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RB 2001 - 108-3 (pp. 349-359).

“SÖHNE KAINS”.
BERÜHRUNGSPUNKTE
ZWISCHEN TEXTKRITIK
UND INTERPRETATIONSGESCHICHTE
AM BEISPIEL JOH 8,44 BEI APHRAHAT*
von
Tobias Nicklas

Katholisch-Theologische Fakultät Regensburg


(Exegese des Neuen Testaments)
Universitätsstraße 31
D-93053 Regensburg
ALLEMAGNE

Zusammenfassung

Das sich in Aphrahats Dem 16,8 findende Zitat “Ihr seid Söhne Kains” darf
nicht als Textvariante zu Joh 8,44 ausgefaßt werden und von daher zu text-
kritischen Spekulationen führen. Vielmehr läßt es sich im Rahmen einer breit
zu bezeugenden syrischen Auslegungstradition von Gen 4 verstehen, in der die
Gestalt Kains immer mehr zum Symbol teuflischer Finsternis in der Welt
wurde. Diese Auslegungstradition wurde nicht nur bei Aphrahat in Verbin‫־‬
dung zu Joh 8,44 gebracht, auch in Ephräms Auslegung der Passion können
die jüdischen Ankläger Jesu als “Haus Kains” bezeichnet werden.

* Ich bin in besonderem Maße Herrn Prof. Dr. Sebastian BROCK, Oriental Institute, Uni-
versity of Oxford, zu Dank verpflichtet, der mir freundlicherweise seine persönliche
Abschrift der unveröffentlichten “Homilie über Abel und Kain” Isaaks von Antiochien (MS
VatSyr. 120) zur Verfügung stellte.
350 TOBIAS NICKLAS

Sommaire

Le “Vous êtes les fils de Caïn”, de la Demonstratio 16,8 d’Aphraate ne doit


pas être prise pour une variante de Jn 8,44, et utilisée pour des spéculations
de critique textuelle. Il s’agit de la comprendre dans le cadre d’une interpréta‫־‬
tion syrienne largement attestée de Gn 4, dans laquelle la figure de Caïn
devient de plus en plus un symbole des ténèbres démoniaques en ce monde.
Cette tradition interprétative aurait été mise en rapport avec Jn 8,44 non seu-
lement par Aphraate, mais aussi par Ephrem: dans son commentaire de la Pas-
sion, les accussateurs juifs de Jésus sont désignés comme “Maison de Caïn”.

Nicht nur als “die antijudaistischste Aussage des NT”1 bereitet


Joh 8,44 dem Exegeten Kopfzerbrechen. Vielmehr hat der Text, der
zusätzlich voller grammatikalischer Mehrdeutigkeiten steckt, im letzten
Jahrhundert wiederholt Anlaß gegeben zu Spekulationen über
mögliche Konjekturen2, die ihn lesbarer oder sinnvoller machen könn‫־‬
ten. Als Ausgangspunkt bot sich dazu meist zusätzlich eine Aussage
Aphrahats in Demonstratio 16,83 an, die als Textvariante zu Joh 8,44a
aufgefaßt wurde:
»ïja râo ^»r^o.T yoèvj.»030 11‫־‬

(“Ihr seid Söhne Kains und nicht Söhne Abrahams.”)

1 BECKER, J., Das Evangelium nach Johannes. Bd. 1: Kapitel 110‫־‬, ÖTBK 4,1, Gütersloh
31991, 358.
2 Schon J. WELLHAUSEN (Erweiterungen und Änderungen im vierten Evangelium, Berlin
1907, 1924‫ ;־‬Das Evangelium Johannis, Berlin 1908, 4244‫ )־‬hat für Joh 8,44 neben weite-
ren Textänderungen die Konjektur: “Ihr seid Söhne Kains” vorgeschlagen. Ihm folgten
A.B. Drachmann (“Zu Joh 8,44”, ZNW 12, 1911, 8485‫ )־‬und E. Hirsch (Studien zum vier-
ten Evangelium [Text/Literarkritik/Entstehungsgeschichte], BHTh 11, Tübingen 1936, 78‫־‬
80: er argumentiert wie Wellhausen auf literarkritischer Ebene). Die Frage wurde erneut von
N.A. Dahl (“Der Erstgeborene Satans und der Vater des Teufels [Polyk. 7,1 und Joh 8,44]”,
in: Apophoreta (= FS E. Haenchen), BZNW 30, Berlin 1964, 7084‫)־‬, diesmal allerdings auf
textkritischer Ebene, aufgegriffen. Zuletzt hat G. Reim (“Joh 8.44 ‫ ־‬Gotteskinder/Teufeis-
kinder. Wie antijudaistisch ist 4die wohl antijudaistischste Äußerung des NT’?”, NTS 30,
1984, 619624‫ )־‬den Ansatz Dahls mit neuen Beobachtungen aufgenommen und verteidigt.
Trotzdem wurde der Vorschlag einer Konjektur des Textes in der Forschung zu Recht
nahezu einhellig abgelehnt.
3 Die Abschnittszählung entspricht der der Textausgabe J. PARISOTS (Aphraatis Sapientis
Persae Demonstrationes, hg. und lat. üs. J. Parisot, PS 1/1, Paris 1894). Das angegebene Zitat
findet sich unter 784/10.
SÖHNE KAINS’ 351

Vor allem in Verbindung mit einem freien Zitat von Joh 8,39 wenige
Zeilen vorher4 läßt sich obiger Text tatsächlich als Anspielung, Zitat,
Paraphrasierung oder Auslegung von Joh 8,44a auffassen. Doch hier
beginnen erst die eigentlichen Probleme, deren Lösung wir im folgen-
den einen Schritt näher kommen möchten:
(1) Handelt es sich bei Aphrahats Aussage um eine eigene Text-
variante oder um eine Auslegung des Textes von Joh 8,44a?
(2) Wie läßt sich die Entstehung einer derartigen Textvariante bzw.
Auslegung des Textes von Joh 8,44a erklären?

1. Aphrahats Evangelientext
Das erste Problem liegt in der Fragestellung, auf welche Form des
Evangelientextes Aphrahat beim Verfassen seiner Demonstrationes
zurückgreifen konnte. Die einzige Feststellung, von der nahezu mit
Sicherheit ausgegangen werden kann, ist die, daß die auf die Jahre 336-
345 n. Chr. datierbaren Schriften Aphrahats einen älteren Evangelien-
text als den der Peschitta voraussetzen. Dabei ist mit einiger
Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, daß Aphrahat aus einem Exem-
plar von Tatians Diatessaron zitierte5. Betrachtet man nun die erhalte-
nen altsyrischen Zeugen des Textes, so ergibt sich folgendes Bild.
(1) Ephräm legt in seinem Kommentar zum Diatessaron auch
Joh 8,44a aus. Dabei dürfte der ihm vorliegende Text folgendermaßen
gelautet haben:
r^Tinl yûèu^rociia yaàur^6
(“Ihr seid Söhne des Bösen.”)

4 ebd., 784/2.
5 Zu diesem Schluß kommt auch T. BAARDA (The Gospel Quotations of Aphrahat the Per-
sian Sage, Bd. 1: Aphrahat’s Text of the Fourth Gospel, Amsterdam 1975: 347), die wohl
genaueste und ausführlichste Arbeit zu Aphrahats Evangelientext, die m.W. in den letzten
Jahrzehnten vorgelegt wurde. Hier findet sich auch die ältere Literatur zur Thematik verar-
beitet. Allerdings läßt sich eine Abhängigkeit Aphrahats vom Diatessaron auch nicht ohne
jeden Zweifel erweisen. Dies liegt natürlich an den bekannten Schwierigkeiten der Rekon-
struktion des ursprünglichen Diatessarontextes (mit dem der Text Aphrahats ja zusätzlich
nicht in jedem Detail identisch sein muß), aber auch an der schlechten Uberheferungslage
der Vetus Syra und der Möglichkeit gegenseitiger Beeinflussung der Texttraditionen.
Genauso kann aber auch die Tatsache, daß Aphrahat in Dem 23,20 die Genealogie aus
Lk 2,4 zitiert, eine Stelle, die nach Theodoret v. Cyrus (PG 83,372 A) im Diatessaron gefehlt
haben soll, nicht als Gegenargument für eine Kenntnis des Evangelion da‫־‬Mepharreshe
herangezogen werden. Vgl. dazu LELOIR, L., Le Témoignage d’Ephrem sur le Diatessaron,
CSCO 227, Louvain 1962, 8488‫־‬.
6 Saint Ephrem, Commentaire de VEvangile concordant, Texte Syriaque (Manuscrit Che-
ster Beatty 709), hg. und lat. üs. L. Leloir, CBM 8, Dublin 1973, 184/1415‫־‬.
352 TOBIAS NICKLAS

Was er unter dem “Bösen” versteht, zeigt sich wenige Zeilen vorher,
im Beginn des 26. Kapitels, wo er den Namen Abrahams ytx)
und die Werke des Satans kontrastiert rtxäzJ)7. Es bieten also
weder Text noch Auslegung durch Ephram einen Anhaltspunkt für die
Variante bei Aphrahat.
(2) Als weiterer, wenn auch weniger sicherer Zeuge für den syrischen
Text des Diatessaron8 bietet auch das etwa im 3./4. Jahrhundert ent-
standene anonyme Liber Graduum ein Zitat von Joh 8,44a. Der sich
hier findende Text ist mit dem Ephräms nahezu identisch9:
rfr % ‫ד‬.‫ ו‬yoàvj -»roä in
(“Söhne des Bösen seid ihr.”)
(3) Unter den beiden Manuskripten, die den altsyrischen Text des
Evangeliums bewahren, ist der Text von Joh 8,44a alleine im Sinai-
ticuspalimpsest erhalten, der Curetonianus ist hier leider lückenhaft.
Interessanterweise bestätigt sich auch hier weitgehend das Bild, das
sich in den beiden ersten Texten gezeigt hat10:
y0èur< t<T »‫ד‬.‫*^ ך‬.‫ ד‬yaàur<
(“Ihr aber seid des Bösen”)
Daß hier wohl mit dem Wort rC3t ! 1 der griechische Begriff διάβολος
übersetzt wird, zeigt sich auch an Mt 13,39 im selben Manuskript11.
Wichtig für die Auslegung von Joh 8,44 anhand des Sinaiticustextes ist
die Frage, ob der Begriff-· ‫כס‬ (“sein Vater”) im letzten Abschnitt
von Vers 8,44 den “Bösen” oder eventuell dessen Vater bezeichnet. Mit
seinem maskulinen Pronominalsuffix kann er zumindest nicht als
“Vater der Lüge”12 übersetzt werden. Möglich ist aber ein Bezug auf den

7 ebd., 184/910‫־‬.
8 Vgl. dazu Liber Graduum, hg. und lat. üs. M. Kmosko, PS 1/3, Paris 1926, xi: “... textus
«Evangelii» Tatianei Διά τβσσάρων‫ ׳‬citatur.” Genauere Untersuchungen des Evangelientextes
im Liber Graduum legten seither A. RÜCKER (“Die Zitate aus dem Matthäusevangelium im
syrischen 4Buche der Stufen’ ”, BZ 20, 1932, 242254‫ )־‬und J. PARSONS (The Nature of the
Gospel quotations in the Syriac Liber Graduum, Diss. Birmingham, 1969) vor.
9 Liber Graduum 712/2.
10 K1RAZ, G.A., Comparative Edition of the Syriac Gospels. Aligning the Sinaiticus, Cure-
tonianus, Peshîttâ and Harklean Version, Bd. 4, NTTS 21/4, Leiden u.a. 1996, 165.
11 Sy* übersetzt hier in Übereinstimmung mit Sy διάβολος mit r£v»‫»־‬. Ansonsten kennt Sy8
eine Reihe von Ausdrücken für διάβολος, so 1<±^so (Mt 4,8; Lk 4,2.13; Joh 6,70; 13,2),
r<£‫־‬to (Mt 4,1.5; 25,41; Lk 4,3), (Lk 8,12) und (Mt 4,11). In
Lk 4,6 wird διάβολος gar nicht übersetzt, sondern fällt weg.
12 Bei dem syrischen Begriff , “Lüge”, handelt es sich um ein Feminin.
SÖHNE KAINS 353

r<\^1 im gleichen Abschnitt von 8,44, so daß eine Übersetzung als


66Vater des Lügners”13, aber auch als 66Vater des Bösen” möglich wäre.
(4) Die wenigen Mosaiksteinchen, die von der breiten Überlieferung
der altsyrischen Evangelientexte erhalten sind, ergeben ein weitgehend
einheitliches Bild14. In keiner der Varianten wird wie im Griechischen
das Herkunftsverhältnis durch den Begriff des 66Vaters” ausgedrückt,
sondern entweder durch den Begriff der 66Söhne” (Ephräm/Liber Gra-
duum) bzw. durch das hier ein Abstammungsverhältnis ausdrückende
.‫( ד‬Sy8) wiedergegeben.
Zwar weisen also die bekannten altsyrischen Evangelientraditionen
gewisse Variationen untereinander und vor allem gegenüber dem Text
der Peschitta auf5. Trotzdem findet sich nichts, was näheren Aufschluß
über die Aussage Aphrahats bringen könnte. Eine Erklärung des
Aphrahat-Zitates als Variante innerhalb eines altsyrischen Evangelien-
textes wird damit wohl eher unwahrscheinlich gemacht16.

2. Die Rolle Kains bei Aphrahat und in der syrischen Tradition


2.1. Kain in Aphrahats Demonstrationes
Da die textlichen Varianten, die uns die altsyrischen Evangelientexte
bieten, keine Entscheidung erlauben, soll nun der umgekehrte Versuch
unternommen werden, die Aussage Aphrahats im Rahmen der Inter-
pretationsgeschichte des Textes Joh 8,44 zu verstehen. Dazu sollen
zunächst die entscheidenden Textstellen in den Demonstrationes unter-
sucht werden, die Aussagen über die Gestalt des Kain bieten.
(1) An einer ganzen Reihe von Stellen dient die Gestalt Kains
gemeinsam mit anderen Negativfiguren zur Illustration negativer

13 So versteht auch A. MERX (Die vier kanonischen Evangelien nach ihrem ältesten
bekannten Texte. Uebersetzung der syrischen im Sinaikloster gefundenen Palimpsesthand-
schrift, Berlin 1897, 198) den Text.
14 Nicht zu den altsyrischen Überlieferungen des Evangelientextes werden hier die syro-
palästinischen Evangelienlektionare gerechnet, obwohl sie wohl manche Variante des Dia-
tessaron oder des altsyrischen Evangelion da‫־‬Mepharreshe enthalten (vgl. PETERSEN, W.L.,
Tatians Diatessaron. Its Creation, Dissemination, Significance and History in Scholarship,
VigChr.S 25, Leiden-New York-Köln 1994, 149). Ihr Text von 8,44a liest
y0à\r^ t<1\sx> yCiÄoar^ (The Palestinian Syriac Lectionary of the Gospels. Re-Edited from
Two Sinai MSS. and from P. de Lagarde’s Edition of the 4Evangeliarium Hierosolymitamum’,
hg. von A.S. Lewis und M.D. Gibson, Cambridge 1899 (ND Jerusalem 1971), 37/67‫)־‬.
15 Der Text der Peschitta lautet for Joh 8,44a: r61r^ yCièu r^.
16 Auch T. BAARDA (Quotations, 129f.) vermutet, daß Apnrahat ein den angegebenen
Varianten ähnlicher Text Vorgelegen haben mag.
354 TOBIAS NICKLAS

Eigenschaften. Die gegenüber Kain gebrauchten Attribute hängen dabei


in vielen Stellen mit dem Zentralgedanken des Mordes an Abel17 zusam-
men. In Dem 4,2f. wird dabei die Reinheit Abels der Unreinheit des
Kainsopfers wie ein Spiegel gegenübergestellt. Vor diesem Hintergrund
müssen die zahlreichen Negativattribute verstanden werden, mit denen
Aphrahat Kain versieht. Daß Kains Opfer nicht angenommen wurde,
erklärt Aphrahat in Dem 4,2 damit, daß er voll von Täuschung bzw. List
gewesen sei18. Dies wird auch in Dem 7,8 als Grund für den Mord
an Abel angegeben19. Als weitere Motive für den Mord nennt Aphrahat
u.a. in Dem 9,8 die Eifersucht (‫<׳‬u\)20, in Dem 14,10 den Stolz
(rtfà\cc*t)21 und indirekt die Arroganz (r^lacnaojc)22. Daneben verwen-
det Aphrahat die Gestalt Kain auch zur Illustration für das Thema der
“Lüge”, bzw. des “Lügens”. So zitiert er in Dem 7,16 die Lüge Kains aus
Gen 4,9 und verbindet auch in Dem 14,42 den Mord Kains mit der
Lüge. Vielleicht zeigt sich schon hier eine erste Brücke zu Joh 8,44, wo
sich im griechischen Text — und vielleicht auch in dem uns im Detail
unbekannten Text Aphrahats — die Motive des “Menschenmordes” bzw.
der “Lüge” in enger Verbindung nebeneinander finden.
(2) Weiteren Aufschluß bietet nun Dem 14,40. Hier findet sich die
einzige Stelle in Aphrahats Demonstrationes, in der Kain mit der Ge‫־‬
stalt des (Satan) in Beziehung gesetzt wird. Von letzterem wird
ausgesagt, daß er in listiger Weise in die Menschen eindringe und sie
ihres Lebens verlustig mache23. Als ein Beispiel dafür nennt Aphrahat
wenige Zeilen später den Fall Kain und Abel, dabei führt er den Mord
an Abel letztlich auf die Mordgier des Satans zurück24.
(3) Als dritte interessante Beobachtung läßt sich festhalten, daß
Aphrahat nicht nur in Dem 16,8 von der Nachkommenschaft Kains
spricht. Während in Dem 13,5 und 18,9 in mythologischer Rede über
die Verbindung der Nachkommenschaft Kains und Sets die Rede ist,
zeichnet Aphrahat in Dem 14,50 Kain als Symbolfigur für eine be-
stimmte Gruppe von Menschen25:

17 Vom Töten des Bruders durch Kain ist in Dem 5,3; 7,8.16; 9,8; 14,40 und 14,42 die
Rede.
18 Vgl. Parisot, 1, 140/22.
19 ebd., 324/12.16. In Zeile 16 ist dabei von der “Hinterlist des Herzens” die Rede.
20 ebd., 425/5.
21 ebd., 591/15.18.
22 ebd., 591/15.
23 ebd., 685/8ff.
24 ebd., 685/19ff.
25 ebd., 725/5f.
SÖHNE KAINS 355

^»r£o V<1 r£L*tu Vin


(“Die Söhne des Streits werden Söhne Kains genannt.”)
Diesen Söhnen Kains stellt er nun die Brüder des Messias bzw. die
Söhne des Vaters im Himmel gegenüber:
r&nrt ,11.3 f<u!‫מנז‬.‫ ו‬-*mcLur< yOcnuàur^ r&ii >n
(“Die Söhne des Friedens sind Brüder des Messias,
Söhne des Vaters im Himmel”)
Vergleicht man diese Konstellation mit dem Streitgespräch Jesu und
den Ιουδαίοι ab Joh 8,31, so zeigen sich eine Reihe von Parallelen:
Jesus weist den Anspruch der Ιουδαίοι, Abrahamskinder zu sein, mit
dem Argument zurück, daß sie dann auch die Werke Abrahams zu tun
hätten (8,37.39f.). Auf die Behauptung Jesu, sie vollbrächten die Werke
ihres Vaters (8,40), antworten die Ιουδαίοι mit dem noch einmal ge‫־‬
steigerten Anspruch, ihr Vater sei Gott. Diese Aussage wird im weiteren
Verlauf des Dialoges zur Grundlage des Vorwurfes, daß nicht Gott, son‫־‬
dern der Teufel der Vater der Ιουδαίοι sei (Joh 8,44a). Sowohl bei
Aphrahat, als auch im Text des Joh findet sich also die Vorstellung von
zwei einander entgegengesetzten Gruppen: Im Johannesevangelium
steht Jesus als der Sohn Gottes den Söhnen des Teufels gegenüber, bei
Aphrahat sind es die Söhne des Friedens, die Brüder des Messias als
Söhne Gottes gegenüber den Söhnen Kains. Der Schritt zwischen bei‫־‬
den Vorstellungen ist kein allzu großer.
(4) Eine ganz ähnliche Konstellation liegt nun in Dem 16,8 vor. Der
Text bietet folgende Grobstruktur:
A Juden: 1130 γ^οπΛγ^.1 οιλι. ycu ^lu
(“Wir sind das Volk Gottes und die Söhne Abrahams”)
Bl Gegenargument 1 :
Johannes der Täufer: Mt 3,9
B2 Gegenargument 2:
Jesus: }133 ‫כסב‬V13 vaèu1< -»030-L3
(“Ihr seid Söhne Kains und nicht Söhne Abrahams”)
B3 Gegenargument 3:
Paulus: Röm ll,17f.
A Juden: γΛεΛγΛ ‫^כעגס‬. yCur^ ^Luo 711 yCUr^ ^jlu
(“Wir sind Söhne Abrahams, und wir sind das Volk
Gottes”)
356 TOBIAS NICKLAS

Die in den Rahmenteilen deutlich auf Joh 8,3926 zurückgreifende


Argumentation zeigt nun noch deutlicher als oben die Polarität zwi-
sehen den synonymen Ausdrücken “Söhne Abrahams” bzw. “Volk
Gottes” auf der einen Seite und “Söhne Kains” auf der anderen Seite.

2.2. Kain als Urbild des Mörders der “Vater der Juden9? — Parallele
Beispiele aus der syrischen Tradition
Was bei Aphrahat nur angedeutet ist, wird bei seinem Zeitgenossen
Ephräm in deutlich breiterem Maße ausgemalt27. Für die nun folgenden
Aussagen und Zitate aus den Schriften Ephrams ist zu beachten, daß
sie nicht im Sinne einer in sich stimmigen “dogmatischen” Lehre ver-
standen werden wollen, sondern daß sie sich weit verstreut vor allem in
der poetischen Literatur Ephräms wiederfinden. Dies heißt natürlich,
daß jeder Versuch der Systematisierung eine gewisse Verzerrung mit
sich zieht. Trotzdem seien aus dem weitgespannten Œuvre Ephräms
drei grundlegende Aussagen über die Kainsgestalt herausgefiltert, die
die bisherigen Beobachtungen bei Aphrahat zu bestätigen und in einen
weiteren Kontext zu stellen vermögen:
(1) Für Ephräm stellt Kain, der wie bei Aphrahat häufig in Kontrast
zu seinem Bruder Abel gesehen wird, das Urbild von Finsternis, Sünde
und Tod der Welt und Menschheit dar. Eine der deutlichsten Aussagen
hierzu findet sich in Contra Haereses 18,6:
44Die Finsternis stellte Kain dar; lasst uns das betrachten! — Das Dunkel ver-
deckt die Geschöpfe, ihre Schönheit; — und Kain verbirgt die Gerechten,
ihre Ermordung. — Siehe wie einer im andern dargestellt ist!”28

(2) Dieses Urbild des Bösen in der Menschheitsgeschichte wird von


Ephräm an mehreren Stellen als Schüler des Bösen29, ja als Symbol für
die Finsternis und das Wirken Satans in der Welt dargestellt. Dies macht
Ephräm in Contra Haereses 18,8 besonders deutlich:

26 vgl. Baarda, Quotations, 128.


27 Zur Gestalt des Kain im weitgespannten Œuvre Ephräms vgl. auch Kronholm, H.,
Motifs from Genesis 1-11 in the Genuine Hymns ofEphrem the Syrian. With Particular Refe-
rence to the Influence of Jewish Exegetical Tradition, ConB OT 11, Lund 1978, 135145‫־‬.
Hier werden auch mögliche jüdische Quellen der Auslegungstraditionen Ephräms diskutiert.
28 Vgl. Des Heiligen Ephraem des Syrers Hymnen Contra Haereses, dtsch. üs. E. Beck,
CSCO 170, Louvain 1957, 63. Das syrische Original findet sich in CSCO 169, 64f.
29 Als Beispiel hierfür wäre aus den nisibenischen Gesängen Nummer 57,4 zu nennen.
Vgl. Des Heiligen Ephraem des Syrers Carmina Nisihena (Zweiter Teil), hg. E. Beck, CSCO
240, 85.
SÖHNE KAINS’ 357

44Warum wurde die Finsternis zuerst erschaffen, — und (warum) trug die (die
Ehre) des Anfangs und der Erstgeburt davon? — Um Kain und seine Erst-
gebürt darzustellen! — Und dann wurde das Licht wie Abel erschaffen, —
und es war schön das Licht, das nach (der Finsternis) erschaffen wurde, —
wie Abel der nach (Kain) geboren wurde. — Kain und die Finsternis waren
die Erstgeborenen, die älteren, ‫ ־־‬und Abel und das Licht die späteren; denn
sie waren Gleichnisse — für die Welt und für unseren Erlöser.”30
Einen Schritt weiter geht er z.B. in De Nativitate 17,6 und 26,8, wo
er vom 46Eindringen der Schlange” in Eva spricht: Eva wird somit zur
Gegengestalt der Jungfrau Maria31, Kain — zumindest symbolisch ge-
sprochen — einer Art 44Erstgeborenen Satans”.
(3) Als solcher ist Kain zugleich erstes Glied in der Kette der 44Kin-
der der Finsternis”. Immer wieder sieht Ephräm in der Geschichte der
Menschheit solche Zeichen der Finsternis repräsentiert. Dabei sind für
die vorliegende Fragestellung besonders die Stellen interessant, in
denen sich Ephräm mit der Passionsgeschichte auseinandersetzt. Dabei
findet sich besonders in De Crucifixione 4,7 eine erstaunliche Parallele
zum Ausgangszitat Aphrahats: Ephräm spiegelt die Schuld der jüdi-
sehen Ankläger Jesu mit der Unschuld Jesu. In diesem Zusammenhang
kann er nun — nahezu analog zu Aphrahat — die jüdischen Ankläger
Jesu als das r£o das 44Haus Kain”, bezeichnen — im Gegensatz
zum gerechten Richter Pilatus32, der seine Hände in Unschuld wäscht.
Diese Aussage wird noch einmal überboten in 44Contra Haereses”
43,14:
44Nicht ist Kain (so) tadelnswert — wie die Kreuziger, die (ihm) gar so sehr
gefolgt sind — (in) seinem Handwerk.”33
Wirft man nun einen Blick in weitere syrische Literatur, so zeigt sich,
daß gerade die bei Aphrahat nur in Dem 14,40 angedeutete Verbindung
Kains mit dem Satan in der weiteren Auslegungsgeschichte von Gen 4
mit immer grelleren Farben ausgemalt wird34. Nur noch an einem

30 Contra Haereses, CSCO 170, 64. Das syrische Original findet sich in CSCO 169, 65.
31 Vgl. Des Heiligen Ephraem des Syrers Hymnen De Nativitate (Epiphania), hg. von
E. Beck, CSCO 186, 88. 135.
32 Vgl. Des Heiligen Ephraem des Syrers Paschahymnen (De Azymis, De Crucifixione, de
Resurrectione), hg. von E. Beck, CSCO 108, 56f.
33 Contra Haereses, CSCO 170, 154.
34 Ich möchte hier, um den Rahmen der Untersuchung nicht zu sprengen, auf die äußerst
detaillierten Aussagen bei J.B. Glenthoj (Cain and Abel in Syriac and Greek Wnters [4th to
6th centunes], CSCO 567, Louvain 1997) verweisen und nur einige Namen nennen: Beide
syrischen Rezensionen “Caverne des Trésors” (vgl. CSCO 486, Louvain 1987, 4447‫ )־‬spre-
chen vom Satan, der in Kain “eingefahren” sei, damit dieser seinen Bruder ermorde. Deut-
358 TOBIAS NICKLAS

besonders deutlichen Beispiel sei gezeigt, daß die Verbindungen zwi-


sehen Gen 4 und Joh 8,44 auch ganz explizit hergestellt wurden. So
schreibt Philoxenus von Mabbug in seinem nur fragmentarisch erhalte‫־‬
nen Lk‫־‬Kommentar:
he [Cain, Anm. d Vf.] was not the inventor of killing, but served the will
of another, him about whom Christ said, From the beginning he was a mur-
derer and does not stand in the truth.... And whereas through Eve he [Satan;
Anm. d. Vf.] brought in death upon Adam, here through Cain he killed
Abel.”35

3. ZiiftflTnmftnfaftfiiing
Auch wenn aufgrund der schlechten Bezeugung des altsyrischen
Evangelientextes sowohl im Evangelion da‫־‬Mehallete, als auch im
Evangelion da‫־‬Mepharreshe keine unumstößlichen Aussagen gemacht
werden können, dürfte wohl auch Aphrahats Text für Joh 8,44 in etwa
wie der der anderen bekannten altsyrischen Zeugen gelautet haben.
Das mit Dem 16,8 angestoßene Problem läßt sich also alleine auf text-
kritischer Basis nicht lösen. Deutlich wahrscheinlicher läßt sich aber
eine Lösung auf interpretationsgeschichtlicher Ebene machen. In
Aphrahats Evangelienzitat von Joh 8,44a scheinen sich ein Strang der
Rezeptionsgeschichte von Gen 4 mit dem Text von Joh 8,44 zu verbin-
den. Die Möglichkeiten der Anknüpfung liegen hierfür auf verschiede-
nen Ebenen:
(1) Nicht nur bei Aphrahat finden sich deutliche Hinweise auf eine
Auslegungstradition, die die Mordtat Kains in enge Verbindung mit dem
Satan bringt, ja diesen schließlich als den in Kain eigentlich Handeln-
den darstellt. Die beiden Gestalten werden damit, wenn auch nicht aus-
tauschbar, so doch in unmittelbare Nähe zueinander gerückt.
(2) In der Auslegung von Gen 4 wird Kain geradezu zum Repräsen-
tanten eines Reihe von Attributen, die sich auch für den διάβολος bzw.

lieh hebt auch Narsai (vgl. Homélies de NarsaX sur la Création, hg. und frz üs. P. Gignoux,
PO 34/4, Tumhout-Paris 1968, 628635‫ )־‬die Verbindung Kains und Satans hervor. Die
wohl ausführlichste Darstellung der Verbindung zwischen Kain und Satan stellt wohl die
inedierte “Homilie über Abel und Kain” (MS Vat. Syr. 120) Isaaks von Antiochien dar. Hier
wird der t<r *1 ganz deutlich als der bezeichnet, der Kain zum Mord anstiftet. In einer lan-
gen Rede Satans an Kain (178a-179a) ist sogar davon die Rede, daß Satan das Hochzeitsfest
Kains vorbereitet.
35 PHILOXENUS OF Mabbug, Fragments of the Commentary on Matthew and Luke, engl üs.
J.W. Watt, CSCO 393, Louvain 1978, 32f. Das syrische Original findet sich in CSCO 392, 85.
SÖHNE KAINS’ 359

den in Joh 8,44 finden. Besonders herausragend sind dabei die


Motive des Menschenmordes und der damit verbundenden Lüge.
(3) Wenn nun in der jüdisch-christlichen Kontroverse, die Aphrahat
führt, die beiden entgegengesetzten Gruppierungen charakterisiert wer-
den sollen, so liegt es nahe, auf die auch in Joh 8,3 Off. gemachten
einander entgegengesetzten Gruppierungen der “Söhne Abrahams”
bzw. der “Söhne Gottes” einerseits und der “Söhne des Teufels” ande-
rerseits zurückzugreifen. Wenn nun ein den “Söhnen Abrahams” ent-
sprechendes Pendant auf der Seite der “Söhne des Teufels” gesucht
werden soll, so bietet sich als Paradebeispiel Kain an, die menschliche
Symbolgestalt negativer Eigenschaften.
Aphrahat verbindet also in Dem 16,8 Elemente einer breit zu bezeu-
genden Auslegungstradition von Gen 4 mit Joh 8,44 — keinesfalls also
darf sein Zitat als mögliche Sonderlesart für textkritische Fragestellung
mißbraucht werden. Vielmehr zeigt sich, daß die wachsenden Ausle-
gungstraditionen von Gen 4, in der die Kainsgestalt immer mehr zur
Symbolfigur für Finsternis und Mord wurde, sich auch mit anderen
neutestamentlichen Texten verbinden ließen und — im Falle Ephräms
— aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbare “antijüdische Blü-
ten” treiben konnten.
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