieser Art Aus- viele andere Vogelarten. Orontestal und Jordangraben sind
ruhigen Winkel eines tendenziell krisenanfälligen Gross- Die in historischer Zeit zuerst ausgerotteten Tiere, syrischer druck einer dekadenten, ausbeuterischen Lebensweise mit als nördliche Ausläufer des ostafrikanischen Grabenbruches
raumes über rund 500 Jahre hinweg eine relativ friedliche Elefant und Nilpferd, haben als gemeinsames Merkmal lange katastrophalen Konsequenzen für Menschen und – so ist Wegleiter einer der weltweit wichtigsten Zugvogelrouten.
Selbstversorgungslandwirtschaft ermöglichte. Die Mentalität Zähne aus Elfenbein. Sie zollten mit ihrem Verschwinden anzufügen – auch für Tiere. Das Verschwinden der Flüsse und Feuchtgebiete in der
der Bergbauernbevölkerung hat in der Bibel viele Spuren menschlicher Gier nach diesem äusserst begehrten Material Region durch die Fassung fast aller Quellen hat ihre Ver-
hinterlassen. In Bezug auf die Wildtierwelt kennzeichnet traurigen Tribut. Pharao Thutmosis III. (1479-1426 v. Chr.) pflegungsstationen drastisch eingeschränkt. Dazu kommt
sie eine typische Ambivalenz: Einerseits sieht man in ihnen rühmt sich, auf seinem kolonialen Vormarsch Richtung der in einigen Gegenden traditionelle Vogelfang, dem zum
Nahrungskonkurrenten und Gefahren für Leib und Leben Euphrat im Orontestal 120 Elefanten getötet zu haben.13  Ein Beispiel auf Zypern trotz offiziellem Verbot jährlich ca. 10
und macht ihnen das Leben sauer, andererseits kennt und Wesir desselben Königs liess in seinem Grab syrische Tri- Millionen Tiere zum Opfer fallen.
bewundert man ihre Eigenschaften und Besonderheiten butbringer darstellen, die u.a. einen kleinen Elefanten mit-
und billigt ihnen ein – wenn auch beschränktes – Daseins- bringen (Abb. Ib). Elfenbein (hebr. schen, «Zahn») übertraf
recht, ja sogar göttliche Protektion zu (vgl. ausführlicher im Alten Orient fast alle anderen Materialien an Wert, wohl
dazu Kap. II). gerade weil es nur um den Preis der auch für die Jäger nicht
Ausgerottet in Palästina/Israel:
Viel katastrophalere Folgen als die vorindustrielle Landwirt- ungefährlichen Tötung von Tieren zu haben war. Die Jagd Auerochs Bos primigenius 15 
schaft der Eisenzeit hatte für die Tier- und Pflanzenwelt nach Elfenbein, der Handel damit und seine Verarbeitung Bär Ursus arctos syriacus 30er-Jahre des 20. Jh.
der gestaffelte koloniale Aufmarsch der Assyrer (8.-7. Jh. v. scheint ein lukratives Geschäft und ein königliches Privileg Bezoarziege Capra aegagrus aegagrus 16 
Chr.), Babylonier (6. Jh. v. Chr.), Perser (5. Jh.), Griechen gewesen zu sein. Die Verarbeitung von Elfenbein fand zu- Biber Castor fiber 17 
(4.-1. Jh. v. Chr.) und Römer (1. Jh. v. Chr.-4. Jh. n. Chr.) im mindest ab der Mitte des 2. Jt. v. Chr. fast ausschliesslich Damhirsch Dama dama mesopotamica um 1900
östlichen Mittelmeerraum. Die Abholzung der begehrten in dafür spezialisierten Palastwerkstätten statt. Daher ist es Elefant Elephas maximus 18  8. Jh. v. Chr.
Libanonzedern als königliches Bauholz, die mutwillige für den Bereich der Elfenbeinschnitzkunst heute möglich, Abb. Ib: Darstellung aus dem Grab des Rechmire in Theben-West. Sy- Frankolinhuhn Francolinus francolinus Anfang 20. Jh.
rische Tributbringer mit einem kleinen, jungen oder zwergwüchsigen Europäischer Esel Equus hydruntinus Steinzeit 19 
Vernichtung von Nutzbäumen im Rahmen einer Strategie einzelne Werkstätten und Schulen zu lokalisieren (Kat. Elefanten und einem Bären, der an einem Strick geführt wird. Der
der verbrannten Erde, der Bedarf an Bauholz für Belage- 9). Die kunstvollen Schnitzereien wurden als Intarsien in Bärenführer trägt ausserdem zwei grosse Elefantenstosszähne auf der Krokodil Crocodilus niloticus Ende 19. Jh.
Schulter. Beide Grosssäuger wurden in Syrien/Palästina ausgerottet. Kuhantilope Alcelaphus buselaphus buselaphus Neuzeit
rungs- und Verteidigungswerke sowie für den Schiffsbau, grössere Möbelstücke aus Holz eingelegt. In Israel muss es
Löwe Panthera leo persica 13. Jh. n. Chr.
die seit hellenstischer Zeit stark zunehmende Urbanisie- zumindest in Samaria und Megiddo zeitweise je eine elfen-
Nilpferd Hippopotamus amphibius 8. Jh. v. Chr.
rung im Verbund mit Strassenbauten, Abholzungen und beinverarbeitende Werkstatt gegeben haben, wie die Funde Die meisten der grösseren ausgerotteten Tiere ereilte ihr Onager Equus hemionus hemippus Anfang 20. Jh.
Entsumpfungen trugen wesentlich zum Verschwinden der aus den dortigen Palästen beweisen14 . Beim sprichwörtlich Schicksal erst mit dem Aufkommen moderner Handfeuer- Reh Capreolus capreolus 1912 (Karmel)
natürlichen Biotope bei. Dem Propheten Habakuk gebührt gewordenen «elfenbeinernen Turm», mit dem im Hohen- waffen im 19. und 20. Jh. In früheren Zeiten hatten einige Rothirsch Cervus elaphus um 1900
die Ehre, der erste ökologisch motivierte Kritiker imperialer lied der Hals der Geliebten verglichen wird (Hoheslied 7,5) der gejagten Tiere zumindest die Möglichkeit, sich in Refu- Strauss Struthio camelus syriacus Mitte 20. Jh. (Saudiarabien)20 
Gewaltherrschaft zu sein. Aus dem 7. Jh. v. Chr. stammt handelte es sich entweder um ein mit Elfenbeinelementen gien zurückzuziehen. Nur die Gründung von Reservaten und Wildschwein Sus scrofa libycus

Abb. Id: Mediterraner Wald (Galiläa; ca. 800m ü.M.) mit Zedern, Eichen, Gin- Abb. Ie: Sumpf (Hule-Becken; ca. Meereshöhe) mit Schilf und Seerosen, Nil-
ster, Wolf, mesopotamischem Damhirsch, syrischem Bär und Waldkauz. krokodil, Nilpferd, Biber, Graureiher, Ibis, Rosa Pelikan und Nimmersatt.

17 Kapitel I Historische Tiergeographie 18


Archäozoologie und Rekonstruktion Leitung von Hartmut Kühne im Habur-Gebiet (Nordost- Lit.: Edwin Firmage, Art. Zoology (Fauna): ABD VI, 1109-67. - Allan S. 13 R. D. Barnett, Ancient Ivories in the Middle East (QEDEM 14), Je-
Wer wissen möchte, wie sich die Landschaft mit ihren Lebe- Syrien) durchgeführten Umweltstudien, die auch einen Gilbert, The Native Fauna of the Ancient Near East: Billie J. Collins rusalem 1982, 6; K. Sethe, Urkunden des Neuen Reiches IV, Leipzig
(ed.), A History of the Animal World in the Ancient Near East, Leiden 1906-9, 103ff.
wesen in biblischer Zeit, also vor rund zwei- bis dreitausend Rekonstruktionsversuch der ursprünglichen Landschaft um 2002 (i.D.). – OLB I, 100-181. 14 J.W. Crowfoot/G. M. Crowfoot, Early Ivories from Samaria, London
Jahren, präsentierte, kann sich also vor Ort nur noch in die assyrische Stadt Dur Katlimmu enthalten.23  1938; go 1939.
sehr eingeschränkter Weise ein Bild machen. Dennoch ist Hier werden nun Faunarekonstruktionen gezeigt, den 1 D. Heinemann, Die Säugetiere: Grzimek I, 36. 15 Der letzte Auerochse, Urahne aller domestizierten Rinder, starb
2 Vgl. etwa Firmage (Lit.) 1109 mit Avinoam Danin, Man and the 1627 in einem polnischen Wildpark. Rückzüchtungen wurden zu
die «Erfassung der rezent (…) vorkommenden Tierarten, interessierten Laien zum Nutzen, den Expertinnen und Natural Environment: T. E. Levy (ed.), The Archaelology Beginn des 20. Jh. in Zoos in Berlin und München versucht.
ihrer Verbreitung und ihrer ökologischen Einnischung die Wissenschaftlern zur Anregung für neue, verbesserte Visu- of Society in the Holy Land, London 1998, 26. 16 Die Wildform der Ziege; lebt heute noch in Kurdistan und Afgha-
Grundlage für eine Rekonstruktion der Fauna und ihrer alisierungen. Fünf Biotope (Abb. Ic-Ig) in Palästina/Israel 3 Vgl. P. Riede, Art. Tierliste: NBL III, 873. A-H; Firmage (Lit.) 1154f. nistan.
4 U. Rahm, Die Schliefer: Grzimeks III, 515. Neuerdings wird für 17 F. Bodenheimer, Animal and Man in Bible Lands, Leiden 1960, 45.
Umweltbeziehungen in früheren Zeitabschnitten.»21  Die um ca. 1000 v. Chr., gezeichnet von den wissenschaftlichen phöniz. i-schefannim auch die Deutung «Land der Metallplatten» 18 Elefanten gab es im Orontestal. Ob auch im oberen Jordanlauf
damalige Landschaft muss vor dem inneren Auge durch Zeichnerinnen Barbara Connell und Susanne Staubli, sollen erwogen: DNP 5, 618. Elefanten lebten, ist nicht sicher.
Analogieschlüsse und Vergleiche mittels antiker Bilder und helfen, die Vielfalt der Fauna und ihre spezifische Zusam- 5 Nach J. Kingdon, Field guide to african mammals, Academic Press, 19 H.-P. Uerpman, The Ancient Distribution of Ungulate Mammals in
London 1997. Den Hinweis verdanke ich J.-P. Müller, Direktor des the Middle East. Beiheft TAVO A 27, Wiesbaden 1987.
Texte und archäologischer Knochenanalysen rekonstruiert mensetzung in diesem relativ kleinen geographischen Raum Bündner Natur-Museums, Chur. 20 Wann die letzten Strausse in der Arabah erlegt worden sind, ist
werden. Allerdings ist das Puzzle dieser Daten aufgrund schnell zu erfassen. Die Rekonstruktionen, als Schaubilder 6 Y. Karmon, Israel. Eine geographische Landeskunde (Wissenschaft- unbekannt.
der Neuheit dieser Methoden noch ziemlich zufällig und für einen didaktischen Comicstrip gezeichnet, 24  zeigen liche Länderkunden 22), Darmstadt, 2. Aufl. 1994, 107f. 21 F. Krupp/W. Schneider, Bestandserfassung der rezenten Fauna im
7 F. D. Por, Lessepsian Migration: The Influx of Red Sea Biota into the Bereich des Nahr al-‡ªb¨r: H. Kühne (Hg.), Die rezente Umwelt von
lückenhaft, denn «ohne Zweifel wurden viele Arten aus- – wie auch die meisten Zoos - Tiere, die für den Menschen Mediterranean by Way of the Suez Canal (Ecological Studies 23), Tall fi´” “amad und Daten zur Umweltrekonstruktion der assyrischen
gerottet, noch bevor sie nachgewiesen werden konnten»22 . besonders augenfällig sind, also mehrheitlich Grosssäu- Berlin/New York 1978. Stadt D¨r Katlimmu, Berlin 1991, 77.
Will man sich von der antiken Landschaft mit ihren Tieren ger. Man sollte sich aber dessen bewusst sein, dass etwa 8 K. M. Kenyon, Archäologie im Heiligen Land, Neukirchen-Vluyn, 2. 22 Ebd. 78.
Aufl. 1976, 131. 23 W. Frey/Hartmut Kürschner, Die aktuelle und potentielle natürliche
trotzdem ein Bild machen, und das tun wir letztlich, bewusst Insekten und Wirbellose in ungleich grösserer Vielfalt und 9 R. Gophna/N. Liphschitz/S. Lev-Yadun, Man’s Impact on the Natural Vegetation im Bereich des unteren ‡ªb¨r (Nordost-Syrien). Mit einer
oder unbewusst, alle, muss eine gehörige Portion Intuition Menge Land und Luft bevölkerten. Unter den Säugetieren Vegetation of the Central Costal Plain of Israel during the Chalco- Rekonstruktion der Vegetationsverhältnisse um D¨r Katlimmu/Tall
dazukommen. Wissenschaftler scheuen davor, wegen der gehörten die auf den Bildern ebenfalls fehlenden kleinen lithic Period and the Bronze Age: TA 13 (1986) 71-84. fi´” “amad in mittel- und neuassyrischer Zeit: H. Kühne (Hg.), Die
10 Varro, Rust. 1.2.14-16. rezente Umwelt von Tall fi´” “amad und Daten zur Umweltrekon-
Angreifbarkeit konkreter Bilder, zumindest in der Öffent- Nagetiere und Fledermäuse zu den Artenreichsten in der 11 Babylonischer Talmud, Traktat Baba Kama 81a. struktion der assyrischen Stadt D¨r Katlimmu, Berlin 1991, 101 mit
lichkeit, zurück. Eine löbliche Ausnahme sind die unter der Region (vgl. Kat. 52). 12 I. Finkelstein, The Archaeology of the Israelite Settlement, Jerusalem Abb. 59.
1988, 349. 24 T. Staubli, Tiere in der Bibel – Gefährten und Feinde, Berg am Irchel
2001.

Abb. If: Steppe (Jordansenke; ca. 200m u.M.) mit Schirmakazien, Löwinnen, Abb. Ig: Felsbiotop (Judäische Wüste; ca. Meereshöhe) mit Nubischem
Wildschwein mit Frischlingen, Syrische Strausse, Dorkas-Gazelle und Onager. Steinbock, Leopard oder Panther, Klippschliefer und Dornschwanz.

19 Kapitel I Historische Tiergeographie 20


Kapitel II

Warum die Hebräerinnen ihren Kindern Namen wie «Hund», teilweise auch Sesshaften ausgehandelt werden mussten. Die
Schafe lieferten Wolle, die zu Teppichen und Kleidern, und
physiognomischen und organischen Folgen der Domesti-
kation gehören: 1. die Verzögerung des Alterungsprozesses,
«Schaf», «Esel» und «Kuh» gaben Milch, die zu Joghurt und Käse weiterverarbeitet wurden. 2. Grössenveränderungen (Rinder und andere Grasfresser
Haustierwerdung und Wertung der Tiere Aus dem Ziegenhaar wurden Zeltbahnen gewoben. Die zu- wurden kleiner, Pferde, Hühner und Menschen grösser), 3.
sammengenähte Ziegenhaut konnte als Butterfass dienen. Veränderungen der Hörner (Weibliche Paarzeher verlieren
Thomas Staubli Hunde bewachten das Lager, frassen Abfälle und halfen bei die Hörner; die bogenförmigen Krummhörner der Ziegen
Hinweise zur Haustierwerdung im Vorderen Orient der Jagd. Esel dienten als lokale Transportmittel, Kamele erhalten eine spiralförmige Form), 4. Verlängerung der Oh-
dem Fernverkehr im Handelsgeschäft und als Kapitalanlage. ren (ausser beim Pferd), 5. Vergrösserung des Fettschwanzes
Die Domestikation vieler Haustiere fand vor rund 10‘000 Jahren in der sogenannten vorkeramischen Jungsteinzeit statt. Für ein so Unter günstigen Bedingungen konnte auch ein Rind und bei Schafen, 6. Verlängerung der Mähne beim Pferd, 7.
weit zurückliegendes Ereignis gibt es naturgemäss verschiedene Erklärungen. Sie sind umso nötiger, als die Sammler- und Jägerkultur ein Mastkalb gehalten werden. Komplexe föderalistische Ringelung des Schwanzes bei Hunden und Schweinen, 8.
im Vergleich zu den frühen Tierhaltergesellschaften bequemer war. Untersuchungen der Buschmenschen in der Kalahari haben gezeigt, Strukturen waren nötig, um das friedliche Nebeneinander Entstehung der Fähigkeit zur Milchzuckeraufnahme bei
dass diese Spezialisten einer extrem unwirtlichen Gegend selten Mangel leiden, und das bei nur rund 42 Stunden Arbeit in der Woche. beduinischer Gruppen zu organisieren. Intern wurde das erwachsenen Menschen.
In diesem Zusammenhang wird daher auch von der ältesten Überflussgesellschaft gesprochen.1  feinmaschige System durch eine radikale Rollenaufteilung
zwischen den Geschlechtern gestützt, wobei den Frauen Domestikation als Prozess (vgl. auch Abb. IIa)
Gründe für die Domestikation verwaister Jungtiere von auf der Jagd erlegten Eltern die vor allem die Arbeit und den Männern vor allem die Ehre In der Frühzeit der Domestikationsgeschichte sind zwei
Obwohl die Theorien zur Erklärung der Domestikation Zähmung und schliesslich die Domestikation von Tieren zukam.5  grosse Entwicklungsschübe zu verzeichnen. Im Verlauf der
manchmal gegeneinander ausgespielt werden, schliessen sie eingeleitet haben. Die grössere Häufigkeit von Männergräbern im Natufium vorkeramischen Jungsteinzeit (ca. 10‘200-5500) fanden die
sich gegenseitig nicht aus. Sie scheinen vielmehr verschie- bedeutet nicht, dass es damals mehr Männer als Frauen revolutionären Zähmungs- und gegenseitigen Anpassungs-
dene Aspekte ein- und derselben Entwicklung zu beleuchten, Voraussetzungen für die Domestikation gegeben hätte, sondern dass ihnen häufiger die Ehre eines prozesse statt. In dieser Phase dienten die Tiere als Ersatz
die nicht an einem einzigen Ort stattgefunden hat2 , sondern Nicht jedes Tier ist domestizierbar. Zu seinen notwendigen aufwendigen Grabes zukam als Frauen. Das ist ein früher für die bisherige Jagdbeute in erster Linie als Fleisch- und
phasenverschoben und mit unterschiedlichen Ausprägungen Domestikationsanlagen gehören: 1. Die Bildung von Hier- Hinweis auf ein gewisses Prestigegefälle zwischen den Ge- Felllieferanten. Sie wurden relativ jung geschlachtet. Erst in
in verschiedenen Regionen des Vorderen Orients stattfand: archien, in die der Mensch als Führer eindringen kann. 2. schlechtern, doch scheint die Jäger- und Sammlergesellschaft der keramischen Jungsteinzeit (ca. 5500-4500) und in der
1. Die Domestikation von Tieren kann als eine logische Das Fehlen von Fluchtinstinkten. 3. Ein friedlicher, anpas- noch keine ausgeprägten Hierarchien und Rollenteilungen Kupfersteinzeit (ca. 4500-3500) bedienten sich die Menschen
Konsequenz aus der natufischen Lebensweise der Jäger und sungsfähiger Charakter und ein gewisser Herdentrieb. 4. (zum Beispiel zwischen Jägern und Sammlerinnen) gekannt mehr und mehr der Sekundärprodukte ihrer Haustiere. Es
Sammlerinnen in ganzjährigen Lagern verstanden werden. Die Fähigkeit, bis zu einem gewissen Grad auf Menschen zu haben.6  Für die Jungsteinzeit stehen detaillierte Gender- kann archäologisch nachgewiesen werden, dass die Tiere
Sie führte zu einer Verknappung des Wildes und des Landes. bzw. eine andere Spezies einzugehen. Alle diese Punkte sind Studien zur Zeit noch aus. Doch spätestens zu Beginn der jetzt im Durchschnitt älter wurden. Die grasfressenden
Gleichzeitig erwärmte sich das Klima und ging der Nieder- beispielsweise beim ältesten Haustier, dem Hund, in ausge- Frühbronzezeit lassen sich in den ältesten Schriftkulturen Wiederkäuer wurden gemolken. Aus der nicht getrunkenen
schlag zurück, was die Verknappung durch Einschränkung zeichneter Weise gegeben. Demgegenüber ist die Domesti- ausgeprägte patrilineare, männerdominierte Gesellschaften Milch wurden Joghurt und Käse hergestellt. Nach und nach
des Vegetationswachstums noch förderte. Domestikation kation der Gazelle, dem wichtigsten Fleischspender vor der fassen. Es scheint, dass die neolithische Revolution, also auch entstand eine ausgeklügelte Vorratshaltung. Die Schafwolle
wäre demnach eine Erfindung aus der Not heraus. Diese Domestikation anderer Grasfresser, wegen der ausgeprägten die Tierdomestikation und speziell die seit der Frühbronze- wurde zu Garn gedreht und verwoben. Der Tierdung diente
Theorie betont den menschlichen Geist und Willen. 3  Fluchtinstinkte der Tiere nie gelungen. zeit belegte Nutzanwendung pflügender Rinder unter dem als Brenn- und Abdichtmaterial. Die Rinder wurden unter
2. Die Domestikation ist ein gegenseitiger Anpassungs- Folgen der Domestikation Joch (s. Abb. IIa) zu einem massiven Prestigegewinn der Joche gespannt und zum Pflügen angehalten (Abb. IIb). Der
prozess von Mensch und Tier, die Herausbildung einer Die weitreichenden Folgen der Domestikation von Tieren Männer und zu einer Hierarchisierung der Geschlechter Esel taucht als Transporttier auf und das Pferd als Status-
Symbiose, die beiden Seiten Vorteile bringt, aber auch für lassen sich zum Beispiel am Beduinentum ablesen, einer führte. symbol. Man spricht in diesem Zusammenhang von einer
beide Seiten Veränderungen in der Lebensweise zur Folge relativ jungen Lebensform, die sich im Vorderen Orient nach Die Domestikation veränderte nicht nur die Lebensge- weiteren Revolution, der «Sekundärprodukterevolution». In
hat. Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die Haustier- der Verbreitung des domestizierten Kamels in der Mitte des 1. wohnheiten der Tiere und Menschen, sondern auch ihren diese Phase gehört auch die Domestikation des Schweines,
werdung als evolutive Notwendigkeit, die sich gleichsam Jt. v. Chr. herauszubilden begann. Die gemischten Kleinvieh- Körper, bis hinein in den Knochenbau. Das ermöglicht den das zunächst wohl als Kulturfolger von den wachsenden
von selbst einstellt, wenn sich die Wege von Menschen und herden wurden in einem jährlichen Turnus (Transhumanz) KnochenspezialistInnen heute eine erstaunlich detailreiche Abfallhaufen menschlicher Grosssiedlungen angezogen
Tieren kreuzen.4  So könnte beispielsweise die Aufzucht auf Weidegründe geführt, die mit anderen Stämmen und Nachzeichnung des Domestikationsprozesses. Zu diesen wurde.

Abb. IIa: Graphische Übersicht zur Haustierwerdung in Palästina/Israel bis 3‘000 v.

21 Haustierwerdung und Wertung der Tiere 22


Wann und wo fand die Domestikation statt? Rind (Bos primigenius taurus): Schwein (Sus scrofa): Tauben verzierte Tempelmodelle waren auch in der Levante
Auf diese Frage sind für jedes Tier nur annäherungsweise Alle Rinderrassen haben den heute ausgerotteten Aueroch- Wildschweine waren in Regionen mit mehr als 300mm verbreitet.14  Die Löcher auf einigen dieser Modelle könnten
Antworten möglich. Die folgende Liste versucht einen knap- sen (Bos primigenius primigenius) als Urahnen. Wahrschein- Jahresniederschlag im ganzen Gebiet des fruchtbaren als Einfluglöcher für die Tauben verstanden werden.15  Ab
pen Überblick zu vermitteln. Sie präsentiert die wichtigsten lich wurde er im kurdischen Bergland domestiziert. In der Halbmondes weit verbreitet (Kat. 38). Erst grossflächige hellenistischer Zeit sind in Palästina Taubenschläge und
altorientalischen Haustiere in der Reihenfolge ihres Erschei- Levante tauchen Rinder in der ausgehenden vorkeramischen Entwaldungen und Entsumpfungen haben seine Lebens- teilweise unterirdische Kolumbarien belegt.16  Damals, paral-
nens im Vorderen Orient: Jungsteinzeit auf. Die für Palästina/Israel typische Rasse räume eingeschränkt. Das Hausschwein wurde von zwei lel zum Aufkommen des Haushuhnes (s.u.), verlagerte sich
hat einen Fettbuckel auf Nackenhöhe (Kat. 73), der dieselbe lokalen Wildschweinarten her gezüchtet. Zwischen 8500 die Bedeutung der Tauben auf die von Düngerlieferanten.
Hund (Canis familiaris): Funktion erfüllt, wie der Fetthöcker des Kamels (Kat. 20). und 8000 v. Chr. sind Hausschweine in Südanatolien bzw. In der Selbstversorgungslandwirtschaft Palästinas spielt die
Älteste Belege des vom Wolf (Canis lupus) abstammenden Das Verhältnis von Kleinvieh (Ziegen, Schafe) zu Rindern Nordsyrien belegt, die von Sus scrofa attila im Gebiet von Taube aber auch als Fleischspenderin bis in die Gegenwart
Tieres kommen aus dem Iraq (Palegawra-Höhle, ca. 10‘000 schwankte in der südlichen Levante zwischen 10:1 in den Tauros und Zagros abstammen. Das von Sus scrofa libycus hinein eine Rolle,17  die unter den prekären Verhältnissen der
v. Chr.), in Palästina/Israel aus Ein Mallacha (ca. 9‘600 v. Wüstenrandzonen und 1,5:1 an der Küste. Im judäischen in der Levante und Ägypten abstammende Hausschwein ist Intifada wieder zunimmt. Zur reichen Symbolik der Taube
Chr.), wo eine Frau zusammen mit einem Hunde- oder Hügelland lag es bei 7:1. Rechnet man allerdings nicht nach ab 6000 v. Chr. in Palästina/Israel belegt.11  Besonders in der vgl. die Einleitung zu Kap. V und Kat. 63-72.
Wolfswelpen begraben worden ist.7  Da Hunde nicht wegen Stückzahlen, sondern nach Fleischgewicht, so machten die keramischen Jungsteinzeit und in der Kupfersteinzeit war
ihres Fleisches domestiziert wurden, ihre Knochen also Rinder seit der keramischen Jungsteinzeit im Durchschnitt das Schwein eine Hauptnahrungsquelle der entstehenden Kamel (Camelus dromedarius):
nicht in den menschlichen Abfallgruben zu finden sind, ist immer den weitaus grössten Anteil aus.10  In einer grossen Stadtgesellschaften. Dank der schnellen Reproduktionszeit Die Tragzeit einer mit fünf Jahren geschlechtsreifen Kamel-
ihr Nachweis nicht unproblematisch und der Übergang vom Zahl von Kunstprodukten mit vielfältiger Segenssymbolik und einer hohen Geburtenrate stellten Schweine eine wich- stute beträgt zwölf Monate bei einer Sterblichkeitsrate der
Wolf zum Hund schwierig zu bestimmen. Aussergewöhnlich zeigt sich denn auch ihre hohe Bedeutung als Opfertiere bzw. tige Proteinquelle dar. Zur Tabuisierung des Schweins im Kamelkälber von 30%. Domestizierte Kamele waren daher
für den Vorderen Orient ist der Fund eines Hundefriedhofes Fleischspender (Kat. 8, 27-32), Milchquelle (Kat. 9-11) und Vorderen Orient s. Einleitung zu Kap. III und Kat. 39-41. als Nahrungsspender für Menschen nie interessant, wohl
bei Aschkelon aus persischer Zeit. Möglicherweise besteht nicht zuletzt als kraftvolle Zugtiere (Kat. 65), als welche sie aber als Transporttiere, die dem Wüstenklima hervorragend
ein Zusammenhang zur damals internationaleren Bedeu- die Landwirtschaft und damit die menschliche Entwicklung Esel (Equus asinus asinus): angepasst sind (Kat. 20-21). Die Geschichte ihrer Domesti-
tung der mesopotamischen Heilgöttin Gula, der der Hund nach der Erfindung des Pfluges grundlegend revolutionieren Der Hausesel stammt vom Nubischen Wildesel (Equus asinus kation ist somit eng verbunden mit der Entwicklung von
heilig war (vgl. Kat. 7).8  halfen (Abb. IIb). africanus) ab. Er erscheint erst mit der Sekundärproduktere- Kamelsätteln (Kat. 22-23), denn der Fettbuckel auf dem
volution im 4. Jt. v. Chr. als Haustier, wahrscheinlich zuerst Rücken des Tieres ist dem Reiten hinderlich. Älteste Kno-
Ziege (Capra hircus): in Ägypten. Seine Domestikation in der südlichen Levante ist chenbelege domestizierter Tiere stammen von 2700-2600
Die äussert anspruchslose und flexible Hausziege (Kat. 1, aber nicht ausgeschlossen. Die ältesten Belege aus Palästina/ v. Chr. aus Umm an-Nar (Oman).18  In der Levante kam das
4f) stammt von der Persischen Wildziege (Capra aegagrus) Israel stammen aus dem frühbronzezeitlichen Arad. Der Esel Kamel als Transporttier erst im 1. Jt. v. Chr. auf, wo es vor
ab. Bisher glaubte man, dass sie in der ersten Hälfte des 9. diente in erster Linie als Lasttier (Kat. 12-13), lokal auch als allem entlang der Weihrauchstrasse und des Königsweges,
Jt. v. Chr. im Zagrosgebirge domestiziert wurde. Neueste Reittier (Kat. 14). Eselbegräbnisse aus der Mittelbronzezeit den damals wichtigsten internationalen Transportwegen zu
Untersuchungen scheinen zu zeigen, dass deren Bestände IIB (1750-1550 v. Chr.) in der südlichen Levante bezeugen die Lande zwischen Südarabien und dem Mittelmeer, belegt
im Libanon und Anti-Libanon, wohin sich die Ziegen wohl hohe Wertschätzung des Tieres als Grundlage und Ausdruck ist.19  Die Erfindung eines vom Pferdereitsattel abgeleiteten
im Konkurrenzkampf mit anderen Grasfressern der Gegend für Prosperität in Wirtschaft und Politik.12  Kamelreitsattels (schaddad-Sattel) um 500 v. Chr. durch die
zurückgezogen haben, die ersten waren, die domestiziert Nabatäer in Transjordanien leitete die Blütezeit des ara-
worden sind, nämlich bereits in der Mitte des 10. Jt. v. Chr., Pferd (Equus caballus): bischen Fernhandels und die Etablierung der beduinischen
und zwar im angrenzenden Damaskus-Becken, wo Wild- Traditionellerweise wird angenommen, dass die Pferdedo- Lebensweise ein.
ziegen nicht vorkamen. Wegen ihrer Domestizierbarkeit mestikation von Zentralasien ausging. Wildpferde scheinen
lösten sie die seltener gewordenen Gazellen, die wichtigsten aber bis in die Kupfersteinzeit hinein im Vorderen Orient Huhn (Gallus domesticus):
Fleischlieferanten der steinzeitlichen Jäger, allmählich ab. vorgekommen zu sein. Die ältesten Belege für die domes- Die späte Einführung des Haushuhnes als Haustier im
Neue Funde aus Zypern, wo die Wildziege nie heimisch tizierte Form stammen wie beim Esel aus dem frühbron- Vorderen Orient liegt in der weit entfernten Heimat des Ban-
war, scheinen zu belegen, dass schon im 10. Jt. v. Chr. do- zezeitlichen Arad.13  Mit seinem Bedarf an hochwertigen kivahuhnes (Gallus gallus) in den südasiatischen Regen- und
mestizierte Exemplare aus dem Libanon ausgeführt worden Körnern ist das Pferd ein Nahrungsmittelkonkurrent des Buschwäldern begründet, wo es bereits in der Jungsteinzeit
sind.9  Menschen. Die Pferdehaltung blieb daher im Vorderen domestiziert worden ist. Vermittelt über Inder und Assyrer
Schaf (Ovis ammon aries): Orient durch alle Zeiten hindurch ein Luxusphänomen mit gelangte es in den Vorderen Orient, von wo aus es durch
Im Gegensatz zur Ziege scheinen Schafe nur im kurdischen entsprechend ambivalenten Auswirkungen für die Sym- Phönizier und Griechen spätestens ab dem 8. Jh. v. Chr.
Bergland domestiziert worden zu sein, von wo aus sie schon bolik des Tieres (Kat. 17-18), dem man ab der Perserzeit in im ganzen Mittelmeerraum verbreitet wurde, die Funktion
in der 2. Hälfte des 9. Jt. v. Chr. in der Levante eingeführt Palästina/Israel fast ausschliesslich als Reittier von Kriegern lokal gejagter und vielleicht auch gehegter Hühnerarten wie
wurden. Wenn das richtig ist, dann ist das Elburs- oder Ira- begegnete (Kat. 19). des Halsbandfrankolins (Francolinus francolinus) übernahm,
nische Wildschaf (Ovis ammon orientalis) sein Ahne. Ab dem die Taubenzucht teilweise verdrängte und rasch eine reiche
8. Jt. v. Chr. wurden Ziegen und Schafe in gemischten Her- Taube (Columba livia): Symbolik entfaltete (Kat. 42-45). In persischer und hellenis-
den durch die Steppen und Wüstenrandzonen des Vorderen Knochen domestizierter Felsentauben sind bisher wie die tischer Zeit nahm die Bedeutung des Spätlings im Haustier-
Orients getrieben (Kat. 3). Bei domestizierten Schafen wurde Knochen anderer Vögel und Kleinsäuger bei Ausgrabungen repertoir explosionsartig zu. Im hellenistischen Aschkelon
durch Züchtung ein grosses Formenspektrum erreicht. nur selten nachgewiesen worden. Umso wichtiger sind text- sind verschiedene Hühnerrassen bezeugt.20  Heute ist es als
Das im Vorderen Orient verbreitete Awassi-Schaf hat einen liche und bildliche Zeugnisse, die belegen, dass diese Vögel Ei- und Fleischspender in Israel das mit Abstand wichtigste
Fettschwanz (Kat. 4), der dieselben Funktionen erfüllt, wie Abb. IIb: Zwei Rinder unter dem Joch. Trankopferschale der Frühbron- spätestens seit Mitte des 3. Jt. v. Chr. als Heilige Tiere der Haustier.21  Weitere Details s. Einleitung zu Kap. III.
der Fetthöcker des Kamels (Kat. 20). zezeit (4. Jt. v. Chr.) aus der Gegend von Tell el-Fara‘ Nord. Ischtar in den Tempeln dieser Göttin gehalten wurden. Mit

23 Kapitel II Haustierwerdung und Wertung der Tiere 24


Elefant (Elephas maximus bengalensis): Lit.: Ofer Bar-Yosef, Earliest Food Producers – Pre Pottery Neolithic Othmar Keel
Der syrische Elefant war vermutlich schon ein halbes Jahr- (8000-5500): T.E. Levy (ed.), The Archaeology of Society in the Holy Tiere als Gefährten und Feinde
Land, London 1998, 190-204. – J. Clutton-Brock, A Natural History
tausend lang ausgerottet (s. Einführung zu Kap. I) und das of Domesticated Animals, Cambridge 1987. – Edwin Firmage, Art.
Zoology (Fauna): ABD VI, 1109-67. – OLB I, 100-181.
Die Beschäftigung mit alten Kulturen stellt oft manches in Frage, was uns selbstverständlich ist und konfrontiert uns mit Modellen, die
Wissen um dieses Tier verschwunden, als indische Elefanten,
uns fremd berühren. Sie können nicht nur unseren Wissenshorizont erweitern, sondern auch Alternativen bieten. «Gar nicht so dumm!
eine andere Untergruppe der asiatischen Elefanten, im ma-
1 M. Sahlins, Culture and Practical Reason, Chicago 1976. Davon könnte man sich anregen lassen!» Manchmal demaskieren diese fremden Modelle unsere Praktiken, indem bei uns nur angedeu-
kedonischen Heer Furcht und Schrecken verbreiteten (Kat. 2 Der neuerdings geäusserten Auffassung, die Domestikation der
Herdentiere habe an einem einzigen Ort in der Südosttürkei statt-
tete Linien kräftig ausgezogen werden und deutlich wird, dass wir an Einstellungen teilhaben, die wir gern als längst überholt einstufen.
24). Das seit 3500 v. Chr. im Industal gezähmte Tier blieb
gefunden (S. Lev-Yadun/A.Gopher/S.Abbo, Enhanced: the cradle Auch im Umgang des Menschen mit der Tierwelt ist die Vergangenheit nicht tot, ja nicht einmal vergangen.
für den Vorderen Orient eine episodenhafte Erscheinung.
of agriculture: Science 288 [2000] 1602.) wird von den meisten
Aber auch in seiner angestammten Heimat ist es kein ei- Spezialisten widersprochen. Die Zähmung und Domestikation ausgewählter Tiere führte Tempel- und assyrischen Palastreliefs den König, der nebst
gentliches Haustier, sondern wird immer wieder neu aus 3 M. Harris, Cannibals and Kings, New York 1977; A. S. Gilbert, The zur Unterscheidung von ‹Haustieren› und wilden Tieren. menschlichen Feinden, Löwen, Wildesel und Wildrinder
Wildbeständen gefangen und gezähmt.22  Native Fauna of the Ancient Near East: B. J. Collins (ed.), A History
of the Animal World in the Ancient Near East, Leiden 2002 (i.D.) Die Haustiere bildeten einen Teil der menschlichen, der ‹bekämpft›. Seine Herrschaft auch über unwegsame Ge-
nennt die Haustiere gar «The first organisms intentionally molded Kulturwelt, die wild lebenden Tiere wurden wegen ihrer biete wie Wald und Gebirge demonstriert er durch die Jagd
to the needs of humanity». Beweglichkeit und Vitalität bewundert, häufig jedoch auch auf Hirsche und Steinböcke. Ein erfolgreicher König wie
4 J. Clutton-Brock (Lit.).
5 E. Biasio, Beduinen im Negev. Vom Zelt ins Haus, Zürich 1998. als Teil einer bedrohlichen, chaotischen, feindlichen Welt Nebukadnezzar (Nabuchodonosor) besitzt nicht nur die
6 P. J. Crabtree, Gender Hierarchies and the Sexual Division of Labor in gefürchtet und bekämpft. Während die domestizierten Tiere Herrschaft über alle Völker, sondern auch über die wilden
the Natufian Culture of the Southern Levant: D. Walde/N. D. Willows dem Menschen vielerlei Nutzen brachten, sein Besitztum Tiere (Jeremia 26,6 und 28,14). Die Legitimation Davids
(ed.), The Archaeology of Gender: Proceedings of the Twenty-Se-
cond Annual Conference of the Archaeological Association of the bewachten und verteidigten (Hund), Milch, Wolle, Haare als Krieger und König beruht unter anderem auf seiner
University of Calgary, Calgary 1991, 384-391. und Fleisch lieferten (Schaf, Ziege), seine Lasten trugen und Schilderung als Hirte, der erfolgreich Löwen und Bären
7 P. Wapnish/Brian Hesse, Art. Dogs: OEANE II, 166. seinen Pflug zogen (Rind, Esel), bedrohten die wildlebenden bekämpfte, die sich an seiner Herde vergriffen hatten (1
8 L. E. Stager, Why Were Hundreds of Dogs Buried at Ashkalon?: BAR
17/3 (1991) 26-42. Tiere sein eigenes und das Leben seiner Tiere (Löwe, Bär, Samuel 17,34-36).
9 A. Wasse, The Wild Goats of Lebanon: Evidence for Early Domesti- Panther) und verwüsteten seine Felder und Weinberge
cation?: Levant 33 (2001) 21-33 (dort ältere Lit.). (Wildesel, Onager, Wildrind, Wildschwein, Fuchs). In der Im Gegensatz zu den wilden Tieren bilden die Haustiere
10 C. Grigson, Plough and Pasture in the Early Economy of the Southern
Levant: T. E. Levy (ed.), The Archaeology of Society in the Holy Land, ‹Babylonischen Theodizee›, einem Text, der etwa um 800 einen Teil der menschlichen Gesellschaft. Sie stellen nach
London 1998, 252, Fig. 6a. v. Chr. entstanden ist und die Gerechtigkeit der Welt und den Kindern, den Knechten und Mägden eine Art äussers-
11 B. Hesse: Art. Pigs: OEANE IV, 348. Gottes aus einseitig menschlicher Sicht verteidigt, wird ge- ten Ring der konzentrisch vorgestellten Familie dar. Sie
12 T. Staubli, Stabile Politik – florierende Wirtschaft und umgekehrt.
Eine rechteckige, beidseitig gravierte Platte der Hyksoszeit: ZDPV sagt: «Den vollkommenen Onager schau an auf [der Steppe],/ stehen noch vor den Fremden, etwa in den Zehn Geboten
117 (2001) 97-115. der die Fluren zerwühlt; den Renner verstümmelt der Pfeil./ (Deuteronomium 5,14; Exodus 20,10). Die Domestikation
13 P. Wapnish/Brian Hesse: Art. Equids: OEANE II, 255f mit Hinweis Den Feind des Viehs, den Löwen, den du erwähntest, sieh scheint sich damals noch nicht so tief und konsequent
auf Richard H. Meadow/Hans-Peter Uerpmann (eds.), Equids in the
Ancient World, Wiesbaden 1986 und 1991. gefälligst genau an!/ (Für) den Frevel, den der Löwe beging, ausgewirkt zu haben wie heute. Stössige Rinder stellten
14 J.-C. Margueron et al., Maquettes antiques – architecturales, réelles ist ihm die Fallgrube geöffnet!»1  ein beträchtliches Problem dar. Es wird in altorientalischen
ou symboliques: Les Dossiers d’Archéologie no. 242, avril 1999. Rechtsbüchern wiederholt behandelt.3  Dennoch bilden sie
15 M. Ohnefalsch-Richter, Kypros, die Bibel und Homer. Beiträge zur
Cultur-, Kunst- u. Religionsgesch. d. Orients im Alterthume, Berlin Diese ganz und gar auf den Menschen zentrierte Sicht einen festen Bestandteil der Kulturwelt. Wie die Knechte
1893, 281ff. wird im Alten Orient nur äusserst selten durchbrochen und Mägde sollen sie Anteil an der Sabbatruhe haben und
16 I. Ziffer, «O my Dove, that Art in the Clefts of the Rock». The Dove- und von einer Schau abgelöst, in der der Mensch nur Teil sich von den sechs Tagen Plackerei am siebten Tage erholen
Allegory in Antiquity, Tel Aviv 1998, 21*-31*.
17 AuS VII, 256-262. eines grösseren Ganzen ist und auch Löwe und Onager ihre können (Deuteronomium 5,14; Exodus 20,10). Sie sollen
18 E. Hoch, Reflections on Prehistoric Life at Umm an-Nar (Trucial Daseinsberechtigung haben.2  In der Regel herrscht das am auch ihren gerechten Anteil am Ertrag der Arbeit haben. So
Oman) Based on Faunal Remains from the Third Millennium B.C.: Nutzen des Menschen orientierte Denken, wie es auch in verbietet ein Gesetz, dem dreschenden Rind das Maul zu
South Asian Archaeology, Napoli 1977, 589-638.
19 T. Staubli, Das Image der Nomaden im Alten Israel und in der Mitteleuropa noch bis in die Mitte des 20. Jh. dominierte, wo verbinden (Levitikus 25,4). Der Städter Paulus konnte sich
Ikonographie seiner sesshaften Nachbarn (OBO 107), Freiburg in den Schulzimmern Bilder mit nützlichen und schädlichen nicht vorstellen, dass Gott sich um Rinder kümmert. Er will
(CH)/Göttingen 1991, 184-198. Vögeln hingen. ‹Schädlich› waren die Nahrungskonkur- das Gesetz im übertragenen Sinne verstanden wissen: Der
20 B. Hesse, Animal Husbandry and Human Diet in the Ancient Near
East: Jack M. Sasson, Civilizations of the Ancient Near East, Vol. I, renten des Menschen wie Spatz, Graureiher (früher: Fisch- Apostel hat ein Recht von seiner Arbeit zu leben (1. Korinther
New York 1995, 220. reiher), Habicht (volkstümlich ‹Hühnerdieb›), ‹nützlich› 9,9f). Weit gefehlt! Der Gott des Alten Testaments kümmert
21 Y. Karmon, Israel. Eine geographische Landeskunde (Wissenschaft- Insektenvertilger wie Schwalbe, Kohlmeise, Grasmücke. sich tatsächlich um Rinder. In den Übersetzungen ist zwar
liche Länderkunden 22), Darmstadt, 2. Aufl. 1994, 100f.
22 Grzimek III, 501. Dass auch zu Beginn des 21. Jh. diese Sicht noch lange statt von Rindern immer wieder von ‹Ochsen› die Rede.
nicht überwunden ist, zeigen die erbitterten Auseinander- Aber Ochsen (kastrierte Stiere) dürfte es kaum gegeben ha-
setzungen in der Schweiz um die Wiederansiedlung des ben. Die Kastration der Stierkälber war verboten (Levitikus
Luchses und des Wolfs. 22,24). Auch dahinter steht ein Kummer und ein Kümmern
Gottes. Die alttestamentlichen Gesetze verbieten eine ganze
Aus dieser Sicht, die dem Menschen, der um seine Existenz Reihe weiterer brutaler Eingriffe in das Leben der Tiere.4 
oder eine bessere Existenz kämpft, naheliegt, hatte im Alten Diese Verbote lassen sich teilweise auf Nützlichkeitsüber-
Orient der König, der der Repräsentant der menschlichen legungen zurückführen, teilweise auf die Vorstellung, dass
Interessen, der ‹Kultur› schlechthin, war, nicht nur die Tiere Eigenheiten göttlicher Mächte repräsentierten (vgl.
menschlichen Feinde seines Volkes, sondern auch die tie- unten zum Verbot, das Böcklein in der Milch seiner Mutter
rischen in Schach zu halten. So sehen wir auf altägyptischen zu kochen).

25 Kapitel II Haustierwerdung und Wertung der Tiere 26


Es gibt aber auch Stellen, die man – ohne moderne Vorstel- Tier zu erhalten. Die Forderung nach Herrschaft ist aus der Ingrid Glatz
lungen in alte Texte einzubringen – schlicht als tierschütze- Exilssituation zu verstehen. In Judäa war die menschliche Tiernamen als Personennamen
risch bezeichnen kann. Am deutlichsten Sprüche 12,10: «Der Bevölkerung durch Deportationen und Kriege geschwächt
Gerechte weiss um die Bedürfnisse seines Viehs./ Der Skru- worden. Löwen und andere Fleischfresser nahmen über- Würden Sie ihr Kind «Esel» taufen? In unserer westlichen Welt wählen Eltern für ihre Neugeborenen solche Namen, die sie als wohlklin-
pellose ist grausam.» Das Wort jodea≤, das hier mit «weiss hand. Mindestens war das die Vorstellung der Exilierten, gend oder, weil man ihn mit irgendeiner verehrten Grösse assoziiert, als interessant empfinden. Da und dort ist es auch üblich, Kinder
um» übersetzt ist, deckt einen Bedeutungsbereich, der vom unter denen das Schlagworte zirkulierte, das Land sei eine nach den verstorbenen Grosseltern zu nennen. Demgegenüber wählte man in Israel wie auch in andern semitischen Kulturen zur Zeit
blossen Feststellen bis zum Ziehen von Konsequenzen «Menschenfresserin» geworden und es sei unmöglich und des Alten Testaments hauptsächlich Namen, die eine Eigenart des Kindes (z. B. charchur «schwärzlich»), den Dank an die Gottheit für
reicht. Das mit «Bedürnisse» übersetzte Wort næfæsch, be- sinnlos dorthin zurückzu­kehren (vgl. Numeri 13,32; 2 Kö- das Kind (z. B. mattatjah «Geschenk Jhwhs») oder eine Bitte an die Gottheit (z. B. jebarechjah «Jhwh möge segnen) zum Ausdruck
deutet die vitalen Ansprüche, die ein Lebewesen hat, etwa nige 17,26; Ezechiel 36,13f). Die Priesterschrift, die für die brachten. Neben Namen die geistige und körperliche Eigenschaften hervorhoben, oder die enge, bestehende oder gewünschte Verbindung
der Fremde (Exodus 23,9). Man kann die erste Vershälfte Rückwanderung plädiert, fordert angesichts dieser Situation zu Jhwh aufzeigten, wurden Namen verwendet, die eigentlich Pflanzen oder Tiere bezeichnen.
frei übersetzen: «Ein anständiger Mensch hält seine Tiere in Genesis 1 dazu auf, über die Tiere zu herrschen.
artgerecht.» Diese Übersetzung benutzt zwar ein modernes Wie kam man dazu, seinen Kindern Tiernamen zu nung im Fels;/ die Heuschrecken haben keinen König/ und
Vokabular. Sie berücksichtigt moderne Erkenntnisse. Jede Genesis 2, die ältere Schöpfungserzählung, sieht die Tiere geben? doch schwärmen sie alle geordnet aus;/ Eidechsen fängst du
Tierart hat spezielle Bedürfnisse. Aber die Übersetzung tut als Verwandte des Menschen, die den Menschen bzw. den Uns befremdet der Gedanke, ein Kind «Esel», «Hund», mit der Hand,/ und doch wohnen sie in Königspalästen.»
dem Text keine Gewalt an. Sie ist eine sachgerechte Über- Mann aus seiner unguten Einsamkeit befreien sollten. Das «Schaf» oder «Kuh» zu taufen. Wie kann man diese biblische Selbst im Hinblick auf das Verhältnis zu Gott erscheinen
tragung des 2500 Jahre alten Textes in unsere Welt. gelingt ihnen aber nicht vollständig. Das geschieht erst durch bzw. im alten Orient generell verbreitete Praxis1  verstehen? Tiere als Vorbilder. Jeremia 8,7 (vgl. Ijob 12,7-10) stellt fest:
die Gemeinschaft zwischen Mann und Frau. Aber viele Hat man Kinder, wenn man sie «Hund» oder «Esel» nannte, «Der Storch am Himmel kennt seine Zeiten,/ Turteltaube,
Die Vorstellungen des Alten Testaments vom Umgang Gemeinsamkeiten und eine enge Verbundenheit zwischen gering geschätzt? Kaum! Kinder waren Segensgaben ersten Schwalbe und Drossel halten die Frist ihrer Rückkehr ein./
mit Tieren sollen nicht idealisiert werden. Sprüche 12,10 Mensch und Tier sind allen Schriften des Alten Testaments Ranges und die Ahnmütter Lea und Rachel gebären um die Mein Volk aber kennt nicht die Rechtsordnung des Herrn.»
weiss, dass es neben dem Anständigen den Skrupellosen gemeinsam. Noch anfangs des 2. Jh. v. Chr. stellt der Pre- Wette (Genesis 30,1-24). Mutterschaft gab den Frauen Anse- Die Eselin Bileams sieht den Engel, den der Prophet in seiner
gibt, dem die «Bedürfnisse» seiner Tiere egal sind. Oft diger (Kohelet) in Opposition zur griechischen, besonders hen und Bedeutung. Und im alten Israel war es in der Regel Verblendung nicht wahrnimmt (Numeri 22,22-30).
wurden die Esel mit zu schweren Lasten gequält (vgl. Ijob zur stoischen, Popularphilosophie fest: «Das Geschick der die Mutter, die dem Kind den Namen gab.2  Jedenfalls ist es Wo man staunt und Gemeinsamkeit wahrnimmt, fehlt es
39,7; Exodus 23,5). Der beste Hirte hat seine Tiere zuletzt Menschen und das Geschick der Tiere ist ein- und dasselbe in jenen biblischen Büchern so, die wie Genesis, das Rich- nicht an Verbundenheit.6  Eltern stellten bei ihren Kindern
dem Schlächter ausgeliefert (vgl. Psalm 44,12f). Aber auch Geschick. Wie diese sterben, so sterben jene. Ein Lebensatem terbuch und das 1. Buch Samuel, detailliert von Schwanger- Eigenheiten fest, die sie an bestimmten Tieren bewunderten,
wenn man den Umgang des biblischen Menschen mit den ist in ihnen allen. Ein Mehr (Plus) des Menschen gegenüber schaft, Geburt und Namensgebung erzählen. Abweichungen oder wünschten ihrem Kinde solche Fähigkeiten. So scheinen
Tieren nicht idealisiert, so darf doch behauptet werden, dass den Tieren gibt es nicht. Alles ist Vergänglichkeit. Beide finden wir dort, wo Israeliten mit nichthebräischen Frauen Klugheit, Flinkheit, Kraft, soziale Integration und ähnliches
das Verhältnis des Menschen der alttestamentlichen Zeit zu gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub, und verheiratet sind. So geben Joseph, der mit einer Ägypterin begehrte Eigenschaften gewesen zu sein. Zudem wurde im
den Haustieren normaler war als unseres. Unser Verhältnis beide kehren zum Staub zurück. Wer weiss, ob der Lebens- (Genesis 41,50-52), und Mose, der mit einer Midianiterin Alten Orient in den Qualitäten von Tieren das Wirken Gottes
ist durch eine Art Schizophrenie gekennzeichnet, die einige hauch der Menschen (nach dem Tode) hinaufsteigt und verheiratet ist (Exodus 2,22), ihren Kindern selber Namen.3  gesehen. Mütter gaben ihren Kindern die Namen von Tieren,
wenige Tiere (Katzen, Hunde) wie Menschen behandelt, und der Lebenshauch der Tiere hinunter in die Erde?» (3,19-21). J.J. Stamm ist der Meinung, dass erst seit Mitte des 9. Jh. die in besonderem Masse Gottes Segen bedeuteten, wie z. B.
sehr viele Tiere (Hühner, Schweine) wie reine Ware. Dieser Gegenüber der Parallelität des existentiellen Geschicks hat (Zeit Ahabs) der Vater den Namen zu sprechen pflegte.4  den der Kuh (Lea, Rebekka). Wir können uns heute schwer
krankhafte Zustand ist einerseits durch die Vereinsamung für den Prediger das essentielle Plus des Menschen, der in Die Mutter dürfte ihr Kostbarstes kaum abschätzig bezeich- vorstellen, unseren Kindern Namen wie Kuh, Schaf, Esel oder
zahlreicher Individuen, besonders alter Menschen und seinem Geiste das Ganze zu erfassen sucht keine grosse net haben. Weil man aber viele Kinder hatte und auch viele Mistkäfer zu geben. Der Wandel des Verhältnisses zu den
Kinder, in unserer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft gege- Bedeutung. Er kann es ja doch nicht in den Griff bekommen früh starben, war das Verhältnis zu ihnen weniger emoti- Tieren wird so evident. Der abendländische Mensch fühlt
ben. Sie brauchen und missbrauchen manchmal Tiere zur (Kohelet 3,11). onal überladen, empfindsam und exklusiv als in unseren sich dem Tier turmhoch überlegen. Tiere stellen in unseren
Befriedigung ihrer emotionalen Bedürfnisse. Anderseits hat Kleinstfamilien. Gleichzeitig hatte man grössere Achtung Breitengraden keine grosse Bedrohung für den Menschen
der übertriebene Fleischbedarf einer Wohlstandsgesellschaft vor den Tieren, als wir sie in der Regel haben. Viele Eigen- mehr dar. Und auf der andern Seite leben Menschen auch
und die Industrialisierung der Produktionsbedingungen die 1 TUAT III/1, 149f. schaften verschiedenster Tiere hat man bewundert und hoch nicht mehr in dem nachbarschaftlichen Verhältnis mit den
Tiere zu einer blossen Ware degradiert. 2 Vgl. Psalm 104 und vor allem die erste Gottesrede im Buche Ijob geschätzt. Der garstige Graben zwischen Mensch und Tier, Tieren. Der heute dominierende Anthropozentrismus hat
Kap. 39; dazu O. Keel, Jahwes Entgegnung an Ijob. Eine Deutung
von Ijob 38-41 vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bildkunst den die griechische Philosophie aufgerissen hat, bestand, dazu geführt, dass Tiernamen fast nur noch als Schimpfworte
Der hauptsächlich von der griechischen Philosophie (Aristo- (FRLANT 121), Göttingen 1978. wie gesagt, noch nicht. «Der antike, und das heisst, auch Verwendung finden. Aber in der Bibel werden weder Namen
teles, Stoa) forcierte Unterschied zwischen Tier und Mensch 3 TUAT I/1, 38: Codex Eschnunna § 53-55; 72 Codex Hammurabi § der alttestamentliche Mensch ältester Zeit empfand Tier von reinen noch von unreinen Tieren als Schimpfnamen
hat die denkerische Grundlage für diese verhängisvolle Ver- 250-252; Exodus 21,28-32; dazu H.J. Boecker, Recht und Gesetz im
Alten Testament und im Alten Orient, Neukirchen 1976, 141-144 und Mensch noch als wesenhaft zusammengehörig.»5 . Dass gebraucht. Eine Ausnahme, die die Regel bestätigt, macht
sachlichung geliefert.5  Diese Tradition ist in Europa ab dem (Lit). diese Feststellung nicht nur für die Haustiere zutrifft, kann vielleicht der Hund.7 
Mittelalter (Thomas von Aquin) wieder sehr einflussreich 4 Exodus 22,28b.29; 23,19b; 34,26b; Levitikus 22,27f; Numeri 14,21c; auch die Vielzahl der Personennamen bezeugen, die sich Nebst Eigenschaften, die man am Kind feststellt, und sol-
geworden. Zwar hat man häufig die in Genesis 1 geforderte 22,6f; vgl. dazu Keel, Böcklein; A. Knauf, Zur Herkunft und Sozi-
algeschichte Israels. «Das Böckchen in der Milch seiner Mutter»: auf nicht domestizierte Tiere beziehen. Wildlebende Tiere chen, die man ihm wünscht, drückt der Tiername vielleicht
Herrschaft des Menschen über die Tiere für das schlechte Biblica 69 (1988) 153-169; C.J. Labuschagne, «You shall not boil gehörten zum alltäglichen Lebensraum der damaligen Men- gelegentlich auch liebevollen Spott über eine Eigenschaft des
Verhältnis zwischen Mensch und Tier in der Neuzeit ver- a kid in its mother’s milk». A new proposal for the origin of the schen. Sie wurden beobachtet, geschätzt und bewundert. Das Kindes aus. Das könnte bei Namen wie Floh oder Maus der
antwortlich gemacht. Dabei hat man übersehen, dass der prohibition: F. García Martínez et al. (eds.), The scriptures and the
scrolls. Studies in honour of A.S. Van der Woude on the occasion zeigen Texte wie Sprüche 6,6: «Geh zur Ameise, du Fauler, Fall sein8 , obwohl auch da andere Möglichkeiten denkbar
erste Schöpfungsbericht, der sogenannte ‹priesterschrift- of his 65th birthday, Leiden 1992, 6-17. betrachte ihr Verhalten, und werde weise!» oder Sprüche sind, so etwa die Fähigkeit dieser Tiere, sich in schwierigen
liche› (Genesis 1), den Menschen, wie gesagt, als Vegetarier 5 Vgl. U. Dierauer, Tier und Mensch in der Antike. Studien zur Tier- 30,24-28: «Vier sind die Kleinsten auf Erden/ und sind doch Situationen durch Verschwinden zu retten.
versteht. Die Herrschaft ist keineswegs als willkürliche psychologie, Anthropologie und Ethik, Amsterdam 1977; O. Keel/U.
Staub, Hellenismus und Judentum. Vier Studien zu Daniel 7 und zur die Allerklügsten:/ Die Ameisen sind kein starkes Volk/ und Einige Forscher waren der Meinung, dass die Tierpersonen-
Ausbeutung, sondern als Sorge verstanden, den Frieden, Religionsnot unter Antiochus IV. (OBO 178), Freiburg (CH)/Göttingen besorgen sich doch im Sommer ihr Futter;/ Klippschliefer namen mit dem Totemvorstellungen zurückzuführen seien.
den Ausgleich zwischen Tier und Tier und Mensch und 2000, 23-28. sind ein Volk ohne Macht/ und doch bauen sie ihre Woh- Aber in den biblischen Texten fehlen typische totemistische

27 Kapitel II Haustierwerdung und Wertung der Tiere 28


Ansätze.9  Das distanziertere Verhältnis zu den Kindern Liste der Tierpersonennamen nach Gruppen: 48. Stein-, Wüstenhuhn – Qore≥ (Kore)
und die bereits genannten engeren Beziehungen zwischen 49. Sumpfhuhn – Nöqoda≥ (Nekoda)
Mensch und Tier können die Praxis der Tiernamen als Per- Domestizierte Säugetiere 50. Taube – Jona
sonennamen hinreichend erklären. Die engen Beziehungen 1. Esel – Chamor 51. Turteltaube – Jömima
zur Umwelt dokumentieren auch die zahlreichen Tierme- 2. Eselshengst – ≤Ajir 52. Vogel – ≤Efai
taphern für Menschen. In Gen 49 braucht der Jakobsegen 3. Eselsfüllen – ≤Ir / ≤Ira≥ / ≤Iram 53. Vogel, Kücken, junger Vogel – ≥Æfroach / Paruach18 
eine Reihe von Tierbezeichnungen, um die Ahnväter der 4. Hund – Kaleb 54. Vogel / junger Vogel – Zofar
zwölf Stämme bzw. diese selbst zu charakterisieren: Juda 5. Kamel / junges Kamel – Bichri / Bæchær 55. Sperling, Spatz – Zippor
Abb. IIc: Stempelsiegel (8./7. ist ein junger Löwe, wer wagt ihn aufzuscheuchen? Issachar 6. Kamel – ≥bl / ≥Ibl / ≥Ebæl14  56. Vogel / kleiner Vogel – Zippora
Jh. v. Chr.) in einer Pariser Pri-
vatsammlung mit Steinbock ist ein knochiger Esel, er neigt die Schulter und wird zum 7. Rind, Kuh, Stier? – ≥Arach
oder -geiss (hebr. ja≤el) und fronenden Knecht; Dan wird am Weg zur Schlange und 8. Kuh / Stier – Lea «Alles, was auf der Erde und was auf dem Bauch
der althebräischen Inschrift schafft seinem Volk Recht; Naftali, die flüchtige Hirschkuh, 9. Kuh – Rivqah (Rebekka) kriecht und was auf vier und mehr Füssen geht»
«Der Jaël (gehörig)».
versteht sich auf gefällige Rede, und Benjamin ist ein reis- 10. Kuh / junge Kuh / Kälbchen – ≤Æglah / ≤Æglon 57. Kleine Eidechse – Chamu†al / Chami†al (Hamutal)
sender Wolf, der am Morgen die Beute frisst und am Abend 11. Rind – ≥Allup/f15  58. Schildkröte? – Galal
den Fang teilt.10  Tierbilder und -vergleiche spielen selbst bei 12. Lamm – ≥Immer 59. Schlange – Nachasch
der Beschreibung des Göttlichen eine hervorragende Rolle. 13. Mutterschaf – Rachel (Rahel) 60. Schlänglein – Nachschon
Gott kann mit einem Stier, einem Löwen, einem Geier und 14. Pferd – Susi 61. Kobra – Saraf
anderen Tieren verglichen werden.11  62. Holzwurm – ≥Arza≥
Bezeichnungen für die Leittiere der Herde werden nicht nur Wildlebende Säugetiere 63. Kermeswurm, Würmchen – Tola≤
als Metaphern und Vergleiche, sondern geradezu als Titel 15. Hirsch – ≥Ajjalon / ≥Ejlon 64. Skarabäus, Mistkäfer – Ga≤al
für Personen in Führungspositionen verwendet, so z. B. 16. Steinbock – ≥Arnan / ≥Ornan 65. Honigbiene – Debora
≥abbir «Starker, Stier» (Klagelieder 1,15) oder ≥ajjil «Widder» 17. Steinbock / Wildziege – Ja≤el (Jaël) 66. Heuschrecke – Chagab / Hagaba
(Exodus 15,15) usw.12  18. Steingeiss – Ja≤ala 67. Heuschrecke – Gasam
19. Steinbock – Tærach 68. Spinne – Pildasch
Eine Übersicht über Tierbezeichnungen als Personen- 20. Antilope – Dischon 69. Floh – Par≤osch
namen im Hebräischen der biblischen Zeit 21. Hirsch-, Reh-, Gazellenjunges – ≤Efær / ≤Æfron 70. Kaulquappe, junger Frosch – Chofni (Hafni)
Abb. IId: Stempelsiegel (8./7. In der hebräischen Bibel und auf den hebräischen Namens- 22. Gazellenjunges? – ≤Orpa 71. Fisch – Nun / Non
Jh. v. Chr.) in der Shlomo siegeln und ihren Abdrücken (Bullen) aus biblischer Zeit (s. 23. Gazelle, Gazellenweibchen – Zibja / Zibja≥ 72. Schwertwal – Nachor
Moussaieff Collection (Lon- Lit.) erscheinen 74 Tierbezeichnungen als Personennamen. 24. Wildesel? – ≤Irad 73. Koralle – Peninna
don) mit Fuchs (hebr. schu≤al)
und der althebräischen In- Einige sind allerdings in ihrer Deutung unsicher. Auf ei- 25. Wildesel, Halbesel, Onager – Pir≥am 74. Delphin – Tachasch
schrift «Dem Schual, Sohn des nigen wenigen Siegeln findet sich neben dem Namen das 26. Wildschwein – Chasir (Hesir)
Mikai (gehörig)». entsprechende Tier abgebildet, was zeigt, dass die Bedeutung 27. Löwe – ≥Arije Domestizierte Säugetiere
des Namens bewusst war. 28. Löwe – Lajisch Die Gruppe der Haustiere ist mit 14 Namen im Vergleich
Aufgrund dieser Zeugnisse scheinen Tierpersonennamen 29. Löwe? – Schobal zu den 25 Namen von wildlebenden Säugetieren erstaunlich
vor dem 6. Jh. v. Chr. (Exil in Babylonien) üblicher gewesen 30. Löwe? – Schæbær klein. Sie enthält verhältnismässig viele Frauennamen (5).
zu sein als später. Nur die Vogelpersonennamen blieben 31. Junglöwe? – Kefir16  Rinder-Bezeichnungen dominieren. Die Kuh war ein starkes
weiterhin populär. Im Alten Testament sind uns allgemein 32. Wolf / Schakal – Se≥eb Symbol für Gottes Segen und die damit verbundene Frucht-
sehr viel weniger Frauennamen (92) als Männernamen 33. Hyäne – Zib≤on barkeit. Der Stier verkörpert ausserdem noch Macht und
(1400) erhalten.13  Dies hängt damit zusammen, dass in der 34. Kleiner Hyänenhund – Schim≤on (Simeon) Stärke. In der stark landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft
Abb. IIe: Stempelsiegelab- geschichtlichen und religiös-kultischen Literatur die Öf- 35. Fuchs / Goldschakal – Schu≤al galten die Fruchtbarkeit und die Milch der Kühe und der
druck (8./7. Jh. v. Chr.) in der fentlichkeit im Vordergrund steht, zu der die Frau weniger 36. Marder / Wiesel / Ichneumon – Nimschi Mutterschafe als besonderer Segen.
A. Spaer Collection (Jerusa- Zugang hatte. Sie tritt etwas häufiger in Familiengeschichten 37. Klippdachs / Klippschliefer – Schafan Obschon in der Ikonographie die Ziege ein beliebtes Motiv
lem) mit einem Vogel und
der althebräischen Inschrift hervor. Da in den Genealogien oft nur die Männer erwähnt 38. Maulwurf – Chelæd / Chelæb / Chulda (Hulda) war, taucht sie als Personenname nicht auf. Sie galt nach
«Dem Oreb, (Sohn des) Nobai werden, gingen vermutlich viele Frauennamen – und damit 39. Maus – ≤Achbor biblischen Zeugnissen als frech, launisch, unberechenbar,
(gehörig)». ein grosser Traditionsschatz – verloren. Bei den insgesamt sich gerne absondernd. Das waren offenbar Eigenschaften,
76 biblischen Tierpersonennamennennungen ist das Ver- Vögel die man sich für ein Kind nicht wünschte.
hältnis zwischen männlichen und weiblichen Namen 61 zu 40. Adler / schneller Adler – Dalfon Ebenfalls nicht erwähnt wird die Katze. Sie kommt in der
Abb. IIf: Stempelsiegel (8. Jh. 15. Mädchen erhielten somit aufs Ganze gesehen fast vier 41. Falke – ≥Ajja Bibel überhaupt nicht vor. In Palästina war sie vermutlich
v. Chr.) in der Shlomo Mous-
saieff Collection (London) mit Mal häufiger Tiernamen als Knaben. Während für Knaben 42. Geier – Naschri (Nischri)17  damals noch nicht eingeführt. Sie wurde aber in Ägypten
Heuschrecke (hebr. haggebah eher Tiere gewählt wurden, deren Kraft, Schnelligkeit und 43. (Aas)geier – Racham als Schosstier gehalten, als Verkörperung der Bastet verehrt
= «Heuschreckenschwarm») Geschicklichkeit bewundert wurde, standen für Mädchen 44. Rabe – Charchur und später von den Griechen und Römern als Haustier
und der althebräischen In-
schrift «Dem Azarjahu, (Sohn Namen, die mit Fruchtbarkeit, Eleganz und Segen verbun- 45. Rabe – ≤Oreb übernommen.
des ?) Haggebah (gehörig)». den wurden, im Vordergrund. 46. Wildhuhn, Rebhuhn – Guni Es erstaunt, dass der Hund, der als einziger Tiername gele-
47. Rebhuhn – Chogla gentlich als Schimpfname gebraucht wurde und ausser im

29 Kapitel II Haustierwerdung und Wertung der Tiere 30


Buch Tobit in der Bibel eher schlecht wegkommt, dennoch (Genesis 8,6-12).21  Vor allem aber wurden Vögel für ihre der Wandel des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier  Lit.: J.J. Stamm, Beiträge zur hebräischen und altorientalischen Na-
auch Personenname ist, allerdings nur in früher Zeit. Später weiträumigen Bewegungsmöglichkeiten bewundert. «Furcht seit biblischer Zeit besonders deutlich. Im Gegensatz zu menskunde. Zu seinem 70. Geburtstag herausgegeben von E. Jenni
und M. Klopfenstein (OBO 30), Freiburg (CH)/Göttingen 1980. – P.D.
haben wahrscheinlich verwilderte Strassenhunde seinem und Zittern ist über mich gekommen, und Grauen hat mich heute fühlten sich Mensch und Tier in Palästina/Israel zu- Miller, Animal Names as Designations in Ugaritic and Hebrew: UF
Image geschadet. überfallen. Ich sprach: O hätte ich Flügel wie Tauben, dass sammengehörig. So erhält das Tier im priesterschriftlichen 2 (1970) 177-186. – Ders., Israelite Religion and Biblical Theology
ich wegflöge und Ruhe fände» (Psalm 55,7). Die Bibel spricht Schöpfungsbericht (Genesis 1) dieselben Wesensmerkmale (JSOT.S 267), Sheffield 2000, 101-114. – N. Avigad/B. Sass, Corpus of
West Semitic Stamp Seals, Jerusalem 1997. – R. Deutsch/A. Lemaire,
Wildlebende Säugetiere häufig zusammenfassend von den Vögeln des Himmels. wie der Mensch. «Wenn sogar die Tiere der dem Menschen Biblical Period Personal Seals in the Shlomo Moussaieff Collection,
Die Vitalität, die Kraft, die Agilität und die Fähigkeit der Durch ihre Fähigkeit zu fliegen sind sie mit der himmlischen fernen Lebensräume Wasser und Luft von ihrem Schöpfer Tel Aviv 2000.
wildlebenden Säugetiere, sich zu verstecken, scheinen die Sphäre verbunden. Sie partizipieren an deren Allgegenwart mit næfæsch (Lebenshauch) ausgestattet werden und auch
Menschen in Israel beeindruckt zu haben. Sie wählten und Allwissenheit. ihnen der Mehrungssegen zukommt, wird nicht bloss eine 1 Vgl. z. B. H. Ranke, Tiernamen als Personennamen bei den Ägyp-
als Tierpersonennamen am häufigsten Tiere mit diesen Als Personennamen werden vor allem Hühnerartige, der besondere biologische Eigenschaft dokumentiert, sondern es tern: ZÄS 60 (1925) 76-83; die Auswahl der Tiere weist interessante
Fähigkeiten. Steinbock oder -geiss, Hirsch, Gazelle, Fuchs, Rabe, der Geier, die Taube und der Sperling benützt. Von wird hervorgehoben, dass Mensch und Tier in wesentlichen Parallelen zu derjenigen auf, die in Israel getroffen wurde, nur dass
«Katze» in Ägypten ein beliebter Name ist, während er in der Bibel
Klippschliefer und Maus waren die Favoriten. Ein heute in den 17 Vogel-Personennamen sind sieben vorexilisch belegt: Eigenschaften vor ihrem Schöpfer gleich sind. Sie sind we- fehlt.
der Schweiz oft verwendeter Tierpersonenname fehlt in der (Aas-)Geier, Falke, Rabe, Rebhuhn, Sperling bzw. kleiner senhaft zusammengehörig».25  2 R. Kessler, Benennung des Kindes durch die israelitische Mutter:
Bibel und bei den Namenssiegeln ganz: der Bär (dov). Der Vogel bzw. Vogel im Allgemeinen (zippor und zipporah), WuD 19 (1987) 25-35.
3 Ebd. 33.
Bär galt zu biblischen Zeiten als unberechenbarer Feind, Vogel (≤efai) und Kücken (≥æfroach).22  4 Stamm (Lit.), 125.
der Mensch und Vieh bedrohte. Er frass alles, was fressbar Der Rabe, der vermutlich vor und nach dem Exil in je 5 M.-L. Henry, Das Tier im religiösen Bewusstsein des alttestament-
war. Wo der Bär im Alten Testament vorkommt, wird er als unterschiedlichen Formen als Name benutzt wurde, ist lichen Menschen: B. Janowski/U. Neumann-Gorsolke/U. Gleßmer,
(Hg.), Gefährten und Feinde des Menschen. Das Tier in der Lebens-
wildes, fleischfressendes, heimtückisches und gefährliches ein Zeichen dafür, dass auch Tiere, die von den nachexi- welt des alten Israel, Neukirchen-Vluyn 1993, 25.
Raubtier erwähnt (2 Könige 2,23; 1 Samuel 17,34-37 u.a.). lischen Priestern als unrein klassiert wurden, weiterhin als 6 OLB I, 101.
Er ist ein Bild der Wut und Aggressivität. Für den heute in Personennamen übernommen wurden. Es fällt auf, dass 7 Psalm 59,7; wenn ein Untergebener sich selber als Hund bezeichnet
(vgl. 2 Könige 8,13) betont er wahrscheinlich stärker seine Loyalität
Israel sehr beliebten Namen Arije «Löwe» gibt es nur einen ein heute weit verbreitetes Symboltier, der Adler, kaum als und Unterwürfigkeit als seine Wertlosigkeit. Anders verhält es sich
unsicheren Beleg.19  Hingegen ist ein selteneres Wort für Personenname verwendet wurde. Dort, wo «Adler» in der bei der Selbstbezeichnung «toter Hund», die die Ungefährlichkeit
Löwe, lajisch, zweimal als Personenname belegt (1 Samuel Bibel als Personenname erscheint, wird ein nichthebräisches des Sprechers betont (1 Samuel 24,15; 2 Samuel 9,8; 16,9); zur
Selbstbezeichnung «Hund» vgl. weiter P. Riede, David und der
25,44; 2 Samuel 3,15). Andere Personennamen wie schoval Wort gebraucht. Wo in deutschen Bibelübersetzungen das Floh. Tiere und Tiervergleiche in den Samuelbüchern: BN 77 (1995)
und schæbær meinen vielleicht den Löwen, bleiben aber Wort «Adler» auftaucht, steht im Hebräischen næschær, 92-112.
unsicher. Die Bewunderung für alles Aggressive, das die ein Begriff, der ganz eindeutig eine grosse Geierart, wahr- 8 P. Riede, Art. Tiernamen: NBL III, 874.
9 M. Noth, Die israelitischen Personennamen im Rahmen der gemein-
Fähigkeit zu verletzen und zu töten hat, und die Verachtung scheinlich den Gänsegeier, bezeichnet.23  Schon die in den semitischen Namengebung, Stuttgart 1928; Nachdruck Hildesheim
des bloss Nützlichen ist mit den Griechen in den Orient letzten Jahrhunderten v. Chr. erarbeitete Übersetzung der 1966, 229; S.P. Toperoff, The Animal Kingdom in Jewish Thoughts,
gekommen (vgl. den Abschnitt «Vögel»). Trotz der gelegent- hebräischen Bibel ins Griechische hat den Geier konsequent New Jersey 1995, XXXIII.
10 E. Schwab, Die Tierbilder und Tiervergleiche des Alten Testaments.
lichen Verwendung von «Löwe» als Personenname ist der durch den Adler ersetzt. Der unaggressive, nützliche Geier Material und Problemanzeigen: BN 59 (1991) 37-43.
Löwe meist negativ konnotiert. Ein grollender Löwe und ein war in der altorientalischen Welt hoch geschätzt24 , in der 11 M.Ch.A. Korpel, A Rift in the Clouds. Ugaritic and Hebrew Descrip-
gieriger Bär sind Bilder für einen skrupellosen, bösartigen griechischen Welt aber verachtet. Dagegen bewunderten tions of the Divine, Münster 1990, 523-559.
12 Miller (Lit.).
Herrscher über ein schwaches Volk (Sprüche 28,15; Ezechiel die Griechen den aggressiven Adler, der im Alten Orient 13 Stamm (Lit.), 105.
19,1-9). Der ebenfalls gefürchtete Panther (namer) erscheint praktisch unbekannt war. 14 Deutsch/Lemaire, (Lit.), 156 Nr. 149 (mit dem Bild eines zweihöck-
nicht als Personenname. Die in der Ikonographie der Levante und Ägyptens häufig rigen Kamels).
15 Avigad/Sass (Lit.), 484 Nr. 77.
Auffällig ist, dass besonders im letzten, turbulenten Drittel belegte Ente erscheint ebenfalls nicht als Namen für ei- 16 Avigad/Sass (Lit.), 508 Nr. 1079, 1086-1087.
des 7. Jh. v. Chr. Namen von Tieren, die sich schnell und nen Menschen. Offenbar repräsentierten die Wasservögel 17 N. Avigad/M. Heltzer/A. Lemaire, West Semitic Seals. Eight-Sixth
wirksam verstecken können, wie «Maus» (≤achbor), «Maul- weniger die für die Namensgebung beliebte Symbolik des Centuries, Haifa 2000, Nr. 102.
18 Vgl. Anm. 27.
wurf» (chuldah) und «Klippschliefer» (schafan) sehr beliebt Vogels, der durch seine Flugkünste ein Bild der Freiheit, 19 2 Könige 15,25; vgl. weiter Miller, Animal Names (Lit.), 185; ders.,
sind. und Omnipräsenz war. Israelite Religion (Lit.), 113f.
20 Diese galten als unrein.
21 O. Keel, Vögel als Boten. Studien zu Ps 68,12-14, Gen 8,6-12, Koh
Vögel «Alles was auf der Erde und was auf dem Bauch 10,20 und dem Aussenden von Botenvögeln in Ägypten. Mit einem
Wie das schon erwähnte Verbot, eine Vogelmutter und ihre kriecht und was auf vier und mehr Füssen geht» Beitrag von Urs Winter zu Ps 56,1 und zur Ikonographie der Göttin
Eier gleichzeitig zu behändigen (Deuteronomium 22,6f), So definiert Levitikus 11,41 Reptilien, Amphibien und mit der Taube (OBO 14), Freiburg (CH)/Göttingen 1977, 79-91.
22 Dieser Name ist nur auf Siegeln sicher vorexilisch belegt, da aber
zeigt, standen Vögel im alten Israel unter einem speziellen kleineres Getier aller Art, das als unrein gilt. Die Perso- mehrmals; vgl. N. Avigad/Sass (Lit.), 527 und Nr. 87-88, 426, 450-454,
Schutz. Im Bewusstsein der damaligen Menschen hing ihr nennamen, die Kriechtiere, Insekten und Fische bedeuten, 626; R. Deutsch/A. Lemaire (Lit.), Tel Aviv 2000, 43 Nr. 37.
Wohl mit der Erhaltung der Vögel zusammen. Die Vögel stammen vorwiegend aus der Zeit vor dem Exil. Einige dieser 23 Keel (Anm. 2), 69.
24 S. Schroer, Die Göttin und der Geier: ZDPV 111 (1995) 60-80.
hatten eine vielfältige Bedeutung: Sie dienten als Nahrungs- Namen sind zwar biblisch später belegt, aber durch die Na- 25 F. Schmitz-Khamen, Geschöpfe Gottes unter der Obhut des Men-
quelle und wurden regelmässig gejagt. Viele nicht aasfres- menssiegel doch auch schon vorexilisch nachgewiesen. Da ab schen, Neukirchen-Vluyn 1997, 31.
sende Vögel20  galten als Opfertiere. Einige Arten wurden dem 7. Jh. v. Chr das israelitische Volk ohne Macht war, mag
zu verschiedenen Zwecken gezüchtet und gezähmt, so z.B. zur Entstehung von Namen wie Heuschrecke, Eidechse oder
Raben und Tauben, die für ihren guten Orientierungssinn Floh das Ideal mitgespielt haben, nicht einfangbar zu sein.
bekannt waren. Als Orientierungshilfe sendet Noach den Wer würde heute schon sein Kind «Mistkäfer», «Holzwurm»
Raben und die Taube aus, um trockenes Land zu erspähen oder «Schlange» nennen? In solchen Namen spiegelt sich

31 Kapitel II Haustierwerdung und Wertung der Tiere 32


Im oberen Nebenregister sind zwei auf
den Hinterbeinen hockende, einander
zugewandte Mischwesen zu sehen, wie
sie Tempel- und Palasteingänge flankie-
finden sich auf akkadischen Siegeln mit ren. Sie sind wohl mit dem Herrscher
3 Rollsiegel mit Hirtenszene Etana, einem Hirtenkönig, der sich von in Beziehung zu setzen. Der hockende
Dunkelgrauer bis schwarzer Kalkstein (brek- einem Adler, den er aus einer tödlichen Löwe, der ein ziegenartiges Tier packt,
ziöser Kalk) mit weissen Adern Situation befreite, zum Himmel tragen könnte die aggressive Seite der Göttin
H. 3,5 cm, Dm. 2,2-2,4 cm repräsentieren (vgl. Kat. 78). Eindeutig
liess, um das Kraut des Gebärens zu
Oberer und unterer Rand leicht bestossen
und abgenutzt holen. HKL, OK gehören die drei Gruppen von Tieren im
Mesopotamien unteren Register zur Sphäre der Göttin.
Lit.: Collon, Impressions, 151-153 Nr. 675; P.
Akkadisch II-III, 2350-2200 v. Chr.
Steinkeller, Early Semitic Literature and Third
Bei den Hirschen handelt es sich um eine
VR 1981.57, ehemals Sammlung R. Schmidt Begattungsszene, auch wenn Hirschkühe
Millennium Seals with Mythological Motifs,
Schenkung Erica Peters-Schmidt, Kilchberg, in Wirklichkeit kein Geweih tragen. Die
in: P. Fronzaroli (ed.), Literature and Literary
CH
Language at Ebla (QuSem 18), Firenze 1992, säugende Ziege ist eine beliebte Vergegen-
1 Schüssel mit Ziegenfries 2 Figur eines trächtigen Schafs Marmor quellenden Augen der Schafe eindrück- 243-275, bes. 250, 254 Pl. 2 Fig. 10. – Paral- wärtigung der Göttin (vgl. Kat. 5-6). Die
Ton, braun bemalt L. 13,5 cm, H. 6 cm, B. 5,1 cm
H. 13 cm, Dm. 18,5 cm, Wanddicke 0,7 cm
lich wieder. Der kurze Schwanz, der das Die Siegelfläche ist grob in zwei ho- lelen: R.M. Boehmer, Die Entwicklung der
Levante oder Iran dritte Gruppe stellt Fettschwanz-Schafe
Rückgrat weiterführt, ist auf ein Mini- rizontale Zonen geteilt, eine grössere Glyptik während der Akkad-Zeit, Berlin 1965,
Iran frühes Chalkolithikum, 4500-3800 v. Chr. dar, denen noch ein Junges beigegeben
mum reduziert. Die deutlich geschwol- untere und eine kleinere obere. Der 122-124, 190f und Taf. 58f Abb. 693-707; R.
Prähistorisch, ‹Early Central Plateau-Period›, Leihgabe Leihgabe aus der Sammlung Dr.
Bernbeck, BaghM 27 (1996) 159-213. ist. Der Fettschwanz ist eine Energiereser-
6./5. Jt. v. Chr. Leo Mildenberg lenen Seiten charakterisieren das Tier untere Bereich ist von zwei Szenen
Leihgabe von Claude und Barbara Brichet, ve, die man mit dem Höcker des Kamels
als trächtig. Dank einer gross-artigen besetzt. Die eine wird von einer über- 4 Rollsiegel mit Herrscher, Göttin,
Lauenen (BE) Die kompakte Gedrungenheit des vergleichen kann. Die Konzentration von
gestalterischen Leistung verkörpert die dimensioniert grossen bärtigen Figur Schafen, Ziegen und anderen Tieren
Tierkörpers wird noch durch die Beine Hämatit
Fett beeinträchtigt die Transpiration nicht,
Die Schüssel, die als Gegenstand im Figur nicht nur das Schaf oder vielleicht im langen Faltenrock dominiert, die
betont, die auf schematische Stumpen H. 2,25 cm, Dm. 1,3 cm die in einem heissen Klima wichtig ist.
privaten Haushalt diente, ist ohne auch Wildschaf (Mufflon), sondern auf einem ‹Klappstuhl› sitzt und Flöte
reduziert sind. Das linke Hinterbein Nordsyrien, Grenze zu Anatolien Bei arktischen Tieren ist die Fettreserve
Drehscheibe aufgebaut und sorgfältig darüber hinaus verhalten konzentrierte (Pfeife) spielt. Vor ihr macht sich eine Altsyrisch, 1850-1750 v. Chr.
der Figur ist abgebrochen, das rechte über den ganzen Körper verteilt (vgl.
verstrichen. Sie ist innen und außen mit Kraft und grosse Fruchtbarkeit. OK gleichgekleidete, auf einem Hocker VR 1981.155, ehemals Sammlung R. Schmidt
Vorderbein beschädigt. Im Gegensatz Hoheslied 2,7; 3,5). OK
einem hellroten Überzug bedeckt; auf sitzende Gestalt an einem grossen Schenkung Erica Peters-Schmidt, Kilchberg,
zu den meisten vergleichbaren Figuren, Lit.: U. Hübner, in: A.S. Walker (ed.), Animals CH
der Wandung ist ein Fries mit gleich- Gegenstand zu schaffen (Butterfass?, Lit.: Keel, Böcklein, 100f, Abb. 68 und 146 Taf.
bei denen die Hörner schneckenförmig in Ancient Art. From the Leo Mildenberg II.2; Keel, Hohelied, 90f, Abb. 43; Vergangen-
artig stilisierten Wildziegen in brauner Collection Part III, Mainz 1996, 160 Nr. III, 250; Pauke?). Die andere Gruppe zeigt einen Das stark abgenutzte, am unteren Rand
gerollt sind, sind sie hier nur einfach heit, 67, Abb. 4 Mitte; A. Otto, Die Entste-
Farbe aufgemalt. G. Zahlhaas (ed.), Out of Noah’s Ark. Animals Hirten im kurzen, vorn hochgesteckten leicht beschädigte Siegel ist – für altsy-
gebogen. Eine Parallele dazu bietet hung und Entwicklung der Klassisch-Syrischen
in Ancient Art from the Leo Mildenberg Coll- Schurz mit Peitsche und über die Schul- rische Rollsiegel typisch – teilweise in ein, Glyptik (UAVA 8), Berlin 2000, Taf. 24 Abb.
Vergleichbare Gefäße wurden in dem
eine Figur aus der ‹Schatzhöhle› in ection, Mainz 1997, 193 Nr. 150. – Parallelen: ter gelegtem Stab mit herabhängendem teilweise in zwei Register unterteilt. Die 311. – Parallelen: L. Delaporte, Catalogue
Gebiet um Teheran und Qazvin in Sied- R. Amiran, IEJ 26 (1976) 157-162 und Pl. 29
der Wüste Juda. Die Hörner setzen am Beutel. Er treibt vier Tiere vor sich her. beiden Register sind durch ein Flechtband des cylindres orientaux et des cachets assy-
lungen gefunden, die Y. Majidzadeh der (Figuren von Tepe Yahya, Azor und Kabri); J.
oberen Ende der sanft gebogenen Nase Es könnten eine Markhor-Ziege und getrennt. Die Hauptszene, die die ganze ro-babyloniens, perses et syro-capadociens
frühen Phase seiner Central Plateau- Perrot, IEJ 5 (1955) 167-189 und Pl. 22D; P. Bar- de la Bibliothèque Nationale, Paris 1910, Nr.
ein und umrahmen die Augen. Diese Adon, The Cave of Treasure: The Finds from drei Schafe gemeint sein. Kleinviehher- Höhe einnimmt, zeigt einen Herrscher
Period – entsprechend ungefähr den 452 = Keel, Böcklein, 101, Abb. 67. – Zum
sind als zwei hervortretende Kügelchen the Caves in Na”al Mishmar (JDS), Jerusalem den aus Ziegen und Schafen sind in den mit Breitrandkappe und Keule. Hinter
Schichten I und II in Tepe Sialk – zuord- Wegschieben des Kleids: Winter, Göttin, Abb.
gestaltet. Sie geben so die etwas hervor- 1980, 143 und Illustration 11.
net. Genau der gleiche Ziegenfries fin- folgenden Jahrtausenden bis heute für ihm steht eine Göttin, die mit der einen 296-306 –Zur Göttin mit den Tieren: E. Bleib-
den Nahen Osten typisch. Hand ihr Kleid zur Seite schiebt (vgl. Kat. treu, Roll-siegel aus dem Vorderen Orient.
det sich auf zwei Schüsseln mit Ausguß Zur Steinschneidekunst zwischen etwa 3200
aus Isma’ilabad (Maléki Abb. 59) bzw. Das obere, schmalere Register füllen 64-67) und mit der andern einen runden und 400 v. Chr. nach Beständen in Wien und
Qara Tepe (ebd. Abb. 71). Außer Zie- zwei herabstossende Greifvögel, zwi- Gegenstand am Oberarm des Herrschers Graz, Wien 1981, 68, Nr. 81 = Keel, Hohelied,
gen sind auch Vögel und gelegentlich schen denen ein Fuchs oder Schakal berührt. 90f, Abb. 44.
Menschen dargestellt. Die häufigsten zu sehen ist. Daneben scheint ein Lei-
Dekorationen dieser Keramik sind aber erspieler (Tier?) einem Tier aufzuspie-
abstrakte Muster. US len, das vor ihm tanzt. Es folgen zwei
Gefässe und eine kauernde Gestalt, die
Lit.: Unveröffentlicht. – Vergleiche: Y. Maléki, mit fünf ringförmigen Gegenständen
AV 1 (1968) 43-57; Y. Majidzadeh, Iran 19 (Käse- oder Butterformen?) hantiert.
(1981) 141-146.
Die untere Abschlusslinie einer Hürde
endet beidseitig in Ziegenprotomen.
Aus dem oberen Teil der Hürde treten
zwei Tiere (Ziegen?) hervor.
Hirtenszenen der vorliegenden Art

33 Kapitel II Kat. 1–24 34


Israel bildeten, im Bergland sesshaft. Bronzeplättchen eingepunzt, rundplas- len, die mit Protomen verschiedener raten, wenn man andere Darstellungen Gleichzeitig handelt es sich um eine
In einer gemischten Wirtschaft aus tisch aus Metall oder Ton. Ein eigener Tiere –Boviden, Oviden und Capri- daneben hält. Der Grund dafür liegt in typische Segensikone, in der die sogar
Ackerbau und Kleinviehzucht war die Bildtypus, ein Beter, der seinen Arm auf den – kombiniert sind. Sie alle wurden der Miniaturisierung: Je kleiner eine den Tod überwindende Weitergabe des
Fruchtbarkeit der Schafe und Ziegen den Hals eines neben ihm hockenden in Gräbern gefunden. In Analogie kann Darstellung, desto größer musste im Lebens und die sich darin äussernde
von elementarer Bedeutung. Säu- Hundes legt, ist nicht nur in Isin, son- man auch für das gezeigte Gefäß auf Verhältnis der Kopf des Jungtiers darge- göttliche Sympathie – besonders, aber
gende Tiere galten als Ausdruck der dern bis Samos im Westen und Susa funeralen Gebrauch schließen. Man stellt werden, wenn der Künstler nicht nicht ausschliesslich von sogenannten
Segensmacht von Göttinnen. Noch im im Osten gefunden worden. Besonders könnte sich gut vorstellen, daß dem ganz auf Details verzichten wollte. Die Muttergöttinnen – für alles Lebendige
Deuteronomium heissen sie mehrmals wichtig ist die Inschrift auf einem Ter- Toten in der Schale vielleicht Käse, Oberfläche wurde sehr fein poliert, was emblematisch sichtbar wird.
≤aschterot ha-zo≥n «Aschtarten des rakottahund in Isin, die eine Weihung den die produzierende Kuh selbst dar- dem Stück einen leicht schimmernden Einen Reflex dieser numinosen Wert-
Kleinviehs» (7,13; 28,4.18.51). «Aschtar- an die große Ärztin Gula als Dank für reicht, mitgegeben wurde. US Glanz verleiht. Von oben betrachtet schätzung der Verbindung von Mutter-
te» bzw. Astarte (mit Ischtar bzw Ester erhörtes Gebet, also vielleicht für die sieht man, dass das Fragment leicht und Jungtier finden wir im biblischen
Lit.: Dorotheum. Antike Kunst und Fossilien,
verwandt) war eine der kanaanäischen Heilung einer Krankheit, beinhaltet. I. gerundet ist und im Bereich der Kruppe Gebot, Rind- oder Kleinvieh nach der
Auktion am 6. Juni 2000, Wien 2000, 36, Nr.
Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttinnen. Im Fuhr meint, daß der Hund wegen der 67. – Parallelen: J. Connan/O. Deschesne, Le leicht zurückbiegt. Es dürfte ursprüng- Geburt mindestens sieben Tage lang
Deuteronomium erscheinen sie aber als heilenden Wirkung, den Hundespeichel bitume à Suse, Paris 1996, 231–246, Nr. 199. lich Teil eines Panels gewesen sein, bei beim Muttertier zu lassen, bevor es
von Jhwh, dem Gott Israels geschenkter haben kann, der Göttin der Heilkunst dem eine ganze Reihe gleich gefertigter als Opfergabe dargebracht werden
Segen. OK zugeordnet wurde, und verweist auf den Schnitzereien in durchbrochener Arbeit darf (Exodus 22,28-29; Levitikus 22,27
5 Konoid mit säugenden Ziegen
Schwärzlicher Kalkstein ‹armen Lazarus› (Lukas 16,19ff), dessen aufeinander folgten. Aufgrund der be- – man beachte, dass der hebräische Text
Lit.: Keel-Leu, Stempelsiegel, 52, Nr. 58 und
H. 2,1 cm; D. 2-2,3 cm Schwären von Hunden geleckt wurden. scheidenen Dimensionen wird es ein nicht vom Muttertier, sondern einfach
59; Vergangenheit, 67, Abb. 4 unten links;
Eisenzeit I, 12.-11., evtl. 10. Jh. v. Chr. Miniaturkunst, 50, Abb. 61 (nur Nr. 6). – Par- US relativ kleines Möbelstück geschmückt von der Mutter spricht!). CU
SK 1984.4; Sammlung O. Keel allelen: O. Keel/S. Schroer, Studien zu den haben. Deshalb fehlen wohl auch die
Langzeitleihgabe am Departement für Bi- Stempelsiegeln aus Palästina/Israel I (OBO 67), Lit.: Drouot-Montaigne, Archéologie, 22-23 Lit.: Unveröffentlicht.– Vergleiche: F. Thureau-
blische Studien
ansonsten üblichen Schlitze im Rücken;
Freiburg (CH)/Göttingen 1985, 25-38, Abb. Avril 2001, Paris 2001, 137, Lot 632. – Paral- Dangin et al., Arslan-Tash (BAH XVI), Paris
lelen und Diskussion: D. Rittig, Assyrisch-ba- die Halterung mittels einer (verlorenen) 1931, 119-121, Pl. XXXVII-XL, bes. XXXIX:71;
116; GGG 141-143, Abb. 151a-152b.
bylonische Kleinplastik magischer Bedeutung Basisleiste hat offenbar genügt. G. Herrmann, Ivories from Nimrud V. The
vom 13.-6.Jh. v. Chr. (1977) 116-121 (zum 9 Elfenbeinschnitzerei mit Kuh und Kalb Parallelen zu unserem Stück, aller- Small Collections from Fort Shalmaneser, Lon-
7 Hundefigur magischen Wächter). B. Hrouda, Isin-Ißan don 1992, 38-39, 70-71 Nr. 132-136; E. Rehm,
L. 5,0 cm, H. 2,38 cm, D. 0.77 cm dings fast doppelt so lange, finden sich
(Abb. hintere Umschlagklappe) Ba”r≠yªt I, München 1977, 43; II, München Kykladen und Alter Orient. Bestandskatalog
Syrien, angeblich aus Tyrus unter den Elfenbeinen, die in einem
Terrakotta 1981, 65-57, Taf. 25. 27; III, München 1987. I. des Badischen Landesmuseums Karlsruhe,
9./8. Jh. v. Chr.
H. 10 cm, B. 4,1 cm, T. 6 cm Fuhr, Der Hund als Begleittier der Göttin assyrischen Palast in Arslan Tash in Karlsruhe 1997, 135-136, Nr. S 22. – Allgemein
VF 1998.11
Mesopotamien Gula und anderer Heilgötter, in: Hrouda Nordostsyrien aus dem 8. Jh. gefunden zum Motiv: Keel, Böcklein.
Erworben mit Mitteln des Rektorats der
Ende des 2./Anfang des 1. Jt. v. Chr. 1977, 135-145. A. Spycket, in: Hrouda 1987,
VFig 2001.1 Universität Freiburg, CH wurden. Etwas kürzer (8,4 cm) ist ein
49-60 Taf. 21.22. Stück in Karlsruhe, das ursprünglich
Der kleine, frei modellierte Hund hockt Das trotz seiner kleinen Dimensionen vom selben Ort stammen könnte. Ähn-
8 Schale mit Rinderprotome
aufgerichtet auf seinen Hinterbeinen; (Abb. vordere Umschlagklappe) sehr detailreich geschnitzte und model- liche Stücke mittlerer Grösse sind auch
um seinen Hals ist ein breites Hals- Heller Kalkstein lierte Elfenbeinfragment stellt eine Kuh im sogenannten ‹Fort Shalmaneser› in
band gelegt. Er steht für die Hilfe, die L. 16,5 cm, H. 9,1 cm, B. 10,35 cm dar, die den Kopf zu ihrem saugenden Nimrud gefunden worden. Bei all diesen
Menschen sich gegen äussere Feinde Iran Kalb zurückgewandt hat, von dem nur Stücken handelt es sich wohl um Beute-
6 Konoid mit säugenden Ziegen Altelamisch, 1. Viertel des 2. Jt v. Chr.
Schwärzlicher Kalkstein erhoffen, seien diese nun Räuber, die gerade das Köpfchen erhalten ist. Die und Tributgut aus dem Westen. Aramä-
VFig 2000.4
H. 2,1 cm; D. 2,2 cm in das Haus eindringen wollen, oder Schenkung des Diogenes Verlags, Zürich Beine der Kuh, ihr Schwanz, ihre Zun- isch geschriebene Handwerkerzeichen
Palästina/Israel Krankheiten, die den Menschen un- ge, mit der sie den Rücken des Kalbes auf der Rückseite erlauben es, sie einer
Eisenzeit I, 12.-11., evtl. 10. Jh. v. Chr. leckte, und der Körper des Jungtiers aramäischen Werkstatt zuzuweisen,
SK 1984.5; Sammlung O. Keel
sichtbar überfallen. An eine runde Schale mit flachem
Langzeitleihgabe am Departement für Bi- Solche Hundefigürchen aus Terrakotta, Boden ist eine vollplastische Rinder- sind verloren. Obwohl es sich um ein deren Standort wohl in Hamat oder
blische Studien aber auch anderen Materialien tauchen protome mit untergelegten Beinen Serienstück handelt, ist dieses doch Damaskus anzusetzen ist.
nämlich in zwei unterschiedlichen angearbeitet. Die Wamme des Tiers ist mit viel handwerklichem Sachverstand Das Motiv ‹Kuh und Kalb› gehört zu
Siegelamulette aus Stein, die sich der Bereichen auf. Einmal ist der Hund mit Zickzacklinien verziert; die Augen und Sinn für die Anatomie der Tiere den beliebtesten des syrischen Elfen-
Form eines Kegels annähern, sind ty- der Göttin Gula, der großen Ärztin, waren ursprünglich wohl aus anderem gefertigt worden. Die Kombination von beinrepertoires des 9. und 8. Jh. v. Chr. 10 Stater mit Kuh
pisch für die frühe Eisenzeit. Eines der zugeordnet, das andere Mal soll er Ein- Material eingelegt. Das Geschlecht des Modellier- und Ritztechnik schafft mit Es taucht in der Kunst des alten Orients Silber
häufigsten Motive auf diesen Siegeln dringlinge jeder Art vom Haus fernhal- Tiers ist nicht bestimmbar. einfachen Stilmitteln starke, anatomisch ungefähr gleichzeitig um die Mitte des Dm. 21,5 mm, G.10,5 gr
sind säugende Ziegen. Auf Kat. 5 (wo ten. Figürchen von Wachhunden waren Eine enge Parallele, allerdings aus überzeugende Effekte: vier Striche 3. Jt. v. Chr. in Ägypten und in Mesopo- Korkyra
4. Jh. v. Chr.
etwa ein Drittel der Basis weggebrochen neben oder unter Türschwellen von Bitumen, ist in Susa ausgegraben wor- deuten die Rippen an, leicht gebogene tamien auf und lebt im Mittelmeerraum
N Kopp 55
ist) stehen zwei einander gegenüber, auf Eingängen zu Gebäuden vergraben, und den. Die Unterschiede sind minimal; Linien das Kammhaar, zwei Linien he- dann bis in die römische Zeit weiter. Schenkung Josef Vital Kopp, Luzern
Kat. 6 sind sie übereinander angeordnet. ihre Funktion war ihnen gelegentlich das Tier der susanischen Schale ist ben bei Kuh und Kalb das Auge hervor, Wo die Kleinviehzucht verbreiteter war
Nur schlecht erkennbar ist auf Kat. 6 am auf den Leib geschrieben (z.B. «Ver- etwas weicher modelliert, das Auge im und fünf kleine Zacken konturieren als die Rinderzucht, wurde das Motiv Die säugende Kuh, die sich zu ihrem
unteren linken Rand noch ein Skorpion nichte sein Leben» oder «Beißer seines gleichen Material herausgearbeitet, die den Übergang vom Stirnhaar zum adaptiert, d.h. die Bovinen durch Ziegen Kalb zurückwendet, das unter ihrem
eingraviert. Der Skorpion war ein Sym- Feindes»). Ganz anders ist die Funktion Wamme nicht verziert, doch begegnet Hornansatz. Das kreisrunde Auge der und Schafe ersetzt. Überall evozierte es Leib kniet und trinkt, stellt eine Kreis-
bol sexueller Erregtheit, wahrscheinlich der Hundefiguren, die der großen Hei- der Zickzack-Dekor bei anderen Tieren Kuh war ursprünglich wohl mit einer die instinktive, intensive Verbundenheit komposition dar, die den Kreislauf
aufgrund seines ‹Paarungstanzes›, bei lerin Gula geweiht wurden. In ihrem der gleichen Gruppe. Die Schale wurde Einlage (aus Muschelkalk?) versehen. von Mutter- und Jungtier, die man als des Lebens als Prozess sich stets er-
dem Männchen und Weibchen sich an Hauptheiligtum in Isin wurden außer in einem Sarkophaggrab der altela- Kruppe und Beinmuskulatur sind Ausdruck stärkster emotionaler Zunei- neuernder Fruchtbarkeit abbildet. Der
den Scheren fassen. Hundegräbern Weihungen von Hunde- mischen Zeit gefunden. durch Modellierung hervorgehoben. gung interpretierte und in der Literatur grosse achtstrahlige Stern verweist so-
In der Zeit zwischen 1200 und 1000 darstellungen in unterschiedlichen Aus- Die Rinderschale aus Susa gehört Der Kopf des Kalbes ist im Vergleich metaphorisch auch auf menschliche wohl auf göttliche Herkunft wie auch auf
v. Chr. wurden die Stämme, die später führungen und Materialien entdeckt: in zu einer Gruppe von Bitumenscha- zu dem des Muttertiers etwas gross ge- oder göttliche Liebende übertrug. Präsenz göttlicher Kraft, wie dies in der

35 Kapitel II Kat. 1–24 36


griechischen und römischen Münziko- den Kopf des auf ihrem Schoss sitzen-
nogra-phie vielfach, besonders bei Herr- den Kindes. Es ist nackt bis auf die Kopf-
scherköpfen, zum Ausdruck kommt. bedeckung (eine enganliegende Kappe
Bei dieser Silbermünze aus Korkyra, mit Uräus und seitlicher Jugendlocke)
einer wegen ihrer Fruchtbarkeit in und den schmückenden Halskragen.
der Antike bekannten ionischen Insel, Der trapezförmige Sockel ist Träger
verweist der Stern wahrscheinlich auf einer etwas flüchtig ausgeführten hie-
die Göttin Hera, der die Rinderherden roglyphischen Inschrift, die von links
heilig und deren Opfertiere Kühe waren. nach rechts über die Vorderseite und
Ein Tempel der Hera Akraia ist auf dem die rechte Sockelseite hin zur Rückseite
antiken Stadtgebiet von Korkyra archäo- läuft: «Isis möge Leben geben der Perjs,
logisch nachgewiesen. Mit dem antiken Tochter des Djedbastet (?), geboren von
Massenmedium Münze verbreiteten die Djedhapi […(?)]». Der Personennamen
Korkyräer so das Lob der Fruchtbarkeit Per(j).s ist nicht als ägyptisch belegt; es
ihrer Insel und verwiesen gleichzeitig handelt sich wahrscheinlich um einen
auf sie als göttliche Gabe. MK griechischen Namen: Pariı (Pareiı).
Die enge Verbindung der Isis mit Osi-
Lit.: V. Grigorova, Catalogue of the Ancient ris (vgl. Kat. 55), zugleich Bruder und
Greek and Roman Coins of the Joseph Vital
Kopp Collection, University of Fribourg Swit- Gatte, definierte ihre Hauptfunktionen:
zerland (NTOA.SA 2) Fribourg (CH)/Göttingen Den Tod des Osiris zu beklagen und zu
2000, 30, Nr. 55. – Parallelen: Catalogue of beweinen, ihn zu beleben und zu schüt-
Greek Coins in the British Museum, Vol. 7: P. zen (vgl. Kat. 91). Weiter nimmt sie als
Gardner, Thessaly to Aetolia, London 1883,
Nr. 126-129. – Zu Korkyra: G. Rodenwaldt Mutter des Horus (vgl. Kat. 92) die Rolle
u.a., Korkyra, 2 Bde., 1939/1940 (antiker der Muttergöttin ein, der stillenden
Stadtplan S. 14). Gottesmutter. Ihr Kopfschmuck, das
Thronzeichen, gilt als kennzeichnendes
11 Figur einer stillenden Isis mit Kind Attribut. Vom Mittleren Reich an trug
Bronze, Vollguss; Sockel: Hohlguss sie auch den Kopfputz der Hathor:
H. 20,5 cm, B. 5 cm
Ägypten Kuhgehörn und Sonnenscheibe. Die
Ptolemäische Epoche, 332-30 v. Chr. religiöse Vorstellung der Muttergottheit
ÄFig 1995.1 hatte sich im Niltal primär nicht aus 12 Figur eines Lastesels Symbol für Reichtum, Wohlstand und
Schenkung Elly Halter-Jenny, Küsnacht Ton
der menschlichen Sphäre von Mutter H. 7,1 cm, L. 9,5 cm, von Korb zu Korb 8 cm Segen über den Tod hinaus.
und Kind entwickelt, sondern ging von Palästina/Israel Der Esel (Equus asinus asinus) gehörte
Die Kuh als Urbild mütterlicher Frucht- der Mutterkuh aus, die wahrscheinlich Frühe Bronzezeit, Ende 4. Jt. v. Chr. ursprünglich zur afrikanischen Fauna.
barkeit hat noch in dieser anthropo- aus dem Weltbild vorgeschichtlicher Replik: VFRep 6 (Original: Israel Museum Die Anfänge seiner Domestikation lie-
morphen Figur aus ptolemäischer Zeit IAA 70-614)
Viehzüchter stammt. Die bekannteste Geschenk des Israel Museums, Jerusalem
gen im Dunkeln. Sicher ist, dass er mit
im Kuhgehörn Spuren hinterlassen. Es und bereits früh belegte Kuhgöttin ist der Sekundärprodukterevolution in der
handelt sich bei der Statuette um ein so- Hathor (vgl. Kat. 57, unteres Register). Der Esel mit den zwei grossen bau- Frühbronzezeit als Lasttier eine steile
wohl technisch als auch ikonogra-phisch Gemäss einem Spruch der Pyrami- chigen Gefässen aus Grab 10 der Ne- und langanhaltende Karriere machte.
qualitätsvolles und schön erhaltenes dentexte war sie es, die den König kropole von Azor am Südrand von Tel Die Domestikation des Esels liess eine
Beispiel der Figurengruppe ‹Göttin mit stillte. Das Stillen galt nach ägyptischer Aviv ist vielleicht die älteste Darstellung neue Klasse von Langstreckenhändlern
Königskind›, eine geradezu ‹klassische› Vorstellung als Inbegriff und Garant eines Lastesels. Das Fragment einer entstehen. Sie verstärkte und beschleu-
Darstellung der thronenden Isis lactans, des Lebens. Das Motiv von Mutter und weiteren Figur dieser Art stammt aus nigte den Handel von Exportprodukten
die das ganze Repertoire der möglichen Kind begegnet seit dem Alten Reich. derselben Nekropole. In Palästina/Israel und trug auch zur Intensivierung des
Verzierungen und Attribute ausschöpft. Rundplastische Darstellungen der wurden bislang 14 Terrakotten dieser Ackerbaus bei. Für Gegenden ohne
Das schmale Gesicht der Göttin wird thronenden Gottesmutter (vornehmlich Art, alle aus dem Chalkolithikum oder schiffbare Flüsse war der Esel bis zum
von einer schweren dreiteiligen Perücke Hathor und Isis), die ihr Kind stillt, der Frühbronzezeit, gefunden, und Aufkommen des Automobils das wich-
gerahmt, auf die ein bis ins letzte Detail lassen sich jedoch erst seit der Dritten zwar meistens in Gräbern. Ab der Mit- tigste Transportmittel; für die arme
ausgearbeiteter Geierbalg gelegt ist. Zwischenzeit (1070-664 v. Chr.) bele- telbronzezeit verschwindet das Motiv Bevölkerung im Orient und in Afrika ist
Dem Uräenkranz entspringt ein über- gen und finden in der Spätzeit grosse aus der Terrakottaplastik. An seiner er es noch heute. Dem Missbrauch des
proportioniertes, an der rechten Spitze Verbreitung. Diese Ikonographie bildet Stelle taucht in der Eisenzeit das bela- Tiers durch Überladen versucht der im
leicht beschädigtes Kuhgehörn mit Son- die Vorlage für das abendländische Bild dene Kamel auf (s. Kat. 21). Die grosse ältesten biblischen Rechtskorpus über-
nenscheibe. Zwischen den beiden vor- der christlichen Madonna lactans. symbolische Bedeutung, die aus diesen lieferte Rechtsappell zu begegnen, auch
deren Haarteilen der Perücke lässt sich Die vorliegende Figur ist als Weihgabe Gründen dem Esel im Chalkolithikum dem Esel des Feindes, der unter seiner
ein mehrreihiger Halskragen erkennen. anzusehen, die den Dank für eine glück- und in der Frühen Bronzezeit zukam, Last zusammengebrochen ist, beizuste-
Das enganliegende, bis zu den Knöcheln liche Geburt oder die Bitte um Unter- legt es nahe, in diesem Terrakottaesel hen (Exodus 23,5). TST
reichende Kleid lässt beide Brüste frei. stützung an Isis ausspricht. MPG nicht bloss ein profanes Spielzeug zu
Die Hand des angewinkelten rechten Lit.: R. Amiran, ‘Atiqot 17 (1985) 190-192, Pl.
Lit.: Miniaturkunst, 160-161 mit Abb.; Page sehen, sondern, wie es auch seine Ver- 46,3-4, Figur links – Parallelen: Thomas Staub-
Arms umgreift die linke Brust. Mit der Gasser, Götter, Nr. 16 (Lit.). wendung als Grabbeigabe nahe legt, ein li, ZDPV 117 (2001), 102 mit Anm. 28.
vorgestreckten linken Hand umfasst sie

37 Kapitel II Kat. 1–24 38


ihn aber noch Jahrhunderte später (vgl. Israels Fürstinnen und Fürsten ritten 16 Rollsiegel mit zwei Assyrern im Die vollständig handmodellierte, aus
Genesis 43,18; 44,3.13; 45,23). Der stark- vorzugsweise auf weissen Eselinnen Streitwagen auf der Wildstierjagd grobem Ton gefertigte und bei relativ
knochige Esel, der bis zu 100 kg schwere (Richter 5,10). Auch sie wurden nach Grauschwarzer Kalkstein niedriger Temperatur gebrannte Fi-
H. 4,35 cm, Dm. 1,4 cm
Lasten tragen kann, war damals so ge- damaliger Etikette von einem Führer Assyrien
gurine besteht aus zwei Teilen: Das
schätzt, dass man tote Esel zeremoniell und einem Treiber begleitet, die zu Fuss Neuassyrisch, 9. eventuell noch 8. Jh. v. Chr. Pferd hat einen flachen, breiten Körper
begrub. Daher auch der Name «Starker gingen (Genesis 22,3; Levitikus 22,22). VR 1992.24 und steht auf pfeilerartigen Beinen;
Esel» eines Hyksos-fürsten, der Name Im Gegensatz zum Pferd taugte der Hals und Kopf haben dagegen ein fast
«Esel» des Vaters Sichems (Genesis Esel aufgrund seines Charakters nicht Auf dem sehr stark abgenutzten Roll- rundes Profil, die Schnauze ist leicht
34,2) und der Titel «Eselssöhne» für die für den Krieg. Sein Starrsinn wird in siegel jagen ein Wagenlenker und ein flachgedrückt, die grossen Ohren und
Bewohner der Stadt Sichem. Auf der der Bibel nicht getadelt, sondern er wird Bogenschütze vom Streitwagen aus der Stummelschwanz wurden angesetzt
Beine des Käfers sind auf vier reduziert.
Passhöhe einer wichtigen West-Ost-Ver- als gottesfürchtig gelobt. Der Esel ist das einen Wildstier, der unter den Vor- und sind heute teilweise abgebrochen.
Auf der Basis ist in waagrechter Anord-
bindung in Palästina/Israel gelegen, war einzige Tier, von dem die Bibel erzählt, derhufen der galoppierenden Pferde Offensichtlich handelt es sich um eine
nung eine schematische Kriegszene
Sichem ein Zentrum des Säumerwesens. dass es den Engel Gottes sieht und re- zusammenbricht. Das zweite Pferd stark stilisierte Massenfertigung, die
13 Platte mit Esel und Treiber eingraviert. Der Pharao steht mit der
Die Gegend um Damaskus wird in neu- spektiert (Numeri 22,22-30) und ist das ist nur durch das Profil der oberen mit einfachsten Gestaltungsmitteln ar-
Enstatit Blauen Krone angetan und einem Uräus
assyrischen Quellen «Eseltreiberland» Reittier des messianischen Friedens- Hälfte des Kopfes angedeutet. Über beitet. Das Gleiche gilt vom Reiter, der
L. 3,6 cm, B. 3,3 cm, H. 1,2 cm an der Stirn (vgl. Kat. 55) im Streitwagen.
Palästina/Israel genannt. TST fürsten (Sacharja 9,9f; vgl. Matthäus der hinteren Hand des Bogenschützen in einem zweiten Durchgang modelliert
Er hält mit der einen Hand den Bogen,
Mittelbronzezeit IIB, ca. 1650-1550 v. Chr. 21,1-9parr.). TST ragen Pfeilschäfte empor. Hinten am und mit dem Tierkörper verbunden
Lit.: Thomas Staubli, ZDPV 117 (2001), Taf. I mit der anderen einen Pfeil. Die Zügel
SK 1998.1, Sammlung O. Keel Wagenkasten steckt eine mit Quasten wurde: Sein Körper ist brettartig flach,
Langzeitleihgabe am Departement für Bi- und 98, Abb. 1. Lit.: A.H. Gardiner/T.E. Peet, The Inscriptions des Pferdes sind um seine Hüften ge-
versehene Lanze. Die Wildrinder zu die Arme sind durch flache Tonwülste
blische Studien of Sinai. Part II: Translations and Commentary, schlungen. Vor dem Bogen und vor dem
jagen, die die Felder verwüsten konnten, gebildet, deren Enden (Hände) an
London 1955, fig. 17. Pferd steht je eine menschliche Gestalt
Das Stempelsiegel fällt durch Grösse 14 Reliefausschnitt mit Eselreiter war in Ägypten und in Mesopotamien den bereits lederharten Kopf gedrückt
mit beiden resp. einem Arm verehrend-
und Form auf. Die rechteckige, beid- Kalkstein, bemalt in der Regel Aufgabe und Privileg der und dadurch noch einmal verbreitert
Serabit el-Khadem (Sinai) abwehrend erhoben. Die ägyptische
seitig gravierte Platte wurde in beide Könige. Amenophis III. behauptet in wurden. Der Körper des Reiters geht
Mittleres Reich, um 1800 v. Chr. Ikonographie stellt kriegerische Begeg-
Richtungen auf den Schmalseiten einem Gedenkskarabäus, 96 Wildstie- gleitend in den Kopf über; der Töpfer
Kolorierte Strichzeichnung von Barbara nungen immer so dar, dass der Pharao
durchbohrt, das Siegel also möglicher- Connell (Atelier WiZ, Volketswil) nach den re getötet zu haben. In Medinet Habu bog den Rumpf leicht nach hinten,
wie ein Gott erscheint, vor dem die
weise an einem harten Gegenstand oder Angaben dokumentierter Farbreste bei Gar- wird Ramses III. auf der Wildstierjagd um den Hinterkopf anzudeuten, und
Feinde kopflos fliehen oder dem sie sich
diner/Peet (s.Lit.) gezeigt. Assyrische Palastreliefs zeigen drückte dann die Vorderseite mit Dau-
auf einem Stoff mit Schnüren befestigt. kampflos ergeben. Pferd und Wagen
Formal ähnliche Stücke stammen aus Assurnasirpal II. bei der Wildstierjagd. men und Zeigefinder zusammen, um
Auf vier Memorialstelen am Prozes-si- dienen dazu, die göttliche Siegesmacht
Avaris (Nildelta) oder aus Südpalästina. HKL, OK mit einem einzigen Griff Kinn, Nase
onsweg des Hathorheiligtums bei den des Pharao überzeugend zu inszenie-
Die eine Seite zeigt eine Bundesszene Türkisminen von Serabit el-Khadem ren. Die Propheten Israels haben diese und Augenhöhlen zu stilisieren (sog.
Lit.: A. Glock (ed.), Minuscule Monuments
am Baum, die andere einen beladenen im Zentralsinai findet sich am Fuss der Inszenierung in Frage gestellt, indem of Ancient Art. Catalogue of Near Eastern ‹pinched nose›- oder ‹Vogelkopf›-Typ).
Esel und dessen Treiber. Während der Stele jeweils dieselbe Szene: Ein durch sie darauf hinwiesen, das die Streitrosse Stamps and Cylinder Seals collected by Vir- Dank zahlreicher, teilweise jüngerer
beladene Esel auf einigen Stempelsie- 15 Skarabäus mit Pharao als Sieger im Ägyptens bloss schwaches vergängliches ginia E. Bailey. The New Jersey Museum of Parallelen (vgl. Kat. 18) können wir
den Stab als Vornehmer bzw. Scheich Archaeology, Madison 1988, Nr. 97; C. Bois-
gelamuletten der Hyksoszeit zu finden erkennbarer Mann, der in Begleitung Streitwagen Fleisch und nicht göttliche Geistkraft sicher sein, dass die Figurine einen
(Abb. Seite 39, gegenüber) girard/A.M. Kevorkian (éds.), La collection
ist, ist die Variante mit dem Treiber in eines Führers und eines Treibers, die seien (Jesaja 31,3). Virginia E. Bailey. Glyptique. Hotel Drouot.
männlichen Reiter darstellt. Bei aller
Enstatit oder Kompositmaterial, keine Spur
der Gattung bislang singulär. Hingegen zu Fuss gehen, auf einem Esel reitet. Wann genau und auf welchem Wege 16. Décembre, Paris 1992, Nr. 65. – Parallelen: Stilisierung ist bemerkenswert, dass der
von Glasur
taucht dieses Motiv häufig auf Erntes- Die Ägypter, die sich vorwiegend mit L. 3,2 cm, B. 2,2 cm, H. 1,3 cm zuerst Pferde nach Ägypten gelangt D. Collon, Catalogue of Western Asiatic Seals Mann nicht – wie häufig – viel zu gross
zenen auf ägyptischen Grabreliefs des Ägypten in the British Museum. Cylinder Seals V. dargestellt wurde, sondern die Propor-
Schiffen auf dem Nil bewegten, ver- sind, ist unklar. Ob die kanaanäischen Neo-Assyrian and Neo-Babylonian Periods,
Mittleren Reiches auf. Der mit Ernte- Neues Reich, 19.-20. Dynastie, 1292-1075 tionen von Tier und Mensch relativ gut
zeichneten das Reiten auf Eseln als Fremdherrscher (Hyksos) zwischen London 2001, 60 Nr. 93; Porada, Corpus,
v. Chr. getroffen sind.
und Handelsgütern bepackte Esel war eine Merkwürdigkeit ihrer asiatischen M. 5804, ehemals Sammlung F.S. Matouk 1650 und 1550 v. Chr. bei seiner Ein- Nr. 660.  – Zum Wildstierjagd-Skarabäus
ein Bild des Segens, der besonders dann Reiseführer im Sinai. führung eine Rolle gespielt haben, ist Amenophis’ III.: C. Blankenberg-Van Delden, Pferde- und Reiterfigurinen dieser Art
reichlich ausfiel, wenn die politischen ungewiss und eher unwahrscheinlich. The Large Commemorative Scarabs of Amen- gehören zum Grundrepertoire der ju-
Vor dem Aufkommen von Pferd (Kat. Der Skarabäus weist eine für rames-si- hotep III, Leiden 1969, 16f.57-61. – Zum Relief
Verhältnisse stabil waren. Darauf 17) und Kamel (Kat. 22f) war der Esel dische Skarabäen typische schematische Das Transporttier der Hyksos waren däischen Koroplastik. Sie bilden neben
Ramses’ III.: H.H. Nelson et al., Later Historical
könnte die Bundesszene unter dem das einzige Reittier im Vorderen Orient. Kopf- und Rückenform auf. Die sechs Esel (Eselsbegräbnisse in Avaris). An- Records of Ramses III. Medinet Habu II (OIP 9),
den Frauenfigurinen die zweitwichtigste
Baum auf der anderen Seite der Platte scheinend gab es Pferde in Ägypten in Chicago 1932, Pl. 117, vgl. Pl. 130. – Zu den Gruppe – aus kontrollierten Ausgra-
anspielen. Die in zeitgenössischen nennenswerter Zahl erst ab etwa 1550 v. Reliefs Assurnasirpals II.: E. Strommenger/M. bungen im Bereichd es alten Juda sind
Dokumenten von Mari bezeugte Sitte, Hirmer, Fünf Jahrtausende Mesopotamien. bis heute über 300 Exemplare bekannt
Chr. OK Die Kunst von den Anfängen um 5000 v.
bei Vertragsschlüssen einen Esel zu geworden – und können als typisch
Chr. bis zu Alexander dem Grossen, München
töten und dessen getrennte Hälften zu Lit.: Matouk, Corpus II, 403 Nr. 1716. – Par- 1962, Abb. 202 (BM WA 124532). männliches Statussymbol angesprochen
durchschreiten (ARM II 37.6,11) scheint allelen: Zur Käferform vgl. Keel, Corpus, werden. Meistens tauchen diese Figu-
51 § 103 Abb. 65f; O. Keel/M. Shuval/Ch. rinen in Häusern, manchmal auch in
durch die Motivkombination des Siegels Uehlinger, Studien zu den Stempelsiegeln 17 Judäische Reiterfigur
nicht intendiert zu sein. aus Palästina/Israel III. Die Frühe Eisenzeit. (Abb. Seite 40)
Gräbern des 8. und 7. Jh. auf, wobei in
Eselskarawanen ermöglichten einen Ein Workshop (OBO 100), Freiburg (CH)/Göt- Terrakotta Palästina/Israel offenbar nie zwei oder
bedeutenden Handel auf dem Landweg tingen 1990, 289-294, bes. 290 Abb. 0130, wo L. 15,4 cm, B. 7,2 cm, H. 15 cm mehr Reiter gleichzeitig miteinander
in der linken Kolumne als drittes Stück von Palästina/Israel, judäisches Bergland (Handel gefunden wurden. Pferdedarstellungen
zwischen Palästina und Ägypten. Er er-
oben das Stück Kat. 15 zu sehen ist. – Zur Ein- Jerusalem) sind häufiger als irgendwelche andere
lebte eine Hochblüte in der sogenannten führung des Pferde in Ägypten: J. Boessneck, Eisenzeit IIB, Ende 8. bis Mitte 7. Jh. v.Chr.
Hyksos-Zeit, als grosse Teile Ägyptens Die Tierwelt des Alten Ägypten untersucht VF 1999.5 Tierfigurinen (Bovinen, Capriden usw.).
von einer Dynastie kanaanäischen anhand kulturgeschichtlicher und zoolo- Erworben mit Mitteln des Schweizerischen Diese Verteilung spiegelt offensicht-
Ursprungs beherrscht wurden. Es gab gischer Quellen, München 1988, 79-81. Bundesamtes für Kultur lich nicht die realen Nutztieranteile in

39 Kapitel II Kat. 1–24 40


der altjudäischen Gesellschaft wider, wobei sie teilweise Reiterkontingente tischen und assyrischen Kavallerie jener und römischen Zeit wieder, wenn etwa
sondern muss durch die symbolische von unterworfenen Völkern in ihr eige- Zeit zusammenhängen. Darüber hinaus im 2 Makkabäerbuch (3,25; 5,2-3; 10,29)
Bedeutung und Wertschätzung des nes Heer integrierten. Seit dem 7. Jh. ist scheinen die Figurinen aber eine Rolle himmlische Schlachtenhelfer als Reiter-
Pferdes erklärt werden. Wie wir aus auch die Jagdreiterei ikonographisch be- in der Familienfrömmigkeit gespielt zu heer auftreten oder in der Johannes-Of-
assyrischen, ägyptischen und biblischen zeugt (vgl. Ijob 39,18), und Reiten wurde haben, vielleicht als eine Art ‹Schutzen- fenbarung (19,11-21) der wiederkehren-
Quellen schliessen können, ist die Rei- nun zu einem Element grossköniglicher gel› (vgl. zum «Boten Jhwhs» 2 Könige de Christus (bzw. das ‹Wort Gottes›) als
terei im alten Orient erst relativ spät Selbstdarstellung (Reliefs Assurbanipals 1,3.15 19,35) oder Repräsentanten des Reiter auf einem weissen Pferd, d.h. als
bekannt geworden, nachdem sie bei in Ninive). «Him-melsheeres» (vgl. Jhwhs Heeres- eine Art sol invictus vorgestellt wird.
den Steppenvölkern Zentralasiens und In Israel scheint die Kavallerie nicht musterung in Jesaja 13,3-5). Um die Dar- Handelt es sich bei der Figurine um eine
im iranischen Hochland wohl schon recht heimisch geworden zu sein: stellung eines Gottes kann es sich kaum einfache Kriegerdarstellung, oder hatte
länger bekannt war (vgl. zu Mannäern, Noch im späten 8. Jh. deportierte der handeln, da kriegerische Gottheiten in dieses typisch männliche Rollenbild
Kimmeriern und Skythen Jeremia 6,23; Assyrerkönig Sargon II. nur Streit- der Levante zu jener Zeit entweder zu in der Perserzeit auch eine bestimmte
50,42; 51,27). Waren Pferde in den wagenkontingente, keine Reiter aus Fuss, auf einem Stier oder auf Keruben religiöse Funktion? Stifterinschriften
Heeren des alten Orients bis ins 10. Jh. Samaria. Ob Juda in vorexilischer Zeit stehend oder gar als Wagenfahrer, aber auf vergleichbaren Figuren aus Kouri-
v. Chr. fast ausschliesslich als Zugtiere über eine eigene Reitertruppe verfügte, nie als Reiter zu Pferd vorgestellt wur- on (Zypern) legen nahe, dass diese als
für Prunk- und Streitwagen verwendet ist fraglich (vgl. 2 Könige 18,23 = Jesaja den. CU Abbilder von Höhergestellten – Heroen
worden, so bildeten ab dem 9. Jh. die 36,8; 30,16; Hosea 14,4; Amos 2,15). oder Aristokraten – verstanden wurden.
Lit.: Unveröffentlicht.– Vergleiche und Dis-
Urartäer und Mannäer in Armenien Reiter waren eher eine ebenso gefürch- Im perserzeitlichen Palästina sind der-
kussion: GGG §§ 198-200. – Zur Reiterei im
und Aserbaidschan, die Aramäer in Sy- tete wie bewunderte Spezialität fremder 8./7. Jh. v. Chr.: L. A. Heidorn, JNES 56 (1997) artige Figuren bisher auffälligerweise
rien und die Nubier der 25. Dynastie in Grossmächte (Jesaja 31,1-3; Ezechiel 105-114; Ch. Uehlinger, NBL III, 340-342 (Lit.); nur im Küstengebiet und im Negev ge-
Ägypten (Jesaja 31,1) eigene Reiterkon- 23,5-6.12.23-24), die man sich selber A. Lemaire, Trans 15 (1998) 165-182. funden worden. Hätte man in Samaria
tingente aus, die dank ihrer grösseren nur mit Mühe leisten konnte. Wie sind und Juda darauf verzichtet, wenn die
Beweglichkeit in unterschiedlichen Ter- dann aber die judäischen Reiterfiguri- Figurinen nur Sterbliche dargestellt
rains oftmals die schlachtentscheidende nen zu deuten? Kann man sie mit den hätten? Wir wissen, dass man in Juda
Truppengattung stellten. Ausserdem Panzermodellen vergleichen, mit denen 18 Perserzeitliche Reiterfigur ab dem ausgehenden 6. Jh. v. Chr. die
konnten Reiter auch als Schnellboten palästinensische Kinder heute Krieg (Abb. Seite 41) Verehrung des «Himmelsheeres» und
Terrakotta, Reste von weissem Schlicker und
eingesetzt werden (2 Könige 9,18; spielen, wenn sie nicht gerade Steine anderer minderer Gottheiten verfemte.
roter und schwarzer Bemalung
Sacharja 1,8ff). Den assyrischen Kö- werfen? In der Tat dürfte die Beliebtheit H. 11,8 cm, B. 6,2 cm, T. 8,1 cm Eine Interpretation der Reiterfigurinen
nigen blieb nichts anderes übrig, als dieser Figurinen im Juda des 8. und 7. Vermutlich aus Palästina (Handel Jerusa- als numinose Macht, wie sie unter Kat.
dem Beispiel der Peripherie zu folgen, Jh. mit der Hochkonjunktur der ägyp- lem) 17 skizziert wurde, scheint am ehesten
Perserzeit, 4. Jh. v. Chr. geeignet, die divergierenden Befunde
VF 2000.9 um den scheinbaren Naturalismus der Reiter zu sein, war eine notwendige
Erworben mit Mitteln der Peter Kaiser Ge- auf einen Nenner zu bringen. CU
dächtnisstiftung, Vaduz (FL) Darstellung geschehen: Der Pferdekör- Tugend sowohl für den König als auch
per erscheint dann ganz unrealistisch für den Adel (Herodot I, 136; vgl. Ester Lit.: Unveröffentlicht. – Vergleiche und
Trotz der relativ groben Konturen und Diskussion: E. Stern, Material Culture of
zusammengepresst, so dass der Reiter 6,8ff). König Darius I. soll in Babylon
the Land of the Bible in the Persian Period,
starken Stilisierung handelt es sich wie auf die Kruppe zu sitzen kommt. ein Reiterstandbild errichtet haben 538-332 B.C., Warminster 1982, 167-168
bei dieser vollständig handgefertigten Im Übrigen hat auch diese Figurine (Herodot III, 88; vgl. Sacharja 1,8). (Lit.). – Ch. Uehlinger, DDD, 705-707.– A.
Figurine um ein Massenprodukt. Für vier einfache, allerdings viel zu kurze Ein aramäischer Papyrus des 5. Jh. Nunn, Der figürliche Motivschatz Phöniziens,
die perserzeitlichen Reiterfigurinen Stützbeine und einen spitzen Stummel- aus Elephantine bestätigt die offizielle Syriens und Transjordaniens vom 6. bis zum
4. Jahrhundert v. Chr. (OBO.SA 18), Freiburg
ist typisch, dass sie – im Unterschied schwanz. Der Reiter trägt einen weiten Anfertigung von Reiterskulpturen. Das CH/Göttingen 2000, 42-46, 78-79. – P.R.S.
zur älteren Figurine Kat. 17 – sehr viel Mantel und eine hohe Kopfbedeckung, persische Heer war für seine Krieger Moorey, Iran and the West: the case of the
höher als tief ist, was zunächst einmal wie sie für Skythen, Meder und Perser (Haggai 2,22; Sacharja 10,5; 12,4) und terracotta ‘Persian’ Riders in the Achaemenid
praktischer war, weil man die Figurine charakteristisch war, eine Filzmütze, berittenen Boten berühmt (Herodot Empire, in: R. Dittmann et al. (Hg.), Variatio
so auch auf einem schmalen Absatz Delectat. Iran und der Westen (AOAT 272),
die von den Griechen kyrbasia genannt III, 126; VIII, 98; Ester 8,10.14), die im
Münster 2000, 469-486 (Lit.).
platzieren konnte. Da derartige Figuri- wurde. Das bärtige Gesicht ist sorg- Post- wie im Spionagewesen einsetzbar
nen offensichtlich von vorne betrachtet fältig modelliert und mit Farbe noch waren. Von daher erstaunt es nicht,
werden sollen, kann die Tiefendimensi- zusätzlich konturiert worden. Die starke dass die Vorstellung von Reitern und
on praktisch vernachlässigt werden, zu- Rücklage ist sicher nicht realistisch Pferden, die dem Befehl eines göttliche
mal das Pferd über einen tieffallenden gemeint, gibt vielmehr einen Hinweis Herrn gehorchen, in der Bibel zum ers-
Schutzschurz verfügt. Das Grössenver- darauf, dass man derartige Figurinen ten Mal in einem Text aus der Perserzeit
hältnis hat sich ganz unverhältnismäs- in der Regel von vorne und leicht von auftaucht (Sacharja 1,8ff). Kriegsreiter
sig zugunsten des Reiters entwickelt. oben zu betrachten hatte. treten nun auch im Repertoire apokalyp-
Dennoch wirkt der Pferdekopf in Zur Zeit des persischen Grossreichs, tischer Katastrophenschilderungen auf
Vorderansicht wesentlich realistischer als die iranische Achämenidendynastie (Joel 2,4?; Sacharja 10,5; Offenbarung
als Kat. 17; die Ohren sind kleiner, die ein riesiges Territorium vom Indus 6,2-8). Umgekehrt stellte man sich dann
Mähne ist kammartig markiert, und die bis nach Nubien und bis vor die Tore auch rettende Götter wie Mithras oder
Kopfhaltung ist sehr charakteristisch für Athens beherrschte, wurde das Bild des den Sonnengott als Reiter auf weis-sem
ein gezügeltes Pferd. Betrachtet man Reiters zu einem typischen Element Pferd vor. Diese Symbolik findet sich in
die Figurine aber von der Seite, ist es höfischer Selbstdarstellung. Ein guter biblischen Schriften der hellenistischen

41 Kapitel II Kat. 1–24 42


19 Westgriechische Reiterfigur war. Die Nachgestaltung der phalerae, ter lässt sich auf das Pferd aufsetzen. allem im Gebiet um Canosa und Arpi Lit.: Unveröffentlicht. – Parallelen/Diskus- Anatomisch ist es grossartig an die
Ton, bemalt Zierscheiben am Zaumzeug des Pferdes, Die Figur könnte aus einem grös- vor. Die Gegend scheint im Altertum sion: P. Bienkowski, Les celtes dans les arts harten Lebensbedingungen in Steppen
L. 23 cm, H. 21 cm mineures gréco-romains avec des recherches
unterstreichen den dynamisch-kriege- seren Reliefzusammenhang mit einer von Söldnern gewimmelt zu haben, wie und Wüsten angepasst. Der Fetthöcker
Apulien iconographiques sur quelques autres peuples
Hellenistisch, 3. Jh. v. Chr. rischen Charakter des galoppierenden Kampfszene stammen, wovon ein Bei- auch die Kampfszenen, Niobiden, Gigan- barbares, Kracovie 1928, 139, fig. 138a-d; ist nicht der geheime Wassertank des
GFig 2000.1 Tieres. Der Reiter trägt einen Helm in spiel im Metropolitan Museum (New tomachien, Jagden und Raubszenen als Ettore M. de Juliis, The Impact of the Greek Tiers, sondern seine konzentrierte Ener-
phrygischer Form mit einem Kinnschutz York, s. Lit. Bienkowski) zu sehen ist. Themen auf bemalten Askoi (Vasen) aus Colonie on the Indigenous Peoples of Apulia, giereserve, die bei anderen Säugern über
Die Oberfläche von Pferd und Reiter und eine Rüstung. In seiner rechten Dafür spricht allein schon die Tatsache, jener Gegend mit vergleichbaren Pferden in: G. Pugliese Caratelli (ed.), The Western den ganzen Körper verteilt ist. Dadurch
Greeks, Venezia 1996, 549. 554. 741, Abb.
zeigen Spuren weisser Engobe, die einst Hand hielt er einst eine Lanze. Pferd und dass die Figur nicht selbständig steht. und Reitern nahelegen. Umgekehrt 343. – Zu Tracht und Bewaffnung der Krieger schwitzt das Kamel weniger schnell.
mit zarten Wasserfarben bunt bemalt Reiter wurden einzeln gestaltet. Der Rei- Terrakotten dieser Art kommen vor waren in römischer Zeit Söldner aus auf apulischen Vasen: A.D. Trendall, Rotfi- Ausserdem toleriert sein Körper sechs-
Süditalien in Palästina/Israel stationiert gurige Vasen aus Unteritalien und Sizilien, mal grössere Temperaturschwankungen
(vgl. Kat. 40). Mainz 1990, 303. (ca. 31-43°C) als der des Menschen (ca.
In der Levante blieb das Reiten auf Pfer- 36-38°C). Auch das dichte Fell und die
den lange Zeit fremd. Der Pferdereiter Fähigkeit eines inneren Urinrecyclings
20 Figur eines liegenden Kamels
war zwar seit dem 8. Jh. v. Chr. ein Ton vermindern den Wasserverlust. An
beliebtes Ikon, wurde aber eher mit H. 5,9 cm heissen Tagen wird nur gerade ein Liter
himmlischen als mit menschlichen We- Mesopotamien Urin abgegeben und der Kot des in den
sen in Verbindung gebracht (s. Kat. 17f). Neuassyrisch, ca. 800-600 v. Chr. Mägen und Därmen des Wiederkäuers
Leihgabe aus der Sammlung Dr. Leo Mil-
Auch dort waren es die Mazedonen, die denberg optimal verwerteten Futters ist stark
die Kavallerie erstmals im grossen Stil dehydriert, daher auch ein begehrtes
als effektives Kriegsmittel einsetzen. Die Tonfigur beeindruckt durch ihre Brennmaterial für die Beduinen. Gleich-
Alexander, der den gesamten Orient Typisierung des Kamels mit einfachsten zeitig ist das Tier in der Lage, enorm viel
in wenigen Jahren eroberte, liess sich Mitteln. Zu den Charakteristika des Wasser im Blutplasma zu speichern und
mit Vorliebe als Reiter darstellen. Im Gross-säugers gehören demnach der nach langen Durststrecken durch Trin-
Buch Ezechiel wird den Vögeln und Fetthöcker, der starke Hals, der massive ken schnell zu ersetzten. Beim Grasen
wilden Tieren des verheerten Landes Kopf mit den kleinen Ohren, den gros- stehen die Kamele gegen die Sonne,
verheissen, dass sie sich dereinst vom sen Augen und Nasenlöchern sowie den wodurch nur wenig Körperfläche der
Fleisch und Blut ihrer Verwüster sättigen dicken, beweglichen Lippen. schlanken Tiere direkter Sonnenein-
werden (Ezechiel 39,20): «An meiner Das im Nahen Osten heimische, ein- strahlung ausgesetzt ist. Verschliess-
Tafel sollt ihr satt werden von Ross und höckrige Kamel oder Dromedar (Ca- bare Nüstern und lange Augenbrauen
Reiter, von Helden und jeglichem Kriegs- melus dromedarius) verkörpert wie kein schützen Kamele in Sandstürmen.
mann, spricht der Herr Jhwh.» TST anderes Tier den biblischen Orient. Die langen beweglichen Lippen erlau-
ben es, aus dornigen Pflanzen kleine
Blätter herauszupflücken. TST
Lit.: P. E. Mottahedeh (ed.), Animals in
Ancient Art From the Leo Mildenberg Coll-
ection, Mainz 1997, Nr. 123. – Zur Biologie
des Kamels: H. Gauthier-Pilters/A. Dagg, The
Camel. Its Evolution, Ecology, Behavior, and
Relationship to Man, Chicago 1981.

21 Tongefäss eines beladenen Kamels


(Abb. Seite 4)
Ton
H. 13,5 cm
Syrien, Palästina
Eisenzeit II, 8./7. Jh. v. Chr. (?)
Leihgabe aus der Sammlung Dr. Leo Mil-
denberg

Das handgeformte Tongefäss zeigt ein


aufgezäumtes, gehendes Kamel, das
zwei grosse Amphoren trägt. Das Aus-
gussloch am unteren Ende des Halses
könnte als Glocke aufgefasst worden
sein. In der Tat zeigt ein Mosaik in
Bosra des 6. Jh. Lastkamele, die Glocken
tragen. Die Amphoren werden oben
durch Stricke zusammengehalten und
sind in eine komplexe Sattelmontur am
Kamel eingelassen. Es handelt sich um
den sog. Palan-Sattel, der heute noch

43 Kapitel II Kat. 1–24 44


Der Schaddad-Sattel ist eine im naba- 23 Figur eines Kamels mit Frauensänfte
täischen Raum wohl im 5. Jh. v. Chr. Ton
entwickelte Adaption des Pferdesattels B. 7,8 cm, H. 11 cm
Syrien
für das Kamel. Er besteht aus zwei Römisch, ca. 100 v. Chr.
Sattelbäumen, die durch bewegliche VF 1994.1
Andreaskreuze seitlich verbunden sind. Schenkung Ernst Axel Knauf, Bern
Die Holzkonstruktion wird über den
Fettbuckel gelegt und mit Teppichen Das gehende Kamel und die Sänfte wur-
oder Lederpolstern überdeckt. Unter den, die Gestalt stark vereinfachend, von
dem Namen ‹Kamelhöcker› hat der Hand geformt. Die Gesichter der beiden
Sattel als Möbelstück auch Einzug in Frauen wurden mit einem Model in den
westliche Wohnungen gehalten. Ton gepresst. Die Vorderbeine und ein
vorwiegend in Pakistan und Indien ver- Hinterbein sind abgebrochen. Bei der
Der Schaddad-Sattel löste den südara-
wendet wird. Ausser auf dem erwähnten Figur dürfte es sich um ein relativ billi-
bischen Haulani-Sattel ab, der nur das
Mosaik aus Bosra ist er auf einem aus ges Pilgerandenken handeln. Kostbarere
Reiten hinter dem Buckel erlaubte und
Kissufim (Palästina/Israel) von 570 n. Varianten des Motivs zeigen zwei Frau-
den nordarabischen Kissensattel, der
Chr. zu sehen. Ein unserem Kamel 22 Figur eines gesattelten Kamels en mit prachtvollen Gewändern und
unstabil war und das Reiten zu zweit
ähnlich gestalteter Kamelkopf aus dem Terrakottafigur Frisuren, mit segnend erhobener Hand
L. 7 cm, B. 2,5 cm, H. 6 cm erforderlich machte. Er erlaubte den
jordanischen Bozra datiert ins 7.-5. Jh. oder musizierernd, mit Doppelflöte oder
Jordanien Kampf mit dem Speer aus dem Sattel,
v. Chr. Ein ägyptisches Fayence-Gefäss Römisch, 1. Jh. n. Chr. Handpauke.
sowie das problemlose und schnelle
eines Kamels aus dem 8./7. Jh. v. Chr. Replik des Israel Museums, Jerusalem Bei arabischen Stämmen gab es in vor-
Reiten über lange Distanzen. Die Ver-
und die Darstellung eines Lastkamels Leihgabe von Thomas Staubli, Köniz (CH) islamischer Zeit die Sitte, Gottheiten in
wendung als Reittier machte das Kamel
auf dem assyrischen Relief, das die De- Steinen zu verehren, die in kostbaren
zum Statussymbol der Kamelnomaden
portation der judäischen Bevölkerung Die kleine, mit schwarzer Farbe be- Palladien auf Kamelen transportiert
(Beduinen), aus der Sichtweise der sess-
der Stadt Lachisch am Ende des 8. Jh. v. malte, aus dem Model gepresste Ter- wurden. Wie bei den Bundestafeln der
haften Bauern dagegen zur gefürchteten
Chr zeigt, weisen ähnliche Bepackungs- rakottafigur eines Kamels überrascht biblischen Lade spielte dabei die Zwei-
Landplage (Richter 6,5). TST
elemente auf. durch ihren Detailreichtum, was die zahl eine Rolle. Erst unter dem Einfluss
Die Domestikation des Kamels steht Ausrüstung angeht, bei gleichzeitiger Lit.: I. Parlasca, Kamelterrakotten. Antiqua- des Hellenismus wurden die Gottheiten
in engem Zusammenhang mit dem Stilisierung des Tieres. Deutlich sind rische Aspekte und kulturgeschichtliche auch menschengestaltig dargestellt. Ver-
arabischen Fernhandel. Die ältesten Ka- Schild, Schwert, Satteltasche, Schad- Bedeutung, in: M. Lindner (Hg.), Petra. Neue
Ausgrabungen und Entdeckungen, München mutlich handelt es sich bei den Frauen
melsättel sind Packsättel. Sie wurden im dad-Sattel, Zaumzeug, Schwanz–, um die Göttinnen al-Lat und al-Uzza.
1986, 201-213. – Zur Kulturgeschichte des 24 Denar mit Kriegselefant charakterisiert wird, das schrecklich
3. Jt. v. Chr. im Südosten der Arabischen Bauch- und Brustgurt zu erkennen. Kamels: T. Staubli, NBL II, 434f (Lit.). Die Popularität ihres fröhlichen Prozes- Silber anzusehen und sehr stark ist, grosse
Halbinsel entwickelt und sind heute sionskultes war durch die muslimischen Dm. 1,8 cm, G. 3,83 gr Zähne aus Eisen hat und alles frisst
noch auf der Insel Socatra und in Soma- Reformen nicht auszumerzen, sondern Rom
49-48 v.Chr. und zertrampelt, was ihm vor die Füsse
lia in Gebrauch. Mit dem Aufkommen nur umzuwandeln. Die islamische N Kopp 147 kommt. Auf dieser ersten Münze, die
des Weihrauchhandels in der zweiten Variante war der Transport von zwei Schenkung Josef Vital Kopp im Namen von Julius Cäsar geprägt
Hälfte des 2. Jt. v. Chr. gewann das Ka- Koranexemplaren in einem kostbar wurde, zertrampelt ein Elefant eine
mel allmählich an Bedeutung. So sind geschmückten Palladium auf der Wall- Seit der Schlacht von Gaugamela (331 v. Schlange oder einen Drachen. Die un-
die Fussspuren eines Kamels auf dem fahrt nach Mekka. Bei Beduinen diente Chr.), in welcher Alexander der Grosse widerstehliche Ordnungsmacht Roms,
Fussboden eines Hauses des 12. Jh. v. das Kamel bis in die Neuzeit als Träger den Persern ihre 15 indischen Königs- natürlich in der Gestalt Cäsars, dessen
Chr. auf Tell Mischrife (Homs) bezeugt. von Stammesheiligtümern. TST elefanten abnahm, wurden Elefanten Name in exerguo angegeben ist, steht
Die älteste Darstellung einer Kamel- im Vorderen Orient als monumentale
Lit.: Unveröffentlicht – Parallelen und Dis- hier über dem Symbol des Chaos und
karawane stammt etwa aus derselben Waffe eingesetzt. Ihre Kopfhaut mit den
kussion: T. Staubli, Das Image der Nomaden besiegt es. In Cäsar, so heisst dies, setzt
Zeit vom Tell Der Alla im Jordangraben hochragenden Stosszähnen diente als
(OBO 107), Freiburg (CH)/Göttingen 1991, sich die Weltordnung mächtig durch,
(Jordanien). Im 1. Jt. v. Chr. war es im Abb. 113-116. triumphaler königlicher Kopfschmuck wobei militärische Wucht – typisch
ganzen Vorderen Orient verbreitet. Alexanders und seiner Nachfolger. Die römisch – wesentlich dazugehört.
Unter den Nabatäern (ca. 500 v. Chr. Makkabäerbücher berichten mehrmals MK
– 500 n. Chr.) erlebte es seine glanz- von dieser fürchterlichen Waffe der
vollsten Zeiten. Bis zur Erfindung des hellenistischen Armeen (1 Makkabäer Lit.: H. V. Grigorova, Catalogue of the Anci-
Jeeps durch die Briten blieb es auf der 6,34-47; 2 Makkabäer 15,20-48), mit ent Greek and Roman Coins of the Joseph
Arabischen Halbinsel die unbestrittene Vital Kopp Collection, University of Fribourg
der sich Fremdherrscher machtvoll Switzerland (NTOA.SA 2) Fribourg, Göttingen
Grundlage von Handel, Herrschaft und durchsetzten. Auch Daniel 7,7 meint 2000, 73f, Nr. 147. – Parallelen: H. Grueber,
Reichtum. TST wahrscheinlich dieses vor den Grie- Coins of the Roman Republic, London 1910,
chen im Vorderen Orient unbekannte 443/1. – Zum Kriegselefanten im Vorderen
Lit.: P. E. Mottahedeh (ed.), Animals in An- Orient: Urs Staub, Das Tier mit den Hörnern.
cient Art From the Leo Mildenberg Collec- und daher noch namenlose Kriegstier,
Ein Beitrag zu Dan 7,7f: O. Keel/U. Staub,
tion, Mainz 1997, Nr. 121. – Parallelen: C.M. wenn hier nach dem Löwen für die Hellenismus und Judentum. Vier Studien zu
Bennet, RB 79 (1972) Pl. XLIVa; Tail, JEA 49 Neubabylonier, dem Bär für die Meder Daniel 7 und zur Religionsnot unter Antio-
(1963) P. XIII, No. 3; OLB I, 136, Abb. 66. – Zur chus IV (OBO 178), Freiburg (CH)/Göttingen
und dem Leoparden für die Perser das
Kulturgeschichte des Kamels: T. Staubli, NBL 2000, 37-85.
II, 434f (Lit.). Reich der Makedonen durch ein Tier

45 Kapitel II Kat. 1–24 46


Kapitel III

Warum man Hühner ass, aber keine Schweine die zugleich Wiederkäuer sind, für rein erklärt, unter den
Wassertieren jene, die Schuppen und Flossen haben, unter
Kamel und Schwein
In beiden Fällen könnte die Abgrenzung gegen benachbarte
Biblische Speisetabus und ihre Folgen
den Insekten jene, die Sprungbeine haben (Heuschrecken). Volksgruppen eine Rolle mitgespielt haben. Kamele züchte-
Nur für die Vögel wird eine Liste ausdrücklich verbotener ten die Araber im Osten, Schweine waren bei den Philistern
Arten angeführt, was zeigt, dass die Vogeljagd verbreitet im Westen relativ häufig, zumindest in der ersten Phase
Thomas Staubli war und die meisten Vögel gegessen wurden. Kriechtiere nach ihrer Ankunft in der Levante, und ebenso bei den mit
Tiere als Teil menschlicher Nahrung in der Bibel und im alten Orient werden grundsätzlich verboten. Wer immer die Liste ver- ihnen verwandten Griechen im östlichen Mittelmeerraum.
fasste, suchte also in wissenschaftlicher Manier nach einem Beide Völker waren wirtschaftliche und politische Konkur-
«Fast 40 Prozent der weltweiten Getreideernten, 60-70 Prozent der Ölsaaten, mehr als ein Drittel der Fischfänge und etwa ein Drittel der Anhaltspunkt ausserhalb des willkürlichen Gotteswillens, renten, gegen die man sich zu profilieren hatte. Ausserdem
Milchprodukte landen in den Futtertrögen von Schweinen, Rindern und Hühnern.»1  Die sogenannte ‹Veredelung› von Nahrungsmitteln zur quasi vernünftigen Begründung einer Aufteilung der können beide Verbote als typisch für eine Stadtgesellschaft
zu Fleisch, bei der 75-90 Prozent der in den Futtermitteln vorhandenen Kalorien verloren gehen, ermöglicht heute in den reichen Län- Tierwelt in reine und unreine Arten. angesehen werden.
dern die vorherrschende Meinung, dass eine Mahlzeit ohne Fleisch keine richtige Mahlzeit sei. Das war im Alten Orient nicht vorstellbar. Weder die rein theologische, noch die quasi naturalistische Die Kamelhaltung diente in erster Linie dem Handel. Die
und damit letztlich ebenso willkürliche Erklärung vermoch- Tiere wurden demnach relativ alt und verloren dadurch an
ten kritische Gläubige zu befriedigen. Grosser Beliebtheit Bedeutung als Fleischlieferanten. Dazu kommt die äusserst
Fleischkonsum im Alten Orient erfreuten sich im hellenistischen und römischen Judentum kleine Reproduktionsrate der Kamele, die sie, zumindest für
Ab der Sekundärprodukterevolution, die in der ausgehenden (Genesis 1,29). Das Zugeständnis, Fleisch essen zu dürfen, deshalb moralisierende Erklärungen der Speisegebote, wo- Städter, die nicht selber Kamele züchteten, als Fleischspen-
Steinzeit einsetzte (s. Einleitung zu Kap. III), diente die Vieh- wird erst den durch Gewalttätigkeit verdorbenen Menschen nach die reinen Tiere auf Tugenden, die unreinen auf Laster der uninteressant machen (vgl. Kap. II).
zucht in erster Linie der Milch-, Käse und Wollproduktion. nach der Sintflut gemacht (Genesis 9,4). Nur das Bluttabu verweisen.6  Der syrische Kirchenvater Aphrahat erkennt in Die Schweinehaltung war in der Levante besonders in
Die Hauptnahrung der Menschen bildeten Getreide und bleibt bestehen. Allerdings wird diese generelle, aus bi- den Geboten ein göttliches Umerziehungsprogramm, das der keramischen Steinzeit und in der Kupfersteinzeit ein
Hülsenfrüchte. Auf Angaben in der Mischna beruhende blischer Sicht für die ganze Menschheit (alle Kinder Noachs) den Juden jene Tiere zu essen befiehlt, welche es in Ägypten wichtiger Faktor, einerseits weil das Klima damals etwas
Hochrechnungen haben ergeben, dass in Palästina/Israel geltende Regelung in den priesterlichen Vorschriften für vergötterte und anbetete.7  Im Mittelalter dominierten die feuchter war, und andererseits, weil das Schwein mit sei-
noch in römischer Zeit 50 Prozent der benötigten Kalorien die Menschen in Israel, bzw. für die Samaritanische und rein theologischen Begründungen. In der Neuzeit kamen ner hohen Reproduktionsrate der entstehenden dörflichen
durch Getreide abgedeckt wurden, der Rest durch Wein, Jerusalemer Kultusgemeinde massiv eingeschränkt. hygienische Erklärungen auf, die sich auf vorherrschende Bevölkerung reichlich Eiweiss lieferte. Mit der Sekundär-
Olivenöl, Gemüse und Früchte.2  Ähnliche Schätzungen naturwissenschaftliche Paradigmen beziehen, aber trotz produkterevolution übernahmen Milch, Käse und höhere
aus den umliegenden Regionen bestätigen diese Verhält- Die Liste der reinen und unreinen Tiere in Levitikus 11 ihrer Popularität8  vermögen sie nicht mehr zu überzeugen Getreideerträge diese Funktion. Schweine spielen weltweit
nisbestimmung.3  Fleisch spielte im Alltag praktisch keine Die einschränkenden Regeln gehören zusammen mit den als die alten Argumente. All diese Erklärungen verkennen, in der ersten Phase von Neusiedlern eine grosse Rolle, die
Rolle, sondern wurde nur bei speziellen Anlässen und Vorschriften zur Reinigung der Wöchnerinnen, der Haut- dass die Speisegesetze über lange Zeiträume hinweg ge- mit fortschreitender gesellschaftlicher Differenzierung und
unter Einhaltung strenger ritueller Vorschriften gegessen. kranken, der Samenflüssigen und Menstruierenden zu einer wachsene Sitten widerspiegeln, die nicht von heute auf Urbanisierung zurückgeht. Das konnte im Falle der Philister
Das sog. ‹Heiligkeitsgesetz› in der Tora schreibt vor, dass Gruppe von Weisungen, die festlegen, welche Verunreini- Morgen per Dekret – und sei es mit wissenschaftlicher archäologisch nachgewiesen werden.10  Das Schwein liefert
Zuchttiere nur auf einem vorschriftsgemäss gebauten Altar, gungen kultunfähig machen und welche Reinigungen zur Begründung – eingeführt worden sind. Die Zooarchäologie nur Fleisch und keine Sekundärprodukte. Sind einmal
also in einem von Priestern beaufsichtigten Tempelbezirk Wiedereingliederung notwendig sind. Die Liste der reinen kann heute einwandfrei zeigen, dass seit der Domestikation genügend Tiere da, die neben ihren geschätzten Sekun-
nach genau festgelegten Regeln (Levitikus 1) geschlachtet und unreinen Tiere steht an erster Stelle. Die Begriffe rein von Ziegen, Schafen und Rindern in der Steinzeit (vgl. Kap. därprodukten auch Fleisch liefern, wird das Schwein zum
werden dürfen (Levitikus 17). Nur Wild durfte im eigenen (tahor) und unrein (tam≥e) sind weder hygienisch (z.B. rei- II) diese Tiere die am häufigsten Gegessenen im Vorderen entbehrlichen Luxus. Dass bedeutet natürlich nicht, dass es
Haus gegessen werden (vgl. Genesis 27), musste allerdings ne Haut), noch moralisch (z.B. reines Gewissen), sondern Orient sind und dass wildlebende wiederkäuende Tiere mit vollständig verschwindet, denn es gab immer Leute, die sich
wie das Schlachtvieh geschächtet werden, d.h., das Blut der ganzheitlich im Sinne von «unvermischt» zu verstehen (z.B. gespaltenen Hufen wie Gazellen und Antilopen zu den Schweine leisten konnten. Eben dies belegt nicht nur die
Tiere musste nach einem Schnitt durch die Halsschlagader reine Seide, reines Wasser).4  Es geht also um Abgrenzung, wichtigsten gejagten Tieren gehörten. Die biblischen Gebote Archäologie,11  sondern indirekt auch die Bibel, wenn gegen
auf den Erdboden ausgelassen werden. Das Deuteronomi- um Ordnung, um die Etablierung einer Etikette für den bringen also im Grossen und Ganzen nichts Neues, sondern Schweine bei Kultmahlzeiten polemisiert wird (Jesaja 65,4;
um erlaubt in einer Gesetzeserneuerung auch die profane Tempelbetrieb, die der Heiligkeit Gottes Rechnung trägt. So bekräfigen einen längst bestehenden Brauch, indem sie ihn 66,3.17) oder wenn das Hausschwein in einem Sprichwort
Schlachtung von Opfer- bzw. Zuchttieren (Deuteronomium wurden die Gebote jedenfalls im Judentum verstanden: als ausdrücklich als dem Willen Gottes entsprechend erklären. vorkommt (Sprüche 11,22).12  Ein weiterer Faktor, der die
12,13-19). eine letztlich willkürlich Setzung durch Jhwh, den Herrn, Brauchtum bekommt so theologische Würde. Allerdings Unreinerklärung des Schweins bestimmt begünstigt hat,
Die Darbringung von Tieren vor der Gottheit war nicht nur dem Israel als treuer Bundesvasall durch Gehorsam Ehre zeigen die Untersuchungen auch, dass ausser diesen häu- dürfte darin liegen, dass zumindest im Zweistromland
sättigend, sondern auch im höchsten Maße gemeinschafts- erweist.5  In eben diesem Sinne autoritärer Setzung werden figen Speisetieren fast alles, was sonst noch gejagt werden das Schwein wegen seinen aggressiven Anteilen mit dem
fördernd, sie diente dem Schuldenausgleich und der Versöh- die Speisegebote im Neuen Testament ohne Federlesen konnte, gegessen wurde. Insofern schränkten die Gebote ein Bösen assoziiert (Kat. 35) oder zur Projektionsfläche des
nung zwischen zerstrittenen Parteien, brachte das Verhältnis wieder ausser Kraft gesetzt. «Was Gott für rein erklärt, und setzten ein Zeichen, wenn auch keines mit besonders Bösen gemacht werden konnte (Abb. IIIa). Vielleicht ist der
zwischen Mensch und der lebenstiftenden Segensmacht nenne du nicht unrein», lautet die lapidare Entgegnung einschneidenden Konsequenzen für den Alltag. Sonderfäl- Vorbehalt gegen das Schwein ein aramäisches Erbstück in
(Gott, Göttin) symbolreich zur Darstellung und garantierte der himmlischen Stimme angesichts der Weigerung Petri, le sind wohl das Kamel und das Schwein, zwei im Orient den Traditionen Israels.
nicht zuletzt auch den Unterhalt des Tempelbetriebes mit eine Schale voller Tiere aller Art zu schlachten und zu essen bekannte und verbreitete Haustiere, um dessetwillen die Über die nachexilische Jerusalemer Kultgemeinde hinaus
seinen vielfältigen gesellschaftlichen Funktionen. (Apostelgeschichte 10,13). ganzen Speisegesetze vielleicht überhaupt erlassen worden war die Tabuisierung des Schweins kaum weit verbreitet.
Trotz des hohen sozialen Prestiges des Fleischkonsums, der Diese rein theologische, auf einen letztlich unergründlichen sind, wie schon die Schule Rabbi Jischmaels (2. Jh. n. Chr.) Für diese aber war sie zu einem Charakteristikum geworden,
im Kult zum Ausdruck kam, blieb man sich der Tatsache Willen Gottes verweisende und damit ehrfürchiges Schwei- vermutete, wenn sie lehrte: «Der Herrscher des Universums das von griechischen und römischen Historikern immer
bewusst, dass Pflanzen die dem Menschen angemessenere gen und Handeln gebietende Begründung findet sich so in weiss, dass es kein anderes Tier gibt, das Wiederkäuer ist und wieder äusserst negativ als Absonderlichkeit vermerkt wurde
Nahrung sind. Der vermutlich aus derselben Schule wie das der Tora noch nicht. Die Liste in Levitikus 11 versucht den unrein ist, als das Kamel. (…) Der Herrscher des Universums und daher im Rahmen der unter Antiochos IV. 167 v. Chr.
‹Heiligkeitsgesetz› stammende sog. ‹erste Schöpfungsbe- Anschein biologischer Stringenz zu erwecken, indem sie weiss, dass es kein anderes Tier gibt, das gespaltene Hufe in Jerusalem durchgeführten Kultreformen zum Prüfstein
richt› schildert das erste, ideale Menschenpaar als Vegetarier unter den Landtieren Tiere mit durchgespaltenen Klauen, hat und unrein ist, als das Schwein.»9  der Loyalität gegenüber den makedonischen Herrschern

47 Biblische Speisetabus und ihre Folgen 48


gemacht werden konnte. Der Bau eines Altars im Jerusa- tor durch sofninim ersetzt worden ist. Wäre es wirklich ein Lit.: Edwin Firmage, Art. Zoology (Fauna):
lemer Tempelbezirk, auf dem Schweine geopfert wurden, lautmalerisches und damit selbsterklärendes Wort für die ABD VI, 1109-1167. – Brian Hesse, Animal
Husbandry and Human Diet in the Ancient
wird in der Bibel als «Greuel der Verwüstung» bezeichnet Turteltaube, wie immer wieder behauptet wird, würde darin Near East: Jack M. Sasson, Civilizations of
(Daniel 11,31-33; 1 Makkabäer 1,54.59).13  Spätestens mit der nicht viel Sinn liegen. Viel wahrscheinlicher ist, dass das alte the Ancient Near East, Vol. I, New York
Weigerung der Makkabäer, Schweinefleisch zu essen, und Wort tor nicht mehr verstanden wurde. Der Grund dafür 1995, 203-222.
ihrem folgenden Martyrium (1 Makkabäer 1,63; 2 Makkabäer könnte die Einführung des Haushuhnes (Gallus domesticus) 1 A. Sax/P. Haber/D. Wiener, Das Existenzs-
6,18; 7,1) wurde das Schweinefleischtabu für das Judentum gewesen sein, das sich im Mittelmeerraum rasch verbreitete, maximum. Grundlagen für eine zukunfts-
zu einer pièce de résistence seiner Identität. einheimische Wildhühner von der Tafel verdrängte, aber fähige Schweiz, Zürich 1997, 23.
2 M. Broshi, The Diet of Palestine in the
nicht aus den sakrosankten Opferlisten. Da in der Liste der Roman Period – Introductory Notes: Israel
reinen und unreinen Tiere nur die ungeniessbaren Vögel Museum Journal 5 (1986) 41-56.
aufgezählt werden, durfte das ‹neue› Haushuhn problemlos 3 Firmage (Lit.), 1120 (Lit.).
4 T. Staubli, Levitikus. Numeri (NSK.AT 3),
gegessen werden. Stuttgart 1996, 89-91.
Das auffällige Kleid des Hahns, seine Kampfbereitschaft und 5 In diesem Sinne argumentiert neuerdings
vor allem sein Krähen vor Sonnenaufgang haben dem Tier auch die Anthropologin Mary Douglas,
Leviticus as Literature, Oxford 2000, bes.
rasch zu einer komplexen Symbolik verholfen (vgl. Kat. 42- 146-149.
44). Auf einem Rollsiegel aus Nimrud des 8./7. Jh. v. Chr. 6 Aristeasbrief, bes. XV,143-147; Philo von
(Abb. IIIb) wird der mit den Gesetzen des Himmels vertraute Alexandrien, de spec. leg. §179 und de
congr. §103
Vogel kurzerhand dorthin gesetzt, wo sonst die Götteremb- 7 Aphrahat, Dem 15,4.
Abb. IIIa: Rituelle Tötung eines Schweins, das den Feind bzw. das
Feindliche symbolisiert. Siegelabrollung aus Habuba Kabira am oberen leme zu finden sind, in unmittelbare Nähe der geflügelten 8 Vgl. H. Kemelman, Am Dienstag sah der
Euphrat (4. Jt. v. Chr.; Rekonstruktion Dessa Rittig). Sonnenscheibe. 16  Als Kenner kosmischer Ordnung und Rabbi rot, Reinbeck bei Hamburg 1975,
148f.
deshalb als weisen Vogel feiert den Hahn auch das Buch Ijob, 9 Babylonischer Talmud, Traktat Chulim 59a.
Huhn da er im Herbst durch vermehrtes Krähen das Kommen des Dass Klippdachs und Hase kein Wieder-
Ganz anders als bei Kamel und Schwein liegt der Fall Winterregens ankünde (Ijob 38,36), ein im palästinischen käuergebiss haben, war diesen Auslegern
beim Huhn. Es wird in der Bibel kaum genannt, wurde bereits klar.
Volksglauben bis in die Neuzeit bezeugter Glaube. Hahn und 10 Hesse (Lit.), 215 (Lit.).
aber sehr geschätzt und gegessen. Das Haushuhn (Gallus Henne (vgl. Kat. 45) haben schliesslich im religiösen Symbol- 11 U. Hübner, Schweine, Schweineknochen
domesticus) ist heute möglicherweise das weltweit häufigste system des Judentums doch noch einen Platz erhalten. Der und ein Speiseverbot im Alten Israel: VT
und am weitesten verbreitete Haustier. Hühnervögel sind 39 (1989) 227.
Hahn als Ersatzopfer für den Ziegenbock am Jom Kippur, 12 Ebd. 225.
schmackhaft und fleischreich. Lokale Hühnerarten wie nachdem es keinen Tempel mehr gab, und die Henne als 13 O. Keel, Die kultischen Massnahmen An-
das Halsbandfrankolin, im Volksmund «Rufer» genannt, Fruchtbarkeitssymbol beim Segen über das Hochzeitspaar. tiochus’ IV. Religionsverfolgung und/oder
wurden in Israel/Palästina gejagt (1 Samuel 26,20). Die Reformversuch? Eine Skizze: Ders./U.
Im Christentum hat der Hahn einen Ehrenplatz auf vielen Staub, Hellenismus und Judentum. Vier
nach Überquerung des Mittelmeeres auf ihrem Zug nach Kirchturmspitzen erhalten. Dort zeigt er als Wetterhahn Studien zu Daniel 7 und zur Religionsnot
Süden erschöpft in der südlichen Levante und dem Sinai nicht nur die Windrichtung an, sondern erinnert auch an den unter Antiochus IV. (OBO 178), Freiburg 25 Statuette eines Tierträgers das Land in einen Tempel war einigen
ausruhenden Wachteln waren für die Menschen im wahrs- (CH)/Göttingen 2000, 87-121. Bronze altbabylonischen Herrschern sogar so
Verrat Christi durch Petrus, der durch dreifachen Hahnen- 14 A. Salonen, Vögel und Vogelfang im alten H. 7,1 cm, B. 2,15 cm, T. 1,25 cm
ten Sinne ein gefundenes Fressen (Exodus 16,12f; Psalm schrei angezeigt wurde, und mahnt so zur Glaubenstreue. Mesopotamien, Helsinki 1973, 151. wichtig, daß sie ein Regierungsjahr
Mesopotamien
105,40). Umso erstaunlicher ist das Fehlen von Hühnern in 15 KTU 1.115:1-14; vgl. J. Tropper, Ugaritische Altbabylonisch, 1. Hälfte des 2. Jt. v. Chr. danach benannten (Abi-eßu”: 28. Jahr,
Die Henne und mehr noch ihre Eier stehen an Ostern im
den biblischen Opferlisten. Oder sollte es sich bei dieser Mei- Grammatik (AOAT 273), Münster 2000, VFig 2000.3 Ammiditana: 7., 28. Jahr, Ammi¬aduqa:
Blickpunkt, wo sie die Auferstehung schöpfungstheologisch 284. Erworben mit Mitteln der Gedächtnisstiftung 5., 12. Jahr), so heißt z.B. das 12. Jahr des
nung um einen Irrtum handeln? Wird ein Vogel geopfert, anschaulich und genussreich auslegen. 16 O. Keel, Zwei kleine Beiträge zum Ver- Peter Kaiser, Vaduz (FL) Ammi¬aduqa «Jahr: sein [des Königs]
heisst es in den Opfervorschriften der Tora, soll entweder ständnis der Gottesreden im Buch Ijob
(XXXVIII 36f., XL 25): VT 31 (1981) 220-25 Bildnis, in der Hand ein gegen die Brust
«eine Taubenart» (bne-hajonah) oder ein «Wildhuhn» (tor) Die Statuette stellt einen bärtigen Mann
gepresstes Zicklein». Die königlichen
und teilweise korrigierend D. Collon,
geopfert werden. Der Ausdruck bne-hajonah (wörtlich «Sohn Catalogue of the Western Asiatic Seals mit der sog. Breitrandkappe dar; er ist
Stiftungen waren natürlich in größeren
einer Taube») ist eine Sammelbezeichnung und bedeutet in the British Museum. Cylinder Seals V: mit einem langen Mantel bekleidet,
Dimensionen gearbeitet und bestanden
einfach, das eine von den vielen Taubensorten und -rassen, Neo-assyrian and Neo-babylonian Periods, der so um den Körper geschlungen ist,
London 2001, 109-11 Nr. 207 (Lit.). oft aus wertvolleren Materialien als die
die es in Israel/Palästina gab und gibt geopfert werden soll. daß die rechte Schulter frei bleibt; mit
gezeigte Statuette. Diese dürfte von
beiden Händen hält er ein Zicklein, das
In vielen Bibelübersetzungen wird stattdessen mit «junge einem Untertanen mit der Bitte um das
dem Beschauer entgegenblickt.
Taube» übersetzt. Es gibt Gründe, die dafür sprechen, das Wohlergehen des Herrschers in einen
Diese Figur eines altbabylonischen
hebräische Wort tor nicht wie in den Übersetzungen üblich Tempel geweiht worden sein. US
Herrschers mit einem Opfertier reprä-
mit «Turteltaube», sondern mit «Wildhuhn» zu überset- sentiert einen wohlbekannten Bildtypus.
zen. Das Wort ist auch im Akkadischen belegt (tarru) und Lit.: Unveröffentlicht. – Parallelen, Diskus-
Zahlreiche Terrakotten, sowohl handge-
sion: M.-Th. Barrelet, Figurines et reliefs
bezeichnet dort eindeutig ein Wildhuhn, wahrscheinlich formte wie aus der Form gepresste, zei- en terre cuite de la Mésopotamie antique,
das häufige Halsbandfrankolin (Francolinus francolinus), gen ihn ebenso isoliert wie die gezeigte Paris 1968, 78.203f Nr. 65-75. 209-236 Taf.
das im Zweistromland als Haustier gehalten wurde.14  Diese Bronze. Auf Siegelbildern wendet sich 6f.20-22 (Terrakotten); D. Collon, Western
die Gestalt in Begleitung einer fürbitten- Asiatic Seals in the British Museum: Cylinder
Bedeutung ist auch für das tr anzunehmen, das in einer uga- Seals III, London 1986, 37 (Siegel); M.-Th.
ritischen Opferanweisung vorkommt.15  Schliesslich fällt auf, den Göttin einer Gottheit zu. Barrelet/J.M.Durand, in: P.Garelli (ed.), Le
Abb. IIIb: Grosser Hahn als Emblem im Himmel. Rollsiegel aus Nimrud
dass in den ältesten aramäischen Übersetzungen das Wort (8./7. Jh. v. Chr.) im British Museum (BM WA 130865). Die Stiftung eines solchen Bildes zur palais et la royauté [=19e RAI] (1974) 118-129
Erlangung des göttlichen Segens für (Beschreibungen in Texten).

49 Kapitel III Biblische Speisetabus und ihre Folgen Kat. 25–45 50


deren Stellen (u.a. an den vier Ecken und 4). Säugende Gazellen und Capriden
bei den Toren des Gebäudes) in speziell finden sich mehrmals auf den blauen
ausgehobenen Gruben deponiert. Die Faienceschalen, die als Votivgaben in
Libation, d.h. das Darbringen einer Hathorheiligtümer geweiht wurden. Die
Flüssigkeit wie Wasser, Wein, Milch Kombination von säugendem Muttertier
oder Bier und das Niederlegen von und Skorpion ist vorderasiatisch und
symbolischen Beigaben waren Teil der nicht ägyptisch (vgl. Kat. 6). OK
sogenannten Gründungszeremonie und
Lit.: Matouk, Corpus II, 387 Nr. 737; Keel,
lagen in der Hand des Königs als Bau-
Böcklein, 88f Abb. 49d; Vergangenheit, 67
26 Rollsiegel mit Opferszene 27 Miniaturfigur eines Rindes in erha- Diese kleinen, künstlerisch differen- 30 Miniaturfigur einer Rinderkeule herrn und Stifter. Bei diesen Beigaben Abb. 4 unten rechts; Miniaturkunst, 82 Abb.
Hämatit benem Relief zierten Figuren aus unterschiedlichem Fayene, hellblau handelt es sich um stark verkleinerte 108. – Parallelen: Keel, Böcklein, 87f Abb.49-
H. 1,85 cm, D. 1,15 cm Fayence, rot-braun Material sind in Form eines gefesselten H. 3,5 cm, B. 1.2 cm, T. 0,4 cm Nachbildungen in unterschiedlichen 49c. – Zur Datierung der Hathorschalen
Anatolien, Kültepe L. 3 cm, B. 1,8 cm, T. 0,4 cm Ägypten Materialien wie Edel- oder Buntmetall, (‹Nunschalen›): G. Pinch, Votive Offerings to
Stratum II, ca. 1950-1840 v. Chr. Ägypten
Rindes gestaltet. Die kurz über den Neues Reich oder später, ab 16. Jh. v. Chr. Hathor, Oxford 1993, 311f.
VR 1981.149, ehemals Sammlung R. Schmidt Neues Reich oder später, ab 16. Jh. v. Chr. Hufen mehrfach zusammengeschnür- M.A. 2176, ehemals Sammlung F. S. Matouk Stein, Holz oder Fayence. Es sind drei
Schenkung Erica Peters-Schmidt, Kilchberg, M.A. 2276, ehemals Amulett-Sammlung F. ten Beine liegen dicht am Bauch des Gruppen von Beigaben in Form von
CH S. Matouk Tieres an. Besonders bei Kat. 29 ist das Modellen bekannt: Speiseopfer (stets in
gedrehte Seil deutlich zu erkennen, das stilisierter und kanonisierter Form dar-
In einer sehr fein geschnittenen Szene, gestellt, vgl. Kat. 30-32); Werkzeuge und
um die Schnauze gelegt ist und über die
die die ganze Siegelfläche füllt, ist eine Bauteile; Amulette und Skarabäen. MPG
Halswamme gleitet, um die Beine zu
Gestalt zu sehen, die auf einem Sitz in
umschlingen.
Stiergestalt (?) thront. Sie hält in der er- Publikation: Miniaturkunst, 98-99, Abb.
Abgesehen von der Libation verlangte 127. – Literatur u. Parallelen: M. Saleh/H.
hobenen Hand einen Becher. Es handelt
der Götter- und Totenkult (vgl. Kat. Sourouzian, Das Ägyptische Museum Kairo,
sich wahrscheinlich um eine Gottheit Mainz 1986, Nr. 224 (Lit.).
30-32) nach weiteren Opfergaben. Im
oder vielleicht um einen (verstorbenen)
funerären Bereich wurde dem Wunsch
König. Vor ihm steht ein hoher sch- 28 Miniaturfigur eines rundplastischen resp. Bedürfnis nach Opfern besondere
maler Tisch mit Rinderfüssen, auf Rindes 31 Miniaturfigur einer Rinderkeule
Bedeutung zugeschrieben. Der Verstor- 34 Skaraboid mit säugender Capride,
dem ein Rinderkopf zu sehen ist. Über roter Quarzit (silifizierter Sandstein) Fayence, leuchtend türkis- bis hellblau Pflanze und Neumond
bene ersuchte u. a. nach Speiseopfern,
dem Altar der Sichelmond, dem der L. 4,3 cm, B. 1,6 cm, T. 1,9 cm H. 2,9 cm, B. 1,3 cm, T. 5,5 cm Beiger Stein
Zwei der durchbrochen gearbeiteten Beine die für sein ‹leibliches› Wohlergehen Ägypten
viergeteilte Vollmond einbeschrieben L. 2,1 cm, 1,5 cm, H. 0,8 cm
fehlen; der Tierschwanz ist lediglich in seinem im Jenseits elementar waren. Um diese Neues Reich oder später Vorderasien
ist, vielleicht ein Hinweis darauf, dass Ansatz erhalten jenseitige Versorgung zu sichern, wurde M.A. 2188, ehemals Sammlung F. S. Matouk Eisenzeit IIB, spätes 8.-7. Jh. v. Chr.
der Thronende den Mondgott darstellt. Ägypten – ergänzend zu den (vergänglichen) Na- VS 1993.20
Links vom Altar sind drei Verehrer zu Neues Reich oder später, ab. 16. Jh. v. Chr.
M.A. 2220, ehemals Sammlung F. S. Matouk
turalbeigaben – symbolische Nahrung
sehen. Der erste hält beide Hände an- Stehendes ziegenartiges Tier (Haus-
in mannigfacher Weise dargereicht.
betend verehrend erhoben. der zweite ziege, Bezoarziege, Steinbock), das
Im Bereich des Totenkultes bildete der
trägt eine Ziege herbei, der dritte ein 33 Skarabäus mit säugender Gazelle ein Junges säugt. Das Horn ist für ein
Opfertisch (vgl. Kat. 57, oberes Register)
Kalb. Zwischen dem zweiten und dem und Skorpion weibliches Tiere unrealistisch gross
das zentrale Element innerhalb der
dritten Verehrer steht ein Räucher-stän- Enstatit (vgl. zu diesem Problem Kat. 33). Vor
Darstellung des Totenmahls, das auf der
der. Zwei Tierköpfe, eine springende L. 1,6 cm, B. 1,2 cm, H. 0,65 cm
Scheintür des Grabes, auf Grabstelen den Tieren eine stilisierte Pflanze. Die
Gazelle (?) und ein Skorpion füllen die Ägypten
und in Grabreliefs resp. Grabmalerei 32 Miniaturfigur eines Rinderkopfes Neues Reich, 18.-19. Dynastie, 1530-1190 v. Kombination von Pflanze und säu-
Zwischenräume. Das kleine Kunstwerk Fayence, hellgrün bis weiss Chr. (wahrscheinlich 18. Dynastie, 1530-1292; gendem Muttertier evoziert Gedeihen
wiedergegeben ist. Ausführliche Listen
zeigt eindrücklich, welch grosse Rolle H. 1,6 cm, B. 1,9 cm, T. 0,4 cm die Form des Skarabäus ist noch hyksoszeit- und Fruchtbarkeit. Sie stehen im 7. Jh. v.
von Opfergaben können ergänzend zur Ägypten
Tieropfer in altorientalischen Opferri- lich, das Motiv findet sich auf den blauen Chr. nicht mehr im Zeichen des Skorpi-
Speisetischszene aufgeführt sein und Neues Reich oder später Hathorschalen, die für die 18. Dynastie
tualen spielten. OK ons als Symbol sexueller Erregtheit (vgl.
29 Miniaturfigur eines rundplastischen nennen Speisen wie Früchte (Feigen), M.A. 2237, ehemals Sammlung F. S. Matouk typisch sind)
Lit.: Collon, Impressions, 176f Nr. 833; Minia- Rindes Gemüse (Zwiebeln, Lattichpflanzen), M. 3149, ehemals Sammlung F.S. Matouk Kat. 6 und 33), sondern im Zeichen des
turkunst, 39 Abb. 36. – Zu Siegeln in diesem rötlich-brauner Quarzit (silifizierter Sand- Brote (runde Fladenbrote oder kegelför- Die beiden in erhabenem Relief gearbei- Mondes. Er findet sich in einer Kombi-
Stil und zu Thronen in Tiergestalt, Thro- stein) mige Brote), Fleisch (ein zur Schlach- teten Figuren (Kat. 30, 31) in Gestalt von Auf der Basis des Skarabäus ist eine nation von Sichelmond und Vollmond
nenden mit einem Becher, Opfertischen und L. 3,3 cm, B. 1 cm, T. 2,1 cm über dem säugenden Muttertier. Die
tung an den Beinen gefesseltes Rind, Rinderkeulen sind stark stilisiert. Am Gazelle zu sehen, die ihr Junges säugt.
Verehrern: N. Özgüç, The Anatolian Group Ägypten
Neues Reich oder später, ab 16. Jh. v. Chr. vgl. Kat. 27-29; oder bereits präparierte Oberschenkel der Kat. 30 lässt sich eine Sie ist aufgrund der leicht S-förmig ge- Hinwendung zu astralen Grössen ist
of Cylinder Seal Impressions from Kültepe,
Ankara 1965, Nr. 24b, 25, 70, 71, 74. M.A. 2221, ehemals Sammlung F. S. Matouk Rinderschenkel oder -köpfe, vgl. Kat. – wenn auch nicht lesbare – Kartusche schwungenen Hörner sicher als solche typisch für das 7. Jh. v. Chr. OK
30-32) und Geflügel (gerupfte Enten und erkennen. Bei dem in seiner Umriss- zu identifizieren. Das Junge trägt entge-
Gänse). MPG form dargestellten Rinderschädel (Kat. gen jedem Realismus fast körperlange Lit.: Christie’s, Antiquities, June 14, New
York 1993, 232f Lot 323 2. Reihe von unten,
32) sind das flauschige Ohr, das Auge, gebogene Hörner, wie sie für erwachse- 2. Siegel von rechts; O. Keel/S. Schroer,
Lit.: Miniaturkunst, 98-99, Abb. 127. – Diskus- die leicht geöffneten Nüstern und das ne ziegenartige Tiere und gewisse Anti-
sion: H. Altenmüller, LÄ IV, 579-584; W. Barta Schöpfung. Biblische Theologien im Kontext
Art.: LÄ IV, 584-586.587-588, Abschnitt II. geschlossene Maul plastisch hervorge- lopenarten typisch sind. Hörner waren altorientalischer Religionen, Göttingen/
hoben. dem ganzen alten Orient als Symbole Freiburg (CH) 2001, 61. – Parallelen: Keel,
Seit frühester Zeit war es Tradition, in Böcklein, 113 Abb. 86 (das Stück ist dort viel
der Virilität und der Kraft so wichtig, zu früh datiert). – Zur Kombination Capride
den Fundamenten von Tempeln und dass man sie oft auch dort anbrachte, und Neumond: S. Herbordt, Neuassyrische
königlichen Grabanlagen Beigaben wo sie – realistisch betrachtet – fehl am Glyptik des 8.-7. Jh. v. Chr. (SAAS 1), Helsinki
niederzulegen. Diese wurden an beson- Platz waren (vgl. die Hirsche auf Kat. 1992, Taf. 16, 18.21.24-27.

51 Kapitel III Kat. 25–45 52


35 Tafel mit Pandaimonion (sog. Sieben weitere Gestalten mit Tiermasken Ritual gleichsam mit Beelzebub ausge- Inschrift: «Dies ist der Kopf des Pazuzu, schweine reiche Nahrung an Wurzeln,
‹Grosses Amulett›) scheinen zwischen dem Kranken und trieben. Dass die dem Menschen feind- den G. der Goldschmied und Ekstatiker Nüssen, Pflanzen und Kleintieren. Sie
Bronze den hohen Gottheiten, die im obersten liche Macht dabei weiblich dargestellt des Assur durch die Kunstfertigkeit konnten Menschen gefährlich werden,
H. 13,5 cm B. 8,5 cm
Mesopotamien
Register dargestellt sind, zu vermitteln. wird, ist Ausdruck einer patriarchalen, seiner Hände gemacht hat; um ihn dem wurden aber auch von diesen gejagt. In
Neuassyrisch, Anfang 1. Jt. v. Chr. Die Krankheit selbst ist im untersten frauendiskriminierenden Gesellschafts- Volk zu zeigen, hält er ihn in seinen den Sumpfgebieten des Südiraks ist das
Leihgabe von Thomas Staubli, Köniz (BE) Register als dämonisches Wesen zu hierarchie, die auch in anderen Aus- Händen.» TST Wildschwein heute noch so häufig, dass
Replik aus Kunststoff nach dem Original aus sehen, das aus verschiedensten Tieren treibungsriten deutlich zum Ausdruck es zu den Schädlingen gerechnet wird.
der Sammlung Le Clercq im Louvre, Paris Lit.: Unveröffentlicht. – Parallelen: E. A.
zusammengesetzt ist. Je nach Situation kommt (vgl. Sacharja 5,5-11). TST TST
AO 22205 Braun-Holzinger, Figürliche Bronzen aus Me-
trägt die Dämonin unterschiedliche Na- Lit.: Keel-Leu, Stempelsiegel, 16f, Nr. 11 (Lit.).
Lit.: E. A. Braun-Holzinger, Figürliche Bronzen sopotamien, München 1984, Nr. 265-276.
Die Bronzetafel gehört zu einer im Al- men: «Steht sie bei einem Greis, nennt aus Mesopotamien, München 1984, Nr. 281
tertum äusserst beliebten Gattung von man sie Vertilgung;/ steht sie bei einem (ältere Lit.), Nr. 282-284 (Parallelen); Beate
Amuletten. Sie thematisiert die Heilung jungen Mann, nennt man sie Fieber;/ Salje, Siegelverwendung im privaten Bereich.
‹Schmuck› – Amulett – Grabbeigabe, in: E.
eines Kranken. Dabei spielt die Symbolik steht sie bei einer (jungen) Frau, nennt Klengel-Brandt (Hg.), Mit Sieben Siegeln
von Tieren eine wichtige Rolle. Reine (ge- man sie Lamaschtu;/ steht sie bei einem versehen. Das Siegel in Wirtschaft und Kunst
niessbare) Tiere scheinen die positiven, Kind, nennt man sie Dimme.» des Alten Orients, Berlin 1997, 128ff. 36 Pazuzu-Amulett
unreine (ungeniessbare) die negativen Die heilende Kraft wird als geflügelter Bronze
Mächte zu vergegenwärtigen. Dabei Dämon mit Löwenkopf und Greifen- H. 3,2 cm
ist zu beachten, dass jede Kultur ihre füssen dargestellt, der die Dämonin Mesopotamien
Neuassyrisch, 9./8. Jh. v. Chr.
eigenen Reinheitskriterien entwickelt vertreibt. Diese Gestalt ist als Pazuzu M.A. 2636
hat. Einige Tiere allerdings haben, wie («Packer») bekannt, dessen Kopf auch
übrigens die Dämonen selber, ambiva- über den Rand des Amuletts schaut, Der Kanidenkopf des brüllenden Dä-
lenten Charakter und verkörpern beide während der beschuppte und geflügelte mons ist direkt dem Betrachter zuge-
Mächte (Löwe, Schlange). Leib mit dem schlangenköpfigen Phallus wandt. Die kleinen Ohren setzen sehr
Beschwörer in Fischkostümen führen ein auf der Rückseite der Bronzeplatte ausge- weit oben an und stehen stark ab. Die
Reinigungsritual durch. Solche mit Lö- staltet ist. Pazuzu kann selber Krankheit kaffeebohnenförmigen Augen sind
wenmasken führen eine Pantomime auf. symbolisieren. Der Teufel wird also im durch einen Kreis umgeben und wirken
hervorstehend. Die Mitte des trapez-
förmigen Gesichts bildet die Nase mit
Abb. 35a zwei Löchern. Der halbmondförmige
Mund ist weit aufgerissen und lässt zwei
Symbole der hohen Gottheiten (v.l.n.r.): Himmelsgott Anu (Hörner- Schneidezähne erkennen. Der Hals ist
krone) und Vater der in Ungnade gefallenen Tochter Lamaschtu; Ea lang und schlank, so dass menschliche
(Stab mit Widderkopf), Herr des unterirdischen Frischwasserozeans, Finger ihn noch umfassen können. Die
zuständig für Weisheit und Beschwörungen; Wettergott Adad (Blitz- Öse über dem Kopf macht deutlich, 37 Siegelamulett mit Wildschwein 38 Stempelsiegelamulett in Gestalt
bündel); Stadtgott Marduk (Spaten); Schreiber- und Schicksalsgott und Schlangen eines Schweins
Nabu (Griffel); Liebes- und Kriegsgöttin Ischtar (achtstrahliger Stern); dass das Bronzeobjekt als Anhänger
Serpentinit hellbeiger Kalkstein mit (eisenhaltigen)
Sonnengott Schamasch (geflügelte Sonnenscheibe); Mondgott Sin getragen wurde. Die Wülste zwischen Dm. 7,5 cm, H. 2,6 cm rostroten Flecken
(liegende Sichel); Sebittischunu, die Plejaden (sieben Kugeln) über Augen und Öse sind möglicherweise Luristan (Iran) L. 5,27 cm, B. 2,79 cm, H. 1,3 cm
der Lampe des Feuergottes Nusku. als Andeutungen des Ziegengehörns ca. 4000-3400 v. Chr. Mesopotamisch oder elamitisch
des Dämons zu verstehen. VS 1981.11, ehemals Sammlung R. Schmidt 3400-2900 v. Chr.
Vermittelnde Gestalten (linke Hand nach unten, rechte Hand nach Schenkung Erica Peters-Schmidt, Kilchberg, CH VS 1981.44, ehemals Sammlung R. Schmidt
oben gerichtet) mit Tiermasken (v.l.n.r. Löwin, Löwe, Bär?, Widder, Es handelt sich um den Kopf Pazuzus, Schenkung Erica Peters-Schmidt, Kilchberg, CH
Ziegenbock, Vogel, Schlange) des Sohnes des Gottes Hanbi, des Kö- Das dachartig gewölbte, senkrecht zum
nigs der bösen Winddämonen. Dem Bild durchbohrte, an den Rändern
Im Lichte einer Lampe (vgl. oben das Symbol des Feuergottes Nusku) Bild des Dämons, der selber als Verur-
findet die Beschwörung durch Fisch-Apkallu (Wesen im Fischgewand) leicht bestossene Siegel ist bis hin zu
statt. Terrakottafiguren dieser Gestalten konnten auch im Zimmel sacher von Krankheiten gefürchtet war, den Borsten des Schweins in Grabsti-
aufgestellt oder vergraben werden (vgl. dazu auch Nr. 7). wurde apotropäische (das Böse abweh- cheltechnik sorgfältig und realistisch
rende) Kraft zugewiesen, insbesondere in den Stein gearbeitet. Das Schwein
Pantomime durch bewaffnete Beschwörer in Löwenmasken. Eine bei der Vertreibung der Fieberdämonin auf diesem Siegel aus der Kupferstein-
weitere Person ohne Maske.
Lamaschtu (s. Kat. 35). Wahrscheinlich zeit (Susa I, frühe Susa II-Zeit) ist von
Beschwörungsutensilien oder Geschenke (?): Spindel, Kamm, Gefässe, hat der trockene Wüstenwind zwar ge- zwei flechtbandartig verschlungenen
Huftierfuss, Fibel, Sandale, Stiefel, Stoffballen wisse Krankheiten wie Kopfschmerzen Schlangen umrahmt, die sich paaren.
gefördert, andere aber in ihrer Entwick- Sie stellen das Borstentier in einen Die gebohrte Augenhöhle des nach
Dämon (Pazuzu) mit Kanidenkopf (Hund, Hyäne, Schakal oder Felide), lung gehemmt oder gar gestoppt. Kontext beinahe dämonischer Vitalität, rechts liegenden Schweines war ur-
Ziegenhörnern, Ziegenbart, Menschenarmen (gleiche Armbewegung
wie die vermittelnden Gestalten im zweitobersten Register), Raubtier- Figuren wie diese wurden als unheilab- wozu sowohl seine Wehrbereitschaft als sprünglich mit einem anderen Gesteins-
pranken, Flügeln, Greifenfüssen, Skorpionenschwanz. wehrendes Amulett getragen, konnten auch seine hohe Geburtenrate beigetra- material gefüllt. Der Siegelcharakter
in besonderen Fällen, zum Beispiel bei gen haben dürften. ist in den Hintergrund getreten. Das
Dämonin (Lamaschtu) mit Löwenkopf, hält in den Menschenarmen akuter Gefahr, vor allem aber während Schwein als Amulett ist die Hauptsa-
In der Antike waren die Gebirge des
Schlangen, säugt an den Brüsten Schwein und Hund (deutlicher zu
eines Reinigungsrituals, auch mit den Orients zum grossen Teil bewaldet und che. Die Basis ist nur sehr nachlässig
sehen auf Abb. 35a), hat Greifvogelfüsse zwischen denen ein Skorpion
haust und reitet auf einem Onager, der seinerseits auf einer doppel- Fingern gehalten werden. Ein Terra- die Flusstäler versumpft. In diesen Ge- graviert. Zu erkennen ist ein liegender
köpfigen Schlange steht, durch die Sümpfe. kotta-Pazuzukopf aus Assur trägt die bieten fanden die allesfressenden Wild- Capride und ein weiterer, nicht näher

53 Kapitel III Kat. 25–45 54


bestimmbarer Vierfüssler. Aus Susa, In der Tat gehören Schweine zu den Stadt Chuera, die den Einwohnern lichen Abfallprodukten, die in grossen von sich, er heisse «Legion». Jesus sein der Juden hervorrief.
Kisch und vom Tell Brak, also aus lauter ältesten Haustieren. In dörflichen buchstäblich über den Kopf wuchsen. Mengen anfielen, gemästet: mit Kleie, erlaubt ihm, in eine Schweineherde zu Dass die Juden kein Schweinefleisch
frühen städtischen Zentren, sind Paral- und städtischen Siedlungen des Alten Die Schweinehaltung im christlichen Spreu, Häcksel, verdorbenem Getreide fahren, die sich daraufhin ins «Meer», assen, war schon im antiken Mittel-
lelen bekannt. Orients dienten sie als Abfallverwerter. Kairo, insbesondere in den Slums auf (zwischen 10 und 25% der Ernte) den gemeint ist der See Gennesaret, stürzt. meerraum bekannt. Einzelne schlossen
Die Fruchtbarkeitssymbolik der gebär- Schweine liefen wie Hunde frei herum den Abfallbergen vor der Stadt, kann Resten der ausgepressen Oliven (ca. Beim Exorzismus, wie ihn Markus daraus, sie würden das Schwein als
freudigen Sau kann bei diesem kontext- und ernährten sich vom Müll. Mit den heute noch einen lebhaften Eindruck 80% der Ernte!) und Traubentrester. literarisch zu erfassen versucht, wird Gott verehren. Noch schlimmer war die
losen Objekt ähnlich wie bei Kat. 37 als Hunden teilten sie nicht nur den Le- städtisch-orientalischer Schweinehal- Schweineherden, die in extensiver Land- über die Schweine als Trägertiere in spätmittelalterliche, weit in die Neuzeit
Symbolik in Betracht gezogen werden. bensraum, sondern weitgehend auch tung vermitteln. wirtschaft gehalten wurden, bedurften der Tradition alter Eliminationsriten hinein verbreitete Verleumdung, Juden
Sie spielte zum Beispiel bei hethitischen die negative symbolische Bedeutung (s. Aufgrund ihrer hohen Geburtenrate eines Hirten, der aufgrund seines täg- ein Ordnungsprozess veranstaltet, der hätten ein pervers-erotisches Verhältnis
Schwellenopfern zur Förderung der Kat. 38 und Abb. 35a). Eine Vorstellung und ihres reichlichen, schmackhaften lichen Umgangs mit den Tieren das un- zur Verbannung des Übels im Chaose- zum Schwein. TST
Fruchtbarkeit der Hausbewohner eine von den Futterplätzen dieser Tiere ge- Fleisches waren Schweine aber, anders tere Ende der Sozialleiter markierte und lement «Meer» und damit zur Heilung
Lit.: H. Schreckenberg, Die Juden in der Kunst
Rolle. Möglich ist aber auch, dass das ben etwa die gigantischen Müllhalden als Hunde, willkommene Fleischspen- eine verachtete Randfigur war (Lukas des Besessenen führt. Für die Hörer-
Europas. Ein Bildatlas, Göttingen/Freiburg i.
Schwein des Siegels einen Gegensatz der frühbronzezeitlichen nordsyrischen der. Sie wurden mit landwirtschaft- 15,15f). TST schaft des Evangelisten, die das Wap- Br. 1996, 345.
zum Capriden auf der Basis darstellen pentier der in Palästina stationierten
Lit.: P. E. Mottahedeh (ed.), Animals in Anci-
soll. Galten Capriden oder Schafe als In- zehnten Legion kannten, war dadurch
ent Art From the Leo Mildenberg Collection,
begriff einer gesegneten Welt, so waren Mainz 1997, Nr. 114. – Zur Diät altorienta- ohne ausdrückliche Nennung klar, dass 42 Moderne Stempelsiegelabdrücke
Schweine schon früh auch Projektions- lischer Zuchtschweine: E. Firmage, ABD VI, die Ursache der Besessenheit in der rö-
flächen des Bösen, wie wahrscheinlich 1130-32. mischen Militärherrschaft zu suchen ist.
auf einem Rollsiegel aus Habuba Menschliche Zerrüttung als Folge mili-
Kabira am mittleren Eufrat (Abb. IIIa), tärischer Besatzung ist ein leider auch
auf dem es rituell getötet wird. Bei heute noch bekanntes Phänomen. TST
späteren hetitischen Eliminationsriten
Lit.: N. Avigad, Discovering Jerusalem,
dienten sie, allerdings keineswegs
Nashville/Camden/New York 1983, 206, Fig.
ausschliesslich, als Transportvehikel 255,1.
von Unreinem. In Assur wurden ihnen mit Hahn
und den Hunden die zerstückelten (a)
41 Holzschnitt mit Darstellung der Weiss, grau, braun und schwarz gebänderter
Glieder von Rebellen verfuttert (Rassam sog. «Judensau» Achat
Zylinder IV 65-82) oder sie wurden Holzschnitt L. 1,9 cm, B. 1,8 cm, D. 1,2 cm
zusammen mit Bären, Hunden und Süddeutschland Tell en-Nazbeh (Mizpe; Grab Nr. 19), Paläs-
kriegsgefangenen Königen beim Tor an Ca.1470 tina/Israel
40 Ziegelstempel mit Eber (Zeichnung) Anonym Eisenzeit IIC/III, um 600 v. Chr.
den Pranger gestellt (Prisma Ninive A Ton Original: Jerusalem, Israel-Museum, Inv.-Nr.
III,39-42). TST Maße unbekannt Das durch Holzschnitte und Kupfer- IAA 32.2525
Jerusalem (b)
Lit.: Keel-Leu, Stempelsiegel, 16f, Nr. 46 (Lit.). stiche verbreitete antisemitische Bild
Römisch, 1. Jh. n. Chr. Roter Jaspis
Ergänzte Umzeichnung: Jean-Marc Wild zeigt Juden, die auf einer Sau reiten,
L. 1,6 cm, B. 1,4 cm, D. 0,75 cm
deren Kot und Kotze essen und an ihren Palästina/Israel (Jerusalemer Handel)
39 Platte mit Schweinen Zitzen saugen. Das Motiv vermittelt
Ton, aus Model gepresst Der Stempel auf dem Fragment eines Eisenzeit IIC/III, um 600 v. Chr.
H. 14,3 cm römischen Tonziegels zeigt unter einem einen haarsträubenden Eindruck der Original: Jerusalem, Israel-Museum, Inv.-Nr.
Westeuropa Schiff und der Inschrift LEGio • X (deci- Angst, der perversen Fantasie und des 71.66.360
Römisch, 1./2. Jh. n. Chr. ma) • Fretensis («Die zehnte Legion, von abgrundtiefen Hasses, die das Anders- Auf zwei spätjudäischen Namenssiegeln
Leihgabe aus der Sammlung Dr. Leo Mil- der Meerenge», sc. bei Messina) einen
denberg
nach rechts schreitenden, stark stilisier-
ten Eber, erkenntlich an der rüsselarigen
Die drei Schweine wurden aus derselben
Schnauze, den spitzen Ohren, dem bors-
Form gepresst und anschliessend über-
tigen Rücken, dem runden Hinterteil
einander auf die Tonplatte gesetzt. Eine
und der vorstehenden Vorhaut.
runde, leicht hochstehende Schnauze,
Die zuvor in Mesopotamien stationierte
tiefliegende Augen, zugespitzte Ohren,
zehnte Legion kam im Jahre 67 mit
borstige Haare, ein dralles Hinter-
Verspasian zunächst zur Eroberung Ga-
teil, der geringelte Schwanz und die
liläas nach Palästina (Flavius Josephus,
gespaltenen Klauen charakterisieren
Jüdischer Krieg III, 65). Nach der Erobe-
die Tiere treffend. Möglicherweise
rung Jerusalems wurde die Legion zur
ist das Fragment Teil einer grösseren
Bewachung neben der Stadt einquar-
Komposition mit weiteren Schweinen,
tiert (ebd. VII, 17). Ihr Wappentier war
die den Eindruck einer Herde noch
ein Eber. Möglicherweise vor diesem
verstärkt hätten. Während die Eber in
Hintergrund erhält die im Evangelium
freier Wildbahn einzelgängerisch, die
(Markus 5) beschriebene Heilung eines
Sauen im Familienverband leben, ist das
Besessenen bei Gerasa durch Jesus von
Herdenrudel typisch für menschliche
Nazaret eine politische Note. Der böse
Schweinehaltung.
Geist des Besessenen sagt nämlich

55 Kapitel III Kat. 25–45 56


(Abb. 42a und b) findet sich unter dem Hennen einherstolziert,/ der Bock, der bestätigt. Sie zeigt einen Sichelmond geloberseite und Schwanzfedern sind während auf den katholischen ein Kreuz Statt auf Füssen steht die Figur auf ei-
Namen und dem Titel des Besitzers die Herde leitet,/ der König, der Volks- über einer geflügelten Sonnenscheibe. schraffiert. Die Ständer wurden zum steht. TST ner runden Trommel. In der Mitte des
das Emblem eines gehenden Hahns. reden hält.» TST Vier Kerben führen von den Ecken Stab stilisiert, der auf einem Sockel Rückens wurde mit einem Stab ein 1,24
Lit.: Unveröffentlicht – Mögliche Parallelen
Trotz der Winzigkeit der Siegel sind die X-artig Richtung Mitte, die von der steht und seinerseits in einen Zapfen cm grosses Eingussloch eingelassen.
Lit.: N. Avigad/B. Sass, Corpus of West Semitic (ohne Abbildungen): A. de Ridder, Les
Wesensmerkmale des Vogels (Kamm, Sonnenscheibe gebildet wird, was ihre übergeht. Möglicherweise diente die Bronzes Antiques du Louvre, T. 1, Paris 1913, Der Ausguss (Dm. ca. 0,3 cm) befindet
Stamp Seals, Jerusalem 1997, Nr. 8, 13 und
Schnabe, Kehllappen, Federkleid, Stän- 1142 (Lit.). – Zum Motiv der ‹coqs affrontés› Zentralität unterstreicht. Ein ähnliches Figur ursprünglich als dekorativer Griff N° 472; 1000; E. Babelon/J.-A. Blanchet, sich am abgeflachten Schnabel.
der, Zehen) ausgezeichnet getroffen. Der in Griechenland: Philippe Bruneau, BCH 89 Siegelamulett von L. Wolfe zeigt auf der eines Deckels. Die herausgestellten Flü- Catalogue des Bronzes Antiques de la Bibli- Libationsgefässe aus Terrakotta in Ge-
offene Schnabel, der übergross geritzte (1965) 90-121. Basis zwei Embleme des Mondgottes gel hätten dann eine sinnvolle Funktion othèque Nationale, Paris 1895, Nr. 1264. – Zur stalt eines Hahns sind in Griechenland
Symbolik: DNP 5,749f.
Sporn und die geduckte Haltung lassen Sin von Haran. als Zugfläche erfüllt. seit der klassischen Zeit bezeugt und
43 Stempelsiegelamulett in Gestalt
keinen Zweifel daran aufkommen, dass Die Verbindung von Hahn und Mond «Der schlaflos Machende» (Alektor) bleiben bis weit in die byzantinische Zeit
es sich um einen angreifenden bzw. findet sich auf einigen mesopotamischen wie der Hahn in Griechenland genannt 45 Gefäss in Form einer Henne hinein beliebt, gehören also während
sich verteidigenden Hahn handelt. Die Stempelsiegeln aus neubabylonischer wurde, war nicht nur ein Symbol des Ton, altrosa, aus Model gepresst über tausend Jahren zum Figurenschatz
Kampfbereitschaft der Hähne hat die Zeit. Möglicherweise hat, ähnlich wie Kampfes, sondern als Lichtkünder auch L. 14,7 cm, H. 7,8 cm, B. 5,5 cm der vorislamischen Mittelmeerkulturen,
Männer des Mittelmeerraumes tief beim Stier, die kämpferische Natur des ein Dämonenvertreiber und daher der Palästina/Israel (Jerusalemer Handel) die Wesentliches zur Zucht und Ver-
Byzantinisch, 4.-6. Jh. n. Chr.
beeidruckt. In Griechenland wurden Tiers die Verbindung zum Mondgott, geeignete Wächter eines Schächtelchens GFig 2001.1 breitung des äusserst nützlichen Haus-
ab dem 7./6. Jh. v. Chr. überall auf der sich immer wieder neu gegen die mit diskret aufbewahrten Kostbarkeiten. Schenkung von Vera und Helmut Utzschnei- tieres beitrugen. Obwohl die Henne
öffentlichen Plätzen Hahnenkämpfe ihn verschlingende Dunkelheit durch- Als Herold der Sonne, die finstere Ma- der, Neuendettelsau (D) viel häufiger und unabkömmlicher ist
veranstaltet. Das häufigste Bildmotiv setzt, befördert. Indem der Hahn mit chenschaften an den Tag bringt, kräht Die aus Modelpressungen von Hand als der Hahn, wurde sie viel seltener
mit dem Hahn ist dort denn auch das einem Skorpionschwanz versehen und der Hahn in der Passionsgeschichte nur grob verfugte Figur ist aufgrund dargestellt. In den Zusammenhang von
der ‹coqs affrontés›, welches sich auch mit einem geflügelten Pferd assoziiert Jesu, um den Verrat des Petrus anzu- des kleinen, runden Kammes und Trankopfern, die der Stimulation der
auf einem weiteren westsemitischen wird, kann er auch den Sonnenwächtern zeigen (Markus 14,30.68 parr.). Dieses der ungeschweiften, hochstehenden Fruchtbarkeit dienten, passt die lege-
Namenssiegel findet (Abb. 42c). (Girtablullu) angenähert werden. Unser lautstarke Einstehen für Recht und Schwanzfedern als Henne zu deuten. freudige Henne aber entschieden besser
Das eine Siegel (Abb. 42a) könnte dem Siegel verbindet ihn mit Sonne und Gerechtigkeit hat ihm bis heute einen Der Kopf mit den grossen Augen (Dm. als der Hahn. TST
Mond aber vielleicht einfach deshalb, Ehrenplatz als Mahner und Wetterhahn 1,2 cm) ist leicht vornüber gebeugt, wie
Lit.: Unveröffentlicht. – Parallelen für die
weil sein Krähen den Wechsel von der auf vielen Kirchturmspitzen verschafft. es typisch ist für das körnerpickende
klassische und hellenistische Zeit: Das Tier
Nacht zum Tag ankündet. TST In der Schweiz, wo es in den meisten Tier. Das Federkleid wird durch gegen- in der Antike (Ausstellungskatalog), Zürich
Dörfern eine katholische und eine re- läufige Reihen fingernagelförmiger Ein- 1974, Nr. 279f; Sindos, Katalogos tês ekthesês,
Lit.: Unveröffentlicht – Zu bronzenen Stem- Athen 1985, 164f, Nr. 260.
formierte Kirche gibt, ist er gleichzeitig kerbungen angedeutet, die dem Huhn
pelsiegelamuletten in Palästina/Israel allge-
mein: Keel, Corpus § 356. das Erkennungszeichen der letzteren, ein eher wolliges Aussehen veleihen.

44 Figürchen eines Hahns

in 2 Könige 25,23 und Jeremia 40,8 ge- eines Hahns


Bronze
nannten Minister des letzten judäischen
H. 2,09 cm, L. 2,27 cm, B. 0,55 cm, Basisplatte:
Königs Ja’azanjahu aus dem Gefolge des L. 1,16 cm; B. 0,92 cm, D. 0,27 cm
durch die Babylonier eingesetzten Statt- Angeblich aus Palästina/Israel
halters Gedalja in Mizpe gehört haben, Eisenzeit IIC/III, 7./6. Jh. v. Chr.
wo das Siegel auch in einem Grab (Nr. Leihgabe von Lenny Wolfe, Jerusalem
19) gefunden wurde. Das andere (Abb.
42b) könnte das Siegel des Königs Joa- Der Griff des Stempelsiegelamulettes
has sein, der im Jahre 609 v. Chr. für besteht aus einem flächigen, stark
kurze Zeit an der Stelle seines Vaters Jo- stilisierten Hahn. Schwanz und Kopf
schija residierte, bevor er durch Pharao bilden ein V. Hals und Kopf sind über-
Necho (609-595 v. Chr.) abgesetzt und gross dargestellt. Kamm, Schnabel und Bronze
durch seinen Bruder Eljakim (= Jojakim) Kehllappen sind dadurch sehr deutlich H. 3,78 cm, L. 3,9 cm, B. 1,1 cm
ersetzt wurde (2 Könige 23,31-34). Aber erkennbar. Brust, Ständer und Zehen Fundort unbekannt; jonisch (?)
fehlen hingegen, so dass der Vogel zu Archaisch, 7./6. Jh. v. Chr. (?)
auch Ahaz, der Sohn König Jotams
GFig 2001.2
von Juda (2 Könige 16,1; 733 v. Chr.) liegen scheint. Der Hals wurde durch
kommt als einstiger Besitzer Frage. Punkte, Schwanz und Bauch durch Die U-förmige, fast mondsichelartige
Die hohen Ämter der möglichen Eigner Schraffuren verziert, letzterer durch Figur ist aufgrund des Kopfes mit
dieser offensichtlich typisch judäischen zwei gegenläufige, mittels horizontaler Kamm, Schnabel und Kehllappen und
Hahnensiegel korrespondieren gut mit Striche in Registern gegliederte Bahnen. den geschweiften Schwanzfedern sofort
dem in Sprüche 30,29-31 überlieferten Die am Hals des Hahns angesetzte als Hahn identifizierbar. Der Kopf ist
Zahlenspruch: «Drei sind es, die statt- Öse weist darauf hin, dass das Siegel auf Augenhöhe am breitesten, der Hals
lich schreiten,/ und vier, die stattlich an einer Halskette getragen wurde und sehr schlank und gerade, die Flügel ins-
einhergehen:/ Der Löwe, der Held daher auch Amulettcharakter hatte. Das gesamt durch einen Rand vom Körper
unter den Tieren,/ der vor niemandem wird durch die Basis der rechteckigen leicht abgesetzt und oben seitlich im
kehrtmacht;/ der Hahn, der unter den Platte, die den Sockel des Hahns bildet, 90°-Winkel herausgestellt. Hals, Flü-

57 Kapitel III Kat. 25–45 58


Kapitel IV

Warum bei der Taufe im Jordan eine weisse Taube zu Jesus fliegt
Entstehung und Wandel von Tiersymbolen Abb. IVa: Zur Biologie der
Dungkäfer: 1) Heraus-
schneiden der Dungku-
gel, 2) Rollen der Kugel,
Othmar Keel 3) Vergraben der Kugel,
4) Dungbirne, in die ein Ei
Wie Tiere zu Symbolen wurden gelegt wird.

Vieles war den altorientalischen Menschen unverständlich und rätselhaft, was für uns Jahrhunderte und Jahrtausende des Forschens für den Lauf der Sonne und ihr tägliches abendliches bäus (Kat. 52), entschwebt der Skarabäus einer Lotosblüte,
und Nachfragens erhellt und geklärt haben. Aber wenn uns auch manches durchsichtig und verständlich geworden ist, so hinkt unser Verschwinden im Westen und ihr ebenso regelmässiges sozusagen als regenerierter Regenerierer.
Verstehen doch stets hinter der Wirklichkeit her, und unsere Modelle hinken hinter unserem Verstehen her. Schwer ist es oft, zu sagen neues Erscheinen im Osten. Da die ÄgyperInnen bei der Von keinem judäischen König haben wir eine solche Masse
und abzubilden, was wir im Kopf und im Gefühl haben. Jede Wahrnehmung erfasst immer nur einen Teil der Wirklichkeit, weil wir Sonnenkugel ein ähnliches Agens wie bei der Mistkugel von Dokumenten seiner Verwaltung wie vom judäischen
– um zu verstehen – fokussieren müssen. Die Alten haben nicht einfach weniger verstanden. Sie haben oft Aspekte anvisiert, die wir vermuteten, wurde der Käfer zum Symbol jener Kräfte, die König Hiskija, der um 700 v. Chr. regiert hat. In einer
heute übersehen oder fast vergessen haben. Deshalb bleiben ihre Modelle wertvoll. Vor allem haben sie dem bleibenden Rätsel, warum ständige Erneuerung bewirken. Die ägyptische Bezeichnung dramatischen Zeit hat er sein Herrschaftsgebiet adminis-
überhaupt etwas da ist und nicht vielmehr nichts, sensibler und beharrlicher standgehalten als die meisten von uns. Sie hatten ein für den Käfer lautete cheprer. Mit dem Käfer wird auch das trativ reorganisiert und versucht, mit Hilfe Ägyptens die
Sensorium für den élan vital, die ungeheure Entstehungs- und Regenerationskapazität alles Seienden (Mistkäfer), für die geheimnis- Wort cheper «werden, erscheinen, entstehen, künftig sein» assyrische Expansion gegen Westen zu bremsen. Weit
volle Heiligkeit, Unantastbarkeit und Schrecklichkeit, die ganz speziellen Grössen innewohnen (Uräus). Endlich hatten sie einen Sinn u. ä. geschrieben, ein Schlüsselbegriff in dem stark von über tausend Henkel grosser Vorratskrüge, die um die 40
für Zusammengehörigkeiten, wo wir analytisch trennen (Taube). Die folgenden drei Abschnitte versuchen zu zeigen, wie und warum Regenerationsvorstellungen geprägten Denken der alten Liter Wein, Öl oder Getreide fassten, sind aus seiner Zeit in
drei Tiere zu Symbolen für wesentliche Aspekte des Daseins geworden sind und bis heute begrifflich schwer fassbare Aspekte des Seins ÄgypterInnen.8  Vergöttlicht heisst der Käfer cheperj oder wissenschaftlichen Grabungen gefunden worden. Sie tragen
eindrücklich vergegenwärtigen können. einfach cheprer. Seine wichtigsten Eigenheiten sind die den Vermerk la-mælæch «Dem König (gehörig)» und dazu
Spontangenese, ägyptisch cheper dschesef «der von selbst den Namen eines Verwaltungszentrums.14  Zwischen diesen
1. Der Mistkäfer als Symbol ständiger Erneuerung lon und Scharuhen. Man bewunderte Ägypten, wohin Teile entstand», die Transformationen der Gestalt (cheperu), der kleinen Inschriften findet sich ein Bildmotiv, entweder eine
Zehntausende von altorientalischen Siegelamuletten sind der Bevölkerung auswanderten. Um 1650 v. Chr. gelang Ursprung im Erdinnern, ausge­drückt durch die Beifügung geflügelte Sonnenscheibe15  oder ein vierflügliger Skarabäus
in Palästina /Israel in der Neuzeit (seit 1891) gefunden es diesen, in Unterägypten die 15. Dynastie, die Dynastie cheper em-ta «der in der Erde entstand», und das Aufsteigen (Kat. 54a-b). Sie dokumentieren die Ägyptenfreundlichkeit
worden. Ca. 10‘000 stammen aus legalen wissenschaftlich der «Herrscher der Fremdländer», zu errichten, die sog. zum Himmel. Sie alle hängen eng mit der Biologie des des Königs in seiner frühen Phase. Der Prophet Jesaja hat
kontrollierten Ausgrabungen und schätzungsweise 10mal Hyksosherrschaft.5  Zwischen 1700 und 1650 v. Chr. begann Dungkäfers zusammen und liessen sich fast zwanglos auf sie heftig denunziert (Jesaja 30,1-7; 31,1-3). Sie belegen darü-
mehr aus privaten, unkontrollierten.1  Die kleinen, oft nur man in Palästina, ägyptische Skarabäen zu importieren und die Sonne bzw. den Sonnen­gott übertragen. Eine geläufige ber hinaus, dass man sich den Gott Israels, JHWH, mit Hilfe
fingernagelgrossen Objekte, meist aus Speckstein (Steatit), noch mehr selber herzustellen.6  Was hat dazu geführt, dass Formel charakterisiert den Sonnengott Re≤ denn auch als von Sonnensymbolen vergegenwärtigt hat. Dafür gibt es
der wie Ton gebrannt wurde (Enstatit), wurden an der Hand Amulette in Käferform in Ägypten während dem Mittleren «cheperj am Morgen, Re am Mittag und Atum am Abend.»9  manche Hinweise. Beispielsweise feiert Psalm 84,11 JHWH
oder am Hals getragen. Sie dienten als Statussymbol und als Reich zur dominierenden Amulettform wurden? Es hängt An der Regenerationskraft und der ständigen Erneuerung als Sonne und Schild. Noch der Prophet Maleachi redet von
Amulette zur Abwehr böser Einwirkungen (apotropäische damit zusammen, dass gegen Ende der 12. Dynastie der Son- des Sonnengottes wollten Lebende und Tote teilhaben.10  JHWHs Gerechtigkeit als geflügelter Sonne» (3,20).
Funktion) und zur Verstärkung positiver Kräfte. Mit Hilfe nenkult in Ägypten zunehmend grosse Bedeutung gewann Nachdem der Käfer einmal zum Symbol der Kraft geworden Beginnend am Ende des 7. Jh. v. Chr., hat sich in exilischer
der Basisgravur konnten Tongefässe und anderes «gesie- und der Käfer zu einem der Hauptsymbole des Sonnenlaufs war, die die Sonne in ihrem ewigen Kreislauf bewegt, wurde und nachexilischer Zeit die Ansicht durchgesetzt, dass
gelt» werden, was magischen oder rechtlichen Zwecken wurde. Dazu haben einige der Lebensgewohnheiten des die Darstellung des Käfers den Bedürfnissen seiner neuen kein Tier auf Erden, kein geflügeltes Wesen am Himmel
(Eigentumssicherung) diente.2  Käfers beigetragen. So dürfte das Rollen von perfekt runden, Rolle angepasst. Der wirkliche Käfer schiebt die Kugel, wenn und kein Tier, das kriecht und krabbelt, und kein Fisch
Gute zwei Drittel dieser Objekte haben die Form von Mist- im Verhältnis zur Käfergrösse riesigen Dungkugeln die er sie in die Erde vergräbt, mit den Hinterbeinen. Das tut geeignet ist, JHWH, dem Gott Israels, Gestalt zu verleihen
käfern (Skarabäen).3  Der Brauch, solche Käfer als Amulette ÄgypterInnen beeindruckt haben. Die Kugel wiegt bis zu 40 der Sonnenkäfer auch, wenn er die Sonne zu Osiris, dem (Deuteronomium 4,17f).
zu tragen, ist in der 1. Zwischenzeit, ca. 2150 v. Chr., in g, während das Eigengewicht des Käfers nur 2-2,5 g beträgt.7  Gott der Unterwelt, hinunterbringt.11  Der wirkliche Käfer Der Kirchenvater Ambrosius (4. Jh. n. Chr.) nennt den Ge-
Mittelägypten entstanden. Die Käfer wurden auf eine Ba- Diese Kugeln werden von den Männchen aus Dungfladen schiebt die Kugel nur in die Erde. Da man aber stärker am kreuzigten «guten Wurm» bonus vermis und «guten Käfer»
sis gestellt, in die heilbringende und unheilabwehrende oder -ballen herausgeschnitten (Abb. IVa 1) und dann mit Sonnenauf- als am Sonnenuntergang interessiert war, sieht bonus scarabaeus.16  Den «Wurm» hat er in Psalm 22 (Vers
Zeichen geritzt wurden. Zuerst waren es nur Frauen und den Hinterbeinen zum gewünschten Ort geschoben (Abb. man den Käfer meistens wie er mit den Vorderbeinen die 7) gefunden, der soviel zum Verständnis und zur Deutung
Kinder, die Skarabäen und vergleichbare Amulette trugen. IVa 2). Ist dieser erreicht, vergräbt der Käfer die Kugel im Sonne zum Himmel schiebt; und da man sich durch den der Passion Jesu beigetragen hat und wo ein Beter klagt, wie
Zu Beginn des Mittleren Reiches (1938-1630 v. Chr.) wurde Boden (Abb. IVa 3), wo sie ihm für eine bestimmte Zeit Himmelsraum fliegend fortbewegt, tut er das auch noch ein Wurm verachtet zu werden. Der «Skarabäus» stammt
der Brauch auch von Männern übernommen.4  Im Neuen zur Nahrung dient; ist die Mistkugel verzehrt, erscheint fliegend (Kat. 54 = M. 2828). aus der griechischen Übersetzung von Habakuk 2,11, wo das
Reich (1540-1075 v. Chr.) wurden sie dann in grossem der Käfer wieder auf der Erdoberfläche. Ebenso geheim- Wusste man in Palästina der vorbiblischen und der bi- hebräische Original von einem Gebäude, das auf Unrecht
Umfang vom königlichen Hof (besonders in der 18. Dy- nisvoll tauchen die jungen Käfer aus der Erde auf. Für die blischen Zeit, was der Käfer bedeutet? Es ist generell un- gründet, sagt: «Es schreit der Stein in der Mauer, und der
nastie) und von Tempeln (besonders in der 19. Dynastie) Eiablage wird vom Weibchen unterirdisch eine Dungbirne wahrscheinlich, dass ein Symbol weite Verwendung findet, Sparren im Gebälk gibt ihm Antwort.» Die griechische
hergestellt, deren Einfluss sie zu vergrössern helfen sollten. gebildet (Abb. IVa 4), deren Bestandteile viel feiner sind als ohne in irgendeiner Form verstanden zu werden. Ägyp- Übersetzung hat den «Sparren im Gebälk» mit «Käfer im
Der Brauch entstand also in der Peripherie und kam all- die aus grobem Dung gebildeten runden Kugeln. In jede tisches war zu vielen Zeiten in Palästina beliebt. Ausserdem Holz» übersetzt. Da die Kirchenväter «Holz» ziemlich kon-
mählich ins Zentrum – im Gegensatz zum Gebrauch von Birne wird ein Ei gelegt. Dort verpuppen sich die Larven, gibt es Hinweise, dass man den Regenerationscharakter sequent mit dem Kreuz assoziierten, wurde aus dem Käfer
Totentexten, der am Hof entstand und allmählich in breitere und aus dieser unterirdischen Dungbirne kriecht dann der verstanden hat. Schon bei den frühesten Skarabäen, die in im Holz der Käfer am Kreuz. Die Stelle beweist nicht, dass
Volksschichten vordrang. fertige Käfer hervor. Palästina hergestellt wurden, gravierte man auf dem Rücken das Wissen um die todüberwindende, regenerative Kraft des
Um 1700 v. Chr. blühte in Palästina die Kultur der Mittel- Den Lauf dieser Kugeln und ihr Verschwinden in der Erde Zweige und Lotosblüten ein12 , die ihrerseits Regenerations- Skarabäus «bis über das Ende der altägyptischen Religion
bronzezeit mit Stadtstaaten wie Jerusalem, Sichem, Aschke- verstanden die ÄgypterInnen als Modell und Metapher symbole waren.13  Auf dem phönizisch-israelitischen Skara- lebendig blieb.»17

59 Entstehung und Wandel von Tiersymbolen 60


2. Schlangengestaltige Engel und Unantastbarkeit und bewirkt, dass man diese Personen licher. Er verlor aber auch etwas von seiner geheimnisvollen, Die weisse Farbe, die die «Liebestaube» auszeichnet,
Was bei der Begegnung mit manchen Tieren am nachhal- und Bereiche als heilige wahrnimmt und sich ihnen nur erschreckenden Andersartigkeit. Die Integration der Welt liess diese Spielart aus den gewöhnlichen grauen Tauben
tigsten beeindruckt, sind ihre Laute. Auf dieser Erfahrung von Schrecken erfüllt nähert. Daneben hat die Kobra – wie der Tiere und der Menschen ging ein Stück weit verloren. hervorstechen, wie die Geliebte aus den anderen Frauen
beruhen «Wauwau», «Miau», «Muuh» und ähnliche Wörter jede Schlange – zahlreiche weitere Aspekte, etwa den des Die «Eherne Schlange» erscheint im Johannesevangelium heraussticht. Von Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. an
der Kindersprache. Aber auch manche etablierte Tiernamen sich ständig erneuernden Lebens (Häutung).24  noch als Vorbild für den am Kreuz erhöhten Christus (3,14). sehen wir auf anatolischen (südosttürkischen) und nordsy-
sind lautnachahmend (onomatopoetisch) wie z. B. Uhu In Palästina fand die Kobra als Schutzsymbol mit der Imita- Aber der Einfluss der häufig bildlich dargestellten Para- rischen Objekten Tauben dargestellt, die die Liebesgöttin
oder Kuckuck. Im Hebräischen findet sich eine Reihe von tion der ägyptischen Skarabäen Eingang (vgl. Kat. 48-49). In diesesgeschichte, in der sie die Menschen dazu verführt, hält oder die von ihr wegfliegen (Kat. 64-69). Da dies häu-
Schlangenbezeichnungen, die das Zischen imitieren, das spätbronzezeitlichen Tempeln dienten kleine Bronzefiguren vom verbotenen Baum zu essen und dem Tod zu verfallen, fig geschieht, während die Göttin ihr Kleid hochhebt oder
manche Schlangen von sich geben, wenn sie sich bedroht einer Kobra oder einer anderen Schlangenart dazu, die Un- war stärker. Sie führte dazu, dass man Schlangen generell zur Seite schiebt, um sich ihrem Partner anzubieten, sind
fühlen, so zæfa≤, zif≤oni, schefifon. An diesen Typ von Namen antastbarkeit des innersten Tempelraumes zu garantieren. dem Satanischen zuzuordnete.27  diese Tauben zu Recht als Signale, als Boten ihrer Liebes-
erinnert auch Saraf, in der Mehrzahl Serafim. Die christliche Eine besondere Blüte erlebte das Symbol in Israel im 8. bereitschaft verstanden worden. Noch im Jahrhunderte
Tradition bezeichnet mit diesem Namen eine bestimmte Jahrhundert. Die assyrische Bedrohung trieb Juda in die 3. Die weisse Taube als Symbol der Liebesgöttinnen jüngeren «Hohen Lied» der Liebe heisst es: «Deine Blicke
Art von Engel, weil Serafim in der Vision von Jesaja 6 in Arme Ägyptens. Man übernahm das Symbol der geflügelten und des Heiligen Geistes sind Tauben» (Hoheslied 2,2; 6,8f.) und «Du hast mein
unmittelbarer Nähe Gottes erscheinen, und da können sich Kobra, deren Schutzmacht man durch ein zweites Flügel- Jahrhunderte christlichen Geistesleben haben scharf zwi- Herz (meinen Verstand) geraubt mit einem deiner Blicke»
doch nur menschengestaltig gedachte Engel aufhalten. In paar verstärkte (Kat. 59). Auf vielen hebräischen Siegeln schen geistig-himmlischer und irdisch-fleischlicher Liebe (Hoheslied 4,9)!30 
der hebräischen Bibel bezeichnen Serafim aber ganz ein- des 8. Jahrhunderts beschützt ein vierflügliger Uräus den unterschieden. Für den unverheirateten Klerus war die Dass die Taube der Liebesgöttin weiss ist, dokumentiert
deutig Schlangen. Ihre lautliche Äusserung beginnt denn Namen des Siegelbesitzers.25  In einer grossen Vision sieht irdisch-fleischliche Liebe die grosse Versuchung, die seine zum ersten Mal eine Wandmalerei aus Mari am Euphrat
auch wie ein Zischen: qadosch, qadosch, qadosch jhwh zewa≥ot der Prophet Jesaja JHWH nach ägyptischer Manier von geistige aufs Himmlische ausgerichtete Existenz gefährdete. (Syrien) aus der Zeit um 1750 v.Chr. Sie zeigt den König von
(Jesaja 6,3). Texte, die den Schrecken der Wüste schildern, geflügelten Serafim beschützt. Diese Serafim haben sogar Im grossen Abwehrkampf wurde die irdische Liebe häufig Mari vor der Göttin Ischtar, die auf einem Löwen steht. Im
erzählen, dass sie von ungeflügelten und geflügelten Sera- sechs Flügel. Sie dienen allerdings dazu, die Serafim vor der so erniedrigt, dass der zölibatäre Klerus sich über ihre Ver- Hof ihres Heiligtums steht rechts eine Palme, in deren Kro-
fim bewohnt war.18  Saraf bezeichnet eine Kobra. Sie galt als Heiligkeit JHWHs zu schützen. Jesaja kritisiert so indirekt suchungen erhaben fühlen konnte. ne als Symbol der Göttin eine überdimensionierte weisse
gefährlichste Schlangenart (Jesaja 14,29). Zwei Kobra-Arten den Glauben an die Schutzkraft der Serafim. Angesichts dieses Orientierungssystems, das Jahrhunderte Taube sitzt. Während der Löwe die wilde, aggressive Seite
kommen in Betracht; die gewöhnliche, besonders aus Ägyp- Etwas gröber ist Jesajas Zeitgenosse, König Hiskija, gegen lang herrschte, wundert es, dass die weisse Taube gleichzei- Ischtars verkörpert (vgl. Kat. 78), die in Syrien vielleicht mit
ten bekannte Kobra (Naja haje Linné 1758) und die Speikobra die Sarafverehrung vorgegangen. Im 2. Buch der Könige tig das Symbol lustbetonter Vertreterinnen irdischer Liebe Astarte gleichgesetzt wurde, repräsentiert die weisse Taube
(Naja nigricollis Reinhardt 1843) mit drei schwarzen Streifen wird erzählt, dass es in Jerusalem, wahrscheinlich im Tem- wie der griechischen Aphrodite und der lateinischen Venus ihre zärtliche, verliebte Seite.
am Hals, die ihr Gift nicht durch Beissen, sondern durch pel, ein bronzenes Schlangenbild gegeben hat (18,4). Es soll einerseits und des Garanten einer geistig-himmlischen Exis- Die weisse Taube als Liebesbotin ist von Syrien nach Westen
Spucken appliziert.19  Der Name Saraf ist vom Verb saraf sich um das Bild gehandelt haben, das Mose auf Geheiss tenz, des Heiligen Geistes anderseits war.28  Noch erstaun- gewandert und erscheint (Lukas 3,21f). Vielleicht bezog sich
«verbrennen» abgeleitet. Das von der Speikobra ausgespiene Gottes in der Wüste anfertigte. Die Israeliten hatten damals licher ist, dass die weisse Taube nicht zufällig das Symbol der Vergleich ursprünglich nur auf den Flug der Taube.
Gift «verbrennt» vor allem die Augen.20  Mit dem mystischen gegen Gott und Mose gemurrt. Da habe Gott Serafim gegen für beide Arten von Liebe geworden ist. Wie bei den Serafim Die christliche Kunst hat den Heiligen Geist, den Geist der
«vor Liebe Glühen», das man den Serafim nachsagt, die sie losgeschickt. Auf die flehentlichen Bitten der Israeliten sind wir auch hier einer Differenzierung auf der Spur, die oft Liebe, aber von Anfang an als weisse Taube dargestellt (Abb.
zu menschengestaltigen Engeln geworden sind, hat das hin befahl Gott Mose, ein Sarafbild zu machen, dessen den Charakter und die Dimension einer verhängnisvollen IVf). Die Taubengestalt des Geistes ist von der christlichen
nichts zu tun. Dass wir es bei «Saraf» mit dieser Kobra-Art Anblick Heilung von den Schlangenbissen brachte (Numeri Aufspaltung angenommen hat. Lange bevor die weisse Kunst schon früh in andere Zusammenhänge eingeführt
zu tun haben, legt auch der Umstand nahe, dass Serafim 21,4-9). Dieses Bild soll zur Zeit des Königs Hiskija in Jeru- Taube das Symbol des Heiligen Geistes wurde, gehörte sie worden, wo sie vom Neuen Testament nicht erwähnt wird,
mehrmals geflügelt gedacht sind (vgl. Anm. 18). Das geht salem wie eine Gottheit verehrt worden sein. Deshalb habe in Vorderasien – und das seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. so in die Verkündigung an Maria und in Darstellungen
wohl darauf zurück, dass die Kobra in der ägyptischen Hiskija es zerschlagen lassen. Es dürfte sich bei diesem Bild – zur Sphäre von Göttinnen, die etwa aufgrund ihrer Nackt- von Pfingsten.
Kunst seit dem Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. häufig um das Bild eines ägyptischen Uräus gehandelt haben (Kat. heit und Gestik (Entfernen der Kleidung) stark erotische In der Renaissance lebte das antike Bildrepertoire der Aph-
mit zwei Flügeln ausgestattet erscheint.21  Wie der Mistkäfer 61), von dem man sich Schutz und Heilung versprach. Wie Aspekte haben. Wie die weisse Taube Teil ihrer Sphäre rodite-Venus in neuer Form wieder auf und gesellte sich zu
sich aufgrund seiner Symbolik vom Naturvorbild entfernt in Ägypten besänftigte man den Uräus mit Weihrauch.26  wurde, darüber können wir nur begründete Vermutungen der noch lange weiter gepflegten christlichen Kunst (Abb.
und fliegend eine Kugel durch die Luft schiebt, so entfernt Nachdem Hiskija in seiner Hoffnung auf ägyptische Hilfe anstellen. Am wahrscheinlichsten ist, dass das auffällige IVg). Fortan wurden beide Arten der Liebe, die geistige
sich das Motiv der Kobra vom Naturvorbild, wenn sie mit gegen Assyrien schwer enttäuscht worden war und nach- Paarungsverhalten der Tauben, in dem sie sich im Sinne und die irdische, von der weissen Taube visualisiert, wobei
Flügeln ausgestattet wird. Flügel werden hinzugefügt, um dem prophetische Stimmen aus dem Nordreich den Kult einer ritualisierten Fütterung die Schnäbel picken, nicht die Verschiedenheit der Konstellationen den Gedanken
ihre Schutzmacht zu verdeutlichen und zu vergrössern von Tierbildern zu diffamieren begannen, liess Hiskija das erst den Griechen und Römern aufgefallen ist, und nicht fernhielt, das gleiche Symbol würde da sehr gegensätzliche
(vgl. Kat. 57). Die ältesten Kobra-Darstellungen, die bis ins bronzene Bild zerschlagen (Kat. 62). Jerusalem und Juda erst von ihnen als Küssen verstanden wurde. Schnäbelnde Phänomene visualisieren. Ein Poster von Joy Caros (Abb.
4. Jahrtausend zurückgehen, zeigen sie noch ohne Flügel waren nun fast für ein Jahrhundert unter assyrischer Ober- Tauben sind in Vorderasien schon im 3. Jahrtausend v. Chr. IVh) versucht die Aufspaltung der Liebe in eine himmlische
in ihrer natürlichen Imponierstellung, aufgerichtet und herrschaft, und da hatte das typisch ägyptische Kobrabild dargestellt worden29  (vgl. Abb. IVb). und eine irdische rückgängig zu machen. Die alten Hände,
mit aufgeblähtem Hals. Die wichtigsten ägyptischen Wör- sowieso keinen Platz mehr. die die strahlende weisse Taube aussenden, erinnern an das
ter für Kobra ja≤ret (Uräus) und wa≥dschit (Uto) bedeuten Bei der Übersetzung der Hebräischen Bibel ins Griechische Bild von Verocchio und Leonardo. Die junge nackte Frau,
beide, «die sich Aufrichtende, die sich Erhebende»22 . Der hat man das hebräische Serafim stets mit einem Wort die ihre Arme ausstreckt, um die Taube zu empfangen,
Schrecken ist gross, wenn man plötzlich vor einer sich auf- für Schlange übersetzt, ausser in der Vision von Jesaja 6. entstammt der Venustradition. Der Titel des Posters heisst
richtenden zischenden Kobra steht. In dieser Stellung ist Dort liess man das hebräische Serafim stehen. Die von der «The Holy Spirit». Das Bild visualisiert das Verlangen, die
sie seit Beginn des ägyptischen Königtums an der Stirn von griechischen Kultur beeinflussten Übersetzer konnten und Abb. IVb: Schnäbelnde Tau- geistliche Liebe erotischer und die erotische geistiger zu
Königen und Königinnen zu sehen, sie flankiert paarweise wollten sich Gott nicht von geflügelten Schlangen umgeben ben. Zypriotische Kalkstein- machen. Ob dies eine unerfüllbare Sehnsucht oder eine
plastik, wahrscheinlich aus
die Sonnenscheibe und schützt reihenweise angeordnet Pa- vorstellen. Man konnte sich Wesen in der Nähe Gottes nur hellenistischer Zeit (3.-1. Jh. echte Möglichkeit ist, und ob diese Versöhnung Formen
last- und Tempeleingänge (Kat. 56).23  Sie signalisiert Gefahr menschengestaltig denken. Dadurch wurde Gott mensch- v. Chr.) oder früher. findet und welche, das wird die Zukunft zeigen.

61 Kapitel IV Entstehung und Wandel von Tiersymbolen 62


1 Zum Verhältnis des Materials aus kontrollierten und unkontrol- 20 O. Keel, Jahwe-Visionen und Siegelkunst. Eine neue Deutung der
lierten Grabungen vgl. Keel, Corpus, 14f § 22; zum Verhältnis 1 : Majestätsschilderungen in Jes 1, Ez 1 und 10 und Sach 4 (SBS 84/85),
10 im Hinblick auf wissenschaftlich ausgegrabenes und Material Stuttgart 1977, 70-74; eine andere Interpretation will den Namen auf
vom Antiquitätenmarkt vgl. C. Blankenberg-van Delden, The Large ein flammenartiges Muster auf der Haut der Schlange zurückführen,
Commemorative Scarabs of Amenhotep III, Leiden 1969; G. Th. Mar- aber saraf hat weniger mit der Gestalt als mit der Wirkung einer
tin, Egyptian Administrative and Private-Name Seals, Oxford 1971; bestimmten Aktion zu tun.
N. Avigad/B. Sass, Corpus of West Semitic Stamp Seals, Jerusalem 21 So z. B. auf den sogenannten «Zaubermessern»; vgl. H. Altenmüller,
1997. Die Apotropaia und die Götter Mittelägyptens. Eine typologische
2 Zu diesen und weiteren Funktionen der Siegelamulette vgl. Keel, und religionsgeschichtliche Untersuchung der sog. «Zaubermesser»
Corpus, 266-277. des Mittleren Reichs II, Hamburg 1965, 115 Abb. 4a, 119 Abb. 13 (mit
3 Zur Kulturgeschichte der Käfer, besonders in Ägypten, vgl. Y. Cam- Menschenkopf)
befort, Le scarabée et les dieux, Paris 1994. 22 R. Hannig, Die Sprache der Pharaonen. Großes Handwörterbuch
4 U.A. Dubiel, Studien zur Typologie, Verteilung und Tragsitte der Amu- Deutsch-Ägyptisch, Mainz 2000, 723.
lette, Perlen und Siegel im Alten und Mittleren Reich, Ungedruckte 23 S.B. Johnson, The Cobra Goddess of Ancient Egypt. Predynastic, Early
Diplomarbeit der Freien Universität, Berlin 2000; die Arbeit wird in Dynastic and Old Kingdom Periods, London-New York 1990.
der Reihe OBO erscheinen. 24 Vgl. dazu O. Keel, Polyvalenz der Schlange: Ders., Das Recht der Bilder
5 E.D. Oren (ed.), The Hyksos: New Historical and Archaeological gesehen zu werden. Drei Fallstudien zur Methode der Interpretation
Perspectives (UMM 96), Philadelphia 1997. altorientalischer Bilder (OBO 122), Freiburg (CH)/Göttingen 1992, 195-
6 D. Ben-Tor, The Relations between Egypt and Palestine in the Middle 266.
Kingdom as Reflected by Contemporary Canaanite Scarabs: IEJ 47 25 O. Keel, «Das Land der Kanaanäer mit der Seele suchend», in: ThZ 57
(1997) 162-189. (2001) 259f Abb. 6a-j.10-11.
7 R. zur Strassen, Die Käfer: Grzimek II, 210-284, bes. 268. 26 Vgl. das ägyptische senetscher en ja≤ret (R. Hannig [Anm. 22], 1373)
8 E. Hornung/E. Staehelin, Skarabäen und andere Siegelamulette aus und das Räuchern in 2 Könige 18,4.
Basler Sammlungen, Mainz 1976, 13-17. 27 Vgl. Genesis 3,1-4; 2. Korinther 11,3; Offenbarung 20,2; zum Chao-
9 J. Assmann, Art. Chepre: LÄ I, 934-940. saspekt der Schlange vgl. O. Keel, Drachenkämpfe noch und noch. Im
10 E. Hornung/E. Staehelin (Anm. 8), 13-21. Alten Orient und in der Bibel, in: S. Hahn/S. Metken/P.B. Steiner (Hgg.),
11 Keel, Corpus, 780 Abb. 2. Sanct Georg. Der Ritter mit dem Drachen, Freising-Lindenberg 2001,
12 Ebd. 35 § 64. 14-26.
13 Keel, Hohelied, 79-84, 107-109. 28 Zur Kulturgeschichte der Taube im weitesten Sinne vgl. D. Haag-
14 Keel, Corpus, 121 § 307; die vollständigste Liste findet sich bei A. Wackernagel, Die Taube. Vom heiligen Vogel der Liebesgöttin zur
G. Vaughn, Theology, History and Archaeology in the Chronicler’s Strassentaube, Basel 1998; zur Kulturgeschichte der Taube im Nahen
Account of Hezekiah (ABSt 4), Atlanta 1999, 184-240. Osten vgl. I. Ziffer, «O my Dove, that Art in the Clefts of the Rock».
15 GGG 313 Abb. 276a-b. The Dove-Allegory in Antiquity, Tel Aviv 1998.
16 G. Tissot, Ambroise de Milan. Traité sur l’évangile de S. Luc II, Paris 29 I. Ziffer (Anm. 28) 1998, 14 Fig. 7.
1958, 192f X,113. 30 Zur Interpretation vgl. O. Keel, Deine Blicke sind Tauben. Zur Meta-
Die Friedenstaube mit dem Ölzweig im Schnabel hat von Abb. IVc: Fresko aus dem Königspalast von 17 E. Hornung/E. Staaehelin (Anm. 8), 17. phorik des Hohen Liedes (SBS 114/115), Stuttgart 1984, 53-62.
Mari (18. Jh. v. Chr.). Neben dem Tempel der 18 Deuteronomium 8,15; Jesaja 30,6; auch nach Numeri 21,6 ist sie 31 Zum Weg der weissen Taube vom der paganen in das christliche Sym-
Hause aus mit der weissen Liebestaube nichts zu tun. Sie Göttin Ischtar stehen mächtige Palmen, aus eine typische Bewohnerin der Wüste; nach Jesaja 6,2.6; 14,29 und bolsystem vgl. S. Schroer, Der Geist, die Weisheit und die Taube: Dies.,
geht auf die ‹Orientierungstaube› zurück, die Noach beim denen eine grosse weisse Taube, das Symbol- 30,6 sind Serafim geflügelt; von geflügelten Schlangen weiss auch Die Weisheit hat ihr Haus gebaut. Studien zur Gestalt der Sophia in
Abklingen der grossen Flut (Genesis 8,6-12) aussendet, um tier der Ischtar emporfliegt. Herodot, Historien II 75; III 109. Die Vorstellung geht wohl auf das den biblischen Schriften, Mainz 1996, 144-175.
Missverständnis zurück, die geflügelten Schlangen der Bilder würden 32 O. Keel, Vögel als Boten. Studien zu Ps 68,12-14, Gen 8,6-12, Koh 10,20
zu erkunden, ob die Erde wieder sichtbar wird und Gott reale Schlangen abbilden. und dem Aussenden von Botenvögeln in Ägypten. Mit einem Beitrag
wieder Frieden gemacht habe. Dieses Element der Sintflu- 19 M. Murray, The Serpent Hieroglyph: JEA 34 (1948) 117f; H.-G. Petzold, von Urs Winter zu Ps 56,1 und zur Ikonographie der Göttin mit der
erzählung stammt aus der Seefahrerwelt, wo man Raben Giftnattern und Seeschlangen: Grzimek VI, 424-450, bes. 431-435. Taube (OBO 14), Freiburg (CH)/Göttingen 1977, 79-91.
und Tauben mitführte und aufsteigen liess, weil sie von
hoch oben eher Land erspähen konnten als die ans Schiff
gebundenen Matrosen.32  In der Neuzeit werden ‹Liebes›-
von ‹Friedenstauben› nicht mehr klar unterschieden. So hat
die ‹Friedenstaube› von der ‹Liebestaube› z. B. die weisse
Farbe übernommen.

Abb. IVd: Tempelmodell aus Terrakotta, Abb. IVe: Mykenische Goldplättchen (Mitte Abb. IVf: Andrea del Verocchio/Leonardo da Vinci, Abb. IVg: Annibale Carrachi (1550-1609), Abb. IVh: Joy Caros, The Holy Spirit, Poster,
wahrscheinlich aus Salamija bei Hama (2900- des 2. Jt. v. Chr.) mit Tauben, die von einer Taufe Jesu, 1470-1480, Ölmalerei auf Holz, Venus und Adonis, Ölmalerei auf Leinwand, 1981.
2300 v. Chr.) mit Tauben. Göttin wegfliegen. Florenz, Uffizien. Wien, Kunstmuseum.

63 Kapitel IV Entstehung und Wandel von Tiersymbolen 64


Augen zu sehen. Pronotum und Flü- Der ungewöhnlich grosse Skarabäus hat Kosmos. Sie ist eingerahmt von einem 53 Krughenkel mit Abdruck eines
geldecken sind nicht wiedergegeben. einen schematischen trapezförmigen Halskragen, der in zwei nach aussen judäischen Königstempels mit Skara-
Die Schraffur auf den sechs Beinen Kopf; Pronotum und Flügeldecken gekehrten Falkenköpfen endet. Darüber bäus
deutet deren Behaarung an. Die Enden sind durch doppelte Linien bezeichnet, sind zwei nach innen gewendete Falken- Gebrannter Ton
L. des Abdrucks ca. 3,5 cm, B. ca. 2 cm
der Durchbohrung sind durch Ringe die Schulterbeulen durch Dreiecke; die köpfe zu sehen. Aus dem Lotos geht ein Juda
verstärkt. Der sorgfältig flächig gravierte sechs Beine sind sehr schematisch wie- Skarabäus mit zwei steil nach oben ge- Eisenzeit IIB, Hiskija (728-699 v. Chr.)
Käfer auf der Basis wird von zwei aufge- dergegeben. Im Gegensatz zu Kat. 49 richteten Flügeln hervor. Er schiebt die VS 1995.3
richteten Kobraschlangen flankiert. Die (Krokodil) ist der tief flächig gravierte Sonnenscheibe vor sich her. Da beide,
Kobraschlange (Uräus) ist in Ägypten an Skarabäus hier zwei ‹himmlischen› Lotos und Skarabäus, Regenerations- Auf dem Henkel eines grossen Vorrats-
46 Früher Skarabäus mit Skarabäus der Stirne von Gottheiten und Königen 49 Skarabäus mit Skarabäus, von Grössen zugeordnet, dem Geier mit symbole sind, bedeutet ihre Kombina- krugs findet sich der unsorgfältige, nur
Enstatit Uräen flankiert, über Krokodil im zentralen, vertikalen Teil sichtbare
L. 1,05 cm, B. 0,9 cm, H. 0,7 cm
zu finden (vgl. Kat. 55). Sie signalisiert gespreizten Flügeln und Klauen, wie tion eine Art Superlativ der Regenerati-
Enstatit Abdruck eines Siegels der königlichen
Mittelägypten deren Unantastbarkeit und schützt sie L. 1,5 cm, B. 1,15 cm, H. 0,7 cm er häufig an den Decken der Tempel on. OK
1. Zwischenzeit, ca. 2150-2050 v. Chr. vor allem Bösen. Hier gilt ihre Schutz- Ägypten zu finden ist, und der geflügelten Son- Verwaltung Judas. Am oberen Ende
M. 2723, ehemals Sammlung F.S. Matouk Lit.: Matouk, Corpus II, 398, Nr. 1255. – Par- sind noch deutlich die Buchstaben
kraft dem Skarabäus und dem/der 3. Zwischenzeit, wahrscheinlich 22. Dynastie, nenscheibe. Der himmlischen Sphäre
945-713 v. Chr. allelen: Zum zweiflügligen Skarabäus mit Lamed und Mem von la-mælæk «Dem
TrägerIn des Amuletts. Während der entsprechend ist auch der Skarabäus Sonnenscheibe vgl. GGG 291, Abb. 255f.
In der 1. Zwischenzeit wurden in M. 2520, ehemals Sammlung F.S. Matouk König (gehörig)» zu sehen, am un-
Käfer den kräftesteigernden Aspekt mit Flügeln ausgestattet, die allerdings
Mittelägypten die ersten Skarabäen des Amuletts betont, unterstreichen eine wenig realistische Form aufweisen. teren die Buchstaben Sin und Kaf, die
produziert und zuerst ausschliesslich die Kobras den unheilabwehrenden Der schraffierte Kopf ist verhältnismäsig Flügel bedeuten in Ägypten in der Regel Anfangsbuchstaben von Socho, das
von Frauen und Kindern getragen. (apotropäischen). sehr klein, Pronotum und Flügeldecken nicht so sehr Flugtüchtigkeit als Schutz. nach 1 Samuel 17,1 (David und Goliat-
Kopf, Pronotum und Flügeldecken sind OK sind nicht angedeutet; die Beine sind Schützend breiten sich die Flügel der Geschichte) in der Schefela lag. Socho
detailliert, die sechs Beine etwas unge- schematisch mit Fischgratmustern de- himmlischen Wesen über den/die Trä- diente neben Hebron und Sif im süd-
schickt wiedergegeben. Der Käfer ist Lit.: Matouk, Corpus II, 397 Nr. 1217. – Par- koriert. Der flächig gravierte Käfer auf gerin des Amuletts. OK lichen Bergland und Mamschet, dessen
verhältnismässig hoch. Zusätzlich zum allelen: Keel, Corpus I, Tell el-≤Aºul Nr. 624 der Basis ist wie bei Kat. 47 von Uräen Lage nicht bekannt ist, als königliches
(links) und 697. flankiert. Die Komposition aus Käfer
Skarabäus als Form des Amuletts ist auf Lit.: Matouk, Corpus II, 392, Nr. 974. – Paral- Verwaltungszentrum. Diese vier Orte
der Basis dieses und der folgenden sie- und Uräen befindet sich über einem lelen: Ebd. 392 Nr. 975; GGG 289, Abb. 244 erscheinen auf dieser Art von Denkmä-
Krokodil. Dieses verstärkt einerseits die (Skarabäus mit dem gleichen Typ von Flügeln
ben Skarabäen ein weiterer Skarabäus lern. Zwischen den beiden Schriftzügen
und Falke?).
eingraviert, hier im linearen Stil. Die unheilabwehrende Kraft. Dabei nimmt ist ein schematisch wiedergegebener
Verdoppelung (Käfer als Form des Amu- der/die TrägerIn die Gefährlichkeit 52 Skarabäus mit vierflügligem Ska- vierflügliger Skarabäus angebracht. Das
letts und als Basisdekoration) festigt die dieses Tiers in Dienst, ein Versuch, den rabäus Symbol der aufgehenden Sonne dürfte
positive Wirkung, die dieses ausübt. Es Teufel durch Beelzebub auszutreiben. Kompositmaterial hier einen Aspekt Jhwhs als des Gottes
vermittelt doppelt Lebens- und Lebens- Das Krokodil, das ins Wasser unter- L. 1,9 cm, B. 1,45 cm, H. 0,8 cm
von Jerusalem darstellen. OK
Phönizien oder das Nordreich Israel
erneuerungskraft. OK taucht und wieder auftaucht, hat aber Eisenzeit IIB, ca. 900-700 v. Chr.
auch Teil am Sonnenlauf und seiner Lit.: Unveröffentlicht. – Parallelen: GGG 313
SK 1999.2, Sammlung O. Keel
Lit.: Matouk, Corpus II, 397 Nr. 1206; W.A. Abb. 275b; A. Lemaire, EI 15 (1981) 54*-60*;
Regenerationskraft. Endlich verkörpert Langzeitleihgabe am Departement für Bi-
Ward, Studies on Scarab Seals I. Pre-12th O. Keel, Corpus, 121 § 307.
es auch die Urflut, aus der die Sonne blische Studien
Dynasty Scarab Amulets, Warminster 1978, Pl. 48 Skarabäus mit Skarabäus und
6,159. – Parallelen: Ebd. Pl. 6,153-158. Lebenszeichen am Anfang der Schöpfung als Skarabäus
Enstatit (Cheperj) auftauchte. OK Kopf, Pronotum und Flügeldecken sind
L. 1,4 cm, B. 1 cm, H. 0,6 cm bei diesem Stück zwar durch Linien
Palästina/Israel Lit.: Matouk, Corpus II, 394 Nr. 2520; Vergan- angedeutet, aber die Form des Stücks
2. Zwischenzeit, ca. 1700-1550 v. Chr. genheit, 69 Abb. 9 oben rechts. – Parallelen: ist die eines Skaraboids und nicht eines
M. 2752, ehemals Sammlung F.S. Matouk Matouk, Corpus II, 394 Nr. 1093; 397 Nr. 1233; 51 Skarabäus mit zweiflügligem Skarabäus. Die Basis zeigt einen Ska-
zu der für die 21. und 22. Dynastie typischen Skarabäus
Art, wie das Krokodil graviert ist, vgl. Keel, Enstatit
rabäus mit vier ausgebreiteten Flügeln
Bei dieser lokalen Imitation eines ägyp-
Corpus I, Achsib Nr. 67. L. 1,8 cm, B. 1,4 cm, H. 0,8 cm und das, obwohl die Zeichnung des
tischen Käferamuletts ist der Kopf des
Phönizien oder das Nordreich Israel Käfers die geschlossenen Flügeldecken
Käfers sehr schematisch, Pronotum und Eisenzeit IIB, ca. 900-700 v. Chr. zeigt. Vier fledermausähnliche Wesen
Flügeldecken sind überhaupt nicht und M. 2828, ehemals Sammlung F.S. Matouk
47 Skarabäus mit Skarabäus, von umgeben ihn. Die Gebilde stellen
die sechs Beine korrekt, aber auf ein
Uräen flankiert ursprünglich Köpfe verschiedener
Minimum reduziert, wiedergegeben. Der etwas rüsselförmig wirkende Kopf
Enstatit Gottheiten dar, die mit einem grossen
L. 2,2 cm, B. 1,45 cm, H. 0,95 cm
Der linear gravierte Skarabäus auf der des Skarabäus ist mit vielen Details wie- Halskragen geschmückt sind (Ägis) und
Ägypten, ev. lokale Imitation aus Palästi- Basis ist von zwei Henkelkreuzen, den dergegeben, die Schulterbeulen durch unheilabwehrende Bedeutung haben.
na/Israel Zeichen für ‹Leben›, ≤anch, flankiert. Dreiecke, Pronotum und Flügeldecken
Zweite Zwischenzeit, ca. 1700-1550 v. Chr.
Dieses Element und die vier Flügel des 54 Krughenkel mit Abdruck eines
Sie verstärken die lebenserneuernde gar nicht und die Beine durch einen
M. 2794, ehemals Sammlung F.S. Matouk Skarabäus sind typisch für israelitisch- judäischen Königstempels mit Skara-
Kraft des Käfers. OK umlaufenden Wulst. Die Gravur auf phönizische Skarabäen. OK bäus
Dieser Käfer, der wahrscheinlich in der Basis, die am linken unteren Ende Gebrannter Ton
Lit.: Matouk, Corpus II, 397 Nr. 1222. – Paral-
Palästina/Israel gefunden wurde, ist lelen: Zu dem von Lebenszeichen flankierten 50 Skarabäus mit Skarabäus, Geier beschädigt ist, füllt die Basisfläche ganz Lit.: Unveröffentlicht. – Zu vierflügligen L. des Abdrucks ca. 3 cm, B. ca. 2,2 cm
Skarabäus: Keel, Corpus, Tell el-≤Aºul Nr. 416, und geflügelter Sonnenscheibe aus. Sie wird durch Schraffuren charak- Skarabäen: GGG 291 Abb. 257a-258a; B. Der Abdruck ist unsorgfältig gemacht; der
möglicherweise ein Importstück aus Sass/Ch. Uehlinger, Studies in Northwest obere Teil ist unvollständig, die Ortsangabe
Ägypten, vielleicht aber auch eine 579 und 838. Enstatit terisiert. Die untere Hälfte nimmt eine
L. 3,9 cm, B. 2,9 cm, H. 2,1 cm Semitic Inscribed Seals (OBO 125), Freiburg verwischt
lokale palästinische Imitation eines Lotosblüte ein, das Symbol der urzeit- (CH)/Göttingen 1993, 117 Fig. 33-35. Zu den Juda
Ägypten
ägyptischen Amuletts. Am sonst sche- lichen Überwindung des Chaos und fledermausartigen Ägis-Symbolen Keel, Eisenzeit IIB, Hiskija (728-699 v. Chr.) VS
3. Zwischenzeit, 22. Dynastie, 945-713 v. Chr.
matischen Kopf sind deutlich die zwei M. 2410, ehemals Sammlung F.S. Matouk des Anfangs der geordneten Welt, des Corpus I, Achsib Nr. 131. 2001.3

65 Kapitel IV Kat. 46–72 66


Im oberen Teil sind noch deutlich und Unverletzlichkeit ihrer Träger und Die Applike besticht nebst der hand- Lit.: O. Muscarella White (ed.), Ancient Art.
das Lamed und der erste diagonale Trägerinnen. Osiris steht dieses Signal werklich schönen Ausführung beson- The Norbert Schimmel Collection, Mainz
1974: no. 235; Page Gasser, Götter, Nr. 34 (Lit.).
Strich des Mem zu sehen. Im unteren in doppelter Weise zu, als Gott und als ders durch die farblich kontrastreichen
verwischten Teil stand wahrscheinlich König. (partiell bestossenen) Einlagearbeiten.
57 Fragment einer Mumienhülle mit
«Hebron». Im Vergleich zu Kat. 53 ist der Der Mythos von Osiris, Isis (vgl. Kat. Bei dieser Figur einer Uräusschlange geflügelter Schlange
Skarabäus hier mit mehr Einzelheiten 11) und Horus (vgl. Kat. 92), welche die (vgl. Kat. 61) ist beinahe der ganze Leib (Abb. Seite 68)
wiedergegeben. So sind Pronotum und göttliche Familie par excellence darstel- des Reptils wiedergegeben, wobei der Kartonage mit Tempera-Malerei, partiell
Flügeldecken deutlich herausgearbeitet. len, überliefert folgendes: Osiris wird aufgeblähte Brustschild und der Kopf- mit Firnis
H. 42 cm, B. 27 cm
Letzteres verträgt sich eigentlich nicht von seinem Bruder Seth, der ihm die putz (Sonnenscheibe) in Frontalansicht,
Ägypten
mit den ausgebreiteten Flügeln (vgl. Königswürde missgönnt, hinterhältig der Kopf und Körper in Seitenansicht Dritte Zwischenzeit, 21.-22. Dynastie, 1070-
Kat. 52). Wir haben hier ein typisches getötet und der Leichnam zerstückelt. dargestellt sind. Details wie die Halswir- 713 v. Chr.
Beispiel für den aspektivischen Charak- Die trauernde Isis sucht die über das bel, die Hautschuppen am Hinterleib, ÄFig 2001.6
ter der altorientalischen Kunst, die eine ganze Land verstreuten Körperteile die Hautfalten um die Augenpartie und Schenkung Dr. Adolphe Merkle, Murten, CH
bestimmte Grösse Teil für Teil (Aspekt und fügt sie zusammen. Es gelingt die Nasenlöcher sind nachgearbeitet Die drei erhaltenen Register des Frag-
um Aspekt) zur Anschauung bringt und Isis, Osiris mit ihren Zauberkräften und somit gezielt hervorgehoben wor- mentes einer Mumienhülle weisen
sich kaum um einen organischen Zu- (vgl. Kat. 91) wiederzubeleben und von den. Der symmetrisch in zwei Zonen einen interessanten Dekor auf. Die
sammenhang zwischen den einzelnen ihm einen Sohn – Harpokrates («Ho- gegliederte Brustschild hat insgesamt Figuren von gelber Farbe, deren Details
Teil bemüht. Im übrigen vgl. das zu Kat. rus, das Kind») – zu empfangen. Um sieben vertiefte Zellen, von denen fünf mit dunkler Farbe nachgezeichnet sind,
53 Gesagte. OK den Knaben vor den niederträchtigen noch die ursprünglichen Einlagear- heben sich deutlich vom dunkelblauen
Verfolgungen des Seth zu schützen, beiten aus hellblauer, graublauer und Hintergrund ab. Die einzelnen, horizon-
Lit.: Unveröffentlicht – Vgl. Kat. 53. versteckt sie ihn in den Sümpfen des roter Glaspaste aufweisen. talen Register sind durch geometrische
Deltas, wo sie ihn alleine grosszieht. Der Funktional könnte die plastisch flach ge- Muster voneinander getrennt. Die
55 Osirisfigur mit Schlange an der Stirn
Bronze, Vollguss erwachsene Horus rächt seinen Vater staltete Uräusfigur Teil eines Schlangen- hieroglyphische Inschrift auf dem ver-
H. 28 cm, B. 10 cm (vgl. Kat. 93) im Kampf gegen Seth. Der frieses gewesen sein, der in Form von tikalen Band an der linken Seite nennt
Ägypten Triumph des Sohnes ermöglicht Osi- figurativen Appliken mit zierendem,
Spätzeit, 26. Dynastie, 664-525 v. Chr.
eine Opferformel, in der um Gaben
ris, Herrscher des Jenseits zu werden, aber auch apotropäischem Charakter (u. a. Nahrung, vgl. Kat. 27-29; Kleider
ÄFig 1996.1
und Horus übernimmt die weltliche an unterschiedlichen Möbelstücken und Weihrauch, vgl. Kat. 92) für den
Es handelt sich hier um eine schöne, bis Regentschaft. montiert wurde. Der zackenförmige Verstorbenen gebeten wird.
auf die fehlenden Füsse intakte Statue Es existieren nur sehr wenige Samm- Einschnitt nach der ersten Windung Im oberen Register bildet der thronende
eines stehenden Osiris. Beide Arme sind lungen altägyptischer Denkmäler, in des Schlangenleibes und die vertika- Osiris in seiner Funktion als Herr des
seitlich angewinkelt. Die nebeneinander deren Beständen der Gott Osiris nicht le Öse an der Rückseite des Kopfes Totenreiches (vgl. Kat. 55) den Mittel-
über dem Bauch zur Faust geballten vertreten wäre. Dies, weil Osiris zu den bestärken diese Annahme. Beides punkt der Szene. Hinter ihm steht seine
Hände umfassen den Krummstab und wichtigsten Gottheiten des ägyptischen ermöglichte die Fixierung des Zier- Schwestergemahlin Isis (vgl. Kat. 11, 91).
die Geissel. Einzig die Hände greifen Pantheons zählte und seit dem Neuen teiles an einem Möbel wie z. B. einer Vor den beiden Gottheiten steht ein mit
aus dem körperumhüllenden Gewand Reich Osirisfiguren zum festen Bestand- hölzernen Truhe, einem Barkenpodest Opfergaben (vgl. Kat. 27-32) und Lotus-
heraus, das die Gestalt des Gottes mit teil der Grabausstattung gehörten. In der oder einem Schrein (Naos). MPG blumen reich beladener Gabentisch.
seinen langen und schlanken Gliedern Dritten Zwischenzeit und besonders der Eine Gottheit geleitet den Verstorbenen
deutlich zu erkennen gibt. Die Gesichts- Spätzeit wurden viele dieser Statuetten zu Osiris. Bei dieser Szene handelt es
züge sind geprägt von einer detailliert aus Bronze gefertigt. Sie sind Ausdruck sich um eine verkürzte Fassung des
ausgearbeiteten Augenpartie; die nun der Hoffnung des Verstorbenen auf eine Jenseitsgerichtes, das über das Schicksal
leeren Augenhöhlen sowie die Augen- Wiedergeburt, in Analogie zum Schick- des Verstorbenen im Jenseits entschei-
brauen waren ursprünglich eingelegt. sal des Osiris (vgl. Kat. 57). Neben seiner det. Mit der ‹Abwägung des Herzens›
Dieselbe Ziertechnik findet sich für Stellung als Herrscher des Jenseits hatte (das Herz als Sitz des Verstandes und
das Band, mit dem der geflochtene, Osiris stets auch die Funktion eines der persönlichen Verantwortung des
an seiner Spitze eingerollte Götterbart Fruchtbarkeits- und Vegetationsgottes Menschen) wurde der Verstorbene
am Kinn fixiert wurde. Auf dem Haupt (vgl. Kat. 76) inne. MPG auf seine Rechtschaffenheit geprüft.
ruht die Atefkrone aus waagrechten, Je nach dem, wie weit sein Verhalten
gedrehten Widderhörnern und zu Lit.: F. de Ricqlès, Archéologie, Collection
Emile Brugsch Pacha et divers amateurs, von der Ma≤at (der richtigen Ordnung
jeder Seite der oberägyptischen Krone der Welt, der Wahrheit und Gerechtig-
Drouot-Richelieu, Paris, 30 septembre et 1er
eine Straussenfeder, die ihrerseits auf octobre 1996, 45, nr. 278; Page Gasser, Götter, keit; vgl. Kat. 86) abgewichen ist, darf
den gedrehten Widderhörnern ruhen. Nr. 11 (Lit.). der Verstorbene als Seliger, nunmehr
Der Leib des über der Stirn des Osiris gerechtfertigt, vor Osiris erscheinen
aufgerichteten Uräus ringelt sich am 56 Applike in Gestalt einer Uräus-
und sein andauerndes Weiterleben im
konischen Kronenkörper empor. Eine schlange
Bronze, Vollguss; Einlagearbeiten aus roter, Jenseits antreten, oder aber er verfällt
in Imponierstellung aufgerichtete Spei- als Verdammter der Hölle.
hellblauer, graublauer Glaspaste; minime
kobra (vgl. Einleitung zu Kap. IV) findet Spuren von Blattvergoldung Im mittleren Register bildet ein Djed-
sich auf der Stirn unzähliger Götter- und H. 9,2 cm, B. 3,9 cm Pfeiler (Symbol des Osiris) den Mittel-
Königsfiguren (vgl. z. B. Kat 11, 76, 77, Ägypten
Ptolemäische Epoche, 332-30 v. Chr.
punkt der Szene, beidseits flankiert von
93, 94). Sie signalisiert die Heiligkeit je einer mumiengestaltigen Figur. Eine
ÄFig 1999.7, ehemals Sammlung Norbert
Schimmel
67 Kapitel IV Kat. 46–72 68
geflügelte Uräusschlange legt – ähnlich
der geflügelten Isis (vgl. Kat. 91) – schüt-
zend ihre Schwingen über die Mumie,
um jegliches Übel von ihr fernzuhalten.
Das Udjat-Auge zwischen den Flügeln,
ein weiteres magisches Symbol, un-
terstützt die unheilabwehrende Eigen-
schaft der Schlange (vgl. Kat. 61).
Im unteren Register finden sich zwei
symbolträchtige Motive, die auf Sprü-
che des Totenbuches zurückgreifen:
Die aus dem Westgebirge schreitende 58 Skarabäus mit Bes, von geflügelten
Uräen beschützt
Göttin Hathor in reiner Kuhgestalt in Enstatit mit Resten eines bräunlichen Über-
ihrer Funktion als Schutzherrin der zugs
thebanischen Nekropole (der hinter ihr L. 3,1 cm, B. 2,2 cm, H. 1,35 cm
stehende Obelisk steht in Anlehnung Ägypten
an ein Pyramidion als Element einer 22. Dynastie, 945-713 v. Chr.
M. 1926, ehemals Sammlung F.S. Matouk
Grabfassade) und die dem (nun feh-
lenden) Verstorbenen Speis und Trank
Der Skarabäus hat einen schematischen,
reichende Baumgöttin. Diese in einer
fast quadratischen Kopf; Pronotum
Sykomore stehende Göttin ist kuhköpfig
und Flügeldecken sind durch doppelte
dargestellt und stellt, wie die Beischrift
Linien bezeichnet, die Schulterbeulen
zeigt, Hathor dar (vgl. Kat. 11).
durch Dreiecke; die sechs Beine sind
Die Blütezeit der ägyptischen Sargma-
schematisch wiedergegeben, beim
lerei liegt im 1. Jt. v. Chr. (genauer in
vorderen Beinpaar ist die Behaarung
der 21. und 22. Dynastie, 1070-713 v.
durch Schraffur angedeutet. Auf der
Chr.), als die Tradition des bemalten
teilweise weggebrochenen Basis ist der
Felsgrabes zusehends aufgegeben
zwergenhafte Gott Bes mit Federkrone,
und die Grabdekoration in reduzierter 59 Skaraboid mit vierflügligem Saraf
ausgebreiteten Flügeln und einem Tier-
Form auf Särge übertragen wurde. Beiger Kalkstein mit schwarzem Überzug
schwanz zu sehen. Die beiden Kobras (Bitumen?), der durch Abnutzung teilweise
Man beschränkte sich bei den Texten
(Uräen), die ihn beschützen, breiten ihre verloren ist
auf kurze religiöse Formeln und Bei-
Flügel über ihn. Die Flügel visualisieren L. 2 cm, B. 1,7 cm, H. 1 cm
schriften zu den einzelnen Szenen Südliche Levante, wahrscheinlich Juda
den Schutz, den sie ihm gewähren. Das
und Götterfiguren. Im Vordergrund Eisenzeit IIB, 8. Jh. v. Chr.
Element links unten kann nicht gedeu-
standen jedoch die komplexen Dar- VS 2001.1
tet werden. Die geflügelten Kobras (Se- Geschenk von Ula Ward, Providence, Rhode
stellungen, die den Sarg vollständig
rafim), die nach Jesaja 6,2f über Jhwh Island, USA
bedeckten: Bilder von Göttern (vgl. Kat.
schweben, kann man sich in Analogie
75), Vignetten aus dem Totenbuch,
zu diesen Uräen vorstellen. Bes war Die Siegelfläche wird fast ganz gefüllt
Regenerationssymbole und Motive
eine in Juda im 8. Jh. gut bekannte von einer Kobra (Saraf), die in Impo-
aus den Unterweltsbüchern. MPG
Gottheit. OK nier-stellung sich aufgerichtet und den
Lit.: Christie’s, South Kensington. Fine Anti- Hals dank der beweglichen Rippen
quities, 25 April 2001, London 2001, 187, Lot Lit.: Matouk, Corpus II, 375 Nr. 79; O. Keel,
Bibel heute 112 (1992) 172; Vergangenheit,
aufgebläht hat. In dieser Stellung lässt
376. – Zur Hathorkuh: A. Heyne, Die Szene sie Zischlaute hören. In Ägypten sind
mit der Kuh auf Särgen der 21. Dynastie, in: 67 Abb. 5 oben rechts; Miniaturkunst, Taf. IX
A. Brodbeck (Hg.), Ein ägyptisches Glasper- links oben; O. Keel, ThZ 57 (2001) 257 Abb. Kobras stets mit höchstens zwei Flügeln
lenspiel. Ägyptologische Beiträge für Erik 2a. – Parallelen: Ebd. 257 Abb. 2b-c. – Zum versehen, die ihre Schutzmacht veran-
Hornung aus seinem Schülerkreis, Berlin Gott Bes im eisenzeitlichen Palästina/Israel: schaulichen (vgl. Kat. 58). In Juda ist die
1998, 57-68 (Lit.). – Zur Sykomorengöttin: O. GGG 241 Abb. 220, 249 Abb. 224a-228.
Zahl der Flügel, um die Schutzmacht
Keel, Ägyptische Baumgöttinnen der 18.-21.
zu vergössern, häufig auf vier erhöht
Dynastie: Das Recht der Bilder gesehen zu
werden (OBO 122), Freiburg (CH)/Göttingen worden. Zwei Granatäpfel fügen dem
1992, 61-138, bes. 129, Abb. 85. unheilabwehrenden (apotropäischen)
Aspekt des Amuletts den der Lebensstei-
gerung hinzu (Fruchtbarkeit). OK

Lit.: W.A. Ward, RSO 43 (1968) 135-143, bes.


135 und 137 (Abb.); O. Keel, Jahwe-Visionen
und Siegelkunst. Eine neue Deutung der
Majestätsschil­derungen in Jes 6, Ez 1 und 10
und Sach 4 (SBS 84/85), Stuttgart 1977, 109
Abb. 94; O. Keel, ThZ 57 (2001) 258 Abb. 4b. –
Parallelen: Ebd. 259f Abb. 6a-j und 10-11.

69 Kapitel IV Kat. 46–72 70


plastisch modelliert. Bekrönt wird das als Tauben zu interpretieren. Die Gestalt vorderasiatischen Ikonographie, in: O. Keel,
Haupt des Reptils von einer Atefkrone ist von eine Mandorla umrahmt. Oben Vögel als Boten (OBO 14), Freiburg (CH)/Göt-
tingen 1977, 63-66 Abb. 21 (Zeichnung mit
mit Sonnenscheibe. schliesst eine geflügelte Scheibe die
vielen Fehlern); Winter, Göttin, 281f und Abb.
Dieses Bronzewerk diente als Abschluss Komposition ab. Sie scheint jetzt der 290 (Zeichnung mit vielen Fehlern). – Paral-
eines Stabes resp. Szepters oder einer konischen Kopfbedeckung aufgesetzt lelen: Ebd. 282 und Abb. 291; I. Ziffer, O my
Standarte. Die natürliche Formgebung zu sein. Unten steht die Göttin auf Dove, that art in the clefts of the rock. The
des Papyrusstengels eignete sich bestens einer weiteren geflügelten Scheibe, der Dove-allegory in Antiquity, Tel Aviv 1998, 46,
Fig. 53. – Zum altsyrischen Siegel: B. Teissier,
für die ornamentale Gestaltung eines Augen und eine Nase einbeschrieben Egyptian Iconography on Syro-Palestinian
Aufsatzes. Der Stab als solcher diente sind. Die beiden geflügelten Scheiben, Cylinder Seals of the Middle Bronze Age (OBO.
primär als simpler Gebrauchsgegen- die sich sehr ähnlich auf einem altsy- SA 11), Freiburg (CH)/Göttingen 1996, 33 Fig.
stand – als Stütze. Zu dieser rein prak- rischen Rollsiegel finden, wo sie einen 202.  – Zur Austauschbarkeit von stilisiertem
tischen Funktion reihten sich weitere As- 62 Bibelillustration mit Schlangenidol stilisierten Baum einrahmen, könnten Baum und Göttin: O. Keel, Goddesses and
Lutherbibel Trees, New Moon and Yahweh. Ancient Near
pekte mit symbolischem und religiösem Wolf Köpfl, Strassburg 1532 die Sonne des Tages und der Nacht Eastern Art and the Hebrew Bible (JSOT.S 261),
Gehalt. Zu Lebzeiten des Stabträgers Illustration zu 2 Könige 18,4 darstellen (CU mündlich). Die Göttin Sheffield 1998, Fig. 11-16.
konnte er Abzeichen der Macht, Würde mit den Liebesbotinnen könnte so die
und Ehre sein. Als Insignie der Macht Die Bibel erzählt in 2 Könige 18,4 die Erotik repräsentieren, die den Kosmos 64 Rollsiegel mit sich entschleiernder
spielte der Stab – nunmehr ein Szepter von Mose gefertigte Bronzeschlange sei in Gang hält (vgl. Sprüche 8,30f). Göttin und zwei Tauben
Hämatit
im Bereich der weltlichen und göttlichen abgöttisch verehrt worden und Hiskija, Vier Durchbohrungen an den Ecken der
H. 3,15 cm, D. 1,35 cm
Herrscherideologie eine wichtige Rolle. der zur Zeit des Propheten Jesaja König Gussform erlaubten, einen zweiten Teil Nordsyrien
Seit frühester Zeit wurden bei offiziellen war, hätte sie zerschlagen lassen. Die zu befestigen und so eine Hohlform zu Altsyrisch, 1850-1750 v. Chr.
Prozessionen Kultobjekte wie z. B. Stan- Reformatoren haben in dieser Episode gewinnen. Die Form diente der Herstel- VR 1992.12, ehemals Sammlung M.-L. und
darten, d. h. Stäbe mit einem allfälligen lung von Bleifiguren. OK H. Erlenmeyer
60 Buchillustration mit menschen-ge- Schild, auf dem lediglich die Hals- eine Legitimierung ihrer Bilderfeindlich- Erworben mit Mitteln der Stanley Thomas
staltigen Serafim wirbel summarisch gekennzeichnet Emblem, mitgeführt. Im Rahmen von keit gesehen und sie gerne illustriert. TST Johnson Stiftung, Bern
Lutherbibel sind, ist bedrohlich aufgerichtet. Der religiösen Zeremonien konnte in Beglei-
Christoffel Froschouer, Zürich 1531 tung der Götterbarke ein sog. Gottesstab
Illustration zu Jesaja 6,2
vorspringende Kopf mit ausgebildeten Eine Frau mit hochgesteckter Frisur,
Augenwülsten, Schnauze und Maul ist mitgetragen werden, der mit dem Kopf deren Körper von vorn, deren Kopf und
der jeweiligen Gottheit bzw. mit dem Füsse im Profil dargestellt sind, hebt ihr
Seit dem Hellenismus konnte man sich
ihrer heiligen Tiere (vgl. Kat. 76, 77) Kleid, um ihre Scham zu entblössen. An
keine tiergestaltigen Wesen mehr in
versehen war. den Füssen trägt sie Schuhe mit einge-
unmittelbarer Nähe Gottes vorstellen.
Die ägyptische Bezeichnung der Spei- rollten Spitzen. Sie wird durch ihren
So werden die in der Gottesvision von
kobra, j≤rt (griech. oujrai`oı, abgeleitet Platz auf einem zweistöckigen Podest
Jesaja erwähnten Serafim (Jesaja 6,2)
von wrrjt; lat. uræus), lautet «die sich und die Flügel als Göttin charakterisiert.
auch in den frühen Bibeldrucken durch-
Aufrichtende; die sich Aufbäumende» Die Flügel ordnen sie der himmlischen
wegs als Menschengesichter mit drei
und basiert auf der für diese hochge- Sphäre zu. Auf Kopfhöhe findet sich
Flügelpaaren dargestellt, obwohl im Bi-
fährliche Schlange kennzeichnenden neben ihr eine achtblättrige Rosette bzw.
beltext ausdrücklich von «Verbrennern»
Eigenschaft, sich im Erregungszustand ein achtstrahliger Stern, der vielleicht
(serafim), gemeint sind Speikobras, die
aufzurichten, um ihr Gift mehrere Meter auch auf der anderen Seite des Kopfes
Rede ist (vgl. Kap. IV). TST
weit auszuspeien. Seit frühester Zeit ist 63 Gussform einer Göttin mit zwei vorhanden war, doch ist dort ein Stück
die Speikobra mit der Schlangengöttin Tauben Lit.: T. Özgüç, Kültepe Kazisi Raporu 1948/ des Siegels weggebrochen. In Mesopo-
61 Stabaufsatz in Gestalt einer Papy- Serpentin Ausgrabungen in Kültepe 1948 (TTKY V,10),
Uto in Verbindung gebracht worden, tamien war der achtstrahlige Stern ein
L. 6 cm, B. 4,2 cm, D. 1,1 cm Ankara 1950, 206f Pl. 67, Fig. 437a-b; H.H. von
rusdolde mit Uräusschlange deren Ursprungs- und Hauptkultort der Osten, Altorientalische Siegelsteine der Symbol der Göttin Ischtar. Auf Fusshö-
Anatolien, wahrscheinlich Kültepe (Kanesch),
Bronze, Uräusschlange: Vollguss, Tülle des sich in der im Delta liegenden Stadt Höyük oder Karum Sammlung Hans Silvius von Aulock (StEU13), he wird die Göttin von zwei flatternden
Stengels: Hohlguss, im Innern Reste des
Buto befand. Der Name Uto kann als Stratum Ib, ca. 1820-1740 v. Chr. Uppsala 1957, 124, Nr. 356; K. Emre, Anatolian Tauben flankiert, deren eine auf dem
ursprünglichen Holzstabes
«die Papyrusfarbene» resp. «die Grüne» VFig 2000.5 Lead Figurines and their Stone Moulds (TTKY
H. 17,5 cm, Dm. Dolde 4,3 cm
VI,14), Ankara 1971, 117, Nr. 51, 147, Nr. 9, Pl.
Kopf einen hohen schmalen Schmuck
Erworben mit Mitteln der Raiffeisen-Jubilä-
Ägypten (wadjet) übersetzt werden. Als Pendant zu tragen scheint. Rechts und links der
umsstiftung 2000, St. Gallen XI,4a-b; U. Winter, Die Taube der fernen Götter
Spätzeit, 26.-30. Dynastie, 664-343 v. Chr. zur oberägyptischen Geiergöttin Nechbet Göttin steht ein syrischer König. Beide
in Ps 56,1 und die Göttin mit der Taube in der
ÄFig 2000.9, ehemals Sammlung Joseph
verkörperte Uto den unterägyptischen Die Göttin hat die Gestalt einer nackten,
Pierre
Landesteil. Als Symbol dieser Landes- frontal dargestellten Frau, deren Brüste,
Die Tülle dieses Aufsatzes, die zum hälfte ist sie an den Kronen der Götter Nabel und Scham stark hervorgehoben
Aufstecken auf einen Holzstab gedient und Könige anzutreffen und nimmt in sind. Sie trägt eine hohe konische, von
hat, ist in Form eines Papyrusstengels dieser Stellung zusätzlich die Funktion einer Mondsichel (?) abgeschlossene
gestaltet. Ihr unterer Rand endet in eines apotropäischen Stirnschmuckes Kopfbedeckung, grosse runde Ohrringe,
zwei sich plastisch absetzenden Wüls- wahr. Die Schlange sollte den Träger machmal als Locken gedeutet, und ein
ten. Unterhalb des Kapitells sind drei des Abbildes schützen, indem sie seine Halsband. Mit beiden Händen scheint
erhabene Zierbänder zu erkennen. Auf Feinde abwehrte oder gar vernichte- sie ihr Kleid, das noch bis zu den Knien
der ausladenden Dolde erhebt sich eine te. MPG reicht, beiseite zu schieben und gleich-
Speikobra mit sich hochwindendem Lit.: J.-D. Cahn, Kunstwerke der Antike, zeitig mit jeder Hand einen Vogel zu
Leib, deren spitz auslaufender Schwanz Auktion 2, Basel 2000, 101-102, Nr. 356; Page halten. Die geraden Schnäbel der Vögel
sich über die Dolde legt. Der geblähte Gasser, Götter, Nr. 32 (Lit.). und die Motivtradition legen nahe, sie

71 Kapitel IV Kat. 46–72 72


Eine Frau mit hochgesteckter Frisur das auf Kat. 65 die Göttin dem Gott same Trinken dürfte in den Zusammen- rer», der hier mit seinen Ähren als Spen-
und Ohrringen (?), deren Körper von präsentiert. In der Nebenszene ist der hang einer kanaanäischen Form von der der Fruchtbarkeit erscheint. Auf
vorn, deren Kopf und Füsse im Profil Sohn (?) des Königs in der gleichen ‹heiliger Hochzeit› gehört haben. OK einem anderen neuassyrischen Siegel
dargestellt sind, hebt ihr Kleid, um Haltung und mit dem gleichen Gefäss begrüsst Ischtar mit der Rahmentrom-
Lit.: S. Przeworski, AfO 3 (1926) 172 Abb.1;
ihre Scham zu entblössen. Gleichzeitig zu sehen. Im unteren Register eine mel den Wettergott als Sieger über die
Winter, Göttin, 255f, Abb. 248. – Parallelen:
fliegen zwei Tauben von ihr weg. Sie Taube und ein Skorpion, beide eng mit F. Petrie, Ancient Gaza I. Tell el Ajj¨l (British Chaosschlange. Vögel erscheinen zwar
sind Liebesbotinnen, die die Geste der Erotik und Sexualität verbunden (zum School of Archaeology in Egypt 53), London gelegentlich im Zusammenhang von
Frau als Einladung zu einer erotischen Skorpion vgl. Kat. 6 und 33). Die Szene 1931, Pl. 13,33 = GGG 51, Abb. 41. Pflügeszenen. Aber der recht deutlich
Begegnung unterstreichen. Im Hohen- stellt wohl die kultische Vergegenwär- als Taube charakterisierte Vogel scheint
lied der Liebe werden die verliebten, ver- tigung der mythischen Vereinigung hier, wie auf den altsyrischen Siegeln,
wirrenden Blicke der Geliebten Tauben von Wettergott und Göttin dar (vgl. Kat. 69 Rollsiegel mit Pflügeszene, Götter- als Liebesbotin zwischen Göttin und
gleichgesetzt, die ihre Liebesbereitschaft 65). In beiden signalisieren Tauben die begegnung und Taube Gott zu amten. Die rituelle Begegnung
Dunkelgrün-grauschwarzer Stein, stark
verkünden (1,15; 4,1; 5,12; vgl. auch 4,9). Liebesbereitschaft der Göttin bzw. ihrer abgenutzt von Gott und Göttin im Dienste der
tragen die typischen hochovalen Kopf- Kat. 66), hinter ihr steht der syrische Zwei hockende Meerkatzen flankieren Repräsentantin im Kult. Ob diese von H. 5,3 cm, D. 1,75 cm Fruchtbarkeit (‹Heilige Hochzeit›) wur-
bedeckungen (eine ist teilweise zerstört) König (vgl. Kat. 64). In den beiden Ne- die Frau mit erhobenen Vorderpfoten der Königin, einer Priesterin der Göttin Assyrien de nach neuen Erkenntnissen in Assy-
und den vorne offenen mit breiten Säu- benszenen, die durch ein Flechtband ge- und verehren sie wie eine Göttin. Meer- oder einer Prostituierten gespielt wurde, Früh-neuassyrisch, 9. Jh. v. Chr. rien auch in der 1. Hälfte des 1. Jt. v. Chr.
VR 1983.2, ehemals Sammlung E. Bollmann
men versehenen Mantel. Wahrschein- trennt sind, sind oben zwei Leute beim katzen haben in der vorderasiatischen ist nicht klar. OK noch regelmässig gefeiert. HKL, OK
lich haben beide der Göttin einen Vogel Trinken und unten drei herbeieilende Glyptik regelmässig erotische Konno-
Lit.: H. Mode, ArOr 18 (1950) 84, Taf. I Nr. 5; Ohne formale Registereinteilung ist die
dargebracht. Beim einen ist deutlich zu Verehrer zu sehen, die diesem zentralen tationen. Ein Hase (Fruchtbarkeitssym-
O. Keel, in: J. Briend/J.B. Humbert (éds.), Tell Darstellung auf zwei Streifen verteilt. Lit.: O. Keel/U. Winter, Heiliges Land 5 (1977)
sehen, dass der Vogel einen geraden Mysterium der kanaanäischen Religion bol) und ein weiterer Vogel, vielleicht
Keisan (1971-1976). Une cité phénicienne en Im unteren wird mit Hilfe eines Stiers 33f; O. Keel, Deine Blicke sind Tauben. Zur
Schnabel hat und so eine Taube gemeint beiwohnen wollen. Unter den Füllseln ein Falke, vervollständigen die Sphäre Galilée (OBO.SA 1), Fribourg (CH)/Paris 1980, gepflügt. Es handelt sich aber kaum um Metaphorik des Hohen Liedes (SBS 114/115),
sein kann. Beim anderen ist die Stelle fällt vor allem ein frontal dargestellter der Göttin. OK 273, Fig. 83; Winter, Göttin, 280, Abb. 283; Stuttgart 1984, 151 Abb. 52; Miniaturkunst,
eine alltägliche profane Verrichtung, wie
so abgerieben, dass nichts Deutliches Stierkopf auf. OK Miniaturkunst, 40, Abb. 38. – Parallelen: Keel, 24 Abb. 13; E. von der Osten-Sacken, Vögel
Lit.: H.H. von der Osten, Altorientalische Hohelied, 73, Abb. 25. der Gebetsgestus des Mannes zeigt, der
zu erkennen ist. In der zweiregistrigen beim Pflügen, in: H. Klengel/J. Renger (Hg.),
Lit.: Porada, Corpus, Nr. 968; Winter, Göttin, Siegelsteine der Sammlung Hans Silvius von dem Pflüger folgt. Der Gebetsgestus Landwirtschaft im Alten Orient (BBVO 18),
Nebenszene sind die gleichen Wesen zu Aulock (StEU 13), Uppsala 1957, 117 Nr. 306;
285f Abb. 301; Keel, Hohelied, 75 Abb. 26; A. richtet sich wohl an die beiden Gott- Berlin 1999, 266f, 277 Abb. 7. – Die Kom-
sehen, die auf Kat. 4 im oberen Teil der Otto, Die Entstehung und Entwicklung der Winter, Göttin, 281f Abb. 289; A. Hamoto, Der position des Siegelbildes ist singulär. Zur
heiten, die im oberen Register zu sehen
Nebenszene zu sehen sind. OK Klassisch-Syrischen Glyptik (UAVA 8), Berlin Affe in der altorientalischen Kunst, Münster Göttin mit der Rahmentrommel: A. Glock
1995, 44 und 163 Abb. 81; A. Otto, Die Entste- sind. Links schlägt eine Göttin mit
2000, Taf. 14 Nr. 162 – Zur Begegnung des (ed.), Minuscule Monuments of Ancient
Lit.: Sotheby’s, Western Asiatic Cylinder Wettergottes mit der sich enthüllenden Göt- hung und Entwicklung der Klassisch-Syrischen zylindrischer Kopfbedeckung (Polos) Art. Catalogue of Near Eastern Stamps and
Seals and Antiquities from the Erlenmeyer tin: Winter, Göttin, Abb. 268-273, 303. Glyptik (UAVA 8), Berlin 2000, 86, 128f Abb. und langem Schlitzrock die Rahmen- Cylinder Seals collected by Virginia E. Bailey.
Collection. Part I. Thursday 9th July, London 225. – Zahlreiche Parallelen in den genannten trommel, anscheinend zur Begrüssung The New Jersey Museum of Archaeology,
1992, 94f Lot 150; Miniaturkunst, 150 Abb. Veröffentlichungen. Madison 1988, Nr. 98; Porada, Corpus, Nr.
eines gleich gekleideten bärtigen Gottes
173. – Parallelen: A. Otto, Die Entstehung und 688. O. Keel, in: S. Hahn et al. (Hgg.), Sanct
68 Moderner Rollsiegelabdruck mit mit Hörnerkappe, der auf einem Podi-
Entwicklung der Klassisch-Syrischen Glyptik Georg. Der Ritter mit dem Drachen, Freising
(UAVA 8), Berlin 2000, Taf. 13 Nr. 158 (Til rituellem tête à tête und Taube um steht. In der gesenkten Hand hält er 2001, 21, Abb. 36 und 38. – Zum Pflüger:
67 Rollsiegel mit sich entschleiernder
Barsip). – Zu flatternden Vögeln neben den Hämatit eine Axt (?), in der erhobenen drei Äh- Porada, Corpus, Nr. 653. – Zum Ritual der
Frau und zwei Tauben vor König
Füssen der Göttin: Winter, Göttin, Abb. 284. 2,3 cm, D. 1,4 cm ren. Der achtstrahlige Stern hinter der ‹Heiligen Hochzeit› in neuassyrischer Zeit: M.
Hämatit
Nordsyrien Göttin legt nahe, in ihr Ischtar zu sehen. Nissinen, in: M. Dietrich/I. Kottsieper (Hgg.),
H. 1,9 cm, D. 1 cm
65 Moderner Rollsiegelabdruck mit Altsyrisch, 1850-1750 v. Chr. «Und Mose schrieb dieses Lied auf». Studien
Nordsyrien Der ‹gesattelte› Stier, der von einem
Taube zwischen Gott und Göttin Abdruck des Czartoryski Museum, Krakau zum Alten Testament und zum Alten Orient.
Altsyrisch, 1850-1750 v. Chr. Bediensteten gehalten wird, identifiziert
Hämatit Festschrift für Oswald Loretz (AOAT 250),
VR 1981.156, ehemals Sammlung R. Schmidt
H. 2 cm, D. 1,5 cm Schenkung Erica Peters-Schmidt, Kilchberg, CH Ein König mit Breitrandkappe und eine den Gott als Hadad/Adad, den «Donne- Münster 1998, 585-634.
Nordsyrien 66 Rollsiegel mit sich entschleiernder Frau mit hochgesteckter Frisur und
Altsyrisch, 1850-1750 v. Chr. Frau und zwei Tauben Die gleiche weibliche Gestalt wie auf Ohrringen, beide im Falbelgewand,
Abdruck der Pierpont Morgan Library, New Hämatit Kat. 66 steht diesmal einem Partner
York
sitzen auf Stühlen und trinken einander
H. 1,6 cm, D. 0,8 cm gegenüber. Der syrische König, der den
Nordsyrien zu. Bereits das gemeinsame Trinken
Altsyrisch, 1850-1750 v. Chr.
Gott vertreten dürfte, sitzt auf einem eines Mannes und einer Frau besass
Eine weibliche Gestalt – Körper frontal, mehrfach genischten Tempeltorthron
VR 2001.2, ehemals Sammlung H.S. von im Kontext des Alten Orients eine klare
Kopf und Füsse im Profil – mit hochge- Aulock und präsentiert ihr das schmale Gefäss,
steckter Frisur und grossen Ohrringen erotische Konnotation. Diese wird hier
schiebt ihren Rock zur Seite und hält ein noch durch die Taube, die Liebesbotin,
Gefäss in der ausgestreckten Hand. Ihre verdeutlicht, die vom Mann zur Frau
einladenden Gesten gelten dem Wetter- fliegt. Am Hals der Taube scheint ein
gott, der über drei Berge hinwegschrei- Schmuck oder eine Botschaft befestigt
tet. Ein kurzer Schurz und eine lange zu sein. Auf einem zeitgenössischen
Locke betonen seine Jugendlichkeit, die Siegel vom Tell el-≤A∆ul in der Nähe von
Hörner an seiner Kappe seine Kraft. Die Gaza trinken ein Mann und eine Frau
erhobene Hand schwingt die Donner- gemeinsam aus einem Gefäss. Die ero-
keule. Die Liebesbereitschaft der Göttin, tisch-religiöse Konnotation wird dabei
die von ihm befruchtet werden möchte, durch einen achtstrahligen Stern und
wird durch die Taube visualisiert, die eine Palme verstärkt, beides Elemente
zwischen ihr und ihm zu sehen ist. Vor aus der Sphäre der Ischtar. Das gemein-
der Göttin hockt eine Meerkatze (vgl.
73 Kapitel IV Kat. 46–72 74
Kapitel V

70 Figur einer Taube auf Pfeiler


Ton Warum man sich Gott als Schlange oder Aal vorstellen konnte
Modern ergänzt Tiere als Gottessymbole
H. 10,8 cm; B. 7,9 cm, L. 11,1 cm
Juda
Eisenzeit IIB, 8.-7. Jh. v. Chr.
VFig 1999.6
Erworben mit Mitteln der Gedächtnisstiftung Othmar Keel
Peter Kaiser, Vaduz, FL Hat Gott Tiergestalt?
Die grob geformte Terrakottafigur
Schon im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. haben jüdische und pagane Autoren Anstoss an der Tiergestalt der Götter genommen,1  und ent-
stellt in ungewohnten Proportionen
sprechende Polemiken richteten sich häufig gegen Ägypten.2  Im 1. Jh. v. Chr. war es ein geläufiger Topos, über die zahlreichen tiergestal-
eine Taube im Flug dar. Die Vogelfigur
ruht auf einem runden Pfeiler. Viel tigen Gottheiten Ägyptens zu spotten. Der Aristeasbrief, eine jüdische Schrift aus der Zeit um 100 v. Chr., sagt: «Was soll man vollends
häufiger gehen Pfeiler in das Brustbild der Torheit der anderen (der Nicht-Griechen) gedenken, der Ägypter und derer, die ihnen ähnlich sind? Diese haben ihr Vertrauen auf
einer Frau über, das aus einem frei Tiere, und zwar meist kriechende und wilde, gesetzt, beten diese an und opfern ihnen, den lebenden, und (auch) wenn sie tot sind.»3 
aus der Hand geformten Oberkörper Cicero spricht von der dementia Aegyptiorum «vom Wahnsinn der Ägypter», über den man gemeinhin spotte, so ziemlich jeder
besteht, bei dem die zwei Arme häufig Tierart göttliche Ehren zuteil werden zu lassen.4  Die christliche Apologetik hat diese Sicht willig aufgenommen. So schreibt Aristides
überdimensionierte Brüste stützen, in seiner um 125 n. Chr. verfassten Apologie des Christentums: «Es genügte ihnen (den Ägyptern) nicht die Religion der Barbaren und
und dem ein sorgfältig geschnitte- Griechen, sondern sie haben selbst einige aus dem Reich der Tiere als Götter aufgestellt (...) Einen schweren Irrtum also haben die
ner aus dem Model gepresster Kopf Ägypter begangen, einen schwereren als alle Völker, die auf der Oberfläche der Erde leben.»5 
aufgesetzt ist (Abb. 70a). Sinn dieser
Frauen- und Taubenpfeilerfiguren, die
Allerdings wird diese polemische Sicht bei jüdischen,
hauptsächlich in Wohnhäusern und
selten in Gräbern gefunden werden, paganen und christlichen Autoren auch immer wieder
war, die Segensmacht der Göttin, ihre gemildert. So sagt die Weisheit Salomos zwar mehr im Hin-
erotische und Fruchtbarkeitspotenz blick auf andere Naturphänomene als die Tiere, aber jene
gegenwärtig zu setzen. Taubenfiguren einschliessend: «Vielleicht suchen sie Gott und wollen ihn
wurden hauptsächlich in Jerusalem, finden, gehen aber dabei in die Irre. Sie verweilen bei der
Mizpe, Geser, Lachisch, Bet-Mirsim Erforschung seiner Werke und lassen sich durch den Augen-
und Beerscheba gefunden. OK schein täuschen; denn schön ist, was sie schauen (13,6f)».
Taubenfigürchen sind geographisch
Abb. 70a: Lit.: Unveröffentlicht – Parallelen:
Plutarch macht wie vor ihm schon Diodor und Strabo im 1.
und zeitlich oft schwer einzuordnen,
GGG 369-392, Abb. 320; R. Kletter, The Judean Jh. n. Chr. geltend, dass auch bei den Griechen manche nicht
weil sie immer wieder beliebt waren und
Pillar-Figurines and the Archaeology of Ash- angemessen zwischen den Gottheiten und ihren Bildern
rah (BAR.IS 636), Oxford 1996, 65f, 250-252. hergestellt wurden, seitdem die Taube
zum Vogel der Liebesgöttin geworden unterscheiden. Das sei leider auch bei den Ägyptern der Fall.
war und als Bote der Liebe verstanden Die Wissenden unter ihnen würden aber die heiligen Tiere Abb. Va: Die Göttin Ischtar, einen Löwen dominierend. Spätakkadisches
wegen ihrer Nützlichkeit und ihrer Symbolik verehren.6  Rollsiegel (um 2200 v. Chr.).
wurde. OK
Der Kirchenvater Clemens von Alexandrien argumentiert scheint das Tier Charakteristika und Potenzen des Gottes,
Lit.: Gerhard Hirsch Nachfolger, Antiken,
Auktion 207, 16. Februar, München 2000, um 200 n. Chr., es sei besser, Tiere als Götter zu verehren, den es trägt, zu veranschaulichen, so der Stier mit seinem
36 Lot 905 und Lot 903; Taf. XXX, 903 und statt Menschen, die, wie die der Griechen, jede denkbare Art Brüllen und seiner Fruchtbarkeit die des Wettergottes.
905. – Parallelen: D. Haag-Wackernagel, Die von Schändlichkeit begingen. Die Tiere würden wenigstens Gelegentlich scheint das Trägertier von der Gottheit, die es
Taube. Vom heiligen Vogel der Liebesgöttin
zur Strassentaube, Basel 1998, 32 Abb. 21-23, nicht gegen die Natur handeln.7  Und Arnobius wendet sich trägt, besiegt und überwunden worden zu sein. So scheint
70, Abb. 88, 85, 111; J. Hansell, The Pigeon in um 300 n. Chr. gegen die Heiden, die keinen Sinn für die Ischtar auf einem akkadischen Rollsiegel (Va) und auf dem
History, Bath 1998, 15; GGG 35 Abb. 19-20; I. Sakramentalität der Natur haben, mit dem Vorwurf: «Ihr Mari-Bild den Löwen mit Gewalt zu unterwerfen, den Löwen,
Ziffer, O my Dove, that art in the clefts of the
rock. The Dove-allegory in Antiquity, Tel Aviv lacht über die Mysterien (aenigmata) der Ägypter, weil sie von dem sie in anderen Zusammenhängen getragen wird
71 Kleine Taubenfigur 1998, 47, Fig. 61; 129, Fig. 141; 118*, Fig. 53*. die göttlichen Ursachen (tiefsten Gründe des Seins) den (Abb. Vb, Seite 76).
Elfenbein Formen stummer Tiere einpflanzten.»8 
Schnabel abgebrochen Auch der Wettergott steht gelegentlich auf einem Löwen,
L. 2,2 cm, H. 2 cm, B. 1 cm
Vorderasien Verbindungen zwischen Gottheiten und Tieren finden während er diesen in anderen Zusammenhängen be-
2. Jt. v. Chr. sich allerdings nicht nur in Ägypten, sondern in allen alten kämpft.10 
VFig 2000.2 Kulturen. In Vorderasien begleiten bestimmte Tiere in der
Schenkung E. Meryman Brunner
Regel menschengestaltig dargestellte Gottheiten, etwa der Wie schon die antiken Autoren gesehen haben, wäre es zu
Hund die Heilgöttin Gula oder der Löwe die vielseitige einfach, aus den diversen Verbindungen von Gottheiten und
72 Kleine Taubenfigur
Blaues und weisses Glas
Ischtar. Typisch vorderasiatisch sind Gottheiten, die auf Tieren zu schliessen, die Menschen der alten Welt hätten
L. 2,9, H. 2,2, B. 1,2 cm einem Tier stehen, so der Wettergott des Westens (oder schlicht bestimmte Tiere als Gottheiten verehrt. Nie ist – aus-
Vorderasien, wahrscheinlich Syrien seine Partnerin) auf dem Stier oder der Sonnengott auf dem ser vielleicht von sehr einfachen Leuten – ein Tierbild oder
2. Jh. v. -2. Jh. n. Chr.
VFig 2000.1
Pferd. Die Praxis reicht bis ins 4. Jt. zurück.9  Es ist nicht ein lebendes Tier als identisch mit der Gottheit verstanden
Schenkung E. Meryman Brunner eindeutig, wie das Trägertier zu verstehen ist. Manchmal worden, die ihm einwohnte oder der es heilig war.

75 Kapitel IV Kat. 46–72 76


Diese Erscheinungen lieferten nur Körper, aber selbst da, und menschengestaltig mit Kuhkopf und als Baum zu sehen; der Taubengestalt des Heiligen Geistes war schon die Rede.
wo die Ägypter versuchten, die Begegnung mit der wirk- auf der Stele Kat. 82 der Löwengott Mahes als Löwe und als Wie der Ausdruck «Vögel des Himmels» sagt, gehören Vögel
lichen Gestalt der Gottheit zu schildern, konnten sie diese löwenköpfiger Mensch. zur Sphäre, die dem Gott der Bibel besonders nahesteht.
Beschränkung nicht überwinden. In der «Geschichte vom Gelegentlich kann auch in Vorderasien ein Tier eine Gottheit In persischer und hellenistischer Zeit wird der Gott Israels
Schiffbrüchigen»17  aus dem 19./18.Jh. v. Chr. strandet ein vertreten, ohne dass die entsprechende Gottheit menschen- nicht nur als «Herr des Himmels» bzw. «Gott des Himmels»,
Ägypter auf einer Insel, die von einem Gott in Gestalt einer gestaltig anwesend ist. In Exodus 32 wird in einer berühmten sondern gelegentlich schlicht als «Himmel» bezeichnet.
Schlange bewohnt wird. Er erscheint, nachdem der Schiff- Geschichte erzählt, wie beim Wegbleiben Moses die Israe-
1 Deuteronomium 4,16-18; Xenophanes Fragm. 21, überliefert bei
brüchige ein Opfer dargebracht hat. Sein Erscheinen ist von liten den Priester Aaron auffordern, ihnen einen Ersatz für Clemens von Alexandria, Stromata V 109,3.
einem donnernden Lärm begleitet. Die Erde bebt, Bäume den verschwundenen Mann Gottes zu schaffen. Aaron stellt 2 Zum Tierkult und seiner Wertung vgl. Th. Hopfner, Der Tierkult
zersplittern. Die Schlange, in der der Gott erscheint, ist 16 darauf ein goldnes Stierbild her. Diese Legende erzählte der alten Ägypter nach den griechisch-römischen Berichten und
den wichtigeren Denkmälern (DkAWW. Phil.-hist. Klasse 57/2),
m lang. Sie hat einen Götterbart aus Lapislazuli, der 1 m ursprünglich, wie die Geschichte von der «Ehernen Schlan- Wien 1913; H. Bonnet, RäR, 812-824, bes. 822-824; S. Morenz, Art.
lang ist, die Augenbrauen des Gottes sind aus Lapislazuli ge» in Numeri 21, positiv den Ursprung des Stierbildes, das Tierkult: RGG 3. Aufl. VI, 896-899; D. Kessler, Tierkult: LÄ VI, 571-
und sein Leib ist mit Gold belegt. Er spricht. Obwohl der Jerobeam im alten Heiligtum von Bet-El (vgl. Genesis 28) 587; D. Kessler, Die heiligen Tiere und der König. Teil I: Beiträge zu
Organisation, Kult und Theologie der spätzeitlichen Tierfriedhöfe
Gott in einer von wunderbaren Phänomenen begleiteten hatte aufstellen lassen.22  Jerobeam I. war der Begründer (ÄAT 16), Wiesbaden 1989. Kessler verbindet die Tierfriedhöfe eng
Weise, in einer Theophanie18  und das heisst doch wohl in des Nordreiches, das die Stämme vereinigte, die sich nach mit dem königlichen Totenkult.
seiner eigentlichen Gestalt erscheint, wird er als Schlange, dem Tode Salomos von der Davidsdynastie losgesagt hatten. 3 Aristeasbrief 138; vgl. auch die Weisheit Salomos 11,15f; 12,23-26.
4 Cicero, De natura deorum I 43, 101; III 39.
als lebendige Schlange geschildert, die aber Eigenheiten Jerobeam baute Bet-El aus, um seinen Untertanen einen 5 Aristides, Apologie 12; vgl. weiter F. Zimmermann, Die ägyptische
Abb. Vb: Die Göttin Ischtar auf einem Löwen stehend. Silberanhänger einer Kultstatue aufweist. Auch dieser Versuch, die Gottheit Ersatz für den Jerusalemer Tempel zu schaffen (1 Könige Religion nach der Darstellung der Kirchenschriftsteller und der
aus Sam’al (8./7. Jh. v. Chr.). ägyptischen Denkmäler, Paderborn 1912, 87f.
in ihrer wahren Gestalt zu schildern, kommt nicht über eine 12). Ob das vergoldete Bild eines jungen Stiers, polemisch
6 Plutarch, Moralia. De Iside et Osiride 74; vgl. weiter Bonnet (Anm.
Die ägyptische Theologie hatte den Begriff des Ba im Sinne Kombination von Naturphänomen (Schlange) und kultischer «Goldenes Kalb» genannt, als Trägertier JHWHs oder als 2), 823.
einer Inkarnation (Inkorporation) zur Verfügung. So galt der Inszenierung der Gottheit (Gold, Lapislazuli) hinaus. Im Verkörperung JHWHs gedacht war, ist wohl eine Frage, 7 Clemens von Alexandrien, Protreptikos II 39,4f; vgl. weiter Zimmer-
ganzen Alten Orient galten der tiefblaue Lapislazuli und das die heutige BibelauslegerInnen stärker beschäftigt als die mann (Anm. 5), 88f.
Apis, ein einzelner bestimmter, in Memphis gehaltener Stier 8 Arnobius, Contra Nationes III 15.
als Ba des Gottes Ptah oder des Osiris und ein bestimmter Gold mit der Farbe der Gestirne als himmlische Materialien, damaligen BeterInnen. Das Bild war so oder so ein Zeichen. 9 Vorläufiger Bericht über die von dem Deutschen Archäologischen
Löwe in Leontopolis als Ba des Gottes Mahes. Die anderen die in ganz besonderer Weise geeignet waren, den Leib der Da es in Bet-El kaum eine hoch gebildete Priesterschaft gab, Institut und der Deutschen Orientgesellschaft unternommenen Aus-
Gottheiten zu bilden.19  wie an ägyptischen Tempeln, und schon gar kein Lehramt, grabungen in Uruk-Warka 21 (1965) Taf. 19; O. Keel, Jahwe-Visionen
Tiere der gleichen Gattung galten nicht als Ba, sondern und Siegelkunst. Eine neue Deutung der Majestätsschilderungen in
einfach als Tiere, die dieser Gottheit besonders verbunden wie es die katholische Kirche kennt, das die genaue Art Jes 6, Ez 1 und 10 und Sach 4 (SBS 84/85), Stuttgart 1977, 152-158; P.
und so im ganzen Land oder regional «heilig» waren.11  Besonders typisch für Ägypten, aber keineswegs ausschliess- und das Mass der Präsenz festlegte, blieb es dem einzelnen Taracha, Göttertiere und Kultfassaden. Ein Beitrag zur Interpretation
lich in Ägypten zu finden waren Gestalten, die einen Tierkopf Verehrer bzw. der einzelnen Verehrerin überlassen, diese hethitischer Kultdarstellungen: AF 14/2 (1987) 263-273.
Jedes Exemplar dieser Art, das mumifiziert wurde, galt wie 10 GGG 89 Abb. 88a-90a; 131 Abb. 134a, 138a-b.
verstorbene und rituell bestattete Menschen als Osiris, z. mit einem Menschenleib oder einen Menschenleib mit zu definieren. Sie werden damit kaum viel Zeit verloren 11 Strabo, Geographica XVII 1.31.
B. Osiris-Falke. Die Mumien wurden so zu Segensträgern, einem Tierkopf kombinierten. Man hat vermutet, dass die haben, denn das Bild war so oder so bloss Medium, mit der 12 D. Kessler, Tiermumien und Tierbestattung: LÄ VI, 579-587.
Kombination Mensch mit Tierkopf auf Kulte zurückgehe, in unfassbaren Gottheit Kontakt aufnehmen zu können. In der 13 D. Kessler (Anm. 2), 299.
zu Reliquien.12  Nach D. Kessler waren solche Reliquien eng 14 D. Kessler (Anm. 12) 581.
mit dem Totenkult des Königs verbunden und befanden sich denen Menschen Tiermasken trugen. Tatsächlich haben wir Erzählung vertritt es weniger die Gottheit als den abhanden 15 F. Dunand/R. Lichtenberg, Les momies et la mort en Égypte, Paris
angeblich nie in privaten Händen.13  «Anzuzweifeln ist die Belege für Priester, die bei Bestattungsritualen Schakalsmas- gekommenen Mann Mose. Wenn ungefähr 200 Jahre nach 1998, 154f.
ken trugen. Das Modell einer solchen ist im Pelizäus–Mu- Etablierung des «Stierkults» von Bet-El der Prophet Hosea 16 Vgl. die Abschnitte «Ein Name – viele Gestalten» und «Eine Gestalt
Behauptung, dass (…) Pseudomumien hergestellt worden – viele Namen» in S. Schoske/D. Wildung, Gott und Götter im Alten
seien.»14  Tatsächlich machen Pseudomumien bis zu 25% seum in Hildesheim zu sehen.20  Aber die Belege sind sehr polemisiert: «Menschen küssen Jungstiere» (13,2)23 , dann Ägypten, Mainz 1992, 5-72.
der Mumien in Tierfriedhöfen aus, und es kann kein berech- beschränkt, und die andere ebenfalls sehr alte Variante der war ihm die Bedeutung, die das Medium bekommen hatte, 17 A.M. Blackman, Middle-Egyptian Stories (BA 2), Bruxelles 1972, 43 Z.
Kombination von Mensch- und Tierelementen, der Tierleib offenbar zu gross geworden. Er machte sich über die Inten- 56-66; E. Brunner-Traut, Altägyptische Märchen. Mythen und andere
tigter Zweifel daran bestehen, dass Falken, Ibisse, Katzen volkstümliche Erzählungen, München, 9. Aufl. 1990, 36.
und andere heilige Tiere aufgezogen und ganz jung getötet mit Menschenkopf (Sphinx, Ba-Vogel) lässt sich so nicht sität der Zuwendung lustig, die dem Medium zuteil wird, 18 Jörg Jeremias, Theophanie. Die Geschichte einer alttestamentlichen
wurden, um die begehrten Mumien herzustellen, die von erklären. Eher als auf rituelle Praktiken zurückgehen dürfte eine Haltung, die früher oder später zur Bilderzerstörung Gattung (WMANT 10), Neukirchen-Vluyn, 2. Aufl., 1977, 73-90.
die Kombination von Mensch und Tier das Befremdliche geführt hat (Hosea 8,5; Genesis 32,20). Wahrscheinlich ist 19 Keel (Anm. 9), 255-260; A. Berlejung, Die Theologie der Bilder. Her-
Privaten gekauft und als Votivgaben gestiftet oder zu privaten stellung und Einweihung von Kultbildern in Mesopotamien und die
magischen Zwecken gebraucht wurden.15  einer Erfahrung zur Darstellung zu bringen, in der dem in diesem Fall das Bild von den Assyrern ca. 720 weggeführt alttestamentliche Bilderpolemik (OBO 162), Freiburg (CH)/Göttingen
Das alte Ägypten war sich bewusst, dass der Leib, den die Menschen ein ganz Anderes, Unheimliches widerfährt, das worden (Hosea 10,5f), denn bei der Zerstörung von Bet-El 1998, 541 Stichwort «Gold»; 543 Stichwort «Lapislazuli».
ihn im tiefsten seines Menschseins anspricht und packt. Es durch Joschija um 620 v. Chr. wird es nicht erwähnt (vgl. 20 A. Eggebrecht (Hg.), Pelizaeus-Museum Hildesheim. Die ägyptische
Gottheiten auf Erden bewohnten, nicht ihre eigentliche Sammlung, Mainz 1993, 87 Abb. 84.
Gestalt war. Diese blieb den Menschen verborgen. Es waren aktiviert seine latente Angst, überwältigt und vernichtet zu 2 Könige 23,15-20). 21 Vgl. weiter E. Hornung, Der Eine und die Vielen. Ägyptische Gottes-
künstliche oder eben natürliche Gebilde, wie Tiere, die be- werden, ebenso wie seine Sehnsucht, angenommen und vorstellungen, Darmstadt, 2. Aufl. 1973, 101-117; Ders., Komposite
geliebt, grenzenlos fruchtbar und mächtig zu sein. Tiere und Die Vergegenwärtigung der Gottheit durch einen Stier in Gottheiten in der ägyptischen Ikonographie: Ch. Uehlinger (ed.),
stimmte Eigenheiten der Gottheit sichtbar machten, wobei Images as Media. Sources for the Cultural History of the Near East
die gleiche Gottheit sehr verschiedenen Gebilden einwohnen Tierelemente sind geeignet, den erfahrenen Schrecken und Bet-El (Kat. 73) und eine Schlange in Jerusalem (vgl. Kat. and the Eastern Mediterranean (Ist millennium BCE) (OBO 175),
konnte. Eindrückliche Tiere wie Stier und Kuh oder Löwe der erträumten Vitalität, den abgrundtiefen unverstandenen 61-62) sind im 8. Jahrhundert zu Ende gekommen. Was Freiburg (CH)/Göttingen 2000, 1-20.
Emotionen Gestalt zu verleihen, und das unverstandene noch am ehesten tradiert wird, sind Vogelvergleiche. Wie 22 K. Koenen, Eherne Schlange und goldenes Kalb. Ein Vergleich der
und Löwin bzw. Teile von ihnen, dienten verschiedensten Überlieferungen: ZAW 111 (1999) 353-372.
Gottheiten als Erscheinungsgestalt. So repräsentierte z.B. Erschreckende und Faszinierende in unzähligen Gestalten ein Geier24  über sein Nest so wacht Gott über sein Volk, er 23 Der Satz wird, um die Polemik zu unterstreichen gern mit «Menschen
die Löwin oder konnten Teile von ihr die Aggressivität und Varianten abbildbar und begreifbar zu machen.21  Nicht breitet seine Flügel aus und trägt es darauf (Deuteronomium küssen Kälber» übersetzt, was zusätzlich eine schöne Alliteration
selten werden zwei oder gar drei Erscheinungsweisen der 32,11; vgl. Genesis 19,4). Im Neuen Testament vergleicht ergibt.
Bastets, Sachmets, Muts und anderer Göttinnen repräsen- 24 Die alte griechische Übrsetzung wie dann auch die modernen
tieren. Die Gestalt des Falken konnte Horus, Month oder gleichen Gottheit nebeneinander dargestellt. So ist auf dem sich Jesus mit einer Vogelmutter, die ihre Kücken unter Übersetzungen schalten den altehrwürdigen Vogel der Göttinnen
Isis darstellen.16  Sargfragment Kat. 57 die ägyptische Göttin Hathor als Kuh den Flügeln bergen will (Matthäus 23,37||Lukas 13,34). Von aus und ersetzen ihn, wie gesagt, durch den Adler.

77 Kapitel V Kat. 73–95 78


dene Stierbronze. Sehr wahrscheinlich Baal, Hadad) dürfte in erster Linie mit
handelt es sich um ein Kultbild; wie seiner Kampfkraft und Vitalität zusam-
sich dieses zur Massebe verhielt, ob menhängen. Erst im 8. Jh. v. Chr. hat
es denselben oder einen anderen Gott der Prophet Hosea diesen Kult mit dem
repräsentierte, wissen wir nicht. Um- Vorwurf «Menschen küssen Kälber»
stritten ist die Datierung der Bronze: (Hosea 13,2) bekämpft und eine strikte
Die bei den Ausgrabungen gesammelte Unterscheidung von Jhwh und Baal ge-
Keramik zeigt, dass das Freilichtheilig- fordert. In der Erzählung vom Goldenen
tum im 11. Jh. in Betrieb war. Dass die Kalb (eigentlich: Jungstier) von Exodus
Stierbronze in jener staatenlosen, relativ 32 hat die Ablehnung des Stierkult
ärmlichen Übergangszeit hergestellt emblematischen Ausdruck gefunden.
worden sein soll, ist aber unwahrschein- In Vergleichen blieb die Stiergestalt aber
lich. Die meisten Parallelen stammen erhalten: «Gott hat sie aus Ägypten ge-
aus der Spätbronzezeit II (1400-1150 führt. Er hat Hörner wie ein Wildstier»
v. Chr.). Sie sind zwar alle viel klei- (Numeri 23,22, vgl. 24,8). CU
ner, haben aber mehrheitlich und im
Unterschied zu älteren Figurinen mit Lit.: A. Mazar, BASOR 247 (1982) 27-42. – Par-
allelen: P.R.S. Moorey, Levant 3 (1971) 90-
unserem Stück den charakteristischen
91. – Diskussion (Auswahl): W. Zwickel, BN 24
Buckel gemeinsam. Es ist gut denkbar, (1984) 24-29; R. Wenning/E. Zenger, ZDPV 102
dass das Kultbild während der Spätbron- (1986) 75-86; S. Schroer, In Israel gab es Bilder.
zezeit in einem Tempel der Region (z. B. Nachrichten von darstellender Kunst im Alten
im nahegelegenen Sichem) verwendet, Testament (OBO 74), Freiburg (CH)/Göttingen
1987, 81-104; GGG, §§ 69, 252. – Datierung: I.
bei dessen Zerstörung im 12. Jh. gerettet Finkelstein, PEQ 130 (1998) 94-98; A. Mazar,
73 Kultbild in Stiergestalt weisse Einlage enthalten haben. Mund und in der anschliessenden Übergangs- PEQ 131 (1999) 144-148. – Plakette aus Dan:
Bronze und Nüstern sind durch eine Linie zeit im Rahmen eines Stammeskultes IEJ 49 (1999) 43-54. tung. Ein schwarzer, mit spezifischen erflehten. Die Ausgrabungen des Sera-
L. 17,2 cm, H. 12,4 cm, B. max. 4,4 cm (Vor- und zwei kleine Löchlein ebenso leicht von ‹manassitischen› Sippen weiter helleren Flecken versehener Stier wurde peums lieferten viele Hundert solcher
derhufe) markiert wie der Anus. Diskret sind die gehütet wurde. in einem Heiligtum unmittelbar neben Stelen aus dem Zeitraum des gesamten
Dhahrat et-Tawileh östlich von Qabatiya
74 Stelenfragment mit Stierverehrung
Hoden zwischen den Hinterbeinen und Im Bild eines Jungstiers haben die Isra- Kalkstein dem Ptahtempel von Memphis gehal- ersten Jahrtausends v.Chr. SB
im Bergland nördlich von Samaria, Palästi-
der Penis am Bauch angedeutet; es han- eliten die Macht ihres Gottes noch bis H. 11 cm, B. 13,8 cm ten, wo auch seine Mutter eine eigene
na/Israel Lit.: Drouot-Montaigne, Archéologie, 22-23
ins 8. Jh. v. Chr. verehrt. König Jerobe- Ägypten, Saqqara, Serapeum Stallung hatte. Das auserwählte Tier
Späte Bronzezeit II (1400-1150 v. Chr.), delt sich also um einen Stier, wobei die Avril 2001, Paris 2001, 200, Lot 869. – Paral-
Spätzeit, 26. Dynastie (Saiten), 664-525 v.
noch in der Eisenzeit I (12./11. Jh. v. Chr.) in Proportionen des Tieres eher an einen am I. (925-906 v. Chr.) soll im Tempel wurde inthronisiert, zu seinen Lebzeiten lelen: F. Dunand/R. Lichtenberg, Les momies
Chr.
Gebrauch Jungstier (hebräisch ≤egæl) als an einen von Bet-El (an der Südgrenze Israels, als Erscheinungsform des Gottes Ptah et la mort en Egypte, Paris 1998, 145-150. – Zu
ÄFig 2001.5
Original: Israel Museum, Jerusalem Apisstelen: Jean Vercoutter, Textes biogra-
Replik: VF Rep 8 alten Bullen (hebräisch schor oder abbir) nördlich von Jerusalem) und in Dan (an Schenkung Dr. Adolphe Merkle, Murten, CH verehrt und bei feierlichen Prozessionen
phiques du Sérapéum de Memphis. Contribu-
Geschenk des Israel Museums, Jerusalem denken lassen. Die Hinterbeine stehen der Nordgrenze Israels) je ein Stierbild als Fruchtbarkeit spendender Gott tion à l’étude des stèles votives du Sérapéum
ungefähr parallel, die Vorderbeine sind errichtet und mit den Worten vorgestellt Die linke Hälfte des Giebels dieser klei- durch die Stadt und über die Felder ge- (BEHE, IVe section, 316), Paris 1962.
Die im Wachsausschmelverfahren fest nach vorne gestemmt: Das Tier ist haben: «Hier sind deine Götter, Israel, nen Privatstele wird von einem stehen- führt. Nach seinem Tod wurde der Apis
hergestellte Bronzefigurine zeigt ein- in einer Haltung der Aufmerksamkeit die dich aus Ägypten geführt haben» den Stier eingenommen. Eine Sonne aufwendig mumifiziert und in einem 75 Fragment einer Sargfussplatte mit
deutig ein Buckelrind (Bos indicus), dargestellt und vermittelt einen Ein- (1 Könige 12,28). 1998 hat man in Dan liegt zwischen seinen Hörnern, eine riesigen Steinsarg in einer eigenen Ne- rennendem Stier
wie es noch um 700 v. Chr. auf einem eine Bronzeplakette aus dem ausge- weitere Sonnenscheibe mit zwei Uräen (Abb. Seite 80)
druck, der zwischen würdiger Ruhe und kropole, dem sogenannten Serapeum,
schwebt über ihm, sein Name, Apis, Holz, stuckiert und polychrom bemalt
assyrischen Relief zu sehen ist, das jugendlich-vitalem Übermut oszilliert. henden 9. oder 8. Jh. v. Chr. gefunden, beigesetzt. Beim Kult des verstorbenen (weisse, schwarze, rote u. blaue Farbe, z. T.
die Zwangsemigration von Judäern Die Bronzefigurine wurde 1978 zu- die in unbeholfener Ritzzeichnung steht in wulstigen Hieroglyphen über Apis knüpfen auch seine Verbindungen abgeblättert)
darstellt. Der Körper des Rindes ist un- fällig auf der Oberfläche eines in der einen auf einem Stier stehenden Gott seinem Rücken. Vor dem Tier befindet zum Totengott Osiris an: Der heilige L. 25 cm, B. 19 cm, T. 1,3 cm
realistisch flach, fast brettartig geformt, Gegend des alten Dotan gelegenen und davor einen Verehrer darstellt (Abb. sich ein mit Blumen geschmückter Stier wird zum Erscheinungsbild des Ägypten
Opferständer, davor knien zwei betende Dritte Zwischenzeit, 22. Dynastie (Bubasti-
davon abgesehen sind die anatomischen Hügelrückens gefunden; seither wird 73a). Die Wertschätzung des Jungstiers verstorbenen Osiris. Nach dem Tod den), 945-713 v. Chr.
Details gut getroffen: Die Kruppe, der Ort kurzerhand ‹Bull site› genannt. als Symboltier des Wettergottes (Jhwh, Männer, deren Namen, Pahemnetjer eines Apisstieres wurde, wenn nötig im ÄFig 1997.2
um die der kleine Schwanz gelegt ist, Ein kurzer Survey im selben Jahr und und Anchouahjbre, über ihnen fein ganzen Land, nach einem geeigneten, Aus der Sammlung Dr. Leo Mildenberg
wirkt ebenso kantig wie der Buckel; Ausgrabungen 1981 legten eine fast eingeritzt sind. Der Name Anchou- die richtigen Merkmale aufweisenden Das farblich attraktive Fragment war
beide gehen direkt in die feinen Beine runde, mit einer Steinmauer umgebene ahjbre basiert auf dem Thronnamen Nachfolger gesucht. Wie immer wenn Teil der Fussplatte eines anthropo-
über, die sorgfältig geformt sind und Anlage von 21-23 m Durchmesser frei, Psammetichs I., des zweiten Königs der in Ägypten Tiere verehrt wurden, so iden Sarges aus Holz. Das Bild des
in gespaltenen Hufen enden. An der die als regionales Freilichtheiligtum Saitendynastie, und liefert somit einen war auch der jeweilige Apisstier Träger rennenden Apis-Stieres auf dem ur-
Verbindung von Beinen und Buckel interpretiert wird. Darin fand sich willkommenen Datierungshinweis. Un- göttlichen Wesens, der auf Erden sicht- sprünglich weissen und nun (aufgrund
bzw. Kruppe zeigt sich am deutlichsten, u.a. ein grosser aufgerichteter Stein, ter dem Giebelfeld sind in sechs Spalten bare Aspekt der beiden Gottheiten Ptah einer Oxidation der Oberflächenfirnis)
dass das Modell zunächst in Ton oder eine sogenannte Massebe, mit einem die Namen weiterer Mitglieder dieser und Osiris. vergilbten Hintergrund wird von einem
Wachs gebildet worden ist. Der relativ gepflasterten Fussboden davor. Die Prie-sterfamilie festgehalten. Priester, die an der Beerdigung eines roten Band gerahmt. Der junge Bulle
leichte Kopf ist mit der breiten Stirn, Massebe dürfte den hier verehrten Gott Der Apis-Stier, der schon in den ältes- heiligen Stieres oder dessen Totenkult weist jene für einen Apis-Stier typische
den kleinen, seitlich abstehenden Oh- repräsentieren (El, Jhwh – vgl. Gen 28 ten Schriftquellen des frühen dritten beteiligt waren, stifteten oft eine Votivs- schwarzweisse Fellmusterung auf. Mit
ren und den symmetrisch gebogenen 35,20 u. ö. – oder Baal?). Jahrtausends erwähnt wird, gewann ab tele, die sie am Eingang der Grabgruft gekonnter Pinselführung sind Details
Hörnern gut proportioniert; die runden Die Figurine von Dhahrat et-Tawileh dem Neuen Reich und ganz besonders aufrichten liessen und auf der sie sich wie die verzierte Schabracke oder ana-
Augenhöhlen dürften ursprünglich eine ist die grösste je in der Levante gefun- Abb. 73a in der Spätzeit zusehends an Bedeu- von Apis Schutz und langes Leben tomische Eigenheiten des Tieres – der

79 Kapitel V Kat. 73–95 80


– dem verstorbenen (äusserst sorgfältig
mumifizierten und nunmehr zu einem
Osiris gewordenen) Apis in den laby-
rinthartigen unterirdischen Grüften
seiner Nekropole im Wüstenplateau von
Sakkara, wobei die unterirdische Anlage
aus dem 7./6. Jh. v. Chr. als ‹Serape-
um› bezeichnet wird. Von besonderer
Bedeutung sind die synkretistischen
Verbindungen des Apis mit den Göttern
Ptah und Osiris (vgl. Kat. 55), die auf der
Eigenschaft des Ptah als Schöpfergottheit
und des Osiris als des jenseitigen Spen-
ders der Fruchtbarkeit gründen. Von der
grossen Popularität und Beliebtheit des
im Verlauf des 1. Jt. v. Chr. zu einem
All- und Orakelgott aufgestiegenen Apis
wissen bereits klassische Autoren zu
berichten.
Die Werkstätten solcher qualitätsvollen
Figuren befanden sich sehr wahr-
scheinlich im näheren Umfeld der
bauschige Schwanzbüschel, die Ge- Diese Bronzefigur eines Apis-Stieres memphitischen Tempelanlage und des
schlechtsteile oder das vor Anstrengung ist von einer bemerkenswerten Qua- Serapeums. Die zahlreich erhaltenen, als
weit aufgerissene Maul – aufgezeichnet. lität: Der Metallguss ist einwandfrei, Weihfiguren dienenden Bronzefiguren
Die Hieroglyphen über dessen Rücken das Repertoire der für einen Apis-Stier von Apis-Stieren sind Ausdruck der
benennen den Stier mit Apis (vgl. Kat. möglichen Verzierungen und Attribute Bitte des Stifters nach lebenspendender
74, 76, 77). ist voll ausgeschöpft – lediglich die zu Zeugungskraft. MPG
Das Motiv des rennenden Apis-Stieres erwartende Inschrift auf der Basis fehlt.
Lit.: Page Gasser, Götter, Nr. 7 (Lit.).
begegnet auf der Fussplatte anthropoi- Die für einen göttlichen Apis-Stier kenn-
der Holzsärge seit der Dritten Zwischen- zeichnenden Merkmale wie die Farbe
zeit bis in die ptolemäische Epoche. und Zeichnung des Fells sind auch auf 77 Mischwesen mit Stierkopf
Bronze, Statue: Vollguss; Sockel: Hohlguss
Diese Darstellung eines laufenden der vorliegenden Bronzefigur zu sym- mit grauschwarzen Schlackespuren des
Apis-Stieres, der als eine weitere iko- bolträchtigen Elementen ausgeformt Gusskerns
nographische Variante eine Mumie worden. Das Tier trägt auf dem Rücken H. 13,5 cm, B. 3 cm
auf seinem Rücken mittragen kann, eine reich dekorierte Schabracke, auf Ägypten
Ptolemäische Epoche, 332-30 v. Chr.
findet seine Wurzeln in einem seit der dem Steiss und dem Widerrist je einen ÄFig 1998.2
Frühzeit gepflegten Ritual. Mit dem geflügelten Skarabäus und um die aus- Schenkung des Diogenes Verlags zum Geden-
Auslauf des Apis-Stieres – wie alle ladende Halswamme einen mehrteiligen ken an Friedrich Dürrenmatt einer Reihe von Löckchen geziert. Die das Verständnis der Gottheit wesentliche Das aus einem einzigen Block gearbeitete
Stiergottheiten galt auch er als Garant Halskragen. Auf der breiten Stirn ist ursprünglich eingelegten Augen – die Bedeutung des Tieres (vgl. Einleitung Stück besteht funktional-morphologisch
der Fruchtbarkeit schlechthin – wird ein Dreieck angebracht, dass die Blesse Die intakte mischgestaltige Figur fügt Umrandung und das ‹Weiss› (Silber) zu Kap. V) eine weitere Ausdrucks- aus zwei Teilen, einer runden Schale
dem Wunsch nach einer guten und so- markieren soll (eines der kennzeich- sich aus einem schreitenden, männlichen des linken Auges sind partiell erhalten. form. MPG von etwa 7,2 cm Durchmesser und ei-
mit Leben spendenden Ernte Ausdruck nenden Elemente, das für die Auswahl Körper und einem mächtigen Stierkopf Der nach vorne greifende linke Arm ist ner stiftförmigen Röhre von 2,2-2,3 cm
gegeben. MPG eines Tieres zum göttlichen Apis-Stier zusammen. Den Übergang vom Tier- Lit.: Charles Ede Ltd., Small Sculpture from
angewinkelt. Die Hand des am Körper Durchmesser, durch die ein 0,7-0,8 cm
schädel zum Menschenleib bildet eine Ancient Egypt, Egyptian Sculpture XXV,
berücksichtigt wurde). Zwischen den anliegenden rechten Armes ist zur Faust London 1998, Lot 18; Page Gasser, Götter, dickes, 6,5 cm langes Bohrloch führt.
Lit.: A.S. Walker (ed.), Animals in Ancient Art dreiteilige Perücke, wobei die seitlich
Hörnern ruht die Sonnenscheibe mit geballt. In der runden Durchbohrung Nr. 10 (Lit.). Die Verbindung zwischen Röhre und
from the Leo Mildenberg Collection. Part III,
aufgerichteter Uräusschlange. abstehenden Tierohren jeweils dem vor- der geschlossenen linken Hand ruhte Schale wird durch den Vorderkörper
Mainz 1996, 179, no. III, 283. – Parallelen: M.
Page Gasser/A. Wiese, Ägypten – Augenbli- Aufgrund spezifischer Wesenszüge wur- deren Haarteil vorgesetzt sind. Auf den ursprünglich wohl ein Szepter oder ein eines Löwen hergestellt, der mit seinen
cke der Ewigkeit. Unbekannte Schätze aus den Tiere – wie u. a. der Stier, der Löwe gerundeten, sichelartig geschwungenen anderes Attribut. Pranken die Schale hält. Seine mächtige
78 Löwensalbschale
Schweizer Privatbesitz, Mainz 1997, 250-253, (vgl. Kat. 78-82) oder der Falke (vgl. Kat. Hörnern ruht eine Sonnenscheibe mit Nebst der vorherrschenden, auch rund- (Abb. Seite 82) Mähne wird durch schraffierte Rechtecke
Nr. 165-167 (Lit.). vorgesetzter Uräus-schlange. Die für
87-93) – seit frühester Zeit als ein Abbild plastisch häufig belegten Darstellungs- Rost- bis dunkelbrauner, gebrannter Steatit und Rhomben gebildet und fällt schwer
göttlicher Mächte angesehen. Der in die einen Stierkopf typischen anatomischen (Enstatit), Einlagen aus weissem Muschel-
form als schreitender Stier mit einer bis auf die Pranken. Die kantige Schraf-
76 Figur eines schreitenden Apis-Stieres Merkmale sind mit eindrücklicher kalk
Bronze, Statue: Vollguss, rechteckiger Sockel: Frühzeit zurückreichende Apis-Kult gilt Sonnenscheibe zwischen den Hörnern L. 13 cm, B. 7,6 cm, H. 5 cm, Schale 3,5 cm, fur, die Feinzeichnung der Schnauze
Hohlguss mit grauschwarzen Schlackespuren als einer der ältesten Stierkulte, der seit Sorgfalt wiedergegeben. Der Ansatz der (vgl. Kat. 76) kann Apis zuweilen als Innendurchmesser 6,2 cm und die tiefen, grossen Augenhöhlen
des Gusskerns je eng mit dem Königsritual verbun- hängenden Halswamme lässt sich unter Mischgestalt mit Männerkörper mit Syrien, vielleicht aus dem sogenannten ‹Hort verleihen dem Tier einen grimmigen
H. (inkl. Sockel) 8,2 cm, B. 3,2 cm den war. Dem lebenden Apis-Stier ist dem breiten Maul erkennen; die Nüstern Stierhaupt dargestellt werden. In der Iko- von Rasm et-Tan∆ara› im syrischen Ghab, Ausdruck. Parallelen, v. a. ein recht
Ägypten sind energisch aufgebläht; die seitlich ab- nördlich von Apamea (Handel Zürich)
kultische Verehrung im Tempeldistrikt nographie von mischgestaltigen Göttern, nahestehendes Vergleichsstück aus
Spätzeit, 26. Dynastie, 664-525 v. Chr. 9. Jh. v. Chr.
des ihm sehr nahe stehenden Ptah in stehenden Ohren weisen eine flauschige die den Menschenleib mit einem Tier- Hasanlu beim Urmia-See in Westiran
ÄFig 1989.1 VF 1999.13
Langzeitleihgabe der Schweizerischen Eid- Memphis, dem Apieion zuteil geworden Innenbehaarung auf; die Stirn wird von kopf verschmelzen lässt, findet die für Geschenk einer anonymen Donatorin (Abb. 78a, Rekonstruktionszeichnung),
genossenschaft

81 Kapitel V Kat. 73–95 82


funden worden: in den Grenzregionen
Israels zu Aram (Hazor, En Gev, Kinne-
ret) und Phönizien (Evron in der Ebene
von Akko) und in der dazwischen ver-
mittelnden Jesreelebene (Megiddo). Ein
Exemplar stammt vom Tel Zeror in der
nördlichen Küstenebene, zwei aus Juda
(Bet Schemesch und Tell Beit Mirsim).
Meistens handelt es sich um Kreuz- oder
Handschalen. Nur auf dem Exemplar Abb. 79a
aus Kinneret, das in die 2. Hälfte des 8.
Jh. v. Chr. datiert werden kann, findet 79 Stempelsiegel mit brüllendem
sich eine Kombination von Löwen- und Löwen Hauptfigur dieses Siegelbildes: Das
Handdekor. Die besten Parallelen zu Skaraboid, gebänderter Achat weit geöffnete Maul und der erhobene
unserem Stück sind in Hasanlu und im B. 1,85 cm, H. 1,35 cm, D. 0,75 cm Schwanz geben ihm ein majestätisches
Südsyrien oder Palästina Aussehen. Die Stilisierung von Mäh-
nordsyrischen Sandiliye gefunden wor- Eisenzeit IIB, 8. Jh. v. Chr.
den. Eine grosse Gruppe von Objekten, VS 1981.58, ehemals Sammlung R. Schmidt
ne und Bauchhaaren unseres Löwen
darunter Dutzende von Salbschalen, Schenkung Erica Peters-Schmidt, Kilchberg, CH erinnert frappant an das berühmte,
kam Ende 1960 über Beirut in den Anti- in Megiddo gefundene Siegel eines
quitätenhandel; als angebliche Herkunft Das Stempelsiegel hat die Form eines gewissen Schema≤, der unter König
wird Rasm et-Tan∆ara im syrischen ovalen sogenannten Skaraboiden mit Jerobeam II. (786-746 v. Chr.) von Is-
Ghab genannt, einem nördlich von Apa- sanft gewölbtem Rücken und leicht rael als Minister diente (Abb. 79a). Im
meia gelegenen früheren Sumpfgebiet, schrägen, nicht ganz rechtwinklig zur Gegensatz zu jenem ist der Löwe auf
das Ende der 50er Jahre trockengelegt Basis stehenden Seiten. Am oberen und unserem Siegel aber nicht in stämmiger
worden war. Ein eisenzeitlicher Fried- unteren Rand sind Reste einer Randleis- Angriffshaltung, sondern ruhiger schrei-
zeigen, dass die fünf von der Schnauze sehr seltene Besonderheit die ursprüng- baum, Löwe oder Löwen, seltener Stier hof, auf den pflügende Bauern zufällig te erkennbar. Die Basisdarstellung zeigt tend dargestellt.
nach unten weisenden Spitzen für die lich bei allen vorhandene weisse Einlage oder Nackte Göttin, Vögel und Kombi- gestossen waren, war zuerst geplündert in horizontaler Anordnung im Zentrum In der späthethitisch-aramäischen und
Reisszähne stehen, der Löwe sein Maul aus Muschelkalk erhalten, die mit Bitu- nationen dieser Motive) seit dem 10./9. und dann der syrischen Antikenver- einen nach rechts schreitenden Löwen assyrischen Hofkunst des 10.-7. Jh. wa-
also weit geöffnet hat. Der Ausguss der men in der Höhlung befestigt wurde. Das Jh. bezeugt. Baum und Löwe(n) können waltung gemeldet worden, die darauf auf einer Standlinie. Vor ihm ist ein ren brüllende Löwen v. a. als Wächter
Röhre liegt ungefähr auf Kehlenhöhe; Bohrloch in der Einlage dürfte wiederum einerseits mit Ischtar und anderen Göt- eine kleine Nachgrabung durchführte. Rinderkopf zu sehen, hinter ihm ein und Beschützer beliebt. Als solche sollen
die Flüssigkeit, die durch die Röhre flie- mit einem bunten Stein gefüllt worden tinnen, die für Erotik, Schönheit und Unser Stück findet in der illegal aus- nur teilweise erhaltener stehender Vogel. sie den Thron Salomos flankiert haben
ßen konnte, ergoss sich also durch den sein, um die Pupille zu markieren; bei Kosmetik zuständig waren, verbunden gegrabenen Gruppe einige Parallelen, Über dem Rücken des Löwen steht in (1 Könige 10,18-20); in der Metaphorik
Löwenrachen in die Schale. einem der ganz seltenen Exemplare, die werden, weisen andererseits aber auch könnte selbst einmal zu der Gruppe nordwestsemitischen Buchstaben der assyrischer Königsinschriften vergleicht
Zu beiden Seiten der Schale sind zwei auch diese Einlage bewahrt haben (einem in die Sphäre höfischer Beamtensym- gehört haben und dürfte jedenfalls in Name des einstigen Siegelbesitzers: ≤lh sich der König selber gerne mit einem
kleinere Löwen mit ähnlich stilisierten 1935 erworbenen Stück im Louvre), ist sie bolik. Es empfiehlt sich deshalb nicht, derselben Werkstatt produziert wor- «Ala» oder «Ila». Löwen. Unser Skaraboid gehört zu
Köpfen, aber nur je vier Reisszähnen, an- aus Karneol. Betrachtet man die Schale die Funktion der Salbschalen einseitig den sein wie jene. Wenn die Herkunft Der brüllende Löwe ist eindeutig die einer Gruppe von rund 20 Siegeln
gebracht. Im Auge des einen hat sich als von unten, zeigt sich, dass die beiden auf kultische Rituale zu beschränken. stimmt und es sich wirklich um eine
kleineren Löwen symmetrisch und fast Eher handelt es sich um ausgesprochene zusammengehörige Gruppe handelt,
‹tanzend› dargestellt sind: zwei ihrer Luxusartikel für den täglichen Gebrauch, hätte diese Werkstatt zum mächtigen
Hinterläufe berühren einander, die zwei wie sie sich nur die obere Beamtenelite luwisch-aramäischen Königreich von
andern sind weit nach vorne gehoben, als und ihre Frauen leisten konnten. Das Hamat gehört. CU
ob die Tiere an den Schalenrand klettern Zentrum der Produktion scheint im
würden. Dies erweckt nun den Eindruck, nordsyrischen Raum gelegen zu haben, Lit.: Unveröffentlicht. – Vergleiche: Hans
als wollten die Tiere die Flüssigkeit in der der im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. von Walter, MDAI.A 74 (1959) 69-74, bes. Beilagen
120,1 (ex-Slg. Kofler-Truniger, Luzern, K410A,
Schale trinken. luwisch-späthethitischen Fürstentümern ex-Slg. Eustache de Lorey aus dem Beiruter
Wie sind diese Salbschalen verwendet beherrscht wurde. Handel) und 122,1 (Sandiliye); O. White
worden? An der Röhre konnte ein Leder- In Palästina sind derartige Salbschalen Muscarella, Archaeology 18 (1965) 41-46;
beutel befestigt werden. Dieser enthielt bisher v. a. im Norden des Landes ge- H. Athanassiou, Rasm et-Tanjara: a recently
aromatisches Öl, das nach Bedarf durch discovered Syrian tell in the Ghab. Part I: In-
ventory of the chance finds (unpubl. PhD diss.
die Röhre in die Schale geleitet werden University of Missouri-Columbia), 1977, 157-
konnte. Die Rille am Schalenrand sollte 159, Nr. 65-67 (Typ B5), Pl. 133-140 (Pl. 133-136
wohl verhindern, dass bei ungeschickter das genannte Stück aus der ehemaligen Slg.
Handhabung kostbares Öl ungenutzt ver- Kofler-Truniger). – Diskussion: St. Mazzoni,
in: Aldo Zanardo et al., Stato, economia,
loren ging. Die Löwen evozieren Wildheit lavoro nel Vicino Oriente antico, Milano 1988,
und Kraft, die man mit dem Würzöl as- 307-308 (zur Frage einer Steatitindustrie in
soziiert haben dürfte. Solche Salbschalen Rasm et-Tan∆ara; freundlicher Hinweis von
sind im alten Orient in verschiedenen G. Lehmann, Beerscheba).
Varianten und mit unterschiedlichem
Dekor (Kreuz, Hand, stilisierter Palmett- Abb. 78a

83 Kapitel V Kat. 73–95 84


mit gleichem oder sehr ähnlichem Löwengestalt ist Ausdruck besonde- voran sind es Sachmet von Memphis topolis im östlichen Delta als Erschei-
Motiv und meist aramäischen, hebrä- rer Kraft und verleiht den entspre- und Bastet von Bubastis, die zusehends nungsbild des Gottes Mahes verehrt.
ischen und wohl auch phönizischen chenden Göttinnen die Rolle überaus in den Vordergrund rücken und die Mahes war eine Form des sich jede
Namensinschriften. Dazu kommt eine effizienter Schutzherrinnen. Im Falle charakteristischen Züge eines Feliden Nacht in Vereinung mit Osiris verjün-
Reihe unbeschrifteter Stücke. Auf man- der Sachmet gewinnt diese Macht in sich vereinen: Sachmet, «die Mäch- genden Sonnengottes. Die Stele zeigt
chen Siegeln verfolgt der Löwe einen aber auch eine gewisse Ambivalenz, tige», verkörpert dessen gefährliche und einen König der Ptolemäerzeit, dessen
Capriden. Die Parallelen erlauben es ist sie doch gleichzeitig Verursache- wilde, Bastet dessen besänftigende und Kartuschen, wie in jener Epoche häufig,
auch, den Vogel auf unserem Stück als rin und Heilerin von Krankheit. SB angenehme Eigenschaften. MPG leer sind. Er huldigt einem schreitenden
Falken zu identifizieren (vgl. Kat. 87ff); Löwen, der auf einer schematischen Dar-
Lit.: H. Schlögl (Hg.), Geschenk des Nils, Ägyp- Lit.: Small Sculpture from Ancient Egypt,
ein solcher erscheint über dem Rücken tische Kunstwerke aus Schweizer Besitz, Basel Charles Ede Ltd., London 1999, no. 21. Page stellung einer Tempelfassade erscheint,
eines brüllenden Löwen z. B. auf dem 1978, 69. Christie’s, Antiquities, 23. Septem- Gasser, Götter, Nr. 10 (Lit.). eine Sonnenscheibe mit Uräus über dem
aramäisch beschrifteten Siegel eines ber 1998, London 1998, 50f, Lot 88. Haupt. Die hieroglyphische Inschrift
gewissen Nuri, vor dem Löwen auch auf über ihm bezeichnet ihn ausdrücklich
81 Thronende, löwenköpfige Göttin 82 Relief mit Löwenverehrungsszene
ammonitischen Siegeln. Kalkstein als lebendiges Tier. Dahinter ist der glei-
(Abb. Seite 84)
«Der Löwe brüllt – wer fürchtet sich Bronze, Vollguss mit partiell stark gereinigter H. 41 cm, B. 29 cm che Gott noch einmal zu sehen, diesmal
nicht? Gott der Herr spricht – wer wird Metallepidermis Ägypten, Tell el-Moqdam, Leontopolis menschengestaltig mit Löwenkopf. Nach
da nicht zum Propheten?» (Amos 3,8; H. 12,6 cm, B. 3,1 cm Ptolemäische Zeit, 3.-1. Jh. v. Chr. seinem Tode wurde der Mahes-Löwe
Ägypten ÄFig 1999.6
vgl. Hosea 5,14; 13,7). Man hat in Israel Erworben mit Mitteln des Departements für
mumifiziert, bestattet und von da an als
Ptolemäische Epoche, 332-30 v. Chr.
Gott zwar nicht in Gestalt eines Löwen ÄFig 2000.4, ehemals Sammlung Liechti Biblische Studien «Osiris, der Löwe» verehrt, während ein
verehrt, ihn aber mit einem Löwen ver- neues lebendes Tier die solaren Aspekte
glichen. Der Satz «Jhwh brüllt vom Zion Die Mischfigur mit Löwenkopf ist Ein Löwe wurde in griechisch-römischer des Gottes verkörperte.
her» (Amos 1,2; vgl. Jeremia 25,30; Joel thronend dargestellt. Der Übergang Zeit im Tempelbezirk der Stadt Leon- Nur ein gutes Dutzend Löwenstelen sind
4,16) ist wohl auch vor diesem Hinter- zwischen Tierkopf und Frauenkörper
grund zu verstehen. CU wird mittels einer dreiteiligen Perücke,
Lit.: A. Lemaire, Semitica 29 (1979) 67-69 mit deren beide vorderen Haarteile partiell
Pl. 2,1; ders., Semitica 39 (1990), 13-22, hier von der Löwenmähne bedeckt werden,
14 Nr. 8; Keel-Leu, Stempelsiegel, 107 Nr. 127 geschickt kaschiert. Ein wadenlanges,
(Lit.); Nahman Avigad & Benjamin Sass, Cor- enganliegendes, die Arme frei lassendes
pus of West Semitic Stamp Seals, Jerusalem
1997, Nr. 442 (für Parallelen vgl. ebd. Nr. 2, Gewand betont die weiblichen Konturen.
100, 391, 770 [echt?], 829, 843, 851, 888, 964, Die kräftigen, langen Arme sind ange-
1104, 1111 [echt?], 1129, 1135, 1141, 1156, winkelt und liegen dem Körper an, wobei
1160, 1169, 1191 [echt?]). – Diskussion: B. die rechte Hand mit ausgestreckten
Sass, in: ders. & Christoph Uehlinger (Hg.), Fingern flach neben und die zur Faust
Studies in the Iconography of Northwest
Semitic Inscribed Seals (OBO 125), Freiburg geballte, ursprünglich wohl ein Emb-
CH/Göttingen 1993, 194-256, bes. 221-223. lem umfassende linke Hand über den
Oberschenkeln ruhen. Im Gegensatz
80 Relief mit löwenköpfiger Göttin zum Oberkörper entbehrt sowohl die
(Abb. Seite 83) Beinpartie als auch die gesamte Rücken-
Kalkstein partie jeglicher Plastizität. Einzig die
H. 32 cm, B. 19 cm
Ägypten, Herkunft unbekannt, vielleicht beiden Oberarme werden von zierenden
Theben Elementen (mehrreihige Bänder) ge-
Neues Reich, 19. Dynastie, Ramses II. (1279- schmückt. Der Kopfputz, bestehend aus
1213 v. Chr.) einer Sonnenscheibe mit vorgeblendet-
ÄFig 1998.4, ehemals Sammlung R. Bay
Erworben mit Mitteln des Bundesamtes für er (jedoch unvollständig ausgegossener)
Kultur, Bern Uräusschlange, bildet zusammen mit
der Figur eine Gusseinheit.
Mehrere Göttinnen konnten in Gestalt Seit dem Alten Reich bis in die Spätzeit
einer Löwin abgebildet werden; die figurieren eine Vielzahl von löwen-
bekannteste unter ihnen ist Sachmet, gestaltigen – vorwiegend weiblichen
«die Mächtigste». Oft wurden diese – Gottheiten im ägyptischen Pantheon.
Göttinnen nicht ganz in Löwengestalt, Göttinnen wie u. a Sachmet, Bastet, Tef-
sondern, wie auf dem vorliegenden Bild- nut oder Wadjet treten in reiner Löwen-
hauerlehrstück, als Frau mit Löwinnen- gestalt oder als mischgestaltige Feliden
kopf dargestellt. Über den weiblichen, mit Frauenkörper und Löwenhaupt auf
von einem Perlenkragen bedeckten (Bastet seit der Dritten Zwischenzeit
Schultern stecken der Tierkopf und auch mit einem Katzenkopf), das von ei-
das Löwenohr in einer grossen Sträh- ner – im Grunde lediglich für das männ-
nenperücke, deren Ansatz von einem liche Tier kennzeichnenden – Mähne
Kranz Mähnenhaare bedeckt ist. Die gerahmt ist. Allen Löwengöttinnen

85 Kapitel V Kat. 73–95 86


publiques de Suisse (CSEG 3), Genève 1996, 29 Schrittstellung und der Vogelkörper,
oben Mitte. – Parallelen: Die Formel «Geliebt zwar beide antik, sind mit grösster
von Thot, dem Herrn der Hieroglyphen» ist
Wahrscheinlichkeit erst neuzeitlich
singulär; «Geliebt von Thot» findet sich zu-
sammen mit dem Thronnamen Amenophis’ zusammengefügt worden. Die Federn
III. bei F. Petrie, Scarabs and Cylinders with am Hinterleib, die bereits am Gussmo-
Names (PBSAE 29), London 1917, Pl. 33,42 und dell ausgearbeitet worden sind, lassen
auf Abdrücken aus dem Palast Amenophis’ III. sich nurmehr schwach erkennen. Die
in Malkata: W.C. Hayes, JNES 10 (1951) 177
Fig. 32 Nr.S 46f, vgl. auch S 71.73.75. Gelenke der Beine und die Krallen an
den langen Zehen der Vogelfüsse sind
ihrerseits plastisch hervorgehoben.
85 Figur eines schreitenden Ibis
Bronze, Vogelleib: Hohlguss; Öffnung der Der Ibis und der Pavian sind heilige
Metallepidermis an der Unterseite der Tiere des Thot, Gott der Weisheit und
spitzauslaufenden Hinterfedern: 1,2 cm x 1,4 der Schreibkunst. Die Erscheinungs-
cm; sie gibt Einblick auf den dunkelgrauen form in Gestalt eines Ibis kennt zwei
Gusskern mit blasiger Oberflächenstruktur;
kanonische Typen: den hockenden
Vogelbeine: Vollguss
H. 13,5 cm, B. 3,9 cm, L. 12,8 cm und den schreitenden Ibis. Die häu-
84 Skarabäus mit «Thot, dem Herrn Ägypten figste Wiedergabe – abgesehen von
der Hieroglyphen» Spätzeit, 2. Hälfte 1. Jt. v. Chr. der reinen Tiergestalt – zeigt Thot in
Enstatit ÄFig 1998.6, ehemals Sammlung E. Halter- Mischgestalt mit einem männlichen
L. 4,1 cm, B. 2,9 cm, H. 1,8 cm Jenny
Ägypten Langzeitleihgabe von Christian Herrmann, Menschenkörper und einem Ibiskopf.
Neues Reich, 18. Dynastie, Amenophis III. Gachnang, CH Der Mondgott Thot stand an der Spitze
(1390-1353 v. Chr.) der acht Urgötter (sog. Achtheit) von
M. 1117, ehemals Sammlung F.S. Matouk Plastisch hervorgehoben ist einzig der Hermopolis magna. Aufgrund seines
schön modellierte Vogelschädel mit komplexen Wesens und vielzähligen
Der Skarabäus gehört zu einer Grup-
den deutlich markierten Augen sowie Verbindungen mit anderen ägyptischen
pe überdurchschnittlich grosser, im
dem langen, leicht gebogenen und Gottheiten ist Thot nebst dem hermopo-
Durchschnitt ca. 4 cm langer Skarabä-
realistisch gegliederten Schnabel. Die litanischen Hauptkultort in zahlreichen
en, die Amenophis III. hat anfertigen
Kopfpartie und der Vogelleib bilden religiösen Zentren kultische Verehrung
lassen, wahrscheinlich als ein Mittel
eine Gusseinheit. Die beiden Beine in zuteil geworden. In seiner Eigenschaft
der Festigung und Propaganda seines
Königtums. Mehrere hundert Stück
dieser Gruppe sind heute bekannt. Der
Käfer ist mit allen Details (Kopf, Pro-
zur Zeit bekannt. Im Gegensatz zu den 83 Relief mit Standartenträgern Prozessionen konnten bei sehr verschie- notum, Flügeldecken, Schulterbeulen,
Apisstelen (Nr. 74), wo mehrheitlich Kalkstein denen Gelegenheiten durchgeführt sechs Beine) wiedergegeben, allerdings
Privatleute das heilige Tier verehren, L. 33 cm, B. 23 cm werden. Zum einen gehörten sie zu
Ägypten in eher schematischer Weise. Dieser
erscheint bei den Löwenstelen immer Spätzeit, 6.-1. Jh. v. Chr. den meisten Tempelfesten, bei denen Eindruck wird noch durch starke Bes-
der König, der entweder wie hier den ÄFig 1999.18, aus einer australischen Privat- Momente der Mythologie nachvollzo- tossungen verstärkt. Auf der Basis ist
Löwen verehrt, oder ihm eine Land- sammlung, in die das Stück 1918 gelangte gen wurden, zum andern begleiteten der Thronname des Königs eingraviert:
schenk-ung darbringt. Einige dieser Erworben mit Mitteln aus der Postkartenakti- sie auch Begräbniszüge von Privatper- Neb-Ma≤at Re≤ «Herr der (rechten)
on ‹Projekt BIBEL+ORIENT Museum› 2000
Stelen enthalten nebst hieroglyphischen sonen. In beiden Bereichen spielten die Ordnung ist der Sonnengott». Diesem
Beischriften zur Szene auch kurze Vorlesepriester eine wichtige Rolle, denn ist auf vielen Skarabäen dieser Gruppe
Neben lebenden Exemplaren bestimm-
demotische oder griechische Texte. sie trugen nicht nur die Götterbilder, hinzugefügt, das er von einer bestimm-
ter Tiergattungen spielten in den ägyp-
Auch auf dem vorliegenden Stück sind sondern kannten auch den genauen ten Gottheit Merj «geliebt» ist; in diesem
tischen Tempeln auch Tierstandarten
Spuren griechischer, fein eingravierter Ablauf der durchzuführenden Rituale. Falle von Thot. Thot ist als schreitender
eine Rolle. Abbilder von Tieren, die
Buchstaben ersichtlich, die jedoch Darstellungen von Priesterumzügen Ibis dargestellt, der auf einer Standarte
Gottheiten repräsentierten, konnten so
vermutlich von einer sekundären Ver- mit Standarten finden sich aus verschie- steht. Ihm ist der Titel beigeschrieben:
bei Festumzügen mitgeführt werden.
wendung, vielleicht als Grabstein, her- denen Epochen sowohl in Tempeln als Neb Medu Netscher «Herr der Gottes-
Das Relieffragment zeigt zwei Priester
rühren. SB auch in Gräbern. Grösse und Ausfüh- worte». «Gottesworte» meint auch die
bei einer Prozession, der einzigen Ge-
rung des vorliegenden Stückes sprechen Hieroglyphen, die heiligen Zeichen, mit
Lit.: Royal Athena Galleries, Art of the Anci- legenheit, bei der das Volk die Symbole
ent World, Vol. 10, Beverly Hills/London 1999, eher für eine Herkunft aus einem Privat- denen diese geschrieben wurden. Thot,
der Gottheiten zu sehen bekam. Der
46, Lot 189. – Parallelen: W. Spiegelberg, grab. SB der Götterbote, galt unter anderem als
hintere trägt das Bild eines Stiers, der
Ein Denkstein aus Leontopolis, RecTrav 36, Erfinder und Herr der Schrift und der
1914, 174-176; H. Kaiser, Die ägyptischen Erscheinungsform verschiedener Götter Lit.: Christie’s, New York, Antiquities, 9 Schreibstuben. Die Griechen haben ihn
Altertümer im Roemer-Pelizaeus-Museum sein konnte (Kat. 74, 76), der vordere December 1999, New York 1999, 18, Lot
in Hildesheim, Hildesheim 1973, 130. – Zu mit Hermes, dem Götterboten gleichge-
das eines Ibis (Kopf weggebrochen), der 227. –Parallele: G. Lefebvre, Le tombeau de
Löwenstelen: J. Yoyotte, BIFAO 52, 1953, Petosiris, Kairo 1924, Taf. 29, 33. setzt, und als Urheber der hermetischen
dem Gott Thot, dem Götterboten und
179-192; id., Annales EPHE, 5e section, XCVI, Literatur verehrt. OK
1987-1988, 156-161; id., Annales EPHE XC- Patron des Schreibens und der Wissen-
VII, 1988-1989, 155; É. Bernand, Dialogues schaft, heilig war (Kat. 84-86). Lit.: Matouk, Corpus I, 215, Nr. 545; J.-L.
d’histoire ancienne 16/1, 1990, 63-94. Chappaz/S. Poggia, Collections égyptiennes

87 Kapitel V Kat. 73–95 88


als Heilgott und Götterbote wurde Lit.: Matouk, Corpus II, 392 Nr. 989. – Par- es nun absichtlich oder unabsichtlich ge- angedeutet. Die Basis zeigt im Zentrum 90 Sargfragment mit Falke auf Gold-
Thot von den Griechen mit Hermes allelen: Nicht Skarabäen, aber Bronzen schah» (Historien II, 65). Da der Bedarf den Königsring (Kartusche) mit dem Hieroglyphe
kombinieren Ibis und Ma≤at, so z. B. E. (Abb. Titelseite Umschlag)
gleichgesetzt und in Orakeln befragt. an Mumien für das Königsritual aber Namen des Königs. Der Ring gewährt
Brunner-Traut/H. Brunner, Osiris, Kreuz und Holz, bemalt
Mit der Widmung solcher reichlich Halbmond. Die drei Religionen Ägyptens, auch als Votivgaben und zu magischen diesem magischen Schutz und bedeutet L. 21 cm, B. 13 cm
erhaltenen Bronzefiguren von Ibissen Mainz, 4. Aufl. 1984, 34, Nr. 20 und 36 (Kest- Zwecken privater Art anscheinend sehr gleichzeitig die von der Sonne umkreis- Ägypten, Herkunft unbekannt
priesen die Stifter die Weisheit des ner Museum, Hannover). gross war, hat man offensichtlich an te Erde, über die der König herrscht. 1000-800 v. Chr.
Thot oder riefen ihn um seine Unter- Tempeln Falken, Ibisse und andere hei- Der dem Ring einbeschrieb-ene Name ÄFig 1999.16
stützung an. MPG 87 Mumie eines Wanderfalken lige Tiere gezüchtet, ihnen das Genick ist Men-Ma≤at-Re≤ «Dauerhaft ist die Erworben mit Mitteln der Gedächtnisstiftung
Wanderfalke (Falco p. peregrinus; Skelettbe- Peter Kaiser, Vaduz (FL)
stimmung aufgrund der Röntgenaufnahme gebrochen, sie mumifiziert und häufig Ordnung des Sonnengottes». Es ist
Lit.: Unveröffentlicht. – Parallelen: M. Page für gutes Geld verkauft. OK
von B. Manser Meyer durch Prof. D. Meyer) der Thronname Sethos’ I. Rechts von
Gasser/A. Wiese, Ägypten – Augenblicke der
mumifiziert und eingewickelt in fünf ver-
Der Falke war von jeher eines der wich-
Ewigkeit. Unbekannte Schätze aus Schweizer ihm steht Netscher, links von ihm Nefer.
schiedene Arten von Leinen (Bestimmung Lit.: Unveröffentlicht – Zu einer Greifvogel- tigsten Tiere der ägyptischen Göttervor-
Privatbesitz, Mainz 1997, 250-253, Nr. 165- Netscher Nefer «Vollkommener Gott»
durch S. Raemy) mumie mit ähnlich zu einem Kasettenmuster stellungen. Sein sich hoch aufschwin-
167 (Lit.). bezeichnet den König als auf Erden
L. 43 cm geordneten Binden: C. Gaillard/G. Daressy, gender Flug brachte ihn mit der Sonne
Ägypten La faune momifiée de l’antique Égypte (Ca- lebende Gotteskraft. Zusätzlich zum
und dem Himmel in Verbindung.
Ptolemäische Zeit, 3.-1. Jahrhundert v. Chr. talogue général des antiquités égyptiennes Königsring schützt der symmetrisch
ÄFig 1999.5 du Musée du Caire), Le Caire 1903, Pl. XLV, Früh wurde er mit dem Gott Horus
verdoppelte Horusfalke, der Himmels-
Schenkung H. A. Schlögl No. 29.694; vgl. auch Pl. XLVIII, Nos. 29.711 und seinen verschiedenen Kultformen
und 29.712. gott par excellence, mit ausgebreiteten
assoziiert, oft als Re-Horachti, einer
Flügeln den Namen. Er steht wie der
Die kunstvoll gewickelten Leinenbänder Erscheinungsform des Sonnengottes.
Name des Königs auf dem Zeichen
verhüllen die Mumie eines Wander- 88 Falsche Falkenmumie Sein strenges Aussehen strahlt Macht
(Abb. Seite 89) Gold (Himmel), trägt die ‹Geissel› und
falken. Das Röntgenbild im Massstab aus, seine Schwingen gewähren Schutz.
Holz und Schilf in Leinenbänder gewickelt auf dem Kopf eine Sonnenscheibe, die
1:1 lassen den Knochentuberkel in der Als Schutzsymbol erscheint er auch
und bemalt von einem Uräus geschützt wird (vgl.
Nasenöffnung und den Falkenzahn klar L. 34 cm auf diesem Sargfragment, buntbemalt,
Kat. 90). Im Gegensatz zum Uräus, der
erkennen. Der Wanderfalke galt wie Ägypten eine Sonnenscheibe auf dem Kopf. Das
alle möglichen Grössen schützt, ist der
andere Falkenarten im alten Ägypten Ptolemäische Zeit, 3.-1. Jahrhundert v. Chr. Ende seines Beinamens «Herr des Him-
Schutz durch den Falken in der Regel
86 Skarabäus mit Ibis und Ma≤at wahrscheinlich dank seiner Kraft und ÄFig 2000.6 mels» ist noch zu erkennen. Er steht
Enstatit Schenkung H. A. Schlögl königlichen Grössen vorbehalten. OK
seiner Fähigkeit, sehr schnell zu fliegen, auf der Hieroglyphe für «Gold», einem
L. 1,1 cm, B. 0,8 cm, H. 0,5 cm
als eine Erscheinung des Himmels- und Die Gestaltung der ‹Mumie› mit dem Lit.: Matouk, Corpus I, 216 Nr. 601. – Paral- Zeichen, das auch göttliche Strahlkraft
Ägypten
Spätzeit, 26. Dynastie (Saiten), 664-525 v. Königs-Gottes Horus, des «Fernen». relativ kleinen runden Kopf, dem lelen: B. Jaeger, Essai de classification et de und den glänzenden Himmel bezeich-
Chr. Tote Falken wurden in der Spätzeit mu- kurzen Schnabel und dem kurzen Hals datation des scarabées Menkhéperrê (OBO. nen kann. Dem Verstorbenen im Sarg
M. 3111, ehemals Sammlung F.S. Matouk SA 2), Fribourg (CH)/Göttingen 1982, 77 (mit
mifiziert, und diese Mumien betrachtete sowie die in Malerei hinzugefügten bietet er sowohl Geborgenheit als auch
dem Thronnamen Thutmosis III.). – Zum
man als segenbringend, wie später die kreisrunden Augen mit den darunter Königsring: J. von Beckerath, Handbuch der die Bewegungsfreiheit, die ihm den
Der winzige, sorgfältig geschnittene Käfer, verlaufenden Bartstreifen und die wie ägyptischen Königsnamen (MÄS 49), Mainz, Aufstieg ins himmlische Jenseits und
Reliquien christlicher Heiliger. Falken-
bei dem besonders die sechs Beine deutlich eine Halskette angeordneten der Brust 2. Aufl.1999, 27-29. die Vereinigung mit dem Sonnengott
mumien sind – zusammen mit Ibismu-
herausgearbeitet sind, ist typisch für die aufgemalten schwarzen Punkte legen gewährleistet. SB
mien – in den Tierfriedhöfen von Kom
26. Dynastie, die oft Formen der älteren 18. nahe, dass wir es mit der Mumie eines
Ombo, Theben, Hu, Dendara, Abydos, Lit.: Charles Ede Ltd, Small Sculpture from
Dynastie nachahmt. Auf der Basis des Ska- Falken zu tun haben. Die Binden sind so
Tuna el-Gebel und an vielen anderen Ancient Egypt. Egyptian Sculpture XXVI,
rabäus ist ein schreitender Ibis eingraviert gewickelt, dass ein Fischgrätenmuster wir es mit einer Pseudomumie zu tun
Orten gefunden worden. Der Grieche London 1999, Lot 29.
(vgl. Kat. 85), vor dem eine weibliche Gestalt entsteht. Am unteren Ende sind die Bin- haben. Eine Röntgenaufnahme durch B.
Herodot, der im 5. Jh. v. Chr. Ägypten
hockt, die eine Straussenfeder auf dem Kopf den beschädigt und Schilf- und Holz- Manser Meyer hat den Verdacht bestä-
bereiste. sagt: «Wer einen Ibis oder ei- 91 Reliefbruchstück mit thronendem
trägt. Ihr ägyptischer Name ist Ma≤at, ein stücke sichtbar. Sie suggerieren, dass tigt. OK
nen Falken tötet, der muss sterben, ob Falkenköpfigen
Begriff, der mit «Gerechtigkeit, Wahrheit, (Abb. Seite 90)
Weltordnung, Recht, Schuldlosigkeit» wie- Lit.: Unveröffentlicht. – Zu einer vergleich- Sandstein und Stuck
derzugeben ist. Die ägyptische Ma≤at ent- baren Anordnung der Mumienbinden: F. L. 27 cm, B. 22, D. 4,3 cm
Dunand/R. Lichtenberg, Les momies et la Ägypten
spricht auf weite Strecken der hebräischen mort en Égypte, Paris 1998, 156 links oben; Neues Reich, 20. Dynastie, Ramses III. (1187-
Chokmah «Weisheit, Weltordnung, Rich- zu einer falschen Hundemumie vgl. ebd. 143 1156 v. Chr.)
tigkeit». Beide werden als junge attraktive rechts unten. ÄFig 2001.1
Frauen personifiziert. Die ägyptische Kultur
sieht die Ma≤at eng mit Thot, dem Schreiber 89 Skarabäus mit Falken, die den Der Stuck, mit dem die Oberfläche des
und Boten der Götter verbunden (vgl. Kat. Königsnamen flankieren Steins überzogen war, ist weitgehend
84). Im biblischen Buch Ijob weist Gott Enstatit weggebrochen und das grobgearbeitete
auf den Ibis (Thot) als Künder der Nilüber- L. 4,4 cm, B. 3,2 cm, D. soweit erhalten 1,5 cm Relief sichtbar, und auch dieses ist
Ägypten noch teilweise beschädigt. Dennoch ist
schwemmung hin und demonstriert damit
Neues Reich, 19. Dynastie, Sethos I. (1290-
den von Ijob angefochtenen geordneten 1279 v. Chr.)
der für das Neue Reich typische wür-
Charakter der Welt. Die Erde wird nicht M. 1222, ehemals Sammlung F.S. Matouk felförmige Thron mit dem links unten
nur, z. B. durch die Nilüberschwemmung, ausgegrenzten Quadrat und kurzer
bewässert, sondern diese Bewässerung Kopf und Rücken des Käfers sind Rückenlehne deutlich zu erkennen.
wird auch noch rechtzeitig angekündigt weitgehend weggebrochen. Die sechs Auf dem Thron sitzt ein falkenköpfiger
und so als geplante, weise Ordnung sicht- Beine sind kräftig herausgearbeitet; ihre Gott. Der Übergang vom Tierkopf zum
bar (Ijob 38,36). OK Behaarung ist durch vertikale Striche Menschenleib ist durch eine dreiteilige

89 Kapitel V Kat. 73–95 90


Lit.: Hirsch Nachfolger, Antiken Auktion 213, klar erkennen. Den Darstellungen von Kopf mit breitem Maul und voller Leib
14. Februar, München 2001, 33 Lot 771; Taf. Mischgestalten entsprechend, ist der mit stämmigen Beinen. Der bemerkens-
XXXI, 771. – Das gleiche Verhältnis von der
Tierkopf vor eine dreiteilige Perücke wert gute Zustand dieser Gruppe ist
Grösse der Figur zur Kartusche ist z. B. auf
Türrahmen zu finden: H.H. Nelson (ed.), Re- gesetzt, deren Strähnen lediglich an lediglich durch das Fehlen der Harpune
liefs and Inscriptions at Karnak I. Ramses III’s der rechten Seite zu erkennen sind. Der beeinträchtigt.
Temple within the Great Inclosure of Amon I Falkenkopf diente nicht allein als deko- Das Motiv der das Nilpferd harpunie-
(OIP 25), Chicago 1936, Pl. 8 oben Mitte; vgl. ratives und symbolträchtiges Abschluss- renden falkenköpfigen Gottheit ist Teil
zu einem thronenden Falkenköpfigen Ebd.
Pl. 49 (Chonsu). element, sondern auch funktional als der Geschichte des Streites zwischen
Gegengewicht zum Ausbalancieren Horus und Seth, die eine der ältesten
92 Falkenkopf als Teil eines Räucher- des zuweilen doch recht langen Räu- und bedeutendsten Mythen innerhalb
gerätes cher-armes und seines schweren, mit der ägyptischen Götterwelt ist. Die
Bronze, Hohlguss Holzkohle und wertvollen Essenzen Geschichte erzählt vom unerbittlichen
L. 4,6 cm, B. 2,7 cm, Abwinkelung des Fal-
verse-henen Napfes auf der Innenfläche Streit, den gegenseitigen Angriffen
kenkopfes zum partiell erhaltenen, quadra-
tischen Fortsatz: 110° der Hand. und Verletzungen, die sich Horus und
Ägypten Das Verbrennen von Räucherwerk war Seth im Kampf um den Thron Ägyptens
Spätzeit, 2. Hälfte 1. Jt. v. Chr. in der altägyptischen Kultur von grosser zufügten. Der Mythos beabsichtigte
M.A. 2567, ehemals Sammlung F. S. Matouk Bedeutung und erstreckte sich über den den Sieger des Streites – Horus, dessen
Dieser Falkenkopf war Bestandteil eines kultischen, magischen, medizinischen Inkarnation der König war – in seinem
Räucherarmes, der als Kultgerät für das und hygienischen Bereich. Die auf glü- Anspruch auf eine alleinige Herrschaft
Weihrauchopfer in Gebrauch war (Abb. hende Holzkohle gelegten Materialien über ganz Ägypten zu legitimieren.
92a). Der Gusskern wurde, soweit es die (Terebinthen-Harze, Olibanum, Lada- Gleichzeitig verdeutlicht er, dass Herr-
Abwinkelung des Falkenkopfes erlaubte, num, Galbanum, Styrax), die in einem schaft nur in schweren Kämpfen zu
entfernt. Somit konnte der quadratische eigens gefertigten Becken oder Napf ge- erlangen und erhalten ist. Mit der Ein-
Fortsatz an den mit einem Bronzeblech sammelt waren, gaben beim Zerschmel- gliederung der Geschichte des Streites
verkleideten Holzstiel angezapft wer- zen ihre wohlriechenden Düfte frei. Seit zwischen Horus und Seth in die Osi-
Perücke kaschiert. Die Rechte über dem den. Die differenzierte Modellierung dem Neuen Reich wurden die bis dahin rislegende (vgl. Kat. 11, 55, 91) weitete
93 Harpunierende falkenköpfige
Oberschenkel hält das Lebenszeichen des Falkenkopfes lässt die runden Tier- verwendeten schlichten Becken und sich der Inhalt aus und bekam neue
Gottheit
(≤anch), die Linke das Uas-Zepter. Vor augen und den gebogenen Schnabel Näpfe aus Kupferlegierungen auf einen Bronze, Vollguss Züge: Horus wollte sich am Mörder
den Knien ist der eigentlich hinten her- besonderen Halter gestellt, der in seiner Basisplatte: L. 3,6 cm, B. 1,4, H. 0,3 cm, Statu- seines Vaters rächen. Die Vereinigung
unterhängende Tierschwanz zu sehen. Formgebung einen menschlichen Arm ette mit Basisplatte: L. 8,1 cm des Mythenkreises des Horus mit dem
Dieser war ursprünglich ein Caniden- mit ausgestreckter und geöffneter Hand Ägypten des Osiris verwandelte den siegreichen
Ptolemäische Epoche, 332-30 v. Chr.
schwanz, der den König als «Grossen imitierte. Der leicht transportable, in ÄFig 1983.1, ehemals Sammlung F. S. Ma- Kampf des Horus mit Seth zu einem
Jäger» charakterisierte. Spätestens im drei Elemente gegliederte Räucherarm touk Akt der Rache, der jene Untersuchung
Neuen Reich wurde er dem Beinamen bestand aus einer Hand mit Räucher- in Gang brachte, deren Ausgang mit
«Starken Stier» entsprechend zu einem gefäss, einem Arm resp. Stiel mit appli- Diese Statuette, eine Mischform mit der Rechtfertigung des Osiris zugleich
Stierschwanz umgedeutet. Vom König ziertem Weihrauchbehälter und einem Menschenleib und Falkenkopf, ist in auch die nachträgliche Legalisierung
übernahmen ihn vor allem Königsgötter abschliessenden angewinkelten Falken- Schrittstellung dargestellt. Der üppige des Kampfes des Horus gegen Seth
wie Horus. kopf. Der eigentliche Räuchernapf ruhte Körper trägt einen kurzen plissierten festlegte. Der Triumph ermöglichte eine
Wie Hathor (Kat. 57) oder Mahes (Kat. auf der geöffneten, nach oben gedrehten Schurz mit Gürtel. Auf dem falken- Wiedereinsetzung des Osiris, der sich
82) in reiner Kuh- bzw. Löwengestalt Handfläche. Auf der Innenseite des köpfigen Haupt ruht die Doppelkrone, jedoch mit dem Totenreich begnügte
oder mischgestaltig erscheinen können, Vorderarmes war ein weiteres kleines vor die eine Uräusschlange gesetzt ist. und Horus die Herrschaft über Ägypten
so auch die falkengestaltigen Gottheiten. Schälchen befestigt, dem man die Weih- Zwischen den beiden vorderen Haarpar- vererbte.
Der wichtigste Falkengott, ist der Kö- rauchkörner entnehmen konnte, die tien der dreiteiligen Strähnenperücke Das für die vorliegende Bronzefigur
nigsgott Horus. Aber auch der eng mit während der Räucherung in die Schale ist ein Halskragen zu erkennen. Das relevante Motiv findet sich u. a. im Tem-
dem Krieg verbundene Month oder der gelegt wurden. Falkenhaupt charakterisieren nebst pel des Horus von Edfu. Dort war der
zur Nekropole von Memphis gehörige Weihrauch wurde als die göttliche Es- dem gebogenen Schnabel die runden, Triumph des Horus Gegenstand eines
Sokar erscheinen falkengestaltig oder senz schlechthin angesehen – speziell schwarz eingelegten, von einem feinen Mysterienspiels, das an der Innenseite
wenigstens falkenköpfig. Es hat in Ägyp- eng war die Verbindung des Weih- Silberdraht umrahmten Augen. Der der westlichen Umfassungsmauer des
ten ursprünglich sehr viele, voneinander rauches mit Horus. Das Olibanum, ein rechte, seitlich erhobene Arm mit der aus ptolemäischer Zeit stammenden
unabhängige Falkenkulte gegeben, von zur Räucherung benutztes Harz, wurde geballten Faust zeigt eine Durchboh- Tempels aufgezeichnet worden ist. Die
denen mit der Zeit die meisten in den als «Träne des göttlichen Auges», «Got- rung, die eine (nun verlorene) Harpune vorliegende Bronzefigur dürfte von den
alles dominierenden Horuskult inte- tesauge» und «Horusauge» bezeichnet. umschloss. Die linke, parallel zum ortseigenen Werkstätten als Devotio-
griert wurden. Links vom Thronenden Diese besondere Beziehung zwischen Körper vorgestreckte Hand hält den nalie für Tempelbesucher hergestellt
sind Reste eines grossen Königsrings zu Weihrauch und dem Gott Horus findet Strick einer Harpune, die sich im Hin- worden sein.
sehen. Sie erlauben den Geburtsnamen Ausdruck im Motiv des Räucherarm-ab- terleib des im rechten Winkel zur Figur Das ‹Harpunieren des Nilpferdes›
Ra≤messu «Ramses» zu rekonstruieren, schlusses – eines nach vorne gewandten stehenden Nilpferdes verkeilt hat. Die kennzeichnet einen elementaren Ge-
dem – wie bei Ramses III. üblich – das Falkenkopfes. MPG Wiedergabe des verschwindend kleinen danken des ägyptischen Glaubens und
Epithet Heqa≥ Junu «Herrscher von He- Nilpferdes reduziert sich auf dessen Weltbildes: Das nie endgültig verdrängte
Lit.: Page Gasser, Götter, Nr. 37 (Lit.). typische Körpermerkmale: mächtiger
liopolis» beigegeben ist. OK Abb. 92a Chaos (Zustand der Welt vor ihrer Ent-

91 Kapitel V Kat. 73–95 92


stehung) muss stets auf das Neue be- jeglicher Formgebung. Einzig Bauch- steht: «Isis, die Zauber(kundige), die
kämpft und besiegt werden. Der König, und Brustrundungen sind dezent an- ihren Bruder schützte, die ihn suchte,
als lebender Horus, nimmt diese ent- gedeutet. Die rechte Schulter ist etwas ohne zu ermatten, die dieses Land in
scheidende Aufgabe auf sich und wird hochgezogen. Besonders auffallend sind Trauer durchzog, ohne dass sie Halt
somit zum Garant der Weltordnung und die überlangen, ungegliederten, schräg machte, bevor sie ihn gefunden hatte;
des Lebens. Das Motiv des Gottes, der vorgestreckten Arme. Sie tragen Flügel, die mit ihren Federn Schatten machte,
das Böse in der Gestalt des Nilpferds die ihren Ansatz in den Achselhöhlen die mit ihren Flügeln Luft entstehen
bekämpft, ist von der Bibel in Ijob 40,15- finden, sich längs des unteren Arm- liess; die jubelte und ihren Bruder
24 übernommen worden. MPG randes entlang schmiegen und über zur Ruhe brachte, die die Müdigkeit
die Hände hinauslaufen. Die schlanke des Herzensmüden aufrichtete.» Die
Lit.: Miniaturkunst, 116; Taf. X; M. A. Brandes Frauengestalt trägt ein enganliegendes, bildliche Wiedergabe dieser Leben
et al., Vom Euphrat zum Nil, Kunst aus dem
Alten Ägypten und Vorderasien, Ausstel- langes Kleid, dessen Kanten lediglich spendenden Funktion zeigt Isis mit er-
lungskatalog Kartause Ittingen, Egg/Zürich mittels eines Saumes über den Knö- hobenen und geflügelten Armen hinter
1985, 53, Nr. 26; U. Staub, Unterwegs. cheln angegeben sind. Das Haupt wird Osiris stehend. Durch die Osiris-Symbo-
Religion in Kunst und Brauchtum, Zuger von einer dreiteiligen Perücke gerahmt. lik, die den ägyptischen Jenseitsglauben
Kunstgesellschaft, Zug 1984, 5, Abb. 3; A.
Behrmann, Das Nilpferd in der Vorstellungs- Über der Stirn richtet sich eine überg- erfüllte und den Toten (vgl. Kat. 57) in
welt der Alten Ägypter, Teil I: Katalog: EHS.A rosse Uräusschlange mit aufgeblähtem die Rolle des verstorbenen Osiris rücken
22, Frankfurt 1989, Dok. 207 c; Page Gasser, Schild auf. Vom Kopfputz ist einzig ein liess, lag das Schicksal des Menschen,
Götter, Nr. 22 (Lit.). Kranz erhalten. Der weitere Kronenauf- der auf eine Wiedergeburt hoffte, auch
in der Hand der Isis. Zusammen mit
Nephthys findet sich Isis als klagendes
Falkenweibchen zu Haupt und Füssen
des Toten. Schützend breiten sie, zu-
sammen mit Neith und Selkis, die Flü-
gel um den Sarg des Verstorbenen aus.
MPG

Lit.: U. Staub, Unterwegs. Religion in Kunst


und Brauchtum, Zuger Kunstgesellschaft, Zug
1984, Abb. 7; Page Gasser, Götter, Nr. 18 (Lit.).

95 Sarg mit Mischgestalt aus Aal,


Kobra und Mensch
Bronze
L. 17,8 cm, B. 3,8 cm, H. 12,5 cm
Ägypten
Spätzeit, 6.-1. Jh. v. Chr.
Leihgabe aus der Sammlung A. Pfingsttag

Der lange, im Querschnitt rechteckige


Sarg barg wohl die Mumie eines Aals
(Anguilla vulgaris). Auf dem Deckel des
Sargs ist der sich schlängelnde Leib des
Fisches zu sehen. Sein Kopf ist durch
einen gespreizten Kobrahals und einen Der bis 70 cm lange, sich schängelnde nicht genug wundern, dass die Ägypter hässlichsten und verachtetsten Tiere
Menschenkopf ersetzt, der den Götter- Fisch ist in schlammigen Gewässern zu ein solch unscheinbares Tier als Erschei- für Götter hielten» (12,24). Zu diesen
bart und die Krone Ober- und Unterä- finden. Diese erinnerten das alte Ägyp- nung des Göttlichen verehrten. Tieren gehörte wohl auch der Aal, der
gyptens trägt. Die im übrigen schlecht ten an die trüben Fluten des Urmeers. Der Athener Komödiendichter Anti-pha- in Israel als unrein galt. OK
bau fehlt. Über den Haarsträhnen des erhaltene Inschrift auf dem Sarg lässt Der Aal symbolisierte den Urgott Atum, nes dichtete im 4. Jh. v. Chr.: «Ägypter
94 Figur einer geflügelten Isis Lit. Unveröffentlicht – Parallelen: K.
Bronze, Vollguss mit partiell stark erodierter Hinterkopfes lässt sich ein Geierbalg deutlich den Namen des Gottes Atum der den fliessenden Übergang zwischen sind auch sonst, so sagt man, sonder-
My¬liwiec, Studien zum Gott Atum I (HÄB
Oberfläche erkennen. Das Antlitz ist Gattin, die erkennen. Er ist hier dargestellt. dem ungestalteten potentiellen Sein bar,/ Da sie für göttergleich erachten
5), Hildesheim 1978, 131-138, 279-283 Taf.
H. Sockelrand bis zur Bruchstelle am Kronen- nach dem durch Seth verschuldeten Während Stier, Löwe und Löwin bis des Urwassers vor der Schöpfung und (selbst) den Aal». Der Zeitgenosse und XXXVIIa-XLIIc; zu den griechischen Autoren
ansatz 7,5 cm, B. der Figur am Flügelrand Tod ihres Brudergemahls unermüdlich heute, z. B. als Wappentiere, Ansehen der gestalteten, differenzierten Welt Berufskollege des Antiphanes, Anaxan- vgl I. Gamer-Wallert, Fische und Fischkulte im
5,8 cm Alten Ägypten (ÄA 21), Wiesbaden 1970, 115.
Ägypten dessen zerstückelten Leichnam suchte. geniessen, haben in der Kosmothe- danach repräsentierte. Für die Ägypter drides, spottete: «Als obersten der Götter
Spätzeit, 2. Hälfte 1. Jt. v. Chr. Mit Hilfe ihrer magischen Kräfte gelang ologie Ägyptens auch manche Tiere war er eine geniale Chiffre für diesen wähnest du den Aal,/ Wir schätzen ihn
M.A. 2598, ehemals Sammlung F. S. Matouk es ihr, Osiris zu neuem Leben zu erwe- Verehrung genossen, die der hebrä- Bereich und ein wesentlicher Teil ihrer als besten Fisch beim Mahl.» Die im 1.
cken, und ermöglichte ihm somit, Herr- ischen, vor allem aber der griechisch- Kosmotheologie, die gewisse Gemein- Jh. v. Chr. in Alexandrien entstandene
Die Figur, die eine leichte Drehung scher des Jenseits zu werden. Auf einer römischen Kultur nicht beachtenswert samkeiten mit Baruch Spinozas (1632- jüdische ‹Weisheit Salomos› sagt von
nach vorne rechts erfahren hat, ist kaum Stele des Amenmes aus der 18. Dynastie schienen. Ein typisches Beispiel ist 1677) Deus sive natura hatte. Griechen den Ägyptern: «Allzuweit waren sie
modelliert. Die Rückenpartie entbehrt (Paris, Musée du Louvre, Inv.-Nr. C 286) der Aal. und Israeliten hingegen konnten sich in die Irre gegangen, als sie die aller-

93 94
Abkürzungsverzeichnis Abbildungsnachweis

ÄA Ägyptologische EI Eretz Israel Universität Freiburg (CH) QuSem Quaderni di semistica Einleitungen
Abhandlungen FRLANT Forschungen zur Religion MÄS Münchner Ägyptologische RäR Reallexikon der ägyptischen
ÄAT Ägyypten und Altes und Literatur des Alten und Studien Religionsgeschichte Ia: © Stiftsbibliothek St. Gallen.
Testament Neuen Testaments Matouk, Corpus I Fouad S. Matouk, Corpus RB Revue biblique Ib: Richard D. Barnett, Ancient Ivories in the Middle East (QEDEM 14), Jerusalem 1982, 6, Fig. 2.
ABD Anchor Bible Dictionary G. Gewicht du scarabée égyptien I, RGG Religion in Geschichte und Ic-g: © Barbara Connell, Susanne Staubli; Atelier WiZ, Volketswil, CH
ABSt Archaeology and Biblical GGG Othmar Keel/Christoph Beyrouth 1971. Gegenwart IIa: © Benny Mosimann; Atelier für Gestaltung, Bern, CH
Studies Uehlinger, Göttinnen, Matouk, Corpus II Fouad S. Matouk, Corpus RSO Rivista degli Studi Orientali IIb: R. Amiran, in: M. Kelly-Buccellati et al. (eds.), Insight Through Images. Studies in Honor of Edith
AF Altorientalische Forschungen Götter und Gottessymbole du scarabée égyptien II, S.B. Susanne Bickel, Departe- Porada, Malibu 1986, 12, fig. 3.
AfO Archiv für Orientforschung (QD 135), Freiburg/Basel/ Beyrouth 1977. ment für Altertumswissen- IIc: Avigad/Sass (Lit. Kap. II), Nr. 196.
ANET James B. Pritchard (ed.), Wien, 5. Aufl. 2001. MDAI.A Mitteilungen des Deutschen schaft, Freiburg (CH) IId: Deutsch/Lemaire (Lit. Kap. II), 94, Nr. 88
Ancient Near Eastern Texts Grzimek Grzimeks Tierleben 1979/80 Archäologischen Instituts, SAAS State Archives of Assyria IIe: B.Sass/Ch. Uehlinger (eds.), Studies in the Iconography of Northwest Semitic Inscribed Seals (OBO
Relating to the Old Testa- H. Höhe Athenische Abteilung Studies 12), Freiburg (CH)/Göttingen 1993, 219, Abb. 101.
ment, Princeton NJ H.K.-L. Hildi Keel-Leu, Freiburg (CH) Miniaturkunst O. Keel/Ch. Uehlinger, Alt- SBS Stuttgarter Bibel-Studien IIf: OLB I, 169, Abb. 93.
1950. HÄB Hildesheimer orientalische Miniaturkunst. StEU Studia Ethnographica IIIa: E. Strommenger, Habuba Kabira. Eine Stadt vor 5000 Jahren, Mainz 1980, 62, Abb. 55.
Annales EPHE Annales de l‘Ecole pratique Ägyptologische Beiträge Die ältesten visuellen Upsaliensia IIIb: O. Keel: VT 31 (1981) 222, Abb. 1.
des Hautes Etudes IEJ Israel Exploration Journal Massenkommunikations- T. Tiefe IVa: IVa: B. Heinrich/G.A. Bartholemew, The Ecology of the African Dung Beetle: Scientific American
AOAT Alter Orient und Altes Testa- JDS Judean Desert Studies mittel. Ein Blick in die T.St. Thomas Staubli, Projekt 241/5 (1979) 122f = Keel, Corpus, 22 Abb. 2-5.
ment JEA Journal of Egyptian Sammlungen des Biblischen «BIBEL+ORIENT Museum» IVb: © Archäologisches Museum Nicosia, Zypern.
ArOr Archiv Orientální Archaeology Instituts der Universität TA Tel Aviv (Zeitschrift) IVc: A. Parrot, Sumer (Universum der Kunst), München 1962, 2. Aufl. 278f, Abb. 346.
AuS Gustaf Dalman, Arbeit und JNES Journal of Near Eastern Freiburg Schweiz, Freiburg TAVO Tübinger Atlas des Vorderen IVd: M. Fortin, Syrien – Wiege der Kultur, Québec 1999, 243.
Sitte in Palästina, Studies (CH)/Göttingen, 2. Aufl. Orients IVe: Nach dem Original im Museum.
Güterloh/ Hildesheim 1928-2001. JSOT Journal for the study of the 1996. ThZ Theologische Zeitschrift IVf: Nach dem Original im Museum.
AV Archéologie Vivante Old Testament MPG Madeleine Page Gasser, Trans Transeuphratène IVg: Nach dem Original im Museum.
B. Breite JSOT.S Journal for the study of the Projekt «BIBEL+ORIENT TTKY Türk Tarih Kurumu IVh: © Joy Caros.
BA Bibliotheca Aegyptiaca Old Testament, Supplement Museum» Yayinlarindan Va: O. Keel, Deine Blicke sind Tauben. Zur Metaphorik des Hohen Liedes (SBS 114/115), Stuttgart
BaghM Baghdader Mitteilungen Series NBL Neues Bibel-Lexikon, Zürich TUAT Texte zur Umwelt des Alten 1984131, Abb. 16.
BAH Bibliothèque Archéologique Kap. Kapitel 1991-2001 Testaments, Gütersloh Vb: Winter, Göttin, Abb. 503.
et Historique Kat. Katalog-Nummer NSK–AT Neuer Stuttgarter Kommen- 1981ff.
BAR Biblical Archaeology Keel, Böcklein Othmar Keel, Das Böcklein tar–Altes Testament U.S. Ursula Seidl, München
Review in der Milch seiner Mutter NTOA.SA Novum Testamentum et UAVA Untersuchungen zur
BAR.IS British Archaeological und Verwandtes im Lichte Orbis antiquus. Series Assyriologie und Vorderasia-
Reports International eines altorientalischen Archaeologica tischen Archäologie
Series Bildmotivs (OBO 33), NW Neue Wege UF Ugarit-Forschungen
BASOR Bulletin of the American Freiburg (CH)/Göttingen O.K. Othmar Keel, Departement UMM University Museum Katalogteile
Schools of Oriental Research 1980. für Biblische Studien, Monographs
BBVO Berliner Beiträge zum Vorde- Keel, Corpus I Othmar Keel, Corpus der Universität Freiburg CH Vergangenheit S. Schroer/Th. Staubli, Der Primula Bosshard, Fotografin, Freiburg (CH) © Vordere Umschlagklappe (Kat. 7), S. 4 (Kat. 21), Kat. 9-
ren Orient Stempelsiegel-Amulette aus OBO Orbis Biblicus et Orientalis Vergangenheit auf der Spur. 11, 13, 25, 45, 54, 56, 57, 61, 63, 74, 75, 76, 79, 80, 81, 83, 90, 91, Hintere Umschlagklappe (Kat. 8).
BCH Bulletin de corréspondance Palästina/Israel. Von den An OBO.SA Orbis Biblicus et Orientalis Ein Jahrhundert Archäologie Jürg Eggler, Freiburg (CH) © Kat. 3-6, 10, 15, 26-34, 37-39, 43, 44, 46-52, 58, 59, 64-69, 71, 72, 84,
héllenique fängen bis zur Perserzeit. Series Archaelogica im Land der Bibel, Zürich 86, 89.
BEHE Bibliothèque de l’École des Katalog Band I: Vom Tell OEANE The Oxford Endyclopedia of 1993. Ueli Hiltpold, Fotograf, Jegenstorf (CH) © Kat. 2, 12, 17, 18-20, 22, 23, 36, 55, 70, 77a/b, 82, 85, 87,
Hautes Études Abu Faraº bis ≤Atlit Archaeology in the Near VT Vetus Testamentum 88, 92, 94, 95.
BIFAO Bulletin de l’Institut Français (OBO.SA 13), Freiburg (CH)/ East, Oxford 1997 Winter, Göttin Urs Winter, Frau und Göttin. D. Röthlisberger, Zoologisches Museum der Universität Zürich © Titelbild (Kat. 90).
d’Archéologie Orientale Göttingen 1997. OIP Oriental Institute Exegetische und ikono-
BN Biblische Notizen Keel, Corpus Othmar Keel, Corpus der Publications graphische Studien zum 14: © Barbara Connell; Atelier WiZ, Volketswil, CH.
BThSt Biblisch-theologische Studien Stempelsiegel-Amulette aus OLB I Othmar Keel/Max Küchler/ weiblichen Gottesbild im 16: Umzeichnung von Hildi Keel-Leu nach A. Glock (s. Lit. Kat. 16).
Collon, Impressions Dominique Collon, First Palästina/israel. Von den An- Christoph Uehlinger, Orte Alten Israel und in dessen 35a: OLB I, Abb. 44, Grafik: Thomas Staubli.
Impressions. Cylinder Seals in fängen bis zur Perserzeit. und Landschaften der Bibel. Umwelt (OBO 53), Freiburg 40: Umzeichnung nach dem Original von Jean-Marc Wild.
the Ancient Near East, Einleitung (OBO.SA 10), Bd. 1: Geographisch-ge- (CH)/Göttingen, 2. Aufl. 41: s. Kat. 41 (Lit.).
London 1987. Freiburg (CH)/Göttingen schichtliche Landeskunde, 1987. 42a: Karl Jaroç, Hundert Inschriften aus Kanaan und Israel, Freiburg CH 1982, 81.
CSEG Cahiers de la Société 1995. Zürich/Einsiedeln/Köln 1984. WMANT Wissenschaftliche 42b: Ebd. 80.
d’Égyptologie, Genève Keel, Hohelied Othmar Keel, Das Hohelied Page Gasser, Götter Madeleine Page Gasser, Monographien zum Alten 42c: Umzeichnung von Thomas Staubli nach Nahman Avigad/Benjamin Sass, Corpus of West Semitic
CU Christoph Uehlinger, Depar (ZBK.AT 18), Zürich, 2. Aufl. Götter bewohnten Ägypten. und Neuen Testament Stamp Seals, Jerusalem 1997, Nr. 1142.
tement für Biblische Studien, 1992. Ägyptische Bronzen des De- WuD Wort und Dienst 60: © Stadtbibliothek Winterthur.
Universität Freiburg (CH) Keel-Leu, Stempelsiegel Hildi Keel-Leu, Vor partements für Biblische ZÄS Zeitschrift für 73: © D. Röthlisberger, Zoologisches Museum der Universität Zürich.
D. Dicke derasiatische Stempelsiegel. Studien der Universität Ägyptoloigische Studien 73a: IEJ 49 (1999) 54, fig. 14.
DDD Dictionary of Deities and Die Sammlung des Freiburg/Schweiz, Freiburg ZAW Zeitschrift für Alttestament 78a: Archaeology 18 (1965) 46, fig. 10.
Demons in the Bible, Leiden Biblischen Instituts der (CH)/Göttingen 2001. liche Wissenschaft 79a: B. Sass/Ch. Uehlinger (eds.), Studies in the Iconography of Northwest Semitic Inscribed Seals (OBO
2nd ed. 1999. Universität Freiburg Schweiz PBSAE Publications of the British ZBK Zürcher Bibelkommentare 125) 223, Abb. 109.
DkAWW Denkschrift der kaiserlichen (OBO 110), Freiburg (CH)/ School of Archaeology in ZDPV Zeitschrift des Deutschen 92a: Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament. Am Beispiel der
Akademie der Wissenschaf- Göttingen 1991. Egypt Palästina-Vereins Psalmen, Zürich et al. 1980 (3. Aufl.) 253, Abb. 374.
ten in Wien L. Länge PEQ Palestine Exploration Quarterly
Dm. Durchmesser LÄ Lexikon der Ägyptologie, Porada, Corpus Edith Porada, Corpus of
DNP Der Neue Pauly. Enzyklopä- Wiesbaden 1972-1986 Ancient Near Eastern Seals
die der Antike, Stuttgart/ Lit. Weiterführende Literatur in North American Collections. The Collection
Weimar 1996ff. hinweise of the Pierpont Morgan
EHS.A Europäische Hochschul- M.K. Max Küchler, Departement Library, Washington 1948.
schriften. Archäologie für Biblische Studien, QD Quaestiones Disputatae

95 96
Thomas Staubli
Tiere in der Bibel – Gefährten und Feinde
Mit einer Einführung von Silvia Schroer und Illustrationen von Barbara Connell.
Arbeitsmappe inkl. Begleitheft (Comic-Strip zum Thema), mit ausführlichen Lehr-
kraftinformationen, Kopiervorlagen, Farbfolien und zahlreichen Illustrationen.
KiK-Verlag, Berg am Irchel 2001. SFR 35.- ISBN 3-906581-53-5 Begleitheft
(Comic-Strip zum Thema) separat SFR 8.- (ab 10 Ex. SFR 7.20, ab 20 Ex. 6.40)

Madeleine Page Gasser


Götter bewohnten Ägypten
Ägyptische Bronzen des Departements für Biblische Studien der Universität
Freiburg/Schweiz.
Universitätsverlag Freiburg (CH), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen,
196 Seiten Text + 56 Seiten Abbildungen.
SFR 48.- ISBN 3-7278-1359-8

Othmar Keel, Christoph Uehlinger


Altorientalische Miniaturkunst
Die ältesten visuellen Massenkommunikationsmittel.
Ein Blick in die Sammlungen des Biblischen Instiuts der Universität Freiburg
Schweiz.
Universitätsverlag Freiburg (CH), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen,
2. erw. Auflage 1996, 192 S. reich illustriert, gebunden.
SFR 48.- / DM 58.-/ öS 467.- ISBN 3-7278-1053-X

Othmar Keel, Silvia Schroer


Schöpfung
Biblische Theologien im Kontext altorientalischer Religionen.
Universitätsverlag Freiburg (CH), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001,
336 S. 150 Abb., kartoniert.
SFR 58.- / DM 64.-/ öS 426.- ISBN 3-7278-1053-X

Ein Projekt des Departements für Biblische Studien


der Universität Freiburg Schweiz

• eine Sammlung von internationalem Rang


und pädagogischer Aussagekraft

• ein einzigartiger Blick auf Quellen und Wurzeln


der europäischen Religions- und Kulturgeschichte

• ein ideal gelegenes Forum der Begegnung von


Wissenschaft und Gesellschaft, Religion und Kultur

• ein Novum in der schweizerischen Museenlandschaft


mit europäischem Potential

Möchten Sie mehr über das Projekt erfahren?


Möchten Sie das Projekt finanziell unterstützen?
Wir senden Ihnen gerne entsprechende Unterlagen:
Projekt «BIBEL+ORIENT Museum», Kirchstr. 52, 3097 Liebefeld
Tel. 031-971 84 54; E-mail b-o@unifr.ch;
www.bible-orient-museum.ch
97