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12.2.

2020 Ich bin eine ideologische Feministin, und das ist auch gut so – Aus Liebe zur Freiheit

11. Februar 202012. Februar 2020

Ich bin eine ideologische Feministin, und das ist


auch gut so

Feminismus / a 2

Feminismus ist, wie inzwischen wohl alle mitbekommen haben, im Mainstream angekommen.
Manchmal wird das kritisiert, weil der Feminismus damit auch kapitalistisch, angepasst,
machtförmig, brav oder was weiß ich geworden sei. Mich hingegen stört das wenig. Alles
andere wäre ja auch ein Wunder gewesen, und ich finde, ein radikaler Feminismus, also einer
der Geschlechterverhältnisse von der Wurzel her neu und freiheitlich denken will, hat es
leichter in einer Umgebung, in der Feminismus prinzipiell für etwas Gutes gehalten wird
(zumindest von den Guten), als in einer, wo die Leute Feminismus für eine ganz skurrile Sache
halten.

Außerdem hat dieses Vordringen feministischer Grundideen in den Mainstream auch bewirkt,
dass tatsächlich die Geschlechterdifferenz mehr als früher im Fokus der Aufmerksamkeit steht.
Theater, Museen, Universitäten, Bibliotheken, Bildungsstä en, Volkshochschulen und so weiter
nehmen Themen in ihr Programm, in denen es um Frauen, weibliche Perspektiven, das
Verhältnis der Geschlechter geht. Und das ist super.

Allerdings ist es mir nun schon mehrmals begegnet, dass ich bei solchen Veranstaltungen war
und die Beteiligten großen Wert darauf legten, sich vom Feminismus, oder zumindest vom
„ideologischen“ Feminismus, abzugrenzen. Sie sagten dann so Dinge wie „Ich beschäftigte

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12.2.2020 Ich bin eine ideologische Feministin, und das ist auch gut so – Aus Liebe zur Freiheit

mich in meinem Vortrag zwar mit Frauen, aber ich bin keine ideologische Feministin“. Oder
„Wir haben zwar über dieses (feministische) Thema geforscht, aber ich vertrete keine
ideologischen Positionen“. So etwas in der Art.

Von Mal zu Mal regte sich in mir Widerstand. Ich wollte widersprechen und sagen: Der
Feminismus ist doch gar nicht ideologisch. Oder Feminismus entspricht wissenschaftlichen
Standards, wir betreiben keine Ideologie.

Irgendwann fiel mir aber auf, dass das eigentlich Quatsch ist. Ja, Feminismus entspricht
selbstverständlich der Logik, der Vernunft, und den Standards der Wissenschaft. Häufig
übrigens im Unterschied und Widerspruch zu einer vor-feministischen, androzentrischen
Perspektive, die von männlichem Universalismus nur so stro te. Vor dem Feminismus wurde
die Überlegenheit des Männlichen als selbstverständliches Apriori gehandelt, auf die hin dann
alles interpretiert wurde. Der Feminismus hat, zumindest im wissenschaftstheoretischen
Bereich, die Unwissenschaftlichkeit vieler vorheriger Theorien überhaupt erst aufgedeckt.

Aber Feminismus ist nicht nur das, nicht nur das Ausbügeln früherer androzentrischer
Verzerrungen. Feminismus ist auch eine Ideologie, eine Se ung. Ein Bekenntnis zur Freiheit der
Frauen nämlich.

Wenn mich jemand fragt, wie ich Feminismus definiere, dann antworte ich immer, dass man,
um feministisch zu sein, zwei Bedingungen erfüllen muss, (egal ob man ein Mensch, eine
Theorie, ein Buch oder ein Projekt ist)

– Erstens: Man muss die Geschlechterdifferenz für eine relevante Analysekategorie halten (also
man darf nicht so tun, als wären wir alle schon postgender oder als würde Geschlecht keine
oder nur eine nebensächliche Rolle spielen.)

– Zweitens: Man muss die weibliche Freiheit, die Freiheit der Frauen, für einen Zweck an sich
halten, der unhintergehbar ist und der nicht zur Diskussion stehen kann.

Und diese zweite Definition ist es, die mich zu einer „ideologischen“ Feministin macht. Zu
einer, die nicht nur nach rationalen, vernünftigen Standards vorgeht, sondern auch eine
inhaltliche Se ung vornimmt.

Ja, die Geschlechterdifferenz ist eine relevante Analysekategorie, denn sie spielt faktisch eine
Rolle, bei praktisch jedem Thema, und das zu untersuchen und zu berücksichtigen ist eine
Notwendigkeit für alle, die den Anspruch haben, die Gegenwart oder irgend etwas anderes
angemessen zu beschreiben oder zu verstehen. Von den Gender Studies bis zum Journalismus.

Aber das allein ist noch nicht feministisch. Sondern es gehört, wie ich finde, dazu auch ein
Bekenntnis, nämlich das Bekenntnis, dass Frauen frei sein sollen, und zwar ohne Wenn und
Aber, ohne gesellschaftliche Nü lichkeitserwägungen oder sonst irgend eine Rechtfertigung.
Einfach weil ich es will.

Es gibt keine Notwendigkeit dafür, dass Frauen frei sind. Menschen können sehr wohl in
Gesellschaften leben, in denen Frauen nicht frei sind, der Beweis ist leider schon vielfach
erbracht worden. Es gibt kein Naturgese , das vorgibt, dass Frauen frei sein müssen. Vielleicht
gibt es einen lieben Go , der das tut, aber wer auch immer so etwas glaubt (ich zum Beispiel)
kann das nicht beweisen, und von daher ist es kein Argument in der politischen
Auseinanderse ung.

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12.2.2020 Ich bin eine ideologische Feministin, und das ist auch gut so – Aus Liebe zur Freiheit

Wenn wir wollen, dass Frauen frei sind, dann liegt es an allein uns, das zu verwirklichen. Ohne
Garantie, ohne Hilfe „von oben“, ohne dass wir uns dabei auf das Gese oder die Wissenschaft
berufen könnten. Der einzige Grund, den wir haben, ist der, dass wir es wollen. Es ist unser
Begehren. Unsere Entscheidung. Wir sind es (und solche wie wir, unsere Vorgängerinnen), die
diese Idee überhaupt erst in die Welt gebracht haben, die Idee von der Freiheit der Frauen,
AUCH der Frauen.

Dass wir an dieser Idee festhalten, um jeden Preis, dass wir uns mit weniger nicht zufrieden
geben, dass wir diese Idee nicht eintauschen gegen noch so viel Geld und Essen und gute Luft.
Weil die Freiheit der Frauen kein Mi el zum Zweck ist, sondern ein Zweck an sich. Das ist der
ideologische Anteil am Feminismus. Und ich finde den gut.

ANTJE SCHRUPP Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am
Main.

2 Gedanken zu “Ich bin eine ideologische Feministin,


und das ist auch gut so”

Roma Mukherjee sagt:


11. Februar 2020 um 21:32
Habe den Text mit viel Interesse gelesen – vielen Dank dafür.

beya sagt:
11. Februar 2020 um 23:03
Ich auch :-)))) also ideologisch und hieß das früher nicht mal radikal? also von der Wurzel
her..

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