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Das wissenschaftliche Bibellexikon im

Internet
(WiBiLex)

Göttin

Christl M. Maier

erstellt: April 2006

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Göttin

Christl M. Maier

1. Göttin - notwendige Differenzierungen


„Göttin“ ist der Oberbegri für verschiedene weibliche Gottheiten im Alten
Orient, die unterschiedliche Funktionen und Namen haben. Die grammatisch
feminine Form des hebräischen Wortes ’l (’el „Gott“) hat im Alten Testament die
Bedeutung „großer Baum, Terebinthe“ (’elāh), liefert somit bereits einen Hinweis
auf die Verbindung von Baum und Göttin (s.u. 4.2). Die Verehrung einer Göttin
ist keineswegs nur auf den Bereich der privaten Frömmigkeit oder Frauen
einzugrenzen (vgl. 1Kön 15,13; Jer 7,18), sondern war Teil der o ziellen Religion
(1Kön 16,33; 2Kön 23,4). Die sukzessive Bearbeitung der alttestamentlichen
Texte im Blick auf die Einzigkeit Gottes (→ Monotheismus) hat zum Verlust von
Hinweisen auf die Verehrung von Göttinnen im Israel des 1. Jt.s v. Chr. bzw. zu
deren polemischer Ablehnung als „Götzen“ geführt. Im Folgenden werden die
Göttinnen nach Typen bzw. Erscheinungsweisen unterschieden, die sich jedoch
überschneiden können. Die Namen der Göttinnen sind demgegenüber
sekundär und wechseln bei den verschiedenen Völkern im Laufe der
Geschichte.

Die Verehrung von Göttinnen in Israel und Juda im 1. Jt. v. Chr. kann mittels
kritischer Textlektüre, der Deutung archäologisch erschlossener Artefakte und
Inschriften sowie mittels Analogie zu den Nachbarkulturen rekonstruiert
werden. Im Alten Orient sind Göttinnen, Sexualität und Frauen eng aufeinander
bezogen. Nacktheit und Sexualität haben jedoch eine andere Bedeutung als in
der modernen westlichen Welt (Bahrani 2001, 40-69). Die im folgenden
verwendeten altorientalischen Bilder sind nicht „Kunst“ im Sinne visueller
Repräsentationen, sondern „Denkbilder“ mit tiefgreifender religiöser Symbolik
(Keel 1984, 8-9). Sie sind keine Illustration von Texten, sondern eigenständige
Quellen, die im Wissen um ihren Kontext erklärt werden müssen (→
Ikonographie).

2. Herrin und Mutter


Entgegen verbreiteter, auch feministischer Matriarchatsthesen gibt es nicht die

WiBiLex | Göttin 1
Muttergöttin schlechthin, die später vom männlichen Gott verdrängt wurde,
sondern zahlreiche verschiedene Ausprägungen mächtiger weiblicher
Gottheiten. Die Aspekte Macht, Herrschaft, Wildheit, Erotik und Mütterlichkeit
werden zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich stark hervorgehoben.

2.1. Die dicke Sitzende

Eine mit breitem Gesäß und dicken Schenkeln


dargestellte, sitzende Gestalt, die eine oder
beide Brüste präsentiert, ndet sich in
Zentralanatolien (der heutigen Türkei) und
Syrien-Palästina im Neolithikum (Jungsteinzeit,
Abb. 1 Sitzende weibliche Figur 9400-ca. 5000 v. Chr.). Wurden die in Anatolien
(Terrakotte aus Scha‘ar Hagolan; H: gefundenen sitzenden Figuren bisher als →
ca. 10 cm; 6400-5800 v. Chr.).
Muttergottheit gedeutet, so interpretieren die
Ausgräber der neolithischen Siedlung Scha‘ar
Hagolan (südlich des Sees Genezareth) die vergleichbaren Frauenidole zunächst
als Repräsentation der Ahnfrau der Siedlung (Gar nkel / Miller 2002, 221-233).
Die Problematik, zwischen der exemplarischen Frau und der Göttin zu
unterscheiden, zeigt sich in Gar nkels populärwissenschaftlicher Darstellung
der Grabung, wo er sich wieder an die Deutung als Göttin annähert (Gar nkel
2004, 149). Jedenfalls markiert die Sitzende den Übergang zur Sesshaftwerdung
und symbolisiert Fülle und Macht des weiblichen Körpers (Keel / Schroer 2004,
27). Die Tradition der sitzenden Frau bricht im Chalkolithikum (Kupfersteinzeit,
5000-ca. 3300 v. Chr.) in Palästina ab, die meisten der Figurinen und Idole aus
dem 4.-2. Jt. stehen aufrecht.

2.2. Die Herrin und Mutter im 3. und 2. Jahrtausend

In den sumerischen Stadtstaaten des 3. Jt.s wird eine mütterliche Göttin ohne
spezi schen Namen verehrt, die viele Titel trägt, was auf eine Variabilität der ihr
gewidmeten Kulte verweist. Im akkadischen Kontext trägt die Muttergottheit
den Titel bēlit-ilī „Herrin der Götter“, das Atrahasis-Epos nennt sie Mami, Mama
und Nintu („Herrin des Gebärens“). Aber auch andere, namentlich genannte
Göttinnen können den Muttertitel tragen ohne in der Mutterfunktion
aufzugehen.

Darstellungen einer Frau bzw. Göttin mit Kind sind im Blick auf das gesamte
Material von den Anfängen bis in die 2. Hälfte des 1. Jt.s v. Chr. selten. Auf
akkadzeitlichen Rollsiegeln (2350-2150 v. Chr.) ndet sich gelegentlich eine
Anbetungsszene vor einer sitzenden Göttin mit Kind (vgl. Keel / Schroer 2004,

2 WiBiLex | Göttin
Nr. 23).

Der Uterus wird seit Beginn des 2. Jt.s in Form eines Ω-Zeichens abgebildet.
Dieses Zeichen wird in Babylonien den Muttergottheiten Ninchursag und Nintu
zugeordnet. Es begegnet auf mittelbronzezeitlichen Siegelamuletten aus
Südostanatolien (heutige Türkei) und Palästina, die wohl verstorbenen Kindern
mitgegeben wurden (Keel / Schroer 2004, 31 und 59-61).

2.3. Das säugende Muttertier

In Ägypten ist neben Nut und Mut vor allem → Hathor in ihrer Erscheinung als
Himmelskuh die herausragende Muttergöttin, bevor sie mit → Isis, der Mutter
des → Horus, verschmilzt. In Vorderasien werden die Göttinnen Ninchursag
„Herrin des Gebirges“ und → Ischtar gelegentlich in Kuhgestalt dargestellt.

Das Bildmotiv des säugenden Muttertieres begegnet seit dem 3. Jt. v. Chr.
sowohl auf Reliefs in ägyptischen Gräbern als auch auf vorderasiatischen
Siegeln (Belege in Keel 1980, 46-145). Als „Kuh und Kalb“ ist es in Ägypten
zunächst ein Teil landwirtschaftlicher Szenen und signalisiert die Fruchtbarkeit
der Herden. Wo es seit dem Neuen Reich (1550-1150 v. Chr.) auf → Amuletten
oder in Hathorheiligtümern isoliert begegnet, gelegentlich auch mit dem
Prinzen als Säugendem, symbolisiert es den Segen und die sorgende Liebe der
Göttin. In Vorderasien erlangt das Motiv, dort häu ger eine säugende Capride
( → Ziege oder Gazelle), früher als in Ägypten symbolische Bedeutung. Die
säugende Capride begegnet auf altsyrischen Rollsiegeln (19./18. Jh. v. Chr.)
regelmäßig in Verbindung mit einer Göttin als Manifestation ihres Wirkens.
Zeitgleich ndet sich die säugende Kuh neben der kriegerischen Ischtar auf
altbabylonischen Rollsiegeln. In der levantinischen Elfenbeinkunst des 1. Jt.s v.
Chr. sind „Kuh und Kalb“ ein beliebtes Motiv, das sich dank der phönizischen
Handelskontakte im Mittelmeerraum verbreitet. In Palästina ist es auf einer
Krugzeichnung aus Kuntillet ‘Aǧrūd (8. Jh. v. Chr.; → Kuntillet ‘Aǧrūd [Kuntillet
Agrud]) und auf einer Münze aus Samaria (4. Jh. v. Chr.) belegt. Eine säugende
Capride ndet sich zahlreich auf früheisenzeitlichen Stempelsiegeln aus
Palästina (Keel / Uehlinger 1998, 166-174), die als Segensikonen die mütterlich-
nährenden Aspekte einer Göttin darstellen und gleichzeitig eine
anthropomorphe Vorstellung verdrängen.

2.4. Isis als Ikone der Mütterlichkeit

Im 1. Jt. v. Chr. verbreitet sich das


anthropomorphe Bild der ägyptischen Göttin
→ Isis, die den Horusknaben stillt, allmählich

WiBiLex | Göttin 3
im ganzen Mittelmeerraum. In Palästina
begegnet es zuerst in Form ägyptischer
Amulette seit der ausgehenden
Spätbronzezeit (1300-1150 v. Chr.), dann
gehäuft in babylonisch-persischer Zeit (ca.
600-333 v. Chr.) vor allem auf lokal
produzierten Skarabäen und Amuletten.

Abb. 2 Stillende Isis mit dem


Sie gelten
Horusknaben (Skarabäus aus ‘Atlīt; als
600-450 v. Chr.).

gefahrenabweisend, da das Bild der


stillenden Göttin den Segen und Bewahrung
von Mutter und Kind symbolisiert. Die
stillende Isis wird zur Mutterikone schlechthin
und damit auch zu einem ikonographischen
Abb. 3 Stillende Isis mit dem
Vorbild für Maria mit dem Christuskind (vgl. Horusknaben (Skarabäus vom Tell
Keel / Schroer 2004, 266-273). Megadim; 600-450 v. Chr.).

2.5. Fruchtbarkeit und Mütterlichkeit in


biblischen Texten

Weibliche Fruchtbarkeit wird im Alten Testament analog zur Fruchtbarkeit des


Ackerbodens verstanden und damit die Frau in Analogie zur Mutter Erde. Die
„Astarten des Kleinviehs“ erscheinen in Dtn 7,13; Dtn 28,4.18.51 als Segensgabe
JHWHs und verweisen auf die Schutzgöttinnen der Herden (→ Astarte). Als
Tiermutter erscheint Gott in Hos 13,8 und Mt 23,37 par. Lk 13,34. Der
hebräische Begri für Mutterschoß (rchm) ist wurzelverwandt mit rchmm
„Mitgefühl“, eine Emotion, die oft auf JHWH übertragen wird (Hos 11,1-4; Ps 25,6;
Ps 40,12; Ps 103,4). Dass JHWH selbst gebiert, wird selten erwähnt (Dtn 32,18;
Jes 42,14 vgl. Ps 2,7; Hi 38,8.28). Er übernimmt aber Rollen, die in
altorientalischen Paralleltexten eine Göttin innehat (Gen 2,7b; Gen 8,20-22; Jes
54,9-10) oder denen die Erfahrung einer menschlichen Mutter zugrunde liegt
(Hos 11,8-9; Jes 49,15). In der Heilsweissagung Jes 66,10-13 wird die Mutterrolle
JHWHs durch Jerusalem vermittelt, das die Heimkehrenden aufnimmt und
ernährt. Im Zuge der Entwicklung hin zum Monotheismus wird das Thema
Fruchtbarkeit zunehmend von Sexualität und Zeugungsvorgängen entkoppelt:
JHWHs Erscha en des Menschen im Mutterleib ist handwerklich (Ps 22,10; Ps
139,13; Jes 44,24; Jer 1,5); er ö net den unfruchtbaren Erzmüttern den
Mutterleib (Gen 29,31; Gen 30,22). Die alttestamentliche Tradition überträgt

4 WiBiLex | Göttin
somit immer mehr Eigenschaften und Funktionen weiblicher Gottheiten auf den
Gott Israels.

3. Die „nackte Göttin“


Auf altsyrischen Rollsiegeln (ab 1850 v. Chr.)
begegnet eine frontal dargestellte nackte
oder sich entschleiernde Göttin, die ihren
Körper meist vor dem Wettergott präsentiert.
Auf zeitgleichen altbabylonischen Terrakotta-
Reliefs und Rollsiegeln erscheint die nackte
Göttin fast statisch mit auf dem Bauch
verschränkten Händen. Der erotisch-sexuelle
Aspekt ihrer Erscheinung legt nahe, dass sie
nicht nur von Frauen verehrt wurde (Winter
Abb. 4 Qudschu zwischen Reschef
1983, 199). Weibliche Nacktheit symbolisiert und Min (Stele aus Theben-West;
in diesem Kontext nicht Schutzlosigkeit und 1550-1150 v. Chr.).
Statusverlust, sondern weibliche Potenz, ja
Dominanz. Die „Heimat“ dieser Göttin ist Nordsyrien. Sie kann freilich nicht
eindeutig mit einer der aus Schriftquellen bekannten Göttinnen identi ziert
werden. Neben Rollsiegelbildern mit ganzen Szenen nden sich auf
Stempelsiegeln des 2. Jt.s aus Palästina isolierte Darstellungen einer nackten
Frau, bei der oftmals die Scham betont ist. Hinzu kommen Tausende von
Terrakotta-Figurinen nackter, frontal dargestellter Frauen, die keine besonderen
Göttinnenattribute aufweisen. Ob hier die Göttin oder eine ihrer Verehrerinnen
dargestellt wird, ist kaum zu entscheiden. Aufgrund der Fundorte in
Wohnbereichen und Höfen gehören die Figurinen zur familiären Frömmigkeit
und stehen vielleicht in Zusammenhang mit weiblicher Initiation (Uehlinger
1998-2001, 58). Der nackte Körper rückt die Aspekte Erotik und Jugendlichkeit in
den Vordergrund, nicht die Fortp anzung, da schwangere Frauen und Mutter-
Kind-Gruppen äußerst selten vorkommen.

Darstellungen der nackten Göttin in ägyptisierender Version, mit langen


Schulterlocken, der sog. Hathorfrisur, V-förmig angewinkelten Armen und
P anzen in Händen sind auf ägyptischen Stelen des Neuen Reiches mit der
Beischrift qdš „Heiligkeit“ versehen, was zur Bezeichnung „Qudschu“ oder
„Qedeschet“ geführt hat (Belege in Cornelius 2004, 45-58). Die Göttin steht auf
einem Löwen und hält gelegentlich anstelle von Pflanzen auch Tiere in Händen.

4. Baum- und Zweiggöttin

WiBiLex | Göttin 5
4.1. Die Baumgöttinnen in Ägypten

Im Ägypten des Alten Reichs (ca. 2700-2200 v.


Chr.) hat man in Maulbeerfeigen-, Feigen- und
Granatapfelbäumen wie in Dattelpalmen die
Anwesenheit vor allem weiblicher,
lebenspendender Gottheiten verehrt (Gamer-
Wallert 1975). Die Bildtradition der
ägyptischen Baumgöttinnen, eine mit
anthropomorphen Elementen kombinierte
Darstellung eines Baumes, setzt jedoch erst in
Abb. 5 Baumgöttin (Malerei im
Grab Thutmosis’ III. in Theben- der 18. Dynastie mit Thutmosis III. (1479-1426
West; 1479-1426 v. Chr.). v. Chr.) ein. Sie werden durch Beischriften
abwechselnd mit Nut, → Isis oder → Hathor
identi ziert und nden sich in
Beamtengräbern, auf Stelen, Sarkophagen und Totenbuchpapyri, wo sie dem
Toten Nahrung oder auch ihre Brust reichen.

Die Darstellung der großen Göttinnen als


Baum entspringt wohl dem Bedürfnis, was
heute „Natur“ bedeutet, präsent und
erfahrbar zu machen und aus der
„Inkarnation“ des Göttlichen im Augenblick
der Begegnung mit dem Tod Kraft zu
gewinnen (Keel 1992, 92-93).

4.2. Die Zweiggöttin in Syrien-Palästina Abb. 6 Baumgöttin (Grabmalerei in


Dēr el-Medīna; 20. Dyn.; 1186-1070
v. Chr.).
Seit der

Mittelbronzezeit IIB (1750-1550 v. Chr.) nden


sich in Palästina Stempelsiegel mit einer
erotisch konnotierten, nackten Frau zwischen
zwei Zweigen oder Bäumchen, die als
„Zweiggöttin“ bezeichnet wird (Schroer 1987;
1989, 89-138).

Abb. 7 Göttin mit Zweigen als Teilweise ist


Symbol vegetativer Erneuerung sie mit dem
(Skarabäus aus Geser; Mittlere
Gesicht im
Bronzezeit IIB).
Profil
dargestellt,

6 WiBiLex | Göttin
häu g aber frontal mit am Körper
herabhängenden Armen, großen Ohren und
explizit dargestelltem Schamdreieck. Sie
symbolisiert Lebenssteigerung und Vitalität,
ihre Ohren stehen für Zuwendung und
Erhörung. Ihre Beziehung zur Vegetation
weist sie als Erd- und Pflanzengöttin aus.

Die
Abb. 8 Zweiggöttin (Skarabäus aus
Verbindung Lachisch; Mittlere Bronzezeit IIB).
von Göttin
und Zweig
stellt einen Sonderfall der syrischen „nackten
Göttin“ dar; anders als in Syrien werden aber
Göttin und Zweig bzw. stilisierter Baum in
Palästina der ausgehenden Mittelbronzezeit
und der frühen Spätbronzezeit austauschbar.
Abb. 9 Nackte Göttin
Sie verschwinden zwar auf den Siegeln,
(Goldblechanhänger von Tell
el-‘Aǧǧūl; H: 8 cm; 16. Jh. v. Chr.). werden aber auf Schmuckanhängern und
Keramik weiter tradiert. Auf einem
Goldblechanhänger von Tell el-‘Aǧǧūl (→ Tell
el-‘Aǧǧūl [Tell el-Aggul ]) mit dem Kopf der Göttin, angedeuteten Brüsten und
Schamdreieck wächst aus dem Nabel ein kleiner Zweig.

Auf einer Krugmalerei vom Tell el-Fār‘a (Süd)


( → Tell el-Fār’a [Tell el-Fara]) ankieren
Capriden den heiligen Baum, der durch die
Punktierung als Schamdreieck ausgewiesen
ist. Schroer (1987, 212) deutet die
Verschmelzung von Baum und Scham als Abb. 10 Capriden am stilisierten
Symbolisierung der sexuellen Potenz der Baum (Keramikmalerei von Tell el-
Göttin. Fār‘a / Süd; Späte Bronzezeit).

Die
Assoziation der weiblichen Scham mit
Vegetation, die Vitalität und Fruchtbarkeit
symbolisiert, ndet sich schon seit dem 3. Jt.,
ist aber im bronze- und eisenzeitlichen
Palästina besonders dominant, da zu Beginn
der Eisenzeit (um 1250 v. Chr.) die
anthropomorphen Götterdarstellungen

WiBiLex | Göttin 7
Abb. 11 Capriden und heiliger insgesamt in den Hintergrund treten. Deshalb
Baum (Krugmalerei aus Kuntillet
ist der von Capriden ankierte, stilisierte
‘Aǧrūd; 1. Hälfte 8. Jh. v. Chr.).
Baum über einem Löwen auf einem Krug aus
Kuntillet ‘Aǧrūd (→ Kuntillet ‘Aǧrūd [Kuntillet
Agrud]) als Darstellung der Göttin zu deuten.

4.3. Wurde JHWH zusammen mit einer Partnerin verehrt?

4.3.1. Heilige Bäume und „Ascheren“

Das Alte Testament kennt mächtige, einzeln stehende Bäume als Orte von
Orakeln (Gen 12,6; Ri 9,37) oder Gotteserscheinungen (Gen 18,1; Ri 6,11), aber
auch von Grabtraditionen (Gen 35,8; Ri 4,5). Bei den Propheten ndet sich eine
pauschalisierende polemische Kritik, die grüne Bäume mit „Hurerei“, d.h.
Fremdgottverehrung, in Verbindung bringt (Jes 1,29; Jes 57,5; Jer 2,20; Jer 3,6; Ez
6,13; Hos 4,13). Alle diese Stellen zeigen, dass Bäume heilige Orte markieren
können, an denen kultische Begehungen statt nden. Das Verbot, eine →
Aschera neben einem JHWH-Altar zu p anzen (Dtn 16,21), verweist darauf, dass
ein Baum auf die Göttin gleichen Namens verweisen kann. Auch der in
deuteronomistisch überarbeiteten Schriften häu g anzutre ende Befehl, die
Ascheren auszureißen oder zu verbrennen (Ex 34,13; Dtn 7,5; Dtn 12,3; Jer 17,2)
wendet sich gegen das Symbol der Göttin, den natürlichen oder stilisierten
Baum. Die Notizen über eine Aschera in → Samaria (2Kön 13,6; 2Kön 17,16)
sowie ein Kultbild der Aschera, das sich im Tempel von Jerusalem befindet (1Kön
15,13; 2Kön 18,4; 2Kön 21,7; 2Kön 23,4), verweisen auf die Verehrung der Göttin
Aschera im 9. Jh. v. Chr. im Nordreich und im 8./7. Jh. in Juda. Der in Hos 14,9
formulierte Anspruch, dass allein JHWH Israels immergrüner, heiliger Baum sei,
impliziert eine Konkurrenz zwischen JHWH und der Göttin.

4.3.2. Außerbiblische Belege für die Aschera

Außerbiblische Belege für die Verehrung einer → Aschera genannten Göttin im


8./7. Jh. in Palästina liefern die Inschriften von Kuntillet ‘Aǧrūd (→ Kuntillet ‘Aǧrūd
[Kuntillet Agrud]), Chirbet el-Qōm (→ Chirbet el-Qōm [Chirbet el-Qom]) und → Tel
Miqne (Ekron). In der Karawanenstation Kuntillet ‘Aǧrūd im nördlichen Negev, die
in der 1. Hälfte des 8. Jh.s genutzt wurde und mit dem Nordreich in Verbindung
stand, fanden sich auf zwei Vorratskrügen und an der Wand Inschriften, die
formelhaft vom Segen eines „JHWH aus Samaria“ oder „JHWH aus Teman“ und
seiner Aschera sprechen. Die Wendung „seine Aschera“ kann sich auf das
Kultsymbol der Göttin, den Holzpfahl oder stilisierten Baum, beziehen (Olyan
1988, 29), oder auch auf die Göttin selbst, die JHWH zugeordnet wird (zu
Belegen eines Gottesnamens mit Su x vgl. Renz / Röllig 1995, 91f). Auch die

8 WiBiLex | Göttin
Wandinschrift in einem Grab nahe der zwischen → Hebron und → Lachisch
gelegenen Siedlung Chirbet el-Qōm enthält eine ähnliche Segensformel und
erwähnt die Rettung durch JHWH und durch seine Aschera.

Aus der selben Epoche fand sich auf Tel Miqne (Ekron) auf großen Ölkrügen aus
kultischem Kontext viermal die Inschrift qdš l’šrt „geweiht für Ascherat“. Obwohl
alle drei Fundorte nicht im Kernland Israels bzw. Judas liegen und aufgrund
ihrer Funktion nicht deren o zielle Religion charakterisieren, verweisen sie im
Verbund mit den polemischen Notizen im Alten Testament auf die Existenz
einer Aschera genannten Göttin und auf deren Symbol, den (stilisierten) Baum,
die Nahrung, Segen und Vitalität repräsentieren. Dass diese Göttin auch im
Kerngebiet Israels und Judas als Partnerin JHWHs galt, lässt sich aus der
derzeitigen Befundlage allerdings nicht zweifelsfrei schließen.

4.3.3. Pfeilerfigurinen in Juda

Die These der Existenz einer Göttin in Juda,


die lebensfördernde Eigenschaften hatte,
wird gestützt durch das massenhafte
Vorkommen von sog. Pfeiler gurinen aus Ton
in der Eisenzeit IIC (Ende 8.-7. Jh. v. Chr.). Sie
stellen eine Frauengestalt mit
säulenförmigem Körper und
hervorgehobenen Brüsten, die sie zum Teil
mit den Händen stützt, dar. Neben
Exemplaren mit einem auf der Töpferscheibe
gedrehten Körper und einem Kopf aus dem
Pressmodel gibt es auch einfache,
handgeformte mit grobem Gesicht.

Da die Pfeilerfigurinen meist in Wohnhäusern,


seltener in Gräbern gefunden wurden,
gehören sie in den Bereich der privaten Abb. 12 Pfeiler gurine mit
Frömmigkeit. Sie können die Göttin selbst Pressmodelkopf (Terrakotte aus
oder ihre Verehrerin in imitierender Pose Juda; 7. Jh. v. Chr.).

darstellen, wobei der sexuell-erotische Aspekt


durch die Präsentation der Brüste im Vordergrund steht. Während Winter
(1983, 183) die Figurine als „Haushaltsikone“ deutet, verstehen Keel und
Uehlinger sie als Darstellung der Göttin → Aschera in der Funktion einer
Schutzgottheit der Familie (Keel / Uehlinger 1998, 381.384).

WiBiLex | Göttin 9
4.3.4. Göttinnen in Elephantine

Aramäische Papyri der jüdischen Militärkolonie auf der Nilinsel → Elephantine


aus dem 5. Jh. v. Chr. erwähnen mehrere Gottheiten: neben Jh (gesprochen Jāhû
oder Jāhô, einer Kurzform des israelitischen Gottesnamens JHWH) nden sich
Anat-Jahu, Ischum-Betel und Cherem-Betel. Das Namenselement Ischum könnte
auf die nordsyrische Göttin ’Ašima (vgl. 2Kön 17,30) zurückgehen, die mit der
altaramäischen Form des Wortes für „Namen“ (hebräisch šem) verbunden ist.
Zweifellos ist auch Anat-Jahu eine Göttin, die in den Papyri als Partnerin Jahus
auftaucht. Die Texte belegen, dass sich der Monotheismus an diesem
Außenposten jüdischen Lebens im 5. Jh. v. Chr. noch nicht durchgesetzt hat.

4.4. Das Weiterleben der Baumgöttin in der Weisheit

Der heilige Baum wirkt in alttestamentlichen Weisheitstexten weiter, wo er als


Symbol geordneten Lebens erscheint (Spr 11,30; Spr 15,4). Die weibliche Figur
der Weisheit übernimmt als Spenderin von Nahrung, Leben und Schutz (Spr
3,15-18; Sir 1,20 [Lutherbibel: Sir 1,25] ; Sir 14,26-27; Sir 15,3; Sir 24,19-21
[Lutherbibel: Sir 24,25-28]) die Charakteristik der Baumgöttin. Auch die
ursprünglich profanen Liebeslieder des Hohenliedes spiegeln noch die
Verbindung von Sexualität und Erotik mit Vegetation, Ziegen / Gazellen und
Löwen (vgl. Keel 1986). Die Isis-Verehrung beein usst die Darstellung der
Sophia in Texten der hellenistischen Zeit (Weish 7,21-8,1). Ein später Ausläufer
dieser Tradition ist die Darstellung Jesu im Johannesevangelium als Weisheit,
Wasser und Brot des Lebens (Joh 4,10-15; Joh 6,35; Joh 7,37).

5. Kriegerische Göttin
Was in der modernen westlichen Welt als
Gegensatz erscheint, ist im Alten Orient eng
verbunden: eine Göttin, die zugleich den Krieg
und eine jugendliche, oft aggressive Sexualität
repräsentiert. Die seit dem 3. Jt. bekannte
Göttin → Ischtar vereint beide Aspekte. Sie
steht mit ihrer aggressiven Sexualität,
Abb. 13 Die kriegerische Ischtar auf
dem Löwen (Neuassyrisches
Gewalttätigkeit und Unberechenbarkeit für
Rollsiegel; 8./7. Jh. v. Chr.). Chaos und Zerstörung, für „das Andere“ und
bestimmt so zugleich die Grenzen der
gesellschaftlichen Ordnung (Bahrani 2001,
158-160). So tritt Ischtar auf ihrem Attributtier, dem Löwen, mit Pfeil und Bogen
bewaffnet auf.

10 WiBiLex | Göttin
Die Belege für kriegerische Gottheiten häufen
sich in der Spätbronzezeit (1550-1150 v. Chr.),
die in Syrien-Palästina vom Zusammenbruch
der Stadtstaaten geprägt ist. In Texten aus
der syrischen Stadt Ugarit (14./13. Jh. v. Chr.)
ndet sich eine jugendliche Göttin des
Krieges und der Jagd mit Namen → Anat, die
Schwester → Baals. Sie spielt in den
Abb. 14 Baal und kriegerische
mythischen Texten eine große Rolle, bezwingt
Göttin, zwischen beiden Lanzen der
menschliche wie übermenschliche Feinde Name der Astarte in
(KTU 1.3 III:38-47) und watet im Blut der Hieroglyphenschrift (Rollsiegel aus
Erschlagenen (KTU 1.3 II:5-30). Unter den Bethel; 13. Jh. v. Chr.).

Ramessiden (1300-1150 v. Chr.) wird Anat


auch in Ägypten und in von Ägypten kontrollierten Städten Palästinas, z.B. →
Bet-Schean verehrt, dort aber als Stadtherrin ohne kriegerische Attribute.

Ikonographisch sind Anat und Astarte kaum zu unterscheiden, beide tragen ein
langes Gewand, Wa en in der erhobenen rechten Hand sowie die ägyptische
Atefkrone. Beide sind an der Seite Ramses II. (1304-1237 v. Chr.) dargestellt
(Cornelius 2004, Cat. 1.1, 3.6). Auf einem Rollsiegelbild aus → Bethel ist die
kriegerische Göttin gemäß der Beischrift Astarte (Abb. 14).

Wo die kriegerische Göttin auf Reliefs und


Stempelsiegeln zu Pferde und mit erhobener
Wa e dargestellt wird, wie auf einem in
Jerusalem gekauften Skarabäus unbekannter
Herkunft, handelt es sich wohl um Astarte
(Abb. 15). Auf Beischriften wird sie als „Herrin
der Pferde und des Streitwagens“ bezeichnet.
In einem Text aus Ugarit steht sie in
Verbindung mit Pferden und Streitwagen (KTU
Abb. 15 Die reitende, kriegerische
Astarte (Skarabäus; 1300-1150 v.
1.86:6).
Chr.).
Auch die

ägyptisierende Version der „nackten Göttin“


(Qudschu-Typ, siehe oben 3.) erhält in der
Spätbronzezeit kriegerische Züge. Auf einer
Goldplakette, die in einem Tempel in →
Lachisch gefunden wurde, steht sie auf einem
zum Krieg gerüsteten Pferd und trägt die

WiBiLex | Göttin 11
Atefkrone, ist aber unbewaffnet (Abb. 16).

6. Astrale Göttin
6.1. Astralgottheiten

Die Himmelsgestirne werden im Alten Orient


als Gottheiten verehrt, allen voran die Sonne,
ohne deren tägliches Auftauchen am Horizont
ein Leben auf der Erde unmöglich wäre. Im
Ägypten des Neuen Reichs (ca. 1550-1100 v.
Chr.) symbolisiert die Göttin → Maat die
kosmische Ordnung, die sich unter den
Menschen als Gerechtigkeit entfaltet. In
Vorderasien hat die Gestalt der „Herrin /
Königin des Himmels“ kosmische Abb. 16 Die „nackte Göttin“ auf dem
Dimensionen. Seit neuassyrischer Zeit (ab Kriegspferd (Goldblech aus
Lachisch; 13./12. Jh. v. Chr.).
850 v. Chr.) begleiten Sterne und Mond oft
andere Göttersymbole.

6.2. Die biblische Himmelskönigin

Den Titel „Himmelskönigin“ tragen im Alten Orient die namentlich bekannten


Göttinnen → Ischtar, → Anat und → Astarte. In Jer 7,16-20 und Jer 44,1-30
begegnet → „Himmelskönigin“ als Bezeichnung einer Göttin, die von Judäerinnen
und Judäern verehrt wird. Diese Göttin erscheint aufgrund des Titels und der ihr
zugedachten Rauchopfer als eine Gestirngottheit, die für das tägliche Brot und
das Wohlergehen der Familie zuständig ist (Jer 44,17-18, vgl. das Siegel mit
verehrender Familie vor Ischtar in Keel / Schroer 2004, Nr. 184). Da Rauch- und
Trankopfer häu g in assyrisch-babylonischen Beschwörungsritualen begegnen,
steht die Verehrung der Himmelskönigin wohl in Verbindung mit assyrischer
Kultausübung (Winter 1983, 574). Gegen eine Verortung der Verehrung allein in
der Familienfrömmigkeit sprechen die Jer 44,17 erwähnte Beteiligung des
Königs und seiner Beamten sowie die Aufnahme des Themas in die Tempelrede,
in der der Prophet Kultaktivitäten im Bereich des Jerusalemer Heiligtums als
Grund für dessen Zerstörung au istet. Dass die Erzählung in Jer 44 in Ägypten
lokalisiert wird, passt zu dem außerbiblischen Beleg des Titels im Hermopolis-
Brief 4,1 (5. Jh. v. Chr.), der einen Tempel für diese Göttin in Syene (= Assuan)
erwähnt, wo jüdische Emigranten lebten (→ Elephantine).

12 WiBiLex | Göttin
7. Stadtgöttin
7.1. Die Funktion der Stadtgottheit

Zwar gibt es eine akkadische Bezeichnung il āli („Gott der Stadt“), die Funktion
einer Stadtgottheit ist aber nicht fest umrissen. Sie umfasst wohl den Schutz der
Stadt ebenso wie die Garantie der im Namen dieser Gottheit geschlossenen
Verträge, wird aber lokal sehr unterschiedlich aufgefasst (Groneberg 2003). Oft
sind solche „Stadtgottheiten“ Gottheiten mit überregionaler Bedeutung, für die
Kulte in verschiedenen Städten belegt sind, wobei der Ortsname zum
Eigennamen hinzutritt, z.B. die Ischtar von Arbela, Ninive oder Uruk (→ Ischtar).
Ein besonderer Fall ist die Stadt → Assur, die nicht nur Sitz des Gottes Assur ist,
sondern auch dessen Namen trägt, so dass Stadtgott und Stadt fast
verschmelzen. Eine Analogie aus dem griechischen Kulturraum ist die Stadt
Athen, deren Schutzgöttin Athene Polias ihr zugleich den Namen gab.

7.2. Die Verkörperung der Stadt in der Ikonographie

Die Funktion Stadtgott wird in bildlichen


Darstellungen der Gottheiten nicht eigens
hervorgehoben. In neuassyrischen Reliefs aus
der Regierungszeit Assurbanipals (668-627 v.
Chr.) tritt aber die Gemahlin des Königs, deren
Name Assurscharrat „die Stadt Assur ist
Königin“ bedeutet, mit einer Mauerkrone in
Erscheinung (Abb. in → „Tochter Zion“). Die
Mauerkrone ist entgegen älterer Thesen kein
zureichender Hinweis auf die Stadtgottheit,
sondern eine Darstellung weltlicher Macht
(Meyer 2003, 172). Sie ist den Stadtmodellen
auf neuassyrischen Reliefs ähnlich, die die
Übergabe syrischer Städte an den siegreichen
assyrischen Großkönig ins Bild setzen (vgl.
Uehlinger 1987, Abb. 6 und 13).
Abb. 17 Stadtpersonifikation,
Antiochia am Orontes (röm. Kopie
In der
einer um 300 v. Chr. entstandenen
Bronzestatue, 2. Jh. n. Chr.).

altgriechischen Kultur können Städte wie


Landschaften personi ziert werden. Weil das

WiBiLex | Göttin 13
grammatische Geschlecht von Städten dort
weiblich ist, kann die Stadt durch eine
weibliche Gestalt vertreten werden, z.B. eine
Ortsnymphe, eine Stadtgottheit oder eine
Personi kation. Seit dem 3. Jh. v. Chr. tritt die
Stadttyche als die Vergöttlichung des
Schicksals der Stadt hinzu. Die im frühen 3.
Jh. v. Chr. entstandene Verkörperung der
Stadt Antiochia am → Orontes (Abb. 17 zeigt
eine römische Kopie), die auf dem Hausberg Abb. 18 Astarte mit Mauerkrone
Silpios sitzt und den Fuß auf den Fluss (Münze aus Sidon; 1. Hälfte 1. Jh. v.
Orontes setzt, ist das berühmteste Beispiel Chr.).

für eine Stadtpersonifikation.

Auf Münzen phönizischer Städte ndet sich seit dem 2. Jh. v. Chr. gelegentlich
ein Frauenkopf mit Mauerkrone, wobei ununterscheidbar ist, ob es sich um die
Stadtgöttin (im Fall Sidons die Astarte, oft in der Beischrift erwähnt) oder die
Personifikation der Stadt (z.B. Seleukia) handelt.

7.3. Die klagende Göttin

In Klageliedern aus sumerischen Städten zu Beginn des 2. Jt.s v. Chr. begegnet


eine meist weibliche Gottheit, die die Zerstörung ihres Tempels oder ihrer Stadt
detailliert schildert und die Götterversammlung aufruft, sich dieser Stadt wieder
zuzuwenden. So beklagt die Göttin Ningal die Zerstörung der Stadt Ur. Sie wird
als „Mutter“ und „Herrin“ bezeichnet und teilt das Schicksal der
Stadtbevölkerung, ohne jedoch völlig mit ihr identisch zu sein. In der Klage über
Nippur tritt die personi zierte Stadt auf, die aber keine göttlichen Attribute
aufweist (Maier 2003). Motive dieser Stadtklagen nden sich in Liturgien für den
Abriss und Wiederaufbau von Tempeln (sog. balag „Harfenlied“ und eršemma
„Weinen zur šem-Trommel“), die seit dem 8. Jh. v. Chr. in den assyrischen
Jahresfestkalender integriert wurden (Wischnowsky 2001, 18-42). Solche Klagen
waren wohl den Dichtern der → Klagelieder, in denen Jerusalem als Klagende
auftritt, bekannt, ohne dass eine literarische Abhängigkeit nachgewiesen
werden kann.

7.4. Stadtgöttin und Tochter Zion

Die Personi kation Jerusalems im Alten Testament wird meist als Übernahme
der Konzeption der Stadtgöttin gedeutet (Biddle 1991; Wischnowsky 2001, 13-
15). Allerdings weist die → „Tochter Zion“ (Jes 1,8; Jes 52,2; Jer 4,31; Jer 6,2; Klgl

14 WiBiLex | Göttin
2,1) keinerlei göttliche Züge auf. Jerusalem und Samaria sind weibliche
literarische Gestalten, die die Stadtbevölkerung repräsentieren und gleichzeitig
eine Mittlerrolle zu JHWH einnehmen, als dessen Ehefrau sie häu g
metaphorisch beschrieben werden (Jes 54,1-5; Ez 16; Ez 23).

Angaben zu Autor / Autorin finden Sie hier

WiBiLex | Göttin 15
Empfohlene Zitierweise
Maier, Christl M., Art. Göttin, in: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im
Internet (www.wibilex.de), 2006

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Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 Sitzende weibliche Figur (Terrakotte aus Scha‘ar Hagolan; H: ca. 10 cm; 6400-
5800 v. Chr.). Aus: Keel / Schroer 2004, 18, Abb. 16 (= Gar nkel / Miller 2002, 197, Fig.
13.11); © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
Abb. 2 Stillende Isis mit dem Horusknaben (Skarabäus aus‘Atlīt; 600-450 v. Chr.). Aus:
O. Keel / Chr. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg, 5.
Au . 2001, Abb. 363a (= Rowe 1936: Nr. 914); © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg /
Schweiz
Abb. 3 Stillende Isis mit dem Horusknaben (Skarabäus vomTell Megadim; 600-450 v.
Chr.). Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134),
Freiburg 5. Aufl. 2001, Abb. 363b; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
Abb. 4 Qudschu zwischen Reschef und Min (Stele aus Theben-West; 1550-1150 v.
Chr.). Aus: Wikimedia Commons; © Rama, Wikimedia Commons, lizensiert unter
CreativeCommons-Lizenz cc-by-2.0 France; Zugriff 3.9.2007
Abb. 5 Baumgöttin (Malerei im Grab Thutmosis’ III. in Theben-West; 1479-1426 v.
Chr.). Aus: U. Winter, Frau und Göttin. Exegetische und ikonographische Studien zum
weiblichen Gottesbild im Alten Israel und in dessen Umwelt (OBO 53), Freiburg
(Schweiz) / Göttingen 1983, Abb. 460; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
Abb. 6 Baumgöttin (Grabmalerei in Dēr el-Medīna ; 20. Dyn.; 1186-1070 v. Chr.). Aus:
U. Winter, Frau und Göttin. Exegetische und ikonographische Studien zum weiblichen
Gottesbild im Alten Israel und in dessen Umwelt (OBO 53), Freiburg (Schweiz) /

WiBiLex | Göttin 17
Göttingen 1983, Abb. 462; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
Abb. 7 Göttin mit Zweigen als Symbol vegetativer Erneuerung (Skarabäus aus Geser;
Mittlere Bronzezeit IIB). Aus: S. Schroer, Die Zweiggöttin in Palästina / Israel. Von der
Mittelbronze II B-Zeit bis zu Jesus Sirach, in: M. Küchler / C. Uehlinger (Hgg.),
Jerusalem. Texte – Bilder – Steine (FS H. Keel-Leu / O. Keel, NTOA 6), Freiburg (Schweiz)
/ Göttingen, 1987, 201-225, Abb. 1; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
Abb. 8 Zweiggöttin (Skarabäus aus Lachisch; Mittlere Bronzezeit IIB). Aus: Schroer
1987, Abb. 2 (= Tufnell u.a., Lachish IV, London 1958, Pl. 32f.99); © Stiftung
BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
Abb. 9 Nackte Göttin (Goldblechanhänger von Tell el-‘Aǧǧūl; H: 8 cm; 16. Jh. v. Chr.).
Aus: Keel 1986, 165, Abb. 39 (= Schroer 1987, Abb. 13);© Stiftung BIBEL+ORIENT,
Freiburg / Schweiz
Abb. 10 Capriden am stilisierten Baum (Keramikmalerei von Tell el-Fār‘a / Süd; Späte
Bronzezeit). Aus: S. Schroer, 1987, Die Zweiggöttin in Palästina / Israel. Von der
Mittelbronze II B-Zeit bis zu Jesus Sirach, in: M. Küchler / C. Uehlinger (Hgg.),
Jerusalem. Texte – Bilder – Steine (FS H. Keel-Leu / O. Keel, NTOA 6), Freiburg (Schweiz)
/ Göttingen, 201-225, Abb. 15; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
Abb. 11 Capriden und heiliger Baum (Krugmalerei aus Kuntillet ‘Aǧrūd; 1. Hälfte 8. Jh.
v. Chr.). Aus: S. Schroer, 1987, Die Zweiggöttin in Palästina / Israel. Von der
Mittelbronze II B-Zeit bis zu Jesus Sirach, in: M. Küchler / C. Uehlinger (Hgg.),
Jerusalem. Texte – Bilder – Steine (FS H. Keel-Leu / O. Keel, NTOA 6), Freiburg (Schweiz)
/ Göttingen, 201-225, Abb. 10; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
Abb. 12 Pfeiler gurine mit Pressmodelkopf (Terrakotte aus Juda; 7. Jh. v. Chr.). ©
Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Abb. 13 Die kriegerische Ischtar auf dem Löwen (Neuassyrisches Rollsiegel; 8./7. Jh. v.
Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Abb. 14 Baal und kriegerische Göttin, zwischen beiden Lanzen der Name der Astarte
in Hieroglyphenschrift (Rollsiegel aus Bethel; 13. Jh. v. Chr.). © Deutsche
Bibelgesellschaft, Stuttgart
Abb. 15 Die reitende, kriegerische Astarte (Skarabäus; 1300-1150 v. Chr.). Aus: O. Keel
/ M. Shuval / Chr. Uehlinger, Studien zu den Stempelsiegeln aus Palästina / Israel III
(OBO 100), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1990, 214, Fig. 38; © Stiftung BIBEL+ORIENT,
Freiburg / Schweiz
Abb. 16 Die „nackte Göttin“ auf dem Kriegspferd (Goldblech aus Lachisch; 13./12. Jh. v.
Chr.). Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134),
Freiburg, 5. Aufl. 2001, Abb. 71; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
Abb. 17 Stadtpersoni kation, Antiochia am Orontes (röm. Kopie einer um 300 v. Chr.
entstandenen Bronzestatue, 2. Jh. n. Chr.). Aus: Keel 1986, 199, Abb. 111 (= N. Glueck,
Deities and Dolphins, London 1966. 114, pl. 52a; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg /
Schweiz
Abb. 18 Astarte mit Mauerkrone (Münze aus Sidon; 1. Hälfte 1. Jh. v. Chr.). © Deutsche
Bibelgesellschaft, Stuttgart

18 WiBiLex | Göttin
Impressum

Herausgeber:

Alttestamentlicher Teil
Prof. Dr. Michaela Bauks
Prof. Dr. Klaus Koenen

Neutestamentlicher Teil
Prof. Dr. Stefan Alkier

„WiBiLex“ ist ein Projekt der Deutschen Bibelgesellschaft

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Balinger Straße 31 A
70567 Stuttgart
Deutschland

www.bibelwissenschaft.de

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