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WIE KURT

HISTORISCHES KONZERT VOM 9.10.1989

MASUR ZUM HELDEN


DER FRIEDLICHEN
REVOLUTION WURDE
08.10.2019 von Falk Häfner
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Der 9. November 1989 überstrahlt als Tag des Mauerfalls alle
Geschehnisse rund um die Wendezeit. Doch schon einen Monat
zuvor, am 9. Oktober 1989, gab es in Leipzig einen Moment, der
heute als ein Wendepunkt hin zur friedlichen Revolution angesehen
wird: Kurz vor dem Konzert des Leipziger Gewandhausorchesters
verlas der Dirigent Kurt Masur einen Aufruf gegen Gewalt, den
Vertreter der DDR-Staatsführung und der Opposition gemeinsam
formuliert hatten.

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Der Jubel des Publikums will kein Ende nehmen, als Kurt Masur
am 9. Oktober 1989 gegen 20 Uhr die Bühne des Leipziger
Gewandhauses betritt. Geradezu frenetisch feiern die
Konzertbesucher den Chef des Gewandhausorchesters, bis der sich
irgendwann Ruhe erzwingt und "Till Eulenspiegels lustige Streiche"
von Richard Strauss zu dirigieren beginnt. Doch auch während der
Musik wissen viele im Saal ihre Gefühle kaum zu kanalisieren –
auch in den Reihen der Musiker, denn auch deren Nerven liegen
mehr als blank.

LEIPZIG, 9. OKTOBER 1989, 14 UHR


Sechs Stunden zuvor: Etwa 8.000 Polizisten,
Kampfgruppenmitglieder und NVA-Soldaten werden in Leipzigs
Innenstadt zusammengezogen. Hundertschaften der Polizei
strömen im Laufschritt mit Schlagstöcken, Schutzschilden und
Hunden in Richtung Zentrum. Überall in den Nebenstraßen um das
Stadtzentrum stehen Armeefahrzeuge. Für 18 Uhr ist in der
Nikolaikirche wieder ein Friedensgebet angesetzt, in dessen
Nachgang sich in der Woche zuvor etwa 20.000 Menschen
zusammengeschlossen hatten, um für Demokratie und Freiheit zu
demonstrieren. Für heute rechnet man mit weit mehr
Demonstranten. Doch wird es ruhig bleiben? Oder entschließt sich
die DDR-Staatsführung zum gewaltsamen Auflösen der
Demonstration nach chinesischem Vorbild, wie auf dem Pekinger
Platz des Himmlischen Friedens gut ein Vierteljahr zuvor?

9. Oktober 1989 in Leipzig: Die Demonstraten halten ein Transparent mit den Worten "Wir wollen
keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!" | Bildquelle: dpa-Bildfunk In
der Leipziger
Volkszeitung findet sich lediglich ein abgedruckter Leserbrief. Dort
schreibt ein Kommandeur der Kampfgruppen, man sei
entschlossen, die "staatsfeindlichen Provokationen" und
"konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu
unterbinden. Wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand". Die
Warnung verbreitet sich in Leipzig ebenso schnell wie das Gerücht,
Leipziger Krankenhäuser mögen sich an diesem 9. Oktober auf
Schussverletzungen einstellen, zusätzliche Blutkonserven
bereithalten und medizinisches Personal zu Spät-und
Nachtschichten einteilen. Angst und Nervosität liegen in der Luft.
Dennoch kommen nach dem Friedensgebet in der Leipziger
Nikolaikirche rund 70.000 Menschen zusammen, um in der
Leipziger Innenstadt zu demonstrieren.

GEGEN 18 UHR

Über den Stadtfunk wird ein Aufruf verlesen, der an allen


Straßenbahnhaltestellen, auf vielen Straßen und Plätzen der Stadt
zu hören ist und kurze Zeit später auch in Kirchen verlesen und im
Radio ausgestrahlt wird: Kurt Masur ruft im Namen der "Leipziger
Sechs" – er selbst, drei Vertreter der SED-Bezirksleitung, ein
Pfarrer und ein Kabarettist – zum Verzicht auf Gewalt auf. "Unsere
gemeinsame Sorge und Verantwortung haben uns heute
zusammengeführt. Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt
betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir bitten Sie dringend
um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird", heißt
es im "Aufruf der Leipziger Sechs".

Wir bitten Sie dringend um


Besonnenheit, damit der
friedliche Dialog möglich
wird.
Aus dem Aufruf der Leipziger Sechs
KURZ NACH 20 UHR

Etwa 70.000 Menschen haben friedlich auf dem Innenstadtring für


Demokratie und Freiheit demonstriert. Armee, Polizei und
Sicherheitskräfte ziehen sich zurück. Es bleibt ruhig in der Stadt.
Ein Blutvergießen bleibt bei dieser größten Protestdemonstration
der DDR seit dem 17. Juni 1953 aus.

KURT MASUR HAT ZUM RICHTIGEN ZEITPUNKT EINGEGRIFFEN


Das erste Gespräch zwischen Vertretern des DDR-Regimes und
oppositionellen Kräften an diesem Tag war eine absolute Sensation.
Bedeutete der Dialog doch auch, Probleme im Land überhaupt
erstmal anzuerkennen, anstatt den Unmut der Menschen weiter zu
ignorieren und totzuschweigen. Deshalb feierten Konzertbesucher
Kurt Masur geradezu frenetisch den Mann, der seine Berühmtheit
an diesem Tag nicht nur in den Dienst der Kunst, sondern der
gesamten Bevölkerung gestellt hatte. Dank seiner Autorität gelang
dem Gewandhauskapellmeister mit dem "Aufruf der Leipziger
Sechs", beschwichtigend in die hochbrisante politische Situation
einzugreifen. Das ist die Botschaft des Konzertes vom 9. Oktober
1989: Kultur kann Vertrauen gewinnen.