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Kindheit im Zweiten Weltkrieg

Nachkriegszeit – Armin Maiwald erinnert sich

Im Mai 1945 war der Krieg endlich vorbei. Doch die ersten Nachkriegsjahre ähnelten den letzten
Kriegsjahren. Es herrschte Not und Hunger, viele Kinder hatten ihre Eltern verloren. Armin
Maiwald erinnert sich.

Kindheit in Schutt und Asche


Jedes Kind erlebte diesen Frieden anders, für die einen war es das erste Stückchen Schokolade
– für andere das Ende der Verdunkelung, dass man wieder Lichter in den Fenstern sah und
abends auf der Straße spazieren gehen konnte. Und alle verband die Hoffnung, dass es bald
besser werden würde.

Aus heutiger Sicht ist es nur schwer vorstellbar, wie die Menschen damals lebten. Für seine
eigene Tochter und für die Zuschauer der "Sendung mit der Maus" hat Filmautor Armin Maiwald
sich daran erinnert, wie er die ersten Nachkriegsjahre als Kind erlebt hat.

Ein Dach über dem Kopf


Das Wichtigste war, ein Dach über den Kopf zu haben. Das war zunächst keine
Selbstverständlichkeit. Viele Häuser waren im Krieg zerbombt worden und die Familien mussten
eng zusammen rücken. Wer nette Nachbarn oder Verwandte hatte, die noch Platz in ihrer
Wohnung hatten, der zog zu denen. Aber das hatte nicht jeder.

Hinzu kamen die vielen Flüchtlinge. In den letzten


Kriegs- und den ersten Nachkriegsjahren flohen
14 Millionen Menschen aus den ehemals
besetzten Gebieten nach Deutschland, die einen
aus Angst, andere wurden evakuiert.

Auch die Familie von Armin Maiwald gehörte zu


jenen, die evakuiert wurden. Sie hatten Glück, sie
bekamen ein Zimmer zugewiesen. Drei Leute
lebten dort: Armin Maiwald, seine Schwester und
seine Mutter. Der Platz reichte gerade mal für
Wohnen in Schutt und Asche zwei Betten, einen Schrank, eine Kommode,
einen Ofen und einen Tisch mit drei Stühlen.

Andere Evakuierte wurden in Baracken untergebracht oder in Massenunterkünften. Wer so eine


Adresse hatte, von dem wusste jeder sofort: Das sind arme Leute. Nicht nur für die
Erwachsenen, auch für viele Kinder, die früher in großen Häusern gelebt hatten und immer gut
gekleidet gewesen waren, war das keine einfache Umstellung.

Hunger
Eines der größten Probleme der ersten Nachkriegsjahre aber war der Hunger. Es gab so gut wie
nichts zu essen. Jeder bekam zwar eine Lebensmittelkarte, aber dass man alles, was auf der
Karte stand, auch besorgen konnte, war keinesfalls sicher.

Armin Maiwald hat genau ausgerechnet, wie viel ein Mensch damals täglich zu essen
bekommen hätte, wenn er alles auf der Karte bekommen hätte: 8,2 Gramm Fett – etwa einen
Löffel voll, 200 Gramm Brot – das waren etwa drei Scheiben, eine für morgens, eine für mittags
und eine für abends.

Dann gab es noch einen Teelöffel Marmelade, einen Löffel Kunsthonig, einen halben Löffel voll
Streichkäse, 5,7 Gramm Rohrzucker, 8,3 Gramm Haferflocken oder Gries, und tatsächlich
Fleisch: 6,6 Gramm genau, also ungefähr eine Gabelspitze voll.

Doch oft gab es nicht einmal dies. Deshalb zogen


die Familien los, um selber etwas Nahrhaftes
aufzutreiben. Meist waren es die Frauen, die ihre
Kinder im Schlepptau mitnahmen. Wer etwas
anzubieten hatte, wie einen alten Mantel,
Silberbesteck oder Rasierklingen, der fuhr aufs
Land, um von dort etwas Essbares mit nach
Hause zu bringen.

Armin Maiwald ging mit seiner Mutter auf die


Felder. Man nannte das auch "stoppeln", wenn
Schulspeisung die armen Leute nach der Ernte die übrig
gebliebenen Ähren aufsammeln durften. Um aus
den eingesammelten Ähren etwas Essbares
gemacht zu bekommen, mussten sie einen Bauern finden, der verbotenerweise nachts für sie
die Körner zu Mehl verarbeitete.

Um die Körner zu transportieren, brauchten sie einen Bollerwagen. Den bekamen sie im Tausch
gegen einen Teil des Mehls, und einen anderen Teil behielt der Müller für sich. Am Ende blieb
für die Familie gerade mal ein Viertel der eingesammelten Ähren über.

Viel war es wirklich nicht, was die Nachkriegskinder auf den Tisch bekamen, und viele Kinder
wären verhungert, wenn es damals nicht die Schulspeisung gegeben hätte. Zum Glück hatten
die Schulen ihren Betrieb wieder aufgenommen, wenn auch unter erschwerten Bedingungen.

Schul-Arbeiten
Wie alle anderen Gebäude hatten auch viele Schulen unter den Bomben gelitten. Fenster gab
es nur selten und manchmal fehlten sogar die Schulwände. In Köln mussten die Schüler
Ziegelsteine mit in die Schule bringen, wenn sie Unterricht haben wollten. Gemeinsam wurde
die Schule dann Stein für Stein wieder aufgebaut.

Einige Schulen aber waren unwiderruflich zerstört, also mussten die Kinder zusammenrücken.
60 Schüler in einer Klasse, wie Armin Maiwald es erlebt hat, waren durchaus keine Ausnahme.

Papier gab es fast gar keins, und zum Schreiben nur Bleistifte oder Griffel, mit denen man auf
eine Tafel schreiben konnte. Trotzdem brauchten die Kinder eine geräumige Schultasche, denn
neben dem Teller für die Schulspeisung, Stift und Tafel mussten sie im Winter auch noch ein
Stück Holz oder Ähnliches in der Tasche unterkriegen.

Der erste Nachkriegswinter war bitterkalt. Wenn die Schüler in den Klassen nicht erfrieren
wollten, musste geheizt werden. Um genügend Heizmaterial zusammenzubekommen, wurden
die Schüler angehalten, selber etwas mitzubringen. Wie sie daran kamen, das war beinahe
egal. Viele Kinder sammelten irgendein brennbares Material auf dem Weg zur Schule ein.

Die Chance unterwegs etwas aufzutreiben war gar nicht so schlecht, denn der Schulweg
zahlreicher Kinder war oft über eine Stunde lang, weil die Nachbarschule zerbombt und der
öffentliche Verkehr zusammengebrochen war.

Verbotenerweise gingen sie zu den Bahngleisen, wo Kohletransporter vielleicht etwas verloren


hatten oder suchten in den Ruinen der zerbombten Häuser nach einem Stück Holz oder
Ähnlichem.

Dass man für das Beheizen öffentlicher Räume


selber zuständig ist, mag uns heute eigenartig
vorkommen, es hielt sich allerdings noch eine
ganze Weile. Noch in den fünfziger Jahren war
es in manchem Kino und mancher Tanzschule
üblich, dass man zusätzlich zum Eintrittsgeld
auch noch sein eigenes Brikett mitbrachte.

Spielen in Schutt und Asche


Ein Junge sammelt vom Lastwagen gefallene Auch die Freizeit der Nachkriegskinder sah für
Kohlenreste auf viele Jahre anders aus, als spätere Generationen
sie erlebt haben. Oft halfen die Kinder den Eltern
beim Schlangestehen vor den Geschäften, beim
"Stoppeln" in den Feldern oder beim Haushalt, falls die Mutter arbeiten ging. Viele Kinder
mussten den zweiten Elternteil ersetzen und sich um die jüngeren Geschwister kümmern.

Zweieinhalb Millionen Kinder hatten nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch ein Elternteil, das war
ein Viertel aller Kinder. Diese "Schlüsselkinder" hatten nur wenig Zeit zu spielen, wenn sie von
der Schule nach Hause kamen. Aber dafür hatten sie den größten Abenteuerspielplatz, den
man sich vorstellen kann: die Ruinen der zerstörten Städte.

Ganze Straßenzüge standen ihnen zur Verfügung. Wo früher 50 Häuser gestanden hatten,
waren vielleicht noch zwei übrig geblieben. Dass das Spielen dort lebensgefährlich war,
kümmerte kaum jemanden und die Kinder schon gar nicht. Ihnen machte es Spaß, Mauern
umzustoßen oder nach wertvollen Schätzen Ausschau zu halten.

Während der Kriegszeit hatten die Kinder nach Bombenangriffen Granatsplitter gesammelt, jetzt
waren sie auf der Suche nach Verwertbarem. Brennmaterial war in den ersten Jahren von
unschätzbarem Wert, doch auch für gusseiserne Rohre, die einmal für die Sanitäranlagen
gedacht waren, zahlten Altwarenhändler bald gute Preise.

Und wer sich traute, mit Hilfe seiner Kletterkünste auf den obersten Stock eines ausgebombten
Hauses zu gelangen, konnte sich wie ein König fühlen. Ob es um das Essen ging, die Kleidung
oder das Spielen – die Maßstäbe hatten sich geändert, man freute sich wieder über
Kleinigkeiten.

Stand: 23.03.2020, 13:25


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