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Januar 2015

Muss ich
perfeKt sein?
Warum es gut ist,
D6940e

wenn sie nicht alles


richtig machen
Sfr 10,90
€ 6,90

Katastrophen
Wie umgehen mit
heft 1

schlechten Nachrichten?

psychotherapie
42. Jahrgang

sterben männliche
Therapeuten aus?

Winterblues
Die trüben tage
gut überstehen
128 S., kart., mit CD • € (D) 16,90 • ISBN 978-3-95571-005-7
128 S., kart. • € (D) 16,90 • ISBN 978-3-95571-021-7

192 S., kart • € (D) 19,90 • ISBN 978-3-95571-040-8


Alexander L. Chapman, Kim L. Gratz Fabienne Berg Wendy Behary
Borderline-Persönlichkeitsstörung Übungsbuch Resilienz Mit Narzissten leben

Die Autoren unterstützen Menschen Warum schaffen es einige Menschen, Unsere Gesellschaft scheint ein Quell
mit Borderline, wenn sie es am nötigsten mit traumatischen Erfahrungen fertig zu für Narzissmus zu sein. Privat und
brauchen: direkt nach der Diagnose. werden, während andere daran zerbre- beruflich haben wir es immer wieder mit
Einfühlsam und verständlich erläutern chen? Zu den Resilienz-Faktoren zählen Menschen zu tun, die sich für den Mit-
sie, welche ärztlichen Informationen und u. a.: Akzeptanz, Verantwortung über- telpunkt des Universums halten. Dieses
Untersuchungen wichtig sind, wie mit nehmen, Loslassen, Neuorientierung, Buch hilft Ihnen, Blockaden von Narziss-
starken Emotionen umgegangen werden Eingebunden-Sein, Glauben. Die Autorin ten durch empathische Kommunikation
kann, welche Behandlungsmethoden hat 50 praktische Übungen zusammen- zu überwinden, Grenzen zu setzen und
es gibt und wie man sich den Alltag gestellt, die traumatisierten Menschen zu erkennen, wann Sie sich von nicht ak-
erleichtern und Hilfe bekommen kann. helfen, Ihre Widerstandskraft zu stärken. zeptablem Verhalten distanzieren sollten.
352 S., kart. • € (D) 34,90 • ISBN 978-3-95571-022-4

256 S., kart. • € (D) 28,90 • ISBN 978-3-95571-020-0

320 S., kart. • € (D) 28,90 • ISBN 978-3-87387-925-6

Elaine N. Aron Paul E. Flaxman, Frank W. Bond, David A. Clark, Aaron T. Beck
Hochsensible Menschen Fredrik Livheim Ängste bewältigen – ein Übungsbuch
in der Psychotherapie Achtsam und erfolgreich im Beruf
David Clark und Aaron T. Beck
Elaine Aron hat das Phänomen Hoch- Dieses Buch ist der erste Ratgeber zum beschäftigen sich mit Ängsten, die so
sensibilität als Erste beschrieben und Einsatz der ACT am Arbeitsplatz. Es stark sind, dass sie nicht mehr kontrol-
stellt in diesem Buch nicht nur eine richtet sich an Interessierte, die andere lierbar scheinen und den Betroffenen
fundierte Übersicht zur Verfügung, in den ACT-Prinzipien schulen wollen. den Alltag zur Hölle machen. Mit der
sondern erklärt, wie die Lebensqualität Neben der Einführung in Modell und Kognitiven Verhaltenstherapie lassen
sensibler Patienten durch Psychotherapie Forschungslage bietet es ein schrittweise sich Strategien lernen, mit denen man
Ve r l a g

verbessert und deren Selbstwertgefühl angelegtes Konzept, um achtsame und der Angst begegnen kann und wieder
dauerhaft gestärkt werden kann. wertegeleitete Beschäftigte auszubilden. handlungsfähig wird.

Junfermann
Liebe Leserin, lieber Leser

Gewohnheiten sind wichtig. Sie erleichtern das Le- Die Redaktion hat es in den letzten Monaten er-
ben, reduzieren die Komplexität. Auch die Lektüre lebt: An sich arbeiten, immer besser werden, auch
einer Zeitschrift kann zur lieben Gewohnheit wer- mal an seine Grenzen gehen, das kann Freude ma-
den: Das Layout ist einem vertraut, man freut sich chen. Vorausgesetzt, man strebt nicht nach absoluter
auf einen bestimmten Autor oder eine Lieblingsru- Perfektion, sondern lässt einen Spielraum für Ver-
brik. Wenn Sie regelmäßig Psychologie Heute lesen, such und Irrtum und Fehler, aus denen man lernen
erging es Ihnen bislang sicher ähnlich. Nun aber kann. Das aber berücksichtigen immer weniger Men-
halten Sie die Januarausgabe in Händen und stellen schen. Unsere Titelgeschichte thematisiert ein Phä-
fest: Das vertraute Blatt hat sich verändert! nomen, das um sich greift: den Perfektionismus.
Zum einen ist da ein anderes Gesicht: Heiko Ernst, Offensichtlich hören viele auf eine innere Stimme,
der Sie 36 Jahre lang an dieser Stelle begrüßte, hat die sie unerbittlich antreibt. Der Zwang zur Selbst-
sich in den Ruhestand verabschiedet und die Redak- verbesserung ist zu einer Epidemie in dieser Gesell-
tionsleitung an mich abgegeben. Es ist mir eine Eh- schaft geworden, sagen Experten und machen ihn
re, sein erfolgreiches Lebenswerk – gemeinsam mit für Erkrankungen wie Burnout, Essstörungen oder
einem engagierten Redaktionsteam – fortsetzen zu Depressionen verantwortlich. Wir berichten auf Sei-
dürfen. te 18 über diese gefährliche Entwicklung und zeigen
Eine weitere Irritation des Gewohnten: das neue Auswege aus der Perfektionismusfalle.
Erscheinungsbild. Psychologie Heute feierte im Ok-
tober 2014 den 40. Geburtstag – und wie so viele Zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen
40-Jährige verspürte auch das Magazin den Wunsch aus der Redaktion wünsche ich Ihnen viel Lesefreu-
nach Weiterentwicklung. Zwar gibt es für eine er- de an Ihrer neuen Psychologie Heute, die – wie Sie
folgreiche Zeitschrift keinen Zwang zur Verände- feststellen werden – trotz aller Veränderungen ihren
rung, doch in einer Zeit der zunehmenden digitalen bisherigen Werten treu bleibt.
Konkurrenz brauchen Printprodukte vermehrt gu-
te Argumente. Die liefern wir durch ein lesefreund- Ihre
licheres Layout und neue Inhalte. Auf drei Beispiele
will ich Sie besonders hinweisen:
● In der Rubrik Im Fokus sprechen Experten über
Themen, die uns aktuell bewegen. In diesem Heft:
Wie verkraften wir die täglichen Katastrophenmel-
dungen aus aller Welt (Seite 12)?
● Ganz besonders freut sich die Redaktion, dass die
Bestsellerautorin Annette Pehnt in einer eigenen Ko-
lumne mit literarisch-psychologischem Blick All-
tagsphänomene unter die Lupe nimmt (Seite 78).
● Und wenn Sie immer schon mal wissen wollten,
wie seelische Probleme in einer Psychotherapie
behandelt werden, dann erfahren Sie dies in der The-
rapiestunde (Seite 16). u.nuber@beltz.de

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 3


IN DIESEM HEFT

TITEL
DIE
18 Muss ich perfekt sein? QUÄLENDE
Warum Sie nicht immer alles hundert-
prozentig richtig machen müssen FRAGE:

Muss ich
Von Ursula Nuber

26 „Der Perfektionist trägt eine


Maske der Makellosigkeit“

perfekt
Die Ursache des Perfektionismus ist
die Angst, nicht zu gefallen und
ausgeschlossen zu werden
Ein Gespräch mit dem Psychiater und

sein?
Psychotherapeuten Raphael Bonelli

12 Im Fokus: „Wir müssen uns


dem Grauen aussetzen“
Wie verkraften wir die täglichen
Horrornachrichten?
Ein Gespräch mit dem Medienwissenschaftler
Claus Eurich

30 Tue Gutes und rede darüber


Wovon hängt unsere
Spendenbereitschaft ab?
Von Annette Schäfer

32 Männliche Therapeuten –
Mangelware
Warum entscheiden sich immer weniger
Männer für den Therapeutenberuf?
Von Anne-Ev Ustorf

38 „Ohne Musik würde der Mensch


einen Teil seiner selbst verlieren“
Klassische Musik vermittelt Trost und
Geborgenheit in schwierigen Zeiten TITELTHEMA
Ein Gespräch mit dem Dirigenten Kent Nagano

44 „Bitte rechts abbiegen“ oder 18 Der Zwang zur Selbstverbesserung hat


inzwischen in unserer Gesellschaft so
viele Menschen erfasst, dass Experten von einer
Warum das Auto im Fluss landet
Was passiert, wenn immer mehr Aufgaben Epidemie sprechen. Sie sehen einen klaren
von digitalen Helfern übernommen werden? Zusammenhang zwischen perfektionistischem
Von Annette Schäfer Denken und Zeitkrankheiten wie Burnout, Depres-
sionen, Zwängen und Ängsten. Wie finden wir raus
aus der Perfektionismusfalle?

4 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


60 Keine Angst vor den trüben Tagen!
Strategien gegen den Winterblues
Ein Gespräch mit dem Mediziner
Hubertus Himmerich

64 Was glauben die Ungläubigen?

h
Auch wer nicht glaubt, ist nicht frei
von Religiosität
Von Franz Wuketits

70 Die frühe Erfahrung


„Ich zähle nicht!“
Wer als schwarzes Schaf der Familie
aufwächst, kann nur schwer ein stabiles
Selbstwertgefühl entwickeln
Von Peter Teuschel

12 Terroristen richten ihre Geiseln hin,


Ebola wütet in Afrika – täglich
sehen wir in den Nachrichten Schreckens-
74 Der Bastelwahn
Selbstmachen liegt im Trend. Doch was
bilder. Und lassen uns danach von ist so toll am Stricken und Rumwerkeln?
Tatort & Co unterhalten. Sind wir gleich- Von Christina Mundlos
gültig, abgebrüht, mitleidlos?

RUBRIKEN

16 Therapiestunde
„Ich habe früh gelernt, für andere
da zu sein“
Von Margarethe Schindler

42 Psychologie nach Zahlen


Wofür Väter gut sind
Von Thomas Saum-Aldehoff

78 Pehnts Alltag
Vernetzt – ganz ohne Internet
Von Annette Pehnt

3 Editorial
6 Themen&Trends

32 Warum entscheiden sich so


wenige Männer für den Psycho-
therapeutenberuf? Und was bedeutet es
52
68
80
Körper&Seele
Der psychologische Begriff
Buch&Kritik
für die Therapielandschaft, wenn die 91 Medien
Männer fehlen? 92 Leserbriefe
93 Impressum
94 Im nächsten Heft
95 Markt

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 5


THEMEN&TRENDS REDAKTION:
JOHANNES KÜNZEL

Caffé Latte und

Sprich mit ihm ein nettes Ge-


spräch mit dem
Barmann: Die
Wir hetzen durch den Alltag. Oft würdigen wir un- wie sie sich fühlten. Zwischen den beiden Einheiten Kombination
macht glücklich
sere Mitmenschen dabei kaum eines Blickes. Dabei gab es messbare Unterschiede. Die Gruppe, die einen
lohnt es sich, andere zu beachten und in Kontakt mit persönlichen Kontakt zum Servicepersonal aufgebaut
ihnen zu treten. Das haben die Psychologinnen Gil- hatte, fühlte sich zufriedener als die effiziente Grup-
lian Sandstrom von der Universität Cambridge und pe. Das mag daran liegen, dass Menschen als sozia-
Elizabeth Dunn von der Universität von British Co- le Wesen generell ein Bedürfnis danach haben, be-
lumbia gezeigt. achtet zu werden, sich eingebunden zu fühlen und
Sie stellten sich in eine belebte Fußgängerzone und sich mit anderen auszutauschen. „Unser Alltag ist
baten 60 Passanten, sich in einem Coffeeshop einen voller Möglichkeiten, um sich auf diese Weise kleine
Kaffee zu kaufen. Ein Teil der Probanden sollte dies Glücksmomente zu verschaffen“, sagen Sandstrom
möglichst effizient erledigen, also mit dem Verkäu- und Dunn. MARION SONNENMOSER

fer wenig sprechen, das Geld bereithalten und schnell


bezahlen. Der andere Teil sollte hingegen Blickkon-
takt aufnehmen, lächeln und ein paar Worte wech- Gillian Sandstrom, Elizabeth Dunn: Is efficiency overrated? Minimal social
interactions lead to belonging and positive affect. Social Psychological and
seln. Anschließend wurden die Probanden gefragt, Personality Science, 5/4, 2014, 437–442. DOI: 10.1177/1948550613502990

6 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Wer in seinem Toastbrot Jesus
erkennt und Elvis als Wolke
vorbeiziehen sieht, muss keine
Angst haben: Überall Gesichter
auszumachen ist kein Zeichen
einer Hirnanomalie. Neuro-
wissenschaftler meinen, dass das
völlig normal sei. Die Hirn-

59
architektur führe dazu, dass Men-
schen jeden noch so geringen Hinweis
auf ein Gesicht als ebensolches
interpretieren.
DOI: 10.1016/j.cortex.2014.01.013 %
der Lehrer leiden unter
hohem Zeitdruck.
Damit liegt ihre wahrgenommene Belastung
unter der von Pflegern, Ärzten und Ingeni-
euren, so eine repräsentative Erhebung saar-
ländischer Bildungswissenschaftler.
DOI: 10.1026/0943-8149/a000114

Ideen fischen
Zum Angeln in die Wüste? Das ist, zugegeben, eine absurde Vorstellung.
Unter dem heißen Sand schwimmen keine Fische. Trotzdem lohnt es sich,
Bilder zu betrachten, die – so wie dieses – der eigenen Erfahrung wider-
sprechen. Das kann die Kreativität anregen. Klingt logisch, schließlich
entstehen neue Einfälle vor allem dann, wenn wir uns über geistige Gren-
zen hinwegsetzen. Besonders anregend wirkt ein Eskimo in der Wüste auf
Menschen, die ohnehin ein niedriges Bedürfnis nach Ordnung haben. Das
hat Małgorzata Gocłowska von der Universität Amsterdam herausgefun-
den. Wer es dagegen lieber aufgeräumt und vorhersehbar mag, schneidet
in Kreativitätstests sogar schlechter ab, wenn er zuvor mit etwas Überra-
schendem konfrontiert. JK

Małgorzata Gocłowska u.a.: Whether social schema violations help or hurt creativity depends on need for
structure. Personality & Social Psychology Bulletin, online vor Print, 2014. DOI: 10.1177/ 0146167214533132

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 7


ich
Gute schlechte Laune mich
Schlechte Laune hat keinen guten Ruf. Und das, obwohl miss-
gestimmte Menschen konzentrierter nachdenken als positiv meins
aufgelegte. Miesepeter zeichnen sich durch eine erhöhte Merk-
fähigkeit sowie Aufmerksamkeit aus – und einen guten Blick
fürs Detail. Nun hat eine experimentelle Studie an der Univer-
sity of New South Wales in Sydney belegt, dass eine mäßig schlech-
te Stimmung auch das Kommunikations- und Sprachverständ-
nis verbessert.
Das Team um Joseph Forgas zeigte 87 Studenten einen lus-
Amerikanische Präsiden-
tigen, neutralen oder traurigen Kurzfilm. Danach lasen sich die ten drücken sich immer
Probanden zwölf Sätze über Alltagssituationen durch. Sie soll-
ten angeben, wie klar und eindeutig sie die Aussagen verstanden. egoistischer aus. Ging es
Dabei erreichte die Gruppe der schlecht Gestimmten das beste
Ergebnis, gefolgt von den neutral Gestimmten. in den Reden der Grün-
Die positiv Gestimmten differenzierten deutlich weniger zwi-
schen eindeutigen und mehrdeutigen Inhalten. Denn sechs der derväter noch relativ
zwölf Sätze waren unklar formuliert und ohne weiteren Kontext
nicht vollständig zu verstehen. häufig um die Bedürfnisse
Auch die Analyse der benötigten Antwortzeiten unterstreicht,
dass schlechte Laune uns aufmerksamer und sorgfältiger den-
anderer, so strotzte die
ken, lernen und erinnern lässt. Durchschnittlich 7,09 Sekunden Sprache der Staatschefs
Bedenkzeit brauchten die Missgestimmten pro Satz, die Fröh-
lichen kamen nur auf 5,51 Sekunden. GERLINDE UNVERZAGT im Verlauf des 20. Jahr-
Diana Matovic, Alex Koch, Joseph Forgas: Can negative mood improve language under-
standing? Affective influences on the ability to detect ambigious communication. Journal hunderts von selbstbezo-
of Experimental Social Psychology, 52, 2014, 44–49. DOI: 10.1016/j.jesp.2013.12.003

genen Begriffen wie ich,


mich und meins.
DOI: 10.1016/j.paid.2014.03.015

Die Kraft des Glaubens bringt


manche Menschen dazu, Gutes
zu tun. Auf starken Applaus
müssen sie dabei allerdings
verzichten. Zumindest
erscheinen uns edelmütige
Handlungen beeindruckender,
wenn sie ohne religiöse
Motivation geschehen, wie eine
Versuchsserie gezeigt hat.

DOI: 10.1037/a0036678

8 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Sie erzählt, er
hört nicht zu.

Was sagst du? Möglicherweise


denkt er an
etwas, was ihm
Eine funktionierende Beziehung braucht Offenheit In einem Versuch setzten sich Studenten ein kon- wichtiger er-
und Interesse aneinander. Nimmt diese gegenseitige kretes Ziel und blendeten alle irrelevanten Informa- scheint als die
Aufmerksamkeit ab, leidet die Liebe. Doch wie tionen aus. Später erhielten sie eine manipulierte Liebe

kommt es dazu? Eine mögliche Ursache: Die Gedan- Rückmeldung zur Qualität ihrer Beziehung. Und
ken eines Partners sind anderweitig gefesselt, weil er tatsächlich hatten diese Probanden Probleme, die
sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat. Vielleicht beginnt Feinheiten des Feedbacks zu erkennen. Weitere Tests
er gerade, eine Doktorarbeit zu schreiben? zeigten, dass zielstrebige Männer und Frauen weni-
Diese Fokussierung beeinflusst das Denken. Neue ger bereit waren, an ihrem Liebesverhältnis zu ar-
Informationen gelangen nur noch verzerrt ins Be- beiten.
wusstsein, Zwischentöne gehen verloren. Zumindest Was also tun? Die Autoren schlagen vor: Eine
vermuten das die amerikanischen Psychologen Lau- funktionierende Partnerschaft sollte nicht als Selbst-
ra VanderDrift von der Universität in Syracuse und verständlichkeit angenommen werden – sondern als
Christopher Agnew von der Purdue-Universität. Un- Ziel, dem viel Aufmerksamkeit gewidmet werden
abhängig davon, was die Partner tatsächlich bespre- muss. JOHANNES KÜNZEL

chen – der Zielstrebige hört nur die Hälfte.


Diese Annahme bestätigten die Wissenschaftler Laura VanderDrift, Christopher Agnew: Relational consequences of per-
sonal goal pursuits. Journal of Personality and Social Psychology, 106/6,
in fünf Experimenten mit mehr als 400 Teilnehmern. 2014, 927 – 940. DOI: 10.1037/a0036180

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 9


Anders bleiben
Niemand schreibt bessere Songs als Dieter Bohlen.
Jemand, der diesen Satz für wahr hält, hat es nicht
einfach. Er wird oft miterleben müssen, wie andere
seine Überzeugung angreifen. Möglicherweise ändert
er daraufhin seine Meinung. Denn klassische Studi-
en haben gezeigt: Wer sich in der Minderheit wähnt,
überdenkt seinen Standpunkt. Unklar war bislang
jedoch, ob die Wirkung des sozialen Einflusses eine
dauerhafte ist.
Psychologen um Rongjun Yu von der Pädagogi-
schen Hochschule in Guangzhou in China sind die-
ser Frage nachgegangen. Sie baten 68 Freiwillige, die
Attraktivität von Gesichtern zu bewerten. Im An-
schluss daran erfuhren die Probanden das angebliche
Urteil einer Referenzgruppe. Tatsächlich hatten die
Forscher diese Aussagen so manipuliert, dass sie nur
selten mit der Meinung der Versuchspersonen über-
einstimmten. Einige der so Verunsicherten wieder-
holten die Aufgaben innerhalb kurzer Zeit. Sie er-
schienen bereits nach einem oder nach drei Tagen
wieder im Labor. Ihre Urteile passten sie erkennbar
Was die Stimme verrät
der Mehrheitsmeinung an. Ganz anders verhielten Wir telefonieren fast täglich mit fremden Personen – mit dem
sich Freiwillige, die erst nach einer Woche oder drei Kundenservice der Bank oder des Internetanbieters. Hören wir
Monaten zurückkehrten. Sie äußerten sich ähnlich eine unbekannte Stimme zum ersten Mal, bilden wir uns gleich
wie beim ersten Mal. Offenbar hatte der Gruppen- eine Meinung über den Sprecher. Das berichtet ein schottisch-
druck zwischenzeitlich nachgelassen. amerikanisches Team von Wissenschaftlern. Und ob unser ers-
Rongjun Yu meint, sozialer Einfluss wirke ähnlich ter Eindruck zutreffend ist oder nicht – unsere weiteren Inter-
wie ein Medikament: Wird die Medizin nicht weiter aktionen mit der Person sind durch diese ersten Schlüsse geprägt.
verabreicht, verfliegt die Wirkung. JOHANNES KÜNZEL Phil McAleer, Alexander Todorov und Pascal Belin spielten
320 Versuchspersonen lediglich ein einziges Wort vor: das „Hal-
Yi Huang, Keith Kendrick, Rongjun Yu: Conformity to the opinions of other
people lasts for no more than 3 days. Psychological Science, online vor lo“ mehrerer Frauen und Männer. Anschließend sollten sie die
Print, 2014. DOI: 10.1177/0956797614532104
Sprecher auf zehn Eigenschaften hin einschätzen, darunter At-
traktivität, Kompetenz, Vertrauenswürdigkeit und Wärme.
Die weiblichen und männlichen Freiwilligen schätzten die
Sprecher in der Regel sehr ähnlich ein. Ihre Urteile beruhten
hauptsächlich auf der Tonlage. Die tiefe Stimme eines männli-
chen Sprechers wirkte dominant und kompetent. Bei den Frau-
en war es wiederum eine höhere Tonlage, die sie bestimmend
scheinen ließ. Durch minimale rasche Veränderungen in ihrer
Tonlage weckten die weiblichen Sprecher außerdem den Ein-
druck von Vertrauenswürdigkeit und Wärme. „Hören wir eine
höhere weibliche Tonlage, schätzen wir die Sprecherin eher als
gutaussehend ein“, berichtet das Team.
Im Laufe der Evolution bot die rasche Charaktereinschätzung
den Forschern zufolge einen Vorteil: Binnen Sekunden heraus-
finden zu können, ob ein Fremder freundlich oder feindlich
gesonnen war, konnte überlebenswichtig sein. ANNA GIELAS

Phil McAleer, Alexander Todorov, Pascal Belin: How do you say ‘Hello’? Personality Impres-
sions from brief novel voices, 2014. PLOS ONE 9 (3): e90779. DOI: 10.1371/ journal.
pone.0090779

10 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Zu viel Arbeit schadet Rauchern. Nikotin-
abhängige, die mehr als 50 Stunden
pro Woche schuften, geben ihr
Laster seltener auf als andere. Damit nicht
Sind wir im Restaurant
genug: Im Durchschnitt qualmen sie sogar mehr. von übergewichtigen
Menschen umgeben,
Und Exraucher werden in Stressphasen häufiger beeinflusst das unsere
rückfällig, wie eine umfangreiche Analyse Auswahl: Wir vergessen
dann leicht unsere guten
ergeben hat. Vorsätze und bestellen
selbst mehr Ungesundes,
DOI: 10.1016/j.socscimed.2014.04.031 meinen Forscher um
Mitsuru Shimizu.

DOI: 10.1016/j.appet.2014.09.004

Ersetzt durch Roboter


Ist es schlimm, wenn Roboter uns die Arbeit abneh-
men? Für die meisten Menschen kommt es darauf
an, wie wichtig Emotionen für die Tätigkeit sind.
Aufgaben, für die es Wärme und Empathie braucht,
trauen wir automatischen Helfern offenbar nicht zu.
Das haben amerikanische Psychologen der Northwes-
tern-Universität und der Harvard-Universität mit
einer Serie von Onlineexperimenten ermittelt.
Unter anderem fragten Adam Waytz und Micha-
el Norton die Teilnehmer, wie es ihnen gefallen wür-
de, durch Bots – also automatische Computerpro-
gramme – ersetzt zu werden. Ihre eigene Tätigkeit
wurde dabei entweder als kühl und rational oder als
eher warm und gefühlsbetont beschrieben. Tatsäch-
lich hatte dies einen Einfluss: Waren Emotionen im
Spiel, war das Unbehagen deutlich größer.
In einem weiteren Versuch stellte sich heraus, dass
die amerikanischen Versuchspersonen klischeehaf-
terweise auch Deutsche, Chinesen und Engländer
für recht maschinenhaft hielten. Angehörigen dieser
Nationen wollten sie emotionsbetonte Aufgaben nur
ungern überlassen – bei lockeren Australiern, Spa-
niern und Iren hatten sie damit dagegen keine Pro-
bleme. JOHANNES KÜNZEL

Adam Waytz, Michael Norton: Botsourcing and outsourcing: Robot, British,


Chinese, and German workers are for thinking – not feeling – jobs. Emotion,
14/2, 2014, 434–444. DOI: 10.1037/a0036054

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 11


IM FOKUS

„Wir müssen uns dem


Grauen aussetzen“
Terroristen des Islamischen Staates richten ihre Geiseln hin, die Ebola-
epidemie wütet in Afrika. Der Impuls, die unerträglichen Nachrichten
einfach auszublenden, ist verständlich, meint der Dortmunder Professor
für Journalistik Claus Eurich. Aber wegschauen ist keine Option

Erst wenn wir


erkennen, welche
merkwürdige
Faszination die
Schreckensbilder
auf uns ausüben,
können wir ange-
messen damit
umgehen

12 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


IM FOKUS

Täglich sehen, hören und lesen wir Katastrophen- Wie erklären Sie sich die Faszination?
meldungen und entwickeln dabei eine Routine, die Gerade Bilder von Katastrophen intervenieren tief
sich manchmal beängstigend abgebrüht anfühlt. ins Unbewusste. Wenn ich mir solche Bilder an-
Wie können wir mit den Schreckensbildern umge- schaue, muss ich mich fragen: Was löst das in mir
hen, ohne völlig abzustumpfen oder uns davon über- aus? Und warum suche ich diese Bilder? Kommuni-
fluten zu lassen? kation funktioniert ganz grundlegend über Reso-
Eine grundsätzliche Bemerkung vorneweg: Seit ei- nanz. Wenn ich merke, dass ich Gräuelbildern nicht
nigen Jahrzehnten ist das Recht auf Information nicht ausweiche, sie vielleicht sogar faszinierend finde, stellt
nur ein kulturelles, sondern ein elementares Men- sich die Frage, was in mir berührt wird und in Re-
schenrecht, direkt vergleichbar mit dem Recht auf sonanz tritt. Welcher Abgrund tut sich da in mir
ein Dach über dem Kopf und dem Recht auf Bildung selbst auf? Erst wenn wir uns damit beschäftigen,
und körperliche Unversehrtheit. Ein Leben in glo- können wir darüber nachdenken, wie wir in Zukunft
balisierten Kontexten ist nicht möglich, ohne dass damit umgehen und wie wir vielleicht unsere Rezep-
wir voneinander wissen und angemessen informiert tionsgewohnheiten verändern können.
sind. Ich halte es für nicht vertretbar, bestimmten Sich Bildern gegenüber zu distanzieren ist schwie-
Informationen auszuweichen und uns davon abzu- riger als beispielsweise einen Zeitungsartikel nicht
schotten. Wir müssen uns dem, was in der Welt ge- zu lesen oder nur zu überfliegen. Es gehört viel
schieht, stellen, auch wenn es furchtbar ist und weh- Selbstdisziplin dazu, Grenzen zu ziehen.
tut. Das stimmt. Wir sind Augentiere. Wir schauen au-
Gleichzeitig leben wir in einer Kultur, der wir, was tomatisch dahin, wo sich etwas bewegt. Das ist ein
die Schnelligkeit und Dichte von Informationen an- konditionierter Reflex. Warum gucken Säuglinge auf
geht, evolutionär noch nicht gewachsen sind. Wir den Fernseher, obwohl sie überhaupt noch nicht ver-
haben bisher keine Mechanismen entwickelt, mit der stehen, was dort geschieht? Es sind die Bilder als sol-
Informationsflut selektiv umzugehen. Und wir müs- che. Und wenn die Bilder laufen, schauen wir auch.
sen Dinge verarbeiten, die das Maß dessen, was Men- Und wenn noch etwas anderes in uns berührt wird,
schen normalerweise verarbeiten können, weit über- durch Grauen oder Obszönität oder Freude, Harmo-
schreiten. nie oder Spannung, dann bleiben wir dem ausgesetzt.
Wir stecken also in einem Dilemma. Wir sollen uns Deshalb ist es wichtig, dem, was im Unbewussten
konfrontieren und sind gleichzeitig überfordert. abläuft, Reflexion und Selbstreflexion gegenüberzu-
Was nun? setzen und bewusste Entscheidungen zu fällen. Auch
Zunächst einmal müssen wir verstehen, welche Macht wenn das schwer ist und wir immer wieder Rückfäl-
Bilder auf uns ausüben, und realisieren, dass dieser le erleben werden.
Prozess unbewusst abläuft. Wir leben in der Illusion, Das klingt nach einer anspruchsvollen Aufgabe und
dass wir uns freiwillig informieren und das selbst nach einem längeren Suchprozess.
steuern. Doch vieles, was wir sehen, suchen wir uns Es ist tatsächlich ein sehr persönlicher Suchprozess,
nicht bewusst aus. Mir ist das deutlich geworden bei der auch immer wieder zu veränderten Ergebnissen
der Tsunamikatastrophe im Jahr 2004 und vor allem kommen wird. Wenn ich selbst gerade in einer exis-
bei den Terroranschlägen des 11. September 2001. tenziellen Krise stecke, weil ich einen nahen Men-
Die unendliche Wiederholung der Bilder der einstür- Claus Eurich schen verloren habe oder krank bin, sieht das Maß
ist Hochschullehrer
zenden Türme hat bei vielen einen Sog ausgelöst, sich dessen, was ich von außen aufnehmen kann, völlig
für Kommunikations-
die Aufnahmen immer wieder anzuschauen. Auch wissenschaften am anders aus, als wenn ich in für mich gesunden, ge-
beim Tsunami, der von einer Sekunde auf die ande- Institut für Journalis- ordneten Verhältnissen mitten im Leben stehe und
re 200 000 Menschen getötet hat, gab es diese son- tik der Technischen mir die Dinge aus einer gefestigten Position heraus
Universität Dort-
derbare Mischung aus Ohnmacht und Faszination mund, Kontemplati-
anschauen, analysieren und verarbeiten kann. Was
beim Anblick der tosenden Fluten. Es lebt in uns so onslehrer und Autor sich für mich heute als aushaltbar darstellt, kann
ILLUSTR ATIONEN: OLIVER WEISS

etwas wie die Ästhetik des Grauens. Es bereitet uns mehrerer Bücher. mich morgen vollkommen überfordern.
Seine Schwerpunkte
eine gewisse Form von Befriedigung, diese Bilder zu in Lehre und For-
Wir müssen also eine Gratwanderung vollbringen:
sehen, auch wenn wir das nicht gerne zugeben. Nur schung sind Ethik, Wir sollten uns je nach unserer individuellen Situa-
wenn wir die merkwürdige Faszination, die Bilder Medien- und Kultur- tion schützen, aber völlig abschotten sollten wir uns
theorien, gewaltlose
von Zerstörung auf uns ausüben, zur Kenntnis neh- nicht?
Kommunikation
men, können wir lernen, damit angemessen umzu- und Friedensjour- Es gibt Grenzen des Wegschauens. Wie schon gesagt,
gehen. nalismus. glaube ich, dass wir heute ein hohes Maß an Infor-

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 13


IM FOKUS

miertheit brauchen, wenn ein humanes Leben auf


dieser Erde noch funktionieren soll. Wir müssen uns
auch manchen Formen von Gewalt und Grauen aus-
setzen, allein schon deshalb, weil es sie gibt. Wir soll-
ten nicht den Fehler machen, zu glauben, der Irak
oder Syrien seien weit weg. Schauen wir einmal 20
Jahre zurück: In den Kriegen, die am Balkan durch
das zerfallende Jugoslawien ausgebrochen sind, hat-
ten wir dieselben Formen von Barbarei, wie wir sie
heute durch den Islamischen Staat in den Nachrich-
ten erleben. Das ist auch ein Zeichen dafür, wie viel
Unbearbeitetes es in allen Kulturen gibt, in der deut-
schen natürlich in besonderem Maße. Wir müssen
uns dieser Gewalt stellen und auch nachspüren, was
sie mit unserer eigenen Kultur zu tun hat.
Aber muss ich mir dafür Gräuelvideos anschauen?
Reicht es nicht, darüber zu lesen und es zur Kenntnis
zu nehmen?
Um mich über Gräueltaten in Irak oder Syrien zu
informieren und mich damit auseinanderzusetzen,
muss ich mir als normaler Medienkonsument keine
Filme von Giftgasangriffen, mit aufgequollenen Lei-
chen und Enthauptungen ansehen. Vielmehr sollte
man in die Rolle des mündigen Bürgers treten und Die Würde dienkonsument kann ich lernen, mich zu artikulie-
eigene Grenzen ziehen und sich nicht hinter den Me- der Opfer ren und deutlich zu machen, was ich sehen möchte
dien, die solche Videos anbieten, verstecken. und was nicht. Es gilt auch hier der Satz des Franzis-
verletzt nicht
Jeder ist verantwortlich für das, was er schaut? kus: „Es kommt auf dein gelebtes Beispiel an.“ In der
Ich muss einen inneren Maßstab entwickeln, der auch
nur, wer Familie kann man sich beispielsweise darüber ver-
mit meiner Selbstachtung zu tun hat. Was schaue ich Gräuelbilder ständigen, was man anschaut und was nicht. Im ei-
an und was nicht? Wo ziehe ich bewusst die Grenze? veröffent- genen Mikrokosmos lässt sich eine Menge machen
Das betrifft nicht nur kriegerische Gewaltverbrechen, licht, sondern und verändern. Das muss nicht gleich bedeuten, dass
sondern auch beispielsweise Pornografie. Ich sollte auch derje- man den Fernseher abschafft, was viele inzwischen
eine Entscheidung treffen, über welche Medien ich nige, der sie tun. Aber eine gemeinsam geführte Diskussion kann
mich informiere und über welche nicht. Auch hier vielleicht zu einer neuen Form des dosierten Umgangs
anschaut
ist die Selbstverantwortung gefragt, weil wir in einer führen.
Situation sind, in der politische Steuerung nicht mehr Ist Selbstkontrolle wirklich der einzige Weg? Sollte
möglich ist. Durch das Internet, die sozialen Netz- es nicht doch auch andere Kontrollmechanismen
werke und die ungezügelte Verbreitung von Inhalten geben?
im Netz sind politische Kontrollen nur noch schwer Selbstregulierungsmechanismen im Mediensystem
möglich, de facto gibt es nur noch die Selbstkontrol- und journalistische Ethik sind natürlich wichtig.
le des Einzelnen. Wenn es um die Darstellung von menschenverach-
Sehen Sie überhaupt Einflussmöglichkeiten beim tenden Situationen geht, bin ich tatsächlich für Kon-
einzelnen Konsumenten? trollen. Vergewaltigungsvideos oder Videos des so-
Was nicht rezipiert wird, kann auch kein erfolgrei- genannten Islamischen Staates sollten nicht verbrei-
ches Marktmodell werden. Auf dieser Ebene sehe ich tet werden. Da haben der Staat und entsprechende
Einflussmöglichkeiten, nicht auf der Ebene von so- Kontrollgremien auch eine Schutzfunktion gegen-
zialen Netzwerken. Wenn das Publikum sich bei- über den Opfern. Es gibt die Würde des Opfers über
spielsweise von Enthauptungsvideos abwendet, wird den Tod hinaus. Diese Würde verletzt aber nicht nur
das Folgen haben. Selbst die Bildzeitung ist in diesem derjenige, der Bilder von Opfern ins Netz stellt oder
Bereich sehr zurückhaltend geworden. Auch das Ver- in die Zeitung bringt, sondern auch derjenige, der
halten der Rundfunkanstalten ist in den letzten Jah- sich das anschaut. Das sollten wir uns bewusstma-
ren im positiven Sinne defensiv geworden. Als Me- chen.

14 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


IM FOKUS

Es gibt also auch eine Ethik des Zuschauens. Wir Wenn ich mit Da gebe ich Ihnen recht. Und es geht dabei etwas
können uns nicht darauf zurückziehen, dass wir nur jemandem Wichtiges verloren. Denn in dem Moment, wo ich
passiv konsumieren? mit jemandem über das Gesehene reden kann, be-
über das
Im Bereich der Kinderpornografie haben wir ja ge- ginnt bereits die Problemverarbeitung. Das ist wie
nau diese Debatte zu Recht. Nicht nur die Produk-
Gesehene mit allen Formen von Angst. In dem Moment, wo
tion von Kinderpornografie ist strafbar, sondern auch reden kann, ich den Mund aufmache und sage, ich habe Angst,
das Anschauen der Videos. Auf Gräueltaten in Krie- beginnt die und dann die Angst benenne, beginnt sie bereits, sich
gen und die Zurschaustellung von Opfern bezogen, Problemver- zu verändern und vielleicht schrittweise aufzulösen.
haben wir diese Debatte in der notwendigen Inten- arbeitung Wenn ich das Grauen anspreche und über das rede,
sität noch nicht. Wobei das allerdings ein problema- was in meiner Seele lebt, auch wenn ich kaum Wor-
tischer Fall ist, weil wir uns bestimmten Informa- te dafür habe, fange ich schon an, es zu verarbeiten
tionen, auch wenn sie brutal sind, nicht entziehen – und es möglicherweise auch besser zu verstehen.
sollten. Das ist aus meiner Sicht das Allerwichtigste. Deshalb
Wenn so etwas auf der Erde passiert und Men- dürfen wir nicht wegschauen. Ich will auch Adolf
schen solches Leid widerfährt, müssen wir das zur Hitler verstehen und begreifen, warum er die Gene-
Kenntnis nehmen, manchmal auch visuell. Allerdings ration meiner Eltern fasziniert hat. Das will ich in
stellt sich immer die Frage, ob dieses Material pro- der Tiefe verstehen, dann urteile ich. Ich will auch
duziert wird, um den Voyeurismus des Publikums den IS verstehen. Was führt einen jungen Muslim in
auszunutzen und damit die Quote zu erhöhen oder Köln, der seine Geschwister, Eltern, Freunde und
um wirklich zu informieren. Freundinnen liebt, dazu, über die Türkei einzureisen
Das ist ein schmaler Grat. und andere Muslime zu massakrieren?
Für mich ist das eine Sache der journalistischen Pro- Oft höre ich den Satz: „Ich will solche Menschen gar
fessionalität. Natürlich muss ich, wenn ein Promi- nicht verstehen.“ Auch werden die Täter zu Mons-
nenter Suizid begeht, wie damals der Nationaltorwart tern erklärt, ihnen wird die Menschlichkeit abge-
Robert Enke, darüber berichten, aber ich muss nicht sprochen. Machen wir es uns damit zu einfach?
die Leiche zeigen und den mit Blut beschmierten Das ist für mich keine akzeptable Haltung. Verstehen
Zug. bedeutet nicht, etwas zu rechtfertigen oder zu ver-
Wir brauchen einerseits Grenzen, um uns vor belas- gessen. Solange wir nicht verstehen, warum etwas
tenden Bildern zu schützen. Aber brauchen wir nicht passiert, wird es weiter passieren. Dann haben wir
auch Offenheit für das Leid der anderen und Mitge- keinen Punkt, an dem wir ansetzen können, weder
fühl? in der Bildungsarbeit noch in der Kultivierung von
Mit dem Begriff Mitgefühl habe ich an der Stelle ein Mitempfinden. Und im Letzten bleibt auch der mor-
Problem, denn es geht für mich nicht um Mitgefühl dende IS-Terrorist ein Mensch, und an dieses Mensch-
und nicht um Mitleid. Wir brauchen eine Gratwan- liche möchte ich wieder herankommen können. Ich
derung zwischen der Nähe, die erforderlich ist, um möchte Empathie empfinden auch gegenüber dem
das Leid des anderen wirklich wahrzunehmen, nach- Terroristen und dabei gleichzeitig eine nüchterne
zuvollziehen, und der Distanz, die notwendig ist, um Distanz wahren, damit meine eigenen Emotionen
nicht selbst handlungsunfähig zu werden. Ich darf mich nicht in die Rachefalle locken. Wenn wir dieses
das Leiden der Menschen, die sich in Afrika gerade Vertrauen aufgeben, haben wir nur politische Hand-
mit dem Ebolavirus infiziert haben, nicht zu meinem lungsmöglichkeiten, die gewalthaft sind. Das aber
eigenen Leid machen. Ich kann mich davon berühren bringt uns als Menschheit nicht weiter. Als Medien-
lassen, aber ich muss handlungsfähig bleiben, denn rezipienten und mündige Bürger müssen wir Ambi-
gefordert bin ich hier an meinem Platz, unabhängig guitätstoleranz entwickeln. Wir müssen lernen, dass
davon, was in Afrika passiert. Die Distanz sollte ge- es sowohl in unserem persönlichen Leben als auch
wahrt bleiben. Gleichzeitig ist es aber sicher sinnvoll, kulturell und global Bedingungen und Wertesysteme
aus der Isolation herauszukommen und sich gemein- gibt, die nicht miteinander vereinbar sind. Es gibt
sam mit anderen über das zu verständigen, was man Konflikte, die wir nur evolutionär aushalten aber
sieht und liest. gegenwärtig nicht lösen können. PH
Unsere Kultur entwickelt sich jedoch in die entge- MIT CLAUS EURICH SPRACH BIRGIT SCHÖNBERGER

gengesetzte Richtung, der Medienkonsum wird zu-


nehmend individualisiert. Jeder sitzt allein vor sei-
nem Smartphone.

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 15


THERAPIESTUNDE

„ICH HABE FRÜH


GELERNT, FÜR
ANDERE DA ZU SEIN“
Die Klientin kommt mit der Diagnose Burnout
in die psychotherapeutische Praxis. Ihr
Wunsch: „Ich will wieder funktionieren.“
Doch dann erfährt sie Dinge über sich,
die ihr zeigen: Soll es ihr besser gehen,
muss sie andere Ziele verfolgen

VON MARGARETHE SCHINDLER

D
ie Frau ist Mitte vierzig, schlank wann zur totalen Erschöpfung geführt hat. Sie hat eine Halbtagsstelle in einer
und attraktiv, und gleichzeitig Sie wollen wiederhergestellt sein wie vor- Bank, doch an manchen Tagen arbeitet
wirkt sie erschöpft und nieder- her, denn das ist für sie Normalität. Doch sie fast 7 Stunden, wenn ihr Chef sie da-
geschlagen. Auf meine Frage nach dem dann hätte sich nichts wirklich geändert, rum bittet. Dann kommt sie – an einem
Grund ihres Besuchs antwortet sie lapidar: denn es gilt, Fähigkeiten zu entwickeln und typischen Tag – nach Hause, wo zwei Kin-
„Burnout.“ Das war jedenfalls die Diag- Maßnahmen zu erkennen, die das neuer- der, 12 und 14 Jahre alt, am Computer
nose ihres Arztes, der ihr eine Psychothe- liche Ausbrennen verhindern. Diese Pati- sitzen. Auf dem Anrufbeantworter sind
rapie empfohlen hat. enten müssen etwas ganz Neues lernen. zwei Anrufe von ihrer Mutter, die vor drei
Burnout – alle kennen den Begriff. Im- Daher ist das Ziel der Patientin für mich Jahren Witwe geworden ist und die sie
mer häufiger taucht er auf. Genauer müss- nicht das richtige, das wünschenswerte bittet, ihr ein paar Dinge aus der Apothe-
te es heißen Burnoutsyndrom, denn es Therapieziel. Ich erkläre es ihr: „Ihr An- ke zu bringen. Ihre beiden Brüder wohnen
handelt sich dabei um ein ganzes Bündel spruch, gut und wahrscheinlich immer weit entfernt und können sich nicht um
von Symptomen, die letztlich zum Er- zu funktionieren, hat Sie ja gerade in die- die Mutter kümmern. Außerdem haben
scheinungsbild eines Erschöpfungszu- sen Erschöpfungszustand mit der An- die selbst einen anspruchsvollen Beruf
stands und meistens auch der Depression triebslosigkeit und Niedergeschlagenheit und Familie, sagt sie. Klar also, dass sie
führen. Mir ist wichtig, wie die Patientin hineingeführt. Die Wiederherstellung Ih- in ihren Augen zuständig ist (nicht sich
sich und ihr Befinden einschätzt. Was soll- res früheren Funktionierens würde Sie fühlt!) für die Mutter, außerdem für die
te in der Therapie aus ihrer Sicht erreicht vermutlich bald wieder in den gleichen Kinder, den Haushalt mit allem Drum und
werden, wann wäre ihr geholfen? Was wä- Zustand hineinführen. Daher sollten wir Dran und schließlich ihren Beruf. Ihr
re ihr persönliches Therapieziel? Sie sieht eher herausfinden, warum es für Sie so Mann hat auch einen anstrengenden Job
mich ein wenig unsicher an. „Ich will wie- wichtig war, gut zu funktionieren, und was in der Chefetage einer großen Firma und
der funktionieren. Ich muss wieder funk- Sie dadurch vernachlässigt oder versäumt kommt fast jeden Abend spät nach Hau-
tionieren“, sagt sie dann. haben. Was zu kurz gekommen ist. Dann se. Dann freut er sich auf ein sorgfältig
Genau das habe ich erwartet. Burnout- wissen wir, was Ihnen ‚fehlt‘, was Sie an- zubereitetes Essen, das sie natürlich schon
patienten sind gut im Funktionieren, sie ders machen, was Sie neu lernen sollten, vorbereitet hat.
haben immer gut funktioniert und die Er- um gesund zu werden und zu bleiben.“ Beim Erzählen wird immer deutlicher,
wartungen anderer erfüllt. Bis das irgend- Allmählich erfahre ich ihre Geschichte: dass die Patientin sich sehr viel mehr um

16 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Paare und das
andere kümmert als um sich selbst. An-
dere kommen an erster Stelle. Kein Wun-
braucht. Mama brauchte sie. Wenn je-
mand sie braucht, dann steht sie gewis-
erste Kind
der, dass sie mittlerweile unter Schlafstö- sermaßen bei Fuß. Dann spürt sie nicht
rungen leidet und – wie sie meint – ir- mehr eigene Bedürfnisse – wie zum Bei-
gendwie nicht mehr auf die Beine kommt. spiel das nach Ruhe oder Rückzug mit ei-
Das Wechselspiel von Anstrengung und ner Tasse Kaffee oder Tee, was ihr wieder
Entspannung funktioniert nicht mehr, Energie bringen würde.
etwas ist aus dem Gleichgewicht geraten. Nein sagen. Das geht eigentlich gar
„Was tun Sie denn, um sich zu entspan- nicht.
nen? Was machen Sie für sich in Ihrer frei- Ich frage sie, wann das am schwersten
en Zeit?“, frage ich sie. „Freizeit“ wäre ist, wann etwas leichter. Wenn die Kinder
nicht das richtige Wort, denke ich. zu lange am Computer sitzen, dann kann
Pause. sie ein Machtwort sprechen. Sie weiß ja,
Ich hake nach: „Was haben Sie früher dass das aus pädagogischer Sicht nicht gut
gemacht, was Ihnen Freude gemacht hat, ist. Aber sonst? Wenn eine Nachbarin
was Sie genossen haben?“ klingelt, während sie sich kurz hingelegt
hat, geht sie selbstverständlich zur Tür und
NOCH NIE WAR ABGRENZUNG, erfüllt ihren Wunsch. Immer verfügbar
NEINSAGEN IHRE STÄRKE sein – das scheint ihr Lebensmotto zu sein.
„Na ja, ganz früher habe ich Tennis ge- Immer für andere da.
spielt im Verein, aber dafür fehlt mir jetzt Es geht bei dieser Patientin um zwei
die Zeit.“ Sie denkt nach. Dann geht ein Dinge: Erstens um den Verzicht auf das
Lächeln über ihr Gesicht: „Ja, und bevor Gefühl von Wichtigkeit, das sie mit ihrem Hans Jellouschek /
ich meinen Mann kennengelernt habe, selbstlosen Verhalten als Gewinn be- Bettina Jellouschek-Otto
war ich in einer Wandergruppe. Am Wo- kommt. Und zweitens darum, sich und Familie werden – Paar bleiben
Wie man einen wichtigen
chenende sind wir auf Tour gegangen in ihre eigenen Bedürfnisse überhaupt wahr- Lebensübergang meistert
die Berge, lauter nette Leute. Aber das ist zunehmen. Immer wieder also meine Fra- 2014. 184 Seiten, kartoniert
lange her.“ Gearbeitet hat sie damals ge in den Sitzungen: Was spüren Sie jetzt? € 24.95 / CHF 35.50
schon. Aber es gab ihre eigene Familie Wo spüren Sie es? Und dann die Haus- ISBN 978-3-456-85388-8
auch als E-Book erhältlich
noch nicht. Und der Vater lebte noch, so- aufgabe: Zu Beginn einmal am Tag nein
dass die Mutter nicht allein war. sagen. Zu wem und wozu auch immer.
Inzwischen hat sich ihr Leben natürlich Dann steigern, zweimal, dreimal – bis es Alles ändert sich, wenn das erste
verändert. Sie scheint der Mittelpunkt, die ihr vertraut geworden ist. Und das schlech- Kind kommt. Nun plötzlich zu dritt
Hauptachse in einem Gefüge zu sein, das te Gewissen? Nun, schließlich muss sie zu sein, das ist bei aller Freude ein
ohne sie zusammenbrechen würde. ihre Hausaufgabe erledigen. Das macht tiefer Einschnitt in die bisherige
Noch nie war Abgrenzung, Neinsagen sie zunächst vielleicht für die Therapeutin. Zweisamkeit.
ihre Stärke. Schon als Kind hat sie zu Hau- Aber bald kann sie es für sich selbst tun. Was sollten Paare wissen, damit
se gelernt, die Mutter zu entlasten. Dann Jedenfalls wäre das das Ziel. PH dieser Übergang in eine neue Le-
wurde sie gelobt. Das war gut. Und das bensphase gelingt – und die Liebe
Beste daran: Sie wusste, was sie tun muss- der Partner nicht auf der Strecke
te, um diese Anerkennung und Zuwen- bleibt? Diese und viele andere Fra-
dung zu bekommen. Ihre Brüder hatten gen behandeln die renommierten
das gar nicht nötig, die wurden sowieso Was passiert eigentlich in einer Psychotherapie? Autoren vor dem Hintergrund
von der Mutter vorgezogen. Eine Psychotherapeutin und ein Psychotherapeut
berichten hier im monatlichen Wechsel über inte-
ihrer langjährigen Erfahrung in der
Ich erfahre, dass ihre Eltern sich viel ressante Fälle aus ihrer Praxis – und geben einen Paartherapie und Paarberatung.
gestritten haben. „Mama hat immer ihr Einblick in ihren therapeutischen Ansatz.
Anhand von Fallbeispielen sowie
ILLUSTR ATION: MICHEL STREICH

Herz bei mir ausgeschüttet. Sie hat mir so Margarethe Schindler von Übungen zur Achtsamkeit, zur
ist Psychologische Psychotherapeutin
leid getan.“ Umso mehr musste sie für sie und arbeitet als systemische Paar- und
Stressbewältigung und zur Ge-
da sein. Und sie ist es immer noch. Familientherapeutin in eigener Praxis sprächsführung geben sie konkrete
Sie hat früh gelernt, für andere da zu in Tübingen.
Hilfestellungen.
sein. Das war nicht die reine Selbstlosig- Im nächsten Heft schildert der Heidelberger Psy-
chotherapeut Rainer Holm-Hadulla den Fall einer
keit, sondern es hat ihr auch ein Gefühl Klientin, die wegen vielfältiger Ängste in seine Pra- www.verlag-hanshuber.com
von Wichtigkeit gegeben. Sie wurde ge- xis kam.

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 17


TITEL

DIE
QUÄLENDE
FRAGE:

Muss ich
perfekt
sein?

18 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


TITEL

WIE SIE DER PERFEKTIONISMUSFALLE


ENTKOMMEN UND MIT SICH
ZUFRIEDENER WERDEN KÖNNEN
Sie haben den Ehrgeiz, immer 100 Prozent Leistung zu
erbringen? Sie dürfen auf keinen Fall einen Fehler machen?
Sie fragen sich ständig, was andere von Ihnen denken?
Dann sind Sie wahrscheinlich ein Opfer des Perfektionismus.
Der Wunsch nach permanenter Selbstverbesserung ist
unendlich anstrengend und auf Dauer gefährlich

VON URSULA NUBER

F
acebook macht neidisch und verdirbt er faul auf der Coach liegt) oder Apps fürs Smart-
die Laune. Dieses erstaunliche Ergeb- phone, die den Stresspegel unter Kontrolle halten,
nis einer Studie veröffentlichten im die Stimmung überprüfen oder den Alkoholkonsum
Jahr 2013 Forscher der Technischen überwachen, geben Experten inzwischen Anlass zur
Universität Darmstadt und der Hum- Sorge: Denn diese digitalen Helfer vermitteln die Il-
boldt-Universität Berlin. Ausgangspunkt ihrer Un- lusion, ein besseres, gesünderes, fitteres, kurz: per-
tersuchung mit knapp 600 Facebook-Usern war die fektes Leben sei machbar, und vergrößern damit die
Frage: Wie fühlt man sich, wenn man all die fröhli- ohnehin schon weitverbreitete Bereitschaft, die ei-
chen, glücklichen Gesichter auf Facebook sieht und genen Unvollkommenheiten und Schwächen zu be-
liest, welch tolle Sachen die „Freunde“ gerade wieder kämpfen.
erleben? Die Fülle an positiven Posts, so stellten die Die Zahl der Menschen, die von der Stimme eines
Wissenschaftler fest, hinterlässt schale Gefühle: Über inneren Tyrannen mit Befehlen wie „Du musst“, „Du
ein Drittel der Befragten gab zu, sich während und sollst“, „Du darfst nicht“ täglich zu Höchstleistungen
nach der Nutzung von Facebook-Seiten frustriert, und Selbstverbesserungsmaßnahmen angetrieben
unzufrieden, einsam, traurig und neidisch zu fühlen. werden, ist groß und nimmt stetig zu. Perfektionis-
Im Vergleich zu den vielen positiven Erlebnissen der mus ist inzwischen „in der westlichen Welt ende-
anderen erschien ihnen das eigene Leben ereignisarm misch“, das heißt, er ist wie eine Krankheit, die immer
und langweilig. Um das scheußliche Gefühl der Min- häufiger in einer Population auftritt. Diese Feststel-
derwertigkeit zu kompensieren, gingen viele zum lung treffen die kanadischen Forscher Gordon L. Flett
ILLUSTR ATIONEN: RÜDIGER TREBELS

„Gegenangriff“ über: Sie posteten ihrerseits die tolls- von der York University und Paul L. Hewitt von der
ten Storys und brillantesten Fotos – vieles geschönt University of British Columbia, die sich seit langem
und zum Teil ziemlich weit entfernt von der Realität. mit dem Thema beschäftigen. Und auch der Psycho-
Facebook ist nicht die einzige moderne Quelle, therapeut und Psychiater Raphael Bonelli schreibt in
die das Selbstwertgefühl ihrer Nutzer schwächt. Auch seinem aktuellen Buch: „Perfektionismus prägt den
technische Neuerungen wie beispielsweise die Apple Zeitgeist, liegt unseren Wertvorstellungen zugrunde,
Watch (sie zählt nicht nur jeden Schritt, den ihr Be- dominiert unsere Köpfe. Fast niemand kann sich ihm
sitzer geht, sondern misst auch die Zeiten, in denen ganz entziehen.“ (Siehe auch Interview Seite 26).

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 19


TITEL

„Entweder ich Viele sehen allerdings auch keine Notwendigkeit, und nicht weniger als die „Beherrschung des Lebens“.
bringe perfekte sich zu entziehen. Sie halten Perfektion für ein loh- Das aber ist eine Aufgabe, die nicht zu meistern ist.
Leistung, oder ich
bin schlecht.“ Ein
nenswertes Ziel und kokettieren häufig sogar mit Perfektionisten spüren ständig die „Faust im Na-
typischer Gedanke ihrem Streben nach dem Optimum. Während man cken“, wie der Psychotherapeut Reinhold Ruthe
von Menschen, die sich – beispielsweise – zu zwanghaftem Verhalten, schreibt. Anders als Menschen, die ihre Sache „mög-
in der Perfektio-
nismusfalle sitzen
depressiven Stimmungen oder Ängsten in der Regel lichst gut“ machen wollen, werden Perfektionisten
kaum offen bekennt, gibt man meist ungeniert zu: von einem inneren Richter verhöhnt, wenn sie nicht
„Ich bin eben ein Perfektionist!“ Raphael Bonelli hundertprozentige Leistung erbringen. Machen sie
wundert das nicht, schließlich handele es sich um Fehler, erfüllen sie nicht ihre hochgesteckten Erwar-
ein „attraktives Laster“. Einen Perfektionisten um- tungen oder haben sie das Gefühl, dass ein anderer
gebe „ein Nimbus von Ernsthaftigkeit, Ordentlich- klüger, interessanter und erfolgreicher ist, klagt sie
keit, Fleiß und Verlässlichkeit“. Perfektionismus wird die kritische innere Stimme wegen Mittelmäßigkeit
in unserer Gesellschaft belohnt. Der Mitarbeiter, der an.
sich in langen Überstunden für das Gelingen eines Selbst durch eine perfekte Leistung lässt sich der
Projektes einsetzt, bekommt Anerkennung. Die El- Richter nicht auf Dauer zum Schweigen bringen. Sei-
tern, deren Kinder es mit viel Nachhilfe auf das an- ne ungeschriebenen Gesetze erlauben keine Entspan-
gesagte Gymnasium schaffen, haben das gute Gefühl, nung:
etwas richtig gemacht zu haben. Und die Frau, die
nach einem langen Arbeitstag ihre To-do-Liste ab- Fehler sind nicht erlaubt! Perfektionisten glau-
gearbeitet hat, kann zufrieden mit sich sein. ben, sie seien in den Augen anderer nur dann etwas
Selbstoptimierer erhalten einen Lohn für ihre Mü- wert, wenn sie sich keinerlei Schnitzer erlauben. Miss-
he – aber nur, wenn sie es schaffen, ihre Ziele auch lingt ihnen etwas, sind sie am Boden zerstört. Sie
wirklich zu erreichen. Das aber ist, wenn überhaupt, haben keine Mechanismen zur Verfügung, wie sie
nur punktuell möglich. Es liegt in der Natur der Sa- mit Niederlagen und Misserfolgen fertigwerden kön-
che, dass die Betroffenen von sich meist Unmögliches nen. So zeigen beispielsweise Studien, dass perfekti-
und Unerreichbares verlangen. Perfektionismus be- onistische Gewinner von Silbermedaillen ihre
deutet nicht, wie viele glauben, „peinlich Ordnung Glücksgefühle auf einer 10-Punkte-Skala mit 4,8
halten, übergenau und überpünktlich sein, immer einschätzten, wobei „1“ völlige Niedergeschlagenheit
genau das richtige Wort finden, die genau richtige und „10“ extreme Glücksgefühle bedeuteten. Sie emp-
Krawatte oder den genau richtigen Hut tragen“, stell- fanden es als Versagen, keine 100-prozentige Leistung
te schon im Jahr 1950 die berühmte Psychoanalyti- erbracht zu haben. Nichtperfektionisten dagegen hal-
kerin Karen Horney fest. Auf diese „belanglosen Klei- ten das für normal und menschlich.
nigkeiten“ komme es nicht an, wichtig sei dem Per-
fektionisten „die makellose Vortrefflichkeit der ge- Andere sind besser! Wir alle neigen zu sozialen
samten Lebensführung“. Es geht ihm um nicht mehr Vergleichen. Diese laufen ganz automatisch und per-

20 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


TITEL

manent ab. In einem Experiment haben die Teilneh- Perfektionismus ist ein
mer nur für einen Bruchteil einer Sekunde subliminal,
also unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwel- attraktives Laster. Wer
le das Gesicht einer schönen Frau zu sehen bekommen.
Danach bewerteten sie ihr eigenes Aussehen schlech- danach strebt, gilt als
ter als Teilnehmer, denen man ein eher durchschnitt-
liches Gesicht gezeigt hatte. Perfektionisten stellen
ernsthaft, fleißig, tüchtig,
diese sozialen Vergleiche ununterbrochen an – und verlässlich
schneiden dabei grundsätzlich schlecht ab.

Es gibt nur perfekt – oder schlecht! Weil sie


davon überzeugt sind, dass das Optimum erreichbar
ist, kennen Perfektionisten mit sich keine Gnade,
wenn sie ihre eigenen hohen Erwartungen nicht er-
füllen. Typische Gedanken sind: „Ich habe die Be- So bezeichnet die Transaktionsanalyse jenen Ich-
förderung nicht bekommen, also bin ich ein Versager.“ Zustand, in dem „alle Ermahnungen und Regeln,
Oder: „Ich wollte doch keine Süßigkeiten mehr essen, alle Gebote und Verbote aufgezeichnet (sind), die
nun habe ich die Diät abgebrochen und kann gleich ein Kind von seinen Eltern zu hören bekommen hat
die ganze Keksschachtel aufessen.“ oder von ihrer eigenen Lebensführung ablesen konn-
te“, erklärte der Psychiater Thomas A. Harris, der
Du sollst! Du musst! „Perfektionisten stehen unter zusammen mit Eric Berne die Transaktionsanalyse
der Tyrannei des Sollens und Müssens“, schrieb Ka- begründet hat. Wer von klein auf lernen musste, dass
ren Horney. Der innere Antreiber sorgt ununterbro- er nur durch Leistung die unendlich wichtige Auf-
chen für Gedanken wie: „Ich sollte erfolgreicher sein.“ merksamkeit oder Anerkennung der Eltern bekom-
„Ich sollte mich mehr beherrschen.“ „Ich muss mehr men konnte, wer die Enttäuschung in den Augen des
trainieren.“ Und ähnlich streng gehen sie auch mit Vaters sah, wenn eine Schularbeit mit der Note Zwei
anderen um: „Sie sollte mich öfter anrufen.“ „Er soll- bewertet wurde, glaubt: Nur wenn ich Perfektes leis-
te mich mehr bei der Hausarbeit unterstützen.“ te, bin ich etwas wert.
Diese frühen im „Eltern-Ich“ gespeicherten Er-
Angesichts der Qualen, die mit dem Streben nach fahrungen sind es auch, die den Erwachsenen uner-
dem immer Besseren verbunden sind, stellt sich na- bittlich antreiben. Wie schon als Kind versucht er,
türlich die Frage nach dem Warum. Was bringt einen sich seine Umwelt durch Leistung gewogen zu ma-
Menschen dazu, mit sich selbst so unerbittlich um- chen. Und wie das Kind, lebt auch der Erwachsene
zugehen, sich keine Schwächen zu erlauben, geschwei- in der Angst, „nicht zu genügen, nicht geliebt zu wer-
ge denn Misserfolge und Fehler? Warum hören man- den, nicht zu gefallen, abgelehnt zu werden. Angst,
che Menschen die Stimme ihres inneren Richters keine Existenzberechtigung zu haben, wenn man
besonders laut, während es anderen gelingt, sie leiser nicht pausenlos Tadelloses, Bewundernswertes und
zu drehen oder gar ganz zu überhören? Außergewöhnliches leistet“, erklärt Raphael Bonelli.
Obwohl inzwischen Erkenntnisse aus der Zwil- „Der Perfektionist ist ein liebenswerter Mensch, der
lingsforschung den Verdacht nahelegen, dass gene- nicht daran glauben kann, liebenswert zu sein … Er
tische Faktoren eine Rolle spielen könnten, sind sich ist überzeugt, dass er sich die Liebe verdienen muss
die Experten einig: Man kommt nicht als Perfektio- oder dass er zumindest sicherer ist, wenn er etwas
nist zur Welt, sondern man wird dazu gemacht. So vorzuweisen hat.“
zeigen Umfragen, dass Perfektionisten fast immer Wenn davon die Rede ist, dass der Perfektionis-
Aussagen zustimmen wie „Meine Eltern erwarteten mus epidemische Ausmaße annimmt, dann kommt
viel von mir, ich wollte sie nicht enttäuschen“, „Mei- auch der Erziehung ganz sicher eine wichtige Rolle
ne Eltern kritisierten mich, wenn ich ihre Erwartun- zu. Der Hinweis auf veränderte, demokratischere Er-
gen nicht erfüllte“ und „Meine Eltern waren sehr ziehungsstile überzeugt dabei nicht. Zu befürchten
anspruchsvoll. Sie forderten viel von sich selbst“. Das ist vielmehr, dass moderne Eltern, die eigentlich nur
Vorbild der Eltern und ihre Reaktionen auf Leistun- das Beste für ihr Kind wollen, perfektionistische Ten-
gen oder Versagen hat das kindliche Gehirn unge- denzen fördern. Während frühere Generationen
prüft gesammelt und im „Eltern-Ich“ abgespeichert. durch Strenge und Autorität auf Leistung getrimmt

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 21


TITEL

worden sind, lernen Kinder heute auf andere Weise,


SIND SIE PERFEKTIONISTISCH? dass Perfektsein ein lohnendes Ziel ist. „Noch nie ist
so viel erzogen worden wie heute“, schreibt Josef
Wie stark treffen die folgenden Aussagen auf Sie zu?
Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.
Geben Sie sich 2 Punkte, wenn Sie das Statement als
Eltern seien heute „Helikoptereltern“, so auch der
„sehr richtig“ einstufen, notieren Sie 1 Punkt, wenn Sie
es für „richtig“ halten. Die Wertung „stimme nicht zu“ Titel seines Buches, die versuchen, ein möglichst „per-
ist einen Minuspunkt wert fektes Kind zu produzieren“. Er diagnostiziert bei
(–1), und wenn Sie „stimme überhaupt nicht zu“ den heutigen Eltern einen „übersteigerten, ja als nar-
sagen, gibt es zwei Minuspunkte (–2). zisstisch zu bezeichnenden Perfektionismus, der ge-
Antworten Sie nun bitte möglichst spontan: kennzeichnet ist durch Zwanghaftigkeit, latente
Selbstzweifel, Dünnhäutigkeit der Eltern gegenüber
Ich beurteile Menschen sehr kritisch, die meine kleinsten Versäumnissen. Vor allem aber durch über-
Erwartungen nicht erfüllen. höhte Erwartungen.“
Ich rege mich über mich selbst auf, wenn ich Für Kinder, die dem „Förderzirkus“ (Kraus) ihrer
etwas, das ich angefangen habe, nicht zu Ende Eltern hilflos ausgesetzt sind, ist der Weg in den Per-
führe. fektionismus wohl programmiert. Und später, wenn
Ich werde oft nicht fertig mit einer Arbeit, weil sie dann größer sind, vergleichen sie sich mit ihren
ich sie immer wieder verbessere. tollen Facebook-Freunden und nutzen all die digi-
Wenn ich eine Aufgabe beendet habe, bin ich talen Möglichkeiten, um ihre Leistung zu kontrol-
oft nicht zufrieden damit. lieren, sich mit anderer zu vergleichen und stetig an
der Selbstverbesserung zu arbeiten … Schöne, neue,
Ich fühle mich schuldig, wenn ich etwas nicht
schaffe, was ich mir vorgenommen habe.
endlich perfekte Welt?
So weit wird es nicht kommen. Denn auch wenn
Ich schaue meist mehr auf das, was mir nicht
wir im „Zeitalter der Selbstoptimierer“ leben und
gelungen ist, als auf das, was mir gelungen ist.
sich bald alle Lebensbereiche digital kontrollieren
Über meine Fehler kann ich lassen – den perfekten Menschen wird es natürlich
nicht lachen. nicht geben. „Es sei denn, man versteht darunter,
Wenn ich mit etwas nicht zufrieden bin, fange dass jeder Mensch genau so in Ordnung und perfekt
ich meist wieder von vorne an, um es besser ist, wie er ist“, meint der Autor und Psychotherapeut
zu machen. Elmar Woelm. Und gibt zu bedenken: So attraktiv
Ich muss alles selbst machen, sonst wird es uns in der Leistungsgesellschaft Perfektion auch er-
nicht so, wie ich es möchte. scheint, „wie attraktiv sind perfekte Dinge denn wirk-
Als Kind wurde ich oft kritisiert oder bestraft, lich? Und was bedeutet es, perfekt zu sein? Ein per-
wenn ich einen Fehler gemacht habe. fektes Bild, eine perfekte Skulptur oder ein perfekter
Baum – wie würden sie aussehen? Ist es nicht gerade
die Abweichung vom Perfekten, was die Dinge wirk-
AUSWERTUNG:
lich ansprechend und interessant macht?“
15 bis 20 Pluspunkte: Sie sind ein Perfektionist. Ihre Erwartun- Ein wichtiger Gedanke, der motivieren kann, sich
gen an sich und andere sind extrem hoch.
mit der eigenen „Mittelmäßigkeit“ anzufreunden –
10 bis 14 Pluspunkte: Auch wenn Ihr Perfektionismus weniger
und den inneren Richter, der nur mit Perfektem zu-
stark ausgeprägt ist, sind Sie eindeutig zu hart mit sich.
5 bis 9 Pluspunkte: Sie sind an der Grenze zum Perfektionismus. frieden ist, zum Schweigen zu bringen.
In manchen Situationen handeln und denken Sie perfektionis-
tisch, aber Sie sind kein eindeutiger Perfektionist.
LITERATUR
1 bis 4 Pluspunkte: Sie haben Freude daran, etwas gut zu
Raphael M. Bonelli: Perfektionismus. Wenn das Soll zum Muss
machen. Sie wollen, dass etwas perfekt ist – aber Sie streben wird. Pattloch, München 2014
nicht nach dem Optimum.
Gordon L. Flett, Paul L. Hewitt: Perfectionism. Theory, research,
0 bis 5 Minuspunkte: Sie sind ein lockerer Typ. „Take it easy“ and treatment. APA, Washington 2002
ist Ihre Devise. Karen Horney: Neurose und menschliches Wachstum. Das Rin-
6 bis 10 Minuspunkte: Möglicherweise gehen Sie die Dinge etwas gen um Selbstverwirklichung. Dietmar Klotz, Eschborn 2008
zu entspannt an? (5. Auflage)
11 bis 20 Minuspunkte: Bewundernswerte Coolness. Sie lassen Elizabeth Lombardo: Better than perfect. Seal Press, Berkeley
sich von nichts und niemandem antreiben. 2014
Reinhold Ruthe: Die Perfektionismus-Falle … und wie Sie ihr ent-
kommen können. Brendow, Moers 2011 (4. Auflage)

22 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


GUTE VORSÄTZE
haben einen schlechten Ruf. Doch wenn das
Ziel zu uns passt, erreichen wir, was wir wollen,
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und unsere Vorhaben

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PSYCHOLOGIE
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TITEL

„Das ist noch nicht


gut genug“:
Der innere Antrei-
ber lässt einen
Perfektionisten
nur selten zur
Ruhe kommen

SCHLUSS MIT DER SELBSTKRITIK!


Wie Sie den inneren Richter zum Schweigen bringen

„Sei perfekt“, sagt der innere Richter. Gut ist ihm tionismus sein, denn wer zu sich streng ist, stellt auch
nicht gut genug. Für den, der auf ihn hört, gibt es an andere hohe Erwartungen. Man spricht in diesem
keine wirklichen Erfolge. Im Gegenteil: Perfektio- Zusammenhang vom other-oriented perfectionism,
nismus ist eine enorme Bürde, die auf Dauer zu ernst- der vor allem in Paarbeziehungen für große Proble-
haften seelischen Problemen führen kann. Experten me sorgen kann.
sehen heute einen klaren Zusammenhang zwischen Es gibt also gute Gründe, die kritische, nie zufrie-
perfektionistischem Handeln und Denken und Stö- dene innere Stimme, die immer 100 Prozent Leistung
rungen wie Schlaflosigkeit, Selbstzweifeln, Depres- verlangt, zum Schweigen bringen. Wie das gelingen
sionen, Suchtverhalten, Übergewicht. Auch Bezie- kann, hat der Psychotherapeut Elmar Woelm be-
hungsschwierigkeiten können eine Folge des Perfek- schrieben:

24 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


TITEL

DIE URSPRÜNGE DES INNEREN kein Verlass!“ Sagt die Stimme die Wahrheit? Rich-
RICHTERS IDENTIFIZIEREN tig ist: Die To-do-Liste ist nicht abgearbeitet. In die-
Wenn Sie verstehen, woher die Stimme des inneren sem Punkt hat der innere Richter durchaus recht.
Richters kommt, können Sie sich schrittweise von Aber sind Sie deshalb gleich ein Versager, auf den
ihr emanzipieren. Welche Botschaften kamen von man sich nicht verlassen kann? Der Richter „begnügt
den Eltern? Wie leistungsorientiert und perfektio- sich nicht mit der einfachen Wahrheit“, schreibt der
nistisch waren Mutter und Vater? Wurden Sie nur Autor Elmar Woelm. „Er verurteilt Sie für das, was
gelobt, wenn Sie Außergewöhnliches geleistet hatten? Sie getan beziehungsweise nicht getan haben.“ Und
Wurden Sie kritisiert oder ignoriert, wenn Sie nicht diese Bewertungen und Verurteilungen gilt es infra-
gut genug waren? Als Kind haben Sie Strategien ent- ge zu stellen.
wickelt, um das Wohlwollen der Eltern zu erlangen.
Diese Strategien setzen Sie heute noch ein, obwohl DEM RICHTER SEINE MACHT NEHMEN
Sie sie längst nicht mehr brauchen. Soll die perfek- Wann immer Sie die verurteilende Stimme hören,
tionistische Seite in Ihnen schwächer werden, sollten sollten Sie sich klarmachen: „Ach, da spricht wieder
Sie sich für die gespeicherten Elternbotschaften sen- mein Antreiber.“ Sie hören diese Stimme, aber sie
sibilisieren. gehört nicht Ihnen. Sie ist wie die Stimme eines Ra-
diosprechers, der Ihnen etwas vorliest.
DEN RICHTER ERKENNEN
Oftmals ist Ihnen nicht bewusst, dass der innere SICH GEGEN DEN RICHTER WEHREN
Richter eine Macht über Sie hat. Ihre negativen Selbst- Wenn die Stimme es zu toll treibt, sollten Sie es nicht
gespräche laufen dann unbemerkt ab. Wenn Sie den nur bei der Distanzierung belassen, sondern ihr ak-
Richter enttarnen wollen, sollten Sie auf Folgendes tiv entgegentreten. Sobald Sie merken, dass Sie in
achten: negative Selbstzuschreibungen verfallen, sollten Sie
● Selbstgespräche: Sagen Sie häufig „Ich sollte nicht, der Stimme Grenzen setzen: „Es verletzt mich, wenn
ich darf nicht“ (versagen, wütend werden, die Fas- du so mit mir sprichst.“ Oder: „Hör auf damit. Ich
sung verlieren, unfreundlich sein, Fehler machen) dulde das nicht länger. Du hast kein Recht, so mit
oder „Ich muss“ (mich mehr anstrengen, fleißiger, mir zu sprechen.“
pünktlicher, verlässlicher sein), dann ist ganz sicher
der Richter anwesend. Ebenso ist er am Werk, wenn DEM RICHTER MIT HUMOR BEGEGNEN
Sie sich nicht positiv auf ein Ziel einstimmen wie „Der Richter will ernst genommen werden“, sagt El-
„Ich freu mich über die Herausforderung“, sondern mar Woelm. Deshalb können Sie ihm die Kraft neh-
sich selbst schon im Vorfeld entmutigen mit Gedan- men, indem Sie sich über ihn lustig machen und zum
ken wie „Hoffentlich bau ich keinen Mist“. Beispiel seine Vorwürfe noch übertreiben. „Du hast
● Denkmuster: Gedanken wie „Die ist attraktiver als recht, ich bin wirklich unfähig. Ich bin der unfähigs-
ich“, „Der kann das viel besser“, „So gut wie X bin te/dümmste/hässlichste/erfolgloseste Mensch weit
ich lange nicht“ oder „Entweder mir gelingt das per- und breit.“
fekt, oder ich kann es gleich bleiben lassen“ sind Hin-
weise darauf, dass der innere Richter Sie antreibt. Der Kampf gegen den inneren Richter und gegen das
● Scham- und Schuldgefühle: Fühlen Sie sich perfektionistische Streben nach Selbstverbesserung
schlecht, wenn Sie einen Fehler machen? Wälzen Sie ist eine lebenslange Aufgabe. Denn der Richter gibt
sich nachts wach im Bett herum, weil Ihnen eine nicht so schnell auf. Schließlich ist er „eine Instanz,
peinliche Situation nicht aus dem Kopf geht? deren Aufgabe es ist, nie zufrieden zu sein“, wie der
● Auch körperliche Beschwerden wie Migräne, Rü- Psychotherapeut Woelm feststellt. Doch dieser Kampf
cken- und Magenschmerzen, rheumatische Schmer- lohnt sich.
zen können auf die Anwesenheit des Richters hin- Sie sollten also wachsam sein und immer auf der
weisen. Hut. Allerdings: Sobald Sie gute Bekanntschaft ge-
schlossen haben mit Ihrem inneren Richter, hat er
DEN RICHTER HINTERFRAGEN kein so leichtes Spiel mehr. UN

Sie haben mal wieder nicht geschafft, was Sie sich


für den Tag vorgenommen hatten. Klar, dass sich am
Abend die Stimme des Richters meldet. „Du hast
versagt! Du bist nicht fertig geworden, auf dich ist

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 25


TITEL

„Der Perfektionist
trägt eine Maske der
Makellosigkeit“
Perfektionismus ist das Einfallstor zum Unglücklichsein,
meint der Psychiater und Psychotherapeut Raphael Bonelli
und beschreibt, welche unbewussten Glaubenssätze einen
perfektionistischen Menschen leiten

26 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


TITEL

Herr Dr. Bonelli, in Ihrem aktuellen Buch Perfek- beim Arbeiten, er hat während des Schaffens ein Flow-
tionismus. Wenn das Soll zum Muss wird be- Erlebnis.
schreiben Sie eindrucksvoll die Gefahren des Per- Der Perfektionist denkt beim Entwickeln der
fektionismus. Ist denn Perfekt-sein-Wollen im- Skulptur ängstlich: Was werden die anderen denken?
mer schädlich? Werden sie begeistert sein von meinem Werk? Oder:
Durchaus nicht. Das gesunde Perfektionsstreben Oh je, sie werden es nicht mögen. Er ist ichhaftig,
spielt eine wesentliche Rolle in unserem täglichen unfrei, kann sich nicht auf das Werk selbst konzen-
Leben: Wir wünschen uns beispielsweise ganz selbst- trieren, sondern ist auf Außenwirkung bedacht.
verständlich, dass der Automechaniker unseren Wa- Was verstehen Sie unter Ichhaftigkeit?
gen perfekt herrichtet. Nicht nur zu 80 Prozent, son- Der Individualpsychologe Fritz Künkel hat das so
dern er soll ihn hundertprozentig reparieren. Sich benannt. Er beschrieb die psychischen Vorgänge als
hohe Ziele zu setzen ist also nicht prinzipiell verkehrt. Antagonismus zwischen Ichhaftigkeit und Sachlich-
Wir alle richten unser Leben nach Vorgaben oder keit. Ichhaftigkeit ist dabei keine rationale Entschei-
Idealen aus, diese kann man Soll-Werte nennen. Der dung, es handelt sich um ein Denkmuster. Es zeigt
Ist-Wert stellt in diesem Bild unsere Realität dar. sich nicht in dem, was jemand tut, sondern in dem,
Zwischen Ist- und Soll-Wert besteht daher immer was beim Handeln in ihm vorgeht. Der „sachliche“
ein gewisser Abstand, der Spannung erzeugt. Ein Mensch hilft beispielsweise einem anderen und ist
gesunder Mensch erträgt diese Diskrepanz mit Leich- gedanklich bei der Not des anderen. Der Ichhafte
tigkeit. Er weiß, dass er nicht vollkommen ist. Bei denkt beim Helfen über sich in der Helferrolle nach
ihm hat das Soll die sinnvolle Funktion, ein Wachs- und möchte, dass die Tat gesehen und bewundert
tum des Ist-Zustandes zu bewirken. Beim Perfekti- wird.
onisten besteht genau hier das Problem: Er wird Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meiner Praxis: Zu
durch die Diskrepanz innerlich zerrissen, das Soll mir kam mal eine junge Frau, eine Studentin. Sie
ist für ihn ein Muss, ein unerträglicher Vorwurf. wollte in der Psychotherapie bearbeiten, warum sie
Das Problem des Perfektionisten ist also nicht ein so viel Mitleid mit anderen Menschen hatte. Wir
zu hohes Soll, sondern ein Nicht-Aushalten der Ist- schauten uns dann ihr „Mitleid“ genauer an. Es zeig-
Soll-Spannung. te sich: Die Patientin nahm in ihren Gesprächen im-
Verstehe ich das richtig: Wenn Menschen diese mer die Helferrolle ein, aber gleichzeitig gingen ihr
Spannung nicht aushalten können, werden sie dabei ständig Fragen im Kopf herum: Wie komme
zum Perfektionisten? ich bei meinem Gegenüber an? Bin ich auch empa-
Ja. Sie versuchen, diese Spannung zu vermeiden. Per- thisch genug, während ich mir das Leid anhöre? Ist
fektionismus ist in erster Linie ein ängstliches Ver- meine Körperhaltung adäquat? Wird derjenige, den
meidungsverhalten. Vermieden werden sollen Fehler, ich tröste, wieder zu mir kommen? Was wird er nach-
alles, was nicht hundertprozentig perfekt ist. Ange- her über mich als Helfer wohl sagen? Wird er sagen,
strebt wird das Tadellose mit der Motivation der bom- dass ich ihm gut geholfen habe? Raphael M. Bonelli,
Jahrgang 1968, ist
bensicheren Unantastbarkeit. Denn die Wurzel des Dass in ihren sozialen Interaktionen all diese Fra- Neurowissenschaft-
perfektionistischen Handelns ist eine tiefe Angst: Es gen präsent waren, war meiner Patientin nicht be- ler an der Sigmund-
geht dem Perfektionisten darum, „tadellos“ zu sein. wusst. Sie war tief betroffen, als sie das erkannte. Freud-Privat-Univer-
sität Wien und
Dahinter steht die Panik, getadelt zu werden, kriti- Vorher war ihr nicht zugänglich, was sie alles so dach-
Psychiater mit eige-
siert zu werden. Er hat Angst davor, dass jemand mit te beim Helfen und wie sehr sie die eigene Person, ner Praxis. Sein Buch
dem Finger auf seine Fehler zeigt. Angst, nicht zu ihren Ruf, die Beurteilung durch andere in den Fokus Perfektionismus.
genügen, nicht zu gefallen. Angst, ausgeschlossen zu stellte. Die Sorge, als Helferin alles richtig zu machen, Wenn das Soll zum
Muss wird ist im
werden, wenn er nicht genug leistet, nicht genug zu war bei ihr der Grund, warum sie so viel Mitleid und November 2014 im
bieten hat. Es ist letztlich die Angst vor der völligen Empathie hatte. In Wirklichkeit war sie in sich selbst Pattloch-Verlag
Entwertung der eigenen Person. gefangen. erschienen.

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Gewissenhaf- Der Perfektionist fürchtet ständig, Fehler zu ma-
tigkeit und Perfektionismus? chen, weil sonst sein Selbstwertgefühl leidet?
Der Unterschied besteht in den beschriebenen Ängs- Genau. Nun sind wir alle nicht perfekt – Fehler zu
ten. Der Perfektionist ist in seinem Ich gefangen. machen ist etwas sehr Menschliches. Nichtperfekti-
Nehmen wir als Beispiel einen Bildhauer: Der Ge- onistische Menschen halten diese Fehlerhaftigkeit
wissenhafte liebt das Kunstwerk, das er schafft. Er der eigenen Person auch aus. Für Perfektionisten ist
geht ganz in diesem Werk auf, vergisst sich selbst dies kaum möglich, denn sie zeichnet ein Alles-oder-

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 27


TITEL

sönlichkeitsarm auf andere. Im Umgang mit anderen


tun sie sich eher schwer, oft nimmt man sie als rigid,
unbeweglich und humorlos wahr.
Den Seelenapparat des Perfektionisten habe ich
in meinem Buch als ein Geflecht von Zahnrädern
beschrieben, die starr ineinandergreifen. Das Bild
soll verdeutlichen, dass es sich um ein rigides System
handelt: Es arbeitet mit einer Berechenbarkeit, die
helfen soll, Fehler zu vermeiden. Mit so einem star-
ren Seelenapparat geht dem Perfektionisten die Spon-
tanität verloren. Für ihn gilt, was für alle Menschen
mit Ängsten gilt: Sie sind weniger frei und weniger
spontan als Gesunde.
Der Perfektionist trägt die Maske, um vor sich
selbst und anderen gut dazustehen – aber er er-
reicht damit eher das Gegenteil?
Ja. Viele Perfektionisten sind unbewusst übermäßig
stark auf ihren Ruf bedacht. Sie stressen sich mit der
unlösbaren Frage, was wohl die anderen denken. Wie
man sich gut vorstellen kann, ist dies eine Eintritts-
pforte in das Unglücklichsein. Denn es ist unmöglich,
allen immer zu gefallen. So ein Streben gleicht einer
Sisyphusarbeit: Kaum hat man es einem recht ge-
macht, meldet schon ein anderer Wünsche oder Be-
dürfnisse an, auf die sich der Perfektionist einstellen
soll.
Das Problem der Betroffenen, schreiben Sie, sind
innere Dogmen. Was verstehen Sie darunter?
Bei inneren Dogmen handelt es sich um ein unbe-
wusstes Muss, das die Wurzel der Psychodynamik
darstellt. Diese Glaubenssätze steuern das Leben in
hohem Maße – gleichzeitig sind sie uns aber erst ein-
Perfektionisten Nichts-Denken aus. Es bedeutet: Entweder ist alles mal nicht zugänglich. Wenn man dem Perfektionis-
sind angestrengt perfekt und fehlerfrei oder, wenn es das nicht ist, ten sein eigenes inneres Dogma vorlegen würde – er
und oft auch kör-
perlich ange-
dann ist alles nichts wert. Das betrifft sowohl eine würde es als Handlungsmaxime für sein Leben ab-
spannt. Sie haben Arbeit als auch den Umgang mit anderen Menschen, lehnen. Es kennzeichnet Perfektionisten, dass sie eben
einen erhöhten es kann auf alle Lebensbereiche angewandt werden. nicht wissen, dass sie ihr Leben danach ausrichten.
Muskeltonus, vor
Der Perfektionist unterliegt dem Irrglauben: Wenn Innere Dogmen sind unbewusst wirkende Lebens-
allem im Nacken-
bereich er etwas nicht perfekt meistert, ist er komplett ge- anschauungen oder Handlungsanweisungen?
scheitert. Das Schlimmste dabei ist: Von diesem Genau. Sie wirken wie ein diffuses Gefühl, es ist nicht
Scheitern oder Gelingen hängt das Selbstwertgefühl reflektiert und wird daher nicht hinterfragt. Erst
des Perfektionisten ab. Perfektionisten legen daher wenn uns bewusst wird, was hinter unserem Han-
eine Maske an, um ihr fehlerhaftes Ich zu verstecken. deln oder Denken steht – welches innere Dogma –,
Wie sieht diese Maske des Perfektionisten aus? können wir es ändern.
Der Perfektionist trägt eine Maske der Makellosig- Was beinhalten diese inneren Glaubenssätze?
keit, um sich zu schützen. Er schlüpft in die Rolle des Das hängt stark vom klinischen Bild des Perfektio-
unfehlbaren Menschen. Die Folge ist aber, er ist dann nisten ab. Woran die meisten bei Perfektionismus
nicht mehr er selbst. Die Maske kann so fest anwach- denken, ist der klassische Karrieremensch: Der lebt
sen, dass der Perfektionist gar nicht mehr weiß, dass nach dem Dogma „Ich bin nur etwas wert, wenn ich
er sie trägt. auch etwas leiste“. Denn der Leistungsverlust geht –
Typischerweise wirken Menschen mit perfektio- mit diesem inneren Dogma – mit dem völligen Ein-
nistischer Neigung daher wenig authentisch und per- büßen des eigenen Wertes einher.

28 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


TITEL

Aber es gibt noch viele andere Lebensbereiche, in Es ist unmöglich, allen


denen Perfektionismus auftritt.
Eine moderne Störung ist die Orthorexie: Das sind zu gefallen. So ein
Menschen, die übermäßig darauf bedacht sind, das
Richtige zu essen – mit einer moralisierenden Di- Streben gleicht einer
mension. Hier handelt es sich um ein überzogenes
Gesundheitsbewusstsein. Das innere Dogma könn-
Sisyphusarbeit
te hier lauten: „Wenn ich nicht immer gesundes Ge-
müse esse, werde ich ernsthaft krank!“
Eine andere Form des Perfektionismus sehe ich
bei der Anorexie. Die Betroffenen denken im Sinne
ihres eigenen Körpers perfektionistisch. Ihr inneres
Dogma wäre: „Je dünner ich bin, desto liebenswerter
bin ich.“ Ein weiteres Beispiel sind Menschen mit leiste.“ Das bedeutet eine katastrophale Selbstwert-
einem Schönheitswahn, einer körperdysmorphen problematik, wenn dieser Mensch sich eine Leistungs-
Störung. Hier könnte der Glaubenssatz lauten: „Ich pause, Muße oder eine Auszeit gönnt. Die eigenen
bin nur etwas wert, wenn meine Brüste groß genug Dogmen zu erkennen wirkt daher auch entlastend.
sind.“ Es gibt also ganz verschiedene Dimensionen, Beispielsweise weil Betroffenen dadurch der Motor
auf denen Menschen aufgrund von inneren Glau- deutlich wird, der hinter ihrem Drang steht, ständig
benssätzen einen Perfektionismus entwickeln. etwas zu leisten und nicht ausruhen oder genießen
Sind Menschen meist generell Perfektionisten, zu können.
also in allen Lebensbereichen? Abgesehen von einer Psychotherapie – was kön-
Leistungsdenker haben oft auch eine Neigung zum nen Menschen für sich selbst tun, die perfektio-
Schlankheits- und Schönheitswahn. Umgekehrt sind nistische Züge an sich entdecken?
anorektische Patienten in der Regel auch leistungs- Sie können beispielsweise ein Buch darüber lesen –
orientiert. Dort gibt es also Zusammenhänge. Mei- möglichst eines mit Patientengeschichten. Diese sind
ne Erfahrung ist aber, dass der Perfektionismus meist lebendiger, sie haben mehr „Fleisch“ als Fachbücher
nur in einem Bereich wirklich krankhaft durch- und machen es dem Leser leichter, sich selbst in den
schlägt. Geschichten anderer zu erkennen. Der erste Schritt
Das klingt alles sehr anstrengend. wäre, diese Patientengeschichten zu lesen und über
Ja! Perfektionistisches Denken führt zum Disstress sie zu staunen. In einem zweiten Schritt können sie
– zum ungesunden, krankmachenden Stress. Per- dann Ähnlichkeiten zu ihrem eigenen Verhalten
fektionisten sind oft auch körperlich angespannt, sie wahrnehmen. Ganz wichtig ist der dritte Schritt: Die
haben einen erhöhten Muskeltonus, vor allem im Betroffenen sollten über sich selbst lachen können.
Nackenbereich. Die Verdrängungsarbeit fordert sehr Humor ist für mich der Königsweg.
viel Kraft. Perfektionisten sind angestrengt – sie sind Aber Ihre Frage war: Wie kann man sich selbst
aber auch anstrengend für die anderen Menschen. therapieren? Ich denke, häufig braucht man profes-
Daher stellen sie auch in der Beziehung eine Belas- sionelle Hilfe. Besonders wenn der Perfektionismus
tung dar. stark ausgeprägt ist. Perfektionismus ist keine Klei-
Wie sieht eine Psychotherapie für Perfektionis- nigkeit, man kann ihn nicht mit einem Buch vom
ten aus? Tisch wischen. Aber es kann der Anfang der Selbst-
Eine Psychotherapie öffnet zunächst einmal das Be- erkenntnis sein und Mut machen.
wusstsein für die Tatsache, dass es dieses innere Dog- Weil man erkennt, dass man nicht allein ist?
ma gibt und dass der Mensch sein Leben unbewusst Genau. Weil man sich in anderen wiedererkennt und
auf diese Glaubenssätze hin ausrichtet. Wird das in- schmunzeln kann. Weil man lernt, dass es keine
nere Dogma bewusst, ist es erstmals für die Vernunft Schande ist, so zu fühlen. Weil es für das Befinden
angreifbar. Das Faszinierende ist: Wenn Patienten einen Namen gibt und weil es veränderbar ist. Es gibt
im Laufe der Therapie so ein inneres Dogma bewusst- eine Hoffnung. PH
wird, können sie es kaum glauben. Sie sagen dann DAS GESPRÄCH MIT RAPHAEL M. BONELLI

oft: „Was denke oder fühle ich da für einen Blödsinn!“ FÜHRTE SUSIE REINHARDT

Nehmen Sie als Beispiel das Dogma des Leistungs-


menschen: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 29


E
s ist die vielleicht exklusivste Spen-
denkampagne aller Zeiten. Seit
2010 versuchen Warren Buffett
und die Eheleute Bill und Melinda Gates
Milliardäre zu motivieren, mehr als die
Hälfte ihres Vermögens für wohltätige
Zwecke auszugeben. Bis September 2014
gaben 127 Superreiche aus aller Welt ein
entsprechendes Versprechen ab. Die Web-
site von The Giving Pledge listet alle Namen
auf. Dort kann man auch über die Moti-
ve der Großspender und Großspenderin-
nen nachlesen. Viele hoffen, mit ihrem
Geld die Situation von Armen, Kranken
oder Kindern einschneidend zu verbes-
sern. Manche möchten ein gutes Beispiel
geben oder sich dafür revanchieren, dass
ihnen die Gesellschaft einst gute Start-
chancen bot. Andere nennen die Zufrie-
denheit, wenn man etwas Positives tut. TUE GUTES
Buffett selbst, der sogar 99 Prozent seines
auf 60 Milliarden Dollar geschätzten Ver-
mögens stiften will, macht eine rationale
UND REDE DARÜBER
Rechnung auf: Gäben er und seine Fami- Zur Weihnachtszeit wird wieder allenthalben
lie mehr als ein Prozent der Finanzmittel
für sich aus, würde ihnen das kein zusätz-
an unsere Spendenbereitschaft appelliert. Wovon
liches Glück bringen. Wenn sie es aber hängt es ab, ob wir uns von einem kleinen oder
anderen Menschen zukommen lassen, auch größeren Teil unseres Einkommens trennen
könne das deren Wohlbefinden enorm
verbessern. oder lieber den Geldbeutel zuhalten?
The Giving Pledge gibt einen guten Ein-
VON ANNETTE SCHÄFER
blick in die Gedankenwelt von Leuten, die
über mehr Finanzmittel verfügen als man-
che Staaten. Was aber geht in den Köpfen
von Normalverdienern vor, wenn sie einen
Teil ihres Geldes für wohltätige Zwecke informiert, dass ein Teil ihres Guthabens nannt, gibt es weitere Belege: In einer nie-
geben? Mit dieser Frage haben sich in den zwangsweise für den guten Zweck einbe- derländischen Befragung führten 57 Pro-
letzten Jahren Forscher aus Psychologie, halten wurde. Sowohl obligatorische Ab- zent der Befragten „sich gut zu fühlen“
Ökonomie, Marketing, Soziologie und gaben als auch freiwillige Spenden akti- als Motiv für das Spenden an. (3) Die Freu-
anderen Bereichen intensiv befasst. Ein vierten das Belohnungssystem im Hirn de am Spenden steigt, wenn man Men-
Übersichtsartikel aus dem Jahr 2011 be- der Probanden. Sie zogen also Befriedi- schen in eine nachdenkliche Stimmung
zieht allein 500 empirische Studien ein, gung daraus, dass Geld an Bedürftige bringt. In einer weiteren holländischen
und darin sind die neuesten Arbeiten nicht floss, egal wie, was für eine altruistische Studie waren Teilnehmer tendenziell
mal enthalten. (1) Motivation spricht. Die neurale Aktivie- großzügiger, wenn sie über Vergebung in
Eine vieldiskutierte Frage: Spenden rung war allerdings tendenziell stärker, persönlichen Konflikten reflektierten (4);
Menschen, um anderen zu helfen oder weil wenn die Gabe freiwillig erfolgte. Aus ei- ein deutsch-amerikanisches Forscher-
sie selbst etwas davon haben? Die Antwort genem Antrieb zu geben verschaffte den team zeigte, dass die Spendenbereitschaft
lautet offenbar: sowohl als auch. In einer Probanden also einen zusätzlichen psy- zunimmt, wenn man Menschen an ihre
neuropsychologischen Studie konnten chologischen Nutzen. (2) Sterblichkeit erinnert.(5)
Teilnehmer manchmal wählen, ob sie an Für die wohltuende Wirkung auf die Spender profitieren aber nicht nur psy-
eine städtische Tafel spenden wollten oder Psyche des Spenders, in der Forschung chisch, sondern auch sozial. Menschen,
nicht; manchmal wurden sie nur darüber warm glow oder auch helper’s high ge- die wohltätige Zwecke unterstützen, sind

30 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Naturparadies
Kuba
bei anderen hoch geachtet. In einer un- haben die soziale Norm, großzügig zu sein,
garischen Studie erhielten Teilnehmer, die verinnerlicht. Nicht zu spenden ruft folg-
das Flair der Karibik
bereit waren, sich an gemeinnützigen Ak- lich Scham hervor, weil man seinen eige-
tionen zu beteiligen, von anderen deutlich nen moralischen Standards nicht ent-
höhere Werte für Sympathie und Vertrau- spricht. In einem Laborexperiment von
enswürdigkeit als weniger hilfsbereite kanadischen und US-amerikanischen
Zeitgenossen.(6) Warum, denken da wohl Forschern reagierten Teilnehmer auf
viele, soll man sich das nicht zunutze ma- Spendenanzeigen, die an ihr soziales Ver-
chen? Nach dem Motto „Tue Gutes und antwortungsgefühl und Gewissen appel-
rede darüber“ ziehen es die meisten Men- lierten, deutlich großzügiger als auf einen
schen vor, ihre Spenden publikzumachen, neutralen Text.(11)
wenn man ihnen die Wahl lässt. In einem
amerikanischen Laborexperiment ent- Die Spendenbereitschaft nimmt zu,
schied sich kein einziger der 200 Proban- wenn man Menschen an ihre Sterb-
den dafür, anonym zu bleiben.(7) lichkeit erinnert
Umgekehrt kann mangelnde Großzü- Und noch eine Information für Fundrai-
gigkeit den eigenen Ruf schädigen. Man- ser: Danke-schön-Geschenke scheinen
cher versucht deshalb, Situationen, in de- potenzielle Geber eher abzuschrecken, wie
nen Spendenbereitschaft gefragt ist, zu eine amerikanische Untersuchung belegt.
meiden. In einer amerikanischen Feldstu- Es mag der Intuition widersprechen, aber
die besuchten Spendensammler gut 7500 in einer Serie von fünf Experimenten mit
Haushalte im Großraum Chicago, um insgesamt 1300 Probanden spendeten die-
Geld für zwei wohltätige Organisationen se tendenziell kleinere Beträge, wenn ih-
Gehen Sie mit Wikinger Reisen auf
zu erbitten. Der Dreh: An manche Türen nen ein Präsent (Stift, Tasche, Schokolade) eine 21-tägige Erlebnisreise:
kamen sie unangekündigt; anderen po- in Aussicht gestellt wurde. Die wahr-
· 10 abwechslungsreiche Wanderungen
tenziellen Spendern kündigten sie tags scheinlichste Erklärung, schreiben die
· Alle Höhepunkte Kubas: vom Viñales-Tal
zuvor per Faltblatt die Uhrzeit ihres Kom- Forscher, sei ein crowding out effect: Das im Westen bis nach Baracoa im Osten
mens an. Das Ergebnis: Die Vorabinfor- Versprechen eines Geschenks untergräbt · Inkl. Flug, Übernachtungen, Verpflegung
mation führte dazu, dass sich 9 Prozent den Wunsch, anderen zu helfen, weil es und Wikinger-Reiseleitung
weniger Türen öffneten. Diese Leute ver- den Eindruck erweckt, man habe eigen- ab 3.598 €
spürten offenbar keinen Drang zu spenden nützige Motive.(12)
Jetzt schnell Frühbucherrabatt
und wollten sich nicht der Situation aus- Dagegen schätzen es Spender, wenn bis zum 04.01.2015 sichern.
setzen, nein sagen zu müssen.(8) Wer sich man ihre Gabe würdigt. In einer ameri-
unvermittelt sozialem Spendendruck aus- kanischen Online-Studie mit mehr als 400
gesetzt sieht, zeigt sich wiederum freigie- Teilnehmern spendeten Leute deutlich
biger. Bei einem Feldexperiment in einem mehr, wenn ihnen mitgeteilt wurde, dass
Nationalpark in Costa Rica waren Spenden sich die hilfesuchende Organisation bei
um 25 Prozent höher, wenn sie nicht ver- ihnen bedanken würde.(13) Ob die Aus-
deckt erfolgten, sondern der Spenden- sicht, auf der Giving Pledge-Website ge-
WIKINGER REISEN
sammler sehen konnte, wie viel die Besu- nannt zu werden, auch manchen Milliar- UND WWF
DEUTSCHLAND
SIND PARTNER FÜR
cher gaben.(9) där zur Teilnahme motiviert hat? Viel- NACHHALTIGERES
REISEN

Auch ein schlechtes Gewissen öffnet leicht nicht, aber abgeschreckt hat es sicher
die Taschen, wie eine amerikanische Feld- auch niemanden. PH
studie während der Beichtstunde in einer
katholischen Kirche zeigt. Beim Betreten
des Gotteshauses waren die Gläubigen
deutlich spendabler als beim Verlassen,
nachdem der Geistliche sie von ihren Sün-
den losgesprochen hatte – und ihre Schuld-
FÜR INTERESSIERTE
gefühle vermutlich kleiner waren.(10) Sich
Die im Text aufgeführten Zahlen 1–13 verweisen auf
schuldig zu fühlen fördert Spenden aber die jeweiligen Studien. Sie finden sie im Internet
Infos und Katalog unter
auch auf direktere Weise. Viele Menschen unter www.psychologie-heute.de/literatur
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32 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015
Männliche
Therapeuten –
Mangelware
Seit Jahren sinkt die Zahl der männlichen Psychologischen
Psychotherapeuten. Viele Therapieinstitute bilden
heute überwiegend Psychologinnen aus. Warum entscheiden
sich so wenige Männer für den Psychotherapeutenberuf?
Und was bedeutet es für die Therapielandschaft,
wenn die Männer fehlen?
VON ANNE-EV USTORF

P
aul Weston ist ein idealer Psychothe- sie in der Realität eine Minderheit dar: Der Psycho-
rapeut. Empathisch, authentisch und therapeutenberuf ist vor allem ein Frauenberuf. Und
professionell, verkörpert der Fünfzig- die Zahl der Männer, die Psychologische Psychothe-
jährige den Typus des modernen und rapeuten werden wollen, sinkt beständig.
beziehungsorientierten Therapeuten. Zwar sind in Deutschland derzeit 30,7 Prozent
Er lässt sich verstricken in die schwierigen Geschich- der Mitglieder der Landespsychotherapeutenkam-
ten seiner Patienten und bewahrt zugleich das nöti- mern männlich, immerhin also ein knappes Drittel.
ge Maß an Distanz, er hört intensiv zu und bleibt Dabei handelt es sich allerdings vorwiegend um äl-
dabei konzentriert beim Patienten. Höchst spannend tere Psychotherapeuten: Aufgeschlüsselt nach Alters-
ist die amerikanische Serie In Treatment, weil sie ei- gruppen, stellen die Männer in den Jahren kurz vor
nen fiktiven Psychotherapeuten (dargestellt von Ga- der Rente 40,9 Prozent der Psychologischen Psycho-
briel Byrne) genau bei der Arbeit beobachtet. Sogar therapeuten. Bei jüngeren Männern hingegen sieht
ILLUSTR ATIONEN: K ARSTEN PETR AT

Rainer Richter, Präsident der Bundespsychothera- das anders aus: Nur zehn Prozent aller Psychologi-
peutenkammer (BPtK), urteilte: „Ziemlich authen- schen Psychotherapeuten unter 35 sind männlich,
tisch.“ Doch eigentlich ist Paul Weston eine seltene bei den 45-Jährigen lediglich 23 Prozent. Wer einen
Gattung, genau wie seine fiktiven TV-Kollegen Dr. jüngeren Psychotherapeuten sucht, landet mit großer
Frasier Crane (Kelsey Grammer), Ben Sobel (Billy Wahrscheinlichkeit also bei einer Frau.
Crystal) oder Dr. Maximilian Bloch (Dieter Pfaff). In den kommenden Jahren wird sich die Ge-
Während in der medialen Darstellung nämlich die schlechterdifferenz vermutlich noch verschärfen.
männlichen Psychotherapeuten überwiegen, stellen Denn die Zahl der männlichen Psychotherapeuten

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 33


sinkt, es gibt immer weniger „Neuzugänge“. Wäh- chologie gebe es umso mehr Männer, je höher man
rend 2007 noch 35,2 Prozent der Mitglieder der Psy- die Karriereleiter hinaufschaue. „Da, wo die Männer
chotherapeutenkammern männlich waren, sind es mehr Geld verdienen können, etwa bei den Profes-
heute schon fünf Prozent weniger. Vor allem die Aus- suren oder Habilitationen, geben sie das Terrain nicht
bildungsinstitute, die Psychologen oder Mediziner auf“, beobachtet Richter. „Andererseits haben Frau-
zu Psychotherapeuten weiterbilden, bekommen den en in versorgenden Berufen häufig auch einen ande-
Männermangel zu spüren. „In vielen Instituten gibt ren Lebensentwurf. Viele von ihnen wollen mit Kon-
es mittlerweile reine Frauengruppen“, sagt Wolfram kurrenz möglichst wenig zu tun haben.“
Dorrmann, ein Psychologischer Psychotherapeut, Der männliche Ehrgeiz zeigt sich auch in den
der das Institut für Verhaltenstherapie, Ver- Fachpublikationen. Die Psychotherapeutin
haltensmedizin und Sexuologie in Eva Jaeggi untersuchte für einen Vor-
Nürnberg / Fürth leitet. „Wir müs- trag beim Berliner Landespsycho-
sen um die Männer schon kämp- therapeutentag 2013 insgesamt
fen.“ Auch Rainer Richter von 283 willkürlich ausgewählte
der BPtK kann den Trend Veröffentlichungen in der
bestätigen: „Das stimmt, Fachzeitschrift Psyche aus
es gibt immer weniger den Jahren 2000 bis 2012
männliche Psychologi- und fand, dass 67,5 Pro-
sche Psychotherapeu- zent von Männern ge-
ten. An den Ausbil- schrieben waren. „Das
dungsinstituten hat dreht also das Verhält-
sich die Zahl inzwi- nis Männer zu Frauen
schen bei zwanzig Pro- fast um“, wunderte
zent eingependelt. Aber sich die Psychothera-
das ist kein Spezifikum peutin. „Obwohl so viel
der Psychotherapeuten, mehr Frauen als Männer
sondern der helfenden und als Psychotherapeuten ar-
versorgenden Berufe allge- beiten.“
mein. Wir haben dieselbe Ent- Tatsächlich ist der Beruf
wicklung bei den Ärzten.“ des Psychotherapeuten kein Kar-
Tatsächlich findet in den Gesund- riereberuf. Vollzeitstellen sind
heitsberufen derzeit eine Feminisierung knapp, die Weiterbildungsjahre teuer
statt. Im Medizinstudium sind heute siebzig und entbehrungsreich, die Aussichten auf ei-
Prozent aller Studienanfänger junge Frauen, ähnlich nen Kassensitz nach der Weiterbildung schlecht. Mike
im traditionell weiblich besetzten Psychologiestudi- Klassischer Helfer- Mösko, Psychologischer Psychotherapeut und Ham-
um, wo jüngst 75,4 Prozent der Erstsemesterstudie- beruf: 75,4 Prozent burger Landessprecher der Deutschen Gesellschaft
der Studienanfänger
renden weiblich waren. Ein Grund ist die starke Be- im Fach Psychologie
für Verhaltenstherapie e.V., war in Studium und Wei-
liebtheit beider Studiengänge, die zu hohen Numeri sind weiblich terbildung stets einer von wenigen Männern – und
clausi führt: Da Schülerinnen im Schnitt bessere würde es sich heute dreimal überlegen, Psychologie
Abiturnoten als ihre männlichen Altersgenossen auf- zu studieren. „Wenn man Lust hat, Verantwortung
weisen, kommen sie schneller an einen der begehrten zu übernehmen, ist der Beruf nicht attraktiv“, erklärt
Studienplätze. Aber auch Geschlechterbilder spielen der 42-Jährige. „Dann sollte man Medizin studieren.
bei der Berufswahl eine Rolle. „Viele junge Frauen In der Krankenhaushierarchie sind Psychotherapeu-
wollen Ärztinnen oder Psychologinnen werden, weil ten immer den Ärzten unterstellt und verdienen bei
der Beruf eher dem klassischen weiblichen Stereotyp, gleichwertiger Ausbildung deutlich weniger.“ Viel
zu versorgen und zu helfen, entspricht“, glaubt BPtK- verheerender findet Mösko aber die Tatsache, dass
Präsident Rainer Richter. „Was aber nicht heißt, dass der Beruf nicht die Existenz sichert. Allein die fünf-
Männer nicht mütterlich sein können und keine müt- bis siebenjährige berufsbegleitende Weiterbildung
terlichen Anteile haben.“ Er vermutet, dass Männer zum Psychotherapeuten ist immens teuer: Die Aus-
lieber in Berufe gehen, in denen sie Karriere machen bildungskosten für Theorieseminare, Selbsterfah-
und viel Geld verdienen können. Sogar in weiblich rung und Supervision liegen zwischen 20 000 und
dominierten Berufsfeldern wie Medizin oder Psy- 30 000 Euro. Zusätzlich müssen angehende Psycho-

34 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


therapeuten bis zu 18 Monate in Kliniken arbeiten auch sehr viel. Wo sonst hat man die Möglichkeit,
und bekommen dafür oft keinen Cent. „Richtig leis- einen Beruf zu erlernen, in dem man sich so intensiv
ten können sich diese Ausbildung nur Kandidaten, mit sich selbst auseinandersetzt?“
die von den Eltern oder Partnern finanziell mitge- Steuern wir also auf eine Zukunft zu, in der über-
tragen werden“, sagt Mösko. „Und das sind häufiger wiegend gutsituierte Frauen psychotherapeutisch
Frauen, deren Mann Hauptverdiener ist und die ih- tätig sind? Und falls ja: Ist es für die Patientenver-
re Ausbildung mit der Kinderbetreuung kombinieren. sorgung überhaupt wichtig, ob genug Männer zur
Bei solch einer existenziell unsicheren Situation ist Verfügung stehen? Viele Studien haben gezeigt, dass
es für Männer schwieriger mit der Familienpla- der Erfolg einer Psychotherapie nicht vom Ge-
nung.“ schlecht des Psychotherapeuten abhängt,
Auf viele Männer mag die Ausbildung sondern vielmehr von seiner Qualität
deshalb abschreckend wirken. Doch sowie der individuellen Passung
auch die starke Kontrolle in der zwischen Psychotherapeut und
Ausbildung – viele Supervisio- Patient. Gute Psychothera-
nen durch erfahrene Psycho- peutinnen können in einer
therapeuten, viel Selbster- Therapie durchaus vä-
fahrung, viele anspruchs- terliche Anteile über-
volle Prüfungen – setzt nehmen, genau wie
den Kandidaten zu. männliche Therapeu-
„Man muss als Erwach- ten im Therapiege-
sener, der in der Regel schehen vom Patien-
schon berufliche Erfah- ten auch als mütter-
rung mitbringt, einiges lich erlebt werden
an Unterwerfung aushal- können. „Wir müssen
ten“, sagt Andreas Jung- uns keine Sorgen ma-
müller, Ausbildungskandi- chen“, findet Eva Jaeggi.
dat an einem Institut in „Zwar wählen sehr viel
München, der seinen richtigen mehr Frauen als Männer
Namen nicht nennen möchte. den Beruf, aber weder thera-
„Das ist für alle schwierig, auch für pieren sie anders, noch bieten
die Frauen. Doch mit dem männli- sie andere Übertragungsaspekte an
chen Selbstbild ist die erlebte Demütigung als Männer im Therapeutenberuf. Un-
vielleicht besonders schwer vereinbar.“ Auch sere Anstrengungen müssen also darauf aus-
nach der abgeschlossenen Ausbildung sind die be- gerichtet sein, gute und hilfreiche Therapeutenper-
ruflichen Aussichten nicht rosig. Trotz der erfolgrei- Ist es für die Patien- sönlichkeiten zu finden. Ob Männer oder Frauen,
chen Approbation können Psychotherapeuten häufig ten überhaupt erscheint vom therapeutischen Prozess her betrach-
wichtig, ob genug
keine eigene Praxis eröffnen. Zwar besteht eine hohe Männer zur Verfü-
tet weniger wichtig.“
Nachfrage nach Psychotherapieplätzen, doch die An- gung stehen? Doch was, wenn Patienten oder Patientinnen sich
zahl der Kassensitze ist knapp. Seitdem die Alters- dezidiert einen männlichen Psychotherapeuten wün-
begrenzung letztes Jahr aufgehoben wurde, müssen schen? Oder aufgrund ihrer Lebensgeschichte be-
ältere Psychotherapeuten ihre Kassensitze im Ren- sonders von einem männlichen Psychotherapeuten
tenalter nicht mehr aufgeben. In vielen Städten war- profitieren könnten? Ein vaterloser junger Mann, der
ten approbierte Psychotherapeuten deshalb bis zu diese Leerstelle in einer Psychotherapie bearbeiten
zehn Jahre auf einen eigenen Kassensitz. „Das ist ver- möchte, wäre aus naheliegenden Gründen besser auf-
heerend nach der langen Ausbildung“, weiß Mösko gehoben bei einem männlichen Psychotherapeuten.
aus eigener Erfahrung. „Wir sind als Generation ge- Auch ein Patient mit sexuellen Funktionsstörungen,
parkt. Das machen viele Männer nicht mit.“ der lieber zu einem männlichen Psychotherapeuten
BPtK-Präsident Richter leitet das Institut für Psy- gehen möchte, hätte bei einer Therapeutin womög-
chotherapie der Universität Hamburg und findet, lich Schwierigkeiten, sich einzulassen. BPtK-Präsi-
dass das Argument der teuren Ausbildung bisweilen dent Rainer Richter würde beide Patienten deshalb
überstrapaziert wird. „Klar ist die Ausbildung teuer vorzugsweise zu männlichen Kollegen schicken. „In
und anstrengend“, sagt er. „Aber man bekommt ja der Tat gibt es bestimmte Konstellationen oder Psy-

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 35


gerade junge Männer bei psychischen Beschwerden
Botschaft an den männ- bereitwilliger Psychotherapeuten auf – und gehen
lichen Nachwuchs: gern zu Männern. „Ich habe inzwischen siebzig bis
achtzig Prozent Männer in Therapie und nur noch
Psychotherapeut ist ein zwanzig Prozent Frauen“, sagt der Fürther Verhal-
tenstherapeut Wolfram Dorrmann. „Früher war das
spannender Beruf. Und Verhältnis umgekehrt. Wir brauchen also eine grö-
wenn man eine Praxis ßere Zahl männlicher Therapeuten.“ Deshalb prä-
sentiert sich Dorrmann mit seinen psychotherapeu-
hat, kann man auch gut tischen Kollegen vom IVS in Bamberg inzwischen
bei Berufsfindungsmessen und richtete letztes Jahr
davon leben sogar einen Boys’ Day zum Thema Psychotherapie
aus, wo Schüler die Gelegenheit hatten, Studierende
der Psychologie zu befragen und psychologische Tests
und Biofeedback auszuprobieren. Anschließend
konnten sie dann das Fußballstadion der Spielverei-
nigung Greuther Fürth besichtigten. „Wir werden
dies weiterhin tun, um den Jungs diesen Beruf nahe-
chodynamiken, wo man sagen würde, für diesen oder zubringen und erste Identifikationsmöglichkeiten zu
jenen Patienten wäre ein Mann besser“, erklärt der schaffen“, sagt Dorrmann. „Denn mittlerweile findet
Psychoanalytiker. „Das Problem ist, dass es – wenn die Selektion bei den psychologischen und medizi-
wir in den Bereich von weniger als 20 Prozent Män- nischen Studiengängen ja schon so früh statt, dass
nern in der Ausbildung zum Psychotherapeuten kom- die Jungen sich in der Schule anstrengen müssen, um
men – kaum noch diese Auswahlmöglichkeiten gibt.“ die Noten für den Numerus clausus zu schaffen. Wir
Doch was passiert, wenn sich die Lebenserfah- möchten ihnen zeigen, dass Psychotherapeut ein
rungen eines Großteils der Bevölkerung mit den So- spannender Beruf ist. Und wenn man erst mal eine
zialisierungen der Psychotherapeuten nicht mehr Praxis hat, kann man gut davon leben und eine Fa-
decken? Die Psychotherapeutenausbildung sei mitt- milie ernähren. Letzteres spielt ja in den Köpfen der
lerweile stark frauenzentriert, berichtet Mike Mösko: Jungen noch immer eine bedeutende Rolle.“
„Wir hatten nicht ein Seminar, wo es um männer- Dennoch unternimmt die Bundespsychothera-
spezifische Themen ging oder kulturelle Unterschie- peutenkammer keine konkreten Bemühungen, um
de, beispielsweise zwischen Mann und Frau. Ent- den Männermangel auszugleichen. Schließlich gibt
sprechend haben es Männer manchmal schwerer, es keine Nachwuchsprobleme, die Ausbildungsins-
einen Behandler zu finden, der Verständnis für män- titute sind nach wie vor in der Lage, ihre Kandidaten
nerspezifische Themen und Problematiken hat.“ auszuwählen. „Wir bemühen uns eher um die Ver-
Auch Rainer Richter fehlt in Seminaren manchmal besserung der wirtschaftlichen Situation der Ausbil-
die „männliche Situation“. Mösko, der am Institut dungsteilnehmer“, sagt Rainer Richter. „Wir fordern
für Medizinische Psychologie des Universitätsklini- vehement eine angemessene Vergütung der Praktika,
kums Hamburg die Arbeitsgruppe Psychosoziale höhere Honorare in den Praxen und eine bessere Po-
Migrationsforschung leitet, betrachtet die Entwick- sitionierung der Psychotherapeuten in der Klinik-
lungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt für hierarchie. Wenn das gelingt, dann kommen die
Psychotherapeuten also mit Skepsis. „Wenn nur noch Männer auch.“ Bis dahin haben die wenigen Männer,
junge, gutsituierte Frauen auf den Markt strömen, die sich auf eine Karriere als Psychotherapeut ein-
bilden sie eine Gesellschaftsschicht ab, die vielleicht lassen, zumindest einen Vorteil: Sie sind ein knappes
für zehn Prozent der Gesellschaft spricht“, findet er, Gut. Volle Praxen und lange Wartelisten sind ihnen
„wie soll da die psychotherapeutische Versorgung in garantiert. PH
der Mitte der Gesellschaft verankert sein?“
Männliche Psychotherapeuten werden inzwischen
überrannt von männlichen Patienten. Während der
Anteil männlicher Psychotherapeuten schrumpft,
steigt die Zahl von Männern, die sich behandeln las-
sen wollen: Seit dem Suizid von Robert Enke suchen

36 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


18. Februar
bis 5. April

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„7 Wochen Ohne“ – das heißt, die Routine zu unterbrechen und neue Perspektiven
auszuprobieren. Von der Shampooflasche bis zum Geräusch beim Schließen einer
Autotür wird heute alles designt, um zu gefallen. Und die ästhetische Perfektion gilt
längst auch für Menschen: kaum eine Körperzone, die sich nicht optimieren ließe.
Schluss damit! Wir laden Sie herzlich ein, aus vollem Herzen zu sagen: „Du bist
schön!“ – zum Menschen an Ihrer Seite wie auch zum eigenen Spiegelbild.

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„Ohne Musik würde der
Mensch einen Teil seiner
selbst verlieren“
Gäbe es die klassische Musik nicht mehr, die Gesellschaft wäre um
eine Kraftquelle ärmer. Gerade diese Musik gibt Trost und
Hoffnung in schwierigen Zeiten. Davon ist der Dirigent Kent Nagano
überzeugt. Berührungsängste hält er für unnötig: Klassische Musik
muss man nicht verstehen, um sie zu genießen
Herr Nagano, Musik kann uns ergreifen, anrühren, nichts ungeordnet erscheint, weil der Komponist
bewegen – woher hat sie diese Kraft? nichts dem Zufall überlässt, kann ein Gefühl der Ge-
Das ist das Geheimnis, das die Menschen seit der borgenheit in unser Leben bringen, eine Art menta-
Antike bis heute in den Bann der Musik zieht. Es gibt len Schutz, das Gefühl von Sinn und Ordnung in
viele wunderbare Erklärungen dafür: philosophische, einer Zeit, in der wir etwas nicht verstehen. Oder die
psychologische, neurowissenschaftliche. Sie alle tra- Klänge Olivier Messiaens, die so sphärisch sein kön-
gen dazu bei, dass wir dem Phänomen auf der Spur nen, so losgelöst von irdischen Dimensionen, dass
sind und der Sache hier näherkommen. Aber ob wir man für einen Augenblick meint, einen Blick hinter
dieses Geheimnis irgendwann ganz lüften, die Musik die Sterne zu erhaschen. Offenbar brauchen wir sol-
dahingehend entzaubern können, wage ich zu be- che Erfahrungen – gerade in schwierigen Lebensla-
zweifeln. Musik kann unsere Stimmung beeinflussen, gen. Sie geben uns Hoffnung, Kraft und die Mög-
sie ermöglicht uns Erfahrungen wie Trauer oder Freu- lichkeit, selbst in schier unerträglichen Situationen
de, ohne dass diesen Emotionen tatsächliche Ereig- zu träumen. Wie arm wären wir Menschen ohne
nisse vorangegangen sind – darin liegt ihre Macht. Träume!
Darüber nachzudenken ist fast so faszinierend wie In Ihrem Buch Erwarten Sie Wunder! finden Sie star-
das Musizieren oder Musikhören selbst. ke Worte für Ihren Traum. Es ist ein Plädoyer für die
Können Sie erklären, warum das so ist? unbedingte Präsenz der Künste im Leben eines je-
Wenn wir über Musik nachdenken, dann stellen wir den Einzelnen, unabhängig von Bildungsstand und
uns dabei immer auch Musik vor. Eine Sinfonie von Herkunft. Was ist das Versprechen der Musik?
Mozart, eine Oper von Verdi, vielleicht auch einen Musik hat viele Versprechen. Zwei will ich Ihnen nen-
Popsong. Die Vorstellung von Musik ist angenehm, nen. Es ist das Versprechen der Teilhabe – in Zeiten
manchmal sogar noch schöner, als wenn wir sie tat- einer individualisierten Gesellschaft, die vielerorts
sächlich hören. Das Gehirn kommt allein dadurch ihren Zusammenhalt verliert, ist das schon fast ein
in Hochform. Würde man seine Aktivität scannen, Modewort. Für eine musikalische Erfahrung braucht
könnte ein Neurowissenschaftler gar nicht genau sa- es im besten Fall drei Parteien: den Komponisten,
gen, ob tatsächlich Musik gespielt wurde oder sie nur der die Musik schreibt, die Musiker, die sie aufführen,
im Kopf stattfand. und die Hörer, die sie vernehmen. Die gespielte Mu-
Warum versetzen uns gerade ästhetische Erfahrun- sik ist für die Hörer zunächst nichts anderes als ein
gen in die Lage, die Wechselfälle des Lebens und die akustischer Reiz. Der aber wird in den Gehirnen ih-
immerfort damit verbundene Frage nach dem Wa- rer Rezipienten zu Musik verarbeitet. Die Hörer sind
rum leichter zu ertragen? also ganz wichtig für die Entstehung von Musik. Als
Künstler treffen in ihrer Kunst Aussagen über das Dirigent ist das deutlich spürbar, wenn die Musik,
Leben. Sie verhandeln die großen Themen, die uns die das Orchester gerade spielt, durch mich, den Di-
alle umtreiben: Geburt und Tod, Freude und Leid, rigenten, regelrecht hindurch zum Publikum fließt
Konflikte und Versöhnung, Intrige, Eifersucht, die
Hoffnung, grenzenlose Leidenschaft, die Liebe, im-
mer wieder auch das verzweifelte Hadern des Men-
schen mit seinem Schicksal oder – wenn Sie so wol-
len – mit Gott. Das geschieht in der Malerei oder
Kent Nagano, geboren 1951 in Ber- Berlin, bevor er 2006 Generalmu-
Bildhauerei genauso wie in der Literatur oder der
keley, USA, wuchs in Morro Bay auf, sikdirektor an der Bayerischen
Musik. Wenn man ein Bild anschaut oder malt, ein einem Fischerdorf an der kaliforni- Staatsoper München (bis Juli 2013)
Gedicht liest, Musik hört oder sie selbst spielt, dann schen Küste – ohne Fernsehen, Ki- sowie Music Director des Orchestre
no und Stereoanlage, dafür mit Kla- symphonique de Montréal wurde.
kann das ungemein tröstlich sein, weil wir spüren, vier und Klarinette. Er studierte Mu- Im September 2015 beginnt seine
dass wir mit unseren Sorgen und Nöten und dieser sik und Soziologie. Amtszeit als Generalmusikdirektor
und Chefdirigent der Hamburgi-
ewig währenden Frage nach dem Sinn unserer Exis- Nach ersten Erfolgen in den USA
schen Staatsoper.
wurde er 1988 als Music Director an
tenz nicht allein sind. die Opéra National de Lyon beru- Kent Nagano wurde mit zahlreichen
Warum ist immer dann ernste Musik im Spiel, wenn fen, wo er bis 1998 tätig war. Von Preisen ausgezeichnet, darunter
FOTOS: FELIX BROEDE

wir mit unerträglichen Lebenslagen, Schicksals- 1991 bis 2000 war er Music Director dem Grammy Award 2000 in der
des Hallé Orchestra in Manchester Sparte „Beste Operneinspielung“
schlägen und existenziellen Erlebnissen konfron- und wurde 2003 zum Music Direc- und dem Order of the Rising Sun –
tiert sind? tor der Los Angeles Opera ernannt. Gold Rays with Rosette (Japan
Von 2000 bis 2006 war er Chefdiri- 2008).
Genau aus diesem Grund. Die Musik von Bach zum gent und Künstlerischer Leiter des
Beispiel, diese perfekten Kompositionen, in denen Deutschen Symphonie-Orchesters

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 39


das Klassik-Business bezeichnen könnte, ist noch
immer der alte, als hätte sich die Welt in den vergan-
genen drei oder vier Jahrzehnten nicht radikal ge-
wandelt. Das ist eigentlich das Problem. Die Musik
wirkt mitunter wie aus der Zeit gefallen, manchmal
fast museal – jedenfalls so, wie sie vielfach aufgeführt
wird. Wir müssen sie wieder näher an die Lebens-
wirklichkeit der Menschen bringen und uns genau
überlegen, wie wir um neue Hörer werben und sie
davon überzeugen, dass diese großartigen Werke, die
vor zwei- oder dreihundert Jahren geschrieben wur-
den, mit ihrem Leben etwas zu tun haben. Sonst wird
die klassische Musik zu einer Liebhaberei bestimm-
ter Gesellschaftsschichten verkommen. Und das darf
nicht sein. Sie hat allen Menschen so viel zu sagen.
„Wenn Kinder und Jugendliche Der unausgesprochene gesellschaftliche Konsens
über die Bedeutung der klassischen Musik für die
keine Erfahrung mit klassischer Bildung bröckelt und scheint über Lippenbekennt-

Musik machen können, dann nisse kaum mehr hinauszukommen. Musikunterricht


spielt in der Grundschule kaum eine Rolle, in den
werden sie sich auch nicht PISA-Leistungsvergleichen kommen die Künste und
besonders Musik gar nicht vor. Wie beurteilen Sie
danach sehnen. Ohne diese Musik diese Entwicklung?

verliert der Mensch einen Teil Sie bereitet mir große Sorgen. Wir leben in einer Welt,
in der das Ökonomische alles überlagert, dieses per-
seiner selbst“ manente Kalkül von Einsatz und Erfolg, Anstrengung
und Nutzen, Investment und Return, Risiko und
Chance. Es ist so mächtig, dass sich Werte funda-
mental verschoben haben. An der PISA-Studie lässt
sich gut erkennen, wie sich diese Werte weltweit än-
und wir alle gemeinsam die gleiche Erfahrung ma- dern und unseren Kindern vorgelebt werden. Schnei-
chen. Sicher kennen Sie diese Momente äußerster det ein Land in Mathematik, Naturwissenschaften
Intensität im Konzertsaal, diese absolute Spannung und Leseverständnis gut ab, dann gilt das Bildungs-
und Wachsamkeit. system als ausgezeichnet. Allerdings liegt diesem Ur-
Hier kommt das zweite Versprechen ins Spiel: Im teil ein bornierter Bildungsbegriff als Messlatte zu-
Moment dieser Erfahrung sind alle Menschen gleich, grunde. Da fehlen die Fremdsprachen, die wir in ei-
sie befinden sich auf Augenhöhe, soziale Unterschie- ner globalisierten und doch so zerstrittenen Welt
de verschwinden, der millionenschwere Investment- dringend brauchen, damit wir andere nicht nur ober-
banker erlebt die Musik genauso wie jemand, der flächlich verstehen. Und es fehlen die Künste, die
vielleicht gerade seine Arbeit verloren hat. Es gibt unseren Geist öffnen, uns inspirieren und in die La-
nicht so viele Momente, in denen soziale Grenzen, ge versetzen, kreativ zu werden, Fragen zu stellen,
ethnische Herkunft oder Hautfarbe keine Rolle spie- die in Zukunft relevant werden können, anstatt dau-
len. ernd nur Antworten zu geben. Der Nutzen der Be-
Orchestersterben, alterndes Publikum, von Strei- schäftigung mit Musik ist allerdings nicht in Heller
chungen und Kürzungen ist schnell die Rede, wenn und Cent berechenbar. Deswegen hat die Musik es
es um die klassische Musik geht, weil sie angeblich so schwer. Aber es gibt ihn – ganz unbestritten. Nur
zu teuer oder nicht mehr zeitgemäß ist. Wie hat sich wissen wir nicht genau, in welcher Form und wann
die Welt der Klassik verändert? diese Musik ihre Kraft entfaltet. Wir sollten den Mut
Die Welt der Klassik hat sich zu wenig verändert. Sie haben, uns der Obsession dieses ökonomischen Kal-
ist geschrumpft: weniger Orchester, weniger Publi- küls ein Stück weit zu entledigen. Denn ohne Küns-
kum, weniger Menschen, die singen oder musizieren. te und ohne Musik würde der Mensch einen Teil
Aber der Betrieb, also das, was man gemeinhin als seiner selbst verlieren.

40 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Droht uns musikalischer Analphabetismus? Wie Musik wirkt darüber hinaus wie eine Droge, sie in-
könnte man gegensteuern? itiiert Vorstellungen und Erlebnisse, die all die che-
Davon sind wir nicht mehr allzu weit entfernt. Das mischen Reaktionen nach sich ziehen, welche uns
Gros der Kinder und vor allem der Jugendlichen heu- Wohlbefinden oder Stress verursachen. Konkret ge-
te wächst ohne klassische Musik auf. Sie wird noch sprochen: Wir hören eine Melodie, die plötzlich eine
nicht einmal gehört. Das ganze musikalische Erzie- ganz unerwartete Wendung hin ins Disharmonische
hungssystem liegt darnieder. Es müsste wieder le- nimmt. Das erstaunt uns oder ärgert uns vielleicht.
bendig gemacht werden. Wenn diese jungen Men- Emotionen entstehen. Wir hören weiterhin gespannt
schen keine Berührung mit der großartigen Musik zu und erwarten nun, dass uns der Komponist bald
haben, wenn sie gar nicht wissen, dass es sie gibt, von unserem Unwohlsein erlöst. Und tatsächlich –
dann werden sie sich danach auch nicht sehnen. Und da kommt der ersehnte Akkord, hell und strahlend,
ihre Kinder werden in 20 Jahren wiederum ohne klas- C-Dur, endlich, herrlich! Ah! Eine warme Dusche
sische Musik aufwachsen. Ist es fair, ihnen die tief- Dopamin ergießt sich in diesem Moment über das
greifenden Erfahrungen vorzuenthalten, die das Mu- Gehirn.
sizieren bereiten kann: den Spaß, die Entdeckung, Die Literatur, die Malerei und die Musik sind im Reich
den Stolz, auch die Kreativität und Erkenntnis, die der Vorstellungen zu Hause, nicht in der Realität.
daraus erwachsen? Woher haben die Künste die Macht, unsere Imagi-
Um gegenzusteuern brauchen wir eine gesell- nationskraft zu bilden, zu trainieren und Vorstellun-
schaftliche Rückbesinnung auf die Künste, gute Leh- gen davon zu entwickeln, wie wir eigentlich leben
rer und Menschen, die vor allem den jungen Leuten wollen?
ihre Passion für die Musik vorleben. Es ist doch im- Wenn man einen Roman liest, taucht man in eine
mer so: Der Glaube an eine Sache kommt auf zwei andere Welt, eine, die der Autor geschaffen hat. Dann
Beinen daher. Menschen können klug daherreden, vergleicht man sie mit der eigenen Realität, so wie
viel eindrucksvoller ist, wenn sie tatsächlich leben, das Gehirn es immer macht. Und schon passiert das,
was sie predigen. was für unser Überleben so unerlässlich ist: Wir ent-
Spricht Musik auch zu dem, der sie nicht versteht? wickeln Ideen, Wünsche. Wenn am Ende der 9. Sin-
Anders gefragt: Gibt es eigentlich unmusikalische fonie von Beethoven Schillers Ode an die Freude er-
Menschen? klingt, die eindrucksvollen Worte, so großartig ver-
Das mag der eine oder andere von sich behaupten, tont von Beethoven, dann wirkt das unmittelbar auf
aber es ist nicht wahr. Wir Menschen sind eine zu- unsere Vorstellung. Es ist die Vorstellung der großen
tiefst musikalische Spezies. Mit Musik und Bewegung Utopie, dass Friede einziehen möge, der alle Men-
fing alles an, nicht mit der Sprache. Musik spricht schen zu Brüdern macht. Eine Welt, die schon vor
zu allen. Manche ist leichter zugänglich als andere, 3000 Jahren König David besungen hat in seiner
der großartige Song Imagine von John Lennon viel- Sehnsucht nach Eintracht. Aber es geht auch abs-
leicht eher als eine Klaviersonate von Beethoven. trakter, wenn Musik in ihrer semantischen Unbe-
Klassische Musik ist komplex, aber das muss man stimmtheit in uns Vorstellungen wachruft.
alles nicht unbedingt sofort verstehen. Eine Bruckner- Was würde uns verlorengehen, wenn die klassische
Sinfonie kann Sie in eine andere Welt katapultieren, Musik verschwände?
ohne dass Sie begreifen, was dort geschieht. Mit zu- Die Gesellschaft würde um eine Kraftquelle ärmer,
nehmender Beschäftigung mit dieser Musik aber sie würde an Inspiration einbüßen, an Geist, an Witz.
wachsen das Verständnis und der Genuss, Sie werden Wir, diese musikalische Spezies, die wir nun einmal
ein Musikstück immer wieder anders und neu erle- sind, verlören ein bedeutendes Mittel der Kommu-
ben. Das ist die Klassik. Wenn Sie sich für sie ein nikation, denn Musik ist Kommunikation. Es gäbe
bisschen anstrengen, werden Sie nie enttäuscht. eine Möglichkeit weniger, etwas zu erfahren, das grö-
Was passiert im Gehirn, wenn Musik uns ergreift, ßer ist als man selbst. In unseren modernen Zeiten, Im Berlin-Verlag
bewegt und erfüllt? in denen der Mensch voll der Hybris des Machbar- erschien im Herbst
2014 das Buch:
Oh, eine ganze Menge. Das Faszinierendste ist, dass keitswahns verfallen ist, ist eine solche Erfahrung
Erwarten Sie
die Musik einer der wenigen Stimuli ist, die so gut unendlich wichtig. Und wenn Sie mich ganz persön- Wunder! Expect the
wie unser gesamtes Gehirn aktivieren. Wenn man lich fragen: Ich würde etwas verlieren, das Sie in Unexpected, das
Nagano zusammen
sich die Bilder der Gehirnaktivität anschaut, die nach Deutsch mit dem wunderbaren Begriff Heimat um-
mit der Journalistin
einem Scan entstanden sind, während der Proband schreiben. PH und Autorin Inge
Musik gehört hat, dann leuchtet fast jede Region. MIT KENT NAGANO SPRACH GERLINDE UNVERZAGT Kloepfer verfasst hat.

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 41


PSYCHOLOGIE NACH ZAHLEN

WOFÜR VÄTER
GUT SIND
5 WEGE, AUF DENEN SIE
DIE KINDESENTWICKLUNG FÖRDERN

1 BEFRUCHTUNG:
KRIEG IN
DER GEBÄRMUTTER
Der erste Grund, aus dem Väter wichtig
sind, hat allerdings wenig mit ihrem Er-
Fötus und Mutter erträglicher Kompro-
miss. Offenbar braucht das werdende Kind
sowohl die Gene des Vaters als auch die
der Mutter, um sich korrekt entwickeln
zu können.
ziehungsengagement zu tun: Sie sind un-
verzichtbar als Samenspender. Die zwei-
felhafte Utopie einer rein weiblichen
Menschheit ist mit der heutigen Gentech-
nik nicht zu verwirklichen. Der britische
Biologe Azim Surani erprobte Ende der
2 SCHWANGERSCHAFT:
VOM KÄMPFER
ZUM KÜMMERER
Während der Mutter-Kind-Symbiose vor
der Geburt müssen Väter mit der Zuschau-
1970er Jahre im Mausversuch eine Art errolle vorliebnehmen. Doch wie sich he-
Jungfernzeugung: Statt mit einem Sper- rausstellt, ist ihr indirekter Einfluss selbst
mium befruchtete er die Eizelle mit dem in dieser Zeit erheblich. Wie die Mütter
Erbgut einer anderen weiblichen Maus. stellen sich die Väter nicht nur gedanklich,
Theoretisch hätte sich daraus ein gesundes sondern auch hormonell auf die Eltern-

B
ereits etwa jeder dritte junge Vater Mäusekind entwickeln müssen. Tatsäch- schaft ein. Während der letzten Schwan-
in Deutschland nimmt Elternzeit lich aber wuchsen nichtlebensfähige Föten gerschaftsmonate wurde bei Männern
in Anspruch. Die meisten von ih- voller genetischer Defekte heran. Inzwi- sogar ein Anstieg des Stillhormons Pro-
nen bleiben zwar nur zwei Monate daheim, schen weiß man, woran das – auch bei uns laktin nachgewiesen. Gleichzeitig wird die
doch auch danach widmen diese Väter ih- Menschen – liegt: Schätzungsweise 100 Produktion des männlichen Kampf- und
ren Kindern vergleichsweise viel Zeit, wie der gut 20 000 menschlichen Gene haben Sexhormons Testosteron gedrosselt:
das Wissenschaftszentrum Berlin jüngst eine „genomische Prägung“. Sie tragen Wenn Väter erstmals ihr Kind im Arm
in einer Datenanalyse zweier großer Lang- eine Art Aufdruck: „Ich stamme vom Va- halten, ist ihr Testosteronspiegel um 33
zeitstudien zeigte. Doch kommt das vä- ter“ oder „von der Mutter“. Diese Gene Prozent gesunken. Der Kämpfer wird zum
terliche Engagement auch den Kindern verfolgen eine rigorose Interessenpolitik. Kümmerer. Das kommt der Vater-Kind-
zugute? Auf jeden Fall, meint Paul Rae- Die väterlichen Gene sorgen dafür, dass Bildung zugute. Forscher der Emory Uni-
burn. Väter, so erläutert der amerikanische dem Fötus – auf Kosten der Schwangeren versity wiesen 2013 nach, dass junge Väter
Wissenschaftsjournalist in seinem neuen – so viele Nährstoffe wie möglich zuge- den Nachwuchs umso intensiver bemut-
Buch, seien für deren Wohlergehen viel führt werden. Die mütterlichen Gene steu- tern, je weniger Testosteron durch ihre
wichtiger, als man lange vermutete – und ern dieser Ausbeutung gegen. Das Ergeb- Adern fließt. Die Partnerin ist bei dieser
zwar in jeder Entwicklungsphase. nis dieses „Gebärmutterkriegs“ ist ein für hormonellen Umstellung der Taktgeber:

42 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Das ultimative
Forscherinnen aus Neufundland beob-
achteten bei 34 angehenden Elternpaaren,
Mütter hingegen hatten keinen Effekt.
Mütter, so vermuten die Forscherinnen,
Buch zur
dass die Hormone der werdenden Eltern benutzen Redewendungen, mit denen ihr
während der Schwangerschaft im Gleich-
klang stiegen und fielen. Offensichtlich
Kind schon vertraut ist. Väter aber schöp-
fen aus dem Vollen. Überhaupt werden Midlife-Crisis
fühlen sich die beiden Partner in dieser Mütter vom Nachwuchs wohl eher als
Zeit besonders nah und verbunden. Kin- Quelle von Sicherheit wahrgenommen;
der von Vätern, die ihrer Partnerin wäh- den Vätern kommt die Rolle des Anima-
rend der Schwangerschaft beistehen, ha- teurs zu. Der Kanadier Daniel Paquette
ben ein höheres Geburtsgewicht und bes- beobachtete, dass Väter Spielobjekte oft
sere Überlebenschancen in den Monaten auf ungewöhnliche Weise benutzen und
danach. die Kinder damit kognitiv herausfordern.
Sie animieren sie auch, die Welt zu erkun-

3 BABYS:
DIE SPIELE
DER VÄTER
Als John Bowlby in den 1940er Jahren ent-
deckte, wie wichtig eine sichere Bindung
den. Kinder, deren Väter in den ersten
Jahren viel mit ihnen spielen, ihnen vor-
lesen und mit ihnen Ausflüge machen,
werden in der Grundschule seltener ver-
haltensauffällig und als Jugendliche sel-
für die kindliche Entwicklung ist, meinte tener delinquent.
er die Bindung zwischen Mutter und Kind.
Inzwischen weiß man, dass die Vaterbin-
dung ebenso zählt. Denn auch Väter kön-
nen bemuttern. Lässt man sie mit ihren
Babys allein, agieren sie ganz ähnlich wie
Mütter. Sie sprechen im Babytalk, schau-
5 TEENAGER:
AKZEPTANZ UND
SEXUELLE REIFE
Eltern wissen um die Aussichtslosigkeit,
Teenager zu erziehen. Dennoch bleiben
en dem Kind in die Augen, imitieren sei- die Eltern unverzichtbar – als emotiona-
nen Gesichtsausdruck, schwingen sich auf ler Rückhalt. Ronald Rohner analysierte € 12,99 [D]
den Takt von Mimik und Lauten ein. Beim 36 Studien über elterlichen Einfluss. Sein ISBN 978-3-466-34598-4
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Studium solcher nonverbaler Tänze stell- Fazit: Kinder, die sich von ihren Eltern
te die israelische Psychologin Ruth Feld- akzeptiert fühlen, sind selbständiger,
man fest: Das Ausdrucksspiel der Väter selbstbewusster und zuversichtlicher.
ist lebhafter als das der Mütter, mit plötz- Und: Väterliche Zurückweisung wirkt sich Das »beste Alter« ist eine Bezeich-
lichen Wechseln. Der Entwicklungspsy- noch schlimmer aus als mütterliche. Bei nung, die der Wirklichkeit spottet.
chologe Michael Lamb beobachtete, dass Mädchen hat die verlässliche Zuneigung Schließlich meint sie nichts anderes
Mütter und Väter mit ihren Kleinkindern des Vaters eine seltsame Langzeitwirkung: als die peinlichste Phase im Leben
in etwa gleich lang spielten. Doch die Vä- Sie kommen später in die Pubertät, suchen
des erwachsenen Menschen. Welche
ter tollten mehr herum, ihr Spiel war kör- nicht so früh den ersten Sex und werden
perbetonter. Den meisten Kindern gefiel seltener schon zu Schulzeiten schwanger.
Dramen – hormoneller und sozialer
das besser. Sarah Hill und Danielle DelPriore baten Art – sich im und rund um den
Frauen um die 20, eine Episode aus ihrem Mann in seiner zweiten Pubertät

4 KINDHEIT:
SPRECHENLERNEN
MIT PAPA
Frauen sind im Schnitt sprachbegabter als
Leben zu rekapitulieren, in der ihr Vater
ihnen entweder eine Stütze oder aber nicht
für sie da war. Beschworen sie das Erin-
nerungsbild des gleichgültigen Vaters he-
abspielen, das schildert Stand-up-
Kabarettist Mark Britton in wunder-
bar selbstironischer und herzzer-
reißend ehrlicher Manier. Er zeigt:
ILLUSTR ATION: STEFAN BACHMANN

Männer. Trotzdem sind Väter fürs Erler- rauf, sprachen sie sich anschließend eher
nen der Sprache wichtiger als Mütter. für schnellen Sex mit wechselnden Part- Die steile Etappe zwischen Teenager
Überraschendes Ergebnis einer großen nern aus. Sie verbanden Sexualität dann und Rentner ist höchstwahrschein-
US-Studie: Sechs Monate alte Kinder, de- nicht mehr so stark mit Liebe und Empa- lich doch bezwingbar.
ren Väter beim Geschichtenerzählen zum thie. THOMAS SAUM-ALDEHOFF

Bilderbuch aus einem großen Wortschatz


Paul Raeburns Buch Väter! Warum sie trotzdem
schöpften, waren ein und drei Jahre spä- wichtig sind erschien im November 2014 im Herder-
ter in ihrer Sprachentwicklung voraus. Die Verlag.

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 43


www.koesel.de
„Bitte rechts abbiegen“
oder Warum das Auto im Fluss landet
Immer mehr Aufgaben werden heute
von digitalen Helfern übernommen.
In vielerlei Hinsicht haben sie unser
Leben sicherer und leichter
gemacht. Doch die zunehmende
Automatisierung hat ihre Schat-
tenseiten. Autopiloten, Navis und
Diagnosehilfen lassen das Den-
ken und Handeln der Nutzer
nicht unberührt. Gravierende
Fehlleistungen können die
Folge sein
VON ANNETTE SCHÄFER

A
n einem Samstagabend
im Oktober 2013 fuhr ein
Hamburger seinen Kleinbus
über einen Bootssteg direkt in Schilder mit, weil er brav den
die Elbe. Der Fahrer war nicht Vorgaben des GPS-Geräts folgte, ohne auf die
etwa betrunken oder übermüdet. Weil ihm das Na- Warnschilder am Straßenrand zu achten. In Bonn
vigationssystem signalisiert hatte, geradeaus zu fah- gehorchte eine Frau der Aufforderung „bitte hier
ren, war er nicht nach links auf die Hauptverkehrs- rechts abbiegen“ an einem Bahnübergang zu wörtlich
straße abgebogen, sondern lenkte sein Fahrzeug ge- und fuhr geradewegs auf die Gleise, auf denen ein
radewegs in den Strom. Zum Glück konnten sich die Zug herannahte. Nicht immer gehen solche Vor-
beiden Insassen aus dem Fahrzeug befreien, bevor kommnisse glimpflich ab. In Niederbayern wurden
es im Wasser versank. fünf Menschen schwer verletzt, als sich ein Autofah-
Dies war ein besonders kurioses Navi-Malheur, rer auf Anweisung des veralteten Navis auf der linken
aber bei weitem kein Einzelfall. Im Allgäu nahm ein Spur einordnete, die aber mittlerweile dem Gegen-
Fahrer eine Brücke, eine Überführung und diverse verkehr gehörte – Frontalzusammenstoß.

44 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Navigationssysteme sind eine feine Sache. In un- ellen Flugbetrieb und wären in Krisensituationen
bekanntem Terrain lenken sie einen von A nach B, überfordert, warnte Ende 2013 die amerikanische
ohne dass man wegen schlechter Beschilderung oder Luftaufsichtsbehörde FAA. Eine 34-köpfige interna-
eingeschränktem Orientierungssinn in Stress gerät. tionale Expertenkommission hatte sieben Jahre lang
In vielen Fällen dürften sie das Fahren auch sicherer die Situation in den hochautomatisierten Cockpits
machen, weil man sich nicht mehr dazu hinreißen untersucht und beunruhigende Gepflogenheiten ent-
lässt, während des Steuerns auf eine Karte zu schau- deckt: Delegation von Verantwortung auf Autopilo-
en oder sich im ungünstigen Moment nach einem ten, blindes Vertrauen in die Technik, Zögerlichkeit,
Straßenschild umzudrehen. Aber die hilfreichen Ge- in automatische Abläufe einzugreifen. Mehrere
räte haben ihre Schattenseite. Sie verleiten dazu, nur schwere Flugunfälle der letzten Jahre werden darauf
noch auf die nette Stimme zu hören, anstatt sich auf zurückgeführt, dass an Automationssysteme ge-
die eigene Wahrnehmung und das eigene Urteil zu wöhnte Piloten kritische Situationen nicht überblick-
verlassen. Mehr noch: Dem ein oder anderen Auto- ten und die Kontrolle über die Maschinen verloren.
fahrer ist wohl schon der Verdacht gekommen, dass „Wir sind dabei zu vergessen, wie man fliegt“, so
er, auf sich allein gestellt, den Weg immer schlechter brachte es ein langjähriger United-Airlines-Pilot in
findet. Die Sorge scheint nicht ganz unbegründet zu einem Interview auf den Punkt.
sein. Die Inuitjäger in Kanada wurden lange für ih-
ren exzeptionellen Orientierungssinn in der Eiswüs- Die amerikanische Luftaufsichtsbehörde
te bewundert. In letzter Zeit aber ist es laut einem warnt: Viele Piloten zeigen Schwächen im
Artikel im Magazin Atlantic vermehrt zu schweren manuellen Flugbetrieb und sind in Krisen-
Unfällen gekommen, weil die Jäger durch den Dau- situationen überfordert
ereinsatz von GPS-Geräten das Gefühl für das Land Automationssysteme können in der Tat gefährlich
und seine Gefahren verloren haben. Kommt uns bald sein, bestätigt Dietrich Manzey, Professor für Ar-
allen die Fähigkeit, in fremdem Terrain zu navigie- beits-, Ingenieur- und Organisationspsychologie an
ren, abhanden? Und was ist mit anderen Tätigkeiten, der Technischen Universität Berlin. Gerade bei an-
die digitale Helfer heute übernehmen: vom Einpar- spruchsvollen Tätigkeiten, die spontan richtiges Re-
ken und der Rechtschreibkontrolle bis hin zu Anla- agieren und komplexe kognitive Prozesse erfordern,
geentscheidungen, Partnersuche, medizinischen Di- falle es dem Nutzer unter Umständen sehr schwer,
agnosen und Operationen? vom Automatik- auf Handbetrieb umzustellen. Ha-
Die zunehmende Automatisierung, bei all ihren ben wir es mit der Automatisierung in Gebieten wie
Vorzügen, könne die Leistungen und das Können der kommerziellen Fliegerei übertrieben? Das sei
der Nutzer erheblich in Mitleidenschaft ziehen, warnt schwer zu sagen, meint der Technikexperte: „Aber
der amerikanische Journalist und Autor Nicholas Grenzen sind sicher dann erreicht, wenn Systeme zu
Carr, von dem das Inuitbeispiel stammt. Nicht nur extensiv genutzt werden oder sie so komplex sind,
bei den Arktisbewohnern, argumentiert er, treten dass der menschliche Nutzer sie schwer überschauen
versteckte Kosten auf, wenn man Software & Co er- kann. In manchen Bereichen ist diese Schwelle ver-
laubt, im beruflichen und privaten Leben die Füh- mutlich überschritten.“
rung zu übernehmen. Habe der Einsatz eines dampf- Die Implikationen, meint Carr, gehen weit über
getriebenen Webstuhls den Weber von langweiligen Sicherheitsfragen hinaus. Weil Automatisierung ver-
Pflichten befreit und es ihm gestattet, sich mit an- ändert, wie wir handeln, wie wir lernen und was wir
spruchsvolleren Tätigkeiten zu befassen, übernehme wissen, beinhalte sie eine „ethische Dimension“, denn
heute oftmals der Computer die intellektuellen und „die Entscheidungen oder Nichtentscheidungen da-
komplexen Arbeiten, während dem Menschen als rüber, welche Aufgaben wir an Maschinen abgeben,
eine Art Hightechgehilfen die Dateneingabe und prägen unser Leben und unseren Platz in der Welt“.
Überwachung des Outputs bleibe. „Statt neue Grenz- Das sei kein neues Phänomen, räumt er ein, aber in
bereiche des Denkens und Handelns zu eröffnen, den letzten Jahren sei Automation allgegenwärtig
führt Software heute letztlich dazu, das menschliche geworden, auch wenn sie zunehmend im Verborge-
Blickfeld zu verengen.“ nen arbeite und deshalb nicht immer sichtbar sei.
Auch anderswo macht man sich Sorgen um die „Nach Bequemlichkeit, Schnelligkeit und Effizienz
unerwünschten Nebenwirkungen, die der zu selbst- suchend, wälzen wir hastig Tätigkeiten auf Compu-
verständliche Verlass auf technologischen Beistand ter ab, ohne darüber nachzudenken, was wir mögli-
erzeugt. Viele Piloten zeigten Schwächen im manu- cherweise dabei opfern.“

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 45


durch das ganze System, inklusive der Aufgaben,
Einstellungen, Wahrnehmungen und Fähigkeiten der
menschlichen Nutzer. Wissenschaftler haben meh-
rere Problembereiche identifiziert.

NACHLÄSSIGKEIT
Aufgaben an Maschinen abzugeben verleitet zur
Nachlässigkeit. Dies ist insbesondere fatal, wenn der
Nutzer das System eigentlich überwachen soll. An-
statt die Anzeigen und Kontrolllampen im Auge zu
behalten, mag ein Flugkapitän den Wetterbericht
abhören, eine Passagieransage machen oder auch mit
seinen Kollegen quatschen. Automation complacency,
so der englische Fachbegriff, kann dazu führen, dass
der Pilot davon ausgeht, alles sei „im grünen Bereich“,
während sich in Wahrheit eine kritische Situation
zusammenbraut. Achtsamkeit und Sorgfalt bleiben
besonders leicht auf der Strecke, so zeigen Experi-
mentalstudien, wenn der Nutzer neben dem Moni-
toring noch andere Aufgaben zu bewältigen hat. Das
Problem wird nicht nur für Unfälle im Flugverkehr,
sondern auch in der Schifffahrt und anderen Berei-
chen verantwortlich gemacht.

VERTRAUENSSELIGKEIT
Der Hamburger, der seinen Bus in die Elbe fuhr, zeig-
te das, was Psychologen automation bias nennen. Er
vertraute dem Navigationssystem blind, ohne selbst
die Augen aufzumachen. Die Versuchung, Informa-
tionen, die aus einem Computer kommen, eher als
der eigenen Wahrnehmung oder anderen Quellen
zu glauben, ist groß. Der Psychologe Eugenio Alber-
di, City University London, und Kollegen legten in
einem Experiment erfahrenen Radiologen Mammo-
grafieaufnahmen vor, von denen die Hälfte von Brust-
krebspatienten stammte. Eine Gruppe war bei der
Bewertung auf sich allein gestellt. Die andere konn-
Die Versuchung Man muss dieser etwas dramatisierenden Dar- te ein Computersystem zurate ziehen, das kritische
ist groß, den Infor- stellung nicht zustimmen. Aber Wissenschaftler be- Gewebestrukturen markierte. Allerdings war es so
mationen, die uns
das Navi oder der
fassen sich schon eine ganze Weile mit der Frage, programmiert, dass die Informationen teilweise feh-
Computer liefert, inwieweit die Delegation an Computer & Co zu Feh- lerhaft waren: Der Computer ließ manche auffälligen
eher zu trauen als lern und Leistungsabbau bei den Nutzern führt. Fest Stellen unmarkiert und warnte andererseits bei Auf-
der eigenen Wahr-
steht: Automatisierung lässt den Nutzer nicht unbe- nahmen, die gar keine Anzeichen für Tumore auf-
nehmung
rührt. Wer sich auf ein Navi oder ein klinisches Ent- wiesen. Die Ärzte ließen sich erkennbar von der un-
scheidungsunterstützungssystem verlässt, mag glau- zuverlässigen Hilfe beeinflussen und machten da-
ben, er gebe einfach eine Aufgabe an einen Automa- durch signifikant mehr Diagnosefehler als die Kon-
ten ab, aber ansonsten bleibe sein Denken und Han- trollgruppe, die selbständig diagnostizierte.
deln unverändert. Dies ist ein Trugschluss, den man Ebenso beunruhigend ist eine Studie mit Piloten,
in der Forschung Substitutionsmythos nennt. Wenn die in einem Flugsimulator einen Triebwerksbrand
man Automation an die Stelle menschlicher Aktivi- zu bewältigen hatten. Schlug eine automatische Ent-
tät setzt, erklären die Ingenieurwissenschaftlerin scheidungshilfe vor, den falschen, also nicht bren-
Nadine Sarter und Kollegen, transformiert man da- nenden Motor abzuschalten, folgten drei von vier

46 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Teilnehmern diesem Rat, ohne vorher andere ver- Sorge um einrostende Fertigkeiten scheint auch
fügbare Informationen zu überprüfen. Von den Pi- in anderen Bereichen angebracht. Britische Wissen-
loten, die mit einer traditionellen Papiercheckliste schaftler fanden Hinweise darauf, dass der häufige
gearbeitet hatten, machte dagegen nur jeder Vierte Gebrauch digitaler Rechtschreibhilfen die orthogra-
diesen fatalen Fehler. fischen Kenntnisse der Nutzer unterminiert. So
konnten von 2000 befragten Erwachsenen nur 21
SITUATIONSBEWUSSTSEIN Prozent fünf häufige Wörter richtig buchstabieren;
Viele Automationssysteme lassen den Nutzer mehr in der Altersgruppe der Studenten lag die Quote so-
oder weniger außen vor. Das erschwert es ihm, sich gar nur bei 13 Prozent. Auch für den von der FAA
ein umfassendes Bild von der Situation zu machen – beklagten Rückgang der Flugfähigkeiten gibt es wis-
und wenn das System ausfällt, schnell und angemes- senschaftliche Belege. Für seine Doktorarbeit lud der
sen zu reagieren. In einem Experiment sollten Teil- britische Ingenieurwissenschaftler Matthew Ebbat-
nehmer während einer simulierten Autofahrt ver- son 66 Piloten, die im Alltag hochautomatisierte Pas-
schiedene Entscheidungen treffen. Beispielsweise sagierflugzeuge fliegen, zu einem Experiment im
mussten sie am Stadtrand eine von drei Routen wäh- Flugsimulator ein. Ihre Aufgabe: typische Manöver
len, um möglichst schnell, aber mit einem begrenz- wie das Durchstarten oder eine Landung anhand
ten Benzinverbrauch an ein Ziel zu gelangen. Dabei von Instrumentendaten durchzuführen. Mehr als ein
hatten sie keine oder unterschiedlich umfangreiche Fünftel der Piloten zeigte schwache Leistungen. Sie
Hilfe durch ein computergestütztes Expertensystem. brachten die virtuellen Flieger zwar nicht gerade zum
Eine Gruppe entschied völlig allein; eine zweite er- Absturz, ihre Fertigkeiten lagen aber zum Teil deut-
hielt für alle Optionen Erfolgswahrscheinlichkeiten; lich unter dem, was Fluggesellschaften von ihren Ka-
der dritten Gruppe schlug das Programm die wahr- pitänen erwarten. Interessanterweise hatte weder die
scheinlich erfolgreichste Route vor; bei der vierten Gesamtzahl an Flugstunden, die ein Pilot vorweisen
wählte es den besten Weg aus, aber die Teilnehmer konnte, noch die spezifische Erfahrung auf einem
konnten widersprechen, und bei der fünften ent- bestimmten Flugzeugtyp einen großen Einfluss auf
schied das System allein. Dann gab es einen techni- seine Leistung. Was zählte, war vielmehr, wie viele
schen Defekt, und für weitere zwei Entscheidungen Stunden er in den Wochen unmittelbar vor dem Ex-
waren alle Teilnehmer auf sich allein gestellt. Prompt periment manuell geflogen war.
brauchten die Teilnehmer, denen das System die Ent- Der Beobachterstatus könnte eine weitere unge-
scheidungen bislang völlig abgenommen hatte, nun wollte Nebenwirkung haben: In der Psychologie weiß
viel länger als die „manuelle“ Gruppe (die anderen man seit langem, dass sich Wissen und Expertise am
lagen dazwischen). Fragen am Ende des Experimen- besten aufbauen, wenn man sich aktiv mit dem Lern-
tes zeigten: Die „vollautomatische“ Gruppe hatte die material befasst. Was aber passiert, wenn einem ein
Lage am wenigsten durchdrungen, während das Si- digitaler Helfer einen Teil des Denkens abnimmt? In
tuationsbewusstsein bei den „hilflosen“ Teilnehmern einer niederländischen Studie sollten Teilnehmer ei-
am höchsten ausgeprägt war. nen Konferenztag planen: Es galt, eine Liste von Re-
ferenten drei verschiedenen Räumen zuzuweisen und
QUALIFIKATIONSVERLUST dabei verschiedene Vorgaben wie Dauer des Automation macht
Automation macht aus Akteuren Be- Vortrages und erwartete Zuhörerzahl zu be- aus uns Beobach-
ter – und das kann
obachter – und das kann das eige- achten. Eine Gruppe von Probanden unser Können
ne Können schwächen. „Fähigkei- konnte sich dabei auf unterstüt- schwächen. Denn
ten lassen leider nach, wenn sie nicht zende Software stützen. Klickten Fähigkeiten lassen
nach, wenn sie
benutzt werden“, warnte die Psycho- sie auf den Namen eines Referen-
nicht benutzt
login Lisanne Bainbridge bereits im Jahr ten, zeigte sie alle noch freien Zeit- werden
1983. Sie bezog das auf ursprünglich er- fenster an, die die Vorga-
fahrene Maschinisten, die durch den ben erfüllten. Die ande-
Einsatz von automatisierten Systemen re Gruppe arbeitete mit
das Gefühl für die Feinsteuerung verloren einem rudimentären
hatten. Wenn sie in einem Gefahrenmoment Programm und musste
die Prozesssteuerung übernehmen müssen, wür- die Restriktionen selbst
den sie unter Umständen nun länger brauchen, um im Auge behalten. Die grö-
das System zu stabilisieren. ßere mentale Anstrengung

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 47


war kein Nachteil, ganz im Gegenteil. Die „Selbst- ten offene Fragen schnell beantwortet werden. Er
planer“ brauchten zwar länger, um nach jeder Zu- denkt beispielsweise an neue Entwicklungen wie
ordnung über den nächsten Schritt zu entscheiden, selbststeuernde Autos. Wie wird diese Technologie
doch weil sie tiefer nachdachten, leisteten sie sich die Fahrkunst der Nutzer beeinflussen? Wären die
weniger Fehlversuche, sodass sie insgesamt nicht Fahrer noch in der Lage, traditionelle Fahrzeuge zu
mehr Zeit benötigten. Mehr noch: In einem Test nach lenken, oder müsste man ihre Fahrerlaubnis be-
dem Experiment konnten sie kundiger über mögliche schränken? Und was passiert, wenn der Autopilot
Konfliktsituationen im Planungsprozess Auskunft dem Fahrer in einem Gefahrenmoment signalisiert:
geben. In einem anderen Experiment, in dem Teil- „Bitte übernehmen Sie.“?
nehmer ein logisches Problem zu lösen hatten, waren Vieles ist also noch ungeklärt, wenn es um den
jene, die mit weniger Computerhilfe auskommen Einfluss von Automation auf das menschliche Den-
mussten, auch noch nach acht Monaten wissensmä- ken und Handeln geht. Aber sicher ist, dass die De-
ßig überlegen und konnten die gelernten Erkennt- legation an Maschinen nicht nur Vorteile, sondern
Lassen uns Computer nisse zudem besser auf ähnliche Problemstellungen auch Schattenseiten hat. Dennoch sind Schreckens-
& Co verdummen?
übertragen. szenarien à la „Wir automatisieren uns zu Tode“ oder
Noch ist die Antwort
auf diese Frage Automation scheint Lernprozesse zu behindern. „Computer & Co lassen uns verdummen“ verfehlt.
offen. Doch sicher ist Das Ausmaß des Problems ist allerdings noch offen. Denn wir können den digitalen Helfern persönliche
schon jetzt: Wir „Es gibt noch viel zu wenig Forschung“, beklagt der Grenzen setzen. „Wenn man das Navi immer und
sollten nicht zu viele
Aufgaben an Maschi-
Psychologe Manzey, „wie Automatisierung auf den ständig benutzt, dann macht man sich auf Dauer
nen delegieren Wissenserwerb und das Können wirkt.“ Dabei müss- hilflos“, meint Automationsforscher Manzey. „Mich
persönlich würde das stören. Ich mag Abhängigkei-
ten nicht.“ Die Vorstellung, komplett auf Maschinen
angewiesen zu sein, auch bei Dingen, die man eigent-
lich selbst bewältigen könnte, empfindet er als Ver-
armung. „Das widerstrebt mir.“ Solche Abhängig-
keiten grundsätzlich auszuschalten sei aber wahr-
scheinlich nicht möglich, räumt er ein: „Man muss
im Einzelfall entscheiden. Eine allgemeine Antwort
gibt es nicht.“ PH

LITERATUR
L. Onnasch u.a.: Human performance consequences of stages
and levels of automation: An integrated meta-analysis. Human
Factors, 56, 3/2014, 476–488
N. Carr: The great forgetting. The Atlantic, November 2013, 77–81
C. Thompson: Smarter than you think. How technology is chan-
ging our minds for the better. Penguin, New York 2013
D. Manzey: Automation in surgery: The impact of navigated-
control assistance on performance, workload, situation aware-
ness, and acquisition of surgical skills. Human Factors, 53, 6/2011,
584–599
M. Ebbatson: The loss of manual flying skills in pilots of highly
automated airliners. Doktorarbeit, Cranfield University, Bedford
(UK) 2009
C. Van Nimwegen u.a.: The paradox of the assisted user: Guidance
can be counterproductive. Proceedings of the SIGCHI Confe-
rence on Human Factors in Computing Systems 2006, ACM,
917–926
N. Sarter: Automation surprises. G. Salvendy (Hg.): Handbook
of Human Factors & Ergonomics, 2. Auflage. Wiley, Hoboken
1997
L. Bainbridge: Ironies of automation. Automatica, 19, 6/1983,
775–779

48 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


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THOMAS SAUM-ALDEHOFF

Bin ich zu dick?


Kommt auf den
Vergleich an! –
Nehmen es die
Leute um einen
herum mit den
Pfunden auch
nicht so genau,
fühlt man sich
gleich wohler
in seiner Haut

Dick unter Dicken


Übergewichtige Menschen sind oft unzufrieden mit Die Übergewichtigen sind deutlich unzufriedener.
ihrem Leben. Doch weniger ihr Übergewicht selbst Diese Kluft schließt sich jedoch zum größten Teil,
drückt auf ihre Stimmung, sondern die Tatsache, sobald die Wohlbeleibten in einen Landstrich über-
dass die meisten Leute um sie herum schlanker sind. siedeln, in dem sie nicht mehr so deutlich in der Min-
Die Soziologen Philip Pendergast und Tim Wads- derheit sind. Generell, so Pendergast, „zahlen Frau-
worth von der University of Colorado analysierten en einen höheren emotionalen Preis dafür, überge-
einen Datensatz von 1,3 Millionen Einwohnern quer wichtig zu sein“, doch von dem lindernden Effekt,
durch die USA. Verblüffendes Ergebnis: In Regionen, Schicksalsgenossinnen um sich zu haben, profitieren
in denen die Fettleibigkeit besonders verbreitet ist, sie genauso wie die Männer. „Dies illustriert die Be-
haben dicke Frauen eine nur wenig geringere Lebens- deutung, so auszusehen wie die Menschen um einen
zufriedenheit als schlanke Frauen. Und dicke Män- herum, wenn es um die Zufriedenheit mit dem ei-
ner sind dort praktisch genauso zufrieden wie dün- genen Leben geht.“
ne. In Gegenden, in denen Übergewicht eher selten
ist, klafft hingegen bei beiden Geschlechtern eine
tiefe Kluft zwischen dicken und dünnen Bewohnern: DOI: 10.1177/0022146514533347

52 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Rausch war immer Helles, blau angereichertes
Rauschrituale sind wohl so alt wie die menschliche Licht vor und während
Zivilisation. Um mehr darüber zu erfahren, von wem
und in welchem Kontext im prähistorischen Europa des Abendessens dämpft
Drogen konsumiert wurden, begab sich die spanische
Anthropologin Elisa Guerra-Doce auf Spurensuche. nicht nur die Schläfrig-
In einer systematischen Übersicht dokumentiert sie
archäologische Funde, die den Genuss bewusstseins- keit, sondern steigert
verändernder Substanzen bezeugen: Gefäße, die
Rückstände berauschender Blätter, Früchte, Samen
auch den Appetit und verändert den
oder alkoholischer Getränke enthielten; Knochen-
fragmente, die auf den Verzehr psychoaktiver Alka-
Glukose-Stoffwechsel. Der Effekt setzt
loide schließen lassen oder künstlerische Darstellun- etwa 15 Minuten nach Einschalten des
gen von Drogengewächsen und Rauschritualen. So
fand man etwa bei einer Inspektion der sterblichen Lichts ein, wie Forscher der Northwes-
Überreste eines Mannes aus dem jungsteinzeitlichen
Spanien Rückstände von opiumhaltigen Schlaf- tern University in einem Pilotversuch
mohnkörnern zwischen den Zähnen. In Rumänien
wurden Schüsseln ausgegraben, die verkohlte Can- mit zehn Probanden entdeckten.
nabissamen enthielten. Und in den italienischen Al-
Sleep, 37, 2014 (Supplement), Abstract 0114
pen wurden Kritzeleien entdeckt, die den zeremoni-
ellen Genuss halluzinogener Pilze veranschaulichen.
Elisa Guerra-Doce glaubt nicht, dass solche Funde
von hedonistischen Gelagen nach Art eines prähis-
torischen Oktoberfestes künden. Sie hatten wohl eher
eine sakrale Bedeutung. Viele der Artefakte fand man
in den aufwendig ausgestatteten Gräbern hochge-
stellter Persönlichkeiten oder an elitären Feierstätten.
Allem Anschein nach, so die Anthropologin, sei der
Drogenverzehr sozial kontrolliert worden und einer

10Y
privilegierten Schicht vorbehalten gewesen.
DOI: 10.1007/s10816-014-9205-z

Hatte am Ende auch


die „Venus von
Laussel“, vor 25000
Jahren im Kalkstein
der Dordogne ver-
ewigt, Berauschendes
in ihrem Trinkhorn? %
der Haustierhalter fühlen sich von ihren
vierbeinigen Mitbewohnern im Schlaf
gestört – so eine Befragung an der Mayo
Clinic in Arizona. Dieser Anteil hat sich
seit der letzten Umfrage im Jahr 2002
verzehnfacht, was wohl der inflationären
Anschaffung von Hunden und Katzen
geschuldet ist. Geklagt wurde etwa über
schnarchende, winselnde, umherstreunende
oder harndranggeplagte Lieblinge.

Sleep, 37, 2014 (Supplement), Abstract 0844

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 53


Menschen, die in
ihrem Leben Ziele
ansteuern, statt sich
treiben zu lassen,
haben bessere
Chancen, alt zu
werden

Lohn der Zielstrebigkeit


„Bei nächster Gelegenheit will ich für die Firma nach pen erstreckte. Bisher war nur bekannt, dass Men-
Singapur wechseln.“ „Sobald ich Rentnerin bin, wer- schen im Rentenalter davon profitieren, ihre langen
de ich den Rheinsteig in Angriff nehmen.“ Sind Sie Tage mithilfe von Zielen und Plänen zu strukturie-
ein Mensch, der sich im Leben ständig Ziele setzt, ren. Für alte Leute hat sich noch ein weiterer Faktor
nicht nur an Silvester? Dann haben Sie keine schlech- in vielen Studien – auch der von Hill und Turiano –
ten Chancen, alt zu werden. Der Kanadier Patrick als lebensverlängernd erwiesen: wenn man Menschen
Hill und der Amerikaner Nicholas Turiano haben um sich hat, denen man sich anvertrauen kann.
die Daten einer Langzeitstudie (MIDUS) analysiert, Dabei sind Freundinnen und Freunde der Gesund-
an der mehr als 6000 Frauen und Männer teilgenom- heit förderlicher als Verwandte, wie drei US-Forsche-
men hatten. Nach 14 Jahren waren 569 der Teilneh- rinnen um Jamila Bookwala unlängst in einer wei-
mer gestorben. Die Forscher ermittelten nun, dass teren Langzeitstudie feststellten. Sie begleiteten 747
jene Probanden bessere Überlebenschancen hatten, Personen, vorwiegend ältere Frauen, zwölf Jahre lang
die im Fragebogen eine hohe Zielstrebigkeit in ihrem und begutachteten ihren Gesundheitszustand. So-
Leben hatten erkennen lassen. Typisch für sie war zialer Rückhalt erwies sich generell als förderlich –
etwa die Aussage: „Manche Menschen streifen ja ziel- aber am besten war es, wenn diese Unterstützung
los durchs Leben, aber ich bin keiner von ihnen.“ In von Nichtverwandten kam. Bookwala erklärt das
künftigen Studien wollen Hill und Turiano nun er- damit, dass Freundschaften unkompliziert, da frei-
mitteln, ob aktive Menschen einen gesunden Lebens- willig sind. Verwandtschaftsbeziehungen hingegen
stil praktizieren und deshalb gesundheitlich besser seien von Pflichtgefühlen durchsetzt und deshalb
in Schuss sind. Plausibel wäre etwa, dass sie sich mehr emotional ambivalent: „Man fühlt sich dem anderen
bewegen und ihr Tagwerk rhythmischer angehen. gleichzeitig nah und von ihm belästigt.“
Jedenfalls stellten die beiden Forscher zu ihrer
Überraschung fest, dass sich der schützende Effekt
eines zielgerichteten Lebens auf sämtliche Altersgrup- DOI: 10.1177/0956797614531799, DOI: 10.1037/hea0000049

54 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Psychischer Stress setzt bei Männern die
ALSO
SPRACH
Fruchtbarkeit herab. Eine US-Studie mit ÄSKULAP
193 Männern mittleren Alters ergab:
Bei Teilnehmern, die stressige Lebensereig-
„Selbst Sokrates würde
nisse zu verkraften hatten oder sich subjektiv durch einen Schlaganfall
oder einen Gehirnschaden
gestresst fühlten, war die Samenkonzentrati- zum Idioten werden, meinte
Montaigne, und bisse ihn ein
on im Ejakulat herabgesetzt. Die vorhande- tollwütiger Hund, würde er
nur noch Unsinn faseln, ‚da
nen Spermien waren zudem oft missgestaltet Gift alle Philosophie, sobald
eingekörpert, in rasenden
und nicht in der Lage, ein Ei zu befruchten. Irrsinn zu treiben vermag‘.“

DOI: 10.1016/j.fertnstert.2014.04.021 Sarah Bakewell in ihrer Montaigne-Biografie


Wie soll ich leben? (Verlag C.H. Beck)

Der ideale V-Mann


Über weibliche Schönheit wird seit Jahrtausenden räsoniert. Vor al-
lem die sogenannte Sanduhrsilhouette wirkt auf Männer anziehend.
Aber auch Frauen finden Männer von einer bestimmten Statur at-
traktiver. Das Verhältnis von Hüft- zu Brustkorbumfang, die waist-
to-chest ratio (WCR), sollte dabei eher niedrig sein. Ideal ist ein Wert
von 0,7, um verlockend rüberzukommen. Das heißt: Über einer schma-
len Männerhüfte erhebt sich ein eher breiter Brustkorb.
Aber warum finden Frauen das eigentlich so attraktiv? Den Ur-
sachen für diese Vorliebe sind nun Verhaltensforscher der Anderson
University um Anthony E. Coy nachgegangen. Um herauszufinden,
was Frauen mit diesem Figurtyp assoziieren, ließen sie 151 Proban-
dinnen 15 verschiedene Avatare auf der Basis von 3D-Körperscans
beurteilen. Dabei zeigte sich, dass Männer mit einer niedrigen WCR
– sprich: einer V-Form zwischen Brustkorb und Hüfte – als körper-
lich dominanter und sportlich fitter eingeschätzt wurden.
Zum anderen trauten die Betrachterinnen Männern mit dieser
Figur eher zu, den Nachwuchs und die Familie zu beschützen. Finden
Frauen diese drei Faktoren in einem Mann vereint, erhöht sich nicht
nur seine kurzfristige sexuelle Attraktivität. „Es lässt Männer auch
für eine längerfristige Beziehung und ganz generell attraktiver er-
scheinen“, erklärt Coy. Solche Forschung sei keineswegs nur Selbst-
zweck, ist er überzeugt: Das genauere Verständnis solcher Attrakti-
vitätswahrnehmungen helfe nicht nur, weibliche Vorlieben bei der
Partnerwahl zu verstehen, sondern auch die Motive von Männern,
ihr Körperbild zu manipulieren. EVA TENZER

DOI: 10.1016/j.bodyim.2014.04.003

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 55


Durchzechte Nächte
Sind Sie ein Nachtschwärmer? Stehen Sie in der Woche früh auf und schla-
fen am Wochenende immer richtig lang aus? Oder haben Sie generell eher
Probleme mit dem Schlaf? Dann sind Sie womöglich auch suchtgefährdet.
In einer Übersichtsarbeit trugen Mediziner der University of Pittburgh
Hinweise darauf zusammen, dass ein gestörter Tagesrhythmus eng mit
dem Konsum von Drogen oder Alkohol zusammenhängt. Experimente
zeigen, dass Suchtkranke deutlich später ins Bett gehen, in Schichten ar-
beiten oder Schlafstörungen haben. Auch in umgekehrter Richtung besteht
eine Verbindung: Ein gestörter Rhythmus steigert das Risiko für Subs-
tanzmissbrauch und -abhängigkeit. Viel davon wird den Forschern zufol-
ge über unsere Gene entschieden. Einige, die den Schlaf-Wach-Rhythmus
regulieren, stehen zugleich im Verdacht, das Risiko für eine Suchterkran-
kung zu erhöhen. Gleichzeitig verändern sich Abläufe für Schlafen und
Wachen im Körper, wenn jemand übermäßig Drogen zu sich nimmt – oft
langanhaltend. Manche Alkoholiker können auch nach Jahren der Absti-
nenz nicht gut schlafen. Das Rückfallrisiko ist dann erhöht.
JANA HAUSCHILD

DOI: 10.1037/a0036268

„Om“ oder „Nein“ sagen.


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56 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015
Der
perfekte Tag
INFOGRAFIK: CHRISTIAN BARTHOLD

Zusammen Sangria trinken, im Zoo die Tiere füttern, ins Kino und dann zu zweit heim – das
war der von Lou Reed besungene perfect day. Wie sieht für Sie ein gelungener Tag aus? Einer,
der Ihnen am Ende des Tages ein maximales Wohlbefinden beschert? Christian Kroll (Bremen)
und Sebastian Pokutta (Atlanta) haben 909 Frauen gefragt, wie ein perfekter 16-Stunden-Tag
verlaufen sollte – und wie die Realität aussieht. Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit
ist manchmal erstaunlich groß.

Wer’s ganz genau wissen will: http://dx.doi.org/10.1016/j.joep.2012.09.015

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 57


Der letzte Biss
„Das erste Mal ist immer am schönsten“, sagt man, und das
trifft auch aufs Essen zu: Der erste Biss von einer leckeren Spei-
se ist gemeinhin der schmackhafteste. Doch wenn das Mahl
voranschreitet, fällt jeder weitere Happen gegenüber dem vor-
hergehenden ein wenig ab – jedenfalls bei Nahrungsmitteln von
gleichförmigem Geschmack ist das so, zum Beispiel bei Keksen.
Drei Geschmacksrichtungen einer populären Keksmarke ließen
Emily Garbinsky von der Universität Stanford und ihre Mitfor-
scherinnen die studentischen Teilnehmer ihres Experiments
kosten. Dabei variierten sie die Portionsgrößen von 3 bis 15
Crackern. Nach jedem Happen notierten die Probanden, wie
gut er ihnen gemundet hatte. Die Konsequenz: Je mehr Kekse
Leidenschaft der Eulen sie verdrückt hatten, desto weniger euphorisch fiel ihr letztes
Geschmacksurteil aus – wahrhaftig ein „Sättigungseffekt“. Dies
„Eulen“ und „Lerchen“ unterscheiden sich nicht nur wiederum prägte den Gesamteindruck, denn wie sich heraus-
in ihrem Biorhythmus. Menschen, die gern die Nacht stellte, blieb den Teilnehmern nicht das erfreuliche Geschmacks-
zum Tage machen, haben ein wilderes Temperament erlebnis beim Verzehr des ersten Kekses im Gedächtnis, sondern
als Frühaufsteher. Das gilt für beide Geschlechter, der vergleichsweise fade Geschmack des letzten. Als man ihnen
wie Dario Maestripieri und sein Team an der Uni- als Dankeschön für die Teilnahme eine Packung zum Mitneh-
versity of Chicago in einer Studie mit mehr als 500 men anbot, zögerten die Probanden umso länger, je mehr Kek-
Studentinnen und Studenten feststellten. Während se sie zuvor verzehrt hatten. „Große Portionsgrößen könnten
die Lerchen unter den Teilnehmern häufig mit einem also für die Lebensmittelfirmen etwas abträglich sein, denn sie
festen Partner liiert waren, neigten die Nachteulen vergrößern die Zeitspanne bis zum nächsten Konsum“, meint
zu kurzfristigen, häufig wechselnden Beziehungen. Emily Garbinsky. Und für uns Verbraucher gilt: Gerade von
Die männlichen Nachtschwärmer berichteten sogar gesunden Nahrungsmitteln, die uns schmecken, sollten wir lie-
über doppelt so viele Sexualpartner wie ihre früh ber viele kleine statt wenige große Portionen vertilgen – dann
aufstehenden Geschlechtsgenossen. werden sie uns nicht über.
Maestripieri erklärt das aus einer evolutionären DOI: 10.1177/0956797614534268
Perspektive. Nachtschwärmen habe sich bei unseren
Vorfahren womöglich als erfolgversprechende Stra-
tegie beim Partnerwerben erwiesen: Wer in den spä-
ten Abendstunden noch aktiv war, traf bei der La-
gerfeuerparty vor der Höhle auf Gleichgesinnte, die
zu dieser Zeit nicht mehr mit Arbeit und Kinderhü-
ten okkupiert und daher zugänglicher waren.
Zumindest die Frauen unter den Eulen scheinen
aber nicht nur in den Abendstunden stärker unter
Strom zu stehen. Während Männer insgesamt höhe-
re Mengen des Aufputschhormons Kortisol in ihren
Adern haben, stießen die Forscher im Speichel der
Nachteulenfrauen auf ähnlich hohe Kortisolkonzen-
trationen wie bei den Männern. Menschen mit einem
hohen Kortisollevel rund um die Uhr haben laut Ma-
estripieri einen beschleunigten Stoffwechsel und sind
aktiver. Frühere Studien haben zudem ergeben, dass
Eulen zu riskanteren Verhaltensweisen neigen als
Lerchen.
www.epjournal.net/wp-content/uploads/EP1201130147.pdf

58 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


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60 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015
Keine Angst vor
den trüben Tagen!
Für manche Menschen beginnt im Winter eine besonders
schwierige Zeit – sie leiden unter der Winterdepression.
Was sie tun können, um sich auch in der dunklen Jahreszeit wohl-
zufühlen, erklärt der Mediziner Hubertus Himmerich

Herr Himmerich, in Ihrem Buch warnen Sie davor, die se Veränderungen werden durch die häufigeren In-
Winterdepression und den Winterblues allzu stark fektionskrankheiten im Winter und durch die Wir-
zu psychologisiere und raten dazu, eher die biologi- kung des Melatonins auf die Immunzellen bewirkt.
schen und biochemischen Vorgänge für Diagnose Erkältungen haben einen Einfluss auf die Entstehung
und Therapie in Betracht zu ziehen. Welche sind das? einer Winterdepression.
Die biologische Hauptursache für den Winterblues Wie ist das zu erklären?
und die Winterdepression ist Lichtmangel. In unse- Das Immunsystem arbeitet – wie auch das Nerven-
ren Breiten bekommen wir im Winter weniger Licht, system – mit Botenstoffen. Die Botenstoffe des Im-
weil die Tage kürzer sind und die Intensität des Son- Hubertus Himmerich munsystems heißen Zytokine. Diese wirken nicht
nenlichtes geringer ist als im Sommer. Unser Körper ist Professor für nur auf andere Immunzellen, sondern auch auf das
Neurobiologie und
empfängt das Sonnenlicht über das Auge und die Oberarzt an der Kli-
Gehirn. Bestimmte Zytokine werden ausgeschüttet,
Haut. Wenn Licht auf die Netzhaut trifft, gelangen nik für Psychiatrie wenn die körpereigene Immunabwehr bei Erkältun-
von dort Informationen zur Zirbeldrüse, wo das und Psychotherapie gen und Entzündungen aktiv werden soll. Sie sind
der Universität Leip-
Schlafhormon Melatonin synthetisiert wird. Licht zig. Er befasst sich
dafür verantwortlich, dass man sich schon im Vorfeld
unterdrückt die Melatoninproduktion. Ein Mangel unter anderem mit einer Erkältung abgeschlagen und müde fühlt, ob-
an Licht lässt den Spiegel dieses Schlafhormons stei- der Entstehung von wohl die Krankheit noch gar nicht ausgebrochen ist.
Depressionen sowie
gen. Das führt in der Nacht dazu, dass wir gut schla- Die Aktivierung der Zytokine, die eine Entzündungs-
mit der Wirkung von
fen. Im Winter aber kann der Lichtmangel am Tage Lichttherapie. reaktion anschieben, ist eng mit depressiven Symp-
zu Müdigkeit und Antriebslosigkeit führen. Die Me- tomen assoziiert. Dieser Zusammenhang wurde viel-
latoninproduktion geschieht auf Kosten des Glücks- fach untersucht, auch in zwei eigenen Studien, die
botenstoffs Serotonin. So wird auch unsere Stimmung ich während meiner Zeit am Max-Planck-Institut für
beeinträchtigt. Psychiatrie in München und hier an der Universi-
Ein zweiter durch den Lichtmangel bedingter Ri- tätsklinik Leipzig durchgeführt habe. Meine Hypo-
sikofaktor für eine Winterdepression ist folgender: these ist die, dass im Winter die erhöhten Melatonin-
Licht wirkt über die Haut. Hier wird unter Einfluss spiegel und das vermehrte Auftreten von Infektions-
von Sonnenlicht Vitamin D synthetisiert. Einige Stu- krankheiten zu einer übermäßigen Produktion von
dien konnten zeigen, dass die Winterdepression mit Zytokinen führen, die dann eine Winterdepression
einem Vitamin-D-Mangel einhergeht. hervorrufen. Durch die Erhöhung des Melatonin-
Ein dritter Faktor besteht möglicherweise in den spiegels im Winter wird also einerseits unser Im-
winterlichen Veränderungen im Immunsystem. Die- munsystem schärfergestellt, damit wir uns gut gegen

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 61


Erkältungskrankheiten wehren können; andererseits Ein Landwirt Zu einer Depression tragen viele Faktoren bei, nicht
erkaufen wir uns damit ein erhöhtes Risiko für eine kann im Win- allein der Lichtmangel, sondern beispielsweise auch
Winterdepression. die genetische Ausstattung. Wie das genau funktio-
ter weniger
Zusammenfassend sind also sehr wahrscheinlich niert, ist noch nicht geklärt. Jeder hat wahrscheinlich
die übermäßige Produktion des Schlafhormons Me- arbeiten – ein eine bestimmte biologische und psychische Ausstat-
latonin, Vitamin-D-Mangel und Veränderungen des Büroange- tung und verfügt dadurch über bestimmte Resisten-
Immunsystems die wesentlichen biologischen Grün- stellter kann zen gegen die Depression. Sobald das Ausmaß un-
de für das Auftreten einer Winterdepression. Und günstiger Faktoren wie Lichtmangel, Arbeitslosigkeit,
das nicht
diese drei Faktoren sind Folge der geringeren Licht- körperliche Krankheit oder Stress im Beruf oder in
einstrahlung. der Beziehung überschritten wird, das man aufgrund
Welche Rolle spielt das herrschende Ideal vom immer seiner körperlichen und psychischen Resistenz aus-
gleich leistungsfähigen, dynamischen und aktiven halten kann, besteht das Risiko für das Auftreten
Menschen beim Entstehen der Winterdepression? einer Depression.
Unsere Stimmungen und das Lebensgefühl sind an Ob Frauen wirklich häufiger betroffen sind, wie
Jahreszeiten gebunden. Jeder Mensch fühlt sich im es in Studien gefunden wird, das bezweifle ich. Frau-
Sommer ein wenig anders als im Winter. Ich bin in en berichten häufiger darüber, Männer gestehen sich
Münderbach, einem Dorf im Westerwald aufgewach- psychische Probleme eher nicht ein. Bei Männern
sen. Dort änderte sich das Leben der Menschen und ist die Suizidrate höher, und der häufigste Grund
der Tiere mit den Jahreszeiten, was ich als Sohn eines für einen Suizid ist eine Depression. Vielleicht sind
Försters hautnah miterleben konnte. Frauen nur besser in der Lage, über ihre Depressio-
Doch im Gegensatz zum Leben im Dorf ist die nen zu reden. Männer kompensieren psychische
Großstadtgesellschaft über das Jahr hinweg immer Schwierigkeiten häufiger mit vermehrtem Alkohol-
gleich und fordert Menschen, die konstant aktiv sind. konsum und aggressivem Verhalten. Wenn wir ge-
Ein Landwirt zum Beispiel kann seine Arbeit so ein- schlechtsspezifische Diagnosekriterien hätten, wäre
richten, dass er im Winter etwas weniger zu tun hat die Depression bei Männern und Frauen wahrschein-
und es geruhsamer zugeht. Ein Büroarbeiter kann lich gleich häufig.
das nicht. Er muss immer die gleiche Leistung brin- Was unterscheidet den Winterblues von der Winter-
gen, egal ob Winter oder Sommer ist. Im Winter reicht depression?
das Licht der Bürolampe aber nicht aus. Da der Bü- Die klinische Diagnose einer „Depression“ ist erfüllt,
roangestellte feste Arbeitszeiten hat und er zu der wenn zwei depressive Kernsymptome und weitere
Zeit im Büro sitzen muss, wo es draußen hell ist, geht zwei depressive Zusatzsymptome länger als zwei Wo-
er weniger raus ins Freie. Möglicherweise hat er da- chen vorhanden sind.
rüber hinaus noch weniger soziale Kontakte als im Depressive Kernsymptome sind der Verlust von
Sommer, denn die Gruppe von Sportfreunden, mit Interesse und Freude, eine gedrückte Stimmung und
denen er an Sommertagen einmal pro Woche abends ein verminderter Antrieb. Von einer „Winterdepres-
im Stadtpark Fußball spielt, trifft sich nicht im Win- sion“ oder auch einer „saisonalen affektiven Störung“
ter. Vielen macht es nichts aus, dass sie immer gleich spricht man, wenn die Depression zwei Jahre in Fol-
arbeiten müssen, auch wenn sich die Umwelt um sie ge im Herbst oder Winter auftritt und im Frühjahr
herum ändert. Aber einige spüren, dass ihre Natur wieder verschwindet. Die Depression ist eine echte
anders ist und ihr Inneres den Jahreszeiten folgt. Sie Krankheit. Nur ein paar depressive Symptome, die
können nicht immer eine konstante Leistung erbrin- im Winter regelmäßig auftreten, stellen noch keine
gen und auch emotional nicht stets gleich sein. Zu Depression im Sinne einer Krankheit dar. In diesem
den natürlichen und normalen Schwankungen in der Fall spricht man vom „Winterblues“. Es kann in man-
Stimmung und der Energie kann Stress auf der Ar- chen Fällen schwierig sein, normales Verhalten von
beit hinzutreten, weil man nicht so leistungsfähig ist krankem abzugrenzen. Im Winter gibt es Verände-
wie im Sommer. So entsteht ein Teufelskreis, der in rungen, die normal sind, weil wir Menschen Lebe-
die Winterdepression führt. wesen und keine Arbeitsmaschinen sind. Etwa 20
Der Lichtmangel im Winter und die damit einherge- Prozent der Bevölkerung haben im Winter ein ver-
henden Stoffwechselveränderungen im Gehirn be- mehrtes Schlafbedürfnis und verminderte Aktivität.
treffen alle Menschen. Warum leidet dann nicht je- Aber nur bei ein bis zwei Prozent davon sind die
der gleichermaßen und vor allem Frauen vermehrt Diagnosekriterien der Winterdepression erfüllt. In
unter einer Winterdepression? diesem Falle sollte man einen Spezialisten aufsuchen.

62 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Wenn die Tage kürzer werden und die Stimmung Vor allem zuführen. Winterdepressive Kinder fallen nicht so
trüb – wie kann man früh gegensteuern? Musik hilft auf wie beispielsweise ein Zappelphilipp. Das führt
Wichtig ist vor allem, genügend Licht zu bekommen. dazu, dass ihr Problem oft nicht erkannt wird. Dabei
gegen den
Wesentlich für alle Betroffenen ist deswegen, sich kann man Kindern gut helfen, mit Bewegung im Frei-
genügend im Freien aufzuhalten. Reicht das nicht, Winterblues en, behutsamem Wecken, Reden über Wutanfälle und
empfehle ich, sich eine Lichttherapielampe anzu- Hilfe bei den Hausaufgaben. Auch die Lichttherapie
schaffen, die eine Leuchtstärke von 10 000 Lux er- hilft bei Kindern. Das Risiko für die Winterdepres-
reicht, und diese morgens 30 Minuten lang zu nutzen. sion bleibt leider das ganze Leben. Von unseren Pa-
Die Lichttherapie sollte nicht abends angewendet tienten höre ich häufig, dass sie schon als Schüler
werden, denn das kann Schlafstörungen verursachen. unter den Symptomen gelitten haben.
Man kann überlegen, den Sommerurlaub in den Win- Geht es Winterdepressiven im Sommer automatisch
ter zu verschieben und dorthin zu fahren, wo es viel besser?
Sonne gibt. Es gibt Menschen, die zur saisonalen Bipolarität nei-
Es gibt eine Reihe von pflanzlichen Mitteln, die gen, also zu gedrückter Stimmung im Winter und
man bereits zu Herbstbeginn anfangen kann einzu- übertrieben guter Stimmung im Frühjahr oder Som-
nehmen, zum Beispiel Johanniskraut in einer Dosis mer. Manche sind im Frühjahr nur kurz übermäßig
von 600 bis 900 Milligramm Extrakt pro Tag. Bei froh, andere erleben ein unnatürliches Hoch mit er-
ängstlicher Symptomatik hilft Lavendel, was wir in höhter sexueller Aktivität und vermehrten Geldaus-
unserer Klinik in Form von Kapseln einsetzen. Auch gaben, oder sie quasseln unaufhörlich. Wenn im
mit Vitamin-D-Tabletten und gesunder Ernährung Frühjahr ein solcher Zustand auftritt oder sich eine
kann man viel erreichen. Diätetisch sind ungesättig- Winterdepression nicht bessert, ist eine fachmänni-
te Fettsäuren, wie sie im Lachs, Aal oder atlantischen sche Therapie angezeigt.
Hering vorkommen, bei Depressionen sinnvoll. Wenn ein Freund oder ein Familienmitglied unter
Empfehlenswert ist, was Freude macht und für was dem Winterblues, gar einer Winterdepression lei-
man sich interessiert. Neben Musik und Sport bietet det, wie geht man damit um?
möglicherweise auch religiöse Betätigung einen Weg Es ist wichtig, sich zu informieren, wie eine Winter-
aus der Winterdepression. Die Adventszeit wird in der depression zustande kommt, damit man sie als bio-
christlichen Religion eigentlich als spirituelle Fasten- logischen Vorgang und als Krankheit akzeptieren
zeit verstanden. Das wäre eine sinnvolle Gegenmaß- kann. Der Betroffene sollte nicht allein gelassen, son-
nahme zur übermäßigen Nahrungsaufnahme, wie sie dern im Winter entlastet werden. Ungeduld, Kritik
für die Winterdepression typisch ist und wie sie auf und Streit über Kleinigkeiten sind nicht hilfreich.
zahlreichen sogenannten Advents- und Weihnachts- Doch auch vollständige Entlastung von allen Aufga-
feiern zelebriert wird. ben ist nicht günstig. Der Betroffene sollte seine Kom-
Zusammenfassend ist mein Rat, auszuprobieren, petenzen und damit sein Selbstbewusstsein behalten.
was hilft: täglich ins Freie gehen, regelmäßig Licht- Als Freund, Angehöriger oder Partner muss man sich
therapie, Sport treiben, gesunde Ernährung, sich mit abgrenzen können. Es ist nämlich vor allem wichtig,
anderen Menschen treffen, Musik oder Religion. Ge- selbst gesund zu bleiben. Wenn man den Eindruck
rade Musik kann viel helfen, das weiß ich aus eigener hat, dass es sich beim Freund oder Partner um eine
Erfahrung. Ich selbst spiele Klavier in einer Blues- richtige Depression handelt, sollte man ihn kompro-
band. misslos zum Arzt schicken.
Äußert sich die Winterdepression bei Kindern und Wie würden Sie den englischen Begriff Winterblues
Jugendlichen anders als bei Erwachsenen? Und wie ins Deutsche übersetzen?
verändert sie sich im Lauf des Lebens? Das ist eine schwierige Frage. Winterblues beschreibt
Bei Kindern muss man genau hinsehen. Es sind oft die winterliche Verringerung von Energie und Le-
nicht die typischen depressiven Symptome, sondern bensfreude bei vermehrtem Appetit und erhöhtem
Reizbarkeit, aggressives Verhalten oder sozialer Rück- Schlafbedürfnis. „Wintertrübsinn“ wäre eine schö-
Das aktuelle Buch
zug. Außerdem mischen sich die Anzeichen von Win- von Hubertus Him-
ne, leider aber nicht gebräuchliche deutsche Über-
terblues und Winterdepression mit Pubertätsproble- merich ist im Kreuz setzung. PH
men. Im Allgemeinen haben gesunde Jugendliche aber Verlag erschienen: MIT HUBERTUS HIMMERICH SPRACH GERLINDE UNVERZAGT
Winterblues. Das
viel Energie, und die meisten kommen in der Schule
Wohlfühlbuch gegen
zurecht. Man sollte sich daher hüten, Konzentrati- die Herbst- und
onsschwäche und Lethargie auf die Pubertät zurück- Winterdepression.

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 63


Was glauben
die Ungläubigen?

Menschen wollen glauben. Der Wunsch nach Sinn und Rückhalt in


der Religion scheint eine Eigenart unserer Gattung zu sein.
Dennoch hat es zu allen Zeiten auch religiöse Zweifler gegeben,
deren Zahl – zumindest in Europa – heute stetig steigt. Doch sind
diese „Ungläubigen“ wirklich frei von Religiosität?
VON FRANZ WUKETITS

I
n Molières Komödie Don Juan fragt anthropologischen Universalien. Es ist dierten Religionen überlieferten Glau-
ein Diener seinen Herrn, woran keine Übertreibung, den Menschen – un- bensinhalten kaum etwas zu tun haben
dieser glaubt, und bekommt als ter anderem – auch als Homo religiosus oder sich davon doch maßgeblich unter-
Antwort: „Ich glaube, dass zwei zu charakterisieren, eine Spezies von Gläu- scheiden?
und zwei vier ist und vier und vier bigen. Neueren Studien zufolge sind mehr Albert Einstein bekundete einmal, dass
acht.“ Darauf erwidert der Diener: „Wie als 80 Prozent aller heutigen Menschen er an keinen persönlichen Gott glaube,
ich sehe, ist Eure Religion also die Arith- religiös in einem weiten Sinn des Wortes. aber von „kosmischer Religiosität“ ergrif-
metik.“ Die Moral von der Geschichte: An Wie aber verhält es sich mit den rest- fen sei, einer „grenzenlosen Bewunderung
irgendetwas muss man glauben, wenn lichen etwas weniger als 20 Prozent? Im- der Weltstruktur, soweit sie unsere Wis-
schon nicht an einen persönlichen Gott, merhin sind das mehr als eine Milliarde senschaft enthüllen kann“. Steht Einsteins
dann beispielsweise an die Gültigkeit ma- Menschen; Ungläubige also, die die Bin- Haltung stellvertretend für die weltan-
thematischer Gesetze. dung an Gott verloren oder nie an ein „hö- schauliche Überzeugung der im her-
Religiöser Glaube ist aus allen Kulturen heres Wesen“ geglaubt haben. Glauben die kömmlichen Sinn als ungläubig geltenden
der Gegenwart und der überlieferten Ge- an nichts? Oder gibt es Formen „religiöser“ Menschen? Oder zumindest für die Na-
schichte bekannt und zählt daher zu den Überzeugungen, die mit den in den tra- turwissenschaftler unter ihnen?

64 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Es ist hilfreich, sich hier zunächst eine ele- einstellungen des menschlichen Verstan- nicht nur in den Medien verstärkt Auf-
mentare Erfahrung zu vergegenwärtigen, des die Welt interpretieren, bringen ganz merksamkeit gefunden, sondern auch
der sich kein Mensch in seinem Leben spontan und anstrengungslos mentale Kultur- und Sozialwissenschaftler dazu
dauerhaft entziehen kann: die Erfahrung Grundpfeiler religiöser Metaphysik her- veranlasst, sich empirisch mit den Ungläu-
von Kontingenz, das heißt Unberechen- vor.“ Daher sind Kinder auch empfänglich bigen zu beschäftigen, sodass solche Aus-
barkeit und Zufälligkeit. Der unerwarte- für Märchen. sagen repräsentativ erscheinen und wei-
te Tod eines nahestehenden Menschen, Eine halbwegs „gesunde Entwicklung“ tergehende Schlussfolgerungen zulassen.
das plötzliche Hereinbrechen einer Na- vorausgesetzt, löst sich der Heranwachsen- So hat der amerikanische Soziologe Phil
turkatastrophe oder nicht einkalkulierte de von der Märchenwelt und wendet sich Zuckerman Ergebnisse zusammengetra-
wirtschaftliche Engpässe sind Beispiele der Realität zu, doch das grundsätzliche gen, wonach Religionslose stark wertori-
für eine Fülle von möglichen Ereignissen, Bedürfnis, Ereignissen Zwecke zuzuschrei- entiert sind. Demnach plädieren sie meist
die sich nicht vorhersehen, geschweige ben, bleibt im Wesentlichen bestehen und gegen die Todesstrafe, gegen Krieg und
denn steuern lassen. Von Anfang an war führt letztlich zur Frage nach dem Sinn. Diskriminierung, sie haben weniger Vor-
der Mensch mit einer heimtückischen Der religiöse Mensch kann sich in den behalte gegen soziale Randgruppen, und
Welt konfrontiert, die allen seinen Bemü- Glauben zurückziehen, dass alles – selbst sie bekunden eine eher liberale Haltung
hungen jederzeit einen Strich durch die das anscheinend Sinnlose – einem göttli- gegenüber Drogenkonsum. Ihre Werte-
Rechnung machen konnte. chen Plan folgt und letztlich einem höhe- orientierung, so lässt sich daraus folgern,
Mit dem Erwachen seines Bewusstseins ren Weltenzweck untergeordnet ist. Und bleibt stets diesseitsgerichtet, sie glauben
versuchte er, sich einen Reim auf diese Welt über die ertragene Unbill im Diesseits kann nicht an unwandelbare, absolute und ewi-
zu machen und auch alles Unberechen- er sich durch den Glauben hinwegtrösten, ge Werte, sondern huldigen eher einem
bare und Bedrohliche in eine Ordnung dass ihm ein (besseres!) Weiterleben nach Wertepluralismus.
zu bringen. Diese Ordnung war zwar nicht dem Tod bevorstehe. Was aber bleibt dem Tatsächlich ist die unter gläubigen
direkt erkennbar. Doch auch als Projek- Atheisten, der an keinen göttlichen Plan Menschen verbreitete Auffassung, wonach
tion ins Unbekannte vermochte sie so et- und keine universelle Weltordnung glaubt? Atheismus mit Amoralismus gleichzuset-
was wie ein Gefühl von Sicherheit zu er- Und der an die Aussicht auf das unaus- zen sei, nicht haltbar. Zwar sind Atheisten
zeugen. weichliche Lebensende keine Hoffnung auf nicht automatisch bessere Menschen, Ver-
Abgesehen von den Bestattungsritualen ein Weiterleben knüpfen kann? brecher gab es unter ihnen genauso wie
der Neandertaler und des frühen Homo unter Gläubigen, aber ein Atheist wird
Unglaube bedeutet
sapiens, liegen die metaphysischen Welten weder sich selbst noch andere einem „hö-
keinen Werteverlust
unserer prähistorischen Vorfahren zwar heren Wesen“ zu opfern bereit sein. Führt
im Dunkeln, aber es gibt interessante Re- Ein Blick auf die einschlägige Literatur man sich die beispiellosen Gräueltaten vor
sultate aus der entwicklungs- und kogni- lässt erkennen, dass Vertreter eines säku- Augen, die in der Geschichte bis zum heu-
tionspsychologischen Forschung, welche laren, atheistischen Weltbildes im Allge- tigen Tag im Namen Gottes gegen die
die „Metaphysikbedürftigkeit“ des Men- meinen dazu neigen, den Sinn des Daseins Menschlichkeit schon verübt worden sind,
schen erhellen. Eckart Voland, Professor auf das eigene Leben zurückzuführen und dann haben Atheisten sogar die besseren
für Biophilosophie an der Universität Gie- also im Diesseits zu suchen. Der Philosoph Karten. Sie wissen ihr eigenes Leben zu
ßen, berichtet von der Erkenntnis, dass Bernulf Kanitscheider schreibt hierzu Fol- schätzen und zu genießen – weil sie sich
Kinder bis ins Alter von etwa fünf Jahren gendes: „Auf der Suche nach dem Sinn ja auf nichts anderes verlassen können –,
über kognitive Mechanismen verfügen, die wird der Mensch auf sich selbst zurück- halten nichts von aufoktroyierten mora-
spontan religiöse Überzeugungen produ- verwiesen. Er darf nicht auf eine Führung lischen Zwängen und lassen sich nicht von
zieren können. Kleinkinder weisen auch durch die Welt warten, er muss sich selber jenen beeindrucken, die bei jeder Gele-
toten Gegenständen „geistige Eigenschaf- seine Ziele setzen und durch die Vernunft genheit die Moralkeule schwingen.
ten“ zu und bezeichnen zum Beispiel einen leiten lassen, die Erfüllung seiner Ideale Häufig anzutreffen ist auch die Mei-
Tisch als „böse“, weil sie sich an ihm den zu erstreben. Auf der Suche nach dem Sinn nung, dass Atheismus dem Nihilismus
Kopf angeschlagen haben. Und sie denken wird der Mensch reifer, er lernt mit der und der Verzweiflung Vorschub leistet.
finalistisch: Alles muss einen Zweck haben, Kontingenz des Universums umzugehen, Dem lässt sich entgegenhalten, dass es vie-
es regnet etwa, damit die Blumen wachsen und er versöhnt sich mit der Idee, dass le sinnstiftende Momente im Leben eines
können, oder die Sonne scheint, damit es dieses nicht auf ihn ausgerichtet ist. Die- Menschen gibt, auch wenn er glaubt, in
uns nicht kalt ist. se Erfahrung macht ihn zu einem freien einem insgesamt sinnlosen Universum zu
„Diese kognitiven Strategien“, schreibt Geist.“ leben. Einsteins „Religiosität“, um an obi-
Voland, „die nicht erst besonders gelernt Der Atheismus als alternative Geistes- ge Frage anzuknüpfen, kann in dem Zu-
werden, sondern als biologische Grund- haltung hat in den vergangenen Jahren sammenhang als durchaus repräsentativ

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 65


gelten. Wie schon im 19. Jahrhundert der Vorzeit die Vorgänge in der Höhe sahen,
englische Philosoph Herbert Spencer be- wie Donner und Wetterleuchten, Blitz-
merkte, finden sich gerade unter jenen schlag … und die Verfinsterung von Son-
Leuten, welche die Religion (er meinte ne und Mond, gerieten sie in Furcht, weil
konkret den christlichen Glauben) aufge- sie glaubten, Urheber dieser Erscheinun-
geben haben, viele, die den „Rätseln des gen seien göttliche Wesen.“ Dem alten
Daseins“ größte Aufmerksamkeit wid- Griechen kann man somit psychologi-
men. schen Feinsinn ebenso wenig absprechen
Soweit ersichtlich, wurden dazu keine wie eine, wenn auch noch dunkle Ahnung
empirischen Studien durchgeführt, aber von der „Vorzeit“.
es leuchtet ein. Denn derjenige, der ein- Mehr als zwei Jahrtausende später
fach und unhinterfragt daran glaubt, dass konnte Charles Darwin dann aber deut-
die sich uns darbietende Welt von Gott in licher werden. Er sah in der „religiösen
einem Guss erschaffen wurde, darf sich Ergebung“ ein Phänomen, zusammenge-
in intellektueller Bequemlichkeit üben, setzt „aus Liebe, vollkommener Unterwer-
während der kritische Naturforscher die fung unter ein erhabenes, geheimnisvol-
komplexen Zusammenhänge dieser Welt les Etwas, einem starken Abhängigkeits-
und ihre Entstehung in mühevoller Klein- stehender Verstorbener feierlich begehen, gefühl, Furcht, Ehrfurcht, Dankbarkeit,
arbeit – unter Berücksichtigung unzähli- obwohl sie nicht an ein Weiterleben nach Hoffnung auf ein Jenseits und vielleicht
ger Details – ergründen muss. Das aber dem Tod glauben. noch anderen Elementen“. Neuere evolu-
kann tiefe Befriedigung bereiten, hat viel- Das entspricht auch der evolutionspsy- tionspsychologische Erklärungen der Re-
leicht Ähnlichkeit mit Sisyphusarbeit – chologischen Erwartung. Wir Menschen ligiosität gehen im Prinzip in die gleiche
denn wie Albert Camus sagte, muss man neigen dazu, besondere – einmalige – Er- Richtung.
sich Sisyphus als glücklichen Menschen eignisse in unserem Leben auch durch Man kann religiösem Glauben Evolu-
vorstellen. besondere Handlungen zu begehen. Fes- tionsvorteile (Anpassungsvorteile) schwer
te und Feiern, selbst Trauerzeremonien absprechen. Damit ist aber nicht gesagt,
Auch Atheisten pflegen Rituale entheben uns vorübergehend der Mono- dass Religiosität zwingend den Glauben
Doch selbst wer sein Leben nicht damit tonie des Alltags, ventilieren unsere Ge- an einen persönlichen Gott (oder mehre-
verbringt, die Rätsel des Universums zu fühle und festigen soziale Bindungen. Ri- re persönliche Götter) voraussetzt. Er
verstehen, hat – halbwegs passable Lebens- tualisierte Verhaltensweisen sind daher in stärkt das (soziale) Zusammengehörig-
umstände vorausgesetzt – keinen Grund unserer Spezies tief verwurzelt und oben- keitsgefühl, doch der Umkehrschluss, Un-
zur Verzweiflung. Denn jedem Gottlosen drein in vielfältigen Formen aus dem Tier- gläubige seien unsozial oder gar asozial,
steht es frei, in seinem eigenen Leben Hö- reich bekannt. Sie bedürfen also nicht des ist nicht haltbar. Bekanntlich verzichtet
hepunkte hervorzuheben, um Hochge- Glaubens an Gott. der „Sozialismus“ in seiner ursprüngli-
fühle entfalten zu können, wie sie der re- So wie religiöser Glaube im traditio- chen Form ausdrücklich auf Gott. Athe-
ligiöse Mensch in seinem Dienst an Gott nellen Sinn in sehr vielen verschiedenen isten sind also durchaus vom Wert einer
erfahren mag. Dazu gibt es auch empirisch Schattierungen auftritt – von strenggläu- Gemeinschaft überzeugt, auch wenn sie
begründete Resultate. big bis moderat – und mit unterschiedli- diese nicht vom Glauben an ein höheres
In Großbritannien wurde 2008 das chen Inhalten gefüllt ist, so ist auch der Wesen zusammengekittet sehen, sondern
Nonreligion and Secularity Research Net- Atheismus keineswegs eine einheitliche nur von einem uralten, stammesge-
work gegründet, das Informationen über Weltanschauung. Gemeinsam ist wohl al- schichtlichen Prinzip: „Gemeinsam sind
nichtreligiöse, säkulare Weltanschauun- len Atheisten, dass sie an keinen Gott glau- wir stärker.“ Im Übrigen bleibt dem Un-
gen sammelt und sich auch mit den Be- ben, der sich um den Menschen (oder an- gläubigen unter allen Umständen ein
ziehungen zwischen Religion und Unglau- dere Lebewesen) kümmert. Sie negieren Fluchtweg in dieser unsicheren Welt –
ben befasst. Auf einer von diesem inter- einen Gott, der die Übel in der Welt zu- nämlich der Glaube an sich selbst. PH
disziplinären Netzwerk 2012 in London lässt. Die ersten Gotteszweifler in der An-
ausgerichteten Konferenz wurden ein- tike, unter ihnen Demokrit im fünften
schlägige Ergebnisse präsentiert. Dem- vorchristlichen Jahrhundert, wollten den
Professor Franz M. Wuketits lehrt Wissenschafts-
nach haben auch Gottlose das Bedürfnis Menschen die Angst vor den Göttern neh- theorie mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften
nach Zeremonien und Ritualen, beispiels- men. Demokrit hatte auch schon eine an der Universität Wien und ist Vorstandsmitglied
des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und
weise nichtreligiösen Taufen und Heirats- plausible Erklärung für die Entstehung Kognitionsforschung. Jüngst erschien im Güterslo-
feiern, und wollen die Beisetzung nahe- von Gottesbildern: „Als die Menschen der her Verlagshaus sein Buch Was Atheisten glauben.

66 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


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DER PSYCHOLOGISCHE BEGRIFF

REGRESSION
DIE RÜCKKEHR ZU KINDLICHEN VERHALTENSWEISEN
„Du bist total regressiv“, urteilen wir, wenn der erkältete Partner
aufs Sofa niedersinkt und Hühnersuppe und Zuwendung einfordert.
Doch was bedeutet „Regression“ eigentlich?
Und warum kann Regression auch produktiv sein?

D
er Einstieg in diesen Text fällt der nen, indem sie nach einer Enttäuschung Aufmerksamkeit und Zuwendung – längst
Autorin nicht leicht. Soll sie mit zum tröstenden Weinglas oder zur Scho- ist die Regression deshalb Thema in der
einem Beispiel anfangen? Oder koladentafel greifen und sich somit in die Krankenpflegerausbildung.
doch lieber mit Freuds Modell der Ab- orale Versorgung zurückziehen; Kinder Für Sigmund Freud, den Begründer der
wehrmechanismen? Das Thema ist kom- beginnen nach der Einschulung oft wieder Psychoanalyse, zählt die Regression zu den
pliziert, sie fühlt sich überfordert. Also am Daumen zu lutschen und suchen da- psychischen Abwehrmechanismen und
geht sie zum Küchenschrank und holt sich mit Schutz in einer früheren Reifephase. dient in erster Linie der Stabilisierung des
eine Packung Schokoladenkekse. Nach Sogar die Partner werden oft zum Ziel re- psychischen Gleichgewichts: Bedrohliche
drei Keksen geht es besser, und sie schafft gressiver Versorgungswünsche, etwa Gefühle der Angst oder Minderwertigkeit
zumindest ein paar Zeilen. wenn der kränkelnde Ehemann von seiner sollen nicht ins Bewusstsein gelangen,
ILLUSTR ATION: SABINE KR ANZ

Psychoanalytiker sprechen von Regres- gestressten Frau selbstgekochte Hühner- sondern durch eine infantile Ersatzhand-
sion, wenn Menschen in belastenden Si- suppe und mehr Streicheleinheiten ein- lung abgewehrt werden. Freud ging davon
tuationen unbewusst in frühere Entwick- fordert. Auch Pflegerinnen und Pfleger aus, dass Erwachsene auf diejenige Ent-
lungsphasen zurückfallen, um dadurch kennen sich bestens aus damit: Gerade in wicklungsphase regredieren, die unvoll-
Entlastung zu finden oder sich von uner- Krankenhäusern werden Patienten oft ständig oder gestört verlief, quasi mit dem
träglicher innerer Spannung zu befreien. wieder zu Kindern und fordern vom Per- Ziel, nachträglich doch noch einmal „satt“
Nicht immer ist das gleich pathologisch: sonal nicht nur Pf lege, sondern auch zu werden. Seiner Triebtheorie zufolge
Erwachsene regredieren in Frustsituatio- „mütterliche Vollversorgung“ in Form von durchläuft jeder Mensch in der Kindheit

68 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


drei psychosexuelle Reifungsstufen: die frühkindlichen psychischen Entwick- wendiger seelischer Entwicklungsschrit-
orale, die anale und die ödipale Phase. Ist lungszustand gleitet, in dem unbelebte te. Sie ist auch eine positive Eigenschaft,
ein Kind nicht in der Lage, eine dieser Objekte als belebt empfunden werden und die helfen kann, Entspannung zu finden,
Phasen befriedigend abzuschließen – bei- Innen- und Außenwelt noch nicht ganz zu lieben, zu träumen oder kreativ und
spielsweise weil die Mutter in der analen getrennt sind. fantasievoll zu denken. Künstler, Schrift-
Phase die Sauberkeitserziehung ihres Kin- Regression ist also ein alltäglicher in- steller oder Komponisten müssen in kind-
des übermäßig kontrolliert –, kann es laut nerpsychischer Vorgang zur seelischen liche Zustände der Fantasie abtauchen
Freud in die frühere Phase regredieren, Stabilisierung. Doch wann ist sie patho- können, um offen für innere Bilder und
etwa aus der analen in die orale Phase. logisch? Krankhaft ist die Regression vor spontane Assoziationen zu sein.
Diese Neigung zur Regression bleibt über allem dann, wenn ein Mensch durch die
die Kindheit hinaus erhalten: Wer also Nichtbewältigung einer Reifephase auf REGRESSION HAT ZU UNRECHT
nicht ausreichend gestillt oder umsorgt einer Entwicklungsstufe stehenbleibt und EINEN SCHLECHTEN RUF
wurde, kann als Erwachsener mitunter damit in ihr „fixiert“ bleibt. Wie die Ehe- Auch für ein gutes Beziehungsleben ist
in die orale Phase regredieren, tröstet sich frau, die in der oralen Phase steckenge- die Fähigkeit zur Regression wichtig,
also mit Essen und Trinken oder sucht blieben ist und von ihrem Partner mate- schließlich sollten wir uns vom Partner
nach viel Geborgenheit. rielle Rundumversorgung einfordert, statt mal bemuttern oder bevatern lassen kön-
finanzielle Mitverantwortung für die Fa- nen, wenn es uns schlecht geht. Natürlich
REGRESSION DIENT DER milie zu übernehmen. Oder der Ehemann, profitiert auch die Sexualität davon: Beim
SEELISCHEN STABILISIERUNG der dauerhaft mütterliche Versorgung von Sex greifen wir unbewusst auf frühe kör-
Doch es gibt auch Kritik am freudschen seiner Frau einfordert und damit die Be- perliche Erfahrungen der Symbiose mit
Konzept der Regression. Denn die mo- ziehung gefährdet. Auch in krisenhaften unseren Bindungspersonen zurück, wir
derne Säuglings- und Bindungsforschung Situationen können Menschen in eine Art regredieren in ein „Körper-Ich“, das Wur-
hat längst gezeigt, dass Menschen nicht negative Regression hineinrutschen, etwa zeln in unseren ersten Lebensjahren hat.
nur psychosexuelle Reifestufen durchlau- in frühkindliche Gefühle von Einsamkeit Die Regression hat also einen schlech-
fen, sondern auch Entwicklungsstufen der und Hilflosigkeit, von Ohnmacht und teren Ruf, als ihr gebührt: Sie ist nicht nur
Gefühls- und Denkwelt. Über die Jahre Wertlosigkeit, von Trauer und Aggression, ein wichtiger Abwehrmechanismus, son-
lernt ein kleines Kind etwa, zwischen dem von Depression und Angst. Das erneute dern bisweilen auch eine überaus ange-
Selbst und den anderen zu unterscheiden, Durchleben dieser leidvollen Gefühlszu- nehme und produktive Ressource.
zwischen der eigenen Denkwelt und der stände kann dann als Versuch gewertet ANNE-EV USTORF

Denkwelt der anderen, zwischen der Re- werden, zu einem früheren unbewältigten
alität und der Fantasie. Auch in diese Vor- Entwicklungsstadium der eigenen Kind-
stufen kann ein Mensch im Sinne einer heit zurückzukehren, um den ungelösten
Im nächsten Heft:
„strukturellen Regression“ regredieren Konflikt nachträglich aufzulösen. Déjà-vu nennt man das seltsame Gefühl, eine be-
– wie der Nachbar, der aus Ärger über sein Doch die Regression dient nicht nur stimmte Situation schon einmal erlebt zu haben,
obwohl man weiß, dass das eigentlich nicht sein
defektes Auto dem Fahrzeug einen Tritt der Abwehr unangenehmer Gefühlszu- kann. Was steckt hinter dem Phänomen? Gibt es
versetzt und somit kurzfristig in einen stände oder sogar der Verhinderung not- das wirklich oder beruht es nur auf Einbildung?

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Gleichklang.de
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Die frühe Erfahrung
„Ich zähle nicht!“
Eltern lieben ihre Kinder. Normalerweise. Häufig aber lieben sie
ein Kind mehr als das andere. Und manchmal lieben sie eines ihrer
Kinder gar nicht. Wer als schwarzes Schaf der Familie aufwächst,
hat es schwer, ein Gefühl für den eigenen Wert zu entwickeln
VON PETER TEUSCHEL

G
eben Sie einmal das Schlag- ziehungserfahrungen in diesem Umfeld. Freude, dass sie glücklich und geliebt auf-
wort „Familie“ bei Google Auch wenn natürlich nicht alle Tage die gewachsen sind, eingebettet in eine fami-
ein und klicken Sie dann auf Sonne scheint, so ist doch die grundsätz- liäre Gemeinschaft, die alles dafür getan
„Bilder“. Sie werden das se- liche Erfahrung, dass wir in der Familie hat, ihnen den Weg ins Leben so angenehm
hen, was wir gemeinhin mit Liebe, Verständnis und Förderung erleben. wie möglich zu machen. Andere meinen,
diesem Begriff verbinden: Glückliche Oder ist das nur ein Slogan, ein auf Hoch- dass sie auf eine „ganz normale“ Kindheit
Menschen. Eltern, Kinder, vielleicht auch glanz poliertes Ideal, dem die wenigsten zurückblicken, ein Ausdruck, hinter dem
noch die Großeltern dazu. Lachen, Son- Familien gerecht werden? sich nach meiner Erfahrung nicht selten
nenschein, Gemeinschaft und Geborgen- In den letzten zwanzig Jahren habe ich bereits sehr „durchwachsene“ Erlebnisse
heit. So sollte es auch sein, sammeln die mit sehr vielen Menschen über ihre Fami- verbergen. Und dann gibt es Berichte wie
allermeisten von uns doch ihre ersten Be- lien gesprochen. Einige berichteten voller den von Claudia:

70 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


„So lange ich denken kann, hatte ich fach so hingenommen habe. Ich kannte verneinenden Floskeln dienen indes nur
in meiner Familie nichts zu melden. Ir- nichts anderes, dachte, das sei eben mei- dazu, die schmerzvolle Zurücksetzung
gendwie lief alles an mir vorbei. Meine ne Rolle im Leben.“ durch die eigene Familie zu verdrängen.
beiden Brüder wurden gefördert und ge- Claudia ist 46 Jahre alt und wegen einer Nachdem ich auf das Prinzip des
schätzt, während ich mir lediglich gedul- Depression in therapeutischer Behand- schwarzen Schafes aufmerksam geworden
det vorkam. Dass ich als Älteste mehr lung. Sie hat etwas erlebt, das ihr Selbst- war und gezielt nach diesen Erfahrungen
Pflichten als die beiden Kleinen hatte wertgefühl erheblich beschädigt und ihr fragen konnte, sah ich mich mit einer Flut
und sich die Eltern von mir Mitarbeit Schwierigkeiten in der Partnerschaft und von Schilderungen konfrontiert, die sich
und Entlastung versprochen hatten, se- Probleme im Beruf beschert hat: Sie ist um dieses Phänomen drehten. Die Spann-
he ich ja noch ein. Aber dass mit den das schwarze Schaf ihrer Familie. breite der Thematik erstreckt sich dabei
beiden geschmust wurde, dass man ih- Dieses Los teilt sie mit vielen anderen. von subtiler Benachteiligung bis hin zu
nen die Wünsche von den Augen abge- Mit wie vielen genau, weiß keiner. Die Be- brutaler Ausgrenzung.
lesen hat, während ich kaum Zärtlichkeit nachteiligung einzelner Familienmitglie-
bekommen habe, und man mir Anwei- der gehört zu den blinden Flecken gesell- Bin ich undankbar? Oder bilde ich
sungen wie einer Bediensteten gegeben schaftlicher Wahrnehmung. Aber auch mir das alles nur ein?
hat, das tut mir bis heute weh. Das die Psychologie hat sich diesem Thema Nicht wenige der schwarzen Schafe leben
Schlimmste ist, dass ich das damals ein- bisher nicht mit der Aufmerksamkeit zu- in ständiger Ungewissheit, ob sie sich „das
gewandt, die seiner Häufigkeit gerecht alles nicht nur einbilden“, erleben sich als
werden würde. Woran liegt das? „undankbar“ und versuchen über viele
Schwarze Schafe wie Claudia leben Jahre hinweg, doch noch in die Familie
von klein auf in einer Situation stän- integriert zu werden, obwohl sie erkennen
diger Beschämung. Das Erleben, nicht müssen, dass diese Tür für sie verschlos-
so viel wert zu sein wie andere, ist immer sen bleibt. Andere werden sich der Benach-
belastend. Tritt es innerhalb der eigenen teiligung erst bewusst, wenn sie im Er-
Familie auf, wird es zum Lebensthema. wachsenenalter enterbt werden. Der damit
Die Erfahrung von Ausgrenzung und Be- einhergehende Akt des „Entliebens“, in
nachteiligung gegenüber den Geschwis- dem die Eltern ihrem Kind das Signal ge-
tern brennt sich tief in die Seele ein und ben, kein Mitglied der Familie mehr zu
erzeugt neben der bedrückenden Scham sein, hat für viele eine traumatisierende
auch meist Schuldgefühle. Die entstehen Wirkung. Allen gemeinsam ist die
bereits, wenn ich die ungleiche Behand- schmerzliche Erfahrung des Ausschlusses
lung hinterfrage. Habe ich das Recht, die aus der ersten, wichtigsten und prägends-
Eltern für ihr Verhalten mir gegenüber zu ten Gemeinschaft ihres Leben: der Fami-
kritisieren? Muss ich ihnen nicht vielmehr lie.
mein Leben lang dafür danken, dass Aber nicht nur eine vordergründig er-
sie mich zur Welt gebracht, mich kennbare Benachteiligung führt zu die-
aufgezogen haben? sem Drama. Mitunter läuft die ungleiche
Frauen und Männer, die mit Behandlung ganz anders ab. Wie zum Bei-
diesen Scham- und Schuldge- spiel bei Paul. Er hat erst mit Anfang 50
fühlen durchs Leben gehen, of- erkannt, dass auch er aus der Familie aus-
fenbaren sich nicht. Sie leben in gegrenzt ist. Nur wurde er nicht offen be-
einer Welt des ständigen Defizits, nachteiligt, sondern gnadenlos ausge-
fühlen sich dumpf und unzufrie- nutzt. Weit über ein zu erwartendes Maß
ILLUSTR ATIONEN: MARTA PIEZCONKO

den und gehen davon aus, dass mit an Hilfe und Unterstützung hinaus wur-
ihnen „irgendetwas nicht stimmt“. de ihm die Rolle des „Retters“ aller ande-
Kommen sie zur Therapie, so werden ren Familienmitglieder zugewiesen. Als
die Kindheitserinnerungen oft nicht Einziger, der es „zu etwas gebracht“ hatte,
spontan berichtet, manchmal auch wollte er seinen Geschwistern und auch
schamhaft verschwiegen. Man will sich den kranken Eltern Unterstützung geben.
schließlich nicht selbst bemitleiden, an- Die Folge dieser jahrzehntelangen Über-
deren die Schuld zuschieben, sich selbst forderung sind bei ihm Depression, Er-
„in die Opferrolle flüchten“. Diese selbst- schöpfung und Burnout.

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 71


Unsere Familien sind öfter, als wir gie in das Wohl der Kinder und bleiben
so erneut auf der Strecke.
denken, höchst ungerechte Wir sehen, dass die Erfahrung, das
schwarze Schaf der Familie zu sein, um-
Gemeinschaften, in denen Neid, fassende Beeinträchtigungen in allen Le-
Ablehnung und Berechnung bensbereichen nach sich zieht. Viele der
genannten Konstellationen und Mecha-
herrschen können nismen kennen wir auch aus anderen Be-
reichen psychosozialer Belastung. Aber
Ausgrenzung aus der eigenen Familie se-
he ich als eine prinzipielle und existen-
Es gibt mehr solcher untypischer Be- selbst ab- und andere aufzuwerten. Auch zielle Erfahrung, die kaum jemanden un-
nachteiligungen. Überflieger etwa, die das Gefühl, irgendwie immer dem Glück beeindruckt lassen wird.
sich aus den begrenzten Verhältnissen ih- hinterherzulaufen und es doch nie zu fas- Bevor ich Hinweise zum Umgang mit
res Elternhauses nach oben arbeiten, viel- sen zu kriegen, prägt das Erleben der Frau- dieser Situation und zu möglichen Aus-
leicht als Einzige aus der Familie ein Stu- en und Männer, die in ihren Familien be- wegen gebe, möchte ich zunächst noch ei-
dium beginnen oder zu Geld kommen, nachteiligt wurden und werden. Eine in- nen Blick auf die Ursachen werfen. Wie ist
werden als „hochnäsig“ oder arrogant ge- nere Ruhelosigkeit führt zu aktivistischer so etwas überhaupt möglich, dass ein Kind
schmäht. Ihr Erfolg wird ihnen als „Verrat Lebensführung oder lähmender Apathie. schlechter behandelt wird als seine Ge-
an der Familie“ ausgelegt, wiederum mit Im Hier und Jetzt fühlen sie sich nicht schwister? In unseren Köpfen existiert ein
der Konsequenz eines Ausschlusses aus wohl, viele berichten, sie könnten „nichts Bild von Familie, das durch eine weitrei-
der Gemeinschaft. Oder die von mir so mit sich anfangen“.
bezeichneten „bunten Schafe“: Künstler- Große Gefahren lauern für Menschen, Ständig diese Selbst-
typen, die nicht den Weg gehen wollen, die sich als schwarze Schafe empfinden, abwertung: Andere
sind immer klüger,
den die Eltern für sie vorgesehen haben: auch am Arbeitsplatz. Als Kompensation schöner, erfolgreicher
Sie schreiben Romane, statt eine Bank- zu den seit der Kindheit erlebten Defiziten
lehre zu machen, sie singen in der Band, stürzen sie sich in die Arbeit, um dort An-
statt die Beamtenlaufbahn einzuschlagen, erkennung zu finden. Eine fatale Konstel-
sie geben ihr Geld für Ölfarben und Lein- lation, die nach Jahren der Verausgabung
wand aus statt für den ersten Bausparver- in Erschöpfung und Burnout mündet.
trag. Ein klassischer Weg, um in den ent- Wie sehen die Partnerschaften schwar-
sprechenden Familien ausgegrenzt und zer Schafe aus? Nach meiner Erfahrung
als Familienmitglied verleugnet zu wer- haben viele von ihnen herzliche und zu-
den. Ebenso peinlich und unangenehm gewandte Partner. Aber auch dieses Glück
sind vielen Familien psychisch kranke können viele nicht genießen, andere über-
Töchter oder Söhne. Zur gesellschaftli- fordern die Beziehung, indem sie unbe-
chen Stigmatisierung dieser Menschen, wusst vom Gegenüber fordern, sie oder er
die auch heute noch eher die Regel als die solle all das ausgleichen, was in der Kind-
Ausnahme ist, kommt die Ausgrenzung heit zu kurz gekommen ist. Ihre Kinder
aus der Familie. Ob sie nun nicht ernst erziehen die meisten schwarzen Schafe
genommen oder bevormundet werden, liebevoll und gerecht. Die Angst, es genau-
das Gefühl, ein vollwertiges Familienmit- so falsch zu machen wie die eigenen Eltern,
glied zu sein, wird sich so oder so nicht führt in den meisten Fällen dazu, dass die
einstellen. Kinder mit Anerkennung und Förderung
Was sind die Folgen dieser Erfahrung? aufwachsen. Über diesem sicher positiven
Das Lebensgefühl mit einer Mischung aus Bestreben sind aber die Frauen und Män-
Scham und Schuld wurde bereits erwähnt. ner mit der Erfahrung von Benachteili-
Hinzu kommt die fatale Tendenz, sich mit gung und Ausgrenzung in ihrer Familie
anderen zu vergleichen, die vermeintlich wiederum in Gefahr, sich selbst zu über-
besser, schöner, erfolgreicher sind. Eine sehen. Anstatt auch für sich zu sorgen und
unbewusste Falle, in die sehr viele tappen. sich aus der Rolle des schwarzen Schafes
Schwarze Schafe sind Meister darin, sich herauszuentwickeln, stecken sie alle Ener-

72 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Das Herz erinnert,
was der Kopf vergisst
chende Idealisierung geprägt ist. Hin und jagen kann. Die Mutter, die noch einen
wieder nehmen wir schaudernd zur Kennt- „Nachzügler“ bekommt, der ihr den ge-
nis, dass es auch wahre „Horrorfamilien“ planten Wiedereinstieg ins Berufsleben
gibt, aber die kennen wir nur aus den Me- vermasselt. Die Tochter oder der Sohn,
dien. Missbrauch, Vernachlässigung, Ge- die das Pech haben, die Mutter an den
walt – betrifft das nicht nur einige seltene Vater zu erinnern, der sie in der Schwan-
Fälle, in denen offensichtlich irgendetwas gerschaft hat sitzenlassen. All das sind
gewaltig schiefgelaufen ist? Aber dieses Bild Konstellationen, die zu unterschwelliger
ist nicht richtig. Sieht man genau hin, so Benachteiligung oder zu offenkundiger
erkennt man, dass unsere Familien nicht Ablehnung führen können.
selten höchst ungerechte Gemeinschaften Was ist zu tun, wenn ich erkenne, dass
sind, in denen wie auch in anderen Grup- ich das schwarze Schaf in meiner Familie
pen Neid, Missgunst, Ablehnung und Be- bin? Der erste Schritt ist sicherlich, sich
rechnung vorherrschen können. in diesem Punkt nichts vorzumachen. Um Schon kleine Änderungen im Um-
von der Opferrolle weg zu kommen, muss gang mit Dementen können Großes
Um die Opferrolle zu verlassen, bewirken. Dieses Buch ermutigt,
ich zunächst akzeptieren, dass ich Opfer kreativ zu werden: mit Musik, mit
muss ich zunächst akzeptieren, bin. Bereits dieser Schritt fällt vielen Dingen, die erinnern, und anderen
dass ich ein Opfer bin schwer, leben wir doch in einer Gesell- sinnlichen Reizen.
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Einer der häufigsten Gründe für die Ent- schaft, die uns ständig Unabhängigkeit Auch als erhältlich
stehung schwarzer Schafe in der Familie und Autarkie als Ideal suggeriert. Das Ziel
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ist schlicht die Vernachlässigung. Die Kin- für das schwarze Schaf sollte stets sein, in
der sind sich selbst überlassen und entwi- die innere wie die äußere Beziehung zur
ckeln nach dem Prinzip des Rechtes des Familie mehr Distanz zu bekommen. Das
Stärkeren eine Hierarchie, die die Robus- Loslassen eigener auf die Familie gerich-
ten und Durchsetzungsfähigen bevorzugt. teter Wünsche oder Forderungen ist eine
Die Eltern sind zu schwach, zu krank, zu der schwierigsten Aufgaben, die schwar- Ulrike Kahl
sehr von eigenen Sorgen und Nöten ab- zen Schafen bevorsteht. Dies ist aber er- Heilpraktikerin für Psychotherapie
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eigenen Interessen orientiert – nicht ein-
Gleichzeitig ist es wichtig, sich selbst
neu zu orientieren. Hier scheinen mir Ich bin
greifen, wenn eine Tochter oder ein Sohn
in die Außenseiterrolle gedrängt wird.
Maßnahmen besonders geeignet, die wir
aus der Resilienzforschung kennen: Auf- Mitglied
Eine häufige Konstellation ist auch ein
Kind mit einer Erkrankung, die alle Ener-
gie, die den Eltern zur Verfügung steht,
bau eines positiven Selbstbildes, achtsa-
mer Umgang mit eigenen Bedürfnissen,
Abbau selbstschädigender Verhaltenswei-
im VFP weil
... kompetente Supervisoren mir schnell
absorbiert, während für die Schwester sen gehören ebenso dazu wie die Schaf- und unbürokratisch am Telefon helfen
oder den Bruder keine Kraft und keine fung eines positiven Freundeskreises und ... der Verband meine Weiterbildung
Liebe mehr übrig ist. die Kontrolle eigener Impulse. Und ein finanziell unterstützt
An diesen Beispielen sehen wir schon, Prinzip, das vielen mit am schwersten fällt: ... ich regelmäßig durch Newsletter
dass Benachteiligung in der Kindheit auch Geduld. Was ein Leben lang schief läuft, und die Verbandszeitschrift über
schicksalhafte und tragische Züge haben kann nicht innerhalb weniger Wochen alles Wichtige informiert werde
kann. Familien, in denen es niemandem oder Monate abgelegt sein. PH ... weil auch Rechtsanwälte als
gutgeht, in denen aber ein Kind zum ty- Ansprechpartner für mich da sind
pischen schwarzen Schaf wird. Informationen über den VFP erhalten Sie hier:
In vielen Fällen jedoch stehen andere Verband Freier Psychotherapeuten,
Peter Teuschel ist Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie. Nach seiner Tätigkeit als Chefarzt
Heilpraktiker für Psychotherapie
Motive hinter der Ausgrenzung. Der Va- und Psychologischer Berater e.V.
einer psychiatrischen Fachklinik ist er nun in eige-
ter, der (zu Recht oder zu Unrecht) ver- ner Praxis niedergelassen als Psychiater, Psycho- Lister Str. 7, 30163 Hannover
mutet, das eine Kind sei nicht von ihm, therapeut und Coach. Dieser Artikel basiert auf Telefon 05 11 / 3 88 64 24
seinem aktuellen Buch Das schwarze Schaf. Be- www.vfp.de | info@vfp.de
und dieses „Kuckuckskind“ schikaniert, nachteiligung und Ausgrenzung in der Familie.
bis es alt genug ist, dass er es aus dem Haus Klett-Cotta, Stuttgart 2014 VFP

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 73


Warum wird heute wieder so viel gestrickt, gewerkelt und
gegärtnert? Massenweise versuchen Do-it-yourself-Fans
durch ihre kreativen Hobbys zu sich selbst zu finden
und sich eine Auszeit vom Dauerlauf im Hamsterrad
zu nehmen. Doch taugt das Selbermachen wirklich
zu Entspannung und Entschleunigung?

VON CHRISTINA MUNDLOS

S
tricken, häkeln, basteln, gärtnern, einma- nen mit ihrem kreativen Gespür und handwerklichen
chen: In Deutschland wird gewerkelt, was Geschick tatsächlich Geld verdienen. In den meisten
das Zeug hält. Aktuell sind hierzulande Fällen handelt es sich eher um ein teures Hobby als
22 Millionen Menschen aktive Heimwer- um einen guten Nebenverdienst.
ker. Doch neu ist die Idee nicht, in der Wenn es aber gar nicht darum geht, mit selbstge-
eigenen Küche, im Garten oder beim Hausbau selbst fertigten Produkten Geld zu sparen, weshalb verbrin-
Hand anzulegen. Weshalb kommt den selbstgestrick- gen Do-it-yourself-Fans ihre Freizeit dann nicht mehr
ten Handytaschen und im Hobbykeller gefertigten im Biergarten oder auf dem Sofa, sondern im Hob-
Kinderzimmerlampen dann nun solch eine mediale bykeller oder Strickclub? Müssten wir uns in Zeiten
Aufmerksamkeit zu? Zum einen liegt dies daran, dass von Burnout und Dauerstress nicht eher durch Out-
es längst nicht mehr nur Hausfrauen, Häuslebauer sourcing entlasten: also die Hecke dem Gärtner, die
und Schrebergärtner sind, die selbst werkeln. Wenn Fototapete dem Maler und das Dinkelbrot dem Bäcker
Jugendliche in Strickclubs gemeinsam Mützen häkeln überlassen, statt alles wieder selbst zu machen?
und Abteilungsleiterinnen nach Dienstschluss antike In einer Arbeitswelt, in der jeder Einzelne mehr
Möbel restaurieren, dann erinnert nur wenig an oder weniger ersetzbar ist, bietet das Heimwerkeln
Großmutters eingeweckte Quitten. die Möglichkeit, sich von der Masse abzuheben. Wer
Zum anderen nimmt das heimische Selberma- selbst hämmert und lackiert, hat die Möglichkeit,
chen aber auch volkswirtschaftlich beobacht- selbstbestimmt den eigenen Vorstellungen von einem
bare Ausmaße an. Es hat sich ein Markt gebil- einzigartigen Produkt zu folgen. Fernab von Mas-
det, auf dem individuell genähte Mutterpass- senware halten die Selbermacher dann ein besonde-
hüllen und Kindergartentaschen Absatz fin- res Einzelstück in den Händen. Do it yourself (DIY)
den. Doch Hauptmotiv für das Selberwerkeln steht also ganz im Zeichen der Individualisierung.
ist meist nicht der Wunsch, Geld zu sparen Mit dem selbstgeschnitzten Messerblock können die
oder einzunehmen. Nur die wenigsten kön- Bastler ihre persönlichen Spuren in der Welt hinter-

74 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


lassen. Beim Selbermachen wird folglich auch das mehr Jugendliche und neuerdings auch Männer, die
Sendungsbewusstsein der Menschen angesprochen. stricken und sich etwa im Strick-Blog Maleknitting
Einen großen Unterschied zum Arbeitsalltag stellt dazu austauschen.
die Tatsache dar, dass man es beim DIY mit einem Hinzu kommt, dass die kreativen Selbermacher
abgeschlossenen Arbeitsvorgang zu tun hat. Das Pro- Zugang zu einer verloren geglaubten Welt finden.
dukt ist irgendwann fertig und darf bewundert wer- Kenntnisse über die Herstellung der Dinge werden
den. Das Ende des Arbeitsprozesses ist absehbar, es wieder ins Bewusstsein gerufen: Wo kommen Nu-
kann selbst herbeigeführt werden. Keine endlos deln und Sommerkleider her, und wie entstehen sie?
scheinenden Aufgaben, die einen bis in den Schlaf Verschüttete Zusammenhänge werden wiederent-
verfolgen. deckt und zelebriert. Wer selbst werkelt, wird stärker
Den immer komplexer werdenden geistigen Vor- in den Produktions- und Designprozess integriert.
gängen im Arbeitsleben wird eine simple, einfache So kann Kontrolle über die eigene Welt (wieder)er-
und handfeste Tätigkeit entgegengesetzt. Wer eine langt werden. Im Joballtag erkennen immer weniger
Hecke pflanzt, konzentriert sich auf diese eine Hand- Menschen die Wirksamkeit ihrer Arbeit und die
lung. Da gibt es kein hektisches Hin-und-her-Sprin- Wichtigkeit ihrer Handlungen, da sie selbst nur einen
gen zwischen verschiedenen Aufgaben, kein Gleich- kleinen Teilbereich einer großen Aufgabe bearbeiten.
zeitigtun. Damit können die DIY-Hobbys beim In- Im eigenen Garten dagegen sind sie selbst die Bau-
nehalten in schnelllebigen Zeiten helfen. Sie bilden herren und genießen das Gefühl, Einfluss nehmen
ein Gegengewicht zur beschleunigten Gesellschaft. zu können.
Zeit wird bewusst „verschwendet“. Und dennoch Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit stehen
muss man sich am Ende des Tages nicht fragen, was beim Selbermachen also im Vordergrund. DIYler
man eigentlich gemacht hat und wo die Stunden hin werden von der Fantasie einer gewissen Autarkie an-
sind. getrieben. Die Vorstellung, dass man ganz allein für
Ein weiteres Manko der Schreibtischarbeit: Gleich sich selbst sorgen könnte, wird durch das Sel-
mehrere unserer fünf Sinne verkümmern dabei. In bermachen beflügelt. Unsere Welt ist durch
der heutigen Smartphone- und Tabletwelt findet ei- das World Wide Web und die Globalisie-
ne Entfremdung vom sinnlichen Erleben statt. Doch rung immer größer und grenzenloser
beim Basteln und Bauen haben die DIYler endlich geworden – beim Werkeln wird sie
wieder sinnliche Erfahrungen: Statt ausschließlich durch den Rückzug ins Private wie-
Maus und Tastatur zu berühren, dürfen sie mit den der begrenzt. Die Selbermacher
Fingern über ungehobeltes Holz fahren, die Hände sind nicht mehr nur davon abhän-
im Teig oder in der feuchten Erde vergraben, statt gig, sich an Produkten des Mark-
ILLUSTR ATIONEN: SABINE KR ANZ

angestaubter Akten riechen sie frischen Lack, Laven- tes zu bedienen, sie können auch
del oder selbstgebrannten Lorbeerschnaps. Das Er- Produkte in den Markt einstellen.
leben mit allen Sinnen steht im Vordergrund und Das eingefahrene Machtgefüge
nicht die Reduzierung des menschlichen Körpers auf zwischen Produzent und Konsu-
Gehirn, Hände und Augen für die Bildschirmarbeit. ment wird für einen kurzen Mo-
Und so wundert es nicht, dass es nicht mehr nur ment ausgeglichen: Der
Hausfrauen und Großmütter sind, die stricken und „Prosument“ ist gebo-
einwecken. Seit einigen Jahren sind es auch immer ren. DIY-Fans reagieren

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 75


Selbermachen lohnt sich auch
für die Industrie. Die Do-it-yourself-
Bewegung wird kommerzialisiert

nicht mehr nur auf die Angebote des Marktes. Sie Und wer sich von sinnlichem Erleben entfremdet
formulieren ihre Bedürfnisse wieder selbst. fühlt, vom Büroalltag gestresst und erschöpft ist, dem
In einigen Bereichen wird der Markt sogar maß- kann das Stricken und Einwecken bei Sinnsuche und
geblich vom Selbermachtrend beeinflusst, etwa bei Entspannung helfen. In der Freizeit etwas selbst her-
Kleidung und Dekoartikeln. Vor allem aber wächst zustellen kann als optimales Gegengewicht zu Dau-
der Bedarf an DIY-Anleitungen, an Rohstoffen für erbereitschaft, Multitasking und Bildschirmarbeit
die Bastler und an vorgefertigten Nähsets zum Fer- angesehen werden.
tigstellen für zu Hause. Der Gesamtmarkt für Hand- Doch taugen diese Tätigkeiten tatsächlich zum
arbeitsbedarf ist 2012 um 15 Prozent gestiegen. Der Entspannen? Stellen sie dann vielleicht sogar eine
Umsatz der Edition Fischer, die auf Ratgeber für Möglichkeit der Prophylaxe für Menschen dar, die
Hobbykünstler spezialisiert ist, steigerte sich in den von Burnout bedroht sind? Der Diplompsychologe,
Jahren 2012 und 2013 um ganze 60 Prozent. Psychotherapeut und Erste Vorsitzende der Deut-
Das Selbermachen lohnt sich also auch für die schen Gesellschaft für Entspannungsverfahren, Björn
Industrie. Es findet eine regelrechte Kommerziali- Husmann, sieht Chancen für das Erholen durch das
sierung der DIY-Welt statt. Und so kostet manches Selbermachen: „Menschen empfinden selbstbe-
Nähgarn mehr als ein Kinder-T-Shirt im Kleidungs- stimmte Aktivitäten als erholsam, die eine angeneh-
geschäft um die Ecke. Die „Autarkie“ muss zum Teil me, persönlich erwünschte Herausforderung darstel-
also ein Traum bleiben. Die meisten DIYler werden len, die neben Freude, Erfüllung und Entspannung
ja durch die unternehmerischen Angebote überhaupt auch ein Ruhegefühl vermitteln, weil sie Gedanken –
erst in die Lage versetzt, Produkte selbst zu gestalten. zum Beispiel an die Arbeit – in den Hintergrund
Wer aber von der Modeindustrie enttäuscht ist und treten lassen.“
sich ärgert, dass es in der Kinderabteilung nur noch Aber auch hier ist Vorsicht geboten, denn sonst
Kleidung in Rosa und Hellblau gibt, der kann – Zeit droht die „Erholungskur“ ins Gegenteil umzuschla-
und Geld vorausgesetzt – Produkte nach seinen ei- gen: Insbesondere Mütter erleben, wie der DIY-Trend
genen Wünschen kreieren. nicht notwendigerweise zur Gesunderhaltung bei-
trägt, sondern diese sogar gefährden kann – wenn
er zum Zwang wird. Alles Selbstgebastelte, -gekoch-
te und -gebackene wird in der Mütter-Community
als erstrebenswert dargestellt. Die Bewertung ande-
rer Mütter, ihr Ansehen in Kita und Schule hängt
allzu oft ausschließlich von dem Kriterium „aufwen-
dig selbstgemacht“ ab. Die Prämisse ist dabei: Was
keine Zeit kostet, ist auch nichts wert. Der DIY-Auf-
gabenkatalog für Mütter ist umfangreicher denn je:
Einladungen zu Geburtstagen & Co, Schultüten, Kos-
tüme, Fotokalender und vieles mehr. Babytagebücher
sollen geschrieben, Fotocollagen geklebt, Freund-
schaftsbücher ausgefüllt, Schwangerschaftsbauch-
und Babyhandabdrücke gefer-
tigt werden. Brei aus dem
Gläschen gilt als verpönt.
Die Torten für Kinderge-
burtstage in Schlangen-, Pi-

76
ratenschiff- oder Baggerform lassen selbst gelernte den ist: die besinnungslose Betriebsamkeit. So nutzen
Konditoren vor Neid erblassen. Mütter, die zum Kin- Berufstätige häufig jede Pause, jede Warteschleife,
dergartenfest nur Tiefkühldonuts beisteuern, werden um sie mit sinnvollen Tätigkeiten zu füllen und den
ausgegrenzt und belächelt. Der immer mitschwin- Output noch zu steigern. Viele haben Schwierigkei-
gende Vorwurf, keine gute Mutter zu sein, sitzt wie ten, Pausen mit Müßiggang und Tagträumen zu ver-
ein tiefer Stachel im Selbstbewusstsein. bringen. Und gerade diese Personen verbringen dann
Die neue Hausfraulichkeit, die bei den DIY-Müt- ihre Freizeit oft mit DIY-Tätigkeiten, um auch hier
tern ausgerufen wurde, ist nicht nur anachronistisch, keine Minute „ungenutzt“ verstreichen zu lassen.
sondern macht die Frauen auch unzufrieden und Wer Selbstbestimmung, konzentriertes Arbeiten
unglücklich. Der Zeitaufwand, den das Kochen, Ba- und Feierabendgefühle am Arbeitsplatz vermisst,
cken, Nähen und Basteln mit sich bringt, ist enorm. dem wird auf lange Sicht nicht helfen, in seiner Frei-
Zeit, die Mütter gut gebrauchen könnten, um ein zeit Stühle zu restaurieren und Sonnenblumen zu
paar Minuten für sich zu haben oder auch um wieder pflanzen. Das Selberwerkeln sollte nicht zum Ver-
in den Beruf einzusteigen. Insofern zementiert der drängungsinstrument werden. Denn DIY-Aufgaben
DIY-Trend die traditionellen Geschlechterverhält- können das Hamsterrad nicht wirksam und dauer-
nisse. Berufliches Engagement wird für die Selber- haft entschleunigen. Wer am Arbeitsplatz seine Zu-
machmütter deutlich erschwert. Wer zu Hause stun- friedenheit und Gesundheit gefährdet sieht, sollte
denlang an der perfekten Torte bastelt und mit al- sich nicht ins Heimwerken flüchten, um Stress und
lerlei DIY-Projekten beschäftigt ist, hat keine Zeit Belastungen zu verdrängen. PH
mehr, berufliche Herausforderungen anzunehmen.
Diese neue Hausfraulichkeit bewirkt also einen anti-
emanzipatorischen Rückzug ins Private.
Weshalb basteln, backen und kochen die Mütter
Christina Mundlos, Jahrgang 1982, ist Soziologin und Germanis-
dann? Warum lassen sie sich unter Druck setzen? tin. Sie ist Referentin im Gleichstellungsbüro und Leiterin des
Mütter werden auch heute noch fast ausschließlich Familienservicebüros der Leibniz-Universität Hannover. Im Jahr
2012 erschien ihr Buch Mütterterror – Angst, Neid und Aggres-
über ihre Mutterschaft definiert. Die Ansprüche an
sionen unter Müttern.
die Mutterrolle sind ins Unermessliche gestiegen.
Und so erleben sie sich permanent als defizitär, ha-
ben Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen. Da- LITERATUR

her versuchen Mütter sich selbst aufzuwerten, indem Helmut Gold, Annabelle Hornung, Verena Kuni und Tine Nowak
(Hg.): DIY – Die Mitmach-Revolution. Ventil, Mainz 2011
sie auf den DIY-Zug aufspringen – und sogar andere
Stephan Grünewald: Die erschöpfte Gesellschaft. Campus, Frank-
Mütter damit unter Druck setzen. furt a. M. 2013
Grundsätzlich bieten DIY-Tätigkeiten zwar posi- Angela McRobbie: Feminism and the new ‘mediated’ materna-
tive Entspannungseffekte für Personen, die Selbst- lism: human capital at home. Feministische Studien, 31/1, 2013,
136–143
bestimmung sowie echten Stolz auf ihre Arbeit ver-
Christina Mundlos: Mütterterror – Angst, Neid und Aggressionen
missen und eine Auszeit von Multitasking und Dau- unter Müttern. Tectum, Marburg 2013
erbereitschaft brauchen. Doch das eifrige Selberwer- Birgit Richard, Alexander Ruhl (Hg.): Konsumguerilla – Wider-
keln sollte nicht überdecken, was im Berufsleben und stand gegen Massenkultur? Campus, Frankfurt a. M. 2008
Alltag für viele längst zur großen Belastung gewor- Bärbel Wardetzki: Weiblicher Narzissmus. Kösel, München 2004

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 77


PEHNTS ALLTAG

VERNETZT –
GANZ OHNE INTERNET

Sich vernetzen wollen alle. Bei schaut wie wohin, wer sagt was zu wem,
mir ist es etwas anders: Ich muss was ist damit gemeint, und was könnte
es tun. Ganz ohne Internet. Heute auf und sollte ich tun. Also saß ich hellwach,
langer Zugfahrt wieder gespürt: Zwischen meine Ränder flirrend und zu allen Seiten
mir und allen anderen ist ein dichtes Netz hin sich ausdehnend, im Großraum-
geknüpft, Fäden, die sich nie abstreifen wagen.
lassen. Andere schlafen unbehelligt, mit Kaum fuhr der Zug an, war ich vernetzt.
halbgeöffnetem Mund, eine Nackenrolle Das Kind mir schräg gegenüber spürte es
im Genick. Oder sie reden. Essen. Stre- sofort. „Mama“, sagte es fragend und zeig-
Die Schriftstellerin
cken sich aus. Ich kann das nicht. Meine te mir sein Polizeiauto. „Polizei“, sagte
Annette Pehnt
Kaugeräusche könnten meine Sitznach- (u.a. Chronik der Nähe,
ich und versuchte noch, meinen Blick auf
barin stören. Beim Schlafen könnte mein Piper 2012) schreibt die Zeitung zu senken, aber es war unver-
Bein auf den Gang rutschen und den Bre- jeden Monat in meidlich. „Polei“, lachte das Kind, kam
zelverkäufer stören. Sogar das Zeitungle- PSYCHOLOGIE HEUTE zu mir und schob das Polizeiauto laut
sen könnte missverstanden werden, sig- über ihre Alltags- brummend über meinen Oberschenkel
nalisiert mir das Netz, das mich sekünd- beobachtungen und den Kulturteil der Zeitung. Ich hob
lich mit Informationen versorgt: Wer www.annette-pehnt.de den Blick, gleich zogen meine Fäden in

78 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Auch als E-Book
die richtige Richtung. Da saß die Mutter, Der Faden zwischen mir und ihr war dies-

erhältlich
blass, Kaugummi kauend, Augen halb ge- mal aus fein gesponnenem Honig; sie hat-
schlossen. Sie wollte nur schlafen, und sie te gesehen und verstanden, was ich tat, sie
wollte, dass ich mit ihrem Kind spielte. wusste, dass dieses Kind niemals im Leben
Das Kind wollte es auch. Mein Netz sagt einen echten Wombat zu Gesicht bekom-
mir nicht, was ich tun soll, das kann ich men würde, dass ich aber versucht hatte,
schon selbst entscheiden, aber es ist aus ihm hier auf meinem Schoß rasch ein Tür- Harald-Alexander Korp
sehr klebrigen Fäden gesponnen, die sich chen zur Welt zu öffnen, dass ich stolz AM ENDE IST NICHT SCHLUSS MIT LUSTIG
manchmal anfühlen wie Honig, manch- darauf war und zu Recht, dass wir nicht Humor angesichts von Sterben und Tod
Mit Illustrationen von Karl-Horst Möhl
mal wie Teer. Die Fäden führten meine aufgeben dürfen, in der Welt kleine Türen
256 S. / 30 Karikaturen / Klappenbroschur
Hand zum Polizeiauto. Das Kind grinste zu öffnen, auch wenn sie sich sofort wie- € 19,99 (D) / € 20,60 (A) / CHF* 28,50
mich an. „Der muss ganz schnell fahren“, der schließen. Am liebsten hätte ich ihr ISBN 978-3-579-07034-6
sagte ich, „schau mal“, und ich ließ das laut gedankt. Krankheit, Sterben und Tod – da gibt es nichts
Auto mit lautem Sirenenheulen über die Da kam schon die Durchsage. Ich muss- zu lachen, oder? Harald-Alexander Korp sieht
Zeitung, das Klapptischchen und den te aussteigen und hob das Kind von mei- Humor als Widersacher der Angst: Lachen
Bauch des Kindes fahren. Das Kind quiek- nem Schoß. Fast hätte ich mich von allen wirkt entspannend, hilft Sprachlosigkeit zu
te. „Mama nell“, sagte es und richtete sich im Netz verabschiedet, das passiert mir durchbrechen, schafft Erleichterung und hilft,
Sterben und Tod besser zu bewältigen. Ein
gemütlich neben mir ein. öfter. Stattdessen winkte ich nur dem Kind
Ermutigungs-Buch für Sterbende, Angehöri-
Wir machten Autojagden, fingen Ver- zu. Aber es drückte sich ans Fenster, schau- ge und Pflegepersonal.
brecher, hatten Luft- und Bodeneinsätze, te auf die langsamer werdende Landschaft
und dann war das Polizeiauto müde und und hatte mich schon vergessen. Ich löste
musste geparkt werden, und meine Arbeit mühsam alle erforderlichen Fäden und
musste getan werden. Ich klappte den Lap- stieg in Oldenburg aus. Jetzt musste ich
top auf, nickte dem Kind zu und sagte erstmal eine rauchen, auf dem Bahnhofs-
bestimmt: „Jetzt muss ich arbeiten.“ Be- vorplatz, ganz in Ruhe. Ich stellte mich an
geistert krabbelte das Kind auf meinen die rote Sandsteinwand, auf die sogar ein
Schoß. „Pjuta!“, rief es und fasste auf den Streifen blasse Wintersonne fiel, und
Bildschirm. schloss die Augen. Aber es half nicht. Schon
Die Mutter öffnete ein Auge und starr- schlug mein Netz Alarm. Ein neuer Faden
te mich an. Der Blick war, sagte mir mein entstand, ob ich wollte oder nicht. Noch
Netz, eine komplizierte Drohung. Sie hat- war er hauchdünn, gewann aber sekünd-
te etwas damit zu tun, dass ich ausgeruht lich an Stärke. Erschöpft öffnete ich ein
und frei aussah und sie nicht; dass ich ei- Auge. Da kam jemand auf mich zu, ein
nen schwarzen schmalen Pullover trug Obdachloser, der wie ich auf dem Bahn-
und sie nicht; dass ihr Kind mich nur zwei hofsplatz herumstand. „Hast du eine?“,
Stunden lang behelligte und sie für immer. sagte er und winkte mit dem Feuerzeug.
Angelika Thaysen
Seufzend lud ich ein paar australische Jetzt wollte ich eigentlich gar nicht mehr ICH STEHE DIR BEI
Tierbilder hoch und diskutierte mit dem rauchen. Aber ich tat es doch und lehnte Sterbenden und ihren Angehörigen tröstend
Kind Wombats und Kängurus. Jetzt hat mich wieder an die Wand, während er sich begegnen
159 Seiten / kartoniert
es etwas gelernt, dachte ich, und mein Netz neben mich setzte und anfing, € 14,99 (D) / € 15,50 (A) / CHF* 21,90
gratulierte mir zu dieser didaktischen von seinem Leben zu erzählen. ISBN 978-3-579-07304-0
Großtat, und dass ich mir darauf ja nichts
ILLUSTR ATION: MAGDA WEL

Dieses Buch hilft allen, die beruflich oder im


einbilden solle, schob es gleich noch hin- privaten Umfeld in der Betreuung von schwer
terher. Zugleich signalisierte es mir neue Kranken und Sterbenden und deren Angehö-
Informationen. Wieder hob ich den Blick. rigen engagiert sind, mit einer Fülle von prak-
Ich sah direkt in die klugen Augen einer tischen Anregungen. Zahlreiche Beispiele aus
der Erfahrung der Verfasserin machen das
älteren Dame mit einem grauen Kurzhaar-
Vorgestellte anschaulich.
schnitt und einer randlosen Lesebrille.
GÜTERSLOHER
VERLAGSHAUS
PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 79
www.gtvh.de *empf. Verkaufspreis
BUCH&KRITIK REDAKTION: KATRIN BRENNER-BECKER

S.81

S.82

S.82

S.82

S.84

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S.88

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80 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Mein lieber Frollege
Gleichgesinnte sind oft nur ein paar Mausklicks
enfernt. Doch sind das bereits „Freunde“?
Susanne Lang analysiert Freundschaften 2.0

Hamburg oder Berlin? Diese Frage bringt ist – und aus Freunden immer häufiger Freundschaft
Susanne Lang ins Grübeln. Ihr Mann hat Lebensabschnittbegleiter macht? Lang
einen Job in Hamburg angetreten, nun skizziert eine kurzweilige Kulturgeschich- in Zahlen:
überlegt die Berlinerin, mit den Kindern te der Freundschaft von Michel de Mon-
nachzukommen. Doch was ist mit den taigne bis Eva Illouz und stellt dabei fest,
Freunden? Gibt’s die auch in Hamburg? dass das romantische Ideal der innigen 77 Prozent der
Und wie geht das überhaupt, neue Freun- Seelenverwandtschaft längst auf dem
de finden? Ein guter Anlass für die Jour- Rückzug ist. Stattdessen hält der Pragma-
Deutschen haben
nalistin, mal grundsätzlich über das The- tismus Einzug in die Freundschaften. einen festen
ma Freundschaft nachzudenken. Dabei „Freunde kommen und gehen“, erklärt
kommt sie schnell zum Ergebnis: In der Lang. „Aus dem Kollegen kann ein enger Freundeskreis
postmodernen Gesellschaft ist die „Freun- Freund werden. Und umgekehrt.“ Wenn
de-Frage“ weitaus komplizierter als ge- der Kollege zum Freund wird, spricht Lang
dacht. vom „Frollegen“. Und das muss nichts
Im Durchschnitt
Es ist nicht leichter geworden, Freund- Schlechtes sein. haben wir
schaften zu führen. In Zeiten steigender Dass Freundschaften allerdings ein gu-
Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderun- ter Ersatz für die Familie sind – wie im 3,3 echte und
gen und der vielzitierten Rushhour des Untertitel „Warum der Freundeskreis
Lebens verlieren Menschen sich nun mal heute die bessere Familie ist“ behauptet –, 130 Facebook-
schneller aus den Augen. „Zum Problem schreibt Susanne Lang nirgendwo. Statt- Freunde
wird in unseren Zeiten ein Umstand, auf dessen stellt sie fest, dass sich auch die
den wir selbst nur bedingt Einfluss haben“, postmoderne Familie den Freundschaften
erklärt Lang. „Gute Freundschaften brau- annähert, indem sie zwar weniger auto- Wer umgeben
chen Zeit. Sie müssen sich entwickeln kön- ritär, aber auch weniger bindend ist. Ob
nen, vielleicht nicht ein Leben lang, aber das eine gute Errungenschaft ist, da ist von Freunden
doch über mehrere Lebensabschnitte hin- sich Susanne Lang nicht so sicher. Denn
weg. Mit jedem Umzug, Arbeitsplatz- einen Frollegen für jede Lebenslage muss
alt wird, hat eine
wechsel, neuen Partner oder Kind steigt man erst mal finden! ANNE-EV USTORF
um 22 Prozent
die Wahrscheinlichkeit, dass auch das
Verhältnis zum sonst so einzigartigen höhere Lebens-
Freund leidet.“ Einerseits. Andererseits
erweist sich das Internet inzwischen als erwartung
gutes Mittel, um Freundschaften auch
über große Distanzen weiterzuführen –
und neue Kontakte zu knüpfen. Dank so-
zialer Netzwerke und Onlinecommunitys
Susanne Lang: Ziemlich
finden sich Gleichgesinnte innerhalb we- feste Freunde: Warum der
niger Mausklicks, was Lang durchaus gut Freundeskreis heute die
findet. bessere Familie ist.
Blanvalet, München 2014,
Doch was bedeutet Freundschaft für 191 S., € 16,99
uns heute überhaupt, in einer Gesellschaft,
die zunehmend von fragmentierten Be-
Leseprobe in der App
ziehungs- und Berufsbiografien geprägt

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 81


Sex – die ganze
Wahrheit!?
Drei Bücher beleuchten das
menschliche Sexualleben in all
seinen Facetten

„Raum ist in der


kleinsten Hütte
für ein glücklich
liebend Paar“ –
wusste schon
Friedrich Schiller

„Sex ist zu einem Hintergrundrauschen Der Spagat zwischen Unterhaltung und le und Vetternwirtschaft manchmal wich-
unseres Alltags geworden“, so der Publizist wissenschaftlicher Faktenpräsentation tiger als experimentelle Daten.“ Beispiele
Jean-Claude Guillebaud. Andererseits, so misslingt. Nicht nur, weil er sich im Ton für diese kühne These fehlen völlig. Die
Volkmar Sigusch, Doyen der deutschen vergreift und seine Leser duzt. Durchaus Geschichte der wissenschaftlichen For-
Sexualwissenschaft, sind wir „sexuell im- ironisch-amüsant wirken seine Berichte schung, wie sie hier präsentiert wird, be-
mer noch eine weitgehend unwissende über die Teilnahme an Tantrakursen, Be- steht fast nur aus Lücken. Freud wird in
Gesellschaft“. Nun breitet der Wissen- suchen in Swingerclubs oder bei Porno- einem einzigen Satz abgekanzelt.
schaftsjournalist und Biochemiker Pere darstellern. Doch wenn diese Erfahrungen Auch wenn man möglicherweise ak-
Estupinyà „die ganze Wahrheit“ über Sex eingeordnet werden, wird der Leser mit zeptieren muss, dass heute zur ganzen
aus. Mehr nicht? Das Angebot ist reich- Informationen, Daten und Namen über- Wahrheit über Sex nicht mehr die kultu-
haltig: Sex im Gehirn, in der Psyche, im schüttet. Es fehlt eine Struktur, die vielen relle Diagnose oder die Frage nach den
Bett, in der Arztpraxis, in der Natur und Forschungsdetails zu verstehen. gesellschaftlichen Ursachen individueller
der Evolution, so die Kapitel. Gelegentlich drängt sich der Eindruck Triebschicksale gehört: Dies ist ein ober-
Estupinyà will die Erkenntnisse über auf, dass es darum geht, sexuelles Verhal- f lächliches, ignorantes, geschwätziges
Sexualität multidisziplinär „bio-psycho- ten im Hinblick auf eine Störung einzu- Buch.
sozial“ zusammenführen. Bei allem „Re- ordnen. Andererseits wird die Sexualme- Sex – oder lieber Cybersex? Unter Cy-
spekt vor der wissenschaftlichen Bot- dizin als Ganzes entwertet: „Ich denke, bersex versteht man „computervermittel-
schaft“ möchte er jedoch „auch unterhal- die Sexualmedizin hat noch einen weiten te zwischenmenschliche Interaktionen,
ten, überraschen und Anregungen ge- Weg vor sich, bis sie als seriöse Wissen- bei denen die beteiligten Personen offen
ben“. schaft anerkannt ist. Noch sind Vorurtei- sexuelle Erregung und Befriedigung su-

Pere Estupinya: Sex – Die Agatha Merk (Hg.): Faramerz Dabhoiwala: Lust
ganze Wahrheit. Aus dem Cybersex. Psychoanaly- und Freiheit. Die Geschich-
Spanischen von Marter tische Perspektiven te der ersten sexuellen
Inka und Silke Kleemann. Psychosozial, Gießen Revolution. Aus dem
Riemann München, 2014, 2014, 257 S., € 29,90 Englischen von Hainer
543 S., € 19,99 Kober und Esther Kober.
Klett-Cotta, Stuttgart 2014,
536 S., € 29,95
Leseprobe in der App

82 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


chen, während sie einander digitale Bot- die englische Aristokratin Margaret Ca-
schaften übermitteln“, so die Psychologin vendish, dass eine vorehelich „besudelte
und Internetforscherin Nicola Döring. Frau auf der Stelle von ihren Verwandten
Der von Agatha Merk herausgegebene getötet“ werden müsse. Allerdings war die
Sammelband Cybersex untersucht das Sexualmoral in dieser Umbruchzeit schon
Phänomen aus psychoanalytischer Sicht. zerbröckelt. Geistliche verkündeten, dass
Internetsexualität sei inzwischen ein sich die Prostitution unvermeidlich, vielleicht
Herausgegeben
dynamisch entwickelnder Forschungsge- sogar nützlich sei, falsche Eheversprechen
von Wulf Bertram
genstand. Die Beiträge in diesem Band gut situierter Männer waren an der Ta-
zielen darauf, zu verstehen, welche unbe- gesordnung. Sex wurde in geselliger Run-
wussten Bedeutungen Aktivitäten im In- de zelebriert. Gleichzeitig wurde das se-
ternet haben können, welche Funktionen xuelle Verhalten der englischen Landbe-
sie im psychischen Leben erfüllen und wie völkerung bis ins 18. Jahrhundert mittels
das Phänomen in psychoanalytischen Be- eines ausgetüftelten Repressionsapparates
handlungen bearbeitet werden kann. stark überwacht.
Ein Schwerpunkt ist der Konsum und Vorangetrieben hätten diesen Wandel
die Wirkung von Internetpornografie. Die in den Vorstellungen über Sexualität die
Psychoanalytikerin Ilka Quindeau fragt geistigen und gesellschaftlichen Umwäl-
in einem herausragenden Beitrag, was den zungen im Verlauf der englischen Revo-
Reiz von Internetpornografie ausmacht lution und der industriellen Entwicklung.
und welche Funktionen sie für sexuelle Allerdings war sexuelle Freiheit eine Fra-
Lust hat. Sie hat beobachtet, dass immer ge der Klassenzugehörigkeit und patriar-
mehr Patienten – selten Patientinnen – in chaler Machtstrukturen. „Am fundamen-
Analysen über ihre Pornoerfahrungen im talsten war das patriarchalische Prinzip, Manfred Spitzer
Netz berichten. Das sexuelle Begehren, so
ihre Deutung, antworte auf frühkindlich
nachdem jede Frau Eigentum von Vater
und Ehemann war, sodass jeder Fremde,
Denken –
angeeignete Szenen des Begehrtwerdens der Sex mit ihr hatte, eine Art Diebstahl zu Risiken und Nebenwirkungen
durch die Mutter oder andere primäre Be- beging und ihren Verwandten eine schwe- Beim Denken tun sich meistens neue Hori-
zugspersonen. Für die notwendige Fort- re Kränkung zufügte.“ zonte auf, doch es lauern auch alte Fettnäpf
und Umschreibung dieser Verführungs- Wie sich die Debatte um Sexualmoral chen: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen
erfahrungen, insbesondere der „zentralen verschob und radikalisierte, bis sich Sie dieses Buch oder fragen Sie Ihren Neuro-
Onanieerfahrung“, biete Pornografie Bil- schließlich die Auffassung durchsetzte, wissenschaftler und Psychiater!
der. „Die pornografischen Angebote im „Heirat und Keuschheit seien nur erdach- Manfred Spitzer ist Phänomenen des Alltags
Netz liefern somit nicht einfach nur se- te Konventionen“, schildert der Historiker auf der Spur und zeigt anhand neuester wis-
senschaftlicher Erkenntnisse auf welche
xuelle Erregung, sondern tragen zugleich aus Oxford anschaulich und detailreich. Bedeutung Geist und Gehirn für unser Leben
zu deren Verarbeitung bei.“ „Pornografie- Ein Nachteil dieser spannenden Kul- h b
konsum“ sei auch eine Antwort „auf die turgeschichte ist die Beschränkung des
Warum hat man beim Joggen immer die bes
rätselhaften Botschaften aus frühester Themas auf England – was aus dem Titel ten Ideen? Denken Frauen wirklich anders als
Kindheit“. nicht ersichtlich ist. Es fehlt eine Skizze Männer, Chinesen anders als Europäer? Und
Alle Beiträge dieses auch für interes- der Entwicklung in Europa und eine deut- wenn ja, warum? Sind Krankenhausaufent-
sierte Laien lesenswerten Bandes sind von lichere Verschränkung mit der ökonomi- halte oder unsichere Partner gefährlich, was
macht eine Scheidung mit den Chromosomen
einer unvoreingenommenen Betrachtung schen Entwicklung. Das Buch spiegelt vor
der Kinder, was eine Chemotherapie mit dem
des Themas geprägt. Unterbelichtet ist allem das Leben der gebildeten Mittel- und
weiblicher Cybersex. Die Fragen, weshalb Oberklasse – die Situation der Unter- mal die „rosarote Brille“ aufsetzen? Schadet
„gute Mädchen“ offenbar wenig Porno- drückten bleibt unterbelichtet. ein zu idealistisches Bild vom Partner nicht
grafie konsumieren oder was die Darstel- Sex ist eine universelle menschliche d B i h ?
lung von Pornografie mit Frauen macht, Praxis – eine Banalität, könnte man mei- 2014. Ca. 276 Seiten, 59 Abb., 14Tab., kart.
Ca. € 19,99 (D) / € 20,60 (A) | ISBN 978-3-7945-3105-9
werden nicht beantwortet. nen. Doch der Umgang mit und die Be-
Irrtum und Preisänderungen vorbehalten. Abb.: © Fotolia

Den geschichtlichen Ursprüngen der deutung von Sexualität ist kulturell sehr
sexuellen Freizügigkeit spürt Faramerz verschieden – dies veranschaulichen alle
Dabhoiwala in seinem Buch Lust und Frei- drei Bücher. CHRISTINE WEBER-HERFORT

heit nach. Noch im Jahr 1662 verlangte

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


AUFGEBLÄTTERT

Es ist zu heiß, der Bettnach - Wir machen die Nacht zum


bar schnarcht, der Wasserhahn Tage. Die Welt wird durch
tropft, oder das Gedankenka- verschwenderische Elektrifi-
russell lässt sich nicht stoppen. zierung immer heller. Com-
Es gibt vieles, was einen um den putergrafiken auf Grundlage
Schlaf bringen kann. Schlaflose von NASA-Nachtaufnahmen
Nächte sind lang (Blanvalet 2014, € 7,99), das wissen alle, offenbaren, wie stetig sich
die ebenso wie die Protagonistin in Ysenda Maxtone Gra- das Licht seit Ende der
hams Buch die Zeit voranschreiten sehen und bis in die 1950er Jahre ausgebreitet
frühen Morgenstunden kein Auge zutun. Die Illustrationen hat. Die Nacht (Blessing 2014, € 22,99) ver-
von Kath Walker zeigen die schlaflose Protagonisten beim schwindet, stellt Paul Bogard in seinem gleich-
verbissenen (und erfolglosen) Schäfchen zählen, bei dem namigen Buch mit Bedauern fest. Er reiste vom
Versuch, die richtige Schlafposition zu finden oder beim hellsten Punkt der Erde, Las Vegas, bis zum
Zählen ihrer Toilettenbesuche in dieser einen durchwachten dunkelsten und zeigt auf, welche ökologischen
Nacht. Kein Ratgeber mit schlafdienlichen Hinweisen, son- und ökonomischen Folgen die zunehmende
dern eine amüsante Bettlektüre, in der sich von Schlaflo- „Lichtverschmutzung“ hat. Inzwischen wird
sigkeit Geplagte wiederfinden können. das Thema weltweit ernst genommen, und
Länder wie Frankreich oder Slowenien und
Städte wie Augsburg arbeiten daran, die Licht-
„Schade nur, dass für Recovery noch verschmutzung zu reduzieren – um eine Res-
kein griffiger deutscher Ausdruck gefun- source zu schützen, die nur noch an wenigen
den wurde“, beklagt Sibylle Prins im Vor- Orten zu finden ist: die Dunkelheit. Weltweit
wort des Buches mit dem programma- gibt es 24 Sternenparks, nachtdunkle Regi-
tischen Titel Die Hoffnung trägt (Balance onen, in denen man den Sternenhimmel ohne
2014, € 24,95). Die Herausgeber Michael Lichtverschmutzung sehen kann. Sternengu-
Schulz und Gianfranco Zuaboni lassen 25 psychisch er- cker finden den dunkelsten Ort Deutschlands
krankte Menschen zu Wort kommen. Die Geschichten ihrer in Gülpe im Havelland, etwa 70 Kilometer von
„Wiedergesundung“ – so könnte man Recovery überset- Berlin entfernt – der Ort wurde Anfang des
zen – sind sehr verschieden, haben aber eines gemeinsam: Jahres als erster deutscher Sternenpark aus-
Sie sollen anderen Menschen in psychischen Krisen Mut gewiesen. Mit bloßem Auge kann man von Gül-
machen. Folgt man den Berichten, ist die Liste wichtiger pe aus die Milchstraße ohne Streulicht erken-
Begleiter auf Recovery-Wegen lang: Tagebücher, Freunde, nen. Bessere Bedingungen als dort gibt es nur
gute Bücher, Humor, sinnvolle Arbeit, Haustiere, Natur, noch im afrikanischen Namibia oder in der
Selbsthilfegruppen und vieles mehr haben den Menschen Höhe Chiles.
in der Krise geholfen.

84 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Ein bisschen Wu-Wei
Edward Slingerland zeigt, wie man mit chinesischen
Denkern dem Hamsterrad permanenter Anstrengung
entkommen kann

Manchmal ist kaum etwas anstrengender, asiatische Studien das Wu-Wei-Prinzip


als sich nicht anzustrengen. „Lass doch zwar basierend auf altchinesischen Schrif-
mal locker!“, „Bleib cool!“, lauten dann ten, Geschichten und Anekdoten, richtet
gut gemeinte Ratschläge. Und obwohl je- den Blick dann jedoch auch auf Erkennt-
der schon einmal die Erfahrung gemacht nisse der westlichen Kognitionsforschung.
haben dürfte, so tatsächlich leichter ans Im Profisport und bei Künstlern sei
Ziel zu kommen, können wir oft nicht an- der Wu-Wei-Zustand wichtig, um Leis-
ders, als mit voller Konzentration und ge- tungen zu bringen, aber auch im Alltag
ballter Power loszustürmen. „normaler“ Berufe und im Privatleben,
Wie schwer entspannte Lockerheit sein etwa bei der Partnersuche, bei Hobbys
kann, zeigt ein Experiment: Beim Mind- oder ganz alltäglich beim Einschlafen. Das
ball tragen zwei Spieler ein Band mit Mess- ruhelos arbeitende Gehirn sorgt nämlich
elektroden um den Kopf. Das Gerät misst nicht immer für Bestleistungen; oft bringt
Gehirnwellen, die im entspannten Zu- anstrengungslose Spontaneität weiter,
stand entstehen. Je mehr ein Spieler davon weil in diesem Zustand kreative Ideen frei-
produziert, umso leichter kann er den Ball gesetzt werden. Dieser Aspekt spiele in der
ins Feld des Gegners steuern. Man kann westlichen Psychologie eine zu geringe
das Spiel in Wissenschaftsausstellungen Rolle, kritisiert der Autor.
ausprobieren, etwa im Phaeno in Wolfs- Slingerland rät, das typisch westliche
burg. Es ist sehr eindrucksvoll, zu beob- rational-analytische, zielgerichtete Den-
achten, wie enorm schwer es den meisten ken des Öfteren zugunsten von Gelassen-
Spielern fällt, sich zu entspannen, um zu heit und absichtsloser Spontaneität auf-
gewinnen – selbst nachdem man ihnen zugeben. Das setzt freilich Training vor-
das Prinzip erklärt hat. aus – ganz ohne Anstrengung funktioniert
Wie bei diesem Spiel komme es auch auch Anstrengungslosigkeit offenbar
im echten Leben darauf an loszulassen, nicht. Bei einer Runde Mindball kann
um – paradoxerweise – ohne Mühe mehr man seine verbesserten Fähigkeiten dann
zu erreichen, sagt Edward Slingerland. Das ja testen. Ganz entspannt, versteht sich.
passende Konzept findet er in der asiati- EVA TENZER

schen Philosophie, genauer dem Wu-Wei-


Prinzip, das von antiken chinesischen
Denkern entwickelt und perfektioniert
wurde. Nun ist die Masse asiatischer Le-
bens-, Business- und Karriereratgeber
kaum noch zu überblicken. Mit schöner
Regelmäßigkeit sollen wir via Zen oder
Edward Slingerland: Wie
Konfuzius zu mehr Glück und Erfolg kom- wir mehr erreichen, wenn
men. Jetzt also ein weiteres. Doch die Lek- wir weniger wollen. Das
türe lohnt durchaus, denn sie erschöpft Wu-Wei-Prinzip. Aus dem
Englischen von Bernhard
sich nicht im Wiederkäuen exotischer Kleinschmidt. Berlin,
Weisheiten, die mit der heutigen Lebens- Berlin 2014, 352 S., € 19,99
wirklichkeit herzlich wenig zu tun haben.
Leseprobe in der App
In seinem Buch erklärt der Professor für

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Ist Psychologie die
wahre Schlüssel-
wissenschaft unserer Zeit?
Mythos Marilyn
Über 50 Jahre nach ihrem Tod nähern sich Psycho-
analytiker der rätselhaften Schauspielerin aufs Neue

„Das Publikum war süchtig nach Marilyn, männlichen Analytikern, die sie gleich-
und Marilyn war süchtig nach ihrem Pu- sam mit ihrem angestrengten bis verstie-
blikum. Es gab ihr das Gefühl, etwas wert genen Begriffsapparat vergewaltigen, hin-
zu sein, jemand zu sein, aber dieser Je- ter dem sie zerlegt verschwindet.
mand war nicht sie. Oder nur zum Teil“, Schwer lesbar diagnostiziert August
schreibt die Wiener Schriftstellerin Ruth Ruhs „das schwere Los eines Mangels an
Cerha treffend in der Einleitung. Faszi- Existenzberechtigung“, noch komplizier-
niert waren vor allem Männer, vom GI an ter schreibt Sebastian Leikert über das
€ 15,95 D der Front bis zu ihren scheiternden Ehe- „Objekt“ seiner Deutung: „Daneben wird
Abonnenten von männern. Aber auch Filmbosse, die Ken- durch die Synchronisierung des apperzi-
zahlen € 13,– D
nedybrüder und schließlich die Promi- pierenden Körperselbst dem perzipieren-
psychoanalytiker, die ihr zum Teil an die den Sensorium eine Koordination des er-
Filmorte nachreisten, waren ihr sehr zu- lebenden Körpers erreicht, wie sie in den
getan. diskoordinierten Zuständen des Alltags-
265 Seiten, broschiert. ISBN 978-3-407-47240-3
Monroes letzter Therapeut, der Star- lebens verschlossen bleibt.“ Und schließ-
Auch als erhältlich analytiker Ralph Greenson, nahm sie gar lich entdeckt Andreas Jacke: „Monroe ist
bei sich auf und versuchte – bisweilen mit ein mediales Gespenst.“ Er findet: „Die
zwei Therapieeinheiten täglich – sie zu Frau wird aufgrund ihrer puppenhaften
Dreizehn der wichtigsten deut- heilen. Er scheiterte kläglich, ein umstrit- Maskerade, ihrer Verkörperung des Phal-
schen Psychologen erklären ihre tener Selbstmord war das bittere Ende ei- lus degradiert zur Simulation. Also … ist
Forschung und ihr Menschenbild. ner in jeder Hinsicht Süchtigen. Süchtig die Frau, insofern sie den Phallus hat, ei-
Und sie zeigen, wie die Psycholo- auch nach der Kamera, ein Ersatz für die ne reine Täuschung. … Das Phantasma
gie unser aller Leben verändern, Zuwendung der Mutter, die ihr fehlte. des Phallus enthält immer auch die voll-
Irene Bogyi hat eine Reihe von vorwie- zogene Kastration. Und gleichzeitig ver-
beeinflussen und verbessern wird.
gend psychoanalytischen Aufsätzen zu körpert die Frau den Phallus, um ihre
Mit Beiträgen von ✷ Tania Singer einem wichtigen Band vereinigt, deren Kastration zu verbergen.“ – Alles klar?
✷ Gerd Gigerenzer ✷ Jürgen besten sie selbst geschrieben hat. Sie schil- TILMANN MOSER

Margraf ✷ Hugo Schmale ✷ Leo dert ein Leben in Glanz und Elend, von
Montada ✷ Anke Ehlers ✷ Dieter Höhenflügen und Abstürzen, Illusionen
und Größenfantasien, in denen Monroe
Frey ✷ Ulman Lindenberger
zuletzt gar Greenson und die Psychoana-
✷ Andreas Kruse ✷ Harald Welzer
lyse kurieren wollte. Rühmenswert ist ihr
✷ Ute Frevert ✷ Ursula Staudinger politisches Engagement mit dem Einsatz
✷ Jürgen Wegge für Arme und Entrechtete.
Die Wiener Analytikerin bilanziert:
„Hat die Diva kein Publikum mehr, er-
lischt auch ihre Existenz.“ Sie verweist
Irene Bogyi (Hg.): Marilyn
klug auf die Rolle des Spiegels als Instru- Monroe – Wer? Psycho-
ment der Selbstwahrnehmung und zitiert analytische und kunst-
Lacans Theorie der frühen Selbstbegeg- wissenschaftliche Annähe-
Leseprobe auf rungen an den Mythos.
www.shop-psychologie-heute.de
nung im Spiegelstadium des Kleinkindes. Psychosozial, Gießen 2014,
Monroe hat die Männer verhext, war 236 S., € 24,90
aber gleichzeitig ihr missbrauchtes Opfer,
nicht zuletzt in den drei Aufsätzen von

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


Sagen Sie mal,
Herr Schmidbauer:
Geht’s auch
ohne Erotik?

Ist nicht generell nach ein paar Jahren aus jeder


erotischen Beziehung die Luft raus?
Dr. phil. Wolfgang Schmidbauer
Dieses absurde Vorurteil suche ich nicht nur zu ent- ist Diplompsychologe, Psychotherapeut
kräften, sondern zu verstehen – abgekürzt als eine und Buchautor in München
Art Flucht ins Nichts vor den Komplikationen einer
regenerativen, alltagsfesten Erotik. Erotik ist nicht
nur die wichtigste Quelle von Lust und gesteigertem Erotik ist ein Frühwarnsystem, heißt es in Ihrem
Selbstgefühl in unserem Leben. Sie kann auch Ritu- Buch. Ist Erotik wirklich der Gradmesser für die
ale zwischenmenschlicher Nähe und Bindung ermög- Qualität einer Beziehung?
lichen, die auf keinem anderen Weg so einfach und Ich würde sagen: ein wichtiger Gradmesser, aber ge-
tiefgründig geschaffen werden können. So finden wiss nicht der einzige. Der liebevolle Umgang im
Paare Wege, sich gegenseitig zu trösten und zu ent- Alltag ist das zentrale Kriterium stabiler Beziehun-
lasten, unter Umständen auch traumatische Erfah- gen; er wird durch Erotik erleichtert und intensiviert, Wolfgang Schmid-
bauers Buch „Das
rungen aus früheren Beziehungen zu neutralisieren. kann aber durch erotische Intensität allein auch nicht Rätsel der Erotik.
Was ist der Unterschied zwischen Sex und Erotik? ersetzt werden. Lust oder Bindung“
Sexualität ist ein handlungsorientierter, medizinisch Nicht wenige Menschen scheinen erleichtert zu ist im Kreuz-Verlag
erschienen.
getönter Begriff, er zentriert sich auf den Sexualakt, sein, wenn die Sexualität keine Rolle mehr in ih-
224 S., € 19,99
seine Abwandlungen und Vorspiele. Erotik hingegen rer Beziehung spielt. Oder wie Andy Warhol sag-
ist ein erlebnisorientierter Begriff; er zentriert sich te: „Wahre Freiheit gibt es erst, wenn man mit
auf die Fantasie, die in Menschen entsteht, wenn sie dem Sex durch ist.“
mit anderen Menschen als möglichen, aber auch un- Der Verzicht auf die Liebe kann uns vor Unglück
möglichen Sexualpartnern zu tun haben. bewahren, aber er raubt uns auch Glücksmöglich-
Sparsamer Sex spricht einer neuen Studie zufolge keiten. Im Übrigen ist wahre Freiheit dem Menschen
für eine feste Bindung und wenig Verlustangst … ohnehin nicht gegeben; sie gehört eher in das Reich
Wenn wir die erotischen Möglichkeiten der Hingabe der Größenfantasien. Die Wucht erotischer Wünsche
und der Ichlosigkeit ernst nehmen, verlieren Begrif- ist eine Quelle von Ängsten. Asketische Ideale sind
fe wie „Sparsamkeit“ ihren Sinn. Wer Koitusfrequenz so alt wie die geschriebene Geschichte. Ich glaube,
oder – wie Don Juan – die Zahl der Sexualpartner dass die Suche nach einem Mittelweg zwischen Über-
statistisch erfasst, hat das Wesentliche längst verlo- schätzung und Entwertung der Erotik fruchtbarer
ren. Richtig ist, dass hektischer Beischlaf eine Mög- und letztlich auch gesünder ist als die pure Askese.
lichkeit ist, Verlustängste für kurze Zeit zu übertönen. Wie könnten Paare, die darunter leiden, Erotik
Aber das hat mit einer erfüllten Erotik nichts zu tun. und Sexualität schon länger aufgegeben zu ha-
Warum ist es, wie Sie schreiben, „immer ein tra- ben, einen Neustart wagen?
gisches Ereignis, wenn aus einer Beziehung die Ich denke, es geht in solchen Fällen darum, die Krän-
erotische Anziehung verschwindet“? kungen und Ängste zu verstehen, die den Rückzug
Weil damit dem Paar ein wesentliches Ritual der Bin- eingeleitet haben. An sich ist es für zwei einander
dung verlorengeht und gleichzeitig die Angst abge- nahe Menschen mühevoller, keine Erotik zu erleben,
wehrt werden muss, dass eine erotische Beziehung als es zu tun; das setzt freilich voraus, dass die Nähe
außerhalb der Partnerschaft deren Zusammenhalt nicht als gefährlich erlebt wird.
gefährdet.

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 87


Themenheft
Schwierige
Jugendliche Die Ökonomisierung
der Medizin
Giovanni Maio plädiert für eine Heilkunst, die den
Patienten als Menschen, nicht als Kunden im Blick hat

Hannover, Mitte April 2014. Eine Frau aus Erweist sich eine Therapie als teurer als
Ghana soll von der Notaufnahme der Kin- geplant, ergibt sich daraus ein Verlust –
derklinik abgewiesen worden sein. Sie und für die Klinik das Risiko, langfristig
konnte keinen Überweisungsschein vor- mit rentableren, meist privat geführten
zeigen. Ihr Säugling stirbt eine Stunde Einrichtungen nicht mehr konkurrieren
später. Die Umstände sind unklar. Die zu können.
Krankenhausleitung weist alle Vorwürfe In diesem System geraten die Ärzte, so
Jetztabo zurück. Groß ist jedoch die Empörung Maio, in Gewissenskonflikte. Im Gegen-
PHreofbt e9-10 ! € der Medien. satz zu seinem Kollegen, dem Chirurgen
esetefürlle1n6,90
4 Hbeft ,80 € In der Öffentlichkeit hat sich die Sorge Michael Imhof, der kürzlich zur selben
9 um die ethischen Standards im deutschen Thematik das Pamphlet Eidesbruch ver-
Gesundheitssystem längst breitgemacht: öffentlichte, prangert der Autor seine
Haben Bürokratie und Kostensenkungs- Zunft nicht an. Mediziner seien keine hab-
maßnahmen das Prinzip der Fürsorge für gierigen „Götter in Weiß“, sondern gut-
„
Entwicklungsaufgaben im Jugendalter Kranke und Schwache ausgehöhlt? willige Helfer, die stets zwischen ihrer
„
Psychische Grundbedürfnisse bei Für Giovanni Maio ist die Antwort Rolle als Patientenanwälte und „Gesund-
Jugendlichen klar: Die Medizin wird zunehmend von heitsmanager“ zerrissen seien. Zeitdruck,
„
Kindeswohlgefährdung auch bei einer ökonomischen Logik gesteuert. In ständige Kontrolle und Rechenschafts-
Jugendlichen? seinem Buch beschreibt der Arzt und Phi- pflicht gehören zu einem Berufsalltag, in
losoph, wie die Gewinnerzielung zum lei- dem Disziplinierung unterschwellig statt-
„
Zentrale Aspekte bei der Beurteilung von
tenden Paradigma in Krankenhäusern findet.
Gefährdungen im Jugendalter
geworden ist. Dabei zählt nicht mehr die Während die einen den Sinn ihrer Be-
„
Wie junge Menschen zwischen den Linderung der Not als individuelles An- rufung aus den Augen verlieren, fühlen
sozialen Hilfesystemen verloren gehen liegen oder sozialer Auftrag, sondern eine sich die anderen von Buchhaltern und Bü-
„
Jugendliche in Hilfen zur Erziehung bloße wirtschaftliche Rationalität, die rokraten überwacht. Keine gute Voraus-
„
»SystemsprengerInnen« sind unterschied- Nutzen und Kosten abgleicht und auf Jah- setzung für eine teilnehmende Medizin,
lich und brauchen unterschiedliche sozial- resbilanzen fixiert ist. Die Folgen sind so die These des Buches. Die Beziehung
verheerend: „Es wird zwar alles angebo- zum Patienten mutiere in der betriebswirt-
pädagogische Settings und Haltungen
ten, was man anbieten kann, aber die Art schaftlichen Logik zum Kostenfaktor.
„
Freiheitsentziehende Maßnahmen der und Weise, wie die Untersuchungen und Besonders unbeliebt seien alte bezie-
Jugendhilfe – »Kinderknast« oder Therapien erfolgen, der Umgang mit den hungsweise chronisch kranke Menschen
Erziehungshilfe? Patienten ist in diesem Verrichten so, dass ohne klare Diagnose oder Heilungschan-
viele Patienten das Gefühl haben, nicht
Preis Heft 9-10/2014: € 9,80 zzgl. Versandkosten
wirklich gut versorgt zu sein.“
Am Ursprung dieser „Ökonomisie-
Bestellen Sie Heft 9-10 hier
+

Giovanni Maio: Geschäfts-


rung“ stehen für den Autor vor allem die modell Gesundheit.
Telefon 06201/6007-330 Begrenzung der Krankenhausbudgets seit Wie der Markt die Heilkunst
Mitte der 1990er Jahre und die Einfüh- abschafft. Suhrkamp, Berlin
Fax 06201/6007-9331
2014, 192 S., € 8,99
E-Mail: medienservice@beltz.de rung der sogenannten „DRG-Vergütung“.
Internet: www.juventa.de Im Vorfeld jeder Behandlung wird eine
Beltz Medienservice, Postfach 10 05 65, „Fallpauschale“ festgelegt, mit der das
D-69445 Weinheim Krankenhaus dann auskommen muss.

www.juventa.de
www.juventa.de JJUVENTA
UVENTA
88 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015
Antwor t ite pe r Fa x an 030
- 209 16 6 413
Se nd en Sie die se Se e Ad res se!
ten ste he nd
od er pe r Po st an un

ce: „Solche Patienten versucht man eher Patienten führen und so ihren ursprüng-
Wirtschaftspsychologie
zu meiden, indem sie beispielsweise unter lichen Auftrag – Hilfe und Zuwendung – aktuell
vorgeschobenen medizinischen Gründen wieder entdecken können.
einfach weitergeschickt werden.“ Die an- Maios Abhandlung ist ein mutiges, un- Werte verstehen
deren werden nach einem schemenhaft aufgeregtes Plädoyer für eine humanere
festgelegten Behandlungsablauf schnellst- Medizin. Sein Argumentationsstil ist zu-
möglich entlassen. Dass die Patienten aber weilen abstrakt und allgemein. Es fehlt
gleichzeitig „mündiger“ werden, weil sie im Buch insbesondere an konkreten Bei-
sich besser als früher informieren können, spielen und genauen Erklärungen für die
will der Autor nicht gelten lassen. Von erwähnten Missstände. Die „Politik“ als Ihr Vor
te
il: G esch
enk:
Sie sp S c hwe
are „Leade rpunk t
demjenigen, der sich in einer Notsituati- Hauptverantwortliche anzuklagen greift mehr n
als rs
Pe rsön hip und
on befindet, könne man nicht erwarten, zu kurz. Dass nicht alle Bereiche der Me- 45% ! lichke
it “

dass er sich wie ein aufgeklärter Kunde dizin gleichermaßen betroffen sind, er-
benehme. Nicht jeder verfüge außerdem wähnt der Autor lediglich am Rande. Den- Gerade ist das neue Themenheft „Der Wert
über das notwendige Bildungsniveau, ar- noch lohnt sich die Lektüre, die wie ein
der Werte“ erschienen. Darin wird gezeigt,
gumentiert Maio zu Recht. Anstatt Bo- Weckruf zu einem der dringendsten Pro-
nuszahlungen einzuführen, sollte man bleme unserer modernen Gesellschaft wie sich Werte auf Arbeit, Beruf und Karriere
den Ärzten Zeit und Anerkennung gewäh- wirken dürfte. CLAIRE-LISE TULL auswirken. Diese Ausgabe und die nachfol-
ren, damit sie wieder Gespräche mit ihren gende „Fit für den Erfolg“ erhalten Sie
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Achtsamkeit und Gelassenheit einige gesunde und schö-
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Philip Martin Lehren in Balance. Strategien ge-
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90 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


MEDIEN REDAKTION: ANKE BRUDER

LERNEN

Onlinekurs:
Unsere innere Uhr
SEHEN
Die innere Uhr bestimmt unseren Alltag, ohne dass
wir normalerweise viel Aufmerksamkeit darauf len-
ken. Erst wenn durch eine Fernreise der Takt so rich- Raus aus der Depression!
tig durcheinandergerät oder Schichtarbeit zu quä-
Wer an einer Depression leidet, braucht dringend Hilfe. Wege aus
lenden Schlafstörungen oder Depressionen führt,
der Depression will genau diese aufzeigen. Der Film klärt auf über
wird uns bewusst, wie sehr wir durch endogene
Entstehung, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der
Rhythmen beeinflusst werden. Der Kurs führt in die
Volkskrankheit, an der allein in Deutschland etwa vier Millionen
wichtigsten Aspekte der Chronobiologie ein. Gehal-
Menschen leiden. Detaillierte Fallgeschichten holen die Patienten
ten wird der Onlinekurs von der Molekularbiologin
bei ihren Problemen und ihrem Kenntnisstand ab. Einspieler
Martha Merrow und Schlafexperte Till Roenneberg
erzählen über neuste Forschungsergebnisse und informieren rund
von der Ludwig-Maximilians-Universität München.
um das Thema Depression. So bekommt der Zuschauer zum
Circadian clocks: how rhythms structure life. Ludwig-Maximilians-Universität Beispiel einen Einblick, wie eine Therapie an einer Tagesklinik
München, Massive Open Online Course (MOOC). 6-wöchiger Kurs, Sprache:
Englisch mit englischen Untertiteln. Arbeitsaufwand etwa 3 bis 6 Stunden pro
abläuft und wie genau sie den Patienten hilft. Weiter werden neue
Woche. Start: 15. Januar 2015 Medikamente vorgestellt und Möglichkeiten der Vorbeugung
https://www.coursera.org/course/circaclock
aufgezeigt. Der Film liefert Basisinformationen für Betroffene,
Angehörige und alle anderen Interessierten und eignet sich gut
HINGEHEN als Einstieg ins Thema.

Wege aus der Depression. DVD. Im Auftrag des SWR und WDR. Laufzeit: 44 Minuten. Euro 14,95

Wider die deutsche


Gemütlichkeit
Kleinbürgerlich ging es zu im Deutschland der 1960er und frühen 1970er
Jahre, die deutsche Gemütlichkeit hatte das Land fest im Griff. Da tauch-
te eine kulturelle Bewegung auf, die sich von den spießigen Geschmacks-
idealen abgrenzte und die Banalität des Alltagslebens zum Thema machte: HÖREN
die Popkultur. Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main unternimmt
eine archäologische Reise in die damalige Zeit und präsentiert Werke aus
dem German Pop, der hiesigen Spielart der Populärkultur. Jenseits der
„Coca-Kolonialisierung“ entstand in Westdeutschland eine ganz eigene
www.
Variante dieser vordergründig massentauglichen Richtung – als „Ausdruck
der Abgrenzung zu einer nicht mehr unbelasteten bürgerlichen Ästhetik“.
radio
Die Ausstellung ist noch bis zum 8. Februar 2015 zu sehen.
sonnen
grau.de
www.schirn.de/german_pop.html

Die Internet-Radiostation Radio


Sonnengrau sendet zu den Themen
Depression, Burnout & psychische
Gesundheit – jeden ersten Samstag
im Monat von 19 bis 21 Uhr.

PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 91


LESERBRIEFE k.brenner@beltz.de

„Ja, es gibt viele dumpfe, ,einfältige‘


und unemotionale Männer, wohl wahr“
Prof. Dr. Eckhard Giese, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Erfurt

Weiblicher Bill Gates? sind Fernbeziehungen gang und gäbe, wir hintersteht, in ihrer Komplexität verstan-
(Thomas Saum-Aldehoff: Männer, das befinden uns nicht mehr im Jahre 1979. den zu haben beziehungsweise deren
extreme Geschlecht. Heft 9/2014) Partner studieren in unterschiedlichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Die For-
44 Persönlichkeit Persönlichkeit 45

Städten, sie haben unter der Woche einen schung bestätigt, was nicht nur Schauspie-
Männer, das extreme Geschlecht
Männer sind das vielfältigere Geschlecht. Ob Körpergröße, Intelligenz
oder Persönlichkeit: Männer unterscheiden sich in diesen Eigenschaften unter-
einander stärker, als dies bei Frauen der Fall ist. Woran liegt das? Und was folgt
Job in einer anderen Stadt oder gehen für ler wissen, sondern sich auch Schamanen
daraus für das gesellschaftliche Ziel der Gleichberechtigung?

■ Thomas Saum-Aldehoff
mehrere Monate ins Ausland. Wir wollen in frühesten Zeiten bereits zunutze mach-
V
ergleicht man alle männli-
chen und weiblichen Indivi-
duen einer Kultur in einer
beliebigen Eigenschaft, dann zeigt
sich eine Art Naturkonstante: Die
das bei kogniti-
ven Leistungs-
merkmalen belegt,
allen voran der Intelli-
genz. Was den Durch-
rechtigung mit Recht großen Wert legt,
gerne hört. Doch es gibt auch eine we-
niger angenehme Nachricht: Die Ge-
schlechtergleichheit betrifft nur den
Mittelwert des IQ. „Bei der Varianz, al-
unseren Kindern doch auch alles ermög- ten, dass nämlich durch aktives Handeln
Werte der Männer „streuen“ stär- schnit ts-IQ a ngeht, so so der Streubreite der Intelligenz, gibt

lichen, warum dann nicht auch unserem Prozesse im Gehirn ausgelöst werden, die
ker, sie schlagen mehr nach oben herrscht mittlerweile unter den es aber durchaus Geschlechtsunterschie-
und unten hin aus, während Forschern Einvernehmen, dass de“, so Reinhold.
sich die Frauen nicht ganz sich Frauen und Männer praktisch Will heißen: Männer sind an den
so stark vom Mittelwert nicht unterscheiden. Zwar sind Män- Rändern der Intelligenzverteilung stär-
entfernen. Ob Körpergröße, ner im Schnitt etwas besser bei Aufga- ker vertreten als Frauen. Männer über-
Geburtsgewicht, Schnelligkeit ben, in denen es darum geht, visuelle wiegen bei den Personen mit extrem
beim 100-Meter-Lauf oder Anzahl der Objekte in der Vorstellung zu drehen hohem, aber auch bei denen mit extrem

Partner? Liebe bedeutet nicht Selbstauf- nachhaltig wirksam sind. Durch psycho-
roten Blutkörperchen: In all diesen Va- oder zu kippen. Frauen schneiden bes- niedrigem IQ. „An beiden Enden der
riablen unterscheiden sich Männer un- ser ab, wenn es gilt, Informationen aus Verteilung also dasselbe Muster“,
tereinander stärker als Frauen unterei- dem Langzeitgedächtnis bereitzuhalten schreibt der amerikanische Sozialpsy-
nander. Also: Es gibt sehr große und und Vorgänge sprachlich zu beschreiben chologe Roy Baumeister (siehe Heft
sehr kleine, sehr schnelle und sehr lang- und aufzubereiten. Doch diese Ge- 3/2008), „je weiter man sich vom Mit-
same Männer, während die Unterschie- schlechtsunterschiede in den Teilintel- telwert entfernt, desto stärker sind Män-
de zwischen großen und kleinen, schnel- ligenzen sind nicht groß, und sie glei- ner vertreten.“ Das gleiche Muster findet
len und langsamen Frauen nicht so chen sich gegenseitig in etwa aus. man bei praktisch allen kognitiven Fä-
ausgeprägt sind. Die männliche Vertei-
lungskurve ist flacher, dafür aber brei-
ter als die der Frauen. Bei den Frauen
häufen sich mittlere Ausprägungen ei-
nes Merkmals besonders stark, während
Männer an den Rändern der Verteilung
Der Biologe Klaus Reinhold von der
Universität Bielefeld verweist auf Meta-
analysen, in denen die Datensätze vieler
Studien rund um den Globus ausgewer-
tet wurden. Tenor: „Wenn man Länder
wie China und Indien, in denen viele
higkeiten, bestätigt der Persönlichkeits-
psychologe Peter Borkenau von der Uni-
versität Halle: „Männer sind unter ma-
thematisch Hochbegabten überreprä-
sentiert, sie sind aber eben auch unter
Stotterern und Legasthenikern überre-
gabe unter ein übergeordnetes Ziel, son- dramatisches Handeln wird Empathie so-
ILLUSTR ATIONEN : SABINE KR ANZ

stärker vertreten sind. Mit anderen Wor- junge Frauen bei Bildung und Ernäh- präsentiert.“

dern Liebe bedeutet mitunter, sich gegen- wohl auf das eigene Selbst bezogen als auch
ten: Männer sind das extremere Ge- rung systematisch benachteiligt werden, Eine Zeitlang schien es, als seien tem-
schlecht. aus den Daten herausnimmt, gibt es bei peramentsbezogene Persönlichkeitsei-
der Intelligenz keine bedeutsamen Un- genschaften wie etwa Neugier, Sturheit
Intelligente Männer, dumme Männer terschiede zwischen Männern und Frau- oder Geselligkeit von diesem Geschlech-
Psychische Eigenschaften sind davon en.“ So weit die frohe Botschaft, die man tergesetz ausgenommen. Studien mit
nicht ausgenommen. Seit längerem ist in einer Gesellschaft, die auf Gleichbe- Persönlichkeitsfragebögen jedenfalls

seitig in seiner Persönlichkeitsentwick- in Bezug auf den anderen geweckt – das,


PSY C H O L O G IE H EU TE Sep t em b er 2 0 1 4

Ja, es gibt viele dumpfe, „einfältige“ und lung zu unterstützen. Berlind Slawik, Verden was wir brauchen, um innerlich zu heilen
unemotionale Männer, wohl wahr. Ir- und Beziehungen zu anderen zufrieden-
gendwo muss die auch gerade aktuell welt- Psychodrama wird einverleibt stellend gestalten zu können.
weit männlich inszenierte Gewalt her- (Boris Hänßler: Die Seele auf der Bühne. Heft In anderen europäischen Ländern, in
kommen! Goethe war nicht so, Beethoven 9/2014) Ungarn beispielsweise, kann Ihnen des-
auch eher nicht, wir auch nicht. Vor allem 76 Schauspiel Schauspiel 77

halb der vielzitierte „Mann auf der Straße“


tet. Als der Film schließlich abgedreht Jede Vorstellung war für sie ein Kampf

aber zeigt sich doch, wie plastisch Ge- vom Psychodrama als Form der Selbster-
war, war es, als habe ich eine Freundin durchzuhalten, weil das Stück so traurig

Die Seele verloren – oder einen Teil von mir.“


Die Arbeit an der Boxerin hat in Ka-
tharina Wackernagel etwas ausgelöst,
war.“
In der Geschichte der Schauspielerei
kam dem Innenleben der Charaktere

auf der von dem sie nicht wusste, dass sie es in


sich trug: Sie hat mehr Kraft und weni-
ger Angst. „Als ich anfing zu trainieren,
lange Zeit keine große Bedeutung zu.
Im antiken Griechenland war das Schau-
spiel extrem stilisiert. Die Darsteller tru-

Bühne habe ich immer versucht, nicht zuzu- gen Masken mit Grimassen. Erst im eli-

schlechterbilder und -rollen sind, welche Schauspieler erzeugen


auf Knopfdruck Emotio-
schlagen“, sagt sie. „Bis ich irgendwann
mal Deckung nahm und richtig drauf-
haute. Das war erst einmal irritierend.
Ich träumte nachts davon, dass ich je-
manden schlage und geschlagen werde.“
So etwas sei ihr noch nie passiert. „Es
sabethanischen England kamen allmäh-
lich die inneren Seelenzustände der Cha-
raktere auf die Bühne – oft als Monolog,
der sich an das Publikum richtete. Mit
dem Naturalismus hielt Ende des 19.
Jahrhunderts eine neue Schauspieltech-
fahrung und Therapie erzählen, durch das
nen. Psychologen erfor- war schließlich ein Riesenschritt, diese nik Einzug in das Theater, die auch im

ungeahnten Potenziale Frauen in den ver- sich innerhalb relativ kurzer Zeit nach-
schen, wie sich das auf Hemmungen zu überwinden. Als ich in späteren Film vorherrschen sollte. Zuvor
früheren Dreharbeiten meinen Film- erschlossen sich die Darsteller ihre Rol-
die Psyche der Darstel- Ehemann schlagen sollte, musste ich die len von außen nach innen. Sie arbeiteten
ler auswirkt – und ob Szene mehrmals wiederholen, weil ich an ihrem Körper, an Gestik und Mimik,
so zurückhaltend war und alles unge- um einen Charakter auszugestalten. Die
sich diese Fähigkeit in lenk aussah. Das ist seit der Boxerin vor- neuere Methode ging von innen nach
Therapien nutzen lässt bei.“ Wackernagel lernte, wie Joe auf außen vor.

gangenen Jahrzehnten für sich entwickeln haltige Verbesserungen im persönlichen


ihre Kraft zu vertrauen. Sie verstand,
wie sie sich wehren konnte. „Das hat mir Müssen Schauspieler aus ihren
■ Boris Hänßler privat geholfen. Ich war als Jugendliche eigenen Erinnerungen schöpfen?
immer ängstlich und bin ungern im Sie wurde von dem russischen Schau-
Dunkeln nach Hause gegangen. Seit ich spieler und Regisseur Konstantin Sta-
Joe gespielt habe, scheine ich mehr Stär- nislawski eingeführt. Stanislawski lehr-
ke auszustrahlen. Ich werde nicht mehr te seine Schüler unter anderem, die Emo-
blöd angequatscht.“ tionen für eine Figur tief in sich selbst

konnten. Ob es mal einen weiblichen Bill J oe ist 17 und hat wenig Perspektiven.
Sie lebt in der brandenburgischen
Provinz. Die Mauer ist längst gefal-
len. Der Vater ist tot, ihre Mutter mit
dem Leben überfordert. Joe kann sich
auf nichts verlassen. Sie verliert wegen
Schauspieler vor der Kamera nach Be-
lieben Gefühle abrufen?
Die psychologische Forschung hat
sich bislang wenig mit der Schauspiele-
rei beschäftigt. Das ändert sich allmäh-
lich. Die Psychologin Thalia Goldstein
Tatsächlich haben Schauspieler viel
zu erzählen, wenn es um das Spiel mit
den Gefühlen geht. Was Schauspieler
empfinden, hängt davon ab, wie viel die
Rolle mit dem eigenen Leben zu tun hat
und wie sie sich auf eine Rolle vorberei-
Eigentlich ganz freundlich: die Schau-
spielerin Katharina Wackernagel als
Boxerin Joe (links) und privat
Katharina Wackernagel verband mit
Joe in erster Linie positive Gefühle. Sie
weiß, dass es auch umgekehrt geht – dass
negative Gefühle ausbrechen können.
Sie selbst hat es noch nicht erlebt, aber
sie kennt es aus ihrer Familie. Wacker-
zu suchen und für die Rolle zu aktivie-
ren. Der Schauspiellehrer Lee Strasberg
entwickelte daraus das method acting –
eine Methode, die in Hollywood bis heu-
te populär ist. Was bei Stanislawski nur
eines von vielen Werkzeugen war, wur-
Leben herbeiführen lassen.
ihrer ruppigen Art einen Job nach dem von der Pace University in New York er- ten. Um Joe glaubwürdig darzustellen, nagel wuchs unter Künstlern auf: Der de bei Strasberg zum Dogma: Schau-

Gates geben wird? Die ganzen IT-Freaks


anderen. Nur im Boxring findet sie zu forscht unter anderem, wie Schauspieler ging Katharina Wackernagel in einen viel aufs Dach. Sie weiß erst einmal nicht Vater ist Regisseur, der Onkel und die spieler sollen ohne Rücksicht auf die
sich selbst. Dort erkämpft sie sich die
Freiheiten, die ihr im Leben bislang
fehlten, obwohl die Männer im Boxclub
sie hassen und mobben.
Emotionen kreieren, was sie dabei emp-
finden und wie sie nach dem Spiel aus
der Rolle aussteigen. Goldsteins For-
schungen stehen am Anfang. Aber sie
echten Boxclub. „Das Training war für
mich etwas Besonderes“, sagt Wacker-
nagel. „Ich kam mit Leuten aus einem
Milieu in Kontakt, zu dem ich im nor-
genau, wo sie hin will. Aber ihre Stärke
ist ihre unbändige Kraft, die sie mobi-
lisieren kann.“
Solche Figuren bleiben hängen. „Die
Großmutter sind Schauspieler, ihre
Mutter ist die Schauspielerin Sabine Wa-
ckernagel. Sabine spielte oft am Theater.
Manche Rollen nahmen sie sehr mit.
Konsequenzen Emotionen aus ihrer per-
sönlichen Erinnerung abrufen. Darstel-
ler wie Al Pacino, Robert de Niro und
Johnny Depp behaupten, dass sie auf
Elisabeth Uschold-Meier, Diplompädagogin,
Die junge Frau, die viel einstecken hofft, eines Tages besser zu verstehen, malen Leben überhaupt keinen Bezug Joe ist eine Rolle, die mir nach den Dreh- „Das hing manchmal mit den Produk- diese Weise arbeiten.
muss und sich trotzdem durchbeißt, ist wie Menschen generell Gefühle erzeu- habe.“ Sie trainierte mit der Boxerin arbeiten gefehlt hat“, sagt Wackernagel. tionsbedingungen zusammen, aber Strasbergs Lehre ist jedoch umstrit-

sind bislang Männer – wir schauen mal!


eine Figur aus dem Film Die Boxerin
von 2006. Verkörpert wird sie von der
Schauspielerin Katharina Wackernagel.
Joe ist ganz anders als die private Ka-
gen und wahrnehmen. „Darsteller nut-
zen schon länger Erkenntnisse der psy-
chologischen Forschung, um ihre Cha-
raktere realistisch darzustellen“, sagt
Thurid Doß. Von Thurid hat sich die
Schauspielerin inspirieren lassen – von
der Art, sich zu bewegen und zu reden.
Joe redet ruppig. Ihre Körperhaltung
Joe sei richtig zum Leben erwacht. „Das
war ein eigenartiges Gefühl: dass ich eins
geworden bin mit der Figur und trotz-
dem nicht sie war.“ Wackernagel weiß
auch den Inhalt konnte sie nicht immer
leicht abschütteln“, sagt Katharina. Ih-
re Mutter spielte zum Beispiel in dem
Stück Verbrennungen von Wajdi Moua-
ten. Schon Stanislawski bemerkte, dass
die Technik bei den Darstellern oft zur
Erschöpfung führt. Hinzu kommt, dass
manche Rollen für einen Darsteller un-
Psychodramatikerin DFP/DAGG, Kleinrinderfeld
tharina Wackernagel. Trotzdem wirkt Goldstein. „Es ist an der Zeit, dass nun erinnert an einen Rammbock, als wol- nicht, ob sie damals Joe am Ende eines wad mit, das die sinnlose Gewalt im Na- spielbar sind, wenn er sich an das Dog-
Joe authentisch. Ihre Gefühle wirken umgekehrt die Forschung die Bühne le sie Wände durchschlagen. Katharina Drehtages abgelegt hat. „Irgendwie hat hen Osten thematisiert. „Das war für ma hält und keine passenden Erinne-
echt. Aber sind sie es auch? Können betritt – und dort etwas lernt.“ Wackernagel sagt: „Natürlich kriegt sie sie mich die ganze Zeit intensiv beglei- meine Mutter wahnsinnig belastend. rungen in sich findet. „Allerdings soll-

PSYC H OLOGIE H EU TE Sep temb er 2 0 1 4

Prof. Dr. Eckhard Giese, Fakultät für Angewandte Sozial-


wissenschaften, Erfurt Das Psychodrama gehört mit zu den äl- Ich bezweifle, dass Schauspieler durch ih-
testen Psychotherapien. Erstaunlich ist re Arbeit mehr Empathie in ihre Persön-
Liebe ist nicht Selbstaufgabe jedoch, dass es angesichts der Forschungs- lichkeit integrieren können. Ihre Arbeit
(Klaus Wilhelm: Der Manhattan-Konflikt. ergebnisse der letzten Jahre in den Berei- ist im Wesentlichen egozentrisch auf die
Themen & Trends. Heft 9/2014) chen Neurobiologie und Neurophysiolo- jeweilige Rolle fixiert. Der Schauspieler
Die Forschungen über den Manhattan- gie in Deutschland – im Gegensatz zu eu- sucht für die „gefühlte Rolle“ gestische
Konflikt finde ich ziemlich überflüssig. ropäischen Nachbarländern übrigens! – und mimische Entsprechungen und Be-
Was ist denn Liebe? Wurde Liebe vor der nach wie vor nicht als wirksame Thera- wegungen. Über Wochen ist er „schwan-
Studie definiert? Ein Mensch, der nicht pieform anerkannt ist. Viele Therapierich- ger“ mit seiner Rolle. Danach ist er ener-
will, dass sein Partner Chancen ergreift, tungen bedienen sich mittlerweile psy- getisch ausgepowert und schwächelt eher
der liebt doch nicht. Der Manhattan-Kon- chodramatischer Elemente – ob das die im Aufbringen von Empathie in seinem
flikt bedeutet Verlustangst und Besitzden- Familientherapeuten, die Verhaltensthe- Umfeld. Er muss Kraft für die neue Rol-
ken, ein „wichtiges Phänomen“ ist das si- rapeuten oder andere sind. Originär psy- lenarbeit finden, ohne dass er Wesentli-
cherlich nicht und Liebe schon gar nicht. chodramatische Methoden werden „ein- ches in seine konkrete Umwelt einbringen
In unserer heutigen mobilen Gesellschaft verleibt“, oft ohne die Haltung, die da- konnte. Fragen sollte man ebenfalls, ob

92 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


der Schauspieler überhaupt interessen- sich mit Toxoplasmose anzustecken. Das Wut-Tabu
orientiert ist, für seine Umgebung Empa- Bundesamt für Gesundheit erläutert auf (Ärger! Vom klugen Umgang mit dem unver-
thiefähigkeit zu lernen, sei es im privaten seiner Website: „Menschen stecken sich meidlichen Gefühl. Titelthema Heft 11/2014)

oder beruflichen Umfeld. Automatisch vor allem durch den Verzehr von rohem 20 Titel Titel 21

passiert da nichts. Nicht zuletzt bestätigt oder ungenügend gekochtem Fleisch „Ich könnte M
ai 2014. Nach Aufzeichnung zeigen, sich dabei gar nicht mehr im Mediziner wissen inzwischen recht
der RTL-Show Let’s dance: Griff zu haben ist nämlich verpönt – genau, was in einem solchen Moment
Lilly Becker, Ehefrau von und in den meisten Kulturen weltweit des aufbrodelnden Ärgers im Körper

das Katharina Wackernagel, wenn sie sagt, (auch Geflügel) an.“ Selbst Gartenarbeit platzen
vor Wut!“
Boris Becker, randaliert nach ihrem
Rausschmiss aus der Show, beschimpft
erst eine Konkurrentin, dann eine Re-
porterin und tritt schließlich in der
Damentoilette auf eine Tür ein, bis die-
se krachend aus dem Rahmen springt.
tabuisiert, ganz besonders in Asien.
Wutanfälle gelten als Zeichen von Cha-
rakterschwäche und mangelnder Selbst-
kontrolle. Bei Kindern noch belächelt,
stempeln sie Erwachsene zum Choleri-
ker.
passiert: Wie jede Form von negativem
Stress setzt Wut eine Kaskade physiolo-
gischer Reaktionen auf hormoneller wie
neuronaler Ebene in Gang: Die Stress-
hormone Adrenalin, Noradrenalin und
Kortisol werden vermehrt ausgeschüt-
Ein Klatschmagazin berichtet genüss- tet, Herzschlag und Blutdruck steigen,
Wut zählt zu den Emotio-

Schauspieler verarbeiteten eine ganze oder der Verzehr von unzureichend ge-
lich über den Vorfall und bringt Lilly Die Wut und der Körper um Energie für eine Reaktion auf ein
nen, die man lieber unter Beckers wutverzerrtes Gesicht gleich auf So empfinden die meisten Menschen ein Ärgernis zu mobilisieren. Und der Blick
der Titelseite. Es sei, ganz im Vertrauen, Gefühl von Peinlichkeit und Scham, auf das körperliche Stresssystem zeigt
Kontrolle behält und nicht nicht das erste Mal gewesen, dass die nachdem sie die Contenance verloren auch, warum es paradoxerweise nicht
öffentlich zeigt. Doch wer Prominentengattin ausrastete, verrät haben. Und es bleibt leider auch gesund- hilft, der Wut jetzt einfach freien Lauf
das Blatt seinen Leserinnen. heitlich nicht folgenlos, wenn wir über zu lassen: Auch wenn wir explodieren,
heftigen Ärger in Job und November 2010. Bundesfinanzminis- längere Zeit hinweg nicht in der Lage herumbrüllen oder Porzellan zertrüm-
Privatleben dauerhaft unter- ter Wolfgang Schäuble gibt eine Presse- sind, heftige negative Emotionen in so- mern – die „Stressachse“ bleibt aktiv.

Menge an Emotionen, die sie privat aus- waschenem Salat beziehungsweise boden- drückt, gerät in Stress und
belastet die Psyche. Auch
ständig auszurasten ist keine
Lösung. Wohin also mit
konferenz über die aktuelle Steuerschät-
zung. Sein Sprecher muss vor der ver-
sammelten Presse verkünden, dass er es
noch nicht geschafft habe, die Zahlen
an die Journalisten zu verteilen. Bis heu-
te kann man auf YouTube verfolgen, wie
zial akzeptierte Bahnen zu lenken. Aber:
Wut zählt nun einmal zum normalen
emotionalen Repertoire jedes Men-
schen. Man wird sie nicht einfach los,
nur weil sie unbeliebt ist. Schon Sig-
mund Freud warnte davor, den angebo-
Toben ist kein Wutableiter.
Wer permanent ausrastet, geht wegen
der dauerhaft gesteigerten Produktion
von Stresshormonen gesundheitliche
Risiken ein. So drohen ein erhöhter Cho-
lesterinspiegel, Bluthochdruck und
angesichts dieser Nachricht in seinem renen Aggressionstrieb dauerhaft zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin

blenden. Viele Schauspieler sind Worka- nah wachsendem Gemüse und Obst sowie
der Wut? – Vom klugen Chef die Wut hochkocht. Hat sich unterdrücken, denn das führe unwei- zum Infarkt. Ernsthafte Gefahr droht
Umgang mit einem Schäuble anfangs noch recht gut unter gerlich zu seelischen Störungen. allerdings nur dann, wenn weitere Ur-
Kontrolle und lächelt sogar, lässt er sei- Dass da etwas in uns hochkocht, pas- sachen hinzukommen, ein Wutanfall ab
stürmischen Gefühl nem Ärger nach wenigen Sekunden frei- siert relativ schnell. Ein Rüffel vom Chef und zu reicht nicht aus.
en Lauf. Er weist seinen Sprecher vor hier, eine bissige Bemerkung der Schwie- „Erst im Dauerzustand wird heftige
laufenden Kameras scharf zurecht, germutter dort oder eine kleine Provo- Wut zum wichtigen Faktor. Denn das
■ Eva Tenzer klappt seine Akte zusammen und ver- kation des Partners, da wo es besonders führt zu einem sogenannten Hyper-

holics. Es geht ihnen als Figur besser als rohen Eiern sind sehr viel sicherere Me-
lässt wütend die Veranstaltung. wehtut: Der Alltag bietet tausendund- arousal mit einem überaktiven Sympa-
Das neudeutsche Phänomen des eine Gelegenheit, uns auf die Palme zu thikus: Man ist schneller erregbar, Re-
„Wutbürgers“, der auf die Barrikaden bringen. Manchmal reichen schon Klei- generation und Entspannung funktio-
steigt, sobald ihm etwas nicht passt, nigkeiten, um uns aus der Haut fahren nieren weniger gut. Das kann länger-
oder auch massenhafte Ausraster nor- zu lassen. Eine im Wohnzimmer her- fristig starke Muskelverspannungen,
malerweise friedliebender Autofahrer umliegende Socke kann das Fass zum Kopfschmerz, sogar Migräne oder einen
hinter dem Steuer – sie alle scheinen zu Überlaufen bringen. Was letztlich Ärger Bandscheibenvorfall auslösen. Und
belegen, dass emotionale Ausschläge bis hin zum Tobsuchtsanfall auslöst, ist selbst wenn man diese heftige Emotion

im realen Leben. thoden, sich einen Toxoplasmose-Erreger


hierzulande an der Tagesordnung sind. sehr individuell. Der Effekt allerdings nicht zeigt, bleibt sie doch bestehen“,

Ute Hinze, München Doch die Beispiele täuschen darüber


hinweg, dass im privaten wie berufli-
chen Alltag auch sehr viel Ärger unter-
drückt, verdrängt und verleugnet wird.
ist immer ähnlich: Aufschäumende Wut
verleitet zu Überreaktionen, die oft post-
wendend noch mehr Ärger produzie-
ren – und den Stresspegel weiter steigen
warnt Sven Barnow, Professor für Kli-
nische Psychologie an der Universität
Heidelberg. Ein Schwerpunkt seines
Interesses als Forscher und Psychothe-
Wütend zu sein und es öffentlich zu lassen. rapeut liegt seit vielen Jahren auf der

einzufangen, als der Weg über Ihre Katze.


P S Y C H OL OGIE H E U T E N ov e m be r 2014

Sündenbock: Katze Felicitas Heyne, Agaete Endlich bewegt sich etwas in Richtung
(Frank Luerweg: Vom Parasiten fernge- Anerkennung und Wertschätzung von
steuert. Gesundheit & Psyche. Heft 9/2014) Vorher Hände waschen! Ärger und Wut. Doch leider fehlen in die-
Aus Angst vor Toxoplasmose werden jähr- (Nach der Notdurft … Gesundheit & Psyche. sem Artikel konkrete Möglichkeiten, sei-
lich Tausende von Katzen von hysterisch Heft 10/2014) nem Ärger oder seiner Wut Luft zu ma-
besorgten Schwangeren in Tierheimen Offensichtlich ist für viele Menschen alles, chen. Tief atmen oder bis zehn zählen
abgegeben oder gleich auf der Straße aus- was mit dem Unterleib zu tun hat, per se reicht längst nicht und gehört immer noch
gesetzt. Wer sich mit Toxoplasmose infi- schmutzig. Wenn ich morgens geduscht unterschwellig zu der tabuisierten Sicht-
zieren möchte, sollte sich weniger Gedan- und frische Unterwäsche angezogen habe, weise von Ärger und Wut. Im Gegensatz
ken um seine Katze als um seine Ernäh- gehört mein Penis zu den saubersten Kör- dazu arbeite ich seit 30 Jahren mit „posi-
rung machen: Der Verzehr von Fleisch perbereichen, sauberer als meine Hände. tiven Aggressionen“ und begrüße den
– vor allem rohem Fleisch (Tartar, roher Also – wenn schon Hände waschen im Ausdruck von Ärger und Wut.
Schinken, Salami, Mettwurst) oder un- Zusammenhang mit der Benutzung des Edmond Richter, per Fax
genügend erhitztem Fleisch wie Hack- Urinals, dann vorher und nicht nachher.
fleisch, vor allem vom Schwein – ist der Gerhard Kleimeyer, Hannover
sicherste und bei weitem häufigste Weg,

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PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 93


IM NÄCHSTEN HEFT
DIE FEBRUARAUSGABE ERSCHEINT AM 14.JANUAR 2015

VERSUCHUNG MACHT
TITELTHEMA SCHWACH
… und viele Versuchungen machen noch schwächer.
Wer eine Diät halten oder beim Einkaufsbummel
sein Budget nicht weit überschreiten will, sollte sich
erinnern: Willensstärke ist eine sehr begrenzte Res-
source. Die Marketingspezialistin und Psychologin
Kathleen Vohs weiß, wie wir unsere „Entscheidungs-
energie“ richtig investieren und Verführungen wi-
derstehen können.

STRATEGIEN GEGEN
DEN SCHMERZ
Viele Patienten, die unter chronischen Schmerzen
leiden, finden – oft nach vielen Rückschlägen – für
sich einen Weg, ihr Leiden zu lindern. Ihre persön-
lichen Strategien können dabei sehr unterschiedlich
sein. Auch die Forschung zeigt: Psychische Faktoren
wie Aufmerksamkeit oder Gefühle wirken sich bei
jedem anders auf die Schmerzen aus. Und manchmal
hat Schmerz sogar sein Gutes …

ERKENNE DICH SELBST –


AUF FACEBOOK
In sozialen Netzwerken wie Facebook hinterlassen
wir ständig unsere Spuren. Was verraten die Mittei-
KOMM HER! GEH WEG! lungen, die wir dort verfassen, über unsere Persön-
lichkeit? Eine ganze Menge, wie Studien zeigen. Die
Wenn die Angst vor Nähe enge Beziehungen Posts zeichnen ein erstaunlich genaues Bild vom Na-
schwierig macht turell ihres Verfassers.

Alles läuft prima. Sie fühlen sich dem anderen ganz nah. Da bricht
er (oder sie) völlig unvermittelt einen Streit vom Zaun. Oder mel-
AUSSERDEM:
det sich lange Zeit nicht mehr. Oder verschanzt sich hinter der
Arbeit. Die Nähe weicht der Distanz. Solche Muster spielen sich ● Erstgeborener? Zweites Kind? Oder der undank-
in Partnerschaften ab, in denen einer von beiden unter Bindungs- bare Platz in der Mitte? Wie uns die Stellung in
angst leidet. Viele Betroffene wollen das nicht wahrhaben. Sie und der Geschwisterreihe beeinflusst
ihre Partner könnten jedoch sehr viel entspannter leben, wenn sie ● Lesen: Warum es so wichtig ist
erkennen würden: Die Angst vor Nähe ist eine früh erworbene
Schutzstrategie, die jedoch ihre Funktion verloren hat.

94 PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015


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PSYCHOLOGIE HEUTE Seite 101 reisen

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Beziehung und Bindung, unserer Seelenverbindungen.
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Freitag, 16. – Sonntag, 18. Januar 2015

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bei Kindern und
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Wie begegnet die Pädagogik
einem sensibler werdenden Bewusstsein?
Vorträge Informationen und Anmeldung
Michael Glöckler: Sensible Phasen der Persönlichkeitsreifung – das
Agentur «Von Mensch zu Mensch»
Erwachen des Selbstbewusstseins in Kindheit und Jugend
Andreas Neider und Laurence Godard
Karsten Massei: Tel.: 0711 / 248 50 97 E-Mail: aneider@gmx.de
Das Wesen und die Lebensbedingungen der Kinder in unserer heutigen Zeit
Frühbucherrabatt bis Mo., 24.11.2014,
Michael Birnthaler: Gruppenrabatt möglich
Kinder, Spiritualität und Erlebenspädagogik Günstiger ist die Anmeldung im Internet:
Johannes Greiner: www.bildungskongress2015.de
Spiritualität der Jugend und ihr Missbrauch durch die Medien
Veranstalter, Konzeption und Durchführung:
Manfred Schulze: Die spirituelle Entwicklung und pädagogische Begleitung
von Aufmerksamkeit, Gerechtigkeits- und Verantwortungsgefühl zu Agentur «Von Mensch zu Mensch»
Imagination, Karmaerleben und Initiativkraft in Zusammenarbeit mit: Bund der Freien Waldorfschulen,
Vereinigung der Waldorfkindergärten und Medizinische
14 Seminare zum Thema des BildungsKongresses 2015 mit Fachdozenten Sektion am Goetheanum Bilder: © www.fotolia.de

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Jenseits des Vorstellbaren.


Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind Control. Übersetzung von „Healing the unimaginable:
Treating Ritual Abuse and Mind Control. 2013, 464 S., Festeinband, € 49.-, ISBN 978-3-89334-579-3

Alison Miller hat ein einzigartiges Handbuch über die Methoden und Folgen ritueller Gewalt und Mind Control verfasst.
Sie beschreibt anhand erschütternder Beispiele, wie vor allem Kinder von religiösen Glaubensgemeinschaften und
okkulten Sekten, von organisierten Tätergruppen und Geheimdiensten grauenvoll gequält und gefoltert und auf
diese Weise gezielt konditioniert und systematisch programmiert werden. Für die herausfordernde Arbeit mit Opfern
bzw. Überlebenden vermittelt Alison Miller in ihrem Ratgeber den TherapeutInnen die erforderlichen Grundlagen:
• Sie beschreibt die therapeutischen Aufgaben in den einzelnen Heilungsphasen, damit sich Überlebende von
den indoktrinierten Programmierungen befreien können • Sie benennt effektive Interventionen bei der schwierigen Behandlung der absichtlichen
Aufspaltung der kindlichen Innenwelt in „Innenpersonen“ und trainierte „Anteile“ • Sie beschreibt die Risiken, Grenzen und ethischen Richtlinien
bei der Behandlung von Opfern mit hohem Selbstverletzungs- und Suizidrisiko und spirituellen Bindungen zu den Tätern.

„Das Buch ist in seiner Komplexität und darüber hinaus durch die Haltung von Alison Miller als Therapeutin und als Mensch unbedingt empfehlenswert
für Professionelle, die mit Betroffenen von Ritueller Gewalt und Mind Control arbeiten.” (Claudia Fliß, in: Trauma – Zeitschrift für Psychotraumatologie
und ihre Anwendungen)
„Alison Miller gebührt der Verdienst, dass sie sachlich über ein fast unvorstellbares Maß gezielter Gewalt gegen Menschen berichtet und ihre alltägliche
praktische Arbeit in verständlicher und klarer Sprache beschreibt. Sie bietet Hilfen zur Prävention, zur Diagnostik und offeriert im Anhang hilfreiche
Materialien, Kalender, Websites usw. Sie entlarvt die Lügen der Programmierer und der Tätergruppen und hilft, sich im Dickicht angelegter Dissoziation
nicht heillos zu verstricken. Sie lässt Betroffene zu Wort kommen, die schonungslos ihre eigenen Verstrickungen aufzeigen. Berührend berichtet eine
Überlebende, wie sie die Freundschaft zu einem anderen Kind erlebte, das sie dann schließlich töten musste.” (Deutsches Ärzteblatt)

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PSYCHOLOGIE HEUTE 01/2015 105


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