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GEW | Pressemitteilung des Grundschulverbands Seite 1 von 1

26. Juni 2002

Pressemitteilung des Grundschulverbands

PISA-E: Das Ablenken von den wirklichen Problemen


des deutschen Schulsystems geht weiter

Der Vorsitzende des Grundschulverbandes Horst Bartnitzky erklärte der Presse gegenüber:

Der innerdeutsche Leistungsvergleich droht den eigentlichen Maßstab zu verlieren: nämlich die
Orientierung an internationalen Standards. Auch die Bestplatzierten in Deutschland haben
international nur bessere Mittelplätze, eine kleinere Leistungsspitze und eine größere Zahl von
Schulversagern als andere Industrienationen. Deshalb sind die deutschland-internen Rangplätze
nur ein weiteres Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Problemen des deutschen
Schulsystems und ihren Ursachen.

Ablenkungsmanöver
Denn das Ablenken von der Wahrheit ist leider zur Methode geworden:
- Da sollen Kindergarten und Grundschule die Misere bessern. Dabei ging es in den bisherigen
Untersuchungen um 15jährige. Die erste Frage müsste also sein: Was läuft in den
weiterführenden Schulen falsch?
- Da sollen Leistungstests helfen, landesweite wie die SPD sie will, oder bundesweite wie die
CDU sie fordert. Doch entscheidend ist die Anschlussfrage: Wie werden die schlechter
abschneidenden Schüler gefördert? Denn genau dies gelingt in vergleichbaren Ländern besser.
- Da sollen Ganztages-Grundschulen flächendeckend eingerichtet werden. Doch in Wirklichkeit
werden es Schulen werden mit traditionellem Unterricht plus Betreuung durch nicht weiter
qualifiziertes Personal. Wie soll das die schulische Leistungsfähigkeit fördern?

Das Kneifen vor der Wahrheit


Tatsächlich scheuen die Schulpolitiker der großen Parteien offenbar eines wie der Teufel das
Weihwasser - die Schulsystem-Frage, die unweigerlich einen Widerspruch offenbart: Das
hochselektive deutsche Schulsystem soll besonders leistungsfördernd sein - tatsächlich aber
erzeugt es die gegenteiligen Effekte. International einmalig ist die Dichte an Auslesesituationen:
Auslese schon beim Schulstart, Auslese am Ende eines jeden Schuljahres, Auslese bereits nach
Klasse 4, Auslese in Gute und Schlechte täglich durch Noten oder Punktsysteme, Auslese
Behinderter an Sonderschulen. Kein vergleichbares Land macht die Schulzeit zu einer derartigen
ständigen Test- und Auslesestrecke. Stattdessen setzen erfolgreichere Länder auf langes
gemeinsames Lernen, auf differenzierte Förderung und auf insgesamt mehr Zeit zum Lernen.

Sitzenbleiben, Noten, vierjährige Grundschulzeit, dreigliedriges Schulsystem ... alles "heilige


Kühe". Bloß nicht dran rühren, das kostet Wählerstimmen. Dem Wahlvolk darf die Wahrheit also
nicht zugemutet werden? Auch um den Preis, dass deutsche Kinder und Jugendliche dieses
politische Kneifen vor der Wahrheit ausbaden müssen? Das darf doch nicht wahr sein!

http://www.gew.de/standpunkt/aschlagzeilen/schule/pisa/pressemitteilung/texte/d_gru... 11.06.2004