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ISBN 978-3-7643-1361-6 ISBN 978-3-0348-5396-5 (eBook)

DOI 10.1007/978-3-0348-5396-5

© 1982 Birkhäuser Verlag Basel


Ursprünglich erschienen bei Birkhäuser Verlag Basel 1982.
Erdbeben-Ingenieurwesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82

Auswirkungen des Campano-Lucano-Erdbebens


vom 23. November 1980

Von W. Ammann, E. Berger, D. Mayer-Rosa, F. Perraudin, B. Porro und J. Studer, Zürich

Das Erdbeben von Campano-Lucano (23. Nov. 1980j Magnitude 6,5) teilen. Generell gelten diese Aussagen auch für neuere Gebäude an
zählt zu den stärksten Beben, die in diesem Jahrhundert in Italien re- Orten mit der grössten beobachteten Standortintensität I (MSK) =
gistriert worden sind, obschon es seismologisch gesehen keine Aus- . IX, wobei sich hier die genannten Mängel noch viel stärker bemerk-
nahme bildet. Das Erdbebengebiet liegt im Bereich der apennini- bar machten und der Einfluss von Asymmetrien in Grund- und/oder
sehen Gebirgsketten. Seine verheerenden Auswirkungen sind unter Aufriss den Durchschnittsschaden im Vergleich zu regelmässigen
anderem durch die langandauernden Erschütterungen zu erklären, Bauten noch erhöhten.
die durch mehrere kurz aufeinanderfolgende Bruchvorgänge verur- Das Erdbeben hat einige grössere Hangrutschungen im Epizentral-
sacht wurden. Im weiteren waren die alte und qualitativ nicht hoch- gebiet ausgelöst. Die grössten Schäden an alten und neuen Gebäu-
wertige Bausubstanz sowie die topographischen Einflüsse für die den verursachte eine Rutschung, die weite Teile des Städtchens Cali-
ausgedehnten Schäden (viele Partial- und Totaleinstürze) und die tri erfasste. Begrenzte Bodenverflüssigungserscheinungen wurden
vielen Menschenopfer verantwortlich. ebenfalls beobachtet.
Bei den neueren Gebäuden - vorwiegend Stahlbetonskelettbauten Die an Strassen beobachteten Schäden waren im allgemeinen nicht
mit Backsteinausmauerung - waren Totaleinstürze bis zu einer schwerwiegend. Im Epizentralgebiet jedoch führten Setzungen des
Standortintensität I (MSK) = VIII selten. Im Falle von Einstürzen Dammkörpers zu Rissen im Fahrbahnbelag und zu Niveauunter-
waren Entwurf und Ausführung oft sehr mangelhaft und die Bemes- schieden bei Brückenwiderlagern. Mit wenigen Ausnahmen haben
sung in den wenigsten Fällen auf dynamische Beanspruchung ausge- alte und neue Brücken sowie auch Untertagbauten (Tunnels) das Be-
legt. In der Regel überwogen aber Schäden an nichttragenden Bau- ben ohne sichtbare Schäden überstanden.

Bild J. Flugaujnahme von Conza di Campania (Foto Schuppisser, Arch. SIA)


Erd bebell-lngen ieu rlj'esen Sclmei::.er Ingenieur lind Architekt 14/82
Le tremblement de terre de Campano-Lucano (Nov. 23, 1980, magni- cela est aussi valable pour les endroits 00 I'on a observe la plus gran-
tude 6,5) compte parmi les plus forts enregistres en Halie depuis le de intensite I (MSK) = IX. Cependant tous les dHauts ont eu dans
debut du siecle; mais du point de vue sismologique, ce n'est pas un ces cas la des consequences beaucoup plus fortes. L'influence de
cas exceptionnel. Le tremblement de terre s'est localise a la zone des I'asymHrie en plan ou/et en elevation augmenterent enormement la
Apennins. Son effet catastrophique tient a la longue duree de la se- moyenne des degats en comparaison d'un batiment normal.
cousse, laquelle 3 ete cause par plusieurs processus de rupture en Le tremblement de terre a provoque dans la zone de l'epicentre quel-
fonction du temps. Les materiaux de construction, vieux et de medio- ques grands glissements de terrains. Un de ces glissements toucha
cres qualites, ainsi que la situation topographique furent responsa- d'importantes parties de la ville de Calitri et produisit de grands de-
bles des grands dommages (effondrements partiels et totaux) et du gats sur des anciens et nouveaux batiments. Quelques phenomenes
grand nombre de victimes. de liquHaction du sol ont egalement He observes.
Les nouveaux batiments, principalement les constructions 3 sque- Les dommages observes sur les routes etaient en general pas tres gra-
lettes en beton arme et mur en briques, furent rarement totalement ve. Pourtant dans la zone de l'epicentre des tassements du remblai
effondres jusqu'a une intensite I (MSK) = VIII. Projet et execution conduisirent 3 des fissures dans le revctement routier et 3 des diffe-
etaient dans ces cas 13 souvent extremement dHectueux et le dimen- rences de niveau x aux appuis des ponts. Les anciens et nouveaux
sionnement dans tres peu de cas fut calcule sous consideration de ponts, ainsi que les constructions souterraines (tunnels), ont suppor-
sollicitations dynamiques. Mais les degats predominerent en regle te 3 peu d'exceptions les secousses sans dommages visibles.
generale sur les parties non portantes des constructions. En general

The Campano-Lucano earthquake (Nov. 23, 1980; magnitude M = design and construction practices neglecting appropriate seismic de-
6.5) belongs to the strongest earthquakes in Italy in this century, al- sign loads. Mostly, however, damage was contained to non-structural
though it is no exception from a seismological point of view. The members. In general, these observations also apply to newer build-
earthquake occured in a region of the Apennine mountain range ings in areas with highest seismic intensities I (MSK) = IX. However,
where bedrock predominantly consists of limes tone and shale sedi- the effects of the above mentioned design and construction deficien-
ments. The devastating effects of the earthquake are accentuated by eies were much more pronounced.
the fact that the duration of strong shaking was especially long due to In addition a few major landslides were caused by the earthquake in
multiple fault ruptures. The high degree of damage, the many partial the epicentral region. In Calitri one of them resulted in substantial
and total failures of buildings and the large number of people killed damage to old and new buildings. Limited soil liquefaction effects
is a result of the presence of many old buildings totally inadequate to were also observed.
withstand seismic loads. These old centers are often located on hill- Damage to highways was generally light. However, in the epicentral
tops where topographie effects intensified the shaking. region settlement of the embankment fill caused cracks in the road
Many of the newer multiple story buildings consist of reinforced con- pavement or differences in the road level near bridge abutments.
crete frames with infill masonry walls. Total collapse of these build- With a few exceptions both old and new bridges as weil as under-
ings was seldom in areas with intensities up to I (MSK) = VIII. If ground structures such as tunnels withstood the earthquake with no
such buildings collapsed, it could be attributed in most cases to poor or only minor damage.

Am 23. November 1980 wurde Südita- schiedlicher Bauweise (Schaden funk- zungen der totalen Schadensumme be-
lien um 19:34:53 Uhr Ortszeit von tionen). laufen sich - unter Einbezug der Folge-
einem schweren Erdbeben der Magni- kosten durch Produktionsausfälle - ge-
tude 6,5 heimgesucht (Bild I). Dieses Eine kurze Darstellung des Schaden- mäss [2] auf rund 15 Milliarden Dollar,
Erdbeben, das inzwischen die Bezeich- ereignisses wurde bereits zu einem frü- was ungefähr 5 Prozent des italienischen
nung «Erdbeben von Campano-Luca- heren Zeitpunkt veröffentlicht [1]. Der Bruttosozialproduktes für das Jahr J 980
no» erhalten hat, war Anlass für eine vorliegende Artikel vermittelt eine aus- entspricht.
Gruppe von Schweizer Ingenieuren führliche Übersicht über die Auswir-
und Seismologen, während einer ein- Aufgrund des allgemeinen Schadenaus-
kungen des Erdbebens unter besonde-
wöchigen Begehung des Epizentralge- rnasses lässt sich das betroffene Gebiet
rer Berücksichtigung seismologischer,
bietes in der Zeit vom 15. bis zum 22, grob in drei Zonen unterteilen:
bau- und geotechnischer Aspekte.
Dezember 1980 die Auswirkungen des
Die Zone A umfasst das engere Epizen-
Erdbebens auf Bauwerke und Umge-
tralgebiet und fällt etwa mit der Fläche
bung zu untersuchen. Bei ihren Erhe-
zusammen, die innerhalb der gestri-
bungen im Schüttergebiet wurden die
Autoren insbesondere von Prof. G, Pan-
Übersicht chelt eingezeichneten Isoseiste (b) in
Bild 2 liegt. Mehr als 70 Prozent aller
za von der Universität Bari (seit 1981
Lage, Gliederung und allgemeines Bauten sind hier sehr stark beschädigt,
am Istituto di Geofisica, U niversita di
Schadenausmass eine Vielzahl sogar eingestürzt oder zu-
Trieste ) unterstützt.
mindest stark einsturzgefährdet.
Das Untersuchungsprogramm wurde Das vom Erdbeben unterschiedlich
unter Berücksichtigung folgender Ziel- stark betroffene Gebiet ist in Bild 2 dar- Die Zone B umfasst das Gebiet ZWI-
setzungen aufgestellt: gestellt. Es liegt grösstenteils östlich VOll schen den in Bild 2 eingezeichneten Iso-
Neapel und umfasst eine Fläche VOll seisten I = VII und der gestrichelten
I. Einen groben Überblick über die über 20000 km 2• In 212 Gemeinden der
Auswirkungen des Bebens gewinnen, Isoseiste (b). Ungefähr 30 Prozent aller
Prorinzen Neapel, Caserta, Benevento Gebäude sind stark beschädigt, einge-
2. Bestimmung der im Epizentralgebiet und insbesondere Salerno, A ve/lino und stürzt oder einsturzgefährdet. Die qua-
aufgetretenen Standortintensitäten, Potenza traten grössere Schäden auf. In litativ sehr unterschiedlichen Bauten in
3. Untersuchung typischer Schäden an einem am 10. Dezember 1980 vom In- dieser Zone (Dörfer mit z.T. nur Natur-
Hochbauten in Abhängigkeit von Bau- nenministerium veröffentlichten Bulle- steinbauten im Gegensatz zu A vellino,
art und Standortintensität. tin werden 3114 Tote, 1575 Vermisste einer Stadt mit vielen, bis zu 10stöcki-
und 7671 Verletzte angegeben. Rund gen Stahlbetonskelettbauten) erschwe-
4. Beobachtung und Interpretation geo- 300000 Menschen wurden obdachlos.
logischer und geotechnischer Aspekte ren eine Typisierung des Schadenbil-
Neben den Ereignissen von Messina des.
(Geländerutschungen, Bodenverflüssi- (1908 mit 75000 Toten) und Avezzano
gung usw.). (1915 mit 30000 Toten) forderte dieses Zone C umfasst das gesamte übrige Ge-
5. Ermittlung des intensitätsabhängigen Erdbeben in diesem Jahrhundert in Ita- biet, in dem noch Schäden festgestellt
Schadengrades von Hochbauten unter- lien am meisten Menschenleben. Schät- wurden. Es liegt innerhalb der in Bild 2

2
Erdbeben-Ingenieurwesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82

,
41°N \

,
"
" ""
\J
Ü 40°
0 10 20
km
30 40 50
40°

15°

Bild 2. Übersichtskarte über das Erdbebengebiet mit den wichtigsten Städten und Verkehrswegen sowie den Isoseistenlinien nach [3j. Die Isoseistenlinien der
Schweizerischen Gruppe für I =IX (a). 1= VIII (b) und 1= VII (c) sind gestrichelt eingezeichnet [I J

eingezeichneten Isoseisten I = VI und Fünftel des regionalen Durchschnitts men konnte. Einen fünftägigen Pro-
I = VII. Infolge der grossen Ausdeh- abfällt. duktionsausfall mussten die Alfa-Wer-
nung dieser Zone und der Heterogeni- ke in Pomigliano d'Arco bei Neapel in
tät der Bausubstanz resultiert ein eher Die meisten Industriebetriebe sind in Kauf nehmen. Hier waren in erster Li-
diffuses Schadenbild. Auch hier waren der Umgebung von Neapel, Avellino nie einzelne Produktionsanlagen be-
- insbesondere gegen die Zone B hin - und Potenza konzentriert. Schwerpunk- schädigt worden.
vereinzelt Einstürze oder zumindest te bilden die Stahlproduktion und -ver-
stark beschädigte Gebäude festzustel- arbeitung, der Schiffbau und die Che- Infrastruktur
len. Im allgemeinen sind die Schäden mie sowie Unternehmungen des Textil-
und Nahrungsmittelsektors. Der westliche Teil des Schadengebietes
aber mit relativ kleinem Aufwand repa- ist - wie aus Bild 2 hervorgeht - durch
rierbar. ein Netz von Autobahnen sehr gut er-
Bei Avellino befinden sich Werke von
Alfasud und Italsider mit 18000 bzw. schlossen. Zwei weitere Autobahnen
Wirtschaft
8000 Arbeitsplätzen sowie bei Grotta- verlaufen als Verbindungsachsen zwi-
Das Erdbeben hat eine der ärmsten und minarda ein Fiat-Werk mit 5000 Ar- schen Tyrrhenischem und Adriati-
rückständigsten Regionen Italiens ge- beitsplätzen. Beschädigt wurde unseres sehern Meer in west-östlicher Richtung
troffen. In der Region Basilicata mit Wissens nur die Energiezentrale des von Neapel über Avellino, Grottaminar-
einer Fläche von 10000 km 2 und etwa Fiat-Werkes, das 1978/79 unter Berück- da nach Bari, bzw. von Salerno nach
600000 Einwohnern liegt das durch- sichtigung des Lastfalles Erdbeben er- Potenza. Das Epizentralgebiet liegt zwi-
schnittliche jährliche Pro-Kopf-Ein- baut wurde, da bereits 1963 in diesem schen den zuletzt genannten Autobah-
kommen bei rund 2 Millionen Lire im Gebiet ein Beben kleinerer Intensität nen im hügelig-bergigen Hinterland
Gegensatz zur Lombardei mit 3,6 Mil- aufgetreten war. von Salerno. In den Tälern des Ofanto-
lionen Lire. Weit über die Hälfte der und des Sele-Flusses sind zwar gut aus-
Erwerbstätigen sind Bauern (Landes- Weitere Schäden an Industrieanlagen gebaute Strassen vorhanden, die Zu-
durchschnitt 13 Prozent). Ein Drittel traten in Potenza auf, wo eine chemi- fahrtsstrassen zu den vielfach auf Hü-
der Bevölkerung lebt im stark hügelig, sche Fabrik beschädigt wurde und ein geln und Bergkuppen liegenden Ort-
bergigen Gebiet der Apenninen, wo das Stahlwerk seinen Betrieb erst sechs schaften hingegen sind oft steil, kur-
Pro-Kopf-Einkommen bis auf einen Tage nach dem Beben wieder aufneh- venreich und in schlechtem Zustand.

3
Erdbeben-Ingenieurwesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82
von Industrie- und Gewerbebetrieben
betroffen. Dennoch ist der bezifferbare
Gesamtschaden in Süditalien - unter
Einbezug der Folgekosten durch Pro-
duktionsausfälle - rund dreimal grösser
als im Friaul.

Seismologische Aspekte

Historische Seismizität
Das Gebiet des Campano-Lucano-Erd-
bebens liegt in einer seismisch aktiven
Zone, die sich von der nordafrikani-
schen Küste über Sizilien, den Apennin,
[!J den Alpenbogen, Jugoslawien und Grie-
[!J chenland bis in die Türkei erstreckt.
Bild 3 zeigt einen Auschnitt aus dieser
Zone mit den während den vergange-
nen 80 Jahren registrierten Erdbeben.
Die Verteilung der Epizentren folgt von
Norden her dem Streichen der jungen
[!]
Faltengebirge, um dann in der Region
Basilicata in das Tyrrhenis<;he Meer ab-
[!]
[!]
zubiegen. Unter dem Festland sind die
Erdbebenherde überwiegend flach (etwa
5-30 km); im Tyrrhenischen Meer
wächst die Herdtiefe bis zu 300 km an.
In diesem Jahrhundert waren einige Be-
reiche der Mittelmeerzone seismisch

~ Kategorie 1 83 Kategorie 2
,
[::J L.0<M~60
• M> 6,0
Bild 3. Seismüche Zonen karte \"On Süditalien mit eingezeichneten Epizentren der Magnitude "<;4 von 1900-
, ausserordentlich aktiv, wie z.B. El-As-
nam/ Algerien, Sizilien, Zentral-Italien .
Friaul und Zentral-Griechenland. Zu
1980. Horizonrale Ersatzbeschleunigungjür Kategorie 1: 0,07 g undjür Kategorie 2: 0,1 g [12} den Zonen mit auffallend geringer Ak-
tivität gehören die Regionen Campania
und Basilicata in Süditalien, die aber in
Die an Strassen aufgetretenen Schäden reichte der offizielle Rettungseinsatz früheren Jahrhunderten von mehreren
wurden eingehend untersucht. Hinge- nach italienischen Angaben mit 43 000 sehr starken Beben heimgesucht wur-
gen musste aus Zeitgründen auf eine Soldaten, Carabinieri, Zöllnern, Feuer- den, deren Maximalintensitäten den
Untersuchung von Schäden an Versor- wehrleuten und Beamten einen zahlen- Grad IX bis XI auf der MSK-Skala er-
gungs- und Entsorgungseinrichtungen mässigen Höchststand. Dazu kamen reichten. Umgerechnet in Magnitude
und anderen Anlagen mit Lifeline-Cha- unzählige Freiwillige und Angehörige würden diese etwa den Werten 6,5 bis
rakter weitgehend verzichtet werden. ausländischer Hilfstrupps (Deutsch- 7,5 entsprechen. Verheerende Schäden
Eine ausführliche Darstellung derarti- land, England, Frankreich, Schweiz waren insbesondere zwischen 1847 und
ger Schäden findet sich in [4]. usw.). 1861 zu verzeichnen: am 14. August
1851 in Rionero in Vulture mit Intensi-
Hilfeleistungen tät X, am 9. April 1853 in Caposele und
Vergleich mit dem Friaul-Erdbeben Teora mit Intensität IX sowie am 16.
Obwohl keine der betroffenen Ort- vom 26. Mai 1976 Dezember 1853 in Montemurro und
schaften mehr als 60 km von der näch- Das Erdbeben im Friaul [5] hatte eine Polla mit Intensität X. In Polla kamen
sten Autobahn entfernt liegt (Bild 2), Magnitude von 6,2. Das Schadengebiet damals 900 von 6600 Einwohnern ums
waren auch nach fünf Tagen von den umfasste ungefähr 4500 km 2 mit rund Leben, vor allem im praktisch völlig
212 Gemeinden rund ein Viertel prak- 800000 Einwohnern. Insgesamt wur- zerstörten, topographisch etwas erhöht
tisch noch ohne Hilfe. Die nasskalte den 1000 Tote, 1000 Verletzte und liegenden Stadtkern. Dies deckt sich in
Witterung mit Schnee und Eis, die 100 000 Obdachlose gezählt. 20 000 bemerkenswerter Weise mit dem Zer-
praktisch vollständig lahmgelegten Wohnbauten und 6000 Industrie- und störungs bild vieler Ortschaften nach
Kommunikationsmittel, Stromausfälle Gewerbebetriebe wurden schwer be- dem Beben vom 23. November 1980.
und vereinzelte, erdbebenbedingte schädigt.
Strassenunterbrüche erschwerten die
Rettungsaktionen stark. Nach Zei- Der grösste Unterschied gegenüber dem Herdparameter des Hauptbebens
tungsberichten standen in den am Erdbeben von Campano-Lucano liegt Für die geograpische Lage des Epizen-
stärksten betroffenen Ortschaften San in der Grösse der Zone B. Während im trums und die Herdtiefe des Bebens lie-
Angelo dei Lombardi und Lioni 24 Friaul rund 75000 Menschen in dieser gen inzwischen Berechnungen von ver-
Stunden nach dem Beben noch keine Zone lebten, waren es in Süd italien schiedenen Datenzentren vor, deren
Räumgeräte zur Verfügung, obwohl rund 600 000. Auch die Zone C war viel Ergebnisse etwas von der verwendeten
mehrere grosse Wohnbauten total ein- kleiner. Hingegen wurde - bedingt Verteilung und Anzahl der Registrier-
gestürzt waren. Am 2. Dezember 1980, durch den höheren Industrialisierungs- stationen abhängen (Tabelle 1). Das
d.h. neun Tage nach dem Erdbeben, er- grad - im Friaul eine viel grössere Zahl gleiche gilt auch für die Magnitude

4
Erdbeben-Ingenieurwesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82
(Energie) des Bebens, je nachdem sie gemessen wurden. In Bisaccia wieder-
aus Oberflächen- (Ms) oder aus Raum- um, das etwa gleich weit von den Epi- NE
wellen (Mb) bestimmt wird. zentren der Beben entfernt ist, zeigte
Als zuverlässigste Angabe kann wohl der Beschleunigungsmesser sehr ähnli-
die des P.F.G. [3] angesehen werden, da che Maximalwerte für den Hauptstoss
sie mit Hilfe relativ vieler naheliegen- und den ersten Nachstoss. Die Herde
der Stationen berechnet wurde. Die der Nachbeben lagen übrigens mit 23
Bild 4. Vereinfachte Darstellung des Abschie-
Herdtiefe lässt sich auch aus der Vertei- km etwas tiefer als beim Hauptstoss. bungsvorganges. Der Winkel der Abschiehung he-
lung der makroseismischen Beobach- Der Bruchmechanismus des Bebens, ab- trägt 40-60 Grad und die geographische Richtung
des Bruches 120-130 Grad gegen Nord
tungen ableiten und beträgt 18 km [3] geleitet aus der Verteilung der Aus-
bzw. 10-12 km [6]. Die Ursprungszeit schlagsrichtungen in den einzelnen
des Bebens war 19:34:53 Uhr M.E.Z. Seismogrammen, lässt sich als Abschie-
200
Zum Zeitpunkt des Erdbebens waren bungsvorgang interpretieren (Bild 4),
im Umkreis von 200 km insgesamt 14 wobei die Bruchfläche etwa in west-
Seismographenstationen in Betrieb. nordwestlicher Richtung verläuft. Die 2 150
Kurz nach dem Beben wurden weitere Dimensionen der Bruchfläche in der c
Erdkruste lassen sich aus der räumli- '"
.0

:5'o" 100
30 installiert, um die zahlreichen Nach-
stösse zu registrieren. Eine genaue Ana- chen Verteilung der zahlreichen lokali-
sierten Nachbeben und aus der Magni- z
lyse der Seismogramme dieser empfind- :c
lichen Registrierstationen hat ergeben, tude des Hauptstosses abschätzen. Sie ~ 50
c
dass 2 Sekunden vor dem eigentlichen erreichten mindestens 40 km Länge mit <>:

Hauptstoss ein schwächeres Beben zu 20 km Tiefenerstreckung. An der Erd-


verzeichnen war, dessen Epizentrum oberfläche wurden keine direkten 23 1 15. 1
praktisch am gleichen Ort lag. Die Auf- Brucherscheinungen festgestellt. Nov.80 Dez.80 Jan81

zeichnungen der zusätzlichen Be- Bild 5. Anzahl und Verteilung der Nachstösse mit
schleunigungsmesser haben weiterhin N achbe benverhalten Magnitude ~ 2,5 vom 23. Nov. 1980 bis zum 1. Jan.
gezeigt, dass die für ein Beben ausseror- In den ersten Stunden nach dem Beben
1981. Dargestellt ist jeweils die Anzahl Beben je 12
Stunden
dentlich lange Dauer der starken Er- wurde eine sehr grosse Zahl von schwä-
schütterungen (80 Sekunden mit mehr cheren Nachbeben im Gebiet von Po-
als 10 cm/s 2) darauf zurückzuführen tenza bis Grottaminarda registriert. Die
------------t--I--------tl

r
ist, dass auf den Hauptstoss mindestens zeitliche Abfolge ist in Bild 5 dargestellt 1000 t----------t-
zwei weitere, etwa 10-20 Sekunden aus- und folgt offensichtlich einer Exponen-

-I
einanderliegende, unabhängige, starke tialfunktion. Von etwa 240 Ereignissen
Nachbeben folgten, deren Aufzeich- am 24. November nahm die Aktivität

t--_-+-~L-b ~ 01"
nungen praktisch ineinander übergin- bis auf etwa 10 je Tag in der ersten De-
gen (Bild 7). Diese Tatsache ist sicher zemberwoche ab, wobei nur Erdbeben
mit ein Grund für die grossen Schäden mit Magnitude grösser als 2,5 (Spürbar-
an den älteren Gebäuden. keitsgrenze) gezählt wurden. Dieser
Aus den Beschleunigungsaufzeichnun- zeitliche Verlauf kann auch bei ande- o
gen kann geschlossen werden, dass die ren grösseren Beben beobachtet wer- z
dem Hauptstoss folgenden Beben ihren den. Allerdings ist das Verhältnis zwi- -§ 10+---+-
N
Ursprung etwas weiter östlich hatten. schen Anzahl starker und schwacher c:
<l:
An den Stationen in Bagnoli und Stur- Nachbeben (Bild 6) eher unüblich. Das
no (NW von Laviano) traten nämlich weltweit beobachtete lineare Gesetz
die maximalen Beschleunigungen wäh- nach Gutenberg-Richter
rend des Hauptstosses auf, während in logN = a - b·M 1
Ca li tri und Rionero (NO von Laviano) wird zwar auch in diesem Fall bestätigt, 2.4 3.0 4.0 5.0
diese erst beim darauf folgenden Beben aber der b-Wert von 0,94 ist praktisch Magnitude [M]
gleich gross wie im langjährigen Mittel
Bild 6. Kumulative Häufigkeit N in Abhängigkeit
(0,9-1,0 nach [7]), während in anderen der Magnitude M ~ 2.5 für die Nachbeben vom 23.
Tabelle 1. Zusammenstellung VOll Herdparame- Gebieten der b-Wert während der Nov.1980bis I.Jan. 1981
Iern des Erdbebens vom 23. Nov. 1980. ermillelt von Nachbebenphase praktisch immer zu-
verschiedenen Datellzentren nimmt. Daraus muss u.a. geschlossen
werden, dass die Spannungen in der net, wie sie sich aufgrund dieser Unter-
LatN LongE Ms Mb H[km] Agentur suchungen ergaben. Eine Fläche von
Erdkruste schon kurz nach dem Haupt-
beben wieder ihren «Normalzustand» über 20000 km 2 wurde demnach mit
40,91 15.37 6,9 6,0 10 U.S.G's.
40,81 15,36 7,0 5,8 10 C.S.E.M. erreichten und der Spannungsabfall einer Intensität von VI oder grösser er-
40,76 15,30 6,5 18 P.F.G.
während des Hauptbebens - gemessen schüttert. Das Gebiet mit I ~ VII um-
am regional herrschenden Spannungs- fasste etwa 8000 km 2, mit I ~ VIII etwa
Lat N, Long E: Geographische Koordinaten des 2700 km 2 und mit I ~ IX etwa 600 km 2 •
Hauptbebens zustand - relativ klein war.
Ms : Magnitude, berechnet aus Oberflä-
Im engeren Epizentralgebiet (etwa 100
chenwellen km 2) wurde von italienischer Seite [3]
Mb : Magnitude, berechnet aus Raum- Makroseismische Auswirkungen eine Maximalintensität von X angege-
wellen ben.
H : Herdtiefe Von verschiedenen italienischen Insti-
U.S.G.s. : U.S. Geological Survey, Boulder, tuten wurden nach den Beben ausge- Die Gruppe der schweizerischen Inge-
CO dehnte Untersuchungen über die syste- nieure und Seismologen hat einige Ort-
C.S.E.M. : Centre SeismoL Europeo-Mediter-
raneen, Strasbourg
matische Verteilung der aufgetretenen schaften in und um das Epizentralge-
P.FG. : I'rogetto Finalizzato Geodinamico, Schäden durchgeführt. In Bild 2 sind biet eingehend untersucht und festge-
Roma die sogenannten Isoseisten eingezeich- stellt, dass nach ihren Massstäben die

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Erdbeben-Ingenieurwesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82

ENEL Deo - SERVIZIO GEOTECNICO

0636 ERRTHQUAKE 23-NOV-BO 19H34MS4S


RECOROED AT CALlTRI

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Bild 7. Beschleunigungs-Aufzeichnung des Hauptbebens \'om 23. No\'. 1980 in der Station Calitri. Dargestellt sind die drei Komponenten in Nord-Süd-, Vertikal-
und Ost- West-Richtung (aus [8j)

Maximalintensität lediglich (MSK-Ska- wurden bereits publiziert [8). Als Bei-


la) mit IX bewertet werden kann und spiel sind in Bild 7 die drei Beschleuni- Geologische und geotechnische
die Flächen mit Intensität IX und VIII gungskomponenten für die Messstation Aspekte
in der Karte wesentlich kleiner sein Calitri dargestellt, Auffallend an der
müssen, Diese andere Interpretation mehr als 80 Sekunden dauernden Auf- Geologie und Topographie
der Bebenstärke ist in Bild 2 gestrichelt zeichnung ist die Unterscheidung in
Das Erdbebengebiet liegt im Bereich
angegeben. Für die Feldarbeit wurde einzelne Erschütterungsphasen, be-
der südlichen Apenninischen Gebirgs.-
ein neu verfasster Schadenerhebungsbo- dingt durch die sehr rasche Abfolge
ketten. Die geologischen Verhältnisse
gen des Schweizerischen Erdbebendien- mehrerer Erdstösse mit unterschiedli-
im Epizentralgebiet [9) sind im Bild 8
stes verwendet. Eine Karte, in der die chen Epizentren. In Calitri wurde die
schematisch dargestellt. Südlich der Li-
einzelnen Intensitäten und Isoseisten li- maximale Bodenbeschleunigung von
nie Avellino - Castelgrande befinden
nien enthalten sind, wurde schon in 0,18 g (EW-Komponente) in der zwei-
sich vorwiegend mesozoische (Trias bis
einem ersten Bericht [I) veröffentlicht. ten Phase gemessen. Sichtbar ist auch
Kreide) Kalkformationen, deren mar-
Derartige gravierende Unterschiede in der tiefe Frequenzgehalt mit überwie-
kanteste Erhebungen der M. Cervialto
der Beurteilung durch verschiedene Be- genden Frequenzen zwischen 0,5 Hz
(1809 m ü.M.) und der M. Eremita
arbeiter kommen oft dadurch zustande, und4Hz.
(1579 m ü.M.) sind. Diese Gebirgsket-
dass die Schwerpunkte bei der Schaden-
Neben Ca li tri waren im Umkreis von ten stellen die Überreste der vor einigen
beurteilung anders gesetzt werden. Die
40 km um das Epizentrum sechs weite- Millionen Jahren unter Druck vom
schweizerische Gruppe hat u.a. auch in
re Stationen (Bild 8), nämlich Bagnoli- Tyrrhenischen Meer her ostwärts ver-
Betracht gezogen, welche Gebäude kei-
lrpino (max. 0,19 g EW-Komponente), schobenen und gefalteten Sediment-
ne oder nur geringe Schäden zeigten.
Sturno (max. 0,33 g EW-Komponente), platten dar. In jüngerer geologischer
Wird die Einstufung mehrheitlich auf-
Bisaccia (max. 0,1 g NS- und EW-Kom- Zeit hat sich das Gebirge entlang ausge-
grund der stark beschädigten älteren
ponente), Auletta (max. 0,06 g NS- und dehnter Verwerfungszonen (Abschie-
Bauten schlechter Qualität vorgenom-
bungen) in eine Serie von isolierten
men, so besteht die Gefahr einer Inten- EW-Komponente) und Brienza (max.
Blöcken unterteilt. Entlang einer sol-
sitätsüberschätzung. Innerhalb der 0,22 g NS-Komponente) aufgestellt. Bei
chen west-nordwestlich verlaufenden
Europäischen Seismologischen Kommis- den Stationen im Epizentralgebiet lag
der Maximalwert immer in Ost-West- Abschiebungszone hat sich das Erdbe-
sion sind Bemühungen vorhanden, bes-
Richtung. Dies wird in [8) mit einer ge- ben von Campano-Lucano ereignet.
sere Grundlagen für eine objektive Zwischen den Blöcken bildeten sich Tä-
Beurteilung zu schaffen. wissen Kanalisierung der Energie längs
der angenommenen Bruchfläche erklärt, ler wie z.B. jenes des Sele-Flusses. der
Der Schütterradius des Bebens, d.h. die wie auch der grösste gemessene Wert in von Calabritto aus gegen Süden fliesst.
Distanz vom Epizentrum bis zur Gren- Sturno, obwohl dieser weiter vom Epi- Unmittelbar nördlich der Linie A velli-
ze, zu der das Beben noch wahrgenom- zentrum entfernt registriert wurde als no-Castelgrande erstreckt sich eine ge-
men werden konnte, liegt bei über 800 jener in Calitri. In Sturno wurde eine gen das Ofanto- Tal hin abfallende Hü-
km, denn sowohl in der Poebene als Intensität von höchstens I = VII festge- gellandschaft, die durch verschieden-
auch im östlichen Teil Siziliens war das stellt [1). Aus der O'Brien-Formel resul- farbige uligozäne bis miozäne Ton- und
Beben deutlich spürbar. tiert mit diesem Wert eine maximale Mergelsedimente charakterisiert ist.
Bodenbeschleunigung von 0,1 g. Sturno Diese Sedimente finden sich zum Teil
ist somit ein weiterer Fall, der aufzeigt, auch zwischen den mesozoischen Kalk-
Beschleunigungs-Aufzeichnungen wie fraglich eine Korrelation von In- formationen. Daran anschliessend und
In insgesamt 22 Stationen der Staatli- tensitäten bzw. Gebäudeschäden und vor allem an den Abhängen des Ofanto-
chen Elektrizitätsgesellschaft (ENEL) maximalen Bodenbeschleunigungen Tales sind jungpliozäne bis pleistozäne
konnte mit Strong-Motion-Messgeräten ist. Die maximalen Bodenbeschleuni- Mergelsedimente anzutreffen, die vor
der zeitliche Verlauf der Beschleuni- gungen zeigten im weiteren keine signi- allem durch ihre grau-bläuliche Farbe
gungen aufgezeichnet werden. Die Re- fikanten Unterschiede zwischen Fels- gekennzeichnet sind. Westlich und öst-
gistrierungen und erste Auswertungen und Lockergesteinsstandorten [8). lich ist das Erdbebengebiet durch die

6
Erdbeben-Ingenieurwesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82

o 8 '0

km

Bild 8. Übersichtskarte über das Epizentralgebiet mit den wichtigsten Ortschaften, Verkehrswegen, Flüssellllnd den grossräumigen geologischen Verhältnissen.

Mesozoische Kalkfonnation Hangrutschungen


Oligozäne bis miozäne Sedimente ,... Bodenrerfliissigungserscheinllngen
JlIngpliozäne bis pleistozäne Sedimente ,.., Schäden an Strassenbriicken
IX Intensitäte11 (MSK) bestimmt durch die Schweizer Gruppe • Schäden an Eisenbahntlillneis
• Standorte "on Starkbebeninstrumenten im Epizentralgebiet

Bild 10. Durch die Rutschung zerstörte Strasse un-


Bild 9. Zerstörte Häuser ühereiner Anrissstelle der Rutschullg in Calitri terhalb Calitri

7
Erdbeben-I ngenieurwesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82
sich die Hänge in einem labilen Gleich- Felsstürze konnten allerdings nicht
gewicht, kriechen teilweise oder zeigen beobachtet werden. Lokal waren je-
klare Anzeichen früherer Rutschun- doch vor allem im Epizentralgebiet im-
gen, Das Erdbeben hat einige dieser la- mer wieder kleinere bis mittlere Fels-
tenten Rutschungen reaktiviert [10]. Be- stürze und Felsabbrüche anzutreffen,
sonders spektakulär waren zwei Rut- z.B. am M.Ramatico südlich von Lioni,
schungen in San FeIe und eine Rut- bei Caposele und in der Gegend von La-
schung in Calitri (Bilder 8-10), viano.
Calitri, das sich auf einer Hügelkette
Bodenverflüssigungserscheinungen
nördlich des Ofanto-Tales befindet,
wurde durch eine grosse Rutschung be- Im Epizentralgebiet wurden an mehre-
schädigt. Die Rutschzone ist über I km ren Orten Phänomene beobachtet, die
lang, einige hundert Meter breit und er- mit Bodenverflüssigung zusammen-
streckt sich vom Stadtzentrum auf hängen, so Z.B. in der Nähe von Lioni
einer Hügelkuppe (etwa 650 m ü.M.) und in Conza di Campania (Bild 8). An-
bis in den Talboden des Ofanto-Flusses zeichen für diese Erscheinungen sind
(etwa 350 m ü.M.). Der Hang war nach das Ausspülen von Feinsand an die
Augenzeugenberichten einige Minuten Erdoberfläche und/oder die Bildung
nach dem Erdbeben an verschiedenen von kleinen grabenähnlichen Riss-
Stellen in unterschiedlichem Masse ins strukturen im flachen bis leicht geneig-
Rutschen geraten, An den obersten An- ten Terrain. Beide Phänomene sind
rissstellen im alten Stadtteil waren so- eine Folge des durch die Erdbebener-
Bild 11. Bodenverjlüssigungserscheinungen (Sand- wohl die vertikalen als auch die hori- schütterungen erhöhten Porenwasser-
ausspülungen) in alluvialen Flussablagerungen in druckes in gesättigten feinen Sanden.
zontalen Verschiebungen in der Grös-
der Nähe der Eisenbahnstation von San Angelo dei
Lombardi senordnung von 1 m bis 3 m. Die durch Sandausspülungen konnten im ebenen
die Rutschung verursachten Schäden Talboden des Ofanto-Oberlaufes nahe
an alten und neuen Gebäuden sowie an der Eisenbahnstation von San Angelo
beiden Vulkane M. Vesuvio und M. Strassen und unterirdischen Werklei-
Vulture mit ihren vulkanischen Tuffab- dei Lombardi beobachtet werden (Bild
tungen waren sehr gross (Bilder 9 und 11). Der Talboden besteht hier aus jun-
lagerungen begrenzt. Die Talböden, die 10). Dabei fällt dem durch das Beben gen alluvialen Flussablagerungen.
generell 300 m bis 500 m ü.M. liegen, direkt verursachten Schaden nur unter-
sind vorwiegend mit alluvialen Ablage- Ähnliche Erscheinungen wurden auf
geordnete Bedeutung zu. Verschiedene einer Zufahrtsstrasse zur Baustelle des
rungen bedeckt. Angaben [9, 10] sowie Aussagen der Be- Dammes bei Conza di Campania ange-
völkerung deuten darauf hin, dass die- troffen. Die Strasse wurde auf unkonso-
Rutschungen, Felsstürze ses Gebiet seit langer Zeit als latente lidierte alluviale Flussablagerungen des
Im Erdbebengebiet wurden Rutschun- Rutschzone bekannt war. Das im Bild 7 Ofanto-Flusses geschüttet, wobei der
gen vor allem in Hanglagen der weiche- gezeigte Beschleunigungs-Zeit-Dia- Feinsand durch Risse im Strassen-
ren Ton- und Mergelsedimente nörd- gramm wurde in der Nähe der obersten damm nach oben gespült wurde. In der
lich der Kalkalpen beobachtet. Hier ist Anrissstelle der Rutschung registriert. Piano deI Dragone sowie beim Strassen-
das Problem der Hanginstabilität - be- körper der U mfahrungsstrasse von Lio-
dingt durch Erosion, Verwitterung und Zwei weitere Rutschungen von be-
ni zeigten sich die typischen Rissstruk-
eine teilweise ungenügende Vegetation - trächtlichem Ausrnass ereigneten sich
turen, die durch eine Reduktion der
seit langer Zeit bekannt. Oft befinden in der Nähe von San FeIe. Beide sind
Scherfestigkeit im darunterliegenden
einige hundert Meter breit und bis zu
gesättigten Untergrund infolge erhöh-
einem Kilometer lang. Es scheint sich
ter Porenwasserspannungen entstan-
Bild 12. Typisches Mauerwerk aus Bollensteinen, ebenfalls um rutschgefährdete Gebiete,
die mit einem Sand-Ton-Gemisch vermörtelt sind den.
die durch das Erdbeben reaktiviert wur-
den, zu handeln. Die Gegend wird - im
Unterschied zu Calitri - weitgehend Aufschaukelungseffekte
landwirtschaftlich genutzt. Aufgrund Im Bebengebiet müssen zwei verschie-
von Aussagen der Bevölkerung bezüg- dene Aufschaukelungseffekte unter-
lich des nach dem Beben eingetretenen schieden werden, nämlich eine topogra-
Unterbruches der Strom- und Wasser- phisch bedingte Aufschaukelung und
zufuhr kann vermutet werden, dass bei- eine Aufschaukelung infolge lokaler
de Rutschungen einige Minuten nach Untergrundverhältnisse. Die Beobach-
dem Erdbeben ausgelöst wurden. Ver- tungen zeigten, dass in vielen Fällen die
einzelte Bauernhöfe, die sich im auf den Hügeln oder Bergkuppen er-
Rutschgebiet befanden, wurden stark richteten Dörfer sehr stark beschädigt
beschädigt bis total zerstört. Die Ver- wurden, während Häuser am Fusse die-
schiebungen an einer Nebenstrasse, die ser Hügel bedeutend geringere Schäden
eine der beiden Rutschungen durch- aufwiesen. Dies kann sicher teilweise
querte, liessen erkennen, dass sich der durch eine topographisch bedingte Auf-
Hang zum Zeitpunkt der Besichtigung schaukelung erklärt werden. Erschei-
bereits mehr als 150 m hangabwärts be- nungen dieser Art traten u.a. in Conza
wegt hatte. di Campania, Teora, Laviano, San
Der Geologie entsprechend traten Fels-
Mango s. Calore und San Angelo dei
stürze vorwiegend in den Kalkforma-
Lombardi auf.
tionen südlich der Linie A vellino-Ca- Der Einfluss des Untergrundes konnte
stelgrande auf. Ausgesprochen grosse u.a. in San Michele di Serino (Bild 14)

8
Erdbeben-Ingenieunvesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82
in der Ebene des Sarno-Flusses südlich
von Avellino festgestellt werden. Hier
sind vor allem tonig-siltige Sande anzu-
treffen [9], die insbesondere bei Erdbe-
benerregungen mit Frequenzen kleiner
als 3 Hz - wie sie bei diesem Beben in
vermehrtem Masse auftraten - eine be-
achtliche Aufschaukelung bewirken.

Schäden an Hochbauten

Beschreibung der Bausubstanz


Natursteinbauten
Natursteine und Holz bildeten bis vor
wenigen Jahrzehnten das traditionelle
Baumaterial sämtlicher Bauten. Die Bild 13. Stahlbetonskelettbau (im Hintergrund) in der Bauphase. Geschossdecken und Dachkonstruktion
Wohnbauten, die meist zwei, maximal sind in Hourdis-Bauweise ausgeführt, die Ausfachung erfolgt mit Backsteinwänden. Unterschiede im Scha-
drei Stockwerke umfassen, sind fast dengrad waren auf kleinste Distanzen anzutreffen: während das 4stöckige Gebäude im Vordergrund IOtal
einstürzte, konnten beim hinteren Gebäude von aussen praktisch keine Risse festgestellt werden (Lioni)
ausschliesslich aus Bruchsteinen (Bol-
lensteinen) errichtet, die mit einem
Sand-Tongemisch, selten mit Kalk oder
gar Zement vermörtelt sind (Bilder 12,
14). Kirchenfassaden, Kirchtürme, alte
Verwaltungsgebäude usw. sind oft mit
behauenen Quadersteinen verkleidet.
Die Zwischendecken und das Dach sind
vorwiegend aus Holz konstruiert, wo-
bei an Stelle der tragenden Holzbalken
auch Stahlprofile verwendet werden.
An solchen Gebäuden recht häufig an-
zutreffende Bauteile aus Backsteinen
oder Beton und insbesondere der Ersatz
der Holzbalkendecken durch Hourdis-
decken stammen aus nachträglichen
Renovationen oder Erweiterungen. Das
Dachgebälk ruht unmittelbar auf den
Aussenmauern, die Dacheindeckung
besteht vorwiegend aus Tonziegeln.
Stahlbetonskelettbauten
Die Tragstruktur der nach dem Zweiten Bild 14. Alter Dorfteil von S. Micheie di Serino als typisches Schadenbild für Natursteinbauten bei einer
Weltkrieg errichteten und bis zu zehn 1ntensität VIII. Berge von Schuttmassen liegen in den Strassen und verunmöglichen einen raschen Rettungs-
Stockwerken hohen Wohn- und Ge- einsatz
schäftshäuser ist fast ausschliesslich als
Stahlbetonskelett ausgebildet (Bild 13).
Die Ausfachung der Stahlbetonskelette Bild 15. Schäden an einem U-förmigen Gebäude in Avellino bei einer Intensität VII. Die Schäden wurden
wegen der aus Asymmetrie resultierenden Torsion verstärkt. Die Wände sind zweischalig ausgeführt, die
erfolgt mit Backsteinwänden in ein- Backsteille liegend versetzt
oder häufig auch zweischaliger Ausfüh-
rung (Bild 15). Dabei werden die Back-
steine oft liegend, d. h. mit waagrechter
Lochung (Bilder 23,' 15) eingesetzt.
Tuffsteine oder Betonformsteine fin-
den nur untergeordnete Verwendung
als Ausfachungsmaterial. Die Treppen-
häuser und Liftschächte sind aus-
schliesslich aus Backsteinen gemauert.
Ausfachungen mit Stahlbetonscheiben
wurden nicht beobachtet.
Infolge gewerblicher Nutzung fehlen
häufig im Erdgeschoss und/oder im er-
sten Stock die Ausfachungen teilweise
oder vollständig und sind durch grosse
Schaufenster, Garagentore (Bilder 19,
20) usw. ersetzt. Da fast immer eine
Kombination von Wohn- und Ge-
schäftshaus vorliegt, sind Bauten mit

9
Erdbeben-1ngenieum'esen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82
durchgehend ähnlicher Ausfachung
(d. h. Steifigkeit) vom Erdgeschoss bis
zum Dach sehr selten.
Die Geschossdecken und auch die ge-
neigte, auf kurzen Stützen fortsätzen ru-
hende Dachkonstruktion sind prak-
tisch immer als Hourdisdecken ausge-
bildet (Bild 13).

Übrige Bauten
Reine Mauerwerksbauten mit tragen-
den Wänden aus Backsteinen oder an-
deren Formsteinen sind selten und be-
schränken sich auf einige wenige zwei-
bis viergeschossige Wohnbauten. Vor-
fabrikation bildet die Ausnahme und
scheint erst in jüngster Zeit, besonders
bei Fabrikbauten, Anwendung zu fin-
den. Ein einziges Stahlskelett-Gebäude
wurde in der Nähe von A vellino gese-
hen; offenbar wird Stahl kaum als Bau-
Bild 16. X-förmige Risse im Eingang eines lOstök Bild 17. Klaffende Risse an einem Stahlbetonske- material verwendet.
kigen Stahlbe/onskelet/baues in Ave/lino als typi- let/bau in S. Michele di Serino bei Intensität VITl
scher Schaden bei Intensität VII Einteilung der Bauten
Unter Vernachlässigung der verschwin-
dend kleinen Anzahl reiner Backstein-
bauten, Stahl- und vorfabrizierter Bau-
ten lassen sich die Gebäude grob in
zwei Bautypen einteilen:
Bautyp 1: Natursteinbauten aus Bollen-
steinen oder (selten) behauenen Natur-
steinen mit schlechter Mörtelqualität.
Sie stammen aus der Vorkriegszeit und
überwiegen in den alten Dorfteilen.
Bautyp 2: Stahlbetonskelettbauten mit
Ausfachungen aus Backsteinen. Seit
dem Zweiten Weltkrieg gebräuchlicher
Bautyp.
Wie bei der Herleitung der Schaden-
funktionen näher gezeigt wird, entfal-
len im Epizentralgebiet rund 75 Pro-
zent aller Gebäude auf Bautyp 1, der
Rest auf Bautyp 2.
Bild 18. Total eingestürztes 4stöckiges Gebäude eingangs San Angelo dei Lombardi (Intensität IX)
Bauvorschriften
Die Gebiete, in denen Bauvorschriften
Bild 19. Vollständig zerstörte Ausfachungs- und Zwischenwände im Erdgeschoss und im 1. Stock eines im Sinne einer Norm zur Berücksichti-
L-förmigen Gebäudes in San Angelo dei Lombardi (Intensität IX)
gung von Erdbebenlasten angewendet
werden müssen, gehen aus Bild 3 her-
vor. Daraus ist ersichtlich, dass nur
einige wenige Gemeinden im nördli-
chen Teil des Schadengebietes gesetz-
lich [11] verpflichtet waren, die Erdbe-
bennormen [12] anzuwenden. In den
Vorschriften werden zwei Kategorien
unterschieden:
Kategorie J: Gebiete grosser Erdbeben-
häufigkeit und -stärke. Horizontale Er-
satzbeschleunigung 0,1 g.
Kategorie 2: Gebiete geringerer Erdbe-
benhäufigkeit und -stärke. Horizontale
Ersatzbeschleunigung 0,07 g.
Die Zuteilung zu einer der beiden Zo-
nen erfolgt auf behördliches Geheiss,
wobei sich die Gemeinden aus wirt-
schaftlichen und anderen Gründen ge-

10
Erdbeben-Ingenieurwesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82
gen einen Einbezug wehren. Es ist nicht serten Zusammenhalt der Wände und c) Intensität IX. In dieser Intensitätszo-
bekannt, wieviele Gebäude im Erdbe- zu einer deutlichen Senkung des Scha- ne war der Einfluss der Gebäudehöhe,
bengebiet seit diesem Zeitpunkt errich- dengrades. Auch bei diesem Erdbeben der Symmetrie in Grund- und Aufriss
tet und in welchem Ausrnass die Vor- bestätigte sich die Erfahrung, dass Tür- und insbesondere des Aussteifungsgra-
schriften auch angewendet wurden. In rahmen sehr stabil sind (Bild 12) und des im Erdgeschoss von entscheidender
einigen Fällen, wo es zum Einsturz als Zufluchtsort während des Bebens Bedeutung für die Art und das Ausrnass
neuester Stahlbetonskelettbauten kam, die Überlebenschancen deutlich erhö- der Schäden.
sind gerichtliche Untersuchungen zur hen können. Als äusserst widerstands-
Abklärung der Schadenursachen einge- fähig erwiesen sich auch die gemauer- Ein- bis dreistöckige Gebäude mit gut
leitet worden. ten Kellergewölbe, die nur selten in ausgesteiftem Erdgeschoss zeigten wie-
sich zusammenfielen. derum geringe Schäden an der Trag-
Beschreibung der Bauwerkschäden
struktur. Bei den Ausfachungs- und
Bautyp 2: Stahlbetonskelettbauten Zwischenwänden wurden einzelne
Die aufgetretenen Schäden an den zwei grössere Risse beobachtet.
Bauwerktypen werden im folgenden Die aufgetretenen Schäden unterschei-
für die Standortintensitäten VII, VIII den sich in den Intensitätsklassen Die mehrstöckigen Gebäude mit einem
und IX beschrieben. I (MSK) = VII, VIII und IX im Gegen- vielfach ungenügend ausgesteiften Erd-
satz zum Bautyp 1 sehr stark und wer- geschoss erlitten dagegen sehr gros se
Bautyp 1: Natursteinbauten den daher getrennt besprochen. Schäden sowohl an der Tragstruktur als
Bereits bei einer Intensität von VII auch an den Ausfachungs- und Zwi-
a) Intensität VII. Im allgemeinen waren
stürzten rund ein Drittel aller Gebäude schenwänden. In Lioni und San Angelo
von aussen nur geringe Schäden fest-
dieses Typs teilweise oder ganz ein, die dei Lombardi stürzten eine grössere An-
stellbar. Sie beschränkten sich, sofern
übrigen wurden z. T. stark beschädigt. zahl neuerer Gebäude ein (Bilder
nicht zusätzliche asymmetrische Effek-
Die Intensitätsstufen VIII und IX un- 13,18), oder sie wurden dermassen be-
te mitspielten (Bild 15), auf einige Risse
terscheiden sich nur durch den Prozent- schädigt, dass sie abgerissen werden
oder höchstens auf vereinzelt herausge-
satz der eingestürzten Gebäude, ohne müssen (Bild 19).
brochene Aussenmauern. Hingegen
wesentliche Veränderung des Schaden-
bildes gegenüber I = VII. Die aufgetre- traten in den Treppenhäusern und in
den Wohnzimmern - insbesondere in In vielen Fällen brachen die Aus fa-
tenen Schäden werden deshalb für alle chungs- und Zwischenwände sowie die
Intensitäten gemeinsam diskutiert. Die den beiden untersten Geschossen - z. T.
beachtliche Schäden durch Risse in den Liftschacht- und Treppenhauswände
grosse Anzahl von Totaleinstürzen be- im Erdgeschoss und teilweise im ersten
Ausfachungs- und Zwischenwänden
reits bei einer Intensität von VII war Stock heraus (Bilder 19, 23). Die Trag-
einer der Hauptgründe für die hohe auf (Bild 16). Das Schadenausrnass war
so gross, dass viele Gebäude - minde- struktur zeigte z. T. grosse plastische
Zahl der Toten und Verletzten. Verformungen. Die stark überbean-
stens vorübergehend - evakuiert wer-
Der qualitativ sehr schlechte Mauer- den mussten. Schäden an der Trags- spruchten Stützen köpfe wurden unter
werksverband löste sich während der truktur in Form von Betonabplatzun- dem Einfluss des Horizontalschubes
über 80 Sekunden anhaltenden Er- gen oder grossen Rissen waren selten. derart beschädigt, dass sie nur noch in
schütterungen fast vollständig auf. Die beschränktem Masse Kräfte aus Eigen-
Mauern stürzten in sich zusammen und In A vellino wurde zwischen verschiede- gewicht oder allfälligen weiteren Erd-
bildeten Berge von Trümmern in den nen acht- bis zehnstöckigen Gebäuden beben aufnehmen können.
engen Gassen der alten Dörfer (Bilder ein ungenügender Abstand festgestellt.
1,14). Dorfteile, die sich überwiegend Der gegenseitige Aufprall benachbarter
aus Bauten dieses Typs zusammensetz- Schadenbeurteilung
Gebäude während des Erdbebens führ-
ten, waren kaum mehr zugänglich und te zu Abplatzungen längs der Gebäude- Die Beurteilung der an den zwei Bauty-
bildeten ein einziges Schuttfeld. Die fugen. Zudem zeigte sich, dass bei zu- pen beobachteten Schäden macht deut-
vielfach zugeschütteten Fluchtwege er- sammengebauten Häuserreihen die lich, dass viele dieser Schäden ähnliche
schwerten die Rettungs- und Aufräu- äussersten Gebäude stärkere Schäden Gründe haben. Die Hauptursache für
mungsarbeiten stark. Besonders betrof- aufwiesen als die dazwischenliegenden. das ausserordentlich hohe Schadenaus-
fen waren Ortschaften auf Bergkuppen mass und die enorme Zahl von Toten
wie z. B. Laviano, Conza di Campania b) Intensität VIII. In dieser Intensitäts- und Verletzten liegt sicher in der dürfti-
(Bild 1) und San Mango sul Calore. Ne- zone traten signifikante Unterschiede gen Qualität der Gebäude des Bautyps 1.
ben den früher erwähnten Aufschauke- im Schadengrad als Funktion der Bau- Beim Bautyp 2 ist die Vernachlässi-
lungseffekten kam bei diesen Ortschaf- werkshöhe auf. Bei den zwei- bis drei- gung oder nur beschränkte Berücksich-
ten noch dazu, dass einstürzende Häu- stöckigen Gebäuden zeigten sich äus- tigung des Lastfalles Erdbeben bei der
ser infolge ihrer Hanglage dominoartig serlich nur unbedeutende Schäden, Bemessung und die häufig mangelhafte
auch den Einsturz der tieferliegenden während ab etwa fünf Stockwerken konstruktive Durchbildung der Trag-
Häuser auslösten. Die ausserordentlich auch an den Aussenmauern z. T. recht elemente Hauptursache des Schaden-
schlechte Mauerwerksqualität zeigte grosse Schäden auftraten (Bild 17). Die ausrnasses. Bei gleicher Konstruktions-
sich auch im Vergleich mit Häusern des- für die Erdbebenbeanspruchung typi- art wurden grosse Unterschiede in der
selben Typs, aber mit erneuertem Ver- schen X-Risse waren bereits sehr deut- Ausführungsqualität mit entsprechen-
putz. Allein der bessere Verputz verhin- lich ausgebildet und führten häufig un- den Folgen im Schadenbild festgestellt
derte weitgehend die Rissbildung in ter fortschreitender Beanspruchung (Bild 13). Bei der Schadenbeurteilung
den Aussenmauern oder gar den Ein- zum Ausbrechen ganzer Mauerwerks- müssen aber auch die Eigenheiten des
sturz. In den Orten Mel/i, Ca li tri und teile. Die Tragstruktur wurde haupt- Erdbebens und des Epizentralgebietes
Rionero in Vulture waren im Anschluss sächlich an den Stützenköpfen im Erd- berücksichtigt werden. Nochmals sei
an ein früheres Erdbeben vom 23. Juli geschoss bereits ~eutlich überbean- darauf hingewiesen, dass es sich um ein
1930 viele Häuser mit horizontalen An- sprucht, was sich an ausgeprägten Ris- tieffrequentes, sehr langandauerndes
kerstangen saniert worden. Diese zu- sen und Betonplatzungen erkennen Erdbeben gehandelt hat. Die Beurtei-
sätzliche Versteifung der gesamten liess. Vereinzelt traten auch Totalein- lung erfolgt wiederum getrennt nach
Konstruktion führte zu einem verbes- stürze auf. den zwei Bautypen.

11
Erdbeben-Ingenieunvesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82

Bild 20. Starke Überbeanspruchung der Stützen im praktisch unausgesteiften Erdgeschoss infolge Auslen- Bild 21. Ungenügende Bewehrung einer Stütze im
kung des steifen und massigen oberen Gebäudeteils (Laviano. Intensität IX) 1. Stock des Gebäudes in Bild 19

Balltyp 1: Natllrsteinbauten den meisten Fällen wenig ausgesteiften


Die Natursteinbauten mit ihren dicken Erdgeschosse als sehr gefährdet. Die
Mauern sind an sich sehr steif und wei- darüberliegenden, meist bedeutend bes-
sen somit hohe Eigenfrequenzen auf, so ser ausgesteiften und damit im Ver-
dass sie durch das aufgetretene Beben gleich zum Erdgeschoss praktisch star-
eher wenig angeregt worden wären. Der ren oberen Stockwerke sitzen auf
Verbund im Mauerwerk war aber bei schlanken, weichen Stützen (Bild 20).
dieser schlechten Mauerwerksqualität Die durch das Beben induzierte hori-
derart klein, dass er bereits bei kleinster zontale Beanspruchung kann somit zu
Beanspruchung verloren ging. Die lang- beachtlichen horizontalen Auslenkun-
andauernden Erschütterungen führten gen des steifen Oberbaus und damit der
zu einer vollständigen Lockerung der Stützen führen, was eine lokal starke
Steine, bis die Wände in sich zusam- Überbeanspruchung der Einspannstel-
menfielen. len zur Folge hat. Die andauernde
Energiezufuhr in diese nun noch viel
Bild 22. Mangelhafte konstruktive Durchbildung Bautyp 2: Stahlbetonskelettball ten weicher gewordenen Tragelemente ver-
eines Knotenpunktes des eingestürzten Gebäudes in stärkt die Beanspruchung dieser loka-
Bild 18. Vielfach werdenIloch Rundeisen verwendet Tragstrllktllr. Wie bereits erwähnt, er-
mit oft ungenügellden Verankerllllgslängen wiesen sich bei dieser Bauweise die in len Schwachstellen, während die steife-
ren Tragelemente nicht plastifiziert
werden und somit keine Energie auf-
nehmen können. Dies führte in vielen
Bild 23. Vollkommen zerstörte Ausjacllllngs- und Zwischenwände im Erdgeschoss eines Gebäudes ;n Liolli
(Intensität IX). Die Backsteine sind liegend eingesetzt. Die Stiitzellköpfe sind häufig stärker beschädigt als
Fällen zu Schäden, die sehr schwierig
die -jüsse zu reparieren sind, oder hatte gar den
Einsturz ganzer Gebäude zur Folge. Im
weiteren sei erwähnt, dass diese zusätz-
liche Schwächung bei den meisten Ge-
bäuden die Eigenfrequenzen zusätzlich
reduzierte und diese immer stärker in
einen möglichen Resonanzbereich
tieffrequenter Erdbebenerschütterun-
gen verschob. Dieses Phänomen kann
teilweise das viel bessere Verhalten
niedriger, im Erdgeschoss besser ausge-
steifter Gebäude im Vergleich zu mehr-
stöckigen erklären.
Symmetrie. Die häufig anzutreffende
asymmetrische Auslegung in Grund-
und Aufriss, die eine unausgewogene
Massen- und Steifigkeitsverteilung mit-
sichbringt, hat im Vergleich zu symme-
trischen Gebäuden zu wesentlich höhe-
ren Schäden geführt. U- oder L-förmige
Grundrissformen (Bilder 15, 19), un-

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Erdbeben-Ingenieunvesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82
Tabelle 2. Zusammenstellung VOll Bautypenanteilen. Schadensummen und globalen Zerstörungsgradenjiir verschiedene Ortschaften im Epizentralgebiet

Bautyp 1 Bautyp2
globaler
Intensität Schaden- Bauten- Schaden- Schaden- Bauten- Schaden- Zerstörungs-
grad anteil summe grad anteil summe grad
[%] [%] [%] [%]

San Angelo IX 95 62 59 75 38 29 88
Lioni IX 95 52 49 75 48 36 85
Laviano IX 95 79 75 75 21 16 91
Teora VIII 70 75 53 35 25 9 62
Calabritto VlJI 70 75 53 35 25 9 62
Pescopagano VIII 70 85 60 35 15 5 65
Balvano VIII 70 93 65 35 7 2 67
San Gregorio M. VIII 70 46 32 35 54 19 51
Senerchia VIII 70 80 56 35 20 7 63
San Andrea d.C. VII 35 76 27 8 24 2 29
Montoro Sup. VII 35 76 27 8 24 2 29
MuroLucano VII 35 74 26 8 26 2 28

gleichmässige Aussteifungen des Ske- wirkt, infolge der von ihr aufzuneh- den entsprechenden Referenzkurven 1
letts, asymmetrische Anordnung des menden Zugkraft eine zusätzliche Re- und 2 aus [14] liegt, was die schlechte
Liftschachtes oder des Treppenhauses duktion der maximal möglichen Mo- Qualität dieses Bautyps bestätigt und
haben bekanntermassen ein Auseinan- menten-Schub-Beanspruchung. Diese das sehr grosse Zerstörungsausmass
derklaffen von Massenschwerpunkt Beanspruchungsunterschiede lassen auch in Ortschaften mit I =VII erklärt.
und Schubmittelpunkt zur Folge. Dies sich oft daran erkennen, dass die Stüt- Für den Bautyp 2 konnte - z. T. bedingt
führt bei den unter Erdbeben auftreten- zen am Kopf stärker beschädigt werden durch unterschiedliche Bauqualität in
den Horizontalbelastungen zu grossen als am Stützenfuss (Bild 23). den verschiedenen Ortschaften - kein
Torsionsbeanspruchungen, die das Die Schubbeanspruchung in der Ausfa- eindeutiger Wert für den Schadengrad
Schadenausmass im Vergleich zu einem chungswand führt zu Zugspannungen bestimmt werden. Deshalb wurde je In-
regelmässigen Tragsystem massgeblich und schliesslich zu Rissen in Richtung tensitätsstufe eine gewisse Bandbreite
erhöhen. der Druckdiagonalen. Bei zyklischer von rund 10 Prozent angegeben. Die
Konstruktives. In vielen Fällen wurde Belastung, d. h. wechselseitiger Bean- Werte decken sich ungefähr mit der
in den Stützen und insbesondere in den spruchung des Rahmens und der Ausfa- Referenzkurve 3 aus [14].
Rahmenecken und -knoten eine unge- chung, treten die bei Erdbeben typi-
nügende Bügelarmierung festgestellt schen X-Risse auf (Bild 17). Der Wider- Zerstärungsgrad
(Bilder 21, 22). Auch die Längsarmie- stand der Wand kann im Verlaufe der In [15] ist für verschiedene Ortschaften
rung war vielfach zu schwach und häu- Beanspruchungsphase soweit ge- im Epizentralgebiet die Altersstruktur
fig noch mit Rundstahl und ungenü- schwächt werden, dass die gesamte der Gebäude aufgeführt. Ordnet man
gender Verankerungslänge ausgeführt Wand zusammenbricht (Bild 23). Dabei grob alle Vorkriegsbauten Bautyp 1 und
(Bild 22). Der dadurch verursachte ist dieser Widerstand ohnehin durch den Rest Bautyp 2 zu, so erhält man die
schlechte Verbund führte zu grossen Öffnungen wie Türen oder Fenster, in Tabelle 2 aufgeführten Bautenantei-
klaffenden Rissen (Bild 18). Die schlechte Mörtel- und allenfalls auch le. Multipliziert man diese mit dem in-
schlechte Betonqualität war augenfällig Stei nqualität beträchtlich geschwächt, tensitätsabhängigen Schadengrad aus
(Kornabstufung, Zementgehalt, Ver- was die Rissbildung zusätzlich begün- Bild 24 und addiert sie über beide Bau-
dichtung). stigt.
Ausfachungs- und Zwischenwände. Die Bild 24. Schadenfunktionell für die Bautypen 1
vorwiegend in Backstein ausgebildeten Schadenausmass und 2 im Vergleich mit den eIltsprechenden Refe-
rellzkun'en in [14J
Ausfachungswände der Stahlbetonske- Schadenfunktionen
lette verhalten sich gegenüber horizon-
talen Beanspruchungen in ihrer Ebene In den einzelnen Intensitätszonen wur-
sehr steif und sind viel weniger verfor- den für die beiden Bautypen je ein mitt-
mungsfähig als die sie umgebende lerer Schadengrad geschätzt und mit
Stahlbeton-Rahmen konstruktion. Eine den in [14] publizierten Angaben in
horizontale Belastung wird daher pri- Bild 24 verglichen. Der Schadengrad
mär von der Ausfachungswand aufge- wird in Prozenten ausgedrückt und
nommen. Da bei schlechter Ausfüh- stellt die aufgrund des Schadenbildes zu
rung praktisch kein Verbund zwischen erwartenden Reparaturkosten in Rela-
Rahmen und Ausfachung besteht, muss tion zum Neuwert eines Gebäudes. Da-
jede einzelne Stütze die gesamte hori- bei wird angenommen, dass sich für ein
zontale Kraft und nicht etwa nur die Gebäude, dessen Reparaturkosten 70
Hälfte über Schub aufnehmen, und Prozent des Neuwertes übersteigen,
zwar die eine Stütze am Stützenkopf, eine Reparatur nicht mehr lohnt und
~++-===+-r2 Backsteinbauten unbewehrt
die andere am Stützenfuss [13]. Dies der Schadengrad hundert Prozent be- .5 .-/ ~ ·/3 Stahlbetonskelettbauten ohne

kann - vor allem in Verbindung mit trägt. Die in Bild 24 aufgeführten Werte I ,Bemessung auf Erdbeben

einer zusätzlich auftretenden Momen- für den Schadengrad sind Mittelwerte I =l'6 Stahlbetonskelettbauten mit
~.- -~_. Bemessung auf Erdbeben
tenbeanspruchung - zu einer Überbe- verschiedener Ortschaften mit jeweils
gleicher Standortintensität. I (Nummern nach [14)
anspruchung der Stützen führen. Zu- .1L-~ __- L_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _~
sätzlich erfährt die Stütze, bei der die Der Vergleich zeigt, dass der Schaden- V VI VII VIII IX X XI XII
Intensität
Schubbeanspruchung am Stützenkopf grad für den Bautyp I eindeutig über

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Erdbeben-Ingenieur,vesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82

Bild 25. Briicke iiher deli ara/Ho-Fluss in der Nähe I'on Calirri. /n der Regel Bild 26. Ahrutschen der Dall1l1lböschllng an der ill1 Ball befindlichen Strasse
"'erden die Briickenmit I'Or{ahrizierlen. einfachen BaikeIl ausgeführt "Oll Lioni TTach Nusco

typen, erhält man den Zerstörungsgrad Brücken sind fast aussehliesslich massi- genommen. Hingegen wird in dersel-
je Ortschaft. Die globalen Zerstörungs- ve Bogenbrücken, deren Gewölbe und ben Quelle eine einfache Balkenbrücke
grade als Mittelwerte aller Ortschaften Stirnseiten mit behauenen Natursteinen in der Nähe von Calitri erwähnt, die
mit gleicher rntensität betragen dann: oder Formsteinen gemauert sind. Die Schäden an einem der Auflager erlitten
I = VII Zerstörungsgrad = 30 Prozent neueren, teils mehrfeldrigen Brücken haben soll.
I = VIII Zerstörungsgrad = 60 Prozent bestehen aus vorfabrizierten, einfachen An Strassen- oder Bahnunterführungen
I = IX Zerstörungsgrad = 85 Prozent Stahlbeton- oder Spannbeton balken auf traten im allgemeinen keine bis nur
massiven Pfeilern. Die längste Brücke sehr geringe Schäden auf, sofern diese
Der Beitrag des Bautyps 2 am globalen dieser Art im Epizentralgebiet befindet in tragfähigem Untergrund fundiert
Zerstörungsgrad nimmt trotz gleich- sich bei Conza della Campania und wurden. Gelegentlich fielen an Mauer-
bleibendem Bautenanteil von 7 Prozent weist bei einer Gesamtlänge von rund werksbogen Steine heraus und in den
bei Intensität VII auf 30 Prozent bei In- 500 m 17 Felder auf. Stützmauern von Betonunterführun-
tensität IX zu. Diese Zahlen unterstrei-
Mit Ausnahme einer älteren Bogen- gen traten vereinzelt Risse auf. Eine
chen die höhere Schadenempfindlich-
brücke in der Nähe von San Angelo dei Ausnahme bildete eine Flurwegunter-
keit des Bautyps I mit zunehmender
Lombardi konnten an diesem Brücken- führung durch den Damm der Umfah-
Stando rt intensität.
typ keine oder nur geringe Erdbeben- rungsstrasse von Lioni, deren massive
schäden beobachtet werden. Bei der Flügelmauern sich seitlich bis zu 20 cm
Brücke in San Angelo war das Mauer- verschoben haben. Diese Schäden dürf-
werk des mittleren Gewölbes und der ten höchstwahrscheinlich mit einer Re-
Schäden an Brücken, Strassen, duktion der Scherfestigkeit des wasser-
Stirnseite gerissen und der Verkehr
Tunnels und Spezialbauten musste über eine auf die Fahrbahn ge- gesättigten Untergrundes infolge der
legte Notbrücke geführt werden. Dieser Erdbebenerschütterungen zusammen-
Brücken und Unterführungen Schaden war aber höchstwahrschein- hängen.
Zahlreiche Strassen- und Eisenbahn- lich durch ein Abgleiten des einen Bo- Strassen und Stützmauern
brücken unterschiedlichen Alters und genwiderlagers verursacht und in dem
unterschiedlicher Bauweise befinden Sinne nur sekundär durch das Beben Ausser im Epizentralgebiet waren die
sich im Epizentralgebiet. Die älteren bedingt. an den Strassen beobachteten Schäden
nicht schwerwiegend und beschränkten
Bei den moderneren Brücken aus vorfa- sich auf kleinere Risse im Strassen be-
Bild 27, Risseschäden in der Um!ahrungsstrasse brizierten Trägern traten an der eigent- lag. Im Epizentralgebiet waren die
ran Lioni lichen Konstruktion praktisch keine Strassenschäden bedeutender. Oft tra-
Schäden auf (Bild 25). Im Gegensatz ten Längsrisse im Belag im Zusammen-
zum Erdbeben im Friaul [16] wurden hang mit Abrutschungen längs des
keine bleibenden Auflagerverschiebun- Strassenrandes infolge von Böschungs-
gen oder das Aufprallen der Brücken- instabilitäten auf. Bild 26 zeigt eine sol-
träger auf die Widerlager festgestellt. che Abrutschung an der im Bau befind-
Die Schäden beschränkten sich auf Set- lichen Strasse von Lioni nach Nusco.
zungen des Hinterfüllungsmaterials Grosse Risseschäden mit Rissweiten
beim Widerlager und des Zufahrtdam" von 10 bis 15 cm entstanden im Belag
mes, wie aus Bild 25 ersichtlich ist. Der der Umfahrungsstrasse von Lioni (Bild
zum Teil fehlende Einbau von Schlepp- 27). Die Strasse führt auf einem etwa
platten führte zu Niveaudifferenzen im 6 m hohen Damm über wassergesättigte
Fahrbahnbelag von maximal 30 cm bis alluviale Ablagerungen des Ofanto-
40 cm. Durch sofortiges Aufschütten Flusses. Die Schäden sind höchstwahr-
nach dem Erdbeben waren aber alle scheinlich auf erdbeben bedingte hori-
Brücken - allerdings mit erheblich re- zontale Verschiebungen des Dammkör-
duzierter Geschwindigkeit - wieder be- pers auf dem weichen Untergrund zu-
fahrbar. rückzuführen. In Rutschgebieten wa-
Gemäss [17] haben auch zwei Hänge- ren die Strassen häufig sehr stark be-
brücken für Rohrleitungen in der Nähe schädigt und zum Teil nicht mehr be-
von Bagni di Contursi keinen Schaden fahrbar.

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Erdbeben-Ingenieurwesen Schweizer Ingenieur und Architekt 14/82
Bei den neueren, oft mehrere Meter ho- Literaturverzeichnis
hen Stützmauern im Epizentralgebiet 0,7 [I) «Das Erdbeben in Süd italien vom 23. No-
konnten praktisch keine Schäden fest- vember 1980». Schweizer Ingenieur und
gestellt werden. Eine grosse Stützmauer Architekt, Heft 8, 198 I
beim Wärter haus des Erddammes nahe 0,6 [2] Corriere della Sera: Wöchentliche Wirt-
bei Conza della Campania zeigte z. B. schafts beilage, 12. März 1981
[3] Progetto Finalizzato Geodinamica,
keine Schäden, obschon das Wärter-
(J)

§ 0,5 C.N.R. Roma (eine Arbeitsgemeinschaft


haus stark beschädigt wurde. .g>
c von 13 italienischen Instituten und Orga-
::J nisationen, im Text mit P.F.G. abekürzt)
:cu
QJ
0,4 [4) Stratta, l. L., Escalante, L. E., Krinitzsky,
Tunnels Ul
<l>
E. L., Morelli, U. .' «Earthquake in Campa-
n
An Tunnels ausserhalb des Epizentral- c nia-Basilicata, Italy, November 23, 1980,
~ 0,3 A Reconnaissance Report». National Re-
gebietes konnten keine Schäden beob- o
CD search Council, Earthquake Engineering
achtet werden. Dies gilt insbesondere <l> Research I nstitute, National Academy
für die Strassentunnels der Autobahn ~ 0,2 Press, Washington D. c., 1981
Napofi-Bari im Gebiet von Avellino, X
o
[5) Zamberletti, G . .' «Le tremblement de terre
wo eine Intensität von ungefähr VII bei L du Frioul et les moyens de communication
0,1 dans la zone sinistree». SIA-FBH-Fachta-
Epizentraldistanzen zwischen 40 km gung, Lausanne, 1980
und 50 km festgestellt wurde. Diese [6) Schweizerischer Erdbebendienst ETHZ,
Beobachtungen stimmen gut mit frühe- 1981
ren Erfahrungen [18] überein (Bild 28), 10 30 50 70 90 [7) Karnik, v..' «Seismicity of the European
Epizentroldistonz [km] Area». Part I, 364 pp. D. Reidel Publish-
wonach bei Intensitäten kleiner als ing Company, Dordrecht, Holland, 1969
etwa VII-VIII keine Schäden an Tun- Bild 28. Beziehung zwischen Tunnelschäden und [8) Berardi, R., Berenzi, A., Capozza, F. .'
verschiedenen charakteristischen Grössen eines Erd-
nels zu erwarten sind. bebens (nach [18]) (L = Lioni, B = Bagnoli)
«Terremoto Campano-Lucano deI 23 No-
vembre 1980. Registrazioni accelerometri-
Im Epizentralgebiet befinden sich drei che della scossa principale e loro elabora-
Eisenbahntunnels an der lokalen Linie zioni». Congresso annuale deI progetto fi-
von Avelfino über Lioni nach Melfi. Die anscheinend recht duktil, ohne dass die nalizzato geodinamica, Udine, 12-14 mag-
Verformungen zu gross wurden und gio 1981, CNEN-ENEL.
Lage der drei Tunnels ist in Bild 8 ein- [9) Servizio Geologico d'Italia, «Carta Geolo-
getragen. Bei der Begehung der Tunnels sich daraus Schäden infolge des P-Del- gica d'Italia, Foglio 186, S. Angelo dei
wurden vereinzelte Abplatzungen am ta-Effekts ergaben. Lombardi, und Foglio 185, Salerno»
Steingewölbe festgestellt, wobei diese 1:100000, I Edizione, Poligrafica e Carte-
Zementsilos bei zwei Fabriken für Ze- valori, Ercolano, Napoli, 1970
Schäden gegen den Portalbereich hin mentwaren in der Nähe von Lioni zeig- [10) Faccio li , E . .' «Engineering Seismology
zunehmen. Die geschätzte Standortin- ten eindrücklich das unterschiedliche Aspects of the M = 6,5 Southern Italy
tensität für die zwei Tunnels bei Bagno- Verhalten je nach Art der Verankerung Earthquake of November 23, 1980; a Preli-
1i Irpino beträgt etwa VIII. Mit einer minary Review». X Int. Conf. on Soil Me-
in den Fundamenten. Bei der einen An- chanics and Foundation Engineering,
Epizentraldistanz von ungefähr 20 km lage wurden die Silos und gewisse Teile Stock holm, 1981
und der von einem Starkbebeninstru- der Produktionsanlagen wegen mangel- [11) Decreto ministeriale, 3.3.1975, publiziert
ment in Bagnoli aufgezeichneten maxi- hafter Befestigung der Stahlstützen am in der Gazetta ufficiale vom 8. April 1975
malen Bodenbeschleunigung von 0,20 g [12) «Norme techniche per le costruzioni in
Fundament umgeworfen und zerstört. zone sismiche». Istituto poligrafico delle
ergibt sich wiederum eine gute Über- Bei der anderen Analge waren die Ze- Stato, Roma, 1976
einstimmung mit den Werten im Bild mentsilos gut in der Fundation veran- [13) Stratta, l. L..' <<interaction of Infill Walls
28. Dasselbe lässt sich auch für den kert, was dazu führte, dass einzelne and Concrete Frames during Earth-
Tunnel bei Lioni sagen, obschon dort quakes». Bulletin of Seismological Society
Stahlrohrstützen der Silos knickten of America, Vo!. 61, No. 3, pp 609-612,
die Intensität höher als VIII gewesen oder zerrissen. 1971
sein dürfte und Abplatzungen häufiger [14) Sauter, F F, Shah, H. c..' «Estudio de se-
waren als bei den beiden Tunnels in Zwei am Rande des Epizentralgebietes guro contra terremoto». Istituto Nacional
gelegene kleinere Staudämme sowie ein de Seguros, San lose, Costa Rica, 1978
Bagnoli Irpino.
Damm bei Conza della Campania, der [l5) Gazetta dei Popolo, Torino, 28. November
sich im Bau befindet, zeigten keine 1980
Spezialbauten [16) Contribution to the Study of Friuli Earth-
Schäden. quake of May 1976. CNEN-ENEL Corn-
Die zahlreichen Wassertürme im Erd- mission on Seismic Problems, Roma, No-
bebengebiet sind meist 6stielige Stahl- vember 1976
Adresse der Verfasser: Walter Amman, dip!. Ing. [17) Gürpinar, A., Vardanega, c., Ries, E. R..'
betonrahmenkonstruktionen von rund ETH, Institut für Baustatik und Konstruktion,
20 m Höhe und aufgesetztem Wasserbe- «The November 23, 1980 Irpinia Earth-
ETH-Hönggerberg, 8093 Zürich; Dr. Ernst Berger,
quake (Terremoto Campano Lucano), Ob-
hälter aus einer Stahlbeton/Backstein- dip!. Ing. ETH, Basler & Hofmann, Ingenieure und servations of Soil and Soil-Structure Inte-
Mischbauweise (Bilder I und 14). Trotz Planer AG, Forchstr. 395, 8029 Zürich; Dr. Dieter
raction Effects». Sixth International Con-
Mayer-Rosa, Schweiz. Erdbebendienst, ETH-
des dynamisch anfälligen Systems (um- Hönggerberg, 8093 Zürich; Franfois Perraudin,
ference on Structural Mechanics in Reac-
gekehrtes Pendel) verhielten sich diese tor Technology, Paper K5/1O, Paris,
dip!. Geophysiker, Institut für Geophysik, ETH-
August, 1981
Wassertürme sehr gut. Einige Risse und Hönggerberg, 8093 Zürich; Dr. Bruno Porro, dip!.
[18) Rozen, A . .' «Response of Rock Tunnels to
leichte Betonabplatzungen in den Rah- Ing. ETH, Schweiz. Rückversicherungs-Gesell-
Earthquake Shaking». Master of Science
schaft, Mythenquai 50/60, 8002 Zürich; Dr. lost
me necken waren die einzigen feststell- Studer, dip!. Ing. ETH, GSS Beratende Ingenieure
Thesis in Civil Engineering at the Massa-
baren Schäden. Die mit drei Riegeln chusetts Institute of Technology, Cam-
AG, Witikonerstr. 15, 8032 Zürich, vormals Insti-
bridge, USA, 1976
ausgesteiften Stützen verhielten sich tut für Grundbau und Bodenmechanik, ETHZ.

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