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»Die Pandemie kann uns Zugang zum wirklichen Leben verschaffen.« ... https://www.matthes-seitz-berlin.de/artikel/die-pandemie-kann-uns-zu...

20.04.2020

Gegenwärtig befindet sich die Welt in einem Zustand der sanitären Krise. Nachdem
»Krise« so oft auf dem Gebiet der Wirtschaft und Finanzen verwendet wurde, trifft
uns nun dieses Wort mitten in unserem Leben. Was ist nun, Ihrer Meinung nach,
eine »Krise«?

Der griechischen Herkunft nach ist die Krise das, was »scheidet«. Es ist der kritische
und dramatische Moment, der zwischen den entgegengesetzten Möglichkeiten
entscheidet. In der Medizin zwischen Tod und Leben. Im Theater vor dem finalen
Akt, wenn die durch die Handlung hervorgerufene Spannung ihren Höhepunkt
erreicht. Nun möchte ich auf Grundlage einer anderen Sprach- und Denktradition,
und zwar der chinesischen, eine andere Herangehensweise an »Krise« vorschlagen.
Im Chinesischen heißt Krise wei-ji: »Gefahr-Gelegenheit« – heutzutage im
Managementmilieu ein gängiger Ausdruck. Der Krise nähert man sich als einer Zeit
der Gefahr, zugleich kann man in ihr eine günstige Gelegenheit entdecken, die man
zunächst übersehen kann; es gilt, diesen günstigen Aspekt herauszufinden, man
muss sich nur genau damit befassen, damit er voll zur Entfaltung kommt. So wendet
sich die Gefahr in ihr Gegenteil. Aus dem tragischen wird gewissermaßen dialektisch

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ein strategisches Konzept.

Dies wäre also der »gute Gebrauch« der gegenwärtigen Krise. Und wie wäre
zunächst der persönliche und existentielle Gebrauch in dieser von Panik
durchzogenen Misere?

Kollektiv müssen wir derzeit eine negative Situation durchqueren. Aber dies könnte-
ja sollte sogar (als ethische und politische Aufgabe) – die Gelegenheit sein, neue, im
wahrsten Sinne des Wortes »unerhörte«, noch gar nie erahnte Möglichkeiten zum
Vorschein zu bringen. Hier geht es nicht um eine billige Moral des Trostes oder der
Kompensierung, sondern um ein rigoroses Konzept des »wahren Lebens«. Denn
unsere Leben hören im Lauf der Zeit nicht auf, zurückzustecken,
zusammenzuschrumpfen und zu verkümmern: lassen ihre unerhörten Möglichkeiten
unberührt. Sie resignieren und verfestigen sich in wiederholenden Abläufen, lassen
sich entfremden und verdinglichen, werden zu Scheinleben, d. h. zu einem Leben,
das nur den Anschein eines solchen gibt, zu einem Pseudo-Leben, das nicht wirklich
lebt. Nun ist das wahre Leben gar kein ideales oder ein anderes Leben, sondern nur
eines, das sich diesem verlorenen Leben widersetzt, das sich gegen diese
lebensbedrohliche Resignation, diese Verfestigung, diese Entfremdung und
Verdinglichung, dessen sich das Leben selbst gar nicht bewusst ist, auflehnt. Wie
beginnt man nun, diesem Leben ein Nein entgegenzusetzen – einem Leben, das im
Laufe der Zeit oder war es nicht schon seit jeher? – nur ein scheinbares war?
Vielleicht ist es gerade die Gelegenheit der Krise, ihre »positive« Seite, die uns eine
Stütze dafür bietet – in dieser Zurückgezogenheit, in der wir schonungslos vor uns
selbst gestellt werden –, das gekünstelte Leben, das nur allzu rissig ist, aufzugeben
und im wahren Leben Fuß zu fassen.

Nichtsdestoweniger sagt man heute sehr oft, dass nicht wenige Paare, eingesperrt
wie sie nun mal sind und einige ohne Beschäftigung, so sehr unter der Krise leiden,
dass eine Trennung droht …

Vielleicht findet man hier wieder die griechische, heilsame Bedeutung von »Krise«,
die in dem, was nicht mehr zu ertragen ist, einschneidet. Zwei Personen, die sich
miteinander bereits langweilten aber dies einander nicht zu sagen wagten, die es
vielleicht gar nicht bemerkt hatten, die sich damit abgefunden hatten und gewohnt
waren, einander zu ertragen, deren »Leben als Paar“ sich also bis zu diesem Punkt
damit abgefunden und verloren hat, sieht sich schließlich gezwungen, dazu Stellung
zu nehmen und eine Wahl zu treffen. Vielleicht ist die Situation in der Tat bereits
dermaßen mies, ihre »Unerträglichkeit« derart offensichtlich, dass sie in einer
Trennung als einzigem Ausweg münden muss. Oder lässt sich in dieser Beziehung,
die einzuschläfern drohte, durch diese gemeinsame Prüfung, diese erzwungene
Gegenüberstellung ein neues Mögliches entdecken, und so könnten sie einander aufs
Neue begegnen. Man wird dann von einem Leben »zu zweit« sprechen, wie man
auch sagt (eine Last) zu zweit tragen. In dieser erzwungenen Eingeschlossenheit
kann die unendliche Möglichkeit des Intimen entdeckt werden. Das Intime, das
Madame de Rênal und Julien in dem Turm des Gefängnisses von Besançon endlich
entdecken (Stendhal: Le Rouge et le Noir) …

Ist es das, was sie ein »zweites Leben« nennen?

Nun, tatsächlich kein neues Leben, denn es ist nicht einsichtig, durch welchen
radikalen Schnitt, durch welches Wunder es hervorgebracht werden könnte, jedoch
ein zweites Leben, das aus dem vorangegangenen Leben hervorgeht, aber davon
abweichend, durch die überstandene Prüfung davon de-koinzidierend, sich davon
lösen kann. Es gewinnt an Klarsicht: Die Klarsichtigkeit ist weder Intelligenz, noch
Wissen, jedoch die Fähigkeit, Nutzen aus dem Negativen zu ziehen. Sie erlaubt,
effektivere Entscheidungen für sein Leben zu treffen: Von dem , was im Leben nicht
mehr zukunftsträchtig oder bereits erschöpft ist, abzulassen und in der Folge im

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Gegenteil dort sich eher zu engagieren, wo, nach genauer Prüfung des bisherigen
Lebens, es nicht mehr illusorisch ist, aber ein wahres Leben eröffnet. Da ich bereits
»gelebt« habe, bin daher endlich imstande, zu vergleichen und effektive
Entscheidungen zu treffen. In der klassischen Epoche nannte man das »sein Leben
reformieren«. Ich mag diese Formulierung Rousseaus im Hinblick darauf: »Ich
beharrte darauf: Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich den Mut.« Denn man
kann diesen Mut auch nicht haben, diese Möglichkeit, im Lauf des Lebens sich diskret
vom bisherigen zu lösen, vorbeiziehen lassen und weiter ein Leben leben, das
verkümmert, die Möglichkeit eines zweiten Lebens verpassen.

Aber dieses »Ausgangssperre«, diese erzwungene Eingeschlossenheit, der Verlust


eines größeren Horizontes und der Freiheit. Sogar der elementarsten Freiheit, der
Bewegungsfreiheit: nicht mehr an der vorgeschriebenen Leine gehalten zu werden,
sich nicht weiter als 500 Meter von seinem Wohnsitz entfernen …

Aber sind wir nicht immer in einer gewissen Eingesperrtheit (confinement)? Sind wir
nicht stets eingegrenzt – beschränkt – durch die uns umgebende Welt? Dem stellt
sich, glaube ich, die Fähigkeit zu »existieren«, entgegen. Denn existieren heißt, sich
»außerhalb zu halten«, so im Lateinischen. Während ich in der Welt, von ihr
begrenzt, eingesperrt bleibe, kann ich mich außerhalb von ihr aufhalten, ihre
Umzäunung überwinden. Insofern ist existierenethisch. Diese Tatsache macht es
menschlich, noch vor jeglicher Moral: Das dem Menschen Eigene, was ihn zum
Menschen gemacht hat, ist, dass er von den ihm verliehenen Eigenschaften und
Bedingungen de-koinzidieren konnte und sich außerhalb der ihn beengenden
Grenzen herumtreiben konnte. Nur deshalb ist es nur der Mensch, der »existiert«.
Die Strenge des Eingesperrtseins könnte diese Forderung wieder lebendig werden
lassen: durch sein Bewusstsein/Gewissen die physische Eingrenzung überwinden.
Vielleicht finden Sie das ein wenig »metaphysisch«, aber Zeiten wie diese erinnern
uns gerade an das, was sich in unserer Erfahrung an Metaphysischem abspielt, wenn
man sich nicht von dem bloßen Anschein des Lebens erdrücken lässt.

Wie ist das nun im kollektiven Sinn? Es gibt auch die Welt, die geopolitischen
Zwänge. Kann man in der Gefahr, die wir durchleben, auch eine günstige
Gelegenheit ausfindig machen (wie das Chinesische so treffend im Wort »Krise«
benennt)?

Die chinesische Regierung hat das auf ihre Weise bereits gemacht. Anfangs und
ungefähr während zweier Monate, ist China unwillentlich tief in diese Gefahr
versunken, ohne geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Und das aus ideologischer
Leugnung: Da die Machthaber die Augen schlossen und die Wahrheit unterdrückten,
hat China eine Epidemie zu einer Pandemie werden lassen, die vermieden hätte
werden können. Das ist eine Tatsache und daher eine Verantwortung, zu der sich die
chinesische Regierung bekennen und die sie übernehmen muss. Es stimmt aber
auch, dass es dem autoritären Regime, das heutzutage China lenkt, gelang, dieses
Negative zu seinem Vorteil zu wenden, sowohl innen- als auch außenpolitisch.
Innenpolitisch hat die Ausgangssperre, die es im Weiteren verhängen musste, dazu
gedient, die Kontrolle über die Bevölkerung zu verschärfen, die Xi Jiping seit er an
der Macht ist, methodisch (numerisch) zu implementieren trachtet: Im Namen der
nationalen Einheit und der aus gutem Grund erforderlichen Solidarität hat das
autoritäre Regime des Prinzen eine wertvolle Gelegenheit gefunden, noch
unerbitterlicher zu werden. Jene, die eine so gut etablierte Ordnung, die der
Epidemie Einhalt gebieten konnte, bewundern, sollten sich von den
Propagandaslogans nicht täuschen lassen, die darauf aus sind, China als Beispiel den
»debilen« Demokratien gegenüberzustellen. Außenpolitisch hat China der Welt die
Pandemie zukommen lassen und wird, indem sie seine Wirtschaft wieder in Gang
setzt, von unserer Schwächung profitieren. Es wird uns zu seinem Vorteil eine
Lektion erteilen und Europa billig kaufen können.

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Bin ich hier nicht zu kritisch?

Man muss sich vor zwei Dingen hüten: vor der Sinophobie ebenso wie vor der
Sinophilie, zwei Klippen, denen vor allem Frankreich seit zwei Jahrhunderten nur
schwer ausweichen kann: dem »chinesischen Katechismus« der Gelehrten oder »der
gelben Gefahr«. Nun glaube ich, habe ich so sehr dazu beigetragen, die Ressourcen
des chinesische Denken in Europa bekannt zu machen – sie auch dazu benutzt, die
europäische Philosophie erneut zu befragen und ihr eigenes »Ungedachtes«
aufzudecken-, um mir zu erlauben, das zu sagen, was man sehr wohl weiß, aber was
man aus »realpolitischen« Gründen und wegen der Gefahr von
Vergeltungsmaßnahmen nicht zu sagen wagt … Denn man hat kein Recht, das zu
ignorieren: die Unterdrückung der Uiguren – danken wir „Le Monde«, dass darüber
berichtet wurde. Oder die Zensur, immer weniger diskret, der die Verlage und
Universitäten unterworfen werden. Oder der Druck auf Taiwan, eine echte
Demokratie, der es, obwohl von der WHO ausgeschlossen, ohne lautstarker Emphase
gelungen ist, mit peinlichst genauer Effizienz die Gefahren der Epidemie
einzudämmen.

Aber könnte nicht auch Europa von dieser Krise profitieren, sie zu ihrem Gunsten
wenden?

Europa ist heute in einem kritischen und dramatischen Stadium – also im


griechischen Sinn – der »Krise« angelangt. Denn die Idee von Europa, wie sie nach
dem Krieg gedacht wurde und bis zum Ende des letzten Jahrhunderts unsere
Geschichte geprägt hat – das Europa des Friedens und der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit – ist zweifellos ans Ende gelangt. Die gegenwärtige Krise könnte
sie endgültig zum Verschwinden bringen: Das nationalistisch panische Sich-Einigeln
ist das erste offensichtliche Anzeichen von »Krisenzeiten«. Man kann also Europa
nicht mehr als Slogan rufen oder als Allheimmittel bezeichnen, vielmehr muss man
überlegen, von welchen Ressourcen ausgehend man von Neuem seine Notwendigkeit
behaupten kann.

Europäische »Ressourcen«?

Ja, genau! Die Frage ist nicht die nach einer europäischen »Identität«, sondern eine
nach den europäischen »Ressourcen«. Das ist die Debatte, die wir heutzutage
eröffnen müssen, um von Neuem Europa zu mobilisieren: nicht, es zu definieren
versuchen – christlich oder aufgeklärt? –, sondern fragen, was Europa »ausmacht«.
So ist das Wort »ideal« zum Beispiel ein Wort, das sich in allen europäischen
Sprachen wiederfindet und das solcherart eine theoretische Geographie umreißt.
Nun, wer hat gesagt, dass diese Ressource des Idealen erschöpft ist und nicht mehr
Träger einer gemeinsamen Geschichte sein kann? Oder die Vielfalt der Sprachen, sie
ist in Europa eine Ressource, die Europa ausmacht. Ich verteidige nicht in
chauvinistischer Weise das Französische, sondern die Übersetzung, die, wie man
weiß, »die Sprache Europas« ist, im Gegensatz zu einem minderen Englisch, das
zum Globish wurde …

Hat Europa noch eine Chance?

Wir sind eine Epoche neuer Reiche angelangt: das chinesische, amerikanische,
russische, türkisch, indische. Europa ist im Rückzug und am Rand des Konkurses.
Wenn es aber imstande ist, die nächsten Jahrzehnte zu überstehen ohne in
Einzelteile zu zerfallen, wird es, wenn diese Reiche sich aufgerieben haben, seine
geschichtsmächtige Initiative wieder finden – aber nicht mehr in Form eines
Imperialismus. Ja, Europa kann in ein »zweites Leben« eintreten. Die tragische
Schärfe der Krise zwingt uns heute, die Passivität hinter uns zu lassen.

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Interview von Nicolas Truong, erschienen am 16.04.2020 in Le Monde.


Aus dem Französischen von Erwin Landrichter übersetzt.

François Jullien

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