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22.12.

2018 Der Sound der Macht | Aus Liebe zur Freiheit

Aus Liebe zur Freiheit

Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz

Der Sound der Macht

Wenn der Aufstieg der extremen Rechten in Europa und ihrer parlamentarischen Ableger diskutiert
wird, ist meist von den Formen oder den Inhalten ihrer Politik die Rede. Aber das ist immer auch
etwas schwierig, und zwar weil es aufgrund des Phänomens der „gefährlichen Nähe“
(h p://www.bzw-weiterdenken.de/2018/07/gefaehrliche-naehe/) oft Ähnlichkeiten gibt. Nicht nur
haben sie Aktionsformen und Rhetorik linker Bewegungen übernommen, auch inhaltlich lässt sich
keineswegs scharf zwischen ihnen und den „akzeptablen“ Parteien und Bewegungen unterscheiden,
was man daran sieht, wie leicht große Bereiche ihrer Agenda in den normalen Diskurs überwechseln
konnten.

Deshalb möchte ich dieses aktuelle Buch von Astrid Séville empfehlen.
Ich habe sie im Juni bei einer Podiumsdiskussion der Frauenstudien in
München (h ps://lila-podcast.de/lila110-wir-brauchen-keine-
frauenquote-wir-brauchen-eine-feministinnenquote/) kennengelernt. In
ihrer Analyse des Gesamtschlamassels fokussiert sie sich auf das, was sie
den „Sound der Macht“ nennt. Damit gemeint sind weniger konkrete
Inhalte und Aktionsformen, als vielmehr die Sprache und die
Gedankenwelten, in denen sie geäußert werden. Anhand von vier
rhetorischen Formeln geht sie den Entwicklungen auf den Grund, die
dazu geführt haben, dass „autoritäre Nationaldemokraten“ (wie die
rechten Parteien nach einem Vorschlag von Wilhelm Heitmeyer besser
genannt werden sollten, denn „Rechtspopulismus“ ist verharmlosend /
S. 117) für so große Teile der Bevölkerung wieder so a raktiv geworden
sind.

Die erste rhetorische Formel ist die von der „Alternativlosigkeit“, die
von Margaret Thatcher eingeführt und von Angela Merkel in anderer Form zum bestimmenden
Faktor des Regierens gemacht wurde. Sie steht für eine Politikverständnis, das große Bereiche des
Entscheidens der politischen Verhandlung en ieht. Die Unsi e, die eigene politische Meinung nicht
mehr als Teil eines pluralistischen Aushandlungsverhältnisses zu präsentieren, sondern als einzig
mögliche Option, ist tatsächlich der Sargnagel des Politischen – und macht natürlich ganz
unmi elbar all jene a raktiv, die behaupten, dass sie doch eine Alternative hä en. Der Name dieser
neuen Partei ist also wirklich Programm.

Das Bemerkenswerte an diesem „Sound“ ist, dass er von allen Seiten geteilt wird. Wenn derzeit etwa
ein Teil des Widerstands gegen die Rechten sich auf die „Wissenschaftlichkeit“ ihrer Positionen
beziehen, dann bewegen sich auch innerhalb des „Sounds der Alternativlosigkeit“. Auch ein Slogan
wie „Rassismus ist keine Meinung“ gehört da hinein. Das Problem dabei ist, dass manche Dinge
https://antjeschrupp.com/2018/09/27/der-sound-der-macht/ 1/5
22.12.2018 Der Sound der Macht | Aus Liebe zur Freiheit

vielleicht ja tatsächlich alternativlos sind. Und in den ersten Jahren von Merkels Regierung waren
auch ein Großteil der Bevölkerung mit ihrer etwas einlullenden beruhigenden Art ganz
einverstanden, weil man den Eindruck ha e, sie macht schon das Beste daraus, was möglich ist.

Doch genau diese Unaufgeregtheit ist je t eben das Einfallstor für alle, die sich eben doch aufregen
wollen, worüber auch immer. Die Position der „Alternativlosigkeit“ der eigenen Ansichten nü t
eben nichts, wenn die Gegenseite das nicht einsieht. In der Politik geht es nicht um Wahrheit, sondern
um Übereinkünfte, man muss in einer Demokratie prinzipiell jede Position pluralistisch verhandeln
und kann nicht Wahrheiten verkünden. Ein wichtiger Punkt im Umgang mit der neuen Rechten ist
es, wieder einen „Sound“ in die politische Deba e zu bringen, der für abweichende Meinungen
tolerant ist und die eigenen Ansichten immer als eine Alternative in einem Spektrum vieler andere
möglicher Alternativen darzustellen. Nur dann ist es möglich, die tatsächlich wichtigen Grenzen zu
ziehen, dort, wo es um Menschenrechte geht, zum Beispiel.

Die zweite rhetorische Formel, die Séville untersucht, ist die von den „Hausaufgaben machen“. Sie
prägt den gesamten Diskurs rund um die wirtschaftlichen Probleme Europas und des Euros, und ist
ebenfalls entpolitisierend, weil sie ein Framing se t, das politische Konflikte „pädagogisiert“. In
diesem Rahmen ist es unmöglich, verschiedene ökonomische Konzepte zu diskutieren, und des
schafft in den Köpfen bereits eine Hierarchie der Kulturen, die nur allzu leicht ins Rassistische
gewendet werden kann.

Die dri e rhetorische Formel ist „Wir sind das Volk“ und beschäftigt sich mit der Frage, wie eine
Partei, deren gesamtes Führungspersonal zur Elite gehört – sowohl vom Bildungsgrad als auch von
den sozialen Hintergründen, etwa familiären her – sich zur Sprachführerin des Volks gegen die
„Eliten“ machen kann. Und wieso es der Linken eigentlich nicht gelingt, „populär“ zu sein
(h ps://evangelischesfrankfurt.de/magazin/politik-welt/auf-die-leute-hoeren/).

Die vierte rhetorische Formel schließlich betrachtet die Aufforderung, doch endlich „Mut zur
Wahrheit“ zu haben. Das „Das muss man doch einmal sagen können“ und das „Ich bin kein Rassist,
aber..:“. Auch in diesem Kapitel zeigt Séville, dass diese rhetorische Formel keineswegs nur auf
autoritäre Nationalradikale begrenzt ist, sondern ebenfalls in der etablierten Politik aufgegriffen wird
– nur eben meist bloß als Floskel, als Willensbekundung, der dann aber wirkliche Offenlegungen
gerade nicht folgen.

Mir hat an dem Buch nicht nur die Grundthese eingeleuchtet, sondern ich finde auch formal den
Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen zurück in den gesellschaftlichen Diskurs sehr
gelungen. Séville schreibt gut lesbar und verständlich, ohne akademisierendes Brimborium, aber
auch ohne deshalb ihre Thesen zu verflachen und auf notwendige Differenziertheit zu verzichten.
Und sie hält tro aller Wissenschaftlichkeit mit ihren eigenen Positionen nicht hinter dem Berg. Das
ist sehr wohltuend, wie ich finde. Auch wenn ich ihr nicht in allem zustimme. Angela Merkel kommt
bei ihr zu schlecht weg, wie ich finde, und ich fand es in Ordnung, das Gomringer-Gedicht zu
entfernen, Séville nicht.

Auch teile ich nicht ganz Sévilles Vertrauen in die politische Institutionen des demokratischen
Parlamentarismus. Ich denke, neben aller Wichtigkeit, über den „Sound der Macht“ nachzudenken
und ihn möglichst zu verändern, braucht es auch Deba en über die strukturen und äußeren
Mechanismen, die diese Art von „Sound“ begünstigen. Es ist nicht nur die individuelle Schuld
politischer Akteur_innen, die zu diesen entpolitischen rheotischen Figuren geführt hat, sondern es
liegt auch in der Logik der Dynamik des politischen Alltagsgeschäfts.

Aber dazu müsste man dann vielleicht nochmal ein eigenes Buch schreiben. Je t sollt ihr erstmal
diese hier lesen:

https://antjeschrupp.com/2018/09/27/der-sound-der-macht/ 2/5
22.12.2018 Der Sound der Macht | Aus Liebe zur Freiheit

Astrid Séville: Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft. C.H. Beck, 192 Seiten, 14,95
Euro.

27. September 2018 von Antje Schrupp Kategorien: Bücher | 7 Kommentare

7 Gedanken zu „Der Sound der Macht“

1. Ute Plass schreibt: 29. September 2018 um 18:01


Passend dazu noch eine Besprechung zum „Sound der Macht“:
h ps://neue-deba e.com/2018/09/25/sprache-seichter-nebel-und-rohe-gewalt/

2. Ute Plass schreibt: 30. September 2018 um 09:23


Noch eine „rhetorische Formel“, die viele Menschen das Leben kostet: „Verteidigung unserer
Werte“ am Hindukusch….

3. Michaela Lusru schreibt: 2. Oktober 2018 um 00:59


Es wurde Zeit (und wird noch immer – mehr), diese Wissenschaftlichkeit der Seville nicht nur zu
diskutieren sondern zum Leitfaden politischen Handelns zu machen, und zwar für die, die
“dasSagen“ haben, bevor sich dieser Mangel der le ten 10Jahre in ein Maleur der tatsächlichen
Rechtsradikalität verwandelt, die mit grosser Gewissheit weder Dialog noch Deba e zu lässt und
sich dabei auf die Massenbasis der verprellten Abgehängten berufen kann, die derzeit aufgrund
politisch, pädagogisch und soziologisch .völlig fehlgeleiteter Ansprache keine ANDERE
Alternativen fanden, finden

Seit geraumer Zeit versuche ich (manchmal auch hier) auf die Möglichkeit und Notwendigkeit
eines Geistes wie der der Seville in unserem Land hin zu weisen, ihr und dir , Antje Schrupp, sei
dank für das Aufgreifen und die Präzision der Analyse (4 Problemkreise).
Ich gehe mal davon aus, dass weder du noch die Seville damit der Vorbereitung eines
nationalistischen Putsches oder der offenen oder verdeckten Sympathien mit “rechtem
Gedankengut“ beschuldigt werden, und das ist dann auch gut so- auch wenn es nur aus
Rücksicht auf Merkelfrömmelei damit nicht reichen wird. Es steht hier nicht die (an etlichen
Stellen beachtliche) Lebensleistung der Frau Kanzlerin sondern die tatsächliche Verhinderung
eines nationalistischen Deutschlands und damit Europas auf wissenschaftlich und demokratisch
fundierter Grundlage zur Deba e anstelle altmü erlicher Erziehungsaufforderungen an Volk.
Sorry, aber dahalte ich das mit der Seville:Was zu sagen ist weil erkannt, ist auch auszusprechen,
und das ohne Ansehen von Personen.
Der erforderliche Politikstil ist von Seville genannt, nicht nur ich vertrete diese Sicht, und das
“sind nicht nur mehr“, sondern viel mehr

4. Michaela Lusru schreibt: 2. Oktober 2018 um 01:26


@Ute Plass
Danke für den Link (neue Deba e) und den Hinweis auf die treffend passende gefährliche
Platitüde vom “Hindukusch“, wo angeblich “unsere Werte“ sich hin verkrümelt haben sollen und
daher (nur?) dort zu verteidigen sind, sta in Bernau oder Kassel, oder Chemni

5. Ute Plass schreibt: 5. Oktober 2018 um 14:17


@Michaela Lusru: Ja „neue Deba e“ eine gute ‚Alternative‘
zu so einigen ‚Mainstream Medien‘.

https://antjeschrupp.com/2018/09/27/der-sound-der-macht/ 3/5
22.12.2018 Der Sound der Macht | Aus Liebe zur Freiheit

@Antje: “ Es ist nicht nur die individuelle Schuld politischer Akteur_innen, die zu diesen
entpolitischen rheotischen Figuren geführt hat, sondern es liegt auch in der Logik der Dynamik
des politischen Alltagsgeschäfts. Aber dazu müsste man dann vielleicht nochmal ein eigenes Buch
schreiben.“

Ich denke, darüber gibt es bereits au lärende Lektüre wie z.B.:


„Die ideologische Homogenisierung ökonomischer und politischer Eliten im Neoliberalismus“:
h ps://www.nachdenkseiten.de/?p=46317

6. Irene (@irene_muc) schreibt: 6. Oktober 2018 um 19:36


Ich denke auch, dass die AfD indirekt von Merkel herbei geredet wurde. Allerdings ging es
damals nicht um rechtsextreme Politik, sondern um Währungspolitik und eine an sich berechtigte
Diskussion über den Euro und seine Schwächen.

Die Diskussion ha e eigentlich schon in der FDP begonnen gehabt, wurde aber dort weggedrückt,
weil sie die FDP beim alternativlosen Mitregieren störte. (Ich will hier nicht andeuten, dass die
FDP-Rebellen von damals oder die LKR-Herren von heute eine Lösung hä en, sondern dass es da
einiges zu klären gäbe.)

7. Michaela Lusru schreibt: 20. Oktober 2018 um 12:20


@Ute Plass schreibt: 5. Oktober 2018 um 14:17
Dein Link über
“ bereits au lärende Lektüre wie z.B.:
„Die ideologische Homogenisierung ökonomischer und politischer Eliten im Neoliberalismus“:“
befasst sich mit Prof. Rainer Mausfeld, zu dem Wikipedia (man verzeihe mir diese Quelle)
mi eilt:
Rainer Mausfeld (* 22. Dezember 1949 in Iserlohn) ist ein deutscher Professor (emeritiert) für
Allgemeine Psychologie an der Universität Kiel. Seine Schwerpunkte sind
Wahrnehmungspsychologie und Kognitionswissenschaft, seit 2015 auch vermehrt
Manipulationstechniken in Medien und Politik. “
und
„Mausfeld leitete unter anderem das DFG-Projekt Farbkonstanz und war 1995 bis 1996 Leiter
einer internationalen Forschungsgruppe am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) in
Bielefeld. “
Er formulierte excellent den „Amerikanischen Exceptionalismus“ als wesentlichste Ursache /
Triebkraft neoliberaler sich als Eliten gebärdender globalisierender politischer Handlungsträger.
Damit en aubert er genussvoll die Ursache, wieso die Wissenschaftlichkeit einer Seville es so
schwer hat, Allgemeingut zu werden, und wieso Gegner dieses Exceptionalismus, der vorgeblich
dabei ist als angebliche Nationalistisierung („me first“) „weltweit“ sich auszubreiten, gern als
„antiamerikanisch“ (und in vage kostruierter Folgerung als sogar gleich noch als antijüdisch und
antisemitisch als falsche Gleichse ung) beschimpft werden.

Der Mut zum deutlichen Begreifen der Seville und des Verständnisses zum „Sound der Macht“
wird heftigst befördert, wenn der „amerikanische Exceptionalismus“ nicht als Antiamerikanismus
sondern als dem US-amerikanischen Volk und der gesamten Welt le tlich schädigende Denk-
und Handlungsweise begriffen wird, denn Exceptionalismus, welcher nationalistischen Herkunft
auch immer, wird nur von wenigen priviligierten Teilhabern am heute vorwiegend neoliberalen
„Sound der Macht“ und nicht etwa von Völkern praktiziert ….
Damit widerlegt und zerlegt sich die angebliche Liberalität dieser NeoLibs mit dem
Exceptionalismus als ihr Dach- und Zielgebäude selbst in das Gegenteil und benötigt daher
umsomehr den „Sound der Macht“, um „oben“ zu bleiben

https://antjeschrupp.com/2018/09/27/der-sound-der-macht/ 4/5
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