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Lisa ,

Verweile doch, du bist so schön!


Eine Kurzgeschichte aus dem Hochsommer von 1982
J.W. Richter

„Willst du mal was erleben?“, fragte Joachim, als wir uns


verabschiedet hatten vom langweiligen Lehrer und seinem
Verkaufsleiter. „Wir könnten das Isartal entlang spazieren. Das
ist eine wilde Gegend und zum Schluss gibt’s bei der Perlacher
Brücke ein kühles Hefeweizen zum Abendessen im
Biergarten.“
„Das hört sich gut an“, meinte ich, „Ich höre mich nicht Nein
sagen.“
Wir hatten gerade in einem überhitzten Schulungsraum gelernt
wie man in einem uralten Rechner eine winzige Funktion selbst
programmieren kann. In München ging ein entsetzlich heißer
Tag zur Neige.
Wir marschierten zur Isar und folgten den Fluss, der zu dieser
Jahreszeit eher eine Reihe Tümpeln zwischen winzigen grünen
Büschen gleicht. Radfahrer waren in der Abendsonne
unterwegs und Spaziergänger folgten aneinander geschmiegt
die Trampelpfade. Zwischen den Büschen und im Wasser
konnte man Pärchen bei der Suche nach Ruhe und
Wasserkühlung beobachten. Es konnte ein wirklich schöner
Abend werden.
Nach eine gute Stunde erreichten wir die Pullacher
Eisenbahnbrücke und begannen den Anstieg. Joachim hörte
wie ich kurzatmig stöhnte.
„Siehst du dort den Maschendrahtzaun an der Brücke?“, fragte
er, „Das ist die Absicherung gegen Selbstmörder. Auf der
anderen Seite der Brücke müssen wir nach links und dann
haben wir unser Pils doch wohl verdient.“
„Das wird aber auch Zeit“, meinte ich, „ich bin schon fast
verdurstet.“
Joachim war kürzlich zu meinem Chef promoviert, ein
stattlicher, vornehmer Mensch, der ein wenig wie der Ritter der
traurigen Gestalt aussah. Allerdings ließ er sich gewiss nicht
von den Windmühlen beeindrucken. Erstmalig waren wir nun
auf einer Dienstreise unterwegs und hatte nach dem entsetzlich
heißen Tag diese Abendwanderung wohl auch verdient. Das Tal
war wirklich reizend und das Abendgespräch mit dem Chef
könnte durchaus interessant werden.
Auf der Brücke bestaunten wir die Silhouette der Stadt und die
wenigen übrig gebliebenen Schwimmer im tiefer gelegenen
Isartal. Es war ein langer Weg gewesen. Jetzt aber verschwand
die Mittagshitze und einer nach dem anderen verschwanden die
Menschen aus dem Tal.
Das Tal war Niemandsland wo Niemand die wilden
Jugendsünden kontrollierte. Was für eine Stadt und was für
eine Freiheit - und das auch noch im erzkonservativen Bayern!
Zum Ende der Brücke hielten wir links in Richtung Stadt und
entdeckten bald eine idyllisch gelegenen Biergarten inmitten
einer Ansammlung wunderschönen Jugendstilgebäuden. Der
Garten befand sich ganz versteckt unterhalb einem Dach von
uralten Kastanien und brummte bereits aus der Ferne wie ein
Bienenkorf im Sommer. Es kostete uns schon etwas Mühe
einen freien Sitzplatz zu finden und ich holte uns als Vorspeise
einen Teller Emmentaler mit Pfeffer, Salz und Brot – und dazu
selbstverständlich auch zwei Maß Bier.
Es war das Ende eines Arbeitstags und immer mehr Münchner
strömten in den Garten auf der Suche nach einem Sitzplatz.
Neben uns fand auch eine Fünfer-Gruppe Studenten noch einen
Platz, streckte eine schön gestickten Tischdecke über den Tisch
und platzierte in deren Mitte einen wunderschönen
Salatschüssel. Einer von den Männern holte Krüge und für sich
eine gewaltige Schweinehaxe. Wir schielten verstohlen auf den
Salatschüssel und stellten uns vor wie gut dieser wohl
schmecken würde. Eines der Mädchen griff ohne viel
Federlesens Gabel und Teller und schöpfte jeden von uns am
Tisch eine Portion auf. Ihre Freunde nannten sie Lisa und sie
lachte von allen am meisten.
Sowie üblich fingen die Gespräche an mit dem Ratespiel nach
Herkunftsländer und Berufe, und aus den Dialekten konnten
wir heraushören dass Joachim und Lisa aus der gleichen
Gegend stammten. Sie sprach ein herrliches Dialekt, weich und
herb, mit der Weisheit eines Jahrhunderten langen Kampfes der
Landbewohnern gegen die Naturgewalten. Lisa und ihre
Freunde waren 25, Studenten und wir bereits zehn Jahre älter.
Wir redeten über unser Leben in ihrer großen und unserer
kleinen Stadt, über Freunde und Freundschaften, über alles.
Wir lachten um Kleinigkeiten und dachten über Wahrheiten.
Sie hatte 1 Jahr in Regensburg Zahnmedizin studiert, aber jetzt
auf Soziologie umgesattelt – eines dieser Fächer, die mir wie
auch Psychologie immer suspekt gewesen sind, weil sie uns im
Leben eben mehr Rätsel als Einsicht liefern. Sie lebte in einem
Zimmer mit Balkon zum Viktualienmarkt zur Miete von 260
Mark.
Joachim hatte inzwischen eine Anekdote angefangen, der
ausgezeichnet zu seiner schleppenden Stimme und zum
zugehörigen gelangweilten Gesicht passte. Nicht jeder Witz
passt bekanntlich zum Erzähler und schon gar nicht zur
Erzählerin. Zu jeder Geschichte gehört die passende
Idealstimme und das Idealgesicht, sowie Joachims Gesicht zu
seinem besten Witz. Selbst würde ich diesen Witz nie und
immer so erzählen können wie Joachim. So ist das Leben und
so sind die Anekdoten, die nicht zu uns passen. Wie immer
wurde jetzt jedoch zum Witz laut und lange gelacht, bis es eine
kleine Ruhepause gab, in dem jeder überlegt und den
passenden Moment wählt für ein eigenes Wort. Es geht dabei
um Zehntel Sekunden, in dem man reagieren kann und das
eigene Wort ergreift. Wer zu früh reagiert verstört den
Abendfrieden und bringt Hastigkeit und Unruhe in die Runde.
Die Zehntelsekunden Ruhepause zwischen den
Gesprächsrunden bilden das Geheimnis der bayerischen
Atmosphäre. Nie habe ich so bewusst die Spannung zwischen
den Wörtern wahrgenommen als an diesem Abend im
Pullacher Biergarten. Letztendlich war es Lisa, die sich von der
Pause am meisten aufgefordert fühlte. Ihre Scheu machte es ihr
schwer das passende Anfangswort zu finden, aber ihre Freunde
wussten genau wie viel Zeit die Partner brauchen und warteten
geduldig wie die geübten Liebhaber im Spiel ihrer Geliebten.
Sie muss es gewissen haben, dass man auf sie gewartet hatte
und so begann sie eine Anekdote, als Antwort zu Joachims
Vorspiel. Es würde ihr schwer fallen ihn zu übertreffen oder es
ihm gleichzutun; und diese Gewissheit hatte das arme Kind
sicherlich auch eine Weile zögern lassen. Nun aber sprang sie
ins Wasser und begann mit der Mut der Verzweifelten...
“Es gab mal... “, “Nein”, “warte mal”...
Gespannt wartete die Meute auf die Geschichte, während die
Erzählerin voller Elan ihren Kopf mit den schwarzen Mähnen
nach hinten warf. Mit verzweifeltem Blick schaute sie auf und
blickte in die Augen ihres Gegenübersitzenden. Hilflos sah sie
noch jünger aus und so unsicher.
Nach drei Versuchen gab sie ihre Erzählungen auf und erntete
dabei großen Beifall. Nun wurde mir klar, dass diese Anläufe
zum festen Ritual gehören, womit dieser Freundeskreis ihre
Verbundenheit feiert. Lisas Unvermögen festigen zusammen
mit ihrem liebenswerten Gesicht und der unsicheren Stimme
den Freundschaftsband zu ihren Kommilitonen. Die Hilarität
galt auch nicht ihr Versagen, aber der Verbundenheit, womit
ihre Freunde sie umarmten, wenn auch Lisa sich dieser
Situation vielleicht gar nicht in vollem Umfang bewusst
gewesen ist.
Sie wechselte nun aber kurzerhand das Thema und erzählte uns
nun mit fester Stimme, dass ihr Geburtsort Riedlingen an der
Donau liegt und wir neckten sie mit der Frage ob das
Geburtshaus nun nördlich oder südlich des Weißwurstäquators
liegt. Überrascht vergaß sie auch darauf eine Antwort zu geben
und wirkte nun völlig perplex.
Eine ungeahnte Sympathie überwältigte mich nun für dieses
scheuen Mädchens aus Riedlingen an der Donau und ich
bedauerte nun erstmals dass wir uns nur heute Abend und dann
nie wieder begegnen würden. Der Austausch von Adressen und
Telefonnummern unter so vielen Zeugen wäre nun sicherlich
undenkbar. Es gab auch keine Chance auf ein persönliches
Gespräch unter vier Augen. Es war eine dieser Momenten an
dem wir einen Weltuntergang verspüren.
Wir tranken noch eine Runde Bier und erzählten uns
gegenseitig die Traditionen der Herkunftsländern. Allen waren
wir stolz auf diese Gebräuche. Lisa und Joachim berichteten
wie sie als Kinder die maskierten, Alamannischen Hexen in
den geheimnisvollen Aufzügen erlebt hatten.
Nie hatte ich zuvor ein solch derbes Dialekt aus einem
weiblichen Mund gehört. Gebannt starrte ich auf ihre Lippen,
die sich in ihrer Muttersprache so mühelos bewegten und auf
ihre funkelnden Augen – so ganz verschieden von den U-Bahn-
Blicken, womit die Pendler in der Münchner U-Bahn an
einander vorbeischauen. Ich glaube sie suchte immer noch
verzweifelt ein Refugium, wie ein scheues Reh beim plötzlich
auftauchendem Gewitter – viel zu unsicher um als
Sozialarbeiterin „Menschen zu begutachten“...
Zwei benachbarten Studenten waren offensichtlich ein Paar
und suchten aneinander geschmiegt Körperkontakt. Lisa war
aufgeregt – auch wir verspürten die Einmaligkeit dieser
Begegnung, und die Trauer über den Abschied der uns nun
unmittelbar bevorstand.
Die meisten tranken noch einen dritten Krug und man fütterte
den Rest der Schweinehaxe einem Basset, der mit einem Blick
aus seinen endlos traurigen Augen die milde Gabe dankbar
annahm und den Knochen zwischen den Zähnen nahm.
Lisa sagte nun dass sie so gerne den Viktualienmarkt besuchte
und ich erinnerte mich an die rührende Geste der Umwohnern,
die dem großen Karl Valentins täglich einen frischen
Blumenstrauß in die Armen geben. Ich bestätigte dass ich bei
jedem Besuch an München eine Runde über diesen Markt
drehe um die Statue des hageren Komikers als Bild noch fester
in meinem Gedächtnis einzuprägen.
Ich versuchte in Lisas Augen abzulesen, wo sie wohnte: in der
Nähe des Viktualienmarkts, aber wo denn jetzt genau? Ob sie
wohl auch ein Telefon hatte..., aber nein, ihre Augen blieben
unergründlich blau im Silberblick, als ob sie nach einem List
suchte – womit wir den Abschied hinauszögern oder
womöglich gar abstellen könnten. Morgen würden Joachim
und ich München unweigerlich verlassen müssen... auch wenn
einer von uns auf der Stelle zusammenbrechen würde...
Dann begann Lisa unerwartet mit dem Aufräumen der Tellern,
Schüsseln und Besteck. Zügig, ja geschwind sammelte sie alles
in ihrem Korb und voller Schrecken verspürte ich dass der
Abend uns rasch davon eilte.
Zu allem Überfluss leistete Joachim sich noch eine
Empfehlung an Lisa, mal eine Variante des Mais-Salats mit
Grapefruit zu versuchen. Im Aufstehen lächelte sie uns noch
ein letztes Mal auf uns herab und versprach uns bei nächster
Gelegenheit einen Salat mit Grapefruit kredenzen. „Und dabei
werdet ihr in unseren Gedanken auf jedem Fall mit dabei sein“
fügte sie dem hinzu.
Verzweifelt suchte ich eine Chance sie aufzuhalten, aber so
schnell wie sie in unser Leben eingetreten war, so rasch
verschwand sie auch wieder mit ihren Körben in das Dunkel
der finsteren Kastanien.
„Ja, die Lisa ist einfach wunderbar“, sprach einer der Nachbarn
in die Runde und wohl auch speziell zu uns.
Ja, sie hinterließ eine Leere und plötzlich verspürte ich wie die
Spannung aus der Runde verschwand als ob ein Ballon seine
Luft allmählich verlor. Noch unter dem Eindruck ihrer Präsenz
starrte ich auf den verlassenen Platz, wo ich immer noch ihr
Gesicht, ihr geheimnisvolles Lächeln und ihre reizende Stimme
verspürte …, nein soeben noch verspürt hatte. Jetzt war es
vorbei und nun empfand ich die Frische, den der Abendwind in
den Wald zu verstreuen begann. Die Bäume raschelten, als ob
sich der Wald erschauerte. Es wurde Zeit den Abend zu
beenden. Mir aber war es noch zu eilig. Wie sagte doch
Goethe:
Verweile doch, du bist so schön!

Es war mein Chef Joachim, der meinen Traum ein zweites Mal
und sich nun aufrichtete. Auch die übrigen Tischgenossen
standen nun zum Abschied auf. Zwischen geparkten Autos und
dunkelgrüner Wald suchten wir unseren Weg zur Pullacher
Straße, wo eine Straßenbahnhaltestelle auf uns warten sollte.
Betäubt versank ich an der Haltestelle in Gedanken an Lisa,
wie ich sie jetzt doch noch erreichen könnte. Vielleicht konnte
ich die Uni-Administration, Abteilung Soziologie, oder das
Münchener Einwohnermeldeamt befragen nach einer Adresse
einer Lisa aus Riedlingen... Mein mein Freund, das wird nichts
mehr. Diese Art Begegnungen gehört eindeutig zum
Erinnerungsschatz den wir mit ins Grab nehmen. Es sind die
verlorenen Chancen unseres Lebenslaufes.
Die Straßenbahn führte uns in einem Waggon voller fröhlich
angeheiterter Jugend in die Innenstadt. Von dort führte ein
Stück U-Bahn uns ins Hotel, das mir nur noch als dunkler
Tunnel in eine schummrig beleuchtetem Hotel in Erinnerung
geblieben ist.

Am Tag danach, so erinnere ich mich, sitze ich im Zug auf dem
Heimweg, wobei jede Eisenbahnschwelle mich weiter von Lisa
entfernte. Schon damals war mir bewusst dass sie wohl immer
die Münchener Erinnerung für mich bleiben wird. Ja, Lisa aus
Riedlingen an der Donau - jetzt sicherlich schon längst
verheiratet, mit erwachsenen Kindern und einem Buch voller
Erinnerungen ihrer Jugend, vielleicht auch an dem Biergarten
in Menterschwaige.
Manchmal, wenn sie mir wieder ins Gedächtnis eintritt,
erinnere ich mir auch wieder das alte Goethe-Zitat, das mir
damals durch den Kopf gegangen ist:
Verweile doch, du bist so schön!
Verweile doch, du bist so schön!

Der Vertrag mit Mephistopheles


Beide Originalzitate in Goethes Faust könnten kontrastreicher
nicht sein. Im ersten Teil ist Faust so taten- wie wissensdurstig.
Den Vertrag mit Mephistopheles, der ihm die Erfüllung seines
Wunsches nach höchster Lebensintensität verspricht, bekräftigt
Faust abschließend mit den Worten1:
"Werd' ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du
bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
dann will ich gern zugrunde gehn!"

Die utopische Vision eines Blinden


Blind und alt nach einem langen Leben bereitet er im zweiten
Teil den neuen Generationen einen neuen Boden. Er ist zwar
unfähig zu sehen, nimmt aber kurz vor seinem Tod seine
utopische Vision doch noch wahr und behauptet2:
Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du
bist so schön! Es kann die Spur von meinen Erdentagen
Nicht in Äonen untergehn. – Im Vorgefühl von solchem
hohen Glück Genieß’ ich jetzt den höchsten
Augenblick...
Auch wenn der Konjunktiv ihn vor dem Zauberspruch
geschützt haben soll, nimmt das Unheil seinen Lauf... Seinem
Tod entgeht er nicht.
1
1699-1702
2
In der Tragödie zweiter Teil in fünf Akten, bekannt auch als Faust II
(11581-11586)