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Ausschnitte aus „Wie man Freunde gewinnt“ von Dale

Carnegie

Bernard Shaw bemerkte einmal: „Wenn man jemanden etwas lehren will, so lernt er es nie.“
Shaw hatte recht. Lernen ist ein aktiver Prozess. Wir lernen, indem wir etwas tun… Nur
Wissen, das angewendet wird, bleibt im Gedächtnis haften.

[S. 22]

Der Unternehmer John Wanamaker sagte einmal: „Ich habe schon vor dreißig Jahren gelernt,
dass es dumm ist, andere Leute zu kritisieren. Ich habe genug Verdruß mit meiner eigenen
Beschränktheit, ohne mich darüber aufzuregen, dass der liebe Gott es offensichtlich nicht für
richtig hielt, alle Menschen mit gleich viel Intelligenz auszustatten.“
Kritik ist nutzlos, denn sie drängt den andern in die Defensive, und gewöhnlich fängt er dann
an, sich zu rechtfertigen. Kritik ist gefährlich, denn sie verletzt den Stolz des andern, kränkt
sein Selbstgefühl und erweckt seinen Unmut.

[S. 31]

Der weltberühmte Psychologe und Verhaltensforscher B. F. Skinner bewies durch seine


Versuche, dass ein Tier, das für gutes Benehmen belohnt wird, viel schneller lernt und das
Gelernte weitaus besser behält als ein Tier, das für schlechtes Benehmen bestraft wird.
Spätere Untersuchungen haben gezeigt, dass das gleiche auch für die Menschen gilt. Durch
Kritisieren erzielen wir keine nachhaltige Besserung und erregen oft Unmut.

[S.32]

… Da haben wir es wieder! So ist die menschliche Natur: Jeder ist im Unrecht, nur nicht der
Missetäter selbst. Wir machen es alle genauso. Denken Sie deshalb an Al Capone,
„Doppelschuss“ Crowley und Albert Fall, wenn Sie morgen Lust verspüren, jemanden zu
kritisieren. Vergessen Sie nicht: Vorwürfe sind wie Brieftauben, sie kehren immer wieder in
den eigenen Schlag zurück. Seien wir uns darüber im klaren, dass ein Mensch, den wir tadeln,
sich womöglich rechtfertigen wird und uns seinerseits verurteilt…

[S. 34]

Möchten Sie gerne den einen oder andern Menschen aus Ihrem Bekanntenkreis ein bisschen
ändern, ein bisschen umerziehen und bessern? In Ordnung. Ich bin ganz mit Ihnen
einverstanden. Aber warum beginnen Sie nicht bei sich selbst? Für Sie schaut nämlich dabei
mehr heraus, als wenn Sie an andern herummodeln – und es ist auch viel weniger gefährlich.
„Jeder kehre den Schnee vor seiner Tür und kümmere sich nicht um das Eis, das auf dem
Dach des Nachbarn liegt“, sagt ein chinesisches Sprichwort.

[S. 39]
Benjamin Franklin, der in seiner Jugend ausgesprochen taktlos war, wurde später ein so
geschickter Diplomat, dass man ihn als Botschafter nach Frankreich entsandte. Das
Geheimnis seines Erfolges? „Ich sage über niemanden etwas Schlechtes und über jeden alles
Gute, das ich über ihn weiß.“
Jeder Narr kann kritisieren, verurteilen, reklamieren – und die meisten Narren tun es auch.
Aber um zu verstehen und zu verzeihen – dazu braucht es Charakter und Selbstbeherrschung.
„Die Größe eines großen Mannes zeigt sich darin, wie er die kleinen Leute behandelt“, sagte
Carlyle.

[S. 40-41]

Vater vergisst

Hör zu, mein Sohn, ich spreche zu dir, während du schläfst, die kleine Faust unter der Wange
geballt, die blonden Löckchen verklebt auf der feuchten Stirn. Ich habe mich ganz allein in
dein Zimmer geschlichen. Vor ein paar Minuten, während ich in der Bibliothek über meiner
Zeitung saß, erfasste mich eine Woge von Gewissensbissen. Reumütig stehe ich nun an
deinem Bett. Ich musste daran denken, dass ich böse mit dir war, mein Sohn. Ich habe dich
ausgescholten, während du dich anzogst, weil du mit dem Lappen nur eben über dein Gesicht
gefahren bist. Ich stellte dich zur Rede, weil deine Schuhe schmutzig waren. Ich machte
meinem Ärger hörbar Luft, weil du deine Sachen auf den Boden fallen ließest. Auch beim
Frühstück fand ich manches auszusetzen. Du verschüttetest den Inhalt deiner Tasse. Du
schlangst das Essen hinunter. Du stütztest die Ellenbogen auf den Tisch. Du strichst die Butter
zu dick aufs Brot. Als du zu deinen Spielsachen gingst und ich mich auf den Weg zur Arbeit
machte, da hast du dich umgedreht, gewinkt und mir zugerufen: „Auf Wiedersehen, Daddy!“
doch ich runzelte die Stirn und gab zur Antwort: „Halte dich gerade und mach keinen solchen
Buckel!“ Am späten Nachmittag ging es von neuem los. Als ich die Straße heraufkam, sah
ich, wie du auf dem Boden und mit Murmeln spieltest. Die Strümpfe waren an den Knien
durchgewetzt. Ich beschämte dich vor deinen Freunden und befahl dir, vor mir her ins Haus
zu gehen. Strümpfe sind teuer – wenn du sie selber kaufen müsstest, würdest du mehr Sorge
dazu tragen! Das, mein Sohn, warf dir dein Vater vor! Weißt du noch, später, als ich meine
Zeitung las, da kamst du in die Bibliothek, schüchtern, in deinen Augen eine Spur von
Traurigkeit. Als ich über den Rand der Zeitung blickte, ungeduldig, weil ich nicht gestört sein
wollte, da bliebst du in der Tür stehen. „Was willst du?“ schnauzte ich dich an. Du sagtest
nichts, stürmtest nur mit einem Satz durchs Zimmer, warfst mir die Arme um den Hals und
küsstest mich, und deine kleine Arme drückten mich mit einer Zuneigung, die Gott selber in
dein Herz gepflanzt hat und die trotz aller Vernachlässigung immer weiterblühte. Plötzlich
warst du weg, ich hörte dich die Treppe hinauftrappeln. Kurz nachdem du weggegangen
warst, mein Sohn, glitt mir die Zeitung aus den Händen, und eine grauenhafte Angst erfasste
mich. Was war aus mir geworden? Vorwürfe und Tadel ohne Ende – damit vergalt ich dir,
dass du ein Kind warst. Nicht dass ich dich nicht liebe – ich habe nur zu viel von dir erwartet
und dich nach dem Maßstab meiner eigenen Jahre beurteilt, als ob du schon erwachsen wärst.
Dabei ist doch so manches an dir gut und schön und echt gewesen. Dein kleines Herz war
groß wie der erwachende Tag hinter den Hügeln. Das zeigte sich in deinem plötzlichen
Entschluss, auf mich zuzustürmen und mir einen Gutenachtkuss zu geben. Das ist das
Wichtigste, mein Sohn, alles andere zählt nicht mehr. Ich bin in der Dunkelheit an dein Bett
geschlichen und habe mich beschämt daneben hingekniet. Das ist ein schwaches Bekenntnis;
aber ich weiß, du würdest nicht verstehen, was ich meine, wenn ich dir alles bei Tageslicht
erzählen würde. Doch von morgen an werde ich ein richtiger Daddy zu dir sein. Wir werden
dicke Freunde werden, und ich werde mit dir traurig sein, wenn du traurig bist und mit dir
lachen, wenn du lachst. Eher werde ich mir die Zunge abbeißen, als ein vorwurfsvolles Wort
aus meinem Mund zu lassen. Und unablässig werde ich mir sagen: „Er ist ja noch ein kleiner
Junge, nichts als ein kleiner Junge!“ Ich fürchte, ich habe dich als Mann gesehen. Doch wenn
ich dich jetzt anschaue, wie du müde und zusammengekauert in deinem Bettchen liegst, dann
sehe ich, dass du noch ein kleines Kind bist. Erst gestern noch trug dich deine Mutter auf dem
Arm, und dein Köpfchen lag an ihrer Schulter. Ich habe zu viel von dir verlangt, viel zu viel.

Anstatt die Menschen zu verurteilen, sollten wir besser versuchen, sie zu verstehen.
Versuchen herauszufinden, warum sie so und nicht anders handeln. Das ist vermutlich
einträglicher und interessanter als Kritik. Dadurch schaffen wir eine Atmosphäre der
Sympathie, Nachsicht und Güte. „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“
Gott selbst wartet mit seinem Urteil über den Menschen bis zum letzten Tag. Warum sollten
wir es da anders halten?

[S. 42-44]

REGEL NR. 1:
KRITISIEREN, VERURTEILEN UND KLAGEN SIE NICHT!

REGEL NR. 2:
GEBEN SIE EHRLICHE UND AUFRICHTIGE ANERKENNUNG!

Möchten Sie zum Beispiel, dass Ihre Kinder nicht mehr rauchen, dann halten Sie ihnen keine
Predigt und sprechen Sie nicht von dem, was Sie wünschen, sondern machen Sie sie darauf
aufmerksam, dass das Rauchen schuld sein könnte, wenn sie nicht in die Fußballmannschaft
aufgenommen werden oder den Hundertmeterlauf nicht gewinnen.
Diese Methode ist immer richtig, ob wie sie nun auf Kinder, Kälber oder Schimpansen
anwenden.

[S.61]

REGEL Nr. 3:
WECKEN SIE IN ANDERN LEBHAFTE WÜNSCHE

Wer sich für andere interessiert, gewinnt in zwei Monaten mehr Freunde als jemand, der
immer nur versucht, die andern für sich zu interessieren, in zwei Jahren.

[S.84]

REGEL Nr. 4
INTERESSIEREN SIE SICH AUFRICHTIG FÜR DIE ANDERN

Professor James V. McConnell, Psychologe an der Universität Michigan, sagte über das
Lächeln: „Menschen, die lächeln, haben als Manager, Lehrer und Verkäufer meist mehr
Erfolg, und sie erziehen glücklichere Kinder. Ein Lächeln erreicht mehr als ein Stirnrunzeln.
Deshalb ist Ermunterung ein viel besserer Lehrmeister als Bestrafung.“

[S.98]