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54  JOHANN SEBASTIAN BACH Deutsch perfekt 5  /   2019

Ibsa Gidada (44), Manager, hört die


Partita für Violine in E-Dur. Früher
spielte er Bach auf der Gitarre.

Bach? Meer sollte


er heißen!
Manche Menschen glauben nicht an Gott. Aber wenn sie Johann Sebastian Bach
hören, werden sie religiös. Es könnte sein, dass dieser Komponist vor 300 Jahren
die ideale Musik erfunden hat. Von Alard von Kittlitz; Fotos: Lêmrich
MITTEL PLUS

V
ier Tage hat Ton Koop­ eines Michelangelo oder eines Leonar­
der B„ch, ¿e  die Passion, -en 
man noch Zeit, dann do. In der Musik kommt keiner in seine ,  kleiner Fluss; hier: , hier: Geschichte über
muss er mal wieder Nähe.“ Johann Sebastian Bach das Leiden Jesu
eine Sternstunde der Für Koopman ist das eine logische s¶llte  (das Leiden 
Menschheit abliefern. Reihenfolge: Musik ist der höchste Aus­ , hier: ≈ es wäre gut, wenn , hier: Lebensweg voller
Schmerz und schwieriger
Es wird Freitagabend sein, die Lichter druck des Menschen. Bach ist der größte erf“nden 
Ereignisse)
im Concertgebouw in Amsterdam wer­ Komponist, der je gelebt hat. Zusam­ ,  sich etwas absolut
Neues überlegen h“nrichten 
den festlich leuchten, das Publikum wird men mit der Johannes-Passion und der , hier: öffentlich
erwartungsvoll zur Bühne blicken. Ton h-Moll-Messe – Koop­man kann sich zwi­ die St¡rnstunde, -n 
totmachen
, hier: glücklicher, für
Koopman wird den Taktstock heben und schen diesen dreien nicht entscheiden – die Menschheit wichtiger der R„ng 
eine jahrhundertealte Musik entfesseln. ist die Matthäus-­Passion das größte Werk, Moment ,  Position in einer
Hierarchie
Aus den Notenblättern wird sie in die das Bach geschrieben hat. Das heißt: Nie „bliefern , liefern
Hände der Musiker und die Stimmen wurde etwas Grandioseres komponiert. der Ausdruck 
leuchten 
, hier: künstlerische
der Sänger fahren und schließlich im Saal Wussten Sie, dass diese Musik, die ,  Licht reflektieren
Wirkung
landen. Die Matthäus-Passion von Johann rund um Ostern in Kirchen und Konzert­ erw„rtungsvoll 
je 
Sebastian Bach. sälen in der ganzen Welt gespielt wird, ,  so, dass man erwartet,
, hier: in der Geschichte
etwas Spezielles zu sehen
Noch aber ist Dienstag. Es wird ge­ fast vergessen wurde? Bach starb 1750. der Musik
probt. Der große Konzertsaal ist men­ Danach war er ziemlich tot. Bis auf ein der T„ktstock, ¿e 
das M¶ll 
,  langer, dünner Gegen-
schenleer, nur ein paar Mäntel und In­ paar Schüler und Experten interessierte ,  ≈ Name für ein System
stand, mit dem man ein
von Tönen. Es wird oft
strumentenkoffer liegen auf den Stühlen. sich niemand mehr für ihn. Auf Bachs Orchester leitet
mit etwas Traurigem
Auf der Bühne sitzt der Dirigent Koop­ Grab stand nicht einmal ein Stein. heben  assoziiert.)
man mit ein paar Musikern und arbeitet Heute scheint das verrückt. 334 Jahre , hier: mit der Hand nach
(der Ton, ¿e 
oben nehmen
an den Rezitativ-Passagen. nach seiner Geburt ist Bach nicht nur für , Laut)

Die Matthäus-Passion erzählt eine ex­ Koopman einer der größten Musiker, die jahrh¢ndertealt 
das W¡rk, -e 
, von: das Jahrhundert =
trem bekannte Geschichte aus der Bibel. es je gab. Für viele Menschen war er so et­ , hier: Musik als Produkt
Zeit von 100 Jahren
eines Künstlers
Die Menschen richten Jesus, den Pro­ was wie ein Prophet oder ein extrem gro­
entf¡sseln 
pheten der Liebe, sadistisch hin. Es ist ßes Genie. Vielleicht war Bach ja wirklich k¶mponieren 
, hier: effektvoll starten
,  ≈ Musik schreiben
eigentlich eine schreckliche Geschichte. der GOAT, der Greatest Of All Time, wie der Saal, Säle 
das Grab, ¿er 
Aber für Koopman, einen der wichtigs­ ihn auch die New York Times einmal nann­ ,  sehr großer, hoher Raum
,  Platz, an dem ein Toter
ten Bach-Dirigenten unserer Zeit, gibt te. Aber wie will man das beurteilen? Es proben  liegt
es nichts Größeres als diese Musik. Nach gibt ja keine objektiven Maßstäbe für , von: die Probe = hier:
be¢rteilen 
≈ Training des Orchesters
der Probe sitzt er in seiner Garderobe und Größe in der Kunst. , hier: ein Urteil machen
sagt: „Ich bin ein Mann der alten Musik. Man könnte sich aber an den nach menschenleer 
der Maßstab, ¿e 
,  ohne Menschen
Für mich war Bach ein Mensch vom Rang ihm geborenen Kollegen orientieren. ,  Kriterium; Norm
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erstaunlich  •bergroß 
, überraschend ,  größer als normal
1750 starb Bach. Danach war seine Musik erst das W¢nder, -  die Aufregung 
einmal ziemlich tot. ,  gemeint ist: Mensch mit
besonders viel Talent
,  große Unruhe

die Ersch•tterung 
„ller Zeiten  , von: erschüttern = hier:
Beethoven: „Nicht Bach, sondern Meer suchen, kommen Sie zu einer wunderba­ ,  ≈ früher und heute ≈ erschrecken

sollte er heißen!“ Wagner: „Das erstaun­ ren Version. Hören! der [bstand, ¿e  die M¡nschheitsleistung,
,  ≈ Distanz -en , hier: Arbeit, die für
lichste musikalische Wunder aller Zei­ So. Wenn Sie das nicht berührt hat,
die Menschheit eine große
ten.“ Je größer der zeitliche Abstand, des­ wird Sie der Rest dieses Textes wahr­ unvorst¡llbar 
Bedeutung hat
, hier: ≈ nicht möglich
to unvorstellbarer schien den Musikern scheinlich nicht interessieren. Wenn verændern 
aufführen 
Bachs Werk zu werden. doch, ist es Ihnen vielleicht so gegangen ,  neu oder anders machen
,  vor Publikum zeigen
Bach wurde langsam berühmt. Erst wie Johannes Brahms. Der entdeckte der Beweis, -e 
das B„ch-Fest 
80 Jahre nach seinem Tod, 1829, führte diese Musik 1877 und schrieb danach an ,  Musikfestival mit der
, von: beweisen = hier:
zeigen, dass etwas wahr ist
Felix Mendelssohn Bartholdy in Berlin Clara Schumann: „Hätte ich das Stück ma­ Musik von Bach
die Matthäus-Passion auf und erinnerte chen, empfangen können, ich weiß sicher, sogar , hier: dazu noch
¡rst …, ¢m d„nn … 
zum ersten Mal laut und deutlich an die die übergroße Aufregung und Erschütte­ ,  zuerst …, aber später … un¡ndlich ,  ohne Ende
Wichtigkeit dieser Musik. 100 Jahre spä­ rung hätten mich verrückt gemacht.“ w“rken , hier: ≈ einen d¡nkbar , möglich
ter begann ein Bach-Boom. Auf einmal Und Bach selbst? Konnte er vermuten, speziellen Effekt haben
S“nn haben 
war Bach wirklich überall. dass man später die Chaconne eine der erklärbar ,  so, dass man ,  einen Grund haben
Bach in den Konzertsälen, Bach im größten Menschheitsleistungen nennen es erklären kann
s“nnlos ,  ohne Bedeutung
Jazz, Oscar Peterson, Nina Simone. Bach würde? Und dass seine Musik Leben für das St•ck, -e 
p„cken , hier: annehmen
, hier: ≈ Komposition
im Pop, bei den Beatles und den Beach immer verändern, manche vielleicht auch
“rgend , irgendwie
Boys, im Hip-Hop bei Eminem und Mobb retten würde? aufgeben , hier: schwach
werden; etwas nicht zu vergewaltigen , mit
Deep. Bach im Film, in Der Pate, in Casino, Ende machen Gewalt erreichen, dass man
Bach auf dem Cover des Time Magazine, „Bach war der Beweis, dass es Gutes der K¶pfhörer, - 
mit jemandem Sex hat
in den Bestsellerlisten. Bach, wirklich, in der Welt gibt“ ,  Gerät mit zwei kleinen der [lbtraum, ¿e 
in Fifty Shades of Grey. Und Peter Wollny, „Natürlich kannte ich davor schon Mu­ Lautsprechern, das man am ,  Traum von schrecklichen
Kopf trägt Ereignissen
der Leiter des Bach-Archivs in Leipzig, sik“, sagt James Rhodes, ein britischer
sieht noch lange kein Ende der globalen Konzertpianist, „ich liebte Musik sogar.“ berühren , hier: ≈ das Trauma¶pfer, - 
machen, dass man starke , hier: Person, die durch
Bach-Liebe. Im letzten Sommer kamen Ein Treffen im Café eines Museums in Emotionen bekommt ein Trauma große Probleme
in Leipzig zum jährlichen Bach-Fest fast Madrid. Rhodes versucht, von dem Mo­ hat
empf„ngen , hier: etwas
80 000 Gäste. ment zu erzählen, in dem sich Bachs Mu­ Neues erfinden
Was ist das für eine Musik, die erst fast sik zum ersten Mal über seine verletzte
vergessen wurde, um dann immer wich­ Psyche legte wie ein schützender Mantel.
tiger zu wirken, je älter sie wurde? Woher „Als ich die Chaconne das erste Mal hörte …
kommt sie? Ist sie erklärbar? Und was er­ Ich war gerade sieben Jahre alt. Diese Mu­
zählt sie über den Menschen? sik war so unendlich viel tiefer als alles,
Schwierige Fragen, oder vielleicht ein­ was ich bis dahin gehört hatte. In dieser
fach dumme Fragen. Warum muss man Musik war alles, jedes denkbare mensch­
eigentlich über Bach reden? Machen liche Gefühl. In ihr hatte alles Sinn, und in
Sie doch mal ein kleines Experiment, meinem Leben schien damals alles sinn­
besonders dann, wenn Sie diese Musik los. Also packte ich diese Musik und hielt
noch nicht kennen: Legen Sie bitte jetzt sie fest, so fest ich nur irgend konnte. Sie
die Zeitschrift weg, und hören Sie sich war der Beweis, dass es Gutes in der Welt
ein einziges Stück von Johann Sebastian gibt. Die Welt konnte nicht nur böse sein,
Bach an: die Chaconne. wenn diese Musik existierte.“
Nehmen Sie sich 15 Minuten Zeit da­ Rhodes wurde als Kind viele Male
für, geben Sie nicht nach drei Minuten vergewaltigt, fünf Jahre lang, von seinem
schon auf. Lassen Sie sich beim Hören damaligen Sportlehrer. Niemand rettete
nicht stoppen, schauen Sie nicht auf Ihr den Jungen, die anderen Lehrer nicht,
Smartphone. Nutzen Sie, wenn es geht, ei­ die Eltern nicht. Rhodes’ Lebensge­
nen guten Kopfhörer oder Lautsprecher. schichte ist ein Albtraum, der unerwar­ Das berühmte Bild von Bach, wie es Elias Gottlob
Wenn Sie bei Google „Chaconne Kremer“ tet gut endet. Ein Traumaopfer, Junkie, Haußmann gemalt hat.
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sein Leben … w“dmen  zutage fœrdern 


Psychiatriepatient und Suizidkandidat Hochbegabung wurde unüberhörbar. Mit , hier: sich fast nur noch , hier: bekannt machen
wird gerettet, um viel zu spät und viel zu 15 wanderte er zu Fuß nach Lüneburg beschäftigen mit …
die Forschung, -en 
alt doch noch Konzertpianist zu werden. (heute Niedersachsen), um dort an einer erw„chen  ,  Arbeit für mehr Wissen
Die Rettung begann mit Bach. Der Musikschule weiter lernen zu können. Er , hier: beginnen zu
¶ffenbar 
existieren
Wunsch, sein Leben der Musik zu wid­ studierte bei den großen Organisten sei­ , hier: ≈ so, wie man sagt
men, erwachte in dem kleinen James mit ner Zeit und wurde Berufsmusiker. Nun außer¶rdentlich 
zeugen 
, hier: speziell
der Chaconne. Und als Rhodes nach sei­ komponierte er dauernd, kam über viele , hier: ≈ machen
allein 
nem Suizidversuch in einer Psychiatrie Stationen nach Leipzig. Dort schrieb er spr¡chen für 
, hier: wenn man nur
war, machte ein iPod mit Bach-Klavier­ als Kantor seine berühmtesten Werke. , hier: als Argument
denkt an
stehen für
stücken ihm doch noch Lust aufs Leben. Zum Glück fördert die Bach-For­ der/die V¶llwaise, -n 
gew“ss 
Natürlich hat Rhodes viel über diesen schung auch ein anderes Bild des Kompo­ ,  Kind, dessen Eltern beide
, hier: bestimmt
Komponisten nachgedacht. „Wir wissen nisten zutage. Der junge Bach, weiß man gestorben sind
die Lebensfreude 
so wenig über ihn“, sagt er, „aber was wir heute, war ein Dandy. Er aß und trank of­ aufgeben 
,  ≈ Spaß am Leben
, hier: schwach werden;
wissen, ist so außerordentlich. Allein der fenbar sehr gern. Ja, es starben zehn seiner
etwas nicht zu Ende ¡s heißt 
Schmerz. 20 Kinder hatte der Mann, und Kinder. Aber er zeugte mit seinen beiden machen ,  man sagt
zehn sterben. Und seine Geschwister Frauen auch 20, das spricht ja doch für unf„ssbar  wohl 
sterben, und seine Mutter und sein Vater eine gewisse Lebensfreude. Für andere ,  so, dass man es nicht , hier: offenbar
sterben. Mit neun Jahren war Bach Voll­ Musiker stand sein Haus immer offen, glauben/verstehen kann
kl“ngen 
waise. Und seine erste Frau, seine große heißt es. Seine Frauen hat er wohl geliebt. v¶n Bedeutung  , hier: ≈ zu hören sein
,  von Wichtigkeit
Liebe, stirbt. Und doch hat er nie aufge­ Wie die Musik, die muss er geliebt haben. das Klavier, -e 
geben. Er hat eine unfassbare Menge an Manche Musik stirbt, andere bleibt. das Meisterwerk, -e  , Piano
,  besonders gute Arbeit
Musik geschrieben, mehr, glaube ich, als Sommerhits kommen und gehen. Bachs mit hoher Qualität der T„kt, -e 
jeder andere Komponist von Bedeutung. Air aber ist geblieben und klingt heute , hier: ≈ gleiche Teile von
die Per•cke, -n  einem Rhythmus in einem
Ein Meisterwerk nach dem anderen.“ noch groß und schwer. Warum bleibt ,  falsches Haar Lied
Die Chaconne, die Kunst der Fuge, die Bachs Musik? Hat er so etwas geschrie­ str¡ng  wahnsinnig 
Orchestersuiten, die Goldberg-Variationen, ben wie die ideale Musik? , hier: ≈ autoritär; nicht , hier: m sehr
die Cellosuiten, das sind nur ein paar von Igor Levit ist einer der wichtigsten Pi­ fröhlich
berührend  
seinen Kompositionen. Es ist absurd, wie anisten der Welt. Er wurde in Russland spießig  ,  so, dass man starke
, m d ≈ an Normen Emotionen bekommt
groß der Katalog allein an instrumen­ geboren und kam als Kind nach Deutsch­
orientiert und langweilig
tellen Meisterwerken ist. Mindestens land. Ein freundlicher Mann, 32 Jahre alt. s“ch ver„bschieden 
erh„lten  ,  Auf Wiedersehen sagen
genauso lang ist die Liste der Kantaten, Berühmt geworden ist er durch seine , bekommen
Motetten, Messen, Oratorien und Passi­ Version der Goldberg-Variationen, Bachs die Sch¢lter, -n 
die Hochbegabung  ,  Körperteil zwischen Hals
onen – der Katalog der Kirchenmusik. bekanntester Arbeit für das Klavier. ,  mehr Intelligenz und und Arm
„Jedes Mal, wenn ich in den  Gold- Talent als der Durchschnitt
s“ch schließen 
Wer war dieser Mann? berg-Variationen zu den letzten Takten unüberhörbar  , enden
Es gibt das berühmte Bild von ihm von komme“, sagt er, „habe ich ein wahnsin­ , hier: so klar, dass man es
merken muss schweigen 
dem Leipziger Maler Elias Gottlob Hauß­ nig berührendes Gefühl: Das Stück ver­ ,  nichts sagen
mann. Bach, ein bisschen fett, mit Perücke abschiedet sich von mir. Als würde mir der Berufsmusiker, - 
,  Person, die beruflich „bhören 
und strengem Blick. Ein deutscher Bour­ Bach selbst die Hand auf die Schulter le­ Musik macht , hier: noch einmal
anhören
geois und Protestant. Vielleicht war er gen und sagen: ‚Wir sind jetzt zusammen dauernd 
wirklich so spießig. Oder doch nicht? gegangen, und jetzt schließt sich etwas.‘ ,  ≈ immer widerstrebend 
,  ohne es zu wollen
Bekannt ist, dass er 1685 in Eisenach Dieses Gefühl habe ich übrigens auch bei
(heute Thüringen) zur Welt kam und anderen Komponisten. Aber bei Bach …“
dass die Bachs eine Familie von Musikern Levit schweigt ein bisschen und sagt
waren. Die Bach-Männer: alles Musiker. dann, fast ärgerlich: „Ich kann nur persön­
Auch die vielen Bach-Frauen kamen aus lich sprechen. Und ich bin kein religiöser
musikalischen Familien, erhielten aber Mensch oder so, das ist nicht mein The­
nie eine so gute Ausbildung wie die Män­ ma. Aber egal, was Bach schreibt: Ich fühle
ner. Bach wurde in Musik geboren. mich verstanden.“
Nach dem Tod der Eltern musste Erst beim Abhören des Interviews
der Junge von Eisenach ins 50 Kilome­ wird klar, was Levit da so widerstrebend
ter entfernte Ohrdruf zu seinem älte­ beschreibt. Er redet von einer religiösen
ren Bruder ziehen. Seine musikalische Erfahrung. „Neulich“, sagt er, „sah ich
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Beraterin Julia Diehl (30) hört die


Cello-Suite Nr. 1 und denkt an ihren
Großvater, der Bach liebte.

vertraut  meistgehasst 
,  ≈ gut bekannt; mit einer ,  mehr gehasst als alle
engen Beziehung anderen
Die Bach-Männer: alles Musiker. Die Bach-Frauen: einzigartig  (h„ssen 
musikalisch. Bach wurde in Musik geboren. , hier: anders als alle , L lieben)
anderen
der Kop“st, -en 
irgendwo mal wieder geschrieben: God is soll ihn David Cope. Vermutlich hat kei­ der Geist, -er  ,  Person, die imitiert
,  ≈ Dämon; nicht tote
love. Ich hätte lieber gelesen: Love is love. ner Bachs Kompositionstechniken so gut Person ohne Körper
zeitgenössisch 
, aktuell
Aber es ist so …“, und er sucht die richti­ verstanden wie dieser Mann. Denn Cope
„nsprechen 
gen Worte, „es ist irgendwie so … Egal ob ist der meistgehasste und genialste Ko­ die Schreibblockade, -n 
,  ≈ sagen zu; sprechen zu
, hier: Zustand, in dem
du hörst oder spielst, Bach ist so vertraut pist, den Bach je hatte. die Botschaft, -en  man nicht mehr komponie-
und nimmt dich mit. Das ist einzigartig. Bis zum Ende der 70er-Jahre war Cope , hier: Information; ren/schreiben kann
Er ist wie so ein Geist, der dich anspricht ein regulärer zeitgenössischer Kompo­ Nachricht
„blenken 
und einfach zu dir wird. Wie Luft, die dich nist. Er hatte Erfolg, die Kritiker mochten umgeben  , hier: auf andere Gedan-
,  auf allen Seiten da sein ken bringen
anspricht und einfach zu dir wird.“ ihn. Mit 39 hatte er eine Schreibblockade.
Levit redet über Bach, aber was er sagt, Um sich abzulenken, begann er, an einem die Veda, Veden  f•ttern m“t 
,  Wissen und Gesänge des , hier: geben
ist ziemlich exakt die zentrale Botschaft Computerprogramm zu schreiben, das Hinduismus
zus„mmensetzen 
des Hinduismus. Tat tvam asi. „Das bist komponieren kann.
auslösen  , hier: kombinieren
du.“ Alles, was dich umgibt, so die typi­ Das Ergebnis dieser Arbeit, die Jahre , hier: machen
das Ges¡tz, -e 
sche Interpretation dieser Worte aus dauerte, nannte Cope EMI – Experiments gläubig  , hier: Regel; Prinzip, nach
den Veden, ist das Große Eine. Zu dem in Musical Intelligence. Das Programm ,  so, dass man an die dem die Musik funktioniert
gehörst du auch selbst. Alles ist Brahman, EMI war eine künstliche Intelligenz. Sie Ideale von einer Religion
beibringen 
glaubt
das Ganze. Alles ist Gott. Dieses Gefühl imitierte perfekt. Man fütterte EMI mit , unterrichten
die Ehre 
löst Bach in Levit aus, auch wenn Religion Noten. Dann analysierte es diese Noten seelenlos 
, hier: ≈ Lob
nicht sein Thema ist. und setzte sie neu zusammen – nach den ,  ohne Seele
der Violin“st, -en 
Unterhält man sich mit Musikern, Psy­ musikalischen Gesetzen, die Cope er­ ,  Musiker, der Geige spielt
(die Seele, -n 
,  in vielen Religionen der
chologen, mit Fans und Experten über kannt und dem System beigebracht hatte.
(die Geige, -n  Teil des Menschen, der nach
Bach, passiert etwas Seltsames: Irgend­ EMI konnte den Stil der verschiedensten ,  Musikinstrument in der dem Tod weiterlebt)
wann sprechen sie alle – ob gläubig oder Komponisten imitieren. Und das extrem Form eines kleinen Cellos)
ver„nstalten 
nicht – das Wort Gott aus. schnell und ohne Fehler. Der erste Kom­ führen zu ,  machen; organisieren
„S.D.G.“, Soli Deo Gloria, Gott allein ponist, den EMI zu imitieren lernte, war , hier: bringen
die Wut 
die Ehre, schrieb Bach selbst unter fast Bach. Einmal startete Cope EMI und kam aufführen  ,  intensives Gefühl von
, hier: singen und spielen Ärger
alle seine Kompositionen. „Alles, was er nach einer Stunde zurück. EMI hatte in
geschrieben hat, war getragen durch sei­ dieser Zeit 5000 Choräle im Stil von Bach die Präs¡nz  bedeutsam 
, hier: Gefühl, dass etwas , wichtig
nen Glauben“, hat Gidon Kremer, der Vi­ geschrieben. da ist
olinist gesagt, dessen Chaconne Sie vorhin EMI wurde von der Musikwelt nicht schl¢cken 
die Unst¡rblichkeit  , hier: speichern
hoffentlich gehört haben. sehr positiv aufgenommen. „Seelenlos!“, , von: unsterblich = so,
… infrage st¡llen 
Offenbar ist es ziemlich egal, ob man protestierten die Experten. Aber in Tests, dass man nie stirbt
, hier: sagen, dass … nicht
selbst gläubig ist oder nicht, Bach führt die Cope mit ihnen veranstaltete, konn­ führen  wahr ist
zum Gedanken an Gott. Der weltbekann­ ten sie die Werke der Maschine nicht von , hier: gehen
jenseits 
te Bach-Dirigent John Eliot Gardiner hat denen des Komponisten unterscheiden. weisen  , hier: über
gesagt, dass er Bachs Musik nicht auffüh­ Cope lebt in Kalifornien. Am Telefon , hier: zeigen

ren kann, ohne wenigstens während des erzählt er, dass er die Wut und Ableh­ vermutlich 
, wahrscheinlich
Konzerts gläubig zu werden. nung nie verstanden hat. „EMI konnte
diese Musik ja nur schreiben, weil es
„Seine Musik war perfekt“ Bach gegeben hatte. Die Maschine hätte
Könnte die Präsenz Gottes in Bachs Mu­ nie eine neue, bedeutsame Art von Musik
sik der wichtigste Grund für deren Un­ erfinden können.“ EMI war für Cope nur
sterblichkeit sein? Vielleicht gibt es sogar eine Art Super-Scanner, der das Original
einen ziemlich säkularen Weg zu diesem schluckt und neu kombiniert – und damit
Gedanken, den Gläubige und Atheisten nichts, was Bachs Größe kleiner macht
sehr weit gemeinsam gehen können. oder infrage stellt. Im Gegenteil. „Bach
Dieser Weg führt, es geht leider nicht war jenseits aller anderen Komponisten“,
anders, über die Musiktheorie. Weisen sagt Cope. „Seine Musik war perfekt.“
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Kayra Sahin (8) mag englisch­sprachige Musik.


Sie vermutet, dass das Doppelkonzert für zwei
Violinen in d-Moll, das sie gerade hört, Klassik ist.

voll¡ndet  m“ttelalterlich 
,  komplett; perfekt ,  wie im / aus dem
Mittelalter
Es gibt in dieser Musik kein Oben und Unten, der K¶ntrapunkt, -e 
,  polyphone Kompositi- (das M“ttelalter 
kein Groß und Klein. onstechnik ,  historische Zeit von
ungefähr 500 bis 1500 nach
f¶lgen 
Christus)
Perfekt, was heißt das? „Die Perfektion“, und Unten, kein Groß und Klein. Es gibt , hier: nachkommen
die Vorstellung, -en 
sagt er, „liegt in der vollendeten Kombi­ eine absolute Gleichberechtigung aller der Ton, ¿e 
, hier: Idee
, Laut
nation von harmonischer Bewegung und Töne. Im Kontrapunkt ist alles eins.
verw“rklichen 
Kontrapunkt.“ Und vielleicht ist es von hier wirklich b“lden 
,  ≈ wirklich machen
, hier: sein
Der Kontrapunkt war eine Komposi­ nicht mehr so weit zum tat tvam asi. In n¡rven „n 
das B¡tt, -en 
tionstechnik der Renaissance und des Bachs Musik war noch ein letztes Mal die , m stören an
, hier: Fundament
Barock. Die Musik, die danach folgte, war mittelalterliche Vorstellung einer kosmi­ ewig 
die St“mme, -n 
nicht viel anders komponiert als ein Gi­ schen Harmonie verwirklicht. Man kann , hier: Tonfolge in einer
,  immer wieder

tarrensong: Zu einer gesungenen Melo­ sie hören: universale Harmonie. Komposition mit mehreren „ckern 
die gibt es Töne, Akkorde. Die bilden das In Madrid sagte der britische Konzert­ Stimmen , hier: m viel arbeiten

harmonische Bett der Melodie. pianist James Rhodes, dem die Chaconne (die Tonfolge, -n  ¡s geht ¢m … 
, Tonsequenz) ,  das Thema / der Inhalt
Bei einer Kontrapunkt-Komposition das Leben gerettet hat, was ihn manchmal
ist …
kann aber nicht gesagt werden, welche nervt an Bach: dessen ewiges Soli Deo die Begleitung, -en 
, hier: Nebenstimme, die pur 
Stimme die Melodie singt und welche die Gloria. „Alles immer nur Gott! Ich würde die Hauptstimme (z. B. mit ,  frei von Schmutz; hier:
Begleitung. Jede Stimme ist beides. ihn manchmal gerne schütteln und sa­ Akkorden) unterstützt frei von Ego
Was Cope nun erklärt: Im Kontra­ gen: Das hat nicht Gott gemacht, Mann, best“mmen  h„lt 
punkt bestimmt jede Stimme, was die das hast du gemacht! Gott war golfen, als , hier: entscheiden , einfach

andere darf. Denn die beiden Stimmen du geackert hast!“ Später aber ging es da­ kl“ngen  die [bwesenheit 
klingen ja gleichzeitig. Und wenn eine rum, dass Bachs Musik so pur ist. Da sagte ,  zu hören sein , von: abwesend sein =
L da sein
Stimme die andere ignoriert, klingt es Rhodes: „Es gibt halt diese absolute Ab­ f¶lgen 
falsch. Gleichzeitig aber folgt jede Stim­ wesenheit von Ego. Bach sagt mit seiner , hier: tun, was eine Regel zu s“ch s¡lbst k¶mmen 
sagt ,  gemeint ist hier: ≈
me eigenen melodischen Regeln. Auf ei­ Musik nie: Hör mich. Hier ist meins. Er zufrieden sein; sich gut
“n eine S„ckgasse geraten 
nen Ton kann nicht einfach jeder andere sagt immer: Hör dieses. Hier ist Musik.“ ,  nicht weiter kommen
fühlen
folgen. Würde sich die eine Stimme also Und vielleicht ist es das, was die Men­ s“ch geb¶rgen fühlen 
n¢tzen 
nur von der anderen bestimmen lassen, schen an Bach so lieben. 334 Jahre nach ,  sich sicher und geschützt
, benutzen
fühlen
würde es auch falsch klingen. Bachs Geburtstag schreit die ganze Welt
die Entw“cklung, -en 
Die Gesetze des Kontrapunkts und ohne Pause: Ich. In Bachs Musik aber ist ausarbeiten 
, hier: Komposition
, hier: realisieren
der harmonischen Bewegung kämpfen Stille, so etwas wie ein Raum, in dem man f„llen l„ssen 
s“mpel 
also miteinander. „Die meisten Kompo­ zu sich selbst kommen kann. Bach macht ,  aufgeben; aufhören,
, hier: einfach
nisten“, sagt Cope, „geraten deswegen nie Angst. Man fühlt sich bei ihm gebor­ etwas zu tun
zur•ckverweisen auf 
irgendwann in eine kompositorische gen, verstanden, getragen, und deshalb d¢rchkomponieren 
,  in Beziehung stehen mit
, hier: komplett nach
Sackgasse. Sie nutzen den Kontrapunkt auch nie allein.
Schema fertig komponieren die R•ckkehr 
für die Entwicklung einer Idee und müs­ Bachs letzte Arbeit war die labyrinthi­ , von: zurückkehren =
seufzen 
sen ihn dann fallen lassen. Bach aber sche Kunst der Fuge. Darin arbeitete er die ,  Luft mit einem Laut
zurückkommen
konnte kontrapunktisch durchkompo­ Möglichkeiten dieser strengsten Form abgeben (z. B. weil man das Thema, Themen 
nieren. Er konnte, wenn er wollte, vier, des Kontrapunkts noch einmal systema­ traurig ist) ,  charakteristische Idee
in einer Komposition
fünf Stimmen über ein ganzes Stück so tisch aus. Er schrieb eine Musik, in der aus die Verwobenheit 
(z. B. Melodie, Rhythmus,
,  Qualität, dass alles mitei-
mitei­nander singen lassen.“ Cope seufzt. einem einzigen, simplen Prinzip immer Struktur)
nander verbunden ist
Dass ein Mensch das konnte, findet er mehr Prinzipien werden. Nur damit die­ signieren 
die Gleichberechtigung 
„noch immer unvorstellbar.“ se wieder auf das eine Prinzip zurückver­ , von: gleichberechtigt =
, unterschreiben

weisen, um in dieser Rückkehr wieder ein hier: gleich wichtig


Bach macht nie Angst neues Prinzip zu präsentieren. Spiegel im
Man muss übrigens nicht wissen, was ein Spiegel, eine Musik über die Musik selbst.
Kontrapunkt ist, um ihn in Bachs Musik Die Kunst der Fuge wurde nicht fer­
hören zu können. Es ist diese spezielle tig. Bach starb bei der Arbeit am letzten
Verwobenheit der Stimmen und Instru­ Thema. Das bestand aus der Notenfolge
Eine Übung zu diesem
mente, wie sie sich bei den Händen neh­ „B-A-C-H“. Ganz am Ende seines Lebens Text finden Sie auf
men. Es gibt in dieser Musik kein Oben signierte er also doch. Ein einziges Mal. Seite 50.