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Mä-h-ä-h-äääh heißt: Komm her, sofort!

Viele haben Katzen als Haustiere, manche auch Hunde, Fische, Vögel oder Hamster. ZEIT-Redakteurin
Maria Rossbauer wuchs mit einer Ziege auf. Die fraß die Blumen aus dem Garten, sprang auf das
Fensterbrett und gewann alle Wettrennen.

Von Maria Rossbauer, DIE ZEIT Nr. 22/2020, 20. Mai 2020

Die Ziege bekamen wir, weil meine Schwester ein Pferd haben wollte. Ich bin auf dem Land groß
geworden, auf einem Bauernhof in Bayern. Platz für ein Pferd hätten wir locker gehabt. Doch meine
Eltern sagten: Ein Pferd ist teuer und macht viel Arbeit. Mit der Ziege wollten sie ausprobieren, ob
meine Schwester "Verantwortung übernehmen" kann, wie Erwachsene so gern sagen. Die Ziege war
also eigentlich nur ein Testtier. Meine Schwester ahnte nichts davon und hat den Test nicht bestanden,
jedenfalls zog nie ein Pferd auf unseren Hof.

Ich bin noch heute froh, dass meine Eltern meiner Schwester nicht ganz trauten. Denn die Ziege wurde
zu meiner Ziege. Und sie war das wunderbarste Tier, das man haben kann. Sie sah schon ziemlich witzig
(lustig) aus: ganz weiß und dünn, mit dunklen Augen – und ohne Hörner. Das sei normal bei dieser
Rasse, sagte meine Mama. Meine Ziege war eine "Weiße Deutsche Edelziege". Was für ein alberner
Name für so ein cooles Tier, dachte ich.

Ich war fünf Jahre alt, als sie zu uns kam, meine Schwester, die das Pferd wollte, war zehn. Dann gab
es noch meine kleine Schwester, die gerade geboren war, und meinen achtjährigen Bruder. Der hatte
damals ein paar Brocken Englisch aufgeschnappt und wusste, dass "weiß" auf Englisch white heißt.
Man spricht das "weit" aus, deshalb tauften wir die Ziege Weiti.

Weiti zog in den alten Schweinestall im Haus meiner Großeltern. Und von dort aus machte sie sich
deutlich bemerkbar. Wenn Weiti etwas von uns wollte, machte sie: Mä-ä-aääh. Das "ä" blökte sie
abgehakt heraus, so, als würde sie immer neu ansetzen. Mä-h-ä-h-äääh. So ein Ziegen-Mäh klingt
energisch. Nicht so brav und langweilig wie das Mäh der Schafe. Wenn die Ziege blökte, hieß das:
Komm jetzt her! Sofort! Und ich war diejenige, die das verstand.

Schon morgens vor dem Kindergarten saß ich bei Weiti im Stroh, am Nachmittag wieder und abends
vor dem Zubettgehen auch. Ich nahm sie in den Arm und streichelte sie. Ich stieß meinen Kopf gegen
ihren, das mochte sie gern. Und irgendwann lief sie mir immer nach.

Weiti hatte ein gelbes Halsband, daran konnte ich einen kleinen Strick festmachen. So bin ich mit ihr
morgens vom Stall zu einer Wiese auf dem Hof gegangen, auf der sie grasen durfte. Manchmal bin ich
aber auch mit ihr durchs Dorf gelaufen wie mit einem Hund. Wenn wir so daherkamen, lächelten uns
über die Zäune und Gartenhecken hinweg alle an.

Wenn wir zu Mittag aßen, war Weiti oft mit dabei. Sie sprang draußen am Haus aufs Fensterbrett vor
unserer Küche und schaute zu uns herein. Ich glaube, sie wollte sehen, wo ich bleibe. Das war
besonders lustig, wenn wir Besuch hatten. Unsere Gäste haben das immer sehr lustig gefunden.

Mit Weiti war alles immer lustig. Im Winter haben wir Kinder sie einmal mit auf den zugefrorenen See
genommen. Dafür hat mich meine Mutter aber ausgeschimpft. Die Ziege hätte sich die Beine brechen
können, sagte meine Mutter. Ein anderes Mal band ich ihr den Sattel und das Halfter des
Schaukelpferds um, und dann setzten mein Bruder und ich unsere kleine Schwester drauf. Die war
inzwischen zwei Jahre alt, wollte aber nicht auf der Ziege reiten. Und Weiti wollte nicht geritten werden
– sie warf meine Schwester runter.

Großen Spaß hatten wir alle, wenn wir mit unserer Ziege Wettrennen veranstalteten. Wir Kinder liefen
bei der Schaukel los, einmal durch den Garten, ums Haus herum, zurück zur Schaukel. Wenn wir
schnaufend angerannt kamen, stand Weiti schon längst da und schaute uns entgegen.

Meine Mama fand Weiti nicht immer so lustig. Die Ziege fraß ihr nämlich ihre geliebten Blumen und
Kräuter weg und knabberte die frischen Äste von den Bäumen. Darum baute mein Vater ihr
irgendwann ein Gehege im Garten. Wir Kinder sollten Weiti morgens aus dem Stall in dieses Gehege
bringen und abends zurück in den Stall. Einmal in der Woche mussten ich oder mein Bruder mit einer
Mistgabel das verkackte Stroh aus ihrem Verschlag herausheben, es mit der Schubkarre zum
Komposthaufen bringen und dann frisches Stroh in ihren Stall streuen.

Wir Kinder hatten das Gefühl: Weiti braucht ständig frisches Heu und frisches Wasser. Und das würde
noch ziemlich lange so weitergehen. Denn Ziegen können 15 Jahre und älter werden.

Als ich elf war, Weiti lebte seit sechs Jahren bei uns auf dem Hof, sagte meine Mama schließlich: "Ihr
kümmert euch nicht mehr genug, die Ziege kommt weg!" – "Nein, auf keinen Fall!", rief ich. Obwohl
ich selbst gemerkt hatte, dass so ein Tier jede Menge Arbeit macht, konnte ich mir ein Leben ohne
Weiti nicht vorstellen.

Doch dann schlug Mama eines Tages etwas vor, das auch uns Kinder überzeugte: Weiti sollte Teil einer
Schafherde werden. Das ist nicht ungewöhnlich, viele Schäfer haben Ziegen. Weil sie ein bisschen
energischer sind als Schafe, laufen die Ziegen oft als Leittiere vorneweg. Sie geben auch viel Milch und
ernähren darum Babyschafe, wenn deren Mütter sie nicht annehmen. So zog Weiti zum Schäfer.

Ein paar Jahre vergingen, da erzählte mir mein Papa eines Tages, dass der Schäfer, bei dem Weiti lebte,
wieder in der Gegend sei. Sofort fuhr ich mit meinem Fahrrad zu der großen Wiese unten am Fluss und
stellte mich vor die Herde. Hunderte weiße, wollige Tiere liefen herum, und alle machten brav Määäh.
Ich lief ein paar Meter durch das hohe Gras auf die Herde zu, blieb stehen und rief laut: "Weiti!" Und
da kam sie herausgelaufen, zwischen all den Schafen hindurch, direkt auf mich zu. Wirklich wahr.

Weiti trug immer noch ihr gelbes Halsband und machte Mä-h-ä-h-äääh. Ich kniete mich auf den Boden,
nahm sie in den Arm und streichelte sie. Das ließ sie sich gefallen. Und dann drehte Weiti sich um und
lief zurück zu ihrer neuen Familie.