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ITALISCHE PERSONENNAMEN,

SPRACHKONTAKT UND SPRACHVERGLEICH :  

I. EINIGE OSKISCHE NAMEN,


II. ALTLATEIN FERTER RESIUS |
REX AEQUEICOLUS
José Luis García Ramón
Universität zu Köln

1. Einige oskische Namen

D
1. 1. er oskische Gentilname vesulliaís ist in der Bauinschrift Sa 7 (Samni-
um) belegt, der Festname vesul(l)ias (Plural : im Folgenden vesul(l)ia-)
kommt in den Iúvila-Inschriften von Capua (3. Jh. v. Chr.) oft vor :

Sa 7 n(ú)v(is). vesullia2ís. tr(ebieís). m(eddís)


Cp 16 fiis[iais] vesu[liais], Cp 20 viriium vesuliais deivinais 1(Dat.-Abl. Pl. : Cp 21 = 23 =
   

24), (Nom. Pl.) vesulias Cp 12b, ve/sulliaís Cp 24.5. 2  

Nach herkömmlicher Auffassung stellt vesulliaís (*-iaii£o-) eine *-ii£o-Ableitung aus


dem Festnamen vesul(l)ia- (*u£eso¯ºnl-i£a¯-) dar, die ihrerseits ein Diminutiv *u£eso¯ºnla¯-
(*-ela¯-) vom Götternamen *u£eso¯ºna¯- voraussetzt, der tatsächlich im Umbrischen
im Dat. vesune (auch mars. Vesune) belegt ist. 3 Der Name lebt in lateinischen

Inschriften in Vesullius (Praenomen in Rom, Gentilname in Beneventum und


Histonium) fort, ferner im Bergnamen Vesulus (Verg. Aen. 10.708). Dass das os-
kische Praenomen (Gen.) ¸isulo¯ (Poccetti 1979 : 164, Nr. 264 : Pompei, 6. Jh.) zu
   

derselben Sippe gehören kann, ist auch von R. Arena und M. Weiss im Rahmen
ganz unterschiedlicher Deutungen vermutet worden. 4  

*  Diese Arbeit ist im Rahmen eines vom DAAD geförderten VIGONI-Projekts der Universität zu
Köln, Institut für Linguistik, Abt. Historisch-Vergleichende Sprachwissenschaft, und der Universität
Rom “Tor Vergata”, Institut für Klassische Philologie (Prof. Dr. P. Poccetti) entstanden. Für wertvolle
Hinweise bedanke ich mich bei Daniel Kölligan (Köln), Mario Negri (Milano, IULM) und Michael Weiss
(Cornell) recht herzlich. Mein herzlicher Dank geht auch an Karolina Gierej, Felix Thies und insbesonde-
re an Lena Wolberg (Köln) für ihre unschätzbare Hilfe bei der materiellen Bearbeitung des Manuskripts.
1  Es entspricht den f[iisiais] deiv[inais] Cp 15, gedeutet als “Fest der Vesona”, vgl. *Deiva Vesona
(Untermann 2000 : 163), *Vesulla Deivia (Rix 1996 : 355).
   

2  Ebenfalls, sehr zerstört, ve[sullia(i)s Cp 14, ves[. Cp 12a.


3  Meid (1957 : 107), Meiser (1986 : 255), Untermann (2000 : 852 mit Lit.). Aliter Heurgon (1942 : 78) (“VE-
       

SULLIAS ne peut pas, quoi qu‘on dise, être dérivé de Vesuna”), dessen Analyse als Ves-ulliae zu einer
(wohl obskuren) Basis ves-, in Anschluss an Schulze (1904 : 123), in Verbindung mit etr. vesi, vezi und

verschiedenen undurchsichtigen Ortsnamen (Ves-uvius, Ves-eris flumen, Verolae [ : Vesulae] u.a.), keine

Erklärung ist (dagegen auch Weiss 2010 : 237f.). In einer ganz anderen Richtung wird osk. vesul(l)ia- mit

visulla ‘eine Art von Trauben’ (Plin. Nat. 14.4.28) in Verbindung gebracht (Peruzzi 1983 : 71f. mit Verweis  

auf die röm. Vinalia-Feste). 4  Arena (2006 : 241) ; Weiss (2010 : 238 Fn. 361).
     
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Es wird im Folgenden zu zeigen versucht, dass der Gentilname vesulliaís und
der Festname vesul(l)ia- des Oskischen nicht zur selben Sippe wie der umbrische
Göttername vesune (auch marsisch) gehören und dass nur ein Teil der lateini-
schen Namen als ihre Kontinuanten gelten dürfen. Vielmehr gehen osk. vesul-
liaís und vesul(l)ia- auf *u£esu¯(e)nla¯- (zu *u£esu¯na¯-) oder auf *u£eso¯n(e)la¯- zurück.
1. 2. Die angebliche Grundform, auf die die beiden oskischen Namen üblicher-
weise zurückgeführt werden, nämlich der GN *u£eso¯ºna¯-, ist im Umbrischen (Dat.
vesune IV 3 et al.) und im Marsischen (Dat. vesune VM 3) belegt. Wie von Helmut
Rix erkannt wurde, 1 stellt umbr. vesuna- eine -o¯na¯-Femininbildung zu *u£ets-ó-, der

thematischen Ableitung von idg. *u£étes- ‘Jahr’ ( : gr. [¸]e[to~) dar, ferner ‘Jährling,

Jungvieh’ ( : ved. vatsá- ‘ds.’, kl.-luw. ušša- ‘Jahr’, h.-luw. u-sa/i-, lyk. uhe/i-). Dem-

entsprechend lässt sich der umbrische GN *u£eso¯ºna¯- (ursab. *u£etso¯na¯-) als ‘Herrin
des Jungviehs’ (H. Rix, G. Meiser) 2 oder vielmehr als ‘Herrin des (laufenden) Jah-

res’ verstehen, wie von M. Weiss mit Verweis auf ihren Charakter als Gottheit des
Jahreszyklus plausibel gemacht wurde. 3  

Trotz der anscheinend formalen Ähnlichkeit zwischen osk. vesul(l)ia- und


umbr. vesuna- sieht sich die Annahme einer gemeinsamen Herkunft der Schwie-
rigkeit ausgesetzt, dass <s> im Oskischen nicht <s> im Umbrischen entspricht :  

Zwar ist für die rekonstruierbare Form ursab. *u£etso¯na¯- (wie generell für */-Ds-/)
<s> im Umbrischen (wie vesuna-) lautgesetzlich, im Oskischen aber wäre eine
Form mit doppeltem <ss> zu erwarten, nämlich +Vessul(l)ia-, 4 und dementspre-  

chend auch in den lat. Inschriften +Uessullius, +Uessonius 5 statt Uesullius, Uesonius.  

Einfach zu begegnen ist der Aporie nicht. Zwar ist eine einfache Notierung
von Geminata in den alten oskischen Inschriften nicht ungewöhnlich, und die
Texte, in denen die Form vorkommt, lassen bis auf Cp 24 keinen Schluss über
die Notierung von /ss/ oder /s/ zu. Aber, wie M. Weiss betont, 6 sind in Cp 24,  

wo der Gentilname vesulliaís vorkommt, die Geminata <ss> kohärent notiert :  

kenssurineís, blússii(eís), nessimas, auch <rr> in virriieís. Andererseits zeigen


die lateinischen Formen Vesullius, Vesulus (Verg. Aen. 10.708), Vesonius auch nur
ein /s/.
Zwei mögliche Versuche, die unerwartete Notierung <s> statt <ss> zu er-
klären, sind kaum beweiskräftig. Einerseits könnte man annehmen, dass lautge-
setzliches *u£eso¯ºll‘a¯- [-l‘ :a¯] (aus *u£eso¯ºnlia¯- mit sekundärem /i/  [j] im Kontext

1  Rix bei Meiser (1986 : 255f., mit Transponatansatz *u£etso-h3n-ah2- und mit Kritik an dem Deutungs-

versuch als *u£esu£-o¯na¯- “(Bona) Dea”, “Herrin der Güter” nach Meid (1957 : 106ff.), Radtke (1979 : 335) : Bei
     

diesem Ansatz wäre tu£eru£o¯na¯ zu erwarten, vgl. Untermann 2000 : s.v.).  

2  Rix bei Meiser (1986 : 255f.) ; Rix (1996 : 355) ; Weiss (2010 : 237f. mit Diskussion anderer Deutungs-
         

möglichkeiten). 3  Weiss (2010 : 237f.).


4  Dass <s> im Oskischen auch */-Ds-/ vertreten könnte, lässt sich nicht rechtfertigen (pace Buck
1928 : 85, mit Verweis auf lat. fı¯dus-tus) : Das <s> von osk. fiísíais Cp 29.15f.[.16f.[, fisiais Cp 8.30 “Fisiis”,
   

umbr. GN fiso VI b 3 “(deo) Fidio”, fise I a 15 (vgl. lat. fı¯sus), fissiu VIa 43 geht nicht auf /ds/ d.h. fı¯d-s-ii£o-
zu *fı¯d-s-o/a¯- zurück, sondern auf eine Ableitung *fisii£o- von *bhidh-to/u- (Meiser 1986 : 241).  

5  Meiser (1986 : 256) ; Weiss (2010 : 237).


     

6  Diskussion bei Weiss (2009 : 237f. Fn. 358). Die anderen Texte lassen keinen Schluss über die Notie-

rung von Geminata erwarten.


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/R__V und entsprechender Palatalisierung von /l/) zwei Geminata gehabt hätte
und daher eine dissimilatorische Vereinfachung verursacht haben könnte : Dies  

bleibt aber eine bloße Vermutung, die im Gegensatz zu dem Nebeneinander von
Geminaten in appellunei Si 3, appelluneís Po 14 oder meddikkiai Cp 30 (neben
meddikiaºi Cp 29), muttillieis Cm 14C9, pettiannuí tCm 7 steht. 1 Ein zweiter  

alternativer Erklärungsversuch im Sinne von G. Meiser, 2 dass /ss/ im Kontext  

/V__V (vortonisch) zu /s/ vereinfacht wurde, setzt aber, wie er selbst betont, die
ad-hoc-Zusatzannahme einer Phase mit (noch ?) keinem Akzent auf der anlauten-

den Silbe voraus.


1. 3. Es empfiehlt sich also angesichts der kaum zu begegnenden graphisch-laut-
lichen Aporie, der sich die Annahme aussetzt, osk. vesul(l)ia- (mit Gent. vesul-
liaís) und den GN umbr. vesune, mars. vesune auf ein- und dieselbe Grundform
zurückzuführen, die beiden Wörter etymologisch zu trennen und eine Etymolo-
gie von osk. vesul(l)ia-, vesulliaís in anderer Richtung zu suchen. Zwei Möglich-
keiten bieten sich als Grundform von osk. vesul(l)ia-, vesulliaís an :  

(1) Ein GN *u£esu¯no- / *u£esu¯na¯- (als *h1u£esu-h3no-, fem. *h1u£esu-h3neh2 transpo-


nierbar) als Basis für osk. *u£eso¯n(o)lo/a¯-, mit *u£ósu- /*u£ésu- als Grundwort, eigent-
lich *h1u£ósu- / *h1u£ésu- ‘Gut, Eigentum’ ( : ved. ntr. vásu, air. fó ‘ds.’, auch ved. vá-

su- : av. vaohu- ‘gut’, luw. u£a¯sˇu-, lyk. kollekt. u£asˇu¯ ‘Güter’), Adj. *h1u£e¯πsu- ‘gut, wür-

dig’ ( : air. fíu ‘würdig’), auch gall. MN Sigo-vesus, got. iusiza ‘besser’ (komparativ

zu guþ) in der Deutung von A. J. Nussbaum. 3 Der Name ließe sich als ‘der/die

Gute’ oder ‘Herr(in) der Güter’ entsprechend deuten : Es wäre eigentlich dieselbe

Deutung, die von W. Meid 4 für umbr. vesune vorgeschlagen wurde und die we-

gen /s/ statt lautgesetzlich zu erwartendem /r/ abgelehnt werden musste. Was
die Wortbildung anbelangt, wäre für osk. vesul(l)ia- ein Ansatz ursab. *u£eso¯ºn(o)la¯-
mit Ableitung *u£eso¯ºn(o)l-ii£a- durchaus möglich.
(2) Es ließe sich ein GN *u£eso¯n- ‘Gott des Frühlings’ oder fem. *u£eso¯na¯- als Basis
für osk. *u£eso¯n(o)lo/a¯- und zwar unter Annahme einer Beziehung zu idg. *u£és-r/n-
‘Frühling’ ( : gr. e[ar, aksl. vesna ‘ds.’, anord. va¯r, lit. vãsara, vasarà ‘Sommer’, auch

ved. vasantá- ‘Frühling’) 5 ansetzen, und zwar als delokativisches *u£és-o¯n- zu Lok.

*u£es-én-ø. Die Bildung wäre also in einer Sprachstufe entstanden, in der die ererbte
Form im Lateinischen noch nicht zu *u£e¯r (Gen. *u£e¯res) umgeformt wurde. In der
Tat ist im Indoiranischen eine Lokativform *u£es-ér-ø mit *-er-ø statt *-en-ø belegt,
vgl. ved. vasarhán- ‘in der Morgenfrühe schlagend’ (RV I 122.3 : hapax, Beiname  

eines Windes), jav. vaŋri ‘im Frühling’. Die Verallgemeinerung der *-er-Variante

1  Denselben Einwand erweckt die Annahme, dass eine Schreibung vessulliaís zwei graphische Ge-
minata beinhaltet hätte, mit der Folge einer graphischen Unterdrückung von <ss> in <s>.
2  Meiser (1996 : 256).

3  Nussbaum (1998 : 147ff., 150). Die Sippe ist bekanntlich von *h1ósu- ‘gut’ (heth. a¯sˇsˇu-), adj. *h1e¯su

(hom. hjuv~) zu trennen (Nussbaum 1998 : 85ff., 146ff.).


4  Meid (1957 : 106ff., 108ff.) mit Verweis auf *u£esu- bei anderen Götternamen.

5  Ob sich der Ansatz *h2u£es-r/n-, der den Anschluss an *h2u£es- ‘leuchten’ (ved. vas, Präs. ucchá-ti, usºás-
‘Morgenröte’) ermöglicht, rechtfertigen lässt (Peters 1980 : 61 n.30 mit Verweis auf arm. garown ‘Früh-

ling’), ist in unserem Zusammenhang irrelevant.


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im Lateinischen 1 (cf. lat. vernus ‘auf den Frühling bezogen’ [Liv. Andr.+], uernum

[scil. tempus] Cato+), wie in anderen Sprachen (leider ist die entsprechende Form
für ‘Frühling’ im Sabellischen unbekannt), schließt natürlich nicht aus, dass der
-n-Stamm als Basis einer delokativischen Bildung fungiert hat, die dem oskischen
Festnamen u£esul(l)ia- (‘Frühlingsfest’) und dem entsprechenden Gentilnamen
uesulliaís zugrunde liegen kann. Was die Semantik anbelangt, denke man an lat.
ver sacrum ‘heiliger Frühling’, bei dem ein Verband junger Männer, oft ein ganzer
Jahrgang, aus dem Stammesverband ausgeschlossen bzw. als Kolonisten ausge-
sandt wurde und alle im kommenden Frühjahr geborenen Lebewesen den Göt-
tern geweiht bzw. geopfert wurden. 2  

Es ist nicht möglich, eine klare Entscheidung für (1) *u£esu¯-no/a¯- oder (2)
*u£e(r)so¯n(-a¯-) zu treffen. Zugunsten von (1) scheinen die semantischen Parallelen
mit Bona Dea, Cupra Mater, ferner air. Dagda zu sprechen, die die Möglichkeit ei-
ner Gottheit, die als ‘die Gute’ genannt wird, plausibel machen ; dagegen könnte  

die (an sich nicht entscheidende) Schwierigkeit sprechen, dass idg. *h1u£esu- im Ita-
lischen nicht vertreten ist. Für (2) spricht, dass eine spezifische Frühlingsgottheit
auch leicht vorstellbar wäre. Beide Möglichkeiten sind lautlich und morpholo-
gisch problemlos und auf jeden Fall der herkömmlichen Deutung vorzuziehen.
1. 4. Ob der Gentilname vesulliaís (*-ii£o- Ableitung) auf dem Festnamen vesul(l)ia-
(*-ii£a¯-Ableitung) basiert oder umgekehrt oder ob beide letztendlich auf einem
Götternamen osk. *u£esu¯no-, *u£esu¯na¯ (3.1.) oder *u£eso¯ºn-(a¯)- (3.2.) basieren, lässt sich
sprachhistorisch nicht entscheiden. Im Prinzip erscheint das Standardmuster /Göt-
tername/ → /Festname/ einfacher. Aber das umgekehrte Muster /Gentilname/ →
Festname/ ist im sabellischen Bereich wie im Lateinischen nicht auszuschließen. 3  

Osk. vesul(l)ia- könnte eines der sacra gentilicia der Art sein, die wir aus Rom
kennen, vgl. Macrobius 1.16.7 sunt praeterea feriae propriae familiarum, ut familiae
Claudiae vel Aemiliae seu Iuliae sive Corneliae, et si quas ferias proprias quaeque familia
ex usu domesticae celebritatis observant. 4 Obwohl wir keinen der Namen der römi-

schen sacra gentilicia kennen, kann man annehmen, dass sie einfach die Substanti-
vierung eines Gentiliciums darstellen. Als Parallele zu Vesul(l)ia- als vorstellbarer
Kult der gens Vesullia dürfen die römischen Kulte einiger gleichnamiger gentes, z.B.
Ancharia ( : Ancharii), Leituria ( : Litorii), Numeria, Hostia ( : gens Hostia), Venilia ( : Ve-
       

nilii), Vitellia ( : gens Vitellia), gelten. 5 Dementsprechend ließen sich die oskischen
   

vesul(l)ia- als die Feste ‘der gens Vesullia’ interpretieren.

1  Die Verallgemeinerung von *u£er¯ - im Lateinischen beruht eigentlich nicht auf der lautlichen Ver-
tretung von *u£esr : *-VsrV- hätte lat. -VbrV ergeben sollen (vgl. *krasro- > cra¯bro¯ ‘Hörnchen’, *krasrom >

cerebrum). Auslautendes *-Vsr > *-V¯r lässt sich als kontextbedingter Lautwechsel erklären, woraus sich
*-u£er- als Basis für das ganze Paradigma etabliert hat.
2  Cf. zuletzt von Ciemisnki (2002 : 111ff.). Derartige Kultgruppen kriegerischer “Männerbünde” fin-

det man auch bei den Kelten (s. zuletzt McCone 2002) und evtl. bei den Germanen, was aber nicht
unumstritten ist (Meiser 2002, Heizmann 2002).
3  Heurgon (1942 : 78ff.) ; Franchi de Bellis (1981 : 60f.) ; Weiss (2010 : 239).
         

4  Hinweis von Michael Weiss.


5  Wissowa (1912 : 33 Fn. 1, 433 Fn. 1) ; Heurgon (1942 : 79) ; Latte (1960 : 58) (auch dea Peli(g)na :
           

Paelignii).
sprachkontakt und sprachvergleich 107

1. 5. Kommen wir nun endlich zu einem oskischen Praenomen, das als (Gen.)
¸isulo¯ in einer Inschrift aus Pompei (6. Jh. : Poccetti 264, geschrieben im sog.

“achäischen” Alphabet) belegt ist :  

¸isulo¯ e¯mi
Da es sich um eine archaische Inschrift handelt, kann der Name als /Wisullos/ mit
doppeltem /ll/ gelesen werden und eventuell auch zur Sippe von osk. vesul(l)ia-
gehören, obwohl es sich um einen griechischen Namen handeln kann. 1  

Eine interpretatio sabellica von ¸isul(l)o- als aus (1) Ursab. *u£esu¯n(e)lo- (zu
*u£esu¯no/a¯-, 3.1.) oder aus (2) Ursab. *u£eso¯ºn(e)lo- (zu *u£eso¯ºn,*u£eso¯ºn-a¯-, 3.2.) entstan-
den und daher mit osk. vesul(l)ia- direkt verwandt, setzt in beiden Fällen eine
Hebung von /e/ in der ersten Silbe voraus (/wes-/ > /wis/), im Fall von (2) auch
die Wiedergabe von /o¯º/ der zweiten Silbe als <u>.
Zur Hebung von /e/ zu /i/ : Sie ist im ON osk. Vitel(l)iú “Italia” (vgl.

umbr. uitlu- ‘Kalb’, lat. vitulus : *u£et-(e)lo-, dial. gr. [¸]e[telon auf Kos, [¸]e[talon

auf Aigai) feststellbar, ferner auch in den danach gebildeten Personennamen und
darf als sicher gelten, wie immer sie zu erklären sei, 2 vgl. die Gentilnamen Vetli- 

us, 3 Vetulius /Vitulius (Latium, Campania), Vitullius (Venetia, Histria), viel-


leicht auch Vettlaeus (Samnium), und die “Kf ” Vet(t)ius (passim). Es handelt
sich wahrscheinlich um einen dialektalen Lautwandel, der sporadisch vorkommt,
z.B. umbr. uistinie “Vestiniı¯” Um 10.3 oder lat. vispillo¯ ‘Leichenträger, -schänder’
(Mart.+) neben vespillo¯ (auch Eigenname) : 4 Auf dieser Basis ließe sich eine identi-
   

sche Lautentwicklung für (1) *u£esu¯n(e)lo- (und *u£esu¯no/a¯-) oder für (2) *u£e(r)so¯ºn(e)lo-
(und *u£e(r)so¯ºn,*u£e(r)so¯ºn-a¯-) annehmen, obwohl der phonetische Kontext anders
ist. In der Tat bleibt im Falle von *u£ets-V- das /e/ erhalten, wie die Kontinuan-
ten von umbr. vesune, nämlich Vessonius (Alpes Cottiae) mit /wes-/, zeigen.
Eine Herleitung von ¸isul(l)o- aus *u£eso¯ºn(e)lo- (3.2.) stößt auf eine weitere
Schwierigkeit : In der Regel ist oskisches /o¯º/ im griechischen Alphabet nicht durch

<u>, sondern durch <o>, <ou> wiedergegeben, z.B. ouyens Me 1.2 ( : uupsens Po  

1, upsens Po 8), appellounhi Me 1.2 a]pp º ellounhis Me 5, auch mit <o>, z.B.
alaponis Lu 40, -ies Lu 41, kensortathi Lu 5 (vgl. kenzsur Fr 1, kenssurineís.
Cp 24), ¸ersorei Lu 25. Dies legt den Schluss nahe, dass der PN ¸isul(l)o~ von
Pompei nicht auf *u£eso¯ºn(e)lo- zurückzuführen ist.
1. 6. Eine interpretatio Graeca ist daher keineswegs auszuschließen. Die Möglichkeit
eines Kosenamens auf -ulo~ 5 zu i[so~ (*u£i[d]su£o-), ¸isulo~ (nämlich “Isullo~ von

Epidauros) wurde schon von R. Arena erwähnt, 6 aber ohne diese zu favorisieren :   

Die Parallele mit Qavrsulo~ / Qavrsulo~ ( : qrasuv~) spricht eindeutig für die Mö-

glichkeit dieser Deutung.

1  Vgl. Weiss (2010 : 238 n. 361) : “potentially relevant here is the form Wisulo”.
   

2  Explizit dazu Buck (1928 : 33) : “where and how the change came about is unknown”.
   

3  Auch Vitlius (Numidia). 4  Hinweis von Michael Weiss.


5  Auch als “Kf ” auf -s-ulo~ von Komposita vom Typ teryivmbroto~, vgl. ÔAghvsulo~, Mnavsulo~, ∆Onhv-
sulo~, Nevssulo~, Nikavsulo~, Peivsulo~, Swvsulo~, Teivsulo~. 6  Arena (2006 : 240).

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Andererseits ist eine Deutung als Kompositum mit VG /wı¯°/ (vgl. *u£ı¯-, hom.
i\fi) und HG /°sulo-/ (vgl. iJerov-sulo~, sulavw ‘plündern, berauben, ausbeuten’)
leicht vorstellbar, und daher eine Bedeutung etwa ‘der mit Gewalt beraubt’ ganz
plausibel. Sie lässt sich durch klare Parallelen unterstützen (vgl. E. IA 1275 ”Ellh-
na~ o[nta~ levktra sula`sqai biva)/ , auch in der Onomastik (vgl. Suvl-andro~, Sulov-
loco~/Suv-loco~, Sulo-sw`n). Auch die beiden Kompositionsglieder lassen sich
in der Onomastik gut erkennen, in gewissen Fällen auch mit ähnlicher (aus der
Komposition entstandener) Bedeutung : Zum HG vgl. die PN ∆Epiv-sulo~, 1 “A-
   

sulo~, vielleicht auch Swtov-sulo~, zum VG vgl. ∆Ifiv-damo~, ∆Ifi-davma~ und v.a.
∆I-drovma~, ∆I-kevrth~ (vgl. ∆Ifikravth~) 2 mit den Synonymen Krativ-damo~, Krativ-

niko~, dazu auch der fem. PN ∆Io-nivkh (falls */wi-o°/ aus *u£iH-o°). Eine direkte
Parallele zum VG von osk. ¸isul(l)o- /Wı¯-sulo-/ wäre osk. viínikiís, wenn es
einen gr. PN *¸i¯-niko~ reflektiert, wie von D. Kölligan in diesem Band 3 vorge-  

schlagen wird.
1. 7. Fazit : Osk. vesulliaís (Gentilname) und vesul(l)ia- (Festname), wie lat. Ve-

sullius, Vesulus (Verg.), sind vom umbrischen bzw. marsischen Götternamen


vesuna- (dat. Vesune) zu trennen. Sie gehen vielmehr auf eine *-ii£a¯-Ableitung
von ursab. *u£eso¯ºn(o)la¯- aus *u£esu¯n(o)la¯- (zu *u£esu¯na¯- ‘die Gute, Herrin der Güte’)
oder aus *u£e(r)so¯ºn(o)la¯- (zu *u£e(r)so¯na¯- ‘Herrin des Frühlings’, vgl. lat. ver) zurück.
Das Praenomen (Gen.) ¸isulo¯ (Pompei), das auf /Wis(s)ulos/ hinweist, ist viel-
mehr griechisch, vgl. “Isullo~ (VG /wı¯°/, vgl. hom. i\fi, HG /°sulo-/, vgl. iJerov-
sulo~).

2. Altlatein Ferter Resius | rex Aequeicolus


2. 1. Der Name von Ferter Resius, des Königs der Aequicoler und Begründer des ius
fetiale, das den Status der Fetialen, einer Priesterschaft der früheren und mittleren
Republik, bestimmen sollte, ist im Elogium CIL I2 p. 202, 4 im Palatino, nicht spä-

ter als zur Zeit des Claudius eindeutig als Ferter angegeben :  

Ferter Resius| rex Aequeicolus.| Is preimus| ius |


fetiale parauit ;| inde p(opulus) R(omanus)| discipleinam |

excepit
Die Überlieferung des Namens ist trotzdem einheitlich zugunsten einer Form auf
-tor, Fertor, die ausnahmslos belegt ist, nämlich im Liber de praenominibus (Hs. aus
dem 8. Jh.) oder in De uiris illustribus (Hs. aus dem 14./15. Jh.) :  

Lib. de praen. I : Recitant (scil. qui dissentiunt a Varrone) ab Aequicolis Septimum Modium pri-

mum eorum regem et Fertorem Resium, qui ius fetiale constituit.


De uir. illustr. 5.4 ius fetiale … ab Aequicolis transtulit quod primus fertur Rhesus cogitauisse
(oder eher Fertor Resius excogitauit coni. Renier). 5  

1  Name eines pythagoreischen Philosophen aus Krotona ( Jamb. 36.267).


2  Bechtel (1909 : 49).

3  S. 96ff.
4  VI 1302 et al. ( : Inscr. Italiae III.66 : ILS 61 : ILLRP 447).
     

5  Belege und Literaturhinweise bei Peruzzi (1966a : 55), (1966b : 278).


   
sprachkontakt und sprachvergleich 109

Im Prinzip lässt sich Fertor als forma facilior verstehen, die einem üblichen Namens-
typ entspricht und als Nomen agentis zu fero¯ erkennbar ist. Demgegenüber darf die
auf dem Stein belegte Form Ferter, die die lectio difficilior darstellt, als die richti-
ge Lektüre gelten, wie von E. Peruzzi betont wurde. 1  

2. 2. Unter der m.E. unbegründeten Annahme, dass Ferter eine Fehlschreibung


ist, hat man versucht, die vermeintlich korrekte Form Fertor in verschiedenen
Richtungen zu interpretieren, auf jeden Fall immer als Nomen agentis zu fero¯, und
zwar als ungewöhnliche Form, die in der Sakralsprache weiterlebte. 2 Offen muss  

im Rahmen dieser Interpretation bleiben, ob es sich um einen italischen Namen


Fertor oder vielmehr um einen Amtstitel im religiösen bzw. institutionellen Be-
reich handelt, 3 oder eben um einen Titel, der sekundär als Personenname umin-

terpretiert wurde, 4 ferner welche seine genaue Bedeutung sein sollte. 5


   

Attraktiv wäre im Prinzip der Deutungsversuch von Fertor als Entsprechung


bzw. Parallele zu umbr. arˇfertur (*ad-bherto¯r), Titel eines leitenden Opferpriesters,
der die Opferhandlungen durchführt. 6 Zugunsten dieser Deutung hat R. E. A.  

Palmer zwei Argumente angeführt : 7 (a) der arˇfertur stehe in der Nähe des Lok.    

eikvavese (Va 4.16) und wäre nicht von anderen Wörtern mit eikv-, die mit lat.
aequo- assoziiert werden könnten, zu trennen : Die beiden Wörter wären mit Fer-  

tor und den Aequi (Rex Aequ(e)icolus) zu vergleichen. In gleicher Richtung (b)
könnten lat. fertor, umbr. arˇfertur an lat. Arferia, ein Wort der religiösen Termi-
nologie (Festus 10 L.), und an lateinische Entsprechungen mit ferre, adferre, näm-
lich legem ferre, rogationem ferre, nuntium adferre und insbesondere an den Amtstitel
lator (legis bzw. rogationis) erinnern.
Auf jeden Fall sieht sich die vermeintliche Parallele zwischen alat. Fertor als
König der Aequicoli und umbr. arˇfertur als Amtsträger der eikvasese höchst gra-
vierenden Einwänden ausgesetzt. Einerseits ist eine direkte Beziehung zwischen
den beiden letztgenannten Wörtern nicht feststellbar : Sie kommen nur in Va 16  

im selben Satz vor : arˇfertur pisi pumpe fust eikvasese atiierˇier ‘wer immer der

Priester bei den Treffen der Atiedier sein wird’. Andererseits ist die vermeintliche
Entsprechung zwischen umbr. eikvasese und lat. aequates (das mit Aequi, Aequicoli

1  Vgl. Peruzzi (1966a : 55f.), (1966b : 278) : Fertur ist “non ... un errore, ... ma copia fedele della forma
     

originale” ... “Ferter, a differenza di Fertor, rappresenta un unicum non interpretabile” ; zustimmend Pros-  

docimi (2009 : 131f.). Anders, unrichtig Salomies (1987 : 102) s.v. Fertor (wo trotzdem zugegeben wird
   

“Ferter auf dem Stein”), Ampolo (1972 : 411 : “l‘esato corrispondente di un inusitato fertor”).
   

2  Cf. Ampolo (1972 : 410) mit Verweis auf Varro, de lingua lat. 8.57 non fit ut messor fertor.

3  Vgl. schon Gloss. Isid. ‘fertores ferto libantes’ (in diesem Sinne Palmer 1970 : 53).  

4  Cf. Ampolo (1972 : 412) : “se il nome di questo re degli Equi sia in realtà una titolatura, interpretata
   

poi come un nome proprio”.


5  Eine Deutung als “padre, capostipite” (Ampolo 1972 : 410, mit Verweis auf die Glosse ‘fertor vel parix

est pater’) leuchtet nicht unmittelbar ein.


6  Untermann (2000 : 48f. mit Lit. : die Idee geht auf Friedrich Bücheler zurück).
   

7  “The parallel between the Aequi and the eikvas (= Aequates ?) suggests some kind of unification or  

synoecism of people who insisted upon their mutual equality. Fertor may be no more than his official title”
(Palmer 1970 : 53) ; zustimmend Ampolo (1972 : 411) : “Il parallelo fra il Fertor degli Equi e lo arsfertur degli
       

eikvas ([sic] = aequates ?) è molto forte”, der eine weitere religiöse Funktion der umbrischen arˇfertur betont.

110 josé luis garcía ramón
verwandt sein müsste) phonetisch inakzeptabel : Umbr. eikvasese (Dat. Pl. mit  

Postposition -en) weist auf /eikwa¯˘ssi-/ hin, das von M. Weiss als ein Kompositum
mit VG /eik°/ “together” oder “one” und HG /°wa¯˘T-ti-/ “°ventio¯” (vgl. *u£eh2dh- :  

lat. va¯do¯) überzeugend gedeutet worden ist, 1 und zwar als Bezeichnung eines kulti-  

schen Treffens (daher eikvasese atiierˇier “at the Atiedian meetings”). Demgemäß
ist die Form von aequı¯, aequı¯colı¯ (*ai£ku£o- oder *ai£ku£o-) mit Sicherheit zu trennen.
2. 3. Nicht einfacher ist die Bestimmung der richtigen Form des Gentiliciums von
Ferter : Resius steht eindeutig im Elogium am Palatinum (auch in de praen. 1), Rhe-

sus / Resius ist in de vir. illustr. überliefert. 2 Die epigraphischen Belege (alle aus der  

Kaiserzeit) zeigen neben Resius, Resus verschiedene Varianten, nämlich Raesius,


Rhaesius und Rhaesia, Roesius, auch als Cognomen in Rom Resius (217.220), Res(s)
ius (424). 3 Es scheint, dass Resius 4 eher als Rhesus die echte Form ist, wie immer
   

sie zu deuten sei. Auf die Frage, ob Resius für *regius (cf. Regius als Gentilicium,
auch als Cognomen, ferner Reius) 5 vorkommt, und zwar mit einer dialektalen  

Aussprache, 6 braucht man hier nicht einzugehen. 7


   

Als Entsprechung zu Resius erwähnt C. Ampolo 8 die Glosse rJhtov~· ajrcov~, o}~ aiJ-  

revsei ta; qevsfata aus Sizilien (Epicharm), die einen Amtsträger Rhetus mit au-
guralen Funktionen bezeichnen könnte. 9 Zu der Frage, ob ein Zusammenhang  

bzw. eine Parallele auf institutionellem Niveau zwischen dem auguralen Rhetus ( :  

rJhtov~) der Sikuler und dem Rhes(i)us der Aequicoler, dem Begründer des ius feti-
ale, 10 besteht, kann ich nichts Wesentliches beitragen. Auf jeden Fall bleibt trotz

  1  Weiss (2007 : 366f.), (2010 : 184ff.) : “cult-internal meeting” mit VG eik° aus *h1ei£-k-iko- oder *h1ei£-ke-ko-,
     

vgl. ai. eka-ká-, oder *e-ki/o- : lat. ecce, eccum, osk. ekkum “item”. Vgl. auch eikvasatis (Abl. Pl.) ‘be-

longing to the meeting’ (*eikwa¯˘ssa¯˘ti-, -ti-Ableitung von *eikwa¯˘sso-, mit HG *°u£a¯˘dh-to-).


  2  Nicht authentisch sind die variae lectiones (codd.) beim de viris illustribus : Nessus, Bessus, Hesus (Am-  

polo 1972 : 410).


  3  Es sei an die belegten Formen nach Regionen erinnert (Belege aus Ampolo 1972 : 411, der betont “non  

formano un nucleo organico”) : Rom (Kaiserzeit : Resius, Resiae, T. Raesius Iustinus), Latium adictum (Sora :
     

Roesius), Apulien (Rhaesius und Rhaesia, auch einige Ortsnamen, die mit Aequi-Aequicoli verwandt sind (Ae-
cae, Aeclanum, Aequum Tuticum), Umbrien (Bevagna : Resius, Resia), auch Volterra (Resius), Rimini (Roesius).

  4  Vgl. Peruzzi (1966 : 278 Fn. 1) : “resius ... rifacimento (con la desinenza seriore -us) di un gentilizo
   

guasto nella parte finale”.


  5  Als Gentilname CIL 37+, auch als Cognomen Regius (200. S27), auch Reius (215.217).
  6  Poccetti (1997 : 7).  

  7  Dagegen Prosdocimi (2009 : 113f.) : “speculazioni”. Als Parallele könnte man das mögliche Paar
   

Maesius ‘Mai’ (und m(a)esius ‘alt, Vorfahren’ bei Varro, wahrscheinlich auch Name), mit einer Palata-
lisierung bzw. Frikativisierung etwa *-gi- > -si- neben Maius : maior (*mag-i£os-) anführen (cf. osk. Prae-  

nomen maís und mais ‘mehr’, vgl. Meiser 1986 : 63, Nishimura 2009 : 49). In diesem Sinne vgl. Maius <
   

Mag-ius > Maesius Lingua Osca mensis Maius Fest. 121, 4 L., Rustici pappum mesium non maesium (Varrone) :  

Dafür müsste man mit einer Vertretung Ma(e)sios von *mag-is-io- rechnen, was nicht unmittelbar ein-
leuchtet, vgl. die Diskussion bei Poccetti (1997 : 781ff. mit Fn. 68, 69). Gegen die Beziehung zwischen

beiden Wörtern Untermann (2000 : 443) : “vielleicht … zu einem N.Sg.m.f. *maˇ-i£o¯s < *mǝ2-i£o¯s” mit Ver-
   

weis auf mestru, Adams (2007 : 154 Fn. 100).  


8  Ampolo (1972 : 411f.).  

  9  Vgl. die Bemerkung von Kaibel : “vero videtur Italiotica quadam regis vocabuli forma usus esse,

ita ut regem sacrificulum significare o{~ ajnairei` ta; qevsfata”.


10  Die Tradition über die Herkunft des ius fetiale bei den Aequicolern (Liv. 1.32.5 [Ancus Marcius] ius
ab antiqua gente Aequicolis, quod nunc fetiales habent, descripsit, quo res repetuntur, cf. Serv. ad Aen. 10.14), die
auch bei den Ardeati und den Faliskern abgehalten wurden, ist von der Volksetymologie der Aequicoli
als “qui aequum colunt” nicht zu trennen.
sprachkontakt und sprachvergleich 111
der vagen formalen Ähnlichkeit 1 die Frage offen, ob rJhtov~ und Resius bzw. Rhesus

ein Aequabile bilden, und insbesondere ob die griechische Form mit <t> (statt
<s>) ein altes /ti/ bzw. /t/ enthalten haben kann, denn sonst führt der Vergleich
mit Resius bzw. mit der Lectio Rhesus (codd.) zu nichts. Ein Lautwandel *re¯ti£o- >
*re¯tsi£o- > re¯tsi£o- lässt sich zwar annehmen (vgl. Ethn. Marsi aus *marti£o- ‘zu Mars
gehörend’, mars. martses (Abl. Pl.) Ve. 228ª CIL I25 [Fuciner See, Caso Cantovio]).
Demgegenüber kann aber von gr. rJhtov~ (auch wenn es eine gräzisierte Form
für R(h)etos ist) als Entsprechung zu alat. R(h)esius oder zur Lectio Rhesus (codd.)
nicht die Rede sein.
Fazit : Dass ein hypothetisches Praenomen Fertor und der Gentilname R(h)esius

eine rein formale Ähnlichkeit mit Titeln zeigen, die auf sakrale Funktionen unter
Umbrern und Sikulern hinweisen, bleibt wohl spekulativ, wenn man die entspre-
chenden Formen sprachhistorisch näher betrachtet. Auf jeden Fall tragen die for-
malen Anklänge zur Plausibilität einer Form auf -tor, nämlich Fertor, nichts bei.
2. 4. In der Tat spricht die Wortbildung, insbesondere die Existenz eines Gentilna-
mens Fertrius* (Fertrio) eindeutig für die Authentizität der Lesung Ferter. Es
seien hier die Gründe vorgebracht :  

(1) Die -i£o-Derivativa von Appellativa bzw. Nomina auf -ter und -tor im Lateini-
schen sind unterschiedlich, nämlich -ter : : -trius (Typ pater : : patrius) gegenüber
       

-tor : : -to¯rius (Typ praetor : : praeto¯rius). In unserem Fall steht neben Ferter ein
       

Gentilname auf -trius, nämlich Fertrius in At. Fertrio CIL I22, 476.2 (auf einem
Becher), nicht Ferto¯rius, 2 wie von E. Peruzzi richtig betont. 3 Demgegenüber steht
   

neben Fertor ein Gentilname Ferto¯rius.


(2) Appellativa und Namen auf -ter ( : -trius) und auf -tor ( : -to¯rius) im Lateinischen
   

sind sowohl synchron als auch historisch ganz unterschiedlich zu beurteilen. Die
Formen auf -ter gehen (a) auf kontrastives *-tero- und (b) auf *-tri-, *-tro- zurück,
wie Beispiele aus den Praenomina, Cognomina und Gentilnamen (daher alle kon-
ventionell in Kapitälchen) eindeutig zeigen :  

Zu (a) vgl. Auster ‘Südwind’ (*au£s-tero-), 4 Alter, Dester, Magister (*-is-tero-,


1  Pace Ampolo (1972 : 412) : “notevole assonanza”.


   

2  Eine Gleichung At. Fertrio : lat. Herto¯rius CIL XI 6700, 319-320 (in vasa arretina, so Schulze 1904 :
   

166) kommt nicht in Frage (richtig Peruzzi 1966 : 278 Fn.6).  

3  Peruzzi (1966b) ; zustimmend Prosdocimi (2009 : 131f.).


   

4  Lat. Auster ‘Südwind’ (*au£s-tero-) wird nach herkömmlicher Meinung auf idg. *h2eu£s-tero- zurück-
geführt (urgerm. *au£stra- ‘östlich’, cf. an. austr ‘Osten’, auch Adv. ‘ostwärts’, ahd. o¯star ‘nach Osten’ ;  

ferner lit. auštrinis ‘Nordostwind’), das eigentlich zu einer Verbalwurzel *h2u£es- ‘(morgens) hell werden’
gehört (ved. uccháti, lit. au˜šti ‘beginnen [vom Tag]’), vgl. auch *h2(e)us-ró- (ved. usrá- ‘rötlich, morgend-
lich’, fem. usra¯π- ‘Morgenröte’, auch lit. aušrà- ‘ds.’). In dieser Erklärung bereitet die Semantik einige
Schwierigkeiten, denn demnach wäre Auster eher ein ‘Ostwind’. Die Aporie kann nur durch die falsche
Orientierung der Achse Italiens gelöst werden oder durch Zurückführung auf *(s)h2eu£s-tero-, Variante
ohne s-mobile von *sh2eu£s- / *sh2us- (*su¯s-) ‘trocken werden’ (aliter LIV2 s.v. *h2seu£s-) : gr. auJo/e-, au{w·

xhraivnw Hsch., att. ajf-auo/e-, av. haoša-, aks. i-sъšo˛ ‘trockne aus’, ved. s´usº-ya-ti (*susº-i£a-) : *(s)h2eu£s-tero-

neben *sh2eu£s-o-, gr. ion. (psilotisch) au\o~ ‘trocken’, hom. aujstalevo~, klass. aujsthrov~, aksl. suxъ, lit.
sau˜sas ‘trocken’, sausiù (-éti), lit. su¯dus ‘trocken’. Ausführlicher andernorts (aliter Lubotsky 1985 : *h2sus- 

do-).
112 josé luis garcía ramón
vgl. umbr. mestru), Minister, Noster, Opiter (*h1opi-tero- ‘der Spätgebore-
ne’). 1

Zu (b) vgl. Campester, Equester (auch Gent.), Fanester (auch Gent. :  

*fa¯nestri- ‘vom Fanum Fortunae’, vgl. fa¯num ‘Hain’), Oleaster (vgl. oleaster, ole-
astrum, -ı¯ ‘Wild­oliven­baum’), Paluster (*palustri-, vgl. palus- ‘Teich’), Silvester.
Dazu gehört auch Arbiter (*ad-bitero-, vgl. baeto¯ ‘gehen’), 2 das sich auf *ad-bit-  

ero- zu *°bait-, 2. Pl. Impv. baite (univerbiert aus *gu£eh2-, *h1i-te) oder auf *ad-ba˘t-
ero- ‘der von außen’ (*gu£ǝ2-to-, mit dialektalem b-) zurückführen lässt. 3  

Demgegenüber beschränken sich die Formen auf -tor- auf Nomina agentis
(natürlich auch in der phonetischen Variante -sor-), sowohl bei den Praenomina
(Aleator, Aliator, Auctor, Praetor, Quaestor, Regator, Salvator, Ser-
tor, Tutor , auch Censor, Cursor , Derisor, Possessor, Sucessor) als auch
bei den Gentilnamen (Salinator, auch Usor).
(3) Ein identisches Bild ergibt sich im Falle der sabellischen Formen auf *-ter (-tír,
ter /-te¯r-/) und auf *-tor (-túr, -tur /-to¯r-/). Die Formen auf -ter gehen auf kontras-
tives *-tero- zurück, die auf -er auf leicht erkennbare ererbte Bildungen auf *-(C)ero-,
*-(C)er : osk. pruter Lu 1, 4.16 ‘vorher, früher’ ( : ved. pra¯tár), osk. pútereí-pid Sa 1A
   

18.B21 (Lok.) ‘jeder von beiden’ ( : uter-que), umbr. super Ib 41. IV 19 ‘über’ (*[s]

up-ér-i : uJpevr). 4
   

Demgegenüber sind die belegten Formen auf -tor- (und -sor-) ausschließlich
Nomina agentis, vgl. osk. regatureí Sa 1 A 12. B 15 (*rega¯-tor-), päl. salauatur Pg 42
(*salu£a¯-tor- : lat. salua¯tor), umbr. arˇfertur Ib 41, IIa 16, Va 3,10, arsfertur VIa 8 et al.,

speture IIa 5 (*spekπ-tor- : lat. inspector), uhtur III 7 et al., auch osk. keenzstur Sa 4,

kenzsur Fr 1 (Nom. Pl.), 5 ¸ersorei, Epitheton von diou¸ei (*u£erssor- < *u£ert-tor,

vgl. lat. a¯-, sub-versor), südpik. oftorim CH 1 ( : lat. auctor). 6    

2. 5. Geht man davon aus, dass Ferter (mit Gentilname Fertius) die echte Form war,
stellt sich natürlich die Frage nach ihrer Deutung bzw. Zugehörigkeit zu einer
gegebenen Wurzel. Einige bislang vorgeschlagene Deutungsversuche sind kaum
überzeugend, so dass Peruzzis Dictum, die Form stelle “un unicum non interpre-
tabile” 7 dar, aktuell bleibt. Auch sieht sich die Möglichkeit einer Beziehung zu

ferio¯ (vgl. foedus ferire Liv. 9.5.3 : Ausdruck zum ius fetiale) und ferula in der üblichen

Bedeutung ‘Stock, Stab’, auch zu fertum bzw. ferctum ‘eine Art Opferkuchen’, ei-

1  Vgl. García Ramón im Druck 1.


2  Cf. Garnier (2010 : 949ff.) Zu arbiter vgl. auch umbr. arˇputrati /arˇbåtrati/ (Abl. Sg. zu *ad-bitra¯tu-

‘Urteil, Gutachten’ nach Meiser 1986 : 53, 72 ; Untermann 2000 : 53).


     

3  Garnier (2010), auch zu Impv. va¯de als mögliche Entsprechung zu gr. ba`qi.
4  Bei einigen obliquen Kasus der Struktur -(t)rV von Stämmen auf *-(t)ero- kann man im Prinzip
einen Nom. *-(t)ir annehmen, vgl. päl. loufir, osk. (Gen.) lúvfreís (iúveís) ( : lat. lı¯ber, praen. leiber :
   

*h1leu£dh-ero-), osk. (Dat.) altrei, altreí, Abl. atrud (*altir : Lat. alter), osk. mi(n)streis (*mi(n)stir : minister
   

‘Diener’ aus *min-is-tero-), (Lok.) pustreí : posterus (*pos(ti)-tero-).


5  Vgl. auch censtur Lu 1, 18 et al., auch kenssurineís Cp 24, kensortathi Lu 5. Es handelt sich um ein
lat. Lehnwort, wobei die Formen mit -t- als sekundär analogisch zu denen auf /-tor-/ zu verstehen sind,
vgl. Untermann (1957/8 : 245ff.), (1993 : 94, 100ff.).
   

6  Weiss (2010 : 75ff.), García Ramón (2010 : 70ff.) (auch zu den idg. Komparanda).
   

7  Peruzzi (1966 : 278).



sprachkontakt und sprachvergleich 113
nem alten Ritualwort (vgl. strufetarios, qui quaedam sacrificia ... faciebant, a ferto
scilicet quodam sacrificii genere Fest.) 1 oder zu Fere¯trius 2 (Epitheton von Iuppiter
   

Capitolinus, der in Beziehung mit den Fetiali steht) 3 dem gravierenden Einwand

ausgesetzt, dass Ferter bzw. *Fere¯ter( ?) nicht als Nomina agentis gelten dürfen.

2. 6. Alat. Ferter lässt sich mit hom. fevrtero~ ‘besser, prominenter’ problemlos
vergleichen und dementsprechend auf idg. *bhér-tero- *‘ertragreich’ zurückführen.
Lautlich bzw. morphologisch ist die Herleitung tadellos, vgl. die anderen Formen
auf *-tero- (lat. magister und minister, dexter, sinister, osk. pruter, pú-terei-pid), se-
mantische Parallelen in der Onomastik lassen sich ohne Schwierigkeit anführen,
vgl. Melior (Gent.), Optimus / Optumus, Bonus, auch Excellens, Egregius.
Die Interpretation alat. Ferter als ‘prominent’ lässt sich im Lichte des Ver-
gleichs völlig rechtfertigen. Es wird im Folgenden auf das homerische Kompa-
randum, das eigentlich eine perfekte Gleichung darstellt, und auf das Äquabile
(°)bairišta- im Avestischen (2.7), ferner auf heth. nakki- ‘wichtig, mächtig’ (2.8) ein-
gegangen werden, das als *h1nokˆ-i- transponierbar ist und zu der Wurzel *h1nekˆ-/
*h1enkˆ- gehört (vgl. Aor. ejnegk-o/e-, Perf. ejnhvnoca suppletiv zu fevrw), die seman-
tisch in engerer Beziehung zu *bher- steht, wie ich zu zeigen versucht habe. 4  

2. 7. Zu den homerischen und avestischen Komparanda ist es von Belang festzu-


stellen, (1) dass neben hom. fevrtero~ (34x) ein Superlativ fevrtato~ (10x) belegt
ist, ferner ein zweiter Superlativ fevristo~ (7x), (2) dass hom. fevristo~ (auch PN
Fevristo~ Plut.) mit av. (º)bairišta- (3x) ‘vorzüglich, bestens’ eine perfekte Glei-
chung bildet, und (3) dass alle erwähnten Formen eine gemeinsame Bedeutung
im stets positiven Sinne ‘besser’ bzw. ‘beste(r)’, und auch mit heth. nakki- ‘wich-
tig’ übereinstimmende Kollokationen haben. Heth. nakki- hat auch eine negative
Lesart ‘schwierig, lästig’ wie lit. naštà- ‘Last’, gr. o[gko~ ‘Bürde’ und fortikov~ ‘läs-
tig’ (García Ramón 2010 : 80ff.).  

(1) Die Kollokationen von fevrtero~, fevrtato~ 5 (polu; fevrtero~ Il. 4.56, 6.158+,

polu; fevrtato~ 1.581) 6 stimmen z.T. mit denen von fevristo~ überein. Gemein-

sam ist der Gebrauch von fevrtero~, fevrtato~ als Epitheton (auch mit fevristo~,
s.u.) :

(a) von prominenten Persönlichkeiten (Königen, Helden), wobei die Qualität,


durch die sich der Held auszeichnet, im Instr. ausgedrückt wird : Il. 3.431 sh`/ te bivh/

kai; cersi; kai; e[gcei> fevrtero~ ei\nai ‘mit deiner Kraft und den Händen und der
Lanze überlegen’, Od. 12.246 e}x e{leq‘, oi} cersivn te bivhfiv te fevrtatoi h\san ‘holte

1  Peruzzi (1966 : 278 Fn. 7) (mit Verweis auf Stellen und Lit.). Tatsächlich wird fer(c)tum durch Gelehr-

tenetymologie mit fertor assoziiert (vgl. fertores ferto libantes CGL V, p. 599, 55).
2  Fere¯trius ist zu *fere¯trum ‘Schleudern’ (des Blitzes) gebildet, daher wohl von feretrum ‘Bahre’ (zu fero¯)
zu trennen, das gr. fevretron widerspiegelt. Eine Beziehung zwischen Fere¯tris und einem vermeintlichen
*fer-ere, das fer-ı¯re entsprechen könnte (cf. ex cuio templo sumebant sceptrum ... et lapidem silicem, quo foedus
ferirent Fest.), bleibt unbegründet. 3  Zuletzt Hirata (1967 : 52 mit Lit.), Ampolo (1972 : 410).
   

4  García Ramón (2010 : 82ff.).


5  Wahrscheinlich als Neubildung nach uJpevr-tero~, -tato~ bzw. fivl-tero~.


6  Vgl. die Glossen fevrtato~∑ ajgaqwvtato~, auch kakw`n de; fevrteron ei[h · tou`to tw`n kakw`n to; krei`tton
Hsch. (zu Il. 17.104f. ei[ pw~ ejrusameqa nekro;n / Phlei?dh/ ∆Acilh`i>∑ kakw`n dev ke fevrtaton ei[h).
114 josé luis garcía ramón
sich (scil. Skylla) sechs (Gefährten), die an Armen und an Kraft die besten waren’,
Il. 6.123 tiv~ de; suv ejssi fevriste kataqnhtw`n ajnqrwvpwn ; ‘Wer bist du, Bester !, von
   

den sterblichen Menschen ?’ 1    

(b) von Gottheiten, vgl. z.B. Il. 21.264 qeoi; dev te fevrteroi ajndrw`n ‘denn die Göt-
ter sind stärker als Männer’, 2 Hsd. Th. 49 o{sson fevrtatov~ ejsti qew`n kavrtei te mev-

gisto~ ‘wie er (scil. Zeus) der höchste der Götter ist und an Macht der größte’, Il.
15.247 tiv~ de; suv ejssi fevriste qew`n o{~ m’ ei[reai a[nthn ; (Hektor zu Apollon) ‘Wer

von den Göttern bist du, Bester, der du mich fragst ins Angesicht ?’ (vgl. auch. Il.  

23.409 ...·tiv h] leivpesqe fevristoi ;).  

(2) Hom. fevristo~ : av. (º)bairišta- (mit nizˇ° und aibi°) ‘vorzüglich, bestens’ bilden

eine Gleichung, die höchstwahrscheinlich ererbt ist. Gemeinsam ist den beiden
Formen der Gebrauch als Epitheton, insbesondere als Anredeform im Vokativ
fevriste, bes. bei Homer, neben 1x Vok. Pl. fevristoi, jav. bairišta neben aav. jav.
ºbairišta- (je 1x), vgl.
Il. 15.247 tiv~ de; suv ejssi fevriste qew`n o{~ m’ ei[reai a[nthn
Yt. 12.7-8 rašnuuo¯ du¯rae¯darštəma rašnuuo¯ arəqamat bairišta rašnuuo¯ ta¯iiu¯m nijagništa
“o Rašnav, (der) du dem Beklagten am besten beistehst, ˜ o Rašnav, (der) du den Dieb ... am
besten niederschlägst” (Wolff ).
(3) Die Semantik und Kollokationen von fevrtero~, fevristo~ und jav. bairišta-
decken sich mit denen von heth. nakki- ‘wichtig’ und ‘mächtig’ (*h1nokˆ-i-, auch
‘lästig’ im negativen Sinne, vgl. lit. naštà ‘Last’), das auch Prominente und Götter
bezeichnet : 3   

(a) von (prominenten) Menschen vgl.


VBoT 58 i 29-31 apa¯š=u£a DUMU-YA [na]kkiš h¢aršzi pat NA4pirulu¯u£ari
‘Dieser Sohn von mir ist wichtig( ?)/mächtig( ?)’, vgl. u.a. Il. 3.431 ... sh`/ te bivh/ kai; cersi; kai;
   

e[gcei> fevrtero~ ei\nai.


(b) von Gottheiten vgl.
KUB 24.3 i 29-34 [z]ik=uza dUTU URUArinna nakkiš DINGIR-LIM-iš nu=tta=kkan ŠUM-an
lamnaš ištarna nakki
‘Du, Sonnengöttin von Arinna, bist eine verehrte Göttin, dein Name ist verehrt unter den
Namen’, vgl. u.a. Il. 15.247 tiv~ de; suv ejssi fevriste qew`n o{~ m’ ei[reai a[nthn, Yt. 12.7 rašnuuo¯
arəqamat bairišta.
˜
2. 8. Das Verhältnis von fevrtero~ (und fevrtato~), fevristo~ : av. (°)bairišta- zu fev-

rein ist evident, welche auch immer die zugrunde liegende Semantik des Verbums
sein sollte. Man kann natürlich an intransitives fevrein denken, 4 daher fevrtero~ 

‘einträglich’ (von Personen, die am meisten ‘einbringen’, vgl. proferhv~ ‘hervor-


ragend’, auch proferevstero~, -tato~, zu profevrein ‘sich auszeichnen’), oder an

1  Vgl. auch fevriste kadmeivwn a[nax (Aesch. Sept. 39), fevriste despotw`n (Soph. OT 1149) u.a.
2  Cf. auch P. Isth. 7.5 ... Δiónuson ... to;n fevrtaton qew`n.
3  Weitere Beispiele bei García Ramón (2010 : 75ff.).  

4 ���������������������������������������������������������������������������������������������������
Etwa *“der zuträglichste ..., ertragreichste” oder “der im Tragen leistungsfähigste”, daher “stärk-
ster”, “erhaltendster” (Seiler 1950 : 94).

sprachkontakt und sprachvergleich 115
eine Ellipse eines Objekts, vgl. etwa frz. l‘emporter sur, dt. ‘es bringen’, daher auf
Personen bezogen ‘etw. schaffen, fähig sein, leisten’, amerikan. engl. “bring it !”  

oder “bring it on !” (im Kampf ). 1


   

Die zweite Alternative lässt sich durch die Parallele des Avestischen belegen,
wo aav. aibı¯.bairistǝm und jav. nizˇbairišto ein Akk.-Objekt haben :  

Y. 51.1a vohu¯ xšaqrəm vairı¯m ba¯gəm aibı¯.bairištəm ....


“The desirable good power, (which is) an excellent bringer of wealth (ba¯gǝm)…” (Hum-
bach), “the good power … which brings most share(s)” (Humbach-Ichaporia).
Yt. 11.3c ma˛qro¯ spənºto¯ mainiiəuuı¯m drujəm nižbairišto¯ ahuro¯ vairiio¯
“der das heilige Wort, die geistige Drug(gesellschaft) (mainiiəuuı¯m drujəm) am besten fort-
schafft, der Ahura, der wünschenswerte.”
Die hethitischen Parallelen sind von besonderer Bedeutung, denn nakki- (*h1nokˆ-i-)
gehört zur selben Wurzel, die den Aorist des suppletivischen Paradigmas von
gr. fevrw (fero/e- : : Aor. ejnegk-o/e-, Perf. ejnhvnoca) bildet, nämlich *h1nekˆ-/*h1enkˆ-.
   

Die semantische Gleichung, die heth. nakki-, gr. fevrtero~ (fevrtato~), fevristo~
und av. (°)bairišta- bilden, wird durch die Integration von *h1nekˆ- und *bher- in ein
einziges Paradigma zumindest im Griechischen und im Avestischen (bar : : nas,    

-s-Aor. na¯š-), 2 bestätigt.


2. 9. Fassen wir zusammen : Alat. Ferter geht auf *bhértero- zurück, das mit hom.

fevrtero~ ‘wichtig, prominent’ (*‘ertragreich’ bzw. *‘einen guten Ruf habend’, von
Helden und Königen, auch von Gottheiten) sowohl formal als auch semantisch ei-
ne perfekte Gleichung bildet. Beide Formen spiegeln dieselben Lesarten von *bher-
wider, die hom. fevrtato~ und av. (°)bairišta- (charakteristisch ist der Gebrauch
im Vokativ av. bairišta : hom. fevriste und dass beide Adjektive kein Objekt und

kein erkennbares elliptisches Syntagma erkennen lassen), ferner auch heth. nak-
ki- zugrunde liegen : Letzteres geht auf idg. *h1nekˆ- zurück, das in Suppletion mit

*bher- im Griechischen und Avestischen steht. Alat. Ferter ‘wichtig, prominent’


(für die Semantik vgl. Melior, Optimus) kann als eine einheimische, nicht aus dem
Griechischen entlehnte Bildung gelten, die isoliert blieb und daher innerhalb der
lateinischen Tradition in Fertor uminterpretiert und weiter überliefert wurde. 3  

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1  Als mögliches (elliptisches) Objekt von fevrw kommen im Lichte der belegten Kollokationen u.a.
kravto~ ‘Kraft’ (Il. 18.308 sthvsomai, h[ ke fevrh/si mevga kravto~, h\ ke feroivmhn), klevo~ ‘Ruhm’ (Od. 3.204
oi[sousi klevo~ eujru; kai; ejssomevnoisin ajoidhvn), ajevqlia / a[eqlov ‘Kampfpreis(e)’ (Il. 9.127), ta; prw`ta ‘den
ersten Preis’ (Il. 23.275), ferner timhvn (Ar. Av. 1278), tajpinivkia (Soph. El. 692), tajristei`a, ta; nikhthvria
(Plat. Rep. 468c) in Frage.
2  Das suppletivische Paradigma *bher- : : *h1nekˆ- ist m.E. ins Indogermanische zurückzuführen, da es
   

abgesehen davon, dass es als sicher im Griechischen und im Avestischen gelten darf, auch für das Balti-
sche und Slavische vorauszusetzen ist (ausführlicher dazu García Ramón 1999 : 60ff., 65ff. ; 2010 : 86ff.).
     

3  Die Darstellung des griechischen und avestischen Materials durch É. Dieu (2011) : 131-172 konnte

nicht mehr berücksichtigt werden.


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