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Die Zeit der Gesellschaft

Günter Warsewa

Bios Heft 2/2011 (24. Jahrgang), Schwerpunkt „Times of life in times of change“. Soziolo­
gische Perspektiven zu Zeit und Lebenslauf. Opladen: Barbara Budrich 2011, 10 Bei­
träge, 142 S., br., 24,90 €
Tanja Carstensen, Wibke Derboven, Gabriele Winker, Soziale Praxen Erwerbsloser. Gesell­
schaftliche Teilhabe - Internetnutzung - Zeithandeln. Berlin: LIT 2012, 109 S., br.,
19,90 €
Karlheinz A. Geissler, Alles hat seine Zeit, nur ich hab keine. Wege in eine neue Zeitkultur.
München: oekom 2012, 2. Aufl., 251 S., gb., 19,95 €
Peter Gendolla, Dietmar Schulte (Hrsg.), Was ist die Zeit? München: Wilhelm Fink 2012,
238 S., br., 34,90 €
Ifo Institut, Expertisen zum 8. Familienbericht „Zeit für Familie“. Herausgegeben stellver­
tretend für die Sachverständigenkommission von PD Dr. Fabienne Becker-Stoll,
München; Dr. Hans-Peter Klös, Köln; Prof. Helmut Rainer, Ph.D., München; Prof. Dr.
Gregor Thüsing LL.M., Bonn. München: ifo Institut 2012, 487 S., br., 24,00 €
Dieter Läpple, Ulrich Mückenberger, Jürgen Ossenbrügge (Hrsg.), Zeiten und Räume der
Stadt. Theorie und Praxis. Opladen: Barbara Budrich 2010, 261 S., br., 29,90 €
Ulrich Mückenberger, Lebensqualität durch Zeitpolitik. Wie Zeitkonflikte gelöst werden
können. Berlin: edition sigma 2012, 299 S., br., 19,90 €
Franz J. Schweifer, Zeit-Macht & Zeit-Ohnmacht von Top-Managerinnen & Top-Ma­
nagern. Über den Umgang mit Zeit in der Dialektik von Selbstermächtigung und
Ohnmächtigkeit. Eine interventionsforscherische Studie. Hamburg: Dr. Kovac 2011,
612 S., kt., 98,00 € (a)
Franz J. Schweifer, Zeit - Macht - Ohnmacht. Top-ManagerInnen im rasenden Zeit­
Dilemma. Forschungs-Essenzen. Hamburg: Dr. Kovac 2012, 174 S., kt., 29,00 € (b)
Florian Stoll, Leben im Moment? Soziale Milieus in Brasilien und ihr Umgang m it Zeit.
Frankfurt a. M.: Campus 2012, 366 S., br., 39,90 €

Schlüsselwörter: Zeitwahrnehmung - Zeithandeln - Zeitpolitik - Alltag

Mit dem Zeitbegriff verhält es sich ähnlich wie m it dem Raum in den einschlägigen wissen­
schaftlichen Debatten: Je umfassender darüber nachgedacht wird, desto m ehr löst sich der
Gegenstand in abstrakten Konstruktionen auf. Nicht nur die sozialwissenschaftlichen,
sondern alle Disziplinen und Denktraditionen müssen sich implizit oder explizit m it der
vierten Dimension auseinandersetzen. „Alles hat seine Zeit“ bedeutet eben nicht nur, dass
jegliches Handeln und Geschehen in dieser vierten Dimension verortet, sondern auch, dass
alles durch die „Zeitbrille“ betrachtet werden kann und dass die Analyse jeglicher Phäno-

Soziologische Revue // Jahrgang 3 7 / 20 1 4


/ / DOI 10.1515/srsr-2014-0047
mene in der Welt immer in irgendeiner Weise die Bestimmung von Entstehen und Verge­
hen, Dauern, Abfolgen, Verläufen, Geschwindigkeiten, Rhythmen, Veränderlichkeiten etc.
umfasst. Jenseits der spezifischen einzeldisziplinären Sichtweisen, demonstrieren die hier
besprochenen Abhandlungen daher vor allem den unbestimm ten und abstrakten Charak­
ter von Zeit als einer universellen Kategorie der Weltkonstruktion. Diese Erkenntnis ist
keineswegs neu und wurde während der gesamten dokumentierten Geschichte in unter­
schiedlich getönten Nuancen schon oft formuliert; z. B. von Gottfried Wilhelm Leibniz:
„Zeit kam m it der Erschaffung der Welt [...] Was tat denn Gott, bevor er Himmel und Erde
erschuf? [...] Er hat Höllen hergerichtet für Leute, die so hohe Geheimnisse ergrübeln
wollen.“ (zit. nach Ruder / Nollert in Gendolla / Schulte: 110) oder von dem Physiker John
Archibald Wheeler: „Zeit ist das, was verhindert, dass alles auf einmal passiert.“ (ebda.)
Auf welch verschiedene Arten über „Zeit“ nachgedacht werden kann, demonstriert
der Herausgeberband von Gendolla und Schulte, aus dem die o. g. Zitate stammen. Dessen
Beiträge aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Theologie, Soziologie, Physik, Biologie,
Astrophysik, Linguistik, Geschichte versuchen, sich einer Antwort auf die viel zitierte
Frage des Augustinus „Was also ist die Zeit?“ anzunähern. Man lernt dabei enorm viel
über z. B. den Zusammenhang von Gesellschaftsentwicklung m it der Technologie der
Zeitmessung (Beiträge von Gendolla, Bauch oder Dohrn-van Rossum), über die symboli­
schen Bedeutungen von Zeitvorstellungen in unterschiedlichen Kulturen (der altägypti­
schen im Beitrag von Assmann oder der japanischen im Beitrag von Pörtner) oder über
das Verhältnis von „innerer“, biologischer und „äußerer“, gesellschaftlicher Zeit (Beitrag
von Roenneberg). Selbstverständlich fallen die Antworten auf die Frage des Augustinus
ganz verschieden aus, aber es ist ein Verdienst der Herausgeber, dass sie höchst informati­
ve und fachlich kompetente Beiträge versammelt haben, die allesamt jener Versuchung
widerstehen, der andere Autoren bei diesem Thema leicht erliegen: Zeitweilig verführt
gerade das Thema „Zeit“ zur Formulierung von floskelhaften Allgemeinplätzen, die be­
m üht tiefgründig daherkommen, aber deren Erkenntniswert zumindest zweifelhaft bleibt.
Auf die einzelnen „Landschaftsskizzen im Gedankengebiet der Zeit“ (Wittgenstein zit.
nach Kreuzer in Gendolla / Schulte: 139ff.) näher einzugehen wäre lohnenswert, würde
jedoch den Rahmen einer Sammelrezension sprengen. In einer sozialwissenschaftlichen
Perspektive ist jedenfalls bedeutsam, dass die Mehrzahl der behandelten Themen als Fa­
cetten des von Norbert Elias beschriebenen Prozesses der Zivilisation (Elias 1977) gelesen
werden können. Deutlich wird, dass der Umgang m it Zeit, ihre jeweilige Konstruktion und
Funktion, eine zentrale Bedeutung für die Umwandlung von äußerer Gewalt in innere
Disziplinierung und für die gesellschaftliche Synchronisation und Koordination von
Handlungen und damit für die Entwicklung von Gesellschaft hatte und hat.
Alle weiteren hier besprochenen Texte und Studien konzentrieren sich auf sozialwis­
senschaftliche, im engeren Sinne soziologische Analysen. Mehr als für andere Wissen­
schaftsdisziplinen gilt hier, dass das Zeitthema erst seit kurzem als solches zum Gegen­
stand von wissenschaftlicher Forschung geworden ist. „Zeit“ ist zwar überall präsent,
wurde aber bislang kaum als eigenständiger Forschungsgegenstand thematisiert. Die hier
versammelten Beiträge versuchen dagegen teilweise den Blick umzuwenden und aus
Themen der Lebenslaufforschung (Beiträge in BIOS), der Familiensoziologie (Expertisen­
band zum 8. Familienbericht), der Stadtforschung (Läpple u. a.), der Arbeitsforschung
(Mückenberger; Carstensen u. a.), der Eliteforschung (Schweifer a; b) oder der Sozialstruk­
turforschung (Stoll) tatsächlich eine „Zeitforschung“ zu etablieren. Das macht die Sache
interessant, provoziert gleichzeitig aber auch eine skeptische Frage: Die verschiedenen
Facetten der Gestaltung - und auch der zeitlichen Gestaltung - des Alltags, der Arbeit, der
Städte oder des Lebenslaufs sind ohnehin Gegenstand der entsprechenden teildis­
ziplinären Forschungen, der entsprechenden Fachdiskurse und -politiken. Was also ge­
winnen wir durch Zeitforschung und Zeitpolitik? Welchen Erkenntnisfortschritt gegen­
über z. B. der Biografieforschung, der Arbeits-, der Lebenslauf- oder der Stadtsoziologie,
vermittelt der Blick durch die zeitanalytische Brille? Und welchen praktischen Nutzen
könnten wir uns davon versprechen?

Zeitdiagnose

Aus der Häufung von zeitanalytischen und zeitpolitischen Arbeiten, die auch über die hier
behandelten Beiträge hinausgeht, lässt sich zunächst eine gewisse Konjunktur des Themas
ablesen. Erfreulich ist dabei, dass neben eher feuilletonistischen Abhandlungen vielfach
solide empirische Studien durchgeführt werden, die ein Bemühen um gehaltvolle Befunde
erkennen lassen. Wie häufig, wenn erst noch die Erschließung und Strukturierung eines
Themenfeldes zu leisten ist, befassen sich etliche Arbeiten m it der Entwicklung von Analy­
sekategorien und Typologien: Die zeitbezogenen Sortierungen von sozialen Deutungs-,
Verarbeitungs-, Bewältigungsmustern des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses
reichen von den postm odernen Identitäten, die sich systematisch zwischen „Surfern“ auf
der gesellschaftlichen Beschleunigungswelle und traditionsverhafteten „Fundamentalis­
ten“ herausbilden (Rosa in BIOS) über die sozial differenzierten und differenzierenden
Muster des „Zeiterlebens, -denkens und -handelns“ bei Schöneck (in BIOS), das Beispiel
der unterschiedlichen Zeithabitus verschiedener brasilianischer Sozialmilieus (Stoll) oder
die Differenzen des spezifischen Zeiterlebens und -handelns von Erwerbslosen (Carsten­
sen u. a.) bis hin zu der Typologie der „raumzeitlichen Koordination lebens- und arbeits­
weltlicher Anforderungen“, die bei Läpple und Stohr (in Läpple u. a.: 36ff.) als Grundlage
für die Entwicklung sozialer Infrastrukturen im städtischen Raum dienen soll.
Letzteres verweist auf die praktisch-politischen Zielsetzungen, die in einigen Beiträ­
gen verfolgt werden und die sich deswegen nicht nur als Zeitforschung, sondern explizit
auch als Beiträge zur Etablierung einer neuen „Zeitpolitik“ verstehen, so z. B. die Studien
von Läpple u. a. und Mückenberger (s. u.). Diese aktuelle Konjunktur von Zeitforschung
und insbesondere Zeitpolitik mag schließlich damit zusammenhängen, dass in der reflexi­
ven Moderne der Umgang m it Zeit selbst zu einem gesellschaftlichen Schlüsselproblem
wird. Besonders prägnant formuliert das Karlheinz Geissler, indem er die gegenwärtige ge­
sellschaftliche Entwicklungsepoche als Verdichtungsmoderne (Geissler: 148f.) beschreibt.
Vorangegangen seien die Vormoderne, in der eine zyklische Vorstellung von Zeit als Me­
dium der Herstellung von unveränderlicher, gottgegebener gesellschaftlicher Ordnung
fungierte, und die Moderne, die m it der Erfindung der Uhr ein neues Zeitalter darstellte,
in dem neben Ordnung vor allem Tempo, Taktung und Beschleunigung zu den wesentli­
chen Funktionen einer linearen, ständig fortschreitenden Zeit wurden. W ar damit noch
die Vorstellung von Fortschritt in eine offene und gestaltbare Zukunft verbunden, entfalte
sich nunm ehr die hyperkomplexe, aber ziellose Verdichtungsmoderne, in der das Indivi­
duum zum „Simultanten“ (153ff.) würde, der in der Lage sein müsse, „alles zu jeder Zeit“
(151) zu erledigen und zu erleben und sich zu diesem Zweck „regelmäßig selbst upzu-
daten“ (181). Arbeit, Freizeit, Konsum würden so zu Selbstzwecken, zwischen denen die
Menschen als „Pilger ohne Ziel“ (216) umherirrten.
Hier begegnet einem - allerdings entschärft durch eine lockere, journalistisch anm u­
tende Ausdrucksweise - ein zeit- und kulturkritisches Unbehagen, in dem sich viele der
bekannten Befunde zur Digitalisierung und Echtzeitkommunikation, zur Entgrenzung von
Arbeit und Verinnerlichung von Marktzwängen, zum arbeitenden Konsumenten oder zum
lebenslangen Lernen, oder allgemeiner: die vielfältig analysierten Trends der Entgrenzung
von Funktionsbereichen, Entstrukturierung von Sozialformen, Entbettung von Kommuni­
kation, Enttraditionalisierung von Werten und Normen, widerspiegeln. All die verarbeite­
ten wissenschaftlichen Analysen legen selbst freilich ein differenzierteres und weniger
eindeutiges Gesamtbild nahe und „das Ende der Uhr“ (191ff.) wird hier vielleicht zu früh
ausgerufen, denn die Mechanismen der fordistischen Industriemoderne sind nach wie vor
noch an vielen Stellen wirksam und werden das wohl auch noch eine Weile bleiben.
Dennoch wird nicht nur in dem Beitrag von Geissler ein wichtiger Ertrag der Zeitfor­
schung erkennbar: Der gesellschaftliche Umgang m it Zeit ist selbst ein zentrales Kriterium
der historischen Zeitdiagnose. Aus der Analyse von Funktion und Bedeutung der Zeit lässt
sich eine großflächige Epocheneinteilung gewinnen, die zwar keine neue Geschichts­
schreibung begründet, aber die gängigen Einteilungen um eine in sich komplexe Dimensi­
on bereichert. Genau darauf verweist auch Glen Elder, wenn er im Interview (BIOS: 176ff.)
über die Verschränkung von biografischer, institutioneller und historischer Zeit nach­
denkt. Begreift man biografische Entscheidungen als Ausdruck einer aktiven Strategie der
individuellen Lebenslaufkonstruktion, so ist das „timing“ solcher Entscheidungen gleich­
zeitig Ausdruck institutioneller Handlungsbedingungen wie auch möglicher Motor für
institutionellen Wandel - wenn die Realität der individuellen Entscheidungen den institu­
tionell verfestigten Normen und Regeln nicht (mehr) entspricht. Dieses Wechselspiel von
individuellen und institutionellen Bedingungen begründet schließlich den Wandel der
spezifischen Formen von Lebenslauf- und Identitätskonstruktionen zwischen unterschied­
lichen historischen Epochen.

Soziologischer Zeitbegriff

Zeit ist mithin nicht nur ein Kriterium der Zeitdiagnose, sondern auch ein „key element in
linking social micro- and macro-structures“ (Rosa in BIOS: 205). „Time is intrinsically
social“ (ebda.) bedeutet hier, dass sich die gegenwärtige und anhaltende Beschleunigung
des sozialen Wandels in der Herausbildung einer postm odernen „performativen Identität“
widerspiegelt. Ausgangspunkt dieser historisch-spezifischen Identitätskonstruktion sei der
beschleunigte Wandel von Familienformen und Beschäftigungsmustern, der m ittler­
weile - und im Unterschied zu vorangegangenen Epochen - bereits innerhalb einer Gene­
ration wechselnde und typischerweise instabile Bedingungen der Identitätskonstruktion
hervorbringe. Als Muster der individuellen Verarbeitung identifiziert Rosa vier Identitäts­
typen: Vom „Surfer“, der die nötige Ressourcenausstattung besitzt, um die Unsicherheiten
der sozialen Umwelt zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen, über die „Drifter“, die den
Verlust von Ziel, Zweck und Struktur in ihrem Leben durch Routine und Gewohnheit
wettmachen, die „Depressiven“, die die historischen Beschleunigungsphänomene als
individuellen Kontrollverlust erleben, bis zu den „Fundamentalisten“, deren Identitätsbil­
dung sich den allgegenwärtigen Unsicherheiten durch die Verankerung in traditionellen
W erten und Überzeugungen entzieht.
Ob diese Skala durchweg nicht sonderlich attraktiver Identitätstypen bereits das ganze
Spektrum der postmodernen Verknüpfungen von alltäglicher, biografischer und histori­
scher Zeit abdeckt, mag fraglich erscheinen, aber die Konzeption der „performativen Iden­
tität“ ist theoretisch anregend und wird zudem vom Autor in einer Weise präsentiert, die
Operationalisierungsansätze aufzeigt und zu weiteren empirischen Überprüfungen einlädt.
Die individuelle Organisation und Konstruktion von Alltag und Biografie stellt auch
den Hintergrund für weitere Studien dar, in denen zum Teil positivere Muster des Umgangs
m it Zeit bzw. mehr oder weniger gelingende Bewältigungs- und Anpassungsleistungen an
die allgegenwärtigen sozialen Beschleunigungs-und Verdichtungsprozesse präsentiert
werden. Insbesondere N. Schöneck verweist in ausdrücklich kritischer Auseinandersetzung
m it Rosa darauf, dass das Erleben, Denken und Handeln der Menschen keineswegs durch­
gängig von einem allgemeinen Beschleunigungstrend geprägt sei (Schöneck in BIOS 2011:
224ff.). Vielmehr ließen sich empirisch unterschiedliche Muster des individuellen Erlebens
von und Umgehens m it Zeit identifizieren, unter denen sich durchaus auch Typen - etwa
der „robuste Zeitpragmatiker“ (236f.) - befinden, die weder in ihren Deutungen noch in
ihrem (berichteten) Verhalten, weder im konkreten Alltag noch in der Konstruktion ihres
Lebenslaufes, der Erwartung von Zeitknappheit, Getriebenheit, Stress entsprechen. Der
verbreiteten Ratgeber- und Coachingliteratur zum individuellen Zeitmanagement wider­
spricht das wichtige Ergebnis, dass „Zeitreflexion“ und „Zeitkompetenz“ keineswegs hinrei­
chende Voraussetzungen für Zufriedenheit und Lebensqualität, zumindest aber für gelin­
gende Alltagsorganisation sind. In manchen Fällen drückt sich darin offenbar lediglich eine
nicht zu bewältigende Fülle von unterschiedlichen Anforderungen bzw. Zeitkonflikten im
subjektiven Erleben aus.
Damit stellt sich die Frage nach jenen Determinanten und Restriktionen einer „gelin­
genden“ Zeitpraxis, die jenseits institutioneller und infrastruktureller Rahmenbedingun­
gen persönliche Deutungen und Dispositionen präformieren. Einige Hypothesen werden
dazu in mehreren Beiträgen verfolgt; allerdings lassen sich bislang nur wenig konkrete
und überzeugende Zusammenhänge nachweisen: Ebenso wie Schöneck verweist auch der
Expertisenband zum 8. Familienbericht der Bundesregierung (Ifo Institut 2012) auf die
besondere Bedeutung der „linked lives“, d. h. der zeitlichen Beanspruchung aufgrund von
sozialen Bindungen und Verpflichtungen im Rahmen von Familie, Verwandtschaft oder
sonstigen Verantwortungsgemeinschaften. Darüber hinaus verdeutlichen die verschiede­
nen Beiträge in diesem Band aber auch das enorm breite Spektrum von zeitlichen Bedin­
gungen, unter denen das Familienleben zu organisieren ist und die sich in ihrer Gesamt­
heit auf das Funktionieren, Gelingen oder Misslingen von Familie auswirken.
Ein weiterer wesentlicher Faktor für Zeiterleben und Zeithandeln wird in der tatsächli­
chen Kontrolle über das eigene Handeln und dessen Folgen sowie die individuelle Kon-
trollwahrnehmung gesehen. Die Studie von Schweifer will dieser Frage am Beispiel von
„Top-Managern“ nachgehen, deren individueller Umgang m it Zeit zwischen „Selbst­
ermächtigung und Ohnmacht“ pendelt (Schweifer a; b). W ährend zunächst die Erwartung
plausibel erscheint, dass sozialer Status und Position in der Hierarchie des Unternehmens
den Befragten erlauben würden, über ihre eigene Zeit(-verwendung) autonom zu bestim­
men und dies als Machtressource einzusetzen, werden hier die Top-Manager/innen als zwar
überwiegend reflektierte, aber ebenfalls wenig „zeitmächtige“, eher von Karriere- und Ar­
beitszwängen getriebene Personen beschrieben. Leider erfährt man trotz des enormen
Umfangs der Studie wenig Systematisches über Ursachen und mögliche Zusammenhänge
und der explizit formulierte Anspruch einer „Interventionsforschung“ wird allenfalls in
dem Sinne eingelöst, dass am Ende in Ratgeberattitüde zehn „Erfolgsfaktoren“ für gelingen­
des Zeitmanagement bei Managern als Ergebnis präsentiert werden (Schweifer a: 121ff.).
Als Gegenpol zu den Top-Managern lassen sich die Erwerbslosen begreifen, m it deren
Alltagspraxis sich eine Studie von Carstensen u. a. beschäftigt. Vor der Folie der klassi­
schen Marienthal-Studie (Jahoda u. a. 1933), die als Folge des Verlustes von Erwerbsarbeit
einen weitgehenden Verlust von Sinn und Struktur des Alltags aufzeigte, werden explizit
das Zeiterleben und die Konstruktion von Zeitstrukturen durch die betreffenden Personen
unter die Lupe genommen. Die Berichte über die alltägliche Praxis der Zeitnutzung wer­
den m it einer Taxonomie von sozialen Teilhabechancen kombiniert. A uf diese Weise
gewinnen die Autorinnen eine nachvollziehbare Typologie, die von Personen m it bewuss­
ter Sinnkonstruktion jenseits und außerhalb von Erwerbsarbeit (die „Teilautonomen“;
Carstensen u. a.: 57) bis hin zu den „Perspektivlosen“ (59) reicht, deren Tagesstrukturie­
rung weitgehend zweckfrei erscheint. Wenngleich im Unterschied zu den „Arbeitslosen
von Marienthal“ den hier befragten Erwerbslosen offenbar eine gewisse Zeitstrukturierung
als Eigenleistung überwiegend zu gelingen scheint, bleibt doch die bezahlte Arbeit auch
jenseits ihrer Funktion als Taktgeber für den Tagesablauf bedeutsam. Ein Tages- oder
Tätigkeitsrhythmus wird zwar mehrheitlich hergestellt, trägt aber nicht unbedingt zur
Sinnkonstruktion bei: Regelmäßige Tätigkeitsstrukturen dienen oft nur der Stabilisierung
von Langeweile und Perspektivlosigkeit und nur bei einer Minderheit können alternative
Takt- und Sinngeber, z. B. Sorge- oder Familienarbeit, politische oder Bildungsaktivitäten,
die Funktion von Erwerbsarbeit ersetzen. Auch hier gilt freilich, dass über die aufschluss­
reichen Beschreibungen hinaus, Erklärungen für die identifizierten Muster - etwa durch
Schicht- oder Milieuzugehörigkeit, Herkunft oder W ohnort, Bildungsstand etc. - nur in
Ansätzen erkennbar werden. Weitere Untersuchungen hätten beispielsweise zu prüfen,
warum der Typus der „Teilautonomen“ anscheinend nur in Städten vorkommt, während
ein anderer überhaupt nicht in Großstädten zu finden ist; oder warum sich einer der iden­
tifizierten Typen ausschließlich aus Migranten zusammensetzt.
Um der sozialen Differenzierung von Zeiterleben und Zeithandeln nachzugehen, ana­
lysiert schließlich Stoll in Anlehnung an Bourdieus Habitustheorie den „zeitlichen Habi­
tus“ von sechs Sozialmilieus in Brasilien. Anhand milieuspezifischer Ausprägungen von
Planungshorizont, persönlichen Plänen und Umsetzungsstrategien sowie der individuellen
Zeitwahrnehmung bestätigt der Autor seine Vermutung, dass es keinen landes- oder all­
gemein kulturspezifischen, „brasilianischen“ Umgang m it Zeit gibt, sondern dass sich die
unterschiedlichen Milieus hinsichtlich ihres zeitlichen Habitus systematisch unterschei­
den: Mit höherem sozialen Status, Einkommen und zunehmender sozialer Sicherheit
weitet sich auch der Planungshorizont, werden individuelle Planungen langfristiger und
weitreichender und m an folgt zumindest in Arbeit und Beruf zunehmend einer modernen,
effizienzorientierten Zeitpraxis. Als Relikt aus vor- oder frühmodernen Epochen könnte
dagegen interpretiert werden, dass Teile der gehobenen Schichten Brasiliens in ihrem
Freizeitverhalten eher einer zweckfrei-spontanen, ereignisorientierten als einer längerfris­
tig geplanten und zweckrationalen Logik folgen. Insgesamt basieren die Ergebnisse entge­
gen den Ausgangsüberlegungen dann aber doch eher au f einem Schichtungs- als au f
einem Milieumodell, denn die Zeitpraxis wird im Wesentlichen m it beruflicher Stellung
und Einkommen kombiniert. Ob die Ergebnisse tatsächlich auf unterschiedliche Grade der
gesellschaftlichen Modernisierung verweisen oder lediglich dem schlichten Umstand
geschuldet sind, dass es bei geringem Einkommen, fehlender sozialer Sicherheit und be­
ruflicher Perspektiven zum „Leben im M oment“ keine sinnvolle Alternative gibt, wäre
daher genauer zu prüfen. Insgesamt ist es aber durchaus ein Verdienst der Studie, darauf
hinzuweisen, dass sozial differenzierte Zeitpraktiken entweder aus struktureller Ungleich­
heit oder aus Ungleichzeitigkeiten bei der Anpassung an gesellschaftliche Modernisie­
rungsprozesse resultieren können.
Die behandelten Beiträge verdeutlichen insofern einen weiteren Ertrag von Zeitfor­
schung, als hier die Konturen eines soziologischen Zeitbegriffs erkennbar werden: Die
,Zeit der Gesellschaft strukturiert soziales Leben, koordiniert Handlungen, macht Ereig­
nisse und Prozesse bewertbar und vergleichbar und erlaubt deren soziale Kontrolle (vgl.
Burkhart in Ifo Institut: 190ff.). Gleichzeitig ist Zeit eine knappe Ressource, deren Vertei­
lung und Verwendung Gegenstand vielfältiger Konflikte ist. Der Blick durch die Zeitbrille
macht somit die sozial strukturierenden W irkungen des Umgangs m it Zeit in ihrem Zu­
sammenhang sichtbar; er stellt beispielsweise die vermeintliche Banalität des „Alltags“ in
Frage und sensibilisiert für die zahlreichen sozialen Bedingungen der Konstruktion und
Organisation von Alltag. Hier werden die komplexen Wechselwirkungen zwischen Arbeit,
Familie, Lebenslauf, Stadtstrukturen etc. sachlich und konkret erfahrbar; der „normale“
Alltag vieler Menschen ist eben dadurch gekennzeichnet, dass in einem sehr engen Aus­
schnitt des raum-zeitlichen Koordinatensystems „alles zusamm enkommt“.

Zeitpolitik

Wie derartige Zusammenhänge hergestellt, wie sie erlebt und bewältigt werden, war schon
immer Gegenstand von „impliziter“ Zeitpolitik, die immer auch als gesellschaftliche
Machtressource funktioniert hat. Wer über die Zeit verfügt, d. h. die Regeln bestimmt, die
von den gesellschaftlichen Taktgebern vermittelt werden und deren Einhaltung kontrol­
liert, schafft damit einen wesentlichen Teil der Bedingungen, unter denen sich das „nor­
male“ Alltagsleben der Menschen abspielt. Hierin liegt der Ausgangspunkt jener Beiträge,
die ausdrücklich eine Notwendigkeit der gesellschaftlichen Zeitgestaltung, d. h. zur Ent­
wicklung einer „expliziten“ Zeitpolitik (Mückenberger in BIOS: 305ff.) postulieren. Dieser
bewusst normative Ansatz versucht aus den diversen analytischen Arbeiten systematisch
Ziele, Regeln und Verfahren für die Gestaltung von Zeiten zu entwickeln; er repräsentiert
den weitreichendsten und innovativsten Anspruch unter den hier behandelten Beiträgen
und wird deshalb in etwas größerer Ausführlichkeit besprochen.
In der Studie von Läpple u. a. geht es um die Stadt als Möglichkeitsraum bzw. Gelegen­
heitsstruktur für die individuelle zeitliche Gestaltung des Alltags (Läpple u. a.); in einem der
Beiträge von Mückenberger richtet sich der Fokus auf die Organisation von Arbeit und das
organisierte Interessenhandeln als einer zentralen Voraussetzung für die Ausprägung indi­
vidueller Zeitbudgets. Im Einklang m it vielen anderen machen diese Autoren die vielfältigen
Prozesse der Entgrenzung, Flexibilisierung und Subjektivierung von Arbeit, des Wandels
von Haushalts- und Erwerbskonstellationen und der räumlichen Verlagerung von städti­
schen Funktionen dafür verantwortlich, dass Anpassungszwänge an fremdbestimmte Zei­
ten verm ehrt als Belastung und als Einschränkung von Lebensqualität wirken und in dieser
Weise auch wahrgenommen würden. Die institutionelle und infrastrukturelle Ausstattung
insbesondere der Städte - Erreichbarkeiten, Dienstleistungsangebote, Arbeits- und Öff­
nungszeiten etc. - werde den Lebensentwürfen und Bedürfnissen der dort lebenden Men­
schen nicht mehr gerecht, was sich in vielfachen Koordinationsproblemen bei der individu­
ellen Organisation des Alltags niederschlage. Mit anderen Worten: Die Organisation des
Alltags entwickele sich - für unterschiedliche Gruppen in unterschiedlicher Weise - immer
m ehr zu einem zeitlichen Balanceakt, in dem für die einzelnen Individuen eine „Einheit des
Alltags“ kaum mehr erfahrbar wird (Mückenberger in Ifo Institut: 15).
Die Kernfragen, die sich an diese Problemformulierung anschließen, betreffen (1.) die
Möglichkeit einer Umkehrung von Anpassungslasten: Wie können Institutionen und Orga­
nisationen dazu gebracht werden, sich an die Bedürfnisse und Lebensumstände der einzelnen
Menschen anzupassen, statt umgekehrt die Anpassungslasten den Individuen aufzubürden
und (2.) die Angemessenheit und Wirksamkeit entsprechender Abstimmungsprozesse: Wie
lassen sich kleinräumige, alltagsbezogene Verständigungsprozesse organisieren, in denen die
Interessen und Möglichkeiten aller beteiligten Akteure berücksichtigt werden?
Antworten hierzu wurden in „Realexperimenten“ gesucht, die in drei großstädtischen
Quartieren unter Bedingungen aktuellen Strukturwandels wissenschaftliche Analyse, zeit­
politische Methodik und stadtgestalterische Intervention zu kombinieren versuchten. Die
Identifizierung konkreter Gestaltungserfordernisse in den betreffenden Stadtvierteln ba­
sierte dabei auf einer Typologie der „raumzeitlichen Koordination lebens- und arbeitswelt­
licher Anforderungen“, die von suburbanen und nach wie vor fordistisch geprägten, über
die traditionellen städtischen W ohn- und Arbeitsweisen bis zu den urbanen, postfordisti-
schen sowie den prekären Lebensweisen in der postfordistischen „Dienstbotenökonomie“
reichen (Läpple u. a.: 35ff.). In dem Maße, in dem sich m it dem städtischen Strukturwandel
die moderneren, postfordistischen Lebensweisen verbreiten, entstehen daraus neue Aufga­
ben der Stadtpolitik bzw. Stadtgestaltung. Zunehmend gehe es darum, den Ansprüchen
hochqualifizierter Beschäftigter an die Qualität und die Verfügbarkeit von Versorgungs-,
Freizeit-, Bildungs- etc. -angeboten gerecht zu werden, die zeitliche Entlastung von Familien
und Haushalten insbesondere im Hinblick auf Kinderbetreuung und Schule zu gewährleis­
ten und die Integration von prekären und exklusionsgefährdeten Gruppen zu ermöglichen.
Durch die Beteiligung der Wissenschaftler/innen konnten die konkreten Planungs­
und Entwicklungsprozesse in den drei ausgewählten Stadtvierteln m it einer Reihe von
ansonsten eher ungewöhnlichen Methoden und Instrumenten - Zeitbudgeterhebungen,
Zeitkartierungen, Organisation kleinräumiger Abstimmungs- und Aushandlungsverfah­
ren, informelle und formalisierte Übereinkünfte - unterstützt werden. Zwar waren die,
teils recht aufwändigen, Interventionen gemessen an den o. g. Zielen nur begrenzt wirk­
sam, doch führten Diskussionen und Interventionen unter Zeitgesichtspunkten in allen
Fällen dazu, dass Zusammenhänge und Konflikte erkennbarer wurden und selbstorgani­
sierte, selbstregulative Prozesse zur Bearbeitung hervorbrachten. Dies scheint auch der
hauptsächliche gemeinsame Nenner zu sein, auf den sich die drei beteiligten Wissen­
schaftler/innenteams in den Auswertungen und Ergebnisdarstellungen verständigen
konnten, während die Reichweite und inhaltliche Wirksamkeit des zeitpolitischen Ansat­
zes in den drei „Realexperimenten“ doch recht unterschiedlich eingeschätzt wurde.
Um neue Formen der Konfliktregulierung und -bearbeitung geht es letztlich auch im
Beispiel der arbeitszeitbezogenen Aushandlungsprozesse, die U. Mückenberger im Dienst­
leistungsbereich untersucht. Insbesondere der große Sektor der personenbezogenen
Dienstleistungen, die nach dem uno-actu-Prinzip erbracht werden, könne angesichts der
allgemein anhaltenden Tertiarisierungsdynamik - so die These - zum Einfallstor für neue
Aushandlungs- und Regulierungsformen werden: Da für eine erfolgreiche Dienstleistungs­
erbringung Kopräsenz und Koproduktion der Nutzer/innen unerlässlich seien, müssten
zeitliche Abstimmungen stattfinden, die den Interessen von Dienstleister/in und Nutzer/in
gleichermaßen entsprächen. In der gängigen Konstellation der Aushandlungen zwischen
Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen fänden dagegen die zeitlichen Bedürfnisse der
Kunden/-innen bzw. Nutzer/-innen kaum Berücksichtigung. Da überdies die Durchset­
zung von Nutzer- und Nutzerinneninteressen bei einem großen Teil der personengebun­
denen Dienstleistungen kaum wirksam durch Marktmechanismen erzwungen werde,
würden die Konflikte um Arbeits- und Geschäftszeiten im Rahmen der traditionellen
Arbeitsbeziehungen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite in der Regel durch
Kompromisse gelöst, die zu Lasten der Kunden/-innen bzw. Nutzer/-innen und ihrer
Lebensqualität bzw. ihres Zeitwohlstandes gingen. Dies ist Anlass dafür, systematisch
zwischen einer arbeitszeit- und einer zeitpolitischen Perspektive zu unterscheiden. Bilate­
rale Arbeitszeitpolitik könne zwar durchaus auch die außerbetrieblichen zeitlichen Inte­
ressen der Beschäftigten aufnehmen und so für diese Gruppe zu einer Vermehrung von
Zeitwohlstand führen; zur Zeitpolitik - anstatt Arbeitszeitpolitik - würden Auseinander­
setzungen um Arbeits- und Öffnungszeiten aber erst dann, wenn dabei auch die Interessen
von Kunden und Kundinnen gleichberechtigte Berücksichtigung fänden.
Vor diesem Hintergrund geht es bei der hier verfolgten „Zeitpolitik“ tatsächlich in ers­
ter Linie um die Entwicklung innovativer Verfahren in einer neuen multipolaren Akteurs­
konstellation der Interessenaushandlung; m it anderen Worten: Um „Ansatzpunkte eines
(neuen) Regulierungsmodells für Dienstleistungstätigkeiten“ (247). Demgemäß ist auch
die Empirie organisiert: Betrachtet wurden arbeitsorganisatorische Umstrukturierungs­
prozesse bei Dienstleistungsanbietern. Die Auswahl der Fallbeispiele variiert das Verhältnis
von arbeitszeit- und zeitpolitischen Anteilen in den jeweiligen Gestaltungsprozessen sowie
den Intensitätsgrad der Dienstleistungsbeziehung. Letzteres ist von herausragender Bedeu­
tung, weil die Ausprägung von Reziprozität in den Beziehungen zwischen den beteiligten
Akteuren bzw. Gruppen als zentrale Determinante der Prozessqualität und letztlich auch
des Ergebnisses von Gestaltungsprozessen gilt. Um den Erfolg von dienstleistungsbezoge­
nen Gestaltungs- und Beteiligungsprozessen bewertbar zu machen, wurden unter Rückgriff
auf das Konzept der „Verwirklichungschancen“ von A. Sen „gestaltungs- und evalua­
tionsorientierte Kriterien der Lebensqualität“ (93) formuliert. Bezogen au f das Ziel der
Erhöhung von Zeitwohlstand und Zeitsouveränität gehören dazu u. a. der Grad der zeitli­
chen Selbstbestimmung, die Gleichheit der Verwirklichungschancen oder die Kompetenz
zu zeitlicher Sinngebung (99ff.).
Als Ergebnis der sorgfältig begründeten und ausführlich dargestellten Empirie bestä­
tigt sich schließlich vor allem die Eingangsvermutung, dass innovative Verfahren, die eine
multipolare Interessen- und Aushandlungskonstellation an die Stelle der traditionellen
industriellen Beziehungen setzen, tatsächlich zu Gewinnen an Lebensqualität führen kön­
nen, ohne dass dabei trade-offs in Form von Einbußen bei einer der beteiligten Gruppen
auftreten. Bestätigt wird die zentrale Bedeutung der Reziprozität von Akteursbeziehungen:
Je ausgeprägter „die Fähigkeit und Bereitschaft, [...] Zeitinteressen anderer Stakeholder
wahrzunehmen und zu berücksichtigen“, desto eher lassen sich die angezielten Lebens­
qualitätsgewinne erreichen (279f.). Dabei wird deutlich, dass Reziprozität keineswegs eine
dauerhaft stabile, statische Größe darstellt, sondern sich bei entsprechender Prozessgestal­
tung und „Lernbedingungen“ durchaus auch verändern und entwickeln kann.
Dennoch bleiben auch hier, vor allem im Hinblick auf die Reichweite des vorgestellten
Konzeptes von Zeitpolitik, einige Zweifel: Sicherlich bleibt für einen Kernbereich von Dienst­
leistungen auf absehbare Zeit die Wirksamkeit des uno-actu-Prinzips ein wesentliches
Merkmal der Anbieter/Nutzer-Beziehung. Dieser Kernbereich scheint aber zu schrumpfen,
weil diverse Entwicklungsprozesse zu einer Entkoppelung des Anwesenheits- und Reziprozi­
tätszusammenhanges bei den personenbezogenen Dienstleistungen beitragen: Vermarkt-
lichungsprozesse und vieldiskutierte Krisenerscheinungen in den Institutionen des Finanz-,
Gesundheits-, Sozial- oder Bildungswesens stellen die Selbstverständlichkeit der Vertrau­
ensbeziehung bei solchen Dienstleistungen in Frage. Gleichzeitig nim m t die Anzahl ehemals
beratungsintensiver persönlicher Dienstleistungen zu, die sich - von der Selbstmedikation
via Internet über das Online-Banking bis zur Steuererklärung per Internet - in den Bereich
der Konsumentenarbeit verlagern. Diese „Entpersönlichung“ von Dienstleistungen mag
vielen Nutzern/-innen sogar durchaus als Gewinn erscheinen, denn gerade viele der perso­
nenbezogenen Dienstleistungen sind weitaus stärker von ausgeprägten Rollenambiguitäten
und einem Macht- und Wissensgefälle zwischen Anbieter und Nutzer geprägt als von Empa­
thie und der Bereitschaft zur wechselseitigen Berücksichtigung von (Zeit-)Interessen.
Aus vielen Studien ist zudem bekannt, dass die Anbieter/Nutzer-Beziehung - etwa im
Finanz-, Gesundheits- oder Bildungswesen - zu sozialen Differenzierungswirkungen
beiträgt und insofern stellt sich nicht nur die Frage, wie relevant „Zeitpolitik“ im hier
gebrauchten Sinne sein kann, sondern auch, ob nicht eine auf Reziprozität basierende
Regulierung von Dienstleistungstätigkeiten nur dort die angezielten W irkungen entfalten
kann, wo das soziale Gefälle zwischen den beteiligten Akteuren nicht allzu groß ist. Unter
den institutionellen und strukturellen Bedingungen der Dienstleistungsproduktion ist
zumindest nicht ausgeschlossen, dass von den vorgeschlagenen neuen Regulierungsfor­
men vor allem diejenigen profitieren würden, die über substantielle Wahlmöglichkeiten
und das dafür notwendige ökonomische, soziale und kulturelle Kapital verfügen.
Schließlich weisen aber gerade auch die Zweifel und Vorbehalte darauf hin, dass die
Grundfrage, die in den beschriebenen Studien aus einer zeitpolitischen Perspektive gestellt
wird, weit über den unmittelbaren Bereich der Regulierung von personenbezogenen
Dienstleistungen oder der Organisation von städtischen Strukturwandelprozessen hinaus
von enormer gesellschaftspolitischer Bedeutung ist. Tatsächlich geht es nicht um neue
Themen oder Konflikte, sondern um veränderte Kontexte und Konstellationen, in denen
diese Themen neu verhandelt und behandelt werden müssen. Ob hier bereits jenes „neue
multipolare Beteiligungsregime der Dienstleistungsgesellschaft“ (Mückenberger: 247) oder
gar ein neuer, der postfordistischen Gesellschaft angemessener „Typus von lokaler Demo­
kratie“ (Läpple in Läpple u. a.: 238) erkennbar wird, mag m an bezweifeln. Deutlich wird
aber, dass der zeitpolitisch inspirierte Untersuchungsansatz genau darauf abzielt und dass
er die notwendige Suche nach angemessenen Governanceformen für die komplexen Kon­
fliktlagen der postmodernen Gesellschaft bereichert.

Literatur
Elias, Norbert (1977): Über den Prozess der Zivilisation. 4. Aufl., 2 Bde., Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Jahoda, Marie / Lazarsfeld, Paul / Zeisel, Hans (1975, orig. 1933): Die Arbeitslosen von Marienthal.
Ein soziographischer Versuch. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

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