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Harald Weinrich

Knappe Zeit
Kunst und Ökonomie
des befristeten Lebens

beck reihe
Die Arbeit an diesem Buch ist von der
Fritz Thyssen Stiftung
durch einen Sachmittelbeitrag gefördert worden.
Dafür dankt der Autor herzlich
dem Vorstand der Stiftung.

1. Auflage. 2004
2. Auflage. 2005
3. überarbeitete Auflage. 2005

1. Auflage (in der Beck'sehen Reihe). 2008


© Verlag C.H.Beck oHG, München 2004
Satz: Janß GmbH, Pfungstadt
Druck und Bindung: Druckerei C.H.Beck, Nördlingen
Umschlagabbildung: Klaus Rinke, «Uhreninstallation». Düsseldorf,
Buga-Gelände. Foto, 1994 © akg-images/Michael Teller
Umschlagentwurf: +malsy, Willich
Printed in Germany
ISBN 978 3 406 56825 1

wunv.beck.de
Fünftes Kapitel
Kurze und kürzeste Zeiten 10 7
1 . Z w e i G ottheiten der Z eit: C hronos und K airos (M ythologie,
Klassik) 10 7
2. Stern e und Stunden (Schiller, Stefan Z w eig) 111
3. Z w ischen A u sterlitz und W aterloo (Em ile Zola) 115

S e c h ste s K apitel
Ökonomie der knappen Zeit 119
1 . Freundschaft a u f drei Tage: G astfreundschaft (Homer,
K nigge) 119
2. K lassik als Ö konom ie der Z eit (von Plutarch bis A nd re Gide) 12 4
3. Schneller leben, kü rzer reden (Jean Paul, M m e de Stael) 12 9

S ie b te s Kapitel
Das Drama der knappen Zeit 13 3
1 . Lang ist das Epos, kurz das D ram a (Aristoteles) 13 3
2. W ie lang sind 24 Stu nden? (C orneille) 13 5
3. Die Zeit, die aus den Fugen ist (Shakespeare: H am let) 13 7
4. Saladin lernt, sich Z eit zu nehm en (Lessing: N athan der
W eise) 14 4
5. Die Z eit und das W erk (Proust) 14 7

A chtes Kapitel
Endlichkeit - Unendlichkeit 15 1
1 . N eugierde - W ißbegierde - W issenschaft (von A ristoteles bis
Leibniz) 15 1
2. Ein N ichts an Z eit fü r die Ew igkeit (Pascal, E m ily D ickinson) 15 5
3. Z u w en ig Z eit fü r zu viel W elt (Blum enberg) 15 9
4. K nappheitserfahrungen, anthropologisch (Odo M arquard) 16 3

N euntes K apitel
Mit Fristen und Terminen leben 16 6
x. U hren, Kalender, Term inkalender (Uhrmacher,
Kalenderm acher) 16 6
2. Fristen im A llta g (Tutti, con m oto) 17 1
3. Fristen im Recht, m it einem kurzen Blick a u f die «Fristenlösung»
(Zivilrecht, Strafrecht, Arbeitsrecht) 17 8
4. « ... aber vo rläu fig noch nicht» (Heidegger, M arquard) 18 5
Blieb doch auch Theophrast, solang er voll Eifer sich mühte,
Wohl und gesund, doch entspannt, starb er von Leiden beschwert.
M an sieht an diesen Versen zugleich, von w elcher A rt Sport- oder
K am pfgerät die M etapher des Lebensbogens ihren A n fa n g nim m t (vgl.
unten Kap. III, 1) .

2. P h iloso ph isch es zur Kürze d es Lebens (Seneca)

T ie f sind die Spuren, die der hippokratische A ph orism us im Denken


der Geschichte hinterlassen hat. A ls bekannteste und einflußreichste
A useinandersetzung m it ihm kann in röm ischer Z eit - noch vo r G alen
- die Sch rift «Ü ber die K ürze des Lebens» (De brevitate v ita e) aus der
Feder des Philosophen Lucius A n n aeu s Seneca (w ahrscheinlich
4 v. C h. - 6 5 n. Chr.) angesehen werden.
Der Philosoph und Dichter Seneca - nicht zu verwechseln m it seinem
Vater, dem gleichnam igen Redner und Rhetoriklehrer - stam m te aus
Cordoba in Spanien. Er stand der stoischen Philosophenschule nahe und
w ar seit seiner Jugend bereit, in öffentlichen Ä m tern Pflichten zu über­
nehm en. Es stand jedoch schlecht um seine w eiteren Lebenspläne, als er
aus historisch ungeklärten Gründen im A lter von 45 Jahren a u f die Insel
Korsika verbannt wurde. Dort hatte er acht Jahre auszuharren, bis er im
Jahre 49 begnadigt w urde und nun sogleich durch die G unst oder U n­
gunst der Um stände in höchste Staatsäm ter berufen wurde. H ier wollen
w ir nun seinen Lebensweg fü r einen M om ent verlassen, denn in eben
jenem Jahr 49, am Ende oder kurz nach seiner Verbannungszeit, hat S e ­
neca seine Schrift von der K ürze des Lebens geschrieben. Sie ist eine der
m eistgelesenen Schriften der römischen A ntike gew orden.1
Es paßt gu t zum T hem a, daß Seneca der K ürze des Lebens eine kurze
Sch rift gew idm et hat. Sie fü llt im Druck heute etwa 3 5 Seiten, um faßt
also kaum m ehr Text als die A phorism en des Hippokrates. Von Hippo-
krates, der fü r ihn der «größte der Ä rzte» (m ax im u s m cd icoru m ) ist,
gehen auch Senecas philosophische Ü berlegungen aus. Er räum t z u ­
nächst ein, daß der griechische A rzt gew iß nichts Falsches sagt, w enn er
in seinen A phorism en lapidar feststellt, kurz sei das Leben, lang die
K unst (vitam brevem esse, longam artem ). A b er w as folgt daraus fü r
die W eisheitslehre des Philosophen? W ie soll denn der M ensch leben,
w enn er weiß, daß sein Leben kurz ist?
Bei dieser Frage holt Seneca sich selber Rat bei der griechischen Phi­
lang» (lo n gissim a). Sie m üssen allerdings gelern t haben, ihr Leben
«nach vorne» (p ro tin u s) zu leben, m it dem Z iel, jeden einzelnen Tag so
zu nutzen, als w äre er der letzte.
W ie das nun in der Lebenspraxis zu verw irklichen ist, darüber ist in
der A n tike viel nachgedacht und auch viel gestritten w orden. In dieser
H insicht unterscheiden sich in ihren Ratschlägen insbesondere die Phi­
losophenschulen der Epikureer und der Stoiker. Die Jü n ge r Epikurs,
zum Beispiel der D ichter H oraz, lehrten und pflegten die K unst des
G enießens, die das Leben zw ar nicht länger, aber doch lu stvoller m acht
gem äß H orazens M axim e: «Lebe glücklich, lebe und denke daran, w ie
kurz deine Lebenszeit ist!» (V ive beatus, v iv e m em o r quam sis a evi
brevis). Den A nhän gern der Stoa hingegen, zum Beispiel unserem S e ­
neca, erschien es w ichtiger fü r ein glückliches Leben, strenge Tugenden
zu üben und insbesondere auch öffentliche Pflichten zu übernehm en,
jedoch niem als im Ü berm aß. Ein schlechter G ebrauch ihrer Lebenszeit
w äre es, w enn sie etw a unter den A n stren gun gen des A m tes ihr Leben
zu leben vergessen hätten, w ie es sich schon bei K aiser A u gustus, bei
dem Politiker und Sch riftsteller C icero sow ie bei zahllosen anderen
Im m er-G eschäftigen gezeigt hat. Denn nicht das ganze Leben d arf dem
öffentlichen W irken gehören, sondern n u r ein - w enn auch beträcht­
licher - Teil. Ein gew isses M aß an privater Lebenszeit sollte jedem M e n ­
schen fü r seine eigenen B ed ürfnisse und Freuden überlassen bleiben.
D iese Z eit nennt Seneca die «Eigenzeit» (tem pus su u m ).} G em ein t ist
dam it eine Z eit der M uß e (o tiu m ), von der e r w eiterhin überzeugt ist,
daß sie am besten im U m gang m it den schönen K ünsten (bonae artes)
und zum Studium der Philosophie (sa p ien tia ) zu verw enden w äre. Z u
dieser «Lebensqualität» (qu alitas vitae) gehört fü r den Stoiker Seneca
allerdings neben der K unst, sin nvoll zu leben, auch zu gleichen R ech­
ten die K unst, w ü rd ig zu sterben.
Beide K ünste hat Lucius A nn aeus Seneca in seinem eigenen Leben
brauchen m üssen. Denn es fügte sich, daß er bald nach seiner Rückkehr
aus der korsischen Verbannung m it der Erziehung des jun gen N ero be­
auftragt wurde, der sich schon als sein Z öglin g nach den W orten Racines
als ein «werdendes M onstrum » (m onstre naissant) erw ies.4 Ihm, der
dann als ausgewachsenes Scheusal K aiser wurde, hat Seneca (warum
nur?) acht Jahre lang als eine A rt Prem ierm inister des Röm ischen W elt­
reiches gedient, sicher mit nur sehr geringen M öglichkeiten, bei diesen
Staatsgeschäften seine «Eigenzeit» zu bewahren. So hoffte der Philosoph
schließlich, als er schon die sechzig Jahre überschritten hatte, w enigstens
im A lter m ehr M uße und Zeit für seine Lektüren und sein schriftstelle­
risches W erk zu finden. Doch wurde ihm eine im Jahre 62 von N ero e r­
betene «Frühpensionierung» nicht gew ährt. Gleichw ohl hielt Seneca
sich nun auch ohne ausdrückliche G enehm igung vom kaiserlichen H of
fern und schrieb in den folgenden drei Jahren eine Reihe seiner besten
Werke, zu denen auch die «M oralischen Briefe an Lucilius» gehören. In
ihnen begründet der A u tor noch einm al, jetzt m it der ihm zugew achse­
nen A utorität des A lters und der Erfahrung, den unvergleichlichen Wert
der Z eit und erm ahnt seinen (jüngeren) Briefpartner zu einer sorgfälti­
gen Zeiteinteilung und täglichen Zeitplanung, bei der keine Stunde un­
genützt verstreichen darf. O ffenbar hat Seneca in dieser Zeit schon ge­
ahnt, w ie w enig Lebenszeit ihm selber noch verbleiben würde. Denn
N ero hat auch aus der Ferne seinen früheren Erzieher und M inister
nicht aus den A ugen gelassen. A ls bei einer gescheiterten V erschw örung
gegen das Regim e des kaiserlichen Tyrannen der Verdacht auch a u f S e ­
neca fällt, zw ingt ihn der Kaiser, sich selber den Tod zu geben.5 Seneca
stirbt m it W ürde, als ein stoischer Philosoph.

3. H ausw irtschaft und Zeitw irtschaft


(Leon B attista Alberti)

D er B e g riff Ö konom ie, ursprünglich m it der Bedeutung «H au sw irt­


schaft», stam m t aus der griechischen A ntike. Er ist in der Form o ikono-
m ia abgeleitet von dem G run dw ort oikos («H aushalt»). Schon früh
w urde der B e g riff in der Lautform oeconom ia in die lateinische S p ra­
che übernom m en und von den Röm ern als « Sorge um die häuslichen
A ngelegen heiten» (Q uintilian: cura rerum dom esticaru m ) aufgefaß t.
A ristoteles - w enn er denn tatsächlich der A u to r w ar - hat der haus­
w irtschaftlich verstandenen Ö konom ie eine eigene Schrift gew idm et,
die auch heute noch von den Sym pathisanten ein er paternalistischen
Ö konom ie gerne zitiert w ird. Für unsere Frage nach ein er Ö konom ie
der Z eit ist sie u n ergieb ig.1
Doch kennt die griechische Rhetorik seit ältester Z eit (H erm agoras,
2. Jahrhundert v. Chr.) noch einen anderen ö k o n o m ie b eg riff. Er be­
zieht sich a u f die A n o rdn u n g der A rgu m en te in ein er forensischen
Rede und w ird später auch au f die them atische G liederun g größerer
literarischer Texte übertragen, ln diesem Bereich kon kurriert der B e­
g r iff o ik o n o m ia ! oeconom ia m it den h äu figer fü r den gleichen Sach-
A uch als G oethe w iederum ein Jahrzehnt später zu seiner Reise oder
«Flucht» nach Italien aufbricht, hat er diesen «U rfaust» - im m er noch
als Fragm ent - in seinem Reisegepäck. Das D ram a soll in Rom fertigge­
stellt werden. D araus ist nichts gew orden. N u r um eine Szene ist das
M anuskript in Rom gew achsen. Das ist die Szene der «H exenküche».
W arum hat G oethe nun unter dem heiteren H im m el Italiens au sge­
rechnet diese teutonische H exenszene geschrieben? Die A n tw o rt liegt
nahe, w enn m an sich vo r A u gen führt, daß G oethe seine Z eit in Italien
als eine große V erjüngungskur, als einen w ahren Jun gbrun nen erlebt
hat. Ein w ie von Zauberm acht verjü n gter G oethe kehrt von Italien
nach W eim ar zurück und w artet dort auch nicht lange, bis er sich, sei­
ner subjektiv em pfundenen Jugendlichkeit entsprechend, m it der b lut­
ju n g en C hristiane verbindet.6
G enau so hat er es in Italien auch seinem D ram enhelden, dem D ok­
tor Faust, zugedacht, der so lange a u f eine Fortsetzung seiner G eschich­
te w arten m ußte und dabei selber auch gealtert ist, etw a im gleichen
M aße w ie sein Autor. Für G oethes W eiterarbeit am «Faust», insbeson­
dere fü r die im Jahre 18 0 8 publizierte D ru ckfassun g «Faust. D er Tragö­
die erster Teil», m üssen w ir nunm ehr dem D oktor Faust, in T hom as
M anns W orten, «runde sechzig» Jahre geben .7 Dieses A lte r akzentuiert
natürlich beträchtlich die im Eingangsm onolog ausgedrückte Lebens­
und Schaffen skrise und die V erzw eiflun g des längst nicht m ehr ju n gen
G elehrten, der noch viel w en iger als ein M ittdreiß iger d arauf rechnen
kann, m it der nun augenscheinlich gew ordenen Kürze seines verb lei­
benden Lebens die m ehr denn je lang erscheinende K unst und W issen ­
schaft noch einholen zu können.
D iese A u sw eglosigkeit tritt besonders sch ro ff in je n e r Szene zutage,
in der M ephistopheles als A ltern ative zu «der» K unst seine eigenen
m agischen und nun ganz und g ar nicht m ehr hippokratischen « K ü n ­
ste» anbietet, und zwar, w ie es ausdrücklich heißt, zu Fausts Z e itv e r­
treib. Für diesen Handel in Lebenszeit-Valuta ist w eiterhin bem erkens­
w ert, daß M ephistopheles als Teufel zw ar «m anche tausend Jahre»
hinter sich hat. Vor Fausts A u gen tritt er jedoch als «fahrender Scho-
lastikus» oder «Scolast» auf, so daß er also als ein b lutjun ger Student
von höchstens zw anzig Jahren vorzustellen ist. Auch in seiner späteren
Erscheinung als «Junker» ist er kaum älter zu denken und gehört
m erklich zu r jeu n e sse doree. Noch in der G arten -Szen e m it Frau M ar-
the, die ihn zum Ehebund drängt, will er auf sein Hagestolzenalter nur
«von w eitem » blicken. D ieser aufreizend ju n g e Teufel ist es nun, der
Säuren behandelt - alles ohne erkennbares Ergebnis. Schließlich m uß
die A kadem ie bekennen, daß auch sie nicht alle N aturerscheinungen
erklären kann, denn - so fo rm uliert es einer ihrer renom m ierten P ro­
fessoren: «Die W issenschaft ist w eit ausgedehnt, das m enschliche Le­
ben ziem lich kurz» (La Science est vaste, la v ie h u m a in e bien courte ).7
Z u m Abschluß dieser T hem atik kehren w ir noch einm al in den Trö­
delladen zurück, in dem der Rom anheld sein W ildeselfell erw orben
hat. Beim dortigen V erkaufsgespräch hat sich näm lich gezeigt, daß der
uralte Trödler ein Lebensphilosoph ist. Er hat in seinem langen Leben
die W elt gesehen und das Treiben der M enschen beobachtet. Q uin tes­
senz seiner Beobachtungskunst ist die Einsicht, daß die m enschliche
N atu r von zw ei K räften reguliert w ird, die sich a u f das Leben der M e n ­
schen verzehrend ausw irken und es dadurch verknappen. Es sind die
W illen skraft (V ou loir) und die Tatkraft (P o u vo ir). Beide K räfte v e r­
brauchen bei ihrem W irken Lebensenergie: «die W illen skraft v e r­
brennt uns, die Tatkraft zerstört uns» (V ouloir nous brü le et P o u voir
nous detruit).8
M an m uß diese Ausdrücke, die auch die eigene A u ffassu n g des A u ­
tors w iedergeben, w örtlich nehm en. Balzac ist - w ie H ufeland - über­
zeugt, daß zur leiblich-seelischen A u sstattu n g des M enschen ein indi­
viduell begrenztes Q uantum Lebensenergie gehört, das sich im Laufe
eines Lebens verbraucht, und zw ar durch den chem ischen Prozeß der
V erbrennung (com bu stio n ). Es hängt vom C harakter eines Individu­
um s ab, ob dieser Prozeß durch die verbrennu ngsin ten siven K räfte
V ouloir und Po u voir beschleunigt w ird, w as naturgem äß zu ein er V er­
knappung der Lebenszeit führt, so w ie man es zum Beispiel bei Raphael
de Valentin beobachten kann. D er Trödler hingegen ist als rüstiger
G reis ein Beispiel dafür, daß es im Leben auch einen W eg gibt, m it dem
m enschlichen Energiehaushalt sparsam er um zugehen. M an braucht
nur, anstatt seine Lebenskraft durch V ouloir und P o u voir zu ve rg e u ­
den, der schonenden Lebenskraft S a v o ir («W issen») R aum zu geben.
Dann stellt sich die Langlebigkeit von selber ein, w ie an den 10 2 Jahren
des rüstigen Trödlers zu beobachten ist - qu od erat d em o nstrandu m .

Von einem anderen Rom an Balzacs dürfen w ir uns einen ganz anderen
Blick a u f das Leben und die Lebenszeit versprechen. Er trägt den Titel
«Die Frau von dreißig Jahren» (La fe m m e de trente an s ).9 W enn es die
vordringliche A u fgab e der Literaturkritik wäre, Lob und Tadel a u f die
A u toren und ihre W erke zu verteilen, m üßte eine gehörige Portion Ta­
del a u f diesen Rom an entfallen. Denn nach allen R egeln der Poetik ist
der Rom an auffallend schlecht kom poniert und auch ziem lich nachläs­
sig geschrieben. Und doch gehört er zu den W erken, die Balzacs w e lt­
w eites A nsehen als R om anautor begründet haben. Das hat Gründe, die
w ir uns im N egativen ziem lich kurz und im Positiven etw as a u sfü h r­
licher vo r A u gen führen w ollen.
Daß der Rom an fü r seine künstlerische Form w en ig B eifall gefunden
hat, hängt dam it zusam m en, daß er aus einem K ranz von them atisch
verw andten N ovellen (einer davon m it dem Titel La fe m m e de trente
ans, 18 3 2 ) über verschiedene Z w ischenstufen zu einem Rom an zusam ­
m engebastelt w orden ist, der auch in seiner Endfassung un ter diesem
Titel (18 4 2 ) w en iger durch einheitliche Struktu ren als vielm eh r durch
eine leitende «Idee» (Balzac: pensee) zusam m engehalten w ird. Diese
Idee ist jedoch fü r ihre Z eit so revolutionär, daß ein Kritiker, Pierre
Barberis, von Balzac gesagt hat, er habe den T ypus der Frau von dreißig
Jahren (man könnte auch übersetzen: den T ypu s der D reiß igjährigen)
ebenso entdeckt, w ie M arx das Proletariat entdeckt hat.10 In der Tat fin ­
det man in dem Rom an das schönste K om plim ent, das zu Ehren einer
dreißigjährigen Frau ausgesprochen w erden kann: «dieses schöne A lte r
von dreißig Jahren, poetischer H öhepunkt im Leben der Frauen» (ce bei
äge de trente ans, so m m ite po etiqu e de la v ie des fem m es). Und so ist
der Rom ancier Balzac dafür zu loben, daß er m it diesem Rom an fü r
eine ganze G eneration von Frauen das bis dahin knappe Leben um
m indestens ein volles Jahrzehnt verlän gert hat.
W ie das genauer zu verstehen ist, ergibt sich außer aus den Seiten
des R om ans auch aus einem anderen, m it m ehr theoretischem A n ­
spruch abgefaßten Text, den Balzac im Jahre 1 8 3 1 , also v o r der Entste­
hungszeit des Rom ans, unter dem Titel « Physiologie der Ehe» (P h y sio ­
logie du m ariage) veröffentlicht hat. D as ist das etw as übergescheite
Buch eines ju n gen M annes, der sich schon m it 3 1 Jahren als Frauen­
kenner verstehen w ill und a u f dem glatten Boden dieser «W issen­
schaft» nicht nur m it physiologischen, das heißt naturkundlichen
K enntnissen, sondern auch mit den scharfzüngigen A phorism en eines
«M oralisten» (historien des m o eu rs) zu brillieren versucht. Einer die­
ser A phorism en lautet: «Eine anständige Frau ist w eniger als vierzig
Jahre alt» (U n e fe m m e h on nete a m oins de qu aran te ans). D iesen Satz
w ollen w ir hier fürs erste unkom m entiert stehen lassen und m it Bal-
64 M agie und Moden der Lebenszeit

zacs A n regun gen das rom antaugliche Lebensalter der Frauen genau er
nachrech n en ."
Fest steht fü r den Physiologen Balzac eines: Die Jugend ist «die e ili­
ge Zeitspanne, in der die Frau in Blüte steht» (la rapide saison ou la
fe m m e reste en fleu r). Das ist, w ie auch im m er man rechnen m ag, eine
sehr knappe Zeitspanne. Es ist w ohl nicht im Sin n e Balzacs, m it der ab­
geschlossenen Pubertät zu beginnen, also - im 19 . Jahrhundert - m it
vierzehn Jahren, w ie Fausts M argarete. Doch m uß sich eine Frau in
m öglichst frühen Jahren ihres Lebens klar m achen, daß «die R eize der
Jugend das einzige Gepäck der Liebe sind» (les charm es de la jeu n esse
sont l'u n iq u e bagage de l'a m o u r). D ie Z eit ist also knapp bem essen,
wenn sie m it etw a neunzehn Jahren, w ie die H eldin unseres Rom ans,
den M ann ihres Lebens kennenlernen und m it zw anzig Jahren m it ihm
verheiratet sein w ill. Denn erst m it der H eirat m acht sich das ju n g e
M ädchen von der V orm undschaft der Eltern frei und kann nun als
«junge Frau» in den Grenzen, die von der Sitte gesetzt und vom Ehe­
m ann geduldet sind, nach eigenem G utdünken eine gesellschaftliche
Existenz führen. Es bleibt ihr nun ein Z eitrau m von etw a zehn Jahren,
in dem allerdings auch die K inder in die W elt gesetzt und versorgt w e r­
den m üssen. Bis zum Schw ellen alter von dreißig Jahren - so die bis a u f
Balzac in der G esellschaft vorherrschende M ein u n g - m uß das alles g e ­
schehen sein, denn fü r eine Frau, die diese A ltersstu fe erreicht und
überschritten hat, ist in ihrem w eiteren Leben vo r allem Tugend ange­
zeigt - und auch sonst w en ig, w as einen R om an cier in teressieren
könnte.
Bei M ännern sieht die R echnung ganz anders aus. Für sie gilt die A l­
tersstufen gren ze von dreißig Jahren nicht, und so haben sie fü r alles,
w as in ihrem Leben die Liebe und die Ehe betrifft, w esentlich m ehr
Z eit zur V erfü gu n g als die Frauen. Das w ird in Balzacs P h ysio lo g ie du
m ariage fast buchhalterisch festgehalten: «Bezüglich der Ehe macht
der U nterschied in der D auer zw ischen dem Liebesieben des M annes
und dem der Frau fünfzehn Jahre aus» (R ela tiv em en t au m ariage, la
d ifferen ce de d u ree en tre la v ie am o u reu se de l'h o m m e et celle de la
fe m m e est donc de qu inze ans). Z u m A phorism us zugespitzt, liest sich
das bei Balzac so: «Von N atu r aus ist ein M ann länger M ann, als die
Frau Frau ist» (P h ysiq u em en t, un k o m m e est plu s lon gtem ps h om m e
que la fe m m e n 'est fem m e). D as aber w iderspricht nun doch Balzacs
G efü h l von Recht und Billigkeit, und so reißt er bald d arauf in seinem
Rom an die Lebensschranke der dreißig Jahre kurzerhand nieder und
denn w irklich nicht, daß er durch ih r G esicht sein G esicht verlieren
kann? D er eitle R ittm eister ist von der «Verschw örung» tie f getroffen
und zieht sich ohne Abschied von den C arayon s a u f sein G u t W uthe-
now zurück. D ort kehrt w ieder R uhe in seine Seele ein, denn im m ärki­
schen Land geht die Z eit noch gem ächlich ihren G an g nach den w ei­
chen R h yth m en der N atur und nicht nach den starren Fristen der
G esellschaft. Schon nach ein paar Stunden kann der H err von W uthe-
now seinem V erw alter zurufen: «Laß dir Zeit, A lte r!» .
Es dauert jedoch nicht lange, da erfahren die C arayon s von Schachs
«unbestim m tem U rlaub», den die M u tter nicht anders als feige Flucht
zu deuten verm ag. So setzt sie dem säum igen Liebhaber schriftlich eine
letzte Frist fü r die Bekanntgabe der V erlobung: «Ist sie bis M ittw och
früh nicht erfolgt, folgen m ein erseits andre, durchaus selbständige
Schritte.»
Das U ltim atum , ganz in der Fachsprache des Rechts abgefaßt, bleibt
unbeantwortet. So sieht Frau von C arayon schon am Folgetag - die Ter­
m ine drängen nun - keine andere M öglichkeit, als eine A udienz beim
König zu erbitten. Noch einm al baut der A u tor an dieser Stelle eine V er­
zögerung ein: der König weilt au f dem Lande. Die Bittstellerin reist ihm
nach. M it der H ilfe eines ihr gew ogenen Hofbeam ten gelingt es ihr, dem
König beim Lustwandeln im Park zu begegnen. So kann sie nun doch
noch ihre «Streitsache» Vorbringen. «Sehr fatal» findet Seine M ajestät
den Fall und bestellt ohne V erzug den Rittm eister zum Rapport. Jetzt
wird mit dem O ffizier nur noch lakonisch geredet, wie im spartanischen
Preußen Vorgesetzte m it ihren Untergebenen zu reden pflegen. In der
königlichen Befehlssprache heißt das kurz und knapp: «Rem edur muß
geschaffen werden, und bald, und gleich!» Entweder heiraten oder den
Dienst quittieren, so lautet die Alternative fü r den Offizier. D er R itt­
m eister hat nur noch zu gehorchen: «Zu Befehl, Ew. M ajestät!».
Nun läuft fü r die Protagonisten die letzte Frist zu handeln ab. A m
Freitag wird die Ehe geschlossen. A m N achm ittag dieses seines «Eh­
rentages» schießt der R ittm eister sich eine K ugel durch den Kopf.
Nach A b lau f der von der N atu r gesetzten Schw an gerschaftsfrist
bringt V ictoire eine Tochter zur W elt, ein schönes Kind, w ie es in bei­
den Fam ilien, bis a u f V ictoires U nglücksfall, Tradition ist. A uch die
Ehre ist fü r alle Beteiligten fristgerecht gew ahrt, die «falsche Ehre»
allerdings, w ie einige Nebenpersonen der N ovelle es schon besser als
die H auptpersonen w issen.
6. Ehrenfristen, k. u. k. österreich isch (Arthur Schnitzler)

A ls k. u. k. O ffizie r weiß Leutnant G u stl in A rth u r Schnitzlers gleich­


nam iger N ovelle (1900), w as der Ehrenkodex von einem Ehrenm ann
v e rla n g t.1 W ird je einm al seine Ehre durch einen Schim pf bedroht und
in Frage gestellt, so hat er sie «stehenden Fußes» (stante pede) m it dem
Säbel in der Hand zu verteidigen. Denn schon durch die gerin gfü gigste
Beleidigung, berechtigt oder unberechtigt, kom m t ihm a u f der Stelle
die Ehre abhanden, und er gew in nt sie erst in jenem M om ent wieder,
w enn ihm der Beleidiger, am besten im Duell, «Satisfaktion» gegeben
hat. Z w ischen diesen beiden kritischen Zeitpunkten, die zeitlich nicht
w eit auseinander liegen dürfen, erstreckt sich die Zeitspanne, die w ir
die E hren frist nennen können.
Ein erstes Duell seines Lebens hat der blutjunge Leutnant schon v o r
kurzem hin ter sich gebracht, ein w eiteres steht ihm unm ittelbar bevor.
Erster D uellgegn er w ar ein O berleutnant gew esen, ein «ernster G e g ­
ner», w ie er anerkennen muß, doch einen Schaden hat von diesem D u­
ell niem and davongetragen. Sein nächster Gegner, schon bald, w ird ein
Z iv ilist sein, von B eru f Jurist, doch glücklicherw eise ein A kadem iker
m it dem D oktortitel, so daß ebenso w ie bei dem O berleutnant kein
Z w eifel an seiner Satisfaktionsfähigkeit besteht. W as w ar mit ihm g e ­
schehen? D er offenbar ironisch veranlagte A kadem iker hatte die H er­
ren O ffiziere m it irgend einer W itzelei beleidigt. So werden nun die
W affen sprechen m üssen, um die O ffizierseh re des öffentlich be­
schim pften Leutnants G u stl und seiner Kaste w iederherzustellen. Vor
diesem neuen Duell hat der schneidige O ffizier keine A n gst: es wird
schon alles gu t gehen. So kann er auch am Vorabend entspannt ein
K onzert besuchen. Ein O ratorium w ird gegeben.
Leutnant G u stl langw eilt sich sehr im K onzertsaal, und so beginnt
die N ovelle m it dem Satz: «W ie lange w ird denn das noch dauern?»
A b er auch das längste O ratorium geht einm al zu Ende. Von diesem
Z eitpunkt an, gegen 1 1 U hr abends, bis zum nächsten M orgen etwa 7
U hr erstreckt sich die kurze Zeitspanne dieser N ovelle. Es ist zugleich
die knappe Frist, die der Erzähler diesem Ehrenfall ein geräum t hat.
Die heikle K asuistik des neuen Ehrenfalles kom m t dadurch zustan ­
de, daß Leutnant G u stl beim V erlassen des K onzertsaals im G edränge
m it einem älteren M ann zusam m enstößt, der ihn verärgert einen
«dum m en Jungen» nennt und dem Leutnant, als dieser aufbrausen
dem sie ihm so knapp gew orden ist: «Was heißt das überhaupt:
nächstes Jah r? W as heißt das: in der nächsten W oche? W as heißt das:
überm orgen?» Das einzige Datum , das in dieser Situation verläßlich
bleibt, ist das der selbstgesetzten Ehrenfrist: «M orgen ist m ein Todes­
tag - fü n fter A pril».
Ü b erreizt von diesem G ed an k en stu rm , sch läft Leu tn an t G u stl
schließlich a u f ein er Parkbank im Prater ein. A ls er wach w ird, graut
schon der M orgen . Von den acht Stunden erzählter Eh ren frist m uß
der Leser also noch ein paar Stunden un bew uß ter Lebenszeit abzie-
hen, die der H eld im Sc h laf oder H albschlaf verbracht hat. So fällt die
Erzähl- und Lesezeit dieser N ovelle fast m it der erzählten W achzeit
zusam m en.
M it dem Helden a u f der Parkbank schreckt auch der Leser auf. N u r
noch M inuten fehlen am A b lau f der Ehrenfrist. Die verbleibende Z e it­
spanne reicht gerade noch fü r eine kurze Ruhepause im Kaffeehaus,
das gerade geöffnet hat. Die M orgen zeitun gen liegen schon aus. M it
der aufregendsten N eu igkeit platzt der K elln er gleich heraus: genau
um z w ö lf U hr M itternacht hat den B äckerm eister H abetsw allner der
Schlag getroffen , und «au f'm Fleck ist er tot geblieben !».
Leutnant G u stl faßt sich sofort. K urz nur braucht er zu räsonieren:
Z w ischen dem V orfall im K onzerthaus und dem plötzlichen Tod des
Bäckerm eisters ist so w enig Z eit verstrichen, daß dieser die Schande
des Leutnants nicht verbreitet haben kann. A b er eine Schande, von der
niem and weiß, ist keine Schande, denn alle Ehre besteht im B ew u ß t­
sein der anderen. Folglich ist der Leutnant G u stl noch im vollen und
ungeschm älerten Besitz seiner Ehre. Kein G rund besteht mehr, die P i­
stole an die Schläfe zu setzen. Erhobenen H auptes kann der Leutnant
zum D ienst in die K aserne gehen. A u f dem Dienstplan steht fü r halb
acht: G ew eh rgriffe, fü r halb zehn: Exerzieren. Und a u f vie r U hr am
N achm ittag, na ja, ist das Duell m it dem D oktor angesetzt. Im G edan­
ken daran kehrt sich der innere M onolog des Leutnants nach außen:
«N a w art', m ein Lieber, w art', m ein Lieber! Ich bin grad' gut aufgelegt.
Dich hau' ich zu K ren fleisch!»
7. Knappe Zeit für M enschlichkeit
(Garcfa M ärquez: Chronik ein es angekündigten Todes)

M it dem ausgehenden 19 . Jahrhundert läuft in Europa die Z eit der


Ehre ab. Ein deutliches Schluß w ort spricht in H erm ann Su derm an ns
D ram a «Die Ehre» (1889 ) ein G r a f und eh em aliger O ffizier, der gleich­
m ütig bem erkt: «Im V ertrauen gesagt: Es gibt gar keine Eh re».1 Z w a r
gehen hier und da von der Ehre noch starke Im pulse a u f die narrative
oder dram atische Literatur aus (Fontane, Schnitzler), doch findet m an
unter den Ideen, die das 20. Jahrhundert am m eisten bew egen, die Ehre
nicht mehr. N u r gelegentlich erscheint noch un ter den fa its d ivers der
Z eitun gen die eine oder andere Geschichte von Ehre, Schande und R a­
che, die dann aber w ohl aus den Randzonen Europas stam m t und nur
als exotisch w ahrgen om m en w ird.
Für Lateinam erika scheint ähnliches zu gelten. In einigen Zonen
dieser W eltgegend m üssen w ir w ohl, w enn w ir dem kolum bianischen
Erzähler G ab riel Garcfa M ärquez (geb. 19 2 7 ) folgen w ollen, die U hren
zurückdrehen. In seinem kurzen Rom an (oder seiner langen N ovelle,
w ie m an auch sagen könnte), die un ter dem Titel «C hronik eines an ge­
kündigten Todes» (C rönica de una m u erte anunciada) im Jah re 1 9 8 1
erschienen ist, sind die handelnden Personen M enschen des 20. Ja h r­
hunderts, doch geistern durch ihre Köpfe, w as die Ehre betrifft, noch
alle un aufgeklärten G edanken frü h erer Jahrhu nderte.2 Sie sind B ew oh ­
ner eines «vergessenen D orfes» (este p u eblo olvidado), dessen R ück­
ständigkeit sich vo r allem darin zeigt, daß der alte Ehrbegriff, anders als
sonst in der m odernen W elt, eben noch nicht vergessen ist. Es gilt hier
ein besonders starrer Ehrenkodex, der nach der Logik der Erzählung
doppelt fundiert ist, da er zu gleichen Teilen au f spanischen und arab i­
schen Traditionen beruht.
In dem kolum bianischen D orf, an dessen N am en sich der A u to r o f­
fenbar nicht erinnern w ill, ist folgendes geschehen: Ein ju n g er M ann
rätselhafter H erkunft, jedoch ansehnlich und verm ögend, ist in dem
D o rf ansässig gew orden und hat die ju n g e und schöne A ngela V icario
geheiratet. Ein rauschendes H ochzeitsfest w ird gefeiert. Doch noch in
der H ochzeitsnacht schickt der B räutigam die B raut m it Sch im p f und
Schande ins Elternhaus zurück: sie ist nicht m ehr Ju n gfrau . Bald weiß
man im D orf: San tiago Nasar, der M ann m it dem spanisch-arabischen
N am en, hat sie verfü h rt. D er Ehrenfall ist da, und seine Fristen sind
kurz. Für die B rüd er der Braut, die Z w illin ge Pedro und Pablo, steht
fest, daß sie die Schande, die a u f ihre Fam ilie gefallen ist, ohne V erzug
zu rächen haben. Santiago N asar m uß sterben.
In dieser V erkü rzun g nacherzählt, könnte die Inhaltsangabe auch
a u f ein D ram a von Lope de Vega, Calderön oder Tirso de M olin a pas­
sen. W ir haben ein «klassisches» Ehrendram a vo r uns, dessen Pathos
daher rührt, daß die Ehrenpflicht als ein A n trieb von elem entarer G e ­
w alt dargestellt w ird. Seitdem der Ehrenfall eingetreten und un ter den
Leuten publik gew orden ist, liegt diese Last w ie ein finsterer M yth o s
a u f dem kolum bianischen D o rf und verw andelt es in die Bühne einer
schicksalhaften Tragödie. D ieser dram atische Zustand w ird fü r die Le­
ser der Erzählung vo r allem durch das V orw issen zustande gebracht,
das ihnen der Erzähler a u f vielen Seiten seines Textes zukom m en läßt.
Dieses W issen gelangt zu ihnen entw eder durch direkte M itteilung, so
etw a w enn schon a u f der ersten Seite des Textes der M ontag als Todes­
tag des passiven Helden genannt w ird. O der es ist m ediatisiert im M it­
w issen der D orfbew ohner, die gleichsam den C h or dieser narrativen
Tragödie bilden. Nach diesen Vorgaben steht also in der Erzählung von
A n fan g an fest, daß Santiago N asar nicht nur sterben soll, sondern
sterben w ird, ja eigentlich bereits gestorben ist. Für die V orw issenden
geistert er nu r noch w ie ein «Gespenst» durchs Leben, in ihren A u gen
trägt er schon die Zeichen des Todes im G esicht. So bleibt ihm nur noch
eine kurze Z eit zu leben, die un gefäh r m it der Lesezeit des (kurzen!)
R om ans zusam m enfällt.
W ir w ollen uns hier den äußerst eng bem essenen Z eitrahm en, in
den die H andlung dieser Erzählung eingespannt ist, genau ansehen -
so w ie auch der Erzähler bei seinen späteren N achforschungen am
H andlungsort das Zeitprotokoll des G eschehens (seine «Chronik»)
aufs genaueste fixiert. Im einzelnen divergieren zw ar diese Z eitan ­
gaben um ein geringes, so w ie eben Z eu genau ssagen, a u f denen sie be­
ruhen, nie ganz zu verlässig sind. Doch zeigt sich jedenfalls im Insge­
sam t der H andlungszeit eine hochdram atische Zuspitzun g, die anfangs
nach Stunden, dann nach M inuten und am Ende nach Sekunden be­
m essen ist.
Die knappe Z eit beginnt fü r den einundzw anzigjährigen San tiago
N asar an einem M ontag gegen drei U hr nachts - so lange hat das G e ­
lage der sonntäglichen H ochzeitsfeier gedauert - m it der Entdeckung
der «Schande». Es dauert nu r eine kurze W eile, bis das ganze D o rf da­
von weiß. Und so bleibt den D orfbew ohnern auch nicht unbekannt,
D o rf von der G e fah r weiß, w ird sich dann nicht w enigstens eine Person
finden, die sich einm ischt und zum indest das O pfer w arnt?
Nein, niem and schreitet gegen das angekündigte Verbrechen ein.
Die m eisten Leute im D orf glauben nicht an eine w irkliche G e fah r fü r
San tiago N asar oder schließen die A u gen vo r ihr. Das ist in dieser Lage
ihre Politik. Doch kom m en hier und da gute Absichten, halbherzige
Versuche oder zaghafte A ndeutungen auf. Im m er aber treten irgend­
w elche Störun gen oder Ablenkungen ein, die durch einen verh än gn is­
vollen Z u fall eine w irksam e W arn ung verhindern. So bleiben alle A n ­
sätze in dem engen G ehäuse der knappen Frist stecken. Z u m Beispiel
geschieht es, daß ein U nbekannter eine detaillierte W arn ung zu Papier
bringt und dem A dressaten, der seit einem M om ent nicht m ehr im
H aus ist, diesen W arnzettel unter die T ü r schiebt. Z u fä llig w ird der
Z ettel von niem andem bem erkt. Ein anderer B ew ohn er des D orfes
m acht sich a u f die Suche nach dem ahnungslosen San tiago Nasar, v e r­
fehlt ihn aber an m ehreren Stellen um ein paar M inuten. Schließlich
fehlen diesem , als er schon vo r seinen M ördern flieht, nu r ein paar
Sekunden an dem rettenden Z u g r iff zu seinen W affen: die «verhän g­
nisvolle T ür» wird zu früh zugesperrt. So bedient sich das Schicksal in
diesem D o rf vieler Köpfe und Hände, um nicht das geringste an seinem
L au f zu ändern. Die Z eit besteht nun fü r San tiago N asar nur noch in
ein er knappen und unverrückbaren Frist: das ist die strenge «Einheit
der Zeit» in dieser Erzählung und die Ironie dieses tragischen Schick­
sals.
D er «angekündigte Tod» hat seine Z eit um sieben U hr fünf. D er un-
bew affnete San tiago N asar w ird von den Z w illin gsbrüdern «w ie ein
Schw ein abgestochen». D ie M örder stellen sich sofort der Polizei und
w e rd e n dem U n te rsu c h u n g s ric h te r z u g e fü h r t. S ie g e ste h e n die Tat und
bereuen nichts. Drei Jahre verbringen sie gleichwohl in U ntersuchu ngs­
haft. Das ist die lange Frist, die sich die Justiz nim m t. Dann kom m t es
zur G erichtsverhan dlun g, und die M örder werden w egen «berechtigter
W ahrung der Ehre» (legitim a defen sa d el h o n o r) freigesprochen. A uch
sonst wird kein M ensch im D o rf zur Rechenschaft gezogen. Sie alle h a­
ben ja die von ihnen w ohlm einend geplante R ettung des O pfers nu r
knapp verfehlt. So gibt es fü r sie auch nichts zu bereuen. D er Erzähler
ist selber auch ein er aus dem Dorf. A uch er hat es unterlassen, San tiago
N asar zu w arnen. Doch m ehr als zw anzig Jahre nach der Tat holt ihn
die E rinn erun g ein. Er kehrt in sein D o rf zurück und stellt bei den Tat­
zeugen genaue N achforschungen über die dam aligen G eschehnisse an.
die beiden M än n er zusam m en mit dem N eunjährigen auch besonders
gute Plätze bei dem Schauspiel.
Ich lasse im folgenden den A u to r selber zu W orte kom m en und z i­
tiere den W ortlaut des knappen Berichts, den er in seinem Buch B o u r-
lin g u er von diesem Ereignis gibt. Ich folge dabei den H inw eisen, die
der Pariser Literaturw issenschaftler Jerom e Thelot in einem in teres­
santen Buch zu den Zusam m en hängen von Literatur und Photogra­
phie zu diesem Text gib t.3 Vorab w ill ich em pfehlen, bei der Lektüre des
A bschnitts a u f den parataktischen Stil zu achten, insbesondere a u f die
zahlreichen Reihungen von Syn tagm en m it «und» (franz. «et»), die
zum erzählten Inhalt in einem sign ifikan ten Z usam m en hang stehen.
D er zentrale Abschnitt des Berichts lautet w ie folgt:

[...] Der Photograph hielt den ganzen A blau f der Zerem onie in seinen
Aufnahm en fest: die Verlesung des Todesurteils, die Aberkennung des
militärischen Dienstgrads, die Auslosung des Hinrichtungskommandos,
das Laden der W affen, das Anseilen des Verurteilten an den H inrich­
tungspfahl, der in einem Graben aufgerichtet war, das Verbinden der A u ­
gen - und das alles photographiert mit Blitzlicht, da die M orgendäm m e­
rung nur langsam hervorbrechen wollte und die Belichtung somit
schlecht für die Bildschärfe war. So erklärte es Ricordi, der ganz bei der
Sache war, was ihn schließlich auch veranlaßte, den G ouverneur der Fe­
stung Neapel, dem dieser gesellschaftliche Rechtsakt unterstand, zu ersu­
chen, die H inrichtung um ein paar M inuten aufzuschieben und abzuw ar­
ten, bis die ersten Sonnenstrahlen der ganzen Szene ihren Glanz
verliehen, was mit dem dunklen Pfahl im Gegenlicht großartig aussehen
müßte. Der G ouverneur ging au f die Bitte des Photographen ein, unter
der Bedingung, daß der militärische Platzkommandant einverstanden
wäre, und dieser war einverstanden unter der Bedingung, daß der Be­
fehlshaber des Hinrichtungskommandos keine Bedenken hätte, und der
ging au f den Photographen zu, den man mit seinem Apparat und dem
Stativ hin und herlaufen sah, und die beiden begannen miteinander zu
gestikulieren, und Ricordi brachte seinen Apparat in Stellung, und der
O ffizier schaute au f die Uhr, und nun richtete Ricordi den Blick au f den
Him mel und stellte die Belichtung ein, und es rötete sich der M orgen­
himmel, und wie ein Goldpfeil brach nun der erste Sonnenstrahl hervor,
und da gab Ricordi ein Zeichen, und der O ffizier zog seinen Säbel, und
die Trommeln begannen dum pf zu schlagen und steigerten immer hefti­
ger ihren Wirbel, und man vernahm ein Kommando und dann den trok-
kenen Knall einer Gewehrsalve, au f die ein einzelner Schuß folgte, und
schon w ar das arme Kerlchen mit heraushängender Zunge in sich zusam ­
mengesunken, halb noch von den Seilen gehalten. Und am Leichnam des
Hingerichteten vorbei marschierte der Schützentrupp ab [...]. Das alles
geschah mit reichlich einer Viertelstunde Verspätung gegenüber dem ge­
setzlich vorgeschriebenen Zeitpunkt, dem Photographen zuliebe.

[...] Le photographe prit des photos de tout le deroulement de la ceremo-


nie, la lecture du verdict de rnort, la degradation du militaire, le tirage au
sort du peloton, le chargement des armes, l'attachage du condamne au
poteau plante dans un fosse, le bandage des yeux, tout cela photographie
avec des eclairs au magnesium, le petit jour etant lent ä venir et la lu-
miere etant mauvaise pour la photo, expliquait Ricordi tout ä son affaire,
ce qui le poussa ä aller demander au gouverneur de la place de Naples
qui presidait ä cette manifestation de justice sociale de bien vouloir recu-
ler de quelques minutes Vexecution et d'attendre les premiers rayons du
soleil qui donneraient une aureole ä toute la scene, ce qui ferait grandio­
se avec le poteau noir ä contre-jour; et le gouverneur acceda ä sa deman-
de, ä condition que l'officier commandant les troupes füt d'accord, et ce-
lui-ci fu t d'accord, ä condition que l'officier commandant le peloton
d'execution n 'y vit aucun inconvenient, et ce dem ier se porta ä la ren-
contre du photographe que l'on voyait courir portant son appareil et son
trepied; et les deux hommes se mirent ä gesticuler, et Ricordi braqua son
appareil, et l'officier consultait sa montre, et Ricordi inspectait le ciel et
faisait sa mise au point, et le ciel rosissait, et le premier rayon de soleil
jaillit comme une fleche d'or, et Ricordi fit un geste, et l'officier tira son
sabre, et les tambours se mirent ä battre sourdement et ä rouler de plus
en plus fort, et un commandement retentit et une salve seche, suivie d'un
coup de feu isole; et le miserable petit pioupiou s'etait ecroule, la langue
pendante, ä moitie garrotte par ses liens; et la troupe defila devant le ca-
davre du supplicie [...], tout cela avec un grand quart d'heure de retard
sur l'heure legale, ä cause du photographe.

Blaise C endrars literarischer Bericht von der um eine knappe Frist v e r­


schobenen H inrichtung ist ein m oralischer Text, obwohl oder gerade
w eil die M oral - anders als etw a in Schillers «Bürgschaft» - nicht au s­
drücklich in M axim en zu W orte kom m t. Bei C endrars ist die M oral im
Stil seiner Prosa enthalten. Das hat Jeröm e T helot in seinem K om m en­
tar zum Text deutlich gesehen, w enn er die zahlreichen Reihungen von
Syn tagm en m it «und» zur T ätigkeit des Photographen Ricordi in B e­
ziehu ng setzt. Jedes Syn tagm a dieser A rt entspricht einem der Bilder,
m it denen der Photograph, der «ganz bei der Sache ist», die H in rich ­
tung dokum entiert. D er S til des A u to rs ist sein e K am era, durch die der
Leser m it stilistischen M itteln so gelenkt w ird, daß er sich selber m it
der sachlichen A rbeit des Photographen identifizieren m uß. M it die­
sem zusam m en w ird er daher auch ins U nrecht - gew isserm aß en ins
G egenlicht - gesetzt.
D er Literarhistoriker Thelot w eist daher dieser von C endrars festge­
haltenen Episode eine epochale Bedeutung fü r die G eschichte der M e ­
diengesellschaft zu. Z u m erstenm al sieht m an hier dokum entiert, w ie
sich eine G esellschaft m it allem , w as ihr zum Leben und Sterben w ich­
tig ist, dem Z eitbed arf der M edien un terw irft, w enn auch vo rläu fig nu r
fü r eine Viertelstunde. Bei diesem knapp bem essenen Z eitbed arf wird
es nicht bleiben, und die M edien w erden vom 20. Jahrhundert an im ­
m er rücksichtsloser die «Echtzeit» zugunsten der M edienzeit m anipu­
lieren. Fängt also das M edienzeitalter zu einer frühen M orgenstunde
des ausgehenden 19 . Jahrhunderts in Neapel an?
Und w er trägt fü r diese Entw icklung die V erantw ortung? D er Pho­
tograph Ricordi tut bei C endrars nur, w as fü r seinen B e ru f als E rinn e­
rungsm ann dient. Und die Justiz vollzieht in N eapel ebenfalls nur, w as
unter den gegebenen B edingungen in ihrer M acht steht: sie kann ein
M enschenleben gew altsam befristen. A b er fü r die illegale Fristverlän ­
gerung, dem Photographen zuliebe, w ird in der Festung N eapel eine
lange V erantw ortungskette von oben nach unten in B ew egu ng gesetzt:
vom G o u vern eu r zum Platzkom m andanten, von diesem zum B efeh ls­
haber des H inrichtungskom m andos, und der läßt schließlich, w enn
auch «gestikulierend», den Photographen gew ähren. Dem M ann der
M edien fällt am Ende die M acht zu, alle anderen m it ihm zusam m en
a u f günstiges Licht w arten zu lassen: den einsam en V erurteilten, den
penibel geregelten Justizapparat und die G a ffe r der neugierigen M e n ­
ge. Die Prosa des Erzählers ist hier die m oralische A nstalt, die eine
neue Z eit ankündigt, in der am Ende - nach vielen U m w egen - alle g e ­
sellschaftliche M acht bei den M edien ankom m t.

9. Jederm an ns letzte Gnadenfrist (Hugo von Hofmannsthal)

H ugo von H ofm annsthals Dram a m it dem Titel «Jederm ann» ( 1 9 1 1 ) ,


das in seiner Konzeption als geistliches Spiel einem anon ym en en g li­
schen m o ra lity p la y unter dem gleichbedeutenden Titel « E verym a n »
(149 0) folgt, steht seit 19 2 0 fest a u f dem Spielplan der Salzbu rger Fest­
spiele. V or allem dadurch ist es auch einem w eiteren Publikum bekannt
gew orden .1
In diesem «Spiel vom Sterben des reichen M annes» - so der U nter-
D em arm en Schuldn er bringt es keine H ilfe, Jederm anns M itgefü h l an ­
zurufen, doch hat der reiche M ann w enigstens noch ein H erz fü r des­
sen Frau und Kind, die er vo r dem schlim m sten Elend bew ahrt. Er will
kein U nm ensch sein, sagt er.
So gehen nun fü r einige Z eit die G eschäfte des reichen M annes ganz
nach W unsch, und er ist m it sich und der W elt zufrieden. Das ist der
rechte M om ent fü r ihn, zusam m en m it seiner Freundin, seiner « B u h l­
schaft», w ie H ofm annsthal altertüm elnd sagt, ein rauschendes Fest zu
feiern. Da plötzlich, m itten im Gelage, tritt der Tod a u f den Plan und
ru ft den reichen M ann von der W elt ab. Für Jederm ann ist die Frist ab­
gelaufen.
Doch in so ein facher Strickart geht das Stück bei H ofm annsthal
nicht zu Ende. Denn nun verlegt sich der reiche M ann aufs Bitten und
Betteln. Er ist noch ju n g , erst vierzig Jahre alt und ganz «unbereit», die
R echnung seines Lebens fü r die Ew igkeit offenzulegen. Da läßt der Tod
noch einm al m it sich reden und gew ährt ihm eine letzte G nadenfrist,
aber nur fü r «ein Stündlein Zeit» und verbunden m it der strengen
M ahnun g: «Vertu nit diese Frist!»
Und tatsächlich beherzigt der reiche M ann in seiner letzten Stunde
- knapp gen u g - den W ink des Todes. In seinem geistlich angerührten
G ew issen reim t jetzt «Frist» a u f «Christ». Und so bleibt auch ein letz­
ter A u ftritt M am m ons vergeblich. G estützt a u f seine gu t katholischen
Freunde «Glaube» und «W erke», geht Jederm ann reuig seiner R ettu ng
und Erlösung entgegen. Seine verbleibende Schuld, a u f Erden began­
gen, ist schon vo rfristig beglichen, so w ie es am Ende des D ram as heißt:

Gott hat geworfen in die Schal


Sein Opfertod und M arterqual.
Und Jedermannes Schuldigkeit
Vorausbezahlt in Ewigkeit.

10 . Kurzes N achspiel in der U nfallklinik (Tabucchi)

Es gibt von dem italienischen Sch riftsteller A nton io Tabucchi (geb.


19 4 3), dessen R om ane und Erzählungen in m ancher H insicht als V a­
riationen über das Them a Z eit gelesen werden können, einen kurzen
D ialog unter dem Titel «Die Z eit ist knapp» (// tem po stringe, 19 8 8 ).1
G en au er gesagt, handelt es sich - so die erklärte A bsicht des A u to rs -
um einen «verpaßten D ialog» (dialogo m ancato). Er findet statt in
ein er U nfallklin ik. Einer der Patienten, etw a fü n fu n d vierzig Jahre alt,
ist nach einem V erkehrsunfall soeben verstorben, m it dem N am en des
jün g eren Bruders Enrico a u f den Lippen, w ie die K ran kenschw ester g e ­
hört hat. D er Leichnam des U nfallopfers liegt noch, von Verbänden
um w ickelt, a u f dem Krankenbett, ein Bein im Streckverband hochge­
stellt. So findet ihn eben dieser B ruder Enrico, der nichtsahnend von
w either angereist ist, um gerade jetzt m it dem B ruder zusam m enzu­
treffen. Für dieses Gespräch der B rüd er ist es um w enige M in uten zu
spät, und auch fü r einen stum m en D ialog m it dem Toten bleibt nur w e ­
nig Z eit, denn die Leiche soll in die Leichenhalle gebracht w erden. Das
K ran kenzim m er w ird gebraucht.
Für ein paar M in uten d arf der Besucher jedoch m it dem Toten allein
bleiben, knappe Z eit fü r den «verpaßten D ialog» in Form ein er bitteren
A b rechn ung des Jün geren m it dem großen, starken und leb en stau g­
lichen Bruder, der zeitlebens von allen geliebt und bew undert w orden
ist, am m eisten vom Vater, der sich im m er einen solchen Prachtkerl
von Sohn gew ünscht hatte, nicht einen Schw ächling w ie den nachge­
borenen «kleinen Erich» (En rich etto ). Und so hat auch der Erstgebore­
ne im m er hochnäsig und besserw isserisch a u f den K leinen herabge­
schaut und ihn ebenso belächelt w ie alle anderen auch. Enrichetto hat
das alles ein Leben lang heruntergeschluckt. Z u m erstenm al kann er
heute am Totenbett m it seinem B ruder reden, ohne sofort von ihm u n ­
terbrochen und zurechtgew iesen zu w erden. So ist dieser M onolog, der
eine bitterböse K lage und A n k lage ist, zugleich der erste w irkliche D ia­
log der beiden ungleichen Brüder, die von ferne an Abel und Kain e r­
innern.
Sie sind auch darin ein ungleiches Brüderpaar, daß Enrico Verse
schreibt, sein B ruder nicht. Und so ist der H öhepunkt in der Rede des
Jün geren eine fiktive G eburtstagrede als orphischer G esang a u f eine
glückliche Z u ku n ft, aus der Perspektive des Vaters betrachtet. Denn
nu r ein er seiner beiden Söhne, der ältere, w ird eine Z u k u n ft haben, a u f
die der V ater stolz sein kann. Für futuristische Erw artun gen m uß man
stark, sicher und zuversichtlich sein, nicht schüchtern und schwächlich
w ie der Kleine, dem das Leben zerrinnen w ird.
A b er nun ist es die Z eit der Z u ku n ft, die zerronnen ist, und die Z eit
der G egen w art ist knapp. D ie K ran kenschw ester erscheint näm lich und
drängt den Besucher, m it seiner «M editation» zum Ende zu kom m en.
D ie A n gestellten w ollen Feierabend haben. Ein paar w eitere M inuten
sich in ihren zeitlichen Leistungen im m er verw egen er m it den räu m ­
lichen D im ensionen des Erdballs m essen. W ie lange Z eit, nein, w ie
kurze Z eit ist überhaupt noch nötig, um die ganze Erde zu um runden?
Das ist eine Frage, die als erstes von der Phantasie der science fictio n
beantwortet w ird.
D er Rom an «Reise um die W elt in achtzig Tagen» (Le tour du m on-
de en q u a tre-vin g ts jo u rs ) des französischen R om anciers Jules V erne
ist im Jahre 18 7 3 a u f dem Buchm arkt erschienen und spielt im Jahre
1 8 7 2 .1 D ie H andlung des Rom ans setzt in London ein. Phileas Fogg ist
ein tadelloser G entlem an, dessen einzige Beschäftigung der m üßige
Zeitvertreib im Londoner R efo rm C lu b ist. D ort kom m t es eines Tages
zu einer anim ierten Debatte über die Frage, w ie viel Z eit m an «heute
noch» fü r eine R eise um die W elt braucht. Spontan verw ettet der zum
Helden der Geschichte ausersehene G entlem an sein V erm ögen, daß er
den G lob us in nicht m ehr als achtzig Tagen um rundet haben w ird. Die
W ette gilt, und Phileas Fogg, den bisher noch niem and in Eile gesehen
hat, m acht sich unverzüglich in B egleitun g seines französischen D ie­
ners Passepartout a u f die R eise um die W elt.
Jules Verne ist ein glänzender Erzähler. Er hat die Rollen der R eisen ­
den nach den bekannten N ationalklischees gut verteilt zw ischen dem
im m er gleichm ütig korrekten und bis au f die M in ute pünktlichen Eng­
länder und dem stets nervös besorgten und in Zeitdin gen ziem lich u n ­
zuverlässigen Franzosen. Z u r Belebung der Geschichte trägt auch eine
N ebenhandlung bei, die der A u to r geschickt m it der H aupthandlung
vernetzt. In London hat ein Bankraub großes A u fsehen erregt, und der
Verdacht fällt sogleich au f den ehrenw erten G entlem an Phileas Fogg,
der so plötzlich aus London verschw unden ist und offenbar gen u g Geld
fü r eine W eltreise zur V erfü gu n g hat. Ein D etektiv m it N am en Fix
wird a u f ihn angesetzt, der nun seinerseits a u f gleichem K urs um die
W elt hetzt, um seinen Bankräuber h in ter G itter zu bringen. Von ihm
gehen nicht w enige H em m nisse aus, die den Erfolg der W ette bis zum
Ende in Frage stellen.
Zunächst verläu ft die R eise über drei Kontinente und die dazw i­
schen liegenden W eltm eere hin w eg nach ein er R eiseplanung, die an
Präzision nichts zu w ünschen übrig läßt. Doch gibt es natürlich, w ie
von dem Rom ancier m it genüßlicher A u sfü h rlich keit erzählt w ird,
zahlreiche Z w ischenfälle und «retardierende M om ente», die das V or­
ankom m en verzögern und den knapp bem essenen Zeitplan der W elt­
reise im m er aufs neue in Frage stellen.
V iele H indernisse und V erzögerungen ergeben sich fü r die R eisen ­
den schon aus den Unbilden der W itteru n g und den Tücken der Tech­
nik, so daß Phileas Fogg seine Z eitrech n u n g bald m it Plus- und bald
m it M inuszeichen versehen m uß. Doch bleibt er dabei als echter B rite
von solchen W idrigkeiten ganz un gerü hrt; selbst solche Störun gen hat
er von A n fan g an einkalkuliert, und w enn die Eisenbahn ausfällt, wird
die R eise eben m it dem Schlitten, a u f dem Rücken eines Elefanten oder
zu Fuß fortgesetzt.
In Indien, w o der W ett- und W eltreisende keinen Blick an die S e ­
hensw ürdigkeiten des Landes verschw endet, droht das ärgste R eise­
hindernis. Die Reisenden werden Z eu gen ein er kurz bevorstehenden
W itw enverbrenn ung, ein er «S u tty» also, w ie der Erzähler m it landes­
kundlicher K enntnis seinen Lesern erklärt. Eine schöne ju n g e Frau soll
ihrem verstorbenen M ann a u f den Scheiterhaufen nachfolgen. W ird
sie also den Tod erleiden? O der kann Phileas Fogg sie in dieser knappen
Z eit noch erretten ? Ist dieser phlegm atische G entlem an überhaupt ein
«M ann m it H erz» (h om tne de coeu r)? Ja, m anchm al w ohl, antw ortet
Phileas Fogg a u f die besorgte Frage seines Dieners, «w enn ich Z eit da­
fü r habe». Und er hat diese Z eit. D ie schöne W itw e, M rs. Aouda g e ­
nannt, w ird in der Tat durch eine List gerettet und m uß nun bis zum
Ende der R eise um sorgt w erden. Bahnt sich da vielleicht ein neues R e i­
sehindernis an? Bei den Lesern des R om ans bilden sich gew isse E rw ar­
tungen. A b er nichts passiert zw ischen dem R etter und der von ihm e r­
retteten Schönen, obwohl diese es an Zeichen ihrer D ankbarkeit und
W ertschätzung nicht fehlen läßt. D er gespannte Leser w ird sich in die­
ser H insicht noch lange in Geduld fassen m üssen. D enn die Reise geht
weiter, und die durch die vereitelte « S u tty» verloren e Z eit ist bald
w ettgem acht. Dennoch reißt die Span nun g, ob Phileas Fogg seine
abenteuerliche W ette gew innen oder verlieren w ird, bis zum Ende der
G eschichte nicht ab.
Z w ei A b en teuer w ollen w ir w egen ihres exem plarischen C harakters
etw as genau er betrachten. Eines ist zu Lande, das andere zu r See zu be­
stehen. Z u Lande gelangen die Reisenden a u f ihrer Eisenbahnfahrt
durch den am erikanischen K on tin en t an eine b au fällige Eisenb ahn­
brücke. D er Z u g kann die Brücke nicht passieren. O der vielleicht doch?
Eine einzige C hance ist dann gegeben, w enn der Z u g die w ackelige
Brücke m it H öchstgeschw indigkeit überfährt. Und so geschieht es. M it
hundert M eilen pro Stunde jag t der Z u g über die Brücke. Das E xp eri­
m ent glückt, «und m an kom m t durch». D as üb erlegen e technische
E pilog zum Sinn der Zeit 237

der Schläfe «schlafen» zu lassen? Ich denke, es gibt im w esentlichen


zw ei freundliche U m stände, die ohne w eiteres zu dieser in cu ria berech­
tigen: Jugend und G esundheit. W er ju n g und gesund ist, der braucht -
b efragt oder un befragt - nicht zu w issen und kaum zu ahnen, w as die
Z eit ist und w ie knapp das Dasein befristet ist. A u ch der Pulsschlag d arf
dann gerne unbeachtet bleiben und bis a u f w eiteres den Selb stve r­
ständlichkeiten des Lebens zugerechnet w erden. Erst w enn sich - m ei­
stens «zur U nzeit» - am Puls (oder an anderen Zeichen der Leiblich­
keit) ankündigt, daß die schönen Sorglosigkeiten der Jugend und
G esundheit fraglich gew orden sind, dann m eldet sich un geru fen «die
w ah re Z eit, in der w ir leben und die un ser inneres M aß ist» (C arlo
Levi) und stört das bis dahin so robuste Z eitvergessen . W ir w issen
dann zw ar vielleicht im m er noch nicht genau, w as die Z eit ihrem W e­
sen nach ist, doch sehen w ir im m er deutlicher, w as sie m it uns m acht
und w as w ir v o rläu fig noch m it ihr m achen können. V ielleicht beginnt
dam it aber auch schon jen es «Vor-laufen» des Philosophen, fü r das
M artin H eidegger den W eg - oder H olzw eg - m arkiert hat.

Nach diesen philosophischen Ü berlegungen scheint es m ir gerecht zu


sein, das letzte W ort dieser abschließenden Betrachtun g ein er m u si­
schen Stim m e zu erteilen, in der die Z eit als Lebenszeit und folglich als
knappe Z eit noch einm al m it poetischer Prägnanz zum A u sdruck
kom m t. D er A nlaß dieser Z eitreflexio n ist nicht eine K rankheit, son ­
dern «nur» der einfache K ontrast von Jugend und Alter, der bei zwei
M enschen, die sich lieben, zu r E rzeu gun g eines nicht lösbaren K on ­
flikts ausreicht. So lesen und hören w ir es in der m usikalischen K om ö­
die «D er Rosenkavalier» ( 1 9 1 1 ) , die nach ih rer T extfassu n g von H ugo
von H ofm annsthal vo r allem als O per von Richard Strau ss bekannt ge­
w orden ist.9
U nter den Personen, die A u to r und K om ponist a u f die B ühne stel­
len, hat die M arschallin im m er die besonderen Sym p athien des Pu bli­
kum s a u f sich gezogen. S ie ist etw a vierzigjäh rig vorzustellen, w as ja
seit Balzac nicht m ehr als alt gilt. Es ist jedoch ein kritisches A lte r fü r
eine Frau, w enn diese einen sehr ju n g en M ann liebt, Q uinquin, und
wenn überdies noch eine andere Frau als K onkurrentin die Szen e be­
tritt, die sehr ju n g ist: Sophie. So m uß die M arschallin erkennen, daß
ih rer Liebe ein unbesiegbarer Feind erw achsen ist: die Z eit. D iese
Anmerkungen

Das Motto des Buches steht bei Hugo von Hofmannsthal in dem Band: Die Gedichte und
kleinen Dramen. Leipzig: Insel Verlag 5. Aufl. 1919, S. 79.

Erstes Kapitel
Zur Einführung: Die Zeit ist knapp

1 Vgl. Kluge/Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Ber­


lin: De Gruyter 2 2 .Aufl. 1989, s.v. knapp. Etymologisches Wörterbuch des
Deutschen, 2 Bde., hg. von Wolfgang Pfeifer. Berlin: Akademie Verlag 1993, s. v.
knapp.
2 Die drei Parzen sind gemalt von Rosalba Carriera (16 7 5 -17 5 7 ). Das Lachesis-
Bild befindet sich in der Alten Pinakothek München, die ändern beiden in der
Staatsgalerie Dresden.

Zw eites Kapitel
Kurz ist das Leben, lang ist die Kunst

1 . Ein geflü gelter Aphorismus und die Bew egung der Zeit
(Hippokrates, A ristoteles, Theophrast)

1 Hippokrates: CEuvres completes d'Hippocrate [griech./franz.], hg. von Emile


Littre. 10 Bde. Paris 18 3 9 - 18 6 1. Nachdruck Amsterdam: Hakkert 19 7 3 -19 8 2 .
Die Aphorismen finden sich in Bd. I. Deutsche Taschenbuch-Ausgabe Hippo­
krates: Ausgewählte Schriften, hg. von Hans Diller. Stuttgart: Reclam 1994
(Reclam Universal-Bibliothek, 9319). Die Aphorismen als Teildruck S. 19 1 bis
198. Dazu auch Josef-Hans Kühn / Ulrich Fleischer: Index Hippocraticus. Göt­
tingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1989. Vgl. auch Stephan von Athen (Stepha­
nus of Athens): Commentary on Hippocrates' Aphorisms, 2 Teile, hg. von
Leendert G. Westerink, Berlin: De Gruyter 1985, 2. Aufl. 1998 (= Corpus Me-
dicorum Graecorum X, I, 3 ,1 ) .
2 Moliere: Monsieur de Pourceaugnac I, 8.
3 Martin Heidegger: Holzwege. Frankfurt a. M.: Klostermann, 8. Aufl. 2003, S. 48.
4 Vgl. Hans Blumenberg: Lebenszeit und Weltzeit (1986). Frankfurt a. M.: Suhr-
kamp 2001 (suhrkamp taschenbuch Wissenschaft 15 14 , S. 69).
5 Galen: Aphorismi Hippocratis, graece et latine, unacum Galeni commentariis,
Lyon 1668. Vgl. auch Corpus Galenicum, hg. von Kühn. 20 Bde. Leipzig 1 8 2 1 -
1833.
6 Aristoteles: Physik, Buch IV, Kap. 1 0 - 14 . Vgl. Aristoteles (Aristote): Traite du
temps [griech./franz.]. Introduction, traduction et commentaire par Catherine
Collobert. Paris: Editions Kirne 1995. Zu Aristoteles vergleiche man in Ueber-
wegs Grundriß der Geschichte der Philosophie den Band «Die Philosophie der
Antike, 3: Ältere Akademie - Aristoteles - Peripatos», hg. von Hellmut Flashar.
Basel: Schwabe & Co 1983.
7 Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927). Tübingen: Niemeyer 116 . Aufl. 1986,
S. 428.
8 Aristoteles (Aristote): Physique (I - IV). Texte etabli et traduit par Henri Carte-
ron. Paris: Les Beiles Lettres 2000, S. 150. Carteron übersetzt die aristotelische
Zeit-Definition: «Voici en e ff et ce qu'est le temps: le nombre du mouvement
selon l'anterieur-posterieur» (Physik 219b).
9 Martin Heidegger, ebd.
10 Goethe: Dichtung und Wahrheit, Anfang des 1 1 . Buches. Hamburger Ausgabe,
hg. von Erich Trunz, Bd. IX, S. 452.
1 1 Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Hamburg:
Felix Meiner 1998, 5. Buch, Kap. II: «Theophrast», S. 2 6 1-27 4 . Die Verse vom
Lebensbogen beruhen auf einem Wortspiel von griech. bios («Leben») und biös
(«Bogen»). (Hinweis von Steven Rendall) - M. Tullius Cicero: Tusculanae dispu-
tationes, hg. von M.Pohlenz (nur lateinisch]. Stuttgart: Teubner 1982 (Bibli-
otheca scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana), Kap. 111,28.
12 La Bruyere: Les Caracteres. Presentation et notes de Louis Van Delft. Paris: Im-
primerie Nationale 1998. Taschenbuch-Ausgabe hg. von Emmanuel Bury. Pa­
ris: Librairie Generale Fran^aise 1995 (Classiques de poche, 1478), hier XII, 102.

2. P hilosophisches zur Kürze des Lebens (Seneca)

1 Lucius Annaeus Seneca: Philosophische Schriften lateinisch und deutsch, 5 Bde.


Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1987-1995. Von den verschiede­
nen Schriften, Dialogen und Briefen gibt es zahlreiche Einzelausgaben, vollstän­
dig oder in Auswahl. Für die Schrift zur Kürze des Lebens ist beispielsweise zu
nennen: De brevitate vitae - Die Kürze des Lebens, hg. von Franz Peter Waiblin­
ger, München: dtv, 9. Aufl. 1998. Die Lucilius-Briefe findet man lateinisch und
deutsch in Redams Universal-Bibliothek, Stuttgart: Reclam 1977-1999.
2 Theophrast: «daß Zeit eine kostspielige Ausgabe ist» (vgl. Büchmann: Geflü­
gelte Worte, S. 204). In Frankreich übernimmt La Bruyere die Formulierung
Theophrasts wie folgt: «La plus forte depense que l'on puisse faire est celle du
temps» (Les Caracteres, Presentation et notes de Louis Van Delft. Paris: Impri-
merie Nationale 1998, S. 73).
3 Vgl. Helga Nowotny: Eigenzeit. Entstehung und Strukturierung eines Zeitge­
fühls. Frankfurt: Suhrkamp 2. Aufl. 1990.
4 Jean Racine: Tragödie Britannicus, Preface.
5 Vgl. Manfred Fuhrmann: Seneca und Kaiser Nero. Eine Biographie. Berlin:
Alexander Fest 1997. Fuhrmann erwägt, Seneca könnte im Jahre «Null» gebo­
ren sein (S. 10).
nen Schrift «Rede der Ziffer 8», in der die Obergrenze von 80Jahren als «die
wahrscheinliche Grenze des menschlichen Lebens» erscheint (Schriften und
Briefe, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1972, Bd. III, S. 460).
2 Das Heilige Jahr (Luther: «Halljahr») bezieht sich im Alten Testament auf Le-
viticus (= Drittes Buch Moses), Kap. 25, und im Neuen Testament auf Lukas
4,19. Mit dieser Thematik beschäftige ich mich eingehender in meinem Buch
«Lethe. Kunst und Kritik des Vergessens», München: C. H. Beck, 3. Aufl. 2000,
Kap. VIII, 4: «Amnesien, Amnestien und das nicht zu enträtselnde Halljahr».
3 Zu Petrarcas Leben und Werk haben wir jetzt das Werk von Karlheinz Stierle:
Francesco Petrarca. München: Hanser 2004. In den folgenden Abschnitten
orientiere ich mich in mehrfacher Hinsicht an diesem Buch. Die Dokumenta­
tion zur römischen Dichterkrönung findet man bei Petrarca im wesentlichen in
dem Briefband der Familiares (= Bd. IV der Opera omnia). Das Zitat «im matu-
rus» steht in Petrarcas Brief XVII, 2 in: Opera omnia Bd. II, S. 1069.
4 Francesco Petrarca: L'Afrique. 13 3 8 -13 7 4 , hg. von Rebecca Lenoir. Grenoble:
Jeröme Millon 2002. Zu Robert von Anjou: Gesang IX, Verse 4 2 1 ff. und 439 f.
Zum Triumph des Scipio Africanus: Gesang IX, Verse 387 und 398.
5 Francesco Petrarca: Canzoniere. Introduzione di Roberto Antonelli. Saggio di
Gianfranco Contini. Note al testo di Daniele Ponchiroli. Turin: Einaudi 1964 (=
Einaudi Tascabili Classici, 104). Deutsche Ausgabe in Auswahl: Francesco Pe­
trarca: Dichtungen, Briefe, Schriften, hg. von H. W. Eppelsheimer. Frankfurt
a. M.: Insel Verlag 1980. Zu den Zeitproblemen bei Petrarca vgl. auch E. Taddeo:
Petrarca e il tempo. Studi e problemi di critica testuale 25 (1982) S. 5 3-76 .
6 Die voraufgehenden Zitate stehen in Petrarcas Canzoniere in den folgenden
Gedichten: Kanzone 7 1, Sonett 263, Kanzone 30, Sonett 284, Sonett 244, Sonett
197, Sonett 249 - zu beachten insbesondere das Oxymoron «süße Härten»
(dolci durezze - Sonett 351).
7 Zum Lorbeer-Motiv vergleiche man Sara Sturm-Maddox: Petrarch's Laureis.
Pennsylvania: The Pennsylvania State University Press 1992.
8 Canzoniere, Sonett 61.
9 Canzoniere, Kanzone 268.
10 Francesco Petrarca: De vita solitaria - La vie solitaire. 13 4 6 -13 6 6 , hg. von
Christophe Carraud [lateinisch und französisch]. Grenoble: Jeröme Millon
1999. Die Zitate: I, II, 1 und 2; I, II, 2 1 , 1, V, 7.
11 Friedrich Hölderlin: Werke und Briefe, hg. von Friedrich Beißner und Jochen
Schmidt. Frankfurt a. M.: Insel Verlag 1969, Bd. I: Gedichte. Hyperion, S. 36/37,
13 4 /13 5 , 74. Zur Interpretation des Gedichts «Hälfte des Lebens» vgl. Luciano
Zagari: La cittä distrutta di Mnemosyne. Saggi sulla poesia di Friedrich Hölder­
lin. Pisa: Edizione ETS 1999, S. 14 0 ff. Ferner Emst Jandls Interpretation in
«Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen», hg. von Marcel Reich-Ranicki.
Frankfurt a. M.: Insel Verlag 2002, Bd. III, S. 18 0 f. In dem gleichen Band findet
man Marcel Reich-Ranickis Interpretation der Ode «An die Parzen»
(S. 12 6 -12 9 ).
2. Verjüngung in Rom - durch Rom (Goethe)

1 Seneca: De brevitate vitae, 2. Bei Goethe in: Textdatei Goethe: Sprüche in Prosa,
hg von Harald Fricke. Frankfurter Ausgabe FA 1,13. Ich danke Harald Fricke
für den brieflichen Hinweis.
2 Goethe: Briefe aus Italien 178 6 -17 8 8 , hg. von Peter Goldammer. München:
C. H. Beck 1982. - Italienische Reise, hg. von Christoph Michel / Hans-Georg
Drewitz, 2 Bde., Frankfurt a.M .: Deutscher Klassiker Verlag 1993. Ich zitiere
nach Goethes Datierungen.
3 Die Zitate zur Sprache: 1 1 .9 .1 7 8 6 ; zu den Stiefeln: 17 .9 .17 8 6 .
4 Zu Goethes Emotionen bei seiner Ankunft in Rom vgl. Harald Weinrich: Kleine
Literaturgeschichte der Heiterkeit. München: C. H. Beck 2001, hier S. 16 f.
5 Die Zitate: «sehr glücklich»: 2 8 .9 .17 8 7 ; «Freut euch»: Brief 6 .9 .17 8 7 ; «Soviel
kann ich sagen»: 2 2 .3 .17 8 8 ; «Schule»: Neapel 2 2 .3 .17 8 7 ; «anhaltendes Ver­
gnügen»: 6 .9 .17 8 7 .
6 Die Zitate: «Jugendtraum*: 3.7 .17 8 7 ; «Wiedergeburt»: 3 .12 .17 8 6 ; «In Rom»:
14 .3 .17 8 7 ; «umgeboren» 2 3 .8 .17 8 7 ; «M ir geht es sehr wohl»: Brief 16 .6 .
1787.
7 Das Zitat: Wilhelm Meister / «gönnt mir»: 5 .6 .17 8 7 .
8 Die Zitate: Allerheiligen / «so spät»: 1 . 1 1 . 1 7 8 6 ; «ganz den Sinn ändern»: Be­
richt Oktober 1787; «Ich bin nicht hier, um»: 1 0 .1 1 .1 7 8 6 .
9 Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, Kap. VII, 9. Hamburger Ausgabe, hg. von
Erich Trunz, Bd. VII, S. 496.
10 Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre, Kap. III, 1 1 . Hamburger Ausgabe, hg.
von Erich Trunz, Bd. VIII, S. 405.

3 . Die ärztliche Kunst, d as Leben zu verlängern (Hufeland)

1 Christoph Wilhelm Hufeland: Makrobiotik oder Die Kunst, das menschliche


Leben zu verlängern. Jena 1797. Nachdruck der 5. Auflage Berlin 1823, hg. von
K. E. Rothschuh. Stuttgart: Hippokrates Verlag 1975. Die Zitate mit Angabe der
Seitenzahl: «Longävität»: 146; Ernährung und Körperpflege: 387 ff.; Wein und
Rauchen: 394 f.; «Vielgeschäftigkeit»: 26 1; «Je mehr der Mensch»: 142; Francis
Bacon 20; «sie erfüllt»: 50; Lebenskraft: 4 9 ff., 1 6 0 f.; Konsumtion: 65 ff.; «Ein
gewisser Grad von Kultur»: 149; Heiterkeit des Gemüts: 185; «Ein Tag auf dem
Lande»: 416 . Zu Hufelands medizinischen Anschauungen vgl. auch Klaus
Bergdolt: Leib und Seele. Eine Kulturgeschichte des gesunden Lebens. M ün­
chen: C. H. Beck 1999, hier besonders S. 277 ff.

4. Ein lan g es Leben mit Faust (Goethe)

1 Goethe: Dichtung und Wahrheit, in: Goethes Werke in 14 Bänden, hg. von
Erich Trunz (= Hamburger Ausgabe), Bd. IX und X. «Hippokratische Verfah-
rungsart»: Anfang des 1 1 . Buches, Hamburger Ausgabe Bd. IX, S. 452; «ein G e­
stirn»: ebendort Bd. X, S. 66. Vgl. auch Dieter Borchmeyer: Goethe. Der Zeit­
bürger. München: Hanser 1999.
2 Ich zitiere Goethes Faust nebst dessen früher Fassung (Urfaust) mit numerierten
Versen nach der kritischen und kommentierten Ausgabe von Albrecht Schöne,
2 Bde. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1994 (= Bibliothek Deutscher
Klassiker). «Ach Gott»: Urfaust (bei Schöne: «Faust - frühe Fassung») Verse
205 f. (vgl. Faust Verse 558 f.); «Und eh man»: Urfaust Verse 2 1 1 f.; «trokner
Schwärmer»: Urfaust Vers 168 (vgl. Faust Vers 5 21: «der trockne Schleicher»). -
Zur Zeit-Problematik im Faust vgl. besonders die Artikel «Faust I» von Peter
Matussek und «Faust II» von Gert Mattenklott im Goethe-Handbuch, hg. von
Bernd Witte u.a., Bd.II: Dramen, hg. von Theo Buck. Stuttgart: Metzler 1997,
S. 352 -4 7 7. Zum Faust vgl. weiterhin Jane K. Brown / Meredith Lee / Thomas
P. Sayne (Hg.): Interpreting Goethe's Faust Today. Columbia SC: Camden House
1994. Ferner: Ortrud Gutjahr (Hg.): Westöstlicher und nordsüdlicher Divan.
Goethe in interkultureller Perspektive. Paderborn: Schöningh 2000.
3 Zum Famulus Wagner: «die Kunst, die man»: Verse 105 f.; «Zwar weiß ich
viel»: Verse 600 f.; «der erste»: Vers 6644.
4 Zur Eingangsklage vgl. besonders die Szene «Nacht». Das Zitat «vom Wissens­
drang geheilt»: Vers 1768.
5 Zu Fausts «Ausscheren» (ohne dieses Wort) vgl. Hans Blumenberg: Lebenszeit
und Weltzeit (1986), Taschenbuch-Ausgabe Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001 (=
suhrkamp taschenbuch Wissenschaft, 1514 ), hier Anfang des Zweiten Teils:
«Öffnung der Zeitschere», S. 69 ff. Vgl. auch Marianne Gronemeyer: Das Le­
ben als letzte Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit. Darm­
stadt: Primus Verlag 1993, 2. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesell­
schaft 1996, hier besonders S. 12 2 - 12 4 .
6 Goethe: Briefe aus Italien 178 6 -17 8 8 , hg. von Peter Goldammer. München:
C.H .Beck 1982. Italienische Reise 178 6 -17 8 8 , hg. von Christoph Michel /
Hans-Georg Drewitz, 2 Bde. Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1993.
Vgl. auch Nicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit, aus dem Engli­
schen übersetzt von Holger Fliessbach, 2 Bde., München: C. H. Beck 1995,1999,
hier besonders Bd. I, S. 6 13.
7 Thomas Mann: «runde sechzig» in den Gesammelten Werken Bd. IX, S. 600.
8 Zu Mephistopheles: «Künste»: Vers 1443; «manche tausend Jahre»: Vers 1776;
«Scolast»: Verse 1 3 2 1- 2 4 ; «von weitem»: Vers 3094; «Doch nur»: Verse 1786 f.
9 Zur Hexenküche: «Sudelköcherei»: Verse 2341 f.; «Balsam»: Verse 2346 ff.;
«natürlich Mittel»: Vers 2348; «die Hexe dran»: Vers 2365. Zu der «Buchanzei­
ge» der Schrift von Hufeland (vgl. oben Kap. III, 3) ist mit Hilfe des Kommen­
tars von Schöne (Bd. II, S. 283) chronologisch anzumerken, dass es sich im
strengen Sinne um eine «Vorausanzeige» handelt. Die betreffenden Verse sind
schon im Jahre 1790 gedruckt worden, während die Hufelandsche Makrobiotik
erst 1796 erschienen ist. Doch hat der Autor, den Goethe gut kannte, bereits
seit 1785 an seinem Buch gearbeitet. Zur Hexenküche vgl. auch Jochen
Schmidt: Goethes Faust. Erster und Zweiter Teil. Grundlagen - Werk - W ir­
kung. München: C. H. Beck 1999.
10 Zu Schnelligkeit/Neuigkeit: «das Rauschen»: Vers 1754; «Neuigkeiten»: Vers
4 1 1 3 ; «Wette*: Verse 16 9 8 -17 0 7 .

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