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Theologie Interdisziplinär

Band 16
Bernd Janowski / Christoph Schwöbel (Hg.)
Dimensionen der Leiblichkeit
Bernd Janowski /
Christoph Schwöbel (Hg.)

Dimensionen der Leiblichkeit

Theologische Zugänge

Neukirchener Theologie
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 2015
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Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Andreas Sonnhüter, Niederkrüchten
Umschlagabbildung: bluelake (shutterstock.com)
DTP: Dorothee Schönau
Gesamtherstellung: Hubert & Co., Göttingen
Printed in Germany
ISBN 978–3–7887–2912–7 (Print)
ISBN 978–3–7887–2913–4 (Print)
www.neukirchener-verlage.de
Inhalt

Christoph Schwöbel
Einleitung: Dimensionen der Leiblichkeit ....................................... VII

Bernd Janowski
Das Herz – ein Beziehungsorgan
Zum Personverständnis des Alten Testaments ................................. 1

Andreas Wagner
Die Gestalt Gottes und der Mensch im Alten Testament ................ 46

Michael Tilly
Aspekte der Leiblichkeit im paulinischen Denken ........................... 69

Volker Leppin
Madensack und Tempel des Heiligen Geistes
Leiblichkeit bei Martin Luther ........................................................ 86

Elisabeth Gräb-Schmidt
Leiblichkeit – das Ende der Werke Gottes?
Materialität und Kommunikation als Dimensionen
theologischer Anthropologie ............................................................ 98

Autorin und Autoren ....................................................................... 118


Bernd Janowski

Das Herz – ein Beziehungsorgan


Zum Personverständnis des Alten Testaments

In seinem wegweisenden Buch Das Gehirn – ein Beziehungsorgan hat der


Heidelberger Psychiater und Philosoph Th. Fuchs eine Kritik der Neu-
rowissenschaft vorgelegt, die das Gehirn wieder dem Leib und den Leib
der Lebenswelt zuordnet, in die der Mensch eingebettet ist und in der er
durch seinen Leib als dem »primäre(n) Medium des In-der-Welt-Seins«1
agiert. Das Gehirn ist nach dieser Sicht nicht »eine unsichtbare Kammer
..., die sich im Kopf hinter den Sinnesorganen verbirgt«2 und unsere Welt
»wie ein geheimer Schöpfer«3 hervorbringt, sondern ein »Beziehungsor-
gan«, also
»das Organ, das unsere Beziehung zur Welt, zu anderen Menschen und zu uns
selbst vermittelt. Es ist der Mediator, der uns den Zugang zur Welt ermöglicht,
der Transformator, der Wahrnehmungen und Bewegungen miteinander ver-
knüpft. Das Gehirn für sich wäre nur ein totes Organ. Lebendig wird es erst in
Verbindung mit unseren Muskeln, Eingeweiden, Nerven und Sinnen, mit unse-
rer Haut, unserer Umwelt und mit anderen Menschen«4.

Auffälligerweise spricht das Alte Testament nicht vom Gehirn und hat
dafür auch kein hebräisches oder aramäisches Lexem. Ähnliches gilt für
die Lunge, den Magen, den Darm und die Muskeln. Die Funktion, die
wir traditioneller Weise dem Gehirn zuordnen – nämlich das Denken –,
übt nach alttestamentlichem Verständnis das Herz aus. Nicht zuletzt des-
halb ist es die »Zentralinstanz im Inneren des Menschen«5. Die Funktio-
nen des Herzens lassen sich aber nicht auf kognitive Fähigkeiten reduzie-
ren, sondern diese konstituieren, wie wir sehen werden, zusammen mit
seinen emotionalen und voluntativen Eigenheiten das Personverständnis
des Alten Testaments (II).6 Um dieses Problem angemessen zu beschrei-
ben, wenden wir uns zunächst dem Zusammenhang von Personverständ-

1 Fuchs, Hirnwelt, 348, s. dazu auch ders., Verkörperung, 11ff.


2 Ders., Gehirn, 95. Fuchs spricht an anderer Stelle auch vom »Kosmos im Kopf«,
vgl. ders., a.a.O., 25ff und ders., Hirnwelt, 347ff.
3 Ders., Gehirn, 21.
4 Ders., ebd. (Hervorhebung im Original).
5 Krüger, »Herz«, 97.
6 Für den alttestamentlichen Personbegriff kommen außer leb/lebāb noch weitere
Termini in Frage, s. dazu im Folgenden.
2 Bernd Janowski

nis und Körperbegriff(en) zu (I). Am Schluss soll dieser Aspekt noch


einmal aufgegriffen und präzisiert werden (III). Im Einzelnen gliedern
sich unsere Ausführungen wie folgt:

I. Personverständnis und Körperbegriff(e) – Vorbemerkungen

II. Fühlen, Denken, Wollen – zur Bedeutung von leb/lebāb


Exkurs 1: Zur Geschichte des Herzens
1. Das Herz als Mitte der Person
a) Physiologisch-vegetative Aspekte
b) Funktionale Aspekte
a) Emotionen und Gefühle
b) Erkenntnis und Weisheit
Exkurs 2: Die Aufrichtigkeit des Herzens
g) Wille und Plan
Exkurs 3: Die Herzwägung im Totengericht
2. Gott und das menschliche Herz
a) »Der Herz(en) und Nieren prüft«
b) Das »reine« und »feste« Herz

III. Der »herzgeleitete« Mensch – Resümee

I. Personverständnis und Körperbegriff(e) – Vorbemerkungen

Wenn man nach dem Verständnis der Person im Alten Testament fragt,7
stößt man schnell auf Sachverhalte, die im Gegensatz zum neuzeitlichen
Personbegriff und seiner verzweigten Problemgeschichte8 stehen. Das hat
seinen Grund nicht nur im Fehlen eines dem griech. pro,swpon (»Ange-
sicht, Maske, Vorderseite«) bzw. dem lat. persona (»Maske, Rolle, Sta-
tus«)9 entsprechenden hebräischen Terminus,10 sondern auch und vor
allem in der unterschiedlichen Sicht des Menschen. So ist, wie die Ge-
7 In diesem Abschnitt werden einige Überlegungen aus Janowski, Anerkennung,
181ff aufgenommen und weitergeführt. Zum alttestamentlichen Personbegriff s. fer-
ner Frevel/Wischmeyer, Menschsein, 26ff (Frevel); Wagner, Körperbegriffe, 289ff;
Neumann, Art. Person, 339f; Schroer/Zimmermann, Art. Mensch, 368ff; di Vito,
Anthropologie, 213ff; Schnocks, Psalmen, 95ff u.a.
8 S. dazu paradigmatisch Sturma, Art. Person, 1728ff und die Beiträge in Römer/
Wunsch (Hg.), Person.
9 S. dazu Cancik, Art. Person, 1120f. Was in der westlichen Moderne unter »Per-
son, Personalität, Persönlichkeit« thematisiert wird, ist in der griech.-röm. Antike den
Begriffen »Selbst« (se, ipse), »besondere Natur« (propria natura), »Bewusstsein, Gewis-
sen« (conscientia), »Vernunft« (ratio) u.a. zugeordnet, vgl. ders., a.a.O., 1120.
10 Das gilt mutatis mutandis auch für Mesopotamien und Ägypten, s. dazu Streck,
Art. Person, 430 und Assmann, Art. Persönlichkeitsbegriff, 963ff.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 3

schichte der neuzeitlichen Identität zeigt, für den modernen Personbegriff


eine spezifische Form der Innen/Außen-Relation bestimmend:
»Unsere Gedanken, Vorstellungen oder Gefühle sind nach unserer Auffassung
›in‹ uns, während die Gegenstände in der Welt, auf die sich diese geistigen Zu-
stände beziehen, ›draußen‹ sind. Außerdem meinen wir, unsere Fähigkeiten oder
Möglichkeiten seien etwas ›Inneres‹, das auf die Entwicklung wartet, durch die
dieses Potentielle in der öffentlichen Welt kundgetan oder verwirklicht wird. Das
Unbewußte befindet sich nach unserer Vorstellung innen; und die Tiefen des
Ungesagten, des Unsagbaren, der sich anbahnenden heftigen Gefühle, Neigun-
gen und Ängste, mit denen wir um die Beherrschung des eigenen Lebens ringen,
fassen wir ebenfalls als etwas Inneres auf. Wir sind Geschöpfe mit innerer Tiefe,
mit einem Inneren, das zum Teil unerforscht und dunkel ist.«11

Dieses Personverständnis ist Ausdruck einer »historisch begrenzten Art


der Selbstinterpretation, die im neuzeitlichen Abendland zur Vorherr-
schaft gekommen ist«12. Seine Wurzeln liegen Ch. Taylor zufolge bei Pla-
ton, der in seinem Dialog Phaidros (246a–257a) anhand der Metapher
von der »Seele« (ψυχή,) als Lenkerin eines geflügelten Zweigespanns seine
Auffassung der menschlichen Person entwickelt hat.13 Der Schlüssel zum
»wahren« Selbst liegt danach in der Auffassung der Seele als einer ver-
nunftbegabten Kraft, die der Außenwelt ordnend gegenübertritt, und
zwar so, als hätten wir »ein Selbst in der gleichen Weise, in der wir einen
Kopf oder Arme haben, und innere Tiefe in der gleichen Weise wie Herz
oder Leber«14.
Im Unterschied zu diesem »homogenen Interpretationsmodell von Per-
son«15 geht die alttestamentliche Anthropologie von einem konstellativen
Personbegriff 16 aus. Der Begriff »Konstellation« meint dabei zweierlei: Zum
einen wird der menschliche Körper als eine konstellative, d.h. aus einzel-
nen Teilen und Organen zusammengesetzte Ganzheit verstanden; zum
anderen bedeutet menschliches Leben die Eingebundenheit in soziale Zu-
sammenhänge oder Rollen. Dieses vormoderne Konzept personaler Identi-
tät hat R.A. di Vito anhand von vier ›Identitätsmarkern‹ charakterisiert:
»Das Subjekt ist (1) zutiefst eingebettet in seine soziale Identität bzw. eng damit
verbunden. Es ist (2) vergleichsweise dezentriert und undefiniert im Blick auf die
Grenzen seiner Person. Es ist (3) relativ transparent, ins gesellschaftliche Leben
eingebunden und darin verkörpert (mit anderen Worten: es ermangelt all dessen,
was mit ›inneren Tiefen‹ bezeichnet ist). Und schließlich ist es (4) ›authentisch‹

11 Taylor, Quellen des Selbst, 207, s. zur Sache auch Schönpflug/Schrader, Art. Selbst,
292ff u.a. Zum Topos »Innerer Mensch« s. unten 6ff.
12 Taylor, ebd.
13 S. dazu ders., a.a.O., 214ff und Halfwassen, Art. Seelenwagen, 111ff.
14 Taylor, a.a.O., 208.
15 Gladigow, Art. Seele, 53, vgl. Bremmer, Seele, 173ff.
16 Zum konstellativen Personbegriff s. die Hinweise bei Janowski, Anthropologie,
545f.
4 Bernd Janowski

gerade in seiner Heteronomie, in seinem Gehorsam anderen gegenüber und in


seiner Abhängigkeit von anderen.«17

Diese Charakterisierung hebt zu Recht hervor, dass die personale Identi-


tät nicht durch eine alles steuernde »Rationalität«18 zustande kommt,
sondern durch Konstellationen, die komplexe, auf Sozialität und Gegen-
seitigkeit ausgerichtete Beziehungen des Menschseins zum Ausdruck brin-
gen. Sie übersieht aber, dass die personale Identität in gleicher Weise
durch Binnenmotivationen konstituiert wird, die den Bezug zur Außen-
welt steuern und beeinflussen.19 Nach alttestamentlicher Vorstellung ist
es vor allem das Herz (leb/lebāb), das diese ›Motivationsarbeit‹ leistet.20
Neben leb/lebāb kommen für den alttestamentlichen Personbegriff al-
lerdings noch weitere Termini in Frage. Dazu gehören kābôd »Ehre« (Ps
16,9 u.ö.) und šem »Name« (Ps 41,6 u.ö.) als soziale Personbegriffe,21
aber auch zahlreiche Körperbegriffe, die A. Wagner zufolge als »Stellver-
treterausdrücke der Person« fungieren und die, wie etwa næpæš (»Leben,
Lebenskraft«), die Stelle des Personalpronomens einnehmen können. Als
Beispiel sei Ps 54,6 zitiert:
Siehe, Gott ist mir Helfer,
der Herr unter denen, die meine næpæš (= mich) stützen.

Der Begriff næpæš (+ Suff. 1c.sg.) steht hier »nicht nur als ›Variante‹ zum
Personalpronomen, sondern bringt einen eigenen Bedeutungsaspekt mit
in die Aussage ein«22. Dieser Aspekt ergibt sich daraus, dass næpæš »den
Menschen (kennzeichnet), soweit er auf etwas ist«23. Dementsprechend
lässt sich Ps 54,6 folgendermaßen paraphrasieren:

17 Di Vito, Anthropologie, 217, s. dazu auch ders., Art. Anthropology II, 117ff.
18 Mit entlarvender Offenheit definiert Schütt, Art. Person, 1122 den Personbegriff
demgegenüber wie folgt: »P.(ersonen) sind ›Vernunftwesen‹, die denken und überle-
gen können, außerdem haben sie einen Begriff von sich selbst, der sich einerseits nicht
nur auf ihre unmittelbare Gegenwart bezieht, sondern auf ihr ganzes eigenes Leben
(was ein Bewußtsein der eigenen diachronen Identität einschließt), und sie anderer-
seits als lediglich ein Individuum unter anderen vorstellt.« Nicht thematisiert werden
dabei die Bereiche des Sozialen und des Psychischen. Dass eine philosophische Anthro-
pologie heute anders, nämlich in Abkehr vom narzisstischen Ideal des autonomen
Vernunftmenschen zu begründen ist, zeigen Hartung, Anthropologie und Fischer,
Anthropologie.
19 Zur Kritik an di Vitos Konzeption der personalen Identität s. Dietrich, Individua-
lität, 79ff; zur Frage, ob das Alte Testament bzw. die leb/lebāb-Belege von »Innerlich-
keit« sprechen, s. unten Anm. 184.
20 S. dazu unten 6ff.
21 Zu kābôd »Ehre« s. Sedlmeier, Wert, 300ff und Dietrich, Ehre, 16ff.
22 Wagner, Körperbegriffe, 291, s. dazu auch ders., a.a.O., 307ff und bereits Wolff,
Anthropologie, 51ff, jeweils mit weiteren Begriffen und Textbeispielen.
23 Schmidt, Begriffe, 90, vgl. 84, ferner Wagner, a.a.O., 308; ders., Reduktion des
Lebendigen, 191 (unter Rückgriff auf Westermann, Art. næpæš, 92) und ausführlich
Janowski, næpæš, 73ff.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 5

Siehe, Gott ist mir Helfer,


der Herr unter denen, die (meine næpæš =) mein Verlangen
nach Leben stützen.24

Auch ͗ozæn »Ohr«, ͗ap »Nase«, jād »Hand«, pānîm »Gesicht«, cajin »Au-
ge«, ro ͗š »Kopf« und rægæl »Fuß« sind »Stellvertreterausdrücke der Per-
son«. Zum einen können sie ein Personalpronomen vertreten und zum
anderen repräsentieren sie bestimmte Bedeutungsaspekte der Person:
Körperteil Bedeutungsaspekte

o͗ zæn »Ohr« akustische Erkenntnis-/Kommunikationsfähigkeit


(vgl. Spr 18,15 u.ö.)
a͗ p »Nase« Zorn, Ausdrucks-/Kommunikationsfähigkeit
(vgl. Ez 38,18 u.ö.)
jād »Hand« Handeln, Macht, Kraft, Gewalt (vgl. Ri 7,2 u.ö.)
pānîm »Gesicht« mimisches Ausdrucks-/soziales Kommunikations-
vermögen (vgl. 1Kön 21,4 u.ö.)
cajin »Auge« Aufmerksamkeit, visuelle Erkenntnis-/soziale
Kommunikationsfähigkeit (Ps 54,9 u.ö.)
ro ͗š »Kopf« Repräsentation des Individuums, Wertschätzung,
Rang/Status (vgl. Gen 49,26 u.ö.)
rægæl »Fuß« Bewegung(sfähigkeit), Macht, Präsenz (1Sam 23,22 u.ö.)

Bei der Zusammenschau von Körperorgan und Lebensfunktion geht es


um die Kommunikations- und/oder Handlungsfähigkeit des betreffenden
Körperteils, die damit in den Vordergrund rückt.25 Darüber hinaus kann
ein Körperteil auch in Parallele zu einem oder zwei anderen Körper-
teil(en) stehen, sodass sich ihre spezifischen Funktionen zu einer Gesamt-
aussage über die Person addieren,26 z.B.:
Gesehnt, ja sogar verzehrt hat sich mein(e) Leben(skraft) (næpæš) nach
den Vorhöfen JHWHs,
mein Herz (leb) und mein Leib (bāsā, r) jubeln dem lebendigen Gott zu. (Ps 84,3)27

Diesen Zusammenhang von Personverständnis und Körperbegriff(en)


gibt es auch bei inneren Körperorganen wie der Leber (kābed), den Nie-
ren (kelājôt), den Innereien (me ͑îm) oder dem Mutterleib (ræḥæm). Be-
sonders aber gibt es ihn, wie etwa Spr 23,15 und 24,17 zeigen, beim Her-
zen, dem Symbol des »Inneren Menschen«:
24 Vgl. Wagner, Körperbegriffe, 308.
25 S. dazu Wolff, a.a.O., 31, ferner Staubli, Begleiter, 98ff; Frevel, Art. Körper, 280ff;
Wagner, Art. Körper, 280f und die Beiträge in Müller/Wagner (Hg.), Synthetische
Körperauffassung.
26 Vgl. Wagner, Körperbegriffe, 309.
27 Vgl. Ps 16,9; 63,2 u.a., zu diesen Texten s. Wagner, Körperbegriffe, 309ff und
Janowski, næpæš, 105ff.
6 Bernd Janowski

Mein Sohn, wenn dein Herz (leb) weise ist,


freut sich auch mein Herz (leb), auch ich (gam ā͗ nî ). (Spr 23,15) Herz // ich

Wenn dein Feind stürzt, freu dich nicht,


und wenn er strauchelt, juble dein Herz (leb) nicht! (Spr 24,17)28

II. Fühlen, Denken, Wollen – zur Bedeutung von leb/lebāb

Im hebräischen Alten Testament begegnen die beiden Ausdrücke für


»Herz« (leb/lebāb) über 850mal, und zwar am häufigsten in den Psalmen
(137), im Buch der Sprüche (99) sowie in den Büchern Ex (47), Dtn
(51), Jes (49), Jer (66), Ez (47), Pred (42), 2Chr (44) und Sir (68).29
Wahrscheinlich hängt diese Belegverteilung und -konzentration mit der
Entdeckung des inneren Menschen zusammen, die literatur- und theologie-
geschichtlich in die mittlere und späte Königszeit, vor allem aber in die
exilisch-nachexilische Epoche gehört. Die Entwicklung dürfte dabei
schubweise vor sich gegangen sein und mehrere, sich vielfach überlap-
pende Phasen umfasst haben:
– Phase 1: Einbindung des Ich in die Gemeinschaft (Spr)
– Phase 2: Verinnerlichung der Gottesbeziehung (Dtn)
– Phase 3: Herausbildung des Selbstbewusstseins in Gebet30
und Reflexion (Pss, Jer, Ez, Pred, Sir)

Da die zweite Phase eine besondere Bedeutung für die Gesamtentwick-


lung hat, sei sie im Folgenden kurz kommentiert.

Exkurs 1: Zur Geschichte des Herzens

Ein Schlüsseltext für die besagte Verinnerlichung der Gottesbeziehung (Phase 2)31 ist
das Schema ͑ Jisra ͗el von Dtn 6,4f und seine jüngere Fortschreibung Dtn 6,6–9. Dieser

28 Vgl. Reiterer, Rede, 26 mit weiteren Beispielen.


29 Zur Statistik s. Stolz, Art. leb, 861, ferner mit z.T. abweichender Zählung Fabry,
Art. leb/lebāb, 420f und Markter, Transformationen, 15ff. Als anthropologischer
Grundbegriff ist das »Herz« fast ausschließlich dem Menschen zugeordnet, begegnet
aber auch 26mal mit Gott als Subjekt (s. dazu unten 27ff). Zur weiteren Verwendung
(leb eines Tieres, leb als Bezeichnung für »Mitte« des Meeres / des Himmels / des Vol-
kes u.a.) s. Fabry, a.a.O., 425. Zum Syntagma »Herz des Meeres« (11 Belege, akk.
Parallelen) s. Lichtenstein, Mitte der Gottesstadt, 143ff.
30 Das Gebet ist ein primärer Ort für die Herausbildung des Selbstbewusstseins, das
»nur möglich (ist), wenn es sich durch einen Kontrast erfährt. Ich benutze ich nur
dann, wenn ich mich an jemanden wende, der in meiner anrede ein du sein wird.
Diese Bedingung des Dialogs ist es, welche die Person konstituiert, denn sie impliziert
umgekehrt, dass ich zu einem du werde in der anrede desjenigen, der sich seinerseits
als ich bezeichnet« (Benveniste, Subjektivität, 289 [Hervorhebungen im Original]).
31 Zur »Verinnerlichung« der Gottesbeziehung im Deuteronomium s. Albertz, Reli-
gionsgeschichte Israels, 330f und Spieckermann, Liebe, 160ff.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 7

Text zeigt, dass es das ›gottgeleitete Herz‹ Israels bzw. eines jeden Israeliten ist, das
den Gotteswillen, wie er in den deuteronomischen Gesetzen niedergelegt ist, in sich
aufnehmen und in die praxis pietatis umsetzen soll:
4 Höre, Israel! Höraufruf
JHWH ist unser Gott, JHWH ist einzig! 2 nominale Bekenntnissätze
5 Du sollst JHWH, deinen Gott, lieben Liebesgebot:
mit deinem ganzen Herzen (leb), Herz
mit deinem ganzen Verlangen (næpæš) Verlangen
und mit deiner ganzen Kraft (me ͗od) Kraft
Während in V.4 ein kollektives »Du« angesprochen wird, das im pluralischen Suffix
»unser« in Erscheinung tritt, wird mit dem Liebesgebot von V.5 jeder einzelne Israelit
als Teil dieses kollektiven Du zur Liebe JHWHs angehalten. Dabei entspricht dem
»einen/einzigen« Gott32 die »ganze«, ungeteilte Liebe Israels, die emphatisch durch das
dreimalige bekål – »mit deinem ganzen Herzen (leb), mit deinem ganzen Verlangen
(næpæš) und mit deiner ganzen Kraft (m e o͗ d)« – ausgedrückt wird.33 Gemeint ist mit
dieser Liebe zu Gott ein ausschließliches Treue- oder Loyalitätsverhältnis, »eine Ganz-
hingabe im Gehorsam, die zugleich Dankbarkeit und Vertrauen umschließt und sich
emotional in einer persönlichen, intimen Erfahrungssphäre verwirklicht«34. Ein an-
schauliches Beispiel dafür ist der nachexilische Fortschreibungstext Dtn 10,12f, der
diese »Gefolgschaftstreue« durch fünf Verbalbestimmungen expliziert:
12 Und nun, Israel, was fordert JHWH, dein Gott, von dir anderes,
als JHWH, deinen Gott, zu fürchten, auf allen seinen Wegen zu wandeln und
ihn zu lieben, und JHWH, deinem Gott, zu dienen mit deinem ganzen Herzen
(leb) und mit deiner ganzen Lebenskraft (næpæš),
13 indem du die Gebote JHWHs und seine Satzungen, auf die ich dich heute
verpflichte, achtest, damit es dir gut geht.

Sowohl in Dtn 6,5 als auch in Dtn 10,12 (vgl. Dtn 11,13; 13,4; 30,6)
richtet sich der Blick auf die Innenseite des Menschen (leb und næpæš) und
die hier verankerte »Gefolgschaftstreue« (cābad »dienen«), die alles Han-
deln Israels bestimmen soll. So wird »der Kampf um die wahre Verehrung
Jahwes ... im Inneren des Menschen ausgetragen, es ist hier keine Frage
äußerlichen Drucks, etwa mit angekündigten Strafen.«35

32 »Einzig« ( ͗æḥād) ist ein Topos der Liebessprache (vgl. Hld 6,8f). So proklamiert
Dtn 6,4f den »Ausschließlichkeitsanspruch Jahwes in einem Liebesbezug. Er allein ist
aus allen Göttern der Gott für Israel, eben ›unser Gott‹« (Braulik, Deuteronomium 1–
16,17, 56).
33 Vgl. Müller, Lieben, 228ff, die zu Recht auf einer instrumentalen Übersetzung der
Präposition be (»mit«, nicht »von«) insistiert. Zur Bedeutung von næpæš als »Verlan-
gen, Vitalität« s. Janowski, næpæš, 87ff. Im Unterschied zu Veijola, Deuteronomium,
177ff gehe ich, ohne dies hier im Einzelnen begründen zu können, von der literari-
schen Einheitlichkeit von Dtn 6,4f aus. Zum religions- und traditionsgeschichtlichen
Hintergrund von Dtn 6,5 s. Rüterswörden, Liebe zu Gott, 229ff, der außer auf die
bekannten neuassyrischen Vertragstexte (vor allem VTE § 24, s. dazu TUAT I
[1982–1985], 166f) auch auf altaramäische Texte (Sfire-Inschriften KAI 223B,4–6;
224,7–9.14–17 u.a.) hinweist, vgl. Fabry, a.a.O., 419.
34 Braulik, ebd.
35 Rüterswörden, a.a.O., 235.
8 Bernd Janowski

Ihre Weiterführung erfährt die Gebotsparänese von Dtn 6,5 durch die
jüngere Fortschreibung Dtn 6,6–9, derzufolge »diese Worte« (V.6), wohl
die deuteronomischen Gesetze, auf das Herz eines jeden Israeliten geschrie-
ben36 und im privaten wie im öffentlichen Raum wiederholt werden sollen:
6 Und es sollen diese Worte, die ich dir heute gebiete,
auf deinem Herzen (leb) sein.
7 Und du sollst sie deinen Kindern wiederholen,
und du sollst über sie reden37 / sie rezitieren,
bei deinem Sitzen in deinem Haus und bei deinem Gehen auf dem Weg,
und bei deinem Niederlegen und bei deinem Aufstehen.
8 Und du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden,
und sie sollen Merkzeichen zwischen deinen Augen sein.
9 Und du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses
und in deine Stadttore schreiben.38

Das Herz, auf dem »diese Worte« wie auf einer Tafel eingraviert sind, ist
der Ort, von dem ihre Vergegenwärtigung in Raum und Zeit ihren Aus-
gang nimmt. Dabei führt der Weg von innen (Herz) über die Weitergabe
an die nächste Generation (Auslegung, Rezitation) nach außen, wo »diese
Worte« zu ›Zeichen der Verbundenheit mit JHWH‹ auf Hand und Stirn
wie auf Türpfosten und Stadttoren werden. Man lebt in diesem Text der
deuteronomischen Tora
»wie in einer Landschaft. Er bringt sich auch von außen immer wieder in Erinne-
rung. Wir sehen: Dtn 6,6–9, dieser Text über das Lernen des neuen, umfangrei-
chen Glaubenstextes Israels, führt uns weit über alles Lerntechnische hinaus in das
normale Lebensgeschehen, das allerdings ganz und gar von diesem Text begleitet
sein soll.«39 (Ende des Exkurses)

In der sozialen, religiösen und individuellen Akzentuierung des Herzens,


wie sie sich in der oben skizzierten Gesamtentwicklung (Phase 1–3) zeigt,
36 Veijola, a.a.O., 179, der dies für eine »spiritualisierende« Interpretation hält, denkt
demgegenüber daran, dass mit »diesen Worten« an das monojahwistische Bekenntnis
von V.4b gedacht ist und in V.6 »die Vorschrift erteilt (wird), die bekenntnishaften
Worte von V.4b als ein neuartiges Amulett auf der Brust zu tragen«. Des Weiteren
argumentiert er, dass es »im Hebräischen ... nämlich kein besonderes Wort für die
menschliche Brust (gibt), sondern dafür ... das Wort ›Herz‹ (lb[b]) verwendet wird
(vgl. Ex 28,29f; Hld 8,6). Gerade die nächsten Sprachparallelen für 6,6*, Ex 28,29f
und Hld 8,6, die von einer auf der Brust zu tragenden Orakeltasche des Hohenpries-
ters bzw. einem auf der Brust befindlichen Siegelamulett handeln, legen die konkrete
Bedeutung nahe«. Dem ist allerdings zu widersprechen, da Dtn 6,6 davon spricht,
dass »diese Worte« direkt »auf dem Herzen« eines jeden Israeliten sein sollen und we-
der von einer »Brusttasche« auf dem Herzen (wie in Ex 28,29f, s. dazu unten Anm.
48) noch von einem »Siegel« auf dem Herzen (wie in Hhld 8,6) die Rede ist.
37 Oder: »von ihnen reden«.
38 Zur Übersetzung und Interpretation s. Veijola, a.a.O., 174ff und Finsterbusch,
Weisung, 239ff, ferner Lohfink, Glauben lernen, 92f u.a.
39 Lohfink, a.a.O., 93, vgl. Albertz, Religionsgeschichte Israels, 331 und Spiecker-
mann, Liebe, 160.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 9

tritt der »innere Mensch« immer deutlicher in Erscheinung.40 Das zentra-


le Symbol dafür ist das menschliche Herz.

1. Das Herz als Mitte der Person


In einem materialreichen Lexikonartikel hat Chr. Markschies die Ge-
schichte des »Inneren Menschen« von Platon über das Neue Testament
bis in die spätantike und frühchristliche Literatur skizziert und dabei
wichtige Begriffsdifferenzierungen eingeführt.41 Wenn man in die Epo-
chen vor Platon zurückgeht und die vorderorientalischen Kulturen in die
Betrachtung einbezieht, gelangt man zu Israel und Ägypten,42 die man als
»Kulturen des Herzens«43 bezeichnen kann. Die Geschichte des »Inneren
Menschen« hat hier ihren Anfangspunkt.
Es ist allerdings ein Anfang, der unseren heutigen Vorstellungen vom
Herzen nur wenig entspricht, weil das alte Israel – im Unterschied zum
alten Ägypten – nur vage Vorstellungen von den inneren Organen hatte
und der anatomische Blick in das Innere des Menschen erst seit dem frü-
hen 16. Jahrhundert in Gebrauch gekommen ist.44 Dieses Manko wird,
wie wir sehen werden, durch eine intensive Form der Introspektion auf-
gewogen.

40 Möglicherweise konvergiert diese Entwicklung mit den Veränderungen im alttes-


tamentlichen Menschenbild, die sich von den Anstößen durch die ältere Weisheit und
die vorexilische Prophetie über die Vertiefungen durch den Monojahwismus/Mono-
theismus des 7./6. Jh.s v.Chr. bis zu den Ausformungen durch die exilisch-nachexi-
lische Prophetie, die Psalmen und die späte Weisheit vollzogen haben, s. dazu die
vorläufigen Hinweise bei Janowski, Anthropologie, 551 mit Anm. 93. Aufschlussreich
dürfte ein Vergleich mit der Entwicklung des Personverständnisses in Ägypten sein, s.
dazu Assmann, Art. Persönlichkeitsbegriff, 963ff.
41 S. dazu Markschies, Art. Mensch, 266ff, ferner Heckel, Mensch; Gladigow, Art.
Seele, 53ff; Theißen, Erleben, 49ff; ders., Menschenbild, 269ff und die Beiträge in
Assmann (Hg.), Erfindung des inneren Menschen.
42 Zum Begriff »Herz« (leb/lebāb) im Alten Testament und in der althebräischen Epi-
graphik s. Schmidt, Begriffe, 86ff; Wolff, Anthropologie, 75ff; Fabry, Art. leb/lebāb,
413ff; Stolz, Art. leb, 861ff; Wehrle/Kampling, Art. Herz, 137ff; Frevel, Art. Herz,
250ff; ders./Wischmeyer, Menschsein, 32ff (Frevel); Smith, Herz, 171ff; Krüger, »Herz«,
91ff; ders., Herz, 107ff; Sedlmeier, Transformationen, 203ff; Janowski, Konfliktgesprä-
che, 166ff; Rösel, »Prüfer der Herzen«, 289ff; Markter, Transformationen; Schnocks,
Psalmen, 93ff; Staubli/Schroer, Menschenbilder, 205.218ff; Abart, Lebensfreude, 35ff;
Müller, Körperteilbezeichnungen, 17ff; Reiterer, Rede, 25ff u.a. – Zum Begriff »Herz«
(jb, ḥ ͗tj ) in Ägypten s. Brunner, Art. Herz, 1158ff; ders., Das hörende Herz, 3ff; ders.,
͗
Herz, 8ff; Assmann, Art. Persönlichkeitsbegriff, 966f.969ff; ders., Geschichte des Her-
zens, 81ff; ders., Herrschaft, 133ff; ders., Tod, 34ff; Fabry, a.a.O., 416f; Toro Rueda,
Herz u.a. – Zum Begriff »Herz« (libbu, dazu verschiedene Synonyme) in Mesopotami-
en s. Fabry, a.a.O., 417ff; Mayer, Tätigkeiten, 332ff; Steinert, Aspekte des Menschs-
eins, 232f.249f.253ff.263f.518f u.ö. und dies., »Zwei Drittel Gott«, 70ff.
43 Vgl. Assmann, Geschichte des Herzens, 81ff.
44 S. dazu Lyons/Petrucelli, Geschichte der Medizin, 367ff und Krüger, »Herz«, 91f
mit Anm. 3.
10 Bernd Janowski

a) Physiologisch-vegetative Aspekte

Beginnen wir unsere Spurensuche mit der Frage nach der physiologisch-
vegetativen Funktion des Herzens. Ein Wissen um diese Funktion scheint
vorhanden gewesen zu sein, aber nicht in der Weise, die uns geläufig ist,
weil es im alten Israel keine Lehre von den chemisch-physikalischen Vor-
gängen im menschlichen Körper (Medizinische Physiologie) gab. So er-
fahren wir nichts darüber, dass das Herz den Blutkreislauf bewirkt und
dieser für den Stoffwechsel sorgt. Auch das Funktionieren des vom Zen-
tralnervensystem unabhängigen vegetativen Nervensystems, an das die in-
neren Organe wie das Herz, die Leber, die Nieren, die Verdauungs- und
die Geschlechtsorgane angeschlossen sind, war weitgehend unbekannt.
Doch es gibt einige – wenige! – Hinweise, die zur Vorsicht gegenüber
der Annahme einer völligen Unkenntnis anatomischer Gegebenheiten45
mahnen. So meint leb an einigen Stellen offenbar die »Herzgegend« bzw.
den »Brustkorb« oder unspezifisch das »Leibesinnere«. Nach 2Sam 18,14f
etwa packte Joab drei Stöcke und
(14b) stieß sie in die Herzgegend (leb) Absaloms, während er noch lebend in der
Eiche46 hing. (15) Zehn junge Männer, Joabs Waffenträger, umringten (ihn) und
schlugen Absalom und töteten ihn.47

In ähnlicher Weise spricht Hos 13,8 im Blick auf das schuldige Israel
vom »Verschluss ihres Herzens« und meint wohl den »Brustkorb«:
7 Da wurde ich ihnen zum Löwen,
wie ein Panther lauere ich am Weg auf,
8 ich falle sie an wie eine Bärin, die der Jungen beraubt ist,
und zerreiße den Verschluss ihres Herzens (segôr libbām).
Da werden sie die Hunde fressen,
wilde Tiere sie in Stücke reißen.

Der Brustkorb, der das Herz umschließt und als sein »Verschluss« schützt,
wird von JHWH als der wütenden Bärin zerrissen.48 In 1Sam 25,37f ist

45 Eine solche Annahme ist in den einschlägigen Lexikonartikeln beliebt, vgl. Fabry,
a.a.O., 424; Lescow, Art. Herz, 559 u.a.
46 Eigentlich: »im leb der Eiche«, womit wohl das innere Astwerk der Eiche gemeint
ist, vgl. Fabry, a.a.O., 425.
47 Vgl. Krauss/Küchler, David, 161: »Damit kann nur ein wuchtiger, aber noch nicht
tödlicher Stoß in die Herzgegend gemeint sein. Ein Stoß mit einem Bündel von drei
Spießen konnte gut dazu dienen, den an seinem Ast hängenden Abschalom kampfun-
fähig zu machen oder ihn vom Baum herunterzuholen, während sich für einen Stich
direkt ins Herz ein einziger Spieß besser geeignet hätte.« Eine anatomische Vorstel-
lung vom Herzen findet sich dagegen in 2Kön 9,24; Ps 37,15 und 45,6. Nach 2Kön
9,24 tritt der von Jehu auf Jehorams Rücken (»zwischen seine Arme = Schulterblät-
ter«) abgeschossene Pfeil vorn aus dessen Herz wieder heraus und bewirkt damit sei-
nen Tod: »und er brach in seinem Wagen zusammen«. Danach wird sein Leichnam
aufs freie Feld geworfen (V.25).
Das Herz – ein Beziehungsorgan 11

dagegen vom Herzen »im Inneren, in der Mitte (qæræb)«49 des Menschen,
also von dem konkreten Körperorgan im Leibesinneren die Rede:
(37) Es erstarb ihm (sc. Nabal) sein Herz in seinem Inneren (libbô beqirbô), und er
wurde zu Stein. (38) Etwa zehn Tage danach schlug JHWH den Nabal, so dass er
starb.

Der Text spricht weder von einem tödlichen »Herzschlag«50 noch von
einem »Schlaganfall mit Gehirnblutung«51 – Nabal lebt danach noch
zehn Tage –, sondern wohl von einem Herzinfarkt mit anschließenden
Lähmungserscheinungen (»er wurde zu Stein«).52 Möglicherweise belegt
der Text den Übergang von der vegetativen zur funktionalen Bedeutung
des Herzens, das im gesunden Zustand die »Beweglichkeit der Glieder«53
ermöglicht und dessen »Ersterben« das Erlöschen der motorischen und
sensorischen Funktionen bedeutet.
Als Organ im Leibesinneren ist das Herz »ständig mehr oder weniger
spürbar«54. In ihm konzentriert sich nicht nur das emotionale, kognitive
und voluntative, sondern auch das leibliche Wesen des Menschen (vgl. Spr
4,23; 25,13), das gelabt bzw. »gestützt« werden muss, in der Regel mit
Brot (Ri 19,5.8, vgl. Gen 18,5; 1Kön 21,7; Ps 102,5), aber auch durch
die Gewissheit, dass Gott den Menschen hört (Ps 69,33). Vom Gegenteil,
nämlich vom Verlust der Lebenskraft, wird gesprochen, wenn der
Mensch in Situationen der Angst und Bedrängnis gerät:
Mein Inneres (me cîm), mein Inneres (me cîm), ich winde mich,55
Wände meines Herzens (leb)!
Es tobt mir mein Herz (leb),
ich kann nicht schweigen!56
Denn den Schall des Horns ‹hörst du›, meine næpæš,
den Lärm des Krieges. (Jer 4,19)

48 Vgl. Wolff, Anthropologie, 77 und Jeremias, Hosea, 164. Nach Ex 28,29f trägt
Aaron die Brusttasche »auf seinem leb«, womit ebenfalls der Brustkorb bzw. die Herz-
gegend gemeint sein dürfte.
49 Vgl. Jer 23,9.
50 So Stolz, Art. leb, 861, skeptisch Fabry, a.a.O., 424 und Markter, Transformatio-
nen, 21.
51 So Wolff, a.a.O., 76.210 und Staubli/Schroer, Menschenbilder, 218. Das ist schon
deswegen ausgeschlossen, weil das Alte Testament keinen Terminus für »Gehirn« hat
und auch keine medizinischen Kenntnisse darüber verrät.
52 Vgl. Krauss/Küchler, Saul, 227 und Reiterer, Rede, 25 Anm. 43.
53 Schroer/Staubli, Körpersymbolik 34.
54 Dies., a.a.O., 33. Das gilt zuweilen auch für die Nieren, vgl. etwa Ps 16,7 und
dazu unten 27ff.
55 So mit dem Ketib āḥûlāh (von ḥjl »kreißen, in Wehen liegen«), vgl. BHS z.St.
͗
56 Wolff, a.a.O., 77 diagnostiziert hier einen regelrechten »Herzanfall«, vgl. auch Fre-
vel/Wischmeyer, Menschsein, 33 (Frevel). M.E. ist eher eine äußerste emotionale Erre-
gung ausgedrückt, vgl. Fabry, a.a.O., 424 und Bester, Körperbilder, 192f. Mit den
»Wänden meines Herzens« (qîrôt libbî ) dürfte der Brustkorb, konkret die das Herz
wie »Wände« schützenden Rippen gemeint sein, vgl. Bester, a.a.O., 192 Anm. 505.
12 Bernd Janowski

Dieser vegetativen Schicht der Person entstammen auch die meisten


Sprachbilder in der »Topologie der Klage«57. Das Herz des Klagenden
»flattert« (Ps 38,11),58 es »bebt« (Ps 55,5),59 es »tobt« (Jer 4,19), es
»wankt« (1Sam 28,5), es »verdorrt« (Ps 102,5), es »wird heiß« wie Feuer
(Ps 39,4) oder weich »wie Wachs« und »zerfließt« (Ps 22,15, vgl. 2Sam
17,10 u.ö.).60 Für alle diese Stellen ist der Übergang von der vegetativen
zur emotionalen Bedeutung charakteristisch. Mit Übergängen – vom Ge-
fühl zum Denken und/oder zum Handeln – ist auch bei den funktionalen
Aspekten zu rechnen.

b) Funktionale Aspekte

Der größte Unterschied zwischen unserem und dem hebräischen Ver-


ständnis des Herzens liegt bekanntlich in der kognitiven Funktion (Den-
ken), die ihm im Alten Testament zugeschrieben wird. Aber auch das
Fühlen und Wollen werden im Herzen lokalisiert. Immer wieder zeigt sich
dabei, dass diese drei Funktionen nicht gegeneinander abgegrenzte Eigen-
schaften repräsentieren, sondern ineinander übergehen bzw. sich über-
schneiden61 und im Herzen einen gemeinsamen organischen Fixpunkt
haben. Beginnen wir mit der emotionalen Ebene.

a) Emotionen und Gefühle

Ich hatte bereits darauf hingewiesen, dass Gefühle/Emotionen wie das


›Herzflattern‹ (bei Angst und Beklemmung) oder das ›Herzhüpfen‹ (bei
Freude und Jubel) häufig auf der Basis vegetativer Vorgänge beschrieben
werden.62 So wird das Herz zum Ausgangspunkt der Klage – es schreit
(Jes 15,5), es klagt (Jer 48,36), es weint zu JHWH (Klgl 2,18) –, aber
auch der Freude,63 wie z.B. in Ps 4,7–9:

57 Fabry, a.a.O., 426.


58 S. dazu Bester, a.a.O., 190f.
59 S. dazu dies., a.a.O., 191f.
60 S. dazu dies., a.a.O., 194ff.197ff.
61 Vgl. Markter, Transformationen, 22. Das wird von Krüger, »Herz«, 97ff geleugnet,
s. dazu aber unten 37ff.
62 Vgl. Fabry, a.a.O., 427 und oben 10ff. Zur heuristischen Unterscheidung von
Gefühl (subjektives Erleben, Beispiel: körperliche Hitzeempfindung, aggressive Ge-
stimmtheit) und Emotion (objektiver Sachverhalt, Beispiel: Zorn) s. Wagner, Emotio-
nen, 12ff und Köhlmoos, Gottes Gefühle, 199ff. Zu beachten ist allerdings, dass Ge-
fühle und Emotionen immer interdependent sind, s. dazu Köhlmoos, a.a.O., 200f.
63 Dazu und zu den weiteren Gefühlsregungen des Herzens wie Furcht, Schrecken,
Verzagtheit, Wut, Zorn, Sympathie/Liebe und Antipathie/Hass s. die Übersicht bei
Wolff, Anthropologie, 80ff; Stolz, Art. leb, 862; Fabry, a.a.O., 426.427ff; Smith, Herz,
176f und Markter, a.a.O., 23f.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 13

7 Viele sagen:
»Wer lässt uns Gutes sehen?«
Erhebe doch über uns das Licht deines Angesichts, JHWH!
8 Du hast Freude in mein Herz (leb) gegeben,
mehr als in der Zeit, da ihr Korn und ihr neuer Wein viel waren.
9 In Frieden will ich mich zugleich hinlegen und einschlafen,
denn du, JHWH, allein, in Sicherheit lässt du mich wohnen.64

Oder in 1Sam 2,1, wo Hanna, deren Herz wegen ihrer Kinderlosigkeit


zunächst »böse« ist (rācac 1Sam 1,8),65 nach der Geburt Samuels jubelt:
Und Hanna betete und sprach:
»Froh ist mein Herz (leb) in JHWH,
hoch ist mein Horn in JHWH,
offen ist mein Mund gegen meine Feinde,
denn ich freue mich über deine Rettung.«66

Kummer (Ps 13,3 [// »Sorgen in meiner næpæš«]; 34,19), Angst und Not
(Ps 25,17), Armut (Ps 109,16.22), Schmach (Ps 69,21) und Verzweiflung
(Jes 65,14; Klgl 1,20) lassen das Herz dagegen verzagen, z.B. in Ps 13,2f
(:: V.6):
2 Wie lange, JHWH, vergisst du mich auf Dauer?
Wie lange verbirgst du dein Gesicht vor mir?
3 Wie lange soll ich Sorgen tragen in meiner næpæš,
Kummer in meinem Herzen (leb) Tag für Tag? Herz (Kummer)
Wie lange erhebt sich mein Feind über mich?
4 Blick doch her, erhöre mich, JHWH, mein Gott!
Mach hell meine Augen, damit ich nicht zum Tod entschlafe,
5 damit mein Feind nicht behauptet: »Ich habe ihn überwältigt!«,
meine Gegner nicht jubeln, dass ich wanke!
6 Doch ich – auf deine Güte habe ich vertraut,
mein Herz (leb) juble über deine Rettung: Herz (Jubel)
»Singen will ich JHWH, dass er an mir gehandelt
hat!« (Ps 13)67

Das Herz ist aber nicht die Quelle der positiven und negativen Gefühle/
Emotionen, sondern der Ort, an dem diese in Erscheinung treten. Inwie-
fern ist das so, d.h. warum werden innere Organe wie das Herz, die Leber
(kābed) oder die Innereien (me cîm) zum Ort von Gefühlen/Emotionen?
Die Antwort liegt auf der Hand und wird durch die Ergebnisse der Hu-
64 S. dazu Abart, Lebensfreude, 31ff.
65 rā ca c hier im Sinn von »missmutig, verdrossen sein«, vgl. Dietrich, Samuel 1,18.
66 Vorher hatte Hanna »zu ihrem Herzen gesprochen (dibbær ͑al-leb), nur ihre Lip-
pen bewegten sich und ihre Stimme war nicht zu hören« (1Sam 1,13), sie führte also
ein Selbstgespräch, vgl. Gen 27,41f und die akkadischen Parallelen bei Streck, Art.
Selbstgespräch, 365f. An anderen Stellen wie Gen 34,3; 50,21; Hos 2,16 u.ö. hat das
»Zu-Herzen-Reden« eine Trost- und Ermunterungsfunktion, s. dazu Fabry, a.a.O.,
430f.
67 S. dazu Janowski, Konfliktgespräche, 56ff.
14 Bernd Janowski

manbiologie und der Psychologie bestätigt: Die Emotionen werden des-


wegen »mit dem Herzen und den Innereien verbunden, weil sie dort phy-
sisch erfahren werden«68. Und sie werden dort physisch erfahren, weil das
Herz ein physiologisch empfindliches Organ ist:
»Physiologisch zeigt das Herz deutliche Veränderungen in Verbindung mit unter-
schiedlichen Emotionen. Dieser Punkt ist besonders relevant bei biblischen Gebe-
ten, denn das Herz erscheint als physischer Ort, an dem eine Vielzahl von Emoti-
onen körperlich in Erscheinung tritt. Folglich ist es kaum überraschend, dass das
Herz jenes Organ ist, das von den Israeliten und anderen Völkern des antiken
mittleren Ostens mit Gefühlen in Verbindung gebracht wurde.«69

Die physiologischen Veränderungen, die das Herz in Verbindung mit


unterschiedlichen Emotionen zeigt,70 erlauben es dem Menschen, sich
auf bestimmte Situationen einzustellen. Das lässt sich durch eine Vielzahl
alttestamentlicher Texte belegen, z.B. durch die Klage eines Kranken in
Ps 38,7–9:
7 Ich war gekrümmt, niedergebeugt gar sehr,
den ganzen Tag bin ich niedergedrückt umhergegangen.
8 Ja, meine Lenden waren voller Brand,
und keine heile Stelle war an meinem Leib.
9 Ich war erstarrt und zerschlagen gar sehr,
ich brüllte (auf) wegen des Gestöhns meines Herzens (nahamat libbî ).

Man kann noch einen Schritt weiter gehen. Denn Emotionen sind nicht
nur ein äußerer Ausdruck der inneren Gefühlswelt, sondern auch das
Medium, durch das der Mensch mit anderen kommuniziert und sich ›ver-
nünftig‹, d.h. richtig auf eine Handlung oder Entscheidung vorbereitet.71
Das wird von der neueren Emotionsforschung in Philosophie, Neurowis-
senschaft und Psychologie bestätigt, denn sie zeigt,
»dass die Herrschaft der Vernunft auf eine funktionierende Emotionalität ange-
wiesen ist. Entscheidungen kommen nicht rein rational zustande und Handlun-
gen, welche rationalen Erwägungen folgen sollen, können ohne die motivierende
und bewertende Kraft von Emotionen nicht umgesetzt werden. Wer nicht nur
vernünftig denken, sondern auch vernünftig handeln will, ist auf seine Emotionen
und Gefühle angewiesen«.72

Ein gutes Beispiel für die Handlungs- und Entscheidungsrelevanz von


Emotionen73 ist die Parabel vom Salomonischen Urteil in 1Kön 3,16–28.

68 Smith, Herz, 175.


69 Ders., a.a.O., 177.
70 S. dazu die plastische Kurzbeschreibung bei ders., a.a.O., 179, vgl. Frevel/Wisch-
meyer, Menschsein, 33 (Frevel).
71 Vgl. Smith, a.a.O., 171.179ff, s. zur Sache auch di Vito, Anthropologie, 223ff;
Kruger, Gefühle, 243ff und Janssen/Kessler, Art. Emotionen, 107ff.
72 Engelen, Gefühle und Emotionen, 23, s. dazu ausführlicher dies., Gefühle.
73 S. dazu die Überlegungen von dies., Gefühle und Emotionen, 24f.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 15

Die nach 1Kön 3,4–15 von Salomo in einer Traumvision erbetene und
ihm von JHWH zugesprochene Weisheit, die sich in seinem »hörenden
Herzen« (leb šome ͑a 1Kön 3,9)74 zeigt, bewährt sich in einem klugen Ge-
richtsurteil, das in ganz Israel Eindruck macht (1Kön 3,28). Denn der Kö-
nig wird hier mit einem an sich unlösbaren Fall konfrontiert, bei dem Aus-
sage gegen Aussage steht und es keine objektiven Rechtsmittel (Zeugen,
Indizien) gibt. Überraschenderweise verhilft ein höchst subjektiver Faktor
zur Wahrheitsfindung. Denn die richtige Mutter bekommt ihr Kind zuge-
sprochen, weil sie in mütterlichem »Erbarmen« will, dass das Kind am Le-
ben bleibt und nicht durch das königliche Schwert zerschnitten wird:
Da sprach die Frau, deren Kind das lebende war, zum König, denn es entbrannte
ihr Erbarmen (raḥ amîm)75 über ihr Kind, und sie sagte: »Bitte, mein Herr, gebt
jener das lebende Kind, nur tötet es nicht!« Diese aber sagte: »Weder mir noch dir
soll es gehören, zerschneidet es!« (1Kön 3,26)

Salomos Weisheit besteht darin, dass er das Verhalten der Frau, deren
Kind das lebende war, aufgrund seines »hörenden Herzens« emotional
richtig einschätzt und damit den scheinbar unlösbaren Fall löst. So zeigt
die Parabel, wie sehr Emotionen in einer bestimmten Situation die Auf-
merksamkeit auf die relevanten Gesichtspunkte lenken können76 – wozu
rationale Überlegungen allein nicht in der Lage sind.

b) Erkenntnis und Weisheit


Emotionen, so zeigen die bisherigen Überlegungen, sind nicht Ausdruck
einer inneren Gefühlswelt, die unabhängig von der Außenwelt ist. Im
Gegenteil: Sie spielen eine konstitutive Rolle in der Kommunikation mit
anderen, indem sie dem Individuum helfen, sich gedanklich auf eine be-
stimmte Handlung oder Entscheidung vorzubereiten (»gedankliche Fo-
kussierung«). Das Herz ist dasjenige Organ, das diese Vermittlung zwi-
schen Innenwelt und Außenwelt in hervorragender Weise leistet – oder vor
dieser Aufgabe versagt77 –, und damit beide Sphären in Entsprechung
zueinander bringt. Deshalb zählt »nur dasjenige Außen ..., das auch innen
ist. Jetzt wird die Tat zur Außenseite von etwas Umfassenderem, und es
kommt alles darauf an, dass sie von innen kommt, dass das ›Herz‹ meint,
was der Mund sagt und die Hände tun«78, schematisch:

74 Vgl. V.12: »ein weises und verständiges Herz« (leb ḥākām wenābôn), s. dazu unten
16f.
75 Oder: »ihre Mitleidsregungen«. Diese »entbrennen« (kmr nif.) und führen zu ei-
nem konkreten Handeln, s. dazu Grohmann, Anfang des Lebens, 372ff.
76 Engelen, a.a.O., 24 spricht von »gedanklicher Fokussierung«.
77 S. dazu paradigmatisch den Topos des »störrischen und widerspenstigen Herzens«
(leb sôrer ûmoræh) in Dtn 21,18.20 (rebellischer Sohn); Jer 5,23 (Volk Israel) und Ps
78,8 (Vorfahren).
78 Assmann, Geschichte des Herzens, 81 (s. dazu auch unten 18f), vgl. Schmidt,
Anthropologische Begriffe, 84.90 mit Bezug auf næpæš.
16 Bernd Janowski

Die Übereinstimmung / Nichtübereinstimmung von


Innen (Herz, Gewissen) und Außen (Mund, Hände)
besteht in bzw. führt zu

Aufrichtigkeit / Lüge
Wahrheit / Trug
Gerechtigkeit / Sünde

Diese Innen/Außen-Relation wird besonders an den Stellen deutlich, in


denen die kognitive Funktion des Herzens in Erscheinung tritt. Von den
zahlreichen Belegen79 seien nur einige exemplarische Fälle herausgegrif-
fen. Dass leb/lebāb die »Erkenntnis, Vernunft« meint, macht via negativa
z.B. Dtn 29,3 deutlich, wo die sensorische Wahrnehmung des Herzens
mit der Seh- und Hörfähigkeit der Augen und Ohren parallelisiert wird:
Aber JHWH hat euch nicht gegeben ein Herz (leb) zum Erkennen (lāda cat)
und Augen zum Sehen und Ohren zum Hören bis zum heutigen Tag. (Dtn 29,3)80

Viele Texte des Psalters und des Sprüchebuchs sehen die Aufgabe des
Herzens folglich in der Suche nach Lebensklugheit und Weisheit, die
auch zu einer realistischen Einsicht in die Begrenztheit des Lebens führt:

Das Herz des Verständigen (leb nābôn) sucht Erkenntnis,


aber der Mund der Selbstzufriedenen weidet Narrheit. (Spr 15,14)

Unsere Tage zu zählen, lass (uns) erkennen,


und wir werden einbringen ein weises Herz (lebab ḥåkmāh)! (Ps 90,12)81

Woher kommt solche Erkenntnisfülle des Herzens? Sie kommt aus dem
aufmerksamen Hören, um das der weise Salomo JHWH bittet:

79 S. dazu den Überblick bei Wolff, Anthropologie, 84ff; Stolz, Art. leb, 862f; Fabry,
Art. leb/lebāb, 432ff und Markter, Transformationen, 26ff.
80 Vgl. Dtn 8,5, s. dazu mit weiteren Texten Fabry, a.a.O., 433 und Markter, a.a.O.,
27f.
81 Der Vers bringt in prägnanter Weise den Sachverhalt des Tun/Ergehen-
Zusammenhangs zum Ausdruck: Während mit dem »Zählen der Tage« (V.12a) ein
qualifizierter Umgang mit der Zeit gemeint ist, der diese nicht einfach verstreichen
lässt, sondern der Raum zur sinnvollen Lebensgestaltung schafft (vgl. Schnocks, Ver-
gänglichkeit, 175), ist mit dem »Einbringen« (bô ͗ hif. V.12b) eben dieser Summe der
Ertrag des Lebens gemeint. Dieser Ertrag ist das »weise Herz«, dessen Weisheit darin
besteht, mit dem Wissen um den Tod (vgl. V.3–10!) so umzugehen – eben das be-
deutet das »Zählen der Tage«! –, dass jeder einzelne Tag als Gabe des guten Schöpfer-
gottes angenommen und als Herausforderung bestanden werden kann, vgl. Hossfeld/
Zenger, Psalmen 51–100, 611f (Zenger).
Das Herz – ein Beziehungsorgan 17

So gib deinem Knecht ein hörendes Herz (leb šomea ͑), um dein Volk zu richten,
um den Unterschied zwischen gut und böse zu verstehen, denn wer vermag,
dieses dein zahlreiches Volk zu richten? (1Kön 3,9, vgl. V.12)82

Das »hörende Herz«83 besitzt die »Weite«, d.h. den umfassenden Verstand,
mit dem es die Fülle der Sinneseindrücke erfassen und verarbeiten kann:
Und Gott gab Salomo Weisheit und Einsicht in sehr großem Maß und Weite des
Herzens (roḥab leb), vergleichbar dem Sand, der am Rand des Meeres ist. (1Kön
5,9)84

»Der Salomo von 1 Kön 3«, schreibt G. von Rad, »hätte auch ... sagen
können: Er erbäte sich von Jahwe, dass ihm die Welt nicht stumm bleibe,
sondern ihm vernehmbar werde«85. Sie wurde ihm vernehmbar, denn er
besaß ein »weites Herz«, das ihn lehrte, auf die Ordnung der Schöpfung
(Pflanzen und Tiere) zu achten und die kulturellen Leistungen des Men-
schen (Sprüche und Lieder) zu pflegen (1Kön 5,9–14).86
Im Anschluss an den Soziologen H. Rosa,87 der seinerseits Anregungen des kanadi-
schen Sozialphilosophen Ch. Taylor aufnimmt und weiterführt, könnte man im Blick
auf den Topos des »hörenden Herzens« (1Kön 3,9.12) bzw. der »Weite des Herzens«
(1Kön 5,9) auch von einer resonanten Weltbeziehung sprechen, der zufolge die Au-
ßenwelt nicht stumm bleibt, sondern dem vernehmenden, nicht in sich verschlosse-
nen Selbst auf vielfältige Weise ›antwortet‹. Dem »Verstummen der Welt« und damit
dem Verlust der Resonanzerfahrungen, der »zu dem zentralen Problem der (spät)mo-
dernen Weltbeziehung geworden ist«88, stellen Taylor und Rosa eine Weltsicht entge-
gen, »welche den Kosmos ultimativ als von der Liebe Gottes durchwaltet und in die-
sem Sinne als hinter aller Widersprüchlichkeit, Gleichgültigkeit und Bosheit ›tiefenre-
sonant‹ versteht«89. Von solchen Resonanzerfahrungen – und entsprechend auch Re-
sonanzdefiziten! – sind die alttestamentlichen und ägyptischen Weisheitstexte voll.
Das Herz, das in ihnen eine zentrale Rolle spielt, kann man deshalb auch als das Reso-
nanz- oder Beziehungsorgan des Menschen bezeichnen.

Die im Herz lokalisierte Einsicht drängt aber auch zu dauerhaftem Be-


wusstsein, so dass das Herz die Schatzkammer des Wissens, der Erinne-
rung und des Gedächtnisses ist.90 Aber nicht nur das. Das Herz ist auch

82 S. dazu auch oben 15.


83 S. dazu Fabry, a.a.O., 435f. Dieselbe Wortverbindung findet sich bereits im Ägyp-
tischen, s. dazu Brunner, Das hörende Herz, 3ff.
84 Vgl. 1Kön 10,24; 2Chr 1,11 und 9,23.
85 Von Rad, Weisheit, 309, vgl. Zenger, »Gib deinem Knecht«, 40f.
86 Zu 1Kön 5,9–14 s. Wälchli, Salomo, 67ff.
87 S. dazu Rosa, Weltbeziehungen, 34ff.
88 Ders., a.a.O., 37 (Hervorhebung im Original).
89 Ders., a.a.O., 39.
90 Vgl. Dtn 6,6 (s. dazu oben 8); Ri 16,15.17f; Jes 33,18 und dazu Markter, a.a.O.,
28f. Im Umkreis dieses Bedeutungsaspekts von leb/lebāb als »Einsicht, Bewusstsein«
gibt es prägnante Metaphern wie die »Tafel des Herzens«, auf die nach Spr 7,3 die
Weisheitsworte und nach Jer 17,1 die Sünde Judas eingraviert sind, s. dazu Schenker,
Tafel des Herzens, 68ff.
18 Bernd Janowski

das Organ, das auf die Entsprechung zwischen Innen und Außen achtet
(Spr 16,23), das diese Entsprechung in kritischen Situationen bewahrhei-
tet und sich nicht trügerisch verstellt (Spr 26,24f):
Ein weises Herz (leb ḥākām) macht seinen Mund achtsam,
und auf seinen Lippen fügt es Einsicht hinzu. (Spr 16,23)91

23 Schlackensilber, aufgetragen auf Tonscherben,


(so) sind strömende Lippen und ein böses Herz (leb ra ͑).
24 Mit seinen Lippen verstellt sich ein Hassender,
aber in seinem Inneren (qæræb) legt er Trug (zurecht).
25 Wenn er seine Stimme anmutig macht, traue ihm nicht,
denn sieben Greuel sind in seinem Herzen (leb). (Spr 26,23–25)92

Exkurs 2: Die Aufrichtigkeit des Herzens


Diese Entsprechung zwischen Innen und Außen hat eine Sachparallele in der ägypti-
schen Vorstellung vom menschlichen Herzen, für die der Zusammenhang von
Leibsphäre, wo es um »Zergliederung« und »Zusammenfügung«, und Sozialsphäre, wo
es um »Isolation« und »Einbindung« geht, charakteristisch ist.93 Die ›Schnittstelle‹
zwischen beiden Bereichen ist das Herz, das sowohl in leiblicher wie in sozialer Hin-
sicht die personale Identität des Menschen herbeiführt und garantiert:

Leibsphäre / Innen Sozialsphäre / Außen


Der Körper und seine Glieder: Individuum und Gemeinschaft:
Zergliederung Isolation
»Herz« als
Zentralorgan

Zusammenfügung Einbindung
(»Verknotung«) (»Vergesellschaftung«)
durch durch
»Blut« (= Leben) als konnektives »Gerechtigkeit« als konnektives
Prinzip vs. Tod, Krankheit u.a. als Prinzip vs. Ungerechtigkeit, Habgier
Kräfte des Zerfalls u.a. als Kräfte des Zerfalls

Abb.1: Das Herz in der ägyptischen Anthropologie

Das Herz ist die zentrale Stelle im Menschen, »der alle Sinne ihre Eindrücke ›melden‹
und das dann die Lage erkennt und Entschlüsse faßt. Es hat also auf das, was von
außen zum Menschen kommt – sei es durch die Sinne, sei es durch Gott – zu hö-
ren.«94 Diese Fühlen, Denken und Wollen umfassende Funktion des Herzens kommt
in grundsätzlicher Weise im späten Denkmal Memphitischer Theologie (25. Dynastie)

91 S. dazu unten 38f.


92 Übersetzung Meinhold, Sprüche 2, 446, s. zur Sache auch Fabry, a.a.O., 436.
93 S. dazu Assmann, Tod, 34ff.
94 Brunner, Das hörende Herz, 5.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 19

zum Ausdruck, wo es in Z.54 von der Schöpfung und Einrichtung der Welt durch
Ptah heißt:

Durch es (sc. das Herz) ist Horus, und durch sie (sc. die Zunge) ist Thot aus Ptah
hervorgegangen. So entstand die Vorherrschaft von Herz und Zunge über [alle
anderen] Glieder, und sie zeigt, dass er (Ptah) an der Spitze jedes Leibes und jedes
Mundes aller Götter, aller Menschen, [aller] Tiere und aller Würmer steht, die le-
ben, wobei er alles denkt und befiehlt, was er will.95

Nach Z.56 werden die Lebensfunktionen dabei so verteilt, dass das Herz der Sitz des
Verstandes und die Zunge das Medium der sprachlichen Mitteilung ist:

Die Götterneunheit erschuf das Sehen der Augen, das Hören der Ohren und das
Riechen der Nase, und sie (sc. die Sinnesorgane) leiten es zum Herzen weiter. Die-
ses ist es, das alle Erkenntnis hervorbringt, und die Zunge ist es, die verkündet,
was das Herz erdenkt.96

Wenn die Tat von innen kommt, wenn also »das ›Herz‹ meint, was der Mund sagt
und die Hände tun«97, dann entsprechen sich Innen und Außen und fügen sich zu
einem stimmigen Ganzen zusammen, das man als »Aufrichtigkeit« bezeichnen kann.
Dieses Handlungsprinzip lässt sich bis zur Lehre des Ptahhotep (wohl aus dem Mittle-
ren Reich, 11./12. Dynastie, 2020–1793 v.Chr.) zurückverfolgen, die als locus classicus
der ägyptischen Vorstellung vom Herzen und ihrer Grundunterscheidung von Innen
und Außen gelten kann:

Man erkennt einen Weisen an dem, was er weiß,


und einen Adligen an seinem guten Benehmen.
Sein Herz (jb) stimmt mit seiner Zunge überein,
und seine Lippen sind aufrichtig, wenn er spricht. (Ptahhotep 526–528)98
(Ende des Exkurses)

g) Wille und Plan

Das Herz ist schließlich der Sitz des Wollens und Planens (vgl. Spr 16,999),
wobei der Übergang von der kognitiven zur voluntativen Funktion wie-
der fließend ist. Da das Tun des Guten sich nicht von selbst versteht,
muss der Mensch zu ihm angeleitet werden. Dies geschieht, wie der fol-
gende ägyptische Text aus der 18. Dynastie besonders klar zeigt, durch
das Herz als der Triebfeder menschlichen Handelns:

95 Übersetzung Peust/Sternberg, Denkmal, 173.


96 Übersetzung dies., ebd., s. dazu Brunner, Art. Herz, 1163 und ders., Herz, 9f.
97 Assmann, Geschichte des Herzens, 81, s. dazu ders., a.a.O., 103ff; ders., Ma ͗at,
85.119ff; ders., Ägypten, 154ff und Junge, Lehre Ptahhoteps, 113ff.
98 Übersetzung ders., Geschichte des Herzens, 104. Eine etwas andere Übersetzung
bietet Junge, a.a.O., 183.
99 »Das Herz (leb) des Menschen plant (ḥāšab) seinen (Lebens-)Weg, aber JHWH
lenkt seinen Schritt.«
20 Bernd Janowski

Mein Herz war es, das mich dazu antrieb,


(meine Pflicht) zu tun entsprechend seiner Anleitung.
Es ist für mich ein ausgezeichnetes Zeugnis,
seine Anweisungen habe ich nicht verletzt,
denn ich fürchtete, seine Anleitung zu übertreten
und gedieh deswegen sehr.
Trefflich erging es mir wegen seiner Eingebungen für mein Handeln,
tadelsfrei war ich durch seine Führung.
[...] sagen die Menschen,
ein Gottesspruch ist es (= das Herz) in jedem Körper.
Selig der, den es auf den richtigen Weg des Handelns geführt hat!100

Von der »treibende(n) Kraft der voluntativen Bestrebungen«101 des Her-


zens, die seinen Träger zu einem bestimmten Handeln motiviert, geht
auch das Alte Testament aus. Bei diesen Bestrebungen lassen sich mit H.-
J. Fabry drei Schritte – die Formierung eines Gedankens, der Übergang
von der Absicht zum Wunsch und die Ausrichtung auf ein Ziel – unter-
scheiden:102

• Formierung eines Gedankens


Der erste Schritt besteht im Nachdenken oder Sinnen, d.h. in der For-
mierung eines Gedankens »im Herzen«, die zu einer Handlungsabsicht
führt. So sagt Nathan zu David, als dieser darüber nachdenkt, dass er in
einem Haus aus Zedernholz sitzt, während die Lade Gottes in einem Zelt
wohnt (2Sam 7,2):
Alles, was in deinem Herzen (bilbābekāh) ist, geh, tue es,
denn JHWH ist mit dir! (2Sam 7,3)

• Übergang von der Absicht zum Wunsch

Der zweite Schritt umfasst den Übergang von der Absicht zum Wunsch,
der Kontur gewinnt, wenn vom Sprechen im Herzen oder zum eigenen
Herzen die Rede ist. So heißt es – um einen locus classicus anzuführen –
im Prolog der nichtpriesterlichen Flutgeschichte (Gen 6,5–8), dass JHWH,
den es reute, den Menschen geschaffen zu haben, darüber und über die
Bosheit des menschlichen Herzens (Gen 6,5) Schmerz empfand:
5 Und JHWH sah,
dass die Bosheit des Menschen zahlreich war auf der Erde
und jedes Gebilde der Gedanken seines Herzens (jeṣær maḥšebot libbô)
nur böse war alle Tage.

100 Assmann, Ma ͗at, 120.


101 Fabry, Art. leb/lebāb, 437.
102 S. dazu ders., a.a.O., 434f.437f.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 21

6 Da reute es JHWH,
dass er den Menschen auf der Erde gemacht hatte,
und es schmerzte ihn in seinem Herzen (wajjit ͑aṣṣeb ͗æl-libbô).103
7 Und JHWH sprach:
»Ich will austilgen den Menschen, den ich geschaffen habe,
von der Oberfläche des Ackerbodens,
vom Menschen bis zum Vieh,
bis zum Gewürm bis zu den Vögeln des Himmels,
denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.«
8 Noah aber fand Gnade in den Augen JHWHs.

Am Ende der nichtpriesterlichen Fluterzählung nimmt JHWH seinen


Vernichtungsbeschluss durch einen Akt der Barmherzigkeit zurück und
sichert der Erde damit ihren Fortbestand zu (Gen 8,20–22). Auch hier ist
das Herz Gottes involviert, und zwar dasjenige Herz, das nach Gen 6,6
den Plan zur Vernichtung des Menschen gefasst hatte:
20 Und Noah baute einen Altar für JHWH
und nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln
und ließ Brandopfer aufsteigen auf dem Altar.
21 Da roch JHWH den lieblichen Duft,
und er sagte zu seinem Herzen ( ͗æl-libbô = zu sich):
»Ich will nicht noch einmal den Ackerboden um des Menschen
willen verfluchen,
denn das Gebilde des Herzens des Menschen ist böse von Jugend auf,
und ich will nicht noch einmal alles Lebendige schlagen, wie
ich es getan habe.
22 Während aller Tage der Erde (gilt):
Saat und Ernte, Kälte und Hitze,
Sommer und Winter, Tag und Nacht sollen nicht aufhören.«104

• Ausrichtung auf ein Ziel


Das Herz richtet sich schließlich auf ein bestimmtes Ziel aus, das die Hand-
lung einleitet. Beispiele mit destruktiver Zielausrichtung sind die Vernich-
tung eines Beters durch dessen ›Freund‹ (Ps 55,22), die Gewalt der »bö-
sen Männer« (Spr 24,2) oder die Gottlosigkeit Rehabeams (2Chr 12,14):
21 Er legte seine Hände an seine Freundschaft,
entweihte seinen Bund.
22 Glatt waren die Butterstücke seines Mundes,
aber sein Herz (leb) war Krieg.
Milder waren seine Worte als Öl,
doch sie waren gezückte Messer. (Ps 55,21f)

103 Wörtlich: »es schmerzte ihn zu ( ͗æl) seinem Herzen hin / hinsichtlich seines Her-
zens«, vgl. Ges18 999 s.v. cṣb hitp.: »und er empfand Schmerz bis in sein Herz hinein«.
Die Präposition ͗æl bezeichnet die Richtung zu dem Ort bzw. Körperorgan hin, in
dem der Vernichtungsbeschluss JHWHs (V.7) dann gefasst wird, vgl. zur Konstruk-
tion auch 1Sam 20,34 und 2Sam 19,3.
104 Zu diesen beiden Texten s. Janowski, Empathie des Schöpfergottes (im Druck).
22 Bernd Janowski

1 Sei nicht eifersüchtig auf die bösen Männer


und begehre nicht, mit ihnen zu sein!
2 Denn auf Gewalttätigkeit sinnt ihr Herz (leb),
und Beschwerliches reden ihre Lippen. (Spr 24,1f)105

Und er (sc. Rehabeam) tat Böses, denn er hatte sein Herz (leb) nicht gefestigt, um
JHWH zu suchen. (2Chr 12,14)

Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Fokussierung des Herzens


auf ein bestimmtes Ziel ist die Beschreibung der Innenwelt des Frevlers
und seines Tuns in Ps 36,2–5:106
2 Raunen des Verbrechens zum Frevler inmitten meines Herzens (leb),
kein Gottesschrecken (ist/steht) vor seinen Augen.107
3 Denn es schmeichelte ihm in seinen Augen108
hinsichtlich des Findens seiner Verkehrtheit,109 um (sie) zu hassen.
4 Die Worte seines Mundes sind Unheil und Trug,
er hat aufgehört, klug zu handeln, Gutes zu tun.
5 Unheil ersinnt er auf seinem Lager,
er stellt sich auf einen Weg, der nicht gut ist,
Böses verabscheut er nicht.

Der Beter, der hier spricht, hört in sich hinein und vernimmt dabei das
»Raunen des Verbrechens«, das ihn zum Frevler machen will (V.2a).110
Die Sünde, so stellt der Text fest, ist eine Möglichkeit, die im Zentralor-
gan des – oder genauer: jedes – Menschen, nämlich in seinem »Herz«
(leb) lokalisiert und über die Augen mit der Außenwelt verbunden ist,
wobei der Frevler sich aber nicht einmal von einem »Gottesschrecken«
erschüttern lässt:

105 Zu beachten ist in V.2 das Verb hāgāh »murmelnd nachsinnen«: »Das Aus-
denken mit undeutlich murmelndem Selbstgespräch (in den Sprüchen noch 8,7;
15,28) wird dem Herzen als Äußerungsorgan zuerkannt; vernehmbar ausgesprochen
und damit angekündigt werden die bösen Pläne mit dem Mund, für den die Lippen
als sein äußerster Rand stehen. Abgezielt ist auf Gewalttätigkeit« (Meinhold, Sprüche
2, 401). Zu hāgāh in Spr 15,28 s. unten 38.
106 S. dazu außer Lohfink, Innenschau, 172ff und Janowski, Gott, 239ff noch Diet-
rich, Individualität, 83ff und Lichtenstein, Das »innere Chaos«, 49ff, der Ps 36,2–5
unter dem Thema des »Gewissens« analysiert. Zu leb/lebāb in der Bedeutung »Gewis-
sen« s. unten 24f.
107 Die Numerusdifferenz der beiden Suffixe »mein Herz« / »seine Augen« ist beab-
sichtigt und nicht zu korrigieren, s. dazu Janowski, a.a.O., 239 Anm. 29.
108 Wörtlich: »denn es (sc. das Verbrechen) glättete ihm (seine Zunge/Worte) in
seinen Augen / umschmeichelte ihn in seinen Augen«.
109 Zum »Finden = Aufdecken« der Verkehrtheit s. noch Gen 44,16.
110 In Ps 14,1 wird sogar der Inhalt der Rede des »Toren« (nābāl ) mitgeteilt, die
dieser in seinem Herzen kundtut: »Der Tor sprach in seinem Herzen (leb): ›Es gibt
keinen Gott!‹ / Sie haben Verderben angerichtet, abscheulich gehandelt, es gibt kei-
nen, der Gutes tut«. Zu den Gemeinsamkeiten zwischen Ps 14 und Ps 36 s. Hossfeld/
Zenger, Psalm 1–50, 223.226; Hüllstrung, »Nabal«, 168 und Lichtenstein, a.a.O., 56
mit Anm. 34.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 23

»Die Stelle des Leibes, wo der Sünder das Maß des Menschlichen verliert, sind
seine Augen. Das Wort ›Auge‹ wird wiederholt (2b.3a) und beherrscht dadurch
den Anfang der Beschreibung. Die Fenster des Menschen zur Welt sind keine
Fenster mehr. Das Instrument, mit dem Wirklichkeit wahrgenommen und akzep-
tiert werden sollte, funktioniert nicht mehr. Denn vor den Augen müsste, wenn
ein Mensch schon in die Sünde hineingeraten ist, Gottes Schrecken ansichtig wer-
den: Gottes Reaktion auf das wirklichkeitszerstörende Sündigen, und nochmals
dahinter einfach seine absolute Andersheit, sein Gottsein. Das können diese Au-
gen nicht mehr wahrnehmen.«111

Warum? Weil der Frevler ein in sich verkrümmter Mensch (homo incur-
vatus in seipsum) ist: Er hat Augen, die nicht fähig sind, die eigene Ver-
kehrtheit aufzudecken und zu hassen (V.3), und einen trügerischen
Mund, der aufgehört hat, aus Einsicht (śkl hif.) Gutes zu tun (V.4). Da-
rum ersinnt er (ḥāšab) Unheil »auf seinem Lager« (V.5aa)112 und führt es
auch aus, indem er einen Weg betritt, der nicht gut ist, und das Böse
nicht verabscheut (V.5ab).113 So führt hier – im Gegensatz zum »weisen
Herzen« von Spr 16,23, das den Mund seines Trägers achtsam macht
und auf seinen Lippen Einsicht hinzufügt114 – die Bewegungsrichtung
des frevelhaften »Raunens« vom Herzen (V.2a) über die Augen (V.2b.3)
zum Mund (V.4) und von da zur bösen Tat (V.5). Das ist, wie V.4a un-
terstreicht (»er hat aufgehört, klug zu handeln, Gutes zu tun«), eine
Handlungskette, die an Konsequenz nichts zu wünschen übrig lässt!

• Zwischenfazit
Der Begriff leb/lebāb, so können wir resümieren, fungiert als Bezeichnung
für sämtliche Schichten der Person – die vegetative, die emotionale, die
kognitive und die voluntative Schicht – und hält damit wie kein anderer
anthropologischer Begriff des Alten Testaments die Mehrschichtigkeit der
Personstruktur fest.115 Diese Mehrschichtigkeit zeichnet bereits eine ein-
zelne Funktion des Herzens wie das Wollen aus, das sich in mehrere Ein-
zelschritte zerlegen lässt, nämlich:

111 Lohfink, a.a.O., 178.


112 Vgl. das Wehewort Mi 2,1: »Wehe denen, die Unrecht planen / und Böses tun
auf ihren Lagern: beim Morgenlicht führen sie es aus, / denn es steht in der Macht
ihrer Hände«. Nach Kessler, Micha, 114f zeigt die sprachliche Nähe von Ps 36,5 zu
Mi 2,1 »dass in der prophetischen Sozialkritik häufig von außen eben die Zustände
kritisiert werden, die in den Klagen des Einzelnen der Betende als Betroffener be-
klagt«. Ps 36,5 beschreibt also die Innensicht der Vorgänge, deren Außenwirkung Mi
2,1–3 demonstriert.
113 Zu śkl hif. und ḥāšab in V.4f s. Lichtenstein, a.a.O., 61f.
114 S. dazu unten 38f.
115 Vgl. Fabry, Art. leb/lebāb, 425f.
24 Bernd Janowski

– in die Formierung eines Gedanken, die zu einer Handlungsabsicht


führt (z.B. 2Sam 7,3)
– in den Wunsch, diese Absicht in die Tat umzusetzen (z.B. Gen 6,6f)
– in die Ausrichtung auf ein Ziel, das die Handlung einleitet (z.B. Spr
24,1f)

Dieser Übergang vom anfänglichen Nachdenken (1) zur konkreten Hand-


lungsabsicht (2) und von dieser zur Ausrichtung auf ein Handlungsziel (3)
hat eine Entsprechung in den fließenden Übergängen, die die Gefühls-,
die Verstandes- und die Willensfunktion des Herzens immer wieder mit-
einander verbinden. Darauf wird zurückzukommen sein.116
Da das Herz der Ort der Erkenntnis und des Wollens ist, kommt es dazu, dass
leb/lebāb (fast ausschließlich im dtr Geschichtswerk) die Bedeutung »Gewissen« an-
nimmt. Ein schönes Beispiel dafür ist die Erzählung von der Verschonung Sauls in
1Sam 24,1–23. Während seiner Verfolgung Davids, so wird berichtet, ging Saul in
eine der Höhlen bei En-Gedi, um seine Notdurft zu verrichten, ohne zu merken, dass
David und seine Männer im Rückraum der Höhle saßen. Dann geschieht folgendes:

5 Und die Männer Davids sagten zu ihm:


»Siehe, das ist der Tag, von dem JHWH dir gesagt hat:
›Ich werde deinen Feind in deine Hände geben!‹
Siehe, geh mit ihm um, wie es in deinen Augen gut ist!«
Und David erhob sich
und schnitt heimlich den Zipfel von Sauls Mantel ab.
6 Und es war danach, und Davids Herz (leb) schlug (nkh hif.) ihn,
dass er den Zipfel von Sauls ›Mantel‹ abgeschnitten hatte.
7 Und er sagte zu seinen Männern:
»Das sei fern von mir um JHWHs willen,
dass ich so etwas meinem Herrn, dem Gesalbten JHWHs, antue,
meine Hand nach ihm auszustrecken,
denn der Gesalbte JHWHs ist er!«

Das nachträgliche »Schlagen« von Davids Herz hat weder einen physiologischen noch
einen emotionalen Grund, sondern ist als Reaktion des ethischen Urteilsvermögens,
also als »Gewissen« zu verstehen.117 Es zeigt aber nicht nur an, »welch schlimmen
Tabubruch allein schon der Zugriff auf den Mantel der durch die Salbung geheiligten
Person des Königs darstellt«118, sondern wie gefährlich nah David vor der Versuchung
stand, Hand an Saul zu legen (vgl. V.11f!). Als »Gewissen« ist das Herz die Instanz im
Innern des Menschen, die sich in moralisch sensiblen Entscheidungs- und Handlungssi-
tuationen ›pochend‹ bemerkbar macht und seinen Besitzer auf seine Verantwortung
›anspricht‹ (Unterscheidung von moralisch richtig/gut und moralisch falsch/böse).119 In

116 S. dazu unten 37ff.


117 Vgl. Dietrich, Samuel 2, 718f. Zu den weiteren Belegen für leb/lebāb in der Be-
deutung »Gewissen« (2Sam 24,10; 1Kön 8,38 u.ö.) s. Wolff, Anthropologie, 91.111f
u.ö; Eckstein, Syneidesis, 105ff; Fabry, a.a.O., 439f; Markter, Transformationen, 30f
und Lichtenstein, Menschenkenntnis Gottes (im Druck).
118 Krauss/Küchler, David, 215.
119 Zu Begriff und Phänomen des Gewissens s. Forschner, Art. Gewissen, 110ff und
die Beiträge in Schaede/Moos (Hg.), Gewissen.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 25

unserer Tradition sprechen wir von einem »Gewissensbiss«. David »schlägt« noch ein
zweites Mal das Herz, nämlich nach der von ihm durchgeführten Volkszählung
(2Sam 24). Wie in 1Sam 24,6 ist dabei auffallend, dass das »Schlagen« des Herzens
dem Wort Gottes gegenübergestellt wird (vgl. 1Sam 24,13):
Danach aber schlug (nkh hif.) Davids Herz (leb) ihn, ‹dass› er das Volk gezählt
hatte, und David sagte zu JHWH: »Ich habe schwer gesündigt, weil ich das getan
habe. Aber nun, JHWH, vergib doch die Schuld deines Knechtes, denn ich habe
sehr töricht gehandelt!« (2Sam 24,10)

Exkurs 3: Die Herzwägung im Totengericht

Obwohl der Gesamtvorgang ein anderer ist, fühlt man sich bei dem Topos »Gewis-
sen, Gewissenserforschung« an die »Herzwägung« im ägyptischen Totengericht erin-
nert (s. Abb. 2), in dem der Verstorbene seine Unschuld beteuert, um den Nachweis
der »Ma a͗ t-Konformität des Herzens«120 zu erbringen. Der Text von Spruch 30A des
Totenbuchs beschwört das Herz des Toten, sich diesem »nicht zu widersetzen im To-
tenreich«, sondern im Einklang mit ihm zu bleiben, wie es das Bild der Waage ein-
drücklich zeigt:

1 Mein Herz meiner Mutter,


mein Herz meiner Mutter,
mein Herz meiner irdischen Existenz –
Stehe nicht auf gegen mich als Zeuge
5 vor den (Var.: zur Seite der) »Herren des Bedarfs«!

Sprich nicht gegen mich:


»Er hat es tatsächlich getan« – dem entsprechend, was ich getan habe–,
laß keine Anklage gegen mich entstehen
vor dem (Var.: zur Seite des) Größten Gott, dem Herrn des Westens!«121

Abb.2: Herzwägung im Totengericht (Ägypten, Neues Reich)

120 Assmann, Ägypten, 155. Die Abb. stammt aus Brunner-Traut, Mythen, 73. Zum
Rechtfertigungsgeschehen des ägyptischen Totengerichts s. Hornung, Tal der Könige,
149ff; Assmann, Ma ͗at, 122ff; ders., Ägypten, 178ff; ders., Herrschaft, 139ff.154ff;
ders., Tod, 106ff.200ff.380ff.531ff, ferner Brunner-Traut, a.a.O., 72ff u.a.
121 Übersetzung Hornung, Totenbuch, 95.
26 Bernd Janowski

Die Wägeszene gehört zur Standardillustration der Totenbücher. Danach wird der
Verstorbene in die Gerichtshalle des Osiris und seiner 42 Beisitzer geführt und dort
vernommen. Während auf einer von dem schwarzköpfigen Totengott Anubis (links,
den Verstorbenen geleitend) beobachteten Waage sein Herz (als Organ der bewussten
Lebensführung) gegen die Ma ͗at bzw. deren Symbol (eine Feder) aufgewogen wird,
spricht der Tote das negative Sündenbekenntnis (s. im Folgenden). Ein Fehlverhalten
auf Erden bringt die Waage zum Ausschlag, und der Gott der Rechenkunst, Thot
(rechts), verzeichnet unbestechlich die Sünden. Der schließlich als »Feind« oder »Ver-
dammter« überführte Mensch wird der »Fresserin«, einem Mischwesen aus Krokodils-
kopf, Löwenleib und Nilpferdhinterteil (links von der die Ma a͗ t-Feder tragenden
Waagschale) übergeben. Die postmortale Existenz des Menschen hing demnach ent-
scheidend von seinem ethischen Verhalten auf Erden ab, das in diesem Vorgang der
Herzwägung geprüft wird. Spruch 125 des Totenbuchs versprachlicht diesen Vorgang
in Form des sog. »Negativen Sündenbekenntnisses«:

Ich (sc. der Verstorbene) habe kein Unrecht gegen Menschen begangen,
und ich habe keine Tiere misshandelt.
15 Ich habe nichts »Krummes« an Stelle von Recht getan.
Ich kenne nicht, was es nicht gibt,
und ich habe nicht Böses erblickt (Var.: getan).

Ich habe nicht am Beginn jeden Tages die vorgeschriebene


Arbeitsleistung erhöht,
mein Name gelangte nicht vor den »Leiter der Barke« (Sonnengott?).
20 Ich habe keinen Gott beleidigt.
Ich habe kein Waisenkind an seinem Eigentum geschädigt.
Ich habe nicht getan, was die Götter verabscheuen.
Ich habe keinen Diener bei seinem Vorgesetzten verleumdet.

Ich habe nicht Schmerz zugefügt und (niemand) hungern lassen,


25 ich habe keine Tränen verursacht.
Ich habe nie getötet,
und ich habe (auch) nicht zu töten befohlen;
niemandem habe ich ein Leid angetan.122

Und so geht es weiter. »Im Totengericht«, so E. Hornung, »wird der Ist-Zustand des
irdischen Lebens für jeden Menschen mit dem Soll-Zustand verglichen und ausgewo-
gen.«123 Es ist »kein einmaliges ›Jüngstes Gericht‹, sondern, ständig erneuert, die gro-
ße Reinigung, die den Menschen erst dazu fähig macht, das Jenseits und damit die
Welt der Götter zu betreten«124. In seinem Zentrum steht die Konfrontation von
Herz und Ma ͗at als den Symbolen des »inneren Menschen«125 und der göttlichen
Sphäre. Nur wenn beides in Übereinstimmung ist, wenn also das Herz zum Ort und
Träger der Ma ͗at wird bzw. im Totengericht als solches befunden wird, kann davon

122 Übersetzung ders., a.a.O., 234, s. dazu auch Assmann, Ma ͗at, 136ff und ders.,
Herrschaft, 156ff.
123 Hornung, Schwarze Löcher, 231.
124 Ders., ebd., vgl. Assmann, Ma ͗at, 124ff und ders., Ägypten, 155.
125 Zur ägyptischen Auffassung vom Herzen als Symbol des »inneren Menschen« s.
oben 18f.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 27

die Rede sein, dass »der Mensch sich seiner Individualität bewußt wird und ›von in-
nen‹ gesteuert weiß«126. (Ende des Exkurses)

2. Gott und das menschliche Herz

Der einzige, der Zugang zum menschlichen Herzen hat, ist Gott: er hat
es geschaffen (vgl. Ps 33,15),127 er sieht in es hinein und er »prüft« es zu-
sammen mit den Nieren. Dieser göttliche Prüfvorgang, aber auch die Bit-
te um ein »reines Herz« steht im Folgenden im Vordergrund. An beiden
Motiven lässt sich das Verhältnis Gottes zum Personzentrum des Men-
schen paradigmatisch aufzeigen.

a) »Der Herz(en) und Nieren prüft«

Von den inneren Organen des Menschen sind es neben dem Herzen be-
sonders die Nieren, die im Alten Testament (13mal) mit den ver-
schiedensten Regungen und Qualitäten in Verbindung gebracht wer-
den.128 Sie sind der Sitz der Empfindungen, sie sind von Gott geschaffen
und fungieren als nächtliche Lehrmeister des Menschen.

• Sitz der Empfindungen

Die Nieren gelten als Sitz der Empfindungen von der Freude bis zum
tiefsten Leid:
15 Mein Sohn, wenn dein Herz (leb) weise geworden ist,
freut sich tatsächlich mein Herz (leb),
16 und es frohlocken meine Nieren (kelājôt),
wenn deine Lippen Aufrichtiges sagen. (Spr 23,15f)

21 Als mein Herz (leb) sich verbitterte,


und ich in meinen Nieren (kelājôt) ein scharfes Stechen fühlte,
22 da war ich ein Dummkopf und begriff nicht,
(ganz und gar) Vieh war ich vor dir. (Ps 73,21f)

Die tiefste seelische Not sitzt in den Nieren. Nach Hi 16,12–14 erscheint
Gott als feindlicher Bogenschütze, der seine Pfeile auf seinen leidenden
Knecht abschießt und diesen tödlich in die Nieren trifft:

12 Ruhig lebte ich, da hat er mich durchgeschüttelt,


er hat mich im Genick gepackt und mich zerstückelt.
Er hat mich für sich zur Zielscheibe hingestellt,

126 Assmann, a.a.O., 121.


127 S. dazu unten 28f.
128 Zu den Nieren im Alten Testament s. Wolff, a.a.O., 111f; Kellermann, Art.
kelājôt, 185ff; ders., Art. Nieren,
926; Kegler, Beobachtungen, 33ff; Frevel/Wischmeyer,
Menschsein, 34ff (Frevel) und Liess, Weg des Lebens, 198.
28 Bernd Janowski

13 es umringen mich seine Pfeile,


er spaltet meine Nieren (kelājôt) und verschont nicht,
er gießt zur Erde aus meine Galle (mererāh);
14 er zerreißt mich, Riss auf Riss,
er rennt gegen mich an wie ein Kriegsheld. (Hi 16,12–14)129
Er hat gebracht über meine Nieren (kelājôt) die Söhne des Köchers
(= seine Pfeile). (Klgl 3,13)

• Erschaffung durch Gott


Die Nieren sind von Gott geschaffen. Nach Ps 139,13–18 rekurriert der
Beter auf diesen Sachverhalt, indem er an seine »persönliche Schöpfungs-
geschichte«130 erinnert:
13 Fürwahr, du selbst hast meine Nieren (kelājôt) geschaffen,
hast mich gewoben im Leib meiner Mutter.
14 Ich preise dich, dass ich erschreckend wunderbar bin,
wunderbar sind deine Werke, und meine næpæš (= ich)131
weiß das wohl.
15 Nicht war mein Gebein (coṣæm) verborgen vor dir,
als ich gemacht wurde im Verborgenen,
kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde.
16 Mein Ungeformtes (golem)132 sahen deine Augen,
und in dein Buch werden sie allesamt geschrieben werden:
die Tage, die geformt wurden, als (noch) nicht einer von ihnen war.
17 Mir aber – wie kostbar sind mir deine Absichten, Gott,
wie gewaltig sind ihre Summen!
18 Wollte ich sie zählen, sind sie zahlreicher als Sand,
ich bin erwacht, und noch bin ich bei dir.
Nach dem Weg nach außen in die Weite des Kosmos (V.7–12) wird hier
der Weg nach innen zum Geheimnis der Geburt beschrieben. Dabei be-
zeichnet das Innere – dafür stehen die »Nieren« (V.13a) – dasjenige am
Menschen, was neben dem »Herz« (V.23a) der Prüfung durch JHWH
unterliegt (vgl. Ps 33,15). Der Mensch, so weiß der Beter, ist von Gott
»geschaffen« // »gewoben im Leib meiner Mutter« (V.13). Und dieses
Wissen wird für ihn zum Gegenstand der rückblickenden Dankbarkeit
(V.14) für das wunderbare Handeln Gottes, das in der Regel dessen Ta-
ten in der Geschichte (Ex 34,10; Ps 45,5; 65,6; 106,22 u.ö.) bezeichnet.
129 Übersetzung Ebach, Hiob 1, 136. Nach Kellermann, a.a.O., 189 verraten Hi
16,13 und Klgl 3,13, dass hier »die äußerst stechenden Schmerzen einer Nierenkolik
infolge von Nierensteinen bildhaften Ausdruck fanden«. Auch Ps 16,7 führt Keller-
mann als Beleg für Nierenschmerzen an, s. dazu aber unten Anm. 133.
130 Wolff, a.a.O., 149.
131 Der Begriff næpæš, der in V.13–16 im Kontext von Körperbegriffen auftritt (Nie-
ren, Mutterleib, Gebein, Ungeformtes), fungiert dabei als ein »Stellvertreterausdruck
der Person«, s. dazu oben 4f.
132 Bei dem Terminus golem geht es nicht um Details der Menschwerdung, sondern
um den Rückgriff auf deren zeitlichen Anfang. Zu golem bzw. zum Embryo s. Groh-
mann, Anfang des Lebens, 368f; Staubli/Schroer, Menschenbilder, 49f u.a.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 29

Interessanterweise wird die Aussage über das »Ungeformte« (V.16a) durch den Ge-
danken der noch ungeformten Lebenstage fortgeführt, die im göttlichen Buch ver-
zeichnet sind und das Leben des Menschen vorausbestimmen (V.16b). Das aber
heißt: Gott ist nicht nur der Schöpfer des Lebens, sondern auch der Souverän der Zeit
(vgl. Ps 90,2–4). Der Text reflektiert damit die Nicht-Existenz der Lebenstage im
Kontrast zu ihrer Existenz bei Gott und stellt den Beter abermals vor das Wunder der
kostbaren Absichten Gottes (V.17f). Der Form nach ist V.17 ein Bewunderungsruf
über die unermessliche Größe Gottes bzw. seiner Gedanken (V.18b, vgl. Ps 104,24,
ferner Ps 36,8 u.a.), die sich der Beter bewusst vor Augen stellt und an die er sich er-
innert. So verläuft der gedankliche Weg des Beters von innen wieder nach außen zur
Gewissheit der dauernden Gottesgemeinschaft. Aber diese Gemeinschaft mit Gott ist
durch Frevler // Blutmänner gefährdet, wenn der Beter den rechten Weg verlässt, um
mit ihnen gemeinsame Sache zu machen (V.19–22). Das tut er aber nicht. Um sich
seiner Haltung zu vergewissern, bittet er um eine erneute Erforschung seines Herzens
und seiner Gedanken durch Gott (V.23f):

19 Wenn du (doch) tötetest, Gott, den Frevler,


und ihr Blutmänner, weicht von mir,
20 die dich arglistig nennen,
die (ihre Stimme) zu Haltlosem erhoben haben, deine Feinde!
21 Hasse ich etwa nicht, JHWH, die dich hassen,
und ekle ich mich etwa nicht vor denen, die sich gegen dich auflehnen?
22 Mit äußerstem Hass hasse ich sie,
zu Feinden sind sie mir geworden.
23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz (lebāb),
prüfe mich und erkenne meine Gedanken (śar cappîm)!
24 Und sieh, ob ein Götzenweg an mir ist,
und leite mich auf ewigem Weg!

• Nächtliche Lehrmeister
Schließlich ist das in Ps 16,7 enthaltene Bild von den Nieren als den
nächtlichen Lehrmeistern zu nennen, das im Alten Testament ohne Pa-
rallele ist:
Ich segne JHWH, der mich beraten hat,
auch in Nächten mahnen mich meine Nieren (kelājôt).133

Als Sitz der innersten Regungen des Menschen sind die Nieren ebenso
wie das Herz der Ort des Einwirkens Gottes. So steht die in Jer 11,20; 12,3
(nur leb); 17,10; 20,12 sowie in Ps 7,10 und 26,2 belegte Wendung vom
›Prüfen von Herz(en) und Nieren‹134 für das innerste Wesen des Men-
schen, zu dem nur Gott Zugang hat und das er »prüft« (bāḥan):

133 Dieser Text deutet nicht auf Nierenschmerzen (so aber Kellermann, Art. kelājôt,
189, vgl. oben Anm. 129), sondern auf die »beratende« (j cṣ) // »unterweisende« (jsr
pi.) Funktion der Nieren hin, s. dazu Liess, Weg des Lebens, 194ff, vgl. Wolff, a.a.O.,
111.
134 S. dazu Rösel, »Prüfer der Herzen«, 293ff; zu Ps 7,10 und 26,2 s. Janowski, Kon-
fliktgespräche, 150.
30 Bernd Janowski

JHWH Zebaoth ist ein Prüfer des Gerechten (boḥen ṣaddîq),


ein Nieren- und Herz-Seher (ro æ͗ h kelājôt wāleb).
Ich werde deine Ahndung an ihnen sehen,
denn dir habe ich meinen Rechtsstreit enthüllt. (Jer 20,12)

Dass im Alten Testament »Herz(en) und Nieren« als Objekt der göttli-
chen Prüfung genannt werden, soll den ›ganzen Menschen‹ charakterisie-
ren, »indem je ein besonders wichtiges Organ der zwei Teile des mensch-
lichen Leibes erwähnt wird: das Herz als Körperteil im Oberbauch über
dem Zwerchfell und die Nieren als Repräsentanten des unter dem
Zwerchfell sich ausdehnenden Unterbauchs«135. Es gibt zahlreiche Bele-
ge, die denselben Sachverhalt – das göttliche Wissen um den Menschen –
allein vom Herzen aussagen, z.B.:

13 Vom Himmel blickte JHWH herab,


er sah alle Menschenkinder,
14 von der Stätte seines Wohnens schaute er
auf alle Bewohner der Erde,
15 der Bildner ihrer Herzen (leb) allesamt,
der Achtende auf alle ihre Werke. (Ps 33,13–15)

Der Schöpfer des Herzens ist der universale Richter und Retter (vgl.
V.16–19!). Und das Herz des Menschen ist »in einzigartiger Weise der
Punkt, an dem JHWH des Menschen Existenz betrifft«136.

b) Das »reine« und »feste« Herz

Es ist bezeichnend, dass sich die emotionale, die kognitive und die volun-
tative Funktion des Herzens auch in den Adjektiven zeigt, die zu leb/lebāb
hinzutreten können.137 Als prominentes Beispiel dafür kann Ps 51 gelten,
der zusammen mit Ps 6; 32; 37; 102; 130 und 143 zu den sieben kirchli-
chen Bußpsalmen gehört.138 Er stellt ein nachexilisches Bittgebet eines
einzelnen mit sekundärer biographischer Überschrift (V.1f) und zions-
theologischer Fortschreibung (V.20f) dar. Im Anschluss an H. Irsigler139
lässt sich sein Aufbau wie folgt skizzieren:

135 Kellermann, Art. kelājôt, 191, vgl. ders., Art. Nieren, 926, zur medizinischen
Problematik s. Smith, Herz, 1711ff.
136 Fabry, Art. leb/lebāb, 439, vgl. 438f.
137 Vgl. die Zusammenstellung bei Fabry, a.a.O., 422.
138 S. dazu Zenger, Art. Bußpsalmen, 839f.
139 S. dazu Irsigler, Neuer Mensch, 296f mit Diskussion alternativer Gliederungsvor-
schläge, anders z.B. Hossfeld/Zenger, Psalmen 51–100, 45ff (Zenger) und Pfeiffer,
»Herz«, 293ff, die jeweils in V.3–11 und V.12–19 untergliedern.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 31

3f Thema: Bitten um Reinigung von Sünde


5–14 Durchführung des Themas
5–8 Sündenbekenntnis
9–14 Bitten um Reinigung und Neuschaffung
15–19 Qualitäten des ›neuen Menschen‹
15–17 Befähigung zum Lehren und Loben
18–19 Begründung

Während das Sündenbekenntnis in den Individualpsalmen auffallend


zurücktritt – dominant sind hier vielmehr die (An-)Klage und die Un-
schuldsbeteuerung140 –, tritt es im ersten Teil von Ps 51 (V.3–14) beherr-
schend in den Vordergrund:

Thema: Bitten um Reinigung von Sünde (mit Invocatio)


3 Sei mir gnädig, Gott, nach deiner Güte,
nach der Fülle deiner Barmherzigkeit wisch ab meine Verbrechen!
4 Wasche mich ganz rein von meiner Verkehrtheit,
und von meiner Verfehlung reinige mich!

Sündenbekenntnis
5 Denn meine Verbrechen erkenne ich selbst,
und meine Verfehlung ist beständig vor mir.
6 An dir allein habe ich gesündigt,
und das in deinen Augen Böse habe ich getan,
so dass du dich als gerecht erweist in deinem Reden,
makellos in deinem Richten.
7 Siehe, in Schuld wurde ich in Wehen geboren,
und in Verfehlung hat mich empfangen meine Mutter.
8 Siehe, an Wahrheit hast du Gefallen im Innersten,
und im Verborgenen – Weisheit lässt du mich erkennen.

Bitten um Reinigung und Neuschaffung


9 Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde,
wasche mich, dass ich weißer werde als Schnee!
10 Lass mich hören Wonne und Freude,
es sollen jauchzen die Gebeine, die du zerschlagen hast!
11 Verbirg dein Angesicht vor meinen Verfehlungen,
und alle meine Verkehrtheiten wisch ab!
12 Ein reines Herz erschaffe mir, Gott,
und einen beständigen Geist erneuere in meinem Inneren!
13 Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und deinen heiligen Geist nimm nicht von mir!
14 Bring mir zurück die Wonne deiner Rettung,
und mit einem willigen Geist sollst du mich stützen!

140 S. dazu die Gesamtdarstellung bei Janowski, Konfliktgespräche, passim.


32 Bernd Janowski

Dieser erste Teil des Psalms wird in V.3f mit einem eindringlichen Appell
an den Gott eröffnet, der sich nach Ex 34,6f als barmherziger und gnädi-
ger Gott vorgestellt hat, der Verkehrtheit, Verbrechen und Vergehen
vergibt:
6 JHWH zog vor ihm (sc. Mose) vorüber und rief:
JHWH, JHWH, ein barmherziger und gnädiger Gott,
langsam zum Zorn und reich an Güte und Treue:
7 der Güte bewahrt den Tausenden,
der Verkehrtheit, Verbrechen und Verfehlung vergibt,
aber (den Sünder) gewiss nicht aus der Haftung entlässt,
der Rechenschaft einfordert bezüglich der Verkehrtheit der
Väter an den Söhnen und Enkeln,
an der dritten und vierten Generation.141

Durch die drei Verben »ab-/wegwischen« (māḥāh), »waschen« (kbs pi.)


und »reinigen« (ṭhr pi.), mit denen in Ps 51,3f (vgl. V.9–11) um die Rei-
nigung von der Sünde gebeten wird, wird diese als ›Schmutz‹ qualifiziert,
der den Menschen von innen her verunreinigt. Die Opposition von rein und
unrein ist Ausdruck eines komplexen, auf die symbolische Ordnung der
Wirklichkeit ausgerichteten Systems, das eine eigene Logik besitzt142 und
auch im Alten Testament eine zentrale Rolle spielt. In Ps 51,9 (Ysop //
Waschung) ist allerdings nicht (mehr) von einem konkreten Reinigungs-
ritus die Rede, vielmehr wird mit Hilfe kultischer Begrifflichkeit von ei-
ner Unreinheit und ihrer Beseitigung gesprochen, die in die Tiefen
menschlicher Existenz hinabreicht.143
Diese Tiefendimension ergibt sich vor allem aus V.5–8. Denn hier hält
sich der Beter – nicht aus eigener Einsicht, sondern angeleitet durch die
Weisheit Gottes (V.8)! – seine Sünde(n) vor Augen und bekennt, dass er
nicht gegen dies und das, sondern allein an Gott gesündigt hat (V.6, vgl.
2Sam 12,13). Was er dabei erkennt, nämlich seine eigene Sündhaftigkeit,
ist schwerwiegend. Sie kommt »aus einer rätselhaften Tiefe seiner
menschlichen Existenz«144 und bestimmt diese von Anfang an. Das zeigt
die Rede von Geburt und Empfängnis (V.7),145 die deutlich macht, dass
er Teil einer sozialen Gemeinschaft ist, in die er hineingeboren wird, in

141 Zu diesem Text s. Janowski, Gott, 156ff.


142 S. dazu die klassische Darstellung von Douglas, Reinheit und Gefährdung.
143 S. dazu Irsigler, a.a.O., 297ff.310f. Zur Reinigung mit Ysop s. Lev 14,1–9; Num
19,14–19 u.ö.
144 Zenger, Erbsündentheologie, 16, vgl. 21. Es geht hier nicht um »Erbsünde« im
traditionellen Sinn, sondern um »eine von Anfang an gegebene Schuldverhaftung als
allgemeine Sündhaftigkeit von den Anfängen menschlicher Existenz her« (Irsigler,
a.a.O., 307), also um eine überindividuelle Schuldverstrickung vom Lebensbeginn an,
s. dazu auch Lohfink, Das Jüdische, 182 und Hossfeld/Zenger, Psalmen 51–100, 51f
(Zenger).
145 Mit der Umkehrung der tatsächlichen Reihenfolge (zuerst Empfängnis, dann
Geburt) wird die »Verkehrtheit« der Sünde auch formal zur Sprache gebracht, s. dazu
Grohmann, Fruchtbarkeit, 204.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 33

der er lebt und von der er sich als handelnde Person nicht dispensieren
kann. Die Schulderfahrung des Menschen gründet in Unheilszusammen-
hängen, die täglich aufbrechen können und die immer wieder eine über-
individuelle Dimension haben. Das meint das Symbol der Geburt. Des-
halb haben wir, so P. Ricœur,
»kein Recht, über das bereits vorfindliche Böse außerhalb des Bösen, das wir set-
zen, zu spekulieren. Hier liegt zweifellos das letzte Geheimnis der Sünde: Wir be-
ginnen das Böse, durch uns kommt es in die Welt, aber wir beginnen es von ei-
nem bereits vorhandenen Bösen aus, wofür unsere Geburt das undurchdringliche
Symbol bildet.«146

Nur eine fundamentale Neubestimmung kann dem Sünder deshalb eine


neue Sicht auf sein Leben eröffnen. Diese Neubestimmung wird in V.12–
14 mit Hilfe der Verben bārā ͗ »erschaffen« (immer mit Subjekt Gott)
und ḥdš pi. »neu machen« als Neuschöpfung qualifiziert. Sie ist keine Wie-
dererlangung einer ehemals vorhandenen Reinheit, sondern eine »blei-
bende Verwandlung«147 des sündigen Menschen, die durch einen kreati-
ven Akt Gottes in dessen Personzentrum, nämlich in seinem »Herzen«
(leb V.12a. 19b) und in seinem »Geist« (rûaḥ V.12b.13b.14b.19a) ge-
schieht. Während das Herz als Sitz der Gefühle, des Verstandes und des
Willens das Zentralorgan des Menschen ist,148 ist der Geist, wie vor allem
Ez 11,19f und 36,25–27 zeigen,149 die Quelle der von Gott gewirkten
Erneuerung des Menschen:
25 Und ich sprenge über euch reines Wasser und ihr werdet rein sein. Von allen
euren Unreinheiten und von allen euren Götzen werde ich euch rein machen.
26 Und ich gebe euch ein neues Herz (leb ḥādāš), und einen neuen Geist (rûaḥ
ḥadāšāh) gebe ich in euer Inneres. Und ich entferne das Herz von Stein (leb
hā ͗æbæn) aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch (leb bāśār).
27 Und meinen Geist gebe ich in euer Inneres, und ich mache, dass ihr in meinen
Satzungen wandelt und meine Rechte bewahrt und sie tut. (Ez 36,25–27)

Das von JHWH geschaffene »neue Herz« Israels wird, so paraphrasiert F.


Sedlmeier,
»mit ›meinem‹ – JHWHs – ›Geist‹, also mit seiner Lebensmacht gefüllt. Es ist die-
ses mit Gottes Geist erfüllte Herz, das zu einem Leben nach der Weisung Gottes
befähigt. Der so von Innen heraus erneuerte Mensch kann den Sinn der göttlichen
Weisung verstehen und danach leben. Auf diesem Wege vermag Israel den heil-
samen Lebensraum zu bilden, der immer schon in den Plänen JHWHs lag. So
wird Israel schließlich befähigt, ein Gotteszeugnis vor den Völkern abzulegen, auf

146 Ricœur, Erbsünde, 161, vgl. Hünermann, Peccatum originale, 94ff.98.101ff.106f.


147 Irsigler, a.a.O., 310, vgl. Hossfeld/Zenger, a.a.O., 50 und Pfeiffer, »Herz«, 305f.
148 S. dazu oben 12f.
149 S. dazu die Hinweise bei Hossfeld/Zenger, a.a.O., 52f, ferner Pfeiffer, a.a.O.,
301ff; Irsigler, a.a.O., 312f und ausführlich Sedlmeier, Transformationen, 219ff und
Markter, Transformationen, 330ff.420ff.477ff.
34 Bernd Janowski

dass der Name Gottes nicht länger entweiht wird, sondern die Völker zur Er-
kenntnis des Lebendigen gelangen«150.

Nach Ps 51,12 sollen beide, Herz und Geist, »rein« und »beständig« wer-
den, damit der Beter das mit dem Herzen Erkannte zuverlässig (»bestän-
diger Geist« V.12b) und hingebungsvoll (»williger Geist« V.14b) tun
kann.151 Das ist aber nur möglich, weil und sofern Gott sein Angesicht
nicht vom Beter abwendet (V.13a) und seinen »heiligen Geist« nicht von
ihm wegnimmt (V.13b), sondern die »Wonne« seiner Rettung zu ihm
»zurückbringt« (šûb hif. V.14a) – obwohl der Beter sich als Sünder weiß.
Das ist paradox! »Wir spüren«, kommentiert H. Irsigler treffend, »die
Spannung zwischen der Vorstellung von Verlierbarkeit heilvoller Erfah-
rung und intentionaler Endgültigkeit der Neuschöpfung durch Gott«152.
Die Dringlichkeit, mit der in V.12 um die »Reinheit« des Herzens und
die »Beständigkeit« des Geistes gebeten wird, macht diese Spannung un-
übersehbar.
Man kann zu der Bitte von Ps 51,12–14 einen Text – nämlich Ps 57,7–9 – verglei-
chen, der innerhalb des zweiten Davidpsalters Ps 51–72 zur Teilgruppe Ps 56–60
gehört und den Topos des »festen, beständigen Herzens« enthält. Das Bittgebet Ps 57
besteht aus zwei, jeweils durch einen Kehrvers (V.6.12) abgeschlossenen Teilen (V.2–
5.6: Bitte mit Notschilderung; V.7–11.12: Vertrauensbekenntnis mit Lobgelübde),153
die sich inhaltlich zwar unterscheiden, aber vielfach miteinander verklammert sind.
Für unsere Fragestellung beschränken wir uns auf den zweiten Teil des Psalms:

7 Ein Netz haben sie (sc. die Feinde) bereitet für meine Schritte,
gebeugt ‹ist› / ‹hat man›154 meine Lebenskraft (= mich),
sie haben vor mir eine Grube gegraben,
sie sind hineingefallen mitten in sie. – Sela
8 Fest ist mein Herz (leb), Gott, fest ist mein Herz (leb)!
Ich will singen und auf Saiten spielen!
9 Wach auf, meine Herrlichkeit, wach auf, Harfe und Leier,
ich will (die) Morgenröte wecken!
10 Ich will dich loben unter Völkern, mein Herr,
ich will dich mit Saitenspiel preisen unter Nationen!
11 Denn groß bis an (die) Himmel ist deine Gnade
und bis an die Wolken deine Treue!
12 Erhebe dich über (die) Himmel, Gott,
über die ganze Erde deine Herrlichkeit!

150 Sedlmeier, Transformationen 230, vgl. 232f.


151 Vgl. Hossfeld/Zenger, a.a.O., 53.
152 Irsigler, a.a.O., 314.
153 S. dazu Hossfeld/Zenger, a.a.O., 118ff (Zenger) und Riede, Netz des Jägers, 127ff;
Sticher, Rettung der Guten, 177ff, anders (I. V.2–7*, II. V.8–12*) und mit eigenarti-
gen literarkritischen Optionen Müller, Herz, 59ff. Diskutabel ist die Ursprünglichkeit
von V.10f, s. dazu Hossfeld/Zenger, a.a.O., 122.
154 Enweder als Part.pass. kāpûp (»gebeugt ist«) oder als distributiven Singular kāpap
(»gebeugt hat man«, s. GK28 § 145m) zu verstehen oder mit LXX pluralisch zu lesen
(»gebeugt haben sie«), s. die Diskussion bei Müller, a.a.O., 60f.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 35

Das Vertrauensbekenntnis mit Lobgelübde (V.7–12) setzt in V.7 mit ei-


ner im sog. perfectum propheticum gehaltenen Feindbeschreibung ein und
geht in V.8 in die Konstatierung des Vertrauens über. Um die in V.8 ge-
äußerte doppelte Gewissheit der »Festigkeit« des Herzens zu verstehen, ist
auf die Feindbeschreibung von V.7 zurückzugehen. Denn zum einen
verwendet diese für die »Bereitstellung« der Jagdausrüstung der Feinde
die Wurzel KWN (kwn hif. »bereiten, herrichten«), die in V.8 antithetisch
die »Festigkeit« des Beterherzens zum Ausdruck bringt (kwn Part. nif.
»fest, beständig sein«, vgl. Ps 108,2; 112,7).155 Zum anderen erlangt der
Beter seine »Festigkeit« aus der Gewissheit, dass seine Feinde »Opfer ihrer
eigenen Bosheit«156 werden bzw. geworden sind (V.7b: »sie sind hineinge-
fallen mitten in sie [sc. die Grube]«, vgl. Ps 7,16; 9,16; 35,8 u.ö.),157
wenn Gott im Sinne des Kehrverses V.6.12 seine universale Gerechtig-
keitsordnung wiederherstellt:
7 Ein Netz haben sie bereitet (kwn hif.) für meine Schritte,
gebeugt ‹ist› / ‹hat man› meine Lebenskraft (= mich),
sie haben vor mir eine Grube gegraben,
sie sind hineingefallen mitten in sie. – Sela

8 Fest ist (kwn Pt. nif.) mein Herz (leb), Gott, fest ist (kwn Pt. nif.)
mein Herz (leb)!
Ich will singen und auf Saiten spielen!

Konstitutiv für das hier und in den Folgeversen beschriebene Rettungsgeschehen ist
der Sachverhalt, dass der Vorgang des »Erwachens« im Inneren des Beters – d.h. in
seinem »festen, beständigen« Herzen, das wieder singen und spielen kann – beginnt
(V.8) und sich in Gestalt der ›erwachenden‹ Instrumente (Harfe und Leier V.9a) bis
an den Rand der Schöpfungswelt (V.9b) erstreckt. Hier, wo die aufgehende »Morgen-
röte« den Umbruch von der Chaosnacht/Feindbedrängnis zum Schöpfungstag/Erret-
tung ankündigt, ereignet sich »die Ankunft des Strahlglanzes JHWHs, der die Dun-
kelheit vertreibt«158. So ist das »feste, beständige« Herz des Beters eingebunden in
einen kosmischen Horizont des Gotteslobs, der Himmel und Erde umfasst. Nichts
bringt dieses reziproke Verhältnis des in seiner Herrlichkeit erscheinenden Gottes und
des diesen Gott lobenden Beters besser zum Ausdruck als der Begriff kābôd »Herrlich-
keit« in V.9a und V.12b:

155 S. dazu nach wie vor Koch, Art. kwn usw., 102ff; Müller, a.a.O., 75ff bringt
demgegenüber nichts Neues. Ein Gegentext zur Festigkeitsaussage von Ps 57,8a ist
etwa die Feindbitte von Ps 13,5, wo der Beter darum bittet, dass »mein Feind nicht
behauptet: ›Ich habe ihn überwältigt!‹ / meine Gegner nicht jubeln, dass ich wanke
(mûṭ)!«. Zur kosmologischen Bedeutung von mûṭ »wanken, schwanken« s. Janowski,
Konfliktgespräche, 71f und zum leb-Beleg in Ps 13,3 oben 13 mit Anm. 67.
156 Hossfeld/Zenger, a.a.O., 128.
157 Dieser Zusammenhang von V.7 und 8 wird von Müller, a.a.O., 81 übergangen
bzw. nicht gesehen.
158 Hartenstein, »Wach auf«, 104.
36 Bernd Janowski

»Der angeredete kabod des Beters in Ps 57,9 steht ... in Entsprechung zum kabod
JHWHs in V.12 (und V.6). ... Im Morgenlob fließen göttliche Anrede und
menschliche Antwort zusammen.«159

Wenn man, noch einmal zu Ps 51 zurückkehrend, auf den Gebetsprozess


seines ersten Teils (V.3–14) zurückblickt,160 wird deutlich, dass sich das,
was er unter Neuschöpfung versteht, nicht von selbst einstellt. Es bedarf
der Erkenntnis und Anerkenntnis der eigenen Sünde. Das aber gehört
zum Schwersten. Niemand ist aus sich allein zu solcher Erkenntnis fähig,
sie bedarf des Anstoßes von außen, der – wie der Beter von Ps 51 weiß –
von Gott kommt: »Siehe, an Wahrheit hast du Gefallen im Innersten,
und im Verborgenen – Weisheit lässt du mich erkennen« (V.8). Und weil
der Beter um diese Initiative Gottes weiß und sie zu erleben hofft, setzt er
im zweiten Teil mit einem Versprechen (V.15) und nochmaligen Bitten
(V.16f) ein:
15 Ich will lehren Verbrecher deine Wege,
dass Sünder zu dir zurückkehren.
16 Errette mich aus Blutschuld, Gott, Gott meiner Rettung,
dass meine Zunge juble über deine Gerechtigkeit(stat)!
17 Herr, meine Lippen sollst du öffnen,
so wird mein Mund verkünden dein Lob!

Hier geht es nicht um eine äußerliche Belehrung der Sünder, sondern um


eine werbende Einsicht in die »Wege« Gottes, wie sie der Beter selbst ge-
winnt und die auch die Sünder zu Gott »zurückkehren« lassen kann (šûb
qal, vgl. V.14a: šûb hif.). Solche Einsicht, die vor einer todbringenden
Gefahr (»Blutschuld« V.16a)161 warnt, macht frei und drängt zum ju-
belnden Gotteslob (V.16b.17). Dieses wird in V.18f opfertheologisch
begründet. Es ist aber, wie die auf die Metapher von den »zerschlagenen
Gebeinen« (V.10) zurückgreifende Formulierung zeigt, ein Opfer sui ge-
neris:
18 Denn ein Schlachtopfer gefällt dir nicht,
und gebe ich ein Brandopfer – du hast kein Wohlgefallen (daran),
19 Schlachtopfer Gottes sind ein zerbrochener Geist (rûaḥ nišbārāh),
ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz (leb nišbār wenidkæh),
Gott, verachtest du nicht.

Die vom Beter ersehnte und durch Reinigung von seiner Sünde geschenk-
te Neuschöpfung seiner Person – dafür stehen »Herz« und »Geist« –
kommt nur durch einen ›Bruch‹ mit seiner bisherigen Existenzweise zu-

159 Ders., a.a.O., 105 (Hervorhebung im Original).


160 S. dazu oben 31ff.
161 Mit dieser »Blutschuld« ist nach Irsigler, Neuer Mensch, 315f die drohende
Schuld am Tod des Sünders gemeint, den der Beter durch seine Lehre (lmd pi.) zu
JHWH zurückführen will, s. zur Sache auch Hossfeld/Zenger, a.a.O., 41.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 37

stande (vgl. Ez 6,9).162 Die Voraussetzung dafür ist das Bekenntnis der
Sünde, das ihm die verfehlten Möglichkeiten eines wahren Lebens (vgl.
V.8) vor Augen stellt.

III. Der »herzgeleitete« Mensch – Resümee

Versuchen wir abschließend, unsere Ausführungen zu bündeln, indem


wir noch einmal auf die Frage nach dem Zusammenhang von Personver-
ständnis und Körperbegriff(en) zurückkommen.163 Sind, so kann man
diese Frage zuspitzen, die alttestamentlichen Vorstellungen vom mensch-
lichen Herzen ein Beleg für ein »ganzheitliches« Menschenbild?164 Im
kritischen Gespräch mit Chr. Frevel und S. Schroer / Th. Staubli wird
diese Frage von Th. Krüger verneint.165 Ihm zufolge stehen der emotio-
nale, der kognitive und der voluntative Aspekt nebeneinander, ohne »dass
diese drei Gesichtspunkte im Herzen in irgendeiner Weise verbunden
wären«166. Als Belege dafür werden Spr 15,28; 16,23 und 17,22 ange-
führt. Keiner dieser Sprüche, so Krüger,

»(zielt) auf so etwas wie ein ›ganzheitliches‹ Menschenbild hin. Vielmehr führt je-
der auf seine Weise mit dem Bild des ›Herzens‹ eine Zentralinstanz im Inneren des
Menschen ein, von der aus der ganze Mensch gesteuert und kontrolliert werden
muss, wenn nicht, wie im Falle des Mundes der Frevler, die peripheren Kompo-
nenten aus dem Ruder laufen sollen«167.

Abgesehen von der Frage, wie sich diese Kritik am »ganzheitlichen« Men-
schenbild zu der Aussage verhält, dass der »ganze Mensch« von einer
Zentralinstanz in seinem Inneren (Gefühl, Vernunft oder Wille) gesteu-
ert und kontrolliert werde,168 ergeben sich auch von den herangezoge-

162 S. dazu Sedlmeier, Transformationen, 211f und Irsigler, a.a.O., 307f. Zum Motiv
des »zerbrochenen Herzens«, das in der nachexilischen Zeit an Bedeutung gewinnt, s.
Sedlmeier, a.a.O., 212 Anm. 17.
163 S. dazu oben 2ff.
164 Zur integrativen Formel vom »ganzen Menschen« s. Janowski, Der »ganze
Mensch«, 9ff.
165 Krüger, »Herz«, 93 bezieht sich dabei auf Frevel/Wischmeyer, Menschsein, 37 (»...
gerade in dem Zusammenkommen von Vernunft, Bewußtsein und Gefühl in dem
einen Organ (ist) das Spezifikum des ›ganzheitlichen‹ Menschen zu erkennen«), s.
auch die kritischen Bemerkungen von Krüger, ebd. zu Schroer/Staubli, Körpersymbo-
lik, 58.60.
166 Krüger, a.a.O., 97.
167 Ders., a.a.O., 97f (Hervorhebung von mir).
168 Was genau Krüger mit dem »ganzen Menschen« meint, führt er leider nicht aus.
Gemeint ist m.E. der Mensch, der in seinen Lebensvollzügen fühlt, denkt oder plant
und der dies so tut, dass die jeweilige ›Steuerungsinstanz‹ (z.B. das Gefühl) auf die
anderen Instanzen (Vernunft/Wille) einwirkt bzw. diese tangiert. Anders lassen sich
sinnesempfängliche und leibgestützte Vorgänge wie Fühlen, Denken oder Wollen, die
38 Bernd Janowski

nen Texten her Einwände gegen Krügers Kritik. Beginnen wir mit Spr
15,28:169

Das Herz des Gerechten (leb ṣaddîq) sinnt nach, um (recht)


zu antworten,
aber der Mund der Frevler sprudelt Bosheiten hervor.

Während der Mund der Frevler unkontrolliert Bosheiten hervorsprudelt,


ist das Herz des Gerechten (oder: ein gerechtes Herz) die »moralische
Kontroll- und Lenkungsinstanz im Inneren des Menschen«170. Eine Ver-
bindung der moralischen (»[recht] antworten«) mit der kognitiven Funk-
tion des Herzens (»nachsinnen«), die von Krüger geleugnet wird,171 wird
im vorliegenden Text durch das Verb hāgāh »murmelnd nachsinnen, me-
ditierend rezitieren«172 hergestellt: Das Herz »sinnt nach«, ja es führt »ein
leises Selbstgespräch«173, in dem es sich über die rechte Antwort, die zu
geben ist, klar wird. Insofern ist es hier nicht nur Äußerungs-, sondern
auch Denkorgan, das zum rechten Handeln anleitet. Auch in Spr 16,23
(und in der Variante Spr 16,21) steht das Herz nicht nur für den Intel-
lekt,174 sondern auch für die vernehmende Vernunft,175 die zur Einsicht
führt:

Ein weises Herz (leb ḥākām) macht seinen Mund achtsam,


und auf seinen Lippen fügt es Einsicht hinzu.

Außen Außen

Ohr Mund / Lippen

Herz (Innen)

Die Bewegungsrichtung der »weisen« Rede, die im »hörenden« Herzen176


lokalisiert ist, führt vom Herzen (innen) über den Mund (innen/außen)
bis zu den Lippen (außen), wo das Wort den Körper verlässt. Diese Rede
ist »besonnen, durchdacht, vorsichtig, aber auch bestimmt und wirksam,

nach alttestamentlicher Auffassung im Herzen lokalisiert sind und von dort nach au-
ßen wirken (s. dazu im Folgenden), nicht plausibel machen.
169 S. zum Folgenden auch Luchsiner, Poetik, 246ff.
170 Krüger, a.a.O., 97.
171 Ders., ebd. übersetzt zwar sachgemäß: »Das Herz des Gerechten überlegt die
Antwort«, übergeht in seiner Auslegung aber das entscheidende Verb hāgāh.
172 Zu hāgāh s. Hartenstein/Janowski, Psalmen, 10.26ff.30 (Janowski).
173 Meinhold, Sprüche 1, 260.
174 So aber Krüger, ebd.
175 S. dazu oben 16f.
176 Zum Topos vom »hörenden Herzen« s. oben 16f.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 39

weil sie die möglichen Verfehlungen vermeidet«177. Die wohltuende Wir-


kung des »weisen Herzens«, das seinen Mund »achtsam macht« (śkl hif.)
und auf seinen Lippen »Einsicht hinzufügt« (jsp hif. + læqaḥ), wird an-
schließend (Spr 16,24) in einer Weise beschrieben, die den Menschen in
seiner personalen, lebendigen Ganzheit (V.24b: næpæš »Leben« // cæṣæm
»Knochen«)178 in den Blick nimmt:
(Wie) Fließen von Honig sind liebliche Worte,
süß für das Leben und Heilung für die Knochen.

Und schließlich Spr 17,22 (mit der Variante 15,13), wo das Herz nach
Krüger nichts anderes als der Sitz der Emotionen179 ist:
Ein frohes Herz (leb śāmeaḥ) macht das Wohlbefinden180 schön,
aber ein niedergeschlagener Sinn trocknet die Knochen aus.

Auch hier ist allerdings genauer auf den Text zu achten. »Freude« ist na-
türlich ein Ausdruck der – oft überschwänglichen – Gefühlsbewegung,
aber einer Gefühlsbewegung, die das ganze Wesen des Menschen aufhel-
len kann, weil sie sich lebensförderlich auswirkt. Entscheidend ist auch
hier wieder das Verb, das die Tätigkeit des »frohen Herzens« beschreibt:
»schön, gut machen« (jṭb hif.). Das »frohe Herz« macht das Wohlbefin-
den »schön« oder »gut«, was im Gegensatz zur Kontrastformulierung von
V.22b (Austrocknen der Knochen) die innere Einstellung meint,181 die
sowohl den Körper als auch den Geist beeinflusst und damit die Lebens-
qualität steigert.
Jeder der besprochenen Spr-Texte ist damit auf seine Weise ein Beleg
für das ganzheitliche Menschenbild des Alten Testaments. Mit »Ganzheit-
lichkeit« ist nicht ein vager Holismus, sondern ein Sachverhalt gemeint,
der auf dem Prinzip der Relationalität beruht.182 Dem Herzen kommt
dabei die Hauptrolle zu, weil es der Ort der emotionalen, kognitven und
voluntativen Fähigkeiten und Bestrebungen im Inneren des Menschen
(Fühlen, Denken, Wollen) ist, das als Zentrum der Binnenmotivation
und Innensteuerung fungiert. Der biblische Mensch ist nicht kopfgesteu-
ert, sondern ›herzgeleitet‹183 – oder sollte es vielmehr sein. Und zwar in
dem Sinn, dass die Gefühle, Gedanken und Absichten in seinem Inneren
(Herz) ansetzen, sich aber in der Regel auf die Außenwelt und deren man-

177 Meinhold, Sprüche 2, 276.


178 Vgl. ders., ebd. Zum Begriff næpæš s. Janowski, næpæš, 73ff.
179 S. dazu Krüger, ebd.
180 Zu gehāh »Wohlbefinden« s. Meinhold, a.a.O., 294.
181 Zu dieser Bedeutung von jṭb hif. s. Höver-Johag, Art. ṭôb, 325f.327f. Nach Hö-
ver-Johag bezeichnet jṭb hif. die »Möglichkeit, in den Zustand des Wohlbefindens
einzutreten« (a.a.O., 327).
182 S. dazu die Hinweise bei Janowski, »Anthropologie des Alten Testaments«, 395
mit Anm. 88.
183 Zu diesem Ausdruck s. Assmann, Geschichte des Herzens, 81ff.
40 Bernd Janowski

nigfache Herausforderungen richten.184 Diese Entsprechung von Innen


und Außen ist der cantus firmus der alttestamentlichen Rede vom menschli-
chen Herzen. »Das ›Herz‹ im biblischen Sinne«, schreibt D. Bohnhoeffer,
»ist nicht das Innerliche, sondern der ganze Mensch, wie er vor Gott ist«185
– und, wie ich ergänzen möchte, wie er vor den anderen ist.

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184 Vgl. Dietrich, Individualität, 87. Zu den Belegen von leb/lebāb, denen zufolge
sich der Mensch in seine ›Innerlichkeit‹ zurückziehen und vor der Außenwelt abgren-
zen kann, s. ders., a.a.O., 83ff.
185 Bonhoeffer, Widerstand, 511.
Das Herz – ein Beziehungsorgan 41

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