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8.9.2020 «Corona Fehlalarm?» im Faktencheck – Stimmen die Behauptungen im Corona-Bestseller?

| Berner Zeitung

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Abo «Corona Fehlalarm?» im Faktencheck

Stimmen die Behauptungen im Corona-


Bestseller?
Seit Wochen steht das Buch «Corona Fehlalarm?» des deutschen Ehepaars Sucharit
Bhakdi und Karina Reiss ganz oben auf den Verkaufslisten. Wir überprüfen es auf
seinen Wahrheitsgehalt.

Alexandra Bröhm, Felix Straumann


Publiziert: 07.09.2020, 19:28

Bewilligte Demonstration von Ende August in Zürich: Viele Corona-Gegner fühlen sich durch
Sucharit Bhakdi und Karina Reiss bestärkt.
Foto: Samuel Schalch

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8.9.2020 «Corona Fehlalarm?» im Faktencheck – Stimmen die Behauptungen im Corona-Bestseller? | Berner Zeitung

In der Schweiz und in Deutschland steht das Buch «Corona Fehlalarm?» von
Sucharit Bhakdi und Karina Reiss seit Wochen auf Platz eins der Bestsellerlisten.
Bhakdi ist emeritierter Professor für Mikrobiologie an der Universität Mainz, seine
Frau Karina Reiss Professorin für Biochemie an der Universität Kiel. Bhakdi
veröffentlichte schon im März mehrere Youtube-Videos, in denen er die
Massnahmen zur Pandemie-Bekämpfung in Deutschland kritisierte. Wenige
Wochen später gab er Ken Jebsen, der auf seiner Website verschiedene
Verschwörungstheorien unter anderem zu Covid-19 propagiert, ein viel beachtetes
Interview (lesen Sie mehr über die Köpfe hinter den Corona-Protesten).

«Corona Fehlalarm?» ist in polemischem, anklagendem Grundton verfasst, in 10


Kapiteln enervieren sich Bhakdi/Reiss über die weltweiten Versuche, die Pandemie
in Schach zu halten. Dabei zitiert das Autorenpaar nur einzelne Studien, die
grösstenteils aus den Anfangszeiten der Pandemie stammen. Wichtige
wissenschaftliche Arbeiten zu den gleichen Themen bleiben unerwähnt. Die
Universität Kiel hat sich inzwischen mit einem offiziellen Statement von dem Buch
distanziert: «Das Buch enthält tendenziöse Aussagen, die die wissenschaftliche
Sorgfalt medizinischer Forschung in Deutschland und international infrage
stellen», heisst es in der Stellungnahme der medizinischen Fakultät. Wir
überprüfen einige Hauptaussagen des Buches auf ihren Wahrheitsgehalt.

Das Virus ist nicht besonders gefährlich und mit der Grippe
zu vergleichen
Bei dieser Frage beziehen sich die Autoren vor allem auf eine Studie, die vor fast
sechs Monaten erschienen ist und nur Fälle bis zum 2. März erfasst, als die
Pandemie in Europa erst so richtig begann. Sie kritisieren die
Weltgesundheitsorganisation (WHO), die von einer viel zu hohen Sterblichkeit
ausgehe. Doch auch hier stammt der zitierte Bericht aus den ersten Märztagen, als
man noch wenig wusste. In den letzten sechs Monaten sind unzählige neue
Erkenntnisse dazugekommen. Sie werden nicht erwähnt.

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Zur Gefährlichkeit des Virus weiss man heute schon einiges mehr. «Unabhängig
voneinander und mit unterschiedlichen Methoden bekommen wir aus immer
mehr Regionen Studien, die ganz klar zeigen, dass Covid-19 eine viel ernstere
Krankheit ist als die saisonale Grippe», sagt Epidemiologe Andrew Azman, der an
der Universität Genf und der John-Hopkins-Universität in den USA forscht. Azman
war an der Studie beteiligt, die im April aufzeigte, wie viele Menschen in Genf
bereits Antikörper gegen das Virus hatten. Die meisten Forscher gehen im Moment
von einer Infektionssterblichkeit – also nicht nur bestätigte Fälle, sondern die
Dunkelziffer mit eingerechnet – von 0,5 bis 1,0 Prozent aus. Bei den jährlichen
Grippeepidemien liegt dieser Wert durchschnittlich bei 0,1 Prozent. An der Grippe
erkranken jährlich 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung, bei Covid-19 kann dieser Wert
ohne Gegenmassnahmen bei 50 bis 60 Prozent liegen, wie beispielsweise in
Bergamo, wodurch auch mehr Menschen insgesamt sterben.

Dass immer wieder Vermutungen aufkommen, Covid-19 sei nicht besonders


gefährlich, hat auch mit der grossen Bandbreite der Symptome zu tun. Bei der
Grippe erkranken die meisten Menschen in ähnlichem Masse, bei Covid-19 nicht.
Für das Gesundheitssystem ist Covid-19 zudem belastender, weil die schwer
Erkrankten – auch im Gegensatz zur Grippe – Wochen, manchmal Monate auf der
Intensivstation verbringen müssen. Und obwohl das Alter ein wichtiger
Risikofaktor für einen schweren Verlauf ist, waren es beispielsweise am

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8.9.2020 «Corona Fehlalarm?» im Faktencheck – Stimmen die Behauptungen im Corona-Bestseller? | Berner Zeitung

Universitätsspital Zürich vor allem die 55- bis 70-Jährigen, die mit Covid-19 auf der
Intensivstation lagen. Und schliesslich ist immer noch ungeklärt, wie häufig bei
Sars-CoV-2 schwere Langzeitfolgen auch nach milden Verläufen sind.

Falsch Richtig

Die meisten sterben nicht an Covid-19, sondern mit dem


Virus
«Fahre ich zum Test ins Krankenhaus und verunglücke später tödlich beim
Autounfall, gerade als mein positives Testresultat vorliegt – bin ich ein Corona-
Toter», schreiben Bhakdi und Reiss. Tatsächlich ist es nicht immer einfach zu
unterscheiden, ob das Coronavirus bei Verstorbenen die Todesursache war. Doch
mit ihrem Beispiel liegt das deutsche Autorenpaar ziemlich daneben. Um in die
Covid-19-Statistik zu kommen, muss ein Bezug zur Sars-CoV-2-Infektion
beziehungsweise entsprechende klinische Symptome vorliegen.

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Um ihre These zu stützen, zitieren Bhakdi und Reiss gerne auch mal verkürzt oder
gar falsch. Etwa aus einem Artikel im «The Telegraph» vom März, wonach 88
Prozent der italienischen Corona-Toten nicht ursächlich an den Coronaviren
gestorben seien. Die Zahl entspricht jedoch dem Anteil der Opfer mit
Vorerkrankung. In der aktuelleren wissenschaftlichen Literatur, zum Beispiel in
einer Übersichtsarbeit vom Juli im Fachblatt «Jama», ist die Rede von 60 bis 90
Prozent der Covid-Toten im Spital mit Vorerkrankung. Doch mit Diabetes,
Bluthochdruck, Übergewicht und anderen Covid-19-Risikofaktoren lässt sich gut
und lange leben. Umgekehrt sind beispielsweise schwere Krebserkrankungen, die
gerade bei den über 80-Jährigen rund ein Drittel der Todesfälle ausmachen, bei
Covid-19-Opfern als Vorerkrankung untervertreten (6 bis 8 Prozent).

Auch ein hohes Alter bedeutet nicht, dass die Covid-19-Patienten sowieso gestorben
wären: Wer heute beispielsweise 84 Jahre alt ist, hat in der Schweiz eine
durchschnittliche Lebenserwartung von rund sieben Jahren.

Falsch Richtig

Um ihre These zu stützen, zitiert das Autorenpaar


gerne auch mal verkürzt oder gar falsch.

Masken bringen nichts und sind sinnlos

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«Wie dumm kann man eigentlich sein – möchte man fragen», heisst es im Buch,
gefolgt von einer Liste mit Falschbehauptungen: Es gebe keinen wissenschaftlichen
Beleg dafür, dass symptomfreie Menschen ohne Husten und Fieber die Erkrankung
verbreiteten; einfache Masken würden Viren nicht zurückhalten, und sie würden
bekanntermassen auch nicht vor Ansteckung schützen.

Auch hier: Vieles ist nicht eindeutig bewiesen, der Nutzen von Masken für Träger
und Gegenüber mag bei Sars-CoV-2 im Alltag tiefer sein als geglaubt, vielleicht aber
auch höher. Das räumt übrigens auch die viel zitierte Metaanalyse im Auftrag der
Weltgesundheitsorganisation ein. Dennoch rechtfertigen die derzeit vorhandenen
Daten den Einsatz von Masken.

Unbestritten ist, dass symptomfreie Menschen ansteckend sind, insbesondere kurz


bevor die Erkrankung ausbricht. Inwieweit nach Abklingen der Symptome oder bei
Asymptomatischen eine Ansteckung möglich ist, wurde noch nicht restlos geklärt.
Die Indizien sind jedoch deutlich genug, um das Risiko ernst zu nehmen.

Und natürlich können Masken Viren zurückhalten, auch einfache chirurgische


Masken und selbst aus Textil, je nach Material und Verarbeitung. All das lässt sich
unter Laborbedingungen gut zeigen (lesen Sie, welche Masken schützen und wie
man sie richtig trägt).

Falsch Richtig

Die Autoren

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Der Lockdown war überflüssig


Nicht nur der Lockdown sei überflüssig gewesen, schreiben die Autoren, sogar das
Absagen von Grossveranstaltungen habe «nichts gebracht». In der Schweiz sind
sich die Experten jedoch einig, dass der Lockdown hierzulande Tausende
Todesfälle verhindert hat. Auffällig sind in diesem Zusammenhang auch die
Todesstatistiken aus Schweden, wo es keinen Lockdown gab. Allerdings hatte auch
Schweden gewisse Massnahmen in Kraft. Trotzdem starben in den ersten sechs
Monaten dieses Jahres in Schweden so viele Menschen wie seit 150 Jahren nicht
mehr. Es ist die Ironie dieser Pandemie, dass sich manche Menschen gegen die
Massnahmen wehren, gerade weil sie gewirkt haben und einen Zusammenbruch
des Gesundheitssystems verhindert haben.

Falsch Richtig

Der Schaden einer Corona-Impfung wäre grösser als jeder


denkbare Nutzen
Immerhin, Bhakdi und Reiss sind keine Impfgegner. «Wir halten fest: Es gibt sehr
viele Impfungen, die sinnvoll sind», schreiben sie. Eine allfällige, noch nicht
existierende Impfung gegen Sars-CoV-2 will ihnen dennoch nicht in den Kram
passen. Bei den Gründen können sie sich allerdings nicht so recht entscheiden.
Zum einen bemängeln sie das hohe Tempo bei der Entwicklung und Zulassung von
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8.9.2020 «Corona Fehlalarm?» im Faktencheck – Stimmen die Behauptungen im Corona-Bestseller? | Berner Zeitung

Impfstoffen, was tatsächlich beträchtliche Risiken birgt und von vielen kritisiert
wird. Bei den anderen Kritikpunkten argumentieren sie mit vermeintlichen
Fakten, die aber alles andere als geklärt sind. Zum Beispiel, dass viele durch eine
Kreuzreaktivität mit saisonalen Coronaviren bereits geschützt seien. Darüber
rätseln seriöse Wissenschaftler allerdings bis heute. Auch behaupten Bhadki und
Reiss fälschlicherweise, dass Impfstoffe die zelluläre Immunantwort grundsätzlich
nicht verstärken könnten. Erste Versuche mit verschiedenen Covid-19-
Impfstoffkandidaten haben das längst widerlegt.

Falsch Richtig

Das Buch

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Publiziert: 07.09.2020, 19:28

188 Kommentare

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L. Stalder
vor 30 Minuten

Absolut wichtiger Artikel! Vielen Dank!

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