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der Wissenschaft SPEZIAL 4.

16

Archäologie Geschichte Kultur

1200 v.Chr.
8,90 € (D) · € 9,70 (A) · � 10,– (L) · sFr. 17,40

Das dramatische
Ende der Bronzezeit
63547

TROJA Erinnern »Ilias« und »Odyssee« an den Kulturkollaps?


HETHITER Eine Großmacht verschwindet
GRIECHENLAND Licht am Ende der »dunklen Jahrhunderte«
Am Anfang
steht die
Neugier.

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spektrum.de/miniabo
EDITORIAL
WARUM DIE WELT
ZU BRUCH GING
Von Klaus-Dieter Linsmeier, Koordinator Archäologie
Geschichte linsmeier@spektrum.de


Es waren unruhige Zeiten! In vielen Teilen der Welt herrschten Hun-
ger und Krieg. Die Menschen flohen aus ihrer Heimat, ganze Land-
striche verödeten. Auch der Welthandel geriet aus den Fugen, bis er DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN:
schließlich zusammenbrach. Und es wurde immer deutlicher, dass jene,
die das Ruder fest in der Hand haben sollten, der Krise hilflos gegenüber-
standen. Unmut machte sich breit. Manch einer, der nach Macht gierte,
sah nun seine Zeit gekommen, und die inneren Konflikte taten das ihre,
die Situation weiter zu destabilisieren.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Krieg, Bürgerkrieg, Hungersnot, Flücht-
linge, Wirtschaftskrise – das sind derzeit Themen der Nachrichtenmedien.
Doch gemeint sind die mutmaßlichen Verhältnisse im östlichen Mittel-
meerraum am Ende der späten Bronzezeit.
Was wirklich geschah, darüber lässt sich mangels harter Fakten nur

FOTO: ISTOCK / STEFAN_S


spekulieren. Warum gingen die mykenischen Burgen in den Jahren um
1200 v. Chr. in Flammen auf? Weshalb zerbrach das Großreich der Hethi-
ter, blieben von wohlhabenden Stadtstaaten an der Levanteküste nur
noch Ruinen? Laut einem Kriegsbericht des Pharaos Ramses III. waren
räuberische »Seevölker« die Übeltäter. Neuerdings macht sogar die wilde
Spekulation Furore, diese seien ein bislang unbeachtetes Volk Kleinasiens Spektrum KOMPAKT
unter der Führung des legendären Troja. »Neolithische Revolution«
Die Wahrheit ist wohl weniger romantisch und abenteuerlich. Sie lässt
Der Wandel vom Jäger und Sammler
sich kaum bei Homer nachlesen, sondern eher aus Grabungsberichten,
zum sesshaften Bauern gehörte zu
Sedimentanalysen und den Übersetzungen der wenigen Schriftfunde jener den tiefgreifendsten Veränderungen
Phase des Übergangs. Viele Fragen sind noch offen, doch das Gesamtbild in der Lebensweise des Menschen.
zeichnet sich allmählich ab. Wie lief diese Revolution ab, und welche
Eine regelrechte Welle schwerer Erdbeben könnte den Städten des Folgen hatte sie? Eine Spurensuche.
östlichen Mittelmeerraums zugesetzt haben. Zudem herrschte drama-
tische Trockenheit, was eine von der Landwirtschaft abhängige Welt Spektrum KOMPAKT –
Themen auf den Punkt gebracht
erschüttern musste. Paradoxerweise rächte sich nun wohl auch, was zu
Unsere Spektrum-KOMPAKT-Digitalpubli-
den aus heutiger Sicht größten Errungenschaften der späten Bronzezeit
kationen stellen Ihnen alle wichtigen
zählt: die Vernetzung der Staaten durch den Fernhandel. Fakten zu ausgesuchten Themen als
Längst beruhten Wohlstand und Wohlergehen der Menschen auf PDF-Download zur Verfügung – schnell,
Warenströmen, die über Hunderte von Kilometern dafür sorgten, dass verständlich und informativ!
beispielsweise Rohstoffe und Nahrungsmittel dorthin gelangten, wo sie
gebraucht wurden. In der Krise um 1200 v. Chr. brach dieses Netzwerk www.spektrum.de/kompakt
zusammen, was den gigantischen Kollaps zumindest gefördert haben
dürfte.
Womit wir wieder bei heutigen Themen wie Klimawandel und der
globalisierten Weltwirtschaft wären. Der Kreis schließt sich.

Spannende Lektüre wünscht

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 3


INHALT
6 KULTURKOLLAPS ENDE MIT SCHRECKEN

AKG IMAGES / ERICH LESSING


Die mykenischen Paläste brannten nieder, ganze
Landstriche verödeten. Bis heute rätseln Forscher
über die Gründe des plötzlichen Untergangs.
Von Josef Fischer

14 KÖNIGTUM WER SASS EINST


AUF MYKENES THRON?
Vieles spricht dafür, dass einer im frühen Griechen­
land alle regierte. Doch manches passt eher zu einer
Herrschaft der vielen.
Von Josef Fischer

20 TROJA DIE ERFORSCHUNG


EINES MYTHOS
14
MYKENE
Tübinger Archäologen ziehen ein Resümee über
150 Jahre Grabungen: Troja war ein Zentrum der
EIN KÖNIG
Bronzezeit – und erlebte wohl mehr als einen Krieg. ODER MEHRERE?
Von Ernst Per­nicka, Peter Jablonka und Magda Pieniążek

30 KOMMENTAR WAR TROJA


ISTOCK / LEBAZELE

DIE HAUPTSTADT DER SEEVÖLKER?


Archäologen sollen einen ganzen Kulturkreis von
Superkriegern übersehen haben: die Luwier.
Von Luise Loges

32 ALTORIENTALISTIK
DAS WELTBILD DER HETHITER
Alte Kulturen sahen das Jenseits mal als düsteren
38
Ort des Schreckens, mal als Spiegelbild der Erde. HETHITER
Für die Hethiter waren beide Ansichten gültig. DAS ENDE DER GROSSKÖNIGE
Von Susanne Görke

38 HATTUSCHA EINE GROSSMACHT


VERSCHWINDET
AKG IMAGES / ERICH LESSING

Um 1200 v. Chr. verließ die hethitische Königs­


familie ihre Hauptstadt mit unbekanntem Ziel.
Mancher Provinzfürst sah nun seine Zeit gekom­
men, das Erbe der Großkönige anzutreten.
Von Charles Steitler

44 SEEVÖLKER STURM IM WASSERGLAS


Krieger aus der Ägäis sollen blühende Küstenstädte
zerstört haben. Doch bei näherer Betrachtung
erweist sich diese These als Mythos.
Von Jesse M. Millek

48 LEVANTE WELTHANDEL IN DER KRISE 48


Ob Rohstoffe oder Luxusgüter – im Hafen von UGARIT
Ugarit wurde alles verladen, was in der Bronzezeit ROTTERDAM
wichtig und kostbar war. Riss der Niedergang des
Fernhandels das kleine Reich mit ins Verderben?
DER BRONZEZEIT
Von Klaus Georg Sommer

4 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


52 ZYPERN INSEL DES KUPFERS

AKG IMAGES / ERICH LESSING


Das Königreich Alaschija – das heutige Zypern – war der
wichtigste Kupferexporteur der späten Bronzezeit und
als solcher den mächtigen Reichen Anatoliens, Ägyptens
und Mesopotamiens ebenbürtig.
Von Ekin Kozal

58 BIBLISCHE ARCHÄOLOGIE
WER ZERSTÖRTE HAZOR?
Am Ende der Bronzezeit brannten auch Stadtstaaten im
Land der Bibel. Archäologen forschen auf dem Tell Hazor
in Israel nach den Gründen.
Von Amnon Ben-Tor

64 ÄGYPTEN »ÜBER WEN HERRSCHT


PHARAO DENN NOCH?«
Ramses III. gilt als einer der letzten großen Pharaonen,
rettete er Ägypten doch nach eigenen Angaben vor den
Seevölkern. Tatsächlich wurde er der Krisen aber wohl
nicht Herr und fiel am Ende einer Revolte zum Opfer.
Von Luise Loges

70 GRIECHENLAND
DIE DUNKLEN JAHRHUNDERTE
Mit der mykenischen Kultur verschwanden zwar Errun­
genschaften wie die Schrift aus Griechenland. Doch

52
ganz so finster waren die folgenden Jahrhunderte nicht,
denn sie legten die Grundlagen der glanzvollen Antike.
Von Josef Fischer
ZYPERN
KUPFERLIEFERANT 76 URNENFELDERKULTUR IM TODE VEREINT
DER WELT Schlichte Urnen statt Hügelgräber – ein Grabritus
vernetzte die Völker in weiten Teilen Europas, bis der
Anbruch der Eisenzeit alles veränderte.
Von Frank Falkenstein
ISTOCK / MEARMAN

3 EDITORIAL
64 43 IMPRESSUM
RAMSES III.
GROSSE BAUTEN 82 VORSCHAU
TROTZ LEERER
KASSEN Titelbild: AKG Images / De Agostini Picture Library / G. Dagli Orti
Der auf einem Ochsenhautbarren
stehende Gott unterstreicht die Bedeutung
des Kupferbergbaus auf Zypern.

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Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 5


ISTOCK / TUNART

KULTURKOLLAPS
ENDE MIT SCHRECKEN
Die mächtigen Paläste des mykenischen Griechenlands gingen in
Flammen auf, Dörfer wurden verwüstet, ganze Landstriche fielen
wüst. Obwohl die Palastbeamten noch bis zum Schluss ihre Arbeit
protokollierten, sind die Gründe des abrupten Untergangs ein Rätsel.

Der promovierte Althistoriker Josef Fischer unterrichtet griechische Frühgeschichte an der Universität
Passau. Er lebt in Krakau.

 spektrum.de/artikel/1431427

6 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


ISTOCK / TUNART
Das Löwentor von Hattuscha, der
Hauptstadt des hethitischen
Reichs, diente auch der Repräsen-
tation von Macht. Errichtet im
13. Jahrhundert v. Chr. verlor es
um 1200 v. Chr. seine Bedeutung,
als die Stadt aufgegeben wurde.


Der östliche Mittelmeerraum war in Aufruhr. Die Während der späten Bronzezeit blühte in Griechenland
Wirtschaft steckte in einer tiefen Krise, Staaten ver- und auf den Inseln der Ägäis die mykenische Hochkultur,
sanken im Chaos, Regierungen wurden gestürzt, die während der so genannten Palastzeit von 1400 bis
blühende Städte in Schutt und Asche gelegt. Tausende 1200 v. Chr. ihre höchste Entfaltung fand (siehe den Bei-
Menschen waren auf der Flucht und suchten ein neues trag S. 14). Mächtige Burgen und monumentale Grab­mäler
Zuhause. All das klingt vertraut – doch handelt es sich hier kündeten vom Reichtum und Einfluss der frühgriechischen
nicht um eine Beschreibung der Verhältnisse im heutigen Herrscher. Ein System von Straßen durchzog das Land
Nahen Osten. Vielmehr ist von einer fundamentalen Krise und bezeugte das Knowhow mykenischer Baumeis­ter, die
vor 3200 Jahren die Rede, die als ein Wendepunkt der Trassen und Brücken anlegten, breit genug für Streitwa-
Weltgeschichte betrachtet werden kann. Neue Forschun- gen und mit Stützmauern sowie Wasserdurchlässen abge-
gen werfen nun mehr Licht auf die Hintergründe dieser sichert. So stammen die drei »Brücken von Arkadiko« aus
epochalen Umwälzungen. jener Zeit: Sie verbanden verschiedene Zentren auf dem

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Peloponnes mit dem Hafen Palea Epidavros. Ihr Können All diese Reiche waren überraschend eng miteinander
bewiesen die frühen »Ingenieure« auch durch Kanäle und vernetzt und betrieben einen regen Tauschhandel. Beson-
Dämme, mit denen sie ausgedehnte Sümpfe trocken- ders spektakuläre Zeugnisse für dessen Art und Umfang
legten. Dem Kopaisbecken beispielsweise rangen sie bergen Unterwasserarchäologen aus den Überresten gesun-
damit Anbauflächen ab, die später wieder unter Wasser kener Schiffe. So transportierte ein vor mehr als 3300 Jah-
lagen, bis französische Ingenieure sie im 19. Jahrhundert ren vor der heutigen türkischen Südküste, nahe dem Kap
trockenlegten und dabei auf die mykenischen Anlagen Uluburun gesunkener Frachter eine beachtliche Ladung, die
stießen. offenbar Richtung Norden unterwegs war: zehn Tonnen
In den Palästen durften Besucher farbenprächtige Kupferbarren aus Zypern, eine Tonne Zinnbarren wohl aus
Wandmalereien und beeindruckende Reliefs wie das dem Fernen Osten, 350 Kilogramm blaues Glas aus dem
Löwentor von Mykene (siehe Bild S. 6/7) bestaunen, aber syrisch-palästinensischen Raum, das für Parfüms und
auch Elfenbeinschnitzereien und kleinformatige Plastiken Medizin geschätzte Harz des Terebinthenbaums, Gefäße,
aus Ton und Metall. Auf Grundlage zweier zuvor in der Waffen und Werkzeuge. Zudem bargen die Taucher Luxus-
minoischen Kultur Kretas entwickelten Schriften – Linear A produkte wie afrikanisches Ebenholz und Elfenbein, Bern-
und eines Hierogyphensystems – entstand die Silben- stein vom Baltikum und einen ägyptischen Skarabäus.
schrift Linear B für Verwaltungsvorgänge, etwa um stich- Doch jäh endete diese goldene Zeit in einer Katastrophe.
wortartig den Warenbestand in Magazinen zu notieren In Griechenland gingen Paläste und Siedlungen in Flammen
oder Personal mit den jeweiligen Aufgaben und Entloh- auf, manche Regionen wie die antike Landschaft Messenien
nungen aufzulisten. wurden regelrecht entvölkert: Im 12. Jahrhundert v. Chr.
lebten nur in einem Zehntel seiner Siedlungen noch Men-
Reger Briefwechsel der Diplomaten schen. Die Qualität von Produkten wie die von Gebäuden
In dieser Zeit strahlte die mykenische Kultur über das sank. Die Linear-B-Schrift, die ganz auf die Belange der
ganze Mittelmeer aus. Nicht nur Kreta und die Kykladen­ Paläste zugeschnitten gewesen war, geriet in Vergessenheit,
inseln standen unter ihrem Einfluss; auch auf Rhodos, Kos und es sollte gut 400 Jahre dauern, bis sie einen Nachfolger
und in Kleinasien wurden Stützpunkte errichtet. Mit den fand. Prähistoriker sprechen oft vom »dunklen Zeitalter«
Völkern des westlichen Mittelmeerraums und Zentraleuro- Griechenlands, wobei Grabungen der letzten Jahre dieses
pas standen die mykenischen Eliten genauso in engem Bild korrigiert haben (siehe den Beitrag S. 70).
Kontakt wie mit den Hochkulturen des Nahen Ostens. Die Katastrophe war nicht auf das griechische Festland
Schriftquellen und archäologische Befunde belegen bei- beschränkt: Zeitgleich zerbrach das Großreich der Hethiter
spielsweise Beziehungen zwischen den griechischen in Anatolien, zahlreiche Kleinreiche der Levante wie das
Fürsten und dem hethitischen Großkönig, den Regenten kanaanäische Ugarit fanden ein gewaltsames Ende, und
an der Levanteküste sowie dem ägyptischen Pharao. Ägypten konnte nur mit Mühe die Invasion fremder Völker

AKG IMAGES / ALBUM / PRISMA

Militärische Stärke war überle-


benswichtig in der späten Bron-
zezeit. Das spiegelt sich auch
im Dekor mykenischer Artefakte.
Dieser Krater – ein Gefäß zum
Mischen von Wein und Wasser –
zeigt eine Gruppe Schwerbewaff-
neter, die offenbar in den Krieg
ziehen, während ihnen eine Frau
nachwinkt. Die Keramik stammt
aus der Zeit nach dem Untergang
der mykeni­schen Paläste.

8 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


abwehren. Jüngeren Forschungen nach wurde auch Troja
an der kleinasiatischen Küste von Gewalt und Zerstörung
heimgesucht; ob dies dem Mythos vom Trojanischen AUF EINEN BLICK
Krieg zu Grunde lag, lässt sich allerdings nicht eindeutig DER RÄTSELHAFTE UNTERGANG
sagen.
Viele Erklärungen haben Experten insbesondere für
das Ende der mykenischen Paläste vorgeschlagen. 1  m 1200 v. Chr. brannten die mykenischen Paläste,
U
das hethitische Großreich zerbrach, diverse Klein-
staaten in Kleinasien und an der Levanteküste wur-
Spätes­tens Anfang des 20. Jahrhunderts hat man es mit
den vernichtet.
Bevölkerungsbewegungen in Verbindung gebracht, die
antike Quellen für die Zeit nach dem Trojanischen Krieg
überliefern. Insbesondere dachte man an die Einwande-
rung des griechischen Stamms der Dorer in den Pelo-
2  eit dem 19. Jahrhundert werden kriegerische »See-
S
völker« für das gewaltsame Ende der Bronzezeit
verantwortlich gemacht. Bis jetzt gelang es aber
ponnes. Einem Mythos zufolge sollte der Halbgott Hera- nicht, diese eindeutig zu identifizieren.
kles dort herrschen, doch Zeus’ Frau Hera sorgte dafür,

3
dass ein mykenischer König den Thron erhielt und Hera-  ögliche weitere Ursachen der Krise könnten Erdbe-
M
kles’ Söhne fliehen mussten. In mehreren Kriegszügen ben und eine Dürreperiode gewesen sein. Vermutlich
setzten sie ihr Anrecht schließlich durch. Zwar legt die lässt sich der Kulturkollaps im östlichen Mittelmeer-
Verteilung griechischer Dialekte, wie sie sich aus Texten raum nicht an einer einzelnen Ursache festmachen.
der Archaik (etwa 750–500 v. Chr.) erschließen lässt,
tatsächlich eine Migration dorischer Gruppen nahe,
Veränderungen in den Bestattungssitten und im Sied-
lungsmuster sprechen aber dafür, dass sie erst im Die Palastverwaltungen funktionierten wohl bis zum
11. Jahrhundert v. Chr. erfolgte. Ohnehin darf man sie sich Schluss. Jedenfalls notierten ihre Beamten noch im Jahr
nicht als waffenstarrenden Ansturm vorstellen, der gut der Zerstörung Warenein- und -ausgänge. Allerdings
befestigte Burgen überrollen konnte, sondern als Ankom- fehlen sonst übliche Aufzeichnungen etwa zur Schaf-
men kleiner Gruppen über Jahrzehnte hinweg. schur – das Verwaltungsjahr war wohl noch nicht weit
fortgeschritten. Der britische Mykenologe John Chadwick
Aufstand gegen die Mächtigen? (1920–1998) vermutete für Pylos eine Zerstörung im Früh-
Auch Aufstände der Bevölkerung waren als Ursachen des jahr. Sicher ist nur, dass die griechische Palastkultur ein
Niedergangs in der Diskussion. Wie Linear-B-Texte verra- abruptes Ende fand.
ten, führten die mykenischen Paläste ein strenges Regi- Allerdings hatte es Vorzeichen gegeben, wie Archäolo-
ment, verlangten Arbeitsleistungen und Abgaben von gen bei Grabungen entdeckten: So brannten einige Jahr-
»Untertanen« der Fürsten. Unzufriedenheit könnte sich zehnte zuvor, um die Mitte des 13. Jahrhunderts v. Chr.,
aufgestaut und gewaltsam entladen haben. Allerdings etliche außerhalb der Zitadelle von Mykene liegende, aber
waren die mykenischen Paläste nach der Ansicht der dennoch zum Palast gehörige Gebäude. Auch in der
meisten Experten unabhängige politische Einheiten, Unterburg von Tiryns sowie im Palast von Theben wurden
nahezu gleichzeitige Revolten erscheinen aber wenig Beschädigungen nachgewiesen.
plausibel. Doch auch wenn soziale Spannungen nicht die Was immer geschehen war, die Herrschenden reagier-
unmittelbaren Auslöser der Zerstörungen gewesen wa- ten rasch. Die Akropolis von Athen erhielt eine massive
ren, haben sie das alte System vielleicht geschwächt. Befestigungsmauer. Mykenes Fürst ließ seine Anlagen
Auch zwischen den einzelnen mykenischen Staaten erweitern und integrierte dabei zuvor ungeschützte Be-
gab es möglicherweise Spannungen, verschiedene My- reiche in die Burg. Auch der nach seinen Reliefs als Lö-
then lassen darauf schließen. Dazu gehören insbesondere wentor bekannte monumentale Zugang entstand nun – er
die Sagen »Sieben gegen Theben« und der »Zug der war besser zu verteidigen. Der als Unterburg bezeichnete
Epigonen«: Eteokles und Polyneikes, die Söhne des Bereich von Tiryns verschwand ebenfalls hinter gewaltigen
thebanischen Königs Ödipus, sollen einst vereinbart Verteidigungsmauern, was das gesicherte Areal beträcht-
haben, sich in der Herrschaft jährlich abzuwechseln. Aber lich erweiterte und obendrein Platz für Lager, Werkstätten
Eteokles trat nicht ab, sondern vertrieb seinen Bruder. und Verwaltungsgebäude schuf. Allenthalben schlug man
Dieser floh nach Argos und heiratete dort die Tochter des Gänge und Schächte in den Fels, um Quellen zu erschlie-
Königs Adrastos. Mit Hilfe seines Schwiegervaters und ßen und so die Wasserversorgung der Paläste sicherzu-
fünf anderer Fürsten versuchte er, die Macht in seiner stellen.
Heimatstadt an sich zu reißen. Doch in der Schlacht All diese Baumaßnahmen dienten dem Schutz und der
kamen fast alle um; Eteokles und Polyneikes töteten sich Verteidigung der Herrschersitze, deren Belagerung offen-
gegenseitig. Zehn Jahre später griffen die Söhne der bar befürchtet wurde. Dieses erhöhte Sicherheitsbedürfnis
gefallenen Sieben, die so genannten Epigonen, Theben spiegelt möglicherweise auch eine »zyklopische Mauer« –
erneut an – diesmal mit Erfolg. Freilich können auch die verbauten Steinblöcke waren so gewaltig, dass spätere
solche innermykenischen Kriege den Untergang aller Generationen sie als Werk von einäugigen Riesen betrach-
Kleinstaaten binnen kürzester Zeit nicht zufrieden stellend teten – am Isthmos von Korinth wider, dem einzigen Land-
erklären. zugang vom griechischen Festland auf den Peloponnes.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 9


Heunischenburg

Acholshausen
Etzelsdorf
Hassloch
Bullenheimer Berg
Schifferstadt Neckargartach
Dietfurt-Schleuse

ein
Wehringen

Rh
au
Don
Buchau
n becken
a te
rp

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK


a
K
Po
Dupljaja

5
3 SARDINIEN

Iolkos

GRIECHENLAND
Lefkandi
Teichos Dymaion Theben
Athen
Mykene
2 7 Midea
Tiryns
Nichoria
SIZILIEN Pylos Menelaion

Chania
KRETA
8
M i t t e l m e e r Komos
mögliche Herkunft
Großmächte einiger Stämme
der Zeit der »Seevölker«

Mykener 1 Lukka

Hethiter 2 Schekelesch

Assyrer 3 Schardana

Babylonier 4 Tjeker
Handelsrouten Urnenfelderkultur
Ägypter 5 Weschesch
Seeroute Verbreitungsgebiet Schiffswrack
6 Teresch
Landroute Fundort Urnenfeld wichtige Fundorte
7 Denyen / Ekwesch

10 Spektrum SPEZIAL
8 Archäologie
Peleset Geschichte Kultur  4.16
mögliche Routen der heutige
Handelsschiffe von Ugarit Landesgrenze
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK

S c h w a r z e s M e e r

Alaca Höyük
Hattuscha Masat
Karaoglan
4 Alischar Höyük
Troja

ANATOLIEN Norsuntepe
Fraktin
Tille Höyük

Milet Lidar Höyük


Tarsus
Karkemisch
Mersin
Aleppo
1 Emar Ninive
Kas Gelidonya
Ugarit SYRIEN
Ti

Uluburun
gr

Myrtou Sinda Tell Tweini


Knossos
is

Enkomi Hamath
Palaiokastro Tell Sukas
Qatna
Kalavassos Kition
ZYPERN Byblos Kadesch
Sidon
Tyros
Eu
Akko ph
Hazor rat
Megiddo
LEVANTE Deir Alla
Aschdod Bethel
Aschkelon Babylon
Bet Schemesch
Lachisch

Marsa Matruh

Memphis
l
Ni

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 11


Tell el-Amarna
Der amerikanische Archäologe Oscar Broneer hat einige
Abschnitte der Anlage vor mehreren Jahrzehnten entdeckt.
Keramikreste sprechen für eine Entstehung in mykenischer
Zeit. In den noch erhaltenen Abschnitten war die Mauer
zwischen 4 und 5,7 Metern dick, an einer Stelle erreicht die
Ruine eine Höhe von 2,5 Metern. Dass dieses Bauwerk der
Verteidigung diente, ist der plausibelste Schluss.
Unsicherheit und Angst herrschten wohl auch auf
Kreta. Ende des 13. Jahrhunderts. v. Chr. waren die Küsten
großenteils menschenleer, die Einwohner hatten sich in oft
stark befestigte Siedlungen im Gebirge zurückgezogen.
Steile Felsen und entlegene Berggipfel boten Schutz vor
einem Feind, den man vom Meer her erwartete. Hinweise
auf eine solche Bedrohung finden sich auch in Linear-B-
Texten aus Pylos, die über die Aufstellung einer Truppe
berichten, deren Aufgabe es war, die Küsten zu bewachen.
Ob dies routinemäßig oder als Notmaßnahme in einer
Bedrohungslage angeordnet wurde, vermag niemand zu
sagen. In ihrer Summe aber deuten all diese archäologi-
schen und epigrafischen Indizien darauf hin, dass die Pa-
läste der Ägäis mit einer Inva­sion von See her rechneten.
Etwa zur gleichen Zeit zerbrach auch das Großreich der
Hethiter. Auf der Liste möglicher Ursachen stehen Macht-
kämpfe um den Thron sowie nach Unabhängigkeit stre-
AKG IMAGES / ERICH LESSING

bende Teilreiche, wirtschaftliche Schwierigkeiten und


Angriffe beispielsweise durch die nomadisch lebenden
Kaschkäer. Die archäologischen Befunde sprechen aber
dafür, dass Tempel und Verwaltungsgebäude der Haupt-
stadt Hattuscha bewusst aufgegeben wurden. König
Suppiluliuma II. (regierte 1215–1190 v. Chr.) ließ seine Resi- Schon im 19. Jahrhundert wurden diese Ethnonyme mit
denz aus heute ungeklärten Gründen an einen unbekann- aus anderen Quellen bekannten antiken Völkernamen
ten Ort verlegen. Die Gebäude verfielen, zuvor heilige gleichgesetzt. Während es keinen Zweifel an der Identifi-
Stätten dienten als Werkstätten und Wohnbereiche. Erst kation der Peleset mit den biblischen Philistern gibt, sind
Anfang des 12. Jahrhunderts v. Chr. wurde Hattuscha alle anderen Zuweisungen ebenso wie die ihnen zuge-
gewaltsam zerstört und blieb bis in das 11. Jahrhundert v. schriebenen Attacken mehr oder weniger umstritten (siehe
Chr. unbewohnt. den Beitrag S. 44). Die Schardana und die Schekelesch
Der diplomatischen Korrespondenz zwischen Suppilu­ verorteten Historiker auf Sardinien beziehungsweise
liuma II. und seinem »Amtskollegen« Pharao Merenptah Sizilien, die Lukka in die kleinasiatische Landschaft Lykien;
zufolge litt das hethitische Reich unter einer schrecklichen diese drei Identifikationen gelten als recht sicher. Die
Hungersnot. Der Ägypter versprach Getreidelieferungen. Tjeker wurden als die ursprünglich in der Troas beheima-
Einem Briefwechsel mit dem Vasallenstaat Ugarit lässt teten Teukrer angesehen, die Teresch als Tyrrhener bezie-
sich zudem entnehmen, dass die hethitische Armee vor hungsweise Etrusker; die Weschesch könnten ebenfalls
der Insel Zypern in Kämpfe verwickelt war; Ugarit fiel kurz aus Italien stammende Osker gewesen sein. Und als
nach 1190 v. Chr. (siehe den Beitrag S. 48). Denyen beziehungsweise Danuna erkannte Philologen die
Danaer, hinter den Ekwesch beziehungsweise Aqaiwascha
»Leute von Inseln inmitten des Meeres« dann die Achaier – beides schon von Homer verwendete
Die Angreifer nannte der Ägyptologe Gaston Maspero Bezeichnungen für Festlandgriechen des mykenischen
(1846–1916) Seevölker, in Anlehnung an einen Text Ram- Raums.
ses’ III. (regierte 1186–1155 v. Chr.) über »Leute von Inseln Falls diese Vermutungen zutreffen, müsste der Ur-
inmitten des Meeres«. Der Pharao will diesen Einhalt sprung der Seevölker in Italien zu finden sein; in Griechen-
geboten haben; er listete die Namen der besiegten Völker land hätten sich ihnen dann Einheimische angeschlossen.
auf einem Relief seines Totentempels Medinet Habu auf: Tatsächlich belegen archäologische Funde intensive Kon-
Peleset, Tjeker, Schekelesch, Denyen und Weschesch. Im takte zwischen dem italischen und dem hellenischen
selben Text machte er sie für den Untergang des Hethiter- Raum. So kam frühmykenische Keramik auf den Lipa-
reichs sowie der Kleinkönigreiche Karkemish, Arzawa und rischen Inseln in Siedlungen des 16. und 15. Jahrhunderts
Zypern verantwortlich. Über Angriffe der Schekelesch v. Chr. zum Vorschein. In der Palastzeit wurde dieser
berichtete bereits Pharao Merenptah (regierte 1213–1203 Export nach Westen intensiviert, obendrein begann man in
v. Chr.), ebenso über Überfälle der Schardana, Ekwesch, Italien im mykenischen Stil zu produzieren. Ab der Mitte
Teresch und Lukka. des 13. Jahrhunderts v. Chr. gelangten auch umgekehrt

12 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Ganze Heerscharen von Prähistorikers Joseph Maran von der Universität Heidel-
Kriegern seien gegen Ägyp- berg, Grabungsleiter in Tiryns, haben gewaltige Erdbeben
ten gezogen, nachdem sie die Katastrophe um 1200 v. Chr. herbeigeführt. Der ge-
bereits große und kleine samte Ostmittelmeerraum ist stark gefährdet, wie schwere
Königreiche vernichtet Beben zuletzt im Mai 2014 in Griechenland und der Türkei
hatten. Doch den Streit- zeigten, denn dort stoßen gleich drei tektonische Platten
mächten des Nilstaats aneinander – die Eurasische, die Afrikanische und die
mussten sie sich geschlagen Arabische. Einige griechische Fundstellen zeigen eindeutig
geben. So berichtete es Beschädigungen durch Erdstöße, so etwa Mykene, Tiryns
jedenfalls Ramses III. Reliefs und Midea. Im heute syrischen Lachisch wurden sogar
an seinem Totentempel in Skelette mehrerer Personen geborgen, die während eines
Medinet Habu zeigen den Bebens von herabfallenden Steinen erschlagen worden
Herrscher in der Schlacht, waren. Die gesamte Region könnte zwischen 1230 und
unerbittlich Feind auf Feind 1170 v. Chr. von einem regelrechten Erdbebensturm heim-
niederstreckend. Sind diese gesucht worden sein.
Bilder reine Propa­ganda Allerdings zeigt die Geschichte zumindest der ägä-
oder stellen sie wahre ischen Kulturen, dass sich dergleichen schon früher ereig-
Ereignisse dar? net hatte, etwa am Übergang von der minoischen Altpa-
lastzeit zur Neupalastzeit. Doch stets wurden die Paläste
wiederaufgebaut. Weshalb also kollabierte diesmal das
gesamte politische System, noch dazu in Griechenland,
Kleinasien und im Vorderen Orient?
Paläoklimatologische Forschungen zeigen, dass auch
Klimaveränderungen ihren Teil beigetragen haben
AKG IMAGES / ERICH LESSING

könnten. Wie David Kaniewski von der Universität Toulou-


se und sein belgisch-französisches Forscherteam anhand
von Bohrkernen aus Seesedimenten Zyperns und Syriens
nachweisen konnten, kam es seinerzeit im Ostmittelmeer-
raum infolge einer globalen Abkühlung zu signifikant
italische Keramik, Geräte und Waffen nach Griechenland, geringeren Niederschlägen über einen längeren Zeitraum.
Produkte im italischen und mitteleuropäischen Stil wurden Die Bedingungen für den Regenfeldbau verschlech-
dort hergestellt. Experten gehen aber davon aus, dass terten sich also zusehends, Ernteausfälle waren die Folge.
diese Artefakte und Techniken nicht im Zuge eines Fern- So zeigte etwa die Untersuchung von Pflanzenresten aus
handels importiert, sondern mitgebracht wurden. Aller- dem Palast von Tiryns deutliche Anhaltspunkte für eine
dings geschah dies bereits vor dem Fall der mykenischen Agrarkrise im 13. Jahrhundert v. Chr.: Die Getreidekörner
Paläste, es kann also keinesfalls als ein Beleg dafür gelten, wurden kleiner, und Unkräuter gediehen auf den Feldern,
dass Heere aus dem italischen Raum stammender Inva- was laut dem Kieler Archäobotaniker Helmut Kroll Miss-
soren die frühgriechische Welt überfallen und in Flammen ernten nahelegt. In der Folge ließ man den Ackerböden
gesetzt hätten. keine Zeit, brach zu liegen und sich zu erholen – ein Teu-
felskreis.
War der Kulturkollaps Folge einer Wirtschaftskrise? Die Trockenheit reduzierte auch die Erträge aus der
In letzter Zeit melden sich ohnehin kritische Stimmen Viehzucht. Die Archäozoologin Cornelia Becker von der
gegen die These »Die Seevölker haben allein jahrhunder­ Freien Universität Berlin wies anhand von Tierknochen aus
telang stabile Reiche zerstört«. So verwies Eric Cline, Ar- dem makedonischen Kastanas nach, dass Rinder, Schafe
chäologe an der George Washington University in New und Ziegen in der Spätbronzezeit kleiner waren als zuvor,
York und Experte für die Bronzezeit im Ostmittelmeerraum, was sich wohl auf schlechtere Haltungs- und Futterbedin-
in einer Publikation 2014 auf eine offenbar kritische wirt- gungen zurückführen lässt.
schaftliche Lage. Anscheinend waren Handelswege und Haben also klimatische Veränderungen und die damit
insbesondere die Versorgung mit Metallen gefährdet. Die verbundenen Probleme in der Landwirtschaft den Nieder-
Linear-B-Texte verzeichneten für die letzten Wochen und gang der bronzezeitlichen Kulturen ausgelöst? Waren die
Monate vor dem Untergang nur wenige Kilogramm Bron- aggressiven Seevölker in Wahrheit Migranten, die vor dem
ze, also relativ geringe Mengen, die an die mit dem Palast Hungertod in die Fremde flohen?
verbundenen Schmiede verteilt wurden. Eine Tontafel aus Eindeutig zu entscheiden ist diese Frage nicht, doch gilt
Pylos registriert, dass infolge dieser Rohstoffknappheit es inzwischen als unwahrscheinlich, dass eine einzelne
sogar Bronze aus Tempeln – vermutlich Weihegaben wie Ursache das Ende einer Ära auslöste. Vielmehr lassen die
Gefäße – zu Waffen verarbeitet wurde. neuen Forschungen ein ganzes Bündel von Faktoren
Nach Ansicht beispielsweise des griechischen Archäo- erkennen, deren Zusammenspiel das komplexe System
logen Spyros Iakovidis (1923–2013), der die Grabungen in der eng miteinander verknüpften Reiche im Ostmittel-
Mykene über 50 Jahre hinweg leitete, und des deutschen meerraum kollabieren ließ.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 13


KÖNIGTUM
WER SASS EINST
AUF MYKENES
THRON?
Trutzige Burgen, kostbare Grabbeigaben,
Freskenmalerei und eine eigene Schrift – die
nach dem Fundort Mykene benannte früh­
griechische ­Kultur beeindruckt uns bis heute.
Doch ihre Regierungsform stellt Archäologen
vor Rätsel. Herrschte ein Großkönig über
den gesamten ­Kulturraum, oder teilten sich
meh­rere die Macht?

Von Josef Fischer

 spektrum.de/artikel/1343328

AUF EINEN BLICK


DAS RÄTSEL DES »WANAX«

1  wischen 1450 und 1200 v. Chr. wurden auf dem grie-


Z
chischen Festland kolossale Burgen errichtet. Die
größte dieser Anlagen stand in Mykene, was der my-
kenischen Kultur den Namen gab.

2  ie meisten dieser »Paläste« besaßen wahrscheinlich


D
einen zentralen Bau mit einem Säulensaal. In diesem
so genannten Megaron befanden sich ein Thron sowie
eine Feuerstelle, die wohl Ritualen diente.
Im Grab eines Fürsten aus dem

3  ie meisten Forscher sehen einen als »wanax« be-


D
zeichneten Regenten auf dem Thron. Unklar ist,
16. Jahrhundert v. Chr. kam 1876 in
AKG IMAGES / ERICH LESSING

Mykene diese Goldmaske zu Tage,


ob einer dieser lokalen Herrscher als Großkönig den
gesamten mykenischen Kulturraum kontrollierte. die häufig mit König Agamemnon in
Verbindung gebracht wurde, jedoch
nichts mit diesem zu tun hat.

14 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


»Ohne Geräusch, da erhob sich der mächtige Fürst
Agamemnon / Samt dem Szepter; das hatte Hephaistos
kunstvoll gebildet; / Und Hephaistos schenkte es Zeus,
dem Herrscher Kronion, / Zeus aber schenkte es fort
seinem Boten, dem Argoserwürger, / Hermes, der Fürst,
wieder gab es dem rossetummelnden Pelops, / Pelops gab
es an Atreus weiter, dem Hirten der Völker, / Atreus ließ
es verscheidend dem herdenreichen Thyestes, / Aber
Thyest’ hinterließ es zu tragen dem Herrn Agamemnon.«
(Homer, Ilias, 2. Buch, Verse 100 –107)


A ngetan mit Brustharnisch, Schild und bronzenen
Schwertern, auf dem Haupt einen mit Zähnen wilder
Eber besetzter Helm – so ließ Homer die Krieger des
griechischen Festlands gegen Troja und seine Verbündeten
aufmarschieren. Angeführt von Fürsten und Königen
hätten sie in blutigen Zweikämpfen um Ehre und Beute ge-
rungen. Der mächtigste unter den griechischen Königen
sei Agamemnon von Mykene gewesen: der Oberbefehls-
haber der Invasionsarmee, die Homers »Schiffskatalog«
zufolge aus den Kontingenten von 29 Königreichen be-
stand.
Schon in der griechischen Antike war dieser Krieg nur
noch ferne Vergangenheit. Über dessen geschichtliche
Wahrheit bestand gleichwohl kein Zweifel, wie man etwa
den Schriften des fast ein Jahrtausend nach Homer leben-
den Pausanias entnehmen kann. Dessen Reisehandbuch
sowie »Ilias« und »Odyssee« im Gepäck, machte sich der
Troja-Ausgräber Heinrich Schliemann (1822–1890) auch
daran, Agamemnons Mykene wiederzuentdecken. In
seiner Nachfolge erforschen Altertumswissenschaftler
verschiedener Disziplinen bis heute die mykenische Zivili-
sation, die in der späten Bronzezeit zwischen 1400 und
1200 v. Chr. ihre höchste Blüte erreichte und dann aus
noch nicht vollständig geklärten Gründen unterging.
Längst haben sich die Forscher von den Archäologie­
pionieren gelöst und hinterfragen deren Deutungen.
AKG IMAGES / ERICH LESSING

Insbesondere die Annahme eines Königtums als vorherr-


schende Regierungsform ist in die Kritik geraten.
Dies schien naheliegend, denn das markanteste Kenn-
zeichen jener Epoche sind die Burgen mit ihren Zyklopen-

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 15


mauern, die ihre neuzeitlichen Entdecker mit den »Paläs­
ten« der homerischen Epen gleichsetzten. Solche monu-
mentalen Zentren erhoben sich in vielen Regionen (siehe
Karte S. 10/11), auch auf der Insel Kreta. In anderen Gebie-
ten Griechenlands kamen keine derartigen Ruinen zu Tage,
doch orientierten sich die Zeitgenossen dort durchaus am
kulturellen Vorbild der Palaststaaten, wie beispielsweise
Siegelfunde zeigen. Um die Burgen und im Land verteilt
lagen Siedlungen unterschiedlicher Größe und Gehöfte.
Wer sonst, wenn nicht ein Monarch, könnte ein solches
Gebiet regiert haben? Dafür spricht ein System von Stra-
ßen, Kanälen, Dämmen und Brücken – solche Infrastruk-
turen erforderten etliche Arbeitskräfte und gut bezahlte
Spezialisten. In den mykenischen Zentren entstanden

FOTOLIA / TAUAV
zudem herausragende Kunstwerke, und man entwickelte
die seit ihrer Entzifferung 1952 durch den Architekten
Michael Ventris (1922–1956) und den Philologen John
Chadwick (1920–1998) gut verstandene Silbenschrift Vier tonnenschwere Monolithen bilden den seiner Reliefs
Linear B. Wäre dergleichen ohne eine Zentralgewalt denk- wegen »Löwentor« genannten Hauptzugang von Mykene.
bar? Ähnliches gilt für die Außenwirkung: In der Palastzeit Aussparungen im Stein deuten darauf hin, dass er mit
prägte die mykenische Kultur nicht nur Kreta und die einem zweiflügeligen und mit Bronzebeschlägen verstärk­
Kykladen. Auch auf Rhodos, Kos und in Kleinasien wurden ten Tor verschlossen wurde. Von dort aus führte eine
Stützpunkte errichtet, wie entsprechende Funde belegen. Straße direkt zum Zentralbau.
Und die Aufzeichnungen der Hochkulturen jener Zeit –
Ägypten und das hethitische Reich – bergen zahlreiche
Hinweise auf diplomatische Kontakte. In der Burg von Pylos (siehe Karte S. 10/11) wurden in
Einige Forscher bezweifeln aber eine solche Zentral- den Räumen rund um den Thronsaal Tausende von Trink-
macht und sehen stattdessen Gruppen von Aristokraten gefäßen ausgegraben. Zudem zeigt ein Fresko einen
an der Regierungsspitze. Andere glauben zwar an eine Sänger mit Lyra, dazu Männer, die sich einander gegen­
herausragende Rolle Mykenes, jedoch im Kreis unabhän- übersitzend zuprosten. Dass solche Bankette nicht nur
giger Fürstentümer. Gemeinschaft erzeugten, sondern auch kultischen Charak-
ter besaßen, belegt eine andere Darstellung im Vorraum
Bankett zu Ehren der Götter des Megarons: Eine Prozession begleitet einen überdimen-
Die Monumentalität der Paläste wie der Gräber spricht sional großen Stier.
dafür, dass einzelne Familien den Rang von Herrscher­ In einer fragmentarisch erhaltenen Wandmalerei des
dynastien innehatten. Die Paläste waren multifunktionale Thronraums liegt das Tier dann auf einem Opferaltar. Eine
Anlagen aus Wohnräumen, Speichern und Magazinen, übergroße Männergestalt, welche die Kultprozession
Werkstätten, Verwaltungsarchiven und Kultbauten. Beson- anführt, fällt hier auf. War sie ein Gelehrter, ein Priester
ders aufschlussreich ist der mit dem homerischen Termi- oder gar der König selbst? Niemand vermag dies zu sa-
nus »Megaron« bezeichnete Gebäudetypus im Zentrum gen, denn es gibt in der mykenischen Kunst nichts Ver-
einer solchen Festung: Auf eine Vorhalle mit zwei Säulen gleichbares. Anders als die zeitgenössischen Kulturen des
folgte üblicherweise ein kleiner Vorraum und darauf der Vorderen Orients und Ägyptens hinterließen die Mykener
Thronsaal. In dessen Mitte befand sich eine große, von nämlich weder Königsstatuen noch Reliefs oder Wandma-
Säulen umstandene Feuerstelle, die wohl eine zeremoni- lereien, welche die Taten ihrer Regenten verherrlichten.
elle Funktion erfüllte. Der steinerne Thron selbst stand an Zwar existieren einige wenige Bildnisse thronender Per-
einer Seitenwand, auf der gemalte Gottheiten den Herr- sonen, doch handelt es sich dabei um Göttinnen. Es sind
scher flankierten und schützten. allerdings auch Bilder erhalten, in denen Männer vor
solchen Göttinnen stehen und Stäbe in der Hand halten.
Das könnten Zepter sein, denn solche Würdezeichen
fanden sich in frühmykenischen Schachtgräbern. Auch
FOTOLIA / DIEGOGRANDI

schrieb Homer von einem Zepter, das Agamemnons


Mehr Wissen auf Vorfahren von Zeus selbst erhalten hätten und auf dem die
Spektrum.de Macht des Königs von Mykene beruhen sollte. Der Reise-
schriftsteller Pausanias wollte es als Kultobjekt in Chairo-
Unser Online-Dossier zum
neia gesehen haben.
Thema »Alte Hochkulturen« finden
Warum also überhaupt an der monarchischen Regie-
Sie unter spektrum.de/t/
rungsform zweifeln? Das scheinbar so klare Bild wird
hochkulturen-der-menschheit
durch den Nachweis zweiter, kleinerer Thronsäle in My-
kene, Pylos und Tiryns getrübt. Dienten diese ebenfalls

16 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


dem König, dann aber zu anderen Anlässen? Oder resi- nach dem »wanax«; dieser Titel ist als »Heerführer« zu
dierte dort eine Königin, ein Stellvertreter des Herrschers übersetzen.
oder ein sonstiger hoher Beamter? Die zweite sprachliche Parallele führt auf die Insel
Die Beziehung der einzelnen Paläste zueinander ist Zypern. Dort wurden die Söhne und Brüder des Königs als
ebenfalls vielfach unklar. Besonders drei Anlagen in der »anaktes« (Plural von »anax«) bezeichnet, während seine
antiken Landschaft Argolis geben Rätsel auf. Zwar ver- Schwestern und Frauen »anassai« waren. Letzteres dürfte
fügten die dort gelegenen Festungen Mykene, Tiryns und dem Titel »­ wanassa« in einigen Linear-B-Texten gleichkom-
Midea über Megara und Archive für Verwaltungstexte, men, der im Umkehrschluss also die mykenische Königin
doch liegen sie viel zu nahe beieinander, als dass alle drei bezeichnete. Ein drittes bemerkenswertes Beispiel für das
Zentralorte autonomer Staaten gewesen sein könnten. Fortleben spätbronzezeitlicher Titel liefert eine Inschrift des
Vielmehr gehen viele Forscher inzwischen davon aus, dass 6. Jahrhunderts v. Chr. aus der griechischen Stadt Geron-
die letzten beiden Mykene untergeordnet waren und das thrai. Darin werden Jahre, in denen es keinen amtierenden
während der Bronzezeit an der Küste gelegene Tiryns als Priester gab, »awanax« genannt – »wanaxlose« Jahre.
Hafenpalast fungierte.
Verwaltungstexte, in einer frühen Form des Griechi-
schen verfasst und in der Linear-B-Schrift notiert, sind als
Quellen außerordentlich wichtig. Zwar handelt es sich in
der Regel nur um stichwortartige Notierungen, Bestands­
aufnahmen, Listen von Ablieferungen und Zuweisungen
von Personen, Tieren und Waren, ferner von Außenstän-
den und Fehlbeträgen. Überdies betreffen die Aufzeich-
nungen jeweils nur ein einziges Verwaltungsjahr. Die
Dokumente ­gewähren aber dennoch wertvolle Einblicke in
einzelne Bereiche der Palastwirtschaft bis hin zu Kult und
Religion. Sie ermöglichen auch Rückschlüsse auf die
politischen und administrativen Strukturen – etwa durch
die Nennung von Titeln und Funktionen sowie durch die
Registrierung von Besitzverhältnissen und Zuständig-
keiten.
Beispielsweise ist darin von einem »wanax« die Rede,
dem der französische Altertumswissenschaftler Pierre
Carlier (1949–2011) bereits 1984 eine noch immer maßgeb-
liche Studie gewidmet hat. Dieser Terminus entspricht
linguistisch dem griechischen »anax« für Herr. So wurden
im archaischen und klassischen Griechenland in der Regel
die Götter angesprochen, Homer verwendete den Begriff
aber auch als Königstitel. So bezeichnete er Agamemnon
als »anax andron«, als »Herr der Männer«. Linguisten
zufolge entstammt dieses Wort keiner indogermanischen

AKG IMAGES / DAVID PARKER / SCIENCE PHOTO LIBRARY


Sprache. Es könnte minoischen Ursprungs sein und wäre
dann vielleicht samt Königtum und dem Konzept eines
Palastes importiert worden – vor 1450 v. Chr. übte Kreta
großen Einfluss auf das Festland aus. Allerdings hilft diese
Querverbindung kaum weiter, denn auch die minoische
Regierungsform gibt Rätsel auf.

Dem »wanax« auf der Spur


Während der »anax« in Griechenland selbst bald nur noch
in Personennamen wie Hipponax oder Anaximenes Ver-
wendung fand, blieb »wanax« als Titel in zwei Randkul-
turen der antiken Welt erhalten. Eine Grabinschrift des
6. Jahrhunderts v. Chr. nannte einen phrygischen König
»vanaktei«, was mit »Herr« übersetzt wird. Philologen sind
sich einig, dass der Begriff mit »wanax« verwandt ist, sei In Linear B beschriebene Tafeln entstammen den Archiven
es über eine gemeinsame Wurzel, sei es, dass der phry- verschiedener Palastverwaltungen. Sie sind eine der
gische Begriff aus dem Mykenischen abgeleitet sei. Die wichtigsten Quellen bei der Aufklärung der politischen
betreffende Inschrift nennt auch einen »lavagtaei«, der und wirtschaftlichen Strukturen der mykenischen Staa­
vermutlich dem mykenischen »lawagetas« entspricht, dem ten. Hier ein Text aus Pylos, der das Installieren einer
laut Linear-B-Texten ranghöchsten mykenischen Beamten Wache an der Küste behandelt.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 17


Auf vielen Tontafeln und Gefäßen der Paläste von Cha- Immerhin war es laut einer ungewöhnlich ausführlichen
nia, Knossos, Pylos, Theben und Tiryns steht »wanax« zu ­ inear-B-Tafel allein ihm vorbehalten, die als »damokoros«
L
lesen. Dass er andernorts fehlt, liegt nach Expertenmei- bezeichneten Beamten zu ernennen. Diese gehörten einer
nung nur an der insgesamt geringen Zahl von Texten. In mittleren Führungsschicht an, deren Aufgabe wohl die
keinem einzigen Fall wurde auch der Name des Amtsinha- Kommunikation zwischen den als »basileis« bezeichneten
bers notiert – man wusste einfach, wer gemeint war, da es Vorstehern der verschiedenen Gemeinden, den »koreteres«
in jedem Stadtstaat nur einen Titelträger gab. Durch detek- genannten Bezirksvorstehern und dem »wanax« beinhalte-
tivische Kombination verschiedener Texte gelang es dem te. Dass der Titel »basileus« später zur Standardbezeich-
britischen Mykene-­Experten John Chadwick (1920–1998) nung für einen König wurde, mag genau in diesem Organi-
immerhin, einen König von Pylos mit hoher Wahrschein- gramm begründet sein: Nach dem Untergang der myke-
lichkeit zu benennen: ­Enkhellawon, zu Deutsch: »der sich nischen Paläste mit ihrer Administration um 1200 v. Chr.
am Speer erfreut«. avancierten diese lokalen Anführer zur Spitze der Gesell-
Nach Aussage der Dokumente verfügte der »wanax« schaft.
ebenso wie der »lawagetas« und die als »telestai« bezeich-
neten Funktionäre über einen besonderen Grundbesitz, Großkönige und Hohepriester
den »temenos«, wobei der des mutmaßlichen Königs Ob der »wanax« auch Oberbefehlshaber sowie Gesetz­
dreimal so groß war wie der aller anderen. Zudem waren geber und oberster Richter war, wie es Herrschern in
ihm wesentliche Teile der Palastwirtschaft direkt unter- zeit­gleichen Nachbarkulturen zukam, lässt sich anhand der
stellt; andere allerdings ausschließlich dem »lawagetas«. Texte nicht klären. Dass »lawagetas« mit »Führer des
Das gleiche Phänomen zeigt sich auch bei den Abgaben (Kriegs-)Volks« übersetzt werden kann, lässt aber vermu-
für ein Fest zu Ehren des Gottes Poseidon: Der »wanax« ten, dass diesem Beamten die Führung in militärischen
musste nicht als Einziger unter den Amtsträgern seinen Fragen oblag.
Beitrag leisten, er stemmte lediglich den Löwenanteil. Er Der Prähistoriker Thomas Palaima von der University of
erscheint in diesem Licht weniger als ein ­Alleinherrscher, Texas in Austin analysierte die Linear-B-Fragmente hin-
sondern eher als herausragender Vertreter einer Elite, als sichtlich der sakralen Funktionen des »wanax«. Er sei wohl
Primus inter Pares, was die Vorstellung einer Oligarchie Hohepriester des Staatskults gewesen. Dafür spreche
statt der Monarchie unterstützen würde. auch die Darstellung von Greifen, die den Thron in Pylos

Im Thronsaal des mykenischen Palastes in Knossos (Kreta)


FOTOLIA / IZA_MISZCZAK

schützten Greife den Thron des Herrschers – mythische Wesen, halb


Adler, halb Löwe. Das Bild zeigt rekonstruierte Wandfresken.

18 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


wie in Knossos flankieren und den Schutz höherer Mächte über die politischen Verhältnisse der jeweils anderen
symbo­lisieren. Eine Rinne neben Ersterem deuten Ex­ Seite waren für die Aufnahme von Handelsbeziehungen
perten als Vorrichtung für Trankopfer. Damit kam dem nicht unbedingt erforderlich. Wenn also die Annalen des
»wanax« eine Mittlerrolle zu Göttern oder Ahnen zu, ähn- Thutmosis von di­plomatischen Beziehungen mit einem
lich dem ägyptischen Pharao. Dass er wie dieser aber Fürsten von Tanaja berichteten, so schließt das keines-
selbst religiöse Verehrung genoss, gilt als unwahrschein- wegs aus, dass in diesem Land noch weitere regierten.
lich. Immerhin führen ihn einige Schriften als Empfänger Auf etwa 25 Keilschrifturkunden des 14. und 13. Jahr­
von Ölspenden in einem Atemzug mit Gottheiten auf, was hunderts v. Chr. aus der hethitischen Hauptstadt Hat-
die Vorstellung einer kultischen Verehrung des Königs, tuscha (heute: Bogazköy) ist von einem Reich namens
seiner Familie oder auch seiner Ahnen stützen würde. Ahhijawa die Rede. Die lautliche Ähnlichkeit zur Bezeich-
Rein sprachlich wäre es sogar möglich, dass sich der nung Homers für die Griechen »Achaier« ließ Forscher
Terminus »wanax« nicht immer auf den weltlichen Herr- hellhörig werden. Der hethitische Großkönig behandelte
scher, sondern mitunter wirklich auf einen Gott bezog. den König Ahhijawas als Gleichrangigen, was etwa seine
Daher rührt auch die vor wenigen Jahren vorgebrachte Ansprache als »mein Bruder« verdeutlicht – eine diploma-
radikale Interpretation des deutschen Althistorikers Tassilo tische Formel, wie sie auch im Schriftverkehr mit dem
Schmitt von der Universität Bremen, der ein mykenisches ägyptischen Pharao gebräuchlich war. Als Einflussgebiet
Königtum insgesamt anzweifelt und alle entsprechenden Ahhijawas nennen die Texte unter anderem die Stadt
Nennungen als An­sprache einer Gottheit deuten will. Millawanda, die heute mit Milet identifiziert wird und, wie
Allerdings stehen die meisten eindeutig in Verwaltungs­ Archäologen inzwischen belegt haben, zu jener Zeit eine
texten, die keinen religiösen Bezug hatten. mykenische Siedlung war. Zwei Namensnennungen – ein
Forscher wie Birgitta Eder von der Österreichischen König und der Bruder eines anderen Königs – verorten
Akademie der Wissenschaften und Jorrit Kelder, jetzt an ebenfalls den Ansprechpartner Hattuschas in der griechi-
der University of Oxford, bringen sogar eine eigentlich schen Kultur: Die hethitischen Schreibweisen legen eine
längst begrabene These wieder ins Spiel: Die mykenischen Gleichsetzung mit den Namen Atreus und Eteokles nahe.
Stadtstaaten seien nicht unabhängig gewesen, sondern Wo Ahhijawa allerdings genau zu lokalisieren ist, darüber
hätten unter der Herrschaft eines einzigen Großkönigs verraten die Keilschrifttexte wenig, außer dass ein Meer
gestanden. Das folgern sie aus der erstaunlichen Einheit- zu überqueren war. Dass es in der Ägäis lag, darüber sind
lichkeit dieser Kultur, die eine gewisse Standardisierung sich die Forscher mittlerweile einig. Einige vermuten den
durch eine zentrale Ordnungsmacht nahelegt, sowie aus Palast von Mykene als Herrschersitz, andere den im
den Überlieferungen der Hochkulturen im Vorderen Orient böotischen Theben.
und in Ägypten. Somit stärken diese Briefe die Annahme, dass eine
Dass man in regem Austausch stand, belegen Funde Monarchie die mykenische Palastzeit geprägt hat. Zwar
my­kenischer Produkte in diesen Ländern und entspre- legen sie zudem die Vermutung nahe, dass da zwei
chende Importwaren im mykenischen Raum. Kunsthisto­ Gleichrangige miteinander korrespondierten, was zur
riker können auch Elemente vorderasiatischer Ikonografie These eines gesamtmykenischen Großreichs passen
in der mykenischen Kunst nachweisen. Eine weitere würde. Doch hier ist Vorsicht geboten! Auch die Hethiter
­wichtige Quellengattung sind bildliche Darstellungen in waren sicher nur unzureichend über die wahren Verhält-
Ägypten und Vorderasien, etwa Malereien in thebanischen nisse im fernen Griechenland im Bilde.
Beamtengräbern der 18. Dynastie, die Minoer und My-
kener als Gabenbringer abbilden. Eine Kultur, viele Reiche
Mehr noch: Ägypten und das Reich der Hethiter hin- Letztlich widersprechen die bislang bekannten Linear-B-­
terließen einen Schriftwechsel, der auch Griechenland Texte dieser These eher, denn kein einziger befasst sich
mehrfach erwähnte. Laut den Annalen des Pharaos Thut- mit Belangen, die über den jeweiligen Palast und sein
mosis III. (1479–1425 v. Chr.) seien Gesandte aus dem Umland h ­ inausgingen. Vermutlich war das mykenische
Land Tanaja gekommen, um die üblichen Geschenke, Griechenland also tatsächlich in mehrere, miteinander in
darunter ein Silber­gefäß in kretischem Stil, zu überreichen engem Kontakt stehende, politisch aber unabhängige
und diplomatische Beziehungen zu etablieren. Dass es Staaten gegliedert, an deren Spitze jeweils ein als »wa-
sich dabei um das griechische Festland und damit um die nax« bezeichneter Herrscher stand. In seinen Aufgaben
mykenischen Staaten handelte, verdeutlicht ein Text aus und Befugnissen glich er wohl in vielerlei Hinsicht den
der Zeit des Pharaos Amenophis III. (1392–1355/54 v. Chr.): Königen anderer bronzezeitlichen R ­ eiche. Viele wichtige
Ein Statuenpfeiler in dessen Totentempel im heutigen Kom Details, etwa die Modalitäten der Amtsnachfolge, bleiben
el-Hetan (Theben-West) listet die Länder Kaftu und Tanaja freilich noch zu klären. Herrschte im mykenischen Kultur-
auf, dazu einige ihrer Orte. Etliche dieser Namen wurden raum eine Wahlmonarchie, bei der eine Oberschicht
inzwischen identifiziert, darunter Knossos und Phaistos in einen aus ihrer Mitte zum Alleinherrscher kürte? Oder
Kaftu, das demnach der Insel Kreta entsprach, sowie gab es Dynastien mit geregelter Erbfolge? Die frühgrie-
Mykene und andere in Tanaja, das folglich mit dem myke- chische Geschichte erweist sich auch weiterhin als
nischen Festland gleichzusetzen ist. ergiebiges Arbeitsfeld, in dem neue Funde und innovative
Ob die Ägypter damit auch zwei verschiedene Staaten­ Forschungsansätze spannende Erkenntnisse
gebilde meinten, lässt sich nicht sagen. Gute Kenntnisse versprechen.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 19


TROJA

CHRISTOPH HAUSSNER
DIE ERFORSCHUNG
EINES MYTHOS

20 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Spätestens seit Heinrich Schliemann
CHRISTOPH HAUSSNER

gilt ein Ruinenhügel an den Darda-


nellen als Schauplatz des von Homer
besungenen Kriegs. Knapp 150 Jahre
danach ziehen Tübinger Archäologen
ein Resümee: Troja war ein Zentrum
der späten Bronzezeit – und über-
stand so manche Eroberung.

Der Archäo­chemiker Ernst Per­nicka (links) lehrt Archäometrie an


der Universität Heidelberg und ist wissenschaftlicher Direktor und
Geschäftsführer der Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH
in Mannheim. Er leitete die Grabungen in Troja sowie die Aufarbei-
tung der Ergebnisse in den Jah­ren 2006 bis 2013. Die promovierten
Archäologen Peter Jablonka und Magda Pieniążek vom Institut
für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der
Universität Tübingen sind langjährige Mitarbeiter im Troja-Projekt.
Peter Jablonka nahm an den Grabungen ab 1987, Magda Pieniążek
ab 1999 teil.

 spektrum.de/artikel/1427410


Für Griechen und Römer stand es außer Frage, dass
»Ilias« und »Odyssee«, die Epen des griechischen
Dichters Homer, nicht Fiktion waren, sondern die
kunstvolle, aber korrekte Schilderung eines epochalen
Kriegs. Auch über den Ort herrschte weitgehend Konsens:
Troja war ein Ruinenhügel nahe den Dardanellen, der Eng-
stelle zwischen Ägäis und Marmarameer. Bis in die Neuzeit
galten die Epen als Geschichtswerke, erst der deutsche
Altphilologe Friedrich August Wolf hinterfragte 1795 ihre
Entstehung, bis sie schließlich nur noch als literarische
Verarbeitung eines Mythos galten.
Daher war es ein gewagtes Unterfangen, als Heinrich
Schliemann (1822–1890) den Spaten auf dem »Burghügel«
ansetzte, türkisch Hisarlık. Denn mit den Mitteln der damals
noch jungen Archäologie wollte er allen Unkenrufen zum
Trotz beweisen: Homers Werke haben einen historischen
Kern, und die Ruinen über den Dardanellen sind die Über-
reste Trojas. Der gelernte Kaufmann hatte unter anderem
mit der Lieferung von Munitionsrohstoffen an die zaristische
Armee ein Vermögen verdient; nun setzte er es ein, um
seiner Leidenschaft für das Altertum zu frönen. Gut 150 Jah-

Das mächtige Troja VI (1700–1350 v. Chr.) umfasste


eine gut befestigte Burg für die Kriegerelite und eine
Unterstadt. Die Rekonstruktion zeigt den Zustand der
späten Phase (1400–1300 v. Chr.), mit einem Turm
(vorn) des folgenden Troja VIIa.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 21


re später, nach Abschluss und Auswertung umfangreicher entdeckte der Deutsche andererseits mykenische Keramik –
internationaler Grabungsprojekte, steht der letzte Beweis in der Siedlungsschicht Troja VI (1750–1300 v. Chr.). Sein
noch immer aus. Sicher ist, dass jene Burg samt der angren- Mitarbeiter und Nachfolger Wilhelm Dörpfeld (1853–1940)
zenden Siedlung ein politisches und wirtschaftliches Zen- hielt diese für den Schauplatz des Krieges. Der amerika-
trum der späten Bronzezeit war. Sicher ist ebenso, dass nische Archäologe Carl W. Blegen, der in den 1930er Jahren
beide im Zuge gewaltsamer Ereignisse tatsächlich zerstört auf dem Hisarlık grub, verlegte die Festung des Königs
wurden, vermutlich sogar mehrmals. Dabei könnten Inva- Priamos auf Grund seiner Baubefunde um eine Schicht nach
soren vom griechischen Festland – Homers Achaier – durch- oben, also nach Troja VIIa (1300–1200/1180 v.Chr.).
aus eine Rolle gespielt haben, möglicherweise auch die
unter dem Begriff Seevölker subsumierten Gruppen, die um International das Archäologenteam,
1200 v. Chr. zum Untergang der bronzezeitlichen Großreiche interdisziplinär der Forschungsansatz
beitrugen. Nicht auszuschließen sind des Weiteren lokale Ein internationales Team ging 1987 unter Leitung des Tübin-
Konflikte und Revolten. ger Archäologen Manfred Korfmann und seit 2005 unter der
Falls der Trojanische Krieg Realität war, so wütete er in von Ernst Pernicka erneut zu Werk. Im Fokus stand nun die
ferner Vergangenheit. Schliemann vermutete seine Spuren Erforschung der spätbronzezeitlichen Unterstadt, was das
daher tief unter jüngeren Schichten; mit diesem Ansatz Gesamtbild des Orts völlig veränderte. Amerikanische
legte er die Grundlagen der archäologischen Stratigrafie. Archäologen unter Leitung von Charles Brian Rose von der
Hunderte Arbeiter schlugen ab 1870 einen 20 Meter breiten University of Pennsylvania in Philadelphia erkundeten erst-
Graben durch den Hügel. Direkt auf dem Grundgestein mals auch das Troja der griechischen und römischen Antike.
kamen in der untersten Siedlungsschicht Troja I lediglich 2012 endete das Projekt, eine Gesamtpublikation der Ergeb-
Hinweise auf ein unscheinbares Dorf zum Vorschein, das nisse ist in Arbeit. Inzwischen führt ein türkisches Team die
nach heutiger Kenntnis um 3000 v. Chr. gegründet wurde. Grabungen in geringerem Umfang fort.
Darüber aber stießen die Männer auf die Mauern einer wohl Naturwissenschaftliche Untersuchungen von Pflanzen-
von einer Feuersbrunst zerstörten Festung. Diese Schicht, und Tierresten, Keramik, Metall und anderem haben neue
Troja II, barg zudem spektakuläre Goldfunde. Schliemann Erkenntnisse zur Ernährung und Wirtschaftsweise erbracht.
glaubte sich bereits am Ziel und sprach vom »Schatz des Geophysikalische Prospektionen und archäologische Son-
Priamos«. Heute wissen wir, dass er rund 1000 Jahre zu alt dagen veränderten die Vorstellung über Struktur und Aus-
ist, um aus Homers Troja zu stammen. maße des Orts. Hunderte Bohrkerne halfen, die Verände-
Schliemann hatte seinen Fehler wahrscheinlich selbst rungen der Landschaft zu rekonstruieren, insbesondere der
noch erkannt. Weil er den Goldschatz ohne Genehmigung Küstenlinie und der Flussläufe. Grabungen in der Umgebung
außer Landes brachte, durfte er eine Zeit lang in der Türkei erschlossen die Besiedlungsgeschichte.
nicht weiterarbeiten. Er wich auf Mykene aus, der Sage Freilich lässt die griechische Überlieferung niemanden
nach Residenz des Königs Agamemnon, des Heerführers unberührt, der auf dem Hisarlık gräbt. Denn wer Homer
der Koalition gegen Troja. Die mykenische Kultur galt als liest, erkennt die von ihm beschriebene Szenerie mit ihren
bester Kandidat für Homers Achaier. Doch was Schliemann Flüssen, Bergen und vorgelagerten Inseln sofort wieder. In
dort ans Licht brachte, unterschied sich deutlich von seinen Details wich er zwar ab, doch schon Schliemann notierte
Funden aus Troja II; beide konnten also nicht der gleichen vier Jahre nach Grabungsbeginn (gekürzt): »Homer ist nun
Zeitstufe angehören. Nach seiner Rückkehr auf den Hisarlık einmal kein Historiker, sondern ein Dichter, und man muss
ihm die Übertreibung zugutehalten.« Mit diesem kritischen
Blick aber kam bislang noch jeder Ausgräber zu dem
Schluss: Homers Beschreibungen passen zum Hisarlık.
AUF EINEN BLICK Es besteht also kein Anlass, Troja andernorts zu suchen,
WAS HOMER NICHT WUSSTE wie es gelegentlich medienwirksam versucht wird. Zwar
gab es entsprechende Anstrengungen schon in der Antike,

1  ie Stadt Ilion galt in der Antike als der Ort, an dem


D doch die waren wohl eher lokalpatriotischer Eifersucht
früher das mächtige Troja herrschte. Archäologen geschuldet. Der Geograf Strabon (etwa 63 v.–23 n. Chr.)
bestätigen, dass dort in der Bronzezeit ein bedeutendes schrieb zum Beispiel, dass Ilion – Homers zweiter Name für
politisches und wirtschaftliches Zentrum florierte. den Ort –, nicht jenes griechische Ilion an den Dardanellen
sei, sondern weiter landeinwärts bei einem Dorf der Ilier

2  nhand archäologischer Befunde sowie hethitischer


A
Schriftquellen lassen sich Kandidaten für ein Troja aus-
machen, das in einem Krieg untergegangen sein könnte:
gelegen haben müsse. Strabon zitierte als Beleg die Gelehr-
te Hestiaia, der zufolge die Ebene vor Ilion erst nach be-
sagtem Krieg durch Flussablagerungen in einer Meeres-
Troja VI (um 1300 v. Chr.) und Troja VIIa (um 1200 v. Chr.). bucht entstanden sei. Wo also hätten die Heere miteinander
kämpfen sollen? Die jüngsten Forschungen bestätigen
3  ie gesellschaftlichen Veränderungen in den jeweiligen
D
Phasen belegen einen enormen Überlebenswillen
der einheimischen anatolischen Bevölkerung, aber auch
tatsächlich die Auffüllung der Bucht, würden aber für die
fragliche Zeit rund um den Burghügel noch genug Raum
ihre Offenheit gegenüber fremden Einflüssen. lassen. Pikanterweise stammte Hestiaia wohl aus einer mit
Ilion konkurrierenden Stadt. Übrigens hatte auch Schlie-
mann zunächst einige Kilometer weiter südlich nach Troja

22 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


N

100 m
Burg
UNIVERSITÄT TÜBINGEN, TROIA PROJEKT

spätbronzezeitliche

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK,


NACH: UNIVERSITÄT TÜBINGEN, TROIA PROJEKT
Befunde

innerer Graben Quellhöhle


(Troja VI)

Zwei Gräben markierten


vermutlich die Grenzen der
Unterstadt in den Phasen Troja
VI und VIIa (rechts). Ein Siegel
mit luwischen Hieroglyphen innerer Graben (Troja VI) Südosttor
(oben eine Rekonstruktion) ist
das einzige bislang entdeckte
»Schriftstück« dieser Zeit. Südtor

äußerer Graben (Troja VIIa)

Gräberfeld (Troja VI)


gesucht, bis ihn Frank Calvert, ein an den Dardanellen
lebender Brite, auf den Hisarlık hinwies. Wie der später als
Entdecker von Troja gefeierte Schliemann war er vom Alter-
tum begeistert, doch fehlten ihm die Mittel für größere
Ausgrabungen.
Natürlich wäre es großartig, eine beschriftete Tontafel Ort wohnte oder ob man dort gar Luwisch sprach, lässt sich
aus der Bronzezeit in Troja zu Tage zu fördern, die den anhand eines Einzelfunds nicht beant­worten.
Namen des Orts nennt. Im mykenischen und hethitischen Um die Überlieferungslücke zu füllen, ziehen Forscher die
Kulturraum kommt so etwas gelegentlich vor. Tatsächlich Tontafelarchive der hethitischen Hauptstadt Hattuscha zu
gibt es aber aus ganz Westkleinasien bisher kaum vergleich- Rate. Schon vor fast 100 Jahren fiel auf, dass Orts- und
bare Funde. War die Verwaltung dort nicht so weit entwi- Personennamen in einigen Dokumenten solchen bei Homer
ckelt? Dies lässt sich leider nicht beantworten. Möglicher- ähneln: Taruissa erinnert an Troja, der Ländername Wilus(ij)a
weise wurden lediglich vergänglichere Schriftträger wie mit an (W)ilios (eingeklammert sind Varianten der Lesart), das
Wachs überzogene Holztafeln verwendet. Im berühmten Reich Ahhijawa an Homers Achaier. Viele geografische
Schiffswrack von Uluburun, das in jener Zeit versank, wurde Bezeichnungen wissen Hethitologen nicht zu verorten, doch
eine solche Tafel geborgen, vom Schlick über die Jahrtau- lässt sich Wilusa immerhin auf Grund verschiedener An­
sende vor dem Zerfall bewahrt. gaben im Nordwesten Kleinasiens lokalisieren. Dass es mit
Das einzige in Troja entdeckte beschriftete Artefakt ist ein dem epischen Troja identisch war, ist damit nicht bewiesen,
Metallsiegel, das die Namen eines Schreibers und einer Frau immerhin aber sehr plausibel.
in luwischer Hieroglyphenschrift nennt (siehe Bild oben).
Man hat es in der Schicht Troja VIIb (1200/1180–1050 v. Chr.) Wilusa – der hethitische Name für Troja?
gefunden, es ist aber durch Gebrauch so stark abgenutzt, Den Dokumenten zufolge gehörte das unabhängige
dass es auch älter sein könnte. Verwendet wurden solche Wilusa zum hethitischen Einflussbereich. Es schloss sich vor
Siegel vor allem im Hethiterreich des 13. Jahrhunderts 1400 v. Chr. einem Aufstand an – und scheiterte. Um
v. Chr., wo das Luwische weit verbreitet war. Ähnliche Ob- 1300 v. Chr. wurde die Westküste Kleinasiens immer wieder
jekte entdeckten Archäologen vereinzelt sogar in Griechen- von einem gewissen Piyamaradu angegriffen. Dieser gehörte
land. Für sich allein genommen bietet dieser Fund daher wohl zur Dynastie eines Reichs namens Arzawa und war
allenfalls einen schwachen Hinweis auf Kontakte Trojas zu zudem ein Verbündeter des Königs von Ahhijawa. Wilusas
den Hethitern. Ob der namentlich genannte Schreiber vor Regent Alaksandu schloss vielleicht deshalb um 1280 v. Chr.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 23


einen Vertrag mit dem Hethiterkönig Muwattalli II., obwohl Region, die, zwischen Machtblöcken gelegen, ihren eigenen
er Autonomie kostete: Wilusa wurde zum Vasallenstaat, Weg zu gehen versuchte. Durch die neuen Forschungen
durfte also etwa keine eigene Außenpolitik mehr be­treiben. wissen wir nämlich, dass unter dem griechisch-römischen
Offenbar ließ sich der Aggressor davon wenig beeindru- Ilion tatsächlich der Hauptort der Region seit Beginn der
cken, wie ein weiterer Brief indirekt verrät: Um 1250 v. Chr. Bronzezeit liegt. Es kann praktisch ausgeschlossen werden,
schrieb der Hethiterkönig Hattusilis III. dem König von dass in der weiteren Umgebung eine zeitgleiche Siedlung
Ahhijawa, dass bezüglich Wilusas doch inzwischen Einigkeit von ähnlicher Bedeutung existierte.
bestünde, worauf dieser Piyamaradu hinweisen möge. Etwa Seit etwa 1600 v. Chr. ragten die Burgmauern von Troja VI
50 Jahre später taucht der Ort ein letztes Mal in der hethi- auf, mehr als 1000 Jahre nach Gründung der ersten Sied-
tischen Reichskorrespondenz auf: Wilusas König Walmu lung auf dem Höhenrücken nahe den Dardanellen. Noch
war anscheinend entmachtet worden, und der amtierende heute sind sie sechs bis acht Meter hoch erhalten, denn die
hethitische Herrscher versuchte, ihn wieder einzusetzen. Steinmetze leisteten in der damaligen Zeit hervorragende
Bald danach ging Hattuscha selbst unter, und damit endete Arbeit. Nach und nach verstärkten sie die Anlage mit Tor-
die schriftliche Überlieferung. bauten und Türmen – man wollte gegen Angriffe gewapp­-
Auch der Blick zu anderen bronzezeitlichen Schriftkul- net sein.
turen bringt kaum weiter. Zwar lassen sich in Linear-B-­ Wie mächtig Troja VI war, lässt sich auch an der Archi-
Dokumenten des mykenischen Griechenlands sowie in tektur innerhalb der Zitadelle ablesen: Früher standen dort
ägyptischen Inschriften ebenfalls Namen finden, die man- Reihenhäuser, nun wurden frei stehende Gebäude errichtet,
chen in den homerischen Epen ähneln. Doch das belegt nur manche mehr als 20 Meter lang und mehrgeschossig, auf
deren bloße Existenz in der Bronzezeit. So erscheint etwa mächtigen Sockeln aus sorgfältig bearbeiteten Steinblöcken
ein Achilles in Linear-B-Texten; dieser war lediglich ein Hirte, aufgemauert. Dergleichen konnten sich nur Angehörige
nicht der legendäre Held. Ohnehin erschweren Eigenheiten einer wohlhabenden Elite leisten.
der jeweiligen Schriftsysteme die Gleichsetzung der Namen:
Ägyptisch bestand nur aus Konsonanten, das mykenische
Linear B war wie die hethitische Keilschrift und die luwi-
schen Hieroglyphen im Wesentlichen eine Silbenschrift. Ob
die jeweiligen Begriffe also tatsächlich gleich ausgespro-
chen wurden, lässt sich nicht sicher sagen.
Die Grabungsergebnisse liefern leider ebenfalls nur
Hinweise und weitere Indizien. Losgelöst von den Epen
erzählen sie aber eine spannende Geschichte aus einer
GEBHARD BIEG, UNIVERSITÄT TÜBINGEN, TROIA PROJEKT

PETER JABLONKA, UNIVE


RSITÄT TÜBINGEN, TROIA
PROJEKT

In Troja liegen verschiedene


Siedlungsschichten dicht
übereinander. Im Bild steht
der Archäologe Catalin Pavel
auf Mauern aus hellenisti-
scher und römischer Zeit.
Unter ihm erkennt man ein
Stück des in den Fels ge-
schlagenen Grabens. Oben
die Rekonstruktion eines
Pali­sadendurchgangs.

24 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Obendrein hatte man das Gelände innerhalb der Festung

GEBHARD BIEG, UNIVERSITÄT TÜBINGEN, TROIA PROJEKT


terrassiert – auch das ein immenser Aufwand, der zahlreiche
Arbeitskräfte und potente Auftraggeber, mithin eine ent-
sprechende Hierarchie erforderte. Leider ist die oberste
Ebene zerstört, sei es, dass sie den Grabungen Schliemanns
zum Opfer fiel, sei es, dass sie schon in der Antike abgetra-
gen wurde, als auf der Akropolis ein Atheneheiligtum ent-
stand. Weil aber Straßen und Rampen erhalten sind, die
nach oben führen, müssen im Zentrum der Festung einst
wichtige Gebäude gestanden haben.
Außerhalb der Burg setzte sich die Besiedlung fort,
zunächst mit dichter Bebauung, etwa 200 Meter weiter weg
auch mit größeren Freiflächen zwischen Häusern und Dieses mykenische Gefäß aus dem »Terrassenhaus«
Werkstätten; vermutlich waren das landwirtschaftlich (siehe Bild S. 26) belegt Handelskontakte mit Griechen-
genutzte Bereiche. Als Grenze identifizierten die Archäolo- land auch nach 1300 v. Chr.
gen schon 1988 mittels geophysikalischer Prospektion einen
in den Fels geschlagenen Graben. Dieser war vier Meter
breit, zwei Meter tief und mehr als einen Kilometer lang – Beşik-Tepe überwiegen einheimische Beigaben. Es findet
das Ende wurde bei den Untersuchungen nicht erreicht. In sich zudem Importkeramik aus dem mykenischen Griechen-
einigen Bereichen ist er durch Baumaßnahmen in der Antike land (siehe Bild oben). Zwei Urnen enthielten sogar Glas,
nicht mehr nachzuweisen, doch insgesamt ergibt sich das Fayencen, Elfenbeinobjekte, Gold und Karneolperlen: Die
Bild eines Grabens, der ab etwa 1500 v. Chr. eine 20 bis 30 Verstorbenen pflegten offenbar einen gehobenen Lebensstil.
Hektar große »Unterstadt« umfriedete. Im Zuge der »Troja- Fragmente solcher Importwaren fanden sich auch in der
Debatte« vor einigen Jahren wurde das Bauwerk mitunter Burg des späten Troja VI, zudem Straußeneierschalen und
als Entwässerungsgraben gedeutet, doch seine schieren steinerne Schwertgriffe. All dies bezeugt gute Fernkontakte
Dimensionen widersprechen: Wer etwa 10 000 Kubikmeter der trojanischen Elite.
Gestein mit Hammer und Meißel abträgt, will sich nicht vor Archäozoologen haben überdies anhand von Knochen-
Starkregen, sondern vor Angreifern schützen! funden nachgewiesen, dass mit Beginn der Phase Troja VI
Pferde gezüchtet wurden. Diese lieferten nicht nur Fleisch
Wasserversorgung mit Brunnen und Stollen und transportierten Lasten, sie waren als Reittier und Zug-
Vermutlich erhob sich dahinter ein Wall, bestehend aus dem tier für Streitwagen vor allem Waffe und Prestigeobjekt der
Aushubmaterial, der an der Vorderseite wohl durch eine Eliten der Bronzezeit.
Palisade gesichert war (siehe Grafik links). In einigen ausge- Architektur, weit reichende Kontakte und importierte
grabenen Partien kamen nämlich Eintiefungen zum Vor- Luxuswaren unterstreichen die Bedeutung des Orts, der
schein, mutmaßlich Verankerungen eines hölzernen Tores. wohl schon seit der Frühbronzezeit ein regionales Zentrum
Insgesamt wurden drei Zugänge nachgewiesen. In diesen bildete. Seine Ausmaße bestätigen das noch: Troja VI war
Bereichen war der Graben unterbrochen, was die Deutung mindestens doppelt so groß wie andere Orte im Umkreis.
als Entwässerungsgraben endgültig widerlegt. Das sowie die Konzentration von Funktionen wie politische
Hohen Aufwand trieb man auch, um die Wasserversor- Organisation, Kontrolle über agrarische Überschüsse, hand-
gung in der Festung wie in der Siedlung zu sichern. Mehrere werkliche Spezialisierung sowie Gütertausch über größere
Tiefbrunnen der Burg erschlossen einen Grundwasserhori- Distanzen verhinderten, dass in weitem Umkreis ein zweiter
zont. Einer dieser Schächte lag gut geschützt innerhalb der Ort von ähnlicher Bedeutung entstehen konnte. Tatsächlich
so genannten Nordostbastion der Burgmauer. In der Unter- sind andere Siedlungen während dieser Zeit anscheinend
stadt gab es ein als Quellhöhle bezeichnetes System von sogar geschrumpft.
Stollen und Schächten (siehe Grafik S. 23), das ursprünglich Wir gehen davon aus, dass sich Troja während der Spät-
ein natürlicher Wasseraustritt im Fels war und immer weiter bronzezeit zu einem starken Fürstentum entwickelte. Ty-
ausgebaut wurde. pisch für die Bronzezeit war eine Stammesgesellschaft mit
Anders als zum Beispiel in Mykene kamen in der Burg einer Kriegeraristokratie. Die gewöhnliche Bevölkerung
keine Gräber der Elite zum Vorschein. Das ist bedauerlich, lebte in der Unterstadt oder im Umland, die Burg war weit-
weil man Toten in der Bronzezeit Waffen, persönlichen gehend einer aristokratischen Oberschicht vorbehalten.
Schmuck und Gegenstände des täglichen Lebens beigab, Ihre einzeln stehenden Häuser mit den fensterlosen Sockel-
die bei Angehörigen der Elite oft prächtig ausfielen. Vor dem geschossen lassen an die Turmhäuser führender Familien
Südtor des Verteidigungsgrabens hatten bereits Dörpfeld in mittelalterlichen Städten denken – jedes war für sich zu
und Blegen einen Friedhof aus der Spätzeit von Troja VI verteidigen. Ist das ein Hinweis darauf, dass die Macht­-
gefunden. Vorherrschend waren dort Brandgräber in zeit­ frage noch nicht im Sinn einer stabilen Herrscherdynastie
typischen Urnen, es gab aber auch einige Körperbestat- entschieden war? Ohne Informationen über die verloren
tungen, was möglicherweise unterschiedliche Jenseitsvor- gegangene Bebauung der obersten Terrasse wird sich diese
stellungen in der Bevölkerung widerspiegelt. Ähnlich wie Frage kaum klären lassen. Homers Epen als Informations-
beim zeitgleichen Friedhof am wenige Kilometer entfernten quelle zur trojanischen Gesellschaft heranzuziehen, wäre

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 25


Burgmauer

Terrassenhaus

Burgmauer

GEBHARD BIEG, UNIVERSITÄT TÜBINGEN, TROIA PROJEKT


Altäre (griechisch-römisch)
UNIVERSITÄT TÜBINGEN, TROIA PROJEKT

Terrassenhaus

Das so genannte Terrassenhaus (oben: Blick auf die Ruinen,


links: Rekonstruktion) zeigt, dass in der Zeit von Troja VII
auch Wohl­habende in der Unterstadt wohnten.

ebenfalls keine Lösung, denn er kombinierte eine idealisierte sich entlang der Burgmauer und nutzte sie als Rückwand. In
Schilderung der Verhältnisse in seiner Gegenwart mit den vielen Gebäuden wurden große Gefäße, so genannte Pithoi,
Überlieferungen eines mythischen Heldenzeitalters. in den Boden eingegraben. Offenbar wurde der Vorratshal-
Kontakte zum Hethiterreich, wie sie die erste Erwäh- tung nun mehr Gewicht beigemessen. Diese schlichte Archi-
nung Wilusas für ebenjene Phase nahelegen, werden in tektur inspirierte Dörpfeld zu der These, in der Burg von Troja
Troja VI kaum sichtbar, und erst recht nicht Spuren der VII hätten nicht mehr »der Herrscher und seine Verwandten«,
Niederwerfung eines Aufstands um 1400 v. Chr. Dass die sondern »einfache Landleute« gelebt. Blegen vermutete
auf Expan­sion bedachten Großkönige Hattuschas ein Auge wegen der kleinteiligen Bebauung und der vielen Vorratsge-
auf die prosperierende Siedlung geworfen haben könnten, fäße sogar, dass sich ganz Troja in Erwartung eines Angriffs
liegt allerdings auf der Hand. und einer langen Belagerung hinter die Burgmauern zurück-
Etwa um 1300 v. Chr. wurde die Festung zerstört, wie die gezogen hätte. Das entsprach freilich seinem Wunsch, den
heute noch sichtbaren Brandspuren in Burg und Unterstadt Trojanischen Krieg als historisches Ereignis nachzuweisen.
zeigen. Dörpfeld deutete sie als Kriegsfolge – und identifi-
zierte Troja VI mit dem Troja Homers. Blegen hingegen sah Der alte Graben wurde aufgefüllt, denn die Unterstadt
in Rissen, Senkungen und umgestürzten Mauern lediglich war vermutlich gewachsen
Indizien für ein Erdbeben. Doch von Kontinuität, wie man sie Doch die jüngsten Grabungen widerlegen seine These: Die
nach einer solchen Katastrophe erwarten würde, konnte Unterstadt von Troja VIIa war keineswegs entvölkert. Im
keine Rede sein. Die Bewohner Trojas machten nach heu- Gegenteil, man baute auch dort dichter und teilweise mit
tigem Wissen nicht einfach weiter, wo sie aufgehört hatten. gemeinsamen Zwischenwänden direkt aneinander. Zum
Sie setzten nicht bloß die Burgmauer wieder in Stand – Tore Ende von Troja VI oder zu Beginn von VIIa – das lässt sich
und Türme wurden umgebaut beziehungsweise erweitert. weder anhand von Radiokohlenstoffdatierungen noch archä-
Nutzte man lediglich die erforderlichen Reparaturen, um ologisch entscheiden – war der Verteidigungsgraben aufge-
lang gehegte Pläne endlich umzusetzen? Oder gab es eine füllt worden. Gut 100 Meter weiter meißelten die Bewohner
akute Bedrohungslage? einen neuen aus dem Felsen. Leider lässt sich dessen
Drastisches tat sich im Innern der Festung: Mit den solitär Verlauf nur teilweise rekonstruieren, da er im Osten der
stehenden Familienburgen war in dieser Phase Schluss! Unterstadt in griechisch-römischer Zeit durch die Anlage
Kleine Häuser mit einem oder zwei Räumen entstanden eines Steinbruchs zerstört wurde. Die Befunde legen aber
stattdessen dicht an dicht. Ein ganzer Ring davon erstreckte die Vermutung nahe, dass die Siedlung inzwischen über ihre

26 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


frühere Größe hinausgewachsen war und nun etwa 30 oder hatte nach Ansicht von Experten mit unterirdischen Wasser-
sogar mehr Hektar Fläche einnahm. läufen zu tun, was zur Quellhöhle in der Unterstadt passen
Laut den archäobotanischen Analysen von Bodenproben würde. Freilich sind das zwar attraktive, letztlich jedoch
wurden dann auch höher gelegene, trockenere Gebiete für unbeweisbare Spekulationen.
den Ackerbau genutzt, nicht nur wie zuvor ausschließlich Zum Ende von Troja VIIa, um 1200, spätestens 1180 v.
das Skamandertal. Die Landwirtschaft florierte also. Wir Chr., finden sich in den hethitischen Texten passende Hin-
gehen daher inzwischen davon aus, dass die Pithoi der weise auf Probleme in Wilusa, leider ohne Details. Handelte
Burghäuser nicht der Vorratshaltung für den Belagerungsfall es sich um einen Krieg? Spielte Ahhijawa dabei eine Rolle?
dienten, sondern vielmehr der Kontrolle von Überschüssen. Auf solche Fragen geben die Tontafeln keine Auskunft.
Importwaren zeigen obendrein, dass die Handelsverbin- Tatsächlich aber kamen in allen bislang ausgegrabenen
dungen zum mykenischen Griechenland und in den Ostmit- Teilen der Unterstadt und an vielen Stellen der Burg Brand-
telmeerraum nicht nur weiterhin bestanden, sondern Pro- spuren aus der Zeit um 1200 v. Chr. zu Tage.
dukte nach mykenischer Art nun auch in Troja selbst her­
gestellt wurden. Zudem exportierte der Ort nun seine
»westanatolische Grauware« (siehe Bild S. 29), wie Gra-
bungen auf Zypern und in der Levante beweisen. Neben der
Textilindustrie hatte sich in Troja VIIa zudem eine Metallver-
arbeitung etabliert, wie Gussformen belegen.
Soziale Veränderungen sind aber offensichtlich. Wenn die
Gebäude innerhalb der Troja-VI-Burg Residenzen aristokra-
tischer Familien waren, so existierte diese Hierarchie­ebene
jetzt wohl nicht mehr. Die Ursachen der Veränderungen
bleiben leider unklar, weil der zentrale Teil der Bebauung
nicht erhalten ist. Sicher aber war Dörpfelds Schlussfolge-
rung übertrieben, denn die Bewohner der Burg grenzten
sich immer noch durch eine verstärkte Befestigung von
denen der Unterstadt ab. Dass dort nach wie vor nicht nur
einfache Bauern und Handwerker wohnten, lässt das »Ter-
rassenhaus« vermuten (siehe Bilder links und rechts). Es war
wesentlich großzügiger angelegt als andere Gebäude der
Unterstadt: eine mit Steinplatten gepflasterte offene Vorhal-
le, ein Hauptraum mit Feuerstelle sowie seitlich davon
Nebenräume mit Vorratsgefäßen. In einem kleineren Zim-
mer auf der Hinterseite des Gebäudes kamen unter anderem
ein minoisches, das heißt kretisches Siegel, Schmuck, ein
Gefäß in Form eines Stiers und eine Bronzestatuette zum
Vorschein. Zumindest dieser Raum könnte als Kultstätte In einem Raum des
gedient haben. Terrassenhauses
Leider liegt der größte Teil der Unterstadt unter der kamen bei den Aus-
hellenistisch-römischen Stadt Ilion. Sie eingehender zu grabungen auch
untersuchen, würde bedeuten, deren Siedlungsschichten zu Artefakte wie diese
zerstören. Zudem kennen wir bislang keine Friedhöfe aus Bronzestatuette zu
Troja VII, die uns erlauben würden, mehr über seine Gesell- Tage. Sie legen eine
schaft zu erfahren. Interessant ist aber, dass Importprodukte kultische Funktion
wie mykenische Keramik oder Fayenceperlen nun auch in des Raums nahe.
den zugänglichen Schichten der Unterstadt zu Tage kamen.
Ein unscheinbarer Befund mag immerhin einen Hinweis
geben: Vor dem Südtor hatte man eine Reihe bis zu zwei
Meter großer Stelen aufgestellt. Derartige ohne Relief oder
UNIVERSITÄT TÜBINGEN, TROIA PROJEKT

plastischen Schmuck gehaltene Steine markierten bei den


Hethitern Kultorte. Ist dies einer der wenigen Bezüge zwi-
schen der Archäologie und den erwähnten schriftlichen
Überlieferungen? Denn: Im erwähnten Alaksandu-Vertrag
wurden die Götter Wilusas als Zeugen angerufen. Einer von
ihnen hieß [...]appaliuna (die Anfangszeichen sind nicht
erhalten). Das erinnert an Apollon, der laut Homer für die
Trojaner Partei ergriff. Möglicherweise verehrte man ihn bei
den Stelen. Eine andere Gottheit namens KASKAL.KUR (die
Großbuchstaben repräsentieren spezielle Schriftzeichen)

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 27


Rund um das Terrassenhaus wie auch an anderen Stellen Einige Tore waren nicht mehr in Verwendung, doch das
der Unterstadt hat man Pfeilspitzen entdeckt, also typische Südtor mit seiner gepflasterten Straße hat man in Stand
Indizien für einen Angriff. Doch warum kam in der Burg gehalten. Über die Ausdehnung der Unterstadt lässt sich
selbst nur eine einzige zum Vorschein? Die Unterstadt, so nur mutmaßen. Noch 300 Meter südlich der Burg, also im
spekulierten einige Forscher, habe einen direkten Beschuss Bereich des Grabens von Troja VI und innerhalb des neu
der Festung auf Grund der Distanz verhindert. Und nachdem errichteten Grabens von Troja VIIa, kamen verbrannte Lehm-
die Angreifer Graben und Palisade überwunden hatten, placken zu Tage, in denen sich Flechtwerk abgedrückt hatte.
wurden sie eher in Nahkämpfe verwickelt, die vermutlich Vermutlich handelt es sich um Überreste vom Wandverputz
mit Hieb- und Stichwaffen ausgetragen wurden. Leider einfacher Hütten. Auch Abfall- oder Vorratsgruben gibt es in
erlaubt die Form der Pfeilspitzen nicht, sie einer bestimmten diesem Radius.
Kultur wie der mykenischen zuzuordnen. Interessant ist ebenso eine neuartige Keramik, die ohne
Haufen kleiner Steine in der Unterstadt wurden ebenfalls Töpferscheibe produzierte »Barbarian Ware« in Troja VIIb1
als Beweis eines Kriegs herangezogen. Sie sollen Schleuder- (siehe Bild rechts außen) beziehungsweise »Buckelkeramik«
geschosse gewesen sein, zur Verteidigung bereitgelegt. in Troja VIIb2. In Herstellungstechnik, Form und Verzie-
Zwar würde die Größe passen, typische spätbronzezeitliche rungen ähneln die Gefäße Produkten des südlichen Balkans,
Schleudergeschosse waren jedoch spitzoval geformt und wie sie von der unteren Donau bis Südthrakien in Gebrauch
bestanden aus Keramik oder Blei. Dass Trojas Bewohner die- waren. Eine solche Innovation impliziert veränderte Ess- und
se zumindest in der vorangegangen Phase VI verwendeten, Trinkgewohnheiten. Die in Troja VI typischen, einheimischen
zeigt ein Vorrat solcher Geschosse in einem Haus hinter Keramikgattungen verschwanden zwar nicht völlig, ebenso
dem Südtor der Burg. wenig der mykenische Stil, doch insgesamt deuten die
Mag das Gesamtbild also auch heterogen sein, so spre- vielen fremden Elemente darauf hin, dass spätes­tens ab
chen die massiven Zerstörungen aber für kriegerische Troja VIIb2 neue Bevölkerungsgruppen zugewandert sein
Ereignisse. Kurz nach 1200 v. Chr., in Troja VIIb1, wurden dürften.
zudem kaum Reparaturen durchgeführt oder neue Gebäude
errichtet. Das lässt einen starken Bevölkerungsschwund Auch in der Eisenzeit wanderten
annehmen, der Folge eines Kriegs gewesen sein könnte, neue Bevölkerungsgruppen in die Region ein
doch auch einer Hungersnot oder Seuche. Zunächst be- Der Aufschwung hielt allerdings nicht lange an. Nach
wahrten die verbliebenen Bewohner zwar ihre Traditionen, 1050 v. Chr. war die Burg offenbar bis auf wenige Häuser
bei den wenigen Neubauten kam aber beispielsweise eine verlassen. Und wieder verweigert sich die Stätte eindeu-
Technik zum Einsatz, die ein bis zwei Generationen später tiger Antworten auf die Frage nach den Ursachen. Einer-
typisch werden sollte: In den untersten Lagen des Mauer- seits deuten Brandspuren und Pfeilspitzen auf einen Krieg
werks schichtete man Quader nicht horizontal übereinander, hin, andererseits zählen einige Häuser dieser Zeit zu den
sondern stellte sie hochkant auf. Die Gründe dafür kennen am besten erhaltenen Gebäuden: Ihre Mauern stehen zum
wir leider nicht, die Veränderung fällt jedoch auf. Teil noch über zwei Meter hoch – das spricht gegen Er­
oberung und Naturkatastrophen. Es scheint, als seien die
meisten Bewohner der Burg einfach fortgezogen.
Einige aber blieben und hielten ihre Häuser in Stand. Eine
Mehr Wissen auf neue Ära brach nun an: »Protogeometrische« Keramik, also
Spektrum.de im griechischen Kulturkreis während der »Dunklen Jahrhun-
derte« gebräuchliche Töpferware, findet sich zusammen mit
Unser Online-Dossier zum Thema traditioneller Keramik im Siedlungsschutt und markiert den
»Alte Hochkulturen« finden Sie Übergang von der späten Bronze- zur frühen Eisenzeit. Gera-
unter spektrum.de/t/
de in Troja und seiner Umgebung, etwa in Eceabat auf der
FRAUKE FOCKE hochkulturen-der-menschheit
Gallipoli-Halbinsel, erkennen Archäologen ein Nebeneinan-
der von lokalen Gebräuchen mit neuen, die ein Zusammen-
leben einheimischer mit zugewanderten Bevölkerungsgrup-
Erst nach etwa 50 Jahren war der Schock wohl über- pen aufzeigen. Was aber, wie erwähnt, für die Region wohl
wunden: In Troja VIIb2 (etwa 1150–1050 v. Chr.) entstanden nichts Neues war.
überall in der Zitadelle neue Häuser; mitunter hat man dabei Südlich der Burgmauer finden sich zudem Spuren einer
pragmatisch die Ruinen integriert. Die Grundrisse waren oft Kultstätte: Gruben mit Opfergaben, Steinkreise und -reihen.
unregelmäßig und umfassten meist mehrere Räume, die Im Lauf der folgenden Jahrhunderte hat man dieses »West-
manchmal einen Hof umgaben. Die Bebauung war so dicht, heiligtum« erweitert, im 8. Jahrhundert v. Chr. entstanden
dass kaum Platz für Gassen blieb. auch wieder einige Häuser außerhalb der Burg. Wann das
Unmittelbar außerhalb der Burgmauer, teilweise an sie antike Ilion gegründet wurde, lässt sich bislang nicht sagen.
angebaut, entstanden Häuser mit sehr kleinen, zellenartigen Heute wissen wir, dass unter seinem Pflaster tatsächlich
Räumen, die offenbar vom Dach aus zugänglich waren. Wir der bronzezeitliche Hauptort der Region lag. Dessen Burg
deuten sie als Vorratsräume. Da sich außerdem das Boden- war immer stark befestigt gewesen, wurde oft zerstört und
niveau vor der Mauer erhöht hatte – man hatte allen Schutt wiederaufgebaut – meist wehrhafter als zuvor. Während der
eingeebnet –, wurde diese erneut umgebaut und erweitert. Spätbronzezeit war die Zitadelle auch von einer ebenfalls

28 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


BEIDE FOTOS: GEBHARD BIEG, UNIVERSITÄT
TÜBINGEN, TROIA PROJEKT

Auf Zerstörung folgte Aufschwung: Bald nach 1300 v. Chr.


exportierten die Bewohner von Troja VIIa ihre »westanatolische
Grauware« (oben) nach Zypern und in die Levante. Doch die
Stadt sollte nicht zur Ruhe kommen. Um 1200 v. Chr. vertrieb
wohl ein Krieg viele Bewohner. Gut 50 Jahre später verraten
Gefäße der »Barbarian Ware« (rechts), dass in Troja VIIb inzwi-
schen vermutlich auch Immigranten lebten.

befestigten Unterstadt umgeben. Als Schauplatz der von andere Aspekte: Ideale und Werte, Verwandtschaftsbezie-
Homer überlieferten Sage taugt der Ort also sehr wohl, doch hungen und Religion.
die Antwort auf die Frage, wann der Trojanische Krieg Die Homerforschung hat zahllose inhaltliche, sprachliche
stattgefunden hat, fällt nicht eindeutig aus. Nach den Ergeb- und formale Belege dafür zusammengetragen, dass es sich
nissen der Archäologie wäre das Ende von Troja VIIb dafür auch mit der »Ilias« und der »Odyssee« so verhält. Es waren
eher unwahrscheinlich, das von Troja VIIa, also die Zeit um identitätsstiftende Erzählungen mit Bezug zu historischen
1200 v. Chr., durchaus passend, das Ende von Troja VI um Tatsachen. Das lässt sich überall feststellen, wo es unabhän-
1300 v. Chr. aber gleichwohl möglich. gige Quellen gibt, um die Mythen zu überprüfen, seien es
Bezieht man die hethitischen Schriftquellen mit ein und das Nibelungenlied und die zahllosen Befunde zur Völker-
identifiziert Wilusa mit Homers Ilion, kämen auch die Ausei- wanderungszeit oder das Alte Testament in Bezug zur
nandersetzung zwischen mykenischen Griechen und den Geschichte und Archäologie Israels. In all diesen Fällen
Verbündeten der Hethiter am Ende von Troja VI und das vermischen sich historische Wirklichkeit und Fantasie.
Ende von Troja VIIa um 1200 v. Chr. in Betracht. Die letzte Ähnlich können auch die bewaffneten Konflikte der Spät-
Option würde den Trojanischen Krieg zwar scheinbar in die bronzezeit den Keim gebildet haben, aus dem später die
zeitliche Nähe zum Untergang der mykenischen Kultur, also griechischen Sagen wuchsen. Es bleibt ein müßiges Unter-
des mutmaßlichen Angreifers rücken. Doch wann genau fangen, Archäologie, Schriftquellen und griechische Helden-
und in welcher Abfolge die griechischen Paläste brannten, sagen in völlige Übereinstimmung bringen zu wollen. Sie
ist bisher ebenfalls nicht eindeutig geklärt. beziehen sich zwar auf denselben Ort und annähernd auf
Einige Experten meinen, die in Homers Epen geschilder- dieselbe, längere oder kürzere Zeitspanne, sind aber kom-
ten Ereignisse hätten, wenn überhaupt, um 700 v. Chr. plementär wie die beiden Seiten einer Münze: verschiedene
stattgefunden. Nicht nur, weil »Ilias« und »Odyssee« vor Bilder, die man nicht gleichzeitig betrachten kann.
allem die eisenzeitliche Gesellschaft schildern, sondern
auch, da mündliche Überlieferungen im Allgemeinen selten
mehr als drei Generationen zurückreichen. Wahrscheinlich
QUELLEN
liegen die Dinge jedoch komplizierter. Mündlich überlieferte
Epen, von geschulten Spezialisten vorgetragen, gab es in Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg
vielen Teilen der Erde noch bis in die jüngste Zeit. Sie sind et al. (Hg.): Troia – Traum und Wirklichkeit. Begleitband zur Aus­
stellung. Konrad Theiss, Stuttgart 2001
daher gut erforscht. Es handelt sich um Verknüpfungen
verschiedener Erzählstränge unterschiedlichen Alters, die Latacz, J.: Troia und Homer. Der Weg zur Lösung eines alten
sich zwar nach den Wünschen und Erwartungen des jewei- Rätsels. Koehler & Amelang, Leipzig, 6. Auflage 2010
ligen Publikums richten. Im Vordergrund steht aber immer Pernicka, P. et al. (Hg.): Troia 1987–2012: Grabungen und Forschun-
eine Erzählung vom Ursprung der eigenen Gruppe und gen III. Troia VI bis Troia VII. Studia Troica Monographien 6, Philipp
gemeinsamen Taten in ferner Vergangenheit. Dazu kommen von Zabern, Mainz (in Vorbereitung)

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 29


KOMMENTAR
WAR TROJA DIE HAUPTSTADT
DER SEEVÖLKER?
Seit gut einem Jahrhundert treibt der plötzliche Unter-
gang von Mykene und Hattuscha die Wissenschaftler um.
Der Geoarchäologe Eberhard Zangger will das Rätsel
nun gelöst haben. Demnach hätten die Archäologen einen
ganzen Kulturkreis übersehen: die Luwier.

Die Altertumswissenschaftlerin Luise Loges ­arbeitet als Journalistin in Tübingen.

 spektrum.de/artikel/1427456

I
m Sommer 2016 rauschte es im deutschen Blätterwald. Tatsächlich war das mit dem Hethitischen verwandte
Eberhard Zangger, Geoarchäologe und Berater für Luwisch während der Bronzezeit in Anatolien weit verbrei­
Wissenschaftskommunikation, präsentierte seine eigen­ tet. Zangger definiert seine Luwier allerdings weniger über
willige Antwort auf die Frage, was die Reiche der späten die Sprache als vielmehr als »Menschen, die während des
Bronzezeit schlagartig in Schutt und Asche versinken ließ: 2. Jahrtausends v. Chr. zwischen den Mykenern in Grie­
Das hätten allein die Luwier verursacht, ein im Westen des chenland und den Hethitern in Zentralanatolien lebten und
heutigen Anatolien beheimatetes Volk. Doch warum hatte die sich keiner dieser Kulturen zugehörig gefühlt« hätten.
noch niemand diese Großmacht auf dem Schirm? Auch Es gab demnach einen unabhängigen luwischen Staat
hierauf wusste Zangger, Gründer der Stiftung Luwian oder zumindest einen Zusammenschluss von Kleinstaaten
Studies, die Antwort: weil das archäologische Establish­ mit gemeinsamer Sprache und Kultur, der an Macht
ment sie aus Ignoranz und rassistischer Verblendung seinen Nachbarn wohl ebenbürtig war.
übersehen hatte.

M
Klingt nach Verschwörungstheorie? Es kommt noch it dieser These variiert Zangger eine frühere aus
besser. Zangger zufolge waren die Luwier niemand ande­ den 1990er Jahren: Troja sei identisch mit
res als die Seevölker, von denen die ägyptischen Phara­ Atlantis, dem legendären Inselreich aus den
onen Ramses III. (1184–1153 v. Chr.) und Merenptah (1213– Dialogen des Philosophen Platon. Dessen
1204 v. Chr.) berichteten. Jene Seevölker, die Archäologen Erzählung sei nicht bloß ein Gleichnis über Staatsführung
und Machtmissbrauch, sondern basiere auf einer ägyp­
tischen Erzählung vom Trojanischen Krieg, die ins Grie­
Kritik als Beleg des Kritisierten – chische übersetzt worden sei. Denn die Überlebenden

was nicht passt, wird passend dieses Krieges hätten als Seevölker Ägypten angegriffen.
Damit reihte sich der promovierte Geoarchäologe in
gemacht den Reigen jener Dilettanten ein, die Atlantis schon auf
den Kanaren oder der Kykladeninsel Santorin, auf Rügen,
im Jemen oder in der Antarktis gesucht haben. Während
lange für den Untergang des Hethiterreichs verantwortlich die Feuilletons jubilierten, war die Fachwelt peinlich
machten. Die mykenischen Staaten Griechenlands hätten berührt. Zanggers These beruhte auf der wörtlichen Ausle­
sich gegen sie verbündet und ihre Hauptstadt angegriffen – gung der Atlantis-Parabel und einer eigenwilligen Interpre­
im Trojanischen Krieg. Zwar habe diese Allianz gesiegt, wie tation der archäologischen Befunde in Troja. Was nicht mit
man aus der »Ilias« wisse, doch ein Bürgerkrieg machte seiner Theorie übereinstimmte, erklärte er zu Fehlern der
schließlich auch der mykenischen Welt den Garaus. griechischen Übersetzung jener mutmaßlichen ägyp­
Einen Beleg für seine These findet Zangger bei besag­ tischen Vorlage. Zweifel von Archäologenseite waren für
ten Pharaonen, die einen der Seevölkerstämme als Tjeker ihn Ausdruck dogmatischer Verblendung, veralteter Me­
bezeichnet hatten, was Historiker mit den Teukrern gleich­ thoden und schlampiger Arbeit.
setzen – einem der Namen Homers für die Trojaner. Zang­ Kritik als Beleg für die Richtigkeit des Kritisierten – so
ger verortet auch die anderen Seevölker in Westanatolien; argumentieren Verschwörungstheoretiker.
Troja soll als Hauptstadt oder zumindest als eine von meh­- Anfang 2001 zog sich Zangger aus der aktiven For­
reren Hauptstädten der Luwier fungiert haben. schung zurück, nun ist er also wieder da. Seine Stiftung

30 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Luwian Studies gewann schnell Zuspruch und Sponsoren. Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem in hethitischen
Im Mai 2016 erschien sein Buch »The Luwian Civilization: Quellen erwähnten Königreich Wilusa, das zeitweise zu
The Missing Link in the Aegean Bronze Age«, und wieder Arzawa gehörte und später ein hethitischer Vasallenstaat
steigen renommierte Zeitschriften mit ins Boot. Denn die gewesen ist. Als Kopf einer Koalition, die den östlichen
Geschichte hat alles, was ein Blockbuster braucht: einen Mittelmeerraum heimsuchte, bevor es in Schutt und
genialen Helden, ein großes Geheimnis und einen schier Asche gelegt wurde, taugt Troja wohl nicht. Die dort bis
unbesiegbaren Widersacher. Zangger gegen die Fachwelt. vor wenigen Jahren grabenden Tübinger Archäologen
David gegen Goliath. sehen es als stark befestigtes regionales Zentrum der
Unerbittlich brandmarkt der Held die Fehler all jener, späten Bronzezeit, nicht als Kapitale eines Großreichs.
die als Archäologen die Zeit um 1200 v. Chr. erforschen. Einige Forscher gehen davon aus, dass dieser große
Denn ihr Augenmerk liege seit dem 19. Jahrhundert zu Landstrich durchaus eine indigene Kultur hatte, die weder
stark auf dem Ägäisraum: Viel zu wenige Stätten Anato­ ägäisch noch hethitisch geprägt war. Die Erkenntnis ist
liens seien gründlich untersucht worden. Geradezu ras­ allerdings weder neu noch stammt sie von Eberhard
sistisch habe man den Beitrag der mykenischen Griechen Zangger. Die Angehörigen dieser Kultur nach ihrer Spra­
zur Weltgeschichte überbewertet, den der Völker Klein­ che auch gleich der Ethnie »Luwier« zuzuordnen, ent­
asiens hingegen vernachlässigt. spricht jedenfalls nicht moderner Wissenschaft.
Aber das ist ein Zerrbild der Wissenschaftsgeschichte. Das Gleiche gilt für den Seevölkersturm, der inzwischen
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es sogar einen regel­ als Forschungsmythos gilt. Der zeitgleiche Untergang
rechten Wettkampf zwischen deutschen und britischen etlicher bronzezeitlicher Kulturen hatte sicher nicht einen,
Archäologen, die hethitische Kultur erforschen zu dürfen. sondern viele Gründe. Kriegerische Konflikte gehörten
1906 begann der Berliner Altorientalist Hugo Winckler, ebenso dazu wie eine Klimakatastrophe, Hungersnöte,
Hattuscha auszugraben – nachdem sich der deutsche soziale Verwerfungen und innenpolitische Machtkämpfe.
Kaiser beim türkischen Sultan dafür verwendet hatte. In Zanggers These gibt deshalb obendrein eine allzu einfache
den Ruinen der Stadt kamen etliche Tontafeln ans Licht, Antwort, die dem komplexen Staatensystem jener Zeit
unter anderem in den damals noch unbekannten Sprachen nicht gerecht wird.
Hethitisch und Luwisch. Weitere Grabungen in Anatolien
folgten, die Hethitologie wurde etabliert. 1948 gründete
QUELLE
der Brite John Garstang das Archäologische Institut von
Ankara, das sich explizit der Frühgeschichte Kleinasiens Eberhard Zanggers Hypothesen sind auf www.luwianstudies.org
widmet. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. nachzulesen.

W
ahr ist indes, dass im Hinterland Westanato­ ANZEIGE
liens etliche Siedlungsplätze der Erforschung
harren. Hethitische Schriftquellen, vor allem
Berichte über Kriegszüge, nennen Städte und
Länder; über deren Lage gibt es aber meist nur Vermu­ Die Weltensänger-Trilogie
tungen. Beispielsweise herrschte im 15. und Anfang des
14. Jahrhunderts v. Chr. wohl ein luwisches Land namens
Arzawa über weite Gebiete. Die Überreste seiner Haupt­
stadt Abasa liegen vermutlich unter den antiken Schichten
von Ephesos und sind damit für Forscher kaum zugänglich.
Anders steht es mit Milet, das in der Bronzezeit den
luwischen Namen Millawanda trug. Doch von einer klar
abzugrenzenden Luwier-Kultur kann keine Rede sein.
Mykenische Keramik, minoische Inschriften und Gewichts­
steine kamen in den Schichten der späten Bronzezeit
reichlicher zu Tage als Artefakte einheimischer Tradition.
Ähnlich sieht es bei anderen Grabungsstätten an der Küste Magische Mantren und düstere Orakel, Gedanken
aus. Zangger sieht darin aber keinen Widerspruch zu lesende Saurier und Schwerter schwingende Kobolde –
Spektrum der Wissenschaft-Redakteur Klaus-Dieter
seiner These: Die Luwier hätten an rohstoffreichen Orten
Linsmeier alias Kadell nimmt seine Leser mit in ein
im Inland gesiedelt und die Hafenstädte den Mykenern Fantasy-Troja, in dem sich das Schicksal der Welt
überlassen. Was nicht passt, wird passend gemacht. entscheiden soll.
Indem Zangger die fraglos vielen noch nicht erforsch­
iStock /duncan

ten spätbronzezeitlichen Siedlungsplätze Westanatoliens


kurzerhand seiner Luwier-Kultur zuschlägt, erhält er ein Die Bände Orakel, raptOr und Die Sucher
großes Reich, und das braucht eine Hauptstadt: Troja. Der sind jetzt als eBook bei amazon für den kindle erhältlich.

Schweizer Assyriologe Emil Forrer identifizierte den Ort zu

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 31


ISTOCK / YARN

ALTORIENTALISTIK
DAS WELTBILD DER HETHITER
In alten Kulturen galt das Jenseits mal als düsterer Ort des Schreckens,
mal als Spiegelbild der Erde. In den kosmologischen Vorstellungen
der Hethiter existierten sogar beide Ansichten nebeneinander – denn hier
stießen zwei unterschiedliche religiöse Traditionen aufeinander.

Die promovierte Altorientalistin und Hethitologin Susanne Görke erforscht


die hethitische Religion und Mythologie im Rahmen des Akademie-Projekts
»Hethitische Festrituale« der Universität Marburg.

 spektrum.de/artikel/1351075


 Das bronzezeitliche Ägypten blieb durch seine monu- schen bis hin zu ihren kosmologischen und religiösen
mentalen Bauwerke im Gedächtnis der Menschheit Vorstellungen. Dabei erweisen sich die He­thiter als ausge-
präsent, an die Reiche Mesopotamiens erinnert das sprochen weltoffen: Sie integrierten häufig Ideen anderer
Alte Testament, die Epen Homers an das mykenische Kulturen, selbst die ihrer Konkurrenten.
Griechenland. Die vierte Großmacht jener Epoche hinge- Zum Beispiel übernahmen die Hethiter die babylonische
gen geriet in Vergessenheit: das in Anatolien verankerte Keilschrift, statt ein eigenes Zeichensystem zu entwickeln.
Reich der Hethiter. Erst Ende des 19. Jahrhunderts stießen Dazu holten sie Lehrer ins Land oder schickten künftige
Archäologen auf erste Hinweise – im Archiv Amarnas, der Schreiber zur Ausbildung nach Mesopotamien. Weil diese
Hauptstadt der Pharaonen Amenhotep III. und IV. Seitdem auch das Studium und Kopieren literarischer Werke bein-
wird diese altanatolische Kultur intensiv erforscht. Tausen- haltete, gelangte Gedankengut von dort nach Hattuscha.
de Keilschriftdokumente, die meisten aus der Metropole Eine weitere Ideenquelle bildeten in der so genannten
Hattuscha, vermitteln nicht nur Einblicke in ihre Politik und Vorgroßreichszeit (um 1400–1350 v. Chr.) die in Nord­
Wirtschaft, sondern auch in die Gedankenwelt der Men- mesopotamien siedelnden Hurriter, deren Reich als Mittani

32 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Ein Relief (links) aus einer in Yazilikaya bei Hattuscha ent- bezeich­net wird (siehe Karte S. 34). So fanden verschie-
deckten Kammer repräsentiert vermutlich zwölf Unterwelts- dene Gottheiten in der hethitischen Götterwelt ihren Platz,
götter, denn die Anlage ist wohl Teil einer Gedenkstätte für darunter der hurritische Wettergott Teschschub, seine
den im 13. Jahrhundert verstorbenen Großkönig Tudhaliya IV. Frau Hebat und deren Sohn Scharruma, ebenso die wich-
Außerdem barg sie eine Abbildung des Unterweltsgotts tigste Göttin der Hurriter: Schauschga, die Schwester des
Nergal. Weil viele Götterdarstellungen dort Inschriften mit Wettergotts. Hier lief der Import über Königinnen aus dem
hurritischen Namen besitzen, dürfte Yazilikaya von einer kleinen Reich Kizzuwadna. Die Hurriter übten dort großen
mesopotamischen Kosmosvor­stellung geprägt sein. In Einfluss aus; dem versuchte Hattuscha durch Eheschlie-
diesem ist die Unterwelt vom Diesseits strikt getrennt. ßungen zu begegnen. Und mit den Prinzessinnen aus
Kizzuwadna gelangte hurritisches Gedankengut an den
eigenen Hof. Dass sich die Hethiter nicht dagegen sperr-
Diese gut vier Zentimeter hohe Goldfigur aus dem 15. bis ten, entsprach einer pragmatischen Grundhaltung, die sie
13. Jahrhundert v. Chr. (Fundort unbekannt) stellt vermut- auch in Sachen Religion zeigten: Man ließ unterworfenen
lich die Herrscherin der Unterwelt dar, die »Sonnengöttin Völkern ihren Glauben und integrierte diesen gegebenen-
der Erde« – der Kopfschmuck steht für die Sonnenscheibe. falls in den eigenen, möglicherweise um örtliche Gott-
Auf ihrem Schoß säße dann ihr Sohn Telipinu, Herr der heiten nicht zu erzürnen.
Pflanzenwelt. Diese in dem überregional wichtigen Kultort
Arinna verehrte Göttin entstammte der altanatolischen Gebieter über Wind und Regen
Glaubenswelt, die das Betreten und Verlassen der Unter- Das galt allerdings nicht für die Hauptgottheiten. Wie
welt kannte. andere Völker Altanatoliens sahen die Hethiter einen
Wettergott als Herrn des Pantheons und des Himmels: Tar-
hun, in einer älteren Form Taru, gebot über die Winde wie
den Regen und beschützte das Königshaus. Da ihm ge-
meinsam mit einer Sonnengöttin der Kern des gesamten
Reichsgebiets gehörte, setzte er den König dort als Ver-
walter ein. Anders als etwa in Ägypten galt dieser mithin
nicht als irdische Verkörperung des höchsten Gottes,
sondern war dessen Beamter, der ihm Rechenschaft
schuldig war und ihm in Festen huldigte, um dem Reich
und der Dynastie Wohlstand zu sichern.
Etliche weitere Wettergötter erfuhren in Städten außer-
halb Hattuschas Verehrung. Einige erlangten aber auch
überregionale Bedeutung, darunter der in der heiligen
Stadt Nerik verehrte Wettergott (dessen Name heute nicht
mehr bekannt ist). Eine wichtige Rolle spielte auch Tarus/
Tarhuns Sohn Telipinu, der Herr aller Pflanzen. Als dieser
einmal zornig verschwand – der Grund dafür ist leider
nicht überliefert –, stand dem Mythos nach alles Wachs-

AUF EINEN BLICK


DIE TEILUNG DES KOSMOS

1 Im 14. Jahrhundert v. Chr. stieg das anatolische


Königreich der Hethiter zur Großmacht auf.
Von Hattuscha aus herrschte es im 13. Jahrhundert
bis in den Norden Mesopotamiens hinein.
AKG IMAGES / PICTURES FROM HISTORY

2  mfangreiche Keilschriftfunde vermitteln ein Bild der


U
hethitischen Kultur, auch der religiösen Vorstellungen.
Dabei zeigt sich immer wieder, dass fremdes Ideengut
auf verschiedene Weise Eingang fand.

3  eitgleich gab es zwei kosmologische Vorstellungen:


Z
In einer wurden Erde und Jenseits nicht scharf von­
einander getrennt, in der anderen gab es eine selbst
für Götter nur schwer zu überwindende Grenze.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 33


tum still. Emsig suchte man nach ihm, doch erst die Biene den altorientalischen Religionen gab es durchaus grundle-
wurde fündig. Ihr gelang es, den Gott zu besänftigten, so gende Unterschiede.
dass sich die Natur regenerieren konnte. Große Bedeutung So dürften die Hethiter dem Jenseits optimistischer
kam auch dem »Sonnengott des Himmels« und der »Son- entgegengesehen haben als ihre Nachbarn in Mesopota-
nengöttin der Erde« zu, die den täglichen Lauf des Ge- mien: Einem nordsyrischen Mythos nach floh der Gott
stirns über den Himmel beziehungsweise seinen ange- Alalu, als Anu ihn vom Himmelsthron stieß, nicht an einen
nommenen nächtlichen Gang durch die Unterwelt reprä- anderen Ort in dieser Sphäre, sondern in die Unterwelt.
sentierten. Auch der für das Umland von Hattuscha Regen bringende
Neben diesen Hauptgottheiten verehrte man zahllose Wettergott von Nerik verbarg sich mitunter dort – was
Nebengötter, darunter auch lokale Ausprägungen der wohl Phasen anhaltender Trockenheit erklären sollte. Er
eben genannten. Von vielen Unsterblichen kennt man nur gelangte offenbar problemlos in die Welt der Toten und
noch die Namen aus so genannten Opferlisten, die bei ebenso leicht wieder zurück.
rituellen Festen genau festhielten, welche Gaben wem in Hingegen durfte die Göttin Ischtar laut einer aus Assy-
welcher Menge dargebracht wurden. Zu den aus Mesopo- rien bekannten Erzählung nur nackt und bar ihrer gött-
tamien importierten Nebengöttern zählten beispielsweise lichen Kräfte vor die Herrin der Unterwelt Ereschkigal
die Liebes- und Kriegsgöttin Ischtar, der Gott der Weisheit treten. Der Mythos sprach von einem »Land ohne Wieder-
Ea sowie einige Unterweltgottheiten. Andere wie der kehr« und einem »Haus, dessen Eintretende des Lichts
erwähnte Telipinu entstammten der Glaubenswelt der beraubt sind«, mit nichts als Staub und Lehm als Nahrung.
Hattier, jenem Volk, das schon vor der Einwanderung der Zwar gibt es nur wenige hethitische Beschreibungen der
Hethiter im 3. Jahrtausend v. Chr. in Zentralanatolien Unterwelt, die auch »unteres Land« oder »dunkle Erde«
beheimatet gewesen war. genannt wurde. Aber die Verhältnisse wurden offenbar
Wohlgemerkt: Fremde Religionselemente in den weniger deprimierend gesehen. Allerdings standen dort
­eigenen Glauben aufzunehmen, war in der Antike nicht hinter sieben Türen bronzene Kessel voller Unheil und
un­üblich. Der griechische Gott Apollon etwa stammte Unreinheiten; ihre Deckel verhinderten, dass die Welt der
ursprünglich aus Kleinasien, und die ägyptische Göttin Lebenden davon heimgesucht wurde.
Bastet prägte eine Variante der griechischen Artemis. Himmel und Jenseits spielten auch in den Vorstel-
Auffällig ist aber, dass in das hethitische Pantheon über- lungen von der Entstehung der Welt eine wichtige Rolle.
nommene Gottheiten unverändert blieben. Das erforderte Sehr aufschlussreich ist ein Text aus Hattuscha, der den
eine beachtliche Integrationsleistung, denn zwischen Machtkampf des Wettergotts Teschschub mit seinem

hethitisches Großreich
S c h w a r z e s M e e r (Hattuscha)
hethitisches Einflussgebiet
Territorium von Ahhijawa
(mykenische Kultur in
Griechenland)
Marmara-
Troja meer Sekundogenitur Tarchuntassa
(Wilusa) arzawischer/nordsyrischer
HABALLA Hattuscha
SEHA Staatenverbund (Teil des
s
Lalanda Haly Sarissa hethitischen Großreichs)
MI
R
Abasa A
mittelbabylonisches
ros
b

Kassitenreich
(Ephesos) aiand NA
Za

M AD o Stammesgebiet der Kaskäer


s

W er
er

U m MIT
KIZZ yra
( Hur TANI
Ob

P ägyptisches Reich (Mizra)


Millawanda ri t e
(Miletos) Adanija r) Assyrien (seit Mitte 14. Jh.
Ninive von Mittani unabhängig)
RHODOS Ugarit ASSYRISCHES REICH assyrische Eroberungen am
Or o n

Assur Ende des 13. Jh. v. Chr.


KRETA
tes

Kadesch
HIJA Palmyra
Tigr

S C
ALA Byblos
is

M i t t e l m e Damaskus
e r Eup SANH
ARA
Jorda n

Megiddo
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK
hr
at

Im 13. Jahrhundert
Jerusalem Babylon
v. Chr. kontrollierte das
Uruk
hethitische Reich
Ur
Pi Ramesse weite Teil Anatoliens.
EN
ÄGYPT
Nil

34 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Sohn, dem Steindämonen Ullikummi, schildert. Eine Altorientalisten anerkannt. Demnach existierten im hethi-
wichtige Rolle spielte dabei eine Sichel. Diese habe Him- tischen Reich gleichzeitig zwei Vorstellungen der Weltkon-
mel und Erde auseinandergeschnitten. Die Passage eines struktion: eine zweigeteilte, welche Erde und Unterwelt
anderen Mythos verrät: »Als sie Himmel und Erde nah- als eine Sphäre zusammenfasste, sowie eine dreigeteilte,
men, trennten sich die Götter. Die oberen Götter nahmen die sie separierte. Das erste Konzept lässt sich auf hat-
sich den Himmel, die unteren Götter aber nahmen sich tisch-anatolische Vorstellungen zurückführen, während
Erde und Unterwelt.« Im Kumarbi-Zyklus wird vom Kampf das dreigeteilte System mesopotamische Sichtweisen
eines himmlischen und eines unterweltlichen Götterge- widerspiegelt. Sind zwei Versionen eines Mythos oder
schlechts berichtet. Während der erste Herrscher, von Gebets überliefert, dürfte diejenige, die eine Zweiteilung
seinem Nachfolger vertrieben, in die Unterwelt flüchtete, des Kosmos schildert, demnach die ältere sein.
floh der Usurpator bei seiner eigenen Vertreibung in den
Himmel. Dieser Zyklus zeigt deutlich eine Dreiteilung der Reisen in die Unterwelt
weltlichen Sphären: Himmel – Erde – Unterwelt, während Weil es im altanatolischen Glauben zwischen Erde und
das davor erwähnte Fragment nur eine Zweiteilung kennt: Unterwelt einen fließenden Übergang gab, erschien das
Himmel – Erde und Unterwelt nebeneinander. Jenseits wohl auch weniger schrecklich. Vermutlich
Das Phänomen unterschiedlicher Kosmologien findet ­spiegelte es in der Vorstellung jener Menschen die ihnen
sich auch in anderen Schriften. Dem deutschen Hethitolo- vertrauten Verhältnisse auf der Erdoberfläche und konnte
gen Heinrich Otten von der Philipps-Universität Marburg damit per se nicht unwirtlich sein. Das erklärt auch,
und seiner Prager Kollegin Jana Siegelová war das 1970 ­warum in der hattisch-anatolischen Religion verankerte
erstmals aufgefallen. Die Idee wurde Mitte der 1990er Gottheiten unbeschadet in die Unterwelt hinab- und
Jahre wieder aufgegriffen und wird heute von den meisten wieder hinaufsteigen konnten.

Orientierung an der Sonne


Bei Ausgrabungen in Kuschakli in Zentralanatolien durch Archäologen der Philipps-Universität Marburg von
1992 bis 2004 kam eine hethitische Stadtanlage zum Vorschein, die anhand von Keilschrifttexten als das antike
Sarissa identifiziert wurde. Sie war gegen Ende des 16. Jahrhunderts v. Chr. offenbar planmäßig entlang zweier
Hauptachsen angelegt worden: eine in Richtung Nordwest-Südost, die zweite nach Südwest-Nordost (siehe
Bild). Diese Achsen endeten jeweils an Stadttoren; größere Tempel und öffentliche Gebäude waren an ihnen
aufgereiht.
Leider lieferte das Studium hethitischer Texte bislang keine Anweisungen zur Achsenorientierung. Für die
Ausrichtung des Tempels 1 nimmt der leitende Ausgräber Andreas Müller-Karpe kosmologische Gründe an. In
Frage kommen archäoastronomischen Berechnungen nach ein Venusaufgang am Tag der großen Venuswende,
der Sonnenaufgang am Tag der Sommersonnenwende oder ihr Untergang zur Wintersonnenwende. Da Venus-
und Wintersonnenwende auf Grund der Umlaufbahn
des Planeten mitunter nahe beieinanderliegen, N
könnten sogar beide die Ausrichtung bestimmt haben.
Nordost-
0 100 m tor
Weil der Tempel vermutlich einer Ischtar-Variante Tempel 1
geweiht war – einige Texte erwähnen die Göttin –,
wäre das Bauwerk wohl auf ein mit ihr assoziiertes
Nordwest-
Himmelsereignis ausgerichtet worden, doch genauer
tor
lässt sich das nicht sagen.
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK

Auch die Stadtanlage von Hattuscha konnte Müller-


Karpe hinsichtlich der astronomischen Gegebenheiten
zur Zeit ihrer Erbauung im 13. Jahrhundert v. Chr.
deuten. Demnach wäre die Sonne am Tag der Som-
mersonnenwende über dem so genannten Königstor
auf- und über dem Löwentor untergegangen; zwi-
schen beiden verlief ein Prozessionsweg. Während der Tempel 2
Tagundnachtgleichen beschien sie außerdem kurz (Gebäude C)
Südost-
nach ihrem Auf- beziehungsweise kurz vor ihrem
m t-

tor
m es
da dw

Untergang Yerkapi, einen gepflasterten Wall, der Sü


vermutlich eine repräsentative Funktion hatte. Unter da do


Südwest- m st
tor m -
diesen Prämissen wäre die hethitische Hauptstadt
bewusst auf den Sonnenlauf ausgerichtet worden.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 35


SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / BÄRBEL WEHNER; NACH  SCHUOL, M.: HETHITISCHE KULTMUSIK.
IN: ORIENT-ARCHÄOLOGIE 14, VERLAG MARIE LEIDORF, RAHDEN 2004, TAFEL 3
JOSÉ LUIZ BERNARDES RIBEIRO (COMMONS.WIKIMEDIA.ORG/WIKI/FILE:HITTITE_TERRACOTA_
Die Indandik-Vase ist eines der wenigen erhaltenen Ex­

VASE_(2).JPG) / CC BY-SA 3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/LICENSES/BY-SA/3.0/LEGALCODE)


emplare althethitischer reliefverzierter Kultkeramik. Das
82 Zentimeter hohe Gefäß zeigt Szenen eines Festes
aus anatolischem Kontext. Auf dem untersten Fries trifft
man die Vorbereitungen; in dem darüber wird einem
Gott eine Kanne gereicht und ein Stier geopfert; auf den
beiden oberen Friesen begleiten Musiker eine Hochzeit.

Wie aber wirkten sich solche feinen Differenzen in der


Praxis aus? Religion war ein zentrales Element des Lebens
in jener Zeit, sollte das Land gedeihen und wollte man
Krankheiten vom eigenen Haus fernhalten. Weil das Ge-
schehen auf der Erde als Abbild des Willens der Gottheiten
galt, richtete man ganze Städte nach Himmelsereignissen lungen im Allerheiligsten mit Trankopfern, bei denen
aus (siehe »Orientierung an der Sonne«, S. 35). Zudem beispielsweise zudem Tänzer, Bronzeschalenhalter, Hand-
wurden die Gottheiten in großen, rituellen Festen verehrt. werker und sogar Fremde anwesend sein durften.
Zahlreiche Texte beschreiben solche Inszenierungen in Hingegen führen die Teilnehmerlisten mesopotamisch
Hattuscha und anderen Städten. Auch hier lassen sich hat- oder hurritisch beeinflusster Feste stets nur reines Kultper-
tisch-anatolische Traditionen von solchen unterscheiden, sonal auf wie Priester, Musiker und den König. Die bunte
deren Ursprung den verehrten Gottheiten nach in Südost­ Vielfalt von Personen und Funktionen fehlte hier völlig, bei
anatolien, Nordsyrien oder Mesopotamien lag. diesen Ritualen war das Allerheiligste der Tempel offenbar
In die erste Kategorie gehörte das »Krokusfest«, das nur einem ausgewählten Kreis vorbehalten.
den neuen Frühling feierte. Es dauerte 35 bis 40 Tage und Wie ich 2013 erstmals zeigen konnte, dürfte dies den
fand hauptsächlich in Hattuscha statt. Das Königspaar unterschiedlichen kosmologischen Konzepten geschuldet
reiste aber auch zu wichtigen Heiligtümern in der näheren sein: Wo Erde und Unterwelt als derart strikt voneinander
Umgebung, so am neunten Tag zu einem Tempel in der getrennt galten, dass selbst Götter die Grenze nicht so
Stadt Arinna. Auch dort wurde ein enormer Aufwand einfach überschreiten konnten, mussten zwangsläufig
getrieben: Es galt, Speisen zu bereiten, den Boden des auch die entsprechenden Kulthandlungen Auserwählten
Heiligtums zu fegen, zu musizieren, dem König Wasser vorbehalten sein. Archäologisch ist dieses Phänomen
zum Händewaschen zu reichen und vieles mehr. Die noch schwer greifbar, da es bisher nicht gelang, ein Heilig-
zugehörigen Ritualtexte listeten Personen auf, die sich tum eindeutig einem einzelnen Gott zuzuweisen. Einen
während dieser Phase mit Priestern und dem König im Hinweis aber gibt es: Große Höfe, wie sie im Tempelviertel
Tempelbezirk befanden: ein Herold, mehrere Sänger und Hattuschas mitunter nachgewiesen wurden, sollten offen-
Rezitatoren, Köche und ein Mundschenk, Leibwächter bar zahlreichen Personen Platz bieten, dienten also mögli-
samt Offizier, diverse sonstige Palastangestellte und cherweise der Verehrung hattisch-anatolischer Gottheiten.
etliche Personen, deren Funktion heute nicht mehr klar ist. Kleinere Gebäude wären dann für den Dienst an mesopo-
Ein ähnliches Bild boten dann die eigentlichen Kulthand- tamischen Gottheiten errichtet worden.

36 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


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HATTUSCHA
EINE GROSSMACHT
VERSCHWINDET
Um 1200 v. Chr. wurde die hethitische Hauptstadt mysteriöserweise
­verlassen. Nicht weniger rätselhaft ist die Rolle einiger Fürstentümer,
die nach dem Untergang des Großreichs aufstrebten.

Charles Steitler ist Hethitologe und forscht an der Mainzer Akademie


der Wissenschaften über hethitische Festrituale und Religionsgeschichte.

 spektrum.de/artikel/1431428


Im 14. Jahrhundert v. Chr. beherrschten hethitische Seeher entwarf ein alternatives Szenario, das inzwi­
Großkönige fast ganz Anatolien, ihr Einfluss reichte schen unter Experten weitgehend anerkannt ist. Wie
bis nach Nordsyrien. Mit den Regenten Ägyptens, schon bei früheren Gelegenheiten wurde der Königshof
Assyriens und Babyloniens pflegten sie diplomatische aus wahrscheinlich strategischen Gründen andernorts
Kontakte auf Augenhöhe. Und doch verschwand diese verlegt, kehrte jedoch diesmal nicht wieder zurück. Mehr
Großmacht schon um 1200 v. Chr. von der Landkarte. In noch: Seine Spuren verlieren sich im Dunkeln der Ge­
das Kernland wanderten später die Phryger ein und schu­ schichte, während nun regionale Zentren im Süden des
fen ihr eigenes Reich. Nur in den ehemaligen Provinzen Reichs aufblühten. Einige dieser späthethitischen Fürsten­
Südanatoliens und Syriens trugen einzelne Fürstentümer tümer erhoben wohl sogar den Anspruch, das Großkönig­
die hethitische Kultur weiter. Wie konnte es so weit kom­ tum fortzusetzen, doch diese Bekundungen hatten mit der
men? Auch nach mehr als 100 Jahren Forschung bleibt historischen Wirklichkeit wenig gemein.
das Ende des Großreichs ein Rätsel. Das Erstarken der Assyrer gilt als wichtiger Faktor für
Dass kriegerische »Seevölker« es regelrecht überrannt den Niedergang der Hethiter. Denn Mitte des 13. Jahrhun­
hätten, gilt inzwischen als Wissenschaftsmythos. Zwar derts v. Chr. hatten sich die Machtverhältnisse in Meso-
trugen seefahrende Aggressoren sicherlich zu den Umwäl­ potamien dramatisch gewandelt. Das zwischen beiden
zungen jener Zeit bei. Ein Brief aus Ugarit, einem Vasallen­ Reichen gelegene Mittanni wurde Vasall des assyrischen
staat der Hethiter in der Levante, legt davon beredtes Königs, mit einem Mal teilten die beiden Großreiche eine
Zeugnis ab: Feindliche Schiffe lägen an der Küste, einige gemeinsame Grenze. Die Beziehungen waren angespannt,
Städte seien bereits gebrandschatzt worden. Zudem wie ein Vertrag des Hethiterkönigs Tudhaliya IV. (regierte
konstatierte Pharao Ramses III. in einem Kriegsbericht, die 1237– 1210 v. Chr.) mit einem Gefolgsmann an der Levan­
fremden Krieger hätten Hatti, also das hethitische Reich, teküste verrät: Letzterer sollte ein Handelsembargo gegen
vernichtet (siehe die Beiträge S. 48 und S. 64). assyrische Kaufleute durchsetzen.
Frühere Ausgräber der hethitischen Hauptstadt Hat­
tuscha glaubten deshalb, diese wäre Ende des 13. Jahr­ Vom Jugendfreund zum Erzfeind
hunderts zerstört worden, was den Untergang des Reichs Es blieb nicht bei einem kalten Krieg. In Hattuscha und
besiegelte. Der deutsche Prähistoriker Jürgen Seeher, Ugarit entdeckte Schriftstücke erwähnen eine Schlacht bei
von 1994 bis 2005 Ausgrabungsleiter vor Ort, widerspricht einer Stadt namens Nichriya. Weder Ort noch Umstände
der These. Denn viele Gebäude zeigen seines Erachtens sind bislang bekannt. Sicher ist aber, dass die Hethiter
nach Anzeichen der Vernachlässigung und eines mehrere eine schwere Niederlage erlitten. Philologen betrachteten
Jahre dauernden Verfalls. Selbst solche mit Brandspuren diese lange als eine unmittelbare Ursache des Untergangs.
hatte man bereits vor dem Feuer geräumt und nur beschä­ Inzwischen gelten aber Tudhaliya IV. und der Assyrerkönig
digte oder schwer bewegliche Gerätschaften zurückge­ Salmanassar I. (regierte 1263–1234 v. Chr.) als die Kontra­
lassen. Das alles spricht eher für einen geplanten Exodus, henten in der fraglichen Schlacht; diese tobte also einige
zudem einen mit genügend Vorbereitungszeit. Einem krie- Jahrzehnte vor der eigentlichen Schicksalswende. Ihr Aus­
gerischen Akt fiel Hattuscha demnach nicht zum Opfer. gang schwächte aber sicherlich die Position Hattuschas.

38 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Mit dem Untergang der
Königsdynastie von Hattuscha
zerbrach das hethitische
Großreich. Frei vom Diktat der
Zentralmacht strebten lokale
Fürsten nach der Königs­
würde, und in den südlichen
Randgebieten gründeten
aramäische Nomaden neue
Reiche. Doch selbst deren
Herrscher übernahmen alte
hethische Traditionen wie
etwa die der Königsinschrif­
ten im Hochrelief (im Bild:
Inschrift des Kulamuwa aus
Sam’al).
BPK / VORDERASIATISCHES MUSEUM, SMB / GUDRUN STENZEL

Die größte Bedrohung für Tudhaliya kam jedoch wohl


von Innen: Sein Jugendfreund und Vetter Kurunta be­
gehrte mehr Macht. Er hatte zuvor Tudhaliyas Vater Hattu­ AUF EINEN BLICK
sili III. (regierte 1267–1237 v. Chr.) auf den Thron geholfen – KLEINE REICHE, GROSSE TITEL
indem er ihn beim Sturz seines eigenen Bruders Mursili III.
(regierte 1272–1267 v. Chr.) unterstützte. Als Belohnung
erhielt Kurunta den Status eines Vizeregenten in Tarchun­ 1 Im Jahr 1209 v. Chr. bestieg Suppiluliuma II. den
Thron in Hattuscha. Zu einem unbekannten Zeitpunkt
wurde der Königshof vermutlich verlegt, doch über
tassa. Auch diese Stadt ist noch nicht archäologisch
belegt, aber Texte lassen keinen Zweifel daran, dass sie ein das Warum und Wohin rätseln die Forscher.
bedeutendes regionales Zentrum und eine Zeit lang sogar
Hauptstadt des Reichs gewesen war.
Wahrscheinlich hoffte der Putschist Hattusili, seine
2  ie einzigen Schriftquellen, die Informationen über
D
die Zeit nach dem Untergang des Großreichs liefern,
sind monumentale Inschriften der Herrscher so ge­
Position in Südanatolien durch die Einsetzung Kuruntas nannter späthethitischer Fürstentümer.
abzusichern. Ein kluger Schachzug, war jener doch zusam­

3
men mit seinem Sohn aufgewachsen. Eine 1986 in Hat­  uch Regenten, die einer anderen Ethnie angehörten
A
tuscha entdeckte Bronzetafel beschreibt beider inniges wie die Aramäer, benutzten Elemente hethitischer
Verhältnis: »Bevor ich, Großkönig Tudhaliya, König gewor­ Machtrepräsentation. Damit wollten sie sich wohl in
den war, da hatte die Gottheit mich und Kurunta bereits in die Tradition der Großkönige stellen.
Freundschaft zusammengeführt. Und wir waren uns schon
damals wert und gut« (Übersetzung Heinrich Otten).

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 39


Doch aus Freunden wurden Rivalen. Siegelabdrücke, lien wie auch die Levante unter einer lang anhaltenden
die in Hattuscha zu Tage kamen, nennen Kurunta einen Dürre und in der Folge unter Hungersnöten. Der ägyp­
»Großkönig« – offenbar reklamierte dieser den Titel eines tische Pharaoh Merenptah behauptete in einer Inschrift in
Tages für sich. Brandspuren aus der fraglichen Zeit Karnak, er habe Getreide geschickt, »um das Land Hatti
könnten darauf hindeuten, dass Kurunta die Hauptstadt am Leben zu erhalten«. Ein hoher hethitischer Beamter
zumindest eine Zeit lang in seine Gewalt brachte. Mögli­ oder sogar der Großkönig selbst bat den König von Ugarit
cherweise nutzte er Tudhaliyas Abwesenheit während brieflich, ein Schiff und Seeleute zur Verfügung zu stellen,
dessen Feldzug gegen die Assyrer. um Korn an die Küste Südanatoliens zu transportieren.
Die nämliche Bronzetafel illustriert auch diese Wende in Dabei gehe es »um Leben oder Tod«. Offenbar befand sich
beider Beziehung – durch ihre Fundlage. Ursprünglich war das Reich in einer massiven Krise.
der Vertrag wohl wie üblich in einem Tempel deponiert
worden, damit die jeweilige Gottheit jenen bestrafe, der Luwische Hieroglyphen
seine Verpflichtungen nicht einhielt. Doch diese Tafel kam statt hethitische Keilschrift
in der Nähe eines Tors zum Vorschein, begraben unter Wir wissen nicht, wie lange Suppiluliuma II. regierte und
dem Straßenpflaster. Vermutlich sollte das Abkommen so ob er oder ein Nachfolger den Befehl gab, Hattuscha zu
rituell-symbolisch außer Kraft gesetzt werden. räumen. Sicher ist nur, dass das Ende einer starken Zen­
Ein Putsch im Innern, eine militärische Niederlage ge- tralmacht einigen Fürsten die Möglichkeit gab, ihre Herr­
gen eine erstarkende Großmacht – eigentlich waren alle schaft auszubauen. Tatsächlich stellt sich das »dunkle
Zutaten beisammen, das hethitische Reich in den Abgrund Zeitalter« Anatoliens zwischen dem Ende der Spätbronze­
zu treiben. Stattdessen kehrte Tudhaliya nach Hattuscha zeit um 1200 v. Chr. und der frühen Eisenzeit (12. bis
zurück und verbuchte militärische Erfolge in Lykien und 11. Jahrhundert v. Chr.) als komplexes Puzzle aus unvoll­
auf Zypern, damals das Reich Alaschija (siehe den Beitrag ständigen Informationen dar. Hethitologen versuchen,
S. 52). Sein Sohn Suppiluliuma II. (regiert ab 1209 v. Chr.), zueinander passende Steine auszumachen. Es gilt, Ver­
der letzte Regent in Hattuscha, war ebenfalls auf der Insel wandtschaftsbeziehungen zwischen namentlich genann­
aktiv und unterwarf zudem den »Mann von Tarchuntassa«. ten Herrschern zu rekonstruieren, und selten gibt es mehr
Schenkt man seinem Kriegsbericht Glauben, blühte das als eine plausible Lösung.
hethitische Reich also noch einmal auf. Das Hauptproblem: Es mangelt an Schriftquellen, denn
Allerdings diskutieren Forscher auch eine andere Sicht­ die Keilschrift, in der Könige und Beamte ausführliche
weise: Suppiluliumas Feldzüge dienten möglicherweise Briefe und Dokumente verfasst hatten, wurde völlig aufge­
der Befriedung von Aufständen. Wahrscheinlich litt Anato­ geben – offenbar zusammen mit der hethitischen Sprache.
Das verraten die wenigen Texte dieser Periode: Fels- und
Monumentalinschriften in luwischer Hieroglyphenschrift.
Das Relief Tudhaliyas IV. ziert eine Felswand des Heiligtums Sie stellen ein wichtiges Bindeglied zurück zur Spätbronze­
Yazilikaya unweit von Hattuscha. Der mit einem Zeremo­ zeit dar, weil das eng mit dem Hethitischen verwandte
nialgewand gekleidete König gilt als Bauherr des Kultorts. Luwisch schon damals weit verbreitet war, ebenso der
Brauch, Königsinschriften in Hieroglyphen zu schreiben.
Erst in den letzten Jahrzehnten haben Linguisten dieses
Textkorpus weitestgehend entziffert. Allerdings entstanden
die meisten Texte erst ab dem 10. Jahrhundert v. Chr.;
Inschriften aus der Zeit unmittelbar nach dem Zusammen­
bruch des Großreichs sind hingegen rar.
Der Zusammenbruch der großen und kleinen Reiche
des östlichen Mittelmeerraums um 1200 v. Chr. zeigt sich
auch im archäologischen Befund für Anatolien und Syrien,
Forscher stoßen aber auch immer wieder auf Anzeichen
für Kontinuität. Siedlungen wurden zwar vielerorts zerstört
oder verlassen, aber häufig nach kurzer Zeit neu besiedelt,
und zwar – Keramikfunden nach zu urteilen – von dersel­
ben Bevölkerung, die bereits früher dort sesshaft gewesen
war. Nur gehörten sie nun nicht mehr zu einem Großreich,
sondern fügten sich in kleinräumigere Strukturen ein.
Zu den Gewinnern zählte vermutlich das Fürstentum
Tarchuntassa. Zwar wollte Suppiluliuma II., wie erwähnt,
dessen Herrscher einige Zeit zuvor unterworfen haben.
Ohne Grabungsbefunde wissen wir aber nicht, wie weit er
dabei ging. Manche Fachleute glauben, dass die Stadt
nicht zerstört wurde und nach dem Zusammenbruch der
ISTOCK / LEBAZELE

zentralen Kontrolle wieder erstarkte. In diesem Fall könnte


ein gewisser Hartapu der Nutznießer gewesen sein. Er

40 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Hauptstadt Hattuscha
sonstiger Ort (Bogazköy)
heutiger Name
Felsrelief / Felsinschrift
N

100 km

Burunkaya
TA B A L Melid
Nichriya?
Elbistan M E L I D (Malatya)
Karahöyük
KUMMUH
Gurgum
Hatip (Maras)

s
GURGUM

Saro
Kızıldag Azatiwada
(Karatepe) S A M ’A L
Karadag Sam’al
(Zincirli)
Karkemisch
TA R C H U N TA S S A (Cerablus)

Ain Dara Arpad B I T-


Alalach
(Tell Atchana) (Tell Rifa'at) ADINI
BIT AGUSI
Kinalua
ARAMÄISCHE STAATEN Halpa
(Tell Tayinat)
LUWISCH-SPÄTHETHITISCHE STAATEN (Aleppo)

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK


Großkönigtum Tarchuntassa (Nordbereich nicht sicher), Eu
Hoheitsgebiet um 1150 v. Chr. ph
Ugarit (Ras Schamra) rat
Großkönigtum Karkemisch, ungefähres Hoheitsgebiet um 1150 v. Chr.
Or
on
Phrygisches Reich, ungefähre Ausdehnung 8. Jh. v. Chr. tes
Hamath
Gebiet der Kaskäer, 12.– 8. Jh. v. Chr. (Hama)
Urartäisches Reich, ALASCHIJA H A M AT H
8. Jh. v. Chr. (Zypern)
Neuassyrisches Reich
unter Salmanassar III, 852– 824 v. Chr.
Grenze Neuassyrisches Reich unter Sargon II, 721–705 v. Chr.

Der Kollaps des hethitischen Großreichs setzte eine enorme tusili III. und Kurunta vom Thron geputscht worden war.
Dynamik in Gang. Tarchuntassa und Karkemisch avancierten Damit wäre Hartapu ein Neffe des Kurunta und weitläufig
zu Großkönigtümern, neue Reiche entstanden. mit Suppiluliuma II. verwandt, was den Titel Großkönig
etwas weniger anmaßend erscheinen lässt. Der Hethitolo­
ge Lorenzo d’Alfonso von der New York University sieht in
wird in monumentalen Inschriften auf den Bergen KIzIldag ihm hingegen den von Suppiluliuma unterworfe­nen »Mann
und Karadag in der Konya-Ebene als Herrscher genannt von Tarchuntassa«. In dem Fall wäre Hartapu aber bereits
(siehe Karte). Manche Forscher glauben deshalb, dass vor dem Ende der Großreichszeit abgesetzt worden.
Tarchuntassa in dieser Region lag. Hartapus Macht reichte Hinter all diesen Überlegungen steht letztlich auch die
jedenfalls weit, denn auch noch in Burunkaya, etwa Frage: Wohin wurde der Königshof verlegt? Nur eine
140 Kilo­meter nordöstlich vom Karadag wurde eine In­ bedeutende und zentral gelegene Stadt kam dafür in
schrift von ihm entdeckt. Frage. Im 14. Jahrhundert v. Chr. war die Wahl schon
Die dabei jeweils verwendeten Schriftzeichen ähneln einmal auf Tarchuntassa gefallen. Doch es bleiben zu viele
stilistisch luwischen Hieroglyphen der Großreichszeit so Unbekannte: Der von Suppiluliuma unterworfene Hartapu
sehr, dass die meisten Experten sie zumindest in dessen hätte nach seiner Niederlage die Macht zurückerobern
Schlussphase einordnen. Dafür spricht auch, dass sich können. Es wäre auch möglich, dass sein Vater Mursili ein
Hartapu – wie sein mutmaßlicher Vorgänger Kurunta – als bislang durch keine weitere Quelle belegter Sohn Kuruntas
Großkönig bezeichnete. Vermutlich gab es niemanden war, was Hartapu um eine oder zwei Generationen nach
mehr, der ihn dafür zur Rechenschaft ziehen konnte. Suppiluliuma II. datieren würde. Als dritte Option schlägt
Hartapu nannte sich auch einen »Sohn Mursilis«. Viele Dietrich Sürenhagen von der Universität Konstanz vor,
Forscher nehmen an, dass er damit den schon erwähnten dass er ein Sohn des Großkönigs Mursilis II. (regierte etwa
Hethiterkönig Mursili III. meinte, der 1267 v. Chr. von Hat­ 1320–1285 v. Chr.) gewesen sein könnte und damit ein

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 41


dessen dynastische Erben durchaus Großkönig nennen,
auch wenn der Titel mit den realen politischen Verhältnis­
sen wenig zu tun hatte. Doch auch dieses Modell ist
umstritten. Einige Experten ordnen die Inschrift auf der
Silberschale in das 10. oder 9. Jahrhundert v. Chr. ein. Und
weil die Schale im Gebiet eines weiteren späthethitischen
Fürstentums entdeckt wurde, sei der genannte Tudhaliya
dort König gewesen.
Die Rede ist von Karkemisch, einer Stadt, die es For­
schern etwas einfacher macht als die bislang aufgeführ-
ten. Denn Karkemisch taucht in diversen Texten inklusive
dem Alten Testament auf und wurde zudem schon im
19. Jahrhundert entdeckt. Anfang des 20. Jahrhunderts
erfolgten erste Grabungen, seit Kurzem sind wieder
Archäo­logen vor Ort.
Bislang kamen keinerlei Hinweise zu Tage, dass Suppi­
luliuma nach der Aufgabe Hattuschas dort residierte, doch

AKG IMAGES / GERARD DEGEORGE


das ist nicht verwunderlich: In der fraglichen Zeit herrsch­
te dort Talmi-Teschub, ab etwa 1200 v. Chr. dessen Sohn
Kuzi-Teschub. Siegelabdrücke bezeichnen Letzteren als
König, was auf eine Dynastie schließen lässt, und die hätte
nicht einfach das Feld für die Familie des Großkönigs ge-
Suppiluliuma II. war der letzte namentlich bekannte König, räumt. In Melid (heute Malatya) in Südostanatolien, einem
der in Hattuscha regierte. Die hier abgebildete, in luwi- weiteren regionalen Zentrum, wurden zudem Inschriften
scher Schrift und Sprache verfasste Inschrift in der Gewölbe­ entdeckt, in denen der dortige König Kuzi-Teschub als
wand berichtet von seinen Siegen auf Zypern und gegen einen seiner Vorfahren angab. Er schrieb ihm sogar den
Tarchuntassa. Titel »Großkönig, Held von Karkemisch« zu. Es scheint,
dass Kuzi-Teschub eine Nebenlinie seiner Dynastie in Melid
etabliert hatte. Wie lange sie dort regierte, ist unbekannt.
Bruder der Rivalen Muwattalli II. (regierte 1285–1272 v. Die Stadt Melid selbst wurde um 1070 v. Chr. zerstört und
Chr.) und Hattu­sili III. (regierte 1267–1237 v. Chr.). Bis erst mehr als 200 Jahre später wieder aufgebaut und
Tarchuntassa lokalisiert und ausgegraben ist, bleibt die befestigt.
Zuordnung Hartapus in die Schlussphase des hethitischen
Großreichs offenbar ein reines Gedankenspiel. Im Schatten Assyriens
Ähnlich verhält es sich mit dem späthethitischen Die nächste namentliche Erwähnung eines Herrschers von
Fürstentum Tabal. Der britische Hethitologe John David Karkemisch stammt von dem assyrischen König Tiglatpile­
Hawkins postuliert, dass ein König dieses Reichs namens ser I. (regierte 1114–1076 v.Chr.), der demnach König
Tuwati durch einen symbolischen Akt Hartapu als Vor­ Ini-Teschub von Karkemisch zur Tributzahlung verpflichte­
fahren in Anspruch nahm: Wohl im 8. Jahrhundert v. Chr. te. Danach verliert sich die Spur dieser Dynastie, bis
ließ er dessen Inschrift auf dem KIzIldag mit dem Relief Inschriften einiger Kleinfürsten im 9. Jahrhundert v. Chr.
eines thronenden Herrschers schmücken, und nannte sich über Spannungen mit einem Großkönig in Karkemisch,
Großkönig. aber auch über politische und militärische Auseinanderset­
Gegen diese Sichtweise wenden viele Experten ein, zungen mit einem Land namens Sura berichteten. Wahr­
dass die geografische Verteilung aller in Frage kommen­ scheinlich handelt es sich um eine lokale Bezeichnung für
den Inschriftenfunde eine Gleichsetzung der Gebiete von Assyrien, das sich im Lauf der Eisenzeit zur Großmacht
Tar­chuntassa und Tabal widerlegt. Letzteres kann also aufschwang und Karkemisch erst zu einem Vasallenstaat,
nicht die jüngere Bezeichnung für das Reich des Hartapu 717 v. Chr. dann zu einer assyrischen Provinz machte.
gewesen sein. Eine ganz andere Erklärung des Titels So wie sich das hethitische Großreich einst über Anato­
Großkönig formulierte vor Kurzem der Hethitologe Zsolt lien hinaus in das Gebiet des heutigen Syrien erstreckte,
Simon von der Universität München: Tabal sei der Ort finden sich auch dort Fürstentümer der Spätzeit. Zu ihnen
gewesen, wohin die hethitische Königsdynastie floh. Die gehörte Aleppo, das Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr.
hieroglyphenlu­wische Inschrift einer Silberschale, die eingegliedert worden war und zu einem bedeutenden
Simon an das Ende der späten Bronzezeit oder den Anfang Kultzentrum des im gesamten levantinischen und nordsy­
der frühen Eisenzeit datiert, erwähnt einen Herrscher rischen Raum verehrten Wettergotts avancierte. Politisch
namens Tudhaliya und nennt ihn einen »Labarna« – ein stand Aleppo in der Umbruchszeit wohl im Schatten von
primär von den hethitischen Großkönigen der Spätbronze­ Karkemisch, doch reich mit Reliefs geschmückte Stein­
zeit verwendeter Titel. Simon sieht in ihm einen Sohn platten an den Wänden des Wettergotttempels verraten,
Suppiluliumas II., in der Chronologie der Herrscher also dass dort im 11. Jahrhundert v. Chr. ein eigenständiger
Tudhaliya V. Somit durften sich die Könige Tabals als König namens Taita residierte.

42 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


In zwei mit luwischen Hieroglyphen verfassten Inschrif­ Spektrum der Wissenschaft
ten bezeichnete der sich als König von Palistin. Nach
Chefredakteur: Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Carsten Könneker M. A. (v.i.S.d.P.)
Ansicht vieler Experten sind diese identisch mit den »pele­ Redaktionsleiter: Dr. Hartwig Hanser
set« ägyptischer Texte beziehungsweise den Philistern der Redaktion: Mike Beckers, Thilo Körkel, Dr. Klaus-Dieter Linsmeier
(Koordinator Archäologie/Geschichte), Dr. Christoph Pöppe, Dr. Frank Schubert,
Bibel. Aleppo wäre demnach von diesen erobert und da- Dr. Adelheid Stahnke, E-Mail: redaktion@spektrum.de
durch dem Einfluss von Karkemisch entzogen worden. Ständige Mitarbeiter: Dr. Felicitas Mokler, Dr. Michael Springer, Dr. Gerd Trageser
Allerdings war jüngsten Ausgrabungen durch Archäolo­ Art Direction: Karsten Kramarczik
Layout: Claus Schäfer
gen der University of Toronto zufolge nicht Aleppo das
Übersetzung und weitere Mitarbeit: Luise Loges
Zentrum des Landes Palistin, sondern Kinalua, heute der Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies, Katharina Werle
Tell Tayinat am Fluss Orontes (siehe Karte S. 41). Dessen Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela Rabe
Einfluss reichte vermutlich ein gutes Stück südlich bis in Redaktionsassistenz: Barbara Kuhn

die Gegend von Hama, wo ebenfalls Inschriften gefunden Assistenz des Chefredakteurs: Lena Baunacke, Hanna Hillert
Verlag: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 48 40,
wurden, die einen palistinischen König Taita nennen; 69038 Heidelberg
Schriftanalysen zufolge handelte es sich dabei aber um Hausanschrift: Tiergartenstraße 15–17, 69121 Heidelberg, Tel. 06221 9126-600,
Fax -751; Amtsgericht Mannheim, HRB 338114
einen späteren Herrscher dieses Namens.
Redaktionsanschrift: Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg, Tel. 06221 9126-711,
Das späthethitische Fürstentum Palistin dokumentiert Fax 06221 9126-729
eine wichtige Entwicklung der dunklen Jahrhunderte: Zu Geschäftsleitung: Markus Bossle, Thomas Bleck
Herstellung: Natalie Schäfer, Tel. 06221 9126-733
den einheimischen Bevölkerungsgruppen gesellten sich
Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), Tel. 06221 9126-741,
neue. In Anatolien stammten diese wohl zumindest teil­ E-Mail: service@spektrum.de
weise aus dem ägäischen Raum, in Syrien aus dem eige­ Einzelverkauf: Anke Walter (Ltg.), Tel. 06221 9126-744
Leser- und Bestellservice: Helga Emmerich, Sabine Häusser, Ute Park,
nen Hinterland. Gemeint sind die erst in dieser Zeit in Tel. 06221 9126-743, E-Mail: service@spektrum.de
Erscheinung tretenden Aramäerstämme. Ihre Herkunft ist Vertrieb und Abonnementverwaltung: Spektrum der Wissenschaft Verlagsge-
sellschaft mbH, c/o ZENIT Pressevertrieb GmbH, Postfach 81 06 80, 70523 Stuttgart,
nicht ganz klar, wahrscheinlich waren sie Nomaden aus Tel. 0711 7252-192, Fax 0711 7252-366, E-Mail: spektrum@zenit-presse.de,
der syrischen Wüste. Die veränderten Machtverhältnisse Vertretungsberechtigter: Uwe Bronn

der beginnenden Eisenzeit erlaubten es ihnen, sesshaft zu


Die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH ist Kooperationspartner
werden und sich in Kleinstaaten zu organisieren, deren der Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation gGmbH (NaWik).
Name häufig mit der Vorsilbe »Bit« beginnt, »Haus des ...«.
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Gesprochen wurde Aramäisch, was anhand von Inschrif­ Versandkosten. Im Abonnement € 29,60 für 4 Hefte; für Studenten (gegen Studien-
ten, sowie durch Herrschernamen in assyrischen Annalen nachweis) € 25,60. Bei Versand ins Ausland werden die Mehrkosten berechnet. Alle
Preis verstehen sich inkl. Umsatzsteuer. Zahlung sofort nach Rechnungs­erhalt.
belegt ist. Doch auch im Einflussbereich der Aramäer Konto: Postbank Stuttgart, IBAN: DE52 6001 0070 0022 7067 08, BIC: PBNKDEFF
machte sich kulturelle Traditionen der luwischsprachigen Anzeigen: iq media marketing gmbh, Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH, Gesamt-
bereichsleitung: Michael Zehntmaier, Tel. 040 3280-310, Fax 0211 887 97-8550;
Gebiete bemerkbar. Anzeigenleitung: Anja Väterlein, Speersort 1, 20095 Hamburg, Tel. 040 3280-189
Beispielsweise waren die in der Stadt Sam’al (heute Druckunterlagen an: iq media marketing gmbh, Vermerk: Spektrum der Wissen-
schaft, Kasernenstraße 67, 40213 Düsseldorf, Tel. 0211 887-2387, Fax 0211 887-2686
Zincirli) entdeckten Inschriften in einer westsemitischen
Anzeigenpreise: Gültig ist die Preisliste Nr. 37 vom 1. 1. 2016.
Sprache verfasst – wahrscheinlich einem aramäischen Dia­ Gesamtherstellung: L. N. Schaffrath Druckmedien GmbH & Co. KG,
lekt –, aber ihr Erscheinungsbild erinnert stark an die Marktweg 42–50, 47608 Geldern
Artikelnachweise: Die Erforschung Trojas – ein Fazit; War Troja die Hauptstadt der
Inschriften der späthethitischen Fürsten (siehe Bild S. 39). Seevölker? SDW 12/2016 · Das Weltbild er Hethiter SDW 8/2015 · Wer saß auf
Dass sie im Hochrelief ausgearbeitet waren, statt einge­ Mykenes Thron? SDW 6/2015

ritzt zu werden, ist einzigartig unter den aramäischen


Bildnachweise: Wir haben uns bemüht, sämtliche Rechteinhaber von Abbildungen
Inschriften. Anscheinend sollten sie späthethitischen zu ermitteln. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft
geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Vorbildern ähneln. Dasselbe gilt auch für bildliche Darstel­
Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Bücher übernimmt die Redaktion
lungen. Und außer semitischen Herrschernamen wie keine Haftung; sie behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.
Hayanu trugen einige Fürsten Sam’als luwischsprachige Auslassugnen werden generell nicht kenntlich gemacht.

wie Panamuwa und Kulamuwa.


Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen bei der Spektrum
Fühlten sich diese Regenten also ebenfalls als Erben der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Jegliche Nutzung des Werks, insbeson-
dere die Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche Wiedergabe oder öffentliche
Hattuschas? Diese Frage lässt sich wie viele andere nicht Zugänglichmachung, ist ohne die vorherige schriftliche Einwilligung des Verlags
beantworten. Lediglich eine generelle Aussage zu den unzu­lässig. Jegliche unautorisierte Nutzung des Werks berechtigt den Verlag zum
Schadensersatz gegen den oder die jeweiligen Nutzer. Bei jeder autorisierten (oder
spät­hethitischen Fürstentümern ist außer Zweifel: Einige gesetzlich gestatteten) Nutzung des Werks ist die folgende Quellenangabe an
Elemente der hethitischen Kultur überdauerten den Unter­ branchenüblicher Stelle vorzunehmen: © 2016 (Autor), Spektrum der Wissenschaft
Verlagsgesellschaft mbH, Heidelberg. Jegliche Nutzung ohne die Quellenangabe in
gang des Großreichs, insbesondere die Königsideologie der vorstehenden Form berechtigt die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesell-
schaft mbH zum Schadensersatz gegen den oder die jeweiligen Nutzer. Wir haben
und die luwische Hieroglyphenschrift als Kommunikations­ uns bemüht, sämtliche Rechteinhaber von Abbildungen zu ermitteln. Sollte dem
mittel der Macht. Das Bemerkenswerte dabei ist, dass sie Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das
bran­chenübliche Honorar nachträglich gezahlt. Für unaufgefordert eingesandte
nicht nur in jenen Kleinkönigtümern weiterhin in Gebrauch Manuskripte und Bücher übernimmt die Redaktion keine Haftung; sie behält sich
vor, Leserbriefe zu kürzen. Auslassungen in Zitaten werden generell nicht kenntlich
waren, die direkt aus dem Hethiterreich der Spätbronzezeit gemacht.
hervorgingen. Auch Herrscher ohne offensichtliche dynas­
ISSN 2195-3856 ISBN 978-3-95892-060-6
tische oder ethnische Verbindung wie Taita oder die An­
führer der aramäischen Staaten bedienten sich der Aus­ SCIENTIFIC AMERICAN
1 New York Plaza, Suite 4500, New York, NY 10004-1562,
drucksformen, die jahrhundertelang die Macht hethitischer Editor in Chief: Mariette DiChristina, President: Dean Sanderson,
Großkönige symbolisiert hatten. Executive Vice President: Michael Florek

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 43


SEEVÖLKER
STURM IM WASSERGLAS
Kriegerische Stämme aus der Ägäis sollen Küstenstädte und Reiche zer-
stört haben, bis Pharao Ramses III. sie endlich stoppte. Einer kritischen
Prüfung hält sein Kriegsbericht aber nicht stand.

Jesse M. Millek studierte Archäologie des Nahen Ostens an der Universität Leiden (Niederlande). Im Rahmen
seiner Promotion am Biblisch-Archäologischen Institut der Universität Tübingen forscht er im Sonderforschungs-
bereich 1070 RessourcenKulturen zum Thema »Politischer Kollaps als Folge ökonomischen Wandels«.

 spektrum.de/artikel/1431429


Die Anfangszeilen einer Inschrift in der Nekropole tierte. Im 8. Jahr seiner Regentschaft, also um 1177 v. Chr.,
Medinet Habu könnten aus dem Drehbuch für einen sei demnach eine Allianz von Stämmen des Mittelmeer-
Hollywood-Blockbuster stammen (gekürzt): »Die raums (siehe den Beitrag S. 64) auf Raubzug gegangen
Fremdländer machten ein Bündnis auf ihren Inseln. Kein und hätte alles vernichtet, was ihr in den Weg kam: das
Land hielt vor ihren Armen stand. Hatti, Qadi, Karkemisch, Reich der Hethiter, das im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr.
Arzawa und Alaschia waren entwurzelt auf einen Schlag. eine Großmacht gewesen war, verschiedene König- und
Es wurde ein Lager aufgeschlagen innerhalb von Amurru. Fürstentümer Kleinasiens (Qadi, Karkemisch, Arzawa)
Sie vernichteten seine Leute und sein Land, als ob sie nie ebenso wie Zypern (Alaschija) und die syrische Levante­
existiert hätten. Sie kamen heran, vorwärts nach Ägypten. küste (Amurru). Schließlich, nachdem die Invasoren all
Ihr Bund bestand aus Peleset, den Tjeker, den Scheke- diese Länder überrannt hatten, machten sie sich auf den
lesch, den Denyen und den Weschesch; ihre Herzen waren Weg nach Ägypten.
zuversichtlich und vertrauensvoll: Unsere Pläne werden Ramses nannte sie »Völker von Inseln inmitten des
gelingen!« Meeres«, was der französische Ägyptologe Gaston Mas­
Der Verfasser war Ramses III., der sich der Nachwelt in pero (1846–1916) auf den Begriff Seevölker komprimierte.
seinem Totentempel als erfolgreicher Kriegsherr präsen- Das Pharaonenreich hätten sie, so der Kriegsbericht wei-
ter, von zwei Seiten aus angegriffen: mit Schiffen im
Nildelta und über Land von der Levanteküste kommend.
Einen militärischen Vorteil verschaffte den fremden Krie-
gern ein Schwert, das im Unterschied zu den in der Region
AUF EINEN BLICK üblichen sowohl als Hieb- als auch als Stichwaffe taugte.
FRIEDLICHE INVASOREN Reliefs in Medinet Habu, die eine Landschlacht darstellen,
zeigen auch Ochsenkarren mit Frauen und Kindern: Die

1  harao Ramses III. rühmte sich, eine Armee besiegt


P
zu haben, der zuvor das Hethiterreich und zahlreiche
andere Königtümer erlegen seien.
Angreifer reisten demnach mitsamt ihren Familien.
Angesichts der Spur der Verwüstung, die diese Streit-
macht hinter sich herzog, war es umso ruhmvoller, sie
vernichtend zu schlagen (Zitat gekürzt): »Sie wurden
2  a Ramses die Angreifer »Völker von Inseln inmitten
D
des Meeres« nannte, spricht man heute von See­völkern.
Inzwischen bezweifeln Experten jedoch den Wahrheits-
eingekesselt, sie wurden getötet und zu Leichenbergen
gemacht. Ihre Schiffe und ihre Güter fielen ins Wasser.«
gehalt des Kriegsberichts. Die Reliefs zeigen den Pharao und seine Männer in einer
Seeschlacht im Delta. Ihre Gegner fallen wie die Fliegen,

3  ines der von Ramses erwähnten Völker waren die


E
biblischen Philister. Ausgrabungen zeigen aber, dass
sie wohl friedlich in Kanaan einwanderten.
die Überlebenden werden zusammengetrieben, an den
Händen gefesselt und abgeführt.
Einen der besiegten Stämme nannte Ramses Peleset,
was nach Ansicht der Althistoriker den Philistern des Alten
Testaments entspricht. Der Bibel nach lebten die Erzfeinde

44 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


AKG IMAGES / JAMES MORRIS

Seinen Sieg über die Seevölker ließ Ramses III.


auch illustrieren. Dieses Relief zeigt die Peleset:
fremde Krieger mit einer Federkrone. Forscher
nehmen an, dass sich bei diesem Volk um die
biblischen Philister handelt.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 45


der Israeliten in den fünf Städten Aschkelon, Aschdod,
Ekron, Gaza und Gath, der »Philistäischen Pentapolis«. Die
Bücher der Propheten Jeremiah und Amos nennen »Kaph-
tor« als ihre Heimat, ein althebräischer Name für die Insel
Kreta, die bei den Ägyptern »Keftiu« hieß. Forscher wer-
teten dies als einen Beleg für die von Ramses III. angege-
bene Herkunft aus dem Mittelmeerraum. Auch die Archäo­
logen lieferten Indizien: Im Gebiet der Pentapolis tauchte
in den Siedlungsschichten der Zeit ein neuer Keramiktypus
auf, der große Ähnlichkeit zu Formen aus der Ägäis auf-
weist. Doch inzwischen mehren sich Zweifel am Kriegsbe-
richt. Wie andere derartigen Dokumente ägyptischer
Herrscher diente er der Propaganda und der Rechtferti-
gung. Die hatte Ramses III. wohl auch nötig, denn die
Macht der Ramessiden-Dynastie bröckelte (siehe den
Beitrag S. 64). So mag er nicht zuletzt die Bedeutung jener
Angreifer übertrieben haben, um so in einem besseren
Licht zu erscheinen.
Beispielsweise behauptete der Pharao, die Seevölker
hätten Karkemisch dem Erdboden gleichgemacht. Die
heutzutage zwischen Syrien und Türkei gelegene hethi-
tische Stadt war im 13. und Anfang des 12. Jahrhundert TEL MIQNE-EKRON EXCAVATIONS, I. SZTULMAN
v. Chr. ein wichtiges regionales Zentrum mit erheblichem
politischen Einfluss innerhalb des Großreichs. Es verwun-
dert nicht, dass Ramses III. Karkemisch für seine Liste aus-
wählte, da er damit das Bild einer geschlossenen Erobe-
rungsarmee vermittelte. Ein für das hethitische Reich so
wichtiger Ort wäre ein naheliegendes Ziel gewesen. Aller-
dings graben Archäologen dort mit Unterbrechungen seit
1878 und brachten bislang keinerlei Hinweise auf eine
Zerstörung in der fraglichen Zeit ans Licht. Mehr noch: nicht davon ab, die Stadt den Opfern der Seevölker zuzu-
Karkemisch wurde mit dem Zerfall des Großreichs um schlagen.
1180 v. Chr. zu einem eigenständigen Königreich, was Als letzte Station vor Ägypten hätte die Streitmacht der
einen Neustart aus Ruinen wohl ausschließt. Allianz Kanaan an der südlichen Levanteküste erreicht,
Auch in Troja (siehe den Beitrag S. 20) oder an der das Gebiet des heutigen Israel. Zwar erwähnte der Pharao
Levanteküste fehlen eindeutige Beweise für einen verhee- auch dieses Gebiet nicht, obwohl es Teil seines Herr-
renden Feldzug der Seevölker. Große Hafenstädte wie schaftsbereichs war und direkt daran angrenzte. Doch
Tyros oder Sidon wären einer solchen Invasion sicher zum endlich schienen die Befunde der Archäologen die gene-
Opfer gefallen. Dennoch gibt es keine archäologischen relle Aussage des Kriegsberichts zu bestätigen, denn
Funde, die darauf hindeuten, dass diese Orte am Ende der vielerorts kamen in den Siedlungsschichten der ersten
Spätbronzezeit zerstört wurden. Hälfte des 12. Jahrhunderts v. Chr. Spuren von Zerstörung
Selbst Ugarit, die Seehandelsmacht an der nördlichen sowie ein neuer Keramiktypus zu Tage: die »philistäische
Levanteküste, taugt nicht zum Zeugen. Sie wurde zwar monochrome Ware«, so genannt wegen ihrer einfarbigen
tatsächlich um 1185 v. Chr. teilweise zerstört und dann Bemalung in Rot oder in Schwarz (siehe Bild oben rechts).
verlassen. Und sein König Ammurapi hatte per Tontafel- Man hat Scherben davon in einer ganzen Reihe von Gra-
brief einen Hilferuf verschickt: »Die Schiffe der Feinde sind bungsstätten gefunden, darunter auch Aschdod, Aschke-
gekommen. Sie haben meine Städte in Brand gesetzt.« lon, Ekron und Gath – vier der fünf philistäischen Städte.
Der Münchner Archäologe Klaus Sommer postuliert aber Für Archäologen ist dies ein Indiz dafür, dass eine neue
in einer 2016 erschienenen Studie, dass Hungersnot und Bevölkerungsgruppe in das Gebiet einwanderte.
wirtschaftlicher Niedergang den Untergang Ugarits herbei- Manch ein biblischer Archäologe ließ sich zu kühnen
geführt hätten (siehe den Beitrag S. 48). Für eine Erobe- Behauptungen verleiten. Lawrence Stager von der Harvard
rung durch die Seevölker gibt es keinen Beweis. Übrigens University erklärte beispielweise Tell Dor, eine antike
listete Ramses III. den Stadtstaat, der mit Ägypten Handel Küs­tenstadt im Karmelgebirge, zum Opfer der Seevölker:
trieb, gar nicht unter deren Angriffszielen auf. Immerhin »Sie segelten die Küste entlang und landeten in Dor. Dort
lagen etwa acht Jahre zwischen der von ihm beschrie- zerstörten sie die spätbronzezeitliche Stadt.« Dabei wur-
benen Invasion und dem Untergang Ugarits. Die Angreifer den die entsprechenden Siedlungsschichten noch gar
hätten also vermutlich keine reiche Metropole angetroffen, nicht ausgegraben.
sondern eine Geisterstadt, die einen Überfall nicht lohnte. Auch David Ussishkin von der University Tel Aviv,
Das hielt die Historiker früherer Generationen allerdings leitender Archäologe in Lachisch, lehnte sich weit aus dem

46 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


TEL MIQNE-EKRON EXCAVATIONS, G. LARON
Verkohlte Feigen belegen, dass ein Lagergebäude im Statt Belege für eine Invasion fand man offenbar die
kanaanäischen Ekron Anfang des 12. Jahrhunderts v. Chr. Spuren eines friedlichen Miteinanders von einheimischer
niederbrannte (links). Doch für eine Eroberung durch die Bevölkerung und Migranten.
Philister fehlen weitere Belege, zumal sich deren Keramik Das Gleiche gilt für Gath, das moderne Tell es-Safi, und
(oben) erst in Jahrzehnte jüngeren Schichten findet. für Ekron. Dabei schien Letzteres ein sicherer Kandidat:
Ein Vorratsraum voller eingestürztem Mauerwerk und
verkohlten Feigen (siehe Bild links) galt den Ausgräbern
Fenster mit der These, diese bedeutende Siedlung unweit als Beweis, dass die damalige kanaanitische Stadt am
der Philistäischen Pentapolis sei von den Seevölkern Ende der späten Bronzezeit zumindest teilweise in Flam-
verwüstet und seine Bevölkerung umgebracht oder vertrie- men aufging. Doch das Gebäude blieb der einzige Hinweis
ben worden, woraufhin sich die Eroberer in der Küsten­ auf die vermeintliche Brandkatastrophe. In den Jahren
ebene angesiedelt hätten. Zwar kam bei Grabungen eine danach gründeten Kanaanäer in den Ruinen ein kleines
Zerstörungsschicht zum Vorschein, doch wird sie auf etwa Dorf, das 25 Jahre später rasant um ein Vielfaches wuchs.
1130 v. Chr. datiert. Die Katastrophe ereilte Lachisch also Zwar findet sich nun philistäische Keramik in großer
gut 50 Jahre nach dem angeblichen Seevölkersturm. Menge, aber wieder mangelt es an Belegen für Kriegs-
Zudem hat man in der Schicht weder Pfeilspitzen noch handlungen, vielmehr dürften Einheimische und Fremde
sonstige Indizien für Kriegshandlungen entdeckt. Ebenso auch hier in Koexistenz gelebt haben. Schlussendlich ging
wenig kamen Scherben der erwähnten oder anderer Aschdod im 12. Jahrhundert v. Chr. teilweise in Flammen
fremder Keramik in den folgenden Schichten zum Vor- auf, allerdings kennt niemand den Grund, Beweise für
schein, im Gegenteil: Der Ort blieb für etwa drei Jahrhun- einen Überfall gibt es nicht.
derte menschenleer. Wer oder was die Vernichtung der War der Seevölkersturm also reine Propaganda des
Stadt ausgelöst hat, ist bis heute nicht klar, die Seevölker Pharaos? Heutige Verschwörungstheoretiker würden
waren es wohl nicht. dergleichen unterstellen, doch das wäre sicher falsch.
Bis auf Gaza erforschen Archäologen die Städte der Denn das Fehlen von Beweisen für ein historisches Ereig-
Philistäischen Pentapolis seit Langem gründlich und nis ist kein Beweis dafür, dass es gar nicht stattgefunden
systematisch. Bis vor Kurzem galt ihre Eroberung und hat. In Ägypten wie in Kanaan kann es zu Gefechten
Neubesiedlung durch die Peleset, sprich Philister, als gekommen sein, dann aber meist auf freiem Feld, wie es
gesichert, doch inzwischen steht auch das in Frage. auch die Reliefs in Medinet Habu darstellen. Ein archäo­
So waren Ausgräber schon in den 1920er Jahren in logischer Nachweis offener Feldschlachten lässt sich aber
Aschkelon auf eine Ascheschicht aus der späten Bronze- kaum führen: Die Gefallenen wären entweder bestattet
zeit gestoßen, doch neuere Grabungen ergaben keine oder von Aasfressern verzehrt, ihre Waffen und Rüstungen
weiteren Indizien für eine Zerstörung der Stadt. Offenbar eingesammelt und wiederverwertet worden.
war nur ein kleiner Teil einem Brand zum Opfer gefallen. Recht wahrscheinlich ist wohl nur, dass zumindest die
Insbesondere Keramikfunde sprechen zudem dafür, dass Philister weit besser waren als ihr biblischer Ruf. Den
Aschkelon verlassen und dann von einheimischen Kanaa- Bewohnern der Levante brachten sie nicht Tod und Verder-
näern und Philistern gleichzeitig wiederbesiedelt wurde. ben – sondern eine neue Art von Geschirr.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 47


LEVANTE
WELTHANDEL IN DER KRISE
Ob Rohstoffe oder Luxusgüter – im Hafen von Ugarit wurde alles verla-
den, was in der Bronzezeit wichtig und kostbar war. Riss der Niedergang
des Fernhandels das kleine Reich um 1200 v. Chr. mit ins Verderben?

Der Volkswirt und Vorderasiatische Archäologe Klaus Georg Sommer promovierte


an der Ludwig-Maximilians-Universität München über den Untergang Ugarits.

 spektrum.de/artikel/1431431


Eine weitläufige Bucht zum Ankern und breite Sand- Wie bedeutsam die Seefahrt in der Bronzezeit bereits
strände, um Schiffe an Land zu ziehen, dies alles nur war, belegt die große Flotte Ugarits von etwa 150 Schiffen
zwei Kilometer von der Hauptstadt entfernt – die ebenso wie die Wracks von Uluburun und Gelidonya auf
Gegebenheiten waren günstig für den Seehandel. Doch dem Meeresboden vor der Südküste Anatoliens (siehe
Ugarit mit seinen Häfen – in der heutigen syrischen Pro- Karte S. 10/11). Diese sanken um 1330 v. Chr. beziehungs-
vinz Latakia gelegen – bot nicht nur sicheren Zugang zum weise um 1200 v. Chr., also im Abstand von mehr als
Meer. Dort kreuzten sich auch die wichtigen Landwege 100 Jahren. Das spricht dafür, dass die Route über längere
der Handelskarawanen zwischen Ägypten und dem Hethi- Zeiträume regelmäßig befahren wurde. Beide Schiffe
terreich, zwischen der Ägäisküste und dem Zweistromland waren ihrer Ladung nach zu urteilen vermutlich gen Wes­
beziehungsweise weiter nach Osten bis zu den Zinnvor- ten unterwegs, wollten also entlang der kleinasiatischen
kommen im heutigen Usbekistan. Gen Süden bewegte Küste Richtung Ägäis fahren, vielleicht auch weiter zum
man sich küstennah, etwa im Flusstal des Orontes. Pässe Adriatischen und Schwarzen Meer.
gewährten Zugang nach Norden, andere gen Osten. Sie hatten die Zutaten der Bronze geladen: Der vor
Kurzum: Die geografischen Bedingungen Ugarits waren Uluburun gesunkene Segler beförderte zehn Tonnen
ideal für den Fernhandel. Dort wechselten die Waren vom Kupfer und eine Tonne Zinn im richtigen Verhältnis zur
Landtransport auf das Wasser und umgekehrt. Bronzeherstellung. Es wäre gut möglich, dass er seine
Ladung in Ugarit an Bord genommen hatte. Das Kupfer an
Bord stammte aus Zypern, dem damals wichtigsten Liefe-
ranten für diesen Rohstoff, der nur eine Tagesfahrt von
AUF EINEN BLICK Ugarit entfernt lag. Zur Fracht gehörten zudem Glas,
ROTTERDAM DER BRONZEZEIT kostbares Harz, Elfenbeinobjekte, Siegel, Kultgegenstände
und Keramikgefäße, in denen laut chemischen Analysen

1  as Kleinkönigreich Ugarit an der heutigen syrischen


D pflanzliche Produkte transportiert wurden. Auch das Schiff
Küste entwickelte sich dank seiner Lage zu einem von Gelidonya war ganz ähnlich beladen mit dem Schwer-
Knotenpunkt des bronzezeitlichen Fernhandels. punkt Kupfer und Zinn. Gehandelt wurde aber noch weit
mehr. Verwaltungstexte aus Ugarit listen gefärbte Wolle

2  twa 20 Prozent der Bevölkerung lebten in den Häfen


E
und in der Hauptstadt Ras Shamra. Sie waren über­
wiegend in den Handel involviert, während die Bewoh-
auf, Kleidung, Gewürze wie Kreuzkümmel und Thymian
sowie einen vor Ort gewonnenen grünen Stein.
Vermutlich kontrollierte dieses Rotterdam der Bronze-
ner des Umlands vor allem Nahrung produzierten. zeit ein Gebiet von etwa 2500 Quadratkilometern, was der
Größe des heutigen Luxemburg vergleichbar wäre. Ex­
3  ieses System florierte über Jahrhunderte, bis es um
D
1200 v. Chr. schlagartig zusammenbrach. Eine lang
anhaltende Dürreperiode gilt heute als wahrschein-
perten schätzen seine Einwohnerzahl auf 33 000 bis 49 500
Menschen. Trotz des Wohlstands, der sich auch in einer
lichste Ursache. monumentalen Architektur Ras Shamras und einem geho-
benen Lebensstandard der Elite äußerte, unterhielt Ugarit
schon wegen seiner relativ geringen Einwohnerzahl kein

48 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Die mykenische Elfenbeinschnitzerei von der Levanteküste zeigt:
Das kleine Königtum Ugarit war mit den großen Reichen seiner
Zeit eng verbunden. Vermutlich bedeckte die Darstellung einer Göttin,
die Ziegen füttert, einst einen Schmuckkasten.
AKG IMAGES / ERICH LESSING

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 49


großes Heer. Schutz bot bis etwa 1350 v. Chr. das ägyp- Dabei setzte die Topografie dem Anbau des Hauptnah-
tische und danach das hethitische Reich. Letzteres profi- rungsmittels Getreide Grenzen. Denn obwohl auf den
tierte gleich mehrfach: Ugarit verhinderte, dass die Assy- fruchtbaren Küstenstreifen Ugarits mehr Regen fiel als
rer eine Basis am Mittelmeer errichten konnten, und stellte andernorts, lagen doch zwei Drittel des Landes im kargen
den Hethitern überdies Schiffe zum Transport von Waren Gebirge. Berechnungen möglicher Erntemengen zufolge
oder Soldaten zur Verfügung. musste Ugarit schon in normalen Erntejahren etwa ein
Für seine Wirtschaft und für das Wohlergehen seiner Viertel des eigenen jährlichen Bedarfs importieren.
Bewohner war der Hafen von zentraler Bedeutung. Handel Düngung im heutigen Sinn kannte man nicht. Im anato-
und Schifffahrt brachten es mit sich, dass Verwaltung, lischen Hochland wurden Felder bewässert und Getreide
Handwerk und Dienstleistungen für jene Zeit ungewöhn- mit tief in den Boden eingelassenen Speichergruben auf
lich viele Personen beschäftigten. In Ugarit fand man Vorrat gehalten, doch in der Küstenebene sah man offen-
Segelmacher und Schiffbauer, Matrosen und Begleiter für bar keine Notwendigkeit für solche Maßnahmen. Vielmehr
Karawanen, zudem Schreiber und Übersetzer, die acht war der Import von Getreide aus der nördlich gelegenen
Sprachen beherrschten. Allein aus Schrifttafeln des Ar­ fruchtbaren Orontesebene die einfachere Lösung.
chivs des Königspalasts kennen wir nicht weniger als
29 Berufe. Funde in Nachbarstaaten erweitern diese Liste Andauernde Trockenheit war nicht eingeplant
noch erheblich. Auch der Fischfang trug zur Grundversor- Einem Land in der Bronzezeit stellte diese Wirtschafts-
gung bei, erforderte aber ebenfalls Boote und Fanggerät. und Gesellschaftsstruktur mit ihrem hohen Anteil von
Der Handel benötigte sichere Wege und Versorgungssta­ nicht landwirtschaftlich Beschäftigten sicherlich unge-
tionen, die in Stand gehalten werden mussten. Schließlich wohnte Anforderungen. Doch offenbar hatten Ugarits
dürfte auch die lukrative Forstwirtschaft sehr personal­ Einwohner gelernt, diese zu meistern. Wie also ist es zu
intensiv gewesen sein: Holz aus den nahen Bergen war erklären, dass die gut organisierte, wohlhabende Handels-
Rohstoff und Exportgut. metropole trotzdem um 1190 v. Chr. innerhalb kurzer Zeit
Dennoch bildeten Ackerbau und Viehzucht die Wirt- unterging?
schaftsgrundlage. Aber während Schätzungen für die Der Schlüssel zur Beantwortung lässt sich bereits in
Bronzezeit von normalerweise etwa 90 Prozent der Bevöl- den 1968 von dem französischen Archäologen Claude
kerung in der Landwirtschaft ausgehen, dürften es in Schaeffer (1898–1982) publizierten Grabungsberichten
Ugarit nur gut 80 Prozent gewesen sein. Allein der Palast nachlesen. Schaeffer schrieb, dass sich in der Hauptstadt
von Ras Shamra beschäftigte direkt oder durch Aufträge eine Periode extremer Hitze und Trockenheit in der letzten
etwa 4000 Menschen – mehr als die Hälfte aller Erwach­ spätbronzezeitlichen Schicht nachweisen lässt. Dieses
senen in der Stadt. Wer nicht selbst ein Feld bestellte, lange unbeachtete Ergebnis bestätigen inzwischen zahl-
musste aber von den Bauern mitversorgt werden. Hinzu reiche neuere Projekte mit Bodenuntersuchungen und
kamen noch die Fremden, also Karawanenführer, Händler, Pollenanalysen im östlichen Mittelmeerraum, etwa vom
Seeleute und Diplomaten. See Genezareth oder vom antiken Gibala, dem südlichsten

Ugarit bot vielen Menschen ein gutes Auskommen,


und manch einer gelangte sogar zu Wohlstand,
wie dieses elfen­beinerne Gefäß aus Ras Schamra
illustriert. Es diente einer gut betuchten Dame im
14. Jahrhundert v. Chr. wohl als Kosmetikbehälter.
AKG IMAGES / ERICH LESSING

50 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


»Ochsenhautbarren« nennen
Archäologen die Form, in der
Kupfer – ein zentraler Rohstoff
der Bronzezeit – in den Fern-
handel gespeist wurde. Diese
Standardisierung macht

BPK / THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM


deutlich, wie organisiert und
vernetzt der Warenverkehr in
jener Zeit gewesen sein muss.

Hafen Ugarits. Hinzu kommen 46 Texte aus verschiedenen Klimaverschlechterung konnte bislang als Erklärung für
Städten, von Hattuscha in Anatolien bis Aphek nahe dem den raschen Niedergang überzeugen, denn für andere
heutigen Tel Aviv, in denen von Hungersnöten die Rede ist. Phänomene gibt es entweder überhaupt keine eindeutigen
Von den letzten Herrschern Ugarits flehten Ammittamru II. Belege oder es lässt sich kein Zusammenhang zum Sied-
und Ammurapi den ägyptischen Pharao um Getreideliefe- lungsende nachweisen.
rungen an. »Es geht um Leben und Tod«, warnte auch ein Die Trockenheit am Ende der Spätbronzezeit reihte sich
Schreiben aus Emar, einem Stadtstaat und Handelsplatz in eine Abfolge ähnlicher Ereignisse im östlichen Mittel-
am mittleren Euphrat, gefunden im Haus eines reichen meer ein. Die Region einschließlich Ugarit hatte bereits
Kaufmanns in Ras Shamra. gut 800 Jahre zuvor eine massive Dürreperiode erlebt.
Die offenbar großräumige Dürre traf die Region gleich Danach war das Land wieder aufgeblüht und zu einem der
mehrfach. Die Karawanenwege verliefen nun durch was- wichtigsten Handelszentren des zweiten vorchristlichen
serloses, verdorrtes Gebiet. Außerdem konnten Fernhänd- Jahrtausends geworden.
ler und ihr Personal nicht mehr ausreichend mit Nahrung Doch diesmal sollte sich Ugarit nicht wieder erholen.
versorgt werden. Der Warenfluss kam zum Erliegen, Ugarit Schlagartig verstummten die Aufzeichnungen des Palasts
verlor seine Haupteinnahmequelle und die Menschen Lohn um 1190 v. Chr. Möglicherweise verblieb ein kleiner Teil
und Brot. Die eigenen Ernteerträge schrumpften, während der Bauern in ihren Dörfern und Gehöften – befreit von der
gleichzeitig die Getreideimporte zusammenbrachen, weil Last, Dritte zu versorgen, mochten sie mit dem überleben,
es den Nachbarstaaten genauso erging. Mit solchen Eng- was sie dem trockenen Boden abrangen. Die Stadt aber
pässen zu leben, war in Ugarit nicht eingeübt. Das Ver­ wurde von ihren Bewohnern verlassen, deren Spur sich im
trauen der Bevölkerung zum Palast und dem Herrscher Dunkel der Vergangenheit verliert. Ugarits Untergang
wurde zwangsläufig beschädigt, erwiesen sich die Eliten verlief leise und dadurch umso eindringlicher. Gegen den
doch offenbar als unfähig, das Übel abzuwehren. unsichtbaren Feind Klima gab es keinen erfolgreichen
In den letzten Jahrzehnten erwogen Forscher noch Widerstand, man floh oder starb. Das einst blühende Land
etliche weitere mögliche Ursachen des Niedergangs. blieb für Jahrhunderte unbewohnt.
Hatten gewaltige Erdbeben die Region getroffen? Wurde
der Kleinstaat durch neuartige Waffen bedroht, während
gleichzeitig die Schutzmacht Hattuscha an militärischer QUELLEN
Stärke verlor? War Ugarit von den Seevölkern überrannt Cline, E. H.: 1177 v. Chr. Der erste Untergang der Zivilisation. Konrad
worden? Die Archäologen haben allerdings außer wenigen Theiss, Darmstadt 2015
Bronzespeerspitzen nichts in den Straßen Ras Shamras Knapp, A., Manning, S.: Crisis in Context: The End of the Late
gefunden, was auf Krieg und Gewalt schließen lässt – Bronze Age in the Eastern Mediterranean. In: American Journal of
auch keine menschlichen Opfer. Und die wenigen Speer- Aechaeology 1, S. 99–146, Januar 2016
spitzen könnten auch von Jagdwaffen der Elite stammen. Langgut, D. et al: Climate and the Late Bronze Collapse: New Evi-
Bislang wurde in keinem hethitischen Archiv eine Notiz dence from the Southern Levant. In: Tel Aviv: Journal of the Institute
entdeckt, wonach die ugaritische Herrscherfamilie am Hof of Archaeology of Tel Aviv University 2, S. 149–175, Oktober 2013
der Schutzmacht aufgenommen wurde. Ebenso wenig Sommer, K. G.: Der 21. Januar 1192 v. Chr.: Der Untergang Ugarits?
berichten Schriftquellen über die Ankunft ugaritischer Münchner Studien zur Alten Welt 14. Herbert Utz, München 2016
Fachleute in den Nachbarstaaten. Auch sind keine Mythen Yalcin, Ü. et al. (Hg.): Das Schiff von Uluburun. Welthandel vor
der Region überliefert, die Vertreibung, Flucht und Sterben 3000 Jahren. Katalog zur Ausstellung vom 15.7. 2005 bis 16.7. 2006.
nach heldenhafter Gegenwehr thematisieren. Lediglich die Deutsches Bergbau-Museum, Bochum 2005

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 51


Wenn es den Menschen gut geht,
haben auch die Götter ihr Auskom­
men, das scheint diese Bronzeskulp­
tur aus dem 12. bis 11. Jahrhundert
v. Chr. auszudrücken. Als Hauptlie­
ferant für Kupfer genossen viele
Einwohner Zyperns einigen Wohl­
stand. Enkomi, der Fundort, war
eine der wichtigsten Städte der
Insel. Stilistisch erinnert die Plastik
an altorientalische und ägyptische
Vorbilder.

AKG IMAGES / ERICH LESSING

52 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


ZYPERN
INSEL DES KUPFERS
Das Königreich Alaschija – das heutige Zypern – war der wichtigste
Kupferexporteur der späten Bronzezeit und als solcher den mächtigen
Reichen Anatoliens, Ägyptens und Mesopotamiens ebenbürtig.

Die Archäologin Ekin Kozal ist Expertin für die Bronzezeit Anatoliens, Zyperns und
des Ostmittelmeerraums. Sie lehrt an der Universität Canakkale (Türkei).

 spektrum.de/artikel/1431432


Alaschija hieß das Land, aus dem die Großmächte der Hinzu kommt, dass das Troodos-Gebirge im Süden der
späten Bronzezeit einen essenziellen Rohstoff bezo­ Insel (siehe Karte S. 10/11) so reich an Kupfervorkommen
gen: Kupfer, den Hauptbestandteil der Bronze. Im ist, dass ihr moderner Name vom lateinischen »Cuprum«
Verhältnis von neun zu eins mit dem aus Zentralasien abgeleitet wurde. Den letzten Beweis lieferten schließlich
importierten Zinn legiert, bildete Bronze die Basis für chemische, mineralogische und massenspektrometrische
Werkzeuge, militärische Ausrüstung und allerlei Kunst­ Untersuchungen des Tons einiger im ägyptischen Tell
handwerk. Dementsprechend mächtig war dieses Alaschi­ el-Amarna gefundener Briefe aus Alaschija. Der Schrift­
ja offenbar, durfte sein König es doch wagen, sowohl den träger stammt wahrscheinlich entweder von der Südküste
Pharao Ägyptens als auch den hethitischen Großkönig in Zyperns oder von den Südhängen des Troodos. Irgendwo
seinen Briefen als »Bruder« anzusprechen – nach den dort lag wohl die Hauptstadt des Inselreichs.
damaligen diplomatischen Gepflogenheiten Ausdruck Alaschija taucht in den Texten mal als Name eines
dafür, dass man auf Augenhöhe kommunizierte. Staats, mal als der einer Stadt auf. Ob er jedoch ursprüng­
Die früheste Erwähnung Alaschijas findet sich auf einer lich die Bezeichnung für die Insel war und auf das aufblü­
Tontafel aus der Zeitspanne von 1950 und 1780 v. Chr. in
der zentralanatolischen Stadt Kanesch (heute Kültepe).
Dort lebten Kaufleute aus Assur, die den Fernhandel mit
anatolischen Gütern organisierten. Der Text erzählt von AUF EINEN BLICK
dem legendären König Sargon von Akkads (zirka 2300 ERZGEBIRGE IM MITTELMEER
v. Chr.), er habe die Köpfe von Untertanen mit Tüchern aus

1
Alaschijas bedecken lassen. Offenbar war es also zunächst  ie Kupfervorkommen des zyprischen Troodos-
D
für Textilien bekannt. Doch schon in Urkunden des 18. und Massivs wurden ab 1600 v. Chr. intensiv ausge­beutet.
17. Jahrhunderts v. Chr. aus Mari und Babylon, zwei gro­ Über den Export des Metalls hinaus entwickelte sich
ßen mesopotamischen Städten am Euphrat, erwähnten es die Insel zu einer Drehscheibe des Handels.
im Zusammenhang mit dem Rohstoff Kupfer.
Etliche in Keilschrift auf Tontafeln verfasste Briefe
belegen eine intensive Korrespondenz zwischen den 2 Im Zuge dieser wirtschaftlichen Entwicklung wuchs
die Bevölkerung. Neue Siedlungen wurden gegründet,
oft spezialisiert auf die Produktion bestimmter Waren
Mächtigen der Bronzezeit ab dem 15. Jahrhundert v. Chr.
Sie kamen in diversen Archiven zu Tage, von Beamten oder den Handel damit.
sorgfältig aufbewahrt. Das Keilschriftarchiv von Alaschija
selbst ist indes noch unentdeckt. Gleichwohl sind sich
Forscher inzwischen über die Koordinaten dieses mäch­
3  war entstand eine eigene Schrift auf Zypern, doch ist
Z
sie nicht entziffert. Forscher identifizieren die Insel
aber mit dem in hethitischen, ägyptischen und ugari­
tigen Lands einig. Es sei »mitten im Meer gelegen«, eine tischen Texten erwähnten Reich Alaschija.
Insel also. Richtungsangaben in den Schriftstücken liefer­
ten weitere Hinweise, die auf das heutige Zypern deuten.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 53


hende Reich übertragen wurde oder umge­
kehrt der Name eines Stadtstaats unter meh­
reren, der schließlich alle anderen
beherrschte, lässt sich bislang nicht angeben.
Denn der Königssitz wurde noch nicht entdeckt.
Dabei hat die Archäologie auf der Insel eine lange
Geschichte. Bereits im späten 19. Jahrhundert, während
Heinrich Schliemann nach Troja suchte und Arthur Evans
Kreta erforschte, führte der amerikanische Diplomat und
Hobbyarchäologe Luigi Palma di Cesnola erste Ausgra­
bungen auf Zypern durch.
Die Landschaft wird von zwei Gebirgen geprägt, der
Kyrenia-Bergkette und dem Troodos-Massiv, der frucht­
baren Mesaoria-Ebene dazwischen, einer Halbinsel und
kleineren Küstenebenen. In dieser Topografie suchen
insbesondere britische und nach dem Zweiten Weltkrieg
auch zypriotische Archäologen die Spuren von Alaschija.
Bis heute graben verschiedene Missionen mit internatio­
naler Beteiligung, besonders auf der Südhälfte der Insel.
Nur ein Teil der Fundorte ist bereits gründlich erforscht.
Viele dieser Siedlungen waren offenbar nur kurz bewohnt,
denn statt auf Ruinen neue Häuser zu bauen, wie im Alten
Orient und an der Levanteküste üblich, gründete man Der »Gott auf
nahebei eine neue Siedlung. dem Barren«
Schon lange vor der späten Bronzezeit war Zypern den wurde 1963 im
Grabungsergebnissen zufolge in den internationalen Heiligtum von
Seehandel integriert. Im so genannten Akeramischen Enkomi ausge­
Neolithikum (etwa 9000–7000 v. Chr.) importierte man graben. Der
Obsidian aus Anatolien und Nutztiere aus der nördlichen Ochsenhautbar­
Levante. Schon in der mittleren Bronzezeit (etwa 1900– ren unter der
1600 v. Chr.) betrieb man Tauschhandel mit dem weit Figur hebt die
entfernten Ägypten und der Südlevante, wie zyprische Bedeutung des
Keramik in großer Zahl dort nahelegt. Kupferbergbaus
für Zypern
Ein Standardbarren für den Fernhandel hervor. Die 35
Um 1600 v. Chr., zu Beginn der späten Bronzezeit im Zentimeter hohe
östlichen Mittelmeerraum, wurde der Kupferabbau intensi­ Skulptur ent­
viert, und Zypern entwickelte sich bald zum Exportmeister stand um 1200
für das begehrte Metall. Das im Gebirge abgebaute Erz v. Chr.
wurde verhüttet und das Metall in standardisierte Barren
AKG IMAGES / DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY / G. DAGLI ORTI

von 25 bis 28 Kilogramm Gewicht gegossen. Weil sie


einer abgezogenen Rinderhaut ähnelten, sprechen For­
scher von Ochsenhautbarren. Diese gelangten mit Han­
delsschiffen entlang der Küsten nach Ägypten und Rich­
tung Norden bis in die Ägäis. Zyprische Kupferbarren
entdeckten Archäologen aber beispielsweise auch in
Bulgarien und auf Sardinien.
Bereits am Übergang zur späten Bronzezeit zeigte
dieser Handel Wirkung. Dörfer wuchsen nicht nur heran,
sie spezialisierten sich auch. Lagerstättennahe Siedlungen
organisierten den Bergbau und die Verhüttung des Kup­
fers sowie dessen Transport zu den Küstenstädten. Dort
erfolgte die Verschiffung. Andere Siedlungen produzierten
vor allem Keramik. In ihren Werkstätten entstanden zwi­
schen 1600 und 1400 v. Chr. noch regional unterschied­
liche Waren, während zwischen 1400 und 1200 v. Chr. eine
inselweite Standardisierung stattfand, die wohl Folge einer
zentralen Regierung war. Da Forscher die Spezialisierung
von Handwerkern und Händlern als ein Merkmal städ­

54 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


tischen Lebens werten, gilt die Zeit um 1600 v. Chr. als
erste Phase der Urbanisierung auf Zypern. Allerdings ging
dieser Aufbruch auch mit exzessiver Gewalt einher: Zer­
störungsschichten in den Siedlungen und Massengräber
bezeugen blutige Konflikte.
Konkurrierten verschiedene Gruppen um den nun
aufblühenden Kupferhandel? Oder gab es Widerstände
gegen die neue Herrscherschicht, die vermutlich in dieser
Zeit die Macht übernommen hatte? Zum jetzigen Zeitpunkt
lässt sich dies nicht entscheiden. Auffällig ist aber, dass
einige Siedlungen in dieser Phase befestigt wurden – bei­

BPK / MUSÉE DU LOUVRE, DIST. RMN - GRAND PALAIS / MICHEL URTADO


spielsweise die an der Landroute zwischen dem Troodos-
Gebirge und Enkomi an der Ostküste der Insel. Es scheint,
als wollte man den Transport des Kupfers aus den Bergen
zu der Hafenstadt absichern.

Holz für den Pharao


Fest in den Fernhandel im Mittelmeerraum eingebunden,
stieg Zyperns politisches Gewicht offenbar enorm: Wäh­
rend Pharao Thutmosis III. (regierte Anfang des 15. Jahr­
hunderts v. Chr.) Alaschija noch unter den tributpflichtigen
Ländern auflistete, galt es schon seinen Nachfolgern als
gleichberechtigter Handelspartner. In Briefen aus der Zeit
Echnatons (Amenhotep IV., regierte Mitte des 14. Jahrhun­
derts v. Chr.) bot der Inselstaat im Tausch gegen Silber,
Pferde und Luxusgüter neben Kupfer auch Holz und
Schiffe an – Zypern besaß damals einen reichen Baumbe­
stand, insbesondere an Zypressen, Pinien und Eichen. Der
war auch notwendig, denn die Metallindustrie verschlang
Unmengen an Brennmaterial.
An das Hethiterreich lieferte die Insel zwischen dem
15. und 13. Jahrhundert v. Chr. Kupfer, Bronze, Gold,
Pferde und eine bislang nicht identifizierte Ware namens
»Gayatum«. Die Gegenleistung erwähnt die entsprechende
Korrespondenz leider nicht. Trägt diese Tontafel Beschwörungsformeln oder medizinische
Ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. war Zypern zudem eine Rezepte? Bis heute vermag niemand die zyprominoischen
Drehscheibe für den Handel mit mykenischer Keramik. Schriftzeichen zu lesen. Diese ebenfalls in Enkomi entdeckte
Eine besondere Form mykenischer Gefäße zielte sogar Tafel weist aber eine Anordnung des Textes in Zeilen auf.
speziell auf den zyprischen und ugaritischen Markt. An­
ders als die übliche mykenische Ware war sie nicht nur mit
geometrischen Mustern bemalt, sondern auch mit figür­ heiten, etwa charakteristische grammatikalische Fehler
lichen Motiven, zumeist Streitwagenprozessionen. deuten darauf hin, dass die Schreiber von der Insel
Auch auf der Insel selbst hergestellte Gefäße finden stammten und dort auch ausgebildet worden waren.
sich im gesamten Mittelmeerraum. Allerdings vermuten Vermutlich gab es auch auf Zypern ein Tontafelarchiv, es
viele Archäologen, dass diese wohl meist Behälter für die sei denn, die Verwaltungsbeamten Alaschijas pflegten
eigentlichen Waren darstellten. Lange galt Zypern auch als Briefe nicht auf diese Art zu archivieren.
Produzent der dort vielerorts ausgegrabenen »Red Lus­ Bislang aber entdeckten Archäologen auf Zypern selbst
trous Wheel-made Ware«, einer hochwertigen Keramik mit nur Inschriften in der noch nicht entzifferten zypromino­
poliertem roten Überzug. Doch vermutlich stammt sie aus ischen Schrift auf Metallobjekten wie Bronze- und Silber­
Kilikien und wurde von dort außer nach Zypern in die schalen, auf Gegenständen aus Ton (siehe Bild oben),
Levante und nach Ägypten gehandelt. Ihr Formenreper­ Elfenbein und Stein. Die Entwicklung eines eigenen Zei­
toire entsprach demjenigen zentral- und südanatolischer chensystems unterstreicht die politische Bedeutung Ala­
Waren und umfasste Schalen, Schüsseln, Töpfe, Flaschen schijas. Auf Grund ihrer äußerlichen Ähnlichkeit zum
und armförmige Gefäßen. Linear A Kretas sah der britische Archäologe Arthur Evans
Die in Ägypten, Hattuscha, Ugarit und an anderen darin einen Abkömmling der minoischen Schrift, doch
Orten entdeckten Tontafeln zeigen, dass der zyprische zeigen neuere Studien, dass beide Systeme unabhängig
Herrscher beziehungsweise seine Beamten sowohl die voneinander entstanden. Es gibt auch keinerlei archäolo­
Keilschrift als auch Akkadisch beherrschten, damals die gische Hinweise auf einen kulturellen Einfluss Kretas auf
Schrift und die Sprache der Diplomatie. Einige Besonder­ Zypern zur Zeit der Schriftentstehung.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 55


Auf der Insel fanden sich solche Texte hauptsächlich in einzige Sprache verwendet wurde. Die Hoffnung ist, eines
den großen urbanen Siedlungen, die meisten in Enkomi. Tages doch noch einen »Stein von Rosetta« zu finden, also
Auch in Ugarit im heutigen Syrien kamen etliche derartige einen mindestens zweisprachigen Text, der den Schlüs-
Inschriften zu Tage. Vermutlich war die Küstenstadt ein sel zur Entzifferung liefert. Ein solcher Fund tauchte für die
Umschlaghafen für zyprische Waren – die Inschriften ägyptische Sprache in Tell el-Amarna auf: Anhand der
waren wohl Verwaltungsbelege. zweisprachigen Tontafel sollten ägyptische Schreiber die
Insgesamt kennt man 243 davon, wobei der Großteil akkadischen Keilschriftzeichen lernen. Als man das Archiv
weniger als zehn Zeichen umfasst. Die wurden in den dort entdeckte, waren freilich die ägyptische wie die akka-
Träger eingedrückt oder -geritzt, manche aufgemalt. dische Schrift bereits entziffert, doch ein entsprechender
Ferner versah man zahlreiche Objekte mit Einzelzeichen, Lerntext in einem zyprischen Keilschriftarchiv könnte den
die Forscher oft fälschlicherweise für Töpfermarken Schlüssel zur zyprominoischen Schrift liefern.
hielten. Heute gilt es als wahrscheinlicher, dass es sich Das Inselreich gedieh, Siedlungen wurden erweitert
dabei um Mengenzeichen handelt. Laut einigen Forschern oder entstanden neu. Dies gilt zunächst nur für die Süd­
diente diese Schrift der Wiedergabe unterschiedlicher küste, denn auf Grund der politischen Probleme an der
Sprachen, während andere glauben, dass sie nur für eine Nordküste ruht dort die archäologische Erforschung seit

Kesselwagen nennen Archäologen


solche kunstvollen Fahrzeuge, die
einst Kultgefäße trugen. In der
Bronzezeit symbolisierten sie die
Zugehörigkeit zur Oberschicht.
Das Dekor zeigt meist Tiere und
Fabelwesen, Krieger und Gott­
heiten. Dieses an unbekanntem
Ort auf Zypern ausgegrabene
Stück dürfte aus dem 13. oder
12. Jahrhundert v. Chr. stammen.

THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM

56 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


40 Jahren. Das schon erwähnte Enkomi an der Ostküste sprosse von 41 Damhirschen weisen darauf hin. Die Nähe
zählte zu den wichtigsten Zentren und war vom Beginn bis zu den Kupferlagerstätten ist sicher kein Zufall. Das zeigt
zum Ende der Spätbronzezeit besiedelt. Zwischen etwa auch eine bronzene Statuette aus Enkomi, die einen gött­
1400 und 1200 v. Chr. wurde die Siedlung in ein Rastersys­ lichen Krieger auf einem Ochsenhautbarren stehend dar­
tem mit rechtwinklig angelegten Strassen umgebaut und stellt (siehe Bild S. 54). Die Bedeutung der Kupferproduk­
durch eine massive Mauer befestigt. Das größte Gebäude tion für Alaschija bildete sich also ebenfalls in Mythos und
in dieser Phase war mit 30 mal 30 Metern das »Ashlar Kult ab.
building«. Ashlar bezeichnet die behauenen Quadersteine, Möglicherweise stand die Insel zeitweilig unter Kontrol­
aus denen es besteht, eine Innovation zu dieser Zeit. Zuvor le der Hethiter. Ein Text aus deren Hauptstadt Hattuscha
hatte man mit unbearbeiteten Steinen gearbeitet. Die aus dem 14. Jahrhundert enthält die Warnung des Großkö­
Ashlar waren Zeichen für Reichtum, einen hohen sozialen nigs (möglicherweise Arnuwanda I., regierte etwa 1400–
Status und Autorität. Im hinteren Raum eines weiteren 1375 v. Chr.) an einen westanatolischen Regenten namens
Monumentalbaus fand man die bronzene Statuette eines Maduwatta, Überfälle auf Alaschija künftig zu unterlassen,
Gotts mit Hörnerkappe, im vorderen Keramikgefäße und weil dieses ihm unterstellt sei. Der Adressat entschuldigte
zahlreiche Rinderschädel. Offenbar diente dieses Haus sich in dem Antwortbrief mit der Ausrede, er habe darüber
kultischen Zwecken. keine Kenntnis gehabt.
Innerhalb der Stadt fanden sich auch Werkstätten für Schriftquellen aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert
Kupfer- und Siegelproduktion sowie einige reich ausge­ berichten über militärische Konflikte auf und um Zypern:
stattete Gräber. In der Mittelbronzezeit hatte man Verstor­ Ein hethitischer Text informiert über eine Seeschlacht
bene außerhalb von Siedlungen bestattet, das galt nun zwischen Alaschija und der Hethiterflotte, bei der Letztere
noch für einfache Bürger. Die Angehörigen der städtischen siegte und Alaschija dem Hethiterkönig Suppiluliuma II.
Oberschicht ließen sich unter den Straßen und in den tributpflichtig und damit direkt untertan gemacht habe
Höfen der Häuser zur letzten Ruhe betten. Waffen, (siehe Beitrag S. 38). Allerdings lässt sich dieser Bericht ar­
Schmuck aus Gold und Edelsteinen, Elfenbeinobjekte, chäologisch nicht überprüfen, denn kurz darauf brach das
Trinkgefäße und anderes mehr sollten ihr Leben im Jen­ hethitische Reich in sich zusammen. Gleichzeitig warnt
seits standesgemäß gestalten. Ammurapi, der letzte König von Ugarit, den König von
Alaschija vor feindlichen Schiffen, die die Küsten Zyperns
Grabstätten unter den Straßen und der Levante unsicher machten. Interessanterweise
Die bevorzugte Form der Bestattung war das Felskammer­ spricht der ugaritische Herrscher seinen zypriotischen
grab, bei dem ein schmaler Gang (»Dromos«) zu einer oder Amtskollegen als »Vater« an, was auf eine untergebene
mehreren Kammern führte. Es gab in Enkomi aber auch Stellung hinweist. Um 1200 v. Chr. taucht Alaschija in der
Grabbauten – manche rechteckig, andere rund (»Tholos«). berühmten Inschrift Ramses‘ III. auf dem Tempel von
Diese Gruften waren über mehrere Generationen in Ver­ Medinet Habu unter den Ländern auf, die von den Seevöl­
wendung, wobei in ihnen gleichermaßen Frauen, Männer kern zerstört worden seien.
und Kinder bestattet wurden. Offensichtlich handelte es Tatsächlich wurden viele Siedlungen Zyperns zu Beginn
sich um ganze Sippen oder Familien. Eine Ausnahme und während des 12. Jahrhunderts v. Chr. vernichtet,
bildeten lediglich Neugeborene und Säuglinge. Sie setzte darunter auch Enkomi. Einige hat man mit veränderten
man in Gefäßen innerhalb der Häuser bei, wie es auch aus Strukturen wiederaufgebaut, andere wurden verlassen,
dem Alten Orient bekannt ist. beispielsweise Kalavassos. Die Bevölkerung ging offenbar
Ein weiterer wichtiger Fundort dieser Blütezeit ist Kala- deutlich zurück, denn Anzahl und Größe der Siedlungen
vassos an der Westküste. Er liegt strategisch günstig an schrumpften. Wer blieb, versuchte sich offenbar gegen
der Nord-Süd-Route, die das Troodos-Gebirge mit dem Angreifer zu schützen: Massive Stadtmauern entstanden.
Meer verbindet, sowie an einer wichtigen Ost-West-Verbin­ Mykenische Keramik wurde ab jetzt ebenso lokal herge­
dung, der heute noch die Larnaka-Limassol-Autobahn stellt wie die handgemachte, neu auftauchende »Barbari­
folgt. Die Siedlung wurde wahrscheinlich um 1300 v. Chr. an Ware«, was auf die Einwanderung von Bevölkerungs­
gegründet. Besonders bemerkenswert ist ein dort freige­ gruppen etwa aus dem ägäischen Raum hindeutet. Trotz
legtes 30,5 mal 27 Meter messendes Verwaltungsgebäu­ der Zerstörungen und Veränderungen setzte diese Phase
de, bestehend aus einer zentralen Säulenhalle und meh­ die vorherige Periode kulturell fort. Erst ab etwa 1050
reren angrenzenden Räumen. In der Halle fanden sich v. Chr. zeigen die archäologischen Befunde einen deutli­
50 bis zu zwei Meter hohe Vorratsgefäße, die zusammen cheren kulturellen Bruch: Die Eisenzeit hatte begonnen.
33 500 Liter fassten. Sie dienten der Aufbewahrung von
Olivenöl, wie chemische Analysen nachwiesen. Auch hier QUELLEN
lagen Gräber der Eliten unter den Straßen und Höfen.
Buchholz, H. G.: Ugarit, Zypern und Ägäis, Kulturbeziehungen im
Darin gefundene Luxusgüter aus verschiedenen Mittel­
zweiten Jahrtausend v. Chr., Ugarit-Verlag, Münster 1999
meerländern belegen die Anbindung der Stadt an den
internationalen Handel. Knapp, A. B.: The Archaeology of Cyprus, From the Earliest
Prehistory through the Bronze Age, Cambridge University Press, 2013
Das kleinere Myrtou im Nordwesten der Insel scheint
hingegen ein Kultzentrum gewesen zu sein: Ein Altar mit Steel, L.: Cyprus before History. From the Earliest Settlers to the
Hörnern und damit assoziierte Tierknochen und Geweih­ End of the Bronze Age, Duckworth, London 2004

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 57


BIBLISCHE ARCHÄOLOGIE
WER ZERSTÖRTE HAZOR?
Am Ende der Bronzezeit brannten auch Stadtstaaten im Land der Bibel.
Archäologen forschen auf dem Tell Hazor in Israel nach den Gründen.

Amnon Ben-Tor ist Emeritus des Archäologischen Instituts der


Hebräischen Universität Jerusalem und Grabungsleiter in Hazor seit 1990.

 spektrum.de/artikel/1431433

AKG IMAGES / ERICH LESSING

Welche Gottheiten mögen Hazors Einwohner


mit diesen Stelen verehrt haben? Ausgegraben
in einem Kultbezirk des 14. Jahrhunderts
v. Chr. sind sie nun, dramatisch inszeniert, im
Israel Museum in Jerusalem zu bestaunen.

58 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


AUF EINEN BLICK
HINWEISE AUS DER BIBEL

1  nweit des Sees Genezareth lag das biblische Hazor:


U
ein blühender Stadtstaat der Bronzezeit, bestehend
aus einer hoch gelegenen Oberstadt und einer weit-
läufigen Unterstadt zu deren Füßen.

2  m 1250 v. Chr. ging Hazor in Flammen auf. Archäo-


U
logen diskutieren verschiedene Untergangsszenarien.
Einiges spricht für die Zerstörung im Zuge der bibli-
schen »Landnahme« durch die Israeliten.

3  ut 200 Jahre blieb der Ort unbewohnt, bis der Hügel


G
in der Eisenzeit wieder besiedelt wurde und mögli-
cherweise unter König Salomon zu Wohlstand kam.
AKG IMAGES / ERICH LESSING

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 59



»Da tat ihnen Josua, wie der Herr ihm gesagt hatte, günstige Lage: Die Route, die den Süden Kanaans mit den
und lähmte ihre Rosse und verbrannte ihre Wagen Städten im Norden verband, passierte Hazor. Auf diesem
und kehrte um zu derselben Zeit und gewann Hazor Weg waren auch Handelskarawanen unterwegs, die zu
und schlug seinen König mit dem Schwert. Denn Hazor noch weiter nordöstlich gelegenen Metropolen wie Qatna,
war vormals die Hauptstadt aller dieser Königreiche. (...) Ebla und Mari am Euphrat unterwegs waren. Eine Abzwei-
Und er ließ nichts übrig, das Odem hatte, und verbrannte gung der Route führte Richtung Nordwesten zur Mittel-
Hazor mit Feuer.« meerküste, unter anderem auch zu den phönizischen Städ-
Die Eroberung des Gelobten Landes, beschrieben im ten Tyros und Sidon.
Buch Josua des Alten Testaments, war ein blutiger Feld- Seit 1950 sind Archäologen der Hebräischen Universität
zug. Aus heutiger Sicht kein Wunder: Bibelforscher veror- Jerusalem vor Ort, zunächst unter der Leitung von Yigael
ten die Landnahme der Israeliten in die Bronzezeit, und Yadin (1917–1984), Ende der 1980er Jahre führte Joseph
damals war das als Kanaan bezeichnete Gebiet – heute Aviram (*1917) die Arbeit fort, 1990 übernahm der Autor
Israel, das Westjordanland, der Libanon und der Südosten dieses Beitrags die Grabungsleitung. Ein Problem war und
Syriens – mit Königreichen regelrecht übersät. Hazor ist, dass die bronzezeitlichen Siedlungsschichten der
dürfte eines der größten gewesen sein. Oberstadt von jüngeren überlagert und nur an wenigen
Schon 1875 wurde die etwa 15 Kilometer vom See Stellen zugänglich sind.
Genezareth entfernte Stätte entdeckt. 1928 untersuchte
der britische Archäologe John Garstang sie zum ersten Erste Anflüge von Urbanität in Israel
Mal: Auf einem gut 40 Meter hohen Hügel (arabisch: Yadins Team hatte bereits Siedlungsreste der frühen
»Tell«) befand sich eine rund sechs Hektar große Ober- Bronzezeit II (etwa 3000–2600 v. Chr.) auf dem Tell ent-
stadt, nördlich davon erstreckte sich auf weiteren 70 Hek- deckt, bei den Kampagnen des Autors kamen massive
tar eine befestigte Unterstadt. Beide zusammen bezeich- Mauerzüge zum Vorschein, die sich anhand von Kera-
net man als Groß-Hazor, das dem biblischen Königreich miken auf die frühe Bronzezeit III (2600–2300 v. Chr.)
entsprechen dürfte. Es wurde wohl um 1250 v. Chr. zer- datieren lassen (Andere Forscher verwenden mitunter
stört. Die große Frage lautet: Von wem? abweichende Chronologien. Die Redaktion). Mein Team
Experten schätzen die Einwohnerzahl auf gut 15 000. deutet sie als Ruinen eines Palasts oder Verwaltungszen-
Größe, materielle Kultur und erhaltene Schriftstücke des trums. Das passt zu Ausgrabungen an einigen anderen
Siedlungskomplexes erinnern an die biblische Beschrei- Stätten in Israel wie Dan, Megiddo, Lachisch oder Jericho,
bung als Hauptstadt der kanaanäischen Königreiche. die eine »urbane Phase« in jener Zeit nahelegen. Hazor
Fruchtbare Böden und Wasserressourcen trugen gewiss war ebenfalls ein solches Zentrum, da es neben Wohnhäu-
zum Wohlstand bei, vor allem aber wohl die strategisch sern über öffentliche Gebäude verfügte.

AKG IMAGES / ALBATROSS / DUBY TAL


Der Tell Hazor erhebt sich in der Ebene von Galiläa, nördlich des Sees Genezareth. Im 16. Jahrhun-
dert v. Chr. war die Siedlung eine der größten Kanaans. Die Grabungen konzentrieren sich vor allem
auf die Oberstadt auf dem Hügel. Hazors Ruinen sind Teil des UNESCO-Weltkulturerbes.

60 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Tongefäße und Rollsiegel legen kulturelle und vermut- seit 1990 im Zentrum der Oberstadt freigelegt wurden: ein
lich bereits wirtschaftliche Beziehungen mit nördlicheren Tempel, ein Stelenbezirk, ein Palast und ein Untergrund-
Regionen nahe – bis hin zu den griechischen Inseln. In der speicher (siehe »Infrastruktur einer Metropole der Bronze-
folgenden frühen Bronzezeit IV (2300–2000 v. Chr.) verfiel zeit«). Ein gutes Dutzend Fragmente von Tontafeln zeigt,
dieser städtische Anstrich jedoch in ganz Kanaan wieder. dass die Verwaltung weit entwickelt war. Die Keilschrift-
Hazor schrumpfte zu einer kleinen Ansammlung von texte in akkadischer Sprache behandeln beispielsweise
Wohnhäusern, die aus schmalen Steinmauern errichtet Rechtsfragen oder dienten als Übungshilfe bei Rechenauf-
waren. Nach wie vor pflegten die Einwohner aber Kon- gaben (siehe »Wertvolle Dokumente aus einer Zeit der
takte zu nördlichen Siedlungen, wie entsprechende Kera- Blüte«, S. 63).
mikfunde verraten. Die jüngsten Ausgrabungen zeigen, dass das Zentrum
In der mittleren Bronzezeit (1700–1450 v. Chr.) hatten der Oberstadt im 15. Jahrhundert v. Chr., also während des
sich die Verhältnisse offenbar wieder normalisiert. Mehr Übergangs zur späten Bronzezeit, komplett neu angelegt
noch: Die ersten Gebäude der Unterstadt wurden gebaut, wurde. Für Archäologen ist das ein Hinweis auf einen
die Bevölkerungszahl war mit Sicherheit deutlich angestie- Dynastiewechsel. Man schüttete die erwähnten Kult- und
gen. Im 16. Jahrhundert v. Chr. war die Siedlung um das Zivilbauten mit Erde zu und errichtete auf der neu gewon-
Zehnfache ihrer ursprünglichen Größe gewachsen und nenen Fläche einen weitläufigen Gebäudekomplex. Des-
damit eine der bedeutendsten Städte in der Region. Ihr sen Kern bildete ein Zeremonialpalast, so bezeichnet, weil
Rang erweist sich auch durch vier Gebäudekomplexe, die außer einem Thronraum auch eine Kultplattform im Hof

Infrastruktur einer Metropole der Bronzezeit

MIT FRDL. GEN. DER EXPEDITION HAZOR


Bei Ausgrabungen in der Oberstadt
kamen unter jüngeren Siedlungs-
schichten vier Gebäudekomplexe
aus der mittleren Bronzezeit
(1700–1450 v. Chr.) zum Vorschein,
die Hazors Bedeutung in dieser 2
Phase unterstreichen. 3

1 Man betrat den so genannten 1


Südtempel von der Ostseite. Ähn-
liche Kultbauten wurden andernorts
im Jordantal ausgegraben. Die
Bauweise lässt Einflüsse aus dem
Norden Kanaans erkennen. In der
Mitte befand sich eine Grube, in
der unter anderem Tieropfer für
einen nicht bekannten Gott darge- 4
bracht wurden.

2 30 unbearbeitete Stelen bildeten


einen weiteren, diesmal aber nicht 3 Mauerzüge von zwei Meter zehn Meter großer Raum freigelegt.
überdachten Kultbereich. Ob dort Dicke sind zweifelsohne die Über- Die gut erhaltenen Mauern ragen
die gleichen Gottheiten wie im reste eines Palasts. Leider konnte vier Meter tief in den Boden. Öff-
Südtempel verehrt wurden, wissen nur ein kleiner Teil davon bislang nungen in den Wänden gab es
die Forscher allerdings nicht. Zu ausgegraben werden, denn das keine, der Zugang erfolgte offenbar
jeder Stele gehörte eine Steinplatte Gebäude liegt unter dem Zeremo­ von oben. Organische Substanzen
für Opfergaben. Tausende zertrüm- nialpalast der späten Bronzezeit auf dem Boden und im Verputz
merte Knochen von Schafen, beziehungsweise unter dessen verraten, dass man dort Agrarpro-
Ziegen, Schweinen, Hirschen, Vorplatz. dukte lagerte. Der Gesamtkomplex
Hunden, Fischen und sogar eines fasste gut 600 Kubik­meter Getrei-
Löwen bezeugen intensive Kult- 4 Unweit vom Palast und Tempel de, was die 1000 bis 2000 Einwoh-
handlungen über einen langen lag ein unterirdischer Komplex. ner der Oberstadt anderthalb Jahre
Zeitraum hinweg. Davon wurde bislang ein sechs mal lang ernährt hätte.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 61


dazugehörte. Mit etwa 0,1 Hektar Grundfläche ist es das
größte Gebäude der Region, das wir derzeit kennen. Hun-
derte von Tongefäßen kamen darin zum Vorschein, eine
Fayenceschale, eine Götterstatue aus Basalt, Fragmente
Wertvolle Dokumente
von 18 ägyptischen Statuen, Waffen und vieles andere aus einer Zeit der Blüte
mehr. Erwähnenswert ist noch ein Kästchen mit Goldbe-
schlägen, das Schmuckstücke aus Gold, Silber und Halb­ Unter den erhaltenen Dokumenten des Zeitraums
edelsteinen barg. von 1700 bis 1450 v. Chr. stechen drei besonders
Gegen Ende der späten Bronzezeit, im 13. Jahrhundert heraus:
v. Chr., war die Blütezeit Hazors offenbar vorbei, denn die
1 Gesetzessammlung
Ruinen des Zeremonialpalasts weisen Spuren des Verfalls
Dieses Fragment gehörte zu einer Tafel, die Regressan­
auf. Solche Hinweise finden sich auch andernorts in der
sprüche klären sollte: Was steht dem Besitzer eines Sklaven
Ober- und Unterstadt. Bald danach fiel Hazor einer derart zu, der verliehen wurde und körperlichen Schaden nahm?
furchtbaren Feuersbrunst zum Opfer, dass sogar Mauer- Die Regelung ähnelt einem Gesetz im babylonischen Kodex
ziegel und Keramikgefäße schmolzen. Das Bruchstück Hammurabi. Dort heißt es: »Gesetzt, er hat das Auge des
eines steinernen Opfertischs mit ägyptischen Hierogly- Sklaven eines anderen zerstört oder den Knochen des Sklaven
eines anderen zerbrochen, so wird er die Hälfte seines
phen gibt einen Anhaltspunkt, wann sich die Katastrophe
Kaufwertes zahlen.«
frühestens ereignete: Nach Ansicht von Experten war der
Altar von Rahotep, einem Wesir Ramses’ II., nach Hazor 2 Gerichtsarchiv
gebracht worden. Die Stadt kann daher nicht vor der Mitte Laut dieser Gerichtsakte wurde eine Einwohnerin Hazors
des 13. Jahrhunderts v. Chr. niedergebrannt worden sein, eines heute nicht mehr bekannten Vergehens bezichtigt, und
um 1250 v. Chr. scheint eine realistische Angabe. der Fall dem König vorgetragen. Zwei der Kläger trugen
Wer aber war dafür verantwortlich? Auch weitere Namen, die sich auf semitische Gottheiten bezogen: Hanuta
auf die Liebesgöttin Anat, Addu auf den Wettergott Hadad.
Städte der Region wurden damals zerstört oder aufgege-
Ungewöhnlich war sicher, dass eine vermögende Frau
ben. Auf der Liste potenzieller Angreifer lassen sich Hethi- angeklagt wurde, sich nicht durch einen männlichen Angehö-
ter und Babylonier ausschließen, da sie in der fraglichen rigen vertreten ließ – und den Prozess offenbar gewann.
Zeit zu schwach für Militärexpeditionen derart weit von
ihrem Kerngebiet waren. Experten erwogen die ägyptische 3 Multiplikationstafel
Armee als Kandidat, da sie sich nach der Schlacht von Diese Tafel gehörte zu einem vierseitigen Prisma, wie es
Kadesch im heutigen Syrien um 1274 v. Chr. auf dem Schreibschüler in Mesopotamien verwendeten, um Zahlen zu
lernen und Berechnungen durchzuführen. Wie dort auch
Heimweg befand – von den Hethitern gedemütigt. Das
basiert die Tafel von Hazor auf der Grundzahl 60. Einer Ana-
wäre nicht nur mehr als 20 Jahre zu früh, sondern Ram- lyse des Tons zufolge wurde sie aber vor Ort hergestellt.
ses II. hätte die Gelegenheit sicher nicht ausgelassen, die
Scharte der verlorenen Schlacht mit dem Hinweis auf
die Eroberung Hazors auszuwetzen. Doch nichts derglei-
chen findet sich. Zudem rekonstruierte der britische Ägyp-
tologe Kenneth Kitchen die Rückzugsroute der Armee und verfasst –, enthalten sie doch oft Elemente historischer
postulierte, dass sie sich Richtung Heimat eingeschifft und Geschehnisse. Hat die Bibel also in diesem Fall Recht,
Hazor somit nicht passiert hatte. wenn sie behauptet, Josua »verbrannte Hazor mit Feuer«?
Auch die so genannten Seevölker wären Kandidaten, Eine von Pharao Merenptah Ende des fraglichen Jahr-
hier insbesondere die Philister, die sich an Kanaans Küste hunderts errichtete Siegesstele listete mehrere Städte auf,
ansiedelten. Doch Hazor lag weit im Landesinneren. die er in Kanaan erobert haben wollte. Unter anderem
Außerdem findet sich in den Ruinen keine einzige Scherbe stand darauf zu lesen: »Israel ist zerstört, seine Saat ist
philistäischer Keramik. nicht mehr.« Die verwendete Hieroglyphe kennzeichnete
diesen Namen als Volksgruppe, es ist der mithin älteste
Putsch gelungen, Reich zerstört? bekannte Beleg für die Existenz der Israeliten. Damit
Theoretisch könnten natürlich auch die Bewohner der kommen sie theoretisch als Zerstörer Hazors in Frage.
Stadt selbst deren Untergang herbeigeführt haben: durch Doch wären sie dazu in der Lage gewesen? Wir wissen
eine Revolte gegen ihren Herrscher. Doch Unruhen waren nicht viel über die Anfänge dieses Volks, doch im Lauf der
in der Antike stets das Ergebnis eines Machtkampfs Geschichte haben nomadische Krieger immer wieder auch
innerhalb einer Dynastie oder eines Militärputschs. Für gut befestigte Städte erobert – sofern diese durch innere
dergleichen gibt es aber in diesem Fall keinen Beleg. Konflikte und wirtschaftlichen Niedergang bereits ge-
Außerdem blieb Hazor nach seinem Ende 150 bis 200 Jah- schwächt waren. Das traf zweifellos auf ganz Kanaan im
re lang unbewohnt – hätten aber die Sieger ihre Stadt 13. und 12. Jahrhundert v. Chr. zu. Denn nach drei Jahr-
nicht wiederaufgebaut? hunderten ägyptischer Vorherrschaft waren die Ressour-
Das Alte Testament liefert somit die bislang plausibelste cen des Landes erschöpft. Immer wieder hatte die Armee
Erklärung: Hazor fiel der israelitischen Landnahme zum des Pharaos Rebellionen niedergeschlagen und sich dabei
Opfer. Bei aller kritischen Betrachtung biblischer Texte – von dem ernährt, was Äcker und Speicher hergaben – und
sie wurden mit theologischen und politischen Absichten steckte den Rest meist in Brand.

62 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Um die Mitte des 10. Jahrhunderts v. Chr. wurden
Hazors Bewohner offenbar endgültig sesshaft, was Befes­

MIT FRDL. GEN. DER EXPEDITION HAZOR


tigungsanlagen bezeugen. Eine Doppelmauer umgab das
neue Dorf, das die Westhälfte der einstigen Oberstadt
einnahm; ein Tor ähnelt im Grundriss Anlagen in Megiddo
und Gezer, zwei bedeutenden israelitischen Städten. Das
Alte Testament kommt hier wieder in den Sinn, heißt es
doch im 1. Buch der Könige: » Und so verhielt sich‘s mit
den Fronleuten, die der König Salomo aushob, um zu
bauen des Herrn Haus und sein Haus (...) und Hazor und
Megiddo und Geser.«
Auch wenn tatsächlich Salomo der Bauherr war – Hazor
1 blieb ein bescheidenes Dorf, das erst im folgenden Jahr-
hundert unter Israels Königsdynastie der Omriden auf-
blühte und zu einem bedeutenden Verwaltungszentrum
avancierte. Die gesamte Akropolis wurde nun erschlossen
und mit einer Stadtmauer umgeben, ein Wasserversor-
gungssystem angelegt, eine Zitadelle und diverse öffent-
liche Gebäuden errichtet. Zu letzteren zählt ein Langhaus,
das zwei Säulenreihen in drei längliche Abschnitte unter-
teilen. Das Dach über dem mittleren lag höher als das der
2 beiden seitlichen, was Licht und Luft einließ, während die
Mauern vermutlich fensterlos waren. Gebäude dieser Art
kennen Archäologen auch von anderen Orten der Region.
Meist wird ihre Funktion kontrovers diskutiert, in Hazor ist
sie eindeutig: Ein großes Behältnis, das im Boden einge-
graben war, enthielt einst Weizen, wie verkohlte Überreste
beweisen. Das Gebäude war also ein Lagerhaus. Eine mit
Steinen ausgekleidete und abgedeckte Grube mit 15 Ku-
MIT FRDL. GEN. DER EXPEDITION HAZOR

3
bikmeter Fassungsvermögen diente wohl ebenfalls der
Vorratshaltung für das Gemeinwesen.
Während das bronzezeitliche Hazor enge Verbindungen
mit den nördlichen Gebieten unterhielt, pflegte der Ort in
der Eisenzeit Kontakte zu den Phöniziern an der Küste. Das
legen nicht nur architektonische Elemente öffentlicher
Gebäude nahe, sondern auch Fayenceamulette, Skulp-
Hinzu kam die allgemeine Krise am Ende der späten turen und andere Importwaren, die in Wohnhäusern
Bronzezeit: Ägypten geriet in eine Schieflage, das Reich ausgegraben wurden. Dieser Wohlstand endete aber
der Hethiter zerbrach. In Kanaan resultierte daraus ein spätestens 732 v. Chr. Denn wie das 2. Buch der Könige
Machtvakuum, und die Israeliten kamen wohl zur rechten berichtet, »kam Tiglat-Pileser, der König von Assyrien, und
Zeit, um es zu füllen. Meines Erachtens gibt diese These nahm Ijon, Abel-Beth-Maacha, Janoah, Kedes, Hazor,
den archäologischen Befund am besten wieder. Gilead und Galiläa, das ganze Land Naphthali und führte
Wer auch immer Hazor zerstörte, blieb dort aber nicht. sie weg nach Assyrien.« Hazor hatte das Pech, dass sich
Fast zwei Jahrhunderte lang ragten nur Ruinen auf, bis um Israels König Pekach einer Allianz angeschlossen hatte, die
die Mitte des 11. Jahrhunderts v. Chr., in der beginnenden gegen Assur aufbegehrte und unterlag. Es wurde endgül-
Eisenzeit, erneut Menschen auf dem Hügel siedelten. Nur tig zerstört, seine Bewohner vermutlich deportiert, wie es
wenig ist von ihrem Dorf geblieben, spärliche Mauerreste der biblische Text andeutet.
wurden ausgegraben – vermutlich wohnten die Ankömm-
linge wie heutige Beduinen in Hütten oder Zelten. QUELLEN
Wie auch andernorts stießen die Archäologen auf mit
Ben-Tor, A.: Hazor – Canaanite Metropolis, Israelite City. Israel
Steinen abgedeckte Gruben von jeweils etwa eineinhalb Exploration Society, Jerusalem 2016
Meter Tiefe, in denen sich Scherben von Gefäßen und
Ben-Tor, A.: Did Israelites Destroy Hazor? In: Biblical Archaeology
Asche befanden. Ihre genaue Funktion ist bislang unbe-
Review 4, S. 26–36 und S. 58–60, 2013
kannt. Steinsetzungen etwa 20 Meter östlich des einstigen
Zeremonialpalasts dienten sicherlich einem heute kaum Horowitz, W.: Hazor: A Cuneiform City in the West. In: Near
Eastern Archaeology 2, S. 98 –101, 2013
noch rekonstruierbaren Kult. Experten vermuten, dass er
in irgendeiner Beziehung zu den Ruinen stand, die sicher- WEBLINK
lich noch gut sichtbar waren. Flößten sie den Menschen The Hazor Excavations Project, Hebräische Universität Jerusalem:
Respekt und Furcht ein? http://hazor.huji.ac.il/

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 63


ISTOCK / MEARMAN
ÄGYPTEN
ȆBER WEN
HERRSCHT
PHARAO
DENN NOCH?«
Ramses III. gilt als einer der letzten
großen Pharaonen, rettete er Ägypten
doch nach eigenen Angaben vor den
Seevölkern. Tatsächlich wurde er
der Krisen aber wohl nicht Herr und
fiel am Ende einer Revolte zum Opfer.

Von Luise Loges

 spektrum.de/artikel/1431434

In der alten Königsnekropole


Theben-West ließ sich
Ramses III. einen grandiosen
Totentempel bauen: Medinet
Habu. Die prächtige Selbst-
inszenierung entsprach
allerdings nicht der Situation
des Reichs. Ägypten war
in der Krise.

64 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16



Ägypten, 1153 v. Chr.: Putschisten ermorden Ram-
ISTOCK / MEARMAN

ses III. (regierte 1184–1153 v. Chr.) und setzen einen


der ihren auf den Königsthron. Doch schon kurz da-
nach werden sie verhaftet und vor Gericht gebracht – Pa-
lastangestellte, Haremsfrauen, Wachleute, Priester, Prinzen
und Armee­angehörige. So jedenfalls berichtet es der Text
einer Papyrusrolle, deren Teile heute in diversen europä-
ischen Museen lagern. Das Dokument enthält die Prozess-
akten mehrerer Umstürzler. Die Anklage: Sie hätten sich
mit einer Königin namens Teya verschworen, den König zu
ermorden und Teyas Sohn Pentawer statt des designierten
Thronfolgers zum Pharao zu erheben. So weit, so span-
nend. Was nach einer klassischen Palastintrige klingt, mag
aber weit mehr gewesen sein – eine misslungene Rebel­lion
auf Grund innen- und außenpolitischer Krisen.
Ramses III. hatte selbst die Macht in unruhigen Zeiten
übernommen. Über seinen Vater Sethnacht, den Begründer
der 20. Dynastie, ist nur bekannt, was er und seine Nach-
kommen für spätere Generationen notieren ließen: Nach
dem Tod der kinderlosen Pharaonin Tausret um 1186 v. Chr.
sei das Land im Chaos versunken. Gierige »Asiaten« hätten
Ägyptens Gold und Silber geraubt und »die Götter wie
gewöhnliche Menschen behandelt«. Auf einer Stele, die
Sethnacht auf der Insel Elephantine bei Assuan aufstellen
ließ, beschrieb er seinen Sieg über einen Gegenkönig
namens Irsu – ein Spottname, der Emporkömmling bedeu-
tet. Nach Ansicht des Ägyptologen Kenneth Kitchen von
der University of Liverpool und anderer Experten für die
Epoche meinte er wahrscheinlich einen syrischstämmigen
Beamten namens Bey, der unter Tausret als Wesir gedient
hatte. Sethnacht sei, so die Berichte, von den Göttern
erwählt worden, um Recht und Ordnung wiederherzustel-
len. Doch seine Regentschaft währte kurz: Nur knapp drei
Jahre nach der Machtübernahme, 1184 v. Chr., starb Seth-
nacht, und sein Sohn Ramses bestieg den Thron.
Indem er nicht nur den gleichen Eigennamen trug,
sondern auch beträchtliche Teile der fünfteiligen Throntitu-
latur von Ramses II. kopierte, stellte sich der neue König
in die Tradition seines berühmten Vorgängers, vermutlich

AUF EINEN BLICK


MANAGER DES UNTERGANGS

1 In seinem Totentempel in der Nekropole Medinet


Habu inszenierte sich Ramses III. als erfolgreicher
Feldherr, der Ägypten vor den Seevölkern und liby-
schen Invasoren bewahrt hatte.

2  ngeachtet dieser Siege vermochte der Pharao den


U
Verfall des Reichs allenfalls kurzzeitig aufzuhalten.
1153 v. Chr. wurde er bei einem Putsch ermordet.

3  uch die nachfolgenden Könige hatten keinen Erfolg.


A
Machtkämpfe zerrissen den Staat, ab 1070 v. Chr.
regierten sogar mehrere Dynastien gleichzeitig.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 65


um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. In den Seevölker auf Ägypten, sahen einige ambitionierte Häupt-
Reliefs seines Totentempels in Medinet Habu, einem der linge aber scheinbar eine Gelegenheit, größere Gebiete im
prachtvollsten Bauwerke des Neuen Reichs, demonstrierte Nildelta zu erobern. Drastisch bekräftigt der Kriegsbericht
er zudem militärische Stärke: Im achten Jahr seiner Herr- aus Medinet Habu, dass Ramses III. auch diese Invasion
schaft, also wohl 1177 v. Chr., habe er die Invasion maro- zurückschlug: mittels genauer Listen von Gefangenen,
dierender Stämme im Nildelta abgewehrt. Seine Armee erbeutetem Vieh und abgeschlagenen Körperteilen. Um
lockte sie in eine Falle, um sie zu Tausenden niederzuma- das Delta künftig besser zu schützen, ließ der Pharao
chen. Da Ramses die Heimat der Invasoren »Inseln inmit- Festungen bauen – und mit Kriegern der unterworfenen
ten des Meeres« nannte, bezeichnet man sie heutzutage Seevölker besetzen. Nach eigenem Bekunden habe der
als Seevölker. Woher diese Invasoren tatsächlich kamen Pharao einen Teil der Besiegten großmütig im Nildelta und
und ob sie wirklich die Reiche des östlichen Mittelmeer- in den Provinzen der Levante angesiedelt, damit wieder
raums mit Ausnahme von Ägypten implodieren ließen, Frieden einkehrte: In seiner Regierungszeit konnte dem-
darüber streiten Forscher bis heute (siehe die Beiträge in nach eine Frau »allein auf der Straße gehen, ohne belästigt
diesem Heft). zu werden«.
Das mag Staatspropaganda gewesen sein, doch auch
Überfälle aus der libyschen Wüste andere Quellen wie die Notizen von Beamten belegen,
In seinem fünften und elften Regierungsjahr musste dass dieser Pharao den Menschen zumindest eine Zeit
Ramses obendrein Migranten aus dem Westen abwehren: lang Stabilität brachte. Dabei profitierte er sicherlich
Hirtennomaden aus der Sahara des heutigen Libyen davon, dass die Dürren, die den östlichen Mittelmeerraum
versuchten, mitsamt ihren Familien in Unterägypten Fuß vermutlich heimsuchten, Ägypten wohl nur wenig beein-
zu fassen. Klimaforscher haben nachgewiesen, dass ihre trächtigten. Während andernorts Hungersnöte ausbra-
ohnehin schon karge Heimat im 12. Jahrhundert v. Chr. chen, bewässerte der Nil verlässlich die Felder und lieferte
von anhaltenden Dürren heimgesucht wurde; die Herden mit seinem Hochwasser alljährlich fruchtbaren neuen
drohten zu verhungern. Bereits Ramses’ Vorgänger hatten Boden. Dennoch bekam das Reich den globalen Wandel
gelegentlich ihre Armee gegen die Libyer in Marsch ge- zu spüren. Beispielsweise gaben die Libyer keineswegs
setzt, wenn Oasen zu häufig überfallen wurden. Wobei Ruhe; sie mieden lediglich das gut befestigte Delta und
ägyptische Texte einräumten, diese Raubzüge seien wohl griffen weiter südlich an. Aus der Arbeitersiedlung Deir
aus Not erfolgt, um Familien zu ernähren. Abgesehen el-Medineh (siehe Bild rechts) nahe Theben stammen
davon scheinen die libyschen Nomaden meist friedlich ins etliche Berichte über Überfälle während der späten Regie-
Niltal eingewandert zu sein, was man auch an der Ver­ rungsjahre Ramses‘ III.
breitung entsprechender Namen in der Bevölkerung unter Des Weiteren fehlten dem Nilstaat inzwischen wichtige
Ramses II. (regierte 1279–1213 v. Chr.) erkennt. Außenhandelspartner: Die mykenischen Paläste sowie das
Nach der kurzen Periode politischer Instabilität unter Großreich der Hethiter waren untergegangen. Ägyptens
Sethnacht, und offenbar bestärkt durch den Angriff der wichtigste Exportgut, das Gold aus den nubischen Provin-

Buchhaltung eines Kriegs:


Die Reliefs zur Seevölker-
schlacht listen nicht nur die
Zahl der getöteten Feinde,
sondern auch die der abge-
hackten Hände auf – eine
wertvolle Kriegsbeute.
Vermutlich dienten solche
martialischen Angaben
und Bilder der Propaganda
und sollten von der sonst
nur bedingt erfolgreichen
Staatsführung ablenken.
FOTOLIA / BASPHOTO

66 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


AKG IMAGES / ALBUM / ASF

Abgeschottet von der Welt lebten jene, die im Tal der te, kein Geringerer als der Wesir To, der Stellvertreter des
Könige arbeiteten, in der Siedlung Deir el-Medineh. Pharaos in Oberägypten, erfreute sich großer Beliebtheit
Als ihre Entlohnung nicht mehr regelmäßig und in der im Ort. So benannte Amunnachte, als Dorfschreiber eine
versprochenen Höhe eintraf, verließen sie trotz eines Art Bürgermeister, einen seiner Söhne nach ihm. Doch im
Verbots ihr Dorf, um zu protestieren. Lauf der Jahre kam es offenbar zu Engpässen, wie einige
noch erhaltene Briefe des Schreibers darlegen. Ein ums
andere Mal beschwerte er sich beim Wesir, dass die
zen, war auf einmal nicht mehr gefragt, Importgüter und Rationen nicht rechtzeitig, nicht im versprochenen Um-
Einnahmen fehlten. Im krassen Gegensatz dazu stehen die fang oder gar nicht kamen. Im 28. Regierungsjahr Ram-
prachtvollen Bauten und Statuen, die Ramses allerorten ses‘ häuften sich die Klagen, Mitte des 29. hatten die
errichten beziehungsweise aufstellen ließ. Wie konnte er Arbeiter schließlich genug. Laut Amunnachte verließen sie
sich das leisten? Die Grabungen in Deir el-Medineh liefern das Dorf, um bei den umliegenden Tempeln und Heilig-
womöglich die Antwort: Er konnte es nicht, und Ägyptens tümern um Nahrung zu betteln. Sie forderten zudem deren
Wirtschaft geriet in eine massive Schieflage. Verwalter und Hohepriester auf, dem König zu schreiben,
Deir el-Medineh war ein außergewöhnliches Dorf (siehe damit sie ihre Rationen bekämen.
Bild oben). Allein schon seine Lage am Westufer des Nils
überrascht – in dieser Himmelsrichtung stellte man sich Der Pharao hatte sein Reich nicht unter Kontrolle
das Jenseits vor. Dieses Ufer war daher eigentlich Begräb- Das war sicher noch nicht der »erste Generalstreik der
nisstätten vorbehalten. Deir el-Medineh bildete eine Aus- Geschichte«, wie dieses Ereignis heutzutage gern bezeich-
nahme, denn seine Bewohner schachteten die Grabkam- net wird. Die Männer legten ihre Arbeit keineswegs nieder,
mern im Tal der Könige aus und dekorierten sie mit Reliefs sondern opferten ihr freies Wochenende für den Protest.
und Wandmalereien. Gemeinsam mit ihren Familien lebten Immerhin verstießen sie gegen jene Auflagen, die ihre
die Arbeiter abgeschieden vom Rest der Welt, bewacht Bewegungsfreiheit auf Deir el-Medineh und das Tal der
von einer Elitetruppe der Armee, dafür aber gut versorgt: Könige eingrenzten. Vor allem aber zeigen diese Vorgänge,
Anhand erhaltener Listen errechneten Ägyptologen, dass dass es nicht gut um Ägypten bestellt sein konnte.
die vom Staat jedem Arbeiter zugeteilten Rationen in Wirtschaftliche Probleme, soziale Unsicherheit, Grenz-
guten Zeiten das Vier- bis Fünffache des Subsistenzmini- konflikte und ein schlecht oder bisweilen gar nicht funktio-
mums einer Kernfamilie betrugen. nierender Staatsapparat – etwa 30 Jahre nach seiner
In den ersten Regierungsjahren Ramses’ III. flossen Thronbesteigung hatte Ramses III. das Reich offenbar
diese Zuwendungen pünktlich, und der zuständige Beam- nicht mehr im Griff. Hinzu kamen wohl private Probleme:

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 67


Die amerikanische Ägyptologin Susan Redford von der
Pennsylvania State University wies anhand von Inschriften
und Reliefs nach, dass der Pharao mindestens zwei Köni-
ginnen hatte, die um den Status als Hauptgemahlin kon-
kurrierten. Eine davon, die bereits erwähnte Teya, nutzte
wohl die schlechte Stimmung im Land, um ihren Sohn
Pentawer 1153 v. Chr. an die Macht zu putschen.
In Texten der Epoche wird der Tod des Herrschers zwar
nur angedeutet, Redford allerdings war davon überzeugt,
dass Ramses ermordet wurde. 2012 haben deutsche und
ägyptische Paläoforensiker diesen Verdacht bestätigt. Eine
gründliche Untersuchung der Mumie ergab, dass dem
König von hinten die Kehle aufgeschlitzt wurde. Die Klinge
war mit solcher Kraft geführt worden, dass sie nicht nur
Muskeln, Sehnen, Schlagadern und Stimmbänder durch-
trennte, sondern sogar die Halswirbelsäule geritzt hat. Der
Tod trat sicherlich binnen Sekunden ein. Carsten Pusch,
ein an der Untersuchung beteiligter Humangenetiker, ist
sich sicher: Nur eine Person seines Vertrauens konnte dem
König so nahe kommen. Etwa eine Geliebte? In der Tat
wäre dieser Pharao nicht als Erster einer Verschwörung
zum Opfer gefallen, die im Harem ihren Anfang nahm.
Die erwähnte Papyrusrolle schafft hier wenig Klarheit,
denn gerade die Protokolle der Verhandlung gegen Köni-
gin Teya und die Haremsfrauen fehlen. Erhalten sind unter
anderem die von Palastangestellten, denen Beihilfe vorge-
worfen wurde. Diesen Personen oblag wohl vor allem die
Nachrichtenübermittlung zwischen den Haremsdamen
und ihren Sympathisanten in der Welt außerhalb des Hofs.
Auch wurden mindestens zwei hohe Offiziere angeklagt,
sie hätten die Truppen gegen den Herrscher aufgewiegelt.
Pentawer kam ebenfalls vor Gericht. Einem Schuldspruch
folgte in diesen überlieferten Fällen die Hinrichtung. Ledig-
lich einigen hochgestellten Persönlichkeiten erlaubte man
den Freitod, darunter auch dem Prinzen.

Ein Priester schwingt sich zum Fürsten auf


Damit war zwar der Putsch niedergeschlagen, und Prinz
Ramses IV., selbst schon in seinen Vierzigern, folgte
seinem Vater auf den Thron. Doch die Krise, die den
Umsturzversuch ausgelöst oder zumindest begünstigt
hatte, war bei Weitem noch nicht bewältigt. Dokumente
jener Zeit beklagen Ausschreitungen auf den Straßen
Thebens. Der neue Herrscher ersetzte den Großwesir To,
konnte aber nicht verhindern, dass ein anderer die Region
Oberägypten kontrollierte: Ramsesnachte, Hohepriester
des Amuntempels von Theben.
Dessen Söhne bekleideten einflussreiche Priester- und
Verwaltungsposten, seine Töchter waren mit wichtigen Das um den Hals
Priestern verheiratet. Ramsesnachte ließ die Arbeiterfami- gewickelte Tuch ver-
lien von Deir el-Medineh nach Medinet Habu umsiedeln birgt eine schreckliche
und brachte sie damit unter die Verwaltungshoheit seines
BPK / COLL. PH. DOUBLET / ADOC-PHOTOS

Wunde: Ramses III.


Tempels. Auf diese Weise übernahm er die prestigeträch- wurde die Kehle brutal
tige Aufgabe des königlichen Grabbaus. Obendrein kon- durchschnitten. Doch
trollierte das »Familienunternehmen« die Getreideabgaben wer konnte ihm so
Oberägyptens und die Handelswege nach Nubien. Offiziell nahe kommen?
unterstellte sich Ramsesnachte dem Pharao beziehungs-
weise dessen Wesir und veranlasste beispielsweise eine
Expedition nach Nubien, um dort Baumaterial für die

68 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Tempel des Königs zu beschaffen. Doch der Pharao, der gerieten die Provinzen in der Levante zunehmend außer
weit weg im unterägyptischen Memphis residierte, ließ ihn Kontrolle. Die Überfälle libyscher Nomaden waren ebenso
ansonsten gewähren, solange der Hohepriester in Ober­ wie die Grabräuberei zum Dauerproblem geworden. Etwa
ägypten für Stabilität sorgte. in der Mitte der Regierungszeit des letzten Ramses war die
Ramses IV. sollte nie dazu kommen, die traditionellen Spaltung Ägyptens besiegelt. Panehsy, Statthalter von
Machtstrukturen wieder zu etablieren – er starb in seinem Nubien, war in Oberägypten einmarschiert und belagerte
siebten Regierungsjahr. Über die Todesursache ist nichts Theben, wo sich der Hohepriester des Amun Amenhotep,
bekannt, die Mumie zeigt keine verdächtigen Verletzun- möglicherweise ein jüngerer Sohn des Ramsesnachte,
gen. Seinem Sohn Ramses V. waren lediglich vier Jahre verschanzt hatte.
auf dem Thron vergönnt, bevor er in vermutlich jungen Ausgerechnet ein General mit libyschen Wurzeln, ein
Jahren kinderlos starb. Ihm folgte als Ramses VI. ein Mann namens Pianch, stoppte Panehsys Vormarsch
weiterer Sohn Ramses‘ III. Nach sieben oder acht Jahren Richtung Norden, eroberte Theben zurück und trieb den
starb auch dieser kinderlos, und erneut übernahm wohl Angreifer zurück nach Nubien. Allerdings wohl im eigenen
ein Sohn Ramses’ III. die Regierungsgeschäfte. Interesse: Pianch ernannte sich selbst zum Wesir und zum
Keiner von ihnen wurde der Probleme Herr, wie die Hohepriester des Amun. Innerhalb von sieben Jahren
Bauten aus dieser Zeit verraten: Prachtentfaltung war kontrollierte er gemeinsam mit seinem Schwiegersohn
nicht mehr möglich, der Totentempel Ramses‘ IV. wurde Herihor Oberägypten; schließlich sagte er sich vom
vermutlich niemals fertiggestellt und seine Steine bald memphitischen Königshaus los. In einem Brief an einen
schon anderweitig wiederverwendet. Heute sind von Gefolgsmann schrieb Pianch einmal: »Was Pharao an­-
dieser Stätte nur noch Grundrisse zu sehen. Die Kontrolle geht – über wen herrscht er denn eigentlich noch?« Klarer
über Oberägypten war ihnen wohl entglitten, hatte Ram- konnte man es wohl nicht ausdrücken.
sesnachte das eigentlich vom Pharao verliehene Amt des Korruption und Misswirtschaft waren sicher nur teilwei-
Amun-Hohepriesters doch seinen Söhnen vererbt und so se der Grund für den Niedergang der Ramessiden-Dynas­
eine Dynastie begründet. tie. Der Wegfall des profitablen Seehandels über das
Mittelmeer hatte die ägyptische Wirtschaft schwer getrof-
Verbrechen gegen die Götter fen. Hinzu kamen die Überfälle und Einwanderungswellen
Spätestens in den Anfangsjahren der Herrschaft Ram­- libyscher Nomaden, die ins fruchtbare Niltal drängten. Vor
ses‘ IX. (regierte 1129–1111 v. Chr.) grassierten Armut und allem aber musste ein Staatsapparat, der die eigenen
Hunger, wie Gerichtsakten verraten. Den Angeklagten Vasallen nicht mehr im Griff hatte, zwangsläufig zusam-
wurde Ungeheuerliches vorgeworfen: Sie sollten in die menbrechen.
Gräber von Königen und anderen hochgestellten Persön- Pianchs Nachfolger Herihor nannte sich schließlich
lichkeiten eingebrochen sein, um kostbare Beigaben zu Pharao, obwohl sein Machtbereich nur Oberägypten
rauben. Dies galt als Verbrechen gegen die göttliche umfasste. In Unterägypten begründete Smendes, der
Ordnung. Angeklagte, denen trotz Folter nichts nachzu- möglicherweise ebenfalls libyscher Abstammung war, die
weisen war, ließ man frei; wer aber schuldig gesprochen 21. Dynastie. Damit endete das Neue Reich, das einst mit
wurde, den erwartete ein grausamer Tod: Auf einen Pfahl den thebanischen Königen der 18. Dynastie begonnen
gespießt sollte sein Leiden, den Prozessberichten zufolge, hatte. Diese Epoche hatte dem Nilstaat nie dagewesene
der Abschreckung dienen. Und dennoch wurden offenbar Macht und Reichtum beschert und einige seiner berühm-
immer wieder Grabstätten geplündert, denn am Motiv der testen Pharaonen hervorgebracht. Doch als die mächtigen
Diebe änderte sich nichts. Laut den Akten gaben die Reiche der späten Bronzezeit eines nach dem anderen
Beschuldigten immer wieder an, mit dem Erlös aus der fielen, konnte sich auch Ägypten nicht halten. In der so
Beute Brot für sich und ihre Familien kaufen zu wollen – genannten dritten Zwischenzeit beanspruchten allein
jahrzehntelang war der Preis für Getreide gestiegen. schon über Unterägypten, also das Nildelta, gleich mehre-
Angesichts der drakonischen Strafe muss die Verzweiflung re Königshäuser die Macht, während die Amun-Hohepries­
im Volk groß gewesen sein. ter und später nubische Herrscher Oberägypten kontrol-
Die Prozesse verdeutlichen zudem die konfuse poli- lierten. Es sollten Jahrhunderte vergehen, bis sich das
tische Lage und das Streben der Einflussreichen nach Land am Nil erneut zu einer Großmacht in der antiken
noch mehr Macht. Der Bürgermeister von Theben, der Welt aufschwingen konnte.
Hohepriester des Amun, der Wesir und weitere hohe
Beamte stritten in Briefen und Verwaltungsdokumenten
um Zuständigkeiten. Aus anderen wichtigen Städten QUELLEN
blieben zwar nicht so viele Schriftdokumente erhalten, Cline, E. H., O‘Connor, D. (Hg.): Ramesses III. The Life and Times
doch dürften die Verhältnisse kaum anders gewesen sein. of Egypt‘s Last Hero. University of Michigan Press, Ann Arbor 2012
Das Ägypten der späten Bronzezeit versank im Chaos.
Hawass, Z. et al.: Revisiting the Harem Conspiracy and Death of
Um 1070 v. Chr. endete die 20. Dynastie mit Ramses XI. Ramesses III: Anthropological, Forensic, Radiological, and Genetic
Zwar waren diesem gut 30 Regierungsjahre vergönnt Study. In: British Medical Journal 345, 2012. doi: http://dx.doi.
gewesen, doch an die einstige Größe Ägyptens vermochte org/10.1136/bmj.e8268
er nicht anzuknüpfen. Im Gegenteil: Das Reich bot innen- Redford, S.: The Harem Conspiracy: The Murder of Ramesses III;
wie außenpolitisch ein schwaches Bild, beispielsweise Northern Illinois University Press, DeKalb 2008

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 69


GRIECHENLAND
DIE DUNKLEN
JAHRHUNDERTE
Mit der mykenischen Staatenwelt verschwanden kulturelle Errungen-
schaften wie die Schrift aus Griechenland. In den folgenden »dunklen
Jahrhunderten« bahnten sich aber auch Entwicklungen an, welche die
gesamte Antike prägten.

Von Josef Fischer

 spektrum.de/artikel/1431435


Als die mykenischen Paläste brannten, versank Grie­ sich die Töpfer von der Vergangenheit gelöst. Jetzt deko­
chenland in Armut und Isolation. Kurz zuvor noch von rierten sie Gefäße mit konzentrischen Kreisen und Halb­
den Herrschern mächtiger Reiche als Partner oder kreisen beziehungsweise in der Geometrischen Zeit mit
Gegner betrachtet, verschwand es von der politischen geradlinigen Ornamenten und Mäandern.
Landkarte. Fünf Jahrhunderte lang war da offenbar nie­ Als überaus innovativ erwiesen sich aber von Anfang an
mand mehr, der monumentale Bauwerke in Auftrag gab, die Metallhandwerker, denn sie lieferten nicht nur hoch­
der Künstler finanzierte, dessen Beamte lesen und schrei­ wertige Bronzearbeiten, sondern lernten auch Eisenerz
ben konnten. effektiv zu schmelzen und zu verarbeiten. Alternativ zu den
Als »dunkle Jahrhunderte« bezeichneten insbesondere dunklen Jahrhunderten sprechen Prähistoriker deshalb
die britischen Archäologen Vincent Desborough (1914– von der frühen Eisenzeit Griechenlands. Zwar kannte man
1978) und Anthony Snodgrass diese Epoche, die wie der das Metall schon länger, doch anders als im Ägypten und
Übergang zwischen zwei Hochkulturen wirkt: der myke­ Hethiterreich der späten Bronzezeit spielte es in der myke­
nischen und der griechischen Archaik. Der Begriff sollte nischen Kultur keine Rolle. Nun aber kam es in der gesam­
aber auch den Mangel an schriftlichen und archäolo­ ten Ägäis in Gebrauch. Findet man in Siedlungsschichten
gischen Quellen zum Ausdruck bringen, die mehr Licht ins des 11. Jahrhunderts v. Chr. vor allem Messer und Dolche,
Dunkel bringen könnten. gehören in solchen des folgenden Jahrhunderts bereits
Inzwischen hat sich die Situation jedoch geändert, Schwerter, Nadeln und Fibeln zum Fundgut; im 9. Jahr­
etliche Forscher vermeiden diese Bezeichnung auf Grund hundert v. Chr. bestanden dann Werkzeuge aller Art ge­
jüngerer Grabungsergebnisse. Der Konstanzer Althistoriker meinhin aus Eisen.
Wolfgang Schuller bezeichnet die betreffende Epoche Dessen Vorteile gegenüber der Bronze liegen auf der
sogar als Inkubationszeit. Denn offenbar bahnte sich Hand: Statt zwei Legierungsbestandteile benötigte man
zwischen 1200 und 700 v. Chr. vieles an, was antike grie­ nur noch einen Rohstoff; zudem kam Eisenerz häufig vor,
chische Kultur charakterisieren sollte, von der staatlichen während Kupfer und Zinn von weit her importiert werden
Organisationsform Polis bis hin zur kunstvollen Literatur. mussten. Allerdings erforderte der Werkstoff einen hohen
Bis dahin war es freilich ein langer Weg. Ganze Land­ handwerklichen Aufwand, da man nicht in der Lage war,
striche lagen öd und verlassen, Ruinen ragten in den die Schmelztemperatur von mehr als 1500 Grad Celsius zu
Himmel, wo noch vor Kurzem Fürsten regiert hatten. Die erreichen. Das Resultat des Verhüttens war ein schwamm­
alten Systeme gesellschaftlicher Ordnung funktionierten artiges Gebilde, die so genannte Luppe. Um das Eisen da-
nicht mehr. Vermutlich haben die Menschen anfangs rin von anderen Bestandteilen des Erzes zu trennen, muss­
versucht, sie wiederherzustellen und an Altes anzuknüp­ te die Luppe mehrmals erhitzt und gehämmert werden. Ab
fen. Forscher unterscheiden daher anhand der Gefäß­ einem Kohlenstoffgehalt unter zwei Prozent spricht man
formen eine mykenisch geprägte Nachpalastzeit (12. Jahr­ dann von Stahl.
hundert v. Chr.) und eine Submykenische Phase (frühes Weil das spezifische Gewicht von Eisen gut zehn Pro­
11. Jahr­hundert v. Chr.) von der Protogeometrischen und zent geringer als das von Bronze ist, waren auch Schwer­
Geometrischen Periode (etwa 1050–900 v. Chr. bezie­ ter daraus leichter. Sie hatten zudem schärfere Schneiden,
hungsweise 900–700 v. Chr.). In den letzten beiden hatten die sich auch besser nachschärfen ließen. Allerdings

70 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


AUF EINEN BLICK
500 JAHRE FINSTERNIS?

1  ach dem Ende der mykenischen Paläste reduzierte


N
sich das kulturelle, politische und wirtschaftliche
Leben in Griechenland auf kleine Gemeinschaften
unter der Leitung von Klanführern.

2  isen verdrängte in vielen Bereichen die Bronze. In


E
jener Zeit gründeten Griechen erste Siedlungen an
der kleinasiatischen Küste.

3 Im 8. Jahrhundert v. Chr. kam die Alphabetschrift


auf, der Bürgerstaat »Polis« als Organisationsform
verbreitete sich im Zuge einer Kolonisierungswelle.

AKG IMAGES / DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY

Die als »Kentaur von Lefkandi« berühmt gewor-


dene Terrakottaplastik kam bei Grabungen in
der Nekropole von Lefkandi zu Tage. Offenbar
gehörten Zentauren, halb Mensch, halb Pferd,
bereits im 10. Jahrhundert v. Chr. zur griechi-
schen Mythologie.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 71


wurde die Bronze nicht ganz aufgegeben, wie Funde und einer umlaufenden Pfostenreihe versehen. Im Innern der
bildliche Darstellungen zeigen. Sie war vielmehr der bevor­ Konstruktion entdeckten die Forscher zwei Gräber, das
zugte Werkstoff für Schmuck, Statuen, Kultgefäße, aber eine mit den Skeletten von vier Pferden, das andere barg
auch für so genannte Schutzwaffen, also etwa Beinschie­ das Skelett einer Frau sowie die verbrannten Überreste
nen, Helme oder Auflagen für Schilder. eines Mannes in einer Bronzeurne. Der Frau waren
Doch wer verlangte nach Schwertern aus Eisen? Es gab Schmuckstücke sowie ein Schwert mitgegeben worden,
in Griechenland keine Fürsten und Könige, keine mäch­ dem Mann ebenfalls ein Eisenschwert, ein eisernes Rasier­
tigen politischen Gebilde mehr. Eine Ausnahme bildete messer sowie ein Schleifstein.
zumindest zeitweise Tiryns, wie der Heidelberger Prähisto­ Nach der Beisetzung, so rekonstruierten es die Archäo­
riker Joseph Maran herausfand. Die Ruine der mykeni­ logen, war das Haus zerstört und ein Hügel darüber aufge­
schen Festung war eingeebnet worden, und dort, wo sich schüttet worden. Hatten die Verstorbenen dort gelebt,
ihr als Thronsaal und Kultbau genutztes Zentralgebäude oder war das Gebäude eigens als Grabmal errichtet wor­
(»Megaron«) befunden hatte, war eine kleinere Version den? Wahrscheinlich handelte es sich um ein Ehepaar. Ob
davon gebaut worden. Dabei hatte man die Plattform, auf aber die Frau ihrem Mann ins Grab folgte, vielleicht sogar
der einst der Thron des Fürsten stand, ebenso wiederver­ geopfert wurde, ist reine Spekulation. Immerhin kann man
wendet wie einen Altar im Hof des Megarons. Offenbar davon ausgehen, dass die Pferde den Leichenwagen
sollten diese Symbole der Macht erhalten bleiben, auch gezogen hatten und anschließend geopfert wurden. Die
wenn niemand mehr auf diesem obersten Plateau der offizielle Bezeichnung dieser monumentalen Grablege ist
Zitadelle wohnte. Vielmehr lebten die Menschen in der also durchaus gerechtfertigt: Heroon von Lefkandi. Dieser
tiefer gelegenen Unterburg sowie in einer am Fuß des Begriff meinte in der klassischen Antike ein Heiligtum oder
Bergs wachsenden Unterstadt, wo ebenfalls ein Megaron Grabdenkmal, mit dem man eines Helden (»Heros«) ge­
entstand. Erst um 1100 v. Chr. wurde Erstere ganz aufge­ dachte, oft des mythischen Gründers einer Stadt.
geben, und die Unterstadt begann wieder zu schrumpfen. Eine solche Zurschaustellung von Macht und Reichtum
war aber die Ausnahme, ein vergleichbares Grabmal
Die »big men« der frühen Eisenzeit wurde bislang nicht entdeckt. Die lokalen Eliten lebten um
Doch in Tiryns wie überall in Griechenland galt: Die Men­ vieles bescheidener, wie Wohnhäuser in Nichoria zeigen.
schen lebten in überschaubaren, regionalen Strukturen. Einst ein Hauptort im Reich von Pylos war es nach einer
Jedermann betrieb Ackerbau und Viehzucht; Beamte, Unterbrechung von etlichen Jahrzehnten ab dem 11. bis
Künstler oder Schreiber hingegen gab es nicht mehr. An ins 8. Jahrhundert v. Chr. besiedelt. Das größte Haus der
der Spitze der Gemeinschaften standen vermutlich meist Protogeometrischen Phase, ein in drei Räume unterglie­
Männer herausragender Bedeutung, die – so schließt man derter Apsidenbau, maß gerade mal 8 Meter Breite und
es aus den Epen Homers – als »basileus« angesprochen 16 Meter Länge. Wie damals und auch später üblich, hatte
wurden. In mykenischen Linear-B-Texten bezeichnete man es aus Lehmziegeln auf einem Steinsockel errichtet.
dieser Titel noch lokale Beamte, in der Archaik und Klassik Gruben dienten vermutlich der Vorratshaltung. Einblicke in
hingegen Regenten. Ihre Funktion dürfte während der das Alltagsleben dieser Zeit gewähren diverse Kleinfunde:
dunklen Jahrhunderte aber eher die von Vorständen füh­ Messer und Knochen belegen die Zubereitung von Essen,
render Familien gewesen sein, also von »chiefs« oder »big Gefäße zeugen von Vorratshaltung, Spinnwirteln von der
men« im Sprachgebrauch der Anthropologen. In etlichen Wollverarbeitung.
Siedlungen lenkten wohl gleich mehrere basileis die Eine Feuerstelle könnte als Herd, aber auch zur Darbie­
Geschicke der Gemeinschaft. Dabei beruhte ihre Vorrang­ tung von Brandopfern gedient haben, eine damals schon
stellung weniger auf der Abstammung, als vielmehr auf jahrhundertelang gepflegte Kultform. Auch manche Gott­
ihrem Besitz. heit der dunklen Jahrhunderte hatte eine lange Tradition:
Dass auch die Eliten jener Zeit zu leben verstanden, Zeus, Hera, Poseidon, Hermes, Dionysos – etliche Bewoh­
verraten die Nekropolen von Lefkandi an der Westküste ner des Olymps tauchten bereits in Linear-B-Texten auf.
Euböas, der zweitgrößten griechischen Insel (siehe Karte Manche der darin genannten Gottheiten gerieten aber nun
rechts). Der Ort war schon in der Bronzezeit besiedelt. in Vergessenheit wie etwa die minoische Pipituna, die im
Nach einer Umbruchs- und Krisenzeit um 1100 v. Chr. mykenischen Pylos verehrte Mezana oder der Zeussohn
nahm er im 10. Jahrhundert v. Chr. einen beachtlichen Drimios. Andere hingegen wie Apollon und Aphrodite
Aufschwung. Importwaren aus dem Vorderen Orient wie fanden vermutlich genau in dieser Phase eine Heimat in
Schmuck und Fayencegefäße, die in Gräbern zu Tage Griechenland.
kamen, korrigieren das Bild von einem völlig isolierten Im Dunkeln liegen vielfach auch die Anfänge mancher
Griechenland. Die Nekropolen bestätigen die auch andern­ Heiligtümer. Nur selten lässt sich eine durchgehende
orts entdeckten Veränderungen in den Bestattungssitten. Kultausübung von der Bronzezeit bis in archaische Zeit
Statt Mehrfach- kamen Einzelgräber in Mode, statt Körper- und darüber hinaus nachweisen wie im Fall der Idäischen
die Brandbestattung, wobei die alten Traditionen durchaus Grotte auf Kreta. Zeus, Sohn der Titanen Rhea und Kronos,
noch gepflegt wurden. fand dort der Überlieferung nach als Neugeborenes Zu­
In Lefkandi stießen Archäologen auf ein überraschen­ flucht vor dem Vater, der ihn aus Furcht vor Machtverlust
des Gebäude. Es war gut 45 Meter lang und zehn Meter töten wollte. Die Zeusverehrung in der Grotte begann
breit, mit einer Apsis, also einem abgerundeten Ende, und bereits in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. und

72 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


dauerte bis in die römische Kaiserzeit an; ihre größte Blüte anhand einer überlieferten Liste der Olympiasieger errech­
erlebte sie jedoch den archäologischen Funden nach im net. Tatsächlich belegen Grabungen umfangreiche Bau­
frühen 1. Jahrtausend v. Chr. Ein anderes Beispiel ist das arbeiten im späten 8. Jahrhundert v. Chr., was auf eine
Apollonheiligtum von Kalapodi. Der deutsche Archäologe wachsende Bedeutung der Stätte hinweist. Als Olympia­
Wolf-Dietrich Niemeyer und sein Team konnten dort eine den bezeichnete man damals übrigens den Zeitraum
fortwährende Kultpraxis bis ins 12.Jahr­hundert v. Chr. zwischen den Spielen, nicht diese selbst.
nachweisen. Es waren die ersten Wettkämpfe, die Athleten und
Andere Heiligtümer wurden während der dunklen Zuschauer aus der gesamten griechischen Welt anzogen;
Jahrhunderte erst gegründet, so etwa Olympia im 11. Jahr­ später kamen Delphi, Korinth und Nemea als Austra­
hundert v. Chr. in der Landschaft Elis im Westen des Pelo­­ gungsorte dazu. Panhellenische Spiele waren vielleicht die
ponnes. Zunächst diente es als regionales Zentrum des notwendige Konsequenz aus einer Jahrhunderte dau­
Zeuskults, wozu wohl auch sportliche Wettkämpfe gehör­ ernden Neuformation der politischen Landschaft, die mit
ten. Dann gewann der Ort als Orakelstätte überregionale der Migration bestimmter, anhand ihrer Sprache für uns
Bedeutung und avancierte schließlich zum Austragungsort heute fassbarer Stämme begann und im 8. Jahrhundert in
der bekannten, alle vier Jahre stattfindenden Spiele. Tradi­ eine regelrechte Kolonisierungswelle mündete.
tionell gilt 776 v. Chr. als Gründungsjahr. Dieses Datum Den Anfang machten möglicherweise die Denyen und
hatte Hippias von Elis im frühen 4. Jahrhundert v. Chr. Ekwesch. Ägyptische Texte benennen so zwei Stämme der
»Seevölker«, Historiker bringen sie mit Homers Bezeich­
nungen für die Griechen in Verbindung: Danaer und Achai­
Mit den mykenischen Palästen verging auch die Macht der er. Hatten sich diese Bewohner mykenischer Gebiete den
Fürsten. Die neuen Hierarchien der griechischen Gesell- siegreichen Seevölkern angeschlossen? Archäologisch
schaft waren wenig strukturiert: Lokale Anführer demons- lässt sich nur nachweisen, dass viele Menschen aus dem
trierten ihren Status durch etwas größere und komplexere griechischen Binnenland an die Küsten oder auf die Inseln
Häuser sowie durch reichere Totenbeigaben. zogen: Auf den Kykladen, der Inselgruppe der Dodekanes

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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK

nachgewiesene MELOS
Wohnsitze lokaler
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Anführer
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M i t t e l m e e r K r e ti s c h e s KARPARTHOS
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Prinias Spektrum SPEZIAL Archäologie
PraisosGeschichte Kultur  4.16 73
KRETA Vrokastro Kastro
Phaistos
100 km
Unterburg kleines Megaron

Oberburg

großes Megaron
Siedlung

DEUTSCHES ARCHÄOLOGISCHES INSTITUT ATHEN


In den Ruinen von Tiryns stießen Archäologen auf
die Spuren einer Phase des Wiederaufbaus. So
entstanden Wohnhäuser in der Unterburg, während
neben dem einstigen Megaron (blau) ein neues,
kleineres Megaron (rot) errichtet wurde.

und auf den ionischen Eilanden wurden etliche Siedlungen ten vereinte: Sowohl Messenier als auch Achaier seien von
ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. neu gegründet, in deren den Herakliden vertrieben worden und hätten in dem von
Fundgut mykenische Keramik zum Vorschein kam. Auf Athen kontrollierten Attika Zuflucht gefunden. Als dort ein
Zypern machte sich die Zuwanderung auch sprachlich Streit um die Thronfolge ausbrach, schlossen sie sich der
bemerkbar, wie Texte späterer Zeit belegen: Von allen falschen Partei an und mussten weiterziehen, diesmal
griechischen Dialekten des 1. Jahrtausends ähnelt der gemeinsam mit etlichen Athenern. Über die Geschichtlich­
arkadozyprische dem Mykenischen am stärksten. keit dieser Überlieferungen diskutieren Forscher kontro­
Nachhaltige Wirkung entfaltete die »dorische Wande­ vers. Während manche darin Erinnerungen an tatsächliche
rung« im 11. Jahrhundert v. Chr., als Stämme aus Nord­ Ereignisse entdecken, halten andere die Mythen für Kon­
westgriechenland, die anhand ihrer Dialekte identifiziert strukte einer späteren Zeit. Die Wahrheit liegt wohl dazwi­
werden, in das Machtvakuum auf dem Peloponnes vor­ schen: Im Lauf der Zeit wurden die mündlich überlieferten
drangen. Diese Bevölkerungsverschiebung wurde bereits Geschichten umgeformt, an einem historischen Kern ist
in der Antike mit der »Rückkehr der Herakleiden«, also aber nicht zu zweifeln.
der Söhne des Herakles, in Verbindung gebracht: Dem my­ Die Ionier waren nicht die ersten Griechen in Kleinasien,
thischen Helden waren von Zeus weite Gebiete auf dem denn zuvor hatten Äolier aus dem nordgriechischen Thes­
Peloponnes zugesprochen worden, doch nach seinem Tod salien Orte an der Westküste gegründet. Etliche davon
vertrieb der König Mykenes die erbberechtigten Heraklei­ mussten sie dann den Ioniern überlassen, aber der nörd­
den. Sie versuchten ihr Reich von Nordgriechenland aus liche Küstenabschnitt blieb äolisch.
zurückzuerobern, was in der dritten Generation gelang. All diese Migrationen sollte man sich weniger als mas­
Obwohl es sich bei dieser Legende um einen erst in archa­ sive Völkerwanderungen vorstellen, sondern vielmehr als
ischer Zeit entstandenen Herkunftsmythos handelt und Verlagerung kleiner Gruppen über einen langen Zeitraum
die dorische Wanderung archäologisch nur schwer fassbar hinweg. Das gilt ebenfalls für die »große griechische Kolo-
ist, besteht aus sprachgeschichtlichen Gründen kein nisation« ab der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr.: In rund
Anlass, an einem historischen Kern zu zweifeln. 250 Jahren gründeten griechische Stadtstaaten Tochter­
Auch die zeitgleiche »ionische Wanderung«, in deren städte in Süditalien, auf Sizilien, in der Nordägäis, an den
Verlauf ein großer Abschnitt der kleinasiatischen West­ Küsten des Marmarameeres und des Schwarzen Meeres.
küste besiedelt worden ist, lässt sich anhand der Vertei­ Mit den Kolonisten verbreitete sich auch die für die
lung griechischer Dialekte in historischer Zeit bestätigen. Griechen inzwischen typische urbane Organisationsform
Die antiken Gelehrten Herodot, Strabon und Pausanias der »Polis«. Deren Wurzeln werden ebenfalls kontrovers
berichteten darüber und gaben als ursprüngliche Heimat diskutiert, dürften aber wohl im 8. Jahrhundert v. Chr.
der Ionier mal die Landschaft Messenien, mal die Land­ liegen, als das Morgenlicht eines neuen Zeitalters bereits
schaft Achaia an, beide auf dem Peloponnes. Schließlich erkennbar war. Welche Rolle beispielsweise geografische
setzte sich eine Version der Sage durch, die beide Varian­ Gegebenheiten und Bevölkerungswachstum spielten, ist

74 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


nur mehr schwer abzuschätzen. Wichtige Impulse kamen Schriften und legte damit, über Etruskisch und Latein, die
vermutlich aus Kleinasien, wo Konflikte mit Einheimischen Grundlage des heutigen westeuropäischen Schriftsystems.
ein intensives Miteinander der Griechen bedingten. Wie in der mykenischen Palastzeit war die primäre
Eine Polis war ein relativ kleines Gebilde von 500 bis Motivation zur Einführung einer Schrift sicherlich das
1500 Bürgern; größere Städte wie Athen, Syrakus oder Bestreben nach einer effektiveren Verwaltung. Trotzdem
Milet waren Ausnahmen. Poleis bestanden in der Regel sind die ältesten erhaltenen Texte poetische Äußerungen.
aus einer zentralen Siedlung und dem umliegenden Land. So stand auf einem Becher aus der Mitte des 8. Jahrhun­
Viele schützten sich durch Mauern, manche besaßen eine derts v. Chr. nach Ansicht von Experten: »Des Nestors
hoch liegende Burg, eine Akropolis. Das wichtigste archi­ Becher bin ich, aus dem sich gut trinken lässt. Wer aus
tektonische Element aber war die Agora, ein zentraler diesem Becher trinkt, den wird sogleich Verlangen ergrei­
Platz, auf dem die Einwohner berieten und entschieden, fen, die Gabe der schön bekränzten Aphrodite.« Einige
wo Recht gesprochen wurde und auf der sich das militä­ Jahre oder Jahrzehnte später wurden bereits die ersten
rische Aufgebot sammelte. Denn das Streben der Bürger Meisterwerke der griechischen Literatur verfasst: Homers
nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit war das »Ilias« und »Odyssee«. Schon in hellenistischer Zeit regten
eigentliche Kennzeichen dieser Staatsform. sich Zweifel, ob ein einziger Dichter beide geschaffen
haben konnte. Tatsächlich gibt es Unterschiede zwischen
Die Geburtsstunde der Demokratie den Werken, doch waren diese möglicherweise in einer
lag in den dunklen Jahrhunderten persönlichen Entwicklung des Künstlers begründet. Ob
Die Polis, die immer auch Kultgemeinde war, vielfach sich dieser tatsächlich Homer nannte, bleibt ungewiss.
einen eigenen Kalender besaß und ihre spezifischen Feste Dass er aber aus Kleinasien stammte, gilt dagegen auf
feierte, definierte sich über ihre Bürgerschaft. So ist in den Grund des Dialekts als gesichert.
Quellen nie von einem Staat Athen die Rede, sondern stets Dichter und Werk müssen vor dem Hintergrund einer
von »den Athenern«. Und der Historiker Thukydides kon­ langen Tradition gesehen werden. Es besteht weitgehend
statierte: »Männer machen die Polis aus, nicht Mauern Einigkeit darüber, dass eine Heldendichtung, die von den
oder unbemannte Schiffe.« Daher ist es auch besser, statt Taten herausragender Männer kündete, schon während
von einem Stadtstaat von einem Bürgerstaat zu sprechen, der Bronzezeit existierte. Allerdings war die damals verfüg­
wie ihn der deutsche Althistoriker Alfred Heuss bereits bare Linear-B-Schrift ungeeignet, solche Lieder zu fixie­
1946 nannte. ren – sie wurden mündlich überliefert. Der amerikanische
Unabdingbar für das politische Leben in den Städten Altphilologe Milman Parry (1902–1935) vertrat als Erster
(der Begriff Politik ist direkt von der Bezeichnung Polis die Ansicht, formelhafte Wendungen sowie die regelmä­
abgeleitet) war die wohl um 800 v. Chr. allmählich auf­ ßige Versform des Hexameters hätten ein Grundgerüst ge-
kommende Schrift. Da sie nicht Silben und Symbole ab- schaffen, das Modifikationen auch ohne schriftliche Fixie­
bildete wie das mykenische Linear B, sondern Laute, rung über Jahrhunderte hinweg begrenzte.
genügten weniger Zeichen, um alle gesprochenen Inhalte Die Welt, die Homer schilderte, war eine Welt der
zu notieren: Statt aus 90 Silbenzeichen und etwa 160 Krieger, die Gastmähler feierten, Ehrengaben tauschten, in
Ideogrammen bestand das griechische Alphabet aus nur Wettkämpfen miteinander rangen und Schlachten durch
22 Buchstaben. Es basierte auf dem Phönizischen, das Duelle entschieden. Allerdings gilt sie heute als Fantasie­
man durch Handelskontakte kannte. Wo genau die Anpas­ produkt, in dem Echos aus der Zeit der mykenischen
sung erfolgte, ist unklar. Man hat Orte in Kleinasien und Paläste und den dunklen Jahrhunderten mit der Gegen­
im Nahen Osten vorgeschlagen, aber auch die Inseln wart des Dichters zu einem kunstvollen Ganzen verwoben
Zypern, Kreta und Euböa. sind. Als Quelle taugen sie daher nur bedingt. Vor allem
Das phönizische Alphabet – übrigens auch Ausgangs­ Werte und Moralvorstellungen dürften eher denen des
punkt der aramäischen Schrift, auf der beispielsweise die 8. Jahrhunderts v. Chr. entsprochen haben. Manches
hebräische und die arabische basieren – umfasste 22 Kon­ spricht immerhin dafür, dass die Beschreibungen der
sonantenzeichen. Die Griechen passten es an ihre Sprache örtlichen Gegebenheiten die eines Augenzeugen sind.
an, insbesondere nutzten sie nicht benötigte Symbole zur Homer besuchte möglicherweise die Ruinenstätte an den
Repräsentation von Vokalen. Von den Phöniziern übernah­ Dardanellen, die Archäologen heutzutage als Troja be­
men sie ebenso Reihenfolge und Namen der Buchstaben: zeichnen. Nach Ansicht der Ausgräber gibt es schwache
Aus Aleph, Beth, Gimmel wurden Alpha, Beta, Gamma Hinweise auf kriegerische Ereignisse, jedoch gleich mehr­
und so fort. Dem linksläufigen Vorbild folgend schrieb man fach: in mykenischer Zeit und an deren Ende um 1200 v. Chr.
von rechts nach links, begann aber bald auch die »fur­ Mag es also um die Geschichtlichkeit der homerischen
chenwendige« Schreibweise, bei der die Richtung nach Epen eher schlecht bestellt sein, entfalteten die Werke
jeder Zeile wechselt; sie war bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. unstrittig eine nachhaltige Wirkung. Für jene Griechen, die
gebräuchlich. Von Beginn an gab es ebenfalls die rechts­ am Ende der dunklen Jahrhunderte aufbrachen, der anti­
läufige Schrift. Kleinbuchstaben kannte man in der Antike ken Welt ihren Stempel aufzuprägen, bildeten die Werke
nicht, auch keine Worttrennung. ebenso einen kulturellen Bezugsrahmen wie die Spiele in
Mit ihrer Verbreitung entstanden regionale Varianten. Olympia. Troja und die mit ihm verknüpften Überliefe­
So avancierte das nach Unteritalien gelangte Alphabet der rungen verankerten sich als Erinnerungsorte im kulturellen
euböischen Stadt Chalkis zur Grundlage der italischen Gedächtnis Europas bis in unsere Tage.

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 75


URNENFELDERKULTUR
IM TODE VEREINT
Einfache Urnen statt Hügelgräber – ein Grabritus vernetzte die Völker
und machte die späte Bronzezeit zwischen Karpaten und Pariser Becken
zu einem goldenen Zeitalter.

Frank Falkenstein lehrt Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie an der Universität Würzburg. Der Wandel von
der Hügelgräber- zur Urnenfelderkultur bildet einen seiner Forschungsschwerpunkte. In diesem Rahmen ist er
auch an den im Artikel erwähnten Ausgrabungen auf dem Bullenheimer Berg beteiligt.

 spektrum.de/artikel/1431436


Der Gegensatz hätte nicht größer sein können: Wäh- Ihren Ursprung nahm sie im Karpatenbecken, das heute
rend die Palastzivilisationen des östlichen Mittelmeer- großenteils zu Ungarn gehört und vom Mittellauf der
raums auf ihr Ende zusteuerten, entstand im Karpa- Donau sowie der Theiß durchquert wird (siehe Karte
tenbecken die »Urnenfelderkultur«, und während einst- S. 10/11). In diesem Kerngebiet wurden typische Elemente
mals große Reiche in kleinräumige Gebilde zerfielen, bereits in der frühen Bronzezeit (etwa 2200–1600 v. Chr.)
vernetzten sich die Völker Mitteleuropas bis zum Pariser angelegt. So ersannen Gruppen im östlichen Teil der
Becken zu einem gemeinsamen Kulturraum. Der brachte Tiefebene das Riefendekor der Feinkeramik, und an der
brillante Bronzegießer ebenso hervor wie produktive Donau bildete sich der neue Grabritus auf der Grundlage
Bauern und erfolgreiche Krieger. Das wichtigste und daher älterer Formen heraus: Ein Verstorbener wurde verbrannt
namengebende Erkennungsmerkmal aber war ein neuer und seine Asche zusammen mit kleineren Gefäßen und
Bestattungsritus: In der mittleren Bronzezeit (etwa 1600– manchmal Resten des Scheiterhaufens in eine Urne ge-
1300 v. Chr.) setzten die Sippen der Oberschicht Leich- füllt. Mit einer Schale abgedeckt hat man sie in einem
name traditionell in Hügelgräbern bei, in der späten Bron- einfachen Grab im Boden versenkt – ein Ritus von erstaun-
zezeit (etwa 1300–800 v. Chr.) verbrannte man die Körper licher Schlichtheit und geradezu orthodoxer Strenge.
auf Scheiterhaufen und gab die Überreste in Keramik­ In dessen Verbreitung im Karpatenbecken ab der Mitte
urnen. Die hatten meist eine polierte Oberfläche und breite des 2. Jahrtausends v. Chr. spiegelt sich vermutlich die
Schmuckriefen. Man vergrub sie in flachen, das heißt Ausbreitung neuer Jenseitsvorstellungen im Kontext einer
hügellosen Gräberfeldern. dogmatischen Religion. Frühe Formen der Symbolsprache
Dass sich über Tausende von Kilometern hinweg ein zeigen aus Ton geformte Kultfiguren, die in Dupljaja, einer
kulturelles Netzwerk ausbildete, verraten auch weitere Ausgrabungsstätte des 14. Jahrhundert v. Chr. im heutigen
charakteristische Elemente: ein überregionales Formenre- Serbien (siehe Bild S. 80). Auf diesen Abbildern göttlicher
pertoire an bronzenen Waffen, Geräten und Schmucktei- Mächte wurden erstmals die Motive Wasservogel, Barke
len; zudem eine einheitliche Bildsprache aus figürlichen und Speichenrad kombiniert.
und geometrischen Zeichnungen sowie die Sitte, Bronzen
in so genannten Horten zu deponieren. Tradition und neuer Ritus vermischen sich
Trotz all dieser Gemeinsamkeiten ist die Urnenfelderkul- Ab dem 13. Jahrhundert v. Chr. hatten sich alle Charakte­
tur nicht leicht zu definieren. Denn einerseits variieren ristika im Karpatenbecken etabliert. Nun expandierte die
diese Kennzeichen selbst im Entstehungsgebiet, anderer- Urnenfelderkultur entlang der Donau gen Westen, über-
seits waren manche davon auch andernorts gebräuchlich: wand die Alpen und gelangte bis nach Ostfrankreich.
Brandbestattung, Riefenverzierung und das typische Allerdings übernahmen mitteleuropäische Gruppen die
Symbolgut finden sich ebenso weiter nördlich wie südlich, verschiedenen Elemente zunächst nicht als Komplettpaket.
beispielsweise im Ostseeraum beziehungsweise in Italien. So ersetzte die Brandbestattung zwar allmählich traditio-
Experten betrachten die Urnenfelderkultur daher nicht als nelle Körpergräber nördlich der Alpen, doch das Urnen-
Ethnie, sondern als das archäologisch fassbare Ergebnis grab blieb dort zunächst eine Sonderform. Gebräuchlicher
einer vermutlich religiös motivierten Bewegung, die von war es, entweder über dem niedergebrannten Scheiter-
ihrem Kerngebiet aus immer mehr Gruppen erfasste. haufen einen Grabhügel zu errichten (Brandflächengrab)

76 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Die wohl kunstvollsten bislang
entdeckten Artefakte der mittel-
europäischen späten Bronzezeit
sind vier Hüte aus papierdünnem
Goldblech (im Bild: der Goldhut
von Schifferstadt). Jeder von
ihnen wurde aus einem wenige
hundert Gramm schweren Gold-
klumpen getrieben und mit
Mustern verziert. Manche Exper-
ten glauben, dass die Ornament-
bänder astronomisches Wissen
zum Sonnen- und Mondzyklus
enthalten. Wahrscheinlich trugen
Priester die Goldhüte bei öffentli-
chen Zeremonien.
KURT DIEHL; MIT FRDL. GEN. VOM HISTORISCHEN MUSEUM
DER PFALZ SPEYER (SAMMLUNG URGESCHICHTE)

oder ihn in eine Grube umzulagern, sei es komplett (Brand- Freilich war das nicht der einzige Grund, dem schlichte-
schüttungsgrab), sei es nur die aus der Asche geklaubten ren Ritus den Vorzug zu geben. Sicher spielte auch ein
Knochenstücke (Leichenbrandlager). Schließlich kam man Mentalitätswandel eine Rolle. Man gedachte der Toten
ganz vom Grabhügel ab, wohl aus ökonomischen Grün- nicht mehr durch einen Hügel als dauerhaftem Erinne-
den. Experimente zeigten, dass das Verbrennen einer rungsmal in der Landschaft, sondern durch die kollektive
Erwachsenenleiche den ein- bis zweifachen Jahresbedarf Erinnerung an die spektakuläre Verbrennung.
einer Person an Holz erforderte. Diese Menge zu schlagen Im Kielwasser der bereitwillig übernommenen Brandbe-
beziehungsweise zu sammeln, entsprach etwa dem Zeit- stattung entstanden im 13. Jahrhundert v. Chr. auch im
bedarf für die Errichtung eines traditionellen Grabhügels Alpenvorland und in der oberrheinischen Tiefebene erste
mit etwa sieben Meter Durchmesser. Verzichtete man auf Inseln der Urnengrabsitte, vermutlich von einzelnen Per-
diese, blieb der Aufwand zumutbar. sonen oder kleinen Gruppen eingeführt. Möglicherweise

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 77


agierten diese als Missionare einer Art Heilslehre, deren Niederrheinischen Bucht, in Südosteuropa reichte der
religiöse Inhalte uns freilich verborgen bleiben, so dass Einfluss in den Balkanraum hinein, weiter nach Nordgrie-
wir hierüber nur spekulieren können. Allerdings sprach sie chenland und sogar über die Ägäis hinaus bis nach Troja.
bis ins folgende Jahrhundert hinein wohl eher untere Dass die Urnengrabsitte zu einem derartigen Massen­
Gesellschaftsschichten an. Denn eine schlichte Bestattung phänomen wurde, spricht deutlich für eine bereitwillige
widersprach dem Repräsentationsbedürfnis der Eliten. Übernahme durch breite Bevölkerungsgruppen. Vielleicht
Zwar übernahmen sie überwiegend die Brandbestat- lag der Reiz der uniformen Bestattungsart in egalitären
tung, doch statt in puristischen Urnengräbern ließen sich Jenseitsvorstellungen, die als Gegenkonzept zur gesell-
wohlhabende Krieger und ihre Familien wie seit alters her schaftlichen Ungleichheit im Leben eine bessere Existenz
mit wertvollen Beigaben in Grabkammern aus Steinen und im Tod versprachen.
Holz beisetzen. Die Brandreste wurde auf dem Steinpflas­
ter des Kammerbodens ausgestreut und die Beigaben wie Bronzen als Opfer für die Götter
bei einer Körperbestattung dort abgestellt. Sie verraten Von Waffen- oder Schmuckbeigaben, die Statusunter-
noch mehr Details über die Begräbnissitte der Ober- schiede sichtbar machten, kam man im Lauf der Zeit zwar
schicht: Die reichsten Gräber im Alpenvorland bargen ab. Dass aber gesellschaftliche Gleichheit keineswegs der
verschmolzene Reste bronzebeschlagener Prunkwagen. Realität entsprach, unterstreichen Deponierungen kost-
Der Verstorbene wurde wohl auf solch ein Fahrzeug ge- barer metallener Ritual- und Prestigeobjekte. Dergleichen
bettet, in einer Prozession zum Verbrennungsplatz geleitet, war während der Bronzezeit ein in Europa verbreiteter
und dort mitsamt Waffen, Trinkgeschirr und Speisen Brauch, der in der Urnenfelderkultur aber verstärkt ausge-
eingeäschert. Immerhin zeigen etliche Darstellungen von übt wurde. In Flüssen und an Quellen versenkte man
Wasservögeln auf den Wagenbronzen, dass man die vornehmlich Waffen und Geräte, also etwa Schwerter,
Symbolsprache der Urnenfelderkultur bereits übernom- Messer, Lanzen, Arbeitsbeile und Sicheln. Zu den wert-
men hatte. vollsten Artefakten, die bislang zu Tage kamen, zählen
Erst ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. setzte sich die Helme und Schilde aus Bronzeblech, die aus dem Rhein
Urnenbestattung in unspektakulären Gräbern als zentrales und Main geborgen wurden, und eine Beinschiene aus der
Merkmal in Mitteleuropa weitgehend durch. Von den oberen Donau – also Rüstungsteile, die aus dem Besitz
fruchtbaren Siedlungsgebieten entlang der großen Flüsse von reichen Kriegern stammten. Experten werten die
aus expandierte die nun voll entfaltete Urnenfelderkultur absichtlich versenkten Metallobjekte als Opfergaben für
bis ins 9. Jahrhundert v. Chr. immer weiter. In Deutschland Flussgottheiten. Von Individuen dargebracht, häuften sie
fand sie ihre nördlichste Grenze beispielsweise in der sich an manchen Furten, Zusammenflüssen und Strom-
schnellen von Rhein, Main und Donau, vielleicht weil man
sich an derart markanten Flussabschnitten einen besonde-
In einem Gräberfeld bei Langenpreising in Bayern kam diese ren Zugang zu den Wassergottheiten versprach.
Urne aus dem 12. bis 11. Jahrhundert v. Chr. zum Vorschein. Ein Pendant bilden unzählige einzelne Bronzen im Erd-
Sie trägt die typische Riefenverzierung der Urnenfelder- boden. Manche wurden in Felsspalten gefunden, andere
kultur. Im Gefäß­innern entdeckten die Archäologen kleine vergraben unter Steinen, am Fuße von Felstürmen und
Keramikbehälter. Darin lagen geschmolzene Bronzebeigaben, -wänden. In solchen Fällen bestehen kaum Zweifel daran,
die aus den Überresten des Scheiterhaufens geborgen dass auch sie als Bitt- oder Dankopfer dienten, diesmal
worden waren. freilich für Erdgottheiten.
MIT FRDL. GEN. VON ARCTRON 3D

78 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Manche Horte umfassten nicht nur Einzelstücke, son-
dern zahlreiche Objekte; sie wiegen dann mitunter etliche
Kilogramm. Generell gibt es davon zwei Arten: Fertig­ AUF EINEN BLICK
waren- und Brucherzdepots. Erstere enthalten entweder EUROPAWEITES NETZWERK
verschiedene gebrauchstüchtige und prestigeträchtige
Geräte, Schmuckstücke und Waffen, dabei stets be-
schränkt auf wenige Grundformen. Als Idealform galt 1 Im 16. Jahrhundert v. Chr. begannen einige Gruppen
des Karpatenbeckens, ihre Toten zu verbrennen und in
Urnen zu bestatten. Dieser schlichte Ritus verbreitete
anscheinend das Deponieren einer einzigen Sorte von
Objekten wie Beile, Sicheln oder Ringe. Grabungen am sich bis nach Ostfrankreich.
Bullenheimer Berg und ein Hort mit Brillenspiralen bei
Tauberbischofsheim lassen vermuten, dass zumindest
manche Fertigwarenhorte am Fuß hölzerner Kultpfähle
2  uch ein gemeinsames Symbol- und Formenreper-
A
toire zeigt, wie die »Urnenfelderkultur« Völker einte
und vernetzte. Experten vermuten, dass es sich um
vergraben wurden. Auch besondere Anordnungen von eine religiöse Bewegung handelte.
Bronzen im Boden, die keinen erkennbaren praktischen

3
Nutzen hatten, gelten als rituelle Niederlegung, waren also  rab- und Hortfunde zeugen von hochentwickelten
G
wahrscheinlich Opfergaben an Erdgottheiten. Bronzegusstechniken, demonstrieren aber auch, dass
Brucherzdepots umfassen bis zu mehrere hundert die Gesellschaft keineswegs egalitär war. Die Ober-
Stücke, darunter gussfrische wie gebrauchte und schad- schicht verzichtete nur auf repräsentative Grabbauten.
hafte, zudem Werkzeuge, Schmuckteile und Waffen im
Verein – ein Sammelsurium der Sorten und Formen. Dazu
kommt zu einem beträchtlichen Teil Rohmetall in Form von
Barren, Gusskuchen und anderen Produktionsabfällen. immer kompliziertere Produkte. Meisterhafte Handwerker
Das auffälligste Merkmal aber ist: Etliche Bronzen wurden fertigten Tassen, Becken, Eimer und Amphoren aus deko-
durch gezielte Schläge mit Hammer und Meißel zerteilt, riertem Bronzeblech, aber auch Helme, Brustharnische,
Bleche und Bronzedraht zu kompakten Stücken gefaltet Beinschienen und Schilde. Zu den Spitzenleistungen
und gebogen. Manche Forscher interpretieren diese Stü- dieser Zeit zählen die »Goldhüte« (siehe Bild S. 77), deren
ckelung als eine Art Währung, denn solcher Bronzeschrott Dekor mit Hämmern und Schlagstempeln aus papierdün-
konnte Platz sparend gelagert und transportiert, portioniert nem Goldblech gearbeitet wurden. Diese wurden wohl
und bei Bedarf eingeschmolzen werden. Da einige Stücke von Priestern bei öffentlichen Zeremonien als Teil eines
an den Bruchkanten stark abgenutzt sind, zirkulierten sie Festgewandes getragen.
wohl schon lange Zeit in der Funktion als Zahlungsmittel.
Durch Einlagern in Gefäße und Vergraben an unauffälligen Ein Amboss für reisende Schmiede
Stellen sollten diese Schätze vielleicht vor Räubern ge- Manche Metallhandwerker reisten durchs Land, um den
schützt werden. Insbesondere am Anfang und am Ende Alltagsbedarf der Weiler und Hofsiedlungen zu decken.
der Urnenfelderzeit kamen manche Besitzer aber offenbar Der leider unvollständig erhaltene Werkzeugkasten aus
nicht zurück – so dass viele der Schätze erst nach Jahr­ Génelard in Frankreich etwa enthielt einen kreuzförmigen
tausenden und meist durch Zufall entdeckt werden. Steckamboss, also einen kleinen, gut zu transportierenden
Den Forschern künden Hort- und Grabfunde von der Amboss, der in einen Holzstamm gesteckt werden muss-
großen Expertise der Metallhandwerker. Komplexe Objekte te, um die Wucht der Schläge aufzunehmen. Ferner um-
wie bronzene Wagenräder demonstrieren die perfekte fasste das Set einen Hammer, der seiner Form nach wohl
Beherrschung des so genannten Gusses in verlorener dazu diente, aus Blechen dünne Tüllen zu treiben. Hinzu
Form und des Überfanggusses, mit dem ein Bronzeteil an kamen verschiedene Schlägel, um Muster in Bleche zu
ein schon bestehendes angefügt wird. Bei der Technik der punzen. In größeren Siedlungen gab es auch feste Werk-
verlorenen Form wird von dem gewünschten Stück zu- stätten, die sich auf die Fertigung von Objekten in größe-
nächst ein Wachsmodell angefertigt. Das ummantelt man ren Serien verstanden. So stießen Archäologen im baden-
mit Ton, beim Brennen schmilzt das Wachs aus, und es württembergischen Neckargartach auf Sandsteinformen
entsteht eine feste Hohlform für den Bronzeguss. Weil für den Zweischalenguss. Da diese Modeln mehrfach zu
nach dem Abkühlen des Metalls die Form zerschlagen verwenden waren, konnten mit ihnen Schwerter, Sicheln,
werden muss, um das Produkt zu gewinnen, erzeugt diese Tüllenbeile und Pfeilspitzen in größeren Stückzahlen
Methode stets Unikate. Die Einzelteile eines bei Achols- hergestellt werden.
hausen ausgegrabenen Kesselwagenmodells entstanden Im östlichen Mittelmeerraum rüsteten sich Fußsoldaten
auf diese Weise und wurden dann zusammengenietet. im 13. und 12. Jahrhundert v. Chr. mit bronzenen Angriffs-
Das Besondere am Überfangguss ist nun, dass Wachs- und Schutzwaffen aus, die ihren Ursprung in der Urnenfel-
und Tonmodell um ein schon bestehendes Bronzeteil derkultur haben: Griffzungenschwerter und Lanzen mit
herum geformt werden, um dann beide durch den Guss Tüllenspitzen, Kammhelm, Glockenpanzer, Beinschienen
ohne Nieten miteinander zu verbinden. und Rundschilde. Vermutlich führten Krieger von der
Auch Techniken der Blechbearbeitung wie Formen mittleren Donau dergleichen in Griechenland ein. Vielleicht
herauszutreiben oder Teile durch Vernieten oder Löten hatten mykenische Fürsten sie als Söldner angeworben,
zusammenzufügen wurden weiterentwickelt und erlaubten nach dem Untergang der Paläste bestritten sie womöglich

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 79


als Marodeure und Piraten ihr Leben. Einige gelangten im und Linse auch die aus dem Mittelmeerraum eingeführte
frühen 12. Jahrhundert v. Chr. wohl bis nach Zypern, Ackerbohne. Ab etwa dem 11. Jahrhundert v. Chr. kulti-
Palästina und Ägypten, wo sich ihre Spuren verlieren, von vierten die Landwirte der Urnenfelderkultur bereits Som-
einem Echo im Kriegsbericht über die »Seevölker« abgese- mer- und Wintergetreide, ergänzten die Nahrung in gro­
hen (siehe den Beitrag S. 6). Wie alle Zivilisationen des ßem Umfang mit Hülsenfrüchten und hielten große Her-
Altertums hing das Wohl und Wehe der Urnenfelderkultur den auf ausgedehnten Weideflächen.
letztlich aber von der Produktivität ihrer Landwirte ab. All diese Weiterentwicklungen und Innovationen der
Jagd, Fischfang und das Sammeln von Wildpflanzen Landwirtschaft trafen im 11. bis zum 9. Jahrhundert v. Chr.
ergänzten zwar den Speiseplan, doch die Grundversor- mit einem günstigen Klima zusammen, das den mittel­
gung stammte aus Haustierhaltung und Pflanzenbau. europäischen Siedlungslandschaften reiche Getreide-
Rind, Schaf, Ziege und Schwein wurden im kontinen- ernten bescherte. Eine warme und trockene Witterung
talen Europa seit Beginn der Jungsteinzeit domestiziert. begünstigte den Ackerbau in den humiden Klimazonen
Sie lieferten Fleisch, Milch und Wolle. Hinzu kam nun das Europas und gestattete es, trockengefallene Seeufer und
Pferd, das zunächst wie das Rind als Last- und Zugtier Höhenlagen der Mittelgebirge zu besiedeln. Wohl ausge-
diente. Frühe Belege für das Reiten finden sich erst am löst durch ein Bevölkerungswachstum nutzte man weniger
Übergang zur Eisenzeit. ertragreiche Gebiete nun ebenfalls als Lebensraum.
Die Tierhaltung profitierte von einer Erfindung aus der
mittleren Bronzezeit: der bronzenen Schlagsichel. Denn Neue Gebiete werden erschlossen
damit konnten Getreidehalme dicht über dem Boden abge- Ein Beispiel für eine typische Flachlandsiedlung bietet das
schnitten werden. Die Ernte lieferte also neben dem Korn vollständig ausgegrabene Dorf von Dietfurt-Schleuse im
auch Stroh als Futtervorrat für die Überwinterung größerer bayerischen Altmühltal. Die tief eingegrabenen Holzpfos­
Herden. Noch innovativer waren die Bauern in der späten ten der Häuser waren noch als Bodenfärbungen erkenn-
Bronzezeit. Neben der Gerste bauten sie in großem Um- bar. Prähistoriker können anhand dieser Informationen die
fang nun auch den robusten Dinkel und die genügsame Grundrisse einzelner Gebäude wie auch die Dorfstruktur
Hirse an sowie neben der seit Langem heimischen Erbse rekonstruieren. Demnach bestanden die Hauswände aus
tragenden Pfosten, deren Zwischenräume mit Flechtwerk
gefüllt waren, das wiederum mit Lehm beworfen und
Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte ein Bauer dieses verputzt worden war. Um eine Wegkreuzung in der Dorf-
tönerne Kultwagenmodell bei Dupljaja im nördlichen Serbien. mitte gruppierten sich schachbrettförmig einige Gehöfte
Anhand der Verzierungen mit weißer Kalkpaste lässt es sich mit frei stehenden Wohnhäusern, Schuppen und Vorrats-
sich in die mittlere Bronzezeit datieren, entstand also spätes­ bauten. Ein Töpferofen am Rand der Ansiedlung wurde
tens im 14. Jahrhundert v. Chr. Das Besondere der Objekte wahrscheinlich gemeinschaftlich genutzt.
aber ist, dass die zentralen Symbole der Urnenfelderkultur – Die Wasserburg Buchau in Oberschwaben war eine
Wagen, Speichenrad, Barke und Wasservögel – erstmals und typische Feuchtbodensiedlung der Urnenfelderzeit. Das
gemeinsam auftreten. Dorf lag am Ufer des heute weitgehend verlandeten Feder-
sees, umgeben von einem Palisadenring. Die flach auf den
moorigen Untergrund gesetzten Häuser waren in Block-
AKG IMAGES / ERICH LESSING

haustechnik errichtet. Anhand der Jahrringsequenzen der


verbauten Hölzer ermittelten Forscher, wie lange die
Niederlassung bestanden hatte: Die Siedlung wurde um
1055 v. Chr. gegründet und gegen 850 v. Chr. aufgegeben,
weil der See das Areal überflutete.
Schon im 14. und 13. Jahrhundert entstanden erste
Burgen im Gebiet der Urnenfelderkultur. Sie waren viel-
leicht von den monumentalen Palastzentren des mykeni­
schen Griechenlands inspiriert, die zur gleichen Zeit aufka-
men. Ab dem 11. Jahrhundert v. Chr. wurden zahlreiche
neue befestigte Orte auf Kuppen, Plateaus und Spornen
der Mittelgebirge angelegt. Forschern bieten die Anlagen
ein erstaunlich uneinheitliches Bild: Manche waren dicht,
andere lückenhaft bebaut; einige bedeckten mehr als 100
Hektar, andere beschränkten sich auf ein Hektar Fläche; es
gab Orte mit mächtigen Befestigungsmauern und gänzlich
unbefestigte. Gemeinsam ist den meisten, dass die Versor-
gung der Einwohner auf Grund der schweren Zugänglich-
keit einer durchdachten Logistik bedurfte. Somit stellt sich
die Frage nach dem Zweck des Aufwands.
Manche der Anlagen dürften in Kriegszeiten als Schutz-
burgen gedient haben, ihren Hauptzweck aber erfüllten sie

80 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


wändige Hangterrassierungen, zentrale Baulehmgewin-
nung, künstliche Mulden, um Trinkwasser zu sammeln,
LANDESMUSEUM WÜRTTEMBERG, STUTTGART / P. FRANKENSTEIN, H. ZWIETASCH

und nicht zuletzt die mehrphasigen Ring- und Abschnitts-


mauern, die das Plateau umziehen und die Innenfläche
abriegeln, zeugen von einem wohlorganisierten Gemein-
wesen. Funde von Kupferbarren weisen den Bullenheimer
Berg als Umschlagplatz des Fernhandels aus. Ein aus
Goldblech gefertigtes Priestergewand sowie Bronzebe-
schläge von Zeremonialwagen, wie sie bei Prozessionen
und Bestattungsfeierlichkeiten zum Einsatz kamen, deuten
zudem auf ein hoch entwickeltes Kultwesen in der Nieder-
lassung.

Die fetten Jahre sind vorbei


Ab der Mitte des 9. Jahrhundert v. Chr. verschlechterte
sich das Klima jedoch zu einer feucht-kühlen Witterung,
was die Erträge der Landwirtschaft schmälerte und die
Versorgung der Burgen schwieriger machte. So verwun-
dert es nicht, dass sich das Areal auf dem Bullenheimer
Berg innerhalb weniger Jahrzehnte entvölkerte. Bezeich-
nenderweise stammen gerade aus dieser Phase zahlreiche
so genannte Hortfunde, die als Opfergaben dargebracht
oder schlicht vor Feinden versteckt wurden. Auch alle
anderen schwer zugänglichen Höhensiedlungen wurden in
dieser Zeit aufgegeben. Ein Grund war vielleicht das Ver­-
siegen der ost- und zentralalpinen Kupfervorkommen –
Handelsrouten durchquerten bald andere Gebiete. Diese
Krise begünstigte die Einführung eines neuen Metalls, das
zwar zunächst qualitativ schlechter als Bronze, dafür aber
Dieses Depot von 19 Gussformen aus Sandstein wurde in leichter herzustellen und überall verfügbar war: das Eisen.
Baden-Württemberg ausgegraben. Es stammt aus dem Mit dem Ende der Bronzeära ging offenbar ein gesell-
9. Jahrhundert v. Chr., also der Spätphase der Urnenfelder- schaftlicher Wandel einher. Insbesondere gaben sich die
kultur. Mit diesem Set vermochte ein Bronzehandwerker Repräsentanten der Führungselite wieder im Totenritual zu
beispielsweise Schwerter, Sicheln, Tüllenhämmer, Pfeilspit- erkennen. Das Brandgrab von Wehringen in Bayerisch
zen und Messer in Serie herzustellen. Schwaben markiert diesen Übergang. Obwohl die Kera-
mik- und Metallformen der Beigaben noch der Urnenfel-
derkultur verhaftet waren, bildeten die hölzerne Grabkam-
vermutlich im Kontext des Fernhandels. Ein prägnantes mer unter einem aufgeschütteten Hügel und kostbare
Beispiel dafür ist die Heunischenburg in Nordbayern. In Beigaben wie ein vierrädriger Wagen, ein Bronzeschwert
einer kaum bewohnten Gegend gelegen, gab sie die und Goldschale den Prototyp für die Selbstdarstellung
Kontrolle über den Gütertransport von den Kupfer- und eines frühkeltischen Häuptlings. Die so genannte Hallstatt-
Zinnlagerstätten des Fichtelgebirges an den Main sowie kultur tradierte ungeachtet aller Entwicklungen in Techno-
durch das thüringisch-fränkische Schiefergebirge an die logie, Wirtschaft und Gesellschaft das urnenfelderzeitliche
obere Saale. Zahlreiche Waffen und Rüstungsteile bele- Formen- und Symbolgut noch bis in die Mitte des 1. Jahr-
gen, dass dort Krieger stationiert waren. Auch eine aus tausends v. Chr. Erst die Kelten der griechisch-römischen
Steinblöcken geschichtete Verteidigungsmauer mit vorge- Antike ließen diese Traditionen ganz hinter sich und
lagertem Graben sowie eine durch Mauerwangen stark formten im Kontakt mit den Völkern des Mittelmeerraums
gesicherte Toranlage belegen den militärischen Charakter. eine neue Kultur.
Zudem lässt sich an den Ausgrabungsbefunden ablesen,
dass diese Festung mehrmals angegriffen und dabei
beschädigt wurde. Die letzte Eroberung gegen Ende der QUELLEN
Urnenfelderzeit ist besonders eindrücklich dokumentiert: Großmann, G. U. et al.: Gold und Kult der Bronzezeit. Katalog zur
Die Torgasse war mit Waffenteilen übersät. Die Befesti- Ausstellung vom 22.5. bis 7.9. 2003. Germanisches Nationalmuse-
gung wurde danach endgültig geschleift. um, Nürnberg 2003
Einen anderen Zweck verfolgte man wohl mit der durch Primas, M.: Bronzezeit zwischen Elbe und Po. Strukturwandel in
einen Ringwall geschützten Höhensiedlung auf dem Zentraleuropa 2200–800 v. Chr. Universitätsforschungen zur Prä-
Bullenheimer Berg. Sie lag am Rand eines stark besiedel- historischen Archäologie 150. Habelt, Bonn 2008
ten Gebiets am Main. Im 11. und 10. Jahrhundert v. Chr. Von Schnurbein, S. (Hg.): Atlas der Vorgeschichte. Europa von den
war das 30 Hektar große Bergplateau dicht bebaut. Auf- ersten Menschen bis Christi Geburt, Konrad Theiss, Darmstadt 2014

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16 81


Die nächste Ausgabe dieser Reihe ist ab 17. 3. 2017 im Handel.

VORSCHAU
GÖTTER, GRÄBER, THEMEN SIND UNTER ANDEREM:

ARCHÄOLOGEN GESELLSCHAFTSWANDEL
Im Lauf seiner Geschichte verstand es der Mensch, sich sogar an
AM ENDE DER EISZEIT
widrigste Umstände anzupassen, um zu überleben. Aus einfachen Als Wälder die eisigen Tundren
Sippen von Jägern und Sammlern entwickelten sich komplexe verdrängten und die großen Herden
Gesellschaften, die ihren Göttern Tempel bauten. Freilich: Wo Licht gen Norden verschwanden, mussten
ist, da gibt es auch Schatten. Zu den dunklen Seiten unserer Ge- die Menschen ihre Lebensweise
schichte gehören Krieg und Versklavung. Der Wunsch, die Gegen- anpassen. Dabei zerrissen allmäh-
wart und die Besonderheiten unserer Spezies durch den Blick in lich auch soziale Netzwerke, die den
die ferne Vergangenheit besser zu verstehen, treibt Archäologen Jägern jahrtausendelang Schutz
und Historiker an. Wir haben einige Highlights ihrer Arbeit für Sie geboten hatten.
zusammengestellt.

MUSLIMISCHE WURZELN
DER RENAISSANCE?
Al-Andalus, das islamische Reich in
Spanien, vermittelte europäischen
Gelehrten nicht nur das Wissen der
Antike, sondern inspirierte wohl auch
das Menschenbild der Renaissance,
wie Archäologen herausfanden.

IM RÜCKWÄRTSGANG
IN DIE ZUKUNFT
Früher war alles besser? Diese
Meinung ist keine Erfindung
unserer Zeit: Die Verhältnisse einer
als ideal geltenden Vergangenheit
wiederherzustellen, galt als eine
der wichtigsten Aufgaben meso-
potamischer Herrscher.

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82 Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur  4.16


Archäologie Geschichte Kultur

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