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Was ist ein Marxist?

Lenins Wiederherstellung der


Wahrheit des Namens
Frank Ruda

1. St. Marx und der bearbeitete Marxismus

Bereits 1917 droht Marx die Verwandlung in einen harmlosen Götzen.


Dies ist die Ausgangsdiagnose, mit der das 1917 erschienene Buch Staat
und Revolution Vladimir Il’ič Lenins ansetzt. Denn dem Namen ›Marx‹
widerfährt für Lenin eine die Reichweite und Radikalität des Marxschen
Denkens suspendierende und seinen Gebrauch verunmöglichende Sa-
kralisierung. Man räumt zwar, so Lenin, seinem »Namen einen gewissen
Ruhm […] zur ›Tröstung‹ und Betörung der unterdrückten Klassen« ein,
beraubt zugleich aber die »revolutionäre Lehre des Inhalts« und bricht
so deren »revolutionäre Spitze«1 ab. Marx in dieser Weise »sozusagen
heiligzusprechen«2 heißt, ihn vorschnell in eben jenes Museum der
Altertümer einzuweisen, in dem eigentlich, dem Worte Engels’ gemäß,
dem Staat ein Platz häe bereitet werden sollen. Um aus dem Namen
›Marx‹ – einem Namen, mit dem eng eine singuläre historische Se-
quenz des emanzipatorischen und umwälzenden Denkens verbunden
ist – einen heiligen Namen zu machen, muß aus ihm das Revolutionäre
seines Inhalts ausgetragen werden. Der Götze Marx ist ein Marx, der
von dem abgetrennt ist, wofür sein Name steht, und sein heiliger Name
vermag nach Lenin zwar denjenigen, die nach Veränderung streben,
Trost zu spenden, daß radikale Transformation denkbar war, jedoch
nur um im gleichen Atemzug aufzuweisen, daß sie es nun nicht mehr
ist. Sozusagen heiliggesprochen zu werden bedeutet für Marx – und
nach Lenin teilt er damit das Schicksal vieler revolutionärer Denker
in der Geschichte –, daß seinem Denken allein vergangene Wirkmacht
zugestanden wird.

1
Wladimir I. Lenin, Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die
Aufgaben des Proletariats in der Revolution (1917), in: ders., Werke in 40 Bdn., hg. vom
Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, ins Deutsche übertragen nach
der vierten russischen Ausgabe, Ost-Berlin: Dietz 1955−1989, Bd. 25, S. 393−507, hier
S. 397.
2
Ebd.
226 Frank Ruda

Die Transformation von ›Marx‹ in ›St. Marx‹ trennt diesen ab von


jedem Bezug zur Gegenwart. Die Sakralisierung des Namens ›Marx‹
gelingt aber nur darüber, daß die heiligen Namen von dem abgetrennt
werden, was sich als und im Inhalt mit ihnen liiert fand. Es ist eben
diese Abtrennung des Namens von dem mit ihm verbundenen Inhalt
und die Suspension der wesentlichen Momente des Inhalts, die als
Resultat eine eigentümliche Verschiebung zeitigen: »Man schiebt in
den Vordergrund, man rühmt das, was für die Bourgeoisie annehmbar
ist oder als annehmbar erscheint.«3 Daß die scheinbar annehmbaren
Elemente des Marxismus im Vordergrund einen großen verdeckenden
Schaen auf die nicht annehmbaren Elemente in ihm werfen, generiert
in der Folge, so Lenins Diagnose, weitreichende Resultate. Denn droht
›Marx‹ die Verwandlung zu ›St. Marx‹, so steht dem Marxismus die
Transformation in eine Form harmloser Götzenverehrung bevor, die
sowohl jeglicher revolutionären Theorie als auch jeglicher revolutionä-
ren Praxis im voraus entsagt hat. Zum einen können sich so unter dem
Namen des ›Marxismus‹ alle möglichen politischen Gruppierungen
tummeln und sich mit diesem identifizieren. Diese können sich aber
unter ihm nur versammeln und sich selbst als Marxisten verstehen, da
sie den Marxismus immer schon als entstellten und Marx als Heiligen
kennen und kennen wollen. So können sich sowohl bürgerliche Gelehrte
Marxisten nennen, indem sie sich auf den »›national-deutschen‹ Marx«4
berufen, wie auch nahezu »[a]lle Sozialchauvinisten [...] heutzutage
›Marxisten‹«5 sind.
Als Marxisten begreifen sich auf einen Schlag auch all jene, die zwar
lauthals nach Veränderung rufen, doch zugleich praktisch alles dafür
tun, um diese zu verhindern.6 Zum anderen aber kann diese Form der
allseitig möglichen Identifikation mit dem Marxismus und die Anru-
fung von Marx und Engels als heilige Namen, als Namen von Heiligen
zugleich nur aufrechterhalten werden, wenn »[m]an vergißt, verdrängt,
verzerrt«; wenn man eben im selben Moment jenes vergißt, verdrängt,

3
Ebd.
4
Ebd.
5
Ebd. Die eindeutige Ironie dieser Passage, auf die ein »Spaß beiseite« folgt, markiert in
polemischer Deutlichkeit die Reichweite dieser Bedrohung in den Augen Lenins: »Alle
Sozialchauvinisten sind heutzutage ›Marxisten‹ – Spaß beiseite!« Ebd.
6
Der Sozialchauvinismus meint bei Lenin die Elemente innerhalb der Arbeiterbewegung,
die sich den Forderungen nach radikaler Veränderung anschließen, aber jegliche Verän-
derung praktisch aufgrund von Korruption zugunsten der Bourgeoisie verhindern. Zur
genaueren Bestimmung des Begriffs des Sozialchauvinisten bei Lenin vgl. u. a. Lenin,
»Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution« (1917), in: ders., Werke, Bd. 24
(Anm.1), S. 39−77, hier S. 61−62.
Was ist ein Marxist? 227

verzerrt, was mit diesen Namen verbunden war und ist. Bereits die reine
Möglichkeit, daß bürgerliche Gelehrte und Sozialchauvinisten sich auf
›Marx‹ beziehen, zeugt von diesen vorgängigen Verdrängungsmecha-
nismen. Sie beziehen sich nur auf ›Marx‹, da sie in ihrem Bezug bereits
immer seinen Inhalt verdrängt haben und die Verdrängung schon einen
anderen, und zwar heiligen ›Marx‹ an seine Stelle gesetzt hat, der diesen
Bezug allererst ermöglicht. Denn nur durch eine solche vorhergehende
und sich stets perpetuierende »›Bearbeitung‹ des Marxismus«7 kann
dieser zum Sammelplatz und Identifikationshort auch für jene werden,
»die den Klassenkampf durch Träumereien von der Klassenharmonie«8
ersetzen und dabei längst verlernt haben, »an die Revolution des Pro-
letariats auch nur zu denken.«9
Der ›Marxismus‹ als heiliger Name stiet so eine symbolische Einheit
auch für diejenigen, denen es unmöglich erscheint, eine neue und andere
»Ordnung der Dinge«10 zu denken. Daß aber im und als ›Marxismus‹
solche Denkunmöglichkeiten generiert werden, verdankt sich der viel-
gestaltigen Arbeit, die durch die lange Reihe der Miel und Prozeduren
angegeben wird, aus denen sich die »›Bearbeitung‹ des Marxismus« und
die Hervorbringung von ›St. Marx‹ zusammensetzt. Sie finden sich im
terminologischen Vokabular, das Staat und Revolution entfaltet, detail-
liert aufgeführt. Es handelt sich um die Entstellung, die Ersetzung, das
Vergessen, die Verdrängung, die Verzerrung, die ›Verbesserung‹, die
Verfälschung, die Verneinung, die Vertuschung, die Versimplung, den
Verrat, die Vulgarisierung, die Verballhornung, die Verleugnung und das
Zurechtstutzen. Einzig als Produkt dieser vielfältigen Prozeduren kann
der Name ›Marx‹ zum Namen eines überall verehrten, da wirkungslosen
Abgoes und ›Engels‹ zum Namen seines flügelschwach an seiner Seite
verharrenden Engels werden. Die durch totales Vergessen und direkte
Entstellung11 produzierten Abgöer betreten das Feld der Geschichte
in der Folge nur ohne revolutionären Hammer; ihr »revolutionäre[r]
Geist«12 ist längst dem Gedächtnis des Gewesenen überantwortet und
jeder aktuellen Praxis enthoben. Wird folglich der Abgo zum Abgo
vor allem dadurch, daß sein Name mit einem entstellten Inhalt ver-
bunden und sein eigentümlicher Inhalt verdrängt und verzerrt wird,

7
Lenin, Staat und Revolution (Anm. 1), S. 397.
8
Ebd., S. 415.
9
Ebd., S. 441.
10
Ebd., S. 448.
11
Ebd., S. 418−419.
12
Ebd., S. 397.
228 Frank Ruda

so stellt sich die Frage danach, wie man dem Marxismus »treu bleiben
kann«,13 als Frage nach der eigentümlichen Wahrheit, die mit dem Na-
men ›Marx‹ verbunden ist.
Auf dem Spiel steht also die Restauration des wahrhaen Verhältnis-
ses zwischen Namen und Inhalt, das eine Wiederkehr des Verdrängten
gegen die Entstellung und das Vergessen setzen kann. Mit anderen
Worten: Es geht um die »Wiederherstellung der wahren Marxschen
Lehre«.14 Das Leninsche Projekt von Staat und Revolution läßt sich in
diesem Kontext einerseits als eine konkrete Intervention verstehen, die
gegen die Okkupationen des Marxschen Namens durch unterschiedliche
Seiten versucht, die Bedingung der Möglichkeit dieser Vereinnahmung
brüchig werden zu lassen, um so in der Folge klare Demarkationslinien15
ziehen zu können. Diese Intervention kann aber nur gelingen, wenn aus
dem heiliggesprochenen Namen ein profaner Name, wenn aus ›St. Marx‹
wieder ›Marx‹, und damit ein Name des praktisch-revolutionären Ge-
brauchs wird. Lenin zielt in dieser Hinsicht ab auf die Desakralisierung
und (Re-)Profanierung des Marxschen Namens. Andererseits kann das
Leninsche Projekt auch als ein Versuch verstanden werden, die mit dem
Namen ›Marx‹ unveränderlich verbundene Wahrheit zu rekonstruieren,
so daß sich intern die Profanierung16 des Namens mit der mit ihm liierten
Wahrheit verbindet. Genauer gesagt, lassen sich die jeweiligen Seiten
des Leninschen Projekts ohne die je andere nicht denken. Einerseits ist
die aktuelle Intervention, die den existierenden Verabgöerungen und
Entstellungen opponiert, nur möglich unter der Bedingung einer ge-
nauen Rekonstruktion der mit dem Namen verbundenen Wahrheit, die
die konkrete geschichtliche Situation übersteigt. Andererseits ist diese

13
Die Frage der ›Treue zum Marxismus‹ berührt Lenin in einem 1917 niedergeschriebenen
und 1921 in der Zeitschrift Proletarskaja Revolucija publizierten Artikel. Ich werde auf
diese Formel weiter unten zurückkommen. Vgl. Lenin, »Marxismus und Aufstand«
(1917), in: ders, Werke, Bd. 26 (Anm. 1), S. 4−10, hier S. 10.
14
Lenin, Staat und Revolution (Anm. 1), S. 397.
15
An dieser Stelle läßt sich die heideggerianisierende Lenin-Lektüre Ernst Vollraths, die
Lenin allein eine revolutionäre Theorie der politischen Praxis zugesteht, ergänzen. Die
Leninsche (permanente) Re-Profanierung Marxens läßt eine revolutionäre Praxis der
politischen Theorie selbst erkennen und spricht so der These Althussers, Lenin habe
den Marxismus als eine neue Praxis der Philosophie verstanden, ihr Recht zu. Vgl.
Ernst Vollrath, Lenin und der Staat. Zum Begriff des Politischen bei Lenin, Wuppertal-
Ratingen-Kastellaun: Henn 1970; Louis Althusser, »Lénine et la philosophie« (1968), in:
ders., Solitude de Machiavel et autres textes. Édition préparée et présentée par Yves
Sintomer, Paris: PUF 1998, S. 136.
16
Zum Begriff der Profanierung und seiner ontologisch politischen Relevanz vgl. Gior-
gio Agamben, Profanierungen, aus dem Italienischen übers. von Marianne Schneider,
Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, v. a. S. 70−91.
Was ist ein Marxist? 229

Wahrheit,17 obgleich überzeitlich in ihrer Verfaßtheit, in entscheidender


Weise bezogen auf die Fragen je konkreter, ja singulärer historischer
Situationen, innerhalb deren sie einzig praktisch entfaltet werden kann
und entfaltet wurde. Denn die Wahrheit des Marxschen Namens ist eine
Wahrheit je singulärer historischer Situationen, ohne je in einer gänzlich
aufzugehen. Die Profanierung bezieht sich hier folglich stets auf die
Wahrheit, wie sich die Wahrheit stets auf die Profanierung bezieht. So
zeigt sich, daß das Leninsche interventive Denken in einer Operation
zugleich die historische Aktualität einer singulären Situation und die
Überzeitlichkeit einer Wahrheit über den Namen ›Marx‹ verbindet. Dies
ist notwendig, da die Frage nach der Möglichkeit, dem Namen ›Marx‹
und dem mit ihm verbundenen Inhalt die Treue zu halten, logisch im-
pliziert, daß jede Form der Untreue von ihr unterschieden wird. Eine
solche Demarkationslinie zu ziehen, die die Treue zu ›Marx‹ – so ließe
sich eine Bestimmung des Marxismus verstehen – von jeglicher Form
der reaktiven Untreue oder des Obskurantismus18 abtrennt, heißt aber,
jede Form der Entstellung und Verdrängung, des Vergessens und der
Verzerrung, kurz: jede Bearbeitung des Marxismus zu verwerfen. Denn
diese wirkt subtiler als jede direkte Abwehr Marxens innerhalb des
Marxismus selbst, d. h., im vermeintlichen Gewand der Treue zu Marx
suspendiert und verhindert die Bearbeitung des Marxismus ständig die
Möglichkeit der Treue selbst.
Die Frage der Treue zu Marx, die Frage folglich, was Marxismus be-
deuten kann, ist eine Frage, die in sich die Anforderungen je singulärer
historischer Situationen einzubeziehen hat und dies zugleich nur über
den ständigen Rekurs auf die Wahrheit des Namens zu leisten fähig
ist. So läßt sich festhalten, daß die Wahrheit des Namens ›Marx‹ sich
folglich nur aktuell in je unvergleichlichen und singulären historischen
Situationen erweist. Ob Marx die Treue gehalten wird oder nicht, ermißt
sich allein aus den Operationen, Handlungen und Positionierungen, die
innerhalb einer historischen Situation und unter modifizierten Bedin-
gungen sich fähig erweisen, eine wie auch immer fragile Kontinuität
mit dem Namen ›Marx‹ herzustellen.
Die Wahrheit Marxens und damit des Marxismus ist in actu oder sie
ist nicht, so läßt sich apodiktisch Lenins These resümieren, aus der sich
seine Kritik am bearbeiteten Marxismus speist. Denn ergeht sich der

17
Wie Lenin an anderer, berühmt gewordener Stelle vermerkt hat: »Die Lehre von Marx
ist allmächtig, weil sie wahr ist.« Wladimir I. Lenin, »Drei Quellen und drei Bestandteile
des Marxismus«, in: ders., Werke, Bd. 26 (Anm.1), S. 3−9, hier S. 3.
18
Mit der Gliederung in treues Subjekt, reaktives und dunkles oder obskures Subjekt
beziehe ich mich auf Alain Badiou, Logiques des mondes, Paris: Seuil 2006, S. 53−87.
230 Frank Ruda

bearbeitete Marxismus in einer scheinbaren Treue dem gegenüber, was


er selbst durch Verdrängung und Entstellung unter dem für ihn heiligen
Namen ›Marx‹ allererst erzeugt, dann ist seine Treue im gleichen Schri
immer eine Treue zum Phantasma einer Einheit stienden Substanz der
Lehre Marxens, die jenseits ihrer Entfaltung, jenseits der Praxis existiert.
Daß seine vermeintliche Treue zu Marx, sein vermeintlicher Marxismus,
immer schon Produkt und Resultat einer vorgängigen Bearbeitung ist,
bleibt ihm anathema, da die Entstellung und Verdrängung der wahren
Marxschen Lehre zugleich mit der aus ihr entspringenden Identifikati-
on geschieht. Denn der sozialchauvinistische ›Marxist‹ verhält sich so
treu zum Produkt seiner eigenen Bearbeitung, und der von ihm selbst
hervorgebrachte ›St. Marx‹, unter dessen Gesetz er sich stellt, ist nichts
anderes als das Produkt seiner eigenen Verdrängung. Der Name ›St.
Marx‹ ist für den bearbeiteten Marxismus Gesetz, doch ist das Gesetz
dieses Namens von ihm selbst produziert. Es ist ein Gesetz der Einheit,
das jede konkrete historische Situation nach einer abstrakt feststehenden
Doktrin begrei und das keine historische Bewegung und Diskonti-
nuität, keine eingreifende Praxis mehr kennt. Der Name ›Marx‹ wird
so sowohl zum symbolischen Punkt einer Identifizierung, die auf der
Verdrängung des mit ihm Verbundenen beruht, als auch zum Namen
der Wiederkehr des Verdrängten selbst. Der bearbeitete Marxismus – der
St. Marxismus – vermag sich nur als Marxismus zu behaupten, indem
er vor einer von ihm selbst erzeugten scheinbaren Wahrheit in Andäch-
tigkeit verharrt; phantasmatisch verdeckt er dabei jede Wiederkehr der
verdrängten Wahrheit, die ihm im Namen permanent vor Augen steht,
und jede Wahrheit des Verdrängten. Letztlich läßt sich seine Position
charakterisieren als Simulakrum einer Treue gegenüber einem »Trugbild
der Wahrheit.«19
An dieser Stelle wird deutlich, was dem Marxismus selbst widerfährt,
wenn der Marxsche Name in den eines Götzen verwandelt wird. Wird
aus ›Marxismus‹ ein Name sowohl für Operationen und Handlungen
als auch für ein Denken, das sich nicht treu zur Wahrheit des Namen
›Marx‹ verhält, dann wird, wie Lenin diagnostiziert, zum einen die
Wahrheit, die mit diesem Namen verbunden ist, verdrängt und entstellt,
zum anderen aber zeigt sich diese Entstellung daran, daß die Verdrän-
gung der Wahrheit den Bezug zu ihrer praktischen Aktualität abbricht.
Nicht allein wird dadurch eine einheitliche symbolische Identifikation
für einen Großteil möglicher politischer Tendenzen generiert, die den

19
Alain Badiou, Ethik. Versuch über das Bewußtsein des Bösen (1993), aus dem Franzö-
sischen übers. von Jürgen Brankel, Wien: Turia und Kant 2003, S. 97.
Was ist ein Marxist? 231

Namen ›Marx‹ nur aufgrund der vorgängigen Verdrängung für sich


legitim in Anspruch zu nehmen behaupten können. Überdies wird ein
stets stabiler Signifikant geschaffen, der erlaubt, von allen konkreten
historischen Situationen und deren praktischen »Tagesfragen«20 abzu-
sehen, indem sie auf die abstrakten »Phrasen«21 einer alle Antworten
liefernden und stets einheitlichen Lehre zurückgeführt werden, die
nichts wahrha Neues mehr kennt.
Zwar gibt der bearbeitete Marxismus also Antworten auf praktische
Fragen, jedoch produzieren seine eigenen Verdrängungs- und Entstel-
lungsmechanismen Probleme, deren Lösung ihm unmöglich erscheint.
Im gleichen Augenblick jedoch verdeckt er selbst diese Unmöglichkeit
erneut phantasmatisch.22 So stößt er überall auf symptomale Probleme,
die in unüberwindbare Widersprüche seiner eigenen Position führen,
in denen er, für ihn selbst jedoch unmerklich, auf die Wiederkehr des
eigenen Verdrängten stößt.23 Einerseits denkt der bearbeitete Marxis-
mus etwa den Staat nicht mehr als Organ, das die Unversöhnlichkeit
der Klassengegensätze im Dienste der herrschenden Klasse gewaltsam
reguliert. Vielmehr versteht er diesen entweder als Organ der Klas-
senversöhnung, oder aber er sieht aus anderen Gründen von der Not-
wendigkeit der gewaltsamen Abschaffung des Staates ab. Damit tri
er aber auf die Unmöglichkeit, eine andere Ordnung als die gegebene
zu denken; die Revolution selbst wird ihm gänzlich undenkbar und
erscheint unmöglich.
Der Bezug auf ›Marx‹ als Bezug auf ein emanzipatorisches Denken geht
in diesem Punkt mit der Unmöglichkeit des Neuen und jeder Neues her-
vorbringenden revolutionären Umwälzung Hand in Hand. Hier kehrt
auf theoretischer Ebene sein Verdrängtes wieder. Denn dem bearbeiteten
Marxismus gelingt der Bezug auf Marx nur, indem er aus diesem struk-

20
Georg Lukács, Lenin. Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken, Neuwied-Berlin:
Luchterhand 1967, S. 11.
21
Lenin, Staat und Revolution (Anm. 1), S. 403.
22
Man könnte die Haltung des bearbeiteten Marxismus hier lesen als die Aufrechterhaltung
einer ›transzendentalen Illusion‹, deren Angelpunkt die Verwandlung von ›Marx ‹ in
›St. Marx ‹ darstellt. Eben einer Illusion, die ermöglicht, weiterhin die Annahme einer
bestimmten Verfaßtheit des Marxschen Denkens, eines, wie sich zeigen wird, Denkens
ohne Proletariat, aufrechtzuerhalten. In dieser Hinsicht wäre das Abwenden des Blicks
von der tatsächlichen Widersprüchlichkeit der eigenen Auslegung bereits immer gesichert
durch einen ›phantasmatischen Rahmen‹, der sich hier als unhinterfragte und verdrängte
Voraussetzung beschreiben läßt, eben als Idealisierung und Sakralisierung Marxens. Zur
genaueren Diskussion der Funktionsweise eines solchen phantasmatischen Rahmens ver-
weise ich auf Slavoj Žižek, Verweilen beim Negativen. Psychoanalyse und die Philosophie
des deutschen Idealismus II, Wien: Turia und Kant 1994−1995, S. 20−22.
23
Ich beziehe mich im folgenden auf ausgewählte Ausführungen Lenins in Staat und
Revolution (Anm. 1).
232 Frank Ruda

turell die Möglichkeit des Neuen austrägt, und so kehrt das Verdrängte
in der Form des ihm strukturell unlösbaren Widerspruchs wieder, den
er phantasmatisch zu verdecken beginnt. Versucht er aber andererseits
innerhalb dieses symptomalen Widerspruchs Neues zu denken – räumt
der bearbeitete Marxismus also die Möglichkeit des Absterbens des Staates
ein –, dann vermag er diese ausschließlich anarchistisch, von heute auf
morgen, als Neues ex nihilo24 oder als langsamen Prozeß zu denken, der
durch die Vernun in der Geschichte selbst ausgetragen wird und bei dem
das Neue aus dem Alten sich vollständig herleiten läßt.25 Er negiert damit
aber jede Form der Unterbrechung, Ruptur und Diskontinuität als Mög-
lichkeit des Neuen. In der Konsequenz verzerrt er damit die revolutionäre
Rolle des Proletariats und die Notwendigkeit seiner dictature à venir. Der
Marxismus in seiner bearbeiteten Form bestimmt sich so zwar über die
Anerkennung des Klassenkampfes, diese Anerkennung selbst aber läßt
sich ohne weiteres, wie Marx schon 1852 in einem Brief an Weydemeyer
bemerkt, bereits bei den bürgerlichen Geschichtsschreibern auffinden.
Hier geht die ›marxistische‹ Anerkennung des Klassenkampfes mit der
Unmöglichkeit einher, das Proletariat in seiner strukturellen Position
innerhalb dieses Klassenkampfes zu begreifen. Der Anerkennung des
Klassenkampfes folgt im bearbeiteten Marxismus folglich die Verdrän-
gung des Klassenkampfes auf dem Fuße. Oder wie es bei Lenin heißt:
Wer nur den Klassenkampf anerkennt, der ist noch kein Marxist, der kann
noch in den Grenzen bürgerlichen Denkens und bürgerlicher Politik geblieben
sein. […] Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf
die Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt.26

Entweder wird dem bearbeiteten Marxismus durch seine vorgängigen


Verdrängungsmechanismen die Denkbarkeit des Neuen und der Revo-
lution unmöglich, oder die subjektive Position, die das Neue in die Welt
bringt, das Proletariat eben, wird ihm undenkbar.27

24
Diese Position, die sich auf das Thema eines absoluten Umsturzes ex nihilo stützt, ließe
sich mit Alain Badiou als die des »spekulativen Linksdenkens« bestimmen. Dieses denkt
sich jeder Form der Organisation enthoben und verschreibt sich dem »Imaginären des
radikalen Anfangs«, ohne die Bedingungen einer historischen Situation in den Blick zu
nehmen. Vgl. Alain Badiou, Das Sein und das Ereignis (1988), aus dem Französischen
übers. von Gernot Kamecke, Berlin 2005, S. 239.
25
Dieses Denken der Veränderung entspricht genau dem der bürgerlichen Gesellschaft.
Wie Lukács – Lenin paraphrasierend – bemerkt: »Die Denkgewohnheiten des Kapitalis-
mus haben allen Menschen, vor allem den wissenschaftlich Orientierten, die Neigung
anerzogen, das Neue stets völlig aus dem Alten, das Heutige restlos aus dem Gestrigen
erklären zu wollen«. Vgl. Lukács, Lenin (Anm. 20), S. 72.
26
Lenin, Staat und Revolution (Anm. 1), S. 424.
27
Die radikalste Position, die der bearbeitete Marxismus beziehen kann, ist so diejenige,
mit einem Worte Robespierres, eine Revolution ohne Revolution zu wollen.
Was ist ein Marxist? 233

Es läßt sich sagen, daß der bearbeitete Marxismus das Proletariat


nicht denkt; er vergißt es, verdrängt es, verzerrt es. Der bearbeitete
Marxismus denkt das Proletariat nicht, obwohl er zugleich en permanence
auf einen Agenten angewiesen bleibt. An dieser Stelle läßt sich eine
weitere Wiederkehr des Verdrängten markieren, die mit der subjektiven
Position des Proletariats verknüp ist. Da es als Agent der Veränderung
in der Praxis aus dem Marxschen Denken ausgetragen wird, kehrt hier
das Verdrängte nicht auf der Ebene der Theorie, sondern auf der der
Praxis wieder. Die Stelle, die das Proletariat in der Marxschen Theorie
einnahm, ist durch die Bearbeitung leer geworden, und es kommt zu
phantasmatischen Ersetzungen. Denn der bearbeitete Marxismus ho
einerseits utopisch auf das spontane Zugrundegehen des Staates und auf
das Neue ex nihilo oder andererseits auf die Einrichtung einer parlamen-
tarisch-demokratischen Beratung, die die alte Ordnung zu einer neuen
und besseren reformiert. Ihm bleibt daher aber »eine andere Kritik am
Parlamentarismus als eine anarchische oder reaktionäre unverständlich
[…].«28 Doch liegt es, so Lenin 1917, niemals im Vermögen des Parla-
ments, wahrha Neues zu generieren oder eine wahrhae Umgestal-
tung aller Dinge, eine Revolution zu proklamieren, vielmehr liegt »die
Entscheidung [...] außerhalb der Demokratischen Beratung, sie liegt in
den Arbeitervierteln Petrograds und Moskaus.«29 Eine wirkliche Verän-
derung emergiert weder ex nihilo, noch wird sie durch parlamentarische
Institutionen beschlossen. Vielmehr ist sie eng liiert mit einem Subjekt
dieser Veränderung: dem Proletariat und seiner spezifisch historischen
Lokalisierung. Ein Denken der Veränderung ohne Proletariat, das sich
auf Marx beru, hat aus Marx eben das verdrängt, was wesentlich mit
seinem Namen verbunden ist. Der bearbeitete Marxismus, der sich
zusammensetzt aus jenem Götzendiener des heiligen St. Marx, ist ein
Marxismus ohne Proletariat, oder anders: der bearbeitete Marxismus
ist ein ›Marxismus‹ ohne Marx, der vom Namen ›Marx‹ nur als Marke
der Verdrängung30 heimgesucht wird.

28
Lenin, Staat und Revolution (Anm. 1), S. 436.
29
Lenin, »Marxismus und Aufstand« (Anm. 13), S. 8. Wie diese Bemerkung deutlich macht,
gilt für Lenin, was Slavoj Žižek formuliert hat: »la revolution ne s’autorise que d’elle-
même […].« Slavoj Žižek, Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin,
aus dem Englischen übers. von Nikolaus G. Schneider, Frankfurt am Main: Suhrkamp
2002, S. 13.
30
Diese Formulierung stammt augenscheinlich von Freud. Für Freud ist die Vorsilbe ›un‹
die »Marke der Verdrängung«. In dieser Hinsicht kann man sagen, daß der bearbeitete
Marxismus, indem er ›Marx‹ zu ›St. Marx‹ entstellend transformiert, zugleich von einer
Art Un-Marx heimgesucht wird. Dieser begegnet ihm bei jeder symptomalen Wider-
sprüchlichkeit und Denkunmöglichkeit, die Produkt seiner eigenen Verdrängung ist. Vgl.
234 Frank Ruda

So steht Lenins Intervention, die auf die Wiederkehr der verdrängten


Wahrheit des Namens ›Marx‹ abzielt, jedem Rekurs auf eine rein abs-
trakt-theoretische Doktrin entgegen, die sich als immer bereits entstellte
jenseits der Praxis situiert. Vielmehr spricht Lenin aus der Position einer
Treue zu Marx, die stets fähig bleiben muß, sich der Grundmaxime der
»konkreten Analyse jeweiliger historischen Situationen«31 zu stellen. Die
Profanierung des Namens ›Marx‹, die Lenins Projekt bestimmt, zielt auf
die Restitution seiner überzeitlichen »Aktualität«32 und auf die seiner
ewigen Zeitgenossenscha33 mit jeder Form wahrha emanzipatorischen
Denkens. Wiederherstellung der wahren Marxschen Lehre bedeutet für
Lenin, gegen jeglichen Versuch einer Bearbeitung des Marxismus an
der Forderung festzuhalten, daß Marxist zu sein fundamental bedeutet,
das Proletariat zu denken, oder anders: Marxist zu sein bedeutet, dem
Proletariat treu zu sein.

2. Die faktische Auflösung aller Bestimmungen: das Proletariat

Aus den bisherigen Bemerkungen ist deutlich geworden, daß sich die
Kritik am bearbeiteten Marxismus letztlich auf die Formel bringen läßt,
daß dieser das Proletariat verdrängt. Denn jede der angeführten symp-
tomalen Widersprüchlichkeiten, die sich in ihm versammeln, lassen sich
in letzter Instanz als Produkt dieser Verdrängung beschreiben. Obwohl
Lenin mit dem Versuch der Wiederherstellung der wahren Lehre, die
mit dem Namen Marx verbunden ist, deutlich an die Programmatik
früher Texte anknüp – »diese Lehre mit allen Kräen verbreiten, sie
vor falschen Auslegungen bewahren«, wie es etwa 1898 heißt34 –, gibt
die Logik von Staat und Revolution dieser eine verschäre Wendung und
eine deutlichere Maxime. Marx die Treue zu halten und seine Lehre vor
jeglicher ›Bearbeitung‹ zu bewahren, kurz: Marxist zu sein bedeutet, das

Sigmund Freud, »Das Unheimliche« (1919), in: ders., Studienausgabe, hg. von Alexander
Mitscherlich, Angela Richards und James Strachey, Frankfurt am Main: Fischer 2000,
Bd. 4, S. 267.
31
Wladimir I. Lenin, »Über die Junius-Broschüre« (1916), in: ders., Werke, Bd. 22 (Anm.
1), S. 310−325, hier S. 322.
32
Lukács, Lenin (Anm. 20), S. 7−11. Vgl. zur Frage der Aktualität im Kontext einer Genea-
logie des frühen Marxschen Denkens auch: Stathis Kouvelakis, Philosophy and Revolu-
tion. From Kant to Marx, aus dem Französischen übers. von Geoffrey M. Goshgarian,
mit einem Vorwort von Fredric Jameson, New York: Verso 2003.
33
Ein solcher Begriff der Zeitgenossenschaft findet sich u. a. entwickelt in: Alain Badiou,
Logiques des mondes (Anm. 18).
34
Vgl. Wladimir I. Lenin, »Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten« (1898), in:
ders., Werke, Bd. 2 (Anm. 1), S. 325−354, hier: S. 334.
Was ist ein Marxist? 235

Proletariat zu denken und ihm gegenüber sich treu zu verhalten. Was


aber ist das Proletariat?
Ich möchte, um dieser Frage hier zumindest eine vorläufige Antwort
zu geben, auf einen Text des frühen Marx rekurrieren, der als einer der
ersten den Versuch einer Bestimmung des Proletariats unternimmt. In
seiner Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie von 1843/44
bestimmt Marx das Proletariat über eine erstaunliche Reihe: Es ist
»eine Klasse der bürgerlichen Gesellscha, welche keine Klasse der
bürgerlichen Gesellscha ist«, es ist ein Stand, »welcher die Auflösung
aller Stände ist«, es ist »der völlige Verlust des Menschen«, es ist die
durch »künstlich produzierte Armut« und aus der »akuten Auflösung« der
Gesellscha »hervorgehende Menschenmasse«, und schließlich fügt
Marx hinzu:
Wenn das Proletariat die Auflösung der bisherigen Weltordnung verkündet, so
spricht es nur das Geheimnis seines eignen Daseins aus, denn es ist die faktische
Auflösung dieser Weltordnung.35

Deutlich wird an der Reihe dieser Bestimmungen erstens, daß das


Proletariat zu denken nicht bedeuten kann, Veränderung, die von ihm
ausgeht, als Veränderung ex nihilo zu denken. Das Denken des Prole-
tariats verhindert jede Form an-archistischer Politik.36 Denn das Prole-
tariat, obgleich keine Klasse der bürgerlichen Gesellscha, ist faktisch
als Klasse der bürgerlichen Gesellscha vorhanden. Es gleicht als diese
aber vielmehr einer Form absoluter Privation all der Bestimmungen, die
in der bürgerlichen Gesellscha für die Klasse gelten. Als vorhandene
Klasse ist es nicht, was die Klasse im Sinne der bürgerlichen Gesell-
scha ist. So ist das Proletariat faktisch vorhanden, obwohl es nach
dem Gesetz der bürgerlichen Gesellscha nicht existiert. Es gilt somit,
gerade Angemerktes zu korrigieren. Denn das Proletariat ist nicht die
absolute Privation all dessen, was in der bürgerlichen Gesellscha ist.
Es ist nicht keine Klasse – das Proletariat ist vielmehr eine »Nicht-
Klasse«,37 eine Un-Klasse,38 mit anderen Worten: eine Klasse, die keine

35
Karl Marx, »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung« (1843), in: ders.
und Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, Berlin: Dietz 1974, S. 390−391.
36
Ich verstehe hier anarchistische Politik in Lenins Sinne als Politik, die darauf setzt,
Veränderung an-archisch und ex nihilo zu denken.
37
Wie Slavoj Žižek mit Bezug auf Alain Badiou formuliert hat – vgl. Slavoj Žižek, Die
Revolution steht bevor (Anm. 29), S. 134.
38
Der Begriff der Un-Klasse spielt auf die häufig von Slavoj Žižek angeführte Kantische
Unterscheidung dreier Urteilsformen (positives, negatives und unendliches Urteil) an.
Spricht das positive Urteil einem Subjekt ein Prädikat zu (X ist tot), so verfährt das
negative oder verneinende Urteil über die Aberkennung eines Prädikats und läßt sich
236 Frank Ruda

Klasse ist. Als völliger Verlust aller Bestimmungen, die die Klasse in
der bürgerlichen Gesellscha auszeichnet, kann es daher in sich die
Auflösung aller Stände sein. Da seine bloße Faktizität und Vorhanden-
heit sowohl den Namen des Gesetzes suspendiert, von dem ausgehend
bestimmt wird, was innerhalb der bürgerlichen Gesellscha als legitim
und existent gelten kann, als auch das Gesetz des Namens aussetzt,
das die Repräsentation in dieser strukturiert. Das Proletariat gehorcht
weder dem Namen des Gesetzes, der ihm die Existenz abzusprechen
sucht und dennoch permanent von seiner Vorhandenheit heimgesucht
wird, noch dem Gesetz des Namens, dem es sich entzieht, da es keine
Eigenschaen oder Bestimmungen mehr enthält. Denn als faktische
Auflösung suspendiert es jegliche Bestimmung. Der Name ›Proletariat‹
benennt damit folglich keinen rein privativen Abzug aller Bestimmun-
gen, keine absolute Privation, die es ex negativo, als Unbestimmtes 50noch
dialektisch bestimmt sein ließe.39 Vielmehr ist es absolut und konstitutiv
unbestimmt, und das eben läßt es zur »Inkorporation der allgemeinen
Schranke«40 werden – sowohl des Namens des Gesetzes als auch des
Gesetzes des Namens –, zur Grenze aller, um mit Luhmann zu sprechen,
Funktionssysteme der Gesellscha.
Dies verdeutlicht aber zweitens, daß das Proletariat nicht vorschnell
mit der Arbeiterklasse zu identifizieren ist, auch wenn es möglicher-
weise in engster Verknüpfung mit dieser steht. Fällt die Arbeiterklasse
als Stand noch in die Kategorien und Ordnungen sozioökonomischen

darüber logisch in ein positives Urteil umschreiben (X ist nicht tot, X lebt). Das unendliche
Urteil hingegen spricht einem Subjekt ein Nicht-Prädikat zu (X ist untot) und erschließt
damit einen Bereich, der die zugrundeliegende Unterscheidung unterminiert. So bedeutet
Un-Klasse hier, daß weder gilt: ›das Proletariat ist eine Klasse‹, noch ›das Proletariat ist
keine Klasse‹, sondern ›das Proletariat ist eine Nicht-Klasse, eine Un-Klasse‹. Vgl. dazu
etwa Slavoj Žižek, Die politische Suspension des Ethischen, aus dem Englischen übers.
von Jens Hagestedt, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 49. Ebenso: Immanuel Kant,
Kritik der reinen Vernunft, in: ders., Werke in sechs Bänden, Bd. 2, hg. von Wilhelm
Weischedel, Darmstadt: Insel 1956, S. 112−113.
39
Hierin unterscheidet sich Marx eindeutig von Hegel, der u. a. in den Grundlinien der
Philosophie des Rechts wie in den nachgelassenen Vorlesungen zur Rechtsphilosophie
die gleiche Strukturstelle, an der der Marxsche Proletariatsbegriff situiert ist, als Stelle
absoluter Privation denkt und sie mit dem Namen ›Pöbel‹ belegt. Grundsätzlich kann
man sagen, daß Hegel den Abzug aller Bestimmungen, dessen was legitimerweise
existiert, als absolutes Privativum denkt. Bei Marx wird hingegen dieses Aussetzen der
Bestimmungen zum Konstitutivum einer emanzipatorischen Subjekt-Form. Für eine der
Ausarbeitung harrende skizzenhafte Vorstudie des Verhältnisses von Hegel zu Marx als
Verhältnis vom ›Pöbel‹ zum Proletariat siehe Frank Ruda, Namenlosigkeit. Von nichts
zu Nichts oder Vom Pöbel zum Proletariat, in: Stefanie Diekmann und Thomas Khurana
(Hg.), Latenz. 40 Annäherungen an einen Begriff, Berlin: Kadmos 2007, S. 158−163.
40
Karl Marx, »Zur Kritik« (Anm. 35), S. 388.
Was ist ein Marxist? 237

Wissens, in die Ordnung dessen, was Alain Badiou »Enzyklopädie«41


nennt, hat sie, wenngleich als Ausgeschlossene, eine Stelle im sozialen
Feld. Es läßt sich hier aber festhalten, daß das Proletariat, obgleich
es als ein nicht gezähltes Element der Arbeiterklasse vorhanden sein
kann, aus eben diesem Wissen herausfällt. Das Proletariat mag zwar
vom Standpunkt der Enzyklopädie als Arbeiterklasse und an der Arbei-
terklasse erscheinen, doch geht es faktisch nie in dieser auf. Daß aber
jeder durch die ökonomische Dynamik der bürgerlichen Gesellscha
in die »künstlich produzierte Armut« hinuntersinken und folglich Teil
der akuten Auflösung der Gesellscha werden kann, daß also jeder
latent arm und als weiterer möglicher Verlust latent Proletariat ist, ist
die retroaktive Einsicht, die sich mit seiner bloßen Faktizität verbindet.
Zwar läßt sich die Arbeiterklasse innerhalb des ökonomischen Wissens
an dem Punkt der Armut situieren, das Proletariat hingegen, das noch
aus diesem Wissen herausfällt, ist noch weniger als die Arbeiterklasse.
Es läßt sich mit einem Ausdruck Marxens als »absolute Armut« den-
ken. Absolute Armut an Bestimmungen, vollkommenes Aussetzen aller
Eigenschaen, die innerhalb des Wissens die Existenz (einer Klasse,
Entität) ausmachen.
Das Proletariat ist der völlige Verlust des Menschen in all seinen
Bestimmungen. Der Name ›Proletariat‹ benennt in dieser Hinsicht keine
soziale Entität, die ihren anerkannten Platz innerhalb der bürgerlichen
Gesellscha häe, sondern vielmehr stellt er einen von seiten des Wis-
sens illegalen Repräsentanten dar, der sich auf keine objektive Existenz
bezieht. ›Proletariat‹ ist ein Repräsentant von Nichts, ein anonymer
»Repräsentant ohne Repräsentation«.42 Denn sein Name verweist nicht
mehr auf ein erneutes und nur verändertes Gesetz des Namens, das
eine neue Form der Repräsentation inaugurierte. Vielmehr ist er selbst

41
Alain Badiou, Das Sein und das Ereignis (Anm. 24), S. 369−385. Badiou selbst formuliert
diese Einsicht deutlich, wenn er über den ›Vulgär-Marxismus‹ bemerkt: »er dachte
die Arbeiterklasse als Klasse der Arbeiter. […] Dies verhinderte nicht, daß das Wissen
(und – Paradox – das marxistische Wissen selbst) immer noch der Ansicht sein konnte,
daß ›die Arbeiter‹ unter eine Determinante der (soziologischen oder ökonomischen)
Enzyklopädie fielen«. In dieser Hinsicht ist die Unterscheidung von Arbeiterklasse und
Proletariat wesentlich, um die Reichweite der Marxschen Konzeption nicht vorschnell
zu entstellen. In Badiouscher Terminologie müßte man sagen, daß zwar die Arbeiter-
klasse am »Rande der Leere« innerhalb der historischen Situation existiert und damit
als präsentiert, aber nicht repräsentiert gilt, daß aber zugleich die Elemente, aus denen
es sich zusammensetzt, in der Situation nicht existieren. Das Proletariat ist in dieser
Hinsicht eines ihrer Elemente, das in der Situation nicht gezählt wird und daher in ihr
nicht erscheint, ein Name, der aus der Leere, mit der jede Situation vernäht ist, selbst
gezogen ist.
42
Alain Badiou, Das Sein und das Ereignis (Anm. 24), S. 235.
238 Frank Ruda

von diesem Gesetz subtrahiert.43 Vom Standpunkt des Wissens aus ist es
unwahrnehmbar und unterminiert die vorgegebenen Unterscheidungen.
Der Name ›Proletariat‹ bezeugt in dieser Hinsicht nicht mehr den Verlust
des Namens, der nur dem Gesetz der Repräsentation folgend restituiert
werden müßte. Das Proletariat ist nicht inexistent, da es auf den Verlust
des Namens verweist, es ist nicht nicht, vielmehr ist es Nichts, da sein
Name ein konstitutiv namenloser Name ist,44 der unabschließbar und stets
aufs Neue die historische Situation zu öffnen vermag.
Damit wird driens deutlich, daß der Name ›Proletariat‹ eine absolut
und konstitutiv namenlose Subjekt-›Form‹ benennt, die aufgrund ihrer
Bestimmungslosigkeit zugleich vollkommen universal und singulär
ist. Singulär ist sie, da sie sich jeder zuschreibbaren Bestimmung ent-
zieht und damit logisch intern in die Universalität umschlägt. So führt
schließlich die retroaktive Evidenz, daß jeder Beliebige im Staat latent
arm und damit latent Proletariat ist, bei Marx zur Idee der fundamen-
talen Gleichheit aller mit allen. So ist »die Brüderlichkeit der Menschen
keine Phrase, sondern Wahrheit bei ihnen«.45 D. h. universal ist das
Proletariat deshalb, weil es intern keinerlei Regel enthält, die ein für
allemal bestimmen würde, wer an ihm teilhaben kann und wer nicht.
Es richtet sich konstitutiv an jeden, und so findet sich in seiner Struktur
daher die Idee einer Gleichheit aller Beliebigen eingetragen. Über diese
universale Adressierung schlägt das Proletariat zugleich wieder um in
die Singularität eines potentiell unendlichen Subjektivierungsprozesses,
da es stetig Schri für Schri neu bestimmt, wer zu ihm gehört und
wer zu ihm gehört haben wird. Seine eigene Vorhandenheit generiert
damit eine objektive Unentscheidbarkeit seiner Existenz – denn es ist

43
Zum Begriff des Subtraktiven vgl. Alain Badiou, »Conférence sur la soustraction«, in:
ders., Conditions, Paris: Seuil 1992, S. 179−195, und für eine kurze Anführung der vier
subtraktiven Operationen innerhalb der Philosophie: Alain Badiou, Définition de la
philosophie, in: ders., Conditions, Paris: Seuil 1992, S. 79−82.
44
Man könnte an dieser Stelle auch von der generischen Dimension, die sich unter dem
Namen des ›Proletariats‹ auftut, sprechen, wie dies an verschiedenen Stellen Alain
Badiou getan hat. »Ce qui est générique (vous savez que Marx soulignait la dimension
générique du prolétariat) est universel, donc au-delà de la particularité de la situation.
C’est bien pourquoi du reste un prolétariat localisé pouvait communiquer dialectiquement
avec l’universalité du communisme.« Alain Badiou, »Comment tenir le cap de l’événe-
ment«, in: Bruno Besana und Oliver Feltham (Hg.), Écrits autour de la pensée d’Alain
Badiou, Paris: L’Harmattan 2007, S. 149. Es wäre interessant zu untersuchen, inwiefern
die generische Dimension des Proletariats sich an die Hamachersche Konzeption des
Afformativen annähert. Vgl. dazu: Werner Hamacher, »Afformativ, Streik«, in: Chistiaan
L. Hart Nibbrig (Hg.), Was heißt ›Darstellen‹?, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994,
S. 340−371.
45
Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), in: ders. und Friedrich
Engels, Werke, Ergänzungsband: Schriften – Manuskripte – Briefe bis 1844. Erster Teil,
Berlin: Dietz 1973, S. 554.
Was ist ein Marxist? 239

gemäß den Gesetzen der bürgerlichen Gesellscha nicht existent und


dennoch vorhanden. Daraus leitet sich das stete Erfordernis ab, seine
Vorhandenheit zu bekräigen, sie zu entscheiden, ohne auf objektive
Regeln rekurrieren zu können.
Über die schriweise Entscheidung, wer zum Proletariat gehört,
transformiert es die historische Situation und stellt die faktische Auflö-
sung der bisherigen Weltordnung dar, ohne auf ein vorgegebenes Ziel
zuzusteuern. Das Proletariat selbst ist noch vom Streben, ein Ziel zu
verwirklichen, entbunden, d. h. es verfährt a-teleologisch und in jeder
Hinsicht a-sozial. Darüber entbindet es von allen vorgängigen Formen,
die dem Gesetz des Namens und den Namen des Gesetzes folgen. Es
widerspricht fulminant dem Bindungsgebot des Staates und der Dikta-
tur der Prädikate. Denn es entbindet selbst noch von jeglichem Denken
einer Stabilität, die sich auf ein Ziel hin orientierte. Denn wie es bei Marx
heißt: »der Kommunismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen
Entwicklung«,46 sondern der Kommunismus ist in actu, und zwar als
Entfaltung und Erhalt des Proletariats und der Idee der Gleichheit aller
Beliebigen, oder er ist nicht. Der Name ›Proletariat‹ benennt in dieser
Hinsicht keine soziale Entität, die ihren Platz innerhalb der bürgerlichen
Gesellscha häe, sondern vielmehr ist die Subjekt-Form Proletariat
bar aller Bestimmungen und bestimmt sich doch in jedem Schri, in
jeder singulären historischen Situation neu: Es ist und wird bestimmbar.
Jede neue schriweise vollzogene Bestimmung variiert damit aber stets
retroaktiv, was es gewesen sein wird, denn es variiert bestehende und
generiert neue historische Situationen, in denen immer wieder, und ohne
in die Stabilität einer Regel zu verfallen, bestimmt werden muß, was das
Proletariat ist.47 Damit wird in diesem Prozeß möglich, in jedem Schri
die Produktion der Form und damit die Form der Subjekt-Form neu und
stets nachträglich zu denken. Das Proletariat kennt keine vorgeordnete,
vorausgesetzte Form, die es strukturieren würde, vielmehr ist jeder
neue und je singuläre Akt des Fortbestehens des Proletariats eine neue
Hervorbringung seiner Form, die rückwirkend das bestimmt, was seine
vorherige Form gewesen sein wird.48 Die Zeitlichkeit des Proletariats ist

46
Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (Anm. 45), S. 546.
47
Hier rekurriere ich auf das Badiousche Konzept der Treue, das ich an dieser Stellenicht
weiter entfalten kann. Vgl. dazu: Alain Badiou, Das Sein und das Ereignis (Anm. 24),
S. 229−288.
48
In dieser Hinsicht kann man der interessanten Bemerkung Ernst Vollraths, daß die
permanente Revolution bei Trotzki »extensiv«, bei Lenin jedoch intensiv und funktional
gedacht sei, eine neue Deutung geben. Versteht man Lenins Konzeption der Revolution
von ausgeführter Struktur des Marxschen Proletariats aus, läßt sich behaupten, daß die
240 Frank Ruda

die des Futur II, des futur antérieur, in der stetig und Schri für Schri
neu bestimmt werden muß, was es gewesen sein wird.49 Oder wie man
mit Marx sagen kann, es setzt sich mit einem permanenten »salto mortale
nicht nur über die eignen Schranken hinweg, sondern zugleich über die
Schranken der modernen Völker«.50
Unter dem Namen ›Marx‹ erscheint im Namen ›Proletariat‹ ein reiner
Repräsentant, ein anonymer und universaler Name, der eine Subjekt-
Form angibt, der, Lenin zufolge, der Marxist die Treue zu halten hat.

3. Marx die Treue halten oder: Was ist ein Marxist?

Beim frühen Marx ist unter dem Namen des ›Proletariats‹ somit ein affir-
matives Konzept einer zugleich universalen und singulär bestimmbaren
Subjekt-Form gedacht, das, in Lenins Verständnis, für den Marxisten
zu denken notwendig und zu erhalten wesentlich erscheint. In seiner
prozessualen Struktur reflexiver und nachträglicher Selbstbestimmung
stellt es das Konzept einer Organisation emanzipatorischer Politik dar,
die die Gleichheit aller Beliebigen als Idee51 und zugleich stets in actu
denkbar werden läßt. Wenn Lenins Wiederherstellung der wahren
Lehre Marxens sich als Wiederherstellung der Wahrheit dieser Idee
der Gleichheit aller Beliebigen, die aufs engste mit dem Namen des
›Proletariats‹ verbunden ist, verstehen läßt, dann bedeutet die Treue
zu Marx, die Treue zu dieser Idee aufrechtzuerhalten. Dabei generiert
der Name ›Marx‹ unter den Bedingungen geschichtlicher Diskontinuität
und unvergleichlich singulärer Situationen eine Kontinuität. Dennoch ist
diese Kontinuität niemals stabil, sondern stets fragil und hängt von den
konkreten Handlungen und Operationen, die auf die Aufrechterhaltung

intensive permanente Revolution in der beschriebenen Logik als schrittweise vollzogene


und stets nachträgliche Bestimmung dessen verfährt, was die Revolution gewesen sein
wird. Vgl. Ernst Vollrath, Lenin (Anm. 15).
49
Bei Marx liest sich diese Struktur am Beispiel der Musik wie folgt: »Wie erst die Musik
den musikalischen Sinn des Menschen erweckt, wie für das unmusikalische Ohr die
Musik keinen Sinn hat, kein Gegenstand ist […]; erst durch den gegenständlich entfalteten
Reichtum des menschlichen Wesens wird der Reichtum der subjektiven menschlichen
Sinnlichkeit, wird ein musikalisches Ohr, ein Auge für die Schönheit der Form, kurz,
werden erst menschlicher Genüsse fähige Sinne, Sinne, welche als menschliche Wesenkräfte
sich bestätigen, teils erst ausgebildet, teils erst erzeugt.« Karl Marx, Ökonomisch-philo-
sophische Manuskripte (Anm. 45), S. 541. Die Zeitlichkeit dieser Bestätigung verstehe
ich hier als die des futur antérieur.
50
Karl Marx, »Zur Kritik« (Anm. 35), S. 387.
51
Die Gleichheit aller Beliebigen, die sich in der Struktur des Proletariats aufweisen läßt,
kann damit als »kommunistische Invariante« im Badiouschen Sinn beschrieben werden.
Vgl. dazu Alain Badiou, De l’Idéologie, Paris: Maspero 1976, S. 34−69.
Was ist ein Marxist? 241

der Subjekt-Form des Proletariats zielen, ab. Marxist zu sein bedeutet


für Lenin also zunächst, sich einer stets retroaktiv neu zu bestimmenden
Kontinuität zu überantworten, die in keiner historischen Situation auf
ein vorgegebenes Regelwerk, auf eine Tradition aus sicherer Distanz
zurückblicken könnte. Gegen die Gefahren eindeutiger Situierung und
Benennung muß stets in Anbetracht der konkreten Analyse konkreter
Situationen die Frage gestellt werden, was es bedeuten kann, Marx treu
zu sein, wenn die Situation, in der Marx gedacht hat, sich radikal von
derjenigen unterscheidet, in der ihm die Treue gehalten werden muß.
Der einzige Imperativ, dem sich der Marxist, wie sich bei Lenin zeigt,
zu unterstellen hat, ist der des Weitermachens:52 Weitermachen mit der
Treue zu Marx und d. h. weitermachen mit der Entfaltung der Wahrheit
des Namens ›Marx‹, die sich in der Idee von der Gleichheit aller Belie-
bigen ausgedrückt findet, deren subjektiver Name ›Proletariat‹ ist. In
dieser Hinsicht läßt sich sagen, daß ein Marxist – für Lenin – derjenige
ist, der in jedem singulären geschichtlichen Zeitpunkt die Frage stellt,
was in dieser konkreten Situation ein Marxist sein kann, d. h. wie unter
Bedingungen der Diskontinuität die Kontinuität und Aufrechterhaltung
der Treue gewährleistet werden kann, ohne in die Falle der Dogmatik,
Tradition oder Reaktion zu tappen. Von diesem Imperativ zeugen noch
die Struktur und die eigentümliche Konzeption der Leninistischen Partei
1917. Denn diese ist weniger durch ihre Kompaktheit, sondern im Gegen-
teil durch »ihre Porosität zum Ereignis, ihre vielfältige Geschmeidigkeit
im Ansturm des Unvorhersehbaren«53 gekennzeichnet.
Die Verherrlichung der stalinistischen Mythologie, die die Partei als
unangreiare Liaison von Berufsrevolutionär, Partei und ihren Führern
verbindet, verfehlt genau diesen Punkt, der sich aus dem Verständnis
der Leninistischen Treue zu Marx und damit zum Proletariat notwendig
ergibt. Auf diese eigentümliche Schmiegsamkeit der Partei, die bereits
Georg Lukács angemerkt hat, verweist Lenin selbst, wenn er 1917 notiert,
»daß man im jetzigen Augenblick dem Marxismus, der Revolution nicht
treu bleiben kann, wenn man sich nicht zum Aufstand als zu einer Kunst
verhält.«54 Läßt sich mit Alain Badiou hieran anschließen und bemerken,
daß die fundamentale formale Eigentümlichkeit der Kunst darin be-

52
Dieser Imperativ gilt auch, wenn es unmöglich scheint weiterzumachen. Es gilt, wie es
am Ende des Namenlosen von Samuel Beckett heißt: »man muß weitermachen, ich kann
nicht weitermachen, man muß weitermachen, ich werde also weitermachen.« Samuel
Beckett, Der Namenlose (1953), aus dem Französischen übers. von Elmar Tophoven,
Frankfurt am Main: Suhrkamp 1976, S. 176.
53
Alain Badiou, Über Metapolitik (1998), mit einem Nachwort von Peter Hallward, aus
dem Französischen übers. von Heinz Jatho, Berlin: Diaphanes 2003, S. 87.
54
Lenin, »Marxismus und Aufstand« (Anm. 13), S. 137.
242 Frank Ruda

steht, dem innerhalb einer gegebenen historischen Situation Formlosen


eine Form zu geben,55 dann kann man sagen, daß dem Marxismus treu
zu bleiben bedeutet, eine Politik zu denken, die darauf abzielt, dem
Inexistenten und Formlosen eine Form zu geben. Immer wieder also
stellt der Marxist die Frage, wie er in dieser konkreten historischen
Situation Marx treu bleiben, wie er also Marxist bleiben kann, um so
Schri für Schri, stets im Modus der Nachträglichkeit zu bestimmen,
was ein Marxist gewesen sein wird. Innerhalb dieses Prozesses gibt
er, stets neu und unvorhersehbar, dem Formlosen einer gegebenen
Situation eine Form, das retroaktiv diesen gesamten (Subjekt-)Prozeß
neu determiniert. Genau dies ist die Wahrheit des Namens ›Marx‹, die
sich bei Lenin auffinden läßt, eine Wahrheit, deren Subjekt-Form das
Proletariat angibt. Wenn das »Erbe Lenins«56 eine Politik der Wahrheit
ist, dann ist diese die Politik der Wahrheit des Namens ›Marx‹, eben
die Wahrheit der Idee der Gleichheit aller Beliebigen, deren namenloser
Name ›Proletariat‹ lautet.

55
Die Formel dieser Prozedur stellt sich bei Badiou wie folgt dar: »¬ f => f«. Alain Badiou,
Logiques des mondes (Anm. 18), S. 81−84, hier S. 82.
56
Žižek, Die Revolution steht bevor (Anm. 29), S. 24.