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spe z i A l

A r c h ä o l o g i e · g e s c h i c h t e · K u lt u r

Die gallier
Krieger, Händler und Druiden
spezial archäologie · geschichte · Kultur 4/13

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04

RElIgIoN MIlITäR SPR ACHE


4 198306 908901

Mysteriöser Kult heldentod auf Das gallische erbe


der totenschädel dem schlachtfeld des Französischen

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Editorial

klaus-dieterLinsmeier
redakteurdieserAusgabe

Was wäre, wenn …

…d er Stamm der Helvetier 58 v. Chr. nicht aufge-


brochen wäre, um von der heutigen Schweiz
an die Atlantikküste zu ziehen? Hunderttausende
einer Schrift bedurft, und die war in Gallien eher
ungebräuchlich.
Sonst aber dürfte vieles auch ohne Cäsar so
von Männern, Frauen und Kindern durchquerten gekommen sein, wie es kam. Denn schon lange
die Gebiete anderer gallischer Stämme. Von diesen vor der Eroberung hatten gallische Stämme man-
um Hilfe gebeten, eilte der Prokonsul der römi- ches von Griechen und Römern übernommen,
schen Provinzen Illyrien, Gallia Cisalpina und selbst die Demokratie war zumindest einigen nicht
Gallia Narbonensis mit seiner Armee herbei: Gaius fremd. Das Bild von den langhaarigen, saufenden
Julius Cäsar. und grausamen Barbaren, das sich seit der Antike
Ohne diese Migration hätte der Feldherr keinen hartnäckig hält, ist nach heutiger Kenntnis schlicht
Grund für den Einmarsch in Gallien gehabt. Doch falsch: Die Romanisierung war längst in vollem
so kam er, sah und siegte – und blieb. Andernfalls Gang – und wäre auch ohne die Niederlage in
würden unsere linksrheinischen Nachbarn heute Alesia über die Gallier hinweggerollt.
vielleicht Keltisch sprechen statt Französisch. Das
Land hätte vermutlich auch keine Literaten und
Philosophen hervorgebracht, denn dazu hätte es

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I N H A LT

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Alltag in Gallien Tradition aus dem Osten? Blutige Realität


Die Bewohner der gallischen In der Nekropole von Roissy fanden sich Bei Ribemont-sur-Ancre enthaup-
Dörfer waren bestens organisiert Achsnägel aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., teten Gallier ihre Feinde und
und lebten fern jeder ländlich- die in praktisch identischer Form auch stellten sie zusammen mit ihren
rustikalen Romantik. im bulgarischen Mezek entdeckt wurden. Waffen zur Schau.

POLITIk uNd GeseLLscHAfT sieDLungsForschung ReLIGION


22 Anatomie einer Keltenstadt
Forschungsgeschichte Fabrice Bessière DruiDen
6 Klischees mit Tradition Bibracte erlaubt tiefe einblicke in die 42 Die Mär vom heiligen Hain
Christian Goudineau anlage spätkeltischer oppida. Christian Goudineau
Das Bild vom barbarischen gallier Mit heutigen esoterischen idealen
haben Forscher längst revidiert. keLTIscHe WuRzeLN hatten die Druiden wenig gemein.

WirtschaFt Frühe KeLten reLigionsgeschichte


16 Gold für den Krieg, 26 Druiden, Ritter, Fürstinnen 48 Ex oriente lux
Bronze für den Alltag Dirk Krausse Jean-Louis Brunaux
Pierre-Marie Guihard im 6. Jahrhundert v. chr. hatten auch Die keltische religion wurzelt im
Lange vor der römischen eroberung Frauen politischen einfluss. nahen und Mittleren osten.
gab es in gallien eine geldwirtschaft.
ausgraBungen Bei Paris GefüRcHTeTe kRIeGeR
intervieW 34 Die Nekropole von Roissy
20 »Viele gallische Stämme Thierry Lejars iDeoLogie
hatten eine Art Basis- Forscher haben neue erkenntnisse 54 Feindbild Gallier
demokratie etabliert!« über die Prunkwagen in keltischen Patrick Thollard
Jean-Louis Brunaux glaubt: Die gräbern. Das Klischee von den »Barbaren«
gallier hatten ein »nationalgefühl«. war politisch nützlich.

4 SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
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Nackt und gefährlich er kam, sah und kultivierte?


Den Tod auf dem Schlachtfeld Aus Sicht des 19. Jahrhunderts beendete Gaius Julius Cäsar
fürchteten gallische Kämpfer Galliens Barbarei und brachte den keltischen Stämmen die
nicht, im Gegenteil: Für sie war Hochkultur. Tatsächlich verlief dieser Wandel weit komplexer
er ein Ideal. und war teilweise von den Galliern gewollt.

KriegsMoraL dIe ROmANIsIeRuNG uNd


58 Tapfer in den Tod IHRe fOLGeN
Jannick Ricard 3 Editorial
gallische Krieger waren als gegner roManisierung
19 Impressum
gefürchtet, als söldner beliebt. 80 Ganz Gallien war besetzt
90 Vorschau
Daniel Paunier
WaFFenoPFer am ende wurden aus Kriegern brave
66 Mit dem Schwan Bewohner des imperiums.
in den Kampf
Christophe Maniquet LinguistiK
in einem hort fanden sich schwer- 86 Trümmersprache Gallisch
ter, Lanzen – und zwei rätselhafte, Pierre-Yves Lambert
schwanenförmige helme. Die wenigen erhaltenen inschrif-
ten machen es schwer, die gallische
Krieg gegen roM sprache zu rekonstruieren.
70 Das Ende der Freiheit
Alain Deyber sPrachForschung
Mit der unterwerfung des Feldherrn 88 Wortarmes Erbe
titelmotiv: aKg images / De agostini Picture Library
vercingetorix war gallien noch lange Christian Goudineau »verwundeter gallier«: römische Kopie einer griechischen
nicht befriedet. gallische Begriffe prägen die geo- skulptur, die Pergamons König attalos ii. im 3. Jahrhundert
anlässlich seines siegs über die gallier in der akropolis
grafie Frankreichs bis heute. aufstellen ließ.

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forSchungSgESchIchtE

Klischees mit Tradition


Seit dem 19. Jahrhundert verbreiten Schulbücher wie auch Comics
das Bild eines rustikalen Gallien – das den Erkenntnissen der
Archäologen und Historiker jedoch längst nicht mehr standhält.
Von Christian Goudineau

Das südgallische Dorf beim heutigen


Martiques war gut organisiert.
Klischees ländlich-rustikaler Romantik
können die Ausgräber jedoch nicht
bestätigen.

mit frdl. GEn. von dEniS dElpAlillo

6 SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
»Was ist ein barbarisches Volk? – Ein barbarisches Volk ist ein Volk,

roGEr AGACHE / CC-By-SA-2.5 (CrEAtivECommonS.orG/liCEnSES/By-SA/2.5)


das weder weiß, wie man den Boden kultiviert, noch wie man die
Metalle verarbeitet, das keine Schulen hat und das sehr ungebildet
ist. In einem barbarischen Volk wissen die Menschen nicht, wie man
sich gut ernährt, wie man sich gut kleidet, wie man gut wohnt;
sie kämpfen ständig gegeneinander, der Stärkere misshandelt den
Schwächeren, denn es gibt kaum Gerechtigkeit.«
(aus der Einführung des »Petit Lavisse«,
eines Schulbuchs von 1885)

G
allien, das Land der dichten Eichenwälder voller
Wildschweine, der Misteln schneidenden Drui-
den, der putzigen Dörfer mit ihren tapferen, Luftbildarchäologen spüren seit den 1970er Jahren Gehöfte auf,
geistig allerdings eher schlichten Bewohnern. die in vorrömischer Zeit bewirtschaftet wurden. Dunkle Linien
Dieses gängige – und nach heutigem Wissen grundfalsche – in der Landschaft markieren ehemalige Gräben, in die fruchtba-
Klischee Galliens verdankt sich nicht allein den Comics über rer Humus eingeschwemmt wurde. Die Grundstruktur im Foto
die sympathischen Figuren Asterix und Obelix, vielmehr oben zeigt eine zentrale Hofanlage mit Gebäuden sowie abge-
basiert die von ihren Schöpfern René Goscinny und Albert grenzte Weideflächen und eine schützende Palisade.
Uderzo kreierte Antike auf den Geschichtswerken ihrer Zeit.
Allen voran der »Petit Lavisse«, der 1885 in die Schulen kam
und bis Ende der 1950er Jahre in Gebrauch war – eine um die
Jahre 1934 bis heute erweiterte Neuauflage kam im Septem-
ber 2009 auf den Markt.
Sein Schöpfer Ernest Lavisse gehörte zu den einfluss-
reichsten Intellektuellen der Dritten Republik (1871 – 1940).
Als Professor an der Université Paris-Sorbonne und Mitglied
der Académie française bestimmte der Historiker über aka-
demische Laufbahnen und beeinflusste maßgeblich die Leh-
re in seinem Fachbereich. Um 1900 hatten bereits Millionen
Schüler durch den »Petit Lavisse« gelernt, welches Glück Gal-
lien im Grunde gehabt hatte!
Denn bis zur Niederlage des Vercingetorix in der Schlacht
von Alesia 52 v. Chr. war es ein barbarisches Land gewesen.
»Unsere gallischen Vorfahren wurden dann gezwungen, sich
in das Römische Reich zu integrieren. Für die verlorene Frei-
heit gewannen sie Frieden und technischen Fortschritt, mit
anderen Worten: Sie wurden zivilisiert.« Diese offizielle Ver-
sion der französischen Antike reflektiert den Kenntnisstand
mit frdl. GEn. von JEAn-mArC mAnGin

auf einen blick

hochEntwIcKELtEBArBArEn
Was dem Menschen schmeckt, das mögen auch die Götter: In
1 Die Gallier hatten die Landwirtschaft schon vor der römischen
Eroberung weit entwickelt. Ihre Handwerker genossen bei den
Nachbarn hohes Ansehen.
dieser Opfergrube des gallischen Dorfs Acy-Romance in den
Ardennen entdeckte der Archäologe Patrice Méniel vom Centre

2 Die stadtähnlichen Siedlungen waren durch ein gut ausge­


bautes Wegenetz verbunden, das auch die römischen Legionen
nutzten.
nationale de la recherche scientifique die Überreste eines Hun-
des, der einer unbekannten Gottheit dargebracht worden war.
Abfallgruben verraten, was damals an Fleisch auf den Tisch kam:

3 Cäsar eroberte ein Land, dessen Stämme teilweise eng mit Rom
liiert waren. Möglicherweise lieferte ihm der Aufstand des
Vercingetorix, an dem auch Cäsars Verbündete beteiligt waren, die
Schwein, Rind und Pferd waren hier am häufigsten vertreten,
gefolgt von Geflügel, Schafen, Ziegen und Fischen. Gelegentlich
moralische Rechtfertigung. kam Hund auf den Teller, selten größeres Wild, bei Bauern aber
auch mal ein Hase.

www.SPEKtrum.DE 7
um das Jahr 1890, aber auch die Ideologie jener Epoche. Die Dass er keine Fantasien wiedergab, bestätigen Luftbild-
Kolonialmacht Frankreich identifizierte sich eher mit dem archäologen seit Anfang der 1970er Jahre. Auf ihren Fotos,
römischen Imperium, das den Wilden mit Hilfe militärischer von kleinen Flugzeugen aus aufgenommen, entdeckten sie
Stärke die Segnungen der Zivilisation brachte. Allenfalls helle Streifen in den Feldern – Spuren alter Mauern aus der
bedauerte man, dass die Republik »kleiner als Gallien« war, Zeit der römischen Besetzung. Sie lernten, dunklere Struktu-
da sie Elsass und Lothringen im Krieg von 1870 verloren ren als Gräben zu deuten, in denen sich fruchtbarer Humus
hatte (war das gallisch?) – was nicht von Dauer sein sollte. angesammelt hatte. Große, rechteckige, oft doppelte Graben-
strukturen entpuppten sich als Gehöfte – doch nicht aus gal-
Reichlich Weizen und jede Sorte von Vieh lorömischer Zeit. Die kannte man schon seit gut 100 Jahren,
Entgegen der Vorstellung einer primitiven Kultur waren die mit ihren Mauern und den mit Steinplatten, manchmal so-
Gallier nach heutigem Wissen schon lange vor der Invasion gar mit Mosaiken belegten Fußböden. Diese neuen Funde
wohlhabende Nachbarn und Handelspartner der Mittel- waren älter! In der Mitte eines solchen Hofs umschloss eine
meervölker, deren Wirtschaftsstrukturen sie teilweise über- erste Umfriedung das Wohngebäude, einige Nebengebäude
nommen hatten. Lavisse zufolge wurden beispielsweise die und einen Gemüsegarten. Ein zweiter Zaun umgab Weiden
potenziellen Anbauflächen kaum landwirtschaftlich ge- für das Vieh. Eine Palisade mit einem Tor schloss die gesamte
nutzt, dichter Wald soll weite Teile des Landes bedeckt haben. Anlage nach außen ab. Außerhalb lagen Felder und weitere
Dabei berichtete schon der griechische Geograf Strabon um Weiden (siehe Bild S. 7 oben). Inzwischen wurden so viele die-
die Zeitenwende: »Das Land erzeugt reichlich Weizen, Hirse, ser Gehöfte entdeckt sowie Niederlassungen aus dem 2. und
Eicheln und jede Sorte von Vieh. Kein Stückchen liegt brach, 3. Jahrhundert v. Chr. in heutigen Waldgebieten, dass die
solange es sich nicht in den sumpfigen oder bewaldeten Ge- Lehrmeinung ins Wanken gerät, wonach Galliens Wälder erst
bieten befindet. Und selbst diese Regionen werden auf Grund ab dem 12. Jahrhundert großflächig gerodet worden seien.
der hohen Bevölkerungszahl besiedelt, denn die Frauen sind Samenkörner und Reste von Früchten im Aushub der Gra-
fruchtbar und gut genährt.« bungen sowie Pollen in den Sedimenten der Gewässer ver-

Galliens politische Landschaft


Cäsar kam, sah – und erfand. das Gallien, das er für rom eroberte, hat es nie gegeben.
Von Stephan Fichtl
»Gallien in seiner Gesamtheit ist in drei Teile aufgeteilt, von de­ eroberten Gebiets gliederte Augustus als Germania inferior und
nen einen die Belger besiedeln, den anderen die Aquitanier, den superior aus.
dritten diejenigen, die in ihrer eigenen Sprache Kelten, in unserer Freilich wüssten Archäologen und Althistoriker gern, wie die
Gallier genannt werden.« So schrieb Cäsar im ersten Kapitel sei­ politische Landschaft dieses Gallien vor der Invasion ausgesehen
nes Kriegsberichts. An späterer Stelle erfuhr der Leser: »Die Gal­ hat. Eine recht gute Hilfe geben die Grenzen der katholischen Di­
lier sind von den Aquitaniern durch die Garonne, von den Belgern özesen des Hochmittelalters, denn sie beruhten auf der weiteren
durch die Marne und die Seine getrennt.« Das Werk bleibt der römischen Unterteilung der Provinzen in so genannte »civita­
wichtigste Text über die politische Organisation eines Gebildes, tes«. Diese aber orientierten sich an den etwa 60 Stammesgebie­
das vor der Eroberung durch Cäsar paradoxerweise gar nicht ten des 1. Jahrhunderts v. Chr.
existierte. Es gibt leider nur wenige Berichte über die verschiedenen
Keinem Kelten – das eroberte Gebiet umfasste den Westen Stämme. Doch das wenige, das Cäsar und einige antike Historiker
des keltischen Kulturbereichs – wäre vor der Invasion in den Sinn überliefert haben, verbinden wir heute mit archäologischen Be­
gekommen, sich als Einwohner eines Staatsgebildes namens funden und können daher Aussagen treffen. Einige Stämme wa­
Gallien zu sehen. Eher dürften sie sich als »Gallier« empfunden ren offenbar bedeutender als andere. So dominierten in dem von
haben, so wie wir uns heute als Einwohner Europas betrachten. Cäsar als keltisch bezeichneten (Gallia Comata) und unter Augus­
Cäsar unterwarf für Beute und Karriere ein Gebiet, das heute tus zur Provinz Lugdunensis zusammengefassten Gebiet zwei
dem Gebiet Frankreichs und den Beneluxländern, dem Westen Völker: die Häduer im heutigen Burgund und die Sequaner in der
Deutschlands und dem Schweizer Mittelland entspricht; der Franche­Comté. Beide rangen um die Kontrolle über die Saône,
Rhein diente als natürliche Grenze. Was er als »Gallien« dem Im­ denn dieser Fluss bildete eine der wichtigsten Handelsachsen
perium einverleibt hatte, sollte sogar bis zur Neugliederung des Galliens. Die Häduer sollten den Sieg davontragen – dank der
Reichs durch Kaiser Augustus einen unklaren rechtlichen Status Unterstützung durch Cäsar, sie waren seine Hauptverbündeten
behalten. Erst dann wurde daraus eine gallische Provinz, unter­ im Gallischen Krieg. Noch ein Jahrhundert zuvor hätte er sich mit
teilt in drei Verwaltungsbereiche; den Nordosten des von Cäsar einem anderen Stamm einigen müssen: den Avernern. Laut dem

8 SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
KArtE: pUBliC domAin; lUpE mit AUSSCHnittvErGröSSErUnG: poUr lA SCiEnCE

Die große Gallische Leuge maß ungefähr 2400 Meter. Wir verdanken diese Kenntnis insbesondere der »Tabula Peutingeriana«, der Um-
setzung eines altrömischen Straßenverzeichnisses in eine Art Karte durch den deutschen Humanisten Konrad Peutinger (1465 – 1547).
Die Beschriftung »Lugduno, caput Galliarum, usque hic legas« (unter der Lupe) steht für »Lyon, Hauptstadt Galliens, bis hier in Leugen«.
Offenbar wurde in der Provinz nicht die römische Meile (1480 Meter), sondern die dort traditionelle Leuge verwendet. Demnach existierte
wohl schon vor der Eroberung ein weit reichendes Straßennetz, das Cäsars Legionen ein schnelles Marschtempo ermöglichte.

römischen Historiker Poseidonios (135 – 51 v. Chr.) kontrollierten Hauptoppidum lag auf dem Titelberg im heutigen Luxemburg.
diese im 2. Jahrhundert v. Chr. ein Gebiet, das vom Mittelmeer Ausgrabungen brachten einen etwa zehn Hektar großen Platz
und den Pyrenäen im Süden bis zum Rhein im Osten und dem At­ ans Licht, der zu einem Heiligtum gehörte. Cäsar erwähnte mehr­
lantik im Westen reichte. Allerdings darf man sich darunter kein mals die Bedeutung von Versammlungen für das politische und
Staatsgebilde in der Art des Römischen Reichs vorstellen, son­ religöse Leben der Gallier. Sie konnten auf der Ebene eines
dern lediglich eine politische und wirtschaftliche Vorherrschaft. Stamms, einer Region oder ganz Galliens einberufen werden. Es
Averner waren es übrigens, die im 2. Punischen Krieg (218 – 201 v. ist verführerisch, diesen freien Platz als einen solchen Ort der Zu­
Chr.) den Karthager Hasdrubal Barkas bei seinem Zug durch die sammenkünfte zu deuten.
Gallia Transalpina unterstützten – er versuchte vergeblich, sei­
nen in Italien kämpfenden Bruder Hannibal mit Nachschub zu Zu Zeiten der Unabhängigkeit war das von Cäsar erwähnte Aqui­
versorgen. Doch zur Zeit Cäsars war der Stern der Averner bereits tanien nur eine kleine Region zwischen den Pyrenäen und der
verblasst, ihr Territorium im Wesentlichen auf die heutige Region Garonne. Erst die Neuaufteilung Galliens unter Augustus erwei­
Auvergne im Zentralmassiv geschrumpft. Einer ihrer Hauptorte terte seinen Machtbereich bis zur Loire.
war das Oppidum von Gergovia, oberhalb von Clermont­Ferrand Wenn man von Gallien spricht, wird eine Region oft vergessen,
gelegen, bekannt durch den Sieg ihres Fürsten Vercingetorix über nämlich sein südlicher Teil. Als Gallia Transalpina wurde es be­
die römischen Truppen im Jahr 52 v. Chr. reits zwischen 125 und 119 v. Chr. von Rom erobert. Cäsar war vor
Den Norden Galliens, in etwa begrenzt durch Marne und Sei­ seinem Feldzug Prokonsul dieser Provinz (außerdem Prokonsul
ne, besiedelten die Stämme der Belger, wie Asterixkenner wissen, des als Oberitalien bezeichneten, ehemals von Kelten beherrsch­
laut Cäsar die mutigsten Völker Galliens. Der wichtigste Stamm ten Gallia Cisalpina). Zu den wichtigen Völkern dieser Region
zur Zeit der Eroberung waren die Suessionen, deren König Galba zählten die Salluvier, die im 2. Jahrhundert v. Chr. einen mächti­
sogar Gebiete auf den Britischen Inseln beherrschte. Sie siedel­ gen Stammesbund gegen die griechische Kolonie Marseille bil­
ten im heutigen Aisnebecken um die nach ihnen benannte Stadt deten. Die meisten südgallischen Stammesgebiete waren deut­
Soissons. In direkter Nachbarschaft lebten ihre kriegerischen lich kleiner als die nördlichen. Während die römische Verwaltung
Konkurrenten, die Bellovaker, die stolz darauf waren, als Einzige in diese Geografie fixierte, wuchsen vermutlich in Zentralgallien
Gallien die germanischen Kimbern und Teutonen zu Anfang des größere Territorien zusammen, bis Cäsar auf dem Plan erschien.
2. Jahrhunderts v. Chr. aufgehalten zu haben.
Östlich der Belger trafen die römischen Legionen auf die Tre­ Stephan Fichtl ist professor für Archäologie an der Universität françois
verer, die mal ihre Gegner, mal ihre Verbündete waren. Ihr rabelais in tours.

www.SPEKtrum.DE 9
raten, dass hauptsächlich die Getreide Emmer, Gerste, Hafer
und Hirse sowie die Hülsenfrüchte Erbse, Linse und Wicke
Bronzeguss für den Export angebaut wurden. Als einzigen Obstbaum kultivierten die
Gallier die Pflaume.
Gallisches Handwerk genoss Weil jede Ausgrabung unzählige Tierknochen ans Licht
griechischen und römischen bringt, können Paläozoologen Statistiken über die Fleisch-
Autoren zufolge in der sorten erstellen, die auf dem Speiseplan standen. Die Gallier
antiken Welt ein hohes aus dem kleinen, uns von der Asterixlektüre wohlbekannten
Ansehen. Was sie fertigten, Dorf gehörten offenbar einer kleinen Minderheit an: Im All-
zeigen Ausgrabungen ihrer gemeinen deckte die Jagd weniger als fünf Prozent des
Werkstätten (im Bild die Rekonstruktion Fleischkonsums. Vor allem aß man Schwein, Rind und Geflü-
einer Bronzegießerei aus Bibracte). gel, in manchen Regionen auch Ziege und Schaf, mitunter
Insbesondere gelang es Schmieden, Hund und Pferd (siehe Bild S. 7). Jagdwild stellte eher eine
Bleche zu treiben, die maximal einen Abwechslung für die »Aristokraten« dar – doch Wild-
Zentimeter dick waren. schwein kam nicht auf den Tisch!
Wie verhält es sich mit anderen Aspekten des
AllE fotoS: AntoinE mAilliEr, BiBrACtE; ABdrUCK mit frdl. GEn. von BiBrACtE Gallienklischees? Waren die Römer wirklich die
großen Kulturbringer? Stimmt es denn nicht,
dass beispielsweise ein großer Teil des französi-
schen Straßennetzes im 19. Jahrhundert auf die
Arbeit römischer Pioniere zurückgeht? Das ist zwar
richtig, doch nur die halbe Wahrheit, wie eine einfa-
che Überlegung zeigt: Laut Cäsars Kriegsbericht legten
seine Legionen 15 bis 20 Kilometer pro Tag zurück. Das war
nur auf befestigten Wegen und Straßen möglich.
Dafür spricht auch, dass Entfernungen im römischen
Gallien nicht in den sonst im Imperium üblichen Meilen
(lateinisch: milia) von je 1480 Metern, sondern in »Leugen«
(leugae) gemessen wurden. Das kann nichts anderes bedeu-
ten als die Fortführung einer entsprechenden gallischen Tra-
dition. Wer aber dies behauptete, dem hielten die Experten
zwei antike Texte unter die Nase, denen zufolge zwei Leugen
drei Meilen entsprächen, die Leuge also 2220 Metern. Dazu
passten jedoch die in anderen Texten gefundenen Angaben
zu Streckenlängen nicht. Dass französische Ingenieure be-
reits im 18. Jahrhundert etwa 2400 Meter als Einheit be-

Der internationale Handel


Wein war das Getränk der Aristokraten und spielte insbeson­
dere bei Festmahlen eine große Rolle, mit denen die Elite ihr
GérArd révEillAC, pHototHèqUE CEntrE CAmillE JUlliAn / CnrS-AmU 1982;

Prestige festigte. Als rituelles Getränk wurde


Wein feierlich genossen, gelegentlich aus
einem luxuriösen Service aus italischer Ke­
ramik, Bronze oder Silber. Weinamphoren
ABdrUCK mit frdl. GEn. dES CEntrE CAmillE JUlliAn

italischer Herkunft (Bild) gehören zu den


häufigsten Funden. Archäologen können
keinen städtischen Fundplatz ergraben, ohne
Tonnen ihrer Scherben zu bergen! Bezahlt
wurde auch mit Tauschwaren wie Getreide, Vieh,
Fellen und Sklaven (siehe rechts: gallische Fußfesseln
für Sklaven).

10  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
stimmt hatten, wurde ignoriert. Erst seit wenigen Jahren wis- 20 Jahren auf dem Mont Beuvray und legten die Überreste
sen wir, dass sie Recht hatten. des antiken Bibracte frei: des Hauptorts der Häduer, die den
Gallien war nämlich schon vor der Eroberung von Ver- größten gallischen Stamm darstellten (siehe den Beitrag S.
bindungsstraßen durchzogen. Ein solches Wegenetz machte 22). Wie konnte er die Existenz solcher fast stadtähnlicher
freilich nur dann Sinn, wenn es entsprechend viele Sied- Siedlungen ignorieren? Spielte Frankreichs Kolonialpolitik
lungen zu verbinden galt. Cäsar selbst berichtete, das Land eine Rolle, in deren Ideologie entsprechende Kulturleistun-
bestehe aus »aedificia«, »vici« und »oppida«, also Gehöften, gen der indigenen Bevölkerung keinesfalls gepasst hätten?
Weilern beziehungsweise Dörfern und größeren Niederlas-
sungen, von denen einige Hauptorte waren. Cäsar schrieb Hinter stolzen Mauern
zudem: »Merkur ist der Gott, den sie am meisten verehren; Tatsächlich errichteten die Gallier seit der Mitte des 2. Jahr-
er wird am häufigsten repräsentiert, und er gilt als Erfinder hunderts v. Chr. Siedlungen, die zum Teil 100 bis 300 Hektar
der Künste und als Geleiter auf Wegen und Reisen.« Obgleich bedeckten und von einer Mauer umschlossen wurden. In de-
der Feldherr wohl den keltischen Stammesgott Teutates mit ren Schutz lebten Handwerker und Händler, Vornehme und
dem römischen Merkur verwechselte, bezeugt seine Notiz Priester, dort fanden Volksversammlungen, religiöse Feste
doch, wie wichtig den Galliern ihre Infrastruktur war. und Märkte statt. Bei Gefahr suchten die Menschen der Um-
Man mag noch verstehen, dass Lavisse Bauernhöfe und gebung Zuflucht. Die Befestigungsmauern von Bibracte,
Dörfer überhaupt nicht erwähnt hat. Als er 1884 sein Lehr- Gergovia und von vielen anderen Städten waren im Umkreis
buch verfasste, gruben Wissenschaftler aber schon seit fast vieler Kilometer weithin sichtbar und symbolisierten die

Die Oppida – Hierarchie der Keltenstädte


Archäologen bestätigen Berichte Julius Cäsars.
Wären die Gallier wirklich so unzivilisiert gewesen, wie in der gründet, das auf die Untersuchung der keltischen Kultur spe­
Antike gern behauptet wurde, hätte sich Cäsar schwerer getan, zialisiert ist. Die bisherigen Erkenntnisse stützen Cäsars Ein­
das Land zu erobern. Um Tausende von Legionären mit allem schätzung, diese drei Orte seien so etwas wie Hauptstädte
Notwendigen zu versorgen, musste eine Infrastruktur bereits gewesen. Das belegt allein schon die jeweilige Größe, ein Kri­
vorhanden sein. Tatsächlich fand er in Gallien dieselbe Auftei­ terium, das auch andere Oppida in eine Rangfolge einzuordnen
lung der Territorien vor wie in der antiken Welt des Mittelmeer­ hilft. Ein gutes Beispiel ist Fossé des Pandours am Col de
raums: hier die ländlichen, Nahrung und Rohstoffe produzie­ Saverneder im heutigen Elsass, mit geschätzten 160 Hektar of­
renden Gebiete, dort die Oppida, politische, wirtschaftliche und fenbar das Zentrum der Mediomatriker. Andere Oppida dieses
religiöse Zentren mit städtischem Gepräge. Sie waren innerhalb Stamms hingegen nahmen nicht einmal ein Zehntel dieser Flä­
nur einer Generation im letzten Drittel des 2. Jahrhunderts v. che ein. Auch ein großer Versammlungsplatz wie im Oppidum
Chr. entstanden und nahmen mehrere Dutzend, manche sogar auf dem luxemburgischen Titelberg spricht für eine Zentral­
100 Hektar an Fläche ein. funktion.
Experten vermuten heute, dass es eine Hierarchie unter ih­
nen gab und manches mit Fug und Recht als Hauptstadt eines Cäsar hätte sich durch die reine Größe aber wohl nicht allein
Stamms anzusprechen sei. Vesontio zum Beispiel, das heutige überzeugen lassen – in der römischen Welt zeigte sich die poli­
Besançon, war laut Cäsar »das wichtigste Oppidum der Sequa­ tische Bedeutung eines Orts auch an seinen Monumenten.
ner« (siehe große Karte S. 83). Avaricum, heute Bourges, be­ Doch für die Welt der Oppida traf dies offenbar ebenfalls zu.
zeichnet er als »das schönste von ganz Gallien, das die Stärke Wall­ und Toranlage waren wichtige Bauelemente, und in man­
und die Zierde des Stamms ist« und »das bedeutendste und chen Städten zeichneten sie sich durch ungewöhnliche Aus­
am besten verteidigte«. Bibracte auf dem Mont Beuvray sei maße oder eine besondere Ausführung aus. So schmückte den
»bei Weitem das größte und reichste Oppidum der Häduer«. Wall von Fossé des Pandours eine Mauerfassade aus behaue­
Nicht von ungefähr also wurde dort der Averner Vercinge­ nen Steinblöcken. Diese Technik war in der keltischen Welt sehr
torix 52 v. Chr. zum Oberbefehlshaber der gallischen Armeen selten und sollte vermutlich schlicht beeindrucken. Ein anderes
gewählt, ein gewaltiger Schritt für die bis dahin getrennt ope­ Beispiel ist die Porte du Rebout von Bibracte. Dieses monumen­
rierenden Stämme. Und in Bibracte brachte Cäsar später seine tale Tor der Häduer war 21 Meter breit und damit bei einem
Kommentare zum Gallischen Krieg, die »Commentarii rerum Angriff nicht zu halten. Offenkundig erfüllte es andere Funk­
gestarum belli Gallici« zu Papier. tionen als die der Verteidigung, etwa die Repräsentation von
An allen diesen Stätten graben Archäologen, bei Bibracte Macht oder die Abgrenzung der ländlichen von der urbanen
wurde sogar ein Europäisches Archäologisches Zentrum ge­ Welt. Stephan Fichtl

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Macht des Stämme, die sie erbaut hatten. Cäsar bewunderte
diese gallischen Mauern, die Feuer ebenso wie dem Sturm-
Asterix – ein Gallier?
bock von Angreifern widerstanden.
Nicht weniger weit entwickelt waren die technischen Ge- Wie gut zeichnen die bekannten Comics
rätschaften. Abgesehen vom Streichbrett, das beim Pflug die
Erde wendet, gab es im Frankreich des 18. Jahrhunderts kein
die vergangenheit nach?
metallenes Werkzeug, das nicht auch gallische Handwerker Von Klaus-Dieter Linsmeier
schon gefertigt hatten, vom Hammer bis zum Hohlmeißel.
Das erklärt wohl, warum Gallier rege Handelsbeziehungen Ganz Gallien ist besetzt, nur ein kleines Dorf an der Küste hört
mit ihren Nachbarn unterhielten, obwohl der »Petit Lavisse« nicht auf, Cäsars Legionen Widerstand zu leisten. Ein Zauber­
auch davon nichts weiß. Die Belege dafür bargen Forscher in trank ihres Druiden verleiht ihnen übermenschliche Kraft, was
den Tiefen des Mittelmeers. die Römer fernhält und ein angenehmes Leben ermöglicht: ein
Wie den Luftbildarchäologen gelangen ebenso den Unter- bisschen herumlümmeln oder Wildschweine jagen, und bei all­
wasserarchäologen seit den 1960er Jahren viele neue Ent- zu großer Langeweile prügelt man sich eben untereinander.
deckungen. Dank immer besserer Tauchausrüstungen wur- Steht dann doch einmal mehr auf dem Spiel, übernimmt eine
den aus einigen zehn bald einige hundert Schiffswracks, die Spezialeinheit, bestehend aus dem listigen Asterix und dem
anhand von Hölzern und Ladung datiert und oft einem Her- starken Obelix (das ist nicht im Sinn von dick gemeint).
kunftsort zugewiesen werden konnten. So kennen und lieben Fans jenes Gallien des 1. Jahrhunderts
An der Zahl der gesunkenen Frachter gemessen erreichte v. Chr., wie es der Autor Albert Uderzo und der Zeichner René
der Transport italischer Waren Richtung Gallien, der etwa Goscinny Ende der 1950er Jahre entworfen haben. Auch das Bild
im 8. Jahrhundert v. Chr. einsetzte, zwischen 150 und 50 v. der römischen Antike hat dieser Comic mitgeprägt. Fragt sich,
Chr. einen Höhepunkt. Geladen hatten die Schiffe vor allem inwiefern es mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmt.
ein Luxusprodukt: Wein. Der Unterwasserarchäologe Pierre Die Amsterdamer Althistoriker Sunnyva van der Vegt und
Tchernia schätzt, dass Roms Winzer Jahr für Jahr 500 000 bis René van Royen sind dem vor einigen Jahren nachgegangen und
1 000 000 Amphoren exportierten; jede davon fasste etwa haben antike Quellen wie archäologische Funde auf Hinweise
25 Liter! Die Amphoren selbst wurden in Gallien als Bau- befragt. Ihrem 1998 im Verlag C.H.Beck erschienenen Bestseller
material weiterverwendet. Die große Straße von Bibracte »Asterix – die ganze Wahrheit« folgte 2007 »Asterix entdeckt
etwa ruht auf einem Damm, in dem zerstoßene Amphoren- die Welt«. Das Fazit: Die Comicautoren hatten sich zwar schlau
scherben für Festigkeit und Entwässerung sorgten. gemacht, nahmen sich aber künstlerische Freiheiten.

Harte Währung Das beginnt natürlich schon bei der Grundidee: Über ein derart
für den Handel mit dem Mittelmeerraum hartnäckiges Widerstandsnest an der Küste verlor Cäsar in sei­
Im Gegenzug lieferten die gallischen Handwerker unter nem Kriegsbericht kein Sterbenswörtchen. Doch falls ein sol­
anderem Waffen und Werkzeuge – ihre Eisenverarbeitung ches Dorf existiert hätte, verortet es die in jeder »Asterix«­Aus­
wurde bei den Römern sehr geschätzt. Wie weit der Handel gabe übliche Karte in der heutigen Bretagne. Nun lebten zwar
schon zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. entwickelt war, viele Gallier tatsächlich in Dörfern – Cäsar hatte nicht wenige
verdeutlicht die Einführung des Münzwesens. Zunächst imi- davon niederbrennen lassen –, aber ausgerechnet in der fragli­
tierte man die Vorbilder des Mittelmeerraums, insbesondere chen Gegend siedelten die Veneter, ein Volk von Fischern, das in
den goldenen Stater Philipps II. von Makedonien (siehe den Städten wohnte. Doch so genau ist die Comickarte nicht. Haben
Beitrag S. 16). Dessen griechische Bildmotive wurden durch Uderzo und Goscinny einen anderen Stamm gemeint? Schließ­
eigene ersetzt, die möglicherweise Bezug auf die Mythen lich ernähren sich dessen Mitglieder nur selten von Fisch, und
jener nahmen, die diese Stücke prägten. Um 150 v. Chr. er- das nicht nur, weil der nicht immer frisch ist.
setzten die Häduer, aber auch die Lingonen, Sequaner und Etwas kritischer muss man wohl die dörfliche Architektur
Helvetier das Gold durch Silber. Damit war der so genannte beurteilen. Die Gallier bauten ihre Häuser archäologischen
gallische Denar hinsichtlich Metall und Gewicht einer Drach- Funden nach nicht aus Stein, sondern aus Holz und Flechtwerk,
me in der griechischen Hafenkolonie Massalia (dem heuti- verputzt mit Lehm; für das Dach nahmen sie Stroh. Das heißt
gen Marseille) gleichwertig und genau doppelt so schwer wie aber nicht, dass sie den Stein verschmähten; Cäsar schwärmte
ein römischer Quinar. Zudem verschwanden die gallischen von Stadtmauern, die Holz mit Stein kombinierten. Wer weiß,
Bildmotive. Stattdessen zierten Magistrate oder Tiere die spekulieren die beiden Historiker, ob Bewohner einer Felsküste
Münzen; Legenden in griechischer und lateinischer Sprache nicht doch verbaut hätten, was direkt vor ihrer Haustür lag?
nannten Prägeherrn oder Stammesführer. Wie aber war es einst um die Streitlust bestellt und um den
Rund 70 Jahre vor dem Gallischen Krieg waren die wirt- großen Mut? Antike Quellen bestätigen, dass Tapferkeit den
schaftlichen Beziehungen zwischen Italien und dem von Kelten viel galt, sie berichteten sogar von nackten Kämpfern.
Griechen und Römern beeinflussten Süden Galliens – seit Zu den großen Schwächen jedoch zählte, dass die Kelten
118 v. Chr. bereits die Provinz Gallia Transalpina – sowie dem

12  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
schlecht organisierte Einzelkämpfer waren. Auch wenn das Fans Kriege zu beenden, indem sie sich einfach zwischen die verfein­
nicht gefallen wird: Ohne ihren Zaubertrank wären die sympathi­ deten Heere stellten (wobei nur selten die stimmliche Qualität
schen Dorfbewohner schnell der römischen Militärmaschinerie eines Troubadix eine Rolle gespielt haben dürfte). Allerdings
erlegen. Tatsächlich hatten es Cäsars Legionen oft mit einer viel­ hatten einige Stammesführer wohl selbst die Funktion des
fachen Übermacht zu tun. Priesters inne.
Übrigens: Uderzo und Goscinny ließen ihre Helden zwar im Pulk
stürmen, doch immer schicklich bekleidet. Obligatorisch ist die Alles in allem: Viele Details sind stimmig umgesetzt. Damit ist
Hose, tatsächlich einst ein typisches Kleidungsstück der Kelten, es Zeit für das große Festbankett, die Versammlung an der run­
laut Cäsar oft auffällig gefärbt. Gestreifte Mäntel, mit einer Spange den Tafel um den Wildschweingrill. Poseidonios zufolge hock­
an der Schulter befestigt, gehörten damals dazu, in den Comics ten die Kelten wirklich gern auch mal im Kreis um das Feuer
kennzeichnen sie nur die besser Gestellten. Umgekehrt zieren As­ herum oder zumindest nahe der Herdstelle. Allerdings wurde
terix und Co. mächtige Schnurrbärte, dem griechischen Autor Po­ darauf wohl nur selten Wildschwein gegrillt. Man pflegte
seidonios zufolge eine Haartracht der Vornehmen. Gänzlich fehlt Fleisch eher zu kochen – für Obelix sicher eine nicht artgerechte
den Comicgalliern der so genannte Torque, ein für die Kelten typi­ Grausamkeit gegenüber dem armen Tier. Zudem kam häufig
scher Halsring. ein Hausschwein auf den Tisch, die Landwirtschaft Galliens war
Das wohlbekannte Dorf wird von einem gewählten Häuptling weit entwickelt. Die wilden Verwandten dieses Tiers hatten
geleitet und der wiederum von seiner Frau. Mit den gallischen gleichwohl große Bedeutung, denn sie finden sich immer wie­
Frauen war wohl wirklich nicht gut Kirschen essen: Ammianus der in der keltischen Kunst.
Marcellinus warnte im 4. Jahrhundert n. Chr. davor, mit einem Kel­ Vermutlich galt das Wildschwein als Symbol für Mut und
ten Streit anzufangen, wenn dessen Frau zugegen war. Sie war ein Kraft. Der Verdacht liegt nahe, dass es genau deshalb zur Lieb­
ernst zu nehmender Gegner. Übrigens: Es war in einigen Stämmen lingsspeise der unbesiegbaren Gallier geworden ist, die sich seit
wohl üblich, den Anführer zu wählen, es gab aber auch erbliche 1959 Band für Band auf charmante Weise für die verlorene
Titel und allerlei Mischformen. Schlacht von Alesia rächen.
Auch der Druide und der Barde werden im Comic bei schwieri­
gen Fragen gehört, und das ist realistisch: Sie vermochten sogar Klaus-Dieter Linsmeier ist redakteur bei »Spektrum der Wissenschaft«.

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Könige und Senatoren
Wer sich gallische Stammesführer als dickbäuchige Häuptlinge vorstellt,
die auf ihrem Schild durchs dorf getragen werden, irrt.

Nicht nur die geografische Strukturierung der gallischen Ter­ Leider kennen wir aus den Berichten antiker Historiker und aus
ritorien in Land und Stadt und die Rangordnung unter den Inschriften nur wenige Einzelheiten. Der heute bekannteste Ti­
Oppida in bedeutendere und weniger bedeutendere widerle­ tel ist sicher der »Vergobret« der Häduer. Wie das des römischen
gen das Vorurteil der Römer und Griechen, die Kelten seien Konsuls war es das höchste Amt und wurde für ein Jahr ver­
unzivilisierte Barbaren gewesen. Auch wenn die Asterixcomics, geben. Doch der Vergobret hatte weitaus mehr Macht als sein
sozusagen Galliens späte Rache an den Römern, das Häupt­ Kollege in Rom: Er musste sie nicht mit einem anderen teilen,
lingswesen in den Vordergrund stellen, herrschten in den und er entschied über Leben und Tod.
Stämmen tatsächlich andere, weit fortgeschrittene Formen Während die Konsuln auch die militärische Oberbefehlsge­
der Regierung. walt innehatten, durfte der Vergobret das Stammesgebiet nicht
Antike Texte überliefern zahlreiche verlassen. Im Kriegsfall führte offenbar ein anderer Beamter die
Namen von Königen. So beton­ Armee an.
ten mehrere Autoren den Ob es Vergobreten bei allen Stämmen gab, lässt sich nicht
großen Reichtum von Lu­ beweisen, doch die Annahme liegt nahe, dass es bei den meis­
ernios, dem König der ten der Fall war. Allerdings gab es weitere Ausprägungen des
Arverner um die Mitte höchsten Amts. Das zeigt das Beispiel des Magistrats Vesticos,
des 2. Jahrhunderts v. der den Schriftquellen zufolge dem Stamm der Remer angehör­
Chr. Dem griechischen te, aber im Kampf auf dem Gebiet der Bellovaker fiel. Vermutlich
Historiker und Geo­ teilten sich bei den Remern gleich drei Beamte die Macht. So je­
grafen Strabon (63 v. – denfalls deuten Wissenschaftler Bronzemünzen dieses Stamms,
23 n. Chr.) zufolge soll die auf der Vordereite drei Köpfe im Profil zeigen.
er einmal, nur um sei­ Inschriften auf Münzen verraten auch, dass es die Ämter
nen Überfluss zu bewei­ »argantodannos« und »argantocometerecus« gab, doch deren
sen, von einem Wagen aus genaue Funktion ist bekannt. Immerhin: Diese Titel setzen sich
mit frdl. GEn. von

Gold­ und Silberstücke in die aus gallischen Begriffen zusammen, die eine enge Verbindung
StEpHAn fiCHtl

Menge geworfen haben. zum Münzwesen andeuten: »arganto« bedeutet Geld und
Doch solches Machtgehabe ver­ »dannos« Magistrat.
schwand bis Anfang des 1. Jahr­
hunderts v. Chr. Cäsar hatte Sehr wahrscheinlich war diese Herrschaft der Aristokraten von
es nicht mehr mit Königen, den mediterranen Vorbildern inspiriert. Doch sie erwies sich als
sondern mit Oligarchen zerbrechlich. Machtkämpfe waren an der Tagesordnung, und
zu tun. Jeder Stamm wiederholt versuchten Einzelne, die Monarchie wieder einzu­
wurde von einem Se­ führen. Kurz bevor Cäsar in Gallien einfiel, verbündeten sich bei­
nat regiert, zusam­ spielsweise Orgetorix, einer der wohlhabendsten und einfluss­
mengesetzt aus je reichsten helvetischen Adligen, Casticos, Sohn des letzten
einem Vertreter einer Sequanerkönigs, sowie Dubnoreix (auch Dumnorix), der Bruder
wichtigen Familie. So des Häduerführers und Cäsarverbündeten Diviciacus, um in ih­
umfasste dieses Gre­ ren Stämmen die Königswürde durchzusetzen – vergeblich. Ein
mium mitunter meh­ durchaus riskantes Unternehmen, wurde doch der Averner Cel­
rere hundert Personen. tillos, Vater des Vercingetorix, bei lebendigem Leib verbrannt,
Diese ernannten Beamte, weil er die Königswürde anstrebte.
von Cäsar Magistrate ge­ Auch Dubnoreix’ Umsturzversuch wurde vereitelt, der Fürst
AKG imAGES

nannt, denen bestimmte Aufga­ von den Römern getötet. Schließlich war Diviciacus ein lang­
ben oblagen. jähriger Verbündeter Cäsars. In anderen Fällen machte sich der
aber das Machtstreben Einzelner durchaus zu Nutze: An die
Spitze besiegter Stämme setzte er einen König, der ohne Zwei­
Dubnoreix, ein Adliger der Häduer, strebte nach der fel leichter zu lenken war als eine große Gruppe Adliger.
Königswürde. Stephan Fichtl

14  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
keltischen Zentralgallien derart intensiv, dass eine Art Wäh- verteidigen, einen Fürsten der germanischen Sueben, der
rungsunion aufkam. Eine solche Angleichung des Geldes über ein großes Gebiet im heutigen Nordfrankreich wie ein
konnte nicht ohne politisches Zutun, nicht ohne Verhand- Tyrann herrschte, Geiseln und Tribute forderte. Cäsar besieg-
lungen und Absprachen zwischen den Stämmen geschehen. te auch ihn und vertrieb die Sueben wieder auf die andere
Das wiederum setzt voraus, dass zuvor bereits gute Bezie- Seite des Rheins.
hungen existierten, sowohl innerhalb Galliens als auch mit Damit hätte er Ende des Jahres in seine Provinzen zurück-
den Geschäftspartnern. kehren müssen, doch er blieb. Gallien erlebte einen wirt-
Eines der wichtigen politischen Bündnisse ist gut be- schaftlichen Aufschwung, an dem er vermutlich teilhaben
kannt: Es verband Rom mit den Häduern. Antiken Texten zu- wollte. Überdies lag jenseits seiner Küste Britannien, das als
folge wurde es um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. ge- reich galt und somit eine Option auf künftige Beutezüge bot.
schlossen; Historiker vermuten aber, dass dies bereits einige Und dann waren da noch die Stämme im Norden Galliens,
Jahrzehnte früher geschah. Dabei handelte es sich um eine Angrenzer des sagenumwobenen Rheins. Wäre Cäsar in der
außergewöhnliche Konstruktion, denn laut Cäsar galten die Lage gewesen, diese riesigen Gebiete unter römische Herr-
Häduer dem römischen Senat als »fratres consanguin- schaft zu bringen? Allenfalls mit Hilfe seiner Verbündeten in
eique«, also als Blutsbrüder. Rom erkannte diesen Titel sonst Zentralgallien! Ich vermute, dass der erfahrene Stratege ge-
nur noch den Einwohnern Ilions zu, also des mythischen nau dies im Sinn hatte.
Troja und damit Verwandten des Äneas, den die Römer als Jene Stämme lieferten ihm Nachschub, stellten Hilfstrup-
ihren Stammvater ansahen. pen und Führer, die Land und Leute kannten. Römische und
gallische Krieger überfielen gemeinsam die Bewohner der
Die Dynamik des Krieges Peripherie Galliens, überquerten sowohl den Rhein als auch
Wie anders war das Gallien, das Cäsar eroberte, als es der »Pe- den Ärmelkanal.
tit Lavisse« und die »Asterix«-Comics darstellten (siehe den Doch die »kleineren Völker« ergaben sich nicht und führ-
Kasten S. 12/13)! Längst verbanden wirtschaftliche und politi- ten einen Guerillakrieg. Die Feldzüge nach Britannien und
sche Zusammenarbeit die Römer mit den großen gallischen Germanien brachten weit weniger Gewinn als erwartet. Zu-
Stämmen in Zentralgallien. Allerdings wirft das die Frage dem mischte sich Cäsar wohl immer stärker in die inneren
auf, warum der Feldherr 58 v. Chr. ein befreundetes Land mit Angelegenheiten seiner Verbündeten ein, bis sich diese 52 v.
Krieg überzog. Chr., vom Fürsten Vercingetorix vereint, gegen ihn stellten.
Mit Anfang 40 hatte Cäsar in diesem Jahr einen weiteren Damit waren freilich die Würfel gefallen: Roms Legionen
Schritt auf der Karriereleiter genommen und war zum Pro- besiegten die gallische Allianz vor Alesia. Obgleich es ur-
konsul der Provinzen Illyrien sowie Gallia Cisalpina und Gal- sprünglich nicht seine Absicht gewesen sein mochte, fiel
lia Narbonensis ernannt worden. Das heißt in heutigen geo- dem Feldherrn damit ganz Gallien in die Hände, das bis
grafischen Begriffen: Roms Statthalter an der dalmatischen zum Rhein römische Provinz wurde. Ohne die vorangehen-
und kroatischen Küste, in der Poebene und in einem Teil de Kollaboration der kampfstarken Verbündeten wäre die
Südfrankreichs. Um dorthin zu gelangen, hatte es Verbünde- Geschichte wohl anders verlaufen. Und ohne Dörfer, Städte
ter bedurft – und Geld. Der Prokonsul war hoch verschuldet sowie ein verbindendes Wegenetz, ohne kundige Bauern,
und wollte sein Amt, wie andere vor ihm, auch dazu nutzen, Handwerker und Händler wäre Gallien nicht zu solch einem
seine Finanzen zu sanieren. Was gab es dafür Besseres als ei- Schmuckkästchen des Imperiums geworden.  Ÿ
nen erfolgreichen Feldzug?
Doch das war wohl nicht der Anlass, in Gallien einzumar- der autor
schieren. Der griechische Historiker Strabon erklärte später,
Cäsars Ziel sei es gewesen, einen Stammesführer namens Christian Goudineau ist Archäologe und profes-
sor am Collège de france in paris, wo er einen
Burebista zu bekämpfen, der Gebiete nördlich seines Amts- lehrstuhl für Altertumswissenschaften innehat.
bereichs destabilisierte. Sicher ist, dass einige Verbündete
Roms darum baten, die »Völkerwanderung« der Helvetier
zu unterbinden. Dieser gallische Stamm war aus dem heuti-
gen Mittelland der Schweiz aufgebrochen, um sich im Ge-
biet der Santonen an der Atlantikküste niederzulassen. quellen
Zweifellos waren diesem Umzug langjährige Verhandlun-
gen mit allen betroffenen Stämmen vorausgegangen, doch Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg,
Landesmuseum Württemberg, Landesamt für Denkmalpflege
der Durchzug von hunderttausenden Menschen mag das Stuttgart (Hg.): die Welt der Kelten. Zentren der macht – Kostbar-
politische Gleichgewicht ins Wanken gebracht haben. Cäsar keiten der Kunst. Jan thorbecke, ostfildern 2012
setzte seine Armee in Marsch und schlug die Helvetier nahe Cunliffe, B.: les Celtes. éditions Errance, paris 2001
Fichtl, S.: la ville celtique. éditions Errance, paris 2000
Bibracte zurück. Goudineau, C.: César et la Gaule. point-Seuil, paris 2000
Seinem eigenen Bericht zufolge baten ihn seine galli- Goudineau, C.: regard sur la Gaule. éditions Errance, paris 2000
schen Verbündeten anschließend, sie noch gegen Ariovist zu

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WIrtSchAft

Gold für den Krieg,


Bronze für den Alltag
Das erste Geld in Gallien diente zunächst nur der Entlohnung von
Kriegern. Doch lange vor der römischen Eroberung ermöglichte
eine florierende Geldwirtschaft auch bereits den Handel mit den
Mittelmeerländern.
Von Pierre-Marie Guihard

M
it ihren seltsam verzerrten Darstellungen bil­ zwischen Po und Alpen gelegenen Norditalien, als Erste Mün­
deten gallische Münzen einen eigentümli­ zen in Umlauf. Sie ähneln auffällig den Silberdrachmen der
chen Kontrast zu den naturalistischen Mo­ griechischen Kolonie Massalia (heute Marseille). Auf der an­
tiven antiken griechischen Geldes. Noch im deren Seite der Alpen, in der Provinz Gallia Transalpina, kam
19. Jahrhundert galten sie Forschern daher als barbarisch, Hartgeld ab 270 v. Chr. auf; die aus Gold gefertigten Münzen
doch mit dem Kubismus änderte sich Anfang des 20. die werden hauptsächlich bei Grabungen in den großen Fluss­
Sichtweise. Für Archäologen und Historiker steht freilich tälern etwa von Rhein, Maas und Mosel entdeckt. Auf ihrer
nicht ihr künstlerischer Wert im Fokus. Diese Münzen geben Vorderseite prangte ein Kopf des Apollon, das Revers zeigte
vielmehr Informationen über die sozioökonomischen Sys­ einen Streitwagen sowie eine Inschrift. Diese gab das Ge­
teme Galliens, und diese standen offenbar den antiken Zivili­ wicht mit acht Gramm an und nannte den Namen Philipp II.
sationen des Mittelmeerraums in keiner Weise nach. in griechischer Sprache – offenbar imitierte man den Gold­
Seit dem Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. brachten Ein­ stater des makedonischen Königs. Dass die Funde tatsäch­
wohner der römischen Provinz Gallia Cisalpina, also dem lich Nachahmung waren, belegt der Vergleich mit den Origi­

auf einen blick


a

gELDfürKrIEgunDfrIEDEn

1 Die Wirtschaft in Gallien war im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr.


vom Tauschgeschäft geprägt.

2 Als Söldner im Dienst griechischer Könige wurden Gallier in


Münzen bezahlt. Das ist vermutlich der Grund, warum das
erste gallische Geld griechisches imitierte – es diente ebenfalls der
Entlohnung von Soldaten.

3 Die zunächst unterschiedlichen Währungen wurden vermut-


lich unter dem Einfluss des mediterranen Handels vereinheit­
licht und bald auch im Alltag verwendet.

16  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
MuséE D‘ArcHóloGiE nAtionAl, sAint-GErMAin En lAyE / HuGo MAErtEns

nalen: Ihre Gravuren waren grober gearbeitet, die Münzer Ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. stellten die gallischen Münzen
hatten sichtlich noch wenig Übung in der Reproduktion der größtenteils seltsam verbogene Körperteile oder Gesichter
Vorbilder. dar. Neben Gold- gab es nun auch Silber- und Bronzemünzen.
Die hatten gallische Söldner mitgebracht, die in den Kö­
nigtümern, die aus dem Reich Alexanders des Großen her­
vorgegangen waren, hohes Ansehen genossen. Zahlreiche
Quellen bezeugen, welche enormen Summen in Gold und
insbesondere in Form der Stateren Philipps II. ausgezahlt

A: Mit frDl. GEn. von louis-Pol DElEstréE (DElEstréE, tAcHE 2007, nr. 3001); b: cAbinEt DEs MéDAillEs DE lA bibliotHèquE nAtionAlE nr. 6901 (DElEstréE, tAcHE 2004, nr. 2005)

Die ersten Münzen imitierten den so genannten Stater


Philipps II. von Makedonien (a). Bald aber lösten sich die
gallischen Münzer von diesem Vorbild und verwendeten
Symbole, die für ihre Kultur charakteristisch waren. So
zierte die Rückseite der Münze (b) ein Seeungeheuer an
Stelle des Wagenlenkers.

WWW.SPEKtrum.DE 17
a b c

d e

A: Mit frDl. GEn. von louis-Pol DElEstréE


(DElEstréE, tAcHE 2007, nr. 3215); b: Mit frDl.
GEn. von PiErrE-MAriE GuiHArD; c: Mit frDl.
GEn. von louis-Pol DElEstréE (DElEstréE,
tAcHE 2007, nr. 3213); D: Mit frDl. GEn. von
louis-Pol DElEstréE (DElEstréE, tAcHE 2004,
nr. 2487); E: Mit frDl. GEn. von louis-Pol
DElEstréE (DElEstréE, tAcHE 2007, nr. 3599)

Im 1. Jahrhundert v. Chr. wurde die Bildsprache Galliens natur- resten Feuerstellen oder Hinweisen auf Viehzäune abzulesen
getreuer, wie ein Silberquinar zeigt (a). Es tauchten auch erste ist – , war kein Bedarf an Geld. Wie in alten Zeiten tauschten
Gravierungen auf. Dabei handelte es sich um die Namen von die Familien ihre landwirtschaftlichen und handwerklichen
Stämmen (b: Veliokassen), Amtstitel (d: Arcantodan: ein für die Produkte gegen andere Güter, die sie für die Selbstversor­
Münzprägung verantwortlicher Magistrat) oder um Personen- gung benötigten. Selbst Erze und ein Luxusgut wie Wein im­
namen (d: Dubnoreix: »König der Finsternis«, e: Vercingetorix: portierten sie auf diese Weise, vermutlich im Austausch ge­
»oberster König der Krieger«). Zu dieser Zeit war schon viel gen im Krieg erbeutete Gefangene.
Münzgeld im Umlauf. Hingegen bestätigen Ausgrabungen im Kontext der galli­
schen Eliten, dass Münzen vor allem in militärischen Kreisen
kursierten. Dort hatten die im 3. Jahrhundert v. Chr. ein­
wurden. Selbst Perseus, der letzte makedonische König, warb wandernden Belgen die einheimischen Armoriker in einer
im 2. Jahrhundert v. Chr. jeweils 10000 Kavalleristen und Schlacht nahe dem heutigen Ribemont­sur­Ancre besiegt.
Infanteristen vom gallischen Stamm der Gaesaten an. Jeder Archäologen entdeckten ein Gebäude, in dem die Leichen
Reiter erhielt zehn Statere, jeder Infanterist fünf und ihr An­ der enthaupteten Erschlagenen aufgestellt worden waren.
führer 1000 Statere. Dort fanden sie auch Münzen und Torques, einen keltischen
In diesen Armeen erlebten die Gallier Geld als ein Mittel, Halsschmuck aus Gold, Silber oder Bronze. Antike Berichte
sich die Dienste und die Loyalität von Truppen zu sichern. Es beispielsweise von dem griechischen Geografen Strabon
liegt nahe anzunehmen, dass die in ihrer Heimat geprägten überliefern, dass gallische Krieger mit Gold geschmückt in
Münzen dem gleichen Zweck dienten, beispielsweise um den Kampf zogen, was Mut und Tapferkeit symbolisierte.
den eigenen Stamm durch Anwerbung zusätzlicher Krieger Gegen Ende des Jahrhunderts aber änderte sich das Ver­
gegen andere zu schützen. Somit lässt sich die Einführung hältnis zum Geld. Im Südosten kamen nun auch Silbermün­
des Geldes wohl eher dem Umfeld der kriegerischen Elite zen in Gebrauch, vermutlich in Folge des intensivierten Han­
zuordnen, als dem Handel mit der mediterranen Welt. dels. Diese Münzen imitierten zunächst die Drachmen der
griechischen Niederlassungen Emporion und Rhode an der
Auf dem Weg katalanischen Küste. Numismatiker nennen sie Kreuzmün­
zur »abstrakten« Kunst zen, weil ein Kreuz die Vorderseite in vier Flächen mit unter­
Ab der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. variierten Gewicht schiedlichen Motiven wie Beil, Ring und Mondsichel gliedert.
und Metallsorte, der realistische grafische Stil und die Bild­ Ab der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. kamen im Rhonetal
motive orientierten sich aber nach wie vor an den mitge­ Varianten davon auf, die sich an der Drachme Massalias so­
brachten Stücken der Söldner. Derweil entwickelte sich in wie am römischen Denar ausrichteten.
anderen Bereichen wie der Verzierung von Schmuckstücken Im Landesinneren wurden Münzen zu dieser Zeit noch
eine Bildsprache, die auf der Schwelle zur Abstraktion stand aus Gold geprägt, eine wachsende Zahl von Typen, Gewich­
und häufig Kriegssymbole wie das Schwert aufnahm. ten und Durchmessern belegt aber, dass der Handel offen­
Dass die Münzen jener Zeit im Alltag der Gallier kaum bar auch auf regionaler Ebene ausgeweitet wurde. Vor allem:
Bedeutung hatten, bestätigen archäologische Grabungen: In ihren abstrakt wirkenden Bildmotiven entwickelten diese
Nicht nur ist die Gesamtzahl der Funde gering, in Siedlungen Münzer Eigenständigkeit. Historiker vermuten, dass die
fehlen sie ganz. Wo immer Alltag herrschte – was an Speise­ Prägungen Götter symbolisierten. Einen Hinweis darauf lie­

18  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
ferte der griechische Geschichtsschreiber Diodorus (1. Jahr­ der Häduerfürst und Druide Diviciacus, außerdem pflanz­
hundert v. Chr.), dem zufolge der Keltenhäuptling Brennus liche Motive und Objekte der griechisch­römischen Welt wie
bei der Eroberung Delphis im Jahr 279 v. Chr. erstaunt war, Amphoren. Hinzu kamen eingeprägte Legenden mit griechi­
dass die Griechen ihre Götter in menschlicher Gestalt dar­ schen und lateinischen Buchstaben – angesichts des gerin­
stellten. gen Gebrauchs von Schrift insgesamt unterstreicht dies:
Um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. kamen in Nord­ Hatten die frühen Goldmünzen noch einem besonderen
und Mittelgallien die ersten Münzen aus der Kupfer­Zinn­ Zweck gedient, gab es nun ein System von Hartgeld für jeden
Legierung Potin auf, das auf Grund seines im Vergleich zur Zweck. Gallien wurde somit mehr und mehr vom Mittel­
Bronze höheren Zinnanteils silbern glänzte; zudem solche meergebiet beeinflusst. Die Geldwirtschaft war endgültig bei
aus Silber, aber mit einem Gewicht unter einem Gramm. Ab den Kelten angekommen. Ÿ
dem Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. existierten in mehre­
ren Regionen Währungen, die auf drei Metallsorten basier­ der autor
ten. Die Zahl der Funde belegt, dass die Geldmenge insge­
Der numismatiker Pierre­Marie Guihard forscht
samt deutlich zunahm. am service de numismatique – centre Michel de
boüard crAHAM (uMr 6273), université de caen
Bronzemünzen für die täglichen Ausgaben basse-normandie.

Auf dem Küstenstreifen des Languedoc wurde noch vor der


römischen Eroberung der Gallia Narbonensis (von 121 bis 118
v. Chr.) sogar noch die Bronzeprägung eingeführt, um auch
kleinere Werteinheiten nutzen zu können. An zahlreichen quellen
Fundstellen der Zeit tauchen sie verstreut auf, was unter­
Delestrée, L.­P., Tache, M.: nouvel atlas des monnaies gauloises.
streicht, wie wenig die Besitzer ihnen Beachtung schenkten. éditions commios. saint-Germain-en-laye, 2002, 2004, 2007
Münzen aus Gold hingegen wurden meist versteckt und in Gruel, K., Haselgrove, C.: le développement de l’usage monétaire à
einem verschlossenen Behälter aufbewahrt. l’âge du fer en Gaule et dans le régions voisines. online unter:
http://federation.ens.fr/ydepot/semin/texte0910/Gru2010DEv.pdf
Die Bronzeprägung verbreitete sich von den Küsten des
Guihard, P.­M.: Monnaie et société chez les peuples gaulois de la
Mittelmeeres bis in das Innere Galliens und wurde dort nicht basse vallée de la seine. recherches sur les usages monétaires d’une
einmal 50 Jahre später im großen Rahmen praktiziert. région entre le début du iiie et la fin du ier siècle av. J.-c. éditions
Monique Mergoil, Montagnac 2012
Gleichzeitig veränderte sich das Bildprogramm erneut. Mit
Wigg­Wolf, D.: the function of celtic coinages in northern Gaul.
wenigen Ausnahmen wie Armorikum (der heutigen Breta­ in: barter, Money and coinage in the Ancient Mediterranean
gne) verdrängten naturgetreue Darstellungen die symbol­ (10th – 1st centuries bc). csic, Madrid 2011, s. 301 – 314
haften und die Tiermotive. Porträts kamen dazu, darunter

ImPrESSum

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WWW.SPEKtrum.DE 19
IntErvIEw

»Viele gallische Stämme hatten


eine Art Basisdemokratie etabliert!«
Jean-Louis Brunaux, einer der führenden Experten für das Gallien vor der
römischen Eroberung, vertritt Thesen, die manchen Forscher provozieren:
Gallien sei zum Beispiel keine Erfindung Cäsars gewesen, sondern ein
Gebilde, in dem sich bereits ein »Nationalgefühl« entwickelt hatte – und
sogar eine antike Form von Demokratie.

Spektrum der Wissenschaft: Wie hätte ein Bewohner in im juristischen Bereich. Für ein gemeinsames Verständnis
der Gegend des heutigen Paris reagiert, wenn man ihn als spricht auch, dass die Hilfstruppen für den in Alesia einge­
Gallier angesprochen hätte? Wäre ihm »Kelte« lieber ge­ schlossenen Rebellionsführer Vercingetorix fast gallienweit
wesen? ausgehoben wurden.
Jean-Louis Brunaux: Ihre Frage berührt eine Diskussion un­ Dennoch waren die verschiedenen Stämme autonome
ter Fachleuten. Viele ziehen den offeneren Begriff »Kelten« politische Einheiten, die beispielsweise mit den Römern je­
dem der Gallier vor und halten Gallien für eine Erfindung Cä­ weils eigene Verträge abschlossen. Manche waren deren Ver­
sars. Dieser Meinung bin ich ganz und gar nicht. Im 2. Jahr­ bündete, andere nicht.
hundert v. Chr. bereiste der griechische Geograf Poseidonios Brunaux: Ein Gallier fühlte sich tatsächlich erst einmal mit
von Apameia das Languedoc und das Tal der Garonne. Er be­ seiner jeweiligen Volksgruppe verbunden, war Häduer, Pik­
schrieb dann ein Gallien, das tone und so weiter. Ein sol­
von Alpen, Mittelmeer, Pyre­ cher Stamm umfasste einige
näen, Atlantik und Rhein be­ Die Häduer verfügten bereits über hunderttausend Menschen,
grenzt wurde, und zählte die eine richtige Verfassung und die ein Gebiet besiedelten,
verschiedenen Volksgruppen eine Sammlung von Gesetzen. Sie dessen Fläche einem durch­
auf. Zentralgallien sei Keltika, schnittlichen heutigen fran­
also Keltenland, es gebe aber
wählten zwei Magistrate zösischen Departement ent­
auch nichtkeltische Stämme sprach. Man kann diese Ge­
wie die Belgen und Aquitanier. Diese Vielfalt war den Bewoh­ bilde mit griechischen Stadtstaaten vergleichen, die ja auch
nern Galliens bewusst. Doch ich bin überzeugt: Wer inner­ aus einem urbanen Zentrum und dem Umland bestanden.
halb der geografischen Grenzen ein Recht auf Grund und Bo­ Was die Römer wohl ebenfalls so sahen, denn sie sprachen
den besaß, war nach seinem Verständnis ein Gallier. von »civitates«, also Bürgergemeinschaften.
Wie hätte sich ein solches »Nationalbewusstsein« prak­ Das impliziert aber auch eine Beteiligung der Stam­
tisch geäußert? mesmitglieder an politischen Entscheidungen.
Brunaux: Laut Cäsar fand jedes Jahr im Wald der Karnuten Brunaux: Tatsächlich berieten die »Bürger« gemeinsam
eine stammesübergreifende Versammlung aller Druiden über wichtige Themen. Der griechische Geograf Polybios
statt. Die einzelnen Volksgruppen trugen Unstimmigkeiten überlieferte zum Beispiel, dass Hannibal auf seinem Zug
vor und akzeptierten die Entscheidungen dieser Versamm­ gegen Rom Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. die Versamm­
lung. Sie repräsentierte also Gallien als Nation, zumindest lungen aller Gebiete, die er durchqueren wollte, dafür um

20  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
Jean-Louis Brunaux
ist Forschungsdirektor am
französischen Cnrs (natio-
nales wissenschaftliches
miT FrDl. GEN. voN JEaN-louis BruNaux

Forschungszentrum) und
Mitarbeiter der abteilung
archéologie et Philologie
d’orient et d’occident an der
Pariser Hochschule ecole
normale superieure.

Erlaubnis bat. Viele gallische Stämme hatten also eine Art Laut Cäsar gab es aber auch noch Könige, insgesamt
Basisdemokratie etabliert! bot Gallien also kein einheitliches politisches Bild?
Es fällt allerdings schwer, sich eine Versammlung mit Brunaux: Der Wahrheitsgehalt dieser Behauptung lässt sich
mehreren hunderttausend Menschen vorzustellen! schwer einschätzen, schließlich brauchte der römische Feld­
Brunaux: So viele waren es in der Praxis sicher nicht. Skla­ herr gute Argumente, um Vertreter seiner Verbündeten an
ven galten ohnehin nicht als Bürger, und Frauen waren nicht die Spitze unterworfener Stämme zu setzen. Meines Erach­
zugelassen. Vielleicht war das Recht auf politische Teilhabe tens handelte es sich aber nicht um Tyrannen, sondern um
zudem an einen gewissen Mindestbesitz gebunden wie in Aristokraten, die von ihren Standesgenossen gewählt und
Rom. Außerdem wurde das Territorium einer Volksgruppe in mit einer eingeschränkten Macht ausgestattet wurden. Was
bis zu fünf »Länder« untergliedert. Die hatten wieder eigene die Demokratie nach griechischem Vorbild angeht, waren
Versammlungen mit maximal 30 000 Menschen. Archäolo­ manche Stämme eben weiter als andere. So verfügten die
gen haben vor einigen Jahren einen elf Hektar großen, um­ Häduer sogar über eine richtige Verfassung und eine Samm­
zäunten Platz entdeckt, der mutmaßlich solchen »Meetings« lung von Gesetzen. Sie wählten zwei Magistrate. Der eine war
diente. Zum Vergleich: Die Saepta Julia auf dem Marsfeld in mit allen zivilen, der andere mit allen militärischen Aufga­
Rom fasste 70 000 Personen, die dort zwei oder drei Tage ben betraut. Und vorbeugend gegen Machtmissbrauch wa­
lang Wahlen abhielten. ren die Ämter auf ein Jahr befristet.
Gab es bei manchen Stämmen nicht auch eine Art Ohne die römische Eroberung hätte sich Gallien also
Senat wie in Rom? vielleicht zu einem demokratischen Staat entwickelt?
Brunaux: Das ist richtig, die Häduer gehörten laut Cäsar Brunaux: Es ist müßig, über solche Fragen zu spekulieren.
dazu. Deren Senat setzte sich aus Repräsentanten der aris­ Ich glaube aber: Der Grund, warum sich Cäsar nicht ein be­
tokratischen Familien zusammen. Die Bürgerversammlung reits geschlossener Verband präsentierte, war gerade die dort
kam um das 4. Jahrhundert v. Chr. als zweite Institution dazu, etablierte Form der Demokratie. Weil die Bürger ihre Verant­
wobei dieser Zeitpunkt je nach Volksstamm variiert. Sie ging wortung nicht gewählten Repräsentanten übertrugen, son­
vermutlich aus einer Versammlung der Krieger hervor und dern in wichtigen Angelegenheiten selbst abstimmten, fo­
betraf daher zunächst rein militärische Fragen. Da die Gallier kussierte sich alle politische Macht in den Versammlungen –
den Kampf auch untereinander nicht scheuten, wurde diese und deren Größe war zwangsläufig begrenzt Ÿ
Kompetenz auf zivile Streitigkeiten ausgedehnt. Ab dem
3. Jahrhundert v. Chr. oblagen juristische Angelegenheiten Das Gespräch führte Guillaume Jacquemont, Wissenschafts­
dann weit gehend den Druiden. journalist bei der französischen Zeitschrift »Pour la Science«.

www.SPEKtrum.DE 21
SIEDLungSforSchung

AnatomieeinerKeltenstadt
Festungsmauern und eine städtisch anmutende Siedlungsfläche kennzeichnen
die auf Anhöhen gelegenen spätkeltischen Oppida. Laut den Ausgrabungen
in Bibracte, dem Hauptort der Häduer, waren die gipfelnahen Bereiche dem Kult
vorbehalten.
Von Fabrice Bessière

N
apoleon III. war ein Bewunderer Gaius Julius Cä­ rere hundert Hektar große Siedlungen mit einer Festungs­
sars. Dessen Bericht »De Bello Gallico« inspirierte mauer umgeben wurden. Einige dieser von den Römern als
den französischen Kaiser, Ausgrabungen auf dem Oppida bezeichneten Orte existierten dort schon seit der
Mont Beuvray zu veranlassen. Dort vermutete Bronzezeit, andere waren Neugründungen – und wurden nur
man das vom römischen Feldherrn als Oppidum beschrie­ wenige Jahrzehnte später wieder aufgegeben. Manche Op­
bene Bibracte, den Hauptort der Häduer. Die erste Grabungs­ pida waren offensichtlich dicht besiedelt, darunter Bibracte,
phase dauerte von 1864 bis zum Ersten Weltkrieg. In den während andere nur wenige Einwohner besaßen wie die Fes­
1970er Jahren wurde die Arbeit von verschiedenen inter­ tung auf dem Mont Vully in der Schweiz.
nationalen Teams in Zusammenarbeit mit dem Europäi­ Bibracte profitierte von seiner Lage nahe den Flüssen
schen Zentrum für Archäologie wieder aufgenommen, bald Rhone, Loire und Allier. Es war eine Drehscheibe für Händler,
ergänzt durch die Erforschung weiterer urbaner Siedlungen die von Italien über die Saône zu Loire, Seine oder zum Rhein
im gallischen Raum. zogen. Das Gebiet der Häduer lag zudem inmitten des Ein­
Heute ergibt sich für den keltischen Raum das Bild einer flussbereichs eines Stammesbunds, der sich von Lyon bis
in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. gewachsenen nach Belgien erstreckte. Er verpflichtete Segusiaven, Ambar­
Bevölkerung, aber auch tief greifender Veränderungen in der rer, Biturigen, Senonen, Parisier, Bellovaker und branovici­
politischen, wirtschaftlichen und sozialen Organisation der sche Aulerker durch Verträge zu gegenseitigem Schutz und
Stämme. Anders lässt sich nicht verstehen, dass bis zu meh­ Hilfeleistungen. So entstand nicht nur ein komplexes poli­
tisches und diplomatisches System, sondern auch eine Art
auf einen blick Wirtschaftszone, die es den Mitgliedern ermöglichte, mit
mächtigen Stämmen wie den Avernern in Konkurrenz zu
treten. Oppida wie Bibracte waren Zentralorte, welche die
ZEntrEnmIturbAnEmchArAKtEr
gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Landschaft

1 Im 2. Jahrhundert v. Chr. entstehen in der keltischen Welt befes­-­


tigte­Siedlungen, so genannte Oppida. Meist wurden sie in
geschützter Lage gegründet, mitunter am Ort eines bereits beste-
Galliens strukturierten.
Auch mit den Römern unterhielten die Häduer enge Be­
henden Heiligtums. ziehungen. Cäsar, der »De Bello Gallico« in Bibracte nieder­
schrieb, bezeichnete sie als »fratres consanguineique«, also
2 Der Volksstamm der Häduer errichtete Bibracte als seinen
Zentralort auf dem Mont Beuvray. Schon im 19. Jahrhundert
begannen erste archäologische Grabungen; seit gut 40 Jahren
als Blutsbrüder. Den Titel durften sonst nur die Einwohner
Ilions führen, da die Römer sich auf den trojanischen Prin­
arbeiten dort internationale Archäologenteams. zen Äneas zurückführten. Cäsar überlieferte auch eine de­

3 Bibracte zeichnet sich durch seine mächtige­Befestigungsanlage


aus, die den Beschreibungen Julius Cäsars entspricht. Die
Forscher entdecken zudem eine städtische Planung, welche das
taillierte Beschreibung der »gallischen Mauern« am Beispiel
des von ihm belagerten Avaricum (des heutigen Bourges).
Oppidum in Versammlungsorte, Kultplätze, Handwerker- und »Murus gallicus« ist im Archäologenjargon ein bestimmter
Wohnviertel unterteilt. Typus von Festungsanlage, den sie auf zahlreichen Fundplät­
zen nachweisen können, etwa in Murcens im Departement

22  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
Lot, in Camp de la Bure in den Vogesen und im süddeutschen
Manching. Die Bautechniken variierten je nach Region; Cäsar
beschrieb offenbar einen speziellen Typ, der vor allem in N
La Terrasse
Westeuropa vorkam.

ße
Die in Bibracte frei gelegten Mauerstrukturen bestehen

ra
st
aus senkrechten und horizontalen, miteinander vernagelten 0 100 500

t
up
Ha
Balken (siehe Bild). Solche Gitter überlagern einander in re­ Meter

gelmäßigen Abständen. An der mit Steinen verblendeten Parc aux Chevaux


Außenfassade blieben die Balkenköpfe sichtbar. Auf der 822 Meter
Innenseite schütteten die Gallier eine Erdrampe auf. Cäsar Le Porrey
schrieb dazu: »Durch das abwechselnde Anbringen von Höl­
zern und Felsgestein, die in geraden Reihen geschichtet sind, Pâture du Couvent
Le Theurot

ArnAud Meunier, BiBrActe; ABdrucK Mit FrdL. Gen. vOn BiBrActe


wirkt das Bauwerk nicht hässlich und besitzt für die Verteidi­ de la Roche
Minière

La Côme Chaudron
Le Champlain
Wie die meisten Oppida lag Bibracte strategisch günstig auf einer
Les Barlots
Anhöhe und wurde zudem von mindestens zwei Mauerringen Porte du Rebout
umfasst (rot und grün im Plan). Auf einer Länge von mehr als fünf
Kilometern haben Archäologen die Konstruktionstechnik nach­
gewiesen: ein Gitternetz aus Balken, mit Steinen verfüllt. Sie
konnten zudem einige Siedlungsbereiche zu Tage bringen und
deren Funktion klären.
AntOine MAiLLier, BiBrActe; ABdrucK Mit FrdL. Gen. vOn BiBrActe

www.SPEKtrum.DE 23
gung höchste Eignung, weil die Steine Schutz vor dem Feuer kultische Aktivitäten hatten gesellschaftliche Funktionen. In
gewähren und das Holzwerk gegen den Rammbock Wider­ Manching etwa lassen sich in vier heiligen Bezirken Riten
stand leistet und weil zudem noch Querhölzer das Werk nach nachweisen, denen man sich im täglichen Leben unterzog.
innen verstärken, so dass es weder durchbrochen noch aus­ Sie unterstreichen die enge Verbindung zwischen Religion,
einandergezerrt werden kann.« privatem und gesellschaftlichem Leben. Die Errichtung ei­
Die Grabungen belegen, dass die mindestens fünf Meter nes Kultplatzes war zumindest in manchen Fällen Teil des
hohe Festungsanlage mehrfach verändert wurde. So um­ Gründungsakts eines Oppidum. Die Bedeutung der Religion
schloss die ältere, vermutlich mehr als sieben Kilometer macht Zàvist deutlich, eine keltische Siedlung in der heuti­
lange Mauer eine Fläche von ungefähr 200 Hektar. Ihr Ver­ gen Tschechischen Republik: Sie entstand den archäologi­
lauf passte sich der Geländeform an und wurde nur durch schen Befunden nach auf dem Boden eines bereits existie­
Wasserläufe unterbrochen, die an den Hängen des Mont renden großen Heiligtums.
Beuvray hinabflossen. Im 2. Jahrhundert v. Chr. schrumpfte In Bibracte konnte bislang noch kein Kultplatz nachgewie­
das Oppidum wohl, denn die Umfriedung schützte nur sen werden. Doch in der Nähe der Terrasse stand ein gallo­
noch 135 Hektar. Tore sicherten den Zugang, darunter das römischer Tempel, später eine christliche Kapelle – was die
Haupttor »Porte du Rebout« mit einer Breite von 20 Me­ Vermutung bestätigt, dass der Ort eine sakrale Bedeutung
tern. Zudem gab es geheime Pforten für eine schnelle hatte, denn eine solche Umnutzung entsprach der früh­
Flucht. mittelalterlichen Praxis. Auch im Bereich des Gipfels dürften
religiöse Aktivitäten stattgefunden haben.
Korridore­für­die­Wähler Ein großes Becken aus rotem Granit auf der »Pâture du
Cäsar zufolge waren Bürgerversammlungen das Fundament Couvent« (siehe Foto rechts) und Säulengänge unterstrei­
des gallischen politischen Systems (siehe den Beitrag ab S. 20). chen die Bedeutung des nördlichen Bereichs. Die Funktion
Sie fanden nach strikten Regeln und unter der Leitung von des Beckens ist noch unklar, seine Ausrichtung weist aber
Druiden regelmäßig oder zu einem außerordentlichen An­ auf den Horizontpunkt des Sonnenaufgangs zur Winter­
lass in den Zentralorten statt. Auch stammesübergreifende sonnenwende und auf den ihres Untergangs zur Sommer­
Angelegenheiten wurden bei solchen Zusammenkünften sonnenwende, was wieder eine kultische Bedeutung nahe­
verhandelt und Wahlen abgehalten. Bei Grabungen auf legt. In römischer Zeit um 50 bis 20 v. Chr. stand in diesem
dem Titelberg in Luxemburg kam ein geeigneter Platz zum Stadtteil eine Basilika, wie Grundriss und Säulenfragmente
Vorschein. Er war durch einen Graben vom Oppidum abge­ belegen. Vor diesem repräsentativen Gebäude lag ein Platz.
trennt. Wie man es aus dem mediterranen Raum kennt, Sondagen ergaben, dass er von einem Säulengang gesäumt
bildeten Palisaden Korridore, um den Durchgang bei der wurde, zu dem sich kleinere Straßengeschäfte öffneten. Ins­
Stimmabgabe zu kanalisieren. Der Fundplatz von Gournay­ gesamt dürfte es sich also bei der gesamten Anlage um ein
sur­Aronde im Departement Oise zeigt ähnliche Strukturen. römisches Forum gehandelt haben – es wäre das älteste
In Bibracte fehlen derart eindeutige Hinweise auf Ver­ nördlich der Alpen.
sammlungsorte, aber die so genannte Terrasse (»La Terras­
se«), eine unbebaute Fläche von ungefähr einem Hektar, die

POur LA Science
durch einen Abhang und einen Graben begrenzt wurde,
könnte ein solcher Platz gewesen sein. Eine weitere unbebau­
te Fläche enthielt der »Parc aux Chevaux«; sie war einst von
einer Mauer umschlossen, die sich zumindest auf einer Seite Bellovaker

über 100 Meter zurückverfolgen lässt. Bislang fehlen aber Parisier


noch Funde, die auf Wahlen, politische oder administrative Senonen
branovicische
Handlungen hinweisen.
Aulerker Sequaner
Öffentliche Bereiche gingen in der Antike gern mit Kult­ Häduer
plätzen einher. So markiert ein Tempel auf dem Titelberg Biturigen
aus der Zeit, da Gallien römische Provinz war, den Standort Ambarrer
eines größeren Heiligtums, das mit dem erwähnten Ver­ Segusiaven
sammlungsplatz verbunden war. Das ist verständlich, denn Averner

Gallia
Der Volksstamm der Häduer, der Bibracte im 2. Jahrhundert v. Chr. Transalpina

erbaute, war Teil eines komplexen politischen Netzwerks. So


befanden sich einige kleinere Nachbarvölker in einem Abhängig­
keitsverhältnis, mit anderen bildeten die Häduer eine Konfö­
deration. Die angrenzenden Gebiete der Sequaner und Averner
waren Feindesland. Vasallen Konföderation Gegner

24  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
AntOine MAiLLier, BiBrActe; ABdrucK Mit FrdL. Gen. vOn BiBrActe
Inmitten der Hauptstraße,
in einem der Elite vorbe­
haltenden Bereich gelegen
(»Pâture du Couvent«), stand
dieses mandelförmige Becken,
dessen Bauweise mediterrane
Vorbilder hatte. Vermutlich
diente es kultischen Zwecken.

Freilich interessieren sich Archäologen nicht nur für die Jedes Jahr liefern archäologische Teams neue Informa­
Lebenswelt der keltischen Elite, sondern auch für die des ein­ tionen zu Bibracte, den Häduern und der gallischen Zivili­
fachen Volks. Sie haben in den letzten Jahren gewisse Muster sation. Auch nach der Eroberung Galliens 52 v. Chr. blieb die
erkannt, die zweifellos schon beim Entstehen der Orte zu Siedlung bestehen – ein Indiz für ihre Bedeutung als Zen­
Grunde lagen. Zum Beispiel grenzten in Variscourt im De­ tralort für die Provinzverwaltung. Sie entwickelte sich bis in
partement Aisne parallele Straßen die einzelnen Wohnvier­ augusteische Zeit weiter, wie zahlreiche römische Gebäude
tel ein und führten auf einen Platz zu. Auch in Manching und ein Forum belegen. Erst 150 Jahre später gaben die
bildeten Wege ein Raster, in dem Häuserblöcke errichtet wur­ Bewohner ihre Stadt auf und gründeten Augustodunum, das
den, vergleichbar dem Schachbrettmuster der »insulae« in heutige Autun. Ÿ
römischen Städten. Allerdings war dies nicht überall Praxis:
Auf dem Titelberg entwickelte sich die Siedlung auf beiden
Seiten der Hauptstraße. der autor
Auch Bibracte wurde wohl durch eine Hauptstraße geteilt,
Fabrice­Bessière ist Koordinator des Forschungsprogramms von
an deren Ende die zwei großen Tore standen (siehe Gra­
Bibracte und stellvertretender direktor des europäischen Zentrums
bungsplan S. 23). Einige Häuserblöcke wurden aber quer dazu für Archäologie in Glux-en-Glenne.
durch Nebenstraßen gegliedert (in den Siedlungsbereichen
»Le Champlain« und »La Côme Chaudron«). quellen
Das städtische Gefüge verdichtete sich auf mindestens
Goudineau,­C.­(Hg.):­religion et société en Gaule. Édition errance,
drei Terrassen südlich der Hauptstraße, von der »Porte du collection »Pôle Archéologique du département du rhône«, Paris
Rebout« bis zum Gebiet »Pâture du Couvent«. Dicht an 2006
von­Nicolai,­C.:­die keltische version der antiken Stadt. die Oppida.
dicht lebten dort spezialisierte Handwerker, in dem Viertel
in: Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Landes-
»La Côme Chaudron« beispielsweise Bronzegießer, Email­ museum Württemberg und Landesamt für denkmalpflege im
leure und Schmiede. Nicht von ungefähr: Eine Erzlagerstät­ regierungspräsidium Stuttgart (Hg.): die Welt der Kelten. Zentren
te erreichte dort die Oberfläche und wurde ausgebeutet. der Macht – Kostbarkeiten der Kunst. Jan thorbecke, Ostfildern
2012, S. 357 – 371
Noch weiter südlich standen wahrscheinlich Wohnhäuser. Romero,­A.­M.: Bibracte: archéologie d’une ville gauloise, centre
Die südlichste Terrasse diente zweifellos gesellschaftlichen Archéologique européen, Glux-en-Glenne 2006
Aktivitäten.

www.SPEKtrum.DE 25
FrühEKELtEn

Druiden,ritter,Fürstinnen
Die keltische Kultur entstand nicht in Gallien, sondern im Mitteleuropa des
6. Jahrhunderts v. Chr. Archäologische Grabungen der letzten Jahre belegen
schon für diese Anfangsphase aristokratische Herrschaftsstrukturen. Anders
als im Gallien zur Zeit Cäsars hatten damals auch Frauen politischen Einfluss.
Von Dirk Krausse

»V
on den Kelten weiß man gerade genug, um sie in ten als Söldner Kleinasien und wurden zum Leidwesen ihrer
der Geschichte zu verankern, und gleichzeitig so Nachbarn dort im 3. Jahrhundert ansässig, nunmehr »ga-
wenig, dass sie genug Raum lassen für die Fanta- latoi« genannt. Daneben verwendeten die Römer, unter an-
sie«, warnt die Regensburger Keltologin Sabine derem der römische Feldherr Gaius Julius Cäsar in seinem
Rieckhoff vor allzu hohen Erwartungen an die Altertumswis- Kriegsbericht »De Bello Gallico«, eine weitere Bezeichnung:
senschaften. Gab es ein Volk der Kelten, vielleicht sogar ein Gallier. Neben den Schriftzeugnissen konnten sich die For-
Staatswesen? Fördert die Rückbesinnung von Iren und Schot- scher des 19. Jahrhunderts auch auf archäologische Quellen
ten auf ihr Brauchtum die Wiederentdeckung urkeltischer stützen. Die frühen Kelten verorteten sie in der Hallstatt-
Gebräuche und Religion? Dank der akribischen Arbeit der kultur, bekannt nach einem Fundort in Österreich. Mit ihr
Historiker an den antiken Schriftquellen und dank systema- begann um 800 v. Chr. die Eisenzeit. Die La-Tène-Kultur,
tischer archäologischer Forschung lassen sich zumindest benannt nach einem Fundort in der Schweiz, löste sie um
manche dieser Fragen endlich beantworten. 450 v. Chr. ab.
Im 19. Jahrhundert bildeten die antiken Texte gerade in
Frankreich und Deutschland einen fruchtbaren Nährboden, Antike Quellen im kritischen Blick
um den Nationalstaaten eine ruhmreiche gallisch-keltische Mitte des 20. Jahrhunderts nahm die Keltologie allmählich
beziehungsweise germanische Vergangenheit anzudichten. Fahrt auf und versuchte, den Ballast der ideologisch verzerr-
Diese hätte dann bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. zurückge- ten Altertumsforschung der vergangenen Jahrzehnte abzu-
reicht, als die Anwohner des Mittelmeers erstmals auf Men- werfen. Heute wissen wir, dass es niemals ein keltisches Volk
schen trafen, die der Grieche Hekataois von Milet um 500 v. gegeben hat und ebenso wenig eine einheitliche Kultur mit
Chr. als »keltoi« bezeichnete. Möglicherweise handelte es einer über den gesamten Verbreitungsraum verbindlichen
sich dabei um Bewohner der Atlantikküste – der Kontakt Gesellschaftsform. Immerhin aber lassen sich über die ver-
kam im Zuge des Fernhandels zu Stande. Gut 100 Jahre spä- schiedenen keltischen Gruppen Aussagen treffen, die auf
ter schwärmten die Kelten aus, um Griechen, Etrusker und einer kritischen Analyse der antiken Quellen sowie auf der
Römer als Krieger das Fürchten zu lehren. Tausende erreich- intensiven archäologischen Forschung vor allem der letzten
zehn Jahre beruht.
auf einen blick Leider haben keltische Gruppen keine eigene Schrift ent-
wickelt und die ihrer Mittelmeernachbarn nur so sporadisch
genutzt, dass die wenigen, zudem lediglich in Bruchstücken
KuLturohnESchrIFt
erhaltenen Texte wenig Erkenntniswert bieten. Die ausführ-

1 Um 500 v. Chr. werden die »keltoi« als erste mitteleuropäische


Bevölkerungsgruppe von einem antiken Chronisten erwähnt.
Die ausführlichste Beschreibung lieferte Gaius Julius Cäsar, denn die
lichste Schilderung stammt von Gaius Julius Cäsar, der im
sechsten Buch seiner »Commentarii de Bello Gallico« unter
keltischen Gruppen schrieben ihre eigene Geschichte nicht auf. anderem ausführte, die Oberschicht in Gallien umfasse nur
zwei soziale Klassen: Druiden und »equites«, also Ritter, wo-
2 Aus Sicht der modernen Forschung waren die Kelten keine
Ethnie. Vielmehr gab es Gruppen mit vergleichbaren kulturel-
len Merkmalen, die sich seit etwa 800 v. Chr. herausbildeten.
bei Erstere als Richter und Priester fungierten (siehe auch
Kasten S. 14). Angeblich waren sie in Geheimbünden organi-

3 Während die von Römern und Griechen beschriebenen »Bar-


baren«, die späten Kelten, in einer Kriegergesellschaft
organisiert waren, belegen jüngste archäologische Grabungen
siert, denen ein gewähltes oder durch Zweikampf ermitteltes
Oberhaupt vorstand. Historiker glauben, Cäsar habe sich bei
im Kontext frühkeltischer Fürstensitze eine Adelsgesellschaft, in diesen Schilderungen in wesentlichen Zügen auf die Aus-
der auch Frauen einen hohen Rang einnahmen. sagen griechischer Autoren wie Poseidonios von Apamaia
gestützt, der 40 bis 50 Jahre vor ihm Gallien bereist hatte.

26  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
Mit FrDl. GEn. voM lAnDEsAMt Für DEnKMAlpFlEGE iM rEGiErunGspräsiDiuM stuttGArt,
FilMAKADEMiE BADEn-WürttEMBErG / BrAinpEt GBr / DAviD MAAs
»Die Donau entspringt bei den Kelten und der Stadt Pyrene«, schrieb der Grieche Herodot Mitte
des 5. Jahrhunderts v. Chr. Vieles spricht dafür, dass er damit die Heuneburg meinte, einen
frühkeltischen Fürstensitz gut 80 Kilometer flussabwärts der Donauquelle. Systematische archäo­
logische Grabungen bewiesen, dass sie um 600 v. Chr. mit einer von mediterranen Vorbildern
inspirierten weiß verputzten Lehmziegelmauer und einer monumentalen Toranlage gesichert war.

So wusste der Römer offenbar nicht einmal, dass einer sei- neben der erwähnten abhängigen Klientel auch Sklaven gab.
ner engsten keltischen Verbündeten, der Häduerfürst Divi- So erwähnte der griechische Geschichtsschreiber Diodorus
ciacus, ebenfalls Druide war. Diese Information verdanken von Sizilien im 1. Jahrhundert v. Chr., Kaufleute aus dem Mit-
wir nicht Cäsar, sondern Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. telmeerraum hätten in Gallien eine Amphore Wein gegen ei-
Chr.) – der Kelte hatte den Senator anlässlich einer diploma- nen Unfreien eingetauscht.
tischen Reise 61 v. Chr. in Rom aufgesucht.
Sehr wahrscheinlich irrte Cäsar also in seiner Darstellung Die Hose als Kulturmerkmal
der gallischen Oberschicht: Druiden gehörten selbst zum In dieser Zeit, die wir heute als spätkeltische Phase begreifen,
Ritterstand, hatten aber eine langjährige Ausbildung absol- waren die Kriegszüge der »keltoi« und »galatoi« bereits Ge-
viert, die sie dann beispielsweise von Steuern und Kriegs- schichte, gleichwohl hatten sie Spuren hinterlassen: Einhel-
diensten befreite. Letzterer oblag den sonstigen Rittern und lig zeichnen die antiken Autoren des 2. und 1. Jahrhunderts
ihrer Gefolgschaft, insbesondere Abhängigen und Unfreien, v. Chr. ein martialisches Bild von Sitten und Gebräuchen der
die durch Geburt oder auch durch Schulden an ihren Herrn »Barbaren«. Das begann damit, dass sie Hosen statt eine Toga
gebunden waren. An der Spitze dieser Oberschicht stand trugen – außer in römisch besetzten Gebieten. Antike Ethno-
meist eine Gruppe von Repräsentanten der führenden Fami- grafen unterschieden daher die Gallia Comata von der Gallia
lien. Einige Stämme Galliens wurden von Königen regiert, Togata. Beim gemeinschaftlichen Mahl lagen sie nicht auf
doch diese Herrschaftsform war zu Cäsars Zeit wohl bereits bequemen Möbeln wie die Griechen, Etrusker oder Römer,
im Niedergang begriffen. sondern saßen an niedrigen Tischen. Ihr langer Schnauzbart
Über die große Masse der Bevölkerung erfahren wir aus diente den Männern als Seiher beim Trinken von Bier und
den antiken Schriftquellen leider nur wenig. Klar ist, dass es Wein; um die besten Fleischstücke fochten sie blutige Zwei-

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kämpfe aus. Zudem schrieb Diodor, dass es unter Galliern Das könnte auf eine matrilineare Erbfolge hindeuten, bei
üblich war, Kriegsgefangene den Göttern zu opfern und die der ein Führungsamt nicht vom Vater auf den Sohn, son-
Schädel der vornehmsten Feinde als Trophäen aufzubewah- dern auf den Schwestersohn vererbt wird. In stark promis-
ren oder gar zu Trinkschalen zu verarbeiten. kuitiven Gemeinschaften sichert das die Erhaltung der Ab-
Mögen diese Berichte ideologisch geprägt sein, um durch stammungslinie, denn über die gemeinsame Mutter ist ein
Übertreibung des Barbarischen kriegerische Maßnahmen Mann mit den Kindern der Schwester genetisch immer ver-
seitens der Römer zu rechtfertigen, haben Ausgrabungen wandt. Livius bezog sich allerdings auf eine Überlieferung,
doch manches durchaus bestätigt. So kam in Ribemont-sur- die in die Zeit vor der keltischen Expansion zurückreicht, in
Ancre (westlich von Amiens) ein Opferplatz zum Vorschein, die so genannte frühkeltische Epoche des 6. bis 4. Jahrhun-
an dem offenbar Hunderte von Männern geköpft und ihre derts v. Chr.
Leichen dann an Pfähle gebunden worden waren, wo sie vor
aller Augen verwesten (siehe den Beitrag S. 42, Bild S. 44). Heuneburg & Co. –
Zwar praktizierten die Druiden nicht in heiligen Hainen, son- wie mächtig waren ihre Besitzer?
dern dem archäologischen Befund nach in eingefriedeten Für jene Zeit existieren kaum Schriftquellen, so dass allein
Kultbezirken und Tempeln wie andere antike Priesterschaf- archäologische Funde Aufschluss über Lebensverhältnisse
ten. Aber Schädel spielten in der keltischen Religion offen- und Gesellschaftsstrukturen geben können. Freilich sind die-
bar wirklich eine große Rolle, und auch für rituelle Gelage se Überlieferungen ebenfalls mit großen Unsicherheiten
gibt es eindeutige Belege wie etwa mit Schwertern geköpfte behaftet. Mag hier zwar nicht das Risiko bestehen, dass ein
Amphoren. antiker Autor eine ganz eigene Sicht der Dinge vermittelt,
Insgesamt handelte es sich demnach um stark männer- ideologisch gefärbt oder auch durch Unwissenheit und Spe-
dominierte Kulturen. Cäsar erwähnt folgerichtig nicht eine kulationen verzerrt, bringt der Forscher, der den archäolo-
keltische Frau namentlich. Anders Titus Livius (66 v. Chr. – gischen Befund auswertet, durch seine Interpretation doch
17 n. Chr.), der in seiner Geschichte der Stadt Rom schildert, solche Unsicherheiten wieder ins Spiel.
dass der keltische König Ambigatus die Söhne seiner Schwes- So entbrannte beispielsweise in den 1990er Jahren eine
ter und nicht seine eigenen mit Führungsaufgaben betraute. lebhafte wissenschaftliche Diskussion um die Deutung der

Da die keltischen Gruppen ihre eigene Geschichte nicht in Texten festhielten, stammen Berichte
über sie ausschließlich von griechischen und römischen Autoren. Der Versuch, den Siedlungs­
raum anhand solcher Quellen nachzuvollziehen, ergibt jedoch bis heute kein einheitliches Bild.

Verbreitungsgebiet
der keltischen Kultur Die Bewohner dieser Gebiete wurden von antiken
Autoren als Kelten bezeichnet.
keltische Sprache, aber nicht als Kelten bezeichnet
auf Grund archäologischer Funde vermutlich
keltische Gebiete
spEKtruM DEr WissEnsCHAFt / EMDE-GrAFiK, nACH: riECKHoFF 2012 Mit ErGänZunGEn

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Mit FrDl. GEn. voM lAnDEsAMt Für DEnKMAlpFlEGE iM rEGiErunGspräsiDiuM stuttGArt; Foto: otto BrAAsCH

Archäologie mit schwerem


Gerät: 2010 wurde die Holz­
kammer des so genannten
Bettelbühl­Grabs an der
Heuneburg vollständig als
80 Tonnen schwerer Block
geborgen und mit einem
Tieflader zum Landesamt für
Denkmalpflege in Ludwigs­
burg transportiert. Unter
Laborbedingungen arbeiten
sich Archäologen dort nun
Zentimeter um Zentimeter
in die Tiefe.

Bei der »Ausgrabung« dieser Kammer im Labor kamen Goldperlen im etruskischen Stil zum Vorschein.
Sie ähneln dem Ohrschmuck, der zuvor schon in einem benachbarten Mädchengrab entdeckt worden
war – vermutlich gehörten die Frauen der gleichen Adelsfamilie an.

Mit FrDl. GEn. voM lAnDEsAMt Für DEnKMAlpFlEGE iM rEGiErunGspräsiDiuM stuttGArt; Foto: YvonnE MüHlEis

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so genannten Fürstengräber, die im 6. und 5. Jahrhundert v. anlage und war von einer weitläufigen Außensiedlung mit
Chr. im frühkeltischen Verbreitungsgebiet – heute Südwest- über 100 Hektar Fläche umgeben. Sehr gut möglich, dass der
deutschland, Ostfrankreich und die Schweiz – mit großem griechische Chronist Herodot diese auch für mediterrane
Aufwand angelegt worden waren. Ein Teil der Forscher ver- Verhältnisse städtisch anmutende Anlage meinte, als er im
stand sie als repräsentative Grablegen einer aristokratisch 5. Jahrhundert v. Chr. eine Stadt namens Pyrene im Bereich
organisierten und überregional einflussreichen Führungs- der oberen Donau erwähnte.
schicht, ganz im Sinn der Jahrhunderte später von Cäsar an- Und die Heuneburg war keine Ausnahme. Neueste Aus-
getroffenen Verhältnisse. Manche glaubten darüber hinaus, grabungen auf dem rund fünf Hektar großen Hauptplateau
dass die Fürstensitze Teil eines größeren, sozusagen vor- des Mont Lassois in Burgund brachten eine regelrechte
staatlichen Gebildes waren. Andere Wissenschaftler hinge- Stadtanlage mit Plätzen, Quartieren und Versammlungs-, Pa-
gen sahen darin eher Gräber regional eng begrenzter Ge- last- oder Kultgebäuden von teilweise monumentalen Aus-
meinschaften, die gerontokratisch organisiert waren, also maßen zum Vorschein. Auch dieser Ort profitierte sicher von
von den Ältesten geführt wurden. seiner Lage: Bot die Donau eine Handelsverbindung zum
Erst die Ausgrabungen der letzten zehn Jahre haben eine Schwarzen Meer, so lag der Mont Lassois an der antiken Zinn-
Fülle an Belegen dafür erbracht, dass die frühkeltischen straße von Marseille zu den Britischen Inseln. Der Fürsten-
Gruppen eher noch komplexer organisiert waren als bereits sitz Glauberg in Hessen wiederum mit seinem Großgrab-
von der älteren Forschung vermutet. Den Durchbruch brach- hügel und den lebensgroßen Steinstatuen lag nahe zu Fern-
ten großflächige Siedlungsgrabungen an verschiedenen handelswegen, die vom Mittelrhein zur Elbe und nach
Fürstensitzen im Rahmen eines Schwerpunktprogramms Nordbayern führten.
der Deutschen Forschungsgemeinschaft von 2004 bis 2010.
Was hier zu Tage kam, überschritt zweifellos die Möglichkei- Expansion
ten kleinerer Gruppen mit flachen Hierarchien. in die Mittelgebirge
So erwies sich die Heuneburg an der oberen Donau nicht Zu den Siedlungsstrukturen passen die Befunde der Archäo-
nur als eine seit etwa 600 v. Chr. nach phönizisch-puni- botaniker im Voralpenraum und in der Eifel: Mit dem Auf-
schem Vorbild in Lehmziegelbauweise errichtete Festung. kommen dieser frühkeltischen Zentralorte im 7. und 6. Jahr-
Sie hatte überdies eine Vorburg mit monumentaler Tor- hundert v. Chr. wurde die Umgebung großflächig bis in un-
wirtliche Höhenlagen der Mittelgebirge hinein gerodet, um
ein

landwirtschaftliche Flächen in großem Stil zu erschließen.


Frühkeltische
Rh

Gemeinsam mit zahlreichen neu angelegten Nekropolen


Glauberg
Zeit Goloring
Ehrenbürg
und Siedlungen lässt das auf einen starken Bevölkerungs-
anstieg in dieser Zeit schließen.
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o r t e u n d P Ze i t Inzwischen wurden auch einige Gräber frei gelegt, die sich
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L a -Tè n
Zent ü h eHohenasperg Ipf
Don offenbar zwanglos in das Modell einer aristokratisch orga-
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spEKtruM DEr WissEnsCHAFt / EMDE-GrAFiK, nACH: ArCHäoloGisCHEs lAnDEsMusEuM BADEn-WürttEMBErG

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u nisierten und auf Dynastiebildung zielenden frühkeltischen


a

o n e b e r
z kg räHeuneburg
Mont Lassois n t akt P r u n Adelsgesellschaft einfügen. So wurde 2005 auf einem Acker
Ko nd it
r t e u l s t at t ze
n t ra l o t h a l Breisach nur 2,5 Kilometer südlich der Heuneburg das Grab eines mit
Ze Spä etwa drei Jahren gestorbenen Mädchens entdeckt. Goldene
Bourges Gewandspangen mit kahnförmigem Bügel und filigran ver-
zierte Anhänger begeisterten die Fachwelt. Die auf die erste
Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. datierte Beisetzung er-
Loire

wies sich bald als Teil eines durch die landwirtschaftliche


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Rhon

Nutzung längst eingeebneten Großgrabhügels. Aus dessen


Po Zentrum wurde 2010 das vollständige Zentralgrab in einer
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spektakulären Aktion geborgen: Die teilweise noch erhaltene


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Holzkammer mitsamt dem umgebenden Erdreich wurde als


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griech
i s c h e Ko l o n i e n
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80 Tonnen schwerer, 45 Quadratmeter großer Block auf


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Marseille
einen Schwertransporter gehievt (siehe Bild S. 29 oben) und
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e e ins Labor des Landesamts für Denkmalpflege nach Ludwigs-
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t t burg verfrachtet, wo es seitdem unter kontrollierten klima-
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Handelswege
tischen Bedingungen Zentimeter um Zentimeter »ausgegra-
Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. veränderte sich offenbar die ben« wird.
soziale Struktur der keltischen Gruppen: Hochrangige Personen Der umfangreiche und aufwändige Goldschmuck (siehe
wurden mit reichen Beigaben in monumentalen Grabhügeln Bild S. 29 unten) der darin bestatteten Frau weist große stilis-
bestattet; auf für den Handel mit den Mittelmeerkulturen güns­ tische und handwerkliche Übereinstimmungen mit dem aus
tig gelegenen Kuppen entstanden befestigte Siedlungen. dem benachbarten Mädchengrab auf, was auf eine enge Be-

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BEiDE stills: Mit FrDl. GEn. voM ArCHäoloGisCHEn lAnDEsMusEuM BADEn-WürttEMBErG,
lAnDEsAMt Für DEnKMAlpFlEGE iM rEGiErunGspräsiDiuM stuttGArt, FABEr CourtiAl GBr
Auf dem französischen Mont
Lassois (oben) und dem
hessischen Glauberg (links;
siehe auch Karte linke
Seite) haben Archäologen
in den letzten Jahren
befestigte Zentralorte nach­
gewiesen und sie mit dem
Computer rekonstruiert.

ziehung der beiden schließen lässt. Dabei stehen die Objekte Der Fundkomplex lässt aber bereits jetzt keinen Zweifel
teilweise nicht in der einheimischen, keltischen Tradition, daran, dass im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. nicht allein
sondern ähneln etruskischen Stücken. Vermutlich wurden Männer gesellschaftliche Bedeutung besaßen. Die Elite maß
diese bisher einzigartigen Schmuckstücke nicht aus Etrurien offenbar auch ihren weiblichen Angehörigen und selbst
importiert, sondern von einem in den entsprechenden Kindern einen Rang zu. Das bestätigten weitere Frauengrä-
Handwerkstechniken versierten Goldschmied auf der Heu- ber der frühkeltischen Epoche, insbesondere das der »Dame
neburg eigens für die beiden Frauen hergestellt. von Vix« am Fuß des Mont Lassois. Um 480 v. Chr. angelegt,
In einer Ecke der Grabkammer kam im Labor überra- enthielt der 1953 entdeckte Hügel die prunkvollste Bestat-
schend noch ein weiteres Skelett zum Vorschein – nach einer tung der gesamten keltischen Welt. Das größte aus der Antike
vorläufigen anthropologischen Bestimmung ebenfalls eine erhaltene Metallgefäß – ein 1000 Liter fassender und 1,64
Frau. Sie war nur mit zwei einfachen Bronzearmringen für Meter hoher Bronzekrater, der aus dem griechischen Raum
das Jenseits ausgestattet worden. Ob es eine Dienerin oder importiert worden war – unterstreicht den Rang der Verstor-
gar Sklavin war, die ihrer Herrin in den Tod folgen musste, benen (siehe Bild S. 32).
oder ob sie erst später in die Grabkammer gelegt wurde, Durch die Forschungen der letzten zehn Jahre ist deutlich
bleibt vorerst Spekulation. geworden, dass die keltischen Gesellschaften nördlich der Al-

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pen zwischen dem 7. und 5. Jahrhundert v. Chr. immer stärker jeweils herrschenden Klans zu halten, gibt uns wieder die
hierarchisch organisiert waren; Hinweise auf einen über- Archäologie, genauer: das um 530 v. Chr. fertig gestellte Fürs-
greifenden Zusammenhang fanden sich aber nicht. Ab dem 5. tengrab von Hochdorf. Diese Anlage zielte vermutlich darauf
und frühen 4. Jahrhundert v. Chr. zeigen sich Ansätze zur Dy- ab, den Herrschaftsanspruch der Nachfolger des Bestatteten
nastiebildung, bei denen adlige Frauen eine tragende Rolle durch Monumentalisierung zu unterstreichen. Das Grab
spielten. Zentralorte mit vermutlich mehreren tausend Ein- und die Trauerfeierlichkeiten vermittelten die Vorstellung,
wohnern wie die Heuneburg oder die Siedlung auf dem Mont der Verstorbene lebe in seinem unterirdischen Haus mit al-
Lassois bildeten den jeweils eigenständigen Mittelpunkt im- len Attributen der Macht weiter. Ein großer griechischer
mer größerer Stammesverbände. Ohne eine Bevölkerungs- Bronzekessel – verziert mit drei Bronzelöwen und gefüllt mit
zunahme auf mehrere Zehntausend Menschen wären die kel- etwa 600 Liter Met –, dazu neun Trinkhörner und Teller ver-
tischen Wanderungen und Eroberungszüge nach Italien, auf weisen auf ein Gefolgschaftswesen, wie es in vorstaatlichen
den Balkan und bis nach Kleinasien gar nicht vorstellbar. Gesellschaften häufig praktiziert wurde: Auch im Jenseits
Wie aber wurden so große Gebilde organisiert und be- würde der Herrscher im Kreis seines Gefolges zechen und
herrscht? Die Führungsschicht konnte sich nicht auf ein ste- damit die gegenwärtige politische Ordnung weiterhin auf-
hendes Heer stützen. Es gibt auch keinerlei Hinweise auf eine rechterhalten.
Art Beamtenschaft in dieser Zeit, die den Willen der Mächti-
gen fern der Zentralorte verkündete und durchsetzte; ebenso Inszenierung der Macht
wenig bestand die Möglichkeit, Anordnungen und Dekrete über den Tod hinaus
zu erlassen sowie schriftlich zu fixieren. Zudem ist fraglich, Außerdem symbolisierte ein ebenfalls im Grab deponiertes
ob es in frühkeltischer Zeit bereits eine Priesterschaft gab, die Ensemble von Schlachtgeräten und eine goldene Schale für
stabilisierend wirken konnte. Glaubt man den Ausführungen Trankopfer die herausragende Rolle des Verstorbenen für
Cäsars, verbreitete sich das Druidentum von Britannien Opferung und Kult. Die Personalunion von höchstem poli-
kommend erst später auf dem europäischen Festland. tischem und religiösem Amt war in den keltischen Gesell-
Eine Ahnung davon, wie es den frühkeltischen Gesell- schaften zwingend notwendig, um die Stammesgemein-
schaften dennoch gelang, zumindest für mehrere Genera- schaften zusammenhalten und gleichzeitig die eigene Posi-
tionen die Stammesverbände zu einen und die Macht in den tion behaupten zu können. Zumal die Religion bei ihnen eine
sehr große Rolle spielte: Laut Cäsar galt der Ausschluss vom
Kult oder vom kollektiven Opfer neben dem Tod als die här-
AKG iMAGEs / ArCHivEs CDA / Guillot

teste Strafe.
Welchen Erfindungsreichtum und welche enormen Kraft-
anstrengungen die führenden Adelsdynastien unternah-
men, um die einmal errungene Herrschaft zu festigen, zeigt
die weitere Entwicklung der Bestattungssitten. Am Glauberg
in Hessen wurde in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts
v. Chr. ebenfalls ein riesiger Grabhügel von 50 Meter Durch-
messer aufgeschüttet, unter dem mindestens zwei Repräsen-
tanten eines überregional einflussreichen Herrscherhauses
bestattet wurden. Im Vergleich zu Hochdorf sind die Grab-
kammern jedoch von bescheidener Größe und gleichen eher
Särgen. Auch sie erhielten kostbare Beigaben, doch ging es
am Glauberg offenbar nicht mehr darum, gleichsam ein un-
terirdisches Wohnzimmer auszustatten. Während der Tote
von Hochdorf einen kompletten Satz Trink- und Speisege-
fäße mit ins Grab bekam, reichte nun jeweils eine einzige
symbolhafte bronzene Prunkkanne.
Auch dass einer der Bestatteten verbrannt wurde, deutet
an, dass sich etwas Grundlegendes geändert hatte. Nicht
mehr die Unversehrtheit des Toten sowie die Suggestion sei-
nes Weiterlebens und die Inszenierung der Beisetzung stan-
den im Vordergrund. Vielmehr verewigte man die Toten als
lebensgroße Statuen aus Stein. Vollständig erhalten hat sich
Der größte heute bekannte Krater der Antike fasste ganze 1000 nur eine davon (gefunden wurden aber Fragmente von drei
Liter. Entdeckt wurde die aus dem griechischen Raum stam­ weiteren Statuen). Sie zeigt mit Schwert, Schild, Armringen,
mende Importware im Grab der »Dame von Vix«, einer offenbar Fingerring, Halsring und einer Krone aus Blättern der heili-
hochrangigen Adligen vom Mont Lassois. gen Mistel exakt die gleiche Ausstattung, wie sie der unver-

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Mit FrDl. GEn. voM lAnDEsAMt Für DEnKMAlpFlEGE iM rEGiErunGspräsiDiuM stuttGArt; Foto: rosE HAJDu

Als solle der verstorbene


Herrscher von Hochdorf auch
im Jenseits über sein »Volk«
wachen, wurde er mit allen
Attributen der Macht in einer
monumentalen Grabkammer
beigesetzt.

brannt bestattete Mann bei seiner Beisetzung trug. Damit staatliche Gewalt und dergleichen fehlen in dieser frühen
nicht genug, wurde der Grabhügel selbst als Mittel- und Phase komplett.
Höhepunkt einer Anlage aus kilometerlangen Wällen und Zu einem erneuten Zivilisationsschub und einem zweiten
Gräben konzipiert, auf den eine 350 Meter lange Prozessions- Urbanisierungsprozess kam es nördlich der Alpen erst unter
straße zuführte. dem Einfluss des Römischen Reichs im 2. Jahrhundert v. Chr.
Hier wird wie an keiner anderen Fundstätte dieser Zeit das Aus Heiligtümern und offenen Siedlungen, die zwischen 350
Bestreben eines herrschenden Klans deutlich, seine Verstor- und 150 v. Chr. als bescheidene Zentren bäuerlicher Gesell-
benen religiös zu überhöhen und seine Nekropole zum Zent- schaften dienten, entwickelten sich vielerorts wieder befes-
ralheiligtum eines überregionalen Verbands und damit zum tigte Großsiedlungen, so genannte Oppida. Um 100 v. Chr.
Mittelpunkt einer sicherlich in die Zehntausende gehenden waren diese auf dem besten Weg, zu urbanen Zentren einer
Bevölkerung auszubauen. komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft mit intaktem Ver-
Kurz nach 400 v. Chr. scheinen jedoch nahezu alle frühkel- kehrsnetz und florierender Geldwirtschaft heranzureifen.
tischen Machtzentren ihre Bedeutung verloren zu haben. Es Doch auch dies scheiterte – diesmal an der Okkupation kelti-
ist gewiss kein Zufall, dass die antiken Schriftquellen für diese scher Siedlungsräume durch das Imperium Romanum.  Ÿ
Epoche den Beginn der keltischen Wanderungen bezeugen.
Fest steht: Im frühkeltischen Kerngebiet wurde zwischen 350 der autor
und 200 v. Chr. weder in Prunkgräbern bestattet noch exis-
tierten große, befestigte Siedlungen. Offensichtlich fielen die Dirk Krausse ist prähistoriker und landesarchäo-
loge von Baden-Württemberg. sein Forschungs-
Bevölkerungsdichte und die gesellschaftliche Komplexität schwerpunkt bildet die mitteleuropäische
nördlich der Alpen etwa auf das Anfangsniveau zurück. Eisenzeit, insbesondere die damals vollzogene
Neben klimatischen Faktoren spielte wohl die Erschöp- urbanisierung und Zentralisierung, sowie die
Herausbildung der Eliten.
fung der von den Kelten erstmals intensiv genutzten, aber
eigentlich wenig fruchtbaren Mittelgebirgsböden eine Rolle.
Um die anstehenden Probleme zu lösen, hätten neue Orga-
quelle
nisations- und Herrschaftsformen entwickelt werden müs-
sen. Doch auch wenn Machtzentren wie die Heuneburg, der Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg, Landes-
Mont Lassois oder der Glauberg im 6. und 5. Jahrhundert v. museum Württemberg und Landesamt für Denkmalpflege im
Regierungspräsidium Stuttgart (Hg.): Die Welt der Kelten. Zentren
Chr. zum Teil bereits städtischen Charakter hatten, vollzo- der Macht – Kostbarkeiten der Kunst. Begleitband zur gleichna-
gen die Kelten nicht den entscheidenden Schritt hin zur migen Ausstellung. thorbecke, ostfildern 2012
Hochkultur. Indikatoren wie Schriftlichkeit, Beamtenschaft,

www.SPEKtrum.DE 33
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auf einen blick

gAnZohnEfrEmDEnEInfLuSS

1 Keltische Gräberfelder sind selten. Doch wo sie einst angelegt


wurden, zeugen sie von großem Reichtum.

2 In Roissy, der Region von Paris, entdeckten Archäologen zwei


Wagengräber, in denen ein Krieger sowie ein Druide bestattet
wurden.

3 Diese Gräber, die bislang eingewanderten Völkern aus dem


Osten zugeschrieben wurden, belegen aber vermutlich eine
lokale kulturelle Entwicklung.

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AuSgrAbungEnbEIPArIS

Die Nekropole von Roissy


Die Kelten im Umland des heutigen paris bestatteten seit anfang
des 3. Jahrhunderts v. Chr. manche Verstorbene auf prächtig verzierten
prunkwagen. Diesen bis dahin dort unbekannten Brauch führten
Forscher bisher auf die ankunft von eindringlingen aus Mitteleuropa
zurück – wahrscheinlich zu Unrecht.
Von Thierry Lejars

www.SPEKtrum.DE 35
Z
wischen 1996 und 2000 führte ich gemeinsam mit den bevölkerungsreichsten Regionen der keltischen Welt ge­
Kollegen so genannte Präventivgrabungen im Nor­ kommen, insbesondere den fruchtbaren Ebenen entlang der
den von Paris durch. Damals stand der umfassende Donau. Auf der Suche nach neuen Ländereien verdrängten
Ausbau des Flughafens Paris­Charles­de­Gaulle in sie demnach die einheimische Bevölkerung oder passten
Roissy an. Wir untersuchten daher rund 250 Hektar Land, um sich dieser an – jedoch ohne dabei alle ihre eigenen Bräuche
etwaige archäologische Stätten davor zu bewahren, dem Pro­ aufzugeben.
jekt zum Opfer zu fallen. Schließlich wurde ein Dutzend
Fundstellen aus unterschiedlichen Epochen ausgegraben. Vom einfachen Bauernhof
Dabei kamen sowohl in Roissy selbst als auch in einigen bis hin zum dicht besiedelten Ort
Nachbargemeinden mehrere gallische Siedlungen zum Vor­ Im Zuge dieser Wanderungen, die teilweise während der ers­
schein. In einem Örtchen namens La Fosse Cotheret entdeck­ ten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. tatsächlich stattfanden,
ten Archäologen ein kleines, auf den ersten Blick bescheide­ bildeten sich neue Volksgruppen, von denen zahlreiche anti­
nes Gräberfeld. Es enthielt jedoch zwei Wagengräber. Eines ke Autoren berichteten. Die bekanntesten davon waren die
davon entpuppte sich wegen seiner eigentümlichen Bronze­ Skordisker, die sich in dem Gebiet um das heutige Belgrad
objekte, als einzigartiger Fund – doch davon später mehr. niedergelassen hatten, sowie die Galater, welche den Bospo­
Zahlreiche Wissenschaftler ordnen dieses Gräberfeld von rus überschritten und in Kleinasien Königreiche gründeten.
Roissy und andere Nekropolen im Norden von Paris diversen Doch auch in Gallien selbst entwickelten sich in jener Epoche
Volksgruppen zu, die sich hier in einem weit gehend men­ neue Völker. Dies gilt etwa für die Parisier, die im Seine­
schenleeren Gebiet im 3. Jahrhundert v. Chr. niederließen becken in der Region des heutigen Paris lebten. Über sie
(siehe Kasten unten). Die Theorie von Immigranten, die eine konnten wir Archäologen in den letzten 20 Jahren viele neue
bis dahin in dieser Region unbekannte Bestattungsform eta­ Erkenntnisse gewinnen.
blierten, hält sich nun schon seit rund 200 Jahren hartnä­ Dies gelang vor allem in mehreren Ausgrabungen, die
ckig. Demnach seien die prunkvollen Gräber das Werk von vom Pariser Institut de recherches archéologiques préventi­
Siedlern, die zu jenen Verbänden von Kriegern aus Mitteleu­ ves (Inrap) im Zuge großer Baumaßnahmen wie jener am
ropa gehörten, welche damals über den ganzen Kontinent Pariser Flughafen durchgeführt wurden. Bevor dort die Erd­
zogen: Vom Atlantik bis über den Bosporus, von der Donau arbeiten beginnen, können die Wissenschaftler vom Inrap
bis ans Mittelmeer. Sie seien, so wird weiter behauptet, aus Ausgrabungen in allen betroffenen Bereichen vornehmen.

Datierung v. Chr.

700 bis 600

600 bis 475

475 bis 350

350 bis 200

200 bis 0
poUr la SCienCe

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Auf diese Weise stellen sie sicher, dass kein archäologischer
Fundkomplex unwiederbringlich zerstört wird. So wurden
zahlreiche Siedlungsplätze aus den drei letzten Jahrhunder­
ten vor Christi Geburt frei gelegt – vom einfachen Bauernhof
bis hin zu dicht besiedelten Orten. Außerdem stießen die
Forscher natürlich auch auf Bestattungen. Hier bot sich den
Archäologen aber ein sehr lückenhaftes Bild: In manchen
Regionen fanden sie kein einziges Gräberfeld. An anderen
Orten hingegen stießen sie auf außergewöhnlich reichhal­
tige Nekropolen. Auf manchen dieser Gräberfelder waren –
wie in Roissy – ebenfalls Bestattungen mit zweirädrigen
Wagen angelegt worden. Mit der steigenden Zahl präventiver
Ausgrabungen häuften sich in den letzten Jahren auch Ent­
deckungen dieser Art.
Die Funde lassen auf eine aristokratische Klasse schlie­
ßen, der es wichtig war, ihre Verstorbenen durch besonders
prunkvolle Beerdigungen zu ehren. Darauf verweisen die

rS
Ja
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Wagen sowie die reichen Opfergaben, mit denen manche

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Gräber bestückt waren. Der Brauch, ausgewählte Personen

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mit einem zwei­ oder vierrädrigem Wagen zu beerdigen, ist

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Fr
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allerdings weit älter als die Bestattungen aus dem Pariser

in
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Gr
Umland. Die ältesten derartigen Gräber in Europa stammen

al
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pa
aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. Eine erste Hochblüte aber er­
lebten sie erst während der so genannten Hallstattzeit (etwa Zu den eindrucksvollsten Funden aus der Nekropole von Roissy
750 – 475 v. Chr.), die ihren Namen einer bedeutenden Nekro­ gehört dieser kunstvoll gefertigte Bronzebesatz. Das Objekt
pole im heutigen Oberösterreich verdankt. Ihre Kultur reich­ hat einen Durchmesser von 20 Zentimetern und zeigt zahlreiche
te seinerzeit weit über die Grenzen Österreichs hinaus – von Köpfe von Fabeltieren.

Zweifelhafte Völkerwanderung

Es gab in der keltischen Welt unbestreitbar zahlreiche und mitun- sowie die Einnahme und Plünderung von Rom zu Beginn des
ter beachtliche Wanderbewegungen. Doch die These, Eindringlin- 4. Jahrhunderts v. Chr. sind die berühmtesten Beispiele hierfür.
ge aus Mitteleuropa hätten zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. Andere Völkerwanderungen, die in den antiken Texten erwähnt
die Region um das heutige Paris eingenommen, wird meist mit werden, etwa die Ankunft der Galater in Kleinasien oder die
ziemlich schwachen archäologischen Argumenten vertreten. Sie Raubzüge der Kimbern und Teutonen durch Westeuropa, haben
stützen sich vor allem auf die Berichte griechischer und römischer nur sehr wenige materielle Hinweise hinterlassen.
Autoren.
Diese aber sahen in den Kelten eine massive Bedrohung. In ih- Bei Ausgrabungen findet man so gut wie keine Objekte, wel-
ren Augen bestimmten hauptsächlich Schlachten und Kriegszüge che keltische Völkerwanderungen bezeugen könnten. Hinge-
die Beziehungen zwischen den Völkern des Mittelmeerraums und gen sind die aus dem Mittelmeerraum importierten Waren
den Barbaren im Norden. Die keltische Besiedlung der Poebene weit zahlreicher und auch leichter zu identifizieren. Ihr Vorhan-
densein lässt aber eher auf Handelsbeziehungen zwischen der
keltischen und der griechisch-römischen Welt schließen als auf
massive Wanderungen.
Zudem wurde der dekorative Stil der Bronzegegenstände
von Roissy vermutlich im Austausch weitergegeben – ganz si-
Bisher sind Archäologen vor allem in den zentralen cher aber im Rahmen der Beziehungen zwischen den verschie-
Bereichen der keltischen Welt (grün) auf Wagen- denen Aristokratien. Diese Verbindungen waren durch politi-
gräber gestoßen. Die Funde verschiedenen Alters sche Eheschließungen entstanden, womit sich die Eliten Bünd-
stammen aus den farbig markierten Regionen. nispartner sicherten.

www.SPEKtrum.DE 37
Das Gräberfeld von Vasseny

Ende 2002 entdeckten wir im nordfranzösischen Vasseny eine nadeln sowie Ohrringe mit geometrischem Dekor – ein Stil,
keltische Nekropole mit drei Wagengräbern. Die Fundstätte der den plastischen Darstellungen aus den Gräbern von Roissy
befindet sich etwa 80 Kilometer nordöstlich von Roissy. Das vorausging. Den Männern legte man Dolche, Schwerter, Schil-
Gräberfeld wurde inmitten des Tals der Vesle angelegt. Diese de, Lanzen und Wurfspieße mit ins Grab. Manchmal wurden
Region wird systematisch von Archäologen untersucht, da hier diese Grabbeigaben durch Pflegeutensilien, Werkzeuge und
jedes Jahr mehrere Dutzend Hektar Boden noch häufiger durch Speiseopfer wie Fleisch-
durch Steinbrucharbeiten zerstört werden. stücke und Keramikgefäße mit Speisen oder
Dank dieser »präventiven« Archäologie wur- Getränken ergänzt.
den in den letzten Jahren rund zehn Wagen- Das Gräberfeld umfasst die Bestattungen
gräber entdeckt. Im Steinbruch von Vasseny von 15 Männern, 15 Frauen, rund zehn Erwachse-
sind außerdem bereits zahlreiche Überreste nen unbestimmten Geschlechts und zwei Kin-
von Siedlungen, Gräbern und landwirt- dern. Die letzten beiden sind ein Hinweis darauf,
schaftlichen Hofanlagen freigelegt worden, dass hier nicht die Verstorbenen der gesamten
von denen die ältesten aus dem Neolithi- Bevölkerung des Dörfchens bestattet wurden,
kum (Jungsteinzeit) stammen. denn die Kindersterblichkeit dürfte damals

S.thouvEnot/InrAP;mItfrDL.gEn.vonthIErryLEjArS
Unser neuester Fund, die Nekropole, be- weitaus höher gewesen sein.
findet sich auf einem sandhaltigen Hügel,
der sich über einer angeschwemmten Fluss- Möglicherweise wurden einzelne Gräber mit
terrasse erhebt. Seit der Bronzezeit sind dort den Jahrhunderten durch Erosion zerstört.
drei Gräber unter einem Tumulus (Erdhügel) Doch es liegt eher die Vermutung nahe, dass in-
errichtet worden. nerhalb der dörflichen Gemeinschaft streng
Im 5. Jahrhundert v. Chr. begann eine klei- selektiert wurde, wem eine Grabstätte an die-
ne dörfliche Gemeinschaft von Kelten aus sem Ort zustand. Die Fundstücke der Nekropole
der Nachbarschaft damit, ihre Toten rund zeichnen sich durch besondere Originalität aus:
um die alten Tumuli zu bestatten. Die 40 Gräber liegen in meh- Mehrere der Verstorbenen trugen Amulette oder Schmuckstü-
ren Gruppen auf fast einem Hektar verteilt. Drei davon sind cke, die Köpfe von Vögeln und anderen Tieren wiedergeben. Ei-
Wagengräber: Zwei hochrangige Männer und eine Frau wur- nes der ungewöhnlichsten Beispiele ist eine Bronzestatuette,
den durch dieses Ritual geehrt. die eine der Toten an einer Kette um den Hals trug. Sie stellt
Diese Gräber stechen jedoch nicht nur durch die Präsenz eine Kreatur dar, dessen Beine eine Lyra (Leier) formen. Das ist
des Wagens, der einen höheren hierarchischen Status des Ver- die älteste Darstellung dieses Instruments, die wir kennen. Die
storbenen anzeigt, von den anderen Gräberfeldern ab. Den Funde lassen die Vermutung zu, dass die Verstorbenen zu Leb-
Toten wurden zudem weder außergewöhnlicher Schmuck zeiten bei religiösen Handlungen mitwirkten.
noch Luxusgüter beigelegt, sondern lediglich eine geschlechts-
spezifische Ausstattung. Die Frauen trugen Bronzeschmuck: Sophie Desenne und Sylvain Thouvenot, institut de recherches
Halsreifen (Torques), Armreifen, Anhänger (Bild), Gewand- archéologiques préventives (inrap) in paris.

den oberen Tälern des Rheins und der Donau im Osten bis man damals dafür aufwandte, einzelne Teile des Pferdege­
zum Burgund im Westen. schirrs aus Eisen oder Bronze anzufertigen und zu verzieren,
Unmittelbar darauf, während der nach einem Fundort in auf die soziale und militärische Bedeutung des Verstorbenen
der heutigen Schweiz La­Tène­Zeit genannten Periode (etwa schließen.
475 bis 50 v. Chr.), verschwand dieser Grabtyp aus den Regio­ Ungefähr am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. werden sol­
nen völlig, in denen er vorher aufgetaucht war. Dafür begeg­ che Bestattungen in den genannten Gebieten immer selte­
nen ihm Archäologen in Randgebieten des keltischen Sied­ ner. Zugleich tauchen sie jedoch im Nordwesten des kelti­
lungsraums, etwa in der Champagne, am Mittelrhein und in schen Siedlungsgebiets auf – etwa im Umland von Paris. Die­
Böhmen. Allerdings sind die Gräber aus dieser Epoche nicht ses Phänomen hat, wie eingangs erwähnt, manche Forscher
mehr so prunkvoll ausgestattet wie zuvor. Besonders auffäl­ zu der Folgerung veranlasst, innerkeltische Wanderungen
lig ist, dass die vierrädrigen Wagen durch leichtere mit nur seien der Grund für die bis dahin in der Pariser Region unbe­
zwei Rädern ersetzt wurden. Dennoch lässt die Sorgfalt, die kannten Bestattungen gewesen.

38  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
VaSe: paSCal GraDin / Mit FrDl. Gen. Von thierry leJarS; alle
anDeren FotoS: C. Valero / Mit FrDl. Gen. Von thierry leJarS

In einem der Wagengräber fanden die Archäologen Amulette


(oben rechts und unten links), ein Gefäß mit Opfergaben (rechts)
und ein Rasiermesser (unten rechts). Die grubenartigen Ein-
schnitte nahmen die Räder des Wagens auf. Dazwischen war
der Leichnam zur letzten Ruhe gebettet.

Die beiden Wagengräber von La Fosse Cotheret, die Ar­ stein mit Zebramuster, ein Eisenring, eine Scheibe sowie ein
chäologen während der präventiven Grabungen rund um Kegel aus Bronze, die am Hals lagen, waren vermutlich Amu­
den Flughafenausbau in Roissy frei legten, lagen in der Nähe lette, die ihm auf dem Weg ins Jenseits Glück bringen sollten.
einer vier Hektar großen Siedlungsstelle in einem Gräberfeld Schließlich lag noch eine kleine, für Metallarbeiten geeignete
mit einem Dutzend anderer, einfacherer Bestattungen. Das Feile neben den Toilettenutensilien. Zudem enthielt dieses
Innere einer der beiden Grabkammern war für die Aufnah­ Grab etwa 20 außergewöhnliche Bronzestücke, die als Be­
me eines zweirädrigen Wagens ausgestattet worden. Von die­ schläge und Verzierungen für die Radnaben und Achsnägel
sem, der hauptsächlich aus Holz und Leder bestand, sind in den Wagen schmückten. Auch auf dem Joch des Wagens, der
dieser wie in der zweiten Grabkammer nur noch die Metall­ massiver gebaut war als jener des Kriegers und wahrschein­
teile erhalten: Radreifen, Nabenringe, Achsnägel (welche die lich nicht als Kriegsgerät diente, waren sieben Schmuck­
Räder auf den Achsen hielten) und Jochbeschläge sowie Teile elemente aus Bronze symmetrisch angeordnet.
des Geschirrs der beiden Zugpferde, die auf die Deichsel oder
auf den Verstorbenen gelegt wurden. Grab eines Künstlers?
Rund um den Wagen hatten die Bestatter Lebensmittel­ Der eigenartigste Fund in diesem Grab ist aber sicherlich ein
vorräte in Keramikgefäßen oder Holzbehältern platziert. großer, durchbrochen gearbeiteter Bronzebesatz mit 20 Zen­
Durch die Witterung und das Eindringen von Wasser sind die timeter Durchmesser (Bild S. 37). Das Stück, das mit fabel­
Metallobjekte korrodiert. Auch Leder sowie Felle und Stoffe haften Mischwesen überzogen ist, setzt sich aus drei Teilen
wurden durchnässt, blieben aber teilweise erhalten. Als Grab­ zusammen, die in konzentrischen Stufen angeordnet sind.
beigaben entdeckten wir bei der ersten Person ein Schwert, Wie ein Deckel saß es offensichtlich auf einem Gefäß oder ei­
das in seiner Hülle steckte, eine Lanze, von der nur noch die nem Gerät aus Eschenholz, von dem die Archäologen eine
Eisenspitze erhalten ist, sowie die Metallteile eines Schilds. Faser fanden.
Der Tote war demnach offenbar ein Krieger. Er war zweifellos ein bedeutender Mann, doch welchem
Die Person aus dem zweiten Wagengrab ist rätselhafter. Stand der Verstorbene in diesem Grab zu seinen Lebzeiten
Fest steht, dass es sich bei ihr um einen Mann handelte. In ei­ angehörte, wissen wir nicht. Möglicherweise war er ein
nem »Kulturbeutel« fanden sich Rasiermesser und Schere. Künstler – auch wenn dies angesichts der niedrigen Stellung
Allerdings war dieser Mann ohne eine einzige Waffe bestattet von Künstlern in antiken Gesellschaften zunächst unwahr­
worden. Seine persönlichen Gegenstände beschränkten sich scheinlich scheint. Gleichwohl deuten die Grabbeigaben da­
auf eine Eisenfibel und einen Armreif aus Bronze. Ein Kiesel­ rauf hin, dass der Mann auf die eine oder andere Weise mit

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C. Valero / Mit FrDl. Gen. Von thierry leJarS

C. Valero / Mit FrDl. Gen. Von thierry leJarS


der Bearbeitung von Bronze zu tun hatte. Zudem zeugen die noch weniger Bestattungen relativ klein, zum anderen wur­
Qualität und die Vielfalt der Darstellungen auf den Fundstü­ den sie nur über einen kurzen Zeitraum von etwa 50 Jahren
cken von einem kreativen Geist. Der Wagen mit zeremoniel­ genutzt. In manchen der Nekropolen waren auch außerge­
ler Funktion und die verzierten Geräte lassen die Vermutung wöhnliche Gräber angelegt worden – mit Wagen oder exoti­
zu, dass der Verstorbene ein Druide war. schen Objekten, wie beispielsweise aus dem fernen Etrurien
In der Pariser Region sind zahlreiche Stücke von gleicher importierte Gefäße.
Machart entdeckt worden. Eigentlich aber sind solche Fund­ Überreste von Bestattungen aus früheren Perioden sind
komplexe selten. An den östlichsten Grenzen der keltischen in diesem Teil Frankreichs recht selten. Doch auch im 3. Jahr­
Welt, im bulgarischen Mezek, stießen Archäologen auf die hundert v. Chr. sind sie nicht besonders zahlreich – und in
Überreste eines Wagens mit Stücken dieser Qualität. Auch in den beiden folgenden Jahrhunderten fehlen sie fast gänzlich.
Deutschland, genauer: in Waldalgesheim bei Bingen am Nach der Migrationstheorie zeugt diese Leere von einer Ent­
Rhein, wurde in einer früheren Epoche eine Frau mit Prunk­ völkerung der Gegend, die das Eindringen von neuen Sied­
wagen und kostbarem Goldschmuck bestattet. Und erst lern begünstigt hätte. Doch die vermeintliche Leere kann
kürzlich fanden Ausgräber in Orval im Nordwesten Frank­ auch ganz andere Gründe haben. Ein naheliegender Grund
reichs ein Wagengrab, das Teile eines Pferdegeschirrs und wäre, dass die Kelten in der Region Bestattungsriten anwand­
Appliken barg, die erstaunliche Ähnlichkeit mit den Bronze­ ten, die schlichtweg keine archäologischen Spuren hinterlas­
stücken von Roissy aufweisen. sen. In Betracht kämen etwa Einäscherungen ohne Grab­
stätte oder das Versenken der Toten in Gewässern. Mögli­
Grabbeigaben aus Etrurien cherweise überließ man die Leichname wilden Tieren zum
Die Gräber von Roissy stammen allesamt aus den ersten Fraß – ein Phänomen, das unter den Kelten zu verschiedenen
Jahrzehnten des 3. Jahrhunderts v. Chr. Dies konnten Archäo­ Zeiten und in unterschiedlichen Gegenden bekannt war. Das
logen anhand der gestalterischen Merkmale der Fundstücke Fehlen von Bestattungsüberresten allein beweist hingegen
beweisen. Sie ähneln in drei entscheidenden Punkten den be­ noch lange nicht die Entvölkerung einer Region.
nachbarten Nekropolen aus der gleichen Epoche. Zum einen Zudem wurde die These, dass das Umland von Paris vor
sind die Gräberfelder dieser Region mit höchstens 20, oft dem 3. Jahrhundert v. Chr., in dem das Gräberfeld von Roissy

40  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
C. Valero / Mit FrDl. Gen. Von thierry leJarS

Bei den Bronzeobjekten von Roissy (oben und links) handelt


es sich um typische Darstellungen aus der keltischen Fabel-
welt. Ihr plastischer Stil erlaubt eine Datierung in das frühe
3. Jahrhundert v. Chr. Im bulgarischen Mezek fanden sich die
einzigen in Stil und Ausführung vergleichbaren Bronzeteile.
Links außen ist ein Achsnagel zu sehen, der mit dem aus Roissy
beinahe identisch ist.

angelegt wurde, entvölkert gewesen sei, kürzlich durch die In einer Region, in der das Fehlen von Gräbern eher die Re­
Ausgrabung mehrerer Siedlungsstellen widerlegt, die nach­ gel darstellt, ist das Auftauchen kleiner Gräberfelder am An­
weislich ab dem vorhergehenden Jahrhundert genutzt wur­ fang des 3. Jahrhunderts v. Chr. natürlich ein außergewöhn­
den. In Le Plessis­Gassot lag die Nekropole in unmittelbarer liches Phänomen. Die hier ebenso ungewöhnliche Beigabe
Nähe einer Siedlung, die vom Anfang des 3. Jahrhunderts v. von zweirädrigen Wagen verstärkt diesen Eindruck nur noch
Chr. ohne Unterbrechung bis zur römischen Zeit bewohnt mehr. Wir wissen aber, dass genau zu jener Zeit, als das Grä­
wurde. Archäologen fanden hier auch oft menschliche Über­ berfeld von Roissy angelegt wurde, die benachbarten und
reste außerhalb der Nekropolen, etwa häufig in den Siedlun­ kriegerischen belgischen Völker im Norden einen Auf­
gen selbst. In der Epoche, aus der die Gräber von Roissy stam­ schwung erlebten. Angesichts der Bedrohung durch diese
men, dürfte das Recht auf eine Bestattung auf dem Gräber­ potenziell gefährlichen Nachbarn könnten die keltischen Eli­
feld ein Privileg gewesen sein, das lediglich einer Elite ten im Umland des heutigen Paris dazu übergegangen sein,
vorbehalten war. durch prunkvolle Bestattungen ihrem Herrschaftsanspruch
Dies gilt auch für die einfacheren Bestattungen von Rois­ über Land und Leute entschieden Ausdruck zu verleihen. Das
sy. Selbst wenn ihre Ausstattung bescheiden war, wäre es wäre eine denkbare, nahe liegende Alternative zu der These
falsch, sie als Armengräber anzusehen. Allein ihre Lage auf von ständig wandernden Kelten und Eindringlingen, die
einem gemeinsamen Gräberfeld mit den prunkvoller gestal­ fremde Rituale nach Roissy mitbrachten.  Ÿ
teten Wagengräbern zeugt von einer engen Verbindung, die
einerseits die hier Bestatteten vereinte und zugleich den Rest der autor
der Bevölkerung ausschloss. Die Verstorbenen gehörten ganz
Thierry Lejars ist archäologe am institut archéo-
offensichtlich der gleichen sozialen Klasse, wahrscheinlich
logies d’orient et d’occident et Science des textes
sogar der gleichen Familie an. Die Unterschiede in Rang und der pariser École normale supérieure.
Stellung, die dennoch zwischen den einzelnen Individuen
herrschten, wurden durch den Prunk und das Material der
Grabbeigaben betont – oder durch Objekte, die Hinweise auf
die Funktion des Toten gaben, wie Waffen für einen Krieger.

www.SPEKtrum.DE 41
DruIDEn

Die Mär vom heiligen Hain


Das Bild von den gallischen Priestern war schon in der Antike von falschen
Vorstellungen geprägt. Bis heute werden die Druiden oft esoterisch verklärt. Dabei
haben Archäologen das Image vom magischen Naturglauben längst widerlegt.
Von Christian Goudineau

D
as Druidentum floriert, es hat den Untergang
Galliens anscheinend gut überstanden. Da lädt
der Orden der Druiden von Avalon (AVO) seine
Brüder und Schwestern ans Herdfeuer, um sie in
mystische Geheimnisse einzuweihen. Der Deutsche Druiden-
Orden hingegen setzt sich humanitäre Ziele. Meist esote-
risch, mitunter sektiererisch präsentieren sich Neodruiden
in bunter Vielfalt. Ihnen gemeinsam ist der Glaube an eine gal-
lische beziehungsweise keltische Naturreligion. Zweifellos
übt eine solche Vorstellung in unserer durch Hektik und Ent-
fremdung geprägten Welt eine große Faszination aus. Leider
hat sie mit der geschichtlichen Wirklichkeit nur wenig gemein.
Doch solche Fehlurteile fällten in der Antike schon Grie-
chen und Römer, die Rezeption ihrer Schriften prägte die
Vorurteile der Neuzeit. Kein Wunder also, dass die französi-
schen Aufklärer Denis Diderot (1713 – 1784) und Jean-Baptiste
le Rond d’ Allembert (1717 – 1783) in ihrer »Enzyklopädie«
schrieben: »Die Sitten der Gallier zu Cäsars Zeiten waren die
reinste Barbarei; sie leisteten ein Gelübde, dass sie, wenn sie
einer gefährlichen Krankheit, einer hohen Gefahr, einer
ungewissen Schlacht entkämen, ihren Schutzgottheiten
menschliche Opfer darbringen würden; überzeugt davon,
dass man von den Göttern das Leben eines Menschen nur
durch den Tod eines anderen erlangen könne. Sie hatten öf-
fentliche Opfer dieser Art, bei denen die Druiden, die die
Nation regierten, die Priester waren. Diese Opferpriester
verbrannten Menschen in extra angefertigten, großen und
scheußlichen Statuen aus Weidenruten. Die Druidinnen ver-
senkten Messer ins Herz der Gefangenen und beurteilten die
Zukunft anhand der Art, wie das Blut lief: große, etwas ausge-
höhlte Steine, die man an den Grenzen Germaniens und Gal-
liens gefunden hat, sind angeblich die Altäre, auf denen man
diese Opfer vollzog. Wenn dem so ist, dann sind das alle

Das Heiligtum von Argentomagus (im Departement Indre) be-


stand aus einem kleinen Tempel (rechts unten) und zwei »fana«
(in der Mitte und links oben). Diese Tempel mit einer umlau-
fenden Galerie und einem erhöhten zentralen Dach waren eine
Schöpfung gallorömischer Architektur. Sie ersetzten keltische
Heiligtümer mit einem einfachen Altar in der Mitte eines einge-
zäunten Platzes.

42  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
auf einen blick

BLutIgErEALItät

1 Keltische, also eisenzeitliche Gruppen gelten in esoterischen


Kreisen noch immer als Erbauer megalithischer Anlagen wie
Stonehenge, diese entstanden jedoch meist erst in der Bronzezeit.

2 Nur Klischee sind auch Vorstellungen einer Naturreligion, die


von weisen Druiden in Eichenhainen praktiziert wurde.

3 Wie andere Völker der Antike opferten die Gallier ihren Göt-
tern – Tiere und auch Menschen – in abgegrenzten Bezirken,
unter römischem Einfluss dann in eigens errichteten Tempeln.

JeAN-ClAuDe GolVIN

www.SPEKtrum.DE 43
mit frdl. Gen. von Jean-louis Brunaux
Denkmäler, die uns von den Galliern bleiben. Man muss, wie Ein Opferplatz der besonderen Art bei Ribemont-sur-Ancre:
Monsieur Voltaire sagt, die Augen von diesen schrecklichen Vermutlich waren dort enthauptete Feinde aufrecht und
Zeiten abwenden, die der Natur zur Schande gereichen.« mit ihren Waffen an einem Holzgestell festgebunden worden.
Grausam und unzivilisiert waren sie also, andererseits
schrieben die Gelehrten des 18. Jahrhunderts den Galliern die
Urheberschaft für die beeindruckenden Megalithbauten in in den Departements des Westens und des Zentrums, Denk-
England und Frankreich zu. Diese Vorstellung von einem kel- mäler aus der Zeit der Gallier erhalten. Es handelt sich um
tischen Ursprung der tatsächlich steinzeitlichen bis bronze- Steine, die bald in die Erde gesteckt und in langen Alleen auf-
zeitlichen Monumente hält sich hartnäckig, auch heute noch gereiht sind, bald in Kreisen angeordnet oder übereinander
ist es den Mitgliedern der britischen Druid Society erlaubt, gelegt sind, dass sie eine Art Tisch bilden.«
im Steinkreis von Stonehenge zum Beispiel Sonnenwend- Doch den Makel der Menschenopfer waren sie nicht losge-
feiern abzuhalten. worden, denn das Schulbuch bemerkte auch: »Aber ihre Reli-
gion war grausam, und sie opferten Menschen. Wenn ein
Naiv, edel und naturverbunden Häuptling starb, verbrannte man mit ihm alles, was ihm lieb
Die Schriftsteller James MacPherson (1736 – 1796) und Fran- war, und sogar seine Sklaven.«
çois-René Chateaubriand (1768 – 1848) trugen viel dazu bei, Der »Petit Lavisse« war in Sachen gallische Kultur schon
die keltische Vergangenheit zu verklären, ihre Romanfigu- damals nicht auf dem aktuellen Stand (siehe den Beitrag
ren – der Kriegerbarde Ossian beziehungsweise die Druidin S. 6). Forscher zeigten ab den 1860er Jahren, dass die Mega-
Velléda – verzauberten ganz Europa. Aus den grausamen Bar- lithbauten einer älteren Kultur entstammten. Das förderte
baren wurden darin edle Wilde, die vielleicht ein wenig naiv, die Vorstellung von der Naturreligion sogar noch: Statt Stein-
doch mutig und naturverbunden waren. kreise zu errichten, ließ man die Gallier nun im Gebirge, an
So war im französischen Schulbuch »Petit Lavisse« noch Quellen und in heiligen Hainen zu ihren Göttern beten. In
Ende des 19. Jahrhunderts zu ihrer Religion zu lesen: »Die der Natur hätten ihre Priester, die Druiden, auch die Requi-
Gallier … hatten nur sehr unvollkommene Begriffe über die siten zu ihren magischen Praktiken gefunden. Schrieb nicht
Göttlichkeit. … Sie machten alles, was ihnen groß, überra- Plinius der Ältere (etwa 23 – 79 n. Chr.), dass sie »am sechsten
schend oder bewundernswert erschien, zum Gott. Sie glaub- Tag des Mondes« Misteln sammelten?
ten an einen Gott des Donners, an einen Gott der Berge, an ei- Eine solche Religion wäre nach heutiger Kenntnis für die
nen Gott der Wälder, an Götter des Kriegs, des Handels und Antike und für ein indoeuropäisches Volk aber ganz unty-
der Künste, der Poesie und der Redekunst. Ihre Priester, die pisch gewesen. Und tatsächlich stimmen derartige Klischees
man Druiden nannte, waren sehr mächtig und sehr respek- nicht, wie Archäologen inzwischen wissen.
tiert. Sie lehrten, dass die Seele nach dem Tod in einen ande- Vor knapp 30 Jahren wurden in Gournay-sur-Aronde
ren Körper übergeht; dieser Glaube rief bei den Galliern eine nördlich von Paris Kultplätze ausgegraben, die als die »belgi-
große Verachtung vor dem Tod hervor und erhöhte ihren schen Heiligtümer« bekannt sind, da sie im ehemaligen
natürlichen Mut. … Es haben sich in unserem Land, vor allem Stammesgebiet der Belger liegen. Ihre Heiligtümer hatten

44  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
Stier

Orion
AKG ImAGes (GuNDestruPKessel, DetAIl BoDeN INNeN, 1. Jh. V. Chr.;

GrIffIth oBserVAtory, los ANGeles


NAtIoNAlmuseum KoPeNhAGeN)

aber offenbar wenig von einem lichten Eichenhain: Ein Platz Der silberne Kessel von Gundestrup gibt viele Rätsel auf, der
wurde durch eine Mauer – allerdings aus Holz und Lehm – Autor vermutet eine astrologische Bedeutung. Demnach stelle
sowie durch Gräben abgegrenzt. Dass er tatsächlich religiö- der Stier auf der Bodenplatte das auch heute gleichnamige
sen Zwecken diente, verraten Eingangsportale und Altäre, Sternbild dar, die von einem Hund begleitete Kriegerfigur da-
aber auch Tausende von Tierknochen – Überreste ritueller rüber den Orion. Diese Darstellung erinnert an den Atlas von
Opferungen. Auch die Zurschaustellung von Menschen- Farnese (rechts), einen Titanen, der eine Himmelskugel trägt.
schädeln, Waffen und Wagenrädern in speziellen Nischen
bezeugt die religiöse Funktion – den besiegten Feinden abge-
nommene Waffen wurden auch in Griechenland und Italien bauten Anlagen, und diese hatten mitunter zudem profane
den Gottheiten als Weihegeschenk dargebracht. Aspekte. So verfügte eine Anlage im zentralen Oppidum der
Im Lauf der Jahre entdeckten Archäologen weitere solche Treverer auf dem luxemburgischen Titelberg über ein Sys-
Stätten. Die Anlage von Ribemont-sur-Ancre (westlich von tem von Gängen, das an die »saepta« erinnert, den für die
Amiens) pries offenbar einen militärischen Sieg: Mehr als Volksabstimmungen nach Hundertschaften durch Abgren-
100 vermutlich im Kampf gefallene Feinde wurden geköpft zungen gegliederten Platz auf dem Marsfeld in Rom. Drückte
und ihre Körper an Pfähle gebunden. Dort blieben sie sicht- sich darin ein römischer Einfluss aus?
bar für alle, bis die Leichname durch Verwesung von selbst Dergleichen entdecken Forscher freilich nicht nur in
abfielen (siehe Bild links). In dem nördlich von Rouen gelege- Nordgallien. Im Herzen der Auvergne liegt die Stätte von Co-
nen Fesque fanden die Forscher entlang einer Einfriedung rent, dem Hauptort der Arverner vor dem Gallischen Krieg.
kleine Gruben, in denen Reste von Beinpaaren steckten. Ver- Im Zentrum des Oppidums entdeckten die Forscher ein
mutlich wurden auch dort feindliche Krieger, vielleicht aber durch hohe Mauern abgeschlossenes Ensemble von Kultge-
auch zum Tode Verurteilte an Pfählen angebunden und zum bäuden und offenen Plätzen. Tonnen von Tierknochen, Tau-
Teil auch eingegraben. sende von Amphoren und anderes mehr legen den Schluss
nahe, dass dort Opfermahle, vermutlich auch Bankette abge-
Inniger Kontakt von Macht und Religion halten wurden – zahlreiche Amphoren waren wohl mit dem
In Acy-Romance in den Ardennen kam ein 15 Hektar großes Schwert geköpft worden, denn die Korken steckten noch in
gallisches Dorf vollständig zu Tage. Es umfasste Kultbereiche ihren Hälsen. Es ging mitunter offenbar recht unheilig zu.
und Tempel, auch dort fand man menschliche Überreste in Schmelztiegel, Münzstempel, Waagen und Münzen aus
einer Reihe kleiner Gruben. Ein angrenzender Platz von 3500 Bronze, Silber oder Elektrum – ein Gemisch aus Gold und Sil-
Quadratmetern, begrenzt durch eine Einfriedung, hatte ver- ber – zeigen überdies, dass das Münzwesen ebenfalls eine
mutlich keinen religiösen Zweck, sondern diente der Machtin- Aufgabe dieses Bezirks war. Zum Fundgut gehörte eine Art Je-
szenierung: Die keltische Elite bewirtete dort ihre Mitbürger. tons, manchmal schlicht aus Keramikscherben ausgeschnit-
Solche Befunde passen nicht zum Bild der Druiden, die in tene Scheiben. Hier kann man nur vermuten: Waren dies von
heiligen Hainen Naturgottheiten huldigen. Die Gallier prak- einflussreichen Personen ausgegebene »Eintrittskarten« für
tizierten ihre Kulte wie andere Gruppen auch in eigens ge- politische Versammlungen oder Festgelage?

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Wie vielfältig die gallische Religion war, zeigt auch eine auf die Bildthemen. Taylor propagiert einen starken Einfluss
überraschende Beobachtung in den südlichen Regionen, die sozialer Phänomene wie der Religion auf die Verbreitung der
ab 121 v. Chr. die Provinz Gallia Narbonensis bilden sollten. Metallurgie in vorgeschichtlicher Zeit. Hingegen las der
Dort gruben Archäologen Heroenstatuen aus, die zum Teil Straßburger Archäologe Jean-Jacques Hatt (1913 – 1997) aus
Jahrhunderte älter waren als die Bauwerke, in denen sie den Kesselbildern Mythen von einer Muttergöttin und ihren
entdeckt wurden. Nun sind Heroen ein häufiges Thema in Ehemännern, dem Himmels- und dem Erdgott, die einander
der Mythologie indoeuropäischer Völker. Eine naheliegende bekämpften. Alle Interpretationen müssen sich dem glei-
Erklärung ist, dass manche Kultplätze wieder aufgegeben chen Einwand stellen: Die Kesselbilder bieten kaum Hand-
und die Kriegerbilder dann andernorts erneut aufgestellt lungen und können deshalb keine Erzählung illustrieren.
wurden – so wie romanische Marienfiguren in Kirchen des Eingedenk des neuen Wissens über die gallische Religion
18. Jahrhunderts zu sehen sind. lohnt es sich, Cäsars Berichte noch einmal zu lesen: »Die Dru-
Alles in allem unterschieden sich die Kulte einiger galli- iden sprechen gelehrt über die Gestirne und ihre Bewegun-
scher Stämme offenbar in den Grundzügen nicht von denen gen, über die Größe der Welt und der Erde, über die Natur der
anderer antiker Völker. Sie opferten den Göttern in abge- Dinge, über die Macht der unsterblichen Götter.« Setzt der
grenzten Heiligtümern, manche Zeremonien wurden ge- Kessel etwa Sternkonstellationen in Szene?
meinschaftlich begangen. Wie in der griechisch-römischen Vielleicht ist dies eine gewagte Hypothese, doch es gibt
Welt war die Religion ein gut organisierter Teil des Lebens. meines Erachtens dafür einige Indizien. Den Boden des Kes-
Und die Götter, mag ein Neodruide kritisch fragen? Soll- sels ziert ein großer, liegender Stier, dessen Stirn eine Rosette
ten sich in solchen institutionalisierten Einrichtungen nicht schmückt. Zwei Löcher nahmen einst die Hörner auf, die
Abbilder von ihnen finden wie bei Griechen und Römern? In nicht erhalten sind. Das Tier liegt auf einer Streu aus Efeu-
der Tat scheinen die Objekte der Verehrung seltsamerweise blättern und Blüten. Über ihm verharrt ein Mann mit Pferde-
abwesend zu sein. Kandidaten gibt es zwar – große hölzerne schwanz in einer an Tanz oder Kampf erinnernden Haltung,
Statuen, die wahrscheinlich mit Kleidung, Schmuck und er ist mit einem Schwert bewaffnet. Vor ihm läuft ein Hund
Waffen ausgestattet waren –, sie kamen aber erst kurz vor der mit aufgestelltem Schwanz. Gegenüber, unter den Hinter-
römischen Eroberung in Gallien auf. Doch erinnern wir uns hufen des Stiers, scheint ein Bär oder eine Bärin zur Kugel
daran, dass der gallische Häuptling Brennus, als er 291 v. Chr. zusammengerollt. Zu seiner oder ihrer Linken trennt eine
das Heiligtum von Delphi betrat, der Überlieferung nach in Eidechse oder ein kleiner Drache die Efeublätter von den
Lachen ausbrach, so absurd fand er die Darstellung von Göt- Blüten.
tern! Diese Einstellung mag wirklich eine gallische Eigenart Der Stier, heute eines der Tierkreiszeichen, tauchte in der
gewesen sein. Antike in zahlreichen Mythen auf, ebenso wie Bären und
Vor dem Hintergrund der neuen Perspektive lässt sich Drachen (ein Drache bewachte die goldenen Äpfel im Garten
manche Hinterlassenschaft gallischer Religion neu interpre- der Hesperiden). Der in Alexandria geborene Mathematiker
tieren. Dazu gehört meines Erachtens auch der berühmte und Astronom Ptolemäus (um 100 – 175 n. Chr.) listete diese
Gundestrup-Kessel (siehe Bild S. 45). Die Silberplatten, aus Tiere als Sternbilder ebenso auf wie den Hund. Wie bei den
denen er besteht, wurden 1891 in einem Moor im dänischen Bären gebe es einen großen und einen kleinen am Himmel,
Himmerland gefunden. Die offenkundig kultische Schale nach der griechischen Mythologie begleiteten sie den riesen-
durchmaß einst knapp 70 Zentimeter und wog mehr als haften Jäger Orion. In der Anlage ihrer Tempel übernahmen
neun Kilogramm. Aus dem Silber hatten Handwerker zahl- die gallischen Stämme manche Anregung von Griechen und
reiche Bilder getrieben, menschliche Gestalten, Mischwesen Römern – warum nicht auch in der Mythologie?
und wilde Tiere. Ich glaube, dass die »Himmelskarte« des Gundstrup-Kes-
sels eine Sicht auf den Kosmos repräsentiert, in dem die Erde
Kessel von Gundestrup: Ein Himmelsatlas? als Scheibe galt. Die Streu aus Efeu und anderem mag die
Der Stil dieser Verzierungen verweist auf das Ende des 2. oder Milchstraße verkörpern. Eine genauere Datierung ermög-
die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. und auf den thraki- licht die Haltung des Stiers, der wie tot daliegt. Denn um
schen Kulturkreis im heutigen Bulgarien. Aber viele Motive 2200 v. Chr. verschoben sich die Sternkonstellationen aus
kennen die Forscher auch aus dem Repertoire gallischer Sicht der damaligen Astronomen, und das Zeitalter des Wid-
Künstler. Einige Forscher glauben daher, dass der Kessel in ders löste das des Stiers ab. In den Kulturen des Mittleren Os-
Gallien gefertigt wurde. Doch wie gelangte er nach Däne- tens hielten die Gelehrten diesen Wandel für existenziell,
mark? Fragen, die vermutlich für immer ohne Antworten vielleicht teilten die gallischen Druiden diese Meinung.
bleiben werden. Doch einerlei, ob sich meine Hypothese eines Tages be-
Auch die Bedeutung der dargestellten Figuren ist keines- wahrheiten wird oder nicht: Wichtig ist, dass man heute der-
wegs geklärt. Einige Wissenschaftler haben versucht, aus den lei formulieren kann! Innerhalb von 30 Jahren hat sich die
Bildern des Kessels eine keltische Mythologie zu rekonstruie- gallische Religion von ihrem Image als Naturmystik ge-
ren. So entdeckte der britische Archäologe Tymothy Taylor löst und steht auf einer Ebene mit anderen Religionen der
von der University of Bradford einen nordindischen Einfluss Antike.  Ÿ

46  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
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Religionsgeschichte

Ex oriente lux
Viele Elemente der keltischen Religion muteten
die griechischen und römischen Chronisten fremd an.
Möglicherweise deshalb, weil diese Praktiken
aus dem Nahen und Mittleren Osten stammten.
Von Jean-Louis Brunaux

A
nfang des 3. Jahrhunderts n. Chr. veröffentlichte
Diogenes Laertios, von dem sonst nicht viel be­
kannt ist, sein Werk Ȇber Leben und Lehren
berühmter Philosophen« – die erste umfassende
Geschichte der griechischen Philosophie. Umso überra­
schender ist es, dass der Historiker seine Ausführungen mit
einem Blick über die Grenzen Griechenlands hinaus eröff­
nete: »Manche Menschen glauben, dass die Philosophie bei
den Barbaren ihren Anfang nahm. Bei den Persern waren es
die Magier, bei den Babyloniern oder Assyrern die Chaldäer
sowie die Gymnosophisten bei den Indern und bei den Kel­
ten und den Galliern jene, die man Druiden und Semnothen
nennt.«
Auf die einzelnen Begriffe komme ich noch zu sprechen.
Doch zuerst wollen wir uns der doch etwas unerwarteten Aus­
sage des Einführungssatzes in die Philosophiegeschichte wid­
men. Die alten Griechen machten sich oft und gerne Gedan­
ken über den Ursprung der Philosophie und der Wissenschaf­
ten, zu deren Entwicklung sie selbst einen erheblichen Beitrag
geleistet haben. Offenbar hatte sich zur Zeit des Diogenes
Laertios die Auffassung durchgesetzt, die orientalischen Völ­
ker hätten die ersten Philosophen hervorgebracht. Wie aber
kommen dabei ausgerechnet auch die Kelten ins Spiel? auf einen blick
Anscheinend sahen gebildete Griechen eine Verbindung
zwischen dem »westlichsten Volk Europas«, wie sie schon
ein glaube mit tRadition
der erste Geschichtsschreiber Herodot nannte, und den Völ­
kern Asiens. Und sie erkannten Gemeinsamkeiten in den
religiösen Kulten orientalischer Zivilisationen und jenen der 1 Die Kelten Nordwesteuropas standen im Lauf ihrer Geschichte
mit orientalischen Völkern in Verbindung. Darauf verweisen
Elemente ihrer Religion.
Barbaren Galliens. Das beflügelte die Fantasie: Griechische
Gelehrte gingen der Frage nach, woher die Kelten kamen, die
zwischen dem 5. und 1. Jahrhundert v. Chr. weite Landstriche
2 Die Religion war im gesamten keltischen Gebiet, also auch in
Gallien, einheitlich.

Europas vom Rhein bis zum Mittelmeer und von der Bretag­
ne bis zur Adria besiedelten. Man wollte ergründen, ob es
3 Ihre Kennzeichen waren etwa der Glaube an die Unsterblich-
keit der Seele oder Kultpraktiken in Heiligtümern ohne
Götterdarstellungen. Das Kultpersonal von Druiden, Barden und
sich bei diesen Galliern um nordeuropäische Eingeborene Vaten hatte auch politischen Einfluss.
handelte, oder ob sie etwa aus dem Osten zugezogen waren.

48 sPeZial aRchäologie – geschichte – KultuR 4/2013: die gallieR


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So stellen sich Forscher ein Heiligtum im Norden Galliens vor:


Durch einen mit Waffen und Schädeln besiegter Feinde de-
korierten Torbau gelangte man in einen von einer Lehmmauer
umgebenen Bereich. Dort befand sich ein Opferaltar.

www.sPeKtRum.de 49
Die Entdeckung und archäologische Erforschung mehre­ 50 Metern. Sie waren zweifach begrenzt: Zum einen trennte
rer Kultplätze in Frankreich belegt, dass die Gallier, wie man ein Graben den gesamten heiligen Bezirk von der profanen
die Kelten dort nannte, eine grundlegend andere Religion Welt, zum anderen isolierte eine Mauer aus Holz und Erde
praktizierten als ihre Nachbarn, die Griechen und Römer. die eingeweihten Kultteilnehmer von den nicht eingeweih­
Ganz offensichtlich waren sowohl ihre religiösen Praktiken ten, gewöhnlichen Gläubigen, die außerhalb des Kultplatzes
als auch die Art und Weise, wie sie ihre Toten bestatteten, verweilen mussten. Errichtet wurden diese Anlagen nach ge­
ganz anders als bei den mediterranen Völkern. nauen Naturbeobachtungen und Berechnungen. So war die
Die keltische Religion war abstrakter als die griechische Mittelachse, die den Grubenaltar mit dem monumentalen
oder römische, frei von jeglichen vermenschlichten Dar­ Eingang verband, vermutlich auf ein bestimmtes Datum
stellungen und Inhalten. Meiner Ansicht nach weist sie zahl­ ausgerichtet, an dem wohlmöglich ein Hauptfest stattfand.
reiche Ähnlichkeiten mit den antiken persischen und vedi­ Bei dem Heiligtum von Gournay­sur­Aronde war es bei­
schen (hinduistischen) Kulten auf. Zudem könnte der Glaube spielsweise der Tag der Sommersonnenwende.
an die Unsterblichkeit der Seele die unbekümmerte Einstel­ Diese Kultstätten besaßen zunächst keine Tempel im ei­
lung der Kelten gegenüber dem Tod auf dem Schlachtfeld gentlichen Sinn. In der Mitte der heiligsten Zone befand sich
erklären, welche so viele griechische und römische Autoren lediglich ein Opferaltar: eine zylindrische Grube mit einer
stark beeindruckte. Tiefe von zwei Metern und einem Durchmesser von zwei bis
vier Metern. Dort wurden Rinder, Schweine, Schafe oder so­
»Eine große Menge geweihtes Gold« gar Menschen geopfert. An der Fundstätte von Ribemont­
Lange Zeit glaubte man, dass die religiösen Zeremonien der sur­Ancre wurden mehr als 10 000 menschliche Knochen,
Kelten in der freien Natur, etwa an einer Quelle oder einem Tausende von Waffen sowie Teile von Streitwagen gefunden,
anderen natürlichen Platz abgehalten wurden. Diese Vor­ die den Göttern dargebracht worden waren. Diese Entde­
stellung war unter Historikern wie Laien bis zum Ende des ckung hatten wir dem Umstand zu verdanken, dass ein Teil
letzten Jahrhunderts weit verbreitet. Sie leitete sich von der der Nekropole der Säuberung entkommen war, die vor der
Fehlinterpretation eines Textes von Plinius dem Älteren Errichtung eines Tempels im 1. Jahrhundert n. Chr. stattge­
(23 – 79 n. Chr.) ab, in dem der römische Chronist beschrieb, funden hatte. So blieben diese Opfergaben mehr als zwei
wie die Druiden Mistelzweige von Eichen abschnitten und Jahrhunderte lang in situ, ohne dass sie jemals jemand ange­
welche Rituale sie dabei ausführten. Nun ist aber von diesem rührt hätte. Diodorus von Sizilien schrieb offenbar die Wahr­
Text, der für die Kenntnisse der gallischen Religion sehr wert­ heit: Die Gallier verhielten sich ihren Kultorten gegenüber
voll ist, lediglich die Kulisse, nämlich der Wald, beachtet wor­ tatsächlich äußerst ehrfürchtig.
den. Man ging sehr lange davon aus, dass diese Umgebung
ein Kultgebäude ersetzte. Dabei hätte eine aufmerksamere Kontakt mit zentralasiatischen Völkern
Lektüre jedoch zu der Erkenntnis geführt, dass es sich hier Es spricht vieles dafür, dass es seit dem 3. Jahrhundert v. Chr.
um den speziellen Ritus der Mistelernte handelte. im Norden Galliens eine streng strukturierte Religion gab,
Der Anfang der Notizen von Plinius sowie viele Informa­ jenem Teil des keltischen Siedlungsgebiets, den die Griechen
tionen, die von anderen Chronisten aufgeschrieben wurden, als barbarischsten und fremdartigsten betrachteten. Diese
hätten den modernen Historikern einen Wink geben müs­ Religion war offensichtlich keine primitive Version der
sen: Immer wenn sie von Kulthandlungen in Gallien be­ griechisch­römischen, sondern ein einheimischer Kult. Die
richteten, sprachen römische Autoren von einem »lucus«, keltischen Gottheiten waren im Gegensatz zu den griechi­
die griechischen von einem »temenos«. Der erste Begriff, schen Olympiern keine Geschlechter von Überwesen, die
der für einen heiligen Hain steht, bezeichnet ein Heiligtum, sich zusammenschlossen oder miteinander rivalisierten.
der zweite einen eingefriedeten, heiligen Bezirk. Der griechi­ Außerdem kannten die Gallier keine anthropomorphen, also
sche Geschichtsschreiber Diodorus von Sizilien (um 90 – 20 menschenähnlichen Götterdarstellungen. Dergleichen er­
v. Chr.), dem wir einige Auskünfte zu den Kelten verdanken, schien ihnen vielmehr völlig abwegig und befremdlich. Als
beschrieb diese Kultplätze so: »Etwas Eigentümliches und etwa der gallische Anführer Brennus im 3. Jahrhundert v. Chr.
Merkwürdiges findet man bei den weiter nördlich wohnen­ die griechische Orakelstadt Delphi eroberte, machte er sich
den Kelten im Hinblick auf die Heiligtümer der Götter. In über die Kultstatuen im Tempel lustig, ehe er die Beute unter
den Heiligtümern und den in ihrem Land eingerichteten seinen Kriegern aufteilte. Diese Episode erinnert an den
heiligen Bezirken ist nämlich eine große Menge den Göttern persischen Eroberer Xerxes, von dem Herodot erzählt, dass
geweihtes Gold ausgelegt, und aus Furcht vor den Göttern er im Jahr 480 v. Chr. »die Götter der Griechen befreien woll­
rührt es keiner von den Einheimischen an, obwohl die Kelten te, die in ihrem Tempel eingeschlossen waren«. Genau wie
außerordentlich habgierig sind.« die Gallier kannten auch die alten Perser keine vermensch­
Genau solche abgegrenzten, heiligen Bezirke entdecken lichten Darstellungen der Götter, ja untersagten sie sogar.
die Archäologen seit 30 Jahren im Norden Frankreichs. Es Ihre Religion ist seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. als so genann­
handelt sich hierbei um quadratische Einfriedungen, so ter Zoroastrismus oder auch Mazdaismus (persisch »maz­
genannte Viereckschanzen, mit einer Seitenlänge von bis zu da«: weise) belegt.

50 sPeZial aRchäologie – geschichte – KultuR 4/2013: die gallieR


AkAdEMisChEs kuNstMusEuM BONN / JuttA sChuBERt

Die Perser sind Nachkommen der Arier, einer Ethnie aus Zen­ Die gallischen Krieger starben lieber im Kampf, als sich zu ergeben.
tralasien. Vor Tausenden von Jahren hatten sich diese in zwei Sie überließen ihre Toten auf dem Schlachtfeld den Geiern (unten
Gruppen aufgeteilt. Eine eroberte Nordindien, während sich links), da sie glaubten, die Vögel würden mit dem Fleisch die Seele
die andere im Iran niederließ. Auf dem Subkontinent ver­ der Gefallenen in himmlische Gefilde transportieren und ihnen
schmolz der ursprüngliche Mazdaismus mit dem einheimi­ somit ewige göttliche Nähe garantieren.
schen Brahmanismus. Bis heute ist die heilige Sprache der
Zoroastrier mit dem Sanskrit, der Sprache der Hindus, ver­
wandt. Viele Elemente der keltischen Religion verweisen auf chthonischen hob man Gruben aus, die Trankopfer und das
kulturelle Gemeinsamkeiten zwischen den Galliern, Ariern Blut des Opfers erhielten – ganz ähnlich wie bei vedischen Ri­
und anderen Völkern Mittelasiens. Die Vermutung liegt tualen. Zudem ist es sehr wahrscheinlich, dass die Kelten ge­
nahe, dass auch sie ursprünglich von dort stammten. Mög­ nau wie die Zoroastrier den Himmel, die Erde, das Wasser und
licherweise waren sie mit den Ariern verwandt. Zumindest das Feuer für heilig hielten. Wie Strabon, ein Zeitgenosse von
aber dürften sie in grauer Vorzeit Kontakt mit diesen und an­ Diodorus, berichtet, sollen die Druiden gelehrt haben, dass
deren zentralasiatischen Völkern gehabt haben. eines Tages nur noch Feuer und Wasser herrschen werden.
Im keltischen Kult kann der göttliche Geist an einen Ort Auch die Vorstellung, welche die Kelten mit der menschli­
gebunden sein – etwa einen heiligen Bezirk, der ihm geweiht chen Seele sowie dem Jenseits verbanden, weist auf orientali­
ist. Er braucht aber keinen Tempel, ähnlich wie bei vielen Völ­ sche Religionen hin und steht in krassem Gegensatz zu dem
kern Asiens und ganz im Gegensatz zum griechisch­römi­ Glauben der Griechen und Römer. Mehrere antike Autoren
schen Glauben. Die Gallier kannten zwei Arten von Göttern: berichten, dass die Gallier von der Unsterblichkeit der Seele
die so genannten uranischen Götter, die im Himmel wohnen, überzeugt waren. Offenbar glaubten sie an eine Art Seelen­
und die chthonischen Götter, die unter der Erde, also in der wanderung, wie sie auch das Fundament des indischen Brah­
Unterwelt leben. Die ersteren wurden an erhöhten Altären manismus bildet. Diodorus hat den Weg dieser Seelen be­
verehrt, auf denen die Gläubigen Opfergaben verbrannten, schrieben: »Die Seelen sind unsterblich und nach einer be­
die mit dem Rauch zu den Göttern aufsteigen sollten. Den stimmten Reihe von Jahren beginnen sie wieder ein neues

www.sPeKtRum.de 51
Mit fRdl. GEN. VON JEAN-lOuis BRuNAux
Leben, in dem die Seele in einen neuen Leib übergeht.« Und die Druiden. In den frühesten Texten, die von den
genauso wie in der hinduistischen Religion war auch bei den Druiden berichten, wurden sie mit den Magiern oder den
Galliern die Reinkarnation nicht unabwendbar. Ein Mensch, Chaldäern in Verbindung gebracht. Die Magier waren zum
der ein vorbildliches Leben geführt hatte, konnte mit dem einen Angehörige einer Priesterkaste, die aus dem nord­
ewigen Verweilen bei den Göttern belohnt werden. westiranischen Stamm der Meder hervorging. Zum anderen
Vorbildlich, das hieß bei Kriegern furchtlos zu sein. Alle bezeichnete man mit dem Begriff jene zoroastrischen Pries­
antiken Berichte betonen die Todesverachtung, mit denen ter, die auf die Auslegung des göttlichen Willens speziali­
die Gallier in die Schlacht zogen. Fast so, als wäre der Krieg siert waren. Unter Chaldäern wiederum versteht man sowohl
ein religiöses Ritual, welches das Verhalten des Kriegers ein babylonisches Volk, das mit den Persern in Kontakt war,
während und nach der Schlacht bestimmt. Eine Krieger­ als auch eine astrologische Priesterkaste, die so genannten
nekropole, die bis zum Jahr 2005 in Ribemont­sur­Ancre in Sterndeuter.
der Picardie ausgegraben wurde, gibt uns einen Einblick Die Selbstverständlichkeit, mit der antike Autoren die
davon: Auf einem Schlachtfeld, wo die keltischen Stämme gallischen Druiden mit orientalischem Kultpersonal ver­
der Armoriker und Belgen gegeneinander gekämpft hatten, knüpften, weist darauf hin, dass sie keine einfachen Priester
wurden im 3. Jahrhundert v. Chr. zwei Monumente errichtet, in griechisch­römischen Sinn waren, sondern eine gesell­
in denen man die Toten aufbewahrte. Zum einen errichteten schaftlich bedeutende Funktion im Grenzbereich von Weis­
die Sieger einen geschlossenen Hof, in dem sie ihre eigenen heit, Magie, Wahrsagerei und Kultausübung ausübten. Ihnen
Gefallenen ablegten, die dann mit der Zeit von Tieren gefres­ war es vorbehalten, den Kontakt zu den Göttern herzustel­
sen wurden. Die zweite Anlage ist ein heiliger Bezirk, in dem len. Wie die Magier wussten sie um die medizinischen und
man die Leichen der Besiegten aufgestapelt hatte. anderen Wirkstoffe in Kräutern, Pflanzen und Pilzen. Zudem
bildeten die Druiden im Gegensatz zur römischen Priester­
Orientalische Tradition der Druiden schaft, aber analog zu den iranischen Magiern oder indi­
Auch der römische Dichter Silius Italicus (er lebte im 1. Jahr­ schen Brahmanen, eine eigene, unabhängige Kaste. Ihr gan­
hundert n. Chr.) berichtet in seinem Werk »Punica« von der zes Leben verbrachten sie in den spirituellen Gemeinden.
gallischen Sitte, die Gefallenen wilden Tieren zum Fraß vor­ Neben den Druiden kannte das Kultpersonal der Gallier
zuwerfen: »Für die Kelten ist es eine Ehre, im Kampf gefallen zwei weitere Funktionen: den Barden und den Vaten. Dem
zu sein, und es ist ein Frevel, wenn ein solcher Leichnam ver­ Barden, einem religiösen Sänger, schrieb man übernatür­
brannt wird. Sie glauben, dass er zum Himmel und den Göt­ liche Kräfte zu. So soll er in der Lage gewesen sein, etwa eine
tern getragen wird, wenn ein hungriger Geier die danieder­ Schlacht abzuwenden oder die Seelen der Gefallenen nach
liegenden Glieder packt.« Wieder so eine Parallele zu orienta­ Eden zu führen. Im ganz Zentralasien, insbesondere bei den
lischen Bräuchen: Bis heute ist es bei den Parsen in Indien Skythen, aber auch bei späteren Turkvölkern, Mongolen und
und anderen Zoroastriern üblich, die Toten in so genannten den sibirischen Tungusen, gab und gibt es heilige Personen,
Türmen des Schweigens zu bestatten. In diesen runden Tür­ die eine ganz ähnliche Funktion ausüben – die Schamanen.
men werden das Fleisch und die Weichteile der Toten von Im Altertum wurden die Schamanen mit den gallischen Bar­
Geiern und Raben gefressen. den gleichgesetzt. In den eingangs zitierten Sätzen nennt sie
Die komplexen Zeremonien und die ausgefeilte Glaubens­ Diogenes Laertios »Semnothen«. Nun stammen die magi­
lehre der Gallier verlangten nach einer spezialisierten Pries­ schen und religiösen Praktiken, mit denen im Schama­
terschaft, welche die Riten an bestimmten Tagen leitete oder nismus die Naturgeister angerufen werden, ursprünglich
die Leichname der Krieger auf den letzten Weg vorbereitete – aus Sibirien und der Mongolei, also genau aus den Regionen

52 sPeZial aRchäologie – geschichte – KultuR 4/2013: die gallieR


Dieser Halsreif (links) –
Torques – aus Gold wurde
vor seiner rituellen Nieder-

Mit fRdl. GEN. VON JEAN-lOuis BRuNAux

Mit fRdl. GEN. VON JEAN-lOuis BRuNAux


legung in Ribemont-sur-
Ancre absichtlich verbogen.
Rechte Seite: In der dortigen
Nekropole fanden Archäo-
logen unzählige Knochen
(rechts) und Waffen (links).

Zentralasiens, aus dem die Arier und, wie ich meine, zweifel­ te. Ihre Nachkommen pflegten jedenfalls enge Beziehungen
los auch die Kelten kamen. zu den Skythen, die an den Ufern der Donau lebten. Sie teil­
Die Vaten waren Seher und Propheten. Wie die Schama­ ten sich sogar einige Begräbnisstätten, die von den ungari­
nen praktizierten sie die Wahrsagerei mit für die Griechen schen Archäologen freigelegt wurden. Es ist wahrscheinlich
und Römer ungewöhnlichen Methoden. Eine der spektaku­ diesem Kontakt zwischen den Kelten und Skythen zu verdan­
lärsten Formen der Zukunftsschau, die man nur bei höchster ken, dass sich im südöstlichen Teil der keltischen Welt nörd­
Gefahr und Dringlichkeit anwandte, beschreibt wieder Dio­ lich der Alpen im 6. Jahrhundert v. Chr. die keltische Hall­
dorus von Sizilien: Dabei wurde ein Mensch in Höhe des Her­ stattkultur entwickelte. Es wäre durchaus denkbar, dass die
zens mit einem Schwert durchbohrt. Aus seinen Zuckungen orientalischen und schamanischen Eigenschaften der galli­
im Todeskampf deutete man die Zukunft. schen religiösen Kultur von den Skythen stammten. Mir er­
Anders als die Priester Griechenlands und Roms standen scheint dies jedoch unwahrscheinlich, denn die beiden Zivili­
die Druiden, Barden und Vaten der Gallier nicht im Dienst ei­ sationen sind einander erst zu einem Zeitpunkt begegnet, an
ner königlichen oder vordemokratischen politischen Macht. dem die keltische Zivilisation bereits hoch entwickelt war.
Dion Chrysostomos, ein griechischer Redner des 1. Jahrhun­
derts n. Chr., meinte: »Es sind die Druiden, die Befehle ertei­ Grenzen der Archäologie
len, und die Könige sind ihre Untergebenen, Diener ihrer Ein anderes Szenario scheint mir naheliegender: Die frühen
Weisheit.« Kelten waren wie die meisten Skythen und viele Völker des
Auf Grund jüngster Ausgrabungen konnten wir die Riten Nahen Orients in erster Linie Nomaden. Bis zur römischen
rekonstruieren, mit denen die Gallier ihre Toten bestatteten: Eroberung erfolgten ihre großen Wanderungen in kleinen
Sie trennten den Kopf ab und reinigten den Schädel, den sie Gruppen und in kleinen Etappen. Während dieser langsamen
dann wie eine Reliquie oder heiligen Pokal aufbewahrten; sie Migration entwickelte sich ihre Zivilisation dank der Über­
bahrten die Leichen lange Zeit auf und überließen sie den nahme von zwar fremden, aber ähnlichen Elementen und
Vögeln und Hunden. Genau diese Praktiken sind bei zentral­ durch die Assimilierung von Volksgruppen, auf welche sie
asiatischen Völkern belegt, besonders bei den Skythen. Hero­ stießen. In der älteren Eisenzeit, zwischen dem 8. und 6. Jahr­
dot, der im 5. Jahrhundert v. Chr. viel herumreiste und als hundert v. Chr., gab es offensichtlich Parallelen zwischen den
erster Grieche über die Perser und die Völker des Orients be­ ersten Kelten und anderen bekannten europäischen Noma­
richtete, hat sie sehr genau beschrieben. So wie die Kelten be­ denvölkern wie etwa den Thrakern, die sich im Norden Grie­
statteten die Skythen ihre Fürsten mit großer Hochachtung. chenlands niederließen, oder den Venetiern an der Adria
Sie genossen zu ihrer Blütezeit ebenfalls den Ruf, gefährliche oder eben den Skythen. Dies lässt die Vermutung zu, dass
Krieger und ausgezeichnete Reiter zu sein. Oft wurden Hero­ sich die ethnischen Merkmale bereits viel früher entwickel­
dots Berichte angezweifelt. Doch seit nunmehr fast 200 Jah­ ten – leider zu einer Zeit, aus der uns noch zu wenig archäo­
ren bestätigen die archäologischen Entdeckungen seine prä­ logisches Material zur Verfügung steht.  Ÿ
zise Darstellung ihrer Bestattungszeremonien.
Das Altai­Gebirge, aus dem die Skythen kamen, befindet
der autor
sich am Rand von China und der Mongolei. Von dort wander­
ten sie später in den Westen und ließen sich vermutlich im Jean-Louis Brunaux ist forschungsdirektor am französischen
Centre national de la recherche scientifique (CNRs) und Mitarbei-
10. Jahrhundert v. Chr. in der Steppe nördlich des Schwarzen ter der Abteilung Archéologie et Philologie d’Orient et d’Occident
Meers nieder und drangen bis nach Osteuropa vor. Zweifel­ an der École normale supérieure in Paris.
los hatten die Vorfahren der Gallier eine ähnliche Geschich­

www.sPeKtRum.de 53
IDEoLogIE

Feindbild Gallier
Selbst nach der Integration Galliens in das Römische Reich blieben
die Klischees von den barbarischen und gefährlichen Kelten noch
lange en vogue. Und das war politisch auch so gewollt.
Von Patrick Thollard

E
in Provinzstatthalter, der öffentliche Gelder ver­ Küste in Nordwestitalien als »keltike«, also als keltisches
untreute, korrupt und grausam war – ein klarer Fall Land. Und sein bekannter Kollege Herodot überlieferte im
für das zuständige Gericht in Rom. Doch als der Fall 5. Jahrhundert v. Chr., der Istros, die Donau, entspringe im
Marcus Fonteius im Jahr 69 v. Chr. verhandelt wird, Land der Kelten.
verunglimpft dessen Verteidiger die Kläger mit den Worten:
»Wer weiß nicht, dass diese Menschen bis heute den scheuß­ Kaltes Land am Weltrand
lichen und barbarischen Brauch beibehalten haben, mensch­ Die spärlichen Nachrichten müssen nicht verwundern. Das
liche Wesen zu opfern?« Desinteresse an allen Barbaren beruhte nicht zuletzt auf den
Der Anwalt ist kein Geringerer als Marcus Tullius Cicero geografischen Vorstellungen jener Zeit. Die bewohnte Welt
(106 – 43 v. Chr.), sein Klient, ein römischer Ritter, regierte entspräche einer länglichen Insel auf der Nordhalbkugel der
die Provinz Gallia Narbonensis (der Süden Galliens mit der Erde und alle Barbarenvölker lebten am Rand der bewohn­
Hauptstadt Narbo, dem heutigen Narbonne, gehörte seit baren Welt: die Kelten im äußersten Westen, die Skythen im
121 v. Chr. zum Reich). Die Kläger aber sind hochrangige Norden, die Inder im Osten und die Äthiopier im Süden.
Gallier, und damit kann Cicero die römischen Vorurteile Wozu also sich mit ihnen befassen?
gegen alle Kelten ausspielen, um diese und ihr Anliegen in Auch die Vorurteile sind letztlich dieser Verortung ge­
ein schlechtes Licht zu stellen. schuldet. Am Rand der Welt mussten extreme Lebensbedin­
Er erinnert daran, dass Gallier 387 v. Chr. Rom und 279 v. gungen herrschen, im Gebiet der Kelten zum Beispiel war es
Chr. das Heiligtum von Delphi geplündert hatten – obwohl sicher zu kalt für Ackerbau und Viehzucht. Der Philosoph
beide Vorfälle Jahrhunderte zurücklagen und unterschiedli­ und Naturforscher Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) glaubte:
che keltische Stämme daran beteiligt waren. Denn seine Zeit­ »Der Esel ist ein Tier mit kaltem Gemüt. Deshalb, wegen sei­
genossen unterscheiden nicht zwischen den verschiedenen ner natürlichen Empfindlichkeit für Kälte, vermehrt er sich
Völkern – für sie sind sie samt und sonders »Galli comati«, nicht in Regionen, die einem winterlichen Klima unter­
also langhaarige Gallier (lediglich östlich des Rheins siedeln­ worfen sind wie bei den Skythen und in den benachbarten
de Stämme wurden als Germanen bezeichnet). Gebieten. Dies ist ebenso der Fall bei den Kelten, die sich
Menschenopfer, grausame Götter, nackte Krieger, Alko­ oberhalb der Iberischen Halbinsel befinden, denn das ist
holexzesse, so lauteten einige der zugeschriebenen Kli­
schees. Alle zusammen passten zum »Barbaren«. Mit die­
auf einen blick
sem Wort bezeichneten die Griechen in der Blütezeit ihrer
Kultur jene Rassen, die nicht ihre Sprache sprachen und kei­
ne mediterrane Lebensweise pflegten. Aus griechischer
gEfährLIchENAcKthEIt
Sicht waren sie minderwertig, vielleicht bedrohlich, keines­
falls aber sonderlich interessant. Dementsprechend er­ 1 Antike Chronisten widmeten sich erst spät den nördlichen
Nachbarn, da sie ihnen wenig interessant erschienen – bis im
Jahr 387 v. Chr. Gallier Rom eroberten.
wähnten Historiker des 6. bis 4. Jahrhunderts v. Chr. die Kel­
ten kaum; die wenigen Kommentare wurden oft von Auto­
ren einer späteren Zeit übermittelt. Selbst griechischen 2 Die Gallier seien wie alle Kelten Barbaren, lautete nun das Kli-
schee. Weil sie den Tod nicht fürchteten, stürzten sie sich nackt
in den Kampf. Sie tranken nach Ansicht der Römer und Griechen
Kolonisten, die um 600 v. Chr. in keltischem Gebiet die Stadt zu viel Wein und achteten kaum Sitte und Anstand.
Massalia gründeten, das heutige Marseille, hinterließen
kaum Berichte über ihre Nachbarn. Lediglich der klein­
asiatische Chronist Hekataios von Milet bezeichnete um
3 Derartige Vorurteile kursierten auch dann noch, als ganz Gallien
zum Imperium gehörte. Wenn es den Mächtigen gelegen kam,
zogen sie alte Feindbilder gern wieder hervor.
500 v. Chr. das Hinterland Massalias und das der ligurischen

54  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
NImAtAllAh
AKG ImAGeS /

eine kalte Gegend.« Unter solchen Umständen – so die Argu­ Der »Sterbende Gallier« ist ein Symbol der Überlegenheit der
mentation – lebten Menschen vom Krieg. Der aber brachte »zivilisierten« über die »barbarische« Welt. Das vermutlich
wiederum Qualitäten wie Furchtlosigkeit und Ausdauer in Bronze ausgeführte Original – hier eine römische Marmor-
hervor. Zwangsläufig konnte sich in den Randländern auch kopie – wurde um 230 oder 220 v. Chr. von Attalos I. in Auf-
keine zivilisierte Lebensart ausbilden, dementsprechend trag gegeben. Der König von Pergamon feierte damit seinen
würden die Kelten gegen sittliche Normen verstoßen, etwa Sieg über das keltische Volk der Galater. Nackt hatte sich dieser
sich häufig betrinken. Krieger in den Kampf gestürzt, das machte ihn umso bedroh-
Diese Ansichten sollte die mediterrane Welt nie aufgeben. licher.
Das zeigt sich auch in der Benennung: Mal sprachen die anti­
ken Autoren von »keltoi«, dann wieder von »galli«. Manche
schrieben, die Kelten bewohnten den Süden und die Gallier Chr. anschickte, seine Herrschaft von Latium auf ganz Ita­
den Norden, aber die Römer hätten Verwirrung gestiftet, lien auszudehnen, kämpften Kelten an der Seite der Samni­
indem sie alle Gallier nannten. Andere glaubten, dass sich ten und Etrusker. Überdies rekrutierte Roms Erzfeind Kar­
die Gallier selbst als Kelten bezeichnet hätten. Vermutlich thago im 2. Punischen Krieg (218 – 201 v. Chr.) in Spanien kel­
bestätigen diese widersprüchlichen Meinungen nur das Des­ tische Soldaten. Diese Erfahrungen wandelten freilich das
interesse an der Welt der anderen. Dass ab dem 4. Jahrhun­ negative Bild nicht, sondern verschärften es: Aus kriegeri­
dert v. Chr. keltische Krieger als Verbündete oder als Söldner schen Barbaren wurden nun furchtbare Feinde der Zivili­
mit in die Schlacht zogen, tat dieser Einstellung zunächst sation.
keinen Abbruch. Zwei griechische Autoren spielen dabei eine wesentliche
Das sollte sich ein wenig ändern, als einige der Stämme Rolle: Polybios (etwa 200 – 120 v. Chr.) und Poseidonios (135 –
in die Hochburgen der Mittelmeerzivilisationen einfielen. 51 v. Chr.). Der Erste war ein Freund und Berater von Scipio
Markante Ereignisse waren die Eroberung Roms durch den Aemilianus (um 184 – 129 v. Chr.), dem Eroberer Makedoni­
Gallier Brennus und die Plünderung des Apollonheiligtums ens. Polybios’ Hauptwerk waren die »Historien«, die den Auf­
von Delphi durch die Truppen seines Namensvetters. Jahre­ stieg Roms vom 1. Punischen Krieg bis zur Zerstörung Kar­
lang machten keltische Krieger hellenistischen Herrschern thagos 146 v. Chr. schilderten. Der in Syrien geborene Posei­
in Kleinasien zu schaffen. Als sich Rom im 3. Jahrhundert v. donios hatte Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. Spanien und

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das südliche Gallien bereist. Sein Werk gilt als verloren, doch reich auf das alte Feindbild, als er ohne Auftrag des Senats
man weiß, dass es dasjenige von Polybios fortsetzte. im freien Gallien einfiel – den Zug eines helvetischen
Beide berichteten zwar über die keltische Welt, doch aus Stamms nach Westgallien bauschte er zur Bedrohung Roms
der Sicht von Historikern, die den Weg des römischen Im­ auf, der er als verantwortungsvoller Feldherr zu begegnen
periums nachzeichneten. Ihr Interesse an dieser Kultur hatte. Ohne die Kriegsbeute und seine militärischen Erfolge
beschränkte sich also auf deren Rolle als Gegner. So schrieb wäre Caesar kaum in der Lage gewesen, sich später zum Dik­
Polybios: »Die Erscheinung … der nackten Krieger, die in der tator aufzuschwingen.
vordersten Reihe aufgestellt und alle in den besten Jahren Gallien wurde rasch romanisiert, und man sollte mei­
sowie von außergewöhnlich stattlichem Aussehen waren, nen, dass damit die Vorstellung vom barbarischen Kelten
stellte einen … Quell des Schreckens dar.« keine Berechtigung mehr besaß. Ein Irrtum. Als Augustus
Andere Autoren wie Diodorus von Sizilien bezogen sich im Jahr 27 v. Chr. die Macht übernahm und die Staatsform
in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. auf die Werke ihrer der Republik endgültig durch die Alleinherrschaft, den
Kollegen und festigten so die Klischees: »Sie übergießen Prinzipat, ersetzte, zog er alle Register der ihm zur Verfü­
die Haare stets mit einer Lösung auf Kalkbasis. Sie strei­ gung stehenden Propagandamaschine, um diesen Schritt
chen sie von der Stirn über den Scheitel zurück bis in den ideologisch abzusichern. Ein goldenes Zeitalter bräche an,
Nacken, so dass ihr Aussehen an einen Satyr oder Pan erin­ ließ er durch den Dichter Horaz verkünden. Auf den Bür­
nert. Die Pflege, die sie ihren Haaren angedeihen lassen, gerkrieg, der nach Cäsars Ermordung (44 v. Chr.) ausgebro­
verdickt sie derart, dass sie sich in nichts von Pferdehaar chen war, sollte endlich wieder Frieden folgen. Rom würde
unterscheiden.« Alles in allem war der Kelte groß, doch von die Welt beherrschen und alte Werte wieder Gültigkeit
schlaffem Fleisch, war blond, mit struppiger Mähne und – haben. Diese Botschaften verbreiteten Schriftsteller, aber
für die mediterrane Welt ein Unding – schnurrbärtig. Er auch der Wandschmuck öffentlicher Gebäude oder das
handelte impulsiv, war eher Krieger als Bauer, trug zu viel Massenmedium der Antike, die Münzen. Einfache Symbole
Schmuck und neigte zu Alkoholexzessen – den Wein trank waren vonnöten, und die Kelten mussten noch einmal als
er sogar pur! Feindbild herhalten, als Inbegriff der Schrecken der Epoche
vor Augustus.
Die Macht des Weines Erst als Rom in der Varusschlacht 9 n. Chr. eine herbe Nie­
Manche dieser Vorurteile beruhten auf keltischen Praktiken, derlage erlitt, die mögliche Expansionspläne in Richtung
die sich der griechisch­römischen Welt nicht erschlossen. So Germanien beendete, erfuhr das Bild vom Barbaren eine
war der Wein in stark hierarchisierten Gesellschaften ein leichte Modifikation: Der Limes kennzeichnete bald die
Machtinstrument und damit ein Grundbestandteil bei Riten. Grenze zwischen der zivilisierten und der barbarischen
Ausgrabungen in jüngerer Zeit lassen vermuten, dass hinter Welt. Der Geograf Strabon (63 v. – 23 n. Chr.) wiederholte
den von »tugendhaften Zivilisierten« wie Cicero gebrand­ zwar die alten Stereotypen, doch mit Einschränkungen: »In
markten Menschenopfern Bestattungs­ oder Kriegsriten seiner Gesamtheit ist der Stamm, den man heute entweder
standen. Praktiken, deren Bedeutung die Mittelmeervölker gallisch oder galatisch nennt, zugleich begeistert für den
nicht verstanden, wurden als barbarische Verhaltensweisen Krieg, impulsiv und schnell dabei, die Waffen zu ergreifen,
interpretiert. andererseits jedoch frei von List und bösen Absichten. Zwar
Beharrlich kolportierten die Historiker solche Vorstellun­ leben heute alle in Frieden, unterworfen und den Anord­
gen, obwohl sie im 1. Jahrhundert ohnehin überholt waren. nungen ihrer Bezwinger, der Römer, folgend. Doch die alten
Während römische Münzen dieser Zeit noch Kelten mit Zeiten sowie die Sitten, die heute noch bei den Germanen
»barbarischer« Haartracht darstellten, zeigten gallische bestehen, haben unsere Beschreibung inspiriert. In der Tat
Münzen und Statuen Frisuren, die den Schönheitsidealen ähneln die Germanen den Galliern sowohl im Aussehen als
der Mittelmeerwelt entsprachen (siehe Bilder S. 85). Das auch in den Institutionen, und die einen sind mit den ande­
Gleiche gilt für die Bewaffnung: Die Kelten wurden immer ren verwandt.« Und so dienten fortan die Germanen als
noch als Streitwagenkämpfer abgebildet, obwohl das ar­ Feindbild. Doch wie schrieb Strabon: Waren nicht manche
chäologischen Befunden nach längst nicht mehr der Fall von ihnen auch Kelten?  Ÿ
war. Diodorus schrieb dazu: »Für Reisen wie bei Gefechten
benutzen sie einen von zwei Pferden gezogenen Wagen, wo­
bei der Streitwagen von einem Wagenlenker und einem der autor
Krieger besetzt ist. Wenn sie sich berittenen Einheiten ge­ Patrick Thollard lehrt Archäologie an der Université
genüberfinden, greifen sie ihre Gegner mit dem Wurfspeer de montpellier.
an und steigen dann vom Wagen herunter, um den Schwert­
kampf zu beginnen.«
Das Unwissen machte sich nicht nur Cicero zu Nutze, der
seinen Prozess mit Hilfe von Verunglimpfungen des Geg­
ners gewinnen konnte. Auch Gaius Julius Cäsar baute erfolg­

56  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
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KrIeGsmorAL

Tapfer
in den Tod
Das Kriegshandwerk verschaffte den gal-
lischen Stämmen Macht und Reichtum.
Es entstand eine militärische Kaste, deren
Angehörige sich durch gemeinsame
Werte verbunden sahen. Das größte Ziel
der jungen Männer: der Tod im Kampf
Mann gegen Mann.
Von Jannick Ricard

S
ie betrieben Bergbau und Landwirtschaft, waren ge­
schickte Handwerker und betrieben Handel – doch
zu großem Reichtum vermochten die Gallier es auf
diese Weise nicht zu bringen. Deshalb wandten sich
die Stämme im Lauf der Zeit zunehmend einem anderen
Handwerk zu – dem der Kriegsführung. Vom 4. bis zum 1.
Jahrhundert v. Chr. stand sie im Mittelpunkt ihres kulturel­
len und wirtschaftlichen Schaffens. Dies galt besonders für
die Randgebiete Galliens, also bei den Belgen im Norden
und den Aquitaniern im Westen. Überall wurden Heere auf­
gebaut. Es bildete sich eine Art Kriegerkaste, welche für die
Stärke der Stammesgemeinschaft stand und deren Territo­
rium sie verteidigte.
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58 sPeZIAL ArchäoLoGIe – GeschIchte – KuLtur 4/2013: DIe GALLIer


Auf EiNEN BLiCK

heILIGer KrIeG

1 In Gallien war der Krieg das Fundament des wirtschaftlichen und


gesellschaftlichen Lebens.

2 Dank ihrer frühzeitigen Ausbildung, der Professionalisierung


der Armee und perfektionierter Bewaffnung wurden die Gallier
zu gefürchteten Kriegern.

3 Die Verherrlichung von Tapferkeit sowie die Opferung der


Gegner samt ihrer Waffen an die Götter machte aus dem Krieg
eine heilige Zeremonie.

Der Tod auf dem Schlachtfeld


hatte für die gallischen
Kämpfer keinen Schrecken. Er
war vielmehr das Ideal einer
Kriegerkaste, die höchstes
gesellschaftliches Ansehen
genoss. Der Todesmut der
»Barbaren« beeindruckte
auch die mächtigen Gegner.
Bei dieser Skulptur handelt
es sich um die römische Kopie
einer griechischen Vorlage,
die Pergamons König Attalos
II. im 3. Jahrhundert anläss-
lich seines Siegs über die
Gallier in der Akropolis auf.
stellen ließ.

www.sPeKtrum.De 59
Dies führte alsbald auch zu Veränderungen des sozialen Solche speziell für Jugendliche angefertigten Schwerter
Gefüges. Während die ursprüngliche Herrscherkaste seit der waren typisch und fanden sich auch in Ribemont. Während
älteren Eisenzeit (vom 8. bis 6. Jahrhundert. v. Chr.) ihre Macht der Knabe von Barbey sicher noch in der Ausbildung war,
auf Herkunft und Reichtum gründete, entwickelte sich nun weisen die Skelette der Jugendlichen und auch Kinder in
nach und nach eine neue aristokratische Elite mit kriegeri- Ribemont darauf hin, dass diese auf dem Schlachtfeld star-
schen Werten: Ansehen, so die Vorstellung, konnte nunmehr ben – denn ihre Grabstätte liegt in einem Heiligtum, das
nur erlangen, wer ein Heer in die Schlacht führte. Eine solche gleich nach einer solchen Auseinandersetzung angelegt wor-
Berufung war mit keiner anderen Stellung im gesellschaftli- den war.
chen oder wirtschaftlichen Leben der Gallier vergleichbar. So wie im Griechenland jener Zeit begann auch in Galli-
Julius Cäsar bezeichnete die Angehörigen dieser kriegeri- en die Ausbildung der Krieger bereits in jungen Jahren. In
schen Elite in seinem »Gallischen Krieg« als »equites«: berit- den Krieg zogen die Griechen jedoch erst sehr viel später.
tene Kämpfer. Und deren Ruf eilte den Galliern voraus. Bald Das frühe Erlernen des Kriegshandwerks erinnert auch an
waren ihre Fähigkeiten auch in den zahlreichen Kriegen ge- mittelalterliche Gepfogenheiten, als Pagen und Schildknap-
fragt, die immer wieder rund um das Mittelmeer aufoder- pen unter der Obhut eines adeligen Herrn zu Kämpfern
ten – vor allem in Griechenland und Makedonien. wurden.
Ihrer Söldner brachten den Galliern Reichtum, und es ent- Ob es bei den Galliern ein Ritual gab, das den jungen
wickelte sich eine blühende Wirtschaft. Dank des forieren- Kriegslehrling zum aktiven Kämpfer machte, ist nicht si-
den Handels entstanden neue Bündnisse zwischen den cher. In seinem Werk über den gallischen Krieg deutet Cäsar
Stämmen. Die gallische Bevölkerung breitete sich aus, so jedoch an, dass es wohl eine Altersstufe gäbe, in welcher der
dass von ihrem wirtschaftlichen und kulturellen Schaffen Gallier noch nicht der Stellung eines Kriegers würdig sei: »Es
auch die Völker außerhalb Galliens profitierten. ist eine Schande, wenn sich ein Krieger in der Öffentlichkeit
in Begleitung seiner Kinder zeigt, sofern diese noch nicht alt
Wohlgenährt, gut trainiert genug sind, um Waffen zu tragen.«
und selten krank Die Ausbildung des jungen Kriegers umfasste die Jagd, die
Maßgeblichen Anteil am Wandel hin zu einer kriegerischen Reiterei und Fertigkeiten im Umgang mit Waffen. Die Jungen
Gesellschaft hatten übrigens die gallischen Bauern. Denn die waren wohlgenährt und gut trainiert, davon zeugen die ro-
Herstellung der zahlreichen, zunehmend ausgefeilten Gerät- busten Knochen von Ribemont mit ihren kräftigen Mus-
schaften erforderte einiges handwerkliches Geschick der kelansätzen. Die Röntgenbilder zeigen zudem ein gleich-
Eisenschmiede, die ihre so gewonnenen Erfahrungen ihrer- mäßiges Knochenwachstum, was darauf schließen lässt, dass
seits nutzten und die Heere mit hochwertigen Waffen be- der Heeresnachwuchs in der Kindheit nie unter Mangel-
lieferten: Schwerter, Lanzen unterschiedlicher Größe, Pan- ernährung zu leiden hatte. Auch Krankheiten waren offen-
zerhemden, Schilde sowie Pferdegeschirr für die Kavallerie bar selten. Die meisten Knochenbrüche dürften vom Kampf
und Zugtiergespanne. herrühren.
Auch wenn zahlreiche zeitgenössische Chronisten über Und noch etwas beweisen die Gebeine: Die Krieger waren
die gallischen Krieger berichten, stützen wir uns im Folgen- größer als die meisten ihrer Zeitgenossen, die im Schnitt nur
den vornehmlich auf die Erkenntnisse von Archäologen, die 1,75 Meter groß wurden. Dank ihres Trainings waren die Gal-
in den vergangenen Jahrzehnten bei ihren Ausgrabungen lier also in bester Verfassung. Dass dies einiger Disziplin be-
von Heiligtümern auf die sterblichen Überreste vieler galli- durfte, beschrieb Ephoros, ein von Strabon erwähnter grie-
scher Krieger und deren Waffen stießen. chischer Historiker aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Er berich-
In Ribemont-sur-Ancre in der Picardie etwa entdeckten sie tete, dass Fettleibigkeit bei den gallischen Kriegern bestraft
eine ganze Armee aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. (siehe Kas- worden sei.
ten S. 64). Im Folgenden wollen wir zeigen, dass wir auf diese Mit den jugendlichen Kämpfern wuchsen auch ihre Waf-
Weise den beispielhaften Werdegang eines gallischen Krie- fen. Sie waren, wie Strabon in seiner »Geographica IV, 4, 3«
gers rekonstruieren können: von seiner Ausbildung bis zu schreibt »ihrer Körpergröße angemessen: ein langes, an der
seinem Einsatz im Krieg. rechten Körperseite hängendes Schwert sowie ein großer,
Zum gefürchteten Krieger konnte nur werden, wer eine länglicher Schild, entsprechend lange Lanzen und die ›ma-
erstklassige Ausbildung absolviert hatte. Wertvolle Einblicke daris‹, eine Art Wurfspeer«.
in die Erziehung junger Gallier bieten die Gebeine eines 12- Das Schwert war die bevorzugte Waffe des Fußsoldaten
bis 14-jährigen Jungen. In seinem bei Barbey im Départe- und eignete sich bestens für den Nahkampf. Während des
ment Seine-et-Marne entdeckten Grab fanden sich die typi- älteren La Tène (5. und 4. Jahrhundert v. Chr.) waren kurze
schen Beigaben eines Kriegers: ein geschlossener Halsreif Klingen von etwa 60 Zentimeter Länge mit markanter Spit-
aus spiralförmig gedrehten Metallbändern (torques), der of- ze typisch. In der mittleren La-Tène-Zeit (3. und 2. Jahrhun-
fensichtlich gleich nach der Geburt über seinen Kopf ge- dert v. Chr.) – aus dieser Zeit stammen die Gräber von Ribe-
streift wurde, sowie ein Schwert, das eigens für die Größe des mont – wurden die Klingen länger und die Spitzen abge-
jungen Manns angepasst worden war. rundeter, was kräftige Hiebe erleichterte. Diese Schwerter

60 sPeZIAL ArchäoLoGIe – GeschIchte – KuLtur 4/2013: DIe GALLIer


bEiDE FoToS: MiT FRDl. GEn. von JAnnicK RicARD

Im Heiligtum von Ribemont-sur-Ancre fanden sich Zehntausende von menschlichen Knochen. Rönt-
genaufnahmen können Aufschluss über die körperliche Verfassung der hier bestatteten Krieger
geben. Zu sehen sind zwei so genannte Harris-Linien, die von einer höheren Knochendichte zeugen.
Sie entstehen durch kurzzeitige Veränderungen im Längenwachstum der Knochen – zum Beispiel
in Folge einer Unterernährung. Dass hier nur zwei Linien zu sehen sind, ist für die Forscher ein Zeichen
für eine vergleichsweise gute Ernährung während der Kindheit.

gehörten zur Ausrüstung der Reiterkrieger. Warum in der schützten – lassen auf den Gebrauch von bis zu drei Meter
gleichen Zeit auch die Schwerter der Infanteristen länger langen Lanzen schließen. In der Regel wurden diese mit zwei
wurden, bleibt hingegen ein Rätsel. Zeitgenössische Bild- Händen geführt, um den Feind zu durchbohren. Waren die
hauer aus Griechenland, Etrurien und dem römischen Reich Schäfte zerbrochen, konnten sie wie Schwerter weiterver-
präsentierten die gallischen Krieger mit Schwertern in einer wendet werden. Pfeil und Bogen schätzen die Gallier in der
Scheide aus Metall, die mit Ketten oder Lederriemen an der Epoche von Ribemont übrigens nicht – sie waren in ihren Au-
Hüfte befestigt war. gen nur etwas für Feiglinge.
Zur Verteidigung diente vor allem der hölzerne Schild.
Nur etwas für Feiglinge Heute finden sich davon nur die metallenen Teile, wie inne-
Auch Formen und Größen von Wurfspießen, Speeren und rer Schildrand, Schildbuckel, Handgriff und Nieten (siehe
Lanzen variierten vielfach. Die Spitze des Wurfspießes war Bild S. 63) – lediglich bildliche Darstellungen zeugen von ih-
durch eine lange Tülle gekennzeichnet, in die ein kleiner rer Form. Der ovale, etwa einen Meter hohe Schutz war offen-
Schaft gesteckt wurde. Diese Waffe tötete den Feind bar nicht sehr handlich und schützte nicht nur vor Speeren,
direkt oder bohrte sich tief in seinen Schild, so dass dieser sondern taugte auch als Schlagwaffe gegen den Feind.
unbrauchbar wurde. Die Entdeckung von großen Lanzen- Der Eigensicherung dienten auch die Helme, die in der äl-
schuhen – den Gegenstücken der Spitzen, die das Schaftende teren La-Tène-Zeit reich dekoriert waren und an Paradehel-

www.sPeKtrum.De 61
me erinnern. Spätere Exemplare ähneln eher den Helmen Treue gefestigt waren. Dies ist gut dokumentiert, etwa in den
der römischen Legionäre. Zweifellos trugen die Gallier da- Schriften von Poseidonios: »Da sie in großer Zahl zusammen
mals zudem eine Schutzkleidung aus Leder, die jedoch die speisten, saßen sie in einem Kreis, wobei sich der einfuss-
Jahrtausende nicht überdauerte. Wer es sich leisten konnte, reichste Mann wie der Leiter eines Chores in der Mitte nie-
ließ sich von kunstfertigen Schmieden ein Panzerhemd aus derließ. Durch sein kriegerisches Geschick oder seine gebür-
Metall anfertigen. tige Abstammung oder aber durch seinen Reichtum gewann
Einige Gallier aber, so erzählt Diodorus, »verachteten den er die Oberhand über die anderen.« Alle Männer aßen von
Tod so sehr, dass sie sich der nackten Gefahr stellten, in- den gleichen Speisen. Die Krieger saßen vor einem niedrigen
dem sie nur einen einfachen Schutz um die Taille trugen«. Tisch, die »thyreophoroi« oder Schildträger standen hinter
Dieser Lendenschurz war aus dickem Stoff oder Leder, der ihnen, vor ihnen saßen im Kreis die »doryphori« oder Speer-
wahrscheinlich mit Metallbeschlägen versehen war, wurde träger.
durch einen Ledergürtel gehalten und sollte den Unterleib
schützen. »Unbedeckt waren ihr Kopf, die Seiten und die Kein Interesse an den Frauen
Brust, die Oberschenkel und die Beine bis hinab zu den Fü- Die Beziehungen zwischen den gallischen Kriegern gingen
ßen«, schrieb Dionysios von Halikarnassos über die galli- übrigens nicht selten über den Rahmen einer Kriegskame-
schen Krieger. Marmorskulpturen wie die des »verwunde- radschaft hinaus, denn der Ritter teilte das Lager mit seinen
ten Galliers« (Bild S. 58/59) oder des »sterbenden Galliers« Dienern. Diodorus liefert auch hierzu vielsagende Details:
(Bild S. 55) zeigen, wie der Feind durch das Symbol des ent- »Obwohl ihre Frauen schön und wohlgeformt sind, geben sie
blößten Körpers provoziert werden sollte. Diese viel be- sich kaum mit ihnen ab; sie sind vielmehr von einer wilden
schriebene Nacktheit nahmen sich übrigens wohl nur die Leidenschaft zu Umarmungen mit Männern erfasst. Sie pfe-
Elitekämpfer heraus. Die normalen Krieger hingegen trugen gen auf Tierfellen am Boden zu liegen und sich mit einem
wohl Hosen (braccae) und Mäntel (sagum) aus strapazierfähi- Beischläfer auf jeder Seite herumzuwälzen.«
gem Stoff. Die Kaste wurde auf diese Weise in Gruppen von jeweils
Die gallischen Krieger strebten mitnichten nur nach drei Männern unterteilt, die sich aus einem Ritter und seinen
Reichtum und Prestige. Ihr Einsatz hatte auch moralische beiden Waffendienern zusammensetzten. Nach Poseidonios
und religiöse Aspekte. So schrieb der Philosoph Diogenes handelte es sich bei jenen Waffendienern um freie, jedoch
Laertios im 3. Jahrhundert in seiner Schrift über den Unter- mittellose Personen, die ihren Herrn beim Feldzug beglei-
richt der Druiden auch von den moralischen Grundsätzen teten, ihn bewachten und ihm im Kampf behilfich waren.
der Kelten: »Man soll die Götter verehren, nichts Böses tun Solche Verträge, die einen besitzlosen Mann an einen reichen
und sich in Tapferkeit üben.« Nur die Krieger vermochten Herrn banden, ihn zur Treue verpfichteten und ihm im Ge-
dies in die Tat umsetzen. genzug seinen Schutz und Lebensunterhalt sicherten, über
Dieses heroische Streben der Gallier führte auch in der dauerten viele Jahrhunderte und bildeten schließlich auch
griechischen Welt zu großer Anerkennung. Euripides (5. Jahr- die Grundlage des mittelalterlichen Feudalsystems, das sich
hundert v. Chr.) verstand unter Tapferkeit den »Vorstoß der auf dem Vasallentum gründete – ein Terminus, der sich vom
Lanzenfront entgegenzusehen und seinen Platz in der Reihe ursprünglich gallischen Begriff »vassos« (Diener, Abhängi-
zu halten«. Platon schloss sich diesen Worten an: »Jeder, der ger) ableitet.
gegen seinen Feind kämpfen will und hierfür Stellung be- Die meist nur in den warmen Jahreszeiten stattfindenden
zieht, ohne zu erweichen, ist gewiss ein mutiger Mensch.« Feldzüge waren streng ritualisiert. Sie begannen mit einem
Sokrates, der einst als schwer bewaffneter Hoplit kämpfte, er- Kriegsrat – dieser Kampfaufruf, der den Anführern vorbehal-
innerte daran, dass ein Mann, der bereits seinen Platz einge- ten war, ordnete die sofortige Versammlung der Krieger an
nommen hat, »dazu verpfichtet ist, […] ungeachtet der Risi- (bei den im heutigen Luxemburg lebenden Treverern wurde
ken seine Position beizubehalten, wobei er zu Gunsten der der letzte Ankömmling übrigens von seinen Waffenbrüdern
Ehre den möglichen Tod und jegliche Gefahr einkalkuliert«. auf grausame Weise geopfert). Anschließend zogen diese in
Jeden Zweifel über die eigene Tapferkeit konnte nur aus- das Kampfgebiet.
räumen, wer den Tod im Nahkampf suchte. Der Kampf von Als Erstes erreichten die voranschreitenden Musikanten
Mann zu Mann war somit das höchste Ziel für den gallischen das Schlachtfeld. Dort positionierten sich sodann so ge-
Krieger, denn nur dieser einzigartige Moment, der seinem nannte Vorkämpfer den Feinden gegenüber und provozier-
Leben ein Ende setzen konnte, gab seiner Existenz einen ten diese mit tänzelnden Bewegungen und verbalen Angrif-
Sinn. Der Tod im Pfeil- oder Steinregen war dagegen verach- fen. Dann begann die Schlacht in ihrer archaischen Form –
tenswert, denn er unterschied nicht zwischen dem Helden Mann gegen Mann –, indem ein Krieger aus der Reihe
und dem Feigling. hervortrat und einen Gegner herausforderte. Diodorus, der
Nach den Worten von Polybios (200 – 120 v. Chr.) und Po- sich nach den Aussagen von Poseidonios richtete, stellte
seidonios von Apameia (135 – 51 v. Chr.) verbanden sich die dies folgendermaßen dar: »Wenn sich die Krieger in der
stark militarisierten Stämme der Gallier zu größeren Klans, Schlachtordnung aufgestellt haben, schreiten sie gewöhn-
die einem Anführer unterstellt und von einer Kultur der lich aus der Reihe hervor, fordern die Tapfersten von der

62 sPeZIAL ArchäoLoGIe – GeschIchte – KuLtur 4/2013: DIe GALLIer


SCHILD
innerer
Schildrand

Handgriff

Leder
SCHWERT

Holzbrett

Leder
Klinge

Längs-
verstrebung

Schildbuckel

Eisenband
SCHEIDE

LANZE
Vorderplatte
Ortband (Metallhülse
am Ende der Scheide,
die vor Abrieb schützt)
Sicherungsbügel
Spitze

Flügel
Hinterplatte

Tülle
Nägel
LAurent LIbessArt / Assor hIst & bD

Lanzenschuh

Die Bewaffnung gallischer Kämpfer bestand typischerweise aus Lanze, Schwert und Schild.
Dieser verfügte am inneren Schildrand über Eisenschienen und taugte somit auch als Hiebwaffe.
Die Waffen veränderten im Lauf der Geschichte immer wieder ihre Formen.

www.sPeKtrum.De 63
Das Heiligtum von Ribemont-sur-Ancre
Die ersten Grabungen erfolgten in den 1960er Jahren – nach-
dem Archäologen auf Luftbildern eine mit 70 Hektar bemer-
kenswert große gallorömische Anlage entdeckt hatten. Es fan-
den sich eine Therme, ein Amphitheater, Wohnhäuser und ein
dem Kriegsgott Mars gewidmeter Monumentaltempel.
Überraschend war, dass darunter ein gallisches Heiligtum
zum Vorschein kam. Hier entdeckten die Forscher die Gebeine
zahlreicher Menschen sowie deren Waffen aus der ersten Hälfte
des 3. Jahrhunderts v. Chr. Das Heiligtum wurde vermutlich nach
einer Schlacht errichtet, die auf einer nahe gelegenen, rund 200
Hektar großen Ebene stattgefunden hatte. Aus Pollenuntersu-
chungen ist bekannt, dass die Schlacht gegen Ende des Sommers
geschlagen wurde – in einem Weidegebiet und in unmittelbarer
Nähe von Getreidefeldern.

Münzen bezeugen, dass hier wahrscheinlich Armoriker (Auler-


ker und Lexovier) und Belgen aufeinanderstießen; die Armoriker
kontrollierten die Handelsbeziehungen zwischen der Küste und
den heutigen britischen Inseln, die Belgen kamen aus den nörd-
lichen Gebieten. Sie waren es, die die Schlacht für sich entschie-
den, sich dort niederließen und später Ambianer nannten (von

RoGER AGAchE / MiniSTèRE DE lA culTuRE


denen sich der Name der heutigen Stadt Amiens ableitet).
In dem aufwändig gestalteten Heiligtum lagerten Tausende
von Waffen und von menschlichen sowie tierischen Knochen –
mal im Inneren einer würfelförmigen Konstruktion, mal in Form
einer Art Allee, die aus Schwertern gebildet und mit Körperfrag-
menten sowie vollständigen Skeletten bedeckt wurde. Insge-
samt bargen die Archäologen hier rund 50 000 Knochen und
10 000 Waffen. 1963 entstanden die ersten Luftaufnahmen der antiken Stätte
Nach etwa 300 Jahren wurde das Heiligtum aufgegeben: von Ribemont-sur-Ancre. Dieses Bild zeigt die riesige Anlage
Man schüttete mit viel Sorgfalt die Gräben zu und stellte Stelen im Winter, wenn sich die Strukturen am besten erkennen
auf – vermutlich, um einen Ort der Erinnerung zu schaffen. lassen.

Front zum Zweikampf heraus und schwingen dabei ihre Kampf »Mann gegen Mann« übergingen. Wie im Kampf der
Waffen, um die Feinde zu erschrecken. Wenn jemand die griechischen Hopliten hing der Sieg allein von der Möglich-
Herausforderung annimmt, preisen sie die Tapferkeit ihrer keit ab, die Aufstellung der feindlichen Reihen zu durch-
Ahnen, rühmen ihre eigenen besonderen Fähigkeiten, be- brechen und zu destabilisieren. Diese Art der Konfrontation
leidigen denjenigen, der ihnen die Stirn bietet, demütigen führte zu großen Verlusten.
ihn (indem sie ihm nach Titus Livius die Zunge heraus- Zwischen dem 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. erhielten die
strecken, die Red.) und rauben ihm schließlich vorab allen Infanteristen schließlich Unterstützung von Kämpfern,
Wagemut.« die auf zweirädrigen, von zwei Pferden gezogenen Streit-
Diese kriegerische Dramaturgie änderte sich im Lauf der wagen ins Feld zogen. Auf diesen befanden sich jeweils
Geschichte. Der Zweikampf verschwand allmählich zu Guns- zwei Krieger, von denen der eine auf dem Trittbrett stand
ten des Großangriffs. Wann dies geschah, lässt sich nicht da- und der andere in sitzender Position den Wagen steuerte.
tieren, von Titus Livius wissen wir aber, dass im Jahre 225 v. Der stehende Kämpfer schwang eine Lanze, stieg nach dem
Chr. die Schlacht bei Telamon in der heutigen Toskana, bei Treffer ab und setzte den Kampf mit seinem Schwert fort.
der sich die Römer und die Gallier aus den Regionen süd- Anschließend nahm der Wagenlenker ihn wieder auf. Nach
lich der Alpen (Gallia Cisalpina) gegenüberstanden, nach und nach verschwand aber auch diese Taktik wieder. Dafür
dem folgenden Schema ablief: Alle Beteiligten stürzten zu- entstand die Kavallerie, deren kleinste Einheit aus drei Rei-
nächst im Sturm aufeinander los, bevor sie zum äußersten tern bestand: einem Krieger und zwei Dienern, die ihren

64 sPeZIAL ArchäoLoGIe – GeschIchte – KuLtur 4/2013: DIe GALLIer


Herrn mit Waffen und einem Austauschpferd versorgten. nern und lassen sie als Beute unter Kriegsgeschrei und Tri-
Die Pferde waren klein (1,30 Meter Widerristhöhe), so dass umphgesängen einhertragen.« Die Enthauptung ihrer Geg-
die Reiter zum Kämpfen schnell absteigen und auch ge- ner war für die gallischen Krieger von großer symbolischer
nauso schnell wieder aufsteigen konnten. Im 3. Jahrhun- Bedeutung. Strabon zitierte Poseidonios wie folgt: »Die Köp-
dert v. Chr. kamen größere Pferde (1,50 Meter Widerrist- fe ihrer vornehmsten Feinde balsamieren sie ein und ver-
höhe) aus Italien zum Einsatz. Nun wurden kleine Einhei- wahren sie sorgfältig in einer Kiste, und wenn sie diese dann
ten von einigen Dutzend Reitern gebildet, an deren Spitze den Fremden zeigen, so rühmen sie sich, wie einer ihrer Vor-
ein Hauptanführer stand. Die Eigenständigkeit und Leis- fahren oder ihr Vater oder auch sie selbst diesen Kopf um vie-
tungsfähigkeit dieser Einheiten wusste auch Julius Cäsar les Geld nicht hergegeben hätten.« Ÿ
zu schätzen, der eine gallische Hilfstruppe in seine Armee
eingliederte. DER AuToR
Während sich die Kampftechniken änderten, blieb es bei
Jannick Ricard ist Gerichtsmediziner und prakti-
der traditionellen Schlachtformation: Auf einem Gelände, zierender Arzt an der universitätsklinik chu
das vermutlich bereits im Voraus ausgewählt wurde und Amiens in der Picardie. Er untersuchte die Knochen
ausreichend Raum für Kavallerie und Streitwagen bot, aus dem heiligtum von Ribemont-sur-Ancre.
standen sich die Armeen in Reihen gegenüber.

Nach dem Tod …


Das Ende der Schlacht und die Niederlage einer Armee be- quELLEN
deutete nicht auch das Ende des Schlachtzeremoniells. Denn Brunaux, J.-L.: Guerre et religion en Gaule, Editions Errance,
nun ging es darum, dass auch die Körper der Feinde in die Paris 2004
Hände des Siegers übergingen. Anhand der Angaben von Po- César: Guerre des Gaules, imprimerie nationale, Paris 1994
Kidd, I.-G. (Hg.): Poseidonios. The Translation of the Fragments, bd. 3,
seidonios beschrieb Diodorus diese Praktik: »Den gefallenen cambridge university Press, 1999
Feinden schlagen sie die Köpfe ab und hängen sie am Hals ih- Polybe: histoire, livres ii et ii.i, Gallimard, Paris 2007
rer Pferde auf; die blutigen Waffen aber geben sie ihren Die-

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Mit dem Schwan


in den Kampf
Im Herzen Frankreichs machten Archäologen 2004
einen einzigartigen Fund. Im gallischen Heiligtum
von Tintignac stießen sie auf zahlreiche Objekte –
darunter zwei rätselhafte Helme.

Von Christophe Maniquet

CHrIsTOpHe mAnIqueT; resTAurIerunG: lAbOrATOIre mATerIA vIvA; FOTO: pATrICk ernAux / InrAp)
mIT Frdl. Gen. vOn CHrIsTOpHe mAnIqueT (sITe de TInTIGnAC, nAves-Tulle, COrrèze; GrAbunG:

66  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
Zu den eindrucksvollsten Funden im Heiligtum von Tintignac

mIT Frdl. Gen. vOn CHrIsTOpHe mAnIqueT (sITe de TInTIGnAC, nAves-Tulle, COrrèze; GrAbunG: CHrIsTOpHe mAnIqueT; resTAurIerunG: lAbOrATOIre mATerIA vIvA; FOTO: pATrICk ernAux / InrAp)
gehörte dieser bronzene Helm in Gestalt eines Schwans (rechts
Detailaufnahme des Kopfes).

E
in Helm in Form eines Schwans – das hat sich nicht
einmal der Zeichner Albert Uderzo getraut, als er As­
terix und seine gallischen Freunde ausstattete. Der
ungewöhnliche Kopfschutz, der sich 2004 in den
»Arenen von Tintignac« bei Naves im französischen Zentral­
massiv fand, verzückt die Forscher bis heute. Zwar hatte
schon Diodorus von Sizilien Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr.
berichtet: »Auf ihren Köpfen setzten sie (die Gallier, die Red.)
bronzene Helme mit großem Knauf oder Tieren darauf, die
die Träger der Helme größer erscheinen ließen; so sind in
manchen Fällen Hörner daran festgemacht, in anderen Fäl­
len Köpfe von Vögeln und Vierfüßlern.« Doch konnten die
Archäologen erst jetzt ein solch beeindruckendes Stück tat­
sächlich in den Händen halten.

Eindrucksvolle Erscheinung
Er war einer von zehn Helmen, die sich in einer 30 Zentime­
ter tiefen und mit einer Seitenlänge von rund 1,10 Meter na­
hezu quadratischen Grube fanden – neben Kriegstrompeten,
Schwertern und rund 500 weiteren Fundstücken aus der jün­
geren Eisenzeit (5. – 1. Jahrhundert v. Chr.).
Von den zehn einst niedergelegten Helmen waren neun
aus Bronze und einer aus Eisen gefertigt. Sechs von ihnen
sind eher schlicht und bestehen aus einer flachen, halbku­
gelförmigen Kappe mit angenieteten Wangenklappen und
Nackenschutz. Zwei andere Helme verfügen über sorgfältig
ausgearbeitete Elemente: Bei dem einen sind das Flecht­
dekor und Kammträger, beim anderen verzierte Bronze­
beschläge auf der eisernen Helmglocke.
Fasziniert sind die Forscher indes von zwei außergewöhn­
lichen Exemplaren. Der eine, leider stark beschädigte Helm
ist mit rätselhaften Ringen ausgestattet, so dass er eine
Gesamthöhe von 60 Zentimetern hat (siehe Bilder S. 69). So auf einen blick
etwas hatten sie bisher noch nie gesehen. Auch in der antiken
Literatur wird dieser markante Typus nirgends erwähnt. DEmoLIErtunDDEngöttErngEoPfErt
Und dann ist da jener Schwanenhelm (siehe Bilder auf
dieser Seite). Der Vogel saß förmlich auf dem Kopf des Krie­
gers, sein langer Hals ragt aus dem vorderen Teil des Helms
1 Der Hortfund von Tintignac umfasste rund 500 Objekte aus der
Zeit vom 5. bis 1. Jahrhundert v. Chr.

und biegt sich nach hinten, bis der Schnabel fast den Schwanz
berührt. Das Stück scheint teils aus Bronze gegossen und
2 Die Fundstücke wurden vielleicht im Rahmen von Initiations-
riten von Kriegern verwendet. Eine Darstellung davon findet
sich auf dem Kessel von Gundestrup.
teils aus Blechen gehämmert zu sein. Die Augen sind aufge­
setzt, unter dem Schwanz war der Nackenschutz befestigt. 3 Die spektakulären Helme wurden womöglich auch im Kampf
getragen – um furchtlos gegen den Gegner zu ziehen.
Die Nietlöcher auf beiden Seiten zeugen davon, dass hier

www.SPEKtrum.DE 67
Das Heiligtum von Tintignac
Die Entdeckung gallischer Heiligtümer hat unsere Sicht auf die Kul-
tur dieses Volks nachhaltig verändert. Die Funde von Tintignac etwa
zeigen, dass die Gallier ihre Rituale auch in geweihten Gebäuden
vollzogen und nicht, wie bisher meist gedacht, inmitten der Natur.
Die Kultstätte befindet sich am südöstlichen Rand des Zentral-
massivs auf einem Gelände, das leicht nach Osten geneigt ist und
vom Puy de l’Aiguille vor Westwinden geschützt wird. Die früheste
Benutzung der Stätte wird durch ein Grabengeviert mit 24 Meter
Seitenlänge belegt, der als Fundamentgraben einer Palisade diente.
Im Zentrum dieses Bereichs befand sich einst ein Holzgebäude, das
mehrfach umgebaut wurde. Vereinzelt fanden sich Silbermünzen,
die fast alle verbogen waren und vermutlich Opfergaben darstellten.

Aus der Grube, von der hier die Rede ist, bargen die Forscher Eisen-
fragmente, die von Schwertscheiden, Schwertklingen, Lanzenspit-
zen und einem Schildbuckel stammen. Neben den Helmen waren
auch bronzene Tierköpfe, Bleche in Form von Körpern und Tierpfoten,
Scheiben mit »gewellter« Oberfläche und erstmalig auch Fragmen-
te von keltischen Kriegstrompeten, so genannter Carnyx, niederge-
legt worden. Bemerkenswert sind auch ein bestens erhaltener Kes-
sel sowie Pferdegebisse, die aus Eisen und Bronze zusammengesetzt
waren. Die Objekte waren in der kleinen Grube gezielt arrangiert –
vermutlich, wie es den Forderungen der Zeremonie entsprach.
Niedergelegt wurden die Stücke wohl in einer Zeit der Unsicher-
heit oder auch konkreten Gefahr – zum Schutz vor Räubern etwa.
Womöglich wurden sie aber auch einfach nicht mehr gebraucht,
weil sich im Zuge der Romanisierung die religiösen Einstellungen
und Rituale verändert hatten.

pATrICk ernAux / InrAp; mIT Frdl. Gen. vOn CHrIsTOpHe mAnIqueT

Unter den zahlreichen


bronzenen Objekten
des Hortfunds von
Tintignac (rechts) fanden
sich auch keltische
Kriegstrompeten – so
genannte Carnyx.

CyrIlle pIrOnneT / InrAp; mIT Frdl. Gen. vOn CHrIsTOpHe mAnIqueT

68  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
CyrIlle pIrOnneT / InrAp; mIT Frdl. Gen. vOn CHrIsTOpHe mAnIqueT
Wie alle Objekte des Hort-
funds wurde auch dieser
pATrICk ernAux / InrAp; mIT Frdl. Gen. vOn CHrIsTOpHe mAnIqueT

rund 60 Zentimeter große


Helm mit drei Ringen vor der
Niederlegung absichtlich
demoliert. So sollte verhin-
dert werden, dass die den
Göttern geopferten Dinge
wieder verwendet wurden.
Die Bedeutung der Ringe ist
bis heute unklar.

einst Wangenklappen oder Kinnriemen befestigt waren. der Krieger aufgenommen wurde. Der Reiter steht dabei für
Halbkugelförmige Kappe, angenieteter Nackenschutz, einfa­ den rituellen Übergang.
che Wangenklappen: Diese Ausstattung ist – abgesehen von Das Depot von Tintignac enthält all die Utensilien, die in
dem eisernen Kopfschutz – allen Helmen gemein. Sie stam­ dieser Szene dargestellt sind (siehe Kasten links) und die of­
men aus der Zeit vor dem Ende der gallischen Unabhängig­ fenbar für ein ganz bestimmtes Ritual gebraucht wurden. Im
keit. Wie wir anhand von Stilvergleichen sehen werden, dürf­ Mittelpunkt steht dabei jener Kessel. Nach dem Eintauchen,
ten die Helme aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. stammen oder so scheint es, werden die Männer zu Reitern. Man könnte
sogar noch älter sein. dies als einen Initiationsritus deuten, der das Leben des Krie­
gers in zwei Phasen teilt.
Absichtlich zerstört Die vergleichsweise alten Fundstücke von Tintignac hät­
Während die meisten Objekte – darunter auch Carnyx ten folglich einen heiligen Charakter, was indes nicht heißen
(Kriegstrompeten), ein Kessel oder diverse bronzene Tier­ muss, dass es sich bei den außergewöhnlich geformten Hel­
skulpturen – kaum Beschädigungen aufweisen, sind die me um Prunkhelme handelt, die nie auf dem Schlachtfeld
Schwerter, Scheiden, Helme und Schildbuckel verbeult und getragen wurden. Denn wir wissen, dass die Gallier ihre Geg­
verbogen. Während der Schwanenhelm vergleichsweise gut ner nicht nur mit ihrem »tumultus gallicus«, dem Lärm von
erhalten ist, sind andere völlig deformiert. Zu erkennen sind Trompeten und vom Waffenschlagen, zu beeindrucken
die Folgen von Schwerthieben sowie runde oder viereckige wussten, sondern auch durch ihre Furcht einflößende Er­
Perforationen, die von Lanzen stammen könnten. Die Waf­ scheinung. Nicht zuletzt glaubten die Gallier, dass ihre See­
fen und Helme wurden absichtlich zerstört und unbrauch­ len von Wasservögeln in Jenseits getragen würden. Mit ei­
bar gemacht, um sie dann feierlich niederzulegen und einer nem Schwanenhelm konnte ein Krieger also furchtlos in den
Gottheit zu weihen. Kampf ziehen.  Ÿ
Mit Ausnahme des Kessels, der zweifellos kultischen
Zwecken diente, haben fast alle anderen Fundstücke einen der autor
unmittelbaren Bezug zur Kriegsführung. Ursprünglich ka­
Christophe Maniquet ist Archäologe am Institut
men sie sicherlich im Rahmen der Kriegszeremonien auf
de recherches archéologiques préventives (Inrap)
dem Heiligtum zum Einsatz. Eine Szene auf dem berühmten in paris und leitete die Ausgrabung des gal-
Kessel von Gundestrup lässt vermuten, wie sich das einst lischen und gallorömischen Heiligtums von
Tintignac.
abspielte (siehe S. 45). Demnach wurden diese Rituale von
einem bewaffneten und Helm tragenden geistlichen An­
führer geleitet und von den Klängen der Trompetenbläser
begleitet. Zu sehen ist, wie drei Carnyxbläser einer Truppe quellen
von Infanteristen folgen, die nach links gehen. Darüber zie­
hen zwei Gruppen mit zwei Reitern nach rechts. Ganz links Maniquet, C: le sanctuaire antique des Arènes de Tintignac.
Éditions Culture & patrimoine en limousin, limoges 2006
hält eine große Person eine kleinere fest, die kopfüber in ei­ Maniquet, C: découverte d’un formidable dépôt gaulois – les
nen Behälter getaucht wird. Dabei handelt es sich wohl um carnyx de Tintignac. In: Archeologia 419, s. 16 – 23, Februar 2005
eine Art Taufe, mit der ein junger Mann in die Gemeinschaft

www.SPEKtrum.DE 69
KrIEggEgEnrom

Das Ende der Freiheit


Im September 52 v. Chr. legte der gallische Feldherr Vercingetorix seinem
römischen Gegner Gaius Julius Cäsar den Schild vor die Füße – und
unterwarf damit sein Volk dem übermächtigen Feind. Heute wissen Forscher,
dass das Ende der gallischen Unabhängigkeit ein Prozess war, der lange
vorher begann und mit der Eroberung nicht abgeschlossen war.
Von Alain Deyber
PIErrE-EmmAnuELDEquESt/FLEuruSEDItIonS

70  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
Bei der Belagerung von Alesia ließ Julius Cäsar zwei kilometer­
lange Befestigungslinien errichten. Die innere diente zum Schutz
vor Ausfällen der belagerten Kämpfer des Vercingetorix, die
äußere zur Verteidigung gegen Überfälle des Gallierführers aus
dem Hinterland.

www.SPEKtrum.DE 71
M
it der Kriegskunst der Griechen und Römer auf einen blick
befassen sich die Gelehrten schon seit der Re­
naissance. Für die Kelten indes interessierte mühSAmErSIEggEgEngALLIEn
sich lange kaum jemand. So beschrieben
Generationen von Historikern den Krieg der Gallier – oder
genauer gesagt: die Feldzüge Cäsars gegen die Gallier in den
1 Rom begann seine Eroberung Galliens im Jahr 125 v. Chr. mit der
Unterwerfung Südfrankreichs.

Jahren 58 bis 51 v. Chr. – und beschränkten sich dabei auf die


Sicht der antiken Chronisten. Doch die arbeiteten natürlich
2 Die Römer profitierten von mächtigen Verbündeten unter
den gallischen Stämmen. So drang Cäsar 58 v. Chr. auf Bitten
der Häduer in Gallien ein.
nicht nach heutigen wissenschaftlichen Maßstäben. Sie
gaben keine Quellen an, zitierten nicht und stellten das
Gelesene nicht in Frage. Wenn sie also ständig »die Barbaren«
3 Im Kampf gegen die Römer setzten die gallischen Anführer
auch auf Zermürbungsstrategien und Guerillataktiken.

mit »Zerstörungen« und »Massakern« gleichsetzten, so ist


das sicher keine historisch korrekte Beschreibung der Um­
4 In den 50 Jahren nach Cäsars Sieg in Alesia gab es in Gallien
zahlreiche weitere Revolten, über deren Ursachen nur speku­
liert werden kann.
stände.
Gegen Ende der Zeit ihrer Unabhängigkeit ging es bei den
Galliern um sehr viel mehr als um Auseinandersetzungen nen und natürlich gegen die Römer. In den Augen von Julius
unter primitiven Rohlingen. Spätestens seit dem 4. Jahrhun­ Cäsar und Cicero waren die Gallier ein »Kriegervolk« – ge­
dert v. Chr. befanden sich die gallischen Völker beinahe ohne nauso wie für die späteren Chronisten Strabon, Tacitus oder
Unterlass im Krieg. Zu dieser Zeit drangen sie in Richtung Cassius Dio. Noch heute zeugen vielerorts die Namen von
Italien vor, später zogen sie nach Griechenland und Klein­ Völkern, Regionen und Ortschaften vom Zug der Gallier
asien. Fehlender Lebensraum und Hunger zwangen sie zur durch Europa.
Eroberung neuer Territorien, doch auch die alten kriegeri­ Bei näherer Betrachtung war der Gallische Krieg Folge
schen Traditionen, die sich in einer langen Zeit von Streitig­ einer Reihe von Rivalitäten zwischen gallischen Stämmen
keiten innerhalb von Klans und Nachbarn festigten, führten und Rom. Tatsächlich begannen die Feindseligkeiten jedoch
immer wieder zu Gemetzeln. schon lange vor 58 v. Chr. und dauerten bis weit über 51 v.
Sie lebten von Plünderungen und Raubzügen, der Krieg Chr. an. Deutlich wird dies an bedeutsamen strategischen
war ihre wirtschaftliche Grundlage. Was auf regionaler Ebene Entwicklungen, die Archäologen für die Zeit von 80/60 v.
begann, führte schließlich zu den Kriegen gegen die Germa­ Chr. bis 30 v. Chr. nachweisen können. Stärkere und struktu­
rierte Truppen entstanden, deren Führungskräfte ihre Auf­
gaben planten und systematische Entscheidungen trafen.
Die gallischen Einheiten waren nun wendig und leicht
Die Kunst der Belagerung bewaffnet: Steine, Schleuderkugeln, Spieße und Speere. Es
entstanden Bollwerke und mobile Verteidigungsanlagen
In der Antike bezeichnete der griechische Begriff »poliorkia« (siehe Kasten unten). Die so genannten »equites« – adlige be­
jenen Teil der Militärkunst, der den Angriff und die Vertei­ rittene Krieger – nutzten diese Entwicklungen und professio­
digung von Städten und Festungen betraf. Auch wenn die nalisierten den Krieg. Das Spektakel von Amateurkriegern
Römer den Galliern in dieser Hinsicht weit überlegen waren, entwickelte sich zur strategisch durchdachten Schlacht. Der
scheuten auch die »Barbaren« die Belagerung nicht. So er­ Kampf gegen die Legionäre Cäsars hatte demnach nichts
oberten sie 57 v. Chr. Bibrax (Remer), 52 v. Chr. Gorgobina mehr mit jenen gallischen Feldzügen in Italien und Klein­
(Boier) und 51. v. Chr. Lemonum (Pictonen) und bestraften asien im 4. Jahrhundert v. Chr. gemeinsam, die von Polybios
damit jene Stämme, die sich nicht konsequent genug gegen und Titus Livius beschrieben wurden.
Cäsar auflehnten.
Bündnis mit Rom: Gallier kämpfen gegen Gallier
In der Zeit zwischen 54 und 52 v. Chr. griffen sie zudem vier­ Die Legionen der römischen Angreifer des 1. Jahrhunderts v.
mal die römischen Lager an und erzielten immerhin Teil­ Chr. gliederten sich in Kohorten und Manipel. Eine Legion
erfolge. Cäsar hatte 57 v. Chr. geschrieben: »Die Gallier und umfasste zehn Kohorten, die ihrerseits aus drei Manipeln be­
Belger pflegen aber auf folgende Weise einen Ort anzugrei­ standen – taktische und vielseitig einsetzbare Einheiten aus
fen: Der Platz wird von allen Seiten berannt, dann werden rund 200 Männern. Cäsar verfügte zudem über eine Artille­
von jedem Punkt Steine nach der Mauer geworfen. Ist nun rie, die mit ihren Wurfmaschinen Pfeile oder Steinkugeln ge­
die Besatzung von ihr vertrieben, so bildet man ein Sturm­ gen feindliche Befestigungsanlagen schleuderten und so den
dach, rückt vor die Tore und stürzt die Mauer nieder. Das Weg für die Infanterie oder Kavallerie bahnten. Hinzu kamen
ging nun damals leicht, denn bei dem Hagel von so vielen die »auxilia«: Hilfstruppen von Verbündeten oder aus er­
Steinen und Wurfspießen konnte sich niemand auf der oberten Gebieten. Hier kämpften numidische Bogenschüt­
Mauer halten« (BG, II, 6). zen, balearische Wurfschützen sowie gallische oder germani­
sche Infanteristen.

72  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
Römer und Gallier trafen erstmals Anfang der zweiten
Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. aufeinander. Rom hatte zu
der Zeit bereits die Griechen und Karthager besiegt und
konnte nun gegen die nördlichen und westlichen Völker vor­
gehen, welche den freien Zugang zur römischen Provinz His­
pania (das heutige Spanien) behinderten. Zwischen 143 und
140 v. Chr. vertrieb der Konsul Appius Claudius Pulcher das
Alpenvolk der Salasser im heutigen Nordwesten Italiens aus
ihren Goldminen – was letztlich zu Aufständen führte, in de­
ren Folge die Wasserversorgung der Region bedroht war.
Aus solchen kleinräumigen Konflikten entstand bald ein
Flächenbrand, der 20 Jahre später ganz Südgallien überzog.
Zwischen 125 und 121 v. Chr. wurden die Griechen in Massalia
(das heutige Marseille), einem unabhängigen »Stadtstaat«,
von den Allobrogern, Arvernern und Saluviern aus dem Hin­
terland angegriffen, woraufhin die Griechen Rom um Hilfe
baten. Es kam zu einem Bündnis, dem sich auch die Häduer
anschlossen. Dieses Spiel der Allianzen beraubte »die« Gallier
für mindestens drei Generationen ihrer Handlungsfreiheit.
121 v. Chr. etwa wurde ein aus mehreren Stämmen rekrutier­
tes gallisches Heer unter der Führung des Arverners Bituitos
vom römischen Konsul Aemilianus am Zusammenfluss
von Isère und Rhone geschlagen. Die Verluste waren groß,
dennoch setzte sich der Konflikt bis 118 v. Chr. fort. Er endete
schließlich mit der Niederlage der Gallier.

Unter den Menschen


herrschte andauernde Angst
Mit diesem ersten Krieg, der sieben Jahre dauerte, begann die
Unterwerfung der südfranzösischen Kelten durch Rom, de­
ren Lebensraum von Valence im Norden, Orange im Osten,
Toulouse im Westen und den Pyrenäen im Süden reichte.
Das gallische Territorium wurde durch die Besatzer zerstört
und nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten neu geordnet.
Dabei ging es insbesondere um die Sicherung der Handels­
beziehungen zwischen dem italischen Mutterland und der
FotolIa / CyrIl Comtat

Provinz Hispania. Frieden schufen die römischen Waffen


vorerst jedoch nicht. In der Zeit von 125 bis 60 v. Chr. verging
kein Jahrzehnt, in dem nicht örtlich auflodernde Kämpfe die
weite Region Galliens von den Alpen bis zu den Pyrenäen
und Cevennen erschütterten. Die Ausrüstung der römischen Legionäre war schwer und
Während dieser 65 Jahre ständig zunehmender Instabili­ machte die Kämpfer ziemlich unbeweglich. Ihre Angriffe waren
tät lebten die Menschen in Angst und vergruben nicht selten dementsprechend ungelenk – aber dank der gewichtigen
ihre Habe. Gelddepots zeugen bis heute genauso von den Waffen durchaus heftig. Jeder Legionär trug an die 25 Kilogramm
zahlreichen Konflikten wie die unzähligen keltischen und rö­ Gewicht mit sich herum. Vor allem Helm und Brustpanzer aus
mischen Militaria, die sich bei Ausgrabungen der befestigten miteinander verbundenen Metallbändern schränkten die Bewe­
Siedlungen in der Provence fanden. Zu den Protagonisten gungsfreiheit ein.
jener wirren Zeit gehörten die berüchtigten römischen
Statthalter Fonteius, Murena und Clodius ebenso wie die
gallischen Anführer Teuomalio, Catugnatos und Indutioma­
ros, die sich vergeblich den römischen Truppen entgegen­
stellten. Grundlage für die immer wieder aufflammenden
Aufstände in Gallien war eine politisch sanktionierte Mi­
schung aus Brutalität, Unerbittlichkeit und Verachtung auf
Seiten der römischen Besatzer.

www.SPEKtrum.DE 73
Die Kimbern und Teutonen, die von 109 bis 102 v. Chr. solche Kooperation zwischen ihnen und den gallischen
über Gallien herfielen, verschlimmerten die Lage. Denn Stämmen unmöglich war.
erstaunlicherweise nutzten die gallischen Stämme Süd­ Es ist denkbar, dass diese Invasion das Innere Galliens auf
frankreichs – die Volker und die Allobroger – die unverhoffte lange Sicht prägte, indem die führende Stellung von den
Gelegenheit nicht, mit den Eindringlingen ein Bündnis zu Arvernern auf die Häduer überging, die sodann ihrerseits
schließen, um sich der Römer zu entledigen. Womöglich hat­ mit den Sequanern wetteiferten. Im zweiten Viertel des
ten die Kimbern, Teutonen und Ambronen aus dem Norden 1. Jahrhunderts v. Chr. begingen Letztere den Fehler, die sue­
Europas derart gebrandschatzt und geplündert, dass eine bischen Söldner um Hilfe zu bitten, womit sie sich langfristig
von diesem germanischen Mischvolk keltischen Ursprungs
abhängig machten. Dies geschah zu einem ungünstigen Zeit­
Chronologie des Gallischen Kriegs: Im Jahr 58 v. Chr. gab es in punkt, denn 58 v. Chr. beschlossen auch die Helvetier, ihr an­
Gallien viele Unruhen (Karte links). Die Häduer baten Julius Cäsar gestammtes Gebiet zu verlassen, um ins Land der Santonen
darum, die Helvetier auf der Wanderung durch ihr Gebiet zu am anderen Ende von Gallien zu ziehen. Als sie auf die Hädu­
stoppen. Der römische Feldherr nutzte die Gelegenheit, um in er trafen, setzten diese auf ihr Bündnis mit Rom. Umgehend
ganz Gallien Feldzüge zu starten (Mitte). Im Jahr 52 v. Chr. führte sandte der Senat Cäsar dorthin, der – zur Zufriedenheit der
Vercingetorix eine Revolte, in die er eine große Zahl von gal­ Häduer – den Durchmarsch der Helvetier in der Region von
lischen Stämmen einbezog – bis er in Alesia scheiterte (rechts). Bibracte gewaltsam stoppte.
51 v. Chr. brachen örtlich begrenzte Unruhen aus, die schließlich Kaum war die Angelegenheit geregelt, brachen schon wie­
von Cäsar unterdrückt wurden. der neue Streitigkeiten aus: Die Sueben unter der Führung

Gallien kurz vor dem Krieg Von 58 bis 53 v. Chr.: Der


Usipeter
Usipeter
BRITANNIEN Nervier
Nervier Cäsars Feldzüge in Gallien
BRITANNIEN GERMANIEN
Menapier GERMANIEN
Menapier
Moriner Tenkterer
Eburonen Tenkterer
Moriner Eburonen
Arras GALLIA
GALLIA
Arras BELGICA Treverer
BELGICA Treverer
Amiens
Amiens
Caleten Remer
Remer Rhein
Caleten Rhein
Soissons
Soissons
Bellovaker Mediomatriker
Mediomatriker
Uneller
Uneller Bellovaker
Parisier
Parisier
Osismier
Osismier Esuvier Lutetia
Lutetia
Esuvier Leuker
Leuker
Curiosoliten
Curiosoliten Chartres Seine
Chartres Seine
Karnuten Lingonen
Lingonen
Redonen
Redonen Karnuten Sens
Veneter Orleans Sens
Veneter Andekaver Orleans Senonen Rauraker
Andekaver Senonen Rauraker
Loiree
Loir Alesia
Bourges Alesia
Bourges Mandubier Besançon
Mandubier Besançon
Mont Beuvray
BiturigerMont Beuvray Helvetier
Bituriger Sequaner Helvetier
Bibracte
Bibracte Sequaner
Piktonen
Piktonen Häduer
Häduer
GALLIACELTICA
GALLIA CELTICA Genf
Genf
Santoner Ambarrer
Ambarrer
Santoner
Segusiaver
r

Segusiaver og Verceil
ere

Lemoviken Verceil
llobbrorg
e nn

Lemoviken Arverner
Arverner AAllo
AA l l pp e

Dordogne Gergovia
Gergovia PROVINCIA
Dordogne PROVINCIA
CISALPINA
CISALPINA
Garonne
Garonne Rhone
Kadurker
Kadurker Rhone
GALLIAAQUITANIA
GALLIA AQUITANIA Rutener
Rutener
Tarbeller
Tarbeller Nizza
PROVINCIA Saluvier
Saluvier Nizza
Antibes
PROVINCIA Antibes
TRANSALPINA
TRANSALPINA Marseille
Narbonne Marseille
Narbonne

Häduer Sequaner
Sequaner Helvetier Kampfgebiete Expansionsschübe 58 v. Chr. 56 v. Chr. 54 und 53 v. Chr.
Häduer Helvetier Kampfgebiete Expansionsschübe 58 v. Chr. 56 v. Chr. 54 und 53 v. Chr.
Arverner
Arverner Rauraker
Rauraker römischeProvinzen
Provinzen Spannungen zwischen gallischen Stämmen
Spannungen zwischen gallischen Stämmen 57 v. Chr. 55 v. Chr. Kämpfe
römische 57 v. Chr. 55 v. Chr. Kämpfe

74  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
von Ariovist okkupierten ein Drittel des Gebiets der Sequa­ sches Zwischenspiel, bei dem Cäsar die Germanen jenseits
ner, womit sie eine direkte Bedrohung für die Häduer dar­ des Rheins und die Inselbretonen angriff. Auf diese Weise
stellten. Die Römer fürchteten nun sogar um die eigene Si­ wollte er seine Stärke beweisen und den Galliern jegliche Hil­
cherheit im Mutterland sowie in ihrer jungen südlichen Pro­ fe von Seiten dieser Völker entziehen.
vinz in der heutigen Provence, die nach erbitterten Kämpfen Ab 57 v. Chr. änderten die gallischen Stämme ihre Vertei­
im Jahr 125 v. Chr. erobert worden war. digungsstrategie gegenüber den feindlichen Legionen, in­
dem sie nach und nach die erfolglose Schlachtformation auf­
Der Widerstand gaben und sich auf die Verteidigung ihres Reviers konzen­
gegen Rom wächst trierten. Mit Hilfe von Guerillataktiken und einer Politik der
Nun brach in Gallien erneut Krieg aus – der das gesamte verbrannten Erde versuchten sie, den Gegner zu schwächen.
Gebiet außerhalb des Mittelmeerraums betraf: Von 58 bis Sie zwangen Cäsar zu endlosen Märschen, bis dieser schließ­
51 v. Chr. gab es in der Belgica, Celtica oder Aquitania keine lich den Senat um Hilfe bitten musste – was ihn am Ende in
Region, die davon verschont blieb. Er begann 58 v. Chr. im eine ernste politische Lage brachte und im Vorfeld der Se­
östlichen Mittelgallien, verlagerte sich im folgenden Jahr in natswahlen seine weitere Laufbahn bedrohte.
den Norden, ging 56 v. Chr. in den Westen über, dann in den Die gallischen Anführer wussten um die Vorteile der
Südwesten, und kehrte 54 v. Chr. in den Norden zurück (siehe Kriegsführung im eigenen Land. Anders als die Angreifer
die mittlere Karte unten). 53/52 v. Chr. war dann wieder Mit­ mussten ihre Truppen keine Versorgungsengpässe fürchten
telgallien Schauplatz der Kämpfe – dort, wo sie ursprünglich und waren auf dem bekannten Terrain flexibler und mobiler.
begonnen hatten. 55 v. Chr. gab es ein germanisch­bretoni­ Rasche Bewegungen und unerwartete Aktionen der Kampf­

Konflikt breitet sich aus Die Revolten von 52 bis 51 v. Chr.

Sugambrer
Sugambrer
r e r
ie i
rv rv
Ne Ne Eburonen
Eburonen
UbierUbier
Treverer
Treverer

RemerRemer
Bellovaker
Bellovaker
Uneller
Uneller Mediomatriker
Mediomatriker
Sens Sens
Agedincum
Agedincum
Armoriker
Armoriker 52 v. ChrAlesiaAlesia
52 v. Chr
Karnuten
Karnuten 52 v. Chr
52 v. Chr

Bourges
Bourges
Besançon Avaricum
Avaricum
Häduer Besançon
Vesontio Helvetier
Häduer
Mont-Beuvray Vesontio Helvetier 52 v. Chr
52 v. Chr Helvetier
Helvetier
Mont-Beuvray
Bibracte Sequaner Bituriger
Bituriger
Bibracte Sequaner Häduer
Häduer
Piktonen
Piktonen

Genf Gergovia
Gergovia
Genf
Genava
Genava 52 v. Chr
52 v. Chr
g e er

Puy-d'Issolud
Puy-d'Issolud
o ne ne
r
r

Allobrbro
r
g

Allo UxellodunumA r v eAr r v e r


Uxellodunum Wien Wien
51 v. Chr
51 v. Chr PROVINCIA
PROVINCIA
CISALPINA
CISALPINA
100 km
100 km Kadurker
Kadurker
GALLIA
GALLIA
AQUITANIA
AQUITANIA PROVINCIA
PROVINCIA NizzaNizza
TRANSALPINA
TRANSALPINA
PoUr la SCIEnCE

Marseille
Marseille
Narbonne
Narbonne

vermutliche Marsch- vermutliche Marsch- aufständische


aufständische gallische
gallische Stämme,
Stämme, 52 v. Chr.
52 v. Chr. letzteletzte Widerstandsgebiete,
Widerstandsgebiete, 51 v. Chr.
51 v. Chr.
vermutliche
route Marsch-
der Helvetier vermutliche
route Marsch-
Cäsars Armeen
route der Helvetier route Cäsars Armeen Feldzüge
Feldzüge Cäsars,
Cäsars, 52 v. Chr.
52 v. Chr. Kämpfe
Kämpfe

www.SPEKtrum.DE 75
einheiten – das waren die Merkmale dieser erfolgreichen gal­ von Alesia entronnen waren. Der belgische Stamm wurde je­

FotolIa / PIxS-SEll
lischen Strategie. doch von Decimus Junius Brutus geschlagen. Die Unruhen
Im Jahr 52 v. Chr. geriet Gallien angesichts zahlreicher dauerten bis 44. v. Chr., insbesondere bei den Allobrogern,
einander widersprechender Bündnisse in Aufruhr. Als Rom einem Volk aus dem östlichen Mittelgallien. Der plötzliche
immer mehr danach strebte, die ganze Welt zu beherrschen, Tod von Cäsar in jenem Jahr löste in Rom Furcht vor einem
wandten sich auch die eigentlich mit ihm verbündeten Massenaufstand in Gallien aus. Warum dieser letztlich aus­
Stämme von der Großmacht ab – die Häduar etwa. In den blieb, bleibt unklar. Wir wissen, dass Rom versuchte, mit den
Oppida, den befestigten gallischen Siedlungen und ihren po­ wichtigsten gallischen Fürsten zu verhandeln. Womöglich
litischen und territorialen Untereinheiten, wuchs der Wider­ erkauften die Römer den Frieden mit Gold, Ländereien, Ti­
stand gegen die Besatzer. teln und Funktionen.
Die Häduer Liscos, Dubnoreix und Eporedorix, der Ebu­
rone Ambiorix, der Senone Acco, die Arverner Critognatos Zäher Kampf
und Vercingetorix, der Atrebate Commios und viele andere gegen unbeugsame Stämme
Anführer führten mitreißende Reden und mobilisierten die Später brachen einige örtliche Revolten aus: im Jahr 38 v. Chr.
Opfer der wirtschaftlichen Gier Roms. Sobald sich der eine in Aquitania und in der Rheinregion, von 31 bis 28 v. Chr. bei
oder andere gallische Adlige mit Cäsar eingelassen hatte, lief den Treverern, dann bei den Morinern und Suevern (Stäm­
er Gefahr, diesen Verrat mit seinem Leben zu bezahlen. Un­ men aus der Gallia Belgica) und im Jahr 28 v. Chr. wieder in
terdessen hatte Cäsar noch ein anderes Problem: Zu Hause Aquitania. Die Gallier aus dem Norden und Osten profitier­
waren seine persönlichen Bereicherungen im Lauf des Kriegs ten von der militärischen und logistischen Hilfe der Germa­
zu einem veritablen Skandal geworden. nen, die ihre fliehenden Truppen aufnahmen. Die Bedeu­
In der entscheidenden und berühmten Schlacht um tung dieser Aufstände lässt sich anhand der Ehrungen erah­
Alesia war Cäsar dann aber erfolgreich: Im Sommer 52 v. Chr. nen, die die römischen Anführer für ihre vernichtenden
unterwarf er Gallien und legte den Grundstein für die viele Schläge erhielten. Bei Erfolg winkte etwa der »persönliche
Jahrhunderte andauernde römische Herrschaft. Triumph«, eine besondere Zeremonie, bei der siegreiche
Kurz vor dieser Schlacht waren die Römer zurück in die Feldherren an der Spitze ihrer Truppen und vor den besieg­
Richtung der »transalpinen Provinz« gezogen, also nach Süd­ ten Anführern unter dem Beifall des Volks aufmarschierten.
gallien, das seit 118 v. Chr. erobert war. Sie hatten gerade eine Auch Ehrenmonumente zeugen von römischen Feldzügen
schmähliche Niederlage in Gergovia erlitten, wo Cäsar fast in Gallien oder an seinen Grenzen. Die Trophäe von Saint­
zwei Legionen verlor. Im Gegensatz zu anderen Historikern Bertrand­de­Comminges rühmt die Wiederherstellung des
scheint mir die Strategie von Vercingetorix sehr klug. Er hat­ Friedens in den Regionen der Pyrenäen, die von 29 bis 19 v.
te im Frühjahr 52 v. Chr. den Feind in das Oppidum von Ale­ Chr. durch Augustus erfolgte. Dieser unterwarf zwischen 25
sia gelockt, um ihn dort in die Enge zu treiben. Nun wollte er und 7 v. Chr. die alpinen Völker – wovon bis heute das Ehren­
die »Hammer­und­Amboss­Taktik« anwenden und die römi­ mal von La Turbie im Departement Alpes­Maritimes (Bild
sche Armee zwischen zwei Fronten – dem Oppidum auf der rechts) zeugt.
einen und der Hilfsarmee auf der anderen Seite – in die Zan­ In dieser Zeit begannen auch die Feldzüge in Germanien,
ge nehmen. Er hatte jedoch insofern Pech, als dass Letztere die aus dem gleichen Grund wie die in den Alpen geführt
geschwächt in Alesia ankam. Da war die Belagerung von Ale­ wurden: Dem gallischen Aufstand sollte jegliche Unterstüt­
sia und Aushungerung der gallischen Kämpfer bereits in vol­ zung entzogen und die Verbindung zu den Nachschublagern
lem Gang. Zwar stellte sich die Hilfstruppe noch der Armee abgeschnitten werden. Auf diese Weise gelang es Rom zwar,
von Cäsar entgegen, sie war aber nicht mehr ausreichend die Gallier zu bezwingen – gänzlich ersticken konnten sie die
versorgt, um den gegnerischen Angriff mit entschiedener Unruhen aber nicht. In den Jahren 21 und 68 n. Chr. sollten
Kraft abzuwehren. neue Revolten ausbrechen.
Doch bedeutete diese Niederlage der Gallier auch das Nur mühsam vermochten Augustus und seine besten
Ende des Kriegs? Nein, denn ab 51 v. Chr. brachen erneut Feldherren die unbeugsamen Gallier zu unterwerfen, wobei
Unruhen aus, die Cäsar auf dem Weg nach Italien zum Rück­ sich die interessante Frage stellt, ob man dabei von einer Art
zug zwangen. Während der gesamten letzten Hälfte des »nationalem« Widerstand sprechen kann. Um das abschlie­
1. Jahrhunderts v. Chr. wurden alle Regionen außerhalb des
gallischen Mittelmeerraums von Tumulten erschüttert, die
bis in die Regierungszeit von Kaiser Augustus (30 v. Chr. – Das ursprünglich rund 50 Meter hohe »Tropaeum Alpium« in
14 n. Chr.) fortdauerten. La Turbie bei Monaco wurde im Jahr 6 v. Chr. errichtet, um
Cäsar hatte sich gerade auf dem Weg zurück nach Rom ge­ die Siege des römischen Kaisers Augustus über die aufsässigen
macht, da gerieten die Gallier ab 49 v. Chr. wieder in Aufruhr. Volksstämme zu rühmen. Die Säulen trugen einst eine Kuppel
Sie profitierten vom römischen Bürgerkrieg (49 – 45 v. Chr.), mit einer Augustusstatue. Im Mittelalter wurde das Ehrenmal
in dem Cäsar und Pompeius einander gegenüberstanden. Im zu einer Befestigungsanlage umgebaut, später diente es unter
Jahr 46 v. Chr. erhoben sich die Bellovaker, die dem Desaster anderem als Steinbruch für Bauten in der Region.

76  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
www.SPEKtrum.DE 77
ßend zu beantworten, fehlen uns leider die entscheidenden zuschließen. Manche Revolte ließ sich wohl auf eine Ab­
Details. So wissen wir kaum etwas über die einzelnen römi­ neigung gegenüber der Romanisierung zurückführen: Tat­
schen Feldzüge und die Gründe für die gallischen Revolten. sächlich erreichte die Krise in Gallien im Jahr 12 v. Chr. ihren
Überhöhte Abgaben und Machtmissbrauch in allen Berei­ Höhepunkt – als der Altar von Lyon eingeweiht wurde. An
chen – unmittelbare Folgen der verstärkten Übereignungs­ diesem Monument sollten sich jedes Jahr die Eliten aller
maßnahmen, die Rom als Eroberer, besonders unter Au­ gallischen Hauptorte versammeln, um der Göttin Roma und
gustus, über Gallien verhängte – spielten vermutlich eine ihrem Kaisers Augustus zu huldigen.
wichtige Rolle. Die Zwangsbesteuerung, insbesondere die Er­ Doch erlauben auch diese Hinweise sicher nicht, von
hebung des Zensus im Jahr 27 v. Chr., einer Art Einkommen­ einem »nationalen« Widerstand zu sprechen – zumal viele
steuer, die von allen freien Männern entrichtet werden Volksstämme die römische Herrschaft durchaus akzeptier­
musste, verstärkte die Unzufriedenheit. ten und es zu keiner Zeit eine organisierte Opposition gab,
Wenn auch die wirtschaftlichen Ursachen aller Wahr­ die mit den Stämmen hinter Vercingetorix vergleichbar ge­
scheinlichkeit nach ausschlaggebend waren, sind andere wesen wäre. Abgesehen von jener Ablehnung des Kults um
Gründe politischer, sozialer oder religiöser Natur nicht aus­ Roma und Augustus war das Fehlen eines einheitlichen Den­
kens und Handelns im Krieg gegen Cäsar eine der Lücken im
gallischen System. Gemäß der damaligen politischen und ter­
ritorialen Organisation sowie der Mentalität der Menschen
Mit Zigtausenden konnte das auch gar nicht anders sein. Denn jedes der vielen
in die Schlacht Völker führte seinen eigenen Krieg auf eigene Kosten – ohne
Rücksicht auf die (gleichfalls gallischen) Nachbarn.
Die Römer zogen in ganz unterschiedlichen Truppenstärken
gegen die Gallier. Bei der Eroberung des Südens Frankreichs Es fehlte an innerer Einheit
am Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. etwa waren zwei Legio­ Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Gallier keine gemeinsa­
nen im Einsatz. Als Cäsar 58 v. Chr. die Helvetier in ihre me Strategie verfolgten. Im Gegenteil, schließlich hat der
Schranken wies, befehligte er bereits vier Legionen. Um in Gallische Krieg bewiesen, dass sie das Handwerk des strate­
Alesia den Sieg über Vercingetorix zu erringen, setzte er sie­ gisch durchdachten Kriegs sehr wohl beherrschten. Sie wuss­
ben, womöglich sogar acht Legionen ein. Für die Befriedung ten um die Ökonomie der Kräfte sowie um die Bedeutung
Galliens im Jahr 50 v. Chr. entsandte Rom auf dem Höhe­ von Handlungsfreiheit, Überraschung und Sicherheit. Sie
punkt der Krise sogar bis zu elf Legionen! konnten im Ernstfall ihre Handlungen und Befehle koordi­
nieren. Sie verfügten über moralische Stärke und ein Nach­
Wie viele Kämpfer letztlich ins Feld zogen, ist nicht sicher zu richtensystem. Ihre Truppen waren mobil und schlagkräftig.
sagen, denn eine Legion, in der ursprünglich rund 4000 Sol­ Doch sie hatten natürlich auch ihre Schwächen. So fehlte
daten organisiert waren, hatte im Lauf des Krieges natürlich den Galliern die innere Einheit. Viele Stämme waren unter­
Verluste. Vor dem Feldzug von Alesia bemühte sich Cäsar einander verfeindet oder gar Bündnispartner Roms. Zudem
zudem, seine Truppen aufzustocken, indem er Verstärkung verfolgte jeder Volksstamm und jeder Anführer bei bewaff­
aus Italien und der Provincia (Südfrankreich) anforderte. neten Auseinandersetzungen unterschiedliche Strategien
Auch rekrutierte er germanische Hilfssoldaten (»auxiliares«). und Taktiken.  Ÿ
Die römische Armee von Alesia umfasste also höchstens
32 000 Legionäre, die von einer unbekannten Anzahl von der autor
Hilfssoldaten unterstützt wurden.
Alain Deyber ist archäologe und erforscht an
der Université de Bourgogne die Kulturgeschichte
Auf gallischer Seite setzte Vercingetorix 80 000 Infanteris­ der antike.
ten und 15 000 Kavalleristen ein. Als sich der gallische Feld­
herr in Alesia verschanzte, entsandte er seine Reiter, um eine
Hilfsarmee aufzustellen, die – so steht es jedenfalls bei
Cäsar geschrieben – 261 000 Krieger zählte. Diese Zahl ist
mit großer Wahrscheinlichkeit stark übertrieben. In den
150 Jahren archäologischer Grabungsgeschichte kamen quellen
nämlich lediglich Münzen von Völkern zu Tage, die weniger Deyber, A.: En Gaule à la tène finale: stratégies, tactiques et
als 300 Kilometer vom Schauplatz der Belagerung entfernt techniques celtiques de la guerre (de la tène D1 à la romanisation
lebten. Aus dieser Region, so die Schätzungen, konnte Ver­ -IIè/-Ier siècle av. J.-C.). Habilitationsschrift unter der leitung von
andré laronde, 2009
cingetorix allenfalls 178 000 Krieger rekrutieren. Dies ist Deyber, A.: la guérilla gauloise pendant la guerre des Gaules
plausibel, wenn man bedenkt, dass die Mobilisierung in we­ (58 – 50 avant J.-C.). In: Études Celtiques 24, S. 145 – 183, 1987
niger als drei Wochen erfolgte. Pion, P.: Voir l’histoire: Celtes et Gaulois. Fleurus, Paris 2006

78  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
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Ganz Gallien war besetzt


Kein kleines Dorf, das da Widerstand
geleistet hätte. Im Gegenteil: Aus
kriegerischen Kelten wurden brave
Bewohner des römischen Imperiums.
Von Daniel Paunier

Alesia im Jahr 52 v. Chr.: Vercingetorix streckt die Waffen. Diese


dramatische Darstellung des Malers Lionel Royer demonstriert
die Sichtweise des 19. Jahrhunderts auf die Unterwerfung Galli-
ens: Eine Kultur wird zerstört. Heute sieht man das Verschwinden
keltischer Traditionen differenzierter – es war großteils von der
einheimischen Elite selbst so gewollt.

80  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
auf einen blick

ÜbErSchIrft

1 Ullandissunto et aciur. Apedis eicille stissuntur. Esequibus


earcilitendi rem fugitio rporis doluptatur, toremporum volorum.

2 Aut quaspelles quia volor sitam, quatem qui culparumquidIhil


iumquam et doluptate esti od modi voluptatur. Icipit, optas
ullenda eperovit ut aut rae ium nonet.

3 Etus sedites voluptas acepudio evelesequas necto blaccabore


si alit quat audam quatia vel mostior roremquatem rem que.

CorBIs / The GAllery ColleCTIon (lIonel n. royer, VerCInGeTorIx WIrfT CäsAr seIne WAffen zu füssen, 1899; Musée CrozATIer, le Puy-en-VelAy, frAnKreICh)

www.SPEKtrum.DE 81
N
ach einer mörderischen Entscheidungsschlacht Generalstab oder der Empfang des Häduerfürsten Diviciacus
vor den Mauern des gallischen Oppidums Alesia im Haus des römischen Politikers Cicero gegen 60 v. Chr.; der
befiehlt der siegreiche Cäsar, »dass man ihm die Gallier durfte sogar vor dem römischen Senat sprechen. Es
Waffen abgebe, dass man ihm die Anführer der besteht kein Zweifel, die gallische Gesellschaft war längst
Stämme bringe … Man liefert ihm Vercingetorix aus, man dabei, sich der mediterranen Welt zu öffnen. Natürlich ent-
wirft ihm die Waffen zu Füßen«. Dieser nüchterne Eintrag wickelte sich dies auf dem Hintergrund der eigenen Kultur.
des Siegers in seinem Bericht über den großen Krieg scheint So übernahmen gallische Künstler zwar die griechisch-römi-
dem Ereignis kaum gerecht zu werden: Cäsar hatte im Herbst sche Bildhauerei als Ausdrucksform, doch diente sie nicht
des Jahres 52 v. Chr. das Kernland der Kelten erobert, und un- profanen Zwecken, sondern war Teil von Bestattungsbräu-
ter dem Druck der Imperialmacht, so die gängige Meinung, chen und Heldenverehrung. Auch tragen die Bildnisse aus
verschwand bald eine ganze Kultur vom Kontinent samt der Zeit des »freien Gallien« einheimische Stilmerkmale. So
Kunst, Religion und Sprache. Doch Wissenschaftler glauben sitzen die Dargestellten oft im Schneidersitz, tragen keltische
heute: Der Romanisierungsprozess war auch schon vor dem Accessoires wie Gewandspangen, Halsreifen oder Blattkro-
Krieg im Gang. nen. Ein zweites Beispiel für die Verschmelzung keltischer
Gallien hatte als politische Einheit nie existiert – Cäsar und römischer Kultur: Die Gallier importierten Wein aus
selbst gab dem von ihm eroberten Gebiet zwischen Pyrenäen dem Mittelmeerraum, sie setzten ihn aber hauptsächlich bei
und Rhein, zwischen Atlantik und Alpen, erst diesen Namen. religiösen Festen, nicht bei profanen Gelagen ein. Mit der Er-
Zuvor lebten dort verschiedene Stämme der Kelten (siehe oberung hatte die Romanisierung Galliens also keineswegs
Karte rechts). Obwohl sie in der römischen Propaganda gern begonnen, sie wurde jedoch beschleunigt und verstärkt (ver-
als kulturlose Barbaren dargestellt wurden, waren sie alles gleiche auch den Beitrag S. 6).
andere als das. Seit mehreren Jahrhunderten schon standen Tausende waren im großen Krieg auf den Schlachtfeldern
Vertreter dieser Kultur mit der mediterranen Welt in Kon- gefallen, bei Strafaktionen niedergemetzelt oder in die Skla-
takt, sei es durch Handel, Eroberungszüge oder Söldner- verei verkauft worden. Den Überlebenden, vermutlich fünf
dienst, durch die Nachbarschaft zu griechischen Kolonien bis zehn Millionen Menschen, kam das Imperium nun mit
oder – Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. – als Folge der Erobe- einer auf Integration gerichteten Strategie entgegen. Zwar
rung der Gallia Transalpina genannten römischen Provinz. galten römische Gesetze, durchgesetzt von einer straff orga-
Diese Kontakte trugen das ihre dazu bei, die keltische bezie- nisierten Verwaltung; Latein war offizielle Amtssprache.
hungsweise gallische Gesellschaft zu verändern. Doch vieles blieb beim Alten, nicht zuletzt respektierte die
neue Einteilung Galliens unter Kaiser Augustus in etwa 60
Die Romanisierung Galliens Kleinstaaten zumeist die früheren Stammesgebiete. Das po-
hatte schon vor der Eroberung eingesetzt litische und administrative Zentrum konnte ein bestehendes
Dass die zur Zeit der Invasion Cäsars längst im Umbruch war, Oppidum sein. Wo dergleichen nicht existierte, erfolgte die
verraten zum Beispiel die ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. ge- Gründung einer neuen Stadt. Die Kleinstaaten wiederum wa-
gründeten Oppida. Diese befestigten Höhensiedlungen zeig- ren drei gallischen Provinzen zugeordnet: Belgica zwischen
ten bereits Merkmale von Städten: mehrere hundert Hektar Rhein und Seine, Lugdunensis zwischen Seine und Loire und
Fläche, öffentliche Gebäude, ein umlaufender Sperrwall, in Aquitania südlich der Loire (kleine Karte rechts).
der Umgebung Straßen und Brücken. Zuvor hatten die Galli- Wie im fernen Rom regierte auch in den Zentren jeweils ein
er nur Dörfer und Weiler gekannt, nun lebten ihre Fürsten in Senat, wurden alljährlich die Vertreter einer Stadtverwaltung
regionalen politischen und religiösen Zentren, in denen sich gewählt, regelte die römische Ämterlaufbahn den Aufstieg
Handwerk und Handel konzentrierten. in der gesellschaftlichen Hierarchie. Sogar die Tradition der
Wie nahe sich die beiden Kulturen längst gekommen wa- Stammesversammlungen lebte in romanisierter Form wieder
ren, beweisen auch die Präsenz gallischer Anführer in Cäsars auf. Jedes Jahr traf sich der Rat der drei gallischen Provinzen in
Condate bei Lyon. Er setzte sich aus Abgeordneten der Ge-
meinden zusammen und wurde von einem römischen Pries-
auf einen blick
ter geleitet. Des Rats wichtigste Aufgabe war es zwar, Treue
SchönEnEuErömErwELt zum Kaiser zu bekunden, doch hatte er vermutlich auch an-
dere Funktionen wie die Verwaltung öffentlicher Gelder.

1 Schon vor der Eroberung richteten sich die gallischen Stämme


auf die Errungenschaften der Mittelmeerkulturen aus. Als Teil
des Imperiums vollzogen sie rasch den vollständigen Wandel.
So konnten die Adligen ihren Rang wahren, ja, Rom hatte
sogar Interesse daran, loyale Vertreter der Elite an der Macht
zu halten. Doch die Eigenständigkeit der 60 Kleinstaaten
2 Vor allem der gallische Adel profitierte, der seinen Rang wahrte
und Optionen erhielt, ihn durch Luxus zu unterstreichen.
Handwerker hatten ihren Nutzen, da sich neue Märkte öffneten.
hatte ihre Grenzen. Wichtige Kompetenzen wurden jetzt von
Vertretern Roms wahrgenommen, so die Kontrolle über die
Armee und das Steuerwesen, das Prägen von Münzen, die
3 Innerhalb kurzer Zeit wurde die ursprüngliche keltische Kultur
entweder verdrängt oder verschmolz mit der römischen. Einnahme von Wegegeldern und die Verwaltung wichtiger
Minen.

82  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
BeIDe KArTen: sPeKTruM Der WIssensChAfT / eMDe-GrAfIK; Grosse KArTe nACh: sTePhAn fIChTl
Gallia Belgica
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entsprach einem losen Stammesverbund (rechts).

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wurden zwei germanische Provinzen ausgegliedert, IS

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das übrige Gallien dann in drei Teilprovinzen unterteilt,

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wie oben dargestellt (die nun als Gallia Narbonensis AN
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bezeichnete Teilprovinz gehörte unter dem Namen
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Gallia Transalpina schon vor dem Gallischen Krieg zum M i t t e l m e

Römischen Reich).

Dennoch: Die Honoratioren arrangierten sich und wurden Von manchen Annehmlichkeiten mediterranen Lebens-
zu Trägern der Veränderung Galliens. Wie früher hatten sie ih- stils profitierten sogar einfache Menschen. Freilich stellte
ren Grundbesitz auf dem Land, wo sie gern ihre letzte Ruhe- sich für sie der Alltag unter römischer Herrschaft anders dar.
stätte errichteten, ein oftmals prächtiges Monument, Spiegel Würden sie auch weiterhin in der Lage sein, ihrem jeweiligen
ihres Status und Überbleibsel alter Traditionen aus der Zeit Gewerbe nachzugehen, entstünden ihnen Vor- oder Nachtei-
der Unabhängigkeit. Doch nun verbrachten sie einen großen le? Doch Rom wollte aus seinen Provinzen Nutzen ziehen
Teil ihrer Zeit in der Stadt. Die veränderte sich radikal und und war deshalb bemüht, deren Wirtschaftskraft zu fördern,
nach römischem Vorbild, angefangen bei den rechtwinklig nicht sie zu zerstören. Dementsprechend öffnete die Erobe-
verlaufenden Straßenzügen bis hin zum Forum, dem Mittel- rung den gallischen Handwerkern neue Märkte. Seit Genera-
punkt des urbanen Lebens in den Mittelmeerländern. Umge- tionen führend in der Verarbeitung von Leder und Metallen,
ben von Säulengängen gehörten verschiedene öffentliche Ge- belieferten sie beispielsweise bald die Kavallerie der Eroberer
bäude zu seiner Ausstattung wie die Gerichtsbasilika und die mit Sätteln und Sporen. Von der effizienten Verwaltung pro-
Kurie des Senats. Das beherrschende Gebäude des Forums fitierten die Kaufleute, denn nun galten allgemeine Regeln
war der klassische, meist dem Kaiserkult gewidmete Tempel. für den Handel, das Währungs- und Gewichtssystem wurde
Obligatorsch für eine Stadt mediterraner Prägung waren vereinheitlicht. Gute Straßen erschlossen das Land, auch die
überdies Gebäude, in denen sich die Städter entspannten und Schifffahrt florierte, ein leistungsfähiges Kommunikations-
erholten. In öffentlichen Bädern, Theatern und Amphithea- netz unterstützte den Fernhandel.
tern konnten sich die Angehörigen aller Bevölkerungsschich-
ten als Mitglieder ein und derselben Gemeinschaft fühlen. Wirtschaftsboom und Innovation
Wer reich und mächtig war, ließ wie früher auch alle am Innovationen gab es auch in der Landwirtschaft. Wein wurde
Reichtum teilhaben. Doch statt Feste und Bankette auszurich- angebaut und in das Reich exportiert, die aus dem Mittel-
ten, investierten die Vornehmsten in öffentliche Bauten. meerraum stammende Spindelpresse und die Wassermühle
Nicht nur im Großen veränderte sich das Bild der Städte, erleichterten die Verarbeitung von Feldfrüchten. Die findi-
sondern auch in architektonischen Details. Eine geradlinige gen Handwerker Nordgalliens reagierten auf den Boom und
Straßenführung und Aquädukte waren zuvor nicht üblich. entwickelten eine Art Mähmaschine, die die Ähren abschnitt
Mauerwerk, gebrannter Lehm und Kalkmörtelputz verdräng- und in Behälter füllte. Viehzüchter importierten robustere
ten Fachwerk und Blockbau. Auch die Ausstattung der Häu- und rentablere Rassen aus Italien.
ser selbst wurde komfortabler. Fußbodenheizung und Was- Kurz: Gallien erlebte unter den Besatzern einen nie da ge-
serleitung konnten sich freilich nur die Reichen leisten, wesenen Wirtschaftsaufschwung. Doch zugleich ging dabei
ebenso wie Fresken, Mosaiken und Stuckverzierungen nach die gallische Kultur in rasantem Tempo verloren. In Schulen
römischem Vorbild. ließen die Noblen freiwillig ihre Kinder in der römischen Kul-

www.SPEKtrum.DE 83
BernIsChes hIsTorIsChes MuseuM
Die 42 Zentimeter hohe Statuette aus Bronze-
blech (links) zeigt eine Gottheit oder einen
Heroen in der Manier gallischer Künstler vor der
römischen Eroberung: mit Hirschfüßen, einem
Halsring als Schmuck und im Schneidersitz. Der
Kopf erscheint zu groß, die Haare wurden als
stilisierte Strähnen dargestellt, Wimpern und
Augenbrauen durch Riefen wiedergegeben. Ein
Jahrhundert nach der Invasion orientierten sich
die Künstler bereits an der griechisch-römischen
Formensprache, wie ein Bronzekopf aus Lau-
AKG IMAGes / De AGosTInI PICTure lIBrAry

sanne zeigt (oben, 26,5 Zentimeter hoch). Die


Gestaltung der Haare und der Schnurrbart
stehen jedoch nach wie vor in der einheimischen
Tradition.

tur unterweisen. Selbst Personennamen wurden römisch. Auch Künstler vermochten die gallischen Traditionen
Das keltische Erbe beschränkte sich bald darauf, Entfernun- nicht zu bewahren, griechisch-römische Stilelemente ersetz-
gen in gallischen Meilen zu messen – je nach Region zwi- ten das originär Keltische. Fortan galt es beispielsweise in
schen 2200 und 2400 Metern – und traditionelle Kleidung Bildnissen formale Schönheit und Harmonie zu präsentie-
zu tragen, wie den Waffenrock mit Ärmeln und den Vorläufer ren. Deshalb waren Porträts idealisiert, wobei das des Kaisers
der Hose. Aber dieser Rest kultureller Identität war nicht so stets Göttlichkeit widerspiegelte. Nur wenige Statuen aus
trennend, denn die Römer übernahmen ihrerseits die Hosen Holz oder Bronze zeigten Personen noch mit traditioneller
zusammen mit den gallischen Lederschuhen. Und so wie die Haartracht und typisch keltischem Schmuck. Gallische De-
Kelten begannen, Brot, gekochtes Fleisch und Fischsoßen zu korationsmotive erhielten sich allenfalls noch auf Zierschei-
essen, entdeckten die Besatzer das Bier und den Gemüsebrei. ben von Pferdegeschirr oder Harnisch und Bronzeetuis. Und

84  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
in all solchen heute bekannten Beispielen lässt sich nicht
entscheiden, ob eine Absicht dahinterstand, also das bewuss-
te Aufgreifen volkstümlicher Stilelemente, oder lediglich die
Ungeschicklichkeit lokaler Handwerker, die es nicht anders
ausführen konnten.
Schlechter war es offenbar um die Dichtung bestellt, denn
Latein verdrängte die keltischen Idiome. Einfache Menschen,
insbesondere auf dem Land, dürften vermutlich noch lange
ein Kauderwelsch gesprochen haben. Archäologen kennen
aus der Zeit nach der Eroberung auch durchaus gallische
BeIDe foTos: AKG IMAGes
Inschriften wie »Guten Tag, meine Schöne« oder »Gib mir
Met« auf Ringen, Spindeln und Webgewichten, außerdem
magische Texte in Bleiplatten, Mondkalender in Bronze, Töp- Diese römischen Münzen stellen vermutlich beide Vercingetorix
ferrechnungen auf Geschirrteilen. Inschriften in Stein aber, dar, den Anführer der vereinigten gallischen Stämme. Während
wie sie öffentliche Gebäude oder Grabstelen zieren, wurden die linke dem Klischee des schnauzbärtigen Galliers mit wilder
ab Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. nur noch in Latein ver- Haartracht folgt, illustriert die rechte möglicherweise, dass sich
fasst. So kommt es, dass die französische Sprache heute mit die gallische Kultur längst dem römischen Geschmack anpasste.
Ausnahme von Ortsnamen kaum mehr als 100 Wörter galli-
schen Ursprungs wie »alouette« für Lerche, »caillou« für Kie-
sel oder »char« für Wagen kennt. Mit der Sprache aber ging Nur in den vor römischem Einfluss geschützten Regionen
auch die hauptsächlich mündlich überlieferte Literatur der Irland, Schottland, Wales und einem Teil Cornwalls blieben
Gallier verloren. die Kelten ihrer Kultur verbunden. Als das Römische Reich
unterging, besetzten diese Völker zwischen 450 und 670 die
Beisetzung nach römischer Art Bretagne und brachten vergessenes Brauchtum zurück. Das
Damit blieb als letztes mögliches Bollwerk für den Erhalt eth- Christentum schließlich, durch irische Mönche in Gallien
nischer Identität die Religion. Und tatsächlich: Die gallischen verbreitet, integrierte alte keltische Traditionen. So wurde
Ahnengötter verschwanden nicht, behielten ihre Namen, aus den Feuern zur Sonnenwende das Johannisfeuer zu
und auch ihr mythologischer Ursprung wurde nicht umge- Ehren Johannes des Täufers; und wo heilige Quellen und
deutet. Status und Erscheinung aber änderten sich. Pflicht Bäume fest im Volksglauben verankert waren, errichteten die
war, sie dem römischen Pantheon einzuverleiben, wo sie Missionare Kapellen und Kirchen. Die Diözesen umfassten
nach Jupiter und dem regierenden Kaiser rangierten. Ihre oft das Gebiet der einst von den Römern eingerichteten
Darstellung entsprach ebenso wie die Architektur der Heilig- Kleinstaaten, geleitet von gallischen Adeligen. Und in Lyon,
tümer griechisch-römischen Gepflogenheiten, eine Entwick- der alten Hauptstadt der Gallier, residierte – und residiert
lung, die wohl durchaus freiwillig erfolgte. Der Opferplatz, noch heute – ein Erzbischof als Primas über das Gebiet der
einst nicht mehr als ein umzäunter Bereich um einen Altar, ehemals gallischen Provinzen.
wurde zum Tempel (siehe auch Bild S. 42/43). Schutzgötter Nur Spuren blieben zurück von einer Kultur, die jahrhun-
des Herds, die mit dem neuen Pantheon ins Land gekommen dertelang Mitteleuropa dominiert hatte. Doch lässt sich dem
waren, bereicherten das religiöse Leben durch die im Mittel- Imperium kaum der Vorwurf machen, sie ausgerottet zu
meerraum üblichen Hauskulte. haben. Der Historiker Dion Cassius Cocceianus (160 – etwa
Auch im Bestattungsbrauch setzten sich römische Sitten 229) beschrieb diesen Prozess durch das Bild: »Einheimische,
durch. Die Tradition der Grabhügel mit Grabkammer und die sich wandelten, ohne es zu merken.« Durch den Kontakt
reichen Beigaben pflegte man zwar bis ins 3. Jahrhundert, zu den Mittelmeerländern war Gallien bereits auf dem Weg
doch verlor sie danach an Bedeutung. Wer auf sich hielt und zur Veränderung gewesen. Der römischen Staatsmacht konn-
mit der Zeit ging, ließ sich in einem gemauerten Schrein te es nur recht sein, dass keltische Eliten trotz des brutalen
bestatten oder gar in einem imposanten Mausoleum. Zu- Kriegs bereitwillig die neue Kultur übernahmen, so dass bald
mindest aber ließ er eine Grabstele aufstellen, die der Nach- nur noch wenig an das alte Gallien erinnerte.  Ÿ
welt durch Inschrift und Relief über den Verstorbenen be-
richtete. der autor
Eine Personengruppe dürfte sich mit den Veränderungen
Der Archäologe Daniel Paunier ist emeritus der
nur schwer abgefunden haben: die im alten Gallien einfluss-
université de lausanne und korrespondierendes
reichen Druiden. Die Funktion des Priesters war im Imperium Mitglied des Deutschen Archäologischen
den Vertretern der Staatsmacht vorbehalten. Drei »Berufsver- Instituts.
bote«, ausgesprochen von den aufeinander folgenden Kai-
sern Augustus, Tiberius und Claudius waren offenbar erfor-
derlich, um diese keltische Tradition radikal zu durchbrechen.

www.SPEKtrum.DE 85
LInguIStIK

Trümmersprache Gallisch
Die Gallier übernahmen nacheinander ältere Alphabete der Nachbarvölker.
Die allermeisten Inschriften sind Bruchstücke; die wenigen vollständig
erhaltenen machen es Forschern schwer, die gallische Sprache zu rekonstruieren.
Von Pierre-Yves Lambert

Z 
ugegeben: Wir wissen nur wenig darüber, wie Kel­ auf einen blick
ten  redeten.  Denn  ob  Gallisch,  Keltiberisch  oder 
 Lepontisch,  die  antiken  Mitglieder  der  keltischen  ErfoLgrEIchEAnALPhAbEtEn
Sprachfamilie sind nur bruchstückhaft überliefert. 
Das Gallische kennen wir noch am besten, denn der Fundus 
ist  hier  größer:  Archäologen  haben  zahlreiche  gallische  In­
1 Die Gallier entwickelten keine eigene Schrift, sondern nutzten
die etruskische, griechische und lateinische Schrift. Leider gibt
es nur insgesamt etwa 400, zumeist sehr kurze Beispiele. Schrift
schriften  gefunden;  römische  und  griechische  Zeitzeugen  diente in Gallien offenbar vor allem praktischen Zwecken, wurde
aber auch im Rahmen des Totenkults sowie bei magischen und
notierten  gallische  Wörter  wie  »sasiam«  für  »Getreide«;  la­ Opferritualen eingesetzt.
teinische Inschriften enthalten gallische Namen von Perso­
nen und Orten (siehe den Beitrag S. 88). 
Gallische  Wörter  lassen  sich  mit  denen  sonstiger  kelti­
2 Die enge Verwandtschaft des Gallischen mit dem Lateinischen
und Griechischen und den später bezeugten inselkeltischen
Sprachen ist evident: Das Keltische ist ein Zweig der großen indo-
scher Sprachen vergleichen, auch solcher, die erst Jahrhun­ germanischen Sprachfamilie. Der Wortschatz und vor allem die
Grammatik (Formen der Substantive und Verben, Satzbau) sind
derte später aufkamen wie das Bretonische, das Immigran­ jedoch nur zum Teil bekannt, da kaum längere vollständige Texte
ten von den Britischen Inseln ab dem 5. Jahrhundert an die  bewahrt geblieben sind.
französische  Atlantikküste  mitbrachten.  Auch  der  Abgleich 
mit  anderen  indogermanischen  Sprachen  wie  dem  Latein 
oder  dem  heutigen  Deutschen,  Französischen  oder  Eng­ Nach der Eingliederung in das Imperium geriet das Gallische 
lischen  ist  aufschlussreich.  So  stammen  beispielsweise  die  unter Druck, wobei sich vor allem einheimische Bezeichnun­
gallischen  Wörter  »matir«  und  »duxtir«  ganz  sicher  von  gen  für  regionale  Eigentümlichkeiten  behaupten  konnten. 
 indogermanischen Begriffen für »Mutter« und »Tochter« ab.  Dementsprechend  beschränken  sich  französische  Wörter 
Diese  sind  zwar  nirgends  überliefert,  lassen  sich  aber  aus  mit  gallischer  Herkunft  hauptsächlich  auf  die  Landwirt­
 anderen  Sprachen  herleiten.  In  beiden  Fällen  enthalten  die  schaft  und  die  Beschreibung  der  Landschaft.  So  leitet  sich 
indogermanischen  Worte  ein  langes  »e«,  das  sich  im  Lauf   »sillon«,  deutsch  »Furche«  von  »*seljo«  her,  das  »Erde  auf­
der Zeit zu einem langgezogenen »i« entwickelt hat – ein für  werfen« bedeutete; die Eiche »chêne« von »*cassanos« (der 
keltische Sprachen typischer Lautwandel. Stern deutet an, dass diese Begriffe rekonstruiert wurden).
Von unschätzbarem Wert sind natürlich die etwa 400 In­
Französisch ist nicht gallisch schriften  in  Originalsprache,  doch  die  meisten  sind  sehr 
Beide Wörter erinnern natürlich sofort an die deutschen und  kurz.  Mitunter  verzeichnen  sie  nur  einen  einzigen  Namen, 
englischen  Bezeichnungen  sowie  auch  an  das  französische  wie den eines Verstorbenen oder den Eigentümer eines Ge­
»mère« für Mutter. Man sollte annehmen, dass gerade jene  fäßes.  Weiheinschriften  umfassen  immerhin  schon  ganze 
Sprache, die im Kernland Galliens heute verwendet wird, ein  Sätze, folgen aber meist der immer gleichen Formel »X hat  
reiches Erbe jener Zeit birgt, doch nur knapp 200 Wörter sind  es der Gottheit Y gegeben« und bringen damit wenig neue 
gallischer  Herkunft,  denn  Französisch  ist  eine  romanische  Erkenntnis. Wir kennen lediglich ein halbes Dutzend Texte, 
Sprache.  Diese  Einsprengsel  aber  erzählen  interessante  Ge­ die  aus  mehreren  Sätzen  bestehen,  doch  deren  Interpreta­
schichten.  Beispielsweise  verweist  der  französische  Karren  tion ist noch unsicher.
»charette«  zwar  zunächst  auf  den  lateinischen  »carrus«,  Gefördert  durch  den  regen  Waren­  und  Ideenaustausch 
doch darüberhinaus weiter auf das gallische »karros«. Denn  mit  den  Völkern  des  Mittelmeerraums  befand  sich  Gallien 
noch vor der Eroberung Galliens schätzten die Römer einige  auf dem Weg zur Hochkultur, unternahm aber nie den Ver­
technische Errungenschaften der Kelten, darunter auch den  such, eine eigene Schrift zu entwickeln. Stattdessen bediente 
zweirädrigen  Wagen,  dessen  Bezeichnung  sie  übernahmen.  man sich zunächst der etruskischen, dann der griechischen 

86  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
Diese gallolateinische Ritz-
PIERRE-YvES LAMBERT / MIT FRDL. GEN. voN EDITIoNS ERRANCE

inschrift auf einem Keramik-


teller datieren Forscher in
die Zeit 60 bis 80 n. Chr. Es
handelt sich hier vermutlich
um eine Werbung für einen
Töpfer namens Cuintio oder
Quintio.

und  schließlich  der  lateinischen  Schrift.  Das  etruskische  Immer  wieder  fördern  Archäologen  neue  Schriftdenk­
 Alphabet wurde in Norditalien, genauer gesagt nördlich des  mäler  zu  Tage;  zudem  macht  die  Sprachwissenschaft  Fort­
Po  benutzt.  Für  seine  Verwendung  gibt  es  nur  wenige  Bei­ schritte,  so  dass  wir  die  Entwicklung  des  Gallischen  immer 
spiele aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., davon zeigen aber drei  besser verstehen. Offenbar hat es sich ab dem 2. Jahrhundert 
 zusätzlich  zum  gallischen  Text  auch  die  lateinische  Über­ v. Chr. innerhalb von 400 Jahren in Aussprache und Struktur 
setzung. Das griechische Alphabet wurde wohl von den grie­ deutlich vereinfacht. Seit der Zugehörigkeit zum Römischen 
chischen  Kolonisten  in  Massalia  (dem  heutigen  Marseille)  Reich kamen zudem immer mehr lateinische Begriffe hinzu. 
übernommen. Gallische Texte wurden in den angrenzenden  Wir  kennen  heute  sogar  schon  Beispiele  für  Dialektunter­
Ver waltungsbezirken  (Departements)  Bouches­du­Rhône,  schiede. Lautete das Wort für »Name« im Norden noch »an­
Vaucluse  und  Gard  entdeckt.  Den  Großteil  machen  75  In­ man«, war es im Süden schon »anuan«. 
schriften  auf  Stein  aus,  die  ältesten  stammten  aus  dem  Dieses Beispiel ist auch deshalb interessant, weil »anman« 
2.  Jahrhundert  v.  Chr.,  die  jüngsten  vom  Beginn  des  1.  Jahr­ im  heutigen  Irisch  gebräuchlich  ist,  während  »anuan«  zur 
hunderts  n.  Chr.  Laut  Gaius  Julius  Cäsar  benutzten  zudem  Zeit Cäsars in Britannien verwendet wurde. Tatsächlich deu­
die  Helvetier  das  griechische  Alphabet.  Archäologen  ent­ tet  manches  darauf  hin,  dass  das  Gallische  dem  Britanni­
deckten  weitere  Beispiele  in  Bibracte  am  Mont  Beuvray,  ei­ schen  näher  verwandt  ist  als  anderen  keltischen  Sprachen. 
nem  Hauptort  der  Häduer.  Nach  der  römischen  Eroberung  Um  das  aber  besser  beurteilen  zu  können,  brauchen  wir 
verdrängte die lateinische Schrift die anderen Alphabete. mehr Wissen. Insbesondere Verbenkonjugation und Satzbau 
geben mangels längerer Texte noch Rätsel auf.  Ÿ
Unpopuläre Schrift
Auch wenn nur wenige Funde dies belegen können, verwen­ der autor
deten  die  Gallier  Schrift  wohl  für  die  gleichen  praktischen 
Zwecke wie andere Kulturen, wenn auch vielleicht in geringe­ Pierre-Yves Lambert erforscht keltische Inschriften am Centre
nationale de la recherche scientifique (CNRS). Er lehrt zudem
rem Maß: Güter wurden gezählt und registriert, Handwerker  Geschichts- und Sprachwissenschaften an der École pratique des
signierten  ihre  Arbeit,  man  gedachte  der  Toten  auf  Grab­ hautes études der Université Sorbonne in Paris.
steinen,  ehrte  Stifter  für  ihren  Beitrag  zum  Gemeinwohl, 
weihte  Objekte den  Göttern.  Es gibt  einige  magische Texte,  quellen
jedoch  keinen  literarischen.  Ein  Rätsel  ist  der  »Dachziegel 
Botermann, H. : Wie aus Galliern Römer wurden. Leben im Römi-
von Châteaubleau«, der elf Textzeilen in kursiver lateinischer  schen Reich. Klett-Cotta, Stuttgart 2005
Schrift auf diesem ungewöhnlichen Material trägt. Vermut­ Lambert, P.-Y. : La langue gauloise. Éditions Errance, Paris 2003
Lambert, P.-Y., Pinault, G.-J. (Hg.) : Gaulois et Celtique continental.
lich handelt es sich um die Bekanntgabe einer gericht lichen 
Librairie Droz, collection Hautes études grécoromaines, Genf 2007
Entscheidung, vergleichbar einer in lateinischer Sprache ab­ Zimmer, S. (Hg.): Die Kelten: Mythos und Wirklichkeit. Theiss, Stutt-
gefassten  Ziegelinschrift  aus  Villafranca  de  Los  Borros  in  gart, 3. Auflage 2013
 Spanien.

www.SPEKtrum.DE 87
SPrAchforSchung

Wortarmes Ein gallisches Siedlungsgebiet,


so wie es auf dem picardischen
Plateau zwischen dem 2. und

Erbe
1. Jahrhundert v. Chr. existiert
haben könnte. Geografische
Bezeichnungen aus jener Zeit
haben teilweise bis heute
überdauert.

DelphiNe Bailly
Spuren Galliens sind im modernen Frankreich überall zu finden, auch wenn sie nur
Kennern auffallen: Gallische Begriffe prägten die Namen von Regionen und Orten.
Von Christian Goudineau

»U
nsere Vorfahren, die Gallier« – es war ein be­ Gebirge und andere Merkmale der Landschaft. So leitet sich
deutender Schritt für das Selbstverständnis der der Fluss Marne von seinem keltischen Namen Matrona ab,
Franzosen, als die Historiker Amédée Thierry und und die Seine hieß einst Sequana. Manche geografischen
Henri Martin um 1830 diese Formel erstmals in Beschreibungen finden wir heute als Namensanhänge. So
ihren Abhandlungen verwendeten. Bis dahin war Geschichte bedeutete »dunum« Berg oder Hügel. Offenbar gab es nicht
als Abfolge von Regierungszeiten verstanden worden, ange­ wenige Erhebungen, die dem Lichtgott Lug geweiht waren:
fangen von den fränkischen Königen bis zum Kaiserreich Na­ Aus »Lugdunum« entstanden im Lauf der Zeit beispielsweise
poleons. Von nun an aber sollte die Geschichte eines Volkes die Städtenamen Lyon oder Loudon (das 1633 durch einen
erzählt werden, das in dem einst von Julius Cäsar definierten Prozess traurige Berühmtheit erlangte, bei der ein Ortspries­
Gallien zwischen Mittelmeer, Atlantik, Rhein und Alpen ver­ ter und Nonnen der Hexerei bezichtigt wurden).
wurzelt war. Anders als aus späteren Epochen, ja anders als
aus der Zeit als römische Provinz ist uns aus jener fernen Ver­ Siedeln auf der »großen Lichtung«
gangenheit leider wenig geblieben. Es gibt keine Burgen zu »Vindobriga« beschrieb einen »weißen Hügel«, es findet sich
bestaunen, und ohne die Archäologen wüssten wir kaum et­ etwa in Vandœvres wieder, einer Gemeinde in der franzö­
was von unseren Vorfahren, den Galliern. sischsprachigen Schweiz. »Maroialum« war ein »große Lich­
Denn die römische Kultur hatte die ihre weit gehend tung« – das 400­Seelen­Dorf Marols in der Region Rhône­
verdrängt, bis hin zur Sprache! Diese Zeilen wurden ur­ Alpes wurde wohl auf einer solchen gegründet. Im Süden
sprünglich in Französisch verfasst, einem Spross des Lateini­ Frankreichs enden die Namen etlicher Dörfer auf »­ac« wie
schen. Tatsächlich enthält meine Muttersprache zwischen Florac, Montagnac oder Gignac, eine Verkürzung des galli­
180 und 400 ursprünglich gallische Ausdrücke. Diese bezie­ schen Suffixes »­acum«, der an einen Personennamen ge­
hen sich auf die Natur wie »alouette« für Lerche, »ardoise« hängt so viel bedeutete wie »Eigentum von«.
für Schiefer und »bouleau« für Birke, oder sie stammen aus Wo auch immer jemand in Frankreich lebt, hat er eine
dem handwerklichen Bereich wie »auvent« für Schutzdach, Chance von mehr als 50 Prozent, dass der jeweilige Ortsname
»quai« für Kai und »char« für Wagen. auf einen gallischen zurückgeht. Oder auf eine Angabe wie
Doch es gibt eine Ausnahme: die Ortsnamen (fachlich To­ »Equoranda«, die den Grenzbereich zwischen zwei Stämmen
ponyme). Offenbar verhielten sich die Römer in Gallien nicht bezeichnete, wie bei den Gemeinden Ygrandes in der Auver­
anders als wir Franzosen in der Neuzeit in unseren Kolonien: gne, Ingrannes und Aigurande in Zentralfrankreich. Apropos
Sie übernahmen einheimische Bezeichnungen für Flüsse, Auvergne: Sie war das Gebiet der Arverner.

88  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
calais
Boulogne nœux-les-mines
condé-sur-l‘Escaut
nouvion Douai Bavay
Arras
Amiens Vernins
Envermeu
noyon chamérande
Laon guérande
rouen Verdun
Beauvais Soissons
carentan caen gisors reims metz
Lisieux nanterre Senlis châlon chamarande
Bayeux Brumath
Paris Épernay
Argentan Évreux Bar-le-duc
Avranches Evry melun Senones
Alençon chartres nogent/Seine Bourbonnes- guérande
nantes nemours troyes
Évran mayenne les-Bains
rennes Sens Langres Luxeuill
Évron Lemans meung Auxerre guirande
tonerre Lure
Vannes Vendôme gien montbard
redon Briare Lerandeix
chamborg Avallon mandeure
Anger cosne Dijon
tours Amboise Beaune
nantes thouars Dole Eygurande
Bourges margerie-chantegret
Issoudun Decize LaBurande
Bressuire Égarande
Argenton Dun/Auron Yzeure Lons-leSaunier
Poitiers Divonne margeride Lachamarande
Bourbon- Digoin
niort l’Archambault mâcon mantua Lamargerie Lachamarande
Dunle-Palestel Ambérieur
riom thiers LaDurande
Limoge Lyon Aime rocde
Saintes Issoire Ambert
ussel Vienne l’hirondelle
Brioude meylan Lamargeride
Périgueux Brive Briançon
riom-ès-montagnes
LesÉguirands
Langogne Embrun
marvejols LesEyguirandes
nyons guirande
cahors Puy-d’hirondet
rodez Sisteron
Agen orange Boisguérande
nérac carpentras L’hirondelle
condom Lectoure nîmes
Arles
Lodève
pOuR la ScieNce

pOuR la ScieNce
Bram

Die Zahl der Ortsnamen gallischer Herkunft ist in Frankreich sehr hoch, dazu gehören die 120 Städtenamen in der linken Karte. Die
rechte zeigt heutige Ortsnamen im Grenzbereich des ehemaligen Stammesgebiets der Arverner (rot markiert), die auf den gallischen
Wortstamm »randa« zurückzuführen sind, der eine Grenze oder einen Rand bezeichnete.

Darüber hinaus sind uns heute noch viele gallische Stäm­


auf einen blick
me namentlich bekannt. Denn zum einen traf die römische
Verwaltung keine Anstalten, das vorhandene politische Ge­ nAchhALLInDErgEogrAfIE
füge umzukrempeln, und verlieh den »Nationen« mit ihren
urbanen Zentren eine gewisse Unabhängigkeit, zum anderen
orientierte sich auch die christliche Kirche an diesen Struk­
1 Mit der Romanisierung Galliens wurde die keltische Sprache
seiner Bewohner mit der Zeit durch das Lateinische verdrängt.

turen bei der Definition ihrer Diözesen und ihrer Wirkungs­


kreise. Auf diese Weise konnte sie den Einfluss der Stämme
2 Auf das Gallische gehen heute daher nur wenige französische
Wörter zurück, sie stammen meist aus den Bereichen
Natur und Handwerk. Lediglich in Ortsnamen finden Linguisten
nutzen – und bewahrte umgekehrt den Bewohnern der Diö­ noch etliche gallische Wurzeln.
zesen ein wenig Eigenständigkeit und Identität.
Was bis heute allerdings niemand erklären kann, ist die 3 Die heutigen Diözesen entsprechen den alten gallischen Sied-
lungsgebieten, so dass auch Stammesbezeichnungen erhalten
blieben.
Übertragung der Stammesnamen auf die Hauptorte im 3.
Jahrhundert n. Chr. Dabei wurde aus Lutetia im Seinetal »die
Stadt der Parisi«, schließlich Paris, aus dem Hauptort der
Senonen die Stadt Sens, aus dem gleichen Grund heißen
die Zentren der Remer und der Lemoviker heute Reims und
Limoges.
Toponyme sind nicht allein für Linguisten interessant, die
versuchen, das Gallische zu rekonstruieren (siehe den Bei­
trag S. 86). Sie bestätigen auch die Befunde der Archäologen:
Gallien war schon vor der Integration ins Imperium Roma­
num ein weit entwickeltes Land. Mögen Bauernhöfe, Weiler,
Dörfer und Städte unter dem Einfluss der Siegerkultur auch quellen
verändert worden sein, sie existierten bereits. Somit verdan­
ken wir Franzosen unseren Vorfahren vielleicht nicht unser Delamarre, X.: Nom de lieux celtiques de l‘europe ancienne
(–500/+500). Éditions errance, paris 2012
nationales Territorium vom Atlantik bis zum Rhein, aber wis­
Lacroix, J.: les noms d’origine gauloise, 3 Bände. Éditions errance,
senschaftlich gesichert zumindest kleine Siedlungsgebiete paris 2003, 2004, 2005
sowie die Verbindungswege zwischen ihnen.  Ÿ

www.SPEKtrum.DE 89
VORSCHAU SPEZIAL Archäologie – Geschichte – Kultur 1/2014 ab 21. 3. 2014 im Handel

Mythos Ägypten
Monumentale Grabmäler, ein Leben im Rhythmus der Nilüberschwemmungen
und eine straff organisierte Zentralregierung – das sind die Grundzüge eines
Reichs, das fast 3000 Jahre lang Bestand haben sollte. Doch wie konnte der

SHuTTeRSTocK / MouNTAiNpix
pharaonenstaat überhaupt entstehen? Wie sah der Alltag der Menschen aus?
Wie veränderte er sich, wenn fremde Mächte wie Nubier oder Griechen das
Steuer übernahmen? Das sind Fragen, die Ägyptologen heute bewegen.

Die 0. Dynastie Auf hoher See Fremdherrschaft


Gut ein Jahrtausend dauerte es, bis das Bisher gingen Archäologen meist davon Weltoffenheit verbindet man gemein-
Niltal endlich unter einer Regierung aus, dass die Ägypter mit ihren Schiffen hin nicht mit dem alten Ägypten.
vereint war. Vor allem die Art und Weise, nur den Nil befuhren. erst in den letzten und doch förderten die pharaonen die
wie die Toten ihre Reise ins Jenseits Jahren entdeckten sie Beweise dafür, Ansiedlung von Ausländern, vor allem
antraten, verrät Forschern viel über die dass pharaonen auch seetüchtige Schif- von Griechen. Die umfangreichen papyri
Herausbildung elitärer Gesellschafts- fe bauen ließen. Ganze Heere von von oxyrhynchos in Mittelägypten
schichten, an deren Spitze schließlich Arbeitern setzten darin zum Sinai über bieten tiefe einblicke in eine kosmopoli-
die ersten Könige standen. oder fuhren zum legendären Land punt. tische Gesellschaft.

90  SPEZIALArchäoLogIE–gESchIchtE–KuLtur4/2013: DIEgALLIEr
da s ganze spek trum:

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