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Thorsten Burkard

Heteronomie und Autonomie von Dichtung.


Jacob Masens und Jacob Baldes Barockpoetiken
im Vergleich

In den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts erscheinen mit Jacob Masens Palaestra
eloquentiae ligatae (zuerst 1654 und 1657) und Jacob Baldes Dissertatio de studio poe-
tico (1658) zwei lateinische Poetiken, die zwar beide von deutschen Jesuiten verfasst
wurden, aber kaum unterschiedlicher hätten ausfallen können. Auf der einen Seite
Masens so voluminöse wie systematische dreibändige Regelpoetik, auf der anderen Sei-
te Baldes knapper, assoziativer Essay,1 der programmatisch auf die Erteilung von prae-
cepta verzichtet. Auf der einen Seite eine erschöpfende Darstellung sowohl der Dicht-
kunst im Allgemeinen als auch aller größeren poetischen Gattungen, auf der anderen
Seite ein unsystematisches Hin- und Herspringen, das sich im Hauptteil an den literatur-
theoretischen Gedichten des Horaz orientiert, um schließlich einigermaßen überra-
schend in eine humoralpathologische Abhandlung und den Preis der satirischen Gattung
zu münden. Auf der einen Seite der belehrende Gestus des enzyklopädisch veranlagten
Schulmeisters, auf der anderen Seite der als deutscher Horaz gefeierte Großmeister der
neulateinischen Dichtung, der mit souverän-überlegener Attitüde die Summe seines Le-
benswerkes zieht und sich über eine Gliederung des Stoffes und dessen fassliche Ver-
mittlung sichtlich keine Gedanken machen möchte. Auf der einen Seite der spröde,
teilweise unbeholfene und übertrieben metikulöse Lehrbuchstil, auf der anderen Seite
eine elegante und brillante Diktion, die die Lektüre zu einem Vergnügen macht, wenn
man bereit ist, sich auf Baldes zuweilen aberwitzige Gedankensprünge einzulassen.
Diesen eher äußerlichen Unterschieden entsprechen die fast diametral entgegensetzten
Konzeptionen von Dichtung, die in den beiden Werken zu fassen sind und die sich
simplifizierend auf die Formel reduzieren lassen, dass die Grundlage von Masens Pa-
laestra die Heteronomie von Dichtung ist, während man Baldes Dissertatio als Mani-
fest der poetischen Autonomie lesen kann. Diese poetologische Dichotomie soll im
Folgenden in ihren Grundzügen skizziert werden.

__________
1
In der Münchener Ausgabe von 1729 umfasst Baldes Dissertatio knapp 40 Seiten (Jacob Balde:
Opera poetica omnia. 8 Bde. München 1729 [Nachdruck Frankfurt a.M. 1990. Hg. und eingeleitet
von Wilhelm Kühlmann und Hermann Wiegand], hier Bd. 3, p. 319-357).
120 Thorsten Burkard

1. Balde und Masen: Leben und Werke

Jacob Balde (1604-1668) und Jacob Masen (1606-1681) zählen zweifellos zu den pro-
duktivsten und bedeutendsten deutschen Jesuiten des 17. Jahrhunderts. Der 1604 im
alemannischen Elsass geborene Balde wurde durch die Wirren des Böhmisch-
Pfälzischen Krieges nach Bayern verschlagen, wo er schnell im Orden und am Mün-
chener Hofe Karriere machte und zu einem der angesehensten neulateinischen Dichter
wurde. Auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn war er Hofprediger (1638-1640) und Hof-
historiograph (1640-1648) des Kurfürsten Maximilian I. von Bayern (reg. 1597-1651),
der ihn mit der Anfertigung einer bayrischen Geschichte beauftragte – dieses Balde
selbst lästige Projekt ist jedoch nie über dürftige Anfänge hinausgekommen.2 Die letz-
ten vierzehn Jahre seines Lebens verbrachte er im Herzogtum Pfalz-Neuburg, wo er un-
ter anderem als Beichtvater des Landesfürsten Philipp Wilhelm (reg. 1653-1690) tätig
war.3 Baldes Œuvre ist fast zur Gänze in lateinischer Sprache geschrieben und umfasst
in der postumen Münchener Gesamtausgabe von 1729 acht Bände;4 in den ersten bei-
den Bänden sind die lyrischen Werke der vierziger Jahre (Lyrica und Sylvae) versam-
melt, denen der Elsässer seinen europaweiten Ruhm zu einem Großteil verdankt. Balde
ist vor allem Dichter; Prosaschriften und Prosapassagen nehmen nur einen geringen Teil
des Gesamtwerks ein, für die nüchtern-trockene Fachliteratur war er offensichtlich zu
künstlerisch veranlagt (an Bildung und Begabung fehlte es ihm zweifelsohne nicht).
Dementsprechend sprühen auch seine poetologischen Abhandlungen von Witz und
Geist und lassen – wie wir noch sehen werden – die strenge Systematik der zeitgenös-
sischen Poetiken vermissen.
Genau das entgegengesetzte Naturell ist der zwei Jahre jüngere, aus dem Rheinland
stammende und vor allem in Köln als Lehrender der Societas Jesu wirkende Jacob Ma-
sen: Sieht man von seinen früh entstandenen Theaterstücken ab,5 so kann man ihn mit
Fug und Recht als Fachschriftsteller und Historiker bezeichnen. Neben seinen uns hier
allein interessierenden poetologischen Schriften finden sich beispielsweise theologische
__________
2
Zu Balde als (verhindertem) Geschichtsschreiber vgl. jetzt Katharina Kagerer: Die Jesuiten und der
Hof. Matthäus Rader, Andreas Brunner und Jacob Balde als Landesgeschichtsschreiber im
17. Jahrhundert. In: Serenissimi Gymnasium. 450 Jahre bayerische Bildungspolitik vom Jesuiten-
kolleg zum Wilhelmsgymnasium München. Hg. von Julius Oswald SJ, Rolf Selbmann und Claudia
Wiener. Regensburg/Rom 2010, S. 43-59 mit Literatur.
3
Philipp Wilhelm ist auch Masens Palaestra gewidmet.
4
Vgl. Anm. 1.
5
Sieben seiner Theaterstücke hat Masen als Musterstücke der dramatischen Gattung seiner Palaestra
beigegeben; in diesem seinem poetologischen Hauptwerk finden sich noch weitere Dichtungen, die
wohl teilweise auch eigens zu dem Zweck, als Musterstücke zu dienen, verfasst worden sind. Zu
einer Aufzählung dieser Specimina vgl. Thorsten Burkard: Moralisierender jesuitischer Klassizis-
mus. Jacob Masens Palaestra eloquentiae ligatae. In: Norm und Poesie. 4. Tagungsgespräch der
Deutschen Neulateinischen Gesellschaft Februar 2010. Hg. von Beate Czapla und Roswitha Si-
mons (im Druck), Fußn. 10, 22, 31.
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 121

Abhandlungen (etwa zur ökumenischen Frage); seine letzten Lebensjahre widmete er


Chroniken von Trier und Paderborn – und damit ausgerechnet der Gattung, an der der
Poet Balde gescheitert war. Der Unterschied zwischen dem Theoretiker und dem Dich-
terfürsten spiegelt sich auch im Forschungsstand wider: Während das wissenschaftliche
Interesse an Balde seit der Pionierarbeit von Eckart Schäfer aus dem Jahr 19766 wieder
stark zugenommen hat und in den letzten drei Jahrzehnten zahlreiche kommentierte
Editionen, Sammelbände und Aufsätze hervorbrachte,7 kann man von einer Masen-
Forschung kaum sprechen.8
Beim Vergleich der beiden Poetiken kann man in der Tat den Eindruck gewinnen,
dass die eine von einem reinen Theoretiker verfasst ist, der in der Dichtkunst lediglich
ein Mittel zum Zweck sieht, während die andere fast eine Liebeserklärung an die Dich-
tung von einem ihrer begabtesten Jünger darstellt.9 Wir wollen im Folgenden versu-
chen, diesen Gegensatz herauszuarbeiten und zu zeigen, inwiefern in Masens Palaestra
die Dichtung als heteronom bestimmt aufgefasst wird, während in Baldes Dissertatio
der Versuch unternommen wurde, dem Leser ihre Autonomie ins Bewusstsein zu brin-
gen (ohne jedoch die heteronomen Komponenten schlichtweg zu leugnen).

__________
6
Eckart Schäfer: Deutscher Horaz. Conrad Celtis, Georg Fabricius, Paul Melissus, Jacob Balde.
Wiesbaden 1976.
7
Baldes Wiederentdecker ist kein geringerer als Johann Gottfried Herder, der den Elsässer insbeson-
dere durch seine Übersetzungen vor dem Vergessen gerettet hat. Aus dem 19. Jahrhundert ist vor
allem Georg Westermayers immer noch einschlägige Biographie zu nennen: Jacobus Balde (1604-
1668), sein Leben und seine Werke. Eine literärhistorische Skizze. München 1868 (Nachdruck
Amsterdam/Maarssen 1998. Hg. von Hans Pörnbacher und Wilfried Stroh). Eine umfassende, stän-
dig aktualisierte Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur findet sich auf der Münchener
Homepage von Wilfried Stroh: <http://www.lrz.de/~stroh/main7.html>; auf dem Stand von 2004
ist das Literaturverzeichnis in: ders.: Baldeana. Hg. von Bianca-Jeanette Schröder. (Münchner
Balde-Studien 4) München 2004, hier S. 313-363.
8
Immer noch grundlegend zu Masen: Nikolaus Scheid: Der Jesuit Jakob Masen, ein Schulmann und
Schriftsteller des 17. Jahrhunderts. Köln 1898 (Erste Vereinschrift der Görres-Gesellschaft); zu sei-
nen rhetorischen Werken und dem Speculum imaginum veritatis occultae: Barbara Bauer: Jesui-
tische ars rhetorica im Zeitalter der Glaubenskämpfe. (Mikrokosmos 18) Frankfurt a.M. 1986,
S. 319-545. Zu Masens Werken vgl. Gerhard Dünnhaupt: Personalbibliographie zu den Drucken
des Barock. Bd. 4. 2. Aufl. Stuttgart 1991, S. 2673-2695 (dort auch Literatur). Moderne Ausgaben
und Übersetzungen seiner Werke fehlen (von wenigen Ausnahmen abgesehen).
9
Rein äußerlich haben wir es nach der Plett’schen Terminologie mit einer regulativ-topischen Poetik
(Masens Palaestra) und einer argumentativen Poetik (Baldes Dissertatio) zu tun. Eine argumenta-
tive Poetik entwickelt theoretische Standpunkte, oft in polemischer Art und Weise; eine topische
Poetik stellt Ausdrücke, Wendungen und Loci zur Verfügung (vgl. Anm. 53), eine regulative Poe-
tik vermittelt systematisch praecepta (Heinrich F. Plett: Renaissance-Poetik. Zwischen Intuition
und Innovation. In: Renaissance-Poetik. Renaissance Poetics. Hg. von dems. Berlin 1994, S. 1-20,
hier S. 15-20). Zur Einordnung der Dissertatio innerhalb der argumentativen Poetik vgl. Burkard:
Dissertatio (wie Anm. 42), S. v-vi.
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2. Jacob Masens Palaestra eloquentiae ligatae

Die ersten beiden Teile von Masens insgesamt etwa 1500 Seiten umfassender Palaestra
eloquentiae ligatae (etwa ‚Schule der gebundenen Beredsamkeit‘)10 wurden 1654 veröf-
fentlicht, der dritte und letzte Teil 1657; zu Masens Lebzeiten erschien noch eine erwei-
terte Neuauflage (1661/1664).11 Das Werk ist für den Schulunterricht gedacht, richtet
sich also in erster Linie an die lernende Jugend und deren Lehrer. Der didaktische Cha-
rakter wird weniger in den einzelnen theoretischen Kapiteln deutlich, die häufig lang-
atmig, unnötig repetitiv und vor allem recht komplex sind, als vielmehr in den Samm-
lungen von gelungenen Ausdrücken,12 mythologischen Realien und den bereits
erwähnten Musterdichtungen.13
Während im ersten Teil die Dichtkunst im Allgemeinen behandelt wird, sind die bei-
den anderen Teile einzelnen Gattungen gewidmet, Elegie, Epik und Lyrik der zweite,
dem Drama (also Tragödie, Komödie und den Mischformen) der dritte. Den gat-
tungsspezifischen Teilen sind entsprechende Musterbeispiele aus Masens eigener Feder
beigefügt, u. a. das Epos Sarcotis und die Komödie Rusticus imperans.14 Nach Masens
Auffassung ragen in der Neuzeit (oder zumindest unter den Zeitgenossen) zwei Lyriker
hervor:15 der polnische Jesuit Maciej Kazimierz Sarbiewski (Mathias Casimirus

__________
10
Das Substantiv eloquentia bezeichnet allgemein die sprachliche Ausdrucksfähigkeit (zumeist in
bonam partem) und kann daher bereits in der Antike auch auf poetische Werke bezogen werden.
Vor einer Überinterpretation ist daher zu warnen, vgl. dazu Burkard: Klassizismus (wie Anm. 5),
Fußn. 38.
11
Im Folgenden wird die Palaestra zitiert nach der postumen Ausgabe von 1682/1683, die mit den
Ausgaben von 1661 (Pars I-II) bzw. 1664 (Pars III) identisch ist. Zur Palaestra eloquentiae liga-
tae sind in letzter Zeit zwei Aufsätze erschienen: Peter Orth: Jacob Masens Übungsplatz für die
gebundene Beredsamkeit. Die Palaestra eloquentiae ligatae (1654-1657). In: Analecta
Coloniensia 6 (2006), S. 171-196 und Burkard: Klassizismus (wie Anm. 5).
12
Am Ende des ersten Buches des ersten Teils (cap. 21-33, p. 82-168) steht eine umfassende mytho-
logische Enzyklopädie mit einem eigenen Index. Das dritte Kapitel des zweiten Buches des ersten
Teils bietet ein kleines Synonymenlexikon (p. 177-184). Seit der zweiten Auflage findet sich im
dritten Teil ein achtzig Seiten umfassender Anhang mit nachahmenswerten plautinischen Reden,
Ausdrücken und Wörtern (p. 497-575).
13
Vgl. o. Anm. 5.
14
Vgl. o. Anm. 5. Die Sarcotis erlangte in den beiden folgenden Jahrhunderten Berühmtheit, weil
man behauptete, John Miltons erstmals 1667 erschienenes Werk Paradise Lost sei ein Plagiat von
Masens Epos.
15
Mit dem Ausdruck „cultissima hac aetate“ (‚in diesem hochgebildeten Zeitalter‘) ist entweder die
gesamte Neuzeit oder (ungefähr) die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts gemeint (vgl. auch „huius
aevi“ im Zitat in der übernächsten Anmerkung).
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 123

Sarbievius, 1595-1640)16 und – Jacob Balde.17 Die Qualität ihrer Dichtungen sei sogar
mit der horazischen Lyrik zu vergleichen.18 Masen empfiehlt diese beiden Dichter auch
in inhaltlicher Hinsicht, da sie im Gegensatz zu den antiken Poeten wie etwa Horaz und
Catull erotische Sujets aussparten („castigatiores, imò et eruditè pios“).19 Stilistisch hebt
Masen an Balde besonders seine ‚geistreichen und kraftvollen Formulierungen‘ („argutè
nervoséque dicta“) hervor; darin zeige sich seine erlesene Urbanität und seine ‚anmuti-
ge Diktion‘ („amoena dictio“) in einem niedrigeren Stoff („humilior materia“).20 Balde
wird also bereits zu seinen Lebzeiten als Musterdichter für Jesuitenzöglinge empfohlen.

Der Aufbau von Masens allgemeiner Dichtungslehre (Pars I) ist klar strukturiert und
leicht nachvollziehbar: Auf die Behandlung der beiden Officia oratoris der Inventio
(lib. 1) und der Elocutio (lib. 2) wird im dritten (erst 1661 hinzugefügten) Buch die
Metrik behandelt. Diese Anordnung spiegelt Masens Hierarchisierung dieser drei Teile
wider: Der Schwerpunkt liegt auf der Inventio und damit auf der Sachebene, auf der
Ebene der Signifikate. Diese Gewichtung wird von Masen explizit ausgesprochen:21

__________
16
Über den in der Tat bedeutenden Dichter Sarbiewski informieren jetzt die Beiträge des von Eckart
Schäfer herausgegebenen Sammelbandes Sarbiewski. Der polnische Horaz ([NeoLatina 11] Tü-
bingen 2006).
17
An anderer Stelle bezeichnet Masen Balde als ‚den gebildetsten sowie gefälligsten Verfasser zeit-
genössischer lyrischer Dichtung‘ („eruditissimus juxta ac lepidissimus hujus aevi Lyricae Poësis
scriptor Jacobus Balde“, Palaestra, Pars II, Poesis Elegiaca, p. 104). Masen berichtet an dieser
Stelle, dass Balde eine deutsche Ode auf Maria geschrieben und einige andere Dichter dazu auf-
gefordert habe, ein Pendant zu diesem Gedicht in lateinischen Versen zu verfassen. Bei dieser Ge-
legenheit sei Masens Marienhymnus entstanden, den er ebd., p. 105-116 abdruckt. Aus dem Kon-
text scheint übrigens hervorzugehen, dass Balde die anderen Dichter brieflich um ihre
Mitwirkung gebeten hat.
18
Palaestra, Pars II, Poesis Lyrica, cap. 1, p. 325. Weiter unten (ebd., cap. 4, p. 333) zitiert Masen
eine eher unauffällige Periphrase Baldes (aus sylv. 2, Apiarium 6,3). Im sechsten Kapitel der
Poesis Lyrica (p. 345-347) vergleicht Masen Horaz’ Gedicht auf eine Amphore (carm. 3,20) mit
Baldes Imitation (vgl. dazu Jean-Louis Girard: L’humour de Jakob Balde: Lyr. 1,12, parodie et
palinodie de Hor. Carm. 3,21. In: Balde und Horaz. Hg. von Eckard Lefèvre. Tübingen 2002,
S. 73-76 mit Literatur). Auch wenn Masen es nicht explizit sagt, so gefällt ihm an Baldes Parodie
vermutlich vor allem, dass daran die schädliche Wirkung des Alkohols deutlich wird (Masen be-
merkt übrigens an dieser Stelle, dass man Horaz nur in purgierter Form lesen sollte). Vgl. dazu
unten im Haupttext die Behandlung des Alkohols bei Masen und Balde.
19
Palaestra, Pars II, Poesis Lyrica, cap. 6, p. 344f. (‚züchtiger [scil. sind sie], vielmehr auch auf
gebildete Weise fromm‘).
20
Palaestra, Pars II, Poesis Lyrica, cap. 4, p. 334f. Masen nennt das sechste Buch der Sylvae (1.
Aufl. 1643) als Beispiel. In cap. 6, p. 345 spricht er von Baldes elegans argutaque urbanitas.
21
Man beachte übrigens, dass hier ein Bruch mit der antiken Rhetorik vorliegt, für die die beiden
wichtigsten Officia oratoris (also diejenigen, die die eigentliche Aufgabe des Redners ausma-
chen) Elocutio und Actio waren (Cicero, Orator 44; 51; De officiis 1,2; Quintilian, Institutio
oratoria 8, prooem. 13-17). Daher behandelt der Hauptunterredner Crassus in Ciceros Dialog De
124 Thorsten Burkard

Das wesentliche Charakteristikum von Dichtung ist für ihn der Inhalt, die „idonea
fictio“ (‚geeignete Fiktion‘). Erst an zweiter Stelle steht eine ‚gehobene Ausdruckswei-
se‘ („oratio minime vulgaris“). Das Metrum schließlich ist nur eine Äußerlichkeit, dem
Körper eines Menschen vergleichbar, während die ‚Seele‘ („anima“) der Dichtung die
conceptus, die fictiones poeticae, die fabula darstellen.22 Masen verweist für diese Be-
griffsbestimmung explizit auf das sechste Kapitel der aristotelischen Poetik23 und deutet
Aristoteles damit in entscheidender Weise um, indem er letztlich die Form in den
Dienst des Inhalts stellt. Diese Umdeutung aristotelischen Gedankenguts wird insbe-
sondere an Masens Behandlung der Kategorie der Wahrscheinlichkeit deutlich. Bezog
Aristoteles den Begriff in erster Linie auf die innere Handlungslogik, so versteht Masen
unter der verisimilitudo die mögliche Repräsentation einer Wahrheit bzw. Wirklich-
keit.24 Zudem verdoppelt Masen den Wahrheitsbegriff und mit ihm auch die Wahr-
scheinlichkeit – und das ist eine in seinem poetologischen System konsequente, aber
unaristotelische Erweiterung. Er unterscheidet nämlich zwischen einer historischen und
einer figurierten verisimilitudo, also zwischen einer nicht-bildhaften und einer allego-
rischen oder symbolischen Wahrscheinlichkeit. Das ideale Kunstwerk vereinigt beide
Wahrscheinlichkeiten, wobei für Masen eindeutig die verisimilitudo figurata (oder
translata), die übertragene Darstellung einer tieferen Wahrheit, die der Rezipient ent-
schlüsseln muss, den höheren Stellenwert einnimmt.25 Diese ideale Verbindung sei an
einem Beispiel erläutert: Die Schilderung einer Jagd in Vergils Aeneis mag der Wahr-
scheinlichkeit auf der ersten Ebene entsprechen (also den historischen Gegebenheiten
des 2. Jahrtausends v. Chr. angemessen Rechnung tragen), sie entbehrt aber einer tiefe-
ren verisimilitudo. Diese würde erst dann ins Spiel kommen, wenn der Autor die Jagd
als Symbol für eine allgemeine Wahrheit verstanden hätte, wenn etwa die Jäger sinn-
bildlich für die Schlauen, die Gejagten hingegen für die Ängstlichen stünden.26
Zumindest auf der zweiten Ebene koinzidieren also verisimilitudo und veritas, Wahr-
scheinlichkeit und Wahrheit. Dichtung wird in einer solchen Auffassung in der Tat ‚phi-
losophischer‘ (so Aristoteles’ Begriff im neunten Kapitel der Poetik), da sie auf ein
Allgemeines zielt (ebd.) – aber diese Didaktisierung von Kunst ist nur scheinbar iden-

__________
oratore im dritten und letzten Buch eben diese beiden Officia (vgl. Cicero, De oratore 3,19-227).
Wir werden auf diesen wichtigen Unterschied noch zurückkommen.
22
Balde wird die Seelenmetaphorik originell umdeuten (cap. 67): Für ihn ist die novitas die zweite
Seele – des Dichters! Das bedeutet, dass es einen unkreativen und nicht-innovativen Dichter per
definitionem nicht geben kann. Vgl. dazu ausführlich unten III. zu Baldes Dissertatio.
23
Palaestra, Pars I, lib. 1 a.A., p. 1 und ebd. cap. 1, p. 2; Aristoteles, Poetik cap. 6, 1450a39f.
24
Vgl. etwa Aristoteles, Poetik cap. 15, 1454a34-37. Zu Masens (für die Frühe Neuzeit nicht unty-
pische) Umdeutung der aristotelischen Poetik vgl. Volkhard Wels: Der Begriff der Dichtung in
der Frühen Neuzeit. Berlin 2009, hier erster Teil passim, bes. S. 113f. und S. 115; Burkard: Klas-
sizismus (wie Anm. 5), passim, etwa Fußn. 44.
25
Zu Masens verisimilitudo-Begriff vgl. Burkard: Klassizismus (wie Anm. 5), passim.
26
Palaestra, Pars I, lib. 1, cap. 10, p. 22f.
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 125

tisch mit Aristoteles’ Vorstellungen, in Wahrheit liegen Welten zwischen diesen beiden
Theorien.27
Dichtung wird also von Masen in doppelter Weise heteronom bestimmt: Zum einen
muss sie die Realität möglichst naturgetreu wiedergeben;28 zum anderen sollte diese
‚historische‘ Realität auf eine tiefere Wahrheit verweisen.29 Im Prinzip haben wir es
hier mit einer recht unpoetischen (ver)doppelten Referenzsemantik zu tun (die man
auch an historische Werke anlegen könnte), was die Frage aufwirft, ob die eigentlich
ästhetische Komponente von Dichtung bei Masen gänzlich auf der Strecke bleibt. Diese
Frage ist zu verneinen. Wäre Dichtung nichts anderes als die Vermittlung unverbrüch-
licher Wahrheiten, so wäre das aus der Antike tradierte rhetorisch-poetische Instrumen-
tarium, das Masen in seiner Poetik zu lehren sucht, überflüssig. Die ästhetische Einklei-
dung der zu vermittelnden Wahrheit ist in Masens Augen durchaus notwendig, um den
Leser zu unterhalten und in eine dauerhafte Spannung zu versetzen. Mit anderen Wor-
ten: Wer sich langweilt, kann auch nicht belehrt werden. Das ist aber nicht die einzige
Funktion der Ästhetik in dieser Theorie. Masen empfiehlt die Vermeidung des direkten
Sprechens, damit der Leser durch die Enträtselung der Botschaft, durch das mühevolle
Auffinden des eigentlich Gemeinten, sich dieses nur umso tiefer einprägen kann. Erst
der ästhetische Umweg garantiert das dauerhafte Memorieren.30 Es wäre also ein Irr-
tum, wenn man glauben würde, Masen verabschiede in einem an frühchristliche Res-
sentiments erinnernden Skeptizismus gegenüber Poetik und Rhetorik das Ästhetische
ohne Wenn und Aber. Das eigentlich Künstlerische ist ihm aber nur Mittel zum Zweck.
Wenn Ästhetik nicht mehr auf ein externes Ziel bezogen wird (womöglich mit dem Ex-
trem der ars gratia artis), wenn sie womöglich die Botschaft zu vernebeln droht, so ist
sie aus dem Kunstwerk zu verbannen. Der Maßstab für das Gelingen guter Dichtung ist
somit zuerst und vor allem das Quantum an (zweifacher) Realität, das sie vermitteln
will, und erst in zweiter Linie die Vermittlungsstrategien, die aber nicht um ihrer selbst
willen oder wegen ihres ästhetischen Wertes betrachtet werden, sondern allein im Hin-
blick darauf, ob sie die Übermittlung der Botschaft an den Rezipienten garantieren kön-
nen oder nicht. In den damals gängigen Begriffen aus der horazischen Poetik formuliert:
Das delectare ist nur erlaubt, wenn es dem prodesse dient.

__________
27
Zum neunten Kapitel der Poetik vgl. jetzt den Kommentar von Arbogast Schmitt (Darm-
stadt 2008), hier S. 381-397, zu unserem Problem v. a. 392f.
28
So kritisiert Masen etwa die anachronistische Begegnung von Dido und Aeneas in der Aeneis (in
der Tat ‚lebte‘ Aeneas am Ende des 2. Jahrtausends, Dido aber im 9. Jahrhundert) (Palaestra,
Pars I, lib. 1, cap. 7, p. 11).
29
Vgl. zu dieser Forderung nach der doppelten Wahrscheinlichkeit/Wahrheit Palaestra, Pars I,
lib. 1, cap. 6, p. 10.
30
Vgl. zu diesem Grundzug von Masens Dichtungstheorie Burkard: Klassizismus (wie Anm. 5),
passim.
126 Thorsten Burkard

Was sind nun die tieferen Wahrheiten, die die Dichtung (oder Kunst allgemein)31 laut
Masen vermitteln sollte? Man würde vielleicht erwarten, dass Masen in erster Linie an
spezifisch christliche, katholische oder jesuitische Inhalte denken würde, und in der Tat
legt Masen hierauf Wert32 – der Schwerpunkt liegt aber woanders: Es geht ihm vor al-
lem um allgemeine moralische und lebenspraktische Botschaften.33 Diese widerspre-
chen natürlich bei Masen weder der christlichen Religion noch der katholischen Kon-
fession, sie sind aber eben nicht spezifisch christlich. So sollen etwa das Löwenfell und
die Keule des Hercules auf seine Tapferkeit, die zwölf Arbeiten auf seine verschiedenen
virtutes verweisen.34 Da sich – zumindest theoretisch – jeder Text und jedes Bild auch
auf dieser zweiten Ebene deuten lässt, sind grundsätzlich alle Gegenstände für die Dich-
tung geeignet – abgesehen freilich von den res turpes, den unmoralischen Handlungen
und Gegenständen.35 Aus diesem Grunde müssen nach Möglichkeit moralisch eindeuti-
ge Personen in der Dichtung dargestellt werden. Mit Aristoteles’ mittlerem Charakter
kann Masen konsequenterweise nichts anfangen: Die (moralischen) Helden sollen be-
lohnt, die Schurken hingegen bestraft werden.36 Die moralische Grauzone wird de facto
verboten, da sie die Gefahr einer verhängnisvollen Fehldeutung in sich birgt.
Fassen wir zusammen: Eine für Masen ideale Dichtung ist aufgeladen mit Bedeu-
tung; kein einziges Element der Inhaltsebene darf bedeutungslos bleiben. Dabei wird
Bedeutung referenzsemantisch verstanden (und nicht etwa strukturell oder funktionalis-
tisch): Alle Bestandteile eines Gedichtes sollen auf ein textexternes Wahrheitssystem
verweisen,37 entweder auf historische oder naturwissenschaftliche Tatsachen oder/und
auf tiefere moralische und theologische Lehrsätze. Ideal ist eine Verbindung beider
Ebenen. Was Masen daher konsequenterweise gänzlich ablehnt, sind Stellen, an denen
__________
31
Die Bildtheorie in Masens Speculum imaginum veritatis occultae (zuerst Köln 1650) ist mutatis
mutandis im Wesentlichen dieselbe wie die Dichtungskonzeption der Palaestra. Vgl. dazu Bauer:
Jesuitische ars rhetorica (wie Anm. 8) und Burkard: Klassizismus (wie Anm. 5).
32
So behandelt Masen im Speculum folgendes Emblem: Ein Winzer schneidet die vertrockneten
Zweige eines Weinstocks ab; das Lemma hierzu lautet: „vitiosa seces“ (‚Schneide Fehlerhaftes
ab‘) – ein Anagramm für ‚Societas Jesu‘: Die Jesuiten dulden nämlich keine unmoralischen Mit-
glieder (Speculum, wie Anm. 88, p. 671).
33
Vgl. auch Bauer: Jesuitische ars rhetorica (wie Anm. 8), S. 476.
34
Palaestra, Pars I, lib. 1, p. 19. An dieser Stelle erwähnt Masen übrigens auch eine naturphiloso-
phische Deutung der zwölf Arbeiten des Hercules.
35
Vgl. Palaestra, Pars I, lib. 1, cap. 2, p. 4 zum Ausschluss erotischer Sujets.
36
Palaestra, Pars II, Poesis Heroica, cap. 1, p. 133f.: Ein Protagonist dürfe allenfalls unmoralisch
handeln, wenn danach auch seine Bestrafung dargestellt werde. Hier steht Masen Platon näher als
Aristoteles; Platon hatte im Staat (Politeia 3,392-395) die Darstellung von Schurken etwa auf der
Bühne verboten, weil diese sowohl die Schauspieler (die sich ja in ihre Rollen hineinversetzen
müssten) als auch die Zuschauer negativ beeinflussen würden (Platon spricht hier die Attraktivität
negativer Rollenmuster an).
37
Im Gegensatz dazu könnte man die aristotelische Poetik als ein Regelwerk über die textinternen
Beziehungen bezeichnen (die natürlich ein Weltwissen voraussetzen, aber eben voraussetzen,
nicht denotieren).
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 127

Ereignisse geschildert werden, die auf der ersten Ebene inhaltsleer (also in seiner
Terminologie unwahrscheinlich/unwahr) sind, aber trotzdem nicht erkennen lassen,
wo ihre tiefere Wahrheit liegen soll.38 Die radikale Aufladung eines Gedichtes mit
Bedeutung soll nach Möglichkeit auch für die ‚Begleitumstände‘ (Masen nennt sie
„adjuncta“) gelten, die nicht beliebig sein dürfen, sondern eine ‚sinnvolle Fiktion‘
(„fingendi ratio“) enthalten müssen. Wie weit diese ‚Pansemantik‘ gehen kann, sei an
einem Beispiel demonstriert: Beispielsweise müsste der geschwätzige Verräter Battus
in Ovids Metamorphosen laut Masen nicht in einen Stein (2,687–707), sondern in ei-
ne Elster (als ein Sinnbild der Geschwätzigkeit) verwandelt werden. Dieses Beispiel
ist aufschlussreich, weil es zeigt, wie stark in Masens Denken die allegorischen Codes
verwurzelt sind. Man könnte ja argumentieren, dass Verrat ein besonders schweres
Vergehen ist, ein Verräter daher möglichst schwer bestraft werden muss und es eine
härtere Strafe darstellt, in einen Stein als in eine Elster verwandelt zu werden. Masen
denkt aber in den Kategorien der kodifizierten Allegorie, die die Bedeutungen der
einzelnen Dinge vorgibt und nach der eine Elster eben für Geschwätzigkeit steht (ein
Stein aber nicht). Diese Ratio steckt auch hinter Masens réécriture der anderen
ovidianischen Verwandlungssagen.39 Eine weitere Funktion der adjuncta besteht da-
rin, die Sache an sich wahrscheinlich, glaubhaft erscheinen zu lassen (vor allem fikti-
ve Ereignisse und Handlungen) – die Einzelteile erfüllen also auch hier eine hetero-
nome, sachbezogene Aufgabe.40
Was die Ausdrucksseite (Elocutio und Metrik) angeht, so ist ihre Funktion eindeutig:
Sie dient lediglich der eingängigeren Vermittlung der textexternen Botschaft. Vor allem
hier finden auch die antiken Gottheiten noch einen Platz, die ansonsten von Masen fast
gänzlich verabschiedet werden, da ihre Darstellung nicht der Wahrheit auf der ersten
Ebene entspricht, so dass immer deutlich sein muss, was sie in figurierter Weise bedeu-
ten sollen. In der Elocutio dürfen sie aber etwa in Form von Metonymien (etwa ‚Nep-
tun‘ für das ‚Meer‘) verwendet werden.41
Diese kurze Skizze der Palaestra wird vermutlich den Eindruck erwecken, dass es
sich hierbei um ein trockenes Lehrwerk handelt, dessen Autor nicht in der Lage ist, die
ästhetischen Qualitäten von Dichtung zu erfassen. Damit würde man Masen aber Un-
recht tun. Seine ausführlichen Bemerkungen zur Ästhetisierung verdienten eine aus-
führlichere Würdigung. Obwohl die Ebene der delectatio ganz im Dienste des prodesse
aufgeht, beobachtet Masen sehr fein und kann Gedichte durchaus treffend beurteilen;
die Originalität seiner Gedanken ist bei weitem noch nicht ausgelotet und wäre etwa die
Aufgabe eines gründlichen Kommentars. Die ästhetische Komponente ist also durchaus
__________
38
Palaestra, Pars I, lib. 1, cap. 7, p. 13f.: Der Dichter müsse durch bestimmte Hinweise dem Leser
den Weg zur verborgenen Wahrheit weisen.
39
Palaestra, ebd., p. 14.
40
Palaestra, ebd., cap. 5, p. 17.
41
Palaestra, Pars I, lib. 1, cap. 7, p. 16. Zu anderen Möglichkeiten, Götter einzubinden, nämlich in
Form von Allegorien, vgl. ebd., cap. 11, p. 26.
128 Thorsten Burkard

präsenter, als es die vorstehenden Ausführungen vermuten lassen. Das ist auch leicht
erklärbar: Wie soll ein Schüler oder überhaupt ein angehender Dichter dichten lernen,
wenn man ihm nicht das Handwerkszeug der Inventio und vor allem der Elocutio ver-
mittelt?

3. Jacob Baldes Dissertatio de studio poetico

Das genaue Gegenteil von Masens Poetik ist Baldes Dissertatio praevia de studio poe-
tico.42 Eigentlich handelt es sich hierbei nicht um ein separates Werk, sondern um die
Vorrede (daher auch das Adjektiv praevia, etwa ‚vorgängig, einleitend‘) zu der Vers-
satire Vultuosae torvitatis encomium,43 in der es um den Gegensatz zwischen einem
schönen Äußeren und einem hässlichen Inneren (und umgekehrt) geht.44 Wie so oft bei
Balde – und überhaupt in der (Frühen) Neuzeit – wird aber eine Vorrede zu grundsätz-
lichen poetologischen Äußerungen genutzt, die übrigens im Falle der Dissertatio nur in
den letzten Kapiteln eine Einleitung zu dem eigentlichen Werk bieten. Man wird hier
demnach auch Baldes Wunsch erkennen dürfen, nach dem Abschied von der lyrischen
Dichtung eine Summe all seiner poetischen Erfahrungen zu ziehen. Und in der Tat be-
schäftigt sich ein Großteil der Dissertatio mit der Dichtkunst im Allgemeinen, wobei
Lyrik, Epos und Drama im Vordergrund stehen. Erst am Ende führt die Behandlung der
satirischen Gattung zum Torvitatis encomium.45
Baldes Dissertatio ist nicht systematisch aufgebaut und unterscheidet sich schon da-
durch von den üblichen Renaissance- und Barockpoetiken. Es finden sich nicht einmal
die damals durchaus üblichen Zusammenfassungen der einzelnen Themen (oder prae-
cepta) in margine. Heute würde man ein solches Werk wohl am ehesten als Essay be-

__________
42
Kommentierte Ausgabe der Dissertatio mit Übersetzung von Thorsten Burkard ([Münchner
Balde-Studien 3] München 2004); dort S. viii-xi ein knapper Überblick über die ältere Forschung.
Vgl. seitdem: Ulrich Winter: Baldes novitas – ein barock-jesuitisches Rhetorikon? In: Pontes III.
Die antike Rhetorik in der europäischen Geistesgeschichte. Hg. von Wolfgang Kofler und Karl-
heinz Töchterle. (Comparanda 6) Innsbruck/Bozen/Wien 2005, S. 281-291 sowie die beiden Bei-
träge von Christoph Friedrich Sauer in: Balde und die römische Satire. Hg. von Gérard Frey-
burger und Eckard Lefèvre. (NeoLatina 8) Tübingen 2005, S. 13-24 und S. 107-146.
43
Das Torvitatis encomium findet sich im dritten Band der Gesamtausgabe von 1729 (wie Anm. 1),
p. 357-393. Spezialliteratur zu dieser Satire fehlt abgesehen von: Thomas Baier: Baldes satirische
Dichtungslehre im Zeichen der Torvitas. In: Freyburger/Lefèvre: Balde (wie Anm. 42), S. 245-
255. Zur Erklärung des seltsamen Titels (etwa ‚Lobrede auf das finstere Aussehen‘) vgl. Baier
ebd., S. 248f., der unter anderem auf den horazischen Ausdruck „vultus torvus“ (Epistu-
lae 1,19,12) verweist.
44
Welches Werk Balde wohl mehr am Herzen lag, zeigt allein die Tatsache, dass die ‚Vorrede‘ län-
ger ist als die Satire selbst.
45
Balde hatte sich 1651 mit der Gedichtsammlung Medicinae gloria der satirischen Gattung zuge-
wandt, die er bis zu seinem Tode pflegen wird.
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 129

zeichnen. Versuchen wir zunächst, einen groben Überblick über diese etwa 40 Seiten
lange ‚Vorrede‘ zu geben:
Die Dissertatio ist einem Ponticus Crescentius Marcona gewidmet; dabei handelt es
sich zweifelsohne um ein Pseudonym, hinter dem sich vielleicht ein Neuburger Schüler
Baldes verbirgt.46 Wichtiger als die konkrete Identifikation des speziellen Adressaten ist
aber die Tatsache, dass Balde sich an die angehenden neulateinischen47 Dichter in ihrer
Gesamtheit wendet, vor allem natürlich an die Zöglinge der Jesuiten. Da Crescentius
Balde offenbar um poetische Unterweisung gebeten hat,48 positioniert dieser zunächst
einmal in einer einleitenden Passage49 sein Werk ex negativo in Relation zum damali-
gen Schulbetrieb, um Missverständnisse zu vermeiden: Er habe keineswegs die Absicht,
ein grammatikalisches oder poetologisches Hand- oder Lehrbuch zu schreiben und so-
mit die ohnehin schon unendliche Zahl der praecepta zu wiederholen oder womöglich
noch zu vermehren. Kompendien zur Poetik gebe es allein schon von Mitgliedern des
Jesuitenordens genügend – und an dieser Stelle verweist er den wissbegierigen Crescen-
tius explizit (unter anderen) an Jacob Masen, der ‚erst kürzlich in recht glänzender Wei-
se‘ einen großen Vorrat an praecepta herausgegeben habe;50 mit dieser Umschreibung
kann nur die Palaestra gemeint sein. Mag hier auch der Ordensbruder in einem Atem-
zug mit den angesehenen Theoretikern Jacobus Pontanus (1542-1626) und Alessandro
Donati (1584-1640) genannt werden,51 so ist doch andererseits deutlich, dass die beiden
nach diesen drei genannten Autoren von Balde um einiges mehr geschätzt werden – sie
sind nämlich die einzigen, die er seinem Adressaten vorbehaltlos empfiehlt, vermutlich,
weil sie gerade nicht den trockenen Lehrbuchstil pflegten, sondern – wie Balde in seiner
__________
46
Vgl. zu dem Pseudonym und zur möglichen Identifikation Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42),
S. 73f. Balde verwendet in seinen Werken – leider – häufig Pseudonyme, was es fast unmöglich
macht, seine Adressaten zu identifizieren. Der Name Crescentius könnte immerhin darauf hindeu-
ten, dass der Adressat noch ‚wachsen‘ muss, also in der Poesie noch lange nicht zur Perfektion
gelangt ist.
47
Wie in Masens Palaestra so wird auch in Baldes Dissertatio ausschließlich die lateinische Dich-
tung behandelt.
48
Es könnte sich bei dieser Bitte natürlich auch um eine Fiktion Baldes handeln. Zum Topos
‚Schreiben auf die Bitte eines Freundes hin‘ bei Balde vgl. Thorsten Burkard: Die Vorreden zu
den Werken Jacob Baldes. In: Jacob Balde im kulturellen Kontext seiner Epoche. Hg. von Thors-
ten Burkard, Günter Hess, Wilhelm Kühlmann und Pater Julius Oswald SJ. (Jesuitica 9) Regens-
burg 2006, S. 166-182, hier S. 168f.
49
Dissertatio, cap. 1. Die Kapitelzählung stammt nicht von Balde, sondern folgt meiner Ausgabe
(wie Anm. 42), die sich an der Absatzeinteilung in der Überlieferung orientiert. Eine Konkordanz
zu den Seitenzahlen der Ausgabe von 1729 findet sich ebd., S. 357f.
50
Dissertatio, ebd.: „Copiosa [scil. praecepta] jam olim, non sine insigni delectu, vel ex sola
Societate nostra tradidere Doctissimi Viri; Iacobus Pontanus, Alexander Donatus; novissimè
Iacobus Masenius, perquàm nitidè“.
51
Masens Palaestra hat Pontanus’ Regelwerke in den Schulen teilweise ersetzt; Masen nennt selbst
Donati neben Julius Caesar Scaliger und Gerhard Johannes Vossius als seine Vorbilder (Palaes-
tra, Vorrede an den Leser, ohne Paginierung [*p. 5r]).
130 Thorsten Burkard

Dissertatio – versucht haben, durch eine unsystematische, lebendige Darstellung den


Leser zu fesseln.52 Nur wenn diese beiden Crescentius intellektuell ‚zu hoch‘ („sub-
limiores pro captu“) sein sollten, solle er sich Pontanus, Donati und Masen zuwenden!
Masen ist also bestenfalls die dritte Wahl – abgesehen von der zwischen den Zeilen ste-
henden Spitze, dass angesichts so vieler bereits vorhandener Lehrbücher eigentlich
schon Masens Palaestra überflüssig gewesen ist. Immerhin gesteht Balde ihm zu, dass
seine ‚Vorratskammern‘ (wie die von Pontanus und Donati)53 den Dichternovizen nicht
nur leichter, sondern auch ‚reichhaltiger säugen‘ („uberiùs lactant“). Aber selbst dieses
Lob wird relativiert, denn Balde warnt vor dem Übermaß an praecepta in diesen Lehr-
werken, die die zarten Pflanzen der Lernenden ertränken könnten.54 Baldes Sympathie
für Masens in der Tat voluminöses Regelwerk hält sich sichtlich in Grenzen, und dieser
Umstand legt die These nahe, dass die Dissertatio zumindest teilweise auch ein Gegen-
entwurf zu Masens Umgang mit Dichtung und Dichtungstheorie darstellen sollte.55
Die folgenden Kapitel (cap. 2-4) richten sich gegen die handwerklichen Fehler und
Irrtümer der zeitgenössischen Dichter. Schon hieran kann man den von Masen abwei-
chenden Ansatz erkennen: Baldes Dissertatio entspringt der Beobachtung eines – in
seinen Augen beklagenswerten – Zustandes, dem man abhelfen muss, es handelt sich
gewissermaßen um eine kommentierte Bestandsaufnahme der verfehlten dichterischen
Praxis, die Balde um sich herum beobachten muss und vor der er seine Leser nach-
drücklich warnen möchte. Insbesondere geißelt er in der Dissertatio immer wieder die
mangelnde Selbsterkenntnis der Dichter, die ihre – de facto künstlerisch schwachen –
poetischen Produkte für rundherum gelungen halten.56 Baldes Dissertatio folgt hier –
wie so oft – Horaz’ literaturtheoretischen Gedichten, in denen ebenfalls die Selbstver-

__________
52
Es handelt sich um die beiden römischen Jesuiten Famianus Strada (1572-1649) und Vincenzo
Guiniggi (1587/1588-1653); vgl. dazu Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42), S. 81f.
53
Die Promptuaria (‚Vorratskammern‘) waren Sammlungen von gelungenen Ausdrücken oder gan-
zen Sentenzen (vgl. auch Anm. 12). Nimmt man das Wort im strengen Sinne, so reduziert Balde
den Nutzen der drei Poetiken auf ihre Beispielsammlungen – das würde zum praktischen Ansatz
der Dissertatio passen. Nicht zufällig zitiert Balde weiter unten auch das berühmte Seneca-Wort:
„Longum iter est per praecepta, breve per exempla“ (cap. 2, Kursivierung im Original; Seneca,
Epistulae 6,5).
54
Selbst hinter dem scheinbar lobenden Adverb nitidè, mit dem Balde Masen bedenkt, könnte sich
noch eine weitere (gelehrte) Bosheit verbergen, vgl. dazu Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42),
S. 82. Hinzufügen könnte man noch, dass nitidus nicht nur ‚schimmernd, glänzend‘, sondern auch
‚fett‘ bedeuten kann und Balde sich zuvor über die dicken Wälzer beklagt hat.
55
Ein weiterer Seitenhieb gegen Masen könnte in der Aussage versteckt sein, dass die gelehrten
Kommentatoren zwar die Dichter erklären können, aber nicht in der Lage sind, selbst produktiv
tätig zu werden (cap. 6, vgl. Anm. 101). Masen hatte in seiner Palaestra zu Illustrationszwecken
die zwölf Bücher von Vergils Aeneis kommentiert (Pars I, lib. 1, cap. 16, p. 47-61).
56
In cap. 37 sagt Balde beispielsweise, dass es viele vom Kaiser gekrönte Dichter gebe, deren dich-
terische Erzeugnisse so schlecht seien, dass man die Autoren eigentlich mit Unkraut bekränzen
sollte!
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 131

liebtheit der zeitgenössischen Poetaster verspottet wird;57 auch Horaz’ Ars Poetica
nimmt ihren Ausgang bei den Fehlern der Dichter.58 Ganz im Gegensatz zu dieser
Selbstgefälligkeit stellt Balde für die Dichter seiner Zeit die höchsten Maßstäbe auf: Sie
müssen versuchen, die antiken Vorbilder zu erreichen (wenn nicht sogar zu übertref-
fen). Dass die antiqui der Maßstab für Balde sind, wird an der fast schon provokanten
Formulierung deutlich, dass ihre Art der Dichtung ‚heilig und solide‘ („sacra,
solidáque“) gewesen sei (cap. 3). Masen hatte demgegenüber (wie bereits gesehen) an
den dezidiert heidnischen Elementen der antiken Dichtung Anstoß genommen und die
Darstellung antiker Gottheiten nur ausnahmsweise erlaubt. Wenn Masen auch den Ge-
brauch der lateinischen Sprache mit Nachdruck postuliert,59 so sind ihm doch die Inhal-
te der antiken Dichtungen sichtlich suspekt. Daher spielt bei ihm das Verhältnis zwi-
schen den neulateinischen Dichtern und den antiken Klassikern fast überhaupt keine
Rolle. Dahingegen widmet sich der Praktiker Balde dieser Problematik ausführlich in
den Kapiteln 5-13 unter der Leitfrage, wie ein moderner Dichter die bewunderten Vor-
bilder imitieren und zugleich das Postulat der novitas beachten kann, so dass aus der
Imitatio eine erfolgreiche Aemulatio wird. Der Imitator muss sich die kanonischen
Dichtungen der Alten aneignen (dies versinnbildlicht Balde mit der traditionellen Spei-
semetaphorik)60 und ein Werk hervorbringen, das nach der reinen Latinität der Alten
‚duftet‘.61 In Baldes Augen ist es dem spätantiken Epiker und Panegyriker Claudian
(um 400) in idealer Weise gelungen, das Alte mit dem Neuen zu verbinden.62 Balde
stellt also die Notwendigkeit der Imitatio nicht im Mindesten in Frage, ganz im Gegen-
teil. Die Vorstellung, dass ein Rückgriff auf die Klassiker unabdingbar ist, findet sich
auch in der horazischen Ars Poetica.63 Balde betont allerdings beim Verhältnis von
Vorbild und Nachahmer den Aspekt der novitas sehr stark, während sich Horaz über-
haupt nicht dafür zu interessieren scheint.64
Im ausführlichen Hauptteil der Dissertatio (cap. 14-58) bietet Balde seinem Leser ei-
ne Art Horaz-Kommentar, in dem er vor allem Stellen aus Horaz’ literaturtheoretischen

__________
57
Vgl. etwa Horaz, Epistulae 2,2,106-108.
58
Das berühmte Mischwesen am Anfang der Ars Poetica (v. 1-5) ist ja nichts anderes als die Illus-
tration eines misslungenen, da uneinheitlichen Gedichtes.
59
Vgl. die Widmung an den Pfalzgrafen Philipp Wilhelm zu Beginn des Werkes (p. *3): Die lateini-
sche Sprache garantiere immer noch den Bestand des Römischen Reichs; ihr Untergang würde
den Untergang des ganzen Romani Imperii corpus nach sich ziehen. Das 17. und 18. Jahrhundert
war offensichtlich nicht in der Lage, die Wahrheit dieser weitsichtigen Prophezeiung zu erkennen.
60
Dissertatio, cap. 9, vgl. dazu Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42) ad loc.
61
Dissertatio, cap. 7 a.E.
62
Dissertatio, cap. 9.
63
Horaz, Ars Poetica 268f. (dort bezogen auf die griechischen Vorbilder der römischen Dichter).
64
Vgl. zu diesem Unterschied zwischen Balde und Horaz Wilfried Stroh: Plan und Zufall in Jacob
Baldes dichterischem Lebenswerk. In: Burkard u. a.: Kontext (wie Anm. 48), S. 198-244, hier
S. 236.
132 Thorsten Burkard

Gedichten65 assoziativ bespricht – eine plausible systematische Gliederung dieses Teils


hat sich bisher noch nicht finden lassen. Auf den Horaz-Kommentar folgt eine Dar-
legung der Humoralpathologie (cap. 59-64); erst dann geht Balde auf die Absicht des
satirischen Vultuosae torvitatis encomium ein (cap. 65-67), um schließlich an das Ende
des Werks einen teilweise hymnischen Preis der Satire zu setzen (cap. 68-73).

Schon dieser kurze Überblick zeigt, dass wir es hier nicht mit einer durchstrukturierten
Poetik zu tun haben. Das wird noch augenfälliger durch den Bruch zwischen den ersten
58 Kapiteln einerseits, in denen es um die novitas geht, und den Schlusskapiteln, in de-
nen vor allem die Satire und die mit dieser Gattung verbundenen Probleme behandelt
werden. Wenden wir uns zunächst den Kapiteln 1-58 zu. Hier steht die Frage im Mittel-
punkt, wie ein Dichter etwas Neues hervorzubringen vermag, das an die poetischen
Leistungen der Alten heranreicht und sogar weitere Werke anregen kann (so dass der
moderne Poet seinerseits zum Klassiker wird). Die Perspektive auf die Dichtung ist also
eine ganz andere als bei Masen – in der Dissertatio spricht der Dichter, der sich mit ei-
nem ganz konkreten Problem konfrontiert sieht: Wie kann man aus dem Material und
den Verfahrensweisen, die die antiken Dichter zur Verfügung stellen, etwas Neues
schaffen? Interessierte sich Masen eher unter dem Aspekt der Attraktivität für die novi-
tas (nur das Ungewöhnliche vermag den Rezipienten zu fesseln und für die Aufnahme
der Wahrheit empfänglich zu machen), so wird diese bei Balde zu einer Forderung um
ihrer selbst willen: Ein Gedicht hat nur dann eine Existenzberechtigung, wenn es neu
ist, wenn es dem Dichter gelingt, eine paradoxe Forderung zu erfüllen: nämlich auf den
Spuren der Alten zu wandeln, aber zugleich eigene Wege einzuschlagen.66 Diese Forde-
rung zieht sich durch die Dissertatio und betrifft augenscheinlich alle Ebenen eines
Kunstwerks: die sprachliche und stilistische Ausformung, die poetische Gestaltung und
den Inhalt.67 Um diesem Postulat gerecht zu werden, bedarf es zweier Voraussetzungen:
Zum einen muss man die vorbildhaften antiken Texte im Geiste parat haben, zum ande-
ren ist es nötig, Stil und Stoff miteinander in Einklang zu bringen, mit anderen Worten:
das äußere Decorum zu beherrschen.68 Das Decorum-Postulat begegnet auch bei Ma-

__________
65
Also aus der Ars Poetica und den beiden Briefen des zweiten Epistelbuches. Daneben zieht Balde
auch Horaz’ Satiren und seine anderen Briefe heran; ein Überblick über die kommentierten Stel-
len bei Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42), S. 360f.
66
Vgl. Dissertatio, cap. 9: „multorum votum, paucorum est donum, ab Veterum auctoritate non
recedere; ab iisdem tamen, propriis inventis, novis loquendi modis, tropis, atque figuris ex vitali
cordis fonte manantibus, recedere“ (‚Viele wünschen es sich, aber nur wenigen ist es gegeben,
sich von der Autorität der Alten nicht zu entfernen, sich von ihnen aber mit eigenen Erfindungen,
neuen Redeweisen, Tropen und Figuren, die aus dem lebendigen Quell des Herzens fließen, doch
zu entfernen‘).
67
Vgl. das Zitat aus cap. 9 in der vorigen Anmerkung und Dissertatio, cap. 17.
68
Vgl. etwa cap. 10 a.E. Zu Recht hat Winter: Rhetorikon (wie Anm. 42), S. 288f. auf das Span-
nungsverhältnis zwischen novitas einerseits und decorum/aptum andererseits hingewiesen.
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 133

sen, aber dort dient das Decorum als Schutz gegen die Überfunktion des Stils gegenüber
dem Inhalt, dem immer die Priorität zukommt; das Decorum wird also heteronom legi-
timiert.69 Bei Balde steht zwar auch die Vorstellung im Hintergrund, dass eine Vernach-
lässigung des Decorum eine Unterfunktion des Inhalts nach sich zieht – aber er bangt
nicht so sehr um die Eindeutigkeit der poetischen Botschaft als vielmehr um die Ange-
messenheit und Geschlossenheit des Kunstwerks. Das bedeutet freilich nicht, dass er für
inhaltsleere Kunst eintreten würde,70 aber der Focus ist gegenüber Masen spürbar ver-
schoben. Bezeichnend ist etwa, wie Balde den berühmten Horaz-Vers „aut prodesse vo-
lunt aut delectare Poetae“ aus der Ars Poetica71 argumentativ einsetzt: Er zitiert ihn, wie
aus dem Kontext deutlich wird, nur wegen des delectare.72 Hier gibt es keineswegs ein
Beharren „auf der didaktischen Funktion von Dichtung“.73 Vielmehr ist (vermutlich)
das genaue Gegenteil wahr: Gerade weil die Aufgabe des prodesse unumstritten ist,
muss Balde die Autonomie der Dichtung wieder in ihr Recht setzen.74 Baldes Einstel-
lung gegenüber dem Aspekt der delectatio manifestiert sich deutlich in dem folgenden
Satz: „Quisquis à Musis delectamenta sequestrat; aceto submersus intereat“ (‚Jeder, der
die unterhaltenden Elemente von der Dichtung trennt, soll im Essig ertrinken!‘).75 In
dem auf diesen Satz folgenden Kapitel (cap. 29) nennt Balde eben die drei Wirkungen,
die auch laut Masen von einem Gedicht ausgehen sollen (delectare, monere, movere) –
er hierarchisiert sie aber bezeichnenderweise im Gegensatz zu diesem nicht.76

__________
69
Die Forderung, das Decorum zu beachten, ist bei Masen die zweite Hauptregel der Elocutio (Pa-
laestra, Pars I, lib. 2, cap. 9, p. 173); das Decorum wird ausführlich im 15. Kapitel des zweiten
Buches des ersten Teils dargestellt.
70
Das zeigt sich schon daran, dass er in cap. 10, wo er eine Beschreibung des idealen Gedichtes
gibt, fordert, dass dieses mit gewöhnlichen Wörtern eine reichhaltigere Semantik hervorbringen
solle, als es ein bombastisches Poem je leisten könnte (Dissertatio, cap. 10: „quod [… plus]
significat communibus verbis, quàm aliud quodvis ampullantibus promittat“). Zu Baldes Theorie
von der Anwendung des schlichten Stils zur Erzeugung der gewünschten Effekte vgl. Burkard:
Vorreden (wie Anm. 48), S. 175-182.
71
Horaz, Ars Poetica 333. Balde zitiert den Vers statt mit aut – aut mit et – et. Vgl. dazu Burkard:
Dissertatio (wie Anm. 42), S. 122.
72
Dissertatio, cap. 7, vgl. auch weiter unten: „venustum Carmen“ (‚anmutiges Gedicht‘). Ein Ge-
dicht muss anziehend sein, „illecebrae“ haben (cap. 7 und cap. 20).
73
So Winter: Rhetorikon (wie Anm. 42), S. 288. Ebenso wenig lässt sich in der Dissertatio erken-
nen, dass Balde „wohl eher widerwillig“ das Gewicht auf das delectare verlagere (ebd.).
74
Wenn Winter ebd. behauptet, dass laut Balde mit einem ingeniösen Einfall auf indirekte Weise
Interesse für die „letztlich religiöse Wahrheit“ geweckt werden solle, so deutet er Masens Ansatz
in die Dissertatio hinein. Das soll übrigens nicht heißen, dass Balde diesem Ansatz nichts abge-
winnen konnte; nur findet er sich in der Dissertatio nicht einmal implizit. Vgl. auch Anm. 91.
75
Dissertatio, cap. 28.
76
Vgl. zu dieser Stelle Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42), S. 227f. Bei Masen findet sich diese
Trias Palaestra, Pars I, lib. 1, cap. 7, p. 14. An erster Stelle steht für ihn natürlich das lehrhafte
Element (hier mit monere ausgedrückt).
134 Thorsten Burkard

Sprach in der Palaestra – überspitzt formuliert – ein Moralist zu Moralisten, um darzu-


legen, wie man moralische Wahrheiten am effektivsten vermitteln kann, so spricht in
der Dissertatio ein Dichter zu Dichtern über (antike und moderne) Dichter. Daher ver-
wundert es auch nicht, dass sich Balde recht unverhohlen zu einem recht unchristlichen
Gedanken bekennen kann, der in Masens Palaestra, soweit ich sehe, keine Rolle spielt,
ja keine Rolle spielen kann: zu der Vorstellung vom (ewigen) Dichterruhm.77 So lehnt
er in cap. 35 die Gelegenheitsdichtung vehement ab. Der Dichter soll sich solcher Auf-
träge rasch entledigen, da sie keinen Ruhm versprechen.78 In Wirklichkeit erniedrigen
die jeweiligen Auftraggeber die Dichtkunst in entwürdigender Weise zu einer Sklavin,
wenn sie derartige ‚Eintagsfliegen‘ („dialia“) einfordern.79 Da sich kein Mensch dafür
interessiert („quis talia curat?“)80 und man sich auch keine Hoffnung auf Ruhm machen
kann,81 muss der Dichter seine Zeit hier nicht mit handwerklichen Problemen ver-
schwenden: Wenn er sich nicht darauf versteht, eine Zypresse darzustellen, soll er sich
mit einer Eibe begnügen.82 Dagegen hatte Masen zu Beginn seines Inventio-Kapitels
darauf hingewiesen, dass bei Gelegenheitsgedichten der Stoff von außen vorgegeben sei
und man sich nun überlegen müsse, welche Gattung angemessen wäre83 – für Balde wä-
re das verlorene Liebesmüh; ob man eine Fürstenhochzeit in einer Elegie oder mit einer
Ode feiert, ist ihm offenbar herzlich gleichgültig.84 Balde fordert vielmehr Dichtungen,
die die Zeit überdauern („aetatem latura“), deren Wert also gerade nicht von einer ein-
zigen Gelegenheit abhängig ist.85 Zur Bekräftigung dieses Appells ruft er die einschlä-
gigen Stellen aus der augusteischen Dichtung auf wie etwa Horaz’ geflügeltes Wort
__________
77
Vgl. zusätzlich zu den im Haupttext genannten Stellen noch: „vis et tu digito monstrari“ (‚willst
du, dass man auch auf dich mit dem Finger zeigt [scil. weil du eine Berühmtheit bist]?‘, mit An-
spielung auf Horaz, Carmina 4,3,21f.) in cap. 7; man solle sich einem Kritiker anvertrauen, dem
die fama und die gloria des Dichters am Herzen liegen (cap. 40).
78
Dissertatio, cap. 35: „raptim petita, raptim da, securus famae“ (‚Schnell Gefordertes liefere auch
schnell, ohne an Ruhm zu denken‘).
79
Dissertatio, cap. 35: „Sed jam dialia petuntur ab iis, qui Musas servire cogunt turpissimam
servitutem“ (‚Aber nun verlangen diejenigen, die die Musen zur schändlichsten Knechtschaft
zwingen, Werke, die kaum einen Tag überdauern‘). Vgl. auch die Aussage über die gute Melan-
cholie im humoralpathologischen Teil: „servire tamen nescia suam voluntatem, suae libertatis
decretum pro imperio jocandi exspectat“ (cap. 64).
80
Dissertatio, cap. 35.
81
In der damaligen Zeit gibt es bekanntlich auch viele anonyme Kasualgedichte, vgl. Wulf Sege-
brecht: Das Gelegenheitsgedicht. Ein Beitrag zur Geschichte und Poetik der deutschen Lyrik.
Stuttgart 1977, S. 82.
82
Dissertatio, ebd.: „si non potes figere cupressum; fige taxum“. Diese Empfehlung stellt eine Kon-
trastimitation zu Horaz, Ars poetica 19-22 dar.
83
Palaestra, Pars I, lib. 1, cap. 1, p. 5.
84
Zudem lehnt er die schmeichelhafte Geste solcher Dichtungen ab (Dissertatio, cap. 38).
85
Dissertatio, cap. 35. Schon in cap. 6 hatte er von einer „justae magnitudinis Poesis“ gesprochen,
womit wohl vor allem die Dauerhaftigkeit der wahren und großen Dichtung gemeint ist (vgl. Bur-
kard: Dissertatio [wie Anm. 42] ad loc.).
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 135

„Exegi monumentum aere perennius“.86 Die Gelegenheitsdichtung wird am Anfang der


Dissertatio abwertend als ein Werk von ‚Verseschmieden‘ („versificatores“) bezeichnet
(cap. 4); ihr wird auch das Emblem zugerechnet87 und damit diejenige Gattung, die Ma-
sen in einem stattlichen Band behandelt hat.88
Die an alle (angehenden) Dichter gerichtete Forderung, ewige Werke hervorzubrin-
gen, bringt es – paradoxerweise? – mit sich, dass Balde in den Kapiteln 1-58 der
Dissertatio fast nirgends auf den Inhalt von Dichtung eingeht.89 So wird die moralische
Komponente vollkommen ausgespart. Und – was bei einem Jesuiten vielleicht noch
mehr verwundern wird: Man begegnet keinerlei Bezugnahmen auf spezifisch christliche
Stoffe. Im Gegenteil: Balde macht sich lustig über Dichter(linge), die glauben, die Reli-
giosität des Sujets veredele ein Gedicht – weit gefehlt: ‚als ob wir nicht auch bei der
Verehrung der Heiligen nachlässig und barbarisch sein könnten!‘90 Es ist vielleicht
nicht ganz gerecht, hier Balde gegen Masen auszuspielen, da letzterer die grundsätz-
liche Kritik sicherlich unterschreiben würde: Der Missstand wäre ihm jedoch – nicht
ganz zu Unrecht – gleichgültig, da er ja mit seiner Poetik zeigen möchte, wie man aus
dem gut Gemeinten das gut Gemachte werden lässt. Andererseits zeigt sich hier deut-
lich die unterschiedliche Ponderierung der beiden Ordensbrüder.91 Da Balde derart kon-
sequent die Reflexion christlicher Themen meidet, könnte seine Dissertatio, von eini-
gen wenigen Nebenbemerkungen abgesehen, von einem Heiden geschrieben sein –
auch hierin ist seine Poetik der genaue Kontrapunkt zu Masens Palaestra.
Interessant ist in diesem Zusammenhang Baldes Erläuterung seines von Horaz über-
nommenen Postulates, der Dichter dürfe nicht mittelmäßig sein (dazu gleich mehr): Er
begründet diesen Anspruch nämlich damit, dass die Rezipienten von Dichtern immer
„Responsa Deorum“ erwarten würden, weil man annehme, dass sie in Kontakt mit den

__________
86
Dissertatio, cap. 38 (Horaz, Carmina 3,30,1); daneben zitiert er ebd. auch das (nach Horaz 3,30
gestaltete) Ende der ovidianischen Metamorphosen und Vergils „maius opus moveo“ (Aeneis
7,45 – Vergil meinte dort allerdings etwas anderes).
87
„Tales [scil. versificatores] vestiunt muros, suspendunt emblemata eqs.“ (cap. 4).
88
Jacob Masen: Speculum imaginum veritatis occultae. 3. Aufl. Köln 1681.
89
Der Inhalt spielt natürlich insofern eine Rolle, als beispielsweise die Ablehnung der Gelegen-
heitsdichtung eine Forderung nach großen Stoffen impliziert. Mit ‚Inhalt‘ sei hier speziell die
Aussage, die Botschaft von Dichtung gemeint.
90
Dissertatio, cap. 36: „quasi verò non et in Coelitibus colendis possimus esse socordes, ac barba-
ri.“ Das Wort coelites ist unübersetzbar, da es in der Antike die Götter, zu Baldes Zeit häufig die
Heiligen bezeichnete, so dass es hier vermutlich als Sammelbegriff für alle religiös zu verehren-
den Personen verwendet wird.
91
Eindeutig verfehlt ist daher für die Dissertatio Thills Aussage: „Die religiösen Intentionen ste-
hen […] im Vordergrund, die rhetorischen Mittel müssen ihnen dienen“ (Andrée Thill: Religiöse
Dimensionen der argutia-Poetik am Beispiel Jacob Baldes. In: Religion und Religiosität im Zeit-
alter des Barock. Bd. 2. Hg. von Dieter Breuer. [Jahrestreffen des Wolfenbütteler Arbeitskreises
für Barockforschung 7] Wiesbaden/Wolfenbüttel 1995, S. 771-778, hier S. 772). Vgl. auch
Anm. 74.
136 Thorsten Burkard

Göttern („Superi“) stünden. Das klingt zunächst nach einer inhaltlichen Bestimmung:
der Dichter als Seher, als Verkünder tieferer Wahrheiten. Doch Balde gibt dem Gedan-
ken eine andere Richtung: Die Dichter müssten aufgrund dieser Publikumserwartung
die normale Art zu sprechen transzendieren und sogar die unbedeutendste Sache stilis-
tisch nobilitieren.92 Es geht Balde also hier ausschließlich um die Form. Der Dichter
wird durch seine Elocutio zum Dichter.93 Damit hebt Balde in der Dissertatio genau
diejenige differentia specifica hervor, die die Poesie von anderen Betätigungen unter-
scheidet. Wir hatten gesehen, dass Masen demgegenüber die Dichtung vom Inhalt her
definierte und daher die Forderung aufstellte, man müsse auch unbedeutende Stellen
semantisieren (während Balde seinerseits die stilistische Ausarbeitung fordert). Auch
hieran werden wieder die unterschiedlichen Ansätze der beiden Theoretiker deutlich.

Im Gegensatz zu Masen, der sich (wie die meisten Theoretiker seit der Mitte des
16. Jahrhunderts) vor allem auf die aristotelische Tradition beruft, bezieht sich Balde
durchweg auf Horaz als theoretisches Vorbild. Diese Bezugnahme lässt sich leicht er-
klären:94 Zunächst einmal ist Horaz das Vorbild für die Lyrik schlechthin – wie auch
Baldes kleines Florilegium aus dessen Oden zeigt.95 Auch die Wendung zur Satire am
Ende des Werkes kann sich auf den Horatius satiricus berufen – wenn sich auch Balde
stärker an Juvenal orientiert.96 Zudem wirft Balde in seiner Dissertatio einen kritischen
Blick auf den Dichtungsbetrieb seiner Zeit, was Horaz knapp 1700 Jahre zuvor in seiner
Ars Poetica ebenfalls getan hatte. Beiden Dichtern ist dabei ein Anliegen gemeinsam:
Ein Dichter muss sein Metier beherrschen und darf sich nicht auf den (wie auch immer
legitimierten) Inhalt seiner Dichtung oder sein (zumeist ohnehin nicht vorhandenes) in-
genium verlassen. Beide theoretischen Werke sind – ihrer mangelnden Systematik zum
Trotz – durchaus Protreptikoi für die ars, für die Beherrschung des Handwerks, des
dichterischen Rüstzeugs, und zugleich scharfe Verurteilungen einer Geniepoetik (wenn
dieser anachronistische Begriff hier erlaubt ist), deren Adepten glauben, mit Äußerlich-
keiten den Status eines verehrten Dichters erlangen zu können. Dabei treffen sich der
Römer und der Elsässer aber insbesondere in einem Punkte, der für unseren Zusam-
menhang entscheidend ist: in der Forderung nach einem Gedicht, das aus sich heraus,
also autonom vollkommen ist. Zu Beginn seines ‚Kommentars‘ zitiert Balde die ersten
beiden Verse aus der folgenden Horaz-Passage:97
__________
92
Dissertatio, cap. 33. Dieselbe Forderung findet sich auch in cap. 19 und cap. 23.
93
Dasselbe gilt ja nach antiker Überzeugung auch vom Redner; vgl. dazu Anm. 21.
94
Vgl. zum Folgenden Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42), S. xxf.
95
Dissertatio, cap. 12. Mag auch die etwa 25-zeilige Sammlung der gelungenen Wendungen aus
Horaz (Balde zitiert wohl aus dem Gedächtnis) dem Nachweis dienen, dass sogar die horazischen
cimmelia begrenzt sind und zudem viel Verbotenes (nämlich Erotica) enthalten, so führt sie den-
noch gleichsam en passant vor Augen, wie unerreichbar der Venusiner ist.
96
Vgl. Dissertatio, cap. 69.
97
Dissertatio, cap. 15.
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 137

mediocribus esse poetis


non homines, non di, non concessere columnae.
Ut gratas inter mensas symphonia discors
et crassum unguentum et Sardo cum melle papaver 375
offendunt, poterat duci quia cena sine istis,
sic animis natum inventumque poema iuvandis,
si paulum summo decessit, vergit ad imum. (Ars Poetica 372b-378)

Um das Wichtigste knapp zu paraphrasieren: Horaz ist der Meinung, dass Dichter unter
keinen Umständen mittelmäßig, durchschnittlich („mediocres“) sein dürfen, während er
in den Versen zuvor (v. 369-372a) die Dichtung von anderen Berufen unterschieden
hatte: Rechtsanwälte könnten es sich beispielsweise erlauben, durchschnittlich zu sein.
Gemeint ist offenbar, dass es in Berufen, die auf einen speziellen Zweck ausgerichtet
sind, genügt, diesen Zweck zu erreichen, wofür eine mittelmäßige Ausführung und Be-
gabung ausreichend sein kann. Demgegenüber muss die Dichtung, deren Aufgabe es ist,
die Menschen zu unterhalten (in v. 377 verwendet Horaz dafür das Verb „iuvare“), im-
mer fehlerfrei sein: Verfehlt ein Gedicht das qualitative Maximum („summum“) auch
nur knapp, so nähert es sich schon dem Minimum („imum“).98
Für Balde ist die Dichtkunst die anspruchsvollste ars (cap. 3 a.A.). Denn in der Poe-
sie – und jetzt kehrt der horazische Gedanke wieder – muss man die gesamte Klaviatur
beherrschen; fehlt nur eine einzige Fähigkeit, so kommt ein schwaches Gedicht heraus.
Um die herausragende Stellung der Poesie zu verdeutlichen, zieht Balde die Philosophie
zum Vergleich heran.99 Während es dort genüge, die großen Philosophen zu verstehen
und adäquat wiedergeben zu können, werde vom Dichter Kreativität, eben novitas ver-
langt.100 Wer dagegen wie ein Philosoph die Dichtung betreibe, bleibe ein Kommenta-
tor, der zwar den Vergil verstanden habe (wie ein Aristoteliker Aristoteles und ein Pla-
toniker Platon) – aber deswegen noch kein Vergilianer sei. Der Ruhm der Aeneis
verbleibe bei Vergil (cap. 6f.).101
Der Stellenwert, den die Dichtkunst bei Balde einnimmt, wird noch deutlicher, wenn
man sein Bild vom Dichter mit dem seines Ordensbruders vergleicht. Masen unter-
scheidet im Speculum imaginum veritatis occultae zwischen dem ‚Maler‘ („pictor“) und
__________
98
In der Ars Poetica wird darüber hinaus auch eine moralistische Auffassung vertreten, vgl. den
vielleicht am häufigsten zitierten Vers der lateinischen Literatur ars 333 über delectare und prod-
esse (vgl. auch v. 309-318). Balde lässt diesen Punkt im Horaz-Teil aber außer Acht.
99
In cap. 9 a.A. wird der Dichter kurz mit dem orator verglichen, der laut Balde ebenso unkreativ
ist wie der Philosoph.
100
Der Vergleich zwischen Dichter und Philosoph findet sich Dissertatio, cap. 5-7. Balde versteigt
sich sogar zu der Behauptung, dass man sich die philosophischen Fächer innerhalb von drei Jah-
ren aneignen könne (cap. 6), dagegen genügen seiner Meinung nach für die Dichtung nicht einmal
fünf Jahre (cap. 25), man muss vielmehr mindestens mit einem Dezennium rechnen (cap. 16).
101
Vgl. Baldes Fazit zu den Kommentatoren: „De lauro scribunt, sed laurum non gestant. praecipiunt
aliis, quae ipsi exsequi non valent“ (‚Über den Dichterlorbeer schreiben sie, sie tragen ihn aber
nicht. Sie geben anderen Vorschriften, die sie selbst nicht in die Tat umsetzen können‘, cap. 6).
138 Thorsten Burkard

dem ‚Ikonographen‘ („iconographus“). Ersterer gibt die Wirklichkeit wieder, ohne auf
eine tiefere Wahrheit zu verweisen, während der wahre Künstler dem poeta gleicht, da
er auf die „significatio translata“, die übertragene Bedeutung, zielt.102 Der Begriff
‚Dichter‘ wird von Masen inhaltlich bestimmt und kann somit als fächerübergreifender
Terminus verwendet werden, so dass das für die Poesie oder die Malerei Spezifische
zweitrangig wird. In Masens Sichtweise machen ein bildender Künstler (‚Ikonograph‘)
und ein Dichter dasselbe – abgesehen davon, dass sich das Akzidenz des Mediums un-
terscheidet.103 Dahingegen setzt Balde den Dichter mit einem anderen Künstler gleich,
er sagt in cap. 29: „Poeta cantor est“ (‚der Dichter ist ein Sänger‘).104 Nicht zufällig
wählt sich Balde hier die am wenigsten semantische und somit ‚inhaltsleerste‘ aller
Künste aus. Wie der Sänger verpflichtet ist, seine Kunst zu beherrschen, den richtigen
Ton zu treffen und seinen Gesang der Instrumentalbegleitung anzupassen, so muss der
Dichter den anzuwendenden Stil (er)kennen und darauf achten, dass sein Gedicht har-
monisch und melodisch, eben euphonisch klingt.

Programmatisch ist auch der Titel Dissertatio de studio poetico zu deuten: Balde geht
es um das gesamte Gebiet der Dichtkunst, nicht allein um die ars, also die Regeln.
Dichtung ist ebenso harte Arbeit (labor), Fleiß, Begabung, Begeisterung (um mit Goe-
the zu sprechen: „heißes Bemühen“), Übung (exercitatio) und Geschmack (iudicium).105
Balde überspringt die praecepta und wendet sich an den Leser, der die Grundlagen be-
reits beherrscht und nun zu lernen hat, sie richtig anzuwenden, der seinen Geschmack
noch schulen muss.106 Diese Ignoranz gegenüber dem poetischen Normensystem hat
zwei Gründe: Balde ist sich einerseits zu fein, nach Art eines Poetik-Dozenten Vor-
schriften zu erteilen.107 Andererseits kann die unreflektierte Anwendung der praecepta,

__________
102
Masen: Speculum (wie Anm. 88), lib. 1, cap. 2, p. 68-70 und lib. 4, cap. 34, p. 440-442.
103
Der Vergleich von Maler und Dichter findet sich auch in Baldes Dissertatio (cap. 24). Die Mal-
kunst dient ihm aber dazu, dem Leser vor Augen zu führen, wie viel handwerkliches Wissen nötig
ist, damit jemand Maler werden kann – dasselbe gilt dementsprechend auch für die Poesie. Im
Gegensatz zu Masen sind die Gemeinsamkeiten keineswegs inhaltlicher Natur (i.S.d. Identität des
Sujets): Beide Künstler verschaffen dem Rezipienten Freude, der eine visuell, der andere akus-
tisch („hi oculos pascunt, isti aures“, ebd.) – dass Maler (bzw. Dichter) eine tiefere Wahrheit wie-
dergeben können, spielt an dieser Stelle überhaupt keine Rolle.
104
Vgl. auch den Orpheus-Vergleich in cap. 10 und Horaz’ Verweis auf die „symphonia“ in dem
oben gegebenen Zitat aus der Ars Poetica.
105
Zum Titel vgl. Stroh: Plan (wie Anm. 64), S. 236 Fußn. 216 und Burkard: Dissertatio (wie
Anm. 42), S. ivf. Vgl. auch „Rectè scribendi studium, laborem dici“ (cap. 49: ‚die Bemühung um
das richtige Schreiben heiße harte Arbeit‘); überhaupt sind die cap. 47-54 dem Lob des labor ge-
widmet.
106
Das ist einerseits ein Topos (vgl. Quintilian, Institutio oratoria 10,1,4); andererseits trifft diese
Beschreibung auf die Dissertatio durchaus zu.
107
Vgl. Dissertatio, cap. 1: „Non vacat mihi, post tot emissa Poemata, hac aetate declivi, non vacat,
inquam eqs.“ (‚Ich habe keine Zeit, da ich nun schon so viele Gedichte herausgegeben habe, in
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 139

die mechanische Applikation von vorgefertigten Ausdrucksweisen, wie sie die Thesauri
und Promptuaria bieten, kein großes Gedicht hervorbringen. Die Umsetzung der Theo-
rien der Poetiken führt lediglich zu parodiae,108 zu Centonen aus Versen der antiken
Dichter, aber nicht zu einem eigenständigen ästhetischen Gebilde. Wenn auch die
Kenntnis bestimmter Faustregeln notwendig ist (und Balde wird in der Dissertatio nicht
müde, die Bedeutung einer soliden Ausbildung zu betonen), so bedarf es doch vor allem
des iudicium, um überhaupt beurteilen zu können, wann eine Regel anzuwenden ist und
ob ein Einfall des eigenen ingenium genial oder lediglich genialisch ist.109 Kurzum: Die
Poetiken sind nicht in der Lage, den Eleven zu einer innovativen Leistung zu führen.
Sinnvoll ist daher die Lektüre der Klassiker – aber selbst dies genügt nicht, wenn nicht
zudem noch die eigene Kreativität hinzukommt.

Warum fehlt in der Dissertatio fast jeder Bezug auf Aristoteles? Zum einen interessiert
sich Baldes in erster Linie formale oder strukturelle Poetik sichtlich nicht für die typisch
aristotelischen Themen Wahrscheinlichkeit, Mimesis und Katharsis, die seit dem
16. Jahrhundert immer wieder in den lateinischen und volkssprachlichen Poetiken trak-
tiert worden sind und auch bei Masen eine zentrale Rolle spielten. Zum anderen – und
das ist wohl der gewichtigere Grund – bezieht sich ein poetologischer Text, der in der
Mitte des 17. Jahrhunderts auf die aristotelische Poetik rekurriert, in der Regel nicht auf
diese, sondern auf den Diskurs über dieses Grundlagenwerk, der sich recht weit von
Aristoteles entfernt hatte, wie wir bereits bei der Behandlung von Masens Palaestra ge-
sehen haben. In diesem Diskurs firmierte Aristoteles’ Poetik vor allem als moralische,
also primär inhaltsbezogene Poetik – und gerade darum geht es Balde erst am Ende der
Dissertatio, als er mit der Satire eine gänzlich ‚unaristotelische‘ Gattung behandelt.110
Auch andere Traditionsstränge fehlen in Baldes Dissertatio übrigens fast gänzlich. Es
finden sich kaum Hinweise auf die auf Platon zurückgehende und seit dem Florentiner
Neuplatonismus verbreitete Vorstellung vom furor poeticus.111 Auch die christliche
Eloquentia sacra fehlt. Präsent ist hingegen natürlich die klassische Rhetorik, ohne die

__________
meinem schon zur Neige gehenden Alter [scil. praecepta zu verfassen], nein, dazu habe ich wirk-
lich keine Zeit‘).
108
Die damalige Verwendung des Begriffs parodia entspricht unserem ‚Cento‘ (der natürlich aus
antiken Werken angefertigt wird). Balde bekämpft diese parodiae in cap. 12 der Dissertatio.
109
Vgl. auch Winter: Rhetorikon (wie Anm. 42), S. 286: Balde widersetze sich „einer nach präskrip-
tiven Normen produzierten Dichtung. Allem Anschein nach will er die systematisch kodifizierte
Normatizität von barocker Poesie nicht anerkennen“.
110
Die Satire gilt spätestens seit Horaz (vgl. Satiren 1,10,64-67) als rein römische Gattung, vgl. auch
Quintilians berühmten Satz: „Satura quidem tota nostra est“ (Institutio oratoria 10,1,93).
111
Vgl. aber immerhin den unten zu behandelnden humoralpathologischen Teil.
140 Thorsten Burkard

sich bereits in der Antike nicht über Dichtung reden ließ, da sie das literaturtheoretische
Vokabular sowie die entsprechenden Kategorien zur Verfügung stellte.112

Kehren wir zu unserer Kernthese zurück, wonach Baldes Dissertatio in gewisser Weise
auch eine Auseinandersetzung mit der Palaestra darstellen sollte. Ein großes Anliegen
von Masen ist der Kampf gegen das – von ihm als typisch deutsch angesehene – Laster
der Trunksucht.113 Einige seiner Dramen wie etwa die Bacchi schola eversa und auch
der Rusticus imperans hatten nicht zuletzt (auch) diese Zielrichtung. Als ob er sich
nachgerade einen Spaß mit Masens ernstem Anliegen machen wollte, fordert Balde,
dass man gegen jeden, der von einem Dichter Abstinenz verlange, mit den härtesten
Strafen vorgehen müsse.114 Maßvoller Weingenuss könne inspirierend sein, aber man
dürfe umgekehrt auch nicht dem Fehlschluss erliegen, dass Alkohol dichterische Fähig-
keiten ersetzen oder erzeugen könne. Masens moralische Empörung wird man in Baldes
Argumentation vergeblich suchen. In diesem Zusammenhang sei auf eine weitere mut-
maßliche Spitze gegen Masen hingewiesen. Im 27. Kapitel empört sich Balde über die
Spektakeltragödie seiner Zeit und zählt typische Figuren auf, denen in Dramen zu Un-
recht die Hauptrolle zugewiesen werde, – darunter auch den „Rusticus titubans“ (‚hin
und her schwankender Bauer‘). Es ist zumindest nicht unwahrscheinlich, dass Balde mit
dieser Formulierung auf Masens Rusticus imperans anspielt, da in dieser Komödie die
Handlung durch einen ausgiebigen Umtrunk der Titelfigur in Gang kommt.115
Mit Baldes Verweis auf den Alkohol als mögliche Inspirationsquelle kommt ein As-
pekt ins Spiel, den Masen aus seiner Poetik sichtlich fernhalten möchte: das Körper-
liche, die physiologischen Funktionen. Dieses Element wird von Balde ausführlich an
anderer Stelle einbezogen, indem er die Humoralpathologie, die Vier-Säfte-Lehre, mit
Bezug auf die Eignung zur Poesie darstellt (cap. 59-64).116 Eine Behandlung dieser me-
dizinischen Theorie war für Masen aus poetologischer Sicht unnötig. Seinem Optimis-
mus zufolge kann jeder Mensch – unabhängig von seinem Temperament – ein Dichter
werden, wenn er das entsprechende Regelwerk beherrscht.117 Dem stellt Balde ein ent-
__________
112
Zu den fünf Traditionssträngen (klassische Rhetorik, christliche Rhetorik, Horaz, Aristoteles, Pla-
ton) vgl. Plett: Renaissance-Poetik (wie Anm. 9), S. 9-13.
113
Vgl. etwa Palaestra, Pars III, lib. 1, cap. 7, § 2, p. 38 und Harald Burger: Jacob Masens Rusticus
Imperans. Zur lateinischen Barockkomödie in Deutschland. In: Literaturwissenschaftliches Jahr-
buch der Görres-Gesellschaft 8 (1967), S. 31-56, hier S. 42f.
114
Dissertatio, cap. 43-46, die witzige Aufzählung der Strafen in cap. 45.
115
Vgl. zu dieser möglichen Anspielung Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42), S. 217f.
116
Baldes Darstellung der Säftelehre und ihre Applikation auf geistige Arbeit (hier: Poesie) sind
nicht originell; neu ist jedoch, soweit ich sehe, die Aufnahme eines entsprechenden Kapitels in
eine Poetik.
117
„Raros ad poesin nasci, formari multos [scil. sentio]“ (‚Nur wenige werden meiner Meinung nach
für die Dichtung geboren, geformt hingegen viele‘, Palaestra, Vorrede an den Leser, ohne Pagi-
nierung [*p. 5r]); vgl. ebd., Pars I, lib. 1, cap. 1, p. 4f.: Dort relativiert Masen die Vorstellung von
der Inspiration und kündigt an, lehren zu wollen, wie man fictiones finden könne.
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 141

schiedenes ‚Nein‘ entgegen. Er rückt in der Streitfrage „nascantur Poetae an fiant“ die
Natura in den Vordergrund (cap. 58)118 und kommt von dort zu den vier Temperamen-
ten. Es stellt sich heraus, dass nicht jede Konstitution in gleicher Weise zum Dichten
befähigt: Die Phlegmatiker sollten lieber die Finger von der Poesie lassen, den flatter-
haften Sanguinikern und den hitzigen Cholerikern gelingen nur ephemere, kurzatmige
Produkte. Allein der Melancholiker,119 der in sich auch sanguinische und cholerische
Elemente vereinigt, ist der ideale Dichter. Allen anderen nützt das poetologische Re-
gelwerk wenig; sie müssten – dies sagt Balde zwar nicht, aber es wäre die logische
Konsequenz – zunächst einmal ihre physische Konstitution ändern, etwa durch eine ent-
sprechende diätetische Behandlung (wir erinnern uns an die Empfehlung eines mäßigen
Alkoholgenusses). Die Vorstellung, dass es nicht jedem gelingen kann, ein guter Dich-
ter zu werden, erscheint auch an anderen Stellen der Dissertatio.120 Die richtige Anlage,
die des guten Melancholikers, in dem das optimale Gleichgewicht dreier Temperamente
herrscht, ist die notwendige Grundlage für einen echten Dichter. Dieser Melancholiker
vereint in sich die Gegensätze und kann daher das Leben mit einem überlegenen und
gelassenen Lächeln darstellen. Während bei Masen Dichtung aus der Anwendung der
praecepta fließt, ist die Poesie bei Balde ein Kind des Charakters. Der sanguinisch-
cholerische Melancholiker hat der Welt und ihren Genüssen entsagt und steht gerade
darum wie ein Stoiker über den nur äußerlichen Dingen. Wir erkennen hier unschwer
einen Vorläufer des späteren Geniegedankens.

Wir haben bisher bei der Analyse von Baldes Dissertatio den Schluss des Werkes, den
Preis der Satire (cap. 68-73), beiseitegelassen.121 Wurde die inhaltliche Ausrichtung von
Gedichten bis zu diesen Kapiteln allenfalls en passant zum Thema, so kehrt sich das
Verhältnis im Finale um: Balde rühmt die Gattung der Satire als Beschützerin des
Rechts, der Tugend, der Wahrheit und der Religion sowie als Nemesis des Unrechts,
des Lasters und der Schmeichelei,122 ja, er singt der Satire in cap. 71 einen regelrechten
Hymnus:
__________
118
Im Torvitatis encomium wird das Verhältnis wieder umgekehrt: „Labore omnia constare.
Quidquid Natura dederit, arte perfici“ (Encom. Oeconomia xxv, Balde: Opera [wie Anm. 1],
Bd. 3, p. 398). Bereits in cap. 7 hatte Balde den angehenden Dichter dazu aufgefordert zu prüfen,
ob ihm die poetische Inspiration wirklich zuteil geworden ist.
119
Balde trennt hier noch einen guten von einem schlechten Melancholiker (cap. 63f.), vgl. dazu
Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42), S. 298-300.
120
Vgl. etwa Dissertatio, cap. 24: „tota spes plurimorum Adolescentum dehiscit“ (‚Die ganze Hoff-
nung so vieler junger Leute wird enttäuscht‘).
121
Zum Zusammenhang des humoralpathologischen Teils mit dem Abschnitt zur Satire vgl. Bur-
kard: Dissertatio (wie Anm. 42), S. 322f.
122
Schon in der Antike wurde die Satire entsprechend definiert, vgl. etwa Diomedes, Ars
Grammatica lib. III: „Satira dicitur carmen apud Romanos nunc quidem maledicum et ad
carpenda hominum vitia archaeae comoediae charactere conpositum“ (Grammatici Latini. Hg.
von Heinrich Keil. Bd. 1. Leipzig 1857, p. 485,30f.).
142 Thorsten Burkard

Ad Satyram revertor: bonarum mentium tutelam, malarum frenum; amicam Veritatis, scelerum
inimicam; assentationis extirpatricem, insontium patronam; Iustitiae ministram. Haec amplis-
simum aperit Eloquentiae campum, virtutibus aream, ingeniis forum, Religioni templum, Pru-
dentiae Curiam, probis coelum, impiis Avernum.

Mehr noch: Nicht nur ihr Kampf für das Gute hebt die Satire über die anderen Gattun-
gen heraus, sondern sie vermag auch verschiedenartige Wirkungen auf ihre Rezipienten
auszuüben: Sie kann unterhalten und verstören, ‚schmeicheln‘ und ‚donnern‘.123 Kurz-
um: Die Satire ist nicht nur ein Instrument der sozialen, moralischen und religiösen Re-
gulierung, sondern sie bietet auch inhaltlich und formal eine Vielfalt, die keine andere
Gattung zu bieten hat.124 Balde behauptet denn auch, dass sie fast an die höchste Gat-
tung (d. h. das Epos) heranreiche.125 So ist es nur konsequent, wenn Balde sie als eine
Gattung bezeichnet, für die es einer gewissen Reife bedarf und die man daher erst im
vorgerückten Alter in Angriff nehmen sollte.126 Balde würde also gerne ernsthafte Sati-
ren auf die herrschenden Laster und die gesellschaftlichen Verhältnisse schreiben – aber
bedauerlicherweise ist das unmöglich, da ihn die christliche Nächstenliebe und die
Empfindlichkeiten seiner Zeitgenossen daran hindern. Somit gibt es nur einen Ausweg:
das Schreiben von Satiren auf harmlose Verfehlungen127 – und in der Tat hat Balde in
seiner satirischen Schaffensphase mitnichten gesellschaftskritische Invektiven verfasst,
sondern beispielsweise eine Satire gegen das Tabakrauchen.128 Baldes poetische Praxis
seiner Neuburger Jahre ist somit in doppelter Hinsicht das Ergebnis von Resignation:
Zum einen kann er das große Epos nicht schreiben, weil es keine rühmenswerten Ge-
genstände mehr gibt, die ihn zu einer solchen dichterischen Großtat inspirieren könn-
ten;129 zum anderen kann er aus gesellschaftlichen Gründen nur harmlose Satiren
schreiben – wie eben jetzt im Falle seines Torvitatis encomium. Wäre es hingegen er-
laubt, in Satiren offen die Wahrheit auszusprechen, dann könnte ein neuerer Dichter
__________
123
Dissertatio, cap. 71. Interessant ist, dass Balde an dieser Stelle die für die Satire angemessene
Wahl der Wörter verteidigt (nämlich auch Wörter, die man ‚auf dem Fleischmarkt kaufe‘ – eine
Formulierung von Julius Caesar Scaliger, vgl. Burkard: Dissertatio [wie Anm. 42], ad loc.).
124
Das ist ein Topos in den Poetiken der damaligen Zeit, vgl. dazu Burkard: Vorreden (wie
Anm. 48), S. 172f.
125
Dissertatio, cap. 69.
126
Dissertatio, cap. 71. Die Vorstellung, dass eine Gattung für ein bestimmtes Lebensalter besonders
geeignet ist, findet sich bereits in der Antike (vgl. etwa Properz 3,5).
127
Auch die Dissertatio weist satirische Elemente auf, so wird etwa (wie bereits angeführt) die
Selbstverliebtheit der zeitgenössischen Poetaster aufgespießt. Gegen die Philautia richtet sich
auch das Torvitatis encomium (Dissertatio, cap. 72).
128
Satyra contra Abusum tabaci (Ingolstadt 1657); vgl. dazu und zu Sigmund von Birkens Überset-
zung: Hartmut Laufhütte: Ökumenischer Knaster. Sigmund von Birkens Truckene Trunkenheit
und Jacob Baldes Satyra contra abusum tabaci. In: Burkard u. a.: Kontext (wie Anm. 48), S. 114-
132.
129
Balde plante eine Tillias (ein Epos auf den ligistischen Feldherrn Tilly), die aber offenbar nie in
Angriff genommen wurde. Für Tillys Nachfolger empfand er offenbar weniger Respekt, wie man
seinen Gedichten zum Dreißigjährigen Krieg entnehmen kann.
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 143

Werke verfassen, die der Poesie der Alten gleichkämen.130 Man wird vermuten dürfen,
dass hier mit den Veteres lediglich die Satirendichter gemeint sind. Auch ein anderer
Gedanke des Horaz-Kommentars kehrt in den Schlusskapiteln wieder: die Wahrung der
Autonomie des Schriftstellers.131 Der Dichter gibt sich selbst seine Gesetze und wartet
nicht auf Befehle von oben – damit schließt sich der Kreis zu Baldes herablassender
Haltung gegenüber der Kasualdichtung. Mit dieser stolzen Verachtung des Hoflebens
vergleiche man Masens diverse Widmungen in seiner Palaestra (also in ein und dem-
selben Werk!), mit denen er mehrere hochgestellte Persönlichkeiten bis hinauf zum
Papst – durchaus erfolgreich – zu erreichen suchte.132
Für unseren Zusammenhang ist vor allem wichtig, dass Balde im Satirenteil dezidiert
(aber – wie er selbst weiß – vergeblich) engagierte Literatur fordert, nämlich Satiren,
die gegen konkrete herrschende Missstände zu Felde ziehen und sich nicht im Allge-
meinmenschlichen verlieren. Wie ist diese überraschende Betonung des Heteronomen,
diese Kehrtwendung gegenüber der restlichen Dissertatio zu erklären? Zunächst einmal
muss Balde nach 58 Kapiteln endlich einmal auch auf das Werk eingehen, zu dem die
Dissertatio als Vorrede dienen soll; eine Einführung zum Inhalt des Torvitatis
encomium versteht sich dabei von selbst. Des Weiteren zeigt sich an dieser neuen Aus-
richtung der Schlusskapitel lediglich, dass man Baldes Dissertatio missverstehen wür-
de, wenn man sie auf eine rein autonome Lesart festlegen würde. Man darf bei aller Be-
geisterung für Baldes hervorragende und schillernde Dichtkunst nicht vergessen, dass
viele seiner Dichtungen durchaus eindeutige Aussagen haben, dass er beispielsweise
moralische, religiöse und politische Gedichte verfasste, in denen er unmissverständlich
Stellung bezog, seine Meinung äußerte und auch unbequeme Wahrheiten aussprach. In-
teressant ist auch, welche Werke der neueren Literatur Balde ausdrücklich hervor-
hebt:133 John Barclays (1582-1621) im Jahre 1621 erschienenen Roman Argenis und die
__________
130
Dissertatio, cap. 72 (das vorletzte Kapitel der Dissertatio); vgl. zu Baldes Satirentheorie summa-
risch Burkard: Vorreden (wie Anm. 48), S. 171-175 (mit kritischer Diskussion von: Doris Beh-
rens: Jacob Baldes Auffassung von der Satire. In: Jacob Balde und seine Zeit. Akten des
Ensisheimer Kolloquiums 15.-16. Oktober 1982. Hg. von Jean-Marie Valentin. [Jahrbuch für In-
ternationale Germanistik A 16] Bern/Frankfurt a.M./New York 1986, S. 109-126) sowie die Bei-
träge in dem von Freyburger und Lefèvre herausgegebenen Sammelband (wie Anm. 42).
131
Baldes Insubordination gegenüber politischen und ästhetischen Normen und Zwängen hat vor
allem Dieter Breuer wiederholt hervorgehoben (z. B. Oberdeutsche Literatur 1565-1650. Deut-
sche Literaturgeschichte und Territorialgeschichte in frühabsolutistischer Zeit. München 1979,
hier S. 249f.), wobei Balde in seiner Darstellung allzu sehr zu einem Rebellen stilisiert wird.
132
Balde war freilich nicht so weltabgewandt, wie man aufgrund dieser Stellen und einiger Gedichte
(vgl. etwa die Abdolonymus-Ode, Lyrica 1,1) meinen könnte. Seinen Elegienzyklus Urania
victrix von 1663 widmete er Papst Alexander VII. (Dieses Werk ist übrigens auch ein gutes Bei-
spiel für christliche Dichtung im Sinne von Masen. Es wäre ein Fehler, Baldes Aussagen in der
Dissertatio absolut zu setzen.)
133
Dissertatio, cap. 55; cap. 64. Zu Barclays Argenis vgl. Capucine Carrier: Trediakovskij und die
Argenida. (Specimina philologiae Slavicae 90) München 1991; Susanne Siegl-Mocavini: John
144 Thorsten Burkard

erbaulichen Dichtungen des Jesuiten Angelinus Gazet (1568-1653).134 Im Falle der Ar-
genis hebt Balde ausdrücklich hervor, dass sie so gelungen sei, dass sie sogar ihrerseits
wieder epigonale Werke anregen könne; in der Tat erschienen in schneller Folge Über-
setzungen in die Volkssprachen, u. a. von keinem geringeren als Martin Opitz (1626).
Verblüffend an Baldes hohem Lob ist vor allem, dass es sich bei Barclays Argenis gar
nicht um Poesie im antiken Wortsinne handelt, sondern um einen Prosaroman, der ge-
sellschaftliche und politische Probleme behandelt, indem er die Staatslehre mit dem his-
torischen Roman verbindet und so eine neue Gattung begründet. Zweifelsohne hält
Balde Barclays Werk sowohl in formaler135 als auch in inhaltlicher Hinsicht für heraus-
ragend und innovativ. Vielleicht glaubte er sogar, in der Argenis, einem Werk der epi-
schen Gattung, die (prosaische) Aeneis der neulateinischen Literatur sehen zu dürfen?
Die ersten 58 Kapitel der Dissertatio mit ihrer deutlichen Akzentuierung des Auto-
nomiegedankens dürfen also nicht isoliert betrachtet werden. Balde will hier insbeson-
dere vor einem Missverständnis warnen, nämlich vor dem Irrglauben, dass die Beherr-
schung der antiken Versatzstücke und die richtige Gesinnung schon genügen würden,
um zu einem großen Dichter zu werden. Wahr ist vielmehr, dass lediglich das studium,
d. h. harte Arbeit und die richtige Einstellung gegenüber dem Dichterberuf, unvergäng-
liche Werke hervorbringen können.

4. Fazit

In den vorstehenden Ausführungen wurde der Versuch unternommen, Masens Palaes-


tra als eine Poetik zu lesen, in der die Heteronomie von Dichtung vertreten wird, und
andererseits Baldes Dissertatio als eine Verfechterin der Autonomie zu interpretieren.
Darüber hinaus sollte wahrscheinlich gemacht werden, dass Baldes kurzer Essay zu-
mindest teilweise eine Antwort auf Masens voluminöse Regelpoetik darstellen sollte.
Bereits im Laufe unserer Darlegungen wurde deutlich, dass diese einfache dichoto-
mische Schematik nicht immer anwendbar ist. Viele Aussagen, die sich in einer der
beiden Poetiken finden, würden von dem jeweils anderen Theoretiker ohne Zögern ge-

__________
Barclays Argenis und ihr staatstheoretischer Kontext. Untersuchungen zum politischen Denken
der frühen Neuzeit. Tübingen 1999 mit weiterer Literatur; eine moderne Ausgabe der Argenis mit
Übersetzung wurde besorgt von Mark Riley und Dorothy Pritchard Huber (2 Bde. Assen 2004).
134
Noch lebende Dichter werden also nicht rühmend erwähnt – geschweige denn Masens Dramen
(vgl. Anm. 115).
135
Baldes Ordensbruder Michael Radau hat die Argenis als Musterbeispiel für den ordo artificialis
bezeichnet – und zwar in einem Atemzug mit Vergils Aeneis (Orator extemporaneus. 2. Aufl.
Amsterdam 1661, hier 1,2 quaest. I, p. 61). Das ist nur eines von vielen Beispielen für das hohe
Ansehen, dessen sich das Werk im 17. Jahrhundert erfreuen konnte; vgl. Carrier: Trediakovskij
(wie Anm. 133), S. 16.
Heteronomie und Autonomie von Dichtung 145

billigt werden, zumal beide Poetiken letztlich klassizistische Standpunkte vertreten.136


Weder propagiert Balde in der Dissertatio eine ars gratia artis, noch leugnet Masen die
ästhetische Komponente von Literatur. Entscheidend ist aber die jeweilige Hierarchisie-
rung, die auf die unterschiedlichen Ansätze der beiden Jesuiten zurückzuführen ist. Ma-
sen geht vom Inhalt der jeweiligen Kunst (sei es Dichtung, sei es Malerei) aus, Balde
hingegen vom dichterischen Individuum (das bei Masen überhaupt keine Rolle spielt),
seinem Nachruhm (der für Masen allenfalls untergeordnet ist) und dem Spezifischen
von Poesie überhaupt. Letzteres erblickt er in der Ästhetisierung, während für Masen
das Sujet den Kern, das Definiens, die Substanz von Dichtung konstituiert. Dass beide
als Theoretiker wie auch als Dichter im Großen und Ganzen auf demselben ideolo-
gischen Boden stehen, lässt sich kaum bezweifeln, aber Balde bleibt auch in seinen
weltanschaulichen, engagierten Gedichten Dichter, d. h. ihm wird die ästhetische Kom-
ponente nicht zu einem reinen Mittel zum Zweck. Umgekehrt sollte man auch nicht
verschweigen, dass sich in Masens Werk viele ästhetisch hochinteressante Beobachtun-
gen finden. Masen ist originell und besitzt durchaus ein Gespür für Dichtung und ihre
Reize. Daher wäre es eine lohnende Aufgabe, die viel zu wenig beachtete Palaestra auf
ihren theoretischen Innovationsgehalt hin zu untersuchen. Glücklicherweise haben wir
es hier nämlich mit einem Theoretiker zu tun, der zu feinsinnig ist für seine eigene
Theorie. Was Baldes Dissertatio angeht, so bleibt die Frage, ob sich sein Konzept der
Autonomie mehr auf den Dichter oder auf die Dichtung selbst bezieht. Allerdings ist
der Dichter bei ihm bei weitem noch nicht in dem Sinne autonom, dass er zum regelge-
benden Genie avancieren würde.

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136
In beiden Poetiken wird der einseitige, manieristische Argutismus abgelehnt, bei Masen explizit,
bei Balde implizit. Es ist hier nicht der Ort, auf dieses komplexe Problem näher einzugehen. Ma-
sen gilt der Forschung als Vermittler des Argutismus im deutschen Sprachraum, vgl. auch den Ti-
tel seines ersten theoretischen Werkes zur Epigrammatik (und eben nicht zur ganzen Poesie!): Ars
nova argutiarum (zuerst Köln 1649). Vgl. dazu aber Burkard: Klassizismus (wie Anm. 5) a.E. Zu
Baldes Ablehnung des Argutismus in der Dissertatio vgl. Burkard: Dissertatio (wie Anm. 42),
S. xxiii-xxxvi. In der Dissertatio wie in der Palaestra spielt der letztlich klassizistische Gedanke
des Decorum eine ganz wesentliche Rolle. Ganz verfehlt ist der Gedanke, dass unter anderem der
(vermeintliche) Argutist Masen „diejenigen [scil. argutistischen] Vorstellungen [entwickelt], von
denen sich Balde leiten lässt.“ (Winter: Rhetorikon [wie Anm. 42], S. 287 mit Verweis auf Schä-
fer: Deutscher Horaz [wie Anm. 6], S. 157-160).