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1 Bestimmungen der heroischen Größe

1.1 De virtute heroica

1.1.1 Die Virtus heroica als Gegenstand der aristotelischen


Schulethik
Das Heroische ist im 17. Jahrhundert allgegenwärtig, wird aber kaum je Ge-
genstand begrifflicher Anstrengungen, ja, es entzieht sich ihnen geradezu.
Dem widerspricht nur scheinbar, daß es an einer Stelle immer wieder defi-
niert wird, nämlich als Virtus heroica in der aristotelisch-schulphilosophi-
schen Ethik. Denn, soviel sei vorweggenommen, das Hauptinteresse dieser
Bestimmungen gilt insgesamt weniger der heroischen Größe selbst als einer
an diesem Gegenstand zu vollbringenden Systematisierungsleistung. Dabei
bedienen sie sich eines stereotypen Material- und Argumentenvorrats. Die
folgenden Ausführungen sollen das in den Dissertationen gesammelte Wis-
sen skizzieren, zugleich aber zeigen, daß es sich letztlich nicht in verläßlichen
inhaltlichen Bestimmungen verfestigen konnte. Schon dieses erste Kapitel
führt deshalb in die Heroismusthematik hinein und schießt gleichzeitig über
sie hinaus.
Die Abhandlungen zur Virtus heroica eröffnen keineswegs den Zugang
zum Gesamtgebiet der Größenentwürfe oder zu einer breiteren Diskussion,
sondern repräsentieren lediglich eine einzige Traditionslinie. Sie nehmen nur
selten den Kontakt zu andersgesinnten philosophischen >Sekten< auf. Der
Titel De virtute heroica legt die Autoren nicht allein auf einen Gegenstand
fest, sondern mehr oder weniger auch auf Details der Fragestellung, ihrer
methodischen Behandlung, ihrer Einbettung in größere Zusammenhänge
und des Tenors. Er weist daher mindestens so sehr auf einen Abhandlungsty-
pus wie auf einen Problemstoff.
Das Standardkapitel über die heroische Tilgend ist obligatorischer Be-
standteil der meisten Ethiken des 17. Jahrhunderts, die sich in weiterer Per-
spektive auf den aristotelischen Tügendkatalog berufen, zugleich aber auf
einer verzweigten Geschichte basieren. Aus diesem Gesamtkomplex greife
ich also nur ein Einzelelement heraus. Gemeinsam ist den Texten ihre Ver-
wurzelung in der akademischen und gymnasialen Praxis: Die Lehre von der
Virtus heroica gehört zum Schulstoff innerhalb der Moralphilosophie. Die
Abhandlungen De virtute heroica sind daher Teil der zu didaktischen Zwek-
25

ken verfaßten ethischen Systemdarstellungen und Enzyklopädien.1 Sie liegen


darüber hinaus in den zum kompletten ethischen Kurs ausgebauten »Collé-
gien« als Disputationssammlungen vor.2 Schließlich findet man sie als aus
dem ethischen Kurs ausgegliederte Einzeldissertationen; solche gibt es natür-
lich auch zu anderen Standardkapiteln der Aretologie. In den beiden zuletzt
genannten Varianten gehen sie auf akademische und schulische Disputa-
tionsübungen zurück, von denen nur die wenigsten »pro gradu«, zum Erwerb
eines akademischen Titels, abgehalten wurden. Der Verfasser dürfte in der
Regel der »Praeses«, nicht der vortragende »Respondens« sein.3 Einzelne
Gelehrte wie der Wittenberger Philosophieprofessor Michael Wendeler ha-
ben nicht nur eine eigene Ethik unter Einschluß des Kapitels über die heroi-
sche Tilgend verfaßt, sondern auch mehrfach über dieses Thema disputieren
lassen.4 Weder die Ethiken noch die übrigen Fundorte für den Abhandlungs-
typ sind vollständig erfaßt. Einen quantitativen Hinweis mag man der Zahl
von mehr als dreißig Dissertationen mit den Stichwörtern »Heros« oder
»Virtus heroica« im Titel entnehmen, die Marti in seiner (durchaus nicht
vollständigen) Bibliographie für die Zeit ab 1660 verzeichnet.5 Vor allem bei
einer (freilich wenig sinnvollen) Titelerfassung für die erste Jahrhundert-
hälfte wären zweifellos erhebliche Ergänzungen zu erwarten. Im einzelnen
treten die Dissertationen mit höchst unterschiedlichem Anspruch auf. Die
Spannbreite reicht von einer Wiedergabe der nackten Kernthesen, wie sie
Wendeler/ Papardus auf drei Seiten bieten, bis zu ambitionierten und um-
fangreichen Abhandlungen auf breiter Quellen- und Exempelgrundlage.6
Die Abhandlungen zur Virtus heroica verteilen sich über das ganze
17. Jahrhundert. Doch zeichnet sich etwa für die letzten vier Jahrzehnte ein
Wandel ab: Nur noch vereinzelt finden sich ethische Systemdarstellungen,
bei denen es sich zum Teil um Erziehungswerke handelt, die sich einer päd-
agogischen Praxis im Sinne der Privatklugheit verschreiben und der Virtus

1
Beispiel: Keckermann: Systema Ethicae, in: Operum omnium quae extant (1614),
Bd. II, Sp. 359-363.
2
Beispiel: Crüger: Collegium ethicum (1655), Disputatio decima octava.
3
Wo sich dies anders verhält, ist der Respondens nicht selten als Autor genannt. Vgl.
etwa Gottlob Frid. Jenichen (Praes.): D e Cultu heroinarum sago vel toga illustrium
[...] disputabit auctor Valentinus Gottfried Hercklitz (1700). Zur Verfasserfrage am
Beispiel Lohensteins vgl. Wiehert: Literatur, Rhetorik und Jurisprudenz im 17. Jahr-
hundert, S. 13£
4
Michael Wendeler: Practica Philosophie, das einschlägige Kapitel S. 449f£ Michael
Wendeler (Praes.), Johann Papardus (Resp.): Theses morales de virtute heroica
(1660); Michael Wendeler (Praes.), Johann Christoph Rinckhammer (Resp.): De
Virtute Heroica (1662).
5
Marti: Philosophische Dissertationen deutscher Universitäten 1660-1750, Register
s.v.
6
Eicheln (Praes.), Morgenstern (Resp.): Exercitatio moralis de heroibvs eorumqve
virtvte (1655), ca. 90 Seiten mit ausführlicher Diskussion einschlägiger antiker Posi-
tionen.
26

heroica nur noch geringes und erheblich relativiertes Gewicht einräumen,7


oder um Systematisierungsversuche, die anderen als den eingeübten Sche-
mata folgen und nur noch einen eingeschränkten Heroismusbegriff einschlie-
ßen.8 Auch Schottels Ethika (1669), die erste moralphilosophische Gesamt-
darstellung des Jahrhunderts in deutscher Sprache, wird man bereits als
relativ späte Erscheinung ansehen müssen.9 Für die Dissertationen über die
Virtus heroica liegen die Verhältnisse zwar anders, denn nach wie vor lassen
sich schulmäßige Beispiele nachweisen. Gleichwohl deuten sich auch hier
Auflösungserscheinungen an. Im Vergleich mit dem traditionellen Abhand-
lungstyp widmen die Autoren antiquarischen Aspekten größeres Interesse
oder beschäftigen sich mit Spezialfragen bzw. einzelnen Exempeln.10 Außer-
halb des Abhandlungstyps De virtute heroica deutet z.B. Johann Friedrich
Gauhes Historisches Helden- und Heldinnenlexicon (1716) schon in seinem
alphabetischen Aufbau auf ein Interesse, das nicht mehr auf die Definition
des Heroischen, auch nicht auf seine Rolle in der politischen Praxis gerichtet
ist, sondern auf das polyhistorische Sammeln. Ebenso hat es einen Signal-
wert, daß die Reihe der Dissertationen, die Marti unter den einschlägigen
Stichwörtern aufgenommen hat, mit Beginn des 18. Jahrhunderts plötzlich
abbricht. Zwar läßt sich aus einer Geschichte der Abhandlungen zur Virtus
heroica kein Deutungsrahmen für eine umfassende Literatur- oder Kulturge-
schichte des Heroischen gewinnen, doch bestehen, wie wir sehen werden,
durchaus Zusammenhänge zwischen den Konjunkturen politischer Herois-
musmodelle und der »Virtus heroica«-Literatur.
Die Abhandlungen zur Virtus heroica bedienen sich der Topik als Inven-
tionsverfahren. Sie partizipieren auch als Materialsammlungen an einer über-

7
Weise: Ausführliche Fragen/ über die T\igend-Lehre (1696), S. 147t
8
Weigel: Wienerischer Tügend-Spiegel (1687). Das Buch enthält eine nach Korres-
pondenz- und Oppositionsprinzipien geordnete, auf die Wiener Festungswerke be-
zogene und »mathematisch« demonstrierte Tugendlehre, in der die Virtus heroica
nur noch als Schwundstufe erscheint, nämlich als »eine sonderliche Tapfferkeit/ die
nur den grossen Herren zukommt/ und heist eigentlich Virtus Heroica, die Helden-
Tugend« (S. 88).
9
Das vergleichsweise knappe Kapitel über die »Heldenlügend« bei Schottel: Ethica,
S. 585 -591.
10
Eine Abhandlung zu den historischen Formen der Verehrung von Heldinnen: Gott-
lob Friedrich Jenichen (Praes.), Valentin Gottfried Hercklitz (Resp.): De cultu he-
roinarum sago et toga illustrium (1700); eine exemplarische Darstellung, die be-
zeichnenderweise als »Dissertatio histórica« spezifiziert wird: Valentin Albert
(Praes.), Christian Amos Bürger (Resp./Autor): De virtute heroica Lutheri, Mat-
thiae Flacii et Jacobi Andreae (1683); vgl. auch Zentgravius (Praes.), Schmalkalder
(Resp.): D. Lutheri virtutes heroicae breviter delineatae; ein philosophisch-theologi-
sches Spezialproblem: Valentin Alberti (Praes.), Christian Schultz (Resp.): Quae-
stio: An Christus dici possit heros ex hypothesi Platonicorum? (1690). Kirchmaier
(Praes.), Francus (Resp.): De heroum conviviis coenisque principalibus, entfaltet
überhaupt kein spezifisches Interesse an der heroischen Größe, sondern beschäftigt
sich mit Gastmälern hochstehender Personen der Geschichte.
27

greifenden Topik des Heroischen (die wenig mit dem »topos fortitudo et
sapientia« gemein hat, unter den Curtius die Tradition des Heroischen subsu-
miert).11 Dies sei zunächst anhand des Kapitels »De Virtute heroica« aus
Clemens Timplers Ethica generalis (1608) erläutert. Timplers »praecepta«
entfalten den Begriff der Virtus heroica nach der Methode ramistischer Divi-
sionen. Die topische Lehr- und Lernmethode zielt dabei nicht zuletzt auf
die Verfügung über Gedächtnisinhalte.12 Den Ausgangspunkt der knappen
Darstellung bildet eine allgemeine Definition: »Es bleibt die außerordent-
liche oder heroische Tugend; das ist eine moralische lügend, die den Men-
schen über den gewöhnlichen Stand und das Geschick der anderen erhebt.«13
Die folgenden Lehrsätze deduzieren hieraus die Einzelaspekte der Virtus
heroica. Die »Praecepta« stellen sich so als eine Reihe von hierarchisierten
Definitionen dar: »Dazu muß man den Grund [causa] und das Subjekt [sub-
jectum] berücksichtigen, außerdem die zugehörigen Akzidentien [adjuncta
requisita] und das Gegenteil [opposita].«14 Es erübrigt sich, den weiteren
Unterteilungen nachzugehen. Teilaspekte der in den »Praecepta« erfaßten
Merkmale der Virtus heroica greift Timpler in den anschließenden elf
»Qvaestiones« wieder auf (z.B. die Fragen, ob es eine Differentia specifica
zwischen der Virtus heroica und der Virtus communis gebe, bei welchen Ge-
genständen die Virtus heroica den höchsten Glanz entwickle und welches die
Unterarten der Virtus heroica seien) und unterwirft sie einem syllogistischen
Entscheidungs verfahren.15
Natürlich folgt nicht jeder Verfasser der ramistischen Methode. Die
grundlegenden Elemente finden sich aber immer wieder. Ein Beispiel bietet
Barthold Müllers Dissertation De virtvte heroica (1666), die zunächst das
»nomen« (»Heros«) erläutert, nämlich die Etymologie (S. 2-3) und die
Wortbedeutung (»vocabulum«, S. 4-5) einschließlich der Synonyme (S. 6).
Hieran schließt sich die Darlegung der »res ipsa« an, beginnend mit der
Frage »an detur« (S. 7). Die »singulae causae« (S. 12) sollen danach auf die
Definition zuführen: »causa efficiens« (S. 9-11), Form (»formale«, S. 12-16),
»subjectum quod« (S. 18-24), »subjectum quo« (S. 25) und Zweck (»finis«,
S. 26). Der zusammenfassenden Definition (S. 27 -28) folgen schließlich Aus-
führungen über die verschiedenen Unterarten (»species«, S. 29-30) und das
Gegenteil (»oppositum«, S. 31-34). Diese Einzelelemente entstammen letzt-

11
Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, S. 183; vgl. im übrigen
S. 176-188.
12
Zedelmaier: Bibliotheca universalis und Bibliotheca selecta, S. 75.
13
Timpler: Philosophiae practicae systema methodicvm, pars prima, S. 375: »Restât
[virtus] extraordinaria seu heroica; quae est virtus moralis hominem supra commu-
nem aliorum conditionem & sortem eleuans.«
14
Timpler: Philosophiae practicae systema methodicvm, pars prima, S. 375: »In ea
consideranda partim causa & subiectum; partim adiuncta requisita, & opposita.«
15
Timpler: Philosophiae practicae systema methodicvm, pars prima, S. 377-386.
28

lieh der Topik als Kunst des Auffindens von Argumenten.16 Die Abhandlun-
gen als ganze präsentieren sich demnach als nach topischen Fragegesichts-
punkten zusammengestellte Gegenstands- und Wesenbestimmungen der
Virtus heroica. »Mit einem Wort«, so resümiert der Aristotelismuskritiker
Christian Thomasius, »die gantze Sitten-lehre des Aristotelis erkläret durch-
gehende nichts/ als términos technicos, und giebt deren definitiones und divi-
siones.«17
Doch machen die Traktate noch in einem anderen Sinn Gebrauch von
der Topik, indem sie nämlich an ihrer Transformation zu einer Material-
sammlungslehre partizipieren, die die Memoria zu unterstützen hat.18 Kek-
kermann hat in seiner Manvdvctio ad stvdivm philosophiae practicae, atqve
inprimis ad stvdivm politicum & historicum die zur Virtus heroica als Locus
communis gehörigen Argumente zusammengestellt. Einleitend formuliert er
seine allgemeinen Anforderungen an die Loci communes, die - »methodici«
(nach Disziplinen unterschieden und der Disposition der jeweiligen Disziplin
folgend) sowie »pleni« (vollständig das Allgemeine wie auch das Spezielle
umfassend) - beliebige Wissensgebiete systematisch verfügbar machen sol-
len.19 Als Stichworte zur Virtus heroica verzeichnet Keckermann in der ach-
ten Klasse (»De virtutibus analogicè & imperfecté dictis«) der »Loci commu-
nes ethici«: »Heroes. Heroinae. Heroici afflatus & motus. Heroici sucessus.
Heroum exitus. Feritas, immanitas & abominandi scelera. Homines imma-
nes & abominandi. Alastores, siue homines desperati, qui publicè valde no-
cent.«20 Zusätzliche »Tituli« nennt er an anderer Stelle »in bezug auf die
Higendgrade« (»quoad gradus virtutis«): »Heroicum quid in virginibus. He-
roicum quid in matronis, vetulis, senibus, puellis, iuvenibus, pueris.«21
Schließlich erscheint das Heroische in der fünften Klasse der »Tituli« der
Ökonomik: »Status Oeconomicus heroicus, siue heroum domus, vbi vel pater
est heros, & materf. heroína. Heroum liberi. Heroum serui. Heroum cura
circa res domesticas.«22 Man erkennt zwar in den Stichpunkten zur Virtus
heroica die Namens-, Gegenstands-, Grund- und Umstandsaspekte wieder.
Gleichzeitig wird aber deutlich, daß sich die Topik als Materialsammlung
mehr oder weniger stringent auf eine Reihe von Stoffaspekten festlegt, deren

16
Für einen kurzen Überblick vgl. etwa Keckermann: Locorvm rhetoricorum volv-
men primvm, in: Opera omnia, Bd. II, Sp. 210. Keckermann nennt u. a. die Topoi
notatio nominis, causae, finis, effecta, objectum, imperfectio/mutilatio (darunter ad-
junetum und circumstantiae) und oppositio. Vgl. Dyck: Ticht-Kunst, bes. S. 40-53.
17
Thomasius: Von denen Mängeln der Aristotelischen Ethik, in: Kleine teutsche
Schrifften, S. 85.
18
Dyck: Ticht-Kunst, S. 59-65; Zedelmaier: Bibliotheca universalis und Bibliotheca
selecta, S. 54.
19
Keckermann: Opera omnia, Bd. II, Sp. 8 sowie Sp. 8-12.
20
Keckermann: Opera omnia, Bd. II, Sp. 50.
21
Keckermann: Opera omnia, Bd. II, S. 54.
22
Keckermann: Opera omnia, Bd. II, Sp. 75.
29

Stereotypie bis in die Formulierungen zu verfolgen ist. In seinem Ethik-Kapi-


tel über die Virtus heroica begründet Keckermann die zum Stichwort »he-
roum exitus« gehörige These, »daß sich der Heldentod selten auf willkom-
mene und gnädige Weise einstellt« (»quod Heroum exitus raro sint optati &
felices«). 23 Dieselbe These bestätigt Timpler in seinen »Quaestiones« mit
denselben Worten (»An Heroum exitus raro sint optati & felices?«). 24
Ein Überbück über die Masse der Dissertationen zum Thema macht erst
recht klar, in welchem Ausmaß die Abhandlungen zur virtus heroica ein
Sammelbecken standardisierten Materials sind. Ich gebe nur einige Beispiele.
Fast alle Autoren diskutieren unter Berufung auf Aristoteles' Politik die
Frage, ob die heroische lügend auch bei Frauen zu finden sei (»An Virtus
Heroica etiam in foeminas cadat?«):
Für die Virtus heroica ist unerschütterlichste Standhaftigkeit erforderlich; die Frau
hingegen ist ein schwankendes und veränderliches Lebewesen, wird wegen ihres
feuchten und flüssigen Temperaments leicht aus dem Gleichgewicht gebracht und
nimmt eine wechselnde Gestalt an; deshalb sind die Frauen zu jeder Zeit wankel-
mütig.25

Die Diskussion dieser Frage fußt auf einem überschaubaren Kernbestand an


repetitiv vorgebrachten Argumenten und Exempla. Ein immer wiederkeh-
rendes Argument gegen diese Meinung des Aristoteles ist z.B., daß sich bei
den Frauen auch die Opposita der Virtus heroica fänden, weshalb man sie
nicht aus der Zahl der Helden ausschließen dürfe. 26 Darauf, daß gleichwohl
Einschränkungen oder Differenzierungen das Gesamtbild prägen, komme
ich zurück. 27 Welches Eigengewicht die Fragestellung als Argumentations-

23
Keckermann: Opera omnia, Bd. II, Sp. 362.
24
Timpler: Philosophiae practicae systema methodicvm, pars prima, S. 383.
25
Tobias Below (Praes.), Johannes Giese (Resp.): Disputatio moralis. Nonnullas exhi-
bens de Virtute heroica qvaestiones (1691), Qvaestio III, § I: »Quod in Virtute
Heroica firmissima requiratur constantia, atqui foemina est varium ac mutabile ani-
mal, & propter temperamentum, quod habet humidum & viscosum facilè commove-
tur, & figuras sortitur varias, unde illis inconstantia per omnes horas.« Als Locus
classicus wird angeführt: Aristoteles, Lib I. Polit, c. 4. Gemeint ist wohl Politik,
1259a 36f£, vor allem 1260a 14f£, S. 104: Der Herrschende braucht eine »vollendete
ethische T\igend«, die Frau nur eine »dienende«.
26
Ernst Heinrich Wackenroder (Praes.), Ferdinand Clemens (Resp.): Ex Philosophiâ
morali, de factis heroum extraordinariis, § 9. - Caspar Sagittarius (Praes.), Georg
Heinrich von Brandenstein (Respondens-Auctor): Dissertatio de motibvs heroicis,
Cap. III. Probi. IV. - Georg Lani (Praes.), Tobias Schmidt (Resp.): Specimen acade-
micum de virtute heroica (1676), Sectio II Quaestio II. Ein kurzer Hinweis auf das
Thema auch bei Timpler: Philosophiae practicae pars prima, S. 380.
27
Beispiele: Lokervitz etwa möchte die Frauen trotz des erwiesenen weiblichen He-
roismus nicht ebenso wie die Männer zu öffentlichen Ämtern zulassen (Christian
Lokervitz (Praes.), Heinrich Steinkopff (Resp.): Heros philosophice delineatus
(1682), § 11: »Nos dum Foeminas Heroinas asserimus, non tarnen statim inde pro-
miscuam officiorum publicorum administrationem illis sine discrimine adscrivimus,
cum ad lanam & colum, qvàm ad gerenda publica aptiores communiter videantur.«
Dagegen vertritt Johann Urich Pregitzer (Praes.), Johann-Michael Schaller (Resp.):
30

rahmen entwickelt, kann man daran ablesen, daß von den herangezogenen
Autoren nur Jacob Thomasius sich von der an Aristoteles angelagerten ge-
lehrten Überlieferung ausdrücklich löst. Auch er entgeht der Fragestellung
nicht, wendet sich aber ihrem Sinn zu: Man bezweifle in der Schultradition
unter diesem Stichwort nicht die Heroismusfähigkeit der Frauen, sondern
beschäftige sich mit der Sekundärfrage, ob die Antwort sich aus Aristoteles
beweisen lasse. Ebenso ist Thomasius der erste, der anhand der Quellen dar-
zulegen sucht, daß Aristoteles den Frauen die Virtus heroica nicht abgespro-
chen habe.28
Auf eine ähnlich dichte thematische und argumentatorische Nachbar-
schaft der Texte stößt man bei den Fragen, ob auch illegitime Nachkommen
(»spurii«) Helden sein können,29 und warum Heldensöhne selten etwas tau-
gen (»Heroum filii noxae«) - ein Komplex, der sich bei Keckermann unter
dem Stichwort »Heroum liberi« immerhin andeutet. Für die allgemein als
Sprichwort bezeichnete Formulierung nennen die Texte keine Quelle, wohl
aber eine griechische Version. Von den einzelnen »causae« hat Lokervitz
eine größere Serie zusammengestellt: Durch den Entzug der heroischen Tu-
gend zeige Gott seine freie Verfügungsgewalt und strafe Vergehungen der
Helden; die heroische lügend sei als verliehene nicht auf dem natürlichen
Weg vererbbar, und auch die Mischung der Erbanlagen von Mann und Frau
sowie die Ernährung durch Ammen seien nicht förderlich. An moralischen
Ursachen nennt der Verfasser die häufige Abwesenheit der Helden, wodurch
die Erziehung vernachlässigt werde, die übergroße Liebe zu den Kindern

Exercitatio Etìlica de virtute heroica (1663) die Ansicht, die Frauen hätten zwar
aufgrund ihrer Natureigenschaften keinen Zugang zur heroischen Tilgend, wohl
jedoch »außerhalb der gewöhnlichen Ordnung, nämlich zweifellos dann, wenn Gott
die Frauen mit Großherzigkeit und männlichen Tilgenden ausstattet und schmückt
und die Natur sie stark macht, der Fleiß gebildet, die Erziehung fromm und die
Erfahrung weise.« (S. 14: »Vero extraordinariè, quatenus nimirum Deus foeminas
magno animo, masculis interdum virtutibus instruit, exornat, easque natura solertes,
industria literatas, educatio pias, experientia sapientes facit.«) Fast wortgleich bei
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicè delineatus, § 11. - Vgl.
auch Eicheln (Praes.), Morgenstern (Resp.): Exercitatio moralis de heroibus eorvm-
que virtute, Thesis XXXII. - Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): Ex philiso-
phiâ morali de virtute heroicâ, § 60- 63, Qvaestio IX.
28
Jacob Thomasius (Praes.), Johann Friedrich Starken (Resp.): Exercitatio philoso-
phica prior de heroica virtute, § 88-98. Über Jacob Thomasius vgl. die Bemerkung
seines Sohns Christian, »daß erwehnter mein Seel. Vater nicht allein auf hiesiger/
sondern auch auff andern [...] Academien für einen Mann/ der in Philosophia Ari-
stotelica gründlich erfahren gewesen/ auch einen und andern Mangel der gemeinen
Lehrart deutlich angemerckt/ bißhero passiret« (Von denen Mängeln der Aristoteli-
schen Ethik, in: Kleine teutsche Schrifften, S. 80t).
29
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicè delineatus, § 12. -
Wackenroder (Praes.), Clemens (Resp.): Ex philosophia morali de factis heroum
extraordinariis, VIII. - Lani (Praes.), Schmidt (Resp.): Specimen academicum de
virtute heroica, Sectio III. Quaestio III. - Jacob Thomasius (Praes.), Johann Fried-
rich Starken (Resp.): Exercitatio philosophica prior de heroica virtute, § 105.
31

und deren eigenes moralisches Versagen.30 Die Dissertationen zur Virtus he-
roica, die auf das Problem »heroum filii noxae« eingehen, greifen zugleich
auf Argumente aus diesem Vorrat zurück.31 Darüber hinaus existiert das
Thema auch als Gegenstand von Reden und einzelnen Abhandlungen. Noch
1735 erschien unter diesem Titel eine »Disquisitio«, die sich freilich nicht
mit der heroischen Tilgend, sondern eher mit Fragen der Adelserziehung
befaßt. 32
Der relativ stabile Vorrat an Thesen und Argumenten verbindet sich mit
einem Exempelbestand von ähnlicher Homogenität. Einige Dissertationen
nehmen heroische Exempla zum Ausgangspunkt für eine Entfaltung der zu-
gehörigen Loci. Es wundert daher nicht, daß man solchen Stichworten, die
in Dissertationen und Kapiteln über die Virtus heroica behandelt werden, in
gebräuchlichen Exempelsammlungen als Ordnungsbegriffen (Loci commu-
nes) wiederbegegnet. So illustriert Gregor Richter mit Beispielen unter an-
derem die Sätze von der göttlichen Erweckung der Helden, von der Degene-
ration der Heldensöhne und von ihrem oft unwürdigen Tod.33 Umgekehrt
machen die Verfasser einschlägiger Abhandlungen ihrerseits Gebrauch von
derartigen Stoffsammlungen. Sagittarius verweist in bezug auf Beispiele zum
besonderen göttlichen Schutz der Helden auf Richters Axiomata politica,
während sich Lani für Exempla zur Frage der Bastarde auf Zwingers The-
atrum vitae humanae beruft. 34 Der Topos »De virtute heroica« findet sich
freilich trotz des im übrigen konventionsgemäßen ethischen Dispositions-
schemas bei Zwinger nicht.35
Damit wird auch deutlich, daß sich die heroischen Loci communes nicht
auf die Abhandlungen zur Virtus heroica beschränken. Heldenbestimmun-
gen, die aus demselben topischen Fundus schöpfen, liefern z.B. in gänzlich

30
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicè delineatus, i 19.
31
Johann Ulrich Pregitzer (Praes.), Johann Michael Schaller (Resp.): Exercitatio
ethica de virtute heroica, S. 12ñ - Georg Lani (Praes.), Tobias Schmidt (Resp.):
Specimen academicum de virtute heroica, Sectio I.,Thesis IV.; hier wird allerdings
zugleich die Erblichkeit der heroischen lügend zumal für die Gegenwart gerettet.
32
Johann Andreas Schmidt: Disquisitio, cur heroum filii interdum noxae, Warum vor-
nehmer Leute Kinder gemeiniglich übel gerathen? (1735) Ebenso widmen sich die-
sem Thema die beiden Reden »Heroum filii noxae« von Wolfgang Heider; vgl.
die Hinweise bei Trunz: Johann Matthäus Meyfart, S. 18. Trunz' Bemerkung, die
Formulierung stamme von Plutarch, konnte ich nicht verifizieren.
33
Gregor Richter: Axiomata politica, S. 115; 119; Axiomata oeconomica, S. 75-81;
ebd., S. 211-214; Axiomata ecclesiastica S. 155; Appendix ad regulas históricas,
S. 127.
34
Sagittarius (Praes.), Brandenstein (Resp.): Dissertatio de motibvs heroicis, Cap. II.
S. 10. - Lani (Praes.), Schmidt (Resp.): Specimen academicum de virtute heroica,
Sectio II, Quaestio III.
35
Vgl. Zwinger, Theatrvm vitae hvmanae, S. 3 zur Intention einer nach der Ethik
disponierten Exempelsammlung, sowie S. 32 für einen Überblick über das Disposi-
tionsschema. Zu Zwingers Aristoteleskommentar (Aristotelis [...] de moribus ad
Nicomachum libri decern, Basel 1566) Saarinen: Virtus heroica, S. 104t
32

disparaten Kontexten Peucer in seinem Commentarivs de praecipvis divina-


tionvm generibvs (erstmals 1553) und Harsdörffer im Teutschen Secretarius.36
Zur Reichweite dieses Komplexes gebe ich abschließend noch einige Hin-
weise. Mehrere Verfasser gehen, etwa bei der Abwägung zwischen überna-
türlichen und moralischen »causae« der Virtus heroica, auf das Stereotyp
ein, daß sich diese Gabe schon im frühen Knabenalter oder sogar bereits
vor der Geburt bemerkbar machen könne. Als Exempla dienen u. a. Daniel,
Simson, David, Alexander und Scipio.37 Gleich zu Beginn seines Abris eines
Christlich-Politischen Printzens greift Saavedra Fajardo die Vorstellung eines
Heroismus schon im Kindesalter auf.38 Andreas Heinrich Bucholtz verwen-
det die Motive der Großtaten oder der überstandenen Lebensgefahren im
Kindesalter, um seine Romanfiguren Herkules und Valiska als Helden zu
kennzeichnen.39 Noch Gelehrtenbiographien des beginnenden 18. Jahrhun-
derts setzen diese Elemente immer wieder als heroisches Stilisierungsmittel
ein; sie nehmen hier nicht selten die Form einer Weissagung künftiger Größe
an.40
Wenn - um ein letztes Beispiel zu geben - in der Mitte des 18. Jahrhun-
derts Friedrich Carl von Moser schreibt, Gott gebrauche »bey großen Welt-
Gefahren große Männer als Heilande, als Retter, als Vormünder des mensch-
lichen Geschlechts«,41 so kehrt darin die in den Abhandlungen zur Virtus
heroica stets wiederholte Wendung wieder, daß Gott »zu gewissen Zeiten
Helden erweckt hat, die die wankenden [Kirche/Staaten] verteidigen oder

36
Peucer: Commentarivs de praecipvis divinationvm generibvs, S. 93f.; Harsdörffer:
Der Ternsche Secretarius, Bd. II, S. 515-519.
37
Barthold Müller (Praes.), Peter Schermbeccius (Resp.): Collegii ethici disputatio
decima de virtvte heroica, § 22. - Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros
Philosophice delineatus, § 7 - 8 . - Jacob Thomasius (Praes.), Johann Friedrich Star-
ken (Resp.): Exercitatio philosophica prior de heroica virtute, § 99-104. - Raben
(Praes.), Lefler (Resp.): Disputatio politica de virtute heroica, S. 28f. Nur der zuletzt
genannte Text distanziert sich von diesem Mythologem und behauptet, daß Achilles
nicht bereits als Kind Löwen getötet habe, sondern daß sich an entsprechenden
Kinderspielen die heroische Veranlagung habe ablesen lassen.
38
Saavedra Fajardo: Abris eines Christlich-Politischen Prinzens (1674), S. I i (Beispiel:
Herkules in der Wiege.)
39
Bucholtz: Herkules und Valiska, I, S. 186-192; 426-429.
40
Vgl. Clarmundus: Vitae clarissimorum in re literaria virorum (1708), Teil 1, S. 3£ zu
Erasmus: »Als einsmahls Rudolphus Agricola zu Daventer an kam/ und den He-
gium [Erasmus' Lehrer] besuchte/ so nahm ihn dieser mit sich in die Schule; Nach-
dem aber Rudolphus Agricola unterschiedener Schüler-Exercitia durchsehen/ so
gefiel ihm vor allen andern des Erasmi sein Argument am besten/ welcher dazu-
mahl kaum 14. Jahr alt war/ und als er den Knaben sähe und betrachtete/ so stieß
er diese Worte heraus: tu eris olim magnus.« Vgl. auch ebd., S. 47 zu Jacobus Bois-
sardus; S. 87 zu Justus Lipsius; Teil 2, S. 1 zu Wolfgang Lazius; S. 85-87 zu Hermann
Conring; S. 136 zu Samuel Bochartus. - Ders.: Lebens-Beschreibung des Welt-
berühmten Polyhistoris, S. T. Herrn Conrad Samuel Schurtzfleischen, S. 9.
41
Moser: Reliquien, S. 107.
33

sie wiederherstellen sollten, wenn sie zusammengebrochen waren.«42 Die


Traktate zur Virtus heroica bilden, aufs Ganze gesehen, methodisch und the-
matisch einen engen Zusammenhang, der noch an Details des Stoffs und der
Formulierungen erkennbar wird. Sie bearbeiten ein Pflichtpensum, das auch
von allgemein verbreiteten Definitionen und Akzidenzien des Heroischen
sowie von der gelehrten Kenntnis entsprechender »Historien« zehrt. Die be-
merkenswerte Geschlossenheit läßt sich unter anderem auf einen homoge-
nen Vorrat an Quellen und Hilfsmitteln wie auch auf ähnliche Arbeitsweisen
zurückführen, hier vor allem auf das Anlegen von nach Sachgesichtspunkten
gegliederten Loci-communes-Sammlungen.43 Ein - wenngleich auf die Für-
stenausbildung bezogenes - Beispiel dafür bietet das Kapitel »Junge Herren
sollen eine richtige Ordnung im Lesen halten« aus Löhneyss' Hof- Staats-
Und Regierkunst (lat. 1622, dt. 1679). Dort lehrt der Verfasser das Exzerpie-
ren u. a. der »Moralia«:
Das vierdte Buch Moralium, kan in zwey Theil unterschieden: Jn das Eine/ die
lügend/ und deren Exempel. Jn das Ander die Laster verzeichnet werden; Doch
sol man die affectus unterscheiden/ und ein jedes besonders setzen/ denn Hofnung/
Freude/ Traurigkeit/ Schmertzen/ etc. sind nur animi perturbationes, und so sie das
Mittel halten/ der Tugend näher als dem Laster/ und kan man in dieses Theil alles
bringen/ was sonsten in Ethicis von Tilgend und einem glückseligen Leben weit-
läufftig tractirt wird.44

Insgesamt können diese Texte als Zeugnisse artistischer Schultraditionen gel-


ten. Sie zielen nicht auf den Gewinn neuer Einsichten, sondern auf die Syste-
matisierung und Stabilisierung des topisch vorliegenden Wissens. Es gehört
demnach zum Geschäft der Texte, verbreitetes Material im Rahmen der Ver-
fahrensweisen und Formanforderungen der schulphilosophischen Ethik zu
präsentieren. Der institutionelle didaktische Rahmen trug zweifellos dazu
bei, daß der fixierte Abhandlungstyp De virtute heroica sich neben anderen
Größenkonzeptionen bis zum Ende des 17. Jahrhunderts behaupten konnte.

42
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicè delineatus, § 9: »Cüm
enim Ecclesia ac Respublicae sint instar Lunae jam crescentis & decrescentis DEUS
Τ. Ο. M. singulis temporibus Heroas excitavit, qvi nutantes defenderent vel collap-
sas restituèrent.« Vgl. auch Sagittarius (Praes.), Brandenstein (Resp.): Dissertatio
de motibvs heroicis, Cap. II. § 15. - Jacobus Thomasius (Praes.), Johann Friedrich
Starken (Resp.): Exercitatio philosophica prior de heroica virtute, § 11.
43
Vgl. Dyck: Tícht-Kunst, S. 59-65; Zedelmaier: Bibliotheca universalis und Biblio-
theca selecta, S. 86-91.
44
Löhneyss: Hof- Staats- und Regierkunst, S. 27. Zu Löhneyss Nils Birk, in: Fürsten-
spiegel der Frühen Neuzeit, S. 386-393.
34

1.1.2 Die Virtus heroica im Gefüge der Higendlehre

Die Geschichte der Lehre von der »heroischen Tilgend« geht zurück auf Ari-
stoteles' Nikomachische Ethik. »Nicht allzuoft«, so heißt es in der einzigen
Überblicksdarstellung, »wird ein von altersher überkommener Begriff sich sei-
nem Entstehen und seinem Inhalte nach gleichermaßen so bestimmt und in so
weitem Ausmaße bis auf seinen Urheber zurückverfolgen lassen.«45 Für das
17. Jahrhundert sei exemplarisch (und durchaus nicht ohne Willkür) das Colle-
gium ethicum von Valentin Crüger (1655) herangezogen. Wie andere Autoren
weist auch dieser Verfasser ausdrücklich auf den Ursprung des Topos hin:
»Diese Tugend ist ein Habitus, wie Arist. 7. Ethic: c.l. bezeugt.«46 Zuweilen
wird die fragliche Passage mehr oder weniger ausführlich zitiert; einzelne Dis-
sertationen verstehen sich als ausgesprochene Aristoteles-Auslegungen. Sagit-
tarius kommentiert ein längeres Aristoteles-Zitat: »Dies erläutern ausführ-
licher alle älteren und neueren Interpreten des Philosophen, die speziell über
die Virtus heroica geschrieben haben.«47 Beispiele ausdrücklicher Orientie-
rung an konkurrierenden Tugendkonzeptionen, vor allem eine stoische Ver-
sion, lassen sich kaum nachweisen.48 In der Tradition der ethischen Abhand-
lungen zur Virtus heroica verbindet sich die institutionelle und formale Konti-
nuität mit der aristotelischen Ausrichtung. Der aristotelische Locus classicus
nimmt insofern eine Monopolstellung ein und gehört zum gemeinsamen und
vereinheitlichenden Grundbestand praktisch aller einschlägigen Darstellun-
gen des 17. Jahrhunderts wie auch zu einer ungebrochenen, an die Kommentie-
rung der Nikomachischen Ethik gebundenen Traditionslinie seit der Antike.
Dies bedeutet selbstverständlich nicht, daß die späten Varianten einer Theorie
der heroischen lügend in der Verwendung des Begriffs durch Aristoteles auf-
gingen. Mit welchem Recht vom »Aristotelismus« in der Ethik gesprochen
werden kann, läßt sich von einer auf die Virtus heroica konzentrierten Per-
spektive her allerdings nicht entscheiden.49

45
Hofmann: Die heroische lügend, S. 3. Die Arbeit verfolgt nur die katholische Ent-
wicklungslinie und hat neben dem historischen auch ein systematisches Interesse.
Sie stellt sich also selbst noch in die Reihe der Begriffsklärungsversuche.
46
Crüger: Collegium ethicum, disputatio decima octava, A V: »Habitus est haec virtus,
teste Arist. 7. Ethic: c. 1.«
47
Sagittarius (Praes.), Brandenstein (Resp.): Dissertatio de motibvs heroicis, Cap. II.
§ 2: »Qvae pluribus illustrant veteres ac recentes Philosophi interpretes, qviqve sin-
gulariter de Virtute Heroica scripserunt.« - Raben (Praes.), Lefler (Resp.): Dispu-
tatio politica de virtute heroica, vor allem § 6, 8, 9.
48
Als Ausnahme wäre vielleicht anzuerkennen Alberti (Praes.), Schultz (Resp.):
Qvaestio an Christus dici possit heros, der allerdings nur eine platonische Dämo-
nenlehre zugrundelegt.
49
Zu dieser Frage Schmidt-Biggemann: Aristoteles im Barock; Dreitzel: Der Aristo-
telismus in der politischen Philosophie Deutschlands im 17. Jahrhundert; im weite-
ren auch: Charles B. Schmitt: Aristotle's Ethics in the Sixteenth Century.
35

Den Zeitgenossen war klar, daß die Erwähnung der Virtus heroica bei
Aristoteles von sich aus keinen hinreichenden Ausgangspunkt für eine um-
ständliche Definition dieser Tilgend abgeben konnte. Bei Jacobus Thomasius,
der sich allerdings ohnehin von einer bruchlosen Fortsetzung der Schultradi-
tionen auf den Spuren von Aristoteles distanziert, liest man:
Zwar hat Aristoteles nirgends verbindlich lehrend von der Virtus heroica gehandelt;
es ist nämlich klar, daß das überaus wenige, was er 1.1. c. VII. der Nikomachischen
Ethik davon meldet, nur nebenbei eingestreut ist, während er von etwas anderem
spricht. Gleichwohl steht fest, daß diejenigen, die in den vergangenen Jahrhunderten,
so weit unser Gedächtnis reicht, in der Moralphilosophie arbeiteten, mit Vorhebe
diese Gelegenheit ergriffen haben, genauer die Virtus heroica zu erforschen. So
kommt es, daß man heute fast keinen Ethiker findet, der hier Papier sparen wollte.50

Der Begriff erscheint in der Nikomachischen Ethik dort, wo Aristoteles von


der Darstellung des Higendkatalogs zur Continentia/Incontinentia als Vor-
stufe eines Vollbesitzes der Tilgenden bzw. Laster übergeht. 51 Der Continen-
tia ordnet der Philosoph - offenbar im wesentlichen aus Systemgründen -
auf der anderen Seite, jedoch nur im Vorbeigehen an dieser Stelle, eine emi-
nente Verfügung über die Tugenden zu, die er als Virtus heroica (ήρωϊκή
άρετή) bezeichnet. Deren Merkmale sind das Übermaß (υπερβολή, eminen-
tia), die Göttlichkeit (άρετή θεία, virtus divina), die Seltenheit und die Ge-
genüberstellung mit dem Laster der Roheit (Φηριότης, feritas/bestialitas).
Die Textpassage ist mit distanzierenden Bemerkungen durchsetzt, die die
heroische Tilgend als mythologisches Zitat, vielleicht sogar als Fremdkörper
in der moralphilosophischen Abhandlung kennzeichnen und hinreichend be-
gründen, warum Aristoteles auf eine ausführlichere Darstellung verzichtet
hat. Die Rezeptionstradition überhört allerdings fast einmütig die Skepsis
des Philosophen gegenüber dem Phänomen der heroischen Tilgend:
Wir haben nun einen neuen Ausgangspunkt zu nehmen und festzustellen, daß es
im Ethischen drei Arten von Dingen gibt, die man zu fliehen hat: die Schlechtigkeit,
die Unbeherrschtheit und die Roheit. Die Gegensätze davon sind für die zwei er-
sten klar (wir nennen sie Tilgend und Selbstbeherrschung), als Gegensatz zur Ro-
heit würde am ehesten die den Menschen übersteigende Tilgend passen, eine heroi-
sche und göttliche, wie bei Homer Priamos über Hektor sagt, er sei überaus tüchtig
>und er schien nicht der Sohn eines sterblichen Mannes zu sein, sondern eines Got-
tes<. Wenn also, wie man sagt, aus Menschen Götter werden durch ein Übermaß

50
Jacob Thomasius (Praes.), Johann Friedrich Starken (Resp.): Exercitatio philoso-
phica prior de heroica virtute, § 1: »Etsi de Heroicâ virtute nusquam ex instituto
tractavit Aristoteles; quae enim cap. I. lib. VII. Nicomach, hâc de re leguntur per
sané pauca, satis apparet, obiter tantùm ab aliud agente inspersa esse: certum est
tarnen, eos, qui superioribus seculis ad nostram usque memoriam in Philosophiâ
morali elaborarunt, occasionem hinc maximè cepisse, accuratiùs in virtutem Heroi-
cam inquirendi. Quo factum est, ut nullus hodiè propemodum reperiatur Ethico-
rum, qui Charta hîc parcendum putaverit.«
51
Die interpretierenden Hinweise beruhen auf Hofmann: Die heroische Tilgend,
S. 3-17. Vgl. auch Steadman: Heroic Virtue and the Divine Image in Paradise Lost,
S. 88£
36

an Tilgend, so wäre dies wohl ungefähr das Verhalten, das der tierischen Roheit
entgegengesetzt wäre.
Wie nämlich das Tier keine Tilgend oder Schlechtigkeit kennt, so auch nicht ein
Gott, sondern die göttliche Vollkommenheit ist ehrwürdiger als die Tilgend, und
die tierische Schlechtigkeit ist eine besondere Art von Schlechtigkeit.52

Grundsätzlich gilt die besondere Aufmerksamkeit der an Aristoteles orientier-


ten Ethiken der Tugendsystematik, nicht der Tugendpraxis. Da der Schwer-
punkt der aristotelisch orientierten Politiken ebenfalls eher auf dem Gebiet
der Systematik liegt, geht von ihnen kein eigenständiger Impuls aus, der den
Zusammenhang von heroischer Größe und Herrschaftspraxis beträfe. Über-
haupt diffundiert die Lehre von der heroischen lügend kaum in die politi-
sche Abteilung der praktischen Philosophie. Daß Keckermann in seinem Sy-
stema Politicum im Anschluß an Aristoteles' Politik auf den Zusammenhang
von Heldenherrschaft und Staatsformenlehre eingeht, ändert am Gesamtbe-
fund nichts.53 Von den hier herangezogenen Dissertationen bezeichnet sich
allein diejenige von Paul Raben als Disputatio politica, ohne daß freilich we-
sentliche thematische Abweichungen von den übrigen zu verbuchen wären.
Die Texte machen weder den Ausdruck noch die Erkenntnis von lügen-
den zum eigenständigen Thema. An keiner Stelle erscheint ethisches als
komplexes kommunikatives Handeln; ebenso fehlen praktisch-psychologi-
sche Ansätze, wie sie den unmittelbar praxisbezogenen Hofmannslehren
durchaus geläufig waren. Gegen die Erörterung prudentistischer Techni-
ken - einen zentralen Problembereich zeitgleicher politischer Diskussio-
nen - bleibt die Virtus heroica-Literatur durchweg immun. Speziell Simula-
tion und Dissimulation avancieren nicht zum ethischen Thema. >Historische<
Kontingenz liegt gänzlich außerhalb ihrer Perspektive. Allerdings stützt sich
das tugendhafte Verhalten grundsätzlich auf den Habitus der Prudentia und
schließt insofern eine >politische< Zweck-Mittel-Relation ein. An der Wir-
kungsorientierung der Virtus heroica, die dem TUgendbegriff selbst eigen ist,
werden wir dies unten noch sehen. In den herangezogenen Ethiken endet
die Zuständigkeit der Klugheit zwar bei der den Umständen angemessenen
Affektmoderation. Gleichwohl bildet die Integration der Prudentia in die
Ethik die Voraussetzung dafür, daß etwa die Staatsräsonlehren ihrerseits Le-
gitimationsargumente aus der (aristotelischen oder auch neostoischen) Ver-
bindung von Ethik und Politik schöpfen können. Freilich ist auch am Gegen-
stand der heroischen Größe zu beobachten, wie sich in der frühen Neuzeit
das Nützliche vom moralisch Gebotenen löst. In der Tendenz kann das politi-
sche Kalkül den Schein des Tugendhaften eigenen Zwecken dienstbar ma-
chen. Deshalb wundert es nicht, daß die Frühaufklärung die aristotelische
Virtus heroica selbst zusammen mit der ganzen aristotelischen Ethik unter

52
Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1145 a 15-34, S. 251.
53
Keckermann: Opera omnia, Bd. 2, S. 491. Vgl. auch die unpaginierte Topik nach
S. 248.
37

den Verdacht politischer Zweckorientierung stellt und durch eine neue Tü-
gendkonzeption ablöst. Auf diesen Punkt komme ich am Ende der Arbeit
zurück.54
Im einzelnen bilden die Berufung auf Aristoteles, die Rezeptionstradition
und die institutionelle Kontinuität die Voraussetzung dafür, daß die Abhand-
lungen auf einen gewissen Bestand an gemeinsamen Grundannahmen zu-
rückgreifen konnten. Auch Criiger stützt sich auf verbreitete Gesichtspunkte.
Die Gegenstände der heroischen Tugend gelten als identisch mit denen der
Spezialtugenden. Die Virtus heroica erscheint als Universaltugend, die alle
anderen umfaßt - bzw. enthalten kann - und überbietet: Die heroische lü-
gend, so schreibt der Verfasser, »ist gewissermaßen Gipfel und Glanzpunkt
der moralischen lügenden«. 55 Keckermanns >Topographie< des Tügendsy-
stems verzeichnet die heroische lügend deshalb, ausgegliedert aus dem Ka-
non der Einzeltugenden, im Anschluß an die »Continentia« unter dem
Aspekt der Tügendgrade.56 Diese Anordnung ist freilich, wie wir noch sehen
werden, nicht unumstritten. Daß die Virtus heroica kein eigenes Objekt be-
sitzt, aber trotzdem einen eigenen Habitus beansprucht, provoziert ebenfalls
einen unversieglichen Strom scharfsinniger Überlegungen.57
Wenigstens exkursartig sei auf zusätzliche Hierarchisierungs- und Syste-
matisierungsfragen aufmerksam gemacht, die sich aus theologischer, speziell
katholischer Sicht ergeben. Ihr zufolge sind die theologischen lügenden de-
nen der Zivilethik übergeordnet; gleichzeitig bilden sie ein eigenes System
außerhalb der profanen Ethik. Die konsequente Anwendung des Begriffs
der Virtus heroica auch auf die theologischen lügenden etwa im katholi-
schen Kanonisierungsverfahren und die Möglichkeit, Heroizität und Heilig-
keit gleichzusetzen, sind das Ergebnis eines langdauernden Rezeptions- und
Adaptionsprozesses, den Hofmann für den kathoüschen Bereich ausführlich
beschrieben hat.58 Als Locus classicus für diese Übernahme wird Augustinus

54
Vgl. unten 6.3.
55
Criiger: Collegium ethicum, Dissertatio XVIII, A l r : Virtus heroica »est virtutum
moralium fastigium quoddam & eminentia«.
56
Keckermann: Opera omnia (1614), Bd. 2, S. 158. Die heroische lügend findet sich
bei Keckermann auch S. 178 in den Tafeln zur Politik als höchster ethischer (nicht
politischer) lügendgrad des Fürsten. Eine andere Variante der graphischen Darstel-
lung der Virtus heroica im Tügendsystem bei Johannes Stier: Praecepta ethicae
(1643), S. 18.
57
Pregitzer (Praes.), Schaller (Resp.): Exercitatio etilica de virtute heroica, Theo-
rema I. - Aleutner (Praes.), Cyriacus (Resp.): Disputatio de virtvte heroica, § 16. -
Below (Praes.), Giese (Resp.): Disputatio moralis. Nonnullas exhibens de virtute
heroica qvaestiones, Qvaestio 2. - Lani (Praes.), Schmidt (Resp.): Specimen acade-
micum de virtute heroica, Sectio II, Qvaestio I.
58
Zur Verwendung in der Kanonisierung: Hofmann: Die heroische TUgend, S. 133-
169. Auf der Nähe von Heiligkeit und Heroizität fußt die Milton-Interpretation von
Steadman: Heroic Virtue and the Divine Image in Paradise Lost. Zum Problem
auch Saarinen: Virtus heroica, der die einzelnen Positionen systematisiert und den
38

herangezogen: »Wir würden sie [die Märtyrer], wenn der kirchliche Sprach-
gebrauch es litte, mit weit größerem Recht als die Heiden die ihren, unsere
Heroen nennen«59 Ob umgekehrt der Begriff der »eingegossenen lügend«
auf die Virtus heroica angewendet werden könne, wird in der Geschichte der
Theologie unterschiedlich beurteilt.60 Jedenfalls kann zum Diskussionsgegen-
stand werden, ob nicht eigentlich den theologischen Tilgenden das Herois-
musetikett zustehe.61 Weniger die Herkunft des Begriffs der heroischen Til-
gend aus dem griechischen Altertum als das Neben- und Übereinander eines
theologischen und zivilethischen Tugendsystems ist alles in allem eine Quelle
dauernder Adaptionsprobleme, aus denen auch noch Piccolominis Lehre
hervorgeht, Sanctitas sei nicht identisch mit der Virtus heroica.62
Von dem Problem der Adaptierbarkeit der heroischen Tugend aus christ-
licher Perspektive her (der auch die umgekehrte Frage nach der Möglichkeit
eines heidnischen Heroismus gegenübertritt) kann sich das an Aristoteles
angelehnte Graduierungssystem als unzulänglich erweisen. Francesco Picco-
lomini erörtert unter Berufung auf die »Platonici« die Frage der theologi-
schen als der eigentlich (noch vor den moralischen oder »zivilen«) heroischen
Tilgenden. Im einzelnen kennt er fünf Tügendgrade, nämlich »naturalis, mo-
ralis, rationalis, heroicus, & diuinus«.63 Letzteren schließt er pragmatisch von
der Behandlung in der Ethik aus: »dennoch - weil dies den Philosophen
weniger geläufig ist und ich, die Lehren der Theologen voraussetzend, vor
allem dem Aristoteles folge, übergehe ich den besonderen Grad der theolo-
gischen Tilgenden und bestimme als Grenze der Erhebung den heroi-
schen.«64 Die schulethischen Abhandlungen zur Virtus heroica gehen aller-
dings auf solche Komplikationen kaum ein.65
Ich kehre zu den Grundzügen heroischer Größe in der »Virtus heroica«-
Literatur zurück. In der an Aristoteles anschließenden Tilgend- und Affek-

Protestantismus mitberücksichtigt, das Gewicht konfessioneller Unterschiede insge-


samt aber als eher gering betrachtet.
59
Augustinus: Vom Gottesstaat, 10. Buch, Kap. 21, S. 500.
60
Hofmann: Die heroische Tilgend, S. 75f; 87-89.
61
Eicheln (Praes.), Morgenstern (Resp.): Exercitatio moralis de heroibvs eorvmqve
virtvte, Thesis 14: »Theologicas Virtutes civilibus longè esse eminentiores, tum eas,
quae circa credenda, tum quae circa mores versantur; adeoque comparatione cum
illis factà, rectè Heroicas dici posse, nemò facile dubitabit.«
62
Piccolomini: Vniversa philosophia de moribvs, S. 545f.
63
Piccolomini: Vniversa philosophia de moribvs, S. 556. Zum theologischen Umfeld
dieser Auffassung vgl. Hofmann: Die heroische Tilgend, S. 95f. u. a.
64
Piccolomini: Vniversa philosophia de moribvs, S. 534: »tarnen quia hoc minus notum
est philosophis, & ego, praesuppositis decretis theologorum, praesertim Aristotelem
sequor; ideo distinctum diuinarum virtutum gradum praetermittens, in heroico ter-
minum eleuationis constituo.«
65
Vgl. etwa Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicè delineatus,
§ 151, wo die Heroizität der theologischen und zivilethischen Tilgenden ohne weite-
res nacheinander behandelt wird.
39

tenlehre haben die lügenden die Aufgabe, als »Moderatrices« gemäß dem
Prinzip der Mediocritas (Mesótes) unter der Leitung der Vernunft die Af-
fekte auf einem Mittelweg zwischen den Defekt- und Exzeßlastern zu halten.
Deshalb begründen Crüger und andere Autoren sorgfältig, daß auf die Virtus
heroica das Kriterium der Mediocritas zutreffe, obwohl sie eine lügend im
höchsten Grad sei.66 Solche Bestimmungen setzen die moralische Neutralität
der Affekte voraus. Nach Crüger sind letztere sogar von Nutzen, ja notwen-
dig für die lügenden: »Der Zorn ist Sporn und Herz der Fortitudo, ohne den
es die Fortitudo selbst nicht geben kann.«67 Manche Traktate weisen deshalb
ausdrücklich die negative Affektenlehre und das praktische Affektverbot der
Stoiker zurück. Raben verbindet die Definition der Virtus heroica mit einer
entschiedenen Stellungnahme gegen den Stoizismus. Wer den Stoikern folge,
werde unter heroischer lügend die Tilgung aller Affekte verstehen, wodurch
allein der Mensch über die Conditio humana steigen könne. »Doch dies ist
durchaus nicht die Natur der Virtus heroica: denn sie zähmt zwar die Af-
fekte, rottet sie aber nicht aus«.68 Diese Meinung vertreten z. B. auch Piccolo-
mini, Aleutner (der die Apathie sogar in die Nähe des Lasterhaften rückt),
Schickfusius, Below und Wendeler.69 In der Virtus heroica verwirklicht sich
jedenfalls in herausragender Weise der Ausgleich von Vernunft und Affekt
als aristokratisches Größenbild, auf das zugleich die Ethiken insgesamt zuge-
schnitten sind.
Das Heroische hat Crüger zufolge als äußeren Gegenstand »einen sol-
chen, der das öffentliche Wohl betrifft und dem Menschengeschlecht von

66
Crüger: Collegium ethicum, Disputatio XVIII, A3V. Besonders ausführlich: Eicheln
(Praes.), Morgenstern (Resp.): Exercitatio moralis de heroibus eorumque virtute,
Thesis XIX (b). Schottel: Ethica, S. 590, komplettiert die übliche Opposition von
Virtus heroica und Feritas/ Bestialitas der aristotelischen Symmetrie gemäß durch
die »Gegenuntugend« der »Verbaastheit« (»ignavia«), die vorliegt, »wan einer aus
faulem Unwitz und zugleich miteinlauffenden Unvermögen des Verstandes sich
gantz ungeschickt achtet und selbst untüchtig machet zu einiger rechten tugend-
lichen Bezeigung.«
67
Crüger: Collegium ethicum, Disputatio VIII, § V.: »Ira est Incitamentum & cor
fortitudinis sine quâ ipsa fortitudo esse nequit.« Die klassischen Passagen zur Af-
fektenlehre bei Aristoteles: Nik. Eth., 2. Buch. Zur aristotelischen Affektenlehre,
hier im Zusammenhang mit Lohensteins Stoizismuskritik, vgl. Meyer-Kalkus: Wol-
lust und Grausamkeit, S. 38-64 u.ö.
68
Raben (Praes.), Lefler (Resp.): Disputatio politica de virtute heroica, S. 14: »At
vero nequaquam haec est virtutis Heroicae natura: nam edomat quidem affectus,
non autem exstirpat«.
69
Piccolomini: Vniversa philosophia de moribvs, S. 5421 - Aleutner (Praes.), Cyriacus
(Resp.): Disputatio de virtvte heroica, Thesis VII. - Schickfvsius (Praes.), Schro-
dervs (Resp.): Disputatio ethica de virtvte heroica et semivirtvtibvs, § IV. - Below
(Praes.), Giese (Resp.): Disputatio moralis. Nonnullas exhibens de Virtute heroica
qvaestiones, Quaestio I., § III. - Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): Ex phi-
losophiâ morali de virtute heroicâ, Thesis 4. - Hillischer (Praes.), Schütze (Resp.):
Disputatio moralis de virtute heroica, § 5.
40

großem Nutzen ist«.70 Es konzentriert sich auch anderen Autoren zufolge


auf schwere Aufgaben, hohe Ehren, große öffentliche Ausgaben und »her-
ausragenden Nutzen für das menschliche Leben«71 und fällt meistens mit
nach außen gewendetem Glanz zusammen. Semantisch zeigt dies die Orien-
tierung auf »fulgor« und »splendor«. Wendeler stellt fest, »daß die Virtus
heroica nichts anderes ist als Gipfel, Krönung, Glanz und höchste Vollen-
dung der übrigen Tilgenden«.72 In einem Lob auf den Venezianischen Dogen
Nicolaus de Ponte schreibt Piccolomini: »an seinem heroischen Beispiel kön-
nen wir die Kräfte der vollkommenen lügend messen; denn nur durch die
Leistung der Tilgend hat er sich, seiner Familie und dem ganzen Vaterland
Nutzen, Ruhm und Glanz erworben.«73
Indikator für die Präsenz der heroischen lügend sind die Taten. Die bloße
Veranlagung fällt keineswegs mit dem Summum bonum zusammen.74 Der
Held wird durch die Gelegenheit zu großen Taten ausgezeichnet. Die For-
tuna legt den Grundstein und öffnet den Weg zum heroischen Glanz, »wenn
sie uns nämlich mit königlicher Würde schmückt, uns mit leuchtenden Tu-
genden ausrüstet und uns verschiedene Gelegenheiten bietet, herrlich zu
handeln; und dann, wenn wir die Aufgaben angemessen erfüllen, werden wir
gewiß im Glanz der heroischen Tilgend erstrahlen.«75 Umgekehrt evoziert
die heroische Tilgend die Rezeptionshaltung der Verehrung und Bewunde-
rung.76 Daß die Virtus heroica nicht ohne eine Wirkungsorientierung gedacht
werden kann (die freilich im Rahmen der Schulethiken in ihren technischen
und problematischen Aspekten völlig unentfaltet bleibt) und demnach Teil
einer Kultur des Erscheinens ist, bildet einen konkreteren Ansatzpunkt für
die Kritik der Aufklärung an diesem Konzept.
70
Crüger: Collegium ethicum, Disputatio XVIII, A l v : »tale quod bonum publicum
respiciat, generique humano magnam afferat commodum.«
71
Jacobus Thomasius (Praes.), Johann Friedrich Starken (Resp.): Exercitatio philoso-
phica prior de heroica virtute, § 19: »Ad priorem [die »classis politica« der Helden]
revocali possunt excellentes artifices in omni genere doctrinarum, qvarum sit illu-
stris in vitâ humanâ utilitas [...]«.
72
Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): Ex philosophiâ morali de virtute heroicâ,
Thesis 7: »Ex qvibus facile intellegitur, qvòd virtus Heroica nihil aliud sit, qvùm
reliqvarum virtutum culmen, apex, splendor & summa perfectio«.
73
Piccolomini: Vniversa philosophia de moribvs, S. 550: »eius heroico exemplo vires
virtutis exactae metili valemus; cum solo virtutis muñere, sibimet, suae familiae, ac
vniuersae patriae vtilitatem, gloriam & splendorem comparauerit«.
74
Vgl. Crüger: Collegium ethicum, Disputatio V., § IV.: »Quia fieri potest, ut is, qui
habitu est instructus, nihil praeclari operetur, sed per totam vitam quasi dormiat.«
Crüger führt in diesem Zusammenhang aus, daß das Summum bonum in nichts
anderem bestehen könne als »in actionibus virtutum«.
75
Piccolomini: Vniversa philosophia de moribvs, S. 544: »Fortuna quoque non leue
momentum afierre potest, cum pro constituendo, tum pro patefaciendo heroica
splendore: dum enim regia dignitate nos ornât, instrumenta illustrium virtutum no-
bis praebet, oportunitatesque varias offert splendide operandi; ac tunc si eius mune-
ribus congruenter vtemur, heroica virtute facile refulgebimus.«
76
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicè delineatus, § 17.
41

Als Überbietungsattitüde, die sich am glanzvollen Erscheinungsbild ori-


entiert, faßt die heroische lügend eine Tendenz zusammen, die manchen
ethischen Systemdarstellungen insgesamt innewohnt. Crtiger scheint auf die-
sen Zusammenhang zu zielen, wenn er die Behandlung der heroischen Til-
gend (die doch nicht in der menschlichen Macht liege) innerhalb der Ethik
mit dem Hinweis begründet, auf diese Weise würden die übrigen Tilgenden
höchst nachdrücklich empfohlen; denn so zeige sich, wie Gott die Tilgenden
kröne.77 In seinem Collegium ethicum erweckt er schon durch den panegyri-
schen Ton bei der Vorstellung von Justitia, Temperantia und Magnanimitas
den Eindruck einer moralischen Höhenlage. Über die Tilgend allgemein, de-
ren Taten überdies stets von Ehre und Ruhm begleitet seien,78 schreibt der
Verfasser im Anschluß an ein ähnlich gehaltenes Piccolomini-Zitat:
Da also nichts würdiger, göttlicher oder mit vorzüglicherem Lob bedacht ist als
eben die lügend, darf man billig nichts mit brennenderem Wunsch erstreben als
sie; und niemand wage, ihren Tempel ohne Hochachtung und Ehrfurcht zu betreten.
Wer ihr huldigt, ziehe sie vielmehr allen Schätzen dieser Welt vor und allem, was
menschliche Arbeit und Mühe in den Künsten und Wissenschaften zustande ge-
bracht haben.79

Die Achtung, auf die die Tilgend allgemein Anspruch erheben darf, ähnelt
der Verehrung und Bewunderung, wie sie speziell der Virtus heroica zu-
stehen. Crüger entnimmt auch Exempla, mit denen er zumal die >höheren<
Tugenden illustriert, der Reihe klassisch gewordener Heroen. So sei nach
dem einmütigen Urteil der Ethiker eigentlicher Gegenstand der Fortitudo
der Kriegstod. »Denn die großen Helden urteilten, daß diese Art des Todes
die weitaus ehrenvollste sei. Ein Bild davon und ein Beispiel bietet Erigyius
bei Curtius.«80 Exemplarisch tugendhaftes Handeln tendiert demnach aus
der Perspektive der aristotelischen Ethiken zu heroischer Größe. Man darf
durchaus annehmen, daß die im Medium der aristotelischen Ethik formulier-
bare Leitidee repräsentativer Tligendgröße zur Attraktivität des Virtus-

77
Crüger: Collegium ethicum, Disputatio XVIII, Α l r : »Ad hunc modum virtutes ipsi
quâm maximè commendantur, intuendo quibus modis virtutes Deus coronet.«
78
Crüger: Collegium ethicum, Disputatio V, § II.: »Haec licet ita sese de Honore habe-
ant, isque S. Bonum minime sit, attamen à S. Bono seu virtutis operatione, nunquam
verus honos & vera gloria abest; sed illud, ut umbra corpus, subinde comitatur.«
Das Summum bonum selbst liege in den tugendhaften Taten (§ IV.).
79
Crüger: Collegium ethicum, Disputatio XI.: »Cum itaque nihil sit dignius aut divi-
nius, vel omni laudis genere praestantius ipsâ virtute, meritò prae illâ nihil quicquam
ardentioribus expeti votis debet, nemoque ingredi ejus templum sine reverentiâ &
veneratione audeat, sed potius omnis ejus cultor universos hujus mundi thesauros
il li postponat, & quicquid humana ope & industriâ inventum est artium & discipli-
narum.«
80
Ebd., Disputatio XII., § II.: »Proprium autem objectum, circa quod fortitudo versa-
tur, esse mortem bellicam, bellè admodum & uno ore Ethici sani fatentur. Tale
namque mortis genus longé honestissimum judicârunt heroes magni. Imaginem hu-
jus sistit exemplumque praebet Erigyius apud Curtium lib. 7. c. 4. p. 120.«
42

heroica-Themas im Zeitalter des Absolutismus nicht unwesentlich beigetra-


gen hat. D a ß sogar zwischen akademischer Abhandlung und Panegyrik eine
Brücke bestand, demonstriert Sellius, der in eine einschlägige Abhandlung
eine d e m Kurfürsten von Brandenburg gewidmete »Ära memorialis« ein-
fügt. 8 1

1.1.3 Virtus infusa, afflatus divinus: Das heroische


Inspirationsmythologem
D e r Definition von Lokervitz zufolge, die Standardelemente der ethischen
Heldendefinition zusammenschließt, ist der Heros

eine von Gott erweckte Person, ausgestattet mit herausragenden Gaben, die das
gemeine Menschengeschick übersteigen. Er verrichtet zum Wohl der Kirche und
des Staats gewissermaßen unter dem Einfluß göttlicher Gewalt mit höchster Stand-
haftigkeit und bewundernswerter Felicitas beschwerliche und schwierige Taten, die
die übrigen Menschen nicht nachahmen können. 82

Wie die Definition zeigt, erscheint der H e l d als A g e n t göttlichen Eingreifens


in der Geschichte. Darüber, daß die »causa efficiens« der Virtus heroica Gott
ist, besteht weitgehendes Einvernehmen. Als »virtus infusa« (von Gott ver-
liehene Tilgend) setzt Jacobus Thomasius sie von den »virtutes acquisitae«
(den aus eigener Kraft erworbenen Tilgenden) ab. 8 3 Für diese Auffassung
findet man bei Aristoteles keinen direkten Anhaltspunkt. D o c h immerhin
etikettiert der Philosoph den heroischen Higendhabitus als »divinus«. Im Ar-
gumentenvorrat des Topos liegt der von Thomasius gezogene Schluß bereit,
daß die heroische Tugend als göttlich verursachte im strengen Sinn ihren
Platz gar nicht in der Ethik habe. 8 4
Ein Locus classicus für die Theorie der »eingegossenen Tilgend« findet
sich in Ciceros Traktat De natura deorum, aus der der Terminus des »Afflatus

81
Sellius (Praes.), Friselius (Resp.): Exercitatio académica de heroibus, § VII. Vgl.
auch - schon im Titel - Schweling (Praes.), Santrock (Resp.): Heroum virtuosa
excellentia qvam hodie, Gallis incassum ringentibus, orbis qvoqve stupet in Fride-
rico, serenissimo ac celsissimo Principe Hassiaco.
82
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicè delineatus, § 6: »Definiri
Heros potest, qvod sit Persona divinitùs excitata, & eminentioribus donis, commu-
nem hominum sortem excedentibus donata, pro Ecclesiae & Reip. Salute actiones
arduas & difficiles, caeterisque hominibus inimitabiles ímpetu qvodam divino, con-
stantiâ summâ & felicitate admirandâ perficiens.«
83
Jacobus Thomasius (Praes.), Starken (Resp.): Exercitatio philosophica prior de he-
roica virtute, § 35: »statuendum est, heroicam virtutem, quatenus heroica est, ex
infusorum habituum genere esse.« Vgl. Lampert (Praes.), Wend (Resp.): Disputatio-
num ethicarum secunda de virtute heroica et intellectualibus, § 17. Eine Ausnahme
bildet Sagittarius (Praes.), Brandenstein (Resp.): De motibvs heroicis, § IX, wo so-
wohl den eingegossenen als auch den erworbenen Tilgenden der heroische Grad
zugestanden wird.
84
Jacobus Thomasius (Praes.), Johann Friedrich Starken (Resp.): Exercitatio philoso-
phica prior de heroica virtute, § 3.
43

divinus« übernommen wird.85 Er beschreibt in den Abhandlungen des


17. Jahrhunderts den Weg zur Erlangung des heroischen Tligendgrads. Auch
Lokervitz beruft sich auf diesen Terminus. Mit einigem Nachdruck trägt
Wendeler die »Afflatus divinus«-Lehre vor:
Den ersten Rang bei der Aneignung dieser lügend spricht sich mit Recht Gott zu.
Wenn er nicht durch seinen Anhauch die heroischen Gemüter erweckt und die
Fähigkeit und die Kräfte vergrößert, die heroische lügend zu erwerben, zu vervoll-
kommnen und auszuüben, dann wird jede Tätigkeit, die sie auf sich nimmt, verge-
bens sein. Und aus diesem Grund hält man diese lügend für mehr göttlich als
menschlich. Denn kein großer Mann ist je ohne einen göttlichen Anhauch hervor-
getreten, wie Cicero [...] bezeugt.86

In der Regel dürften die Autoren die Cicero-Stelle kaum an ihrem Ort ge-
prüft haben, wo sie nicht als Lehrmeinung des Autors erscheint, sondern als
die (anschließend in Frage gestellte) Ansicht des stoischen Kosmologen Bai-
bus. Entsprechend wird nur einem Teil von ihnen klar gewesen sein, in
welches Assoziationsfeld dieser Terminus führt. Höchst selten bleiben Be-
merkungen, die den Hintergrund erhellen. Das Problempotential der Formel
hinterläßt nur geringe Spuren.
Piccolomini verbindet die Vorstellung von der göttlichen Eingebung mit
einer ausgedehnten Erhebungs-(»Elevatio«-)Metaphorik und deutet damit
auf den Inspirationskontext. Wenn Lani den »Afflatus« durch den »Raptus
divinus« ersetzt, das Hingerissensein durch Gott,87 so ist die Frage nach
Fremdsteuerung bzw. kontrolliertem Handeln des Helden aufgeworfen. Die
Virtus heroica-Literatur pflegt im Afflatus-Mythologem eine Erbschaft, in
der eine Bedrohung für Berechenbarkeit und Ordnungskompetenz des Hel-
den angelegt ist. Die Möglichkeit normbrechenden, wenn nicht unkontrol-
lierten Handelns steht einem Zentralelement vieler Heldendefinitionen sehr
nahe.
Allgemeiner ist dieser Umstand in eine Grundtendenz vieler »Virtus he-
roica«-Definitionen eingebettet, die im Rückgriff auf Lokvervitz' Formulie-
rungen deutlich werden. »Felicitas« bezeichnet dort nicht die Abhängigkeit

85
Cicero: De natura deorum. Über das Wesen der Götter, S. 274/275.
86
Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): Ex philosophiâ morali de virtute heroicä,
Thesis 5.: »Primas enim in hujus virtutis acquisitione meritò sibi tribuit Deus, qvi
nisi afflatu suo heroicos ánimos excitaverit, & facultatem ac vires acqvirendi, exco-
lendi exercendique eam elargitus fuerit, frustranea erit omnis agitatio de eâ sus-
cepta. Atqve hanc ob causam virtus haec magis divina, qvàm humana censetur.
Nemo enim vir magnus, sine afflatu divino, unqvam exstitit, teste Cicerone lib.2.de
natura Deorum.« Für weitere Belege zur Verwendung der »afflatus divinus«-Formel
vgl. u.a.: Lokervitz (Praes.), Steinkopff: Heros philosophicè delineatus, § 7. - Below
(Praes.), Giese (Resp.): Disputatio moralis. Nonnullas exhibens de virtute heroica
qvaestiones, Qvaestio 1, § 4.
87
Lani (Praes.), Schmidt (Resp.): Specimen academicum, de virtute heroica, § 4.
44

vom blinden Schicksal, sondern »dauerhaftes Glück«.88 Zur »Felicitas« kann


der besondere »Successus« des Heros hinzutreten. Unter dem Vorzeichen
von »Felicitas« und »Successus« setzt der Held den Willkürfaktor der For-
tuna außer Kraft. Diese besondere Gabe bezieht sich in Lokervitz' Defini-
tion aber nur auf persönliche Handlungserfolge, nicht auf Herrschafts- oder
Staatsinstitutionen. Ohnehin sind es lediglich vereinzelte Fälle, in denen die
Konfrontation des Helden mit der Fortuna ausdrücklich zur Sprache kommt.
Ein Grund dafür, daß die Abhandlungen diesen Gesichtspunkt nicht aus-
bauen, mag darin zu suchen sein, daß politische Praxis und historische Kon-
tingenz außerhalb ihres Blickfeldes liegen. In Politiken, Romanen etc., in
denen letztere in den Mittelpunkt rückt, verschieben sich die Schwerpunkte.
In der Festlegung auf die durch Gott autorisierte Bewältigung von Krisen-
situationen im allgemeinen Interesse unterstützen viele Autoren Lokervitz'
Definition.89 Abgesehen von generellen Hinweisen auf bekannte Exempla
(Herkules, Alexander, Cäsar, Gustav Adolf etc.) wird dieser Aspekt aber
weder historisch noch politisch konkretisiert. Speziell das Verhältnis von he-
roischem Individuum und Staat bleibt deshalb ungeklärt. Auch Wendelers
Formulierung, die Taten des Heros seien »regnorum stabilimenta«,90 oder
Sellius' Bemerkung, zur Regierung der Staaten bedürfe es solcher Veranla-
gungen, die über das gemeine menschliche Los hinausragen,91 bestätigen
zwar die Rolle des Fürsten, lassen aber die Frage nach den Modalitäten einer
Integration des Heros in das Staatsganze offen. Im Mittelpunkt dieser Hel-
dendefinition steht demnach erfolgsbestimmtes Tügendhandeln. Zwar ist die
Virtus heroica auf das Gemeinwohl ausgerichtet; gleichwohl erweist sie sich,
insgesamt gesehen, nicht als staatsbezogenes Ordnungs-, sondern als indivi-
dualethisches Handlungsprogramm.
Ich kehre zum »Afflatus«-Problem zurück. Timpler, Lokervitz und Schultze
treffen Vorkehrungen, die es erlauben, die Formel zugleich festzuhalten und
so zu entschärfen, daß die Virtus heroica als Habitus erhalten bleibt, indem
sie als stabilisierendes Korrektiv vermittelnde Ursachen der heroischen Til-
gend ins Spiel bringen. Dabei wendet sich Lokervitz ausdrücklich gegen den
Begriff des »raptus«: Unter dem besonderen Anhauch und der Führung Got-
tes »verstehen wir nicht ein unmittelbares und gewaltsames Hingerissensein
und einen schlechthin fanatischen Anhauch, sondern wir verlangen einen
geregelten und besonnenen, der auch auf Zweitursachen zurückgeht«.92

88
Gunermann: Nachwort, in: Cicero: De officiis. Vom pflichtgemäßen Handeln,
S. 435.
89
Beispiele: Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): De virtute heroicâ, § 50. -
Lani (Praes.), Schmidt (Resp.): Specimen academicum, de virtute heroica, § 7. -
Timpler: Philosophiae practicae systema methodicum pars prima, S. 380f.
90
Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): De virtute heroicâ, § 79.
91
Sellius (Praes.), Friselius (Resp.): Exercitatio académica de heroibus, Thesis V.
92
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicé delineatus, § 8: »Dum
vero Heroum Causam Principalem Deum ejusque singularem afflatum atque
45

Timpler zählt zu den »causae secundae« besondere körperliche Veranlagung,


besonderen natürlichen Drang, erstklassige Erziehung, brennende Begierde
nach Ansehen und Annäherung an Gott sowie die häufige Wiederholung
heroischer Taten. 93
Ein Beispiel für den Verzicht auf die »Afflatus divinus«-Formel im politi-
schen Zusammenhang findet man bei Giovanni Botero. Der Verfasser lehnt
sich in seiner Charakterisierung Alexanders des Großen durchaus an Hel-
dendefinitionen an, die in der »Virtus heroica«-Literatur weitergegeben wer-
den. Die unwillkürliche Inspiration wird jedoch durch die Kontrollkompe-
tenz des Helden abgelöst:
Dann in dem er sich erzeiget/ das auch in wichtigsten und schweresten Sachen er
seine eigene Sinne/ ja sich selbet vberwunden/ so gewinnt er das ansehen/ als ob er
die Menschliche art uberschritten/ vnd sich zu der Göttlichen Natur vortreffligkeit
sehr viel genahet habe.94

Solche Hinweise lassen das Wissen durchscheinen, daß der »Afflatus divi-
nus« als Inspirations- und Melancholiephänomen die Verläßlichkeit des Hel-
den in ein zweifelhaftes Licht tauchen konnte. Weitere Indizien für das ord-
nungssprengende Potential der Topik findet man in den Ausführungen über
Niedergang und Tod der Helden. Für ihr oft unseliges Ende - als Beispiele
bieten sich »Samson, David, Ezechias, Josias, Hercules, Alexander, atque alii
plures« an 95 - wird eine Reihe disparater Ursachen verantwortlich gemacht,
darunter etwa der Neid der Mißgünstigen, der ein treuer Begleiter der Til-
gend sei. 96 Gleichzeitig führen die Autoren als »innere Gründe« die affekt-
psychologische Unzuverlässigkeit des Helden an - »die heftigeren Gemüts-
bewegungen, die oft dazu führen, daß große Männer sich weniger mäßigen
können.« 97 Bei großen Kriegstaten sei es schwierig, das Mittelmaß einzuhal-
ten, denn entweder würfen sich die Heroen selbst wegen ihrer heftigen Ge-

ductum allegamus, non raptum immediatum ac violentimi afflatumque simpliciter


fanaticum intelligimus, sed reqvirimus afflatum ordinarium ac immediatum, respi-
cientem etiam Causas minus principales s. secundarias«. Fast wörtlich identisch:
Schultze (Praes.), Schubart (Resp.): De virtute heroica, Qvaestio V., der sich auf
Rudrauff beruft.
93 Timpler: Philosophiae practicae systema methodicum pars prima, S. 3781 Vgl. auch
Sellius (Praes.), Friselius (Resp.): Exercitatio académica de heroibus, Thesis I V -
VI.
94 Botero: Spiegel hoher fürstlicher Personen (1603), S. 60.
95 Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): E x philosophiâ morali de virtute heroica,
§ 91, Qvaestio 23.
96 Lani (Praes.), Tobias Schmidt (Resp.): Specimen academicum, de virtute heroica,
Thesis 5, § 3.
97 Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): Ex philosophiâ morali de virtute heroicâ,
§ 91, Qvaestio 23: »Impetus animorum vehementiores, qvi saepè faciunt, ut magni
viri sibi minùs temperare possint.« Vgl. auch Hillischer (Praes.), Schütze (Resp.):
Disputatio moralis de virtute heroica, § XIV; Stamm (Praes.), Scultetus (Resp.):
Disputatio de virtute heroica, Qvaestio X.
46

miitsbewegungen zu früh den Feinden entgegen, oder sie würden in der


Hitze umgebracht.98 Den Helden wird neben ihren Tugenden sogar eine Nei-
gung zu Lastern nachgesagt. So seien sie - unter anderem wegen ihrer be-
sonderen körperlichen und geistigen Konstitution - in hohem Maß dem Es-
sen, dem Trunk und der Liebe ergeben." Lokervitz bringt diese Seite des
Heroischen mit dem Ikarus-Motiv in Zusammenhang, das dem Inspirations-
und Elevationsgedanken nahesteht: »Nicht wenig trägt die den Helden ei-
gene Kühnheit dazu bei, durch die sie ihren Kräften zu sehr vertrauen, und,
emporgetragen durch ihren glücklichen Erfolg in großen Unternehmungen,
nicht selten noch größeres zu versuchen und mit Ikarus ihren eigenen tragi-
schen Untergang herbeizuführen pflegten.«100 Unübersehbar wird die Ver-
wandtschaft zwischen dem Inspirations- und dem Dekadenzmotiv bei Raben,
der im Zusammenhang mit seinen Ausführungen über die Feritas die Anfäl-
ligkeit der Helden für Krankheit und Raserei erwähnt, diese Affinität mit
dem Hinweis auf das 30. Buch der pseudoaristotelischen Problemata stützt
und sie mit Herakles, Ajax, Bellerophon und anderen, dort nicht genannten
Exempla illustriert.101
Da der schmähliche Untergang der Helden auch als Strafe Gottes gedeu-
tet bzw. auf seinen unerforschlichen Ratschluß zurückgeführt wird,102 eröff-
net sich die Möglichkeit, ihn in einen theologischen Rahmen zu stellen. Da-
von bleibt unberührt, daß der unter göttlichem Anhauch und mit großer
»Vehemenz« der Affekte agierende Held eine politisch problematische Er-
scheinung wird, sowie man sein Profil auf die Anforderungen des entstehen-
den modernen Staats bezieht. In Adam Contzens Methodus doctrinae civilis
beruft sich die Hauptfigur Abissinus auf die »innerliche[...] Gewalt«, die
»mich in meinem Vorhaben stärcket«: »ich befinde/ daß GOtt! der Allmächt-
ige/ mit übernatürlichem Trost und Erquickung mein Gemüt regiere und
führe«. Dagegen deutet der Einwand der Geistlichkeit »er solte sein einge-
bilde Vermessenheit GOtt nicht zuschreiben«, das Eingebungstheorem als
Vorspiegelung der ungezügelten Affekte. 103 - Ist jedenfalls in den Abhand-

98
Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): Ex philosophiâ morali de virtute heroicâ,
§ 94, Qvaestio 24.
99
Below (Praes.), Giese (Resp.): Disputatio moralis. Nonnullas exhibens de virtute
heroica qvaestiones, Qvaestio 5. - Vgl. auch Lani (Praes.), Tobias Schmidt (Resp.):
Specimen academician, de virtute heroica, Thesis V, § 2.
100
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicè delineatus, § 18: »Nec
parum hue facit propria Heroum audacia, qvâ nimium confisi suis viribus, & elati
prospero in altis rebus successu, non raró viribus, majora tentare & cum Icaro sibi
ipsis tragicum accersere exitum consveverunt.«
101
Raben (Praes.), Lefler (Resp.): Disputatio politica de virtute heroica, S. 47f.
102
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philocophicè delineatus, § 18. Die
Strafe Gottes für die moralischen Vergehungen der Helden, die auf ihre »vehemen-
tiores naturae impetus« zurückgehen, kann nicht nur die Helden selbst, sondern
auch noch ihre Kinder treffen (§ 19).
103
Contzen: Methodus doctrinae civilis, S. 122.
47

lungen zur Virtus heroica auf der einen Seite der Held gemäß der an Aristo-
teles angelehnten Tbgendlehre als unübertroffener Meister der Affektmode-
ration definiert, so kann er auf der anderen am Rand eines Verlusts der
Selbstkontrolle erscheinen. Der Topos »Virtus heroica« umfaßt das Heroi-
sche gleichermaßen als übermenschliche Tügendgröße wie auch als Überfor-
derung.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum sich die »Afflatus«-
Formel dennoch in der »Virtus heroica«-Literatur behaupten kann. Bei Jaco-
bus Thomasius setzt sie sich - freilich nicht im Zusammenhang mit der Frage
der Ordnungskompetenz - sogar gegen Einwände gegen das zugrundelie-
gende Mythologem durch, die man schon den antiken Autoritäten entneh-
men konnte. Der Verfasser verweist ohne wertenden Kommentar auf das
30. Buch der pseudoaristotelischen Problemata, wo der Philosoph im melan-
cholischen Temperament für die Inspiration eine natürliche Ursache gesucht
habe. Thomasius selbst hält gleichwohl an der Formel fest und verzichtet in
seinem Versuch, »christlich von der heroischen Tugend zu philosophieren«,
darauf, das »Problem« auf sie zu beziehen.104 Neben der Stabilität des to-
pisch versammelten Materials, die durch äußere Anforderungen nur schwer
zu erschüttern war, dürfte hier das Interesse an einer konkreten Vorstellung
vom göttlichen Mandat des Helden eine Rolle spielen. Dieses Ingrediens
des Virtus heroica-Topos blieb jedenfalls das ganze 17. Jahrhundert hindurch
greifbar, konnte allerdings erst zum treibenden Moment eines neuen Grö-
ßenideals werden, als nicht mehr die übergreifende (staatliche) Ordnung,
sondern das Individuum in den Mittelpunkt heroischer Konzepte rückte. In
diesem Sinn wird es von Shaftesbury aufgegriffen.
Auch innerhalb der »Virtus heroica«-Literatur können aber der »Afflatus
divinus« oder sogar das Heroische als eigenständige Higendkategorie dort
fehlen, wo ethische Lehren sich politischen Verhaltensanforderungen annä-
hern. Nur kursorisch sei auf Eicheln verwiesen, bei dem die Virtus heroica
sich in Richtung auf eine Fürstentugend entwickelt. Von den hier zugrunde-
gelegten Autoren ist Eicheln der einzige, der einen Ausbau des Systems der
Higendgrade in Richtung auf eine (berufs-)ständisch differenzierte Skala an-
deutet und damit die Graduierung auf die soziale Hierarchie bezieht.105 Die
Bestimmung der Virtus heroica als Fürstentugend wird deutlich, wo Eicheln

104
Jacobus Thomasius (Praes.), Starken (Resp.): Exercitatio philosophica prior de he-
roica virtute, § 9; 19. Das Zitat ebd., § 10: »Sed quaecunqve fuerit ejus opinio, nos
jam hinc incipiemus christianè de virtute heroicâ [...] philosophai!.« Weber: Im
Kampf mit Saturn, S. 181, Anm. 73, weist darauf hin, daß das >Problem< »in der
sozialphilosophisch-politischen Literatur des 16./17. Jahrhunderts nur sehr selten zi-
tiert« wird. Allgemein zur »Melancholie in Gesellschaft und Politik« in der frühen
Neuzeit ebd., S. 181-189.
105
Eicheln (Praes.), Morgenstern (Resp.): Exercitatio moralis de heroibvs eorvmqve
virtvte, § 19 (b): »Gradus enim permultos esse Virtutum, neque in omnibus eosdem
nemo ignorare potest. Servis enim, pueris, adolescentibus, faeminis, subditis, opifici-
48

zur politischen Verträglichkeit des Helden Stellung nimmt. Dort wendet er


das Stereotyp, demzufolge der Held sich schwer mit der Staatsform der D e -
mokratie vereinbaren lasse, unter Berufung auf Aristoteles zugunsten der
heldenfreundlichen Monarchie. In ihr als der besten Staatsform sollte allein
dem Helden die höchste Macht anvertraut werden. 1 0 6 Affekttheoretisch ver-
zichtet der Verfasser auf die »Afflatus divinus«-Formel, erwähnt den Begriff
der »Virtus infusa« nur als Meinung vieler Theologen, argumentiert gegen
»Insania« und »Furor« und nähert die Temperantia einer kompletten Affekt-
abstinenz bis hin zum Statuarischen an. 1 0 7
Schneidet demnach Eicheln den Topos auf den Fürsten zu, so transformiert
Johann Heinrich B o e d e r noch durchgreifender das traditionelle ethische Dis-
positionsschema. Zwar erklärt er seinen Libellus memorialis ethicvs (1674)
zum allgemeinen Teil der praktischen Philosophie. 1 0 8 Tatsächlich liegt aber das
Gewicht auf der Politik, der die Ethik als »Erinnerungsbüchlein« angehängt
ist. Innerhalb von Boeclers Konzept scheint letztere bis zu einem gewissen
Grad ihre Eigenständigkeit einzubüßen. D e r Autor orientiert sich am aristote-
lischen Tügendkatalog (moralische und dianoetische Tugenden) wie auch an
der Bestimmung der l ü g e n d e n als Mittelwerte zwischen den Exzeß- und D e -
fektlastern. Im Gegensatz zur Schultradition verzichtet er aber am Schluß sei-
nes Werks ausdrücklich auf eine Behandlung der Virtus heroica:
Aristoteles hat danach die Virtus heroica und die Continentia behandelt. Aber weil
die Virtus heroica nichts anderes ist als jede beliebige Tugend in höchster Vollen-
dung, so wie die Feritas ein ungeheures und bestialisches Laster ist, und weil die
Continentia oben mit der Temperantia in Zusammenhang gebracht wurde, braucht
nichts hinzugefügt zu werden. 109

bus, gregarijs, militibus, Magistratibus, Regibus & Principibus attribuimus virtutes;


sed profecto non easdem«.
106
Eicheln (Praes.), Morgenstern (Resp.): Exercitatio moralis de heroibvs eorvmqve
virtvte, § 34: »Adeoque Aristoteles velie videtur, ejusmodi hominem non esse tole-
randum ne & alijs inferat injuriam, neque ipsi ab alijs fiat. Verùm simpliciter ex
omni statu eum exterminandum non vult, sed saltim corruptis & depravatis, quales
sunt Tyrannides, Oligarchiae, Democratiae, Politiae & Aristocratiae illae impurio-
res. In optimâ vero Republ. tolerandum non tantum credit, sed eidem soli fasces
submittendas, adeoque summam rei committendam esse, diserté profitetur.«
107
Eicheln (Praes.), Morgenstern (Resp.): Exercitatio moralis de heroibvs eorvmqve
virtvte. Zur »virtus infusa«, die der Verfasser nicht ausdrücklich kritisiert, der er
aber wohl eher ablehnend gegenübersteht: § 31; zu Insania und Furor: § 25 (im
Zusammenhang der Ausführungen über die Fortitudo); zur Temperantia § 23: »Qui
vero ita eas [voluptates] domat & comprimit, ut ferè abstinentia illa in hominem
cadere non videatur, ille dicitur Heroicâ temperantiâ praeditus.« Ebd.: »Comitem
huic [Scipio] adjungimus Xenocratem Philosophum, de quo Phryne impudica mu-
lier dixit, eum non hominem, sed statuam esse« (nach Valerius Maximus).
108
Boeder: Institutiones Politicae, S. 493: »Philosophiam practicam siue Actiuam, Ari-
stoteles plerumque Politices nomine absoluit; vt Ethica ciuilis doctrinae pars com-
munior & generalior; Oeconomica & Politica, singulariter sic dicta, speciales partes
intelligantur.«
109
Boeder: Institutiones Politicae, S. 546: »Egit posthaec Aristoteles de Heroica vir-
49

Die formale Begründung, derzufolge die Virtus heroica als unspezifische


Überbietungstugend keiner eigenen Darstellung bedürfe, legt die Vermutung
nahe, daß Boeder sich an dieser Stelle von den Obligationen der philosophi-
schen Schultradition lösen möchte. Damit stimmt überein, daß er in anderem
Zusammenhang die Tradierung abstrakter Lehrsätze im Zuständigkeitsbe-
reich der Prudentia für unzureichend erklärt und die Historia als erfahrungs-
bezogenes Korrektiv preist.110 Boeder zieht auch die aristotelische Ethik in
den Zusammenhang einer anwendungsorientierten (auch stoisch inspirier-
ten) politischen Lehre hinein.
Doch geht mit dem Verzicht auf die heroische Tilgend nicht zugleich eine
Abwendung von der heroischen Größe einher. Denn während Boeder die
heroische Tugend als eigenständiges Kapitel des ethischen Lehrprogramms
streicht, erscheint das Heroische wie in anderen Ethiken als allgemeines Leit-
bild der Tilgenden. Dies gilt für die »heroica fortitudo« ebenso wie für die
»heroica castitas« (als Spezialfall der Temperantia),111 vor allem jedoch für
die auf den Gegenstand der Ehre (honor) gerichtete Magnanimitas. Diese
besetzt als universale Größenkategorie die bisherige Position der Virtus he-
roica: »Die Seelengröße wird also wohl an Dingen sichtbar, die Ehre und
Schande betreffen. Gleichwohl sucht ein Magnanimus sich in allen übrigen
Tilgenden hervorzutun.«112 Die Realisierung der Magnanimitas in den Ein-
zeltugenden führt Boeder für Fortitudo, Temperantia, Liberalitas, Iustitia,
Mansuetudo und Veritas aus.
Schon weil der Verfasser die Virtus heroica nicht in seinen Higendkanon
aufnimmt, bleibt auch kein Platz für die besondere göttliche Einwirkung und
den Afflatus divinus. Das Inspirationsmythologem entfällt im Libellus me-
morialis ethicvs gänzlich. An die Stelle der staunenerregenden Taten, wie sie
von der Virtus heroica verlangt werden, rückt mit der Magnanimitas die Re-
gie der genau kontrollierten gravitätischen Erscheinung. Den Platz des hand-
lungsorientierten Überbietungshabitus nimmt jetzt die gesellschaftlich und
politisch strategische Kompetenz des Hofmanns ein, deren Wirkungsmäch-
tigkeit sich hinter dem Understatement verbirgt: »Unter den Großen zeigt
er sich groß, den übrigen höflich und gewogen, damit er niemanden zu ver-

tute & continentia. sed quia Virtus Heroica nihil aliud est, quam virtus vnaquaeque
in summo fastigio; sicut feritas est Vitium immane & belluinum; & continentia ad
temperantiam supra relata fuit, nihil opus est addere.«
110
Boeder: Historia schola principum, in: Ders., Historia universalis, S. 20: »Sapientis
est, ni fallor, suum unicuique rei pretium ponere: neque, quia tantum non habet,
nullum concedere. Quare praeceptis nequaquam suum (de quo alibi) sed praeci-
puum locum hic negamus.«
111
Boecler: Institutiones Politicae, S. 515; 521.
112
Boecler: Institutiones Politicae, S. 527: »Circa honorem ergo & probra inprimis
cerni creditur animi magnitudo. Quanquam in omnium reliquarum virtutum mate-
ria praestare studet, qui magno animo est.«
50

achten scheint.«113 Der Magnanimus bringt die eigene Größe in kalkulierter


Reduktion zur Wirkung:
Von sich selbst spricht er weder viel noch oft, um nicht als Verächter oder Lobred-
ner der eigenen Person zu erscheinen. Aber auch über andere macht er nicht viele
Worte: denn es ist nicht seine Art, unbedacht zu loben oder zu tadeln. Vor allem
aber bewundert man ihn oder schmeichelt ihm nicht auf den ersten Bück.114

Dem Träger der heroischen Tilgend ist in der Tatorientierung, dem Inspira-
tionsmythologem und der Doppelgesichtigkeit von Elevatio und Dekadenz
ein ordnungssprengendes Potential eigen, das aber nicht immer als solches
hervortritt. Dagegen steht Boeclers Magnanimus geradezu für die politische
und affektive Ordnung ein, indem er kontrollierte und gezügelte Selbstinsze-
nierung zum Gegenstand eines heroischen Größenbildes macht. Im Ver-
gleich mit der Virtus heroica vollzieht er im Prinzip dieselbe Wendung, die
auch schon Boteros Kritik am strategisch schwachen Tathelden Alexander
zugrundeliegt.115

1.1.4 Die Virtus heroica als systematischer Zusammenhang?

In der Lehre von der Virtus heroica liegt eine Größenprogrammatik vor, die,
wie wir sahen, in ihren systematisierenden und auf überragende Größe und
Tügendpräsentation orientierten Zügen den Legitimations- und Darstel-
lungsbedürfnissen einer Repräsentationskultur durchaus nicht fernstand.
Faßt man jedoch die Abhandlungen zur heroischen Tilgend in ihrer Masse
ins Auge, so zeigt sich, daß gleichzeitig die programmatischen Aspekte vom
Ordnungsinteresse aufgesogen und bis zu einem gewissen Grad entmächtigt
werden. Auch wenn kontrovers diskutierte Argumente schon auf eine Vorge-
schichte zurückblicken116 - die Sondermerkmale der einzelnen Arbeiten ge-
hen im Kontext der akademischen Schriften des 17. Jahrhunderts letztlich
auf den spezifischen dispositionellen Freiraum zurück, den das Verfahren
den Autoren gewährt. Er betrifft zunächst die Ausführlichkeit der Darstel-
lung, die Auswahl des invertierten Materials (speziell der Exempla) und die
Anordnung der einzelnen Gegenstände und Argumente bis hin zu ihrer Prä-

113
Boeder: Institutiones Politicae, S. 529: »Inter magnos magnum se praebet; reliquis
humanuni & aequum; ne quem contemnere videatur.«
114
Boeder: Institutiones Politicae, S. 529: »De se non multum, nec saepe loquitur; ne
vel detrectator sui, vel laudator videatur. Sed nec de aliis multus illi sermo: quos
nec laudare temere, nec vituperare sustinet. Minime autem statim admiratur, aut
adulatur.« Vgl. auch ebd.: »Incessus ei & sermo grauis« (mit Bezug auf Lipsius'
»Politica«).
115
Botero: Von Vortrefflichkeit der Feld-Obersten bey den Alten, in: Spiegel hoher
fürstlicher Personen (1602), S. 103-108.
116
Dazu Saarinen: Virtus heroica.
51

sentation in Kapiteln, »Partes«, Sektionen, Paragraphen und »Quaestio-


nes«, 117 darüber hinaus aber auch die Thesenbildung.
Die Systematisierungsbemühungen lösen sich dabei so vom Gegenstand
ab, daß jedes über Einzeltexte hinausgehende Inhaltsreferat problematisch
wird. Nur auf den ersten Blick scheint es, als könne man aus der Vielzahl
der in hohem Maß repetitiven Publikationen ein geschlossenes Lehrgebäude
extrahieren. Tatsächlich wird von Fall zu Fall fast jeder Einzelposition auch
widersprochen. Die soeben skizzierten Hauptlinien treffen deshalb durchaus
nicht immer zu. Der scheinbar stabile doktrinale Rahmen löst sich im Detail
in eine Folge von arbiträr entscheidbaren Fragen auf. So erweist sich der
Topos »De virtute heroica« als ein Bausatz, aus dessen Elementen unter-
schiedliche und in Einzelpunkten einander widersprechende Muster zusam-
mengesetzt werden können. Ich gebe einige Beispiele. Im Zusammenhang
mit der Frage, welche Tilgenden zu heroischer Perfektion gesteigert werden
können, liefern einige Abhandlungen Ansätze zu einer Higendhierarchie.
Zwar, so befindet Wendeler, gebe es jede Tilgend in überragendem Maß,
doch nenne man vorzüglich diejenigen heroisch, deren »Schwierigkeit,
Glanz, Würde und Notwendigkeit« besonders groß seien, nämlich
Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung und Milde. Der Wahrhaftigkeit, Leutseligkeit
und Höflichkeit können wir kaum diesen Titel einräumen. Großherzigkeit und
Großartigkeit hingegen sind zwar oft heroische lügenden, doch nicht immer, denn
nicht selten wird man durch ihren Glanz getäuscht.118

Ohne diese Einschränkung rechnet Below zu den Arten der heroischen l ü -


gend vor allem »die heroische Tapferkeit, die heroische Mäßigung, die heroi-
sche Freigebigkeit, die heroische Großartigkeit, die heroische Großherzig-
keit und die heroische Gerechtigkeit.« 119 Hingegen liest man bei Raben:

117
Während etwa Barthold Müller (Praes.), Peter Schermbeccius (Resp.): Collegii
ethici disputatio decima de virtute heroica, die Frage des Heroismus bei Frauen
und Knaben als Unterpunkt der Frage »subjectum quod« behandeln, erscheint sie
in anderen Texten als selbständiges »Theorema« (Johann Ulrich Pregitzer [Praes.];
Johann Michael Schaller [Resp.]: Excitatio ethica de virtute heroica, Theorema
VIII.) oder als zusätzliche »Quaestio« (Georg Lani [Praes.], Tobias Schmidt [Resp.]:
Specimen academicum de virtute heroica, Qvaestio II.) Zum Thema Wiedemann:
>Dispositio< und dichterische Freiheit im Barock.
118
Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): Ex philosophiâ morali de virtute heroicâ,
§ 28: »Omnium qvidem virtutum potest esse qvaedam eminentia; sed tarnen illae
potissimùm heroicae dicuntur qvarum major difficultas, splendor, dignitas & néces-
sitas: uti sunt justitia fortitudo, temperantia & mansvetudo. Veracitati, comitati &
urbanitati id nominis tribuere vix possumus. Magnanimitas verò & magnificentia
saepè qvidem sunt virtutes heroicae, non tarnen semper, cùm harum splendore haud
raro destituantur.«
119
Below (Praes.), Giese (Resp.): Disputatio moralis nonnullas exhibens de virtute
heroica qvaestiones, Quaestio 1, § 5: »[...] inter species virtutis Heroicae Heroica
fortitudo, Heroica temperantia, Heroica liberalitas, Heroica magnificentia, Heroica
magnanimitas, & Heroica Justitia eminere videntur.«
52

»Dennoch können wir leicht einräumen, daß die heroische Tilgend nicht in
allen moralischen Tilgenden gleich erglänzt, sondern mehr und vor anderen
in der Tapferkeit und der Großherzigkeit; ja, bekennen wir, daß sie am ein-
drucksvollsten an der Tapferkeit ins Auge fällt.«120 Spektakuläre Unter-
schiede sind nicht zu erkennen, doch führen die Abweichungen dazu, daß
die Lehre von der heroischen lügend auch innerhalb einer Schultradition
nicht den Charakter einer einvernehmlich akzeptierten Überzeugung anneh-
men kann.
Ein ähnliches Ergebnis zeitigt die verzweigte Diskussion über die Frage,
ob es auch die intellektuellen lügenden zu heroischer Vollkommenheit brin-
gen können. Ein Teil der Abhandlungen bekennt sich, oft im Anschluß an
Piccolomini, zu der Ansicht, daß den dianoetischen Tilgenden diese Möglich-
keit verwehrt bleibe,121 eine andere Fraktion läßt die Heldengröße auch für
eine kontemplative Haltung zu.122 Beide Parteien schöpfen ihre Beweisfüh-
rungen aus demselben Vorrat an Argumenten und Exempla und wiederholen
sich deshalb unentwegt; dennoch können sie aus diesem Material unverein-
bare Lehren konstruieren. Nicht einmal die von Michael Wendeler verfaßten
bzw. unter seinem Vorsitz disputierten Thesen ergeben ein einheitliches Bild.
Der Wittenberger Professor schließt in seiner praktischen Philosophie ebenso
wie in einer von Rinckhammer verteidigten Dissertation, »daß die heroische
Größe sich nicht nur auf die moralischen, sondern auch auf die intellektuel-
len Tilgenden erstreckt.«123 Dagegen befinden die unter Wendelers Leitung
von Parpardus vertretenen Thesen: »Es gibt den herausragenden Grad auch
der intellektuellen Tilgenden, aber nur im Sinn einer gewissen Analogie.«
Allein der Glanz der moralischen Tilgenden heiße im eigentlichen Sinn hero-
isch.124
Mit einem gewissen Recht ließe sich die Serie der Dissertationen und
Abhandlungen zur heroischen Tilgend als Beispiel selbstgenügsamer akade-

120
Raben (Praes.), Lefler (Resp.): De virtute heroica, S. 40: »Nihilominus tarnen VIR-
TUTEM HEROICAM non aequaliter in omnibus virtutibus moralibus, sed ma-
gis & prae aliis in FORTITUDINE atque MAGNANIMITATE refulgere facilè con-
cedimus; imo quàm maximè in Fortitudine conspicuam esse fatendum est.«
121
Piccolomini: Vniversa philosophia de moribvs, S. 535-537; Raben (Praes.), Lefler
(Resp.): Disputatio politica de virtute heroica, S. 41-44; Thilo (Praes.), Malluvius
(Resp.): Exercitatio académica de virtute heroica, § Vf.; Pregitzer (Praes.), Schaller
(Resp.): Exercitatio ethica de virtute heroica, S. 4.
122
Lokervitz (Praes.), Steinkopff (Resp.): Heros philosophicè delineatus, § 16; Rechen-
berg (Praes.), Starck (Resp.): Simson heros, § 19.
123
Wendeler: Practica philosophia, S. 471: »Igitur hinc rectè concludimus, heroicam
eminentiam non modo ad morales, sed etiam ad intellectuales virtutes pertinere.«
Wendeler (Praes.), Rinckhammer (Resp.): Ex philosophiâ morali de virtute heroicâ,
§31-39.
124
Wendeler (Praes.), Parpardus (Resp.): Theses morales de virtute heroica, § VII:
»Eminentia quoque virtutum intellectualium datur sed tantum per quandam analo-
giam.«
53

mischer Schulübungen betrachten. Umgekehrt sei nicht bezweifelt, daß man-


che Varianten auf konfessionelle oder politische Voreinstellungen zurückver-
weisen mögen. Gleichwohl bekommen schulinterne Polyphonie und relative
Arbitrarität der Lösungen für die Problematik heroischer Größe im 17. Jahr-
hundert einen Signalwert. Die Verlagerung des Hauptinteresses vom Ge-
genstand auf seine systematische Disposition läßt erkennen, daß nur von
letzterer verbindliche Aussagen erwartet werden. Aus der Perspektive der
Abhandlungen steht nicht das Heroische im Zentrum, sondern das Ord-
nungsinteresse. Die Vielzahl auf unüberschaubare Weise formal voneinander
abweichender Meinungen mindert auf der einen Seite die Überzeugungs-
kraft der unendlich variierbaren Systeme und verhindert auf der anderen
eine metaphysisch verbindliche Wesensbestimmung der heroischen Til-
gend.125 Die Rahmenbedingungen, die durch die aristotelische Ethik gesetzt
sind, tendieren dazu, sich in bloßes Material der Ordnungsbemühungen zu
verwandeln. Damit wird die Virtus heroica zum verfügbaren Stoff. Es erüb-
rigt sich, weitere Beispiele vorzuführen - etwa die in fast jedem Fall disku-
tierte und auf eine Bemerkung bei Thomas von Aquin zurückgehende Frage,
ob die heroische sich als überbietende lügend »specie« oder »gradu« von
den übrigen Tilgenden unterscheide.126
Ohne daß schulintern bereits Zweifel an der Lehre von der Virtus heroica
etwa in ihren mythologischen Aspekten erlaubt wären, dokumentiert die
Masse der unvereinbaren Abhandlungen eine erhebliche Distanz zu ihrem
Gegenstand. Dieser erscheint nicht als unmittelbar gegeben, sondern muß
erst hergestellt oder doch gesichert werden. Deshalb kann ein zusammenfas-
sendes Inhaltsreferat zwar zu einer Aufzählung geläufiger Argumente und
Exempla des Topos gelangen, wird aber die Abhandlungen selbst in ihrer
Problemstellung verfehlen. Die denkbare Zweifelsfrage, mit welchen Mitteln
man in dieser Situation die Glaubwürdigkeit der heroischen Tilgend bewah-
ren könne, stellt sich den Autoren offenbar deshalb nicht, weil der schulphi-
losophischen Ethik ein thematisch, methodisch und institutionell stabiler
Rahmen gesetzt ist, der das System vor den Zumutungen der Praxis schützt.

125
Zum Problem allgemein Schmidt-Biggemann: Topica universalis, S. XV f.
126
Einige Nachweise - für eine besondere heroische Tugendspezies: Thomas von
Aquin: Summe der Theologie, Bd. 2, S. 328; Timpler: Philosophiae practicae sy-
stema methodicvm, S. 377f. Für einen besonderen heroischen Tugendgrad: Wende-
ler: Practica philosophia, S. 471£; Schelgwig (Praes.), Esser (Resp.): Dissertatio ex
philosophia morali, de virtute heroicâ, § XIV; Müller (Praes.), Schermbeccius
(Resp.): Collegii ethici disputatio decima de virtvte heroica, § 12; Pregitzer (Praes.),
Schalter (Resp.): Exercitatio ethica de virtute heroica, S. 5 - 7 ; Lani (Praes.),
Schmidt (Resp.): Specimen academicum de virtute heroica, Sectio II, Quaestio I.;
Sellius (Praes.), Friselius (Resp.): Exercitatio académica de heroibus, Thesis II. Of-
fen ist die Frage bei Eicheln (Praes.), Morgenstern (Resp.): Exercitatio moralis de
heroibvs eorvmqve virtvte, Thesis XXXI, der die Entscheidung vom jeweiligen
Begriff der »species« abhängig macht.
54

Die Schwerpunktverlagerung von der unmittelbaren Zugänglichkeit auf


die Disposition, von der Präsenz auf die Präsentation werden wir im Zusam-
menhang mit der heroischen Größe aber ebenfalls an politischen und literari-
schen Texten beobachten können. Die Frage, was im Einzelfall unter heroi-
schem Handeln zu verstehen sei, führt auch dort in der Regel nur zu einer
Reproduktion für sich genommen wenig aussagekräftiger Loci communes.
Sie muß durch die Frage nach der Kontrolle über das Heroische bzw. nach
den Funktionen der heroischen Topik ersetzt werden. Bis zu einem gewissen
Grad gilt deshalb, daß eine Arbeit, die das Heroische in der Literatur des
17. Jahrhunderts verfolgt, der Auflösung ihres eigenen Gegenstands nach-
geht. -Überzeugungsmächtig bleibt das Heroische unter der Voraussetzung,
daß die strategische Intelligenz, die die Ordnungsversuche steuert, in das
heroische Erscheinungsbild verlagert werden kann. Solange sich keine ent-
scheidenden Zweifel am Mythologem des Heroischen melden, bleibt es je-
denfalls der Politik und der Literatur unbenommen, das topische Material
zu eigenen Zwecken zu kombinieren und einzusetzen. Allerdings müssen
sie wachsende Energie in Maßnahmen zur Sicherung der Glaubwürdigkeit
investieren. Aus welchen Gründen dieser Aufwand als lohnend gilt, sollen
die Untersuchungen zeigen.

1.2 Heroische Exempla

1.2.1 Exempla virtutis: Georg Lauterbecks »Erinnerung«


Georg Lauterbeck nahm in sein erstmals 1556 erschienenes Regentenbuch,
das noch neun weitere Auflagen und eine tschechische Übersetzung erlebte,
im Anschluß an den Lehrinhalt zum fürstlichen Verhalten eine Ermahnung
zur Lektüre der »Historien« auf; sie trägt den Titel »Erinnerung/ auß was
vrsachen die Leute/ vnd sonderlich die Regenten/ Fürsten vnd Herrn/ die
Historien mit fleiß lesen sollen.«127 Diese Abhandlung fügt sich in die Reihe
der zeitgenössischen geschichtstheoretischen Traktate ein.128 Aus dem Kom-
plex der dort zugrundegelegten Fragen greift sie den Teilgesichtspunkt »vom
Nutzen der Historien« heraus. Zwar wird man ihr kaum eine herausragende
oder auch nur eigenständige Position zusprechen können. Unter dem Aspekt

127
Ich lege die Ausgabe Frankfurt 1579 zugrunde. Bibliographische Nachweise zu den
Drucken bei Singer: Die Fürstenspiegel in Deutschland im Zeitalter des Humanis-
mus und der Reformation, S. 106-110. Zu Person und Werk im Überblick Philipp:
Georg Lauterbeck - Regierungskunst im Zeitalter der konfessionellen Spaltung.
Zum Kontext der Fürstenspiegelliteratur allgemein Müller: Die deutschen Fürsten-
spiegel des 17. Jahrhunderts. Siehe auch die Textsammlung Fürstenspiegel der Frü-
hen Neuzeit.
128
Dazu vor allem die Auswahl von Eckhard Kessler: Theoretiker Humanistischer
Geschichtsschreibung.
55

der politischen Größenbilder ist sie jedoch durch ihren Kontext einschlägig.
Lauterbeck unterfüttert seine politischen und moralischen Lehren mit einer
Vielzahl historischer Exempla, die die Hauptmasse des Buchs ausmachen
(das ohne die Zusatztexte insgesamt etwa 480 Folioseiten umfaßt). Schon im
Titel, dem zufolge das Werk »auß den fürnembsten alten vnd newen Histo-
rien/ auch sonster fürtrefflicher hochgelehrter Männer Schrifften vnnd
Büchern/ zusamen getragen« ist, gibt sich der Fürstenspiegel zugleich als
Exempelkompilation zu erkennen. Ja, Lauterbeck erklärt, es sei seine ur-
sprüngliche Absicht gewesen, »daß ich allein die blossen Exempel/ vnd die
Historien habe setzen wollen«. Erst während der Arbeit habe es sich als
notwendig erwiesen, »den jungen einfeltigen/ vnd die es nicht besser wissen/
zu weilen eine erklärung/ anweisung/ vnd erinnerung/ darneben thun«.129 Die
»Erinnerung« über die Lektüre der »Historien« ist deshalb vor allem eine
Anleitung zum Umgang mit dem Regentenbuch selbst. Das Beispielmaterial
stammt nicht zuletzt (wenn auch durchaus nicht nur) aus der heroisch-histo-
rischen, griechischen und römischen Stofftradition.130
Doch ist es nicht allein das Material, das einen Zusammenhang mit dem
Heroischen herstellt. Denn die Geschichte des Heroischen als diejenige he-
roischer Erzählungen partizipiert an der Geschichte des Exemplarischen.
Auf diesen Zusammenhang von Heroischem und Exemplarischem macht
Lauterbecks »Erinnerung« aufmerksam:
Wenn nun einer sihet/ wie viel tapffere Helden/ vmb jrer schönen Tilgend vnd herr-
lichen Thaten willen/ für ein ewiges Lob/ vnd einen grossen Namen vberkommen/
wie denn derselben in der Historien hin vnd wider gefunden werden/ Als Hercules/
vnd dergleichen/ Warumb läßt er sich nicht bewegen/ denselben nachzufolgen/ da-
mit er solchen Namen vnd Ehre auch erlangen möge?131

Der >heroisierende< Effekt historischer Lektüre bleibt im 17. Jahrhundert ein


stereotypes Argument fürstlicher Erziehungsprogramme. Chokier rühmt die
Arrian-Lektüre des Kaisers Sigismund, die Curtius-Lektüre des Königs Al-
phons von Arragonien und die Thukydides- und Comynes-Lektüre Karls V.:
»Welches dann darumb so viel mehr an jhnen zu loben/ weil auß jhren Heroi-
schen thaten/ so sie zu Friedens- vnd Kriegszeiten verübet/ kündig vnd offen-
bar ist/ daß sie solches lesens keinen geringen nutz gehabt.«132
Die Literaturwissenschaft kennt seit langem das enge Verwandtschafts-
verhältnis der Dramen- und Romanliteratur des 17. Jahrhunderts mit dem
exemplarischen Umgang mit Geschichte. Voßkamp schickt seinen Untersu-

129
Lauterbeck: Regentenbuch, S. 51r.
130
Für eine Rechtfertigung der Verwendung heidnisch-antiker Exempla vgl. Lauter-
beck: Regentenbuch, S. 245r. Zu den von Lauterbeck benutzten Quellen vgl. Singer:
Die Fürstenspiegel in Deutschland im Zeitalter des Humanismus und der Reforma-
tion, S. 111.
131
Lauterbeck: Regentenspiegel, S. 244v.
132
Chokier: Thesaurus Politicus, S. 329.
56

chungen zur »Zeit- und Geschichtsauffassung« bei Gryphius und Lohenstein


Ausführungen über Geschichtstheorie und exemplarischen Charakter der
»Historien« voraus; Habersetzer faßt Gryphius' Papinianus von vornherein
als »dramatisches Exemplum« auf.133 Brückner hat dargelegt, welche zen-
trale Vermittlerrolle die verschiedenen Typen von Beispielkompilationen bei
der Weitergabe, Ordnung, rhetorikgerechten Aufbereitung und Verbreitung
>historischen< Materials für jedes Bildungsniveau bis in das 18. Jahrhundert
spielten.134 Eine Arbeit über Konzeptionen heroischer Größe kann zu Theo-
rie und Geschichte des Exemplums keinen grundlegend weiterführenden
Beitrag leisten, wohl aber muß sie die Bindung heroischer Größenprojektio-
nen im 17. Jahrhundert an exemplarische Darstellungsweisen berücksichti-
gen.
Wie ist der Zusammenhang von Heroischem und Exemplarischem be-
schaffen, und auf welchen Voraussetzungen fußt er? Die zitierte Stelle aus
Lauterbecks »Erinnerung« deutet hinsichtlich der Wirkungsintentionen ei-
nen Zusammenhang mit der Rhetorik an, hinsichtlich der Organisation der
Exempla einen solchen mit der Topik. Lauterbeck selbst erläutert die Dispo-
sition seines Werks in »Loci communes«. Die »notturfft« erfordere, »so man
etwa von grossen Sachen reden sol/ daß einer etliche gemeine stellen habe/
das ist/ Locos communes, auß welchen er sich kan gefaßt machen/ was in
einem jeden handel vorzunemmen/ vnd dazu zu rahten/ Welches denn auch
Demosthenes/ wie man von jm liset/ also gehalten.«135 Lauterbecks Topik ist
offenkundig nicht identisch mit den »sedes argumentorum« der Antike, also
einer in allen Wissensbereichen anwendbaren, auf Kategorienreihen basie-
renden Suchmethode, mit deren Hilfe die jeweils zweckdienlichen Argu-
mente gefunden werden konnten.136 Vielmehr bietet der Verfasser eine
materialtopische Disposition, in der einzelne Argumente zur Aufgabenbe-

133
Voßkamp: Zeit- und Geschichtsauffassung im 17. Jahrhundert, S. 38-43. Haber-
setzer: Politische Typologie und dramatisches Exemplum; speziell zum Exempla-
rischen S. 3 - 7 . Zu den rhetorischen Zwecken der Schultheateraufführungen vgl.
Barner: Barockrhetorik, S. 304- 307. Allgemein zur Historiographie und Ge-
schichtstheorie des 16. und 17. Jahrhunderts: Klempt: Die Säkularisierung der uni-
versalhistorischen Auffassung; Landfester: Historia Magistra Vitae; Kosellek: Histo-
ria Magistra Vitae; Seifert: Cognitio histórica.
134
Brückner: Historien und Historie, passim.
135
Lauterbeck: Regentenbuch, Vorrede zu dem Chistlichen Leser (unpaginiert).
136
Eine historische Entwicklung und Abgrenzung der Topik ist an dieser Stelle nicht
beabsichtigt. Verglichen wurde die folgende Literatur: Dyck: Ticht-Kunst; Brück-
ner: Historien und Historie, S. 53 - 63; Bornscheuer: Topik; Wiedemann: Topik als
Vorschule der Interpretation; Kühlmann: Gelehrtenrepublik und Fürstenstaat,
S. 113-118; Moos: Geschichte als Topik, bes. S. 342-345; 422-434; Zedelmaier: Bi-
bliotheca universalis und Bibliotheca selecta, S. 86-91. Nur unter stofflichen
Aspekten ergiebig: Rehermann: Die protestantischen Exempelsammlungen des 16.
und 17. Jahrhunderts; ders.: Das Predigtexempel bei protestantischen Theologen
des 16. und 17. Jahrhunderts.
57

Stimmung des Fürsten den Platz der »gemeinen stellen« einnehmen. Lauter-
beck erklärt die »Loci communes« als Hilfsmittel der Inventio und der Me-
moria: »Ich habe aber diese Exempel vnd Historien in sondere Bücher vnd
Capitel/ derhalben abgefasset/ gleich wie in Locos Communes, auff daß man
sie desto leichter behalten vnd finden köndt«.137 Das Regentenbuch baut dem-
nach schon die Memorial- und Amplifikationstechnik aus, die im 17. Jahr-
hundert einen Höhepunkt erlebte.138
Allerdings darf man die Anlage des Regentenbuchs noch nicht mit jenen
Topiken gleichsetzen, in denen Methode und Komplexitätsgrad sowie die
Kohärenz des Systems den Sinnanspruch vertreten. Ein Beispiel dafür liefert,
zeitnah zu Lauterbeck, Theodor Zwingers methodisch an Petrus Ramus ori-
entiertes Theatrum vitae humanae (1565).139 Zwinger zufolge kann nur die
Ars, die für die Ordnung verantwortlich ist, bei der Disposition subjektive
Faktoren ausschalten (die letztlich auch die Exempla selbst in ein verfäl-
schendes Licht rücken müßten): »man wird also eine andere Ordnung ein-
richten müssen, die nicht von der Willkür des Verfassers, sondern von der
Ars abhängt und sogar ewigen Bestand haben kann.«140 Ein Systemdenken
im Sinn von Zwinger ist bei dem theoretisch ohnehin anspruchsloseren
Lauterbeck nicht erkennbar. Vielmehr dienen die Loci communes bei ihm
lediglich als Speicher, in denen die Exempla aufbewahrt und aus denen sie
abgerufen werden. Im einzelnen gliedert sich das Werk in fünf Bücher. Lau-
terbeck behandelt nacheinander die Staatsformenlehre und die römischen
Staatsämter, die Regententugenden, den Krieg, die innere Verwaltung und
die Rechtsprechung.141 Die fünf Hauptteile sind in weitere »Loci communes«
untergliedert. Über das Programm eines christlichen Fürstenspiegels < hinaus
bietet Lauterbeck also Elemente einer praktischen Regierungs- und Verwal-
tungslehre. Soweit das Regentenbuch selbst in den Blick kommt, sind für die
Frage individueller Größenbilder das zweite und dritte Buch einschlägig, die
den Fürstenspiegelkanon abdecken.
Von einer Sammlung dieser Art ist nicht zu erwarten, daß sie ein inhalt-
lich widerspruchsfreies Lehrgebäude bietet, sondern, daß sie alles den Ge-
genstandsbereich Betreffende am gehörigen Ort verzeichnet. Dem entspricht
der Umgang mit dem Werk, den Lauterbeck vorsieht. Es ist nicht für eine

137
Lauterbeck: Regentenbuch, Vorrede zu dem Christlichen Leser (unpaginiert).
138
Wiedemann: Topik als Vorschule der Interpretation, S. 245f.
1,9
Zu Zwinger vgl. Brückner: Historien und Historie, S. 105f.; Seifert: Cognitio histó-
rica, S. 80-86; Schmidt-Biggemann: Topica universalis, S. 59-66; Zedelmaier: Bi-
bliotheca universalis und Bibliotheca selecta, S. 240f.; Neuber: Topik und Intertex-
tualität.
140
Zwinger: Theatrvm vitae hvmanae, Praefatio, S. 8: »alius certè ordo instituendus
erit, qui non ex uoluntate scriptoris, sed ex arte pendeat, atque adeò aeternus esse
possit.«
141
Für eine Inhaltsübersicht vgl. Singer: Die Fürstenspiegel in Deutschland im Zeital-
ter des Humanismus und der Reformation, S. 110t
58

diskursive Lektüre konzipiert, sondern für die Suche nach passenden Exem-
pla, und soll damit den Griff zu den Originalquellen überflüssig machen und
die Verfügbarkeit des Exempelmaterials rationalisieren. Der Verfasser habe
sich »vnterstanden vnd befliessen/ etliche Exempel auß den Griechischen
vnd Lateinischen/ alten vnd neuwen Historien/ zusammen zu ziehen/ Erstlich
vnd fürnemlich mir selbs/ folgend auch andern/ so es nicht besser wissen/
oder ander Geschaffte halben die zeit nicht haben/ durch alle Historien vnd
Bücher zu lauffen«.142 Die Auflösung der historischen Chronologie in eine
Exempelsammlung ist ein Indiz dafür, daß die Exempla als Vorrat unmittel-
bar verfügbaren (und keineswegs historisch distanzierten) Wissens gelten.143
Einsichtig ist vor diesem Hintergrund ebenfalls, daß aus der Perspektive des
Verfassers die Bedeutung der Exempla nicht historisch rekonstruiert werden
kann, sondern erst in ihrer rhetorischen Funktion manifest wird. Es ist also
das Arrangement in Loci communes, das den Exempla ihren Sinn gibt.144
Diese Gegenwärtigkeit der exemplarisch gelesenen Geschichte gehört zu den
notwendigen Voraussetzungen der Glaubhaftigkeit heroischer Größenpro-
jektionen im 17. Jahrhundert. Mutatis mutandis gilt dies auch für fiktionale
Stoffe der Literatur.
Die enge Bindung des Heroischen im 17. Jahrhundert an die unmittelbare
Präsenz des Exemplarischen im Sinn des »Historia magistra vitae«-Topos
erweist sich negativ bei einem Seitenblick auf das Aufklärungszeitalter. Un-
ter unterschiedlichen Konstellationen und Wertungen bahnt sich dort eine
Historisierung des Heroischen an, die seiner Imitierbarkeit ein Ende bereitet
und es im Licht des Überwundenen oder des Verlorenen erscheinen läßt.
In Vicos Prinzipien einer neuen Wissenschaft kennzeichnet es primär kein
Perfektionsideal, sondern das mittlere der drei Hauptentwicklungsstadien,
die jedes Volk auf dem Weg zu Kultur und Humanität durchlaufen muß. Als
Bezeichnung für Angehörige einer Herrschaftsschicht, die die >Knechte< mit
Gewalt unterdrückt und sich mit ihnen in fortwährenden Auseinandersetzun-
gen befindet, ist >Heros< vor allem eine politisch-soziologische Kategorie. Da-
bei verlieren die Schulbeispiele des frühen römisch-republikanischen Herois-
mus ihre Vorbildlichkeit: Brutus, Mucius Scaevola, Manlius Imperiosus etc.,
welchen Nutzen brachten sie der elenden und unglücklichen römischen Plebs? -
außer dem, sie immer mehr in den Kriegen zu drangsalieren, sie immer tiefer in
ein Meer von Wucherzinsen zu versenken, sie immer tiefer in den Privatgefängnis-
sen der Adligen zu begraben, wo man sie wie die elendsten Sklaven mit Ruten auf
die nackten Schultern schlug? 145

142
Lauterbeck: Regentenbuch, Vorrede zu dem Christlichen Leser (unpaginiert).
143
Vgl. Zedelmaier: Bibliotheca universalis und Bibliotheca selecta, S. 225.
144
Vgl. Brückner: Historien und Historie, S. 54: »Ablesbare Zeugnisse bieten jedoch
nicht die facta schlechthin, sondern erst ihr paradigmatischer Stellenwert für das
Deutungssystem macht sie dazu. Solche Hermeneutik wird sowohl getragen als
auch repräsentiert von den loci communes.«
145
Vico: Prinzipien einer neuen Wissenschaft, S. 382; dazu Hösle: Einleitung, ebd.,
59

An die Stelle der in Vorbildern greifbaren heroischen Größe tritt ein heroi-
sches Zeitalter als historisches Übergangsstadium. Dieser schon staatlich ent-
wickelte (aristokratische), aber noch rohe Zustand ist kein Gegenstand der
Nacheiferung, sondern muß überwunden werden. In welchem Umfang Vico
daneben einen der Bewahrung empfohlenen Heroismusbegriff auch in den
Prinzipien einer neuen Wissenschaft verwendet, braucht hier nicht diskutiert
zu werden. 146
Friedrich von Blanckenburg konfrontiert in seiner Romantheorie das tat-
orientierte Epos, das den »Sitten und Einrichtungen« der Antike gemäß war,
mit dem modernen Roman, der umständlich die Individualität seines Prota-
gonisten als eines >mittleren Helden< entfaltet. 147 Die Ablösung des Epos
durch den Roman kann man auch als Abwendung von der exemplarischen
Literatur begreifen: Das heroische Exemplum, das - etwa mit dem Ziel, zur
Nachahmung aufzufordern - in rhetorischer Persuasionsabsicht vorgetragen
wird, weicht einem Erkundungs- und Erkenntnisprozeß. Unter umgekehrten
Vorzeichen, als Ruf nach einer Erneuerung der heroischen Geschichtschrei-
bung der Antike, greift Ernst Ludwig Posselt 1786 den Komplex auf. Die
Aufgabe der Historiographie sieht der Verfasser durchaus im Exemplari-
schen: Geschichte »erzählt vergangene Begebenheiten zur Belehrung für
künftige Fälle, mit Wahrheit und männlichem Schmuck.« 148 Doch hätten die
gegenwärtigen Schriftsteller verlernt, in der Erzählung der Begebenheiten
zugleich objektiv ihr Wesen zu treffen. Die Einheit der antiken Historiogra-
phie spaltet sich auf in analytisches Räsonnement und Statistik. 149 So beklagt
Posselt einen doppelten Verlust: Wie die Präsenz des Historischen in der
Geschichtserzählung schwindet, so droht auch die heroische Größe zur histo-
rischen Reminiszenz zu werden. In allen Fällen beteiligt sich die Entwicklung
eines modernen historischen Denkens daran, die Möglichkeit exemplarischer
Geschichtschreibung überhaupt zweifelhaft erscheinen, speziell den exem-
plarischen Einsatz des Heroischen problematisch werden und es in größere
Distanz zurücktreten zu lassen.
Ich komme zu Lauterbeck zurück. Da das Darstellungsziel des Regenten-
buchs nicht in der inhaltlichen Widerspruchsfreiheit liegt, liefert das Werk
auch kein konsistentes Modell fürstlichen Handelns. Die Absicht ist viel-

S. CCII. Zur Heldenkritik trägt nicht weniger bei, daß Vico, ebd., S. 559t, die Taten
der Helden zum großen Teil ihren Knechten zuschreibt.
146
Hösle: Einleitung, in: Vico: Prinzipien einer neuen Wissenschaft, S. CCI-CCIV. Ich
halte entsprechende Hinweise, etwa S. 402f., für eher schwach. Mit Vicos historisier-
tem Heroenbegriff stehen Montesquieus Ausführungen »Über die Könige zur grie-
chischen Heroenzeit« (Vom Geist der Gesetze, S. 229) in einem gewissen Verwandt-
schaftsverhältnis.
147
Blanckenburg: Versuch über den Roman, S. 69 -78.
148
Posselt: Ueber teutsche Historiographie, S. 8. Vgl. auch vom selben Verfasser: Dem
Vaterlandstod der vierhundert Bürger von Pforzheim.
149
Posselt: Ueber teutsche Historiographie, S. llf.
60

mehr, den Leser situationsadäquates Verhalten zu lehren. Wie und in


welchem Sinn erfüllen die Exempla diese Aufgabe? Aus der rhetorisch-funk-
tionalen Einbettung ergeben sich zwei (nur darstellungstechnisch unter-
scheidbare) Aspekte, die die Überlegenheit - und die spezifische Leistungs-
fähigkeit - der Exempla im Vergleich mit den philosophischen Praecepta
ausmachen, nämlich Anschaulichkeit und Einzelfallcharakter. Lauterbeck
legt Wert darauf, daß »die Historien alle Tilgend in gemeine begreiffen/ auch
derselben vrsachen/ Verhinderung/ auffnemen/ vnd endlichen außgang vns
f ü r die äugen malen.« 150 Als Zuständigkeitsbereich der historischen Exempla
erweist sich in Hinsicht auf fallspezifische Ursachen und Wirkungen das
Singuläre, für das keine allgemeinen Regeln formuliert werden können. 151
Gegenstand exemplarischer Vergegenwärtigung ist Lauterbeck zufolge die
Willkür der politisch-lebensweltlichen Ereignisse, die er mit der Kontingenz-
metapher des unberechenbaren Meers faßt. Wie »das Meer nimmer stille
ist«, so »pfleget es auch in der Welt zuzugehen/ vnter den Leuten/ vnd son-
derlich den grossen Häuptern/ daß jetzt einer steiget/ der ander feilet/ vnd
der gefallen ist/ sich bald wider herfür machet«. Die Exempla haben die
Aufgabe, die nach dem Virtus-Vitium-Schema funktionierende Ordnung der
historischen Vorgänge zu enthüllen. 152 Der Mechanismus von Aufstieg und
Fall aufgrund tugend- bzw. lasterhaften Handelns gibt ihnen ihren prognosti-
schen Wert im Sinn der Formel »Historia magistra vitae«. So gilt für Lauter-
beck das Lesen von >Historien< als Äquivalent praktischer politischer Erfah-
rung: »Vnd so wir vns derer befleissigen/ vnd also mit feinen Historischen
Exempeln gefast machen/ So werden wir zu allen Sachen/ Rahtschlägen/ Re-
den/ vnd Handlungen/ geschickter vnd erfahrner werden.« 153
Die spezifische Überzeugungs- und Erkenntnisleistung der »Historien«
wird jetzt deutlicher: Sie kleiden nicht lediglich die ethischen Praecepta an-
schaulich ein, sondern demonstrieren das praktische Wohl- und Fehlverhalten
des Fürsten und seine Folgen in historisch beglaubigten Situationen. 154 Dabei
geben die Exempla ihre tugendbezogene Lehre unmittelbar preis. Erst der Ta-
citismus des 17. Jahrhunderts verlagert die Aufmerksamkeit auf das Verfahren,

150
Lauterbeck: Regentenbuch, S. 243v.
151
Moos: Geschichte als Topik, S. 37-39.
152
Lauterbeck: Regentenbuch, S. 242v: Die Fürsten, die »sich gegen den Leuten alle-
zeit hart vnd grawsam erzeiget vnd gehalten«, machen sich verhaßt, werden verlas-
sen und müssen »in jhrem vnfall verderben vnd vmbkommen [...]/ sonderlich/ so
sie darneben Gottloß gewesen seyn«, während diejenigen, die ihr Versagen erken-
nen und bereuen, »jren vorigen stand/ wie an Manasse zu sehen«, wieder erreichen.
Allgemein zur Lehre von der Lebensorientierung durch die Historia angesichts der
Unbeständigkeit der Welt Landfester: Historia Magistra Vitae, S. 155.
153
Lauterbeck: Regentenbuch, S. 246r.
154
Zur Unterscheidung zwischen induktivem und illustrativem Exempelgebrauch
Moos: Geschichte als Topik, passim, bes. S. 113-134. Zum Verhältnis von Geschich-
tein) und Ethik im 16. Jahrhundert vgl. Brückner: Historien und Historie, S. 52.
61

die Hermeneutik der Exempelinterpretation, die einen Blick unter die sprachli-
che und inhaltliche Oberfläche ermöglichen soll.155 Damit verselbständigt sich
die Prudentia gegenüber den moralischen Tugenden - ein Vorgang, der mit
dem Prozeß zusammenfällt, in dem sich die Politik von der Ethik löst.
Nach Lauterbeck gewinnen die »Historien« durch die Anschaulichkeit
ihre besondere rhetorische Schlagkraft. Sie haben
viel mehr krafft/ die Leute zu bewegen/ denn schlechte wort/ so ernst sie auch
jmmer seyn können/ vnd von den Philosophen her kommen/ Also/ daß dieselben
Gebot mit der Historien keines weges zu vergleichen seyn/ Sondern jres nutzes
Halben/ den Gebotten weit vorgezogen werden/ Dieweil sie reicher vnd viel gewal-
tiger einem eine sache erklären/ vnd für die äugen stellen/ wenn sichs zutregt das
etwa ein schwere handlung für feilet/ was darinne zu thun/ oder zulassen/ vnd wie
man sich für vntugend hüten/ vnd nach Tilgend streben sol.156

Mit der Gegenüberstellung von suasiv wirkungsmächtigen Exempla und über-


zeugungsschwachen philosophischen Praecepta aktiviert Lauterbeck eine seit
der Antike stabile Konstellation. 157 Dem Konzept der Anschaulichkeit liegt
die anthropologische Voraussetzung zugrunde, daß die affektbestimmte, d. h.
willkürliche und >unordentliche< menschliche Natur sich eher durch einen
Appell an die sinnliche Wahrnehmung als durch einen solchen an die Ver-
nunft beeinflussen läßt. Garzoni (zuerst 1585) hebt in seinen Ausführungen
über den »Nutz der Historien im gantzen menschlichen Leben« die Überzeu-
gungskraft der sinnfälligen Darstellung hervor. Die Historien »stellen vns die
Bildnussen der Alten/ wie ein Gemähidt/ für die Augen/ drucken sie/ wie ein
Bild in das Hertz/ vnnd eröffenen vns auch jhre Gemühter/ jhre Sitten/ jhre
Thaten/ beneben jren Gedancken vnd Anschlägen.« 158 Zu dem Bildvergleich
greift auch Zwinger, der die Exempla unter dem Wirkungsaspekt in die Nähe
der Emblemata rückt: »Denn die Exempla sind wie gewisse Bilder und Emble-
mata, die zuerst allen in die Sinne fallen und hernach auch in die Seelen ein-
dringen: und was Simonides von der Dichtung sagte, das können wir mit weit-
aus größerem Recht von unserem Theatrum versichern, daß es nämlich ein

155
Gleichwohl setzt sich die Tradition des landesfürstlich orientierten christlichen Für-
stenspiegels im ganzen 17. Jahrhundert fort. Doch kann sie unter den Verdacht der
Simplification geraten, wo sie sich den politischen Anforderungen verschließt, auf
die die (polemisch bekämpften) Staatsräson-Lehren reagieren. Beispiele für das
17. Jahrhundert: Textor: Obrigkeit- vnd Richter-Spiegel (1617) - allerdings eine
Sammlung aus älteren Texten; Heinrich Bessel: König Davids hochrühmliche
Herrsch- und RegierungsKunst in dem CI. Psalm beschrieben (1670); Fritsch: Heller
Spiegel eines frommen und christlichen Regentens (1683). Vgl. dazu Dreitzel: Mo-
narchiebegriffe in der Fürstengesellschaft, Bd. II, S. 472.
156
Lauterbeck: Regentenbuch, S.243 r -243 v .
157
Nachweise aus der römischen Rhetorik, Historiographie und Philosophie bei Nadel:
Philosophy of history before historicism, S. 297f.; Moos: Geschichte als Topik, S. 178
mit Anm. 421.
158
Garzoni: Piazza vniversale, S. 278.
62

sprechendes Gemälde ist.«159 Das Heroische, insofern es (wie im Eingangszitat


aus Lauterbecks »Erinnerung«) exemplarisch wirken soll, muß also ebenfalls
als rhetorisches Instrument betrachtet werden. Im Hinblick auf die Persua-
sionsabsicht zielt es auf die menschliche Anfälligkeit für das Anschauliche.
Umgekehrt gipfeln die auf exemplarische Vorbildlichkeit und Anschaulichkeit
ausgerichteten Exempla im Heroischen oder streben sogar darauf zu.
Die Exempelliteratur hält eine Reihe von stereotypen Argumentationen
und »Historien« bereit, die den Effekt der Tügendbeispiele demonstrieren
sollen. In ihrem Mittelpunkt steht der von Lauterbeck beschworene Ruh-
meseifer auf den Spuren vorangegangener Helden. Das Gewicht, das dem
Ruhm-Ehre-Komplex zufällt, der seinerseits als Locus communis gehandhabt
wird, weist auf die rhetorische Qualifikation des Fürsten, die auf politisches
Handeln als paradigmatische Repräsentation von Tugendgröße zielt. Die
Darstellungen des psychologischen Ehre-Mechanismus beschreiben und in-
szenieren selbst vorbildlich die Wirkungsweise exemplarischer Anschaulich-
keit. In der Ethik ist das Streben nach ewigem Lob und großem Namen in
der lügend der Magnanimitas verankert, die durch den Gegenstand der Ehre
definiert wird.160 Die Vorbildwirkung heroischer Exempla wird mit Vorliebe
im Zusammenhang mit der Ehrliebe behandelt.161
Zusätzlich kommt für die Verbindung zwischen dem großherzigen Bemü-
hen um Ruhm und der Nachahmung von Exempla der Affekt der Aemulatio
ins Spiel - der »Herrliche[n] mißgunst«,162 des »lieblichen Ehrgeitz[es]«,
»mit lügenden vnnd herrlichen Thaten den tapfern Helden (welcher Ehr
vnd Lob von den Scribenten so hoch gerühmet wird) wollen gleich zu
seyn«,163 des »Nacheifers«, der darauf zielt, »so viel als ein andrer zu seyn
an Geschiklichkeit und glükk«. Zwar gilt die Aemulatio meist als nur auf
das eigene Ansehen bezogen. Doch gerät sie durch die enge Nachbarschaft
zum Neid, der »Schmertz und Verdruß über eines andern Wohlstand in uns
erzeuget«,164 leicht ins Zwielicht und wird von manchen Autoren als gefähr-
lich zurückgewiesen, da sie in der Lage sei, die politische Ordnung zu desta-

159
Zwinger: Theatrvm vitae hvmanae, Praefatio, S. 18: »Sunt enim exempla tanquam
picturae & emblemata quaedam, quae in sensus omnium primùm incurrunt, deinde
etiam in ánimos illabunt: quodque de Poesi Simonides dixit, illud nos longè uerius
de Theatro nostro asserere possumus, esse scilicet Picturam loquentem.«
160
Zur Magnanimitas vgl. Welzig: Magnanimitas. Zu einem Zentralbegriff der deut-
schen Barockliteratur; Habersetzer: Politische Typologie und dramatisches Exem-
plum, S. 60-70; Werle: El Héroe, S. 3 4 - 5 1 .
161
Vgl. Saavedra Fajardo: Ein Abriss Eines Christlich-Politischen Printzens (1655),
S. 554f.
162
Saavedra Fajardo: Abris eines christlich-politischen Printzens (1674), S. 103. Zur
Aemulatio vgl. Werle: El Héroe, S. 138-144; für den jesuitischen Bereich: Barner,
S. 341-343.
163
Anonym: Fürstliche Lection oder kurtze Vnterrichtung von den notwendigen Til-
genden/ daß ein Fürst sein Land vnd Leut wol vnd glückselig regiere (1625), S. 23f.
164
Cailliere: Von dem Glükke fürnehmer Herren und Edelleute, S. 55.
63

bilisieren.165 Ganz und gar fällt sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts bei Tho-
masius als eine der »Bastard-Tugenden« in Mißkredit, bei denen es sich tat-
sächlich um verschleierten Neid handelt - bezeichnenderweise in einem Zu-
sammenhang, in dem sich überhaupt die Verbindung von Heroismus, Ethik
und Politik auflöst.166 Positiv erscheint die Aemulatio als - politisch nutzba-
rer - Konkurrenzmechanismus, der Ehrliebe und Großherzigkeit antreibt:
»Also sehen wir/ daß die jenigen zu besagten Eifer geneigt sind/ welche groß-
mütig/ behertzt/ und nach hohen Ehren streben«.167 Der Wettstreit um den
höchsten Ruhm kann nicht nur den individuellen, sondern auch den nationa-
len Weg zur Größe darstellen.168 Auf das Modell der Aemulation historisch-
heroischer Exempla als Begründung für eine nationale Geschichtsschreibung
greift im 18. Jahrhundert - wenn auch in anderem ideengeschichtlichem
Umfeld - Bodmer noch selbstverständlich zurück: »Dann wann ein solches
Portrait schön und vollkommen gemachet ist, worinn ein Vornehmer Mann
entworffen wird, der durchleuchte Proben seiner Liebe zur Republique gege-
ben hat [...], wann ich dergleichen hohen Thaten, deren bloße Erzehlung ein
Panegyricus beschrieben hat, nachdenke, so erwecken sie mir eine rühmliche
Aemulation, die mich anreget, dise hohe Exempel nachzufolgen.«169 Daß das
Versprechen historiographischer Verewigung der Helden einen besonderen
Anlaß zur Aufwertung der Geschichtsschreibung und zur Heroisierung des
Geschichtsschreibers bietet, sei an dieser Stelle nur erwähnt.

165
Vgl. etwa Feist: Handbuch der Fürsten und fürstlichen Beampten, S. 233: »Ob schon
etliche Politische Schreiber die aemulation und den Neidt der lügenden/ zwischen
den Ministeren eines gemeinen Standts vor gut halten/ So lehret doch die Erfahren-
heit das contrarium. Der Brandt des Ehrgeitzes/ und die Begehrligkeit sich über
andere zu erheben/ treiben den Menschen ahn zum Betrug und zu verbottene Kün-
sten/ die gegen Vernunft und Billigkeit Streiten«. Zu Feist Ulrich Metzger, in: Für-
stenspiegel der Frühen Neuzeit, S. 470-478. - Vgl. auch Weyhe: Avlicvs politicvs,
S. 115.
166
Thomasius: Ausübung der Sittenlehre, S. 442-444,132; vgl. auch S. 226 zu Alexan-
der dem Großen.
167
De Refuge: Kluger Hofmann, S. 80. Vgl. auch Saavedra Fajardo: Abris eines christ-
lich-politischen Printzens (1674), S. 103f. Dort auch ein einschlägiges Exemplum:
»die grosse Ehre welche Miltiades in dem obsigen der Persier erworben/ die hat
deß Themistoclis gemüht also entzündet/ das was in jm lasterhafftig war/ dardurch
verscharret worden«.
168
Vgl. die Begründung für das Interesse an fremden Völkern bei Francisci: Neu-
polirter Geschieht- Kunst- und Sitten-Spiegel ausländischer Völcker (1670), Vor-
rede (unpaginiert): »Nimm weg alle Kundschafft fremder Sitten: die Sittsamkeit
selbst wird gewißlich/ bey uns/ nicht gar lang eine Landsassin bleiben. Gegen-Eiver
nährt die Glut der Geschicklichkeit/ und ein Neben-Läuffer frischet dir den Fuß
an/ daß er/ im Wette-lauffen/ nicht ermüde. Ob einer hinter oder vor mir sey/ kan
mich beydes treiben/ daß ich nicht der letzte werde. Der Schütz/ welcher niemals
einen andren hat sehen anschlagen/ mag selber schwerlich in das Schwartze treffen.
Kurtz/ was uns fehlt/ das sehen wir nicht allein/ an uns; sondern auch/ an andren.«
169
Bodmer: Vom Wert der Schweizergeschichte (1721), in: Das geistige Zürich im
18. Jahrhundert, S. 59.
64

Das Zusammenspiel von Magnanimitas und ehrgeiziger Nachahmung he-


roischer Exempla beschreibt die intendierte Wirkungsweise exemplarischer
Größenbilder als »incitamenta virtutis«. Stereotyp wird es an einer Reihe
immer wiederkehrender Andekdoten verdeutlicht. Zu den häufigsten gehört
eine auf Plutarch zurückgehende Erzählung: »Als Cäsar deß Alexandri Ge-
schichten in einem Tempel gemahlt gesehen/ hat er geseufftzt/ daß er in sei-
nem Alter als er die Welt überwunden/ noch keine löbliche Heldenthat voll-
bracht hatte.«170 Das Beispiel - es richtet sich auf die Funktionsweise der
Exempla selbst - verdeutlicht, daß der Gegenstand monumental-exemplari-
scher Didaktik die historische Größe ist.
Der verpflichtende Anspruch der Exempla wird am handgreiflichsten, wo
dem Fürsten nach dem Muster der römischen Exempla maiorum171 die eige-
nen Vorfahren als historische Beispiele vor Augen treten. Als Begründung
für die besondere Affinität des Adels zum Heroischen und für seine spezielle
Verpflichtung zu Großtaten dient stereotyp der Hinweis auf die Vorfahren,
die über die Aemulatio zu eigenen Tugendhandlungen anstacheln sollen.172
Lauterbeck operiert allerdings nicht mit diesem Argument. Mehrfach zieht
hingegen Johannes Lauterbach in seinem Princeps Chrìstianvs vel simv-
lacrvm Saxonicvm (1597) die Ahnenreihe des Adressaten, Kurfürst Chri-
stians II. von Sachsen, als Arsenal von Exempla mit verbindender Wirkung
heran. Es gehört zum Konzept dieses Fürstenspiegels, daß er eine panegyri-
sche Darstellung des sächsischen Fürstenhauses als Tugend- und Herrschafts-
lehre für den Fürsten präsentiert. Im Zusammenhang einer Ermahnung zur
Überantwortung der menschlichen Pläne an Gott schreibt der Verfasser:
Halte dir den Lebenslauf deines Großvaters August vor Augen. Dieser blieb, von
den Machenschaften und dem Unrecht der Bösewichter bedrängt, stets fest und
unbeweglich, während Gott über sein Heil und seine Würde wachte. Endlich hatte
er alle Schwierigkeiten überwunden, verbreitete bei den Feinden Schrecken, er-

170
D e Refuge: Kluger Hofmann, S. 379 (aus Harsdörffers Zusätzen). Das Beispiel fußt
auf Plutarch: Parallelbiographien, Cäsar 11. Man findet es z.B. auch bei Garzoni:
Piazza vniversale, S. 133; Lipsius: Mónita et Exempla, S. 209f.; Richter: Axiomata
oeconomica, S. 214£; Pierre de La Noue: Le lict d'honnevr, S. 19-21; Löhneyss:
Hof- Staats- und Regierkunst, S. 28; 50; Lohenstein: Lorentz Gratians staats-kluger
catholischer Ferdinand, Zuschrifft, A 4 .
171
Zur exemplarischen Funktion von Familiengeschichten im antiken Rom mit weite-
rer Literatur Moos: Geschichte als Topik, S. 69-80. Zum Exempelgebrauch bei den
Römern als Vorbild vgl. Lorichius: Ein Nützliches vnd sehr notwendiges Tractätlin,
S. 193. Danach ließen die Römer bei Gastmälera »feine Historias, vnd Tugendhaff-
tige begangene Thaten/ mit wolgezierten Versen vnnd Poetischen Bossen verblü-
met/ singen vnnd pfeiffen/ daß die Kinder vnd Jugend dardurch erinnert/ gereitzt
vnd bewegt würde/ nachzufolgen/ vnd zuthun T\igendhafftige vnnd Männliche
Werck.« Zu den Römern selbst als heroischen Tügendexempla Lauterbeck, Regen-
tenbuch, S. 109v: »wir solten vns billich die Exempel der alten Römer für die äugen
stellen/ auff daß wir lernen mögen/ was es für ein edel vnnd tapffer ding sey/ sich
seiner Mannheit zugebrauchen/ vnd nicht allein mit listen vmbzugehen.«
172
Vgl. Weber: Prudentia gubernatoria, S. 175-177.
65

langte bei den Nachbarn und im Ausland Bewunderung, der Nachwelt hingegen
hinterließ er ein leuchtendes Zeugnis himmlischen Schutzes.173

Auch im 17. Jahrhundert gehört dieser Zusammenhang zum Standardvorrat


an Argumenten in Handbüchern zur Fürstenerziehung und in der Hof-
mannsliteratur, wobei ich zunächst von der jeweiligen Funktion absehe. Die-
jenigen, wie Faret erläutert, »derer Vorfahren sich durch denckwürdige Tha-
ten berühmt gemacht/ befinden sich etlicher massen verbunden/ den Weg/
so ihnen allbereit geöffnet ist/ zu wandeln«. Speziell die adligen »Haus-
Exempel« seien eine Ermahnung zur Tugend, weshalb »keine stärckere und
mächtigere Anreitzung/ die gute Gunst und Wolgewogenheiten der jenigen/
welchen wir gefallen wollen/ alsobald zu gewinnen/ als die gute Geburt
sey«.174 Saavedra Fajardo untermauert mit Exempla seine Bemerkung, es
gebühre »dem Fürsten/ gleichsam eine wette/ vnd einen ehrenstreit/ mit sei-
nen Voreiteren anzustellen«.175 Ebenso sollen nach Feist (1660) die Fürsten
»die tapfere Thaten und Tugenden ihrer Voreiteren/ nit allein vor Augen
haben/ sonderen denen auch nachfolgen« und »sich spiegelen in dem löbli-
chen Leben der jenigen/ die vor ihnen daß Regiment geführt haben/ und
sehen ob es mit ihrem Leben überein kommet.«176 Lohenstein schließlich
betont 1679 in seiner Lobrede auf den letzten Piastenherzog Georg Wilhelm,
in der er auch die römische Ahnenverehrung als Vorbild erscheinen läßt:
»Die Begierde nach dem väterlichen Ruhme ist ein Oel in den feurigen/ die
Furcht der Schande ein Sporn in den kalten Gemütern: Daß sie ihren Ahnen
sich zu vergleichen bemühen.«177 Die Ahnenreihe ist so in der Memoria des
Fürsten als »vollkommener Bilder-Saal« präsent und pädagogisch wirksam.
»Seine zarte Seele aber [war] das Wachs/ oder der Gips/ darein ihre vortreff-
liche Thaten/ theils durch derselben offtere Nachthuung/ theils durch einen
beständigen Vorsatz Jhnen gleich zu werden/ oder noch vorzukommen/ ge-
drückt waren.«178 Auch für Dynastiegeschichten wie Sigmund von Birkens
Königlich- auch chur- und fürstlich-sächsischen Helden-Saal dürfte der Zu-

173
Lauterbach: Princeps Christianvs vel simvlacvm Saxonicvm, S. 72t: »Propone tibi
aui tui Augusti curriculum, is improborum conatibus & iniurijs oppugnatus, DEO
pro eius salute & dignitate excubante, semper firmus & immobilis permansit, ac
difficultatibus omnibus tandem superatis, hostibus terrori, finitimis & exteris fuit
admirationi, posterie vero documentimi tutelae coelestis reliquit illustre.« Zu den
Exempla maiorum auch S. 19-21; 40; 126; 160. Zu Lauterbach vgl. Singer: Die Für-
stenspiegel in Deutschland im Zeitalter des Humanismus und der Reformation,
S. 141-143. Vgl. auch Malvenda: Spiegel eines christlichen Fürsten, S. 147.
174
Faret: L'honneste Homme, S. 6. Zum Vorrang des Geburtsadels vor dem verliehe-
nen Adel aufgrund der Vorfahrenreihe Löhneyss: Hof- Staats und Regierkunst,
S. 80.
175
Saavedra Fajardo: Abris eines christlich-politischen Printzens (1674), S. 165.
176
Feist: Handbuch der Fürsten und fürstlichen Beampten, S. 264£
177
Lohenstein: Lob-Schrifft, B7V.
178
Lohenstein: Lob-Schrifft, B8V.
66

sammenhang von adhortativem (oder auch dehortativem) Exemplum, Ma-


gnanimitas und Aemulatio wenigstens programmatisch eine Rolle spielen.
Ich kehre noch einmal zum Regentenbuch zurück. Verharrt Lauterbecks
Größenentwurf, wie es ja scheinen könnte, in der Aneignung und Reproduk-
tion autoritativer Muster? Manche Indizien sprechen im Gegenteil für eine
Dynamisierung, die von neuen politischen Anforderungen angetrieben wird.
Denn das Regentenbuch zielt auf die umfassende Kontrolle des fürstlichen
Wohlverhaltens, wenn auch noch im Rahmen des christlichen Fürstenspiegel-
programms. Spuren einer konsequenten Funktionalisierung der Rhetorik im
Dienst einer als Herrschaftstechnik verstandenen Politik finden sich zwar
noch nicht. Dafür scheint bezeichnend, daß Lauterbeck den Komplex des
Stils (der Grazie) übergeht, dessen politischen Wert vor allem die italienische
Renaissance entdeckt hatte.179
Doch die Anlage des Buchs macht den Anspruch auf die Verfügung über
die Menge der möglichen Einzelfälle geltend. Zwar - Lauterbeck schließt
sich in seiner »Erinnerung« der Vorstellung von der Geschichte als göttlicher
Offenbarung an.180 Die Lektüre der Exempla wird deshalb selbst zum Gebot
Gottes. Sein Wille ist es, »daß wir auff die Exempel der straff sollen achtung
geben/ vnd in betracht derselbigen/ auff vnser leben achtung haben/ vnd das-
selbige zur mässigkeit vnd warer anruffung Gottes richten/ vnd vns täglich
darinne vben.«181 Die Ordnung der Geschichte ergibt sich aber im Regenten-
buch nicht aus der Zufälligkeit der Ereignisse, sondern aus dem rhetorischen
Einsatz und dem Arrangement der Exempla. Der darin liegende Verfügungs-
anspruch läßt sich an der enzyklopädischen Tendenz und der differenzierten
Disposition des Exempelmaterials ablesen, aber auch an der Vermehrung
des Volumens wenigstens von der zweiten bis zur fünften Auflage. Die dritte
Auflage (1559) meldet, das Werk sei »mit etlichen Capiteln gebessert vnd
gemehret«, die fünfte, es sei »durchaus an vielen örtern Corrigiert/ Ge-
mehret/ vnd Gebessert.«182 Im auf Vollständigkeit bedachten Sammeln und
topischen Ordnen einzelfallbezogener und autoritativ einsetzbarer Exempla
liegt der Gestus der Kontrolle und Reduktion empirischer Komplexität auf

179
Dazu unten 3.2.3.
18(1
Lauterbeck: Regenbuch, S. 81v: »Allhier muß ich auch anzeigen etliche Historische
vnd warhafftige schöne Exempel/ [...] von etlichen Regenten/ welche Gott der All-
mächtige on zweiffei sonderlich darzu erweckt hat/ damit andere daran ein Spiegel
haben möchten/ sich in gleichen fällen/ darnach zurichten«. Zur Offenbarung Got-
tes in der Geschichte bei Johann von Salisbury vgl. Moos: Geschichte als Topik,
S. 11.
181
Lauterbeck: Regentenbuch, S. 103v. Vgl. auch S. 35v.
182
Zitiert nach den Titelblatttranskriptionen bei Singer: Die Fürstenspiegel in
Deutschland im Zeitalter des Humanismus und der Reformation, S. 107f. Singer
gibt weiter einerseits an, daß »das Werk ab 5 in konstanter Bestückung erscheint«
(S. 106) und bemerkt andererseits, es sei »ein unerschöpflicher, mit jeder neuen
Aufl. bedeutend vermehrter Sentenzen- u. Exempelschatz.«
67

die von Gott geoffenbarte Wahrheit. Indirekt ist davon auch das fürstliche
Größenbild betroffen, in das auf der einen Seite auf längere Sicht dispositori-
sche Kompetenzen eingehen und das auf der anderen selbst als rhetorisches
Instrument disponibel wird. Daß sich dabei die Struktur der Exempla wan-
deln kann, wird sich im folgenden Kapitel wenigstens andeuten.
Für den zweiten Aspekt - den der rhetorisch-psychologischen Funktiona-
lisierung heroischer Exempla - nenne ich anhand eines Beispiels Entwick-
lungslinien in das 17. Jahrhundert. Es wurde schon klar, daß den Autoren
der Barockzeit dasselbe, im wesentlichen aus der Antike überkommene Ar-
senal an stereotypen Theoremen zur Unverzichtbarkeit der »Historien« im
Rahmen der Fürstenausbildung und zur rhetorischen Funktion monumenta-
ler Exempla zur Verfügung steht, auf das sich auch Lauterbeck stützt. Dieser
Vorrat enthält neben der Lehre, daß sich der Fürst als Adept an den bewähr-
ten heroischen Exempla zu orientieren habe, auch die Vorstellung von dem
Exemplum, das er selbst dem Volk gibt. Nicht erst in der literarischen Über-
lieferung, sondern schon als Regent verwandelt er sich auf diese Weise in
ein lebendiges Paradigma. Unter funktionalen Aspekten muß deshalb der
Begriff des Exemplarischen, zumal mit Blick auf die Anschaulichkeitsorien-
tierung der Barockzeit, auf das Nichtliterarische ausgeweitet werden.
Lauterbeck fordert vom Fürsten eine gelehrte Bildung, damit »die Vnter-
thanen ein Exempel/ daruon zu nemmen hetten/ jre Kinder auch zu guten
Künsten vnd Tugenden zuhalten. Fürnemlich aber/ damit er möcht in seiner
Regierung/ andern deste weißlicher fürgehen/ dergleichen für sich selbst ein
fein massig/ tugendhafft sitig vnd Gottselig leben führen/ Denn sich gewöhn-
lich die Vnterthanen/ nach jren Herren vnd Oberkeit pflegen zurichten«.183
Lorichius erwartet, daß Fürsten und Adlige »vor andern Leuten vnbefleckter
vnd heiliger Leben führen«, weil »ander geringer Leut Sünde nicht so schäd-
lich/ groß/ vnd ärgerlich gehalten werden/ als grosse Herren Sünde vnnd
Schande/ welche weit erschällen/ vnd außgebreit werden/ vnnd auff sie alle
Augen der Vntersassen gerichtet sind/ vnd von jnen Exempel nemmen.«184
Lauterbeck wie Lorichius stellen die Higendkonstitution des Fürsten in den
Mittelpunkt, die mit dem Begriff des >guten< Regiments im wesentlichen zu-
sammenfällt.
Hingegen unterliegt in den Staatsräson-Lehren des ausgehenden 16. und
beginnenden 17. Jahrhunderts die Lehre vom Fürsten als heroischem Exem-
plum dem Zugriff des politischen Kalküls. Die Tügendexempla stehen nicht
mehr nur im Dienst einer allgemeinverbindlichen Ethik, sondern können als
Instrumente zur Durchsetzung politischer Interessen funktionalisiert werden,
vorrangig mit dem Ziel der Stabilisierung von Staat und Herrschaft. Wie
Saavedra Fajardo lehrt, schadet der Mangel an lügenden dem Ansehen der

183
Lauterbeck: Regentenbuch, S. 41r.
184
Lorichius: Ein Nützliches vnd sehr notwendiges Tractätlin, S. 53.
68

Gesetze und führt zu Erscheinungen des Staatsverfalls, nämlich zur Freiheits-


liebe, zum Haß auf die Herrschaft und endlich zur Gefährdung der fürst-
lichen Regierung. »Derowegen ist vonnöhten/ das sie [die Fürsten] tugendt-
same bedienten haben/ die jhnen mit eyfer vnd frombheit mit raht beysprin-
gen/ welche dan auch mit jhrem Exempel vnd ansehen die tugendt in der
gemeine einführen vnd erhalten.«185 Der Fürst als Exemplum wird auf diese
Weise zum Integrationspunkt einer umfassenden Herrschaftspsychologie, die
sich auf die Wirkungsmacht der Anschaulichkeit stützt. Die >exemplarische<
rhetorische Steuerung zielt letztlich auf die rationalisierende Kontrolle über
die Unzuverlässigkeit der Affekte. Der Exempelgebrauch dient daher nicht
einzelfallbezogener Problemlösung, sondern wird zur Technik staatserhalten-
der Kontingenzkontrolle. Daß Saavedra Fajardo die Wirkung der Ahnen-
reihe mit dem psychologisch kalkulierten, verpflichtenden und zu staatsdien-
lichen Heldentaten anregenden Verteilen von Ehrungen durch den Fürsten
gleichsetzt, deutet in dieselbe Richtung: »Nit minder werden die Edle gemüt-
ter/ von jhrer vorältern rühmlichen tahten obgemüntert zu was tapfers/ als
von denen ehren/ welche sie von denen Königen empfangen haben/ vnd noch
hoffen.« 186 Ähnliche Hinweise findet man bei Giovanni Botero und Michael
Kreps.187 Wohl in diesem Zusammenhang kann sich - wiederum bei Saave-
dra Fajardo - ein Bewußtsein vom Dissimulationscharakter literarischer
Exempla und von ihrer um so effektiveren suasiven Potenz in den Vorder-
grund drängen. Der Verfasser beschließt seine Ausführungen über die exem-
plarische Tugenderziehung des Fürsten:
Derowegen nachdem die laster deß hoffs werden (so viel als möglich ist) fein gebes-
sert worden/ vnd die art vnd Zuneigung eines Fürsten wol erkandt/ so wollen die
lehrmeister vnd Praeceptores solche also mäßigen das sie zu denen dingen die da
tapffer vnd tugendreich sein sich anfangen zu begeben/ vnd verdeckter weiß in
dessen gemüht den Saamen deß ruhms vnnd der tugendt außsehen/ auff das wan
sie dermahl eins werden auffgehen/ man nit woll könne vrtheilen/ ob solche von
der natur oder von der kunst herrühren. 188

185
Saavedra Fajardo: Ein Abriss eines christlich-politischen Printzens (1655), S. 489.
186
Saavedra Fajardo: Ein Abriss eines christlich-politischen Printzens (1655), S. 555.
Beachtenswert ist auch das Vertrauen, das Saavedra Fajardo in das politisch-psy-
chologische Lenkungsvermögen des fürstlichen Exempels setzt (Abris, 1676, S. 139):
»wir lassen vns von den Fürsten auff jedweder seite lencken/ vnnd seind den Rä-
dern/ welche Ezechiel in seinem Prophetischen gesicht gesehen/ nit viel vngleich/
welche nach der bewegung der Cherubinen sich rüsteten/ vnnd auffs genaweste
nachfolgeten.« Vgl. auch ebd., S. 351.
187
Botero: Gründtlicher Bericht/ von Anordnung guter Policeyen und Regiments,
S. 304 v -306 v , wo der Verfasser im Rahmen von Ausführungen über den motivieren-
den Effekt immaterieller Belohnungen auch den Nutzen der Geschichtsschreibung
des Fürsten und seiner bewährten Bediensteten preist. - Kreps: Teutsche Politick,
S. 83-85, fordert den Fürsten zu vorbildlicher Tugendhaftigkeit auf und schließt:
»Deßwegen wo ein Herr gute vnd dapffere Vnterthanen haben will/ soll er vor-
nemblich sorg tragen/ was gestalt er dieselbe tugenthafft mache/ dann solche vor
andern sich gern regieren lassen.«
188
Saavedra Fajardo: Abris eines christlich-politischen Printzens (1674), S. 221
69

In dem Maß, in dem das exemplarische Wirkungspotential des Fürsten zum


politischen Instrument wird, entwickelt sich eine Kunst der Repräsentation
fürstlicher Größe, ja, es erweist sich als notwendig, das Phänomen der heroi-
schen Größe zwar nicht >kritisch< zu untersuchen, aber topisch verfügbar zu
machen. Die Theorie des Exemplums berührt sich an dieser Stelle mit jenen
Komplexen, die in den Politiken unter den Stichworten Reputation, Auctori-
tas und Maiestas behandelt werden. Ein weiterer Begriff des Exemplums
müßte deshalb auch den gesamten Komplex der Repräsentation unter dem
Aspekt der Anschaulichkeit einbeziehen. Das Prinzip der psychologischen
Kontrolle durch Anschaulichkeit liegt jedenfalls auch der Begründung zu-
grunde, die Lünig für das Zeremonialwesen liefert. In seiner Formulierung
erkennt man die Differenz zwischen der Ohnmacht der Praecepta und der
Effektivität der Exempla wieder. Danach sind »die meisten Menschen, vor-
nehmlich aber der Pöbel, [...] von solcher Beschaffenheit, daß bey ihnen die
sinnliche Empfind- und Einbildung mehr, als Witz und Verstand vermögen,
und sie daher durch solche Dinge, welche die Sinnen kützeln und in die
Augen fallen, mehr, als durch die bündig- und deutlichsten Motiven commo-
viret werden.«189 Ebenso sind bildliche Darstellungen in diesem Sinn als ex-
emplarisch zu bewerten.
In der Gesamttendenz liefert zunehmend der Staat die Legitimations-
grundlage für politisches Handeln. Die Tugendlehre kann, rhetorisch und
ästhetisch vermittelt, zum Instrument werden, das der Begründung und Kon-
servierung von politischer Stabilität und Interessenpolitik dient. Unter den
Auspizien moderner Staatlichkeit und Politik setzt eine Bewegung ein, mit
der schließlich das Politisch-Heroische die Aura des Numinosen verlieren
und sich in eine Technik politisch-psychologischer Komplexitätsreduktion
verwandeln wird. Die Verselbständigung der politischen Klugheit hat also
ihr Gegenstück in der Funktionalisierung heroischer Tügendexempla.

1.2.2 Geschichte als politische Lehrmeisterin: Johann Heinrich


Boeclers Historia schola principum
1640 veröffentlichte Johann Heinrich Boeder in Straßburg den Traktat Hi-
storia schola principum}90 Mit dem Titel greift der Verfasser ebenfalls die
Empfehlungen auf, denen zufolge die Historia einen Kernpunkt der Fürsten-
ausbildung darstellen sollte. Doch spielen bei ihm heroische Vorbilder als
Weg zu eigener Tligendgröße keine Rolle; heroische Größe taucht in seiner

189
Lünig: Theatrum ceremoniale, S. 5.
190
Von mir benutzte Ausgabe: Boeder: Historia universalis [...]. Praemittitur ejusdem
historia principum schola, itemque dissertatici de utilitate ex historia universali ca-
pienda, Straßburg 1680. Zu Boeder vgl. Etter: Tacitus in der Geistesgeschichte des
16. und 17. Jahrhunderts, S. 160t Zu Boeder als Rhetoriker Barner: Barockrheto-
rik, S. 414f. Zu politischen Aspekten Weber, Prudentia gubernatoria, S. 94£
70

Abhandlung nicht auf. Zwar hält auch er an der Vorstellung von der Ge-
schichte als Offenbarung Gottes fest.191 Dieses Theorem liefert aber nur ei-
nen allgemeinen Rahmen, nicht das methodische Muster für die Aneignung
der Exempla. Der Verfasser, der zum Kreis der Straßburger Tacitisten ge-
hörte, beschäftigt sich stattdessen mit dem Thema aus der Perspektive der
politischen Klugheitslehre. Dem weiteren Umfeld, dem Boeclers Schrift ent-
stammt, hat Kühlmann unter den Aspekten der stilistischen Neuorientierung
(an Tacitus), der politischen Programmatik und des gewandelten gelehrten
Selbstverständnisses grundlegende Forschungen gewidmet.192
Im Aufbau folgt die Abhandlung Ciceros Aufgliederung der Prudentia in
ein retrospektives, diagnostisches und prognostisches Vermögen (Memoria,
Intelligentia, Providentia).193 Die Historia gewinnt ihre Bedeutung für die
Ausbildung des Fürsten als Vermittlungsinstanz politisch-technischer Fertig-
keiten. Die Abhandlung berührt sich mit den Interessen der Staatsräson-
Lehren des ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts, mit denen
sie auch eine antimachiavellistische Programmatik teilt.194 Als jüngere Auto-
rität für seinen Blick auf die Geschichte zitiert Boeder wiederholt Philippe
de Comynes. Ihm zufolge sind die »Historien« dem Fürsten notwendig, weil
sie zeigen, »wie vil ding zum offtermal in diesen [politischen] Gesprechen
mit list vnd auffsatz fürgenommen werden/ vnd in was grosse vnd schwere
bitterkeiten vnd gefahr etwan vil menschen kommen seind/ darumb das sie
jhren widerwertigen zu vil vertrawet haben.«195
Die Unterscheidung zwischen der Nachahmung der Exempla virtutis, wie
sie bei Lauterbeck im Mittelpunkt steht, und dem exemplarischen Einüben
politischer Klugheit, das Boeder dem Fürsten nahelegt, begründet keine fun-
damentalen Differenzierungsmöglichkeiten für die Gattung der Exempla
oder die vom Leser verlangten Rezeptionsleistungen. Auch Lauterbeck er-

191
Vgl. Boeder: Dissertatio de politices Lipsianis, in: Dissertatio de politices Iusti Lip-
sii. Acceßit oratio de historia C. Cornelii Taciti, S. 65f.: Die »Theologiae scilicet
grauioris, sanctiorisque Prudentiae regula«, so der Verfasser, »statim demonstrabit,
fieri sane interdum, vt dolum, & vim aliquantisper successus comitetur, sed paulo
post, vim ipsam, nequitiam ipsam irreparabili lapsu & horrendo ruere, regnisque
ingentibus in ingentem perniciem consciscere. Ilia maiestatem sceptrorum potesta-
temque attollet ac venerabitur, sed vsque ad aras, & ita, vt eadem opera ad exem-
plum Altioris Maiestatis Minorem componat.«
192
Zum Straßburger Umfeld Kühlmann: Gelehrtenrepublik und Fürstenstaat, S. 4 3 -
66; zur Stildiskussion um Cieronianismus und Tacitismus S. 189-266.
193
Boeder: Historia universalis, S. 24. Boeder bezieht sich auf Cicero: D e inventione
II, 53 (S. 147 b £). Vgl. Gilmore: Humanists and Jurists, S. 15.
194
Boeder: Historia universalis, S. 62-67. Allgemein zum Verhältnis von Tacitus- und
Machiavelli-Rezeption Etter: Tacitus in der Geistesgeschichte des 16. und 17. Jahr-
hunderts, S. 24f. u.ö.
195
Comynes: Gründtliche Beschreibung allerlei wichtiger namhaffter Sachen vnnd
Händel, S. 51; lateinische Version: Philippi Cominaei commentarii, in: Tres galli-
carvm rervm scriptores nobilissimi, S. 24. Zu Comynes vgl. Gilmore: Humanists and
Jurists, S. 38-60.
71

wartet als erzieherischen Effekt die Einsicht des Fürsten in das situationsadä-
quate Verhalten. So wenig die Tugendexempla Lauterbecks (und anderer)
die Prudentia ausschließen, so sehr bewegen sich die >prudentistischen<
Exempla im Umfeld der Imitatio und des »incitamentum« passender Ent-
scheidungen.196 Entsprechend kennt die zeitgenössische Exempeltheorie
zwischen beiden Schwerpunkten keinen Unterschied. 197 Obwohl die Konzen-
tration auf den Aspekt der politischen Klugheit Teil der umfassenden anthro-
pologischen Einstellung des Fürsten auf neue politische Anforderungen ist,
stellt sie im Vergleich mit Lauterbeck eine historische Verschiebung dar, die
im taktischen Umgang mit dem psychagogischen Potential heroischer
Anschaulichkeit schon angelegt ist und die dahinterstehende strategische
Kompetenz betrifft. Daß eine Auseinanderentwicklung beider Aspekte, der
repräsentierenden TUgenderscheinung und des dispositorischen Vermögens
einsetzt, deutet sich allerdings nur aus dem historischen Rückblick an.
Natürlich verwertet Boeder traditionelle Stereotypen über den Nutzen
der Geschichte. Zu ihnen gehört die zu Polybios zurückführende Vorstellung
von der Geschichte als Äquivalent politischer Erfahrung: »Daher kommt es,
daß beim Lesen eine Art Urteilsvermögen für das Gegenwärtige und eine
gewisse Erfahrenheit die fähigen Männer erfaßt«. 198 Dasselbe gilt z.B. für
den Grundsatz, daß die Kürze des Lebens nicht genüge, um die für das Re-
gierungsamt notwendigen Erfahrungen zu sammeln; Abhilfe schaffe hier
allein das Studium der Geschichte. Mit diesem Argument ist jene oft wie-
derholte Wendung verwandt, derzufolge Geschichtskenntnisse Knaben zu
Greisen, ihr Fehlen jedoch Greise zu Knaben machen. 199 Doch intensiviert
Boeder die Ausbreitung der bekannten Vorzüge exemplarisch-historischer
Lektüre; die Abhandlung als ganze wird zur Auseinandersetzung mit den
spezifischen politischen Anforderungen der ersten Jahrzehnte des 17. Jahr-
hunderts. Das grundierende Motiv der Komplexitätsreduktion durch histori-

196 Für die Imitatio als Basiseffekt der Exempla vgl. auch bei Moos: Geschichte als
Topik, S. 67f., Anm. 164 die Ausführungen zum - anders gelagerten - Verhältnis
von imitations- und beweisorientierten Exempla. Zu den Exempla virtutis und den
auf die Klugheit bezogenen Exempla auch (mit abweichender Bewertung) Landfe-
ster: Historia Magistra Vitae, S. 133. Allgemein zur Vorstellung von den Exempla
als Quelle der Lebensklugheit ebd., S. 165.
197 Zu den Anforderungen an die Fürstentugenden bei Boeder vgl. etwa Historia uni-
versalis, S. 69; 8 9 - 9 1 ; 98.
198 Boeder: Historia universalis, S. 67: »Hinc est, quod inter legendum quidam praesen-
tiae sensus & experientiae, ánimos habiles pertentat«. Vgl. auch Kirchner: De offi-
cio et dignitate Cancellarli, S. 72. Zum Thema Nadel: Philosophy of history before
historidsm, S. 295.
199 Boeder: Historia universalis, S. 131 Comynes: Gründtliche Beschreibung allerlei
wichtiger namhaffter Sachen vnnd Händel, S. 52; [Anonym:] Fürstliche Lection
Oder Kurtze Vnterrichtung von den notwendigen Tilgenden/ daß ein Fürst sein
Land vnd Leut wol vnd glückselig regiere, S. 23f. Chokier: Thesaurus Politicus,
S. 329f.
72

sehe Exempla spitzt Boeder so zu, daß die Geschichte sich konsequent der
politischen Praxis zuordnet und letztere gleichzeitig mit neuen Schwierigkei-
ten konfrontiert.
Auf dem Gebiet der Prudentia sind, wie der Traktat darlegt, die Exempla
einerseits gegenüber den Praecepta, andererseits gegenüber der praktischen
Erfahrung im Vorteil. Während für die Abwertung der Praecepta deren Un-
zuständigkeit für die Kontingenz des Politischen den Ausschlag gibt, begrün-
det Boeder die Distanzierung von der bloßen Praxis mit der empirischen
Undurchschaubarkeit und Unübersichtlichkeit des Singulären. Für die ver-
gleichende Beurteilung des Texts scheint wichtig, daß der zuletzt genannte
Gesichtspunkt bei Lauterbeck noch fehlt. Die exemplarisch gelesene Histo-
ria siedelt sich für Boeder zwischen dem Konkreten und den allgemeinen
Sätzen an, in jenem Mittelfeld, dem die Prudentia zugeordnet ist.
Boeder erklärt allgemeine Regeln auf dem Gebiet der Prudentia für un-
zureichend: »Eine wahre und echte Unterweisung in der Klugheit mit größe-
rem Erfolg verspricht die Historia; und was den Praecepta fehlt, das liefern
effektvoll die Exempla.«200 Über die Kontroverse zwischen Praecepta und
Exempla gewinnt er Anschluß an die >politische< Distanzierung von der
Schulgelehrsamkeit. Der Traktat erweist sich unter diesem Aspekt als Teil
der Bemühungen, gelehrtes Wissen für die Perspektive der Fürsten und
Staatsdiener aufzuwerten bzw. die Gelehrten auf die Anforderungen von
Hof und Politik einzustellen. Dem entsprechen Boeclers gelehrsamkeitskriti-
sche Bemerkungen. Nicht nur den Praecepta selbst, sondern auch den aus
Praecepta und Exempla gemischten Schriften solle man den ersten Rang
verweigern. Dazu zählen Unnützes und Nebelhaftes aus Italien und Frank-
reich, aber auch philosophische Werke von Cicero, Plutarch und Seneca:
»Auch wenn sie bei der Bildung eines Urteils über die Gegenstände den
größten Nutzen haben, erfassen sie doch das wahre Bild der Gegenstände
und Handlungen selbst, ohne dessen Kenntnis hier nichts gelingt, langsamer
und undeutlicher.«201
Boeder verzichtet darauf, die affektpsychologischen Vorzüge der Exem-
pla zu betonen. Während für Lauterbeck die paradigmatische Verwirkli-
chung von Tugendgröße und die Auswertung der Exempla nach dem Virtus-
vitium-Schema im Vordergrund standen, richtet sich Boeclers Hauptaugen-
merk auf die Fähigkeit, das Funktionieren der politischen Einzelfälle zu

200
Boeder: Historia universalis, S. 22: »Veram itaque & solidam prudentiae institutio-
nem felicius & liberalius Historia profitetur: quodque praeeeptis deest, suggérant
efficaciter exempla.«
201
Boeder: Historia universalis, S. 21: »at vero sicut in judicio de rebus informando
possunt plurimum, ita rerum actuumque ipsorum indolem, sine cuius cognitione
nihil hic procedit, segnius & obscurius attingunt.« Zur Auseinandersetzung um die
humanistische Schulgelehrsamkeit grundlegend: Kühlmann, Gelehrtenrepublik und
Fürstenstaat.
73

durchschauen. Das Singulare ist bei ihm nicht lediglich die Bedingung, unter
der die Verwirklichung allgemeingültiger Werte möglich ist, sondern rückt
selbst in den Mittelpunkt.202 Dazu führt er Aristoteles' Klugheitsdefinition
mit der Lehre von den Beispielen zusammen. Die »doctrina civilis« könne
nicht in »kurzen Büchlein« vermittelt werden, sondern betreffe
die Dinge, die über keine ars verfügen und durch keine sicheren Grenzen umrissen
werden können, wie Aristoteles vortrefflich schrieb (6. Eth. 5.), und sie umfaßt nicht
nur das Allgemeine, auf das Lehrsätze angewendet werden können, wie es ja auch
üblich ist, sondern ebenso die Kenntnis der Einzeldinge, zu der es weniger der Re-
geln bedarf als der Prüfung durch näheres Hinsehen. Wandelbar ist die Natur der
menschlichen Handlungen, verborgen sind die G r ü n d e für richtige Ratschläge, fein
die Beobachtung der Umstände, schwierig die Beurteilung der Ereignisse, mit Ge-
fahr verbunden das Voraussehen dessen, was getan werden sollte: wenn man ver-
langt, durch Ars und Lehrsätze aus all diesen ungewissen Dingen gewisse zu machen,
so tut man dies, um geradewegs zu rasen.203

Aristoteles zufolge handelt es sich bei der Klugheit weder um eine »Wissen-
schaft«, die deduktiv beweist, noch um eine »Kunst«, die handlungsanlei-
tende allgemeine Regeln bereitstellt. Vielmehr gilt die Klugheit als diejenige
Tügend, die zu vernunftgemäßen Urteilen und Handlungen in bezug auf das
Nicht-Notwendige befähigt, auf »Dinge, die sich so und anders verhalten
können.« Sie steuert demnach das praktische Erkennen und Handeln in der
Ethik, Politik und Ökonomik. 204
Hingegen geht die Vorstellung von der Erkenntnis- und Überzeugungslei-
stung gerade der Exempla im Bereich der nichtsystematisierbaren Gegen-
stände, von der Induktion durch Beispiele, auf die antike Rhetorik zurück.
Dies hat ausführlich Moos dargelegt, den ich hier referiere.205 Beispiele gel-
ten in der klassischen Rhetorik als eines der »Beweismittel«, und zwar bei
Aristoteles neben dem Enthymem, dem »rhetorischen Schlußverfahren«. Die
Induktion durch das Paradeigma führt nicht, wie die logische, vom Einzelnen

202 Y g j allgemein Dreitzel: Monarchiebegriffe in der Fürstengesellschaft, S. 565.


203
B o e d e r , Historia universalis, S. 18f: »Versatur enim proprie haec prudentia in iis,
quae artem non habent, nullisque certis designali limitibus possunt, quod praeclare
scripsit Aristoteles (6. Eth. 5.) neque generalia tantum, circa quae praecepta pos-
sunt & soient occupari, sed singulorum etiam notitiam complectitur (Id. 6,7) ad quae
non tarn regulis, quam observationis cuiusdam propioris inspectione opus est. Varia-
bilis est natura humanarum actionum, abstrusae rationes consiliorum, subtilis obser-
vatio circumstantiarum, difficile judicium factorum, peliculosa provisio faciendo-
rum: quae omnia si tu artis & praeceptorum beneficio postules ex incertis certa
facere, id agas, ut cum recta ratione insanias.« Vgl. auch B o e d e r : Dissertatio d e
politices Lipsianis, in: Dissertatio de politices Iusti Lipsii. Acceßit Oratio de historia
C. Cornelii Taciti, S. 41f. Z u r Klugheit in Verbindung mit der didaktischen Rolle
der Exempla vgl. Landfester: Historia Magistra Vitae, S. 167.
204
Aristoteles: Nikomachische Ethik, VI 5. In der Übersetzung von Gigon S. 235-237.
Z u r Klugheitslehre bei Lipsius Abel: Stoizismus und Frühe Neuzeit, S. 82t
205
D a s Folgende nach Moos: Historische Topik, S. 3 7 - 3 9 ; 188-193; vgl. auch Alewell:
Ü b e r das rhetorische Paradeigma, vor allem S. 5 - 3 5 ; Rehermann: Das Predigt-
exempel bei protestantischen Theologen des 16. und 17. Jahrhunderts, S. 5£
74

zum Ganzen, sondern im Analogieschluß von einem besonderen Fall zu ei-


nem anderen (vielleicht auch, als verkürztes Enthymem, implizit vom Einzel-
nen über das Ganze zum Einzelnen). Wenn die sich ähnelnden Teile »beide
zu derselben Klasse gehören, das eine aber bekannter ist als das andere,
dann handelt es sich um ein Beispiel.«206 Da das Beweisziel keine allgemein-
gültige Regel ist, gilt der exemplarische Beweis auch nur als »dem Induk-
tionsbeweis ähnlich« und ist aus aristotelischer Perpektive rhetorisch effekt-
voller, philosophisch jedoch von geringerem Gewicht als die vollständige
Induktion. Allerdings kennt Aristoteles neben dem induktiven auch einen
eher illustrativen Gebrauch des Exemplums als »Schlußwort zu den Enthy-
memen«. Kriterien rhetorischer Durchschlagskraft der historischen Beispiele
sind - neben Anschaulichkeit und Adäquatheit - Vertrautheit und Faktizi-
tät. Aristoteles bemerkt, es sei leichter, »mit Hilfe der [nur erdichteten] Fa-
beln zu argumentieren, wirksamer aber bei der beratenden Rede durch den
Verweis auf historische Fakten; denn für gewöhnlich ist das, was geschehen
soll, dem Geschehenen ähnlich.«207 Das auf den Einzelfall bezogene singu-
lare und möglichst dem >heimischen< Erfahrungsbereich entstammende
Exemplum kommt der rhetorischen Intention entgegen, Einverständnis im
Bereich des nicht Beweisbaren, sondern nur Wahrscheinlichen zu erzielen.
Diese induktive Funktion erklärt Moos für die primäre und grundlegende,
die illustrative demgegenüber für abgeleitet und einschränkend. Die beson-
dere kognitive und persuasive Valenz der Exempla liegt also darin, daß sie
Erfahrungswissen bereithalten, das auf praktische und irreguläre Entschei-
dungssituationen angewendet werden kann.
Boeder greift auf die rhetorische »Beispiel-Induktion« (Moos) als Ver-
fahrensweise der politischen Philosophie (»de rebuspublicis philosophia«)
zurück, die man nur »durch Beobachtung der Exempla in den Einzelheiten«
betreiben könne.208 »Wenn man dergestalt genaue Beobachtung ins Werk
gesetzt hat, dann gelingt in bezug auf das Gegenwärtige (denn als derglei-
chen gilt die Historia) die Anwendung auf die Taten selbst zum einen leicht,
weil man die Ähnlichkeit durchschaut hat, und dann auch auf geeignete
Weise, wegen der Vollkommenheit der Erkenntnis.«209
206
Aristoteles: Rhetorik, 1357b; in der Übersetzung von Sieveke S. 16f.
207
Aristoteles: Rhetorik, 1393a-1394a; in der Übersetzung von Sieveke S. 134-136.
Zur rhetorischen Induktion auch Cicero: Topica X42; Quintilian: Institutio Ora-
toria V i l , 1 - 5 . Die von Moos nachgewiesenen Verschiebungen zwischen diesen
Positionen können im gegenwärtigen Zusammenhang vernachlässigt werden. Zur
changierenden Terminologie vor allem in bezug auf erdichtete Beispiele vgl. Moos:
Geschichte als Topik, S. 48-60.
208
Boeder: Historia universalis, S. 54f.: »Ceterum, ne de singulis jam artibus dicam,
tota de rebuspublicis philosophia non potest exacte, nisi per obseruationem exem-
plorum in singulis, tractari.«
209
Boeder: Historia universalis, S. 56: »Instituía igitur ad hunc modum obseruatione,
in re praesenti (talis enim habetur Historia) applicatio ad ipsos actus, tum facile, ob
similitudinem perspectam; tum dextre, ob perfectionem cognitionis, suscipitur.«
75

In den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts begründet das Interesse


an der einzelfallbezogenen Schulung der politischen Prudentia die Karriere
der historischen Exempla nicht zuletzt in den tacitistischen politischen Lehr-
büchern. Masse und Funktion der Exempla könnten als ein literarisches Un-
terscheidungsmerkmal zwischen den systematisch-aristotelischen und den an
praktischen Entscheidungsfragen orientierten Politiken dienen. Johann
Theodor Sprengers Kompilationen Bonvs princeps (1652) und Tacitus axio-
maticus de principe, ministris, & bello (1658) bestehen im wesentlichen aus
Beispielreihen; das letztgenannte Werk bietet hauptsächlich eine topische
Auswertung von Tacitus' Annalen. In der Aufspaltung der Politik in einzelne
Handlungskomplexe, die in kein systematisches Zuordnungsverhältnis zuein-
ander gebracht werden, ähneln diese Bücher der Aphorismensammlung von
Eberhard von Weyhe (Avlicvs politicvs, 1615).210 Gattungstheoretisch wäre
zu überdenken, ob Zitate, Apophtegmata und Aphorismen nicht ebenfalls
exempla-ähnliche Funktionen übernehmen, soweit sie nicht auf bloße Lehr-
sätze reduziert werden.
Sprengers einzelne Themen (Religionspolitik, Erhebung von Abgaben,
Kontrolle der Untertanen, Festungsfrage, Verhaltensmaßregeln für den Für-
sten etc.) entsprechen den Interessenschwerpunkten der antimachiavellisti-
schen Politiken.211 Der Verfasser verzichtet weitgehend auf differenzierte Er-
örterungen des jeweiligen Gegenstands und begnügt sich häufig mit knapp
gehaltenen allgemeinen Empfehlungen, denen er die Exempla beigibt. Schon
dadurch fällt den Beispielen ein erhebliches Eigengewicht als Quelle politi-
scher Klugheit zu. Ihre Aufgabe erschöpft sich aber nicht darin, Belegmate-
rial für die politischen Ratschläge zu liefern oder allgemeingültige Gesetze
lediglich zu bestätigen. Auch bei Sprenger findet sich die Formel von der
Unzulänglichkeit politischer Regeln, wenngleich entschärft durch den Hin-
weis auf ihre Unverzichtbarkeit. Klassischer Gegenstand solcher Bedenken
ist das Hofleben: »Vergeblich, so scheint es, wird man dem Hofmann Regeln
der Sicherheit vorschreiben«, denn die Gnade des Fürsten hänge von unbere-
chenbaren Faktoren ab wie der Übereinstimmung der »ingenia« von Fürst
und Hofmann, den Folgen eines Wechsels im Fürstenamt und der Fortuna.212
Was den Abschluß von politischen Verträgen betrifft, macht Sprenger darauf
aufmerksam, daß es unmöglich sei, alle Variablen zu berücksichtigen. Zwar
könnten »nicht alle Umstände erwogen werden, da sie sich mit den Zeiten,
den unterschiedlichen Geschäften, den vertragschließenden Personen, den
Absichten der Verbündeten und dem Geist von Land und Volk nur allzu

210
Zu Weyhe und Sprenger vgl. Kühlmann: Gelehrtenrepublik und Fürstenstaat, S. 61f.
211
Zur Machiavelli-Kritik vgl. Sprenger: Bonvs princeps, S. 2.
212
Sprenger: Tacitus axiomaticus, S. 183: »Frustra videbuntur praescribi securitatis re-
gulae aulico.« Vgl. auch ebd., S. 183-185, jedoch ebenfalls S. 186: »Haec, quidem
quamvis vera sint, ideo tarnen aulae certas regulas non excludunt, quibus quis gra-
tiam principis adipisci, illamque conservare potest.«
76

häufig ändern«. Gleichwohl sollen die Fürsten jeweils eine Reihe von Bedin-
gungen beachten, nämlich Machtverhältnisse, nachbarschaftliche Nähe, Ähn-
lichkeit der Staatsformen, Volkscharakter und Glauben. 213 Die Exempla ha-
ben die Aufgabe, die Regeln in Hinblick auf die vielfältig konditionierte
Komplexität politischer Vorgänge zu ergänzen und zu ersetzen.
Auch die Kumulation von Beispielen bietet nicht nur eine Vermehrung
des Stoffs, sondern darüber hinaus eine Multiplikation der Aspekte. Den
Topos »De jactantia« (»Von der Prahlerei«) entfaltet Sprenger in einer Reihe
von Einzelgesichtspunkten, die er jeweils mit Beispielen belegt bzw. die be-
reits exemplarisch formuliert werden: Der Beamte (»minister«) solle sich
nicht selbst eine Leistung »zuschreiben, die nach dem gemeinen Gebrauch
der Hofleute, die auch Zufälliges der fürstlichen Tugend beimessen, dem
Fürsten zuzurechnen ist«;214 die Fürsten halten es für ungehörig, »wie Nero
zu Seneca sagte, Ruhm aus dem zu erwerben, was dem Fürsten Schande
bereitet [...], eine Ruhmredigkeit, die sie gewöhnlich als Verachtung der ei-
genen Person verstehen, so daß sie nicht einmal die Prahlerei ihrer nächsten
Vertrauten ertragen können«;215 der Beamte sollte deshalb nicht den Ein-
druck der Selbstliebe erwecken;216 da die Fürsten niemand neben sich dulden
können, soll der Beamte »sich nicht in solchen Dingen um Ruhm zu bemü-
hen scheinen, wo der Fürst sein Vorrecht beansprucht«; er soll schließlich
»den Fürsten nicht zu sehr verpflichten, wie viel er auch immer bei ihm gilt,
damit ihn der Fürst nicht fürchte, denn wo Furcht ist, da ist auch Haß, und
daraus folgt der Sturz«.217 In der topischen Struktur des Textes ordnen und
interpretieren die Regeln die Vielfalt der historisch-exemplarisch vorgefun-
denen Aspekte. Sie erweisen sich geradezu als angewiesen auf eine differen-
zierende Kette von Exempla. Bei der Verzeichnung von Betrugs- und Ver-

213
Sprenger: Tacitus axiomaticus, S. 102: »Adeoque juxta haec, cum circumstantiae
omnes ponderali nequeant, cum juxta tempora, juxta diversitatem negotiorum,
juxta persona[s?] contrahentium, juxta mentes foederatorum, juxta ingenium terrae,
populique saepissimè varient, tarnen quoad potest, haec Principibus à Politicis incul-
cantur. 1. ut in omnibus foederibus considèrent 1. Potentiam. 2. Viciniam. 3. Simili-
tudinem Politiae. 4. Ingenium populi. 5. Fidem.«
214
Sprenger: Tacitus axiomaticus, S. 187: »Caveat minister sibi de jactantia, ne si quid
boni fecit, id sibi attribuat, quod ad principem communi aulicorum more, qui etiam
fortuita principe[i?]s in virtutem trahunt, referendum est.«
215
Sprenger: Tacitus axiomaticus, S. 188£: »Non enim decorum putant, sicut Nero ad
Senecam, inde sibi gloriam recipere, quod principi infamiam parat T.1.14. quam
jactantiam vulgo in sui contemptum capiunt, ita ut nec proximorum jactantiam pati
queant«.
216
Sprenger: Tacitus axiomaticus, S. 189: »Melius itaque est, si minister non philautus
videatur«.
217
Sprenger: Tacitus axiomaticus, S. 190: »Ne sibi in hac ne gloriam quaerere videatur
in qua princeps sui praerogativam quaerit, principes enim socios ferre nequeunt«.
»Nec nimis principem constringat, quamvis in animo principis validus sit, ne ilium
princeps metuat, ubi enim metus, ibi odium, ex quo casus«.
77

leumdungstechniken (»Modi [...] decipiendi, calumniandi & corrumpendi«)


am Hof verzichtet Sprenger sogar gänzlich auf Kommentare. 218
Da die Exempla geeignet sind, die Abhängigkeit politischer Entschei-
dungen von den jeweiligen Umständen zu demonstrieren, bieten sie sich als
Darstellungsmedium gerade für die kasuistischen Politik-Konzeptionen der
Staatsräson-Lehren an. Dies wird besonders dort deutlich, wo der Grad der
Prinzipientreue von den jeweiligen Bedingungen abhängt. Bei Sprenger gilt
dies etwa für die Empfehlungen, einem Fürsten, der Lastern zugeneigt ist,
geringeres Fehlverhalten zuzugestehen, um größeres zu vermeiden, und sich
gegen bessere Einsicht schlechteren Ratschlägen anzuschließen, um persönli-
chen Gefahren zu entgehen. 219 Sprenger findet demnach in den Exempla
einerseits ein Mittel der Darstellung der Vielfalt, Komplexität und Irregulari-
tät politischer Prozesse und andererseits eine Möglichkeit der Simulation
politischer Klugheit als Entscheidungs- und Handlungskompetenz, die sich
gegenüber der Ethik verselbständigt.
Im Vergleich mit der Vielfalt der exemplarisch veranschaulichten Ge-
sichtspunkte bei Sprenger legt Boeder zusätzliches Gewicht auf die Intensität
der Beispiel-Interpretation. Der Text ist von einer Metaphorik des Dahinter-
Schauens und des Hervorziehens durchzogen. Das Durchschauen von Ver-
borgenem gehört zu den politischen Fertigkeiten, die die Staatsräson-Litera-
tur lehrt. 220 Doch für den Moment sei nur festgehalten, daß diese Chance
nach Boeder ein Kriterium ist, mit dem sich das Studium der Geschichte
über die bloße Erfahrung erhebt:
Die Erfahrung zeigt den Gegenstand, die Historia den Zusammenhang; jene er-
klärt, was erscheint, diese, was darin, ja, was darunter steckt; jene, was in die Augen
fällt, diese die Umstände; jene das Naheliegende, diese darüber hinaus das Entle-
gene; jene das Äußere, diese das Innerste; jene erklärt mancherorts, diese überall;
jene manchmal, diese immer. 221

Die Interpretation der Geschichte, die die anders nicht zugängliche Einsicht
in Hintergründe, Umstände und Zusammenhänge gewährt, stellt dieselben
Anforderungen an den Leser wie der argute Stil. Boeder rühmt Tacitus als
Paradebeispiel einer verknappten und vielsagenden Redeweise. Im Zusam-
menhang mit der Kunst, verdeckte Wertungen zu suggerieren, verweist er
auf Tacitus' besonderes Geschick, durch die Mannigfaltigkeit der Vermutun-
gen das eigene Urteil den Einfältigeren zu verbergen, den Klügeren hingegen

218
Sprenger: Tacitus axiomaticus, S. 271-279.
219
Sprenger: Tacitus axiomaticus, S. 249; 252t
220
Kühlmann: Geschichte als Gegenwart.
221
Boeder: Historia universalis, S. 39: »Experientia rem ostendit; Historia rei con-
textum: ilia, quae adsunt; haec, quae insunt, imo vero, quae subsunt, declarat: illa,
quae extant; haec, quae circumstant; ilia, propinqua; haec, remota insuper; illa, exte-
riora; haec, intima: illa, alicubi; haec, ubique: illa, aliquando; haec, semper demón-
strate
78

in prächtiger Diktion nahezubringen. Der Vorzug dieses Stils liege darin,


eine Fertigkeit zu trainieren, mit deren Hilfe der Historiograph in Zweifels-
fällen ein gesichertes Urteil fällen und dem Anschein der Unvorsichtigkeit,
der Politicus hingegen dem der Blindheit und >Blödigkeit< im Nebel der poli-
tischen Praxis entgehen könne.222 Vor allem bei Tacitus sei auch zu beobach-
ten, daß nur mit einem Satz »sowohl das ausgedrückt wird, was geprüft wer-
den sollte, als auch das mit einfließt, was im Zusammenspiel von Ursachen,
Gründen, Nachbaraspekten und dem besonders Erwogenen das Urteil si-
chern und befestigen kann.«223 Boeclers Abhandlung zufolge sollen also die
historischen Exempla, tacitistisch gelesen, den Scharfsinn schulen. Er be-
schreibt die fürstlichen Fähigkeiten, die durch das Studium der Historiogra-
phen ausgebildet werden sollen, u.a. als Übung der Gewandtheit, als »vis
[...] perspiciendi«, »penetrandi instrumenta«, »discernendi cura promtitudo-
que« und »comparatio perpetua«, wobei er Wert darauf legt, daß diese Quali-
täten das »ingenium« schärfen, der »natura« ähnlich arbeiten und als praxis-
bezogene von einer kontemplativen, also gelehrten Haltung grundlegend
verschieden sind.224
Auf diese Weise entsteht ein mehrschichtiges Funktionsmodell der Ge-
schichte, das nach dem Prinzip der rhetorischen Dissimulatio aufgebaut ist
und die Fähigkeit verlangt, die »Schleier« und »Trugbilder« zu entfernen. 225
Damit führt Boeder über die Imitation von Klugheitsvorbildern hinaus. In
gewissem Umfang verschiebt sich der Schwerpunkt von der Nachahmung auf
die Excrwpclinterpretation. Mehr als bei Lauterbeck liegt die Lehre in der
Einübung einer politisch-historischen Kunst des Entschlüsseins.
Unter dem sezierenden Blick des >politischen< Betrachters wird die
Nichtsystematisierbarkeit historischer Ereignisse vollends deutlich, damit
aber zugleich die Sonderkonditionen, denen jedes einzelne von ihnen unter-
liegt. Als ebenso aufschlußreich wie die Analogien erscheinen daher dem

222
Boeder: Historia universalis, S. 72f.: »Coniecturarum peculiare est in Tacito artifi-
cium, quarum varietate, dissimulatur judicium Auctoris apud simpliciores; pruden-
tioribus & hoc agentibus cum apparatu instillatur. Nam & Historici interest, ne in
ambiguis rebus & arduis, sine monumentorum fide disertim judicet: neque interim
tarn excercitati videtur Politici, in factorum nube caecutire. quorum ut illud temeri-
tatis; ita hoc simplicitatis queat existimari.« Vgl. auch ebd., S. 4 8 - 5 0 , zu dem politi-
schen Hintergrundwissen, das Tacitus dem Leser durch seinen Stil vermittle, sowie
Boeder: Oratio de C. Cornelii Taciti historia, ac multa scribendi arte iudicioque, in:
Dissertatio de politices Iusti Lipsii. Acceßit oratio de historia C. Cornelii Taciti,
S. 88t
223
Boeder: Historia universalis, S. 73: »Est & profundissimae philosophiae illa ratio
obseruanda, praecipue in Tacito, cum unius sententiae dictique ambitu & illud expri-
mitur quod spectandum erat, & illud subjiciuntur, quae inter caussas, principia, affi-
nia, seorsim expensa, judicium praemunire possunt aut emunire. «
224
Boeder: Historia universalis, S. 67 - 6 9 .
225
Boeder: Historia universalis, S. 58: »Obtenditur enim vniuscuiusque negotii natura
multis inuolucris & simulacris, quae iudicium haud raro fallunt.«
79

Verfasser die Differenzen. Sorgfalt sei geboten, damit »wir nicht durch Ähn-
lichkeit oder Unähnlichkeit getäuscht werden.«226 Die >durchschauende<
Lektüre übt also den Sinn für das nichtübertragbar Besondere des Einzelfalls
und läßt - mit Konsequenzen für die politische Applikation der historischen
Exempla - den Wissensbereich der Historia in scharf zersplitterter Form
erscheinen. Die Einsicht, daß die Singularität einer einfachen Anwendung
auf andere Einzelfälle im Weg stehen kann, ist natürlich auch älteren Auto-
ren geläufig, präzisiert aber etwa bei Garzoni nur den Grundsatz »nihil novi
sub sole«.227 Dagegen gewinnt das scharfsinnige Vergleichen nunmehr eine
bestimmende Rolle für den Umgang mit der Kontingenz des Politischen.
Saavedra Fajardo widmet eines seiner »Sinn-Bilder« der Aneignung ex-
emplarischer Lehren. Mit dem Bild astronomischer Konstellationen verdeut-
licht er die gegenseitige Abhängigkeit von Umgebungsfaktoren und einzel-
nem Ereignis. Da es »sehr schwer/ ich wil nit sagen vnmöglich [ist]/ daß sich
eben eins zutrage alß das andere«, warnt der Verfasser den Fürsten vor unbe-
sehener Nachahmung. Umgekehrt begründet aber gerade die Unmöglichkeit
der Verallgemeinerung den Vorzug des »fall[s]« vor der »Weißheit«, der
Exempla vor den Praecepta. Deshalb »soll ihm eine witzigung seyn/ der auß-
gang welcher anderen begegnet/ aber darumb kein befehl vnd gesätz.«228
Entsprechend relativiert sich auch die Autorität der Historia. Zwar erkennt
Saavedra Fajardo die Geschichte als Schatz akkumulierter Erfahrung an und
empfiehlt dem Fürsten, er möge »der Vorälteren füstapfen lesen«. Doch ge-
hört die Zeit, mit der »viel geändert wird«, selbst zu den Variablen, die
beachtet werden müssen und »Newerungen« ratsam machen.229 Aus der poli-
tisch-praktischen Ausrichtung der »civilis doctrina« ergeben sich so die Be-
gründung einer politischen Kasuistik, die analytische Aufmerksamkeit auf
das Besondere und die Distanzierung von der humanistischen Fixierung auf
die antiken Autoritäten.
Doch beschränkt sich die Funktion der Klugheit nicht auf die Differenzie-
rung. Ihre Aufgabe ist es nicht allein, das Unterscheidende kenntlich zu ma-
chen, sondern im selben Zug, Ähnlichkeiten und Vergleichbares aufzuspüren
und verdeckte Zusammenhänge ans Licht zu bringen. »Wer mitten in den

226
Boeder: Historia universalis, S. 66£: »Quapropter diligenti commentatione ea res
opus habet: ut perspectis in prudenti expositione veris rerum judiciis, ñeque casui &
periculis terga patefaciamus, ñeque similitudine aut dissimilitudine capiamur.«
227
Garzoni: Piazza vniversale, S. 276: »Vnd ist kein zweiffei/ daß es ein grosser Behelff
zur Nachrichtung sey/ wann man auß vnterschiedlichen authoribus vnd Historien
siehet/ was sich nach einer jeden Gelegenheit hat zugetragen/ welches gleichsamb
gewisse rationes seynd/ auß welchen man kann schliessen/ daß sie sich in gleichen
Gelegenheiten/ wo nicht gar auff einen Schlag/ doch nicht sehr vngleichlich zutra-
gen möchten«. Den Gemeinplatz »nihil novi sub sole« zitiert im Zusammenhang
mit der Exempelapplikation Weyhe: Avlicvs politicvs, S. 29.
228
Saavedra Fajardo: Abris eines christlich-politischen Printzens (1674), S. 307.
229
Saavedra Fajardo: Abris eines christlich-politischen Printzens (1674), S. 308£
80

Ereignissen steckt, durchschaut kleine Teile davon, wie oben gesagt wurde;
und gewisse Dinge erkennt er jetzt, andere aber zu anderer Zeit und Gele-
genheit, und endlich bemerkt er bei einem Geschäft nicht den Großteil der
Gegenstände, sondern nur manches.«230 Während sich die gegenwärtige Er-
fahrung durch ihre Unüberschaubarkeit dem umfassenden Zugriff der Pru-
dentia entzieht, bietet der Kontraktionseffekt des historischen Wissens den
Vorteil der Überschau. Dem Argument, daß die Historia in kurzer Zeit mehr
Kenntnisse vermittle, als man in einem ganzen Leben durch eigene Erfah-
rung sammeln könne,231 gibt Boeder eine neue Gestalt. Ihm zufolge ver-
mehrt die historische Vogelperspektive nicht allein die Stoffmasse, sondern
gewährleistet überhaupt erst ihre Interpretierbarkeit, ihren Organisations-
grad und ihre Verfügbarkeit. »Bedenke, daß die Ereignisse und die klugen
Planungen nur eines einzigen Krieges trotz der vereinigten Mühe vieler über
viele Jahre hin nicht vollkommen verstanden werden. Aber in Thucydides,
Diodor und Xenophon wirst du in nur wenigen Tagen einen Krieg von
28 Jahren wie den Peloponnesischen gründlicher durchschauen als die mei-
sten, die dabei waren.«232 Die Historia hat also bei Boeder nicht nur eine
subsidiäre Funktion. In ihr verselbständigen sich die dispositorische Kompe-
tenz des Historiographen und der strategische Überblick des Fürsten. Die
Exempla stehen deshalb nicht mehr zum Zweck einer unmittelbaren ethi-
schen Orientierung zur Verfügung. Einer solchen ist vielmehr kluges Durch-
schauen, Vergleichen und Ordnen vorgeschaltet.
Zuständig für Sammlung und Aufbereitung der Exempla ist die Memoria,
das Grundlagenvermögen, das Boeder als ersten der drei Teile der Prudentia
vorstellt. Sie liefert die Fülle der Exempla, vergleicht sie in Hinsicht auf Ähn-

230
Boeder: Historia universalis, S. 38: »Qui interest rerum actibus, perspicit partículas
rerum, ut supra dictum est; & quaedam quidem nunc, alia alio tempore & opere,
nec in uno negotio denique pleraque, sed aliqua cognoscit.« Vgl. auch S. 11 die
Bemerkungen über die Schlacht, die jeder Beteiligte nur partiell kennenlerne und
über deren Gesamtbild er immer im Ungewissen bleiben müsse.
231
Boeder: Historia universalis, S. 85, bietet Sleidan und Comynes als Autoritäten für
dieses Argument auf. Vgl. Comynes: Gründtliche Beschreibung allerlei wichtiger
namhaffter Sachen vnnd Händel, S. 52: »Darumb man in kurtzer zeit mehr mag
ersehen vnd erlernen/ in Lesung der Historien Bücher/ dann sonst in viler Men-
schen alter/ so man vil Jar lebet/ man nach einander erfahren mag.« Vgl. auch
Chokier: Thesaurus Politicus, S. 95.
232
Boeder: Historia universalis, S. 87: »Belli unius casus & prudentiam, sociata multo-
rum industria, permultis annis, non perfecte videas cognosci. At in Thucydide, Dio-
doro, Xenophonte, paucis diebus, XXVIII. annorum bellum e.g. Peloponnesiacum,
intimius perspicies, quam plerique eorum qui interfuere.« Vgl. auch ebd., S. 49 über
Tacitus: »Ule, cum in annalibus suis, non bella & externos casus, sed domestica
veluti ac interna tractet, ea dexteritate utitur, ut Senatui e.g. non interesse modo
videatur, qui legit, sed obseruare possit plura, quam si interesset«. Zum Verhältnis
von Erfahrung und Historiographie in der Tacitus-Rezeption Etter: Tacitus in der
Geistesgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts, S. 17. Landfester: Historia Magistra
Vitae, S. 133-140.
81

lichkeit und Unähnlichkeit und disponiert sie. Ihre Aufgabe ist es also, die
»exemplorum copia« in eine topische Ordnung zu bringen. Der Überblick
über die Masse der Exempla dient nicht der Rekonstruktion von Entwick-
lungslinien, sondern führt zu einer (gewiß unabschließbaren) Vernetzung -
ganz so, wie Boeder wohl im Anschluß an Cicero, im Verfügungsanspruch
aber auch deutlich über ihn hinausführend, schreibt, »wie wenn in den
Schatzkammern die Reichtümer nach den Arten der Schätze disponiert wer-
den; wenn das Ähnliche an einen Platz geschafft ist, dann helfen die Örter
selbst in ihrer Anordnung dem Fleiß dessen, der etwas entnimmt oder zu-
rücklegt«.233 Boeder zielt auf ein Raster, das die historischen »facta« insge-
samt in Hinblick auf politische Konstellationen verknüpft. Die Historia ge-
winnt so die Gestalt eines »Thesaurus«, der potentiell den gesamten Bereich
des Singulären in sich aufnehmen kann und ihn verfügbar macht. Erst dies
ermöglicht die diagnostische und prognostische Auswertung der Exempla.
Man wird auch mit der Vermutung kaum zu weit gehen, daß die Aufgaben der
Memoria mit den analytischen und synthetisierenden Operationen der Pru-
dentia im wesentlichen zusammenfallen. Es ist eine selbstverständliche Konse-
quenz, aber für den Aspekt der Kontrolle über die Geschichte trotzdem be-
zeichnend, daß Boeder ausdrücklich die Möglichkeit unterstützt, die Exempla
nach ihren Arten (»species«) zu sortieren und dabei die Zeitordnung außer
Kraft zu setzen, wie dies schon einige Autoren praktiziert hätten.234
Von dieser Seite her betrachtet, nimmt sich die Prudentia als lügend aus,
die die Aufgabe hat, die Unüberschaubarkeit des Historischen - bzw. von
Staat und Politik - beherrschbar zu machen. Im Vergleich mit Lauterbeck
liegt Boeclers Verfahren der Interpretation und Anordnung der Exempla
weniger eine moralische als eine politische Motivation zugrunde. Boeder be-
tont, daß der Fürst einen (durch die Loci communes gesicherten) Überblick
über die Geschichte brauche. »So, wie der Fürst ganz dem Regierungsge-
schäft gehört, so ist er der Fürst des ganzen Reichs: Haupt und Seele aller
öffentlichen Handlungen und Geschäfte.«235 Die Prudentia als Fähigkeit, den
Gesamtkomplex des Historischen zu kontrollieren, bestimmt demnach zu-
gleich die Funktion des absolutistischen Herrschers mit. Dieser teilt jedoch
seine Qualifikation unter Einschluß von Epitheta moralischer Größe mit
dem Historiographen, und zwar nicht nur in bezug auf den Einblick in die
Arcana des Staats 236 sondern auch auf den kombinatorischen historischen
Überblick:
233
Boeder: Historia universalis, S. 26: »Sicut cum in gazophylaciis per thesaurorum
genera opes disponuntur; similibus in unum locum conductis, loci ipsi sua serie,
depromentis & recondentis juvant industriam«. Vgl. dazu Cicero: De oratore, 2,
354. Zur Memoria: Rhetorica ad Herennium, III, 16.
234
Boeder: Historia universalis, S. 27.
235
Boeder: Historia universalis, S. 13: »Princeps ut totus imperii, ita totius imperii est:
omnis publicae actionis curarumque caput & anima.«
236
Boeder: Historia universalis, S. 1781: »Diximus supra, scipturo Historiam Vniversa-
82

Und in all diesen Künsten des Ingeniums und der Prudentia liegt zweifellos nichts
ausgesuchteres, nichts selteneres und nichts schwierigeres, als die Gegenstände ge-
danklich so zu begreifen, daß sie zusammenhängen und verbunden werden können,
und sie so zu verweben, daß der Geist von Erklärung und Beweis in jener Verbin-
dung gebildet zu werden scheint. Wenige schrieben und schreiben so: Wenige ver-
standen und verstehen so.237

Daran überrascht weniger, daß der Geschichtsschreiber sich dem Fürsten


annähert, als daß der Fürst dem Geschichtsschreiber ähnlich wird. Hier, so
scheint es, tritt eine Gesamttendenz der Abhandlung hervor, die das Bild des
Politicus gerade in Hinsicht auf die Frage der Größe betrifft. Zwar verlangt
Boeder dem Fürsten die traditionellen Tilgenden ab; gleichzeitig verschiebt
sich jedoch der Schwerpunkt vom persönlichen auf das strategische Handeln.
Der Fürst erscheint nicht als tapferer Streiter, sondern als kluger Dispositeur,
der seine Phantasie in die Planung investiert. Man darf dies als eine Erschei-
nungsform der Verselbständigung politischer Klugheit gegenüber der Ethik
betrachten.
Allerdings führt die Freisetzung der Klugheit offenbar in eine Schwierig-
keit. Zwar liegt auch Boeder daran, mit Hilfe der historischen Exempla ein
tugendkonformes Regiment unter den Bedingungen politischer Verhaltens-
anforderungen zu stabilisieren.238 Die einschlägigen Tugendkategorien kön-
nen aber streng genommen im politischen Kontext keine originäre Orientie-
rungskraft für die Organisation des Exempelmaterials mehr entfalten. Viel-
mehr muß die Prudentia ihre Urteilskriterien, die doch die Voraussetzung
für eine übergreifende Verknüpfung wären, jeweils erst im Umgang mit den
irregulären >Historien< gewinnen. So erhebt sich die Frage, auf welche Weise
unter diesen Umständen ein souveräner Überblick über die Vielzahl der Ein-
zelfälle praktisch zu erlangen, wie ihre Sortierung und Vernetzung zu be-
werkstelligen seien. Am Horizont zeigt sich damit schon die Gefahr eines
Versinkens im Unendlichen.

lem opus esse cognitione accurata, regularum, respectuum, consiliorum, rationum-


que interiorum, quibus regnorum, principatuum, rerumpublicarum status, tanquam
sibi proprius, gaudet fruiturque. Sed hoc prudentiae genus, quám latet in abdito?
quam periculose quaeritur? quàm aegrè reperitur?«
237
Boeder: Historia universalis, S. 184: »Atque in his omnibus & ingenii & prudentiae
artibus, sine dubio nihil est exquisitius, nihil rarius, nihil difficilius, quàm res ita
animo concipere, vt cohaerere & copulali possunt, & ita contexere, vt anima expli-
cations & demonstrations in colligatione illâ, constituí videatur. Pauci ita scripse-
runt scribentque: Pauci ita intellexerunt intelligentque.«
238
Zu den notwendigen Fürstentugenden Boeder: Historia universalis, S. 89-91.