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ADV- EINGANGS S TÜCK

00095/ 2002/ 0022


AWS zu

Die MA14-ADV nimmt zum Verordnungsentwurf "Verordnung der Bundesministerin für


Verkehr, Innovation und Technologie, mit der ein Adressierungsplan für die Verwaltung des
Internet-Bereichs oberster Stufe '.at' erlassen wird. (Domainverordnung - DVO)" wie folgt
Stellung:

Allgemeines:

Beim Regelungsgegenstand an sich bestehen Vorbehalte gegen eine nationale Regelung, mag
sie im Gesetzes- oder - wie intendiert - im Verordnungswege erfolgen. Das Domain Name
System (DNS) und das System der Network Information Centers (Register) sind komplexe,
verteilte und internationale Systeme, die für das Funktionieren des Internets weltweit von
existentieller Bedeutung sind. Regelungen, sofern notwendig und erwünscht, werden daher
auf internationaler Ebene diskutiert (EU, WIPO, UNO).

Der Entwurf geht rechtlich von falschen Voraussetzungen aus, wenn erklärt wird, aufgrund
der beabsichtigten Einführung der Top Level Domain (TLD) ".eu" durch die Europäische
Union sei der VO-Entwurf europarechtskonform. Der zitierte Entwurf zur Verordnung des
europäischen Parlaments und des Rates zur Einführung des Internet-Bereichs oberster Stufe
".EU" - KOM (2000) 827 betrifft die Neueinführung der genannten TLD durch die zuständige
Organisation ICANN und regelt weder die Vergabe von Domains, noch Vergabestellen, noch
die Streitschlichtung, noch deren Verfahren.

Der Entwurf enthält begriffliche Unschärfen und Inkonsistenzen (z.B. "Domain", "Domain
Namen", "Adressierungselemente") und geht zum Teil von einer falschen Faktenlage aus.
Einzelne Bestimmungen sind grammatikalisch und inhaltlich schwer nachvollziehbar (so z.B.
§ 2 Abs 1 Z 2: "Domains oberster Ebene" anstatt "Domain-Namen unter der Domain oberster
Ebene"; § 14 Abs 2: "vor dem Tag" anstatt "nach dem Tag"). Mehrfach wird davon
gesprochen, dass die Verwaltung der .at-Domain "Österreich obliegt" (so z.B. in der
Einleitung zur Verordnung und in § 2 Abs 1 Z 6), was in dieser Form nicht den Tatsachen
entspricht. Die Verwaltung der Domain-Namen unter .gv.at liegt zwar beim
Bundesministerium für öffentliche Leistung und Sport/Stabsstelle IKT-Strategie
(http://www.cio.gv.at), die der unter .ac.at bei der Universität Wien. Alle anderen Domains
werden von privatrechtlich organisierten Einrichtungen verwaltet und zur Registrierung
gebracht.

Der Entwurf übergeht im Zusammenhang mit Namens- und Kennzeichenschutz für


Gebietskörperschaften eine Besonderheit der österreichischen TLD, nämlich das
Vorhandensein der Second Level Domain .gv.at, welche ausschließlich für
"Verwaltungseinheiten", insbesondere auch für Gemeinden, reserviert ist. Ein spezielles
Rechtsschutzbedürfnis für Domains direkt unter der TLD .at wird aus diesem Grund immer
wieder in Zweifel gezogen. Gegebenenfalls konnte und kann dem Rechtsschutzbedürfnis von
Gemeinden, deren Namen von Dritten in rechtswidriger Weise registriert wurde, im Wege der
ordentlichen Gerichtsbarkeit zur Durchsetzung verholfen werden.

Zu ausgewählten Regelungen im Einzelnen:

§ 3 Abs 2 Lit e bestimmt, dass das Register, konkret NIC.at, darüber zu wachen habe, "dass
die Stabilität des Domain Name Systems (...) gewährleistet" werde. Dazu ist festzuhalten,
dass NIC.at selbst kein DNS betreibt und auch keine technischen Möglichkeiten zur
Verfügung hat, dessen Funktionalität zu überwachen und zu gewährleisten (vgl.
http://www.nic.at/german/ipa.html: "Beim Zentralen Informatikdienst der Universität Wien
(ZID) liegt der Betrieb der Registry-Datenbank sowie die Betreuung der Nameserver. Der
ZID erbringt dieses Service auf der Basis eines Vertrags mit der nic.at GmbH.").

§ 5 Abs 1 verpflichtet das Register, mit einer nicht näher genannten "internationalen
Organisation, welche auf internationaler Ebene die Verwaltung der Internet-Domains
wahrnimmt" abzuschließen. Abgesehen davon, dass solche Verträge bereits bestehen (insb.
mit RIPE NCC), geben sowohl der solcherart geregelte Kontrahierungszwang, als auch die
Unbestimmtheit der zitierten Bestimmung, sowie die beabsichtigte indirekte Unterwerfung
eines ausländischen Rechtsträgers unter das österreichische Recht, Anlass zu Bedenken.

§ 7 Abs 4 soll die Wiederzuweisung einer Domain für den Fall "nicht effektiver" Nutzung
durch den Inhaber regeln (vgl. auch § 14 Abs 2, der abweichend davon von "ernsthaftem
Gebrauch" spricht". Aus technischen Gründen ist es indessen nicht möglich, dass eine
Domain registriert, aber nicht "genutzt" wird. Zur erfolgreichen Delegierung eines Domain-
Namens unter der TLD ".at" ist der Eintrag auf zumindest zwei Nameservern notwendig.
Ohne diesen Eintrag kann ein Domain-Name bei NIC.at nicht zur Registrierung gebracht
werden. Durch diesen Eintrag wird der Domain-Name im Internet sichtbar. Was darüber
hinaus als "ernsthafter" oder "effektiver" Gebrauch zu betrachten ist, kann mangels
einschlägiger Kriterien nicht beurteilt werden, was die Bestimmung an sich unanwendbar
macht. Überdies kann ein "Horten" von Domain-Namen auf diese Weise faktisch nicht
verhindert werden: Es ist technisch ohne nennenswerten Aufwand und jederzeit möglich,
einen Domain-Namen auf eine beliebige Website zeigen zu lassen und sei es, dass diese nur
einen Hinweis liefert, sie sei "under construction".

§ 10 Abs 1 regelt die Übertragung von Domains von einem Domainbereitsteller zum anderen,
wobei die Freigabe kostenneutral zu erfolgen hat, ohne Ansehen der Dienstleistungen des
ursprünglichen Domainbereitstellers. § 10 Abs 2 statuiert einen Kontrahierungszwang für
Domainbereitsteller mit dem Inhaber einer Domain im Fall der Insolvenz oder Einstellung der
Tätigkeit des bisherigen Domainbereitstellers. Beide Bestimmungen indizieren eine
Überprüfung auf deren Verfassungskonformität.

Die Notwendigkeit der Bindung von Domains an einen bestimmten Nutzungszweck (§ 15)
wird nicht begründet und ist zu hinterfragen.

§ 17 Abs 1 regelt die Widerrufsmöglichkeit der Domainbereitsteller. Problematisch erscheint


insb. die Regelung des Lit d, die aufgrund ihrer Unbestimmtheit keine Aussage darüber
zulässt, wann konkret ein solcher Widerruf (i.e. eine Vertragsauflösung) möglich sein soll.
Wäre eine solche Regelung in AGB enthalten, wäre sie mangels konkreter
Anwendungsvoraussetzungen rechtswidrig iSd KSchG.

§ 19 normiert einen Kontrahierungszwang zulasten des Registers, was verfassungsrechtliche


Bedenken aufwirft.

§ 23 regelt die Trennung der Funktionen von Register und Domainbereitsteller (Registrar) bei
NIC.at. NIC.at ist weder ein Name Service-Betreiber, noch sonst ein Registrar gemäß der -
sprachlich verunglückten - Definition des § 2 Abs 1 Z 2 (Vgl. auch die Definition unter
http://www.nic.at/german/leitfaden.html#Provider). In der Praxis treten als
"Domainbereitsteller" zahlreiche Internet Service Provider auf, denen auch die Pflege und
Verwaltung der Name Server obliegt. Die Dienstleistung von NIC.at besteht im Wesentlichen
in der Zur Verfügung Stellung einer Datenbank, welche Domain-Name, Domain-Inhaber und
dessen persönliche Daten, sowie Name-Server, auf denen eine Domain eingetragen ist,
auflistet. Diese Regelung will trennen, was in praxi nicht vereint ist, gibt es doch in Österreich
zahlreiche Registrars (vgl. die Erklärung unter
http://www.nic.at/german/registrar/default.htm). Unabhängig davon handelt es sich bei
Domain-Namen, sowie bei den von NIC.at verwalteten Daten um vermögenswerte Güter. Der
Zwang des Abs 3, diese unentgeltlich anderen Anbietern zur Verfügung zu stellen, könnte im
Ergebnis eine Enteignung darstellen, die ohne öffentliches Interesse und angemessene
Entschädigung nicht verfassungskonform sein kann.
Eine noch drastischere Enteignungsbestimmung in Bausch und Bogen enthält eine wohl
zentrale Bestimmung des Entwurfs in § 23 Abs 4, wonach alle für Gebietskörperschaften
"reservierten" Domains innerhalb einer Frist von wenigen Monaten den privaten Domain-
Holdern weggenommen werden sollen. Eine angemessene Entschädigung ist genauso wenig
vorgesehen, wie die Prüfung eines öffentlichen Interesses. Die grundrechtliche Problematik
im Hinblick auf das Eigentumsrecht ist evident.
Die Bestimmung setzt überdies im Verordnungswege ein Gesetz
(Eisenbahnenteignungsgesetz) für einen bestimmten Sachverhalt in Kraft. Eine solche
Regelung fällt nicht in die Kompetenz des Verordnungsgebers und erscheint auch aus diesem
Grund verfassungswidrig.

Auf weiterer rechtliche Detailprobleme und gesetzestechnische Fragen soll im Interesse der
Kürze der Stellungnahme nicht weiter eingegangen werden.

Zusammenfassend wird festgestellt, dass aus faktischen, edv-technischen und rechtlichen


Gründen eine Regelung, wie sie der Entwurf vorsieht, weder wünschenswert ist, noch
Aussicht auf Effektivität hat. Mehrere Bestimmungen greifen tief in die grundrechtliche
Situation der Betroffenen ein und sind insb. im Hinblick auf die Erwerbs- und
Eigentumsfreiheit, aber auch den Gleichheitssatz verfassungsrechtlich fragwürdig. Aus Sicht
der MA14-ADV besteht überdies gegenwärtig keine Notwendigkeit einer Neuregelung der
von der Stadt Wien gehaltenen und verwalteten Domain-Namen (insb. wien.at und Domains
unter .gv.at).

Sachbearbeiter:
Dr. Potakowskyj
Mag. Richter
Peter Pfläging

Der Abteilungsleiter