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Der Reiz de s Fre iwillige n

Viele größere Unternehmen fördern oder pla nen das ehrenamtliche Engagement
ihrer Mitarbeiter, im Fachjargon Corporate Volunteering genannt. Mehr und mehr
spielen dabei auch personalwirtschaftliche Erwägungen eine Rolle. Aus diesem
Grund wird Corpora te Volunteering immer interessanter für mittelständische
Unternehmen.

Von CHRISTIANE STÖHR und TOBIAS RUDERER

Die Beispiele sind vielfältig: Bei einem internationalen Konzern spendeten die Mitarbeiter
zum Firmenjubiläum weltweit eine Million Stunden ihrer Zeit für soziale Projekte, bei
einem anderen Unternehmen bauen Angestellte Holzhäuser für Kindergärten, ein drittes
schickt Führungskräfte zu einem einjährigen Austausch in eine Umweltorganisation.
Corporate Citizenship, jenes Teilgebiet von CSR, in dem sich Unternehmen daranmachen,
zu (guten) Bürgern zu werden, tritt oft in Form des Corporate Volunteering auf, des
ehrenamtlichen Engagements der Arbeitnehmer in diversen Projekten gemeinnütziger Art
außerhalb ihres Arbeitsplatzes.

Der Beitrag, den das Unternehmen dabei leistet, variiert. Zunächst wird damit eine
intelligente Alternative zum traditionellen Spendenwesen aufgebaut, wie zum Beispiel mit
Programmen, die den Beschäftigten die Möglichkeit geben, den Arbeitsplatz zu verlassen
und sich für ebendiese Zeit außer Haus zu engagieren. Manche Unternehmen setzen
dabei thematische Schwerpunkte und stellen bei Bedarf den Kontakt zu den
Partnereinrichtungen her, andere lassen ihren Mitarbeitern gänzlich freie Hand in der
Frage, wo sie sich engagieren: sei es als Laienschauspieler, in der Ausbildung von
Rettungshunden, im Sportverein oder in anderen sozialen Initiativen.

Andere Formen des Corporate Volunteering sind zentral organisiert: Im Rahmen von
Aktiv- oder Aktionstagen verlassen die Mitarbeiter das gewohnte Tätigkeitsfeld und helfen
bei der Renovierung eines Kindergartens, bei der Reinigung eines Parks oder beim Umzug
einer Hilfseinrichtung. Führungskräfte stellen ihre Kompetenz zeitweise als Mentoren
unterstützungswürdigen Personen oder Einrichtungen zur Verfügung.

Image- und Reputationspflege sind zumeist die Treiber hinter Corporate-Volunteering-


Programmen. Als ein Ersatz für die Etablierung einer konsistenten CSR-Strategie aus dem
Kerngeschäft heraus sind sie allerdings nicht zu begreifen. Eine solche Strategie wird aber
von den Mitarbeitern und der Außenwelt in eigener Erfahrung nachvollzogen, wenn es
dem Unternehmen gelingt, passende Einsatzfelder außerhalb des Firmengeländes zu
entwickeln. Die Mitarbeiter sind die denkbar besten Botschafter und drücken die
Selbstverpflichtung des Unternehmens meist glaubwürdiger aus, als dies Nachhaltigkeits-
berichte oder Firmenhomepages vermögen.

Doch Volunteering steht nicht nur im Dienst der Unternehmensreputation, wichtiger wird
inzwischen der Nutzen im Bereich der Personalentwicklung eingeschätzt. Es gilt als
erwiesen, dass bestimmte Kompetenzen in klassischen Lehrsituationen nur schwer zu
vermitteln sind. Statt von "soft skills" spricht man immer häufiger von
Schlüsselqualifikationen: Teamfähigkeit, Flexibilität, Selbsthinterfragung, Sensibilität für
die emotionalen Komponenten einer Situation, Improvisationsfähigkeit,
Frustrationstoleranz lassen sich nicht in einem Klassenraum erlernen. Weil sie aber
dennoch handfesten Einfluss auf viele wichtige Geschäftsprozesse nehmen, haben
manche US-Unternehmen bereits Extra-Anreizsysteme ("dollars for doers") für ihre
Volunteers entwickelt.

Insbesondere längerfristige "Engagements", die Mitarbeiter in geographische,


entwicklungspolitische oder psychische Extremsituationen bringen, werden von vielen
Firmen explizit zur Schulung von Führungskräften eingesetzt. Das Zusammenspiel von
Corporate Volunteering als Instrument sowohl der Außendarstellung als auch der
Personalentwicklung birgt folgerichtig auch erhebliches Potential für den Wettlauf um die
besten Köpfe, also für das Recruitment. Junge, gut ausgebildete Menschen stellen immer
stärker auch immaterielle Ansprüche an den potenziellen Arbeitgeber. Hier können die
emotionalen und moralischen Komponenten des Dienstes an der Gesellschaft den
positiven Ausschlag geben.

Dies sollten vor allem auch kleinere und mittlere Unternehmen beherzigen, die am meisten
unter dem demographischen Wandel leiden und dennoch Corporate-Volunteering-
Aktivitäten oft nur willkürlich oder halbherzig aufbauen. Neben den positiven
Außenwirkungen auf das potentielle Personal ist es vor allem auch eine große Chance zur
Beziehungsgestaltung zwischen Unternehmen und Standort, die ihnen attraktiv
erscheinen muss.

Als Kind der amerikanischen Bürgergesellschaft leidet Corporate Volunteering unter


einigen Reisekrankheiten. Es darf bezweifelt werden, dass das selbstverständliche
Zusammenspiel aus Pragmatismus und Idealismus amerikanischer Prägung hierzulande
in naher Zukunft etabliert werden kann. Mit der richtigen Mischung aus strategischer
Planung und Förderung des bereits Bestehenden, einem Blick fürs Langfristige und einer
ausreichend großen Vielfalt an Angeboten dürfte das Instrument des Corporate
Volunteering aber auch hierzulande zu einem wichtigen Pfeiler nicht nur der CSR-
Strategie, sondern auch des bürgerschaftlichen Gedankens allgemein werden.

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Christiane Stöhr, Business Director, Scholz & Friends Reputation, Berlin, und Tobias Ruderer,
Consultant, Scholz & Friends Reputation, Berlin