Sie sind auf Seite 1von 84

UNSERE AUTOREN SIND AUSGEZEICHNET.

MANCHE MIT DEM NOBELPREIS.

JET Z T IM

MINIABO
KENNEN LERNEN*
UND PR Ä MIE
SICHERN

In Spektrum der Wissenschaft berichten Experten aus Wissenschaft und


Forschung monatlich über die neuesten Erkenntnisse aus ihren Fachgebieten.
*Drei aktuelle Ausgaben von Spektrum der Wissenschaft für nur € 5,33 je Heft
(statt € 8,20 im Einzelkauf)!

So einfach erreichen Sie uns:


Telefon: 06221 9126-743
Oder QR-Code
www.spektrum.de/miniabo per Smartphone
scannen und
E-Mail: service@spektrum.de Angebot sichern!
EDITORIAL

Klaus-DieterLinsmeier
RedakteurdieserAusgabe

Könige und Propheten


V on den über sieben Milliarden Men-
schen, die unsere Welt derzeit bewoh-
nen, achten mehr als zwei Milliarden das
Glauben, der lange Zeit nicht die einzige Reli-
gion Palästinas war. Erst die brutal durchge-
setzte Kultreform des judäischen Königs
Alte Testament beziehungsweise als Juden Josia fegte alle anderen Gottheiten aus dem
die hebräische Bibel als heilige Schriften. Tempel in Jerusalem.
Doch berichten beide die Geschichte des Zu diesem Zeitpunkt existierte Israel be-
Volkes Israel oder überliefern sie nur dessen reits nicht mehr als eigener Staat; Juda hatte
Mythen? sein Erbe angetreten. Doch weder brachte Jo-
Hatte Jahwe sein Volk wirklich aus ägypti- sias Reform dem Reich die erhoffte innere
scher Gefangenschaft befreit und nach Kana- Stabilität noch verlieh Jahwe seiner Haupt-
an geführt? Darf man den Schilderungen stadt Uneinnehmbarkeit – woran Jerusalems
über Davids Aufstieg vom Hirtenjungen zum Bewohner lange fest glaubten. Letztlich schei-
König Glauben schenken? Und was lässt sich terte der überambitionierte König an einem
zwischen den Zeilen lesen? Was berichten die Mangel an Realismus: Gegen das Großreich
biblischen Autoren beispielsweise über die Babylon hatte das kleine Juda keine Chance.
Sozialstrukturen Palästinas, über das Rechts- Nach Mesopotamien verschleppt deute-
wesen und die politischen Verhältnisse? ten Propheten dem Volk die Zerstörung des
Im Spannungsfeld zwischen dem Kredo Tempels und die Deportation als Strafe Got-
»Und die Bibel hat doch Recht« und der Ge- tes. Rückbesinnung auf die Werte der Zeit Da-
genthese »Keine Posaunen vor Jericho« vids und Salomons waren angesagt. Erst aus
(Sachbuchtitel von 1955 beziehungsweise der Abgrenzung gegen die eigene jüngste
2002) stellen Historiker das Alte Testament Geschichte wie gegen die fremde Kultur Me-
in den Kontext altorientalischer Religionen sopotamiens kristallisierte sich das Juden-
und gleichen es mit den Überlieferungen an- tum des Alten Testaments heraus. Selbst-
derer Kulturen der Zeit ab. Archäologen gra- gewählte Isolation statt Integration war also
ben sich Siedlungsschicht für Siedlungs- die Grundlage einer religiösen Erfolgsge-
schicht in die Vergangenheit des Heiligen schichte.
Landes. Gemeinsam rücken sie die Überliefe- Chronologische Angaben zu biblischen
rungen ins rechte Licht. Obwohl beispielswei- Personen beruhen auf Informationen des
se gerade die legendären Könige David und Alten Testaments sowie Querbezügen zu bei-
Salomo archäologisch nicht zu belegen sind, spielsweise ägyptischen oder assyrischen
passen die Schilderungen zu den Verhältnis- Chronologien. Dabei gehen Annahmen und
sen der Epoche, wohingegen der Exodus in- Modelle ein, die leicht unterschiedliche Da-
klusive Rotes-Meer-Durchquerung im We- ten bei den Autoren dieses Heftes zur Folge
sentlichen ein Mythos sein dürfte. haben können.
Das Alte Testament ist ein spannendes
Werk, das gewaltsame Konflikte immer wie-
der thematisiert. Das gilt auch für den Jahwe-

WWW.SPEK TRUM .DE 3


I N H ALT

GRÜ N DU NGSMYTHOS 12 DieAmmoniter


6 WieentstandIsrael?
Wolfgang Zwickel
SiekamenausÄgyptenunderobertendasGelobteLand–
soüberliefertdasAlteTestamentdasEntstehendes
israelitischenVolkes.Forscherhingegenglaubenaneine
HerausbildungimSchmelztiegelderKulturen.

POLITISC H ES UMFELD
12 IsraelundseineFeinde
Wolfgang Zwickel
InderBibelerscheinenNachbarvölkermeistalsAggres­
soren.DabeiverfolgtenIsraelundJudaihreZielekeines­
wegsnurmitfriedlichenMitteln.

PH I LISTER
18 VerkanntesKulturvolk
Elisabeth Yehuda
Ausgrabungenbeweisen:DieErzfeindeIsraelswaren
weitbesseralsihrRuf.

KÖN IGTUM
24 DavidundSalomo–nureinMythos?
AKG IMAGES / JEAN-LOUIS NOU
Wolfgang Zwickel
UnterdiesenlegendärenHerrschernfandensichIsrael
undJudazueinemReichvereint,berichtetdieBibel.
Indizienbestätigen,dassesdiebeidenKönigeim10.Jahr­
hundertv.Chr.wirklichgab.

1004 V. C H R.
30 KönigDaviderobertJerusalem
Peter van der Veen
AlsResidenzfürseinneuesReichnahmDaviddieJebu­ 24 DavidsJerusalem
siterfestungJerusalemein.Archäologenrekonstruieren,
wieerdieBurggestürmthabenkönnte.

C H RONOLO GI E I
34 HatdieBibeldochRecht?
Peter James und Peter van der Veen
EineKorrekturderStandarddatierungPalästinaswürde
ArchäologendieSuchenachBelegenfürdieersten
Königeerleichtern.DochdashätteweitreichendeFolgen.

C H RONOLO GI E I I
40 AuszugausÄgyptensArchiven
Jan Dönges
LangekanntenÄgyptologennurdieErwähnungIsraels
aufderMerenptah­Stele.DieEntdeckungeinerälteren
InschriftrücktselbstdenExodusineinneuesLicht.

R EKONSTRU KTION
44 DerTempelSalomos
Wolfgang Zwickel
RuinenundArtefaktegibteszwarkeine,dennochlässt
sicheinigesüberdaslegendäreGotteshausaussagen.
BALAGE BALOGH

Titelmotiv: Johnreve / public domain [M]


Computerrekonstruktion des salomonischen Tempels.

4 SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
R ELIGIONSGESC H IC HTE
48 JahwesFrau
Klaus-Dieter Linsmeier
UrsprünglichwarJahweeinealtorientalischeGott­
heitwieandereauch.ErgebotdemWetter–undhatte
womöglicheinweiblichesPendant.

R ELIGIONSR EFORM
51 EinTempel,derallengemeinsamist
Manfred Clauss
WeilerdasReichDavidswiedererrichtenwollte,ließ
KönigJosiaalleKulteaußerdemdesJahweausrotten.

MIT FRDL. GEN. VON JÜRGEN WILLBARTH DESIGN


MI LITÄRWESEN
54 KriegerGottes
Klaus-Dieter Linsmeier
Werexpandierenwollte,brauchteeineBerufsarmee
und–trotzhoherKosten–allesvernichtendeStreit­
wagen.

GESELLSC HAFT
57 DieneuenReichen
Manfred Clauss
44 JahwesHaus StattMachtverlustbrachtedasKönigtumdenStammes­
führernnochmehrEinfluss.DieProphetenaberbe­
klagtennundasAuseinanderbrechenderGesellschaft.

SI EDLU NGSARC HÄOLO GI E


68 KrieggegenAssur 62 Kinneret–AlltagaufdemLand
Klaus-Dieter Linsmeier
AufeinerAnhöheamSeeGenezaretherkunden
BibelarchäologendasharteLebenineinerisraelitischen
Festungsstadtdes1.Jahrtausendsv.Chr.

ISRAELS EN DE
68 »EspacktseineBeute...«
Manfred Clauss
EinevermeintlicheSchwächedesmächtigenAssur
nutzenderhobensichetlicheKönigreichederLevante
gegendieGroßmacht.DochsiehattenkeineChance.

J U DAS U NTERGANG I
74 SehendindieKatastrophe
Robert Deutsch und Peter van der Veen
SiegelabdrückeinTonbullenliefernIndizienfürden
biblischenBerichtüberdasEndeJudas.

J U DAS U NTERGANG I I
76 EndemitSchrecken
Manfred Clauss
WersichBabylonwidersetzte,demdrohteVernichtung.
AmEndedesKriegslagJerusaleminTrümmern;Judas
Elitewurdedeportiert.DieProphetenaberdeutetendie
KatastrophealsStrafgerichtJahwes–undalsChance.

3 Editorial
AKG IMAGES / ERICH LESSING

80 Impressum

82 Vorschau

WWW.SPEK TRUM .DE 5


GRÜNDUNGSMYTHOS

Wie entstand
Israel?
Laut Altem Testament bildete sich das Volk Israel während
der 40-jährigen Wanderung durch die Wüste und der
anschließenden Eroberung des gelobten Landes Kanaan. Historische
und archäologische Quellen zeichnen nun ein anderes Bild:
Israel war schon damals ein Schmelztiegel der Kulturen.
Von Wolfgang Zwickel

G
ravierende geschichtliche Einschnitte haben in Gesamtkomposition der Geschichtsdarstellung ist eine rein
der Regel nicht einen einzigen Auslöser, sondern literarische Form.
sind das Ergebnis vieler Entwicklungen, deren Mit der Geschichte Israels verhält es sich ähnlich. Dem Al­
Zeitlinien sich in einem Punkt überschnitten ha­ ten Testament zufolge hatte sich das Volk Israel in Ägypten
ben. Bis heute suchen die Menschen nach einfacheren Zu­ entwickelt, floh aus der Knechtschaft des Pharao, murrte
sammenhängen und formulieren den Beginn eines völlig aber immer wieder über die Verhältnisse während der Wüs­
Neuen häufig in Form von Mythen. Am Anfang der Grün­ tenwanderung und musste zur Strafe 40 Jahre durch die
dung des römischen Weltreichs stand demnach der Bruder­ Wüste streifen, bis Gott es ihm endlich erlaubte, in das Ge­
zwist zwischen Romulus und Remus; das deutsche Kaiser­ lobte Land einzuziehen. Dort eroberte es zunächst das stark
reich wurzelte angeblich im germanischen Aufstand gegen befestigte Jericho, dann alle anderen Teile der südlichen Le­
Rom unter Hermann dem Cherusker. Solche Gründungsmy­ vante. Seit Langem ist klar, dass es für diesen Gründungsmy­
then können historisch richtige Elemente enthalten, aber die thos keine zuverlässigen historischen Grundlagen gibt, we­
der für die Knechtschaft in Ägypten noch für die Flucht und
die anschließende »Landnahme«.
AUF EINEN BLICK
Insbesondere wurden die alttestamentlichen Texte erst
Jahrhunderte nach dem Entstehen des Volkes Israel verfasst,
RÜCKZUGINDIEBERGE
dessen Anfänge Forscher im 13. Jahrhundert v. Chr. ansiedeln.

1 Die Wirtschaftskraft der Levante-Städte des 2. Jahrtausends


v. Chr. beruhte vor allem auf dem Fernhandel. Eine Schwäche
der Schutzmacht Ägypten auf der einen, räuberische Überfälle
Die Bibel liefert also keine Augenzeugenberichte, sondern
ihrerseits Deutungen der Frühgeschichte. Die Suche nach
durch »Habiru« auf der anderen Seite brachten ihn jedoch allmäh- Querbezügen in den Überlieferungen der Nachbarvölker ver­
lich zum Erliegen. lief ergebnislos. Zwar sind zahlreiche ägyptische Quellen aus
der entsprechenden Epoche erhalten, sie erwähnen aber we­
2 Im 13. Jahrhundert v. Chr. setzte eine zunehmende Trockenheit
an den Küsten des östlichen Mittelmeers eine Spirale aus
Hunger und Aggression in Gang. »Seevölker« attackierten die
der ein Volk Israel noch Joseph oder Moses. Zumindest Jo­
seph soll den Rang eines hohen ägyptischen Beamten inne­
Städte, die nun nach und nach aufgegeben wurden.
gehabt haben, Moses wuchs der biblischen Überlieferung

3 Das Bergland Palästinas war klimatisch begünstigt und bot


freien Siedlungsraum. Im Lauf von 200 Jahren entstanden
dort bäuerliche Gesellschaften, die sich aus Alteingesessenen und
nach am Königshof auf. Auch die Archäologie hilft hier nicht
weiter und liefert keine Belege. Zumindest sollte sich eine
Migranten konstituierten. kriegerische Landnahme in den Fundstätten der Levante wi­
derspiegeln. Aber Jericho, um nur ein markantes Beispiel zu

6 SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
FOTO: AKG IMAGES / BIBLE LAND PICTURES; ZEICHNUNG: DEUTSCHE BIBELGESELLSCHAFT; MIT FRDL. GEN. VON WOLFGANG ZWICKEL

Gut drei Meter hoch ist die


Granitstele, die Pharao
Merenptah um 1200 v. Chr. in
Theben-West aufstellen ließ.
Insbesondere preist die In-
schrift zahlreiche Siege des
Herrschers, darunter ein Feld-
zug nach Palästina. Unter
anderem heißt es dort: »Israel
liegt brach und hat kein Saat-
korn.« Es ist eine der frühesten
Nennungen Israels (siehe
Ausschnitt).

WWW.SPEK TRUM .DE 7


nennen, war zwar seit frühster Zeit besiedelt, jedoch gerade dius. Ägypten installierte zwar Beamte, um seine Interessen
um 1200 v. Chr. unbewohnt. zu wahren, beließ den Stadtfürsten aber erhebliche Eigen­
Dass die Schilderungen nur Mythos sind, verdeutlicht ständigkeit. Im Ergebnis sorgte das Pharaonenreich so für
letztlich auch eine einfache Überlegung: Ein derart großes Stabilität in der Region.
Volk – nach Numeri 2, 32 immerhin 603 550 Israeliten, nach Die Verhältnisse änderten sich, als die Hethiter in Nord­
Numeri 3, 39 weitere 22 000 Leviten – hätte keine 40 Jahre ir­ syrien eindrangen, um dort den Fernhandel zu kontrollieren.
gendwo in der Wüste zwischen den heutigen Staaten Ägyp­ Infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen gingen die
ten und Israel überlebt. Bibelexegeten, Historiker, Archäolo­ Transporte jedoch zurück, weil die Händler das Risiko scheu­
gen und Naturwissenschaftler zeichnen inzwischen ein kom­ ten, zwischen die Fronten zu geraten und ihre Waren zu ver­
plexeres Bild der Ereignisse. Auch wenn es noch ein Puzzle lieren. Da die Stadtstaaten wesentliche Einnahmen durch
ist, in dem noch etliche Teile fehlen, dürfte es der histori­ den internationalen Handel erzielten, schmälerte dies ihre
schen Wirklichkeit weit näher kommen als der biblische Ge­ Wirtschaftskraft erheblich.
schichtsmythos. Neben Bauern, Handwerkern und der politischen Elite in
Im 2. Jahrtausend v. Chr. dehnte Ägypten sein Territorium den Siedlungen lebten in der Levante auch Nichtsesshafte.
auf Palästina und Syrien aus (siehe Kasten rechts). Das Ge­ Zu ihnen gehörten Händler und Handwerker, Nomadenhir­
biet war seit jeher ein Transitland zwischen Ägypten, Meso­ ten mit Schafen und Ziegen, Söldner und andere mehr. Ihre
potamien und Kleinasien. Wer es kontrollierte, profitierte Zahl stieg an, als die Städte immer weniger Möglichkeiten
vom Handel! Und dank der ägyptischen Aufsicht waren die boten, den Lebensunterhalt zu verdienen. Weil aber auch die
Wege auch weitgehend sicher, so dass der Warenaustausch in Einnahmequellen außerhalb begrenzt waren, verlegten sich
der Regel gut funktionierte. Stadtstaaten in Palästina be­ etliche Nichtsesshafte auf die Räuberei. Ägyptische, hethiti­
herrschten jeweils Gebiete von fünf bis zehn Kilometer Ra­ sche und mesopotamische Texte des 2. Jahrtausends v. Chr.
nennen solche Banden »Habiru«. Dieses gesellschaftliche
Phänomen war in der gesamten damaligen Welt des Orients
verbreitet. Der Begriff meint somit ursprünglich eine soziale
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK, NACH: WOLFGANG ZWICKEL

spätbronzezeitlicher Ort
Sichem Gruppe, keine ethnische. Der Name »Hebräer«, der übrigens
Neusiedlung der
Eisenzeit I in der Bibel nur selten gebraucht wird, leitet sich von dieser
Hauptstraße Bezeichnung ab.
Nebenstraße
Aruma
Exodus verkehrt
Ägypten gelang es immer weniger, die Handelswege in sei­
Tappuach nem Einflussgebiet zu sichern. Damit aber sanken die Ein­
nahmen der urbanen Zentren, was den Habiru weiteren Zu­
Schilo lauf brachte. Irgendwann waren diese Gruppen so stark, dass
sie selbst Städte bedrohen konnten, was die Abwärtsspirale
anheizte. Hinzu kam eine dramatische Trockenheit im ge­
samten östlichen Mittelmeerraum. Bohrkerne aus dem To­
Khirbet Mardschama
ten Meer zeigen, dass in keiner Epoche der letzten 10 000
Jahre dessen Wasserstand so rapide sank wie im 13. Jahrhun­
dert v. Chr. Mehrere antike Texte aus der Umgebung bestäti­
gen diese Ergebnisse. Ernten reichten nicht mehr, und Mit­
Bet-El
telmeeranrainer aus den heutigen Ländern Griechenland
und Türkei verlegten sich auf Piraterie, was den Gesamttrend
ebenfalls beschleunigte; in ägyptischen Annalen tauchen sie
als »Seevölker« auf.
Gibeon Doch für die Bewohner Palästinas gab es eine Alternative:
Ajalon
die Auswanderung, sei es ins Ausland oder in das noch unbe­
Oalunya siedelte Bergland. Ägypten brauchte Handwerker und Fach­
N
Jerusalem kräfte, vor allem für die riesigen Palastbauten in der Ramses­
10 km
0 stadt im Nildelta, die Ramses II. (1279 – 1213 v. Chr.) zur neuen
Hauptstadt erwählte; ihre Erwähnung in der Bibel im Kon­
In der späten Bronzezeit (siehe Zeittafel S. 36) war das Bergland text des Exodus bildet einen wesentlichen Ankerpunkt für
Palästinas nur dünn besiedelt. Doch Trockenheit, räuberische die Datierung der alttestamentlichen Schilderung. Von der
Überfälle und anderes mehr vertrieben die Menschen aus den Trockenheit war das Nilreich verschont geblieben, denn sei­
Küstenstädten, worauf viele ihr Heil in den höher gelegenen, ne Landwirtschaft hing nicht von den Niederschlägen im
eigentlich kargen Gebieten suchten. Mittelmeerraum ab, sondern von denen in Zentralafrika. Die

8 SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
An der langen Leine
Um seine Grenzen und den Fernhandel zu schützen, eroberten die Pharaonen Palästina,
ließen den dortigen Stämmen aber weit gehende Selbstständigkeit.
Von Manfred Clauss

Die Kontakte mit Syrien-Palästina und der Sinai-


halbinsel reichen in Ägypten bis in vorgeschicht-
liche Zeit: Von dort importierte man das im Nil-
tal fehlende Bauholz, aus dem südlich davon ge-
legenen Sinaigebiet Kupfer. Andererseits bedroh-
ten »asiatische Nomaden« seit dem Alten Reich
(2640 – 2160 v. Chr.) das östliche Nildelta. Im Mitt-
leren Reich ließ Pharao Amenemhat I. (1991 – 1962
v. Chr.) deshalb die so genannte Fürstenmauer er-
richten, ein System von Wachtürmen und Befes-
tigungsanlagen, um die Landenge zwischen Ägyp-
ten, Syrien-Palästina und der Sinaihalbinsel zu kon-
trollieren.
Thutmosis I. (1494 – 1482 v. Chr.), der dritte Pha-
rao des Neuen Reichs, kehrte den Spieß um und ex-
pandierte seinerseits in fremdes Gebiet, vom »An-
fang der Erde im Süden, bis zu jenem Fluss im Nor-
den, der umgekehrt fließt«, wie er es auf einem
Gedenkstein dort bei der Stadt Karkemisch verkün-
dete; diese Stele ist nicht erhalten, wurde aber von
dem ebenfalls in der Region aktiven Thutmosis III.
(1479 – 1457 v. Chr.) überliefert. Gemeint war der Eu-
phrat, der von Norden nach Süden fließt, also ent-
gegengesetzt zum Nil. Syrien-Palästina war fortan
bis in die römische Zeit umkämpft, im 2. Jahrtau-
send v. Chr. stritt Ägypten mit dem Reich der Mitan-
ni um die Vorherrschaft, dann mit dem der Hethiter.
Bis etwa 1200 v. Chr. gelang es den Pharaonen,
die Landstriche südlich des Orontes zu kontrollie-
ren – der Fluss entspringt im Libanon und fließt
durch Syrien und die heutige Türkei zum Mittel-
meer. Dann aber verlangten die Angriffe der »See-
AKG IMAGES / ERICH LESSING

völker« Ägyptens Militärpräsenz. Der Plan, eine die-


ser Gruppen als Söldner in der Levante anzusiedeln,
erwies sich als Fehlschlag: Die Philister vertrieben
1150 v. Chr. ihre Herren. Zudem schwächten innen-
politische Konflikte den Pharaonenstaat. In der so
genannten Dritten Zwischenzeit (um 1070 – 664
v. Chr.) herrschten verschiedene Dynastien gleich-
zeitig im Niltal und im Delta. Fast zwei Jahrhunder-
te lang blieb die Levante daher sich selbst überlas-
sen. Es gediehen die philistäischen Stadtstaaten
und die beiden Königreiche Israel und Juda entwi- Statt auf Grenzschutz gegen
ckelten sich aus bescheidenen Anfängen zu regio- die Völker der Levante setzte
nalen Mächten. Thutmosis I. auf Eroberung.

WWW.SPEK TRUM .DE 9


jährlichen Nilüberschwemmungen bewässerten die Felder

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK, NACH: WOLFGANG ZWICKEL


entlang des Flusses. Ägyptische Quellen dieser Zeit zeigen ei­ Stämme Israels
Abel-Bet-Maacha
nen starken Zuwachs an semitischen Personennamen. Hier­ Juda Dan

DAN
EN
bei handelt es sich eindeutig um Einwanderer aus Syrien Seevölkerstaaten

IZI
und Palästina. Archäologisch wurden für diese Epoche Be­ -
BET HA

ÖN
Stadtstaat Jerusalem
AC
MA

PH
stattungen nachgewiesen, wie sie in der Levante üblich wa­

UR
andere Staaten

CH
ren. Und auch das Alte Testament erwähnt, dass sich Men­

S
GE
schen aus Palästina am Bau der neuen Hauptstadt Ramses­

R
HE
stadt beteiligten (2. Mose 2, 11). ALI REIC

C
NAFT DES OH

AS
Weitere Migrationsziele waren die Steppen im Süden des G
LON ZELTDÖ
Landes (Negeb) und das palästinische Bergland. Dieses blieb Dor SEBU IS RFE
JAÏRS R
SASCH
AR
während der Spätbronzezeit (1550 – 1150 v. Chr.) nahezu un­

r
e
besiedelt. Ausgrabungen und Oberflächenuntersuchungen

Jord a n
KKER
e
bestätigen zum Beispiel, dass im zentralen Gebiet nur die G IL EA D

l m
SSE
MANA

TS C H E
Städte Sichem und Jerusalem mit vielleicht jeweils 600 Ein­ TOB

e
wohnern existierten, dazu fünf Weiler, bestehend aus einer

t
i t
Hand voll Bauernhöfe. Der Grund liegt auf der Hand: Das MACHIR

M
Bergland lag abseits der Fernverbindungen und war daher
unattraktiv, solange der Handel eine Rolle spielte. Aber nun EFRAM
RUBEN AMMON
fanden Siedler dort gutes Land für das Kleinvieh, denn in
den Höhenlagen regnete es auch mehr als in den Ebenen, so BE NJ AM IN
Aschdod Ekron
dass es genug Nahrung für Schafe und Ziegen gab. Wurden in

ER
Jerusalem

L I ST
einem zweiten Schritt Büsche gerodet, gewann man auch Aschkelon Gat

PH I
REICH DES
noch Ackerland. Vermutlich wohnten die Klimaflüchtlinge GA D SIHON
JU DA
zuerst in Zelten, errichteten dann feste Gebäude, legten Zis­ Gaza
ternen an und Speichergruben für das Getreide.

Wurzeln im Feindesland
2001 untersuchte der Ägyptologe und Alttestamentler Man­ N M OA B
fred Görg in den Depots des Ägyptischen Museums in Berlin
eine Inschrift und rekonstruierte einen stark beschädigten 0 50 km

Namen als »Israel«. Wegen der Schreibweise und aus histori­


schen Gründen könnte die Inschrift aus der Zeit um 1300 Im 11. Jahrhundert v. Chr. war Palästina in Einflussgebiete auf-
v. Chr. stammen. Rund 100 Jahre jünger ist eine Stele des geteilt. So beherrschten israelitische Stämme, Juda und Jerusalem
Pharaos Merenptah, heute im Ägyptischen Museum in Kairo. Gebiete beiderseits des Jordan, Seevölker und Phönizier die
Sie vermerkt nach langen Ausführungen über dessen Kriege Küste. Die Darstellung ist vereinfacht: Scharfe Grenzen lassen sich
gegen Libyen einen Feldzug nach Palästina. Dort heißt es: nicht ziehen, auch gab es eigenständige Übergangszonen.
»Israel liegt brach und hat kein Saatkorn.« Dies ist sicherlich
in dem Sinn zu verstehen, dass es von Hungersnöten be­
troffen war. Laut den meisten Forschern waren mit diesem mesgesellschaften entwickelten sich zum größten Teil aus
Gebiet die neuen Siedlungen im Bergland gemeint. Nach der erodierenden Kultur der Spätbronzezeit.
heutigem Wissensstand entstanden dort zwischen 1300 und Doch auch die »Seevölker« waren auf der Suche nach neu­
1000 v. Chr. rund 300 kleine Siedlungen mit jeweils maxi­ em Land. Zunächst überfielen sie die unter der Hungersnot
mal 100 Einwohnern. darbenden Orte der östlichen Mittelmeerküste, dann dran­
Damit ergibt sich ein Gesamtbild der Entwicklung des frü­ gen sie plündernd Richtung Nildelta vor und lieferten sich
hen Israel, das in Ansätzen bereits 1939 der deutsche Alt­ 1187 v. Chr. eine Schlacht mit den Truppen Ramses III. Dieser
testamentler und Historiker Albrecht Alt entworfen hat und besiegte die Angreifer. Eine Gruppe nahm nun einen Küsten­
das ab den späten 1980er Jahren vor allem von dem israe­ streifen in Beschlag, der etwa zwischen den heutigen Städten
lischen Archäologen Israel Finkelstein mit archäologischen Tel Aviv und Haifa zu suchen ist. Weiter nördlich, an der Küs­
Fakten untermauert wurde. Es gilt heute mit kleinen Modifi­ te des heutigen Libanon und Syriens, ließen sich andere, die
kationen als Basis für die weitere Forschung. Demnach wan­ nun als Phönizier bezeichnet wurden, in den dortigen Stadt­
derte das frühe Volk Israel nicht aus Ägypten ein, sondern staaten nieder und wurden bald zur erfolgreichsten Seehan­
wurzelte in den kanaanäischen Stadtstaaten; das Gleiche galt delskultur des 1. Jahrtausends v. Chr. An der südlichen levan­
für die Bewohner der späteren Nachbarstaaten Juda, Edom, tinischen Küste aber siedelte Ramses III. die Gruppe der Phi­
Moab und Ammon sowie für die Aramäer. All diese Stam­ lister an – als Söldner sollten sie künftig ägyptisches Gebiet

10  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
sichern. Der Pakt währte jedoch nicht lange. Um 1150 v. Chr. hatte das Wasser der ohnehin flachen Seen zurückgetrieben,
vertrieben die Philister ihre Herren, eroberten benachbarte so dass die Flüchtenden hindurchwaten konnten (2. Mose
Landstriche und gründeten die philistäische Pentapolis: den 14, 21), während ihre Verfolger mit ihren Streitwägen im
Städtebund von Gaza, Aschdod, Aschkelon, Gat und Ekron Schlick der Seen stecken blieben. So entstand einer der ältes­
(siehe auch den Beitrag S. 18). Weil die wichtigste Nord­Süd­ ten Texte des Alten Testaments, das so genannte Miriam­
Verbindung durch dessen Hoheitsgebiet verlief, kam der in­ Lied: »Singt Jahwe, denn hocherhaben ist er. Ross und Reiter
ternationale Handel in Richtung Ägypten rasch zum Erlie­ warf er ins Meer!« (2. Mose 15, 21). In der späteren Überliefe­
gen. Und es dauerte rund 200 Jahre, bis ein Pharao wieder rung wurde aus dem seichten Gewässer ein Streifen trocke­
auf dem Gebiet Palästinas aktiv werden sollte. ner Boden im See und senkrechten, seitlich aufragenden
Wasserwänden (2. Mose 14, 22). Hollywood schließlich drama­
Gemeinsamkeit macht stark tisierte dieses Eingreifen Gottes in dem Monumentalfilm
Im Bergland festigten sich allmählich die Strukturen, ein re­ »Die zehn Gebote« zu einer Schlucht zwischen viele Meter
gionaler Handel entstand. Ortschaften verbündeten sich in hohen Wasserwänden, die das mächtige Heer des Pharao er­
Krisenzeiten, schlossen sich zu Klans zusammen, mehrere tränkten.
Klans wiederum zu Stämmen. Denn gemeinsam konnte Im Miriam­Lied findet sich eine der ältesten Erwähnun­
man die Habiru bekämpfen, die Ansprüche der verbliebenen gen des Gottes Jahwe. Obwohl wir aus Texten aus dem 2. Jahr­
kanaanäischen Städte abwehren und auch einer neuen Ge­ tausend v. Chr. rund 100 Götter aus dem Raum Syrien und
fahr Herr werden: nomadische Beduinen, die mit ihren Ka­ Palästina kennen, findet er sich in keinem davon. Jahwe war
melen seit Langem schon am Rand des Kulturlandes lebten. nach heutigem Wissen ein Wüstengott, ursprünglich im süd­
Vermutlich ab dem 11. Jahrhundert verfügten sie über Sättel, lichen Ostjordanland südöstlich des Toten Meeres beheima­
die freihändiges Reiten und damit den Kampf vom Kamel­ tet. Ihn verehrten die Nomaden dieser Gegend. Aber auch
rücken aus ermöglichten; entsprechende Abbildungen stam­ diese Nomaden konnten angesichts der erwähnten Klima­
men zwar aus dem 9. Jahrhundert v. Chr., doch dürfte es ge­ katastrophe nicht in ihren angestammten Weidegebieten
wiss Zeit gedauert haben, bis man diese Entwicklung in den überleben und begaben sich nach Ägypten. Das ist durch
Schriftkulturen wahrnahm. Eine Erinnerungsspur dieser entsprechende Texte bezeugt.
Auseinandersetzungen findet sich im Alten Testament: Im Als eine solche Nomadengruppe aus Ägypten floh, erlebte
biblischen Buch der Richter bekämpft der von Gott berufene sie die Hilfe Jahwes bei den Bitterseen. Vermutlich wurden
Gideon erfolgreich den Beduinenstamm der Midianiter, die diese Menschen in Palästina sesshaft und brachten ihren
hier als Erzfeinde Israels dargestellt werden. Gott mit. Das biblische Israel entstand somit als Melange
Die Gruppierungen, die sich im Lauf der Zeit formierten, von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Traditionen.
bildeten die Grundlage für die zwölf Stämme Israels (zu de­ Im Lauf von gut 200 Jahren hatte sich die politische Land­
nen dann auch Juda zählte) – die Zahl hatte religös­kultische schaft der südlichen Levante vollständig verändert, und aus
Bedeutung. Im Alten Testament werden sie alle auf die Söhne einem losen Verbund von Klans wurde unter König David
Jakobs zurückgeführt, der wiederum den Ehrennamen Israel um 1000 v. Chr. ein Machtfaktor in der Region, mit dem man
erhielt (1. Mose 32, 29). Mittels einer Familiengeschichte ver­ rechnen musste.  Ÿ
sucht das Alte Testament – wie bei einem Mythos – die Ur­
sprünge Israels verständlich zu machen. Tatsächlich entstand
DER AUTOR
das neue Volk allmählich aus den Siedlern im Bergland und
den Bewohnern der verbliebenen kanaanäischen Städte in Wolfgang Zwickel lehrt Altes Testament und
den Ebenen. Biblische Archäologie an der Evangelisch-Theo-
logischen Fakultät der Johannes Gutenberg-
Aber es gab durchaus auch Einwanderer, die integriert Universität Mainz.
wurden, genauer gesagt: Heimkehrer! Denn ein Teil der in
Notzeiten nach Ägypten ausgewanderten Semiten kehrte zu­
rück, nachdem sich die Verhältnisse in Syrien und Palästina
wieder gebessert hatten. Dies geschah gegen den Willen der
Ägypter, die billige Arbeitskräfte verloren. Allerdings verfolg­
te man solche Arbeitsunwilligen offenbar nur halbherzig. LITERATURTIPPS
Hatten sie erst einmal die Sinaihalbinsel erreicht, konnten
Clauss, M.: Das alte Israel. Geschichte, Gesellschaft, Kultur. C.H.Beck
sie sich ohnehin leicht verstecken. Wissen, München, 4. aktualisierte Auflage 2014
Eine solche aus Ägypten entwichene Gruppe dürfte den Allgemein verständliches Kompendium, von der Frühzeit bis Herodes
historischen Kern des Gründungsmythos Israels schlechthin Zwickel, W., Egger-Wenzel, R., Ernst, M. (Hg.): Herders neuer
Bibelatlas. Herder, Freiburg im Breisgau 2013
geliefert haben. An den Bitterseen, dem lang gestreckten Be­ Historisch und archäologisch verlässliche Karten zum Heiligen Land
cken zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil des und den Nachbarkulturen
Sueskanals, in der Bibel als Schilfmeer bezeichnet, kamen ih­
nen die ägyptischen Truppen sehr nahe. Aber ein Ostwind Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1375992

WWW.SPEK TRUM .DE 11


POLITISCHESUMFELD

Israel und
seine Feinde
»Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn
es dem bösen Nachbarn nicht gefällt!« Wilhelm
Tells Klage hätten sich die Bewohner Israels und Judas
sicher angeschlossen, waren sie doch von Nachbar-
reichen umgeben, derer sie sich immer wieder zu
erwehren hatten. Freilich verfolgten beide ihre eigenen
politischen Ziele, was ebenso in bewaffnete
Auseinandersetzungen mündete.
Von Wolfgang Zwickel

Auf dem Gebiet des heutigen jordanischen


Amman lag einst der Hauptort der Ammoniter.
Ihre Könige (hier eine Skulptur aus dem 8. oder
7. Jahrhundert v. Chr.) führten häufig Krieg
gegen die Stämme Israels. Das Alte Testament
stellt sie dementsprechend negativ dar: Ihr
Vorfahr sei von einem Neffen Abrahams durch
Inzucht gezeugt worden.

12  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
WWW.SPEK TRUM .DE
13
AKG IMAGES / JEAN-LOUIS NOU
Die Amalekiter rialstaaten aramäischen Ursprungs. Einige waren anfangs
Gaza war die südlichste Philisterhauptstadt. Nach Westen nur klein und schlossen sich mit anderen zusammen, von
hin schloss sich das große Wüstengebiet der Sinaihalbinsel denen manche unmittelbar an Israel angrenzten.
an. Ackerbau war in dieser Gegend kaum möglich, allenfalls Im Gebiet des heutigen Golan lag das kleine Königreich
konnte man ein paar Schafe oder Ziegen halten. Lukrativ war von Geschur. Es dürfte kaum mehr als ein paar hundert Ein-
es allerdings, die dort hindurchziehenden Karawanen zu wohner gehabt haben. Aber es war für David immerhin so in-
überfallen. Schon in der Spätbronzezeit hatten die Ägypter teressant, dass er die Tochter des dortigen Königs heiratete,
versucht, den Handelsweg zwischen Palästina und Nildelta um seinen Machtbereich auszudehnen.
gegen Banden zu sichern. In der späteren Eisenzeit nahmen Ein anderes Kleinkönigtum namens Bet-Maacha erstreck-
die Assyrer die Bestrebungen wieder auf. Diese räuberischen te sich im Hulebecken nördlich des Sees Genezareth. Indem
Truppen blieben meist namenlos. Mit einer Ausnahme: Das David es unterwarf, hatte er das Nordreich ziemlich genau
Alte Testament berichtet von den Amalekitern, gegen die Da- bis zur heutigen israelisch-libanesischen Grenze erweitert.
vid im 10. Jahrhundert v. Chr. kämpfte, um für Ruhe in die- Während Bet-Maacha in Israel aufging, wurde Geschur
sem Gebiet zu sorgen. Ihre Ursprünge sind genauso unklar schon bald vom Königreich Aram-Damaskus geschluckt. Das
wie ihr Verbleiben. Möglicherweise waren es kleinere Grup- entwickelte sich scheinbar aus dem Nichts im 10. und 9. Jahr-
pen, die sich nach den Wirren der Spätbronzezeit ihre eigene hundert v. Chr. zur dominierenden Macht im südlichen
ökonomische Nische am Rand des Kulturlandes gesucht hat- Syrien und bedrohte damit Israels Interessen, denn durch
ten: als Kleinviehzüchter und Banditen. das Hulebecken lief eine wichtige überregionale Handelsver-
bindung.
Die Aramäer Ab der Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. war es dann vor al-
Eines der spannendsten Reiche der Antike war das der Ara- lem Aram-Damaskus, das sich in wechselnden Koalitionen
mäer. Über sie besitzen wir leider nur verhältnismäßig weni- den Assyrern entgegenstellte. In der siegreichen Schlacht bei
ge schriftliche Quellen, verglichen etwa mit den biblischen Qarqar 853 v. Chr. stellten die Könige Hadad-Eser von Aram-
Texten zu Israel und Juda oder den vielen Königsinschriften Damaskus und Ahab von Israel die größten Kontingente. Die
zu Assyrien und Babylonien. Allmählich erschließt sich aber Assyrer ließen sich aber nicht auf Dauer aufhalten und dran-
ihre Geschichte, auch dank zahlreicher Grabungen, die bis gen in den nachfolgenden Jahrzehnten immer weiter nach
vor wenigen Jahren noch in Syrien durchgeführt werden Süden vor. Aram-Damaskus holte 837 v. Chr. unter König Ha-
konnten. sael zum Gegenschlag aus, überschritt sogar den Euphrat im
Erschwerend kommt hinzu, dass die Geschichte der Ara- Norden – und eroberte die ostjordanischen Gebiete Israels.
mäer viele Facetten aufweist. Der Begriff findet sich seit dem Hasael drang sogar bis zur philistäischen Hauptstadt Gat vor,
3. Jahrtausend v. Chr. in altorientalischen Texten und be- muss also kurzzeitig das Nordreich großteils unter seiner
zeichnet Nomaden, die in Nordsyrien lebten und teilweise Kontrolle gehabt haben.
nach Nordmesopotamien einwanderten. Im Rahmen der Einen solchen Machtblock konnte Assur auf Dauer nicht
Umstrukturierungen der Gesellschaften des Nahen Ostens dulden. Großkönig Adadnirari III. (810 – 782 v. Chr.) unter-
um 1200 v. Chr. bildeten sich in ganz Syrien mehrere Territo- nahm fünf Feldzüge und belagerte 796 v. Chr. auch Damas-

»Und wenn Moses seine Hand


emporhielt, siegte Israel; ließ er
sie aber sinken, siegte Amalek«
(2. Mose, 17). Die Miniatur aus
dem 14. Jahrhundert zeigt die
Konsequenz: Moses wurden die
PUBLIC DOMAIN

Arme hochgehalten, um Gottes


Beistand in der Schlacht gegen
die Amalekiter zu erflehen.

14  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
AKG IMAGES / ERICH LESSING
Im 8. Jahrhundert v. Chr. blühte der edomitische Assyrern flohen, suchten manche auch in Edom Zuflucht.
Fernhandel, etwa mit verzierten Muscheln, die wohl Mag auch ihre Zahl gering gewesen sein, reichten die natürli-
als Gefäße für Kosmetika dienten. chen Ressourcen doch nicht aus, um alle zu ernähren. Ein
neuer Wirtschaftszweig wurde geschaffen: der Fernhandel
insbesondere von Spezereien aus Saudi-Arabien zum Um-
kus. Er konnte es zwar nicht einnehmen, fortan aber hatten schlaghafen Gaza; auch kostbare Muscheln wurden gehan-
die Großreichträume ein Ende. Tribute waren fällig, die das delt (siehe Bild). Der wichtige Handelsweg dorthin verlief je-
Reich stark belasteten. doch an der Südgrenze Judas – und damit kam es zwangsläu-
Für rund 60 Jahre fügten sich die damaszenischen Ara- fig zu Auseinandersetzungen.
mäer wohl in ihr Geschick, bis König Rezin um 735 v. Chr. ge- Nach der Eroberung der Region durch das Neubabyloni-
meinsam mit Israels Herrscher Pekach die Zahlungen auf- sche Reich verlor sich die Spur der Edomiter. Jahrhunderte
kündigte. Als beide Ahas von Juda in ihre Koalition zwingen später übernahm ein neues Volk deren Rolle als Händler: Die
wollten, rief dieser Assur zu Hilfe. Jahre später existierte Nabatäer mit ihrer berühmten Hauptstadt Petra.
Aram-Damaskus nicht mehr, von nun an war es die assyri-
sche Provinz Quarnaim. Ismaeliter und Midianiter
Ging man weiter in die Sinaiwüste hinein, war nur noch die
Die Edomiter Lebensweise der Beduinen möglich. Deren wichtigste Le-
Um 1200 v. Chr. siedelten sich die Edomiter nahe dem Fluss bensgrundlage war neben der Kamelzucht ebenfalls der
Zered an. Die wenigen hundert Bewohner dieses kleinen internationale Fernhandel; dazu schloss man sich zu Kara-
Stamms lebten vom Getreide- und Weinanbau, arbeiteten wanen zusammen. Zudem arbeiteten sie im Kupferabbau.
aber auch in den Kupferminen von Fenan. König David ge- Vor allem im 13. bis 10. Jahrhundert v. Chr. wurde es in Timna
lang es, sie im 10. Jahrhundert v. Chr. unter seine Kontrolle zu und Fenan im Jordangraben abgebaut. Zwei solcher Bedui-
bringen und damit vom Erzabbau zu profitieren. Sein Sohn nengruppen kennen wir namentlich aus dem Alten Testa-
Salomo finanzierte seinen Tempel- und Palastbau teilweise ment: die Ismaeliter und die Midianiter. Bei Letzteren, die
mit Fenan-Kupfer. Als die Märkte wieder auf das billigere Me- vermutlich das heutige saudi-arabische Grenzgebiet durch-
tall aus Zypern umschwenkten, verlor er das Interesse an den streiften, soll Moses eine besondere Gotteserfahrung ge-
Edomitern und diese nutzten ihre Chance, um wieder unab- macht haben: Hier sah er den brennenden und sich doch
hängig zu werden. nicht verzehrenden Dornbusch. Ismael war der Bibel nach
Für die nächsten zwei Jahrhunderte lebte man nebenein- ein Sohn Abrahams, wurde aber von ihm verstoßen und
ander, ohne besondere Kontakte, weder im Guten noch im führte das Leben des Beduinen; er gilt als Stammvater der
Schlechten. Als die Bewohner Israels 733/722 v. Chr. vor den Araber.

WWW.SPEK TRUM .DE 15


Moabiter und Ammoniter kommender Gebäuderest entdeckt. Auch im Süden siegte
Beide Völker entsprangen kleineren Stämmen im mittleren Mescha und vertrieb die Judäer. Damit wurden er und seine
Ostjordanland. Erstere lebten im Gebiet der heutige Stadt Di- Nachfolger für einige Zeit zu den großen Gegenspielern des
bon, die anderen in der Gegend des heutigen Amman. Beide Nord- und des Südreichs. Im 8. Jahrhundert v. Chr. gerieten
waren unmittelbare Nachbarn der israelitischen Stämme die Moabiter dann unter die Oberhoheit der Assyrer. Wohl
Ruben und Gad und wurden von König David erobert. Im 582 v. Chr. wurde ihr Reich von dem babylonischen Herr-
9. Jahrhundert v. Chr., gut zwei Generationen nach dem Tod scher Nebukadnezar II. zerstört, die Bevölkerung deportiert
Salomos, schwang sich in Moab ein Herrscher namens Me- oder vertrieben. Danach war das Gebiet für Jahrhunderte na-
scha auf; das Reich expandierte. Im Alten Testament wird er hezu entvölkert.
zwar genannt, spielte dort aber nur eine Nebenrolle. Auf- Anders als Moab blieb Ammon immer verhältnismäßig
schlussreicher ist eine Stele, die 1868 in Dibon gefunden wur- klein, seine Regenten hatten keine sonderlichen Ambitionen.
de. Ihre Inschrift berichtet von Meschas Taten. Demnach ge- Ansonsten verlief beider Schicksal ähnlich: Eroberung durch
lang es ihm, sein Reich auf ein Mehrfaches auszuweiten und David, Unabhängigkeit und Feindschaft mit Israel, dann as-
in etwa das ganze Gebiet östlich des Toten Meers zu beherr- syrische und später babylonische Invasion. Ab etwa 600 v.
schen. Die dortigen Einwohner ließ er vertreiben und einen Chr. existierte das ammonitische Reich nicht mehr.
Jahwe-Tempel zerstören. Dieser wurde aller Wahrscheinlich-
keit nach vor wenigen Jahren von Archäologen ausgegraben – Die Philister
ein direkter Beleg fehlt, doch wurde kein weiterer in Frage Die Judäer lebten in ständigem Zwist mit den Philistern. Die
kamen im Zuge der »Seevölker«-Überfälle aus dem Mittel-
meerraum, vielleicht aus Kreta, genau wissen es die Exper-
Ramses III. erschlägt Krieger der Seevölker, dargestellt auf ten noch nicht. Damit aber waren sie keine Semiten, ge-
einem Relief des Totentempels Medinet Habu. Laut Inschriften hörten also einer anderen Sprache und Kultur an. Sie integ-
siedelte er einige aber auch als Grenzschutz in Palästina an. rierten sich nie in die Gesellschaft der südlichen Levante,
AKG IMAGES / FRANÇOIS GUÉNET

16  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
sondern waren bestrebt, ihren Sonderstatus zu behalten. Sie Einzelfällen erreicht. Im Norden wurde Ugarit, eine der Met-
ließen ihre Kinder nicht beschneiden und hatten einen an- ropolen der spätbronzezeitlichen Welt, von den Seevölkern
deren Kult. Auch lebten sie nicht in kleinen Dörfern: Ihr Ho- zerstört. Die weiter südlich gelegenen Hafenstädte scheinen
heitsgebiet wurde von den fünf Hauptstädten Gaza, Aschke- dagegen nach unserem heutigen Wissen von solchen Atta-
lon, Aschdod, Gat und Ekron aus verwaltet (siehe den Beitrag cken verschont geblieben zu sein. Erst wieder im Bereich des
S. 18), daneben gab es kaum Siedlungen. heutigen Haifa liegt eine Ortschaft, die offenbar um 1200 v.
Zur Zeit Davids drangen die Philister mit Waffengewalt Chr. erobert wurde. Die Gründe für diese Verschonung der li-
ins Bergland vor. Dies führte dazu, dass Judäer den Söldner- banesischen Küste durch die Seevölker sind leider nicht be-
führer David zum König wählten. Nach einigen Schlachten kannt. Auf jeden Fall konnte sich dort aber die alte kanaanäi-
waren die Grenzen zwischen beiden Ethnien offenbar eini- sche Kultur weiterentwickeln, gepaart mit dem wirtschaftli-
germaßen stabil, es wurden keine größeren Streitigkeiten chen Zwang, auf dem Mittelmeer Handel zu treiben und
überliefert, allerdings gibt es auch keine Berichte über Ko- damit immer auch ein wenig multikulturell zu sein.
operationen zwischen Philistern und Judäern. Tyrus und Sidon waren diejenigen Stadtstaaten, die un-
Eine der berühmtesten Geschichten des Alten Testaments mittelbar an Israel angrenzten. Wechselweise dominierten
ist zweifelsohne diejenige vom Kampf zwischen dem mit sie die Region. Ihr Einfluss reichte zur Zeit Davids wohl bis
nichts als einer Steinschleuder bewaffneten Hirtenjungen nach Akko. Weil Salomo für seinen Palast- und Tempelbau
David und dem übermannsgroßen und hochgerüsteteten Holz aus dem Libanon gegen Gebietsbesitz eintauschte, bil-
Philisterhelden Goliath. In 1. Samuel 17, 5 – 6 wird dessen Rüs- dete das 15 Kilometer südlich von Akko gelegene Karmelge-
tung so beschrieben: »Der hatte einen ehernen Helm auf sei- birge ab dem späten 10. Jahrhundert v. Chr. die Grenze zu Is-
nem Haupt und einen Schuppenpanzer an, und das Gewicht rael. Damit hatte dieses seinen Zugang zum Mittelmeer ver-
seines Panzers war 5000 Lot Kupfer, und an seinen Beinen loren, die Phönizier aber fruchtbares Ackerland gewonnen.
hatte er eherne Schienen und ein ehernes Sichelschwert auf Wie alle Staaten Syrien-Palästinas mussten auch die phö-
seiner Schulter.« nizischen Städte Tribute an die Assyrer entrichten. Sie waren
Die philistäischen Krieger sahen aber, wie die Abbildun- aber auch als Partner interessant: Assur profitierte mit Hilfe
gen von Medinet Habu zeigen, ganz anders aus. Metallhelme seiner Vasallen vom lukrativen Seehandel. Tyrus lag zudem
besaßen nur die Assyrer und Urartäer; einen Schuppen- auf einer Insel einige hundert Meter vor der Küste; alle Er-
panzer trugen die Soldaten der Kanaanäer und Ägypter; oberungsversuche scheiterten (erst Alexander dem Großen
ebenso das Sichelschwert, während die metallenen Schien- gelang es Jahrhunderte später, die Stadt einzunehmen – er
beinschützer Militaria der Griechen waren. Die biblischen ließ einen verbindenden Damm aufschütten).
Autoren schilderten Goliath demnach als einen Überkrieger, Der israelitische König Ahab heiratete im 9. Jahrhundert
der alle Waffensysteme seiner Zeit vereinigte – und damit v. Chr. die phönizische Königstochter Isebel. Mit Hilfe von Is-
wohl alle potenziellen und realen Gegner Israels und Judas rael war es nun den Phöniziern möglich, die auf dem Meer
zusammen repräsentierte. gehandelten Waren ins Binnenland zu befördern – eine Win-
win-Situation für beide Seiten. Der Handel blühte auf, jeder
Die Phönizier profitierte davon. Auch unter babylonischer Herrschaft konn-
Sie selbst bezeichneten sich stets als Bewohner ihrer Stadt- ten Sidon und Tyrus ihre wirtschaftliche Stellung bewahren.
staaten, also zum Beispiel als Tyrenier oder Sidonier. Der Unter der Herrschaft der Perser dehnten sie ihr Territorium
fruchtbare Küstenstreifen des heutigen Libanon und Syriens sogar bis nach Jaffa nahe des heutigen Tel Aviv aus.
war zu schmal für ausgedehnten Ackerbau. Doch in ihrem
Abschnitt lebten im Flachwasser Purpurschnecken, die den Die Tschekker
wertvollsten Färbestoff der Antike lieferten. Das Purpur gab Wie die Philister waren die Tschekker eine Gruppe der See-
den Phöniziern auch den beispielsweise von Homer überlie- völker, die sich an der Levante ansiedelten, genauer: im Ge-
ferten Namen: griechisch »Phoinikos«, auf Linear-B-Täfel- biet zwischen dem heutigen Tel Aviv und dem Karmelgebir-
chen steht die mykenische Bezeichnung »ponikilo« zu lesen. ge. Von ihnen wissen wir nur aus dem Reisebericht des Wen-
Ansonsten waren die Ressourcen der Region beschränkt. Amun, der als ägyptischer Einkäufer nach dem Libanon
Das angrenzende Bergland war schwer zugänglich. Dort al- unterwegs war. Im Hafen von Dor, dem politischen Zentrum
lerdings gedieh ein weiterer wertvoller Schatz: Zedern- und der Tschekker, wurde ihm sein Geld gestohlen.
Zypressenwälder. Zedern werden bis zu 40 Meter hoch, Zyp- Ausgrabungen dort zeigten, dass die Stadt in der Mitte des
ressen bis zu 30 Meter. Beide lieferten das wertvollste und 9. Jahrhunderts v. Chr., also etwa zur Zeit Ahabs, zerstört und
beste Bauholz des gesamten Orients. nach einem völlig anderen Muster wieder aufgebaut wurde.
Für die Frühzeit der Phönizier besitzen wir leider nur we- Wahrscheinlich hatten Israeliten sie erobert und in ihr Reich
nige schriftliche Belege. Auch die archäologischen Grabun- eingegliedert. Damit hatte Israel gut 50 Jahre nach dem
gen im Bereich des heutigen Staates Libanon – zum kurzen Tauschhandel des Salomo wieder einen eigenen Hafen.  Ÿ
syrischen Küstenabschnitt gibt es noch keine aussagefähi-
gen Grabungen – haben Schichten jener Zeit bislang nur in Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1375994

WWW.SPEK TRUM .DE 17


Ruinen eines Altars oder
Tempels in Aschdod
zeigen: Die Philister
waren ein Volk hoher
Kultur.
AKG IMAGES / ERICH LESSING

18  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
PHILISTER

Verkanntes
Kulturvolk
Den Autoren der Bibel galten sie als Erzfeinde
und unkultivierte Barbaren. Die archäologischen
Funde jedoch zeichnen ein differenzierteres
Bild der Philister.
Von Elisabeth Yehuda

E
kron, Gath, Gaza, Aschdod und Aschkelon sind fünf fahrung machen, dass es selten von Vorteil ist, eine Frau aus
Namen, die wohl jeder biblische Archäologe im Feindesvolk zur Gespielin zu haben. Sie verriet den Philis-
Schlaf herbeten kann. Einst hatten diese fünf Stadt- tern, dass seine langen Haare das Geheimnis seiner über-
staaten eine politische und ökonomische Allianz an menschlichen Kraft seien, mit den absehbaren Folgen. David
der südlichen Levanteküste gebildet, heute bekannt als Pen- soll dem israelitischen Heer bereits als Jugendlicher demons-
tapolis (griechisch für »fünf Städte«). Ihre Bewohner waren triert haben, wie man selbst philistäischen Hünen wie Go-
am Ende der Spätbronzezeit aus der Ägäis gekommen – als liath beikommt – mit einer Steinschleuder, der Waffe der
Teil der seit dem 19. Jahrhundert als Seevölker bezeichneten Schafhirten.
Invasoren, ein Schrecken für die Mittelmeeranrainer. Freilich bedürfen solche Ausführungen der kritischen Be-
Die Autoren der Bibel kannten diese Bezeichnung nicht trachtung, denn die Propheten waren stets Partei. Wenn sie
und fassten die Vielzahl der ethnisch sicher verschiedenen also Nichtisraeliten als moralisch und kulturell niedrig ste-
Gruppen unter einem Namen zusammen: die Philister. Von hend beschrieben, musste das keineswegs der Realität ent-
Josua bis Jeremia galten diese den Propheten als unkultivier- sprechen.
te Erzfeinde, und jedweder Kontakt war kriegerischer Natur. Schon Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. erwähnten ganz
So etwa in der biblischen Geschichte über die Schlacht bei andere Quellen dieses ethnische Gemisch, aus dem die Phi-
Eben-Eser: Die Philister siegen, erobern die Bundeslade und
stellen sie obendrein im Tempel ihres Gottes Dagan in Asch-
AUF EINEN BLICK
dod auf. Später, nach der Schlacht auf dem Gilboa, liefern sie
ein weiteres Beispiel ihrer Abscheulichkeit: Sie enthaupten
VERFEMTEMIGRANTEN
Israels König Saul und dessen Söhne, dann drapieren sie die
Leichen an der Stadtmauer von Beth Shean.
Der getötete Herrscher war der Bibel nach allerdings auch
1 Im Alten Testament ist immer wieder von einem Volk der Phi-
lister die Rede. Sie waren offenbar die Erzfeinde Israels, die von
ihren Städten an der Küste aus ins Bergland einfielen. Die Über-
nicht zimperlich gewesen. Er hatte einmal von seinem Heer- lieferungen schildern sie als grausam, ohne Sitte und Anstand.
führer David 100 philistische Vorhäute als Brautgabe für sei-
ne Tocher Michal verlangt. Worauf der gleich 200 ablieferte. 2 Vermutlich gehen die Philister auf eine in ägyptischen Annalen
als Peleset bezeichnete Gruppe innerhalb der so genannten
Seevölker zurück, die ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. in den östlichen
Und auch Jahwe – zu dieser Zeit noch nicht Staatsgott Isra-
Mittelmeerraum vordrangen.
els – ließ sich nicht lumpen und bestrafte den Raub der Lade
mit qualvollen Krankheiten.
Die legendärsten biblischen Begegnungen mit den Philis-
3 Hungersnöte und Überbevölkerung dürften sie aus einem Ge-
biet, das von Zentralgriechenland bis Westanatolien reicht, ver-
trieben haben. Die Ruinen ihrer fünf großen Städte zeigen eher,
tern hatten zweifellos Samson und David. Samson, der schon dass die philistäische Kultur jener der Stämme Israels überlegen war.
im Mutterleib Jahwe geweihte Krieger, musste die bittere Er-

WWW.SPEK TRUM .DE 19


Propagandaabsicht. Selbst ein unentschiedener Schlachtaus-
gang wäre noch als klarer Sieg dargestellt worden.
Daher entbrannte unter Bibelarchäologen und Altorienta-
listen schon vor Jahrzehnten ein Streit über den Wahrheits-
gehalt der ägyptischen Darstellungen. Ein Teil der Forscher
hält sie für verlässlich, und demnach hätte Ramses tatsäch-
lich Angehörige der Seevölker in seinem Reich angesiedelt.
Wo aber blieb dann der materielle Abdruck ihrer Kultur?, dies
fragen die Gegner der These. In Ägypten selbst finden sich
kaum entsprechende Hinterlassenschaften.

Die Landnahme der Philister


Eine andere Gruppe stimmt der Siegestheorie zwar prinzipi-
ell ebenfalls zu, doch Ramses III. habe ihr zufolge nur einen
kleinen Teil der von ihm abgewehrten Angreifer in Ägypten

AKG IMAGES
angesiedelt. Der große Rest habe sich nach Kanaan zurückge-
zogen, also in die Ebene zwischen Jordantal und Küste, begin-
Die Legende von David und Goliath in einer Buchmale­ nend etwa auf Höhe des Toten Meers und endend ungefähr
rei des 13. Jahrhunderts. am See von Galiäa. In diesem Gebiet wurden Mitte des
12. Jahrhunderts v. Chr. Städte wie Hazor, Ekron und Megiddo
zerstört. Es ist unklar, ob dafür Seevölker verantwortlich wa-
lister dereinst hervorgehen sollten: Die Seevölker waren ren, Israeliten – die damals noch ausschließlich im Bergland
auch in den so genannten Amarnabriefen ein Thema, unter lebten (siehe den Beitrag S. 6) – oder sonstige kanaanitische
anderem in der Korrespondenz zwischen Ägypten und sei- Stämme. Tatsache ist, dass Ägypten in jener Zeit die Kontrol-
nen Stellvertretern in den Provinzen. Darin beschwerten sich le über die Region verlor und andere Kulturen die Chance zur
diese beim Pharao über Gruppen, die von Norden kommend Landnahme nutzten, darunter die Invasoren aus dem Nor-
die Küstenorte plünderten. Etwa ein dreiviertel Jahrhundert den. Auch wenn man bis heute über den genauen Hergang
später, zur Zeit Ramses II. (regierte vermutlich von 1279 bis diskutiert, so steht doch fest, dass Fremdvölker ab der 2. Hälf-
1213 v. Chr.), terrorisierten Piraten derselben Herkunft das te des 12. Jahrhunderts v. Chr. dauerhaft an der südlichen Le-
Nildelta, und sein Nachfolger Merenptah (etwa 1213 – 1204 v. vanteküste präsent waren – ihre Hinterlassenschaften sind
Chr.) musste einen Aufstand der Libyer und Nubier nieder- unübersehbar.
werfen, dem sich namentlich genannte Stämme der See- Damit kommen nun die Archäologen ins Spiel. Die erste
völker angeschlossen hätten. Ramses III. (1188 – 1156 v. Chr.) Frage, die sie anhand von Artefakten zu klären versuchen,
wehrte erfolgreich weitere Überfälle ab. Die Annalen nennen
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK

unter anderem die Stämme Thekker, Shekelesh, Denyen, We- N


shesh und erstmalig auch Peleset. Die Letztgenannten sind Jaffa
nach allgemeiner Auffassung identisch mit den Philistern 0 25 km

Jor dan
der Bibel. Bethel
r

Details zu den Geschehnissen verraten die Außenwände


e
e

von Medinet Habu, des Totentempels Ramses III. in der Nähe


l m

von Luxor. Um seine Taten nachfolgenden Generationen in Aschdod Ekron JERUSALEM


e

Erinnerung zu halten, veranschaulichten prachtvolle Reliefs


t

die zahlreichen Siege des Pharaos, während Inschriften Er-


i t

Aschkelon
r
Mee

klärungen beisteuerten. Tausende seien von Inseln im Meer


M

Gat
gekommen und über das Reich hergefallen. Diese ersten au-
ßerbiblischen Zeugnisse für die Ankunft der Philister im
s

Hebron
To t e

südöstlichen Mittelmeerraum ergänzt der so genannte Gro- Gaza


ße Papyrus Harris, eine zur Herrschaftszeit Ramses IV. (ab
etwa 1153 v. Chr.) erstellte Chronik, die sich eingehender als
Medinet Habu mit den kriegerischen Auseinandersetzungen
philistäische Pentapolis
im achten Regierungsjahr Ramses III. beschäftigt. Aus diesen
Dokumenten geht hervor, dass der Pharao etliche der Besieg-
ten zum Schutz ägyptischen Bodens in Garnisonen ange- Die philistäische Pentapolis war eine politische
siedelt hat. Allerdings ist hier wie bei der Auslegung der Bibel und ökonomische Allianz von autonomen Stadt­
Vorsicht geboten, denn solche Texte hatten eine klare staaten in der südöstlichen Levante.

20  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
AKG IMAGES / HERVÉ CHAMPOLLION
Inschriften an den Wänden des Totentempels in Medinet Habu Dabei verlief ihre Migration offenbar in Etappen, und
berichten vom Sieg Ramses III. über die Seevölker. Dieser Aus­ manche Philister zogen erst gar nicht bis nach Ägypten. In
schnitt zeigt gefangene Denyen, Thekker und/oder Philister. Tel Hamath und Aleppo, also nördlich von Kanaan im heuti-
gen Syrien gefundene Inschriften aus der Zeit zwischen dem
11. und 10. Jahrhundert v. Chr. sprechen von einem »König
lautet: Woher kamen diese Seevölker? Doch eine eindeutige Taita, Held des Landes von Walastin« beziehungsweise »Taita,
Antwort wird es nie geben, denn offenbar handelte es sich König und Held von Patasatini«. Auch auf einer Inschrift aus
um verschiedene Volksstämme, die nur eines sicher ver- dem erwähnten Tel Tayinat taucht der Name »Walistin« auf.
band – ihre Herkunft aus dem ägäischen Raum. Einige For- Taita war offensichtlich König eines Landes, dessen Namen
scher lokalisieren sie eher im östlichen Teil, andere im west- Walistin und Patasatini nach Ansicht von Linguisten Ähn-
lichen. Während die einen Karien, Lydien oder den westana- lichkeit mit der ägyptischen Bezeichnung »Peleset« wie auch
tolischen Raum für wahrscheinlich halten, vermuten die mit den »Philistern« aufweist.
anderen Sardinien, Italien und Sizilien.
Wie kompliziert das Ganze ist, illustriert der Fundplatz Tel Ein komplexes Geflecht von Gründen
Tayinat in der Nähe von Antakya nahe der südtürkischen Was aber brachte diese Menschen überhaupt dazu, ihre wo
Küste. Der Ort gehörte im 12. Jahrhundert v. Chr. zum Ein- auch immer gelegene Heimat zu verlassen? Dürre und Hun-
flussbereich der Hethiter. Die dort gefundene Keramik äh- gersnöte könnten Ursachen gewesen sein. Assaf Yassur-
nelt einerseits jener der späteren philistäischen Städte in Landau, Archäologe der Universität Haifa hält auch soziale
Kanaan, könnte also eine Vorstufe dazu gewesen sein, ande- Faktoren wie politische Instabilität und Überbevölkerung für
rerseits trägt sie deutlich ägäische Stilmerkmale. Möglicher- Auswanderungsgründe. An der Wende vom 13. zum 12. Jahr-
weise hatte sich eine Gruppe der Seevölker dort für eine ge- hundert v. Chr. befand sich der südöstliche Mittelmeerraum
wisse Zeit angesiedelt. Für eine sozusagen intermittierende im Umbruch. Zypern wurde 1200 v. Chr. verwüstet, der Stadt-
Migration spricht auch die Vielzahl an Frisuren, die Seevöl- staat Ugarit zwischen 1194 und 1187 v. Chr. ausgelöscht. Zur
kerfrauen und -kinder in den Medinet-Habu-Reliefs tragen: selben Zeit wurde Tarsus, die Haupstadt des kilikischen Kö-
Auf dem Weg nach Süden gab es immer wieder Phasen der nigreichs, erobert, und auf der Peloponnes brach die myke-
festen Ansiedlung, in denen man mit Frauen anderer Eth- nische Palastkultur zusammen. Nicht wenige Forscher sehen
nien Kinder zeugte. hier sogar die Ursprünge der Seevölker: Manch ein mykeni-
Der Ursprung der Denyen, Thekker und Philister lässt sich scher Fürst mag sein Volk in die Fremde geführt haben, um
etwas genauer einkreisen. Es war wohl nicht Zypern, wie in neuen Lebensraum zu finden oder eben durch Plündern die
der Bibel zu lesen. Doch die Federhelme, die Vertreter dieser verlorenen Ressourcen zu ersetzen.
so bezeichneten Stämme auf den Medinet-Habu-Reliefs tra- Der verbreiteten These, dass Großmächte wie zum Beispiel
gen, können Archäologen immerhin in ein Gebiet von der das hethitische Reich unter dem Ansturm der Seevölker zu-
Ostküste Zentralgriechenlands über die Peloponnes bis hin sammengebrochen seien, widersprechen einige Archäologen,
nach Westanatolien verorten. darunter auch Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs

WWW.SPEK TRUM .DE 21


»RessourcenKulturen« der Universität Tübingen. Sie sehen Keramik liefert einen deutlichen Hinweis darauf. Bei Aus-
eher ein Geflecht unterschiedlicher Faktoren am Werk, das in grabungen der ältesten Siedlungsschichten in der Pentapolis
seiner Gesamtheit zum Untergang führte. Was auch immer kamen Unmengen lokal produzierter Keramik mit mykeni-
tatsächlich geschehen sein mag: In jedem Fall öffnete der Un- schen Stilmerkmalen zum Vorschein. Kaum ein Jahrhundert
tergang der einstigen Großmächte die Routen gen Süden. später hatten die Nachkommen der Invasoren einen neuen
Sicher taten die zur See fahrenden Neuankömmlinge in Stil entwickelt, der ägäische, zypriotische, kanaanitische und
der Südlevante mehr, als nur die Alteingesessenen zu bekrie- ägyptische Elemente miteinander verband. Weitere Jahrhun-
gen. Sie lernten vielmehr von ihnen und übernahmen, was derte später war die philistäische Keramik ganz mit den Tra-
sie als praktisch erachteten. Die so genannte philistäische ditionen der Südlevante verschmolzen.
Die Region profitierte ihrerseits und lernte. Behauene
Steinquader wurden Teil der Architektur, in der Metallverar-
beitung kamen neue Techniken auf. Darüber hinaus hat Ka-
naan den Seevölkern den Maulbeerfeigenbaum und den Lor-
beerbaum zu verdanken. Die einheimische Küche wurde um
Gewürze wie Koriander und Kreuzkümmel bereichert, und
den Verwendungszweck von Schlafmohn schließlich kann
man sich lebhaft vorstellen.

Schweinefleisch und Polytheismus


Auch in der Schifffahrt taten sich die Einwanderer durch die
Benutzung eines beweglich am Mast aufgehängten Segels,
eines mit Holzzinken versehenen Steinankers und eines
Schiffsausgucks hervor. Das dürfte den Israeliten, die alles
andere als eine Seefahrernation waren, allerdings nicht po-
sitiv aufgefallen sein. Dass das Alte Testament gegen die Phi-
lister wettert, mag mit ihren Essgewohnheiten zusammen-
hängen. Der Speiseplan der ägäischen Neuankömmlinge
enthielt neben Rind, Schaf, Geflügel und Ziege auch Schwein.
Laut der Bibel war dies den Israeliten verboten, was Archäo-
zoologen bestätigen können: Sie entdeckten keine Schweine-
knochen im Fundgut der angrenzenden, israelitisch besie-
delten Bergregionen. Die Tiere wurden von den Philistern
importiert und dann in der Levante weitergezüchtet. Gen-
vergleiche zeigen, dass die heute in Palästina heimischen
Wildschweinarten auch europäische Vorfahren haben.
Zieht man in Betracht, dass die Philister anstatt eines ein-
zigen Gottes mehrere Göttinnen und Götter verehrten, dann
AKG IMAGES / ERICH LESSING

kann man den Abscheu der spätestens ab der Religions-


reform des Königs Josia monotheistischen Israeliten nach-
vollziehen. Umso mehr, als der Stadtgott Ekrons den klang-
vollen Namen Baal-Zebub trug – für die Israeliten war Baal
die Personifikation des heidnischen Irrglaubens. Im europä-
ischen Mittelalter wurde daraus der Beelzebub, ein geläufiger
Name des Teufels.
Doch binnen 100 Jahre waren die Eindringlinge sesshaft
geworden. Das 11. Jahrhundert v. Chr. sah die Seevölkerkultur
in Kanaan aufblühen. Die Neulinge bauten groß angelegte
Städte mit geräumigen Häusern. Die Tempel zur Verehrung
ihrer Götter imponierten mit weiten Hallen, deren Säulen
halb offene Dächer trugen, Opferfeuerstellen und fahrbaren
Altären. In eben so einem Tempel des Dagan wurde laut Al-
tem Testament der gefangene und geblendete Samson dem
Ursprünglich war Baal­Zebub der Stadtgott Volk vorgeführt. Doch anstatt das philistäische Volk zu un-
von Ekron, doch in der christlichen Tradition terhalten, riss er die Pfeiler des Gebäudes ein und begrub ein
wurde aus ihm – der Teufel. paar tausend Feinde unter den Trümmern.

22  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
Den anderen Städten der Pentapolis erging es ähnlich. Ek-
ron, Aschdod, Gat und Aschkelon wurden von den assyri-
schen Königen Tiglatpileser III., Sargon II. und/oder Sanherib
erobert, zerstört und dem assyrischen Reich einverleibt oder
zu Tributzahlungen verpflichtet. Im Jahr 701 v. Chr., so berich-
tet es die Bibel, brachte gar der judäische König Hiskia den
Herrscher von Ekron und Vasallen Assurs als Gefangenen
nach Jerusalem, um seine Macht zu demonstrieren.
Der endgültige Niedergang kam schließlich Ende des
7. Jahrhunderts v. Chr. In der Schlacht bei Karkemisch 605
v. Chr. schaltete der neubabylonische König Nebukadnezar II.
Assyrien für immer, das ägyptische Reich vorübergehend
aus. Ihm stand nun der Weg in die ehemals assyrischen Ko-
lonien entlang der Mittelmeerküste offen. Ein Jahr später er-
reichte er mit seinen Truppen die südliche Mittelmeerküste,
und über Ekron, Aschdod und Aschkelon brach die Zer-
störung herein. Letztere Stadt wurde mitsamt ihren Ge-
schäftsstraßen, Tempeln und Palästen eingeäschert. Skelette
Erschlagener und eingestürzte Gebäude, verstreute Habse-
ligkeiten und zerschmettertes Hausinventar belegen die
Gnadenlosigkeit der Eroberer. In Ekron ließ eine Feuers-
brunst die Kalksteine der Häuser zerspringen. Überlebende
Einwohner wurden offenbar nach Babylonien verschleppt,
wie noch intakte Keramik in den Ruinen verrät – sie ist nie
AKG IMAGES / ERICH LESSING

mehr verwendet worden.


Im Gegensatz zu den Israeliten, die zunächst ein ähnlich
bitteres Schicksal erlitten, nach 70-jähriger Gefangenschaft
jedoch wieder in ihre alte Heimat zurückkehren durften,
blieb den Philistern offenbar eine solche Chance verwehrt.
Ausgrabungen in Aschdod legten massive Zerstörungs­ Ihre Kultur war erloschen. Das Einzige, was in Erinnerung
schichten (Pfeil) aus der assyrischen Zeit frei. blieb, war das biblische Zerrbild eines Volks, das als Perso-
nifikation des Bösen und schließlich des Dummen herhalten
musste: Seit dem 16. Jahrhundert verunglimpft die durch
In Aschkelon produzierte und exportierte man exquisite das Alte Testament aufgeladene Bezeichnung Philister Men-
Weine – und trank sie auch gern selbst, wie bei Ausgrabun- schen als Spießbürger ohne sonderliche Bildung und bar je-
gen reichlich gefundene Weinkannen belegen. Ekron erlang- den ästhetischen Empfindens.  Ÿ
te nationalen, wenn nicht gar internationalen Ruhm mit ei-
nem anderen edlen Tropfen – hochwertigem Olivenöl.
DI E AUTORI N
Laut der Bibel war es König David, der die Israeliten ver-
einte, das Königreich Israel begründete und den Philistern Elisabeth Yehuda ist Archäologin in Israel.
erstmalig Land und Vormachtstellung streitig machte (sie-
he den Beitrag S. 24). Durch archäologische und Quellenfor-
schung weiß man, dass die Seevölkernachkommen seit dem
10. Jahrhundert v. Chr. immer stärker bedrängt wurden. So
setzten ihnen die Aramäer, Assyrer und schließlich die Ba-
bylonier gehörig zu. Erstgenannte scheuten keine Mühen,
als sie um die belagerte Stadt Gat im späten 9. Jahrhundert v. QUELLEN
Chr. einen mehr als sechs Meter tiefen und über sieben Me-
Galil, G. (Hg.): The Ancient Near East in the 12th-10th Centuries.
ter breiten Belagerungsgraben nebst Wall aushoben. Dieser Ugarit, Münster 2012
schützte nicht nur die Angreifer, sondern stellte auch sicher, Killebrew, A. E., Lehmann, G. (Hg.): The Philistines and Other »Sea
dass niemand aus der Stadt entkommen konnte. Von der da- Peoples« in Text and Archaeology. Society of Biblical Literature,
Atlanta 2013
rauf folgenden exzessiven Zerstörung erholte sich Gat nie Yassur-Landau, A.: The Philistines and Aegean Migration at the End
mehr; nach der Eroberung durch die Assyrer unter Sargon II. of the Late Bronze Age. Cambridge University Press, New York 2010
im Jahr 711 v. Chr. war es nur noch eine unbedeutende Grenz-
stadt. Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1375996

WWW.SPEK TRUM .DE 23


KÖNIGTUM

David und Salomo –


nur ein Mythos?
Ein einziges Mal in ihrer Geschichte waren die Stämme Israels
unter einem gemeinsamen Königshaus vereint. Obwohl dessen
geschichtliche Wahrheit umstritten ist, prägte es die weitere
Entwicklung noch nach dem Zerfall des Gesamtreichs.
Von Wolfgang Zwickel

BALAGE BALOGH

24  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
PALAST

BALAGE BALOGH
MILLO

AUF EINEN BLICK

DERWAHREDAVID

1 Laut den Autoren des Alten Testaments engagierten die Bau-


ern Judas Söldnerführer, um unmittelbare Bedrohungen
abzuwehren: Jiftach kämpfte für sie gegen die Ammoniter, David
Als erster König über die Stämme Israels Juda gegen die Philister.

und Jerusalem verstand es David, sein Reich


zu festigen. Von seinem Palast aus, der ober­ 2 Als Gegenleistung verlangte David die Königswürde. Seine
Hauptstadt wurde Jerusalem, das zwischen beiden Territorien
lag. Sein Sohn Salomo festigte die Dynastie unter anderem durch
halb des als Millo bezeichneten Walls aufragte, die Errichtung repräsentativer Gebäude.
bekämpfte er mit seiner schlagkräftigen
Armee Feinde und Widersacher. Zudem ver­
fügte er wohl auch über einiges diplomatische
3 Archäologisch lässt sich die Existenz beider Könige kaum be-
legen, aber sie passt bestens in die allgemeine Entwicklung
der Levante im 11. und 10. Jahrhundert v. Chr.
Geschick.

WWW.SPEK TRUM .DE 25


W
er die Schriftzeugnisse des Alten Orients stu- die dem Bergland kleine Ackerflächen abtrotzten sowie Scha-
diert, wird verblüfft feststellen, dass die fe und Ziegen hielten. Ihr Leben war ärmlich, die Erträge
mächtigen Könige David und Salomo offen- reichten kaum zum Überleben. Ständig mussten sie Überfäl-
bar nur den Autoren der Bibel bekannt wa- le durch Beduinen und Habiru genannte bewaffnete Banden
ren – kein ägyptischer und kein mesopotamischer Text er- befürchten (siehe den Beitrag S. 6); zudem expandierten die
wähnt sie. 1993 und 1994 entdeckte aber der israelische Philister in die hoch gelegenen Gebiete (siehe den Beitrag
Archäologe Avraham Biran bei Grabungen in Tel Dan zumin- S. 18). Eine feste, übergreifende politische Organisation gab
dest Fragmente einer aramäischen Königsinschrift aus dem es nicht. Zwar hatten sich mittlerweile die in der Bibel gelis-
9. Jahrhundert v. Chr., die von einem »Haus Davids« spra- teten Stämme herausgebildet (siehe Karte S. 8): Ascher, Naf-
chen. Der französische Epigrafiker André Lemaire vertrat tali, Sebulon, Issaschar, Manasse, Gilead, Machir, Ruben, Gad,
1994 zudem die Ansicht, auch an einer nur schlecht erhalte- Efraim und Benjamin. Sie bildeten aber nur ein loses Stam-
nen Stelle der so genannten Mescha-Inschrift sei sie zu lesen mesbündnis namens Israel, in dem man einander nur dann
(siehe Bild S. 30). Die Kombination des Wortes Haus mit dem half, wenn es sich für einen selbst lohnte. War beispielsweise
Namen eines Dynastiegründers ersetzte in altorientalischen der fragliche Kriegsschauplatz weit entfernt und drohte
Texten häufig die Bezeichnung eines ganzen Landes. Zumal obendrein keine Gefahr für das eigene Territorium, dann
die letztgenannte Inschrift Eroberungen des Königs Mescha hielt man sich gerne zurück.
von Moab in Gebieten Israels und Judas rühmt, zweifelt Auch der zwölfte biblische Stamm Juda war aus zuvor ei-
kaum noch ein Experte an der historischen Wirklichkeit Da- genständig agierenden Klans hervorgegangen, blieb aber
vids und damit der Königtümer Israel und Juda im 11. und dem genannten Bündnis fern; etwa 3000 Menschen lebten
10. Jahrhundert v. Chr. in dem vergleichsweise kleinen Territorium im südlichen
Allerdings dürften beide bei Weitem nicht so glorreich ge- Bergland.
wesen sein, wie es die Bibel schildert. In der fraglichen Zeit Alles in allem waren die Zeiten unsicher. Kein Bauer konn-
lebten westlich des Jordans etwa 40 000 bis 50 000 Bauern, te darauf vertrauen, dass ihm Ernte und Tiere nicht geraubt
1000 v. Chr.

800 v. Chr.

700 v. Chr.

600 v. Chr.

500 v. Chr.
Rehabeam 926 – 910
Abija 910 – 908
Asa 908 – 868
König von Israel Joschafat 868 – 847
Saul ~ 1000 Joram 852 (zunächst Mitregent)/847 – 845 1. Eroberung Jerusalems
durch die Babylonier 597
Ahasja 845
David ~ 1004 – 965
Salomo ~ 965 – 926 Atalja 845 – 840
2. Eroberung Jerusalems
Joasch 840 – 801 durch die Babylonier 587
Jerobeam I. 926 – 907
Amazja 801 – 773
Nadab 907 – 906
Asarja/Usija 787 (zunächst Mitregent)/773 – 736
Bascha 906 – 883
Jotam 759 – 744 (Mitregent)
Ela 883 – 882
Ahas 744 (zunächst Mitregent)/736 – 725
Simri 882
Hiskia 725 – 697
Omri 882/878 – 871
Ahab 871 – 852 Manasse 696 – 642
Könige von Israel und Juda Ahasja 852 – 851 Amon 641 – 640
Könige in Israel Joram 851 – 845 Josia 639 – 609
Könige in Juda Jehu 845 – 818 Eroberung Samarias 722 Joahas 609
Joahas 818 – 802 Jojakim 608 – 598
Joasch 802 – 787
Mit Saul fasste das Königtum im Jojachin 598 – 597
Jerobeam II. 787 – 747
Bergland Palästinas Fuß. David und Zedekia 597 – 587
Sacharja 747
Salomo vereinten die Stämme Gedalja Statthalter in Mizpa
Sallum 747
Israel und Juda, doch nur für kurze
Menachem 747 – 738
Zeit. Jahrhundertelang agierten
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

Pekachja 737 – 736


beide Reiche unabhängig vonei­
Pekach 735 – 732
nander – und oft als Rivalen.
Hosea 731 – 723

26  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
würden. Jeder neidete dem Nachbarn seine guten Äcker,
Grenzstreitigkeiten waren üblich. In einer solchen Lage hoff-
Verlockendes Gold
ten wohl nicht wenige darauf, es werde ein Mächtiger kom-
men, der für Recht und Ordnung sorgte. Ein erster Schritt zu Die aufstrebenden Königreiche der Levante veranlassten
einer festen Führungsstruktur erfolgte laut dem Alten Testa- Ägypten zu einem mehrmonatigen Feldzug.
ment im Ostjordanland. Die dort lebenden Gileaditer wur-
den von ihren Nachbarn, den Ammonitern, immer wieder Das Interesse der Pharaonen an Palästina (siehe »An der lan-
überfallen. Da traf es sich gut, dass ein Habiru-Anführer na- gen Leine«, S. 9) erwachte wieder in der zweiten Hälfte des
mens Jiftach selbst aus Gilead stammte. Also versuchte man 10. Jahrhunderts. Inzwischen regierten die Bubastiden den
ihn samt seiner Truppe zu engagieren. Jiftach aber verlangte, Pharaonenstaat – aus Libyen stammende Söldnerführer, die
dass man ihm die Kriegsführung dauerhaft übergebe. Da die in der Deltastadt Bubastis Grundbesitz und Einfluss erlangt
Gileaditer kaum eine Wahl hatten, willigten sie ein. Es kam hatten. Scheschonk I. bestieg 945 v. Chr. den Thron und be-
sie wohl auf lange Sicht billiger, als immer wieder Äcker zu gründete die 22. Dynastie. 926 v. Chr., im fünften Jahr der Re-
verlieren – oder gar das Leben im Kampf. So gab es nun ver- gierung des judäischen Königs Rehabeam, ging Scheschonk
mutlich erstmals einen fest angestellten Militärführer in ei- in Südpalästina für mehrere Monate auf Beutezug – die
nem israelitischen Stamm. Herrscher dort galten als reich. Anders als es unserem heuti-
Die Verhältnisse aus der Zeit um 1000 v. Chr. schildert das gen Verständnis entspricht, beinhaltete dieses Attribut
erste Buch Samuel. Erneut litt Gilead unter den Ammonitern, nicht unbedingt Edelmetalle und kostbare Steine, sondern,
und die Einwohner baten die anderen Stämme Israels um wie Beutelisten verraten, auch Getreide, Nutztiere und Skla-
Unterstützung. Da ergriff Saul aus dem Stamm Benjamin die ven. 165 judäische und israelitische Städte wurden geplün-
Initiative. Er zerhackte einige Rinder und versandte die Stü- dert, verrät eine Feldzugsliste am Amun-Tempel von Karnak,
cke im ganzen Land mit der Botschaft: »Wer nicht mit mir in die sie als Gefangene darstellt, die man dem Pharao zuführt.
den Krieg zieht, dessen Tieren soll es genauso ergehen wie Anhand dieser Aufzählung lässt sich der Ablauf dieser Expe-
diesen!« Durch solche Androhung brutaler Gewalt gelang es dition grob rekonstruieren. Allerdings hatten solche Listen
Saul, alle Stämme zu einem gemeinsamen Feldzug zu zwin- nicht das Ziel, darüber wirklich zu informieren – es handelte
gen. Weil er diesen obendrein gewann, erkannten die Stam- sich um reine Propaganda. Daher entspricht die Reihenfolge
mesältesten den Sinn einer übergeordneten Führungsstruk- der aufgeführten Orte nicht notwendigerweise dem zeitli-
tur und wählten Saul zum ersten König über Israel. chen Ablauf des Feldzugs.
Saul war also nicht nur für die militärischen Belange zu-
ständig, sondern hatte sich auch um die Infrastruktur des Als Reaktion verlegte Israels König Jerobeam I. seine Resi-
Landes zu sorgen und fungierte als oberster Richter. Dieser denz zeitweilig von Sichem nach Pnuel im Ostjordanland (1.
Titel entsprach dennoch nicht dem späteren Amt, er war mit Könige 12,25). Sein Amtskollege Rehabeam agierte geschick-
weit weniger Befugnissen und Mitteln ausgestattet. Sauls Kö- ter; er konnte seine Residenz offenbar freikaufen – in der ge-
nigshof umfasste neben seiner schon vorhandenen eigenen nannten Plünderungsliste taucht Jerusalem nicht auf. Aller-
Dienerschaft zusätzlich nur eine Leibwache, einen persönli- dings musste der König dem Alten Testament zufolge auf
chen Waffenträger sowie einen Heerführer, der die Bauern in die Schätze des Tempels und des Palastes zurückgreifen.
der Schlacht anführen sollte. Goldene Schilde aus der Zeit Salomos seien durch eherne er-
setzt worden.
Ein schlanker Staat Auf eine dauernde Besetzung Palästinas hatte es Pharao
Auch seine Nachfolger David und Salomo verfügten laut Bi- Schoschenk aber offenbar nicht angelegt. Er wäre wohl auch
bel über einen bescheidenen Mitarbeiterstab. Ersterer hatte kaum in der Lage gewesen, dort ständig Truppen zu unter-
zusätzlich einen Kanzler, der seine Termine regelte, einen halten. So plötzlich die Ägypter gekommen waren, so plötz-
Schreiber, um alle Geschäfte des Königshauses zu notieren, lich verschwanden sie wieder. Manfred Clauss
sowie einen Oberaufseher für die Fronarbeiten. Letzterer
entsprach gewissermaßen einem Finanzminister, denn Steu-
ern waren noch keine einzutreiben. Stattdessen brachte je-
dermann seine Arbeitskraft für das Gemeinwohl ein, was der Der junge David war ebenfalls ein Habiru gewesen, der
Oberaufseher organisierte und überwachte. Unter Salomo sich als Söldnerführer durchschlug. Und auch er wusste die
kamen weitere Ämter hinzu: ein Palastvorsteher für die Or- Gunst der Stunde zu nutzen: Als die Philister Judas Bauern
ganisation der königlichen Wohnstatt; Vögte in verschiede- bedrohten, handelte er dort die Königswürde aus. Mit seinen
nen Teilen des Landes, um dort die königlichen Vorgaben di- Kämpfern kontrollierte er das Land, und manch einer mag
rekt umzusetzen, und schließlich ein Berater. Auch dieser ihn eher einen Tyrannen genannt haben. Doch vielen seiner
Personalbestand war also überschaubarer als etwa die Beam- Untertanen galt er als charismatischer Anführer in schweren
tenschaft im Israel des 8. Jahrhunderts v. Chr. (siehe den Bei- Zeiten. Zudem scheint David bei den Frauen gut angekom-
trag S. 57). men zu sein – etwa ein Dutzend hat er im Lauf seiner Amts-

WWW.SPEK TRUM .DE 27


zeit geheiratet. Das hatte aber zudem politische Gründe: Intrigen. Am Ende setzte sich Salomo durch, obwohl er nur
Über seine Gemahlinnen verband er sich geschickt mit der Nummer elf in der Thronfolgerliste war. Sofern man den bi-
Familie Sauls von Israel ebenso wie mit Geschur, einem Kö- blischen Texten Glauben schenken darf, war er ein ganz an-
nigtum nördlich Israels. derer Typ als sein Vater, weise statt unerbittlich. Doch sein
David war also keineswegs der sympathische, künstle- Anliegen war auch nicht weiterer Zugewinn an Macht, son-
risch begabte König, als der er in den Legenden erscheint, dern deren Stabilisierung. Dazu gehörten nach den Gepflo-
sondern ein Machtpolitiker, der seine Interessen notfalls mit genheiten der Zeit repräsentative Bauwerke wie ein Palast
Gewalt durchsetzte. Weil er selbst auf Seiten der Philister ge- und ein Tempel. David hatte an dergleichen entweder kein
kämpft hatte, kannte er deren Schwächen und Strategien, Interesse gehabt oder sich angesichts zahlreicher Anfein-
und machte sich dieses Wissen ohne jegliche Loyalitätsbe- dungen nicht die Zeit dafür genommen. Es lässt sich ihm bis-
denken zu Nutze. All das machte ihn für die Stämme Israels lang kein einziges Monument literarisch oder archäologisch
vermutlich zum geeigneten Kandidaten, nach dem Tod Sauls zuschreiben.
ihren Königsthron zu besteigen. Zwar sind derartige Zuweisungen auch bei Salomo proble-
Wo aber sollte er als Doppelkönig residieren? Wäre He- matisch, aber der schriftlichen Überlieferung nach veran-
bron, damals Judas Hauptstadt, zum Zentrum des geeinten lasste er die Errichtung zweier Prunkbauten: Palast und Tem-
Reichs geworden, hätte die Bevölkerung des rund zehnmal pel. Ersterer war der größere und prächtigere von beiden. Sei-
größeren Nordreichs sicherlich protestiert. Mit einer Haupt- ne Bauzeit betrug 13 Jahre. Zum Palast gehörte laut dem
stadt dort wiederum hätte David das Südreich verraten, dem Alten Testament insbesondere das Libanonwaldhaus, das 50
er selbst entstammte und das ihn sozusagen als Ersten er- Meter lang, 25 Meter breit und 15 Meter hoch war – für die da-
wählt hatte. Genau auf der Grenze zwischen beiden aber lag malige Architektur gewaltige Dimensionen. Im Inneren
Jerusalem, einer der wenigen kanaanäischen Stadtstaaten, stützten mächtige Zedernstämme die Decke, so dass fast der
die die Krise um 1200 v. Chr. überstanden hatten. Es war Eindruck eines Waldes entstand, daher die Bezeichnung. Nur
nicht gerade eine glänzende Metropole – auf vier Hektar Flä- im hohen Gebirge des Libanon wuchsen solche Bäume, sie
che wohnten bloß etwa 600 Einwohner. Doch indem David lieferten das wertvollste Bauholz der Antike, und das Wald-
diese Bergfestung mit seinen eigenen Kriegern eroberte, haus kostete Salomo im Tausch die gesamte Bucht von Akko.
machte er Jerusalem im wahrsten Sinn des Wortes zu seiner An dieses Gebäude schloss sich eine 25 mal 15 Meter breite
Stadt: Sie gehörte nur ihm allein, er war damit ein dreifacher Säulenhalle an, außerdem eine Thronhalle und zu guter
König geworden. Letzt zwei Wohnhäuser für den König beziehungsweise für
seine Frauen. Insgesamt maß der Palast also fast 100 mal 25
El kontra Jahwe Meter!
In der Kapitale gab es vermutlich bereits Experten für Ver- Aber auch der Tempel war nicht klein (siehe den Beitrag
waltungsangelegenheiten, was ihm zugutekam. Denn David S. 44), allein der Hauptraum umfasste 30 mal 10 Meter und
brachte keinerlei Erfahrungen in der Organisation eines war 15 Meter hoch. Im hinteren Drittel befand sich den alten
Staats mit, auch wenn wohl nur wenige derartige Aufgaben Berichten nach ein riesiger Thron, auf dem man sich den
auf ihn warteten. Eine davon lautete: Jerusalem zu dem Ort Gott Jahwe sitzend dachte – ein Bild durfte man sich be-
zu machen, an dem der Schutzgott des Königreichs verehrt kanntlich nicht von ihm machen. Vor dem Tempel stand ein
wurde. Dabei standen offenbar mehrere Kandidaten zur Aus- kupfernes Becken mit fünf Meter Durchmesser, das den Süß-
wahl. In Israel sorgte der Gott El für Sicherheit – der Landes- wasserozean des Himmels repräsentieren sollte, gemäß alto-
name bedeutet »der Gott El kämpft«, während David und rientalischen Vorstellungen die Quelle des Regens. In einem
seine Habiru zu einem Gott Jahwe beteten, wie etliche Perso- Land, in dem das Überleben der Gemeinschaft von den Nie-
nennamen aus seinem Umfeld verraten: Benaja, Jonatan, derschlägen der Wintermonate abhing, oblag es dem Natio-
Joab und Urija enthalten das Element »-ja« oder »Jo-« als Kür- nalgott, für Regen zu sorgen.
zel für Jahwe. Dieser wurde nun der Gott des Könighauses Tempel- und Palastbauten waren teuer, doch Salomo ver-
und damit der Nationalgott des vereinten Reichs. fügte nicht nur über Land, das er im Tausch anbieten konnte.
David befreite aber auch die von den Philistern geraubte Die Bibel berichtet, dass das Gebiet Edoms damals zu Juda
Bundeslade Israels und brachte sie nach Jerusalem. Dieser gehörte, ein kleines Territorium mit einigen hundert Ein-
Holzkasten, auf dem man das Bild des Gottes El aufgestellt wohnern südöstlich des Toten Meers. Was die Autoren des
hat, wurde bei Prozessionen herumgetragen. Seine Rück- Alten Testaments offenbar nicht interessierte, war dessen
holung stärkte nicht nur das militärische Ansehen Davids. wirtschaftliche Bedeutung. Denn beim heutigen Fenan, dem
Indem er El in die neue Hauptstadt überführte, stärkte er biblischen Punon, gab es üppige Vorkommen an Kupfererz,
auch deren religiöse Bedeutung. Im Lauf der Zeit verbanden dem unabdingbaren Bestandteil der Bronze. Bis 1150 v. Chr.
sich Jahwe- und El-Traditionen, und so konnte die Bevölke- hatten es die Mächtigen aus Zypern importiert – im griechi-
rung aller drei Landesteile mit Davids Gottheit gut leben. schen Namen »kypros« ist das Element sprachlich enthalten.
Noch zu seinen Lebzeiten entbrannte ein heftiger Nach- Doch der Seehandel auf dem Mittelmeer war zusammen-
folgestreit – im Alten Testament liest man von Morden und gebrochen und das Kupfer aus Fenan zu Salomos Zeit stark

28  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
WOLFGANG ZWICKEL
Dieser Stolleneingang nahe dem heutigen Fenan mag für davidischen Dynastie entstammten, kürte das Nordreich
Salomo Bedeutung gehabt haben. Denn solange der zyprische von nun an jenen zum König, den die Angehörigen der Ober-
Kupferexport brachlag, waren Minen wie diese äußerst schicht für den Fähigsten hielten.
lukrativ. Sie finanzierten vielleicht Salomos ehrgeizige Bau­ Mit der Teilung ging eine Zeit des Aufbaus und der Mühen
projekte. zu Ende, in der einfache Bauernstaaten zu halbwegs ansehn-
lichen Königreiche geworden waren. Dass sie fortan getrennt
agierten, war auch den unterschiedlichen Interessen ge-
nachgefragt. Als Ende des 10. Jahrhunderts v. Chr. die Schiff- schuldet. Das Nordreich Israel wollte am internationalen
fahrt wieder in Gang kam, versiegte diese Einnahmequelle Handel teilhaben, während das viel kleinere und im schwer
jedoch, denn das Metall ließ sich aus Zypern nun wieder zugänglichen Bergland abseits gelegene Südreich Juda von
günstiger beschaffen. Doch da standen Salomos Monumen- allen Handelsströmen abgeschnitten lag. Zudem war seine
talbauten längst! Wirtschaftskraft nach dem Untergang des Kupferexports ge-
Der in der Bibel für seine klugen Richtersprüche gerühm- schwächt. Warum also sollte Israel sich dem Südreich unter-
te König hatte die davidische Dynastie gefestigt. Als er 926 ordnen und es obendrein mittragen?
v. Chr. starb, wurde sein Sohn Rehabeam in Juda zum neuen Je weiter die Zeit des geeinten Königtums aber in die Fer-
Herrscher gesalbt. Auch im Nordreich erwog man, ihn zum ne rückte, umso goldener erschien sie den Menschen, und
König zu krönen und damit das geeinte Königtum fortzuset- umso heroischer schilderten die Autoren der Bibel die frü-
zen. Dem biblischen Bericht nach stellte er aber zu hohe For- hen Könige David und Salomo. Nach dem Untergang Israels
derungen hinsichtlich der zu leistenden Frondienste. Da- und schließlich Judas speiste diese Glorifizierung die Erwar-
raufhin erwählte Israel einen hochrangigen Beamten Salo- tung, eines Tages werde ein Mitglied der Familie Davids kom-
mos namens Jerobeam, der sich mit seinem Herrn zerstritten men und erneut die Weihen der Königswürde empfangen –
hatte und nach Ägypten ins Exil geflohen war. Da die gesam- das hebräische »meschiach« beziehungsweise in das Grie-
te Administration in Jerusalem konzentriert war, erachtete chische transkribierte »Messias« bedeutet nichts anderes als
man seine Erfahrungen in organisatorischen Fragen wohl als »der Gesalbte«, also der König.  Ÿ
das wichtigste Kriterium. Während Judas Regenten bis zum
Untergang des Reichs 586 v. Chr. (siehe den Beitrag S. 76) der Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1375997

WWW.SPEK TRUM .DE 29


1004V.CHR.

König David
erobert Jerusalem
Erzählt das Alte Testament nur von einem
Mythos oder stecken dahinter historische Fakten?

Von Peter van der Veen

»U
nd der König zog mit seinen Männern nach Je­ Schon Saul, vorheriger König Israels und Stammesführer
rusalem gegen die Jebusiter, die Bewohner des der Benjaminiter, hatte sich gegen dieses aus der Ägäis stam­
Landes. Und sie sagten zu David: Du wirst nicht mende Volk erhoben. David, sein Schwiegersohn, nahm den
hier hereinkommen ... Aber David nahm die Kampf erst Jahre später wieder auf, denn er hatte zunächst
Bergfeste Zion ein, das ist die Stadt Davids. ... Und David bau­ andere Sorgen: Seine wachsende Popularität als erfolgreicher
te ringsum vom Millo an nach innen zu. Und David wurde Hauptmann brachte ihm, so berichtet das Alte Testament,
immer mächtiger ...« (2. Samuel 5, 6 – 10, nach der Elberfelder die Feindschaft Sauls ein. Als möglicher Kandidat für den
Übersetzung – revidierte Fassung, 2001) Thron musste er etwa 1014 v. Chr. aus seiner Heimat Judäa
Der Überlieferung zufolge war das Jahr 1004 v. Chr. ein fliehen. Mit einer 600 Mann starken Truppe von »Habiru« –
Wendepunkt in der Geschichte des israelitischen Volkes: Da­ Glücksrittern und anderen Menschen, die am Rand der Ge­
vid, eine seiner charismatischen Führungspersönlichkeiten, sellschaft lebten – ließ er sich in der Küstenebene nieder und
eroberte das strategisch günstig gelegene Jerusalem, damals schwor dort dem König der Philister Treue. Bald erfreute sich
Festungsstadt der Jebusiter, einte von dort aus die Stämme der geschickte Heerführer dessen Gunst und wurde im judä­
Israels und befreite sie von der Herrschaft der Philister. ischen Hebron zum Vasallenfürst erkoren.
Dieser Schachzug gab David den offenbar nötigen Spiel­
raum. Nach sieben weiteren Jahren akzeptierten ihn die
THE ISRA
EL MUS
EUM, JE
nördlichen Stämme Israels als den von Gott Jahwe erwähl­
RUSALEM
/ PETER
LANYI ten Befreier. Von Jerusalem aus drängte er der Bibel zufolge
die Philister bis in die Küstenebene Südpalästinas zurück.
Der biblische Erzähler berichtet stolz: »Und David nahm
die Zügel der Herrschaft aus der Hand der Philister« (2. Sa­
muel 8, 1).

Sieg über die Könige Israels


So weit die Überlieferung. Doch hat dieser Held wirklich ge­
lebt? Tatsächlich gab es dafür lange Zeit keinerlei Belege, bis
Archäologen des Hebrew Union College (Jerusalem) 1993/
1994 auf dem Siedlungshügel Tel Dan im Norden Israels Frag­
mente eines beschrifteten Steins in einer antiken Mauer ent­
deckten. Sie gehörten ursprünglich zu einer Stele aus dem
Die 1993 und 1994 auf Tel Dan ent- 9. Jahrhundert v. Chr. Darauf berichtete ein syrischer Mon­
deckten Fragmente einer Stele arch (vermutlich König Hasael von Aram­Damaskus), er habe
erwähnen den Sieg eines syrischen während einer Schlacht die zwei verbündeten Könige Joram
Königs aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. von Israel und Ahasja »vom Hause Davids« getötet.
über die Könige von Israel und aus Auch die Bibel berichtet von diesem Kampf (2. Könige 8,
dem Haus Davids. 25 – 29) – offenbar bezieht sich der Hinweis auf das laut Über­

30  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
RITMEYER ARCHAEOLOGICAL DESIGN / LEEN RITMEYER
Unter David wurde die ehemalige Jebusiterfestung Jerusalem Doch Archäologen des Palestine Exploration Fund (Lon­
Königsresidenz. Auf der Akropolis stand der Palast, den ein don) und der Hebrew University of Jerusalem entdeckten am
Wall stützte und schützte. Darunter lag ein System zur Wasser- steilen Abhang zum Kidrontal und oberhalb der legendären
versorgung. In diesem Bereich waren wohl auch jene Schächte, Gihonquelle Überreste eines gewaltigen Schutzwalls, dessen
durch die David und seine Krieger 1004 v. Chr. eindrangen. Ursprung anhand von Keramikfunden auf das 12. Jahrhundert
v. Chr. datiert wurde. Die vermutlich mehr als 30 Meter hohe
Anlage bestand aus einem terrassenförmigen Unterbau aus
lieferung von David begründete Königreich Juda. Eine wei­ rechteckigen, mit Felsblöcken und Erde aufgefüllten Kam­
tere Erwähnung entdeckte der Pariser Inschriftenspezialist mern. Diese Terrassen waren zumindest an einem Ort durch
André Lemaire von der Université Paris­Sorbonne 1994 im einen treppenförmigen Aufbau miteinander verbunden.
fragmentarischen Schlussteil einer Bauinschrift aus Dhiban Eine Mauer an der Südseite und natürliche Furchen im
in Jordanien. Felsboden an der Ostseite stabilisierten die Böschung gegen
Herkunftsbezeichnungen wie »das Haus Davids« waren das Abrutschen der Steinmassen. Man kann sich gut vorstel­
in jener Zeit üblich und sind historisch auch außerhalb der len, dass der wahrscheinlich mit Putz oder Erde geglättete
Bibel belegt. Folgende Vermutung liegt deshalb nahe: Ein Kö­ Wall an einem so steilen Abhang einen nahezu perfekten
nig dieses Namens hat tatsächlich die judäische Monarchie Schutz geboten hatte.
begründet. Die Chronologie dieser Könige Israels lässt sich
durch Vergleich biblischer Berichte mit Texten aus Assyrien,
AUF EINEN BLICK
Babylon und Ägypten zu Kriegen und Sonnenfinsternissen
recht genau aufstellen. Daraus leitet sich auch das Datum
VONDERFESTUNGZURRESIDENZ
1004 v. Chr. für die Eroberung Jerusalems her.
Trotz vieler Ausgrabungen seit dem 19. Jahrhundert vor
allem in der »Davidstadt«, also auf dem Kamm und am Ost­ 1 Nachdem der Söldnerführer David von Israel und Juda
zum König gewählt worden war, benötigte er eine Residenz
auf neutralem Boden – die Jebusiterfestung Jerusalem.
hang des schmalen Hügels südlich des später, laut Bibel, von
Salomo gestalteten Tempelbergs, bleibt das Wissen über die
Geschichte Jerusalems am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr.
2 Nicht zuletzt auf Grund der vielfachen Überbauung zeugen
nur wenige Baureste und Artefakte von jener Königszeit und
der Eroberung der Stadt.
doch eher dürftig. Nur wenige Mauerreste, Fußböden, Scher­
ben und Gräberfunde zeugen von der Geschichte des Orts.
Wiederholte Besiedlung, Verwüstungen und Wiederaufbau
3 Archäologen haben Schächte zur Wasserversorgung entdeckt,
die David und seinen Kriegern vermutlich Zugang zum stark
befestigten jebusitischen Jerusalem gewährten.
haben die meisten Spuren vernichtet.

WWW.SPEK TRUM .DE 31


Dieser vormals wohl mehr als
30 Meter hohe Wall könnte
als Verteidigungsanlage der
Jebusiterburg Jerusalem
gedient haben. Im Unterbau
sieht man Kammern, die
mit Steinen und Erde gefüllt
waren.

PETER VAN DER VEEN


Jane Cahill von der Hebrew University vermutet, dass die­ honquelle schützen. Dort befand sich der Zugang zur Quelle
se Anlage zudem das Fundament einer künstlichen Platt­ und zum Teich, von wo aus Schächte in die auf dem Berg ge­
form auf dem Hügel war, auf der einst eine Zitadelle stand – legene Stadt führten.
die Jebusiterburg. Die Archäologin Eilat Mazar vermutet so­ Später geriet dieses System möglicherweise in Vergessen­
gar, dass hier der Palast Davids gestanden haben könnte. Ihre heit. Nach Einschätzung Shukrons waren die unterirdischen
Grabungen von 2005 bis 2008 bestätigen zumindest ein im­ Schächte für Davids Krieger aber zugänglich. Selbst wenn die
posantes Gebäude gegen Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. Ob Anlage nicht mehr in Betrieb war, dürften sie Überreste der
der König sein Bauherr war oder bereits die Jebusiter ihn er­ Türme leicht gesehen haben. War den Jebusitern die Schwach­
richteten, bleibt umstritten. Immerhin legen Keramiken und stelle ihrer Verteidigungsanlage bewusst? Hatten ihre Solda­
eine architektonische Verbindung zwischen Gebäude und ten die Türme besetzt, um den Zugang zu den unterirdischen
Schutzwall nahe, dass sie zeitgleich entstanden. Schachtsystemen zu schützen? All dies sind offene Fragen,
Letzterer wäre dann wohl mit dem in der Bibel erwähnten doch es könnte durchaus sein, dass diese alte Anlage den Fall
Millo (hebräisch für »Auffüllung« oder »Aufschüttung«) Jerusalems 1004 v. Chr. erst möglich gemacht hat.  Ÿ
gleichzusetzen, einer Anlage, an der David, Salomo und
ebenso auch spätere judäische Monarchen wie beispiels­
weise König Hiskia (etwa 700 v. Chr.) gebaut haben. DER AUTOR
Doch wie war es den israelitischen Söldnern gelungen,
Peter van der Veen promovierte an der Univer-
eine solche Burg zu erobern? Dem Alten Testament zufolge sity of Bristol über Inschriften der judäischen
drangen sie über einen »tsinnor« ein, meist mit Wasser­ Königszeit. Zudem leitet er eine Feldstudie und
schacht übersetzt. Lange galt ein 1867 von dem britischen Vorgrabung in Ostjerusalem.

General Charles Warren entdeckter, vertikal verlaufender


Schacht als Kandidat dafür. Aber Ronny Reich und Eli Shuk­
ron von der Israelischen Antikenbehörde in Jerusalem fan­
QUELLEN
den vor einigen Jahren jedoch Belege dafür, dass dieser Zu­
gang erst zwei Jahrhunderte nach David von jüdischen Stein­ Cahill, J. M.: Jerusalem at the Time of the United Monarchy: The
metzen zufällig geöffnet worden war, als sie den Boden eines Archaeological Evidence. In: Vaughn, A. G., Killebrew, A. E. (Hg.):
Jerusalem in Bible and Archaeology, Society of Biblical Literature,
älteren Tunnels vertieften.
Atlanta 2003, S. 13 – 80
Zur Zeit Davids war er wahrscheinlich niemandem be­ Mazar, E. (Hg.): The Summit of the City of David Excavations
kannt. Reich und Shukron entdeckten aber in der Nähe des 2005 – 2008. Final Reports Volume 1 – Area G, Shoham Academic
Warren­Schachts Teile eines anderen Wassersystems mit ei­ Research and Publication, 2015
Reich, R., Shukron, E.: Light at the End of the Tunnel – Warren’s
nem in den Felsen gehauenen Teich, Tunneln und Kanälen; Shaft Theory of David’s Conquest Shattered. Biblical Archaeology
diese Anlage war im 18. bis 17. Jahrhundert v. Chr., also lange Review 25, S. 22 – 33, 1999
Zeit vor der Eroberung gebaut worden. Massive Türme am
unteren Hang des Wasserreservoirs sollten damals die Gi­ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1375998

32  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
Psycho&Logisch
Kompetent, verständlich und alltagsrelevant:
Experten berichten über die neuesten Erkenntnisse
aus Psychologie, Hirnforschung und Medizin.
Lernen Sie sich kennen – es lohnt sich!

Gehirn&Geist
Wissen ist Kopfsache.

Testen Sie jetzt das neue Gehirn&Geist im Miniabo!


www.gehirn-und-geist.de/miniabo
MIT FRDL. GEN. VON DAVID USSISHKIN, UNIVERSITÄT TEL AVIV

CHRONOLOGIEI

Hat die Bibel doch Recht?


Wann regierte König Salomo – oder gab es ihn gar nicht? Eine Korrektur
der Standarddatierung Palästinas um 100 oder gar 200 Jahre könnte
Archäologen die Suche nach Belegen erleichtern, hätte aber auch Folgen
für die ägyptische Geschichtsschreibung.
Von Peter James und Peter van der Veen

K
eine 500 Kilometer lang und mitunter nur 15 Kilo- eine wissenschaftlich geführte und offene Diskussion in der
meter breit, arm an Rohstoffen und überdies zur Bibelarchäologie. Dem naiven Optimismus des 1955 publi-
Hälfte von Wüste bedeckt – man will kaum glau- zierten Sachbuchs »Und die Bibel hat doch Recht« wird sich
ben, dass Palästina seit der Antike heiß umkämpft heute niemand mehr anschließen, und die Kritik des Ar-
ist. Doch seine fruchtbaren Täler und Hochebenen, vor allem chäologen Israel Finkelstein von der Tel Aviv University
aber seine strategisch günstige Lage weckten stets Begehrlich- findet immer mehr Zuhörer: Grundlegende Bausteine bib-
keiten: Wer über die Levanteküste herrschte, kontrollierte lischer Geschichte passen seines Erachtens nicht zum ar-
Land- und Seewege zwischen Ägypten, Mesopotamien und chäologischen Befund. Im Jahr 2002 von ihm zugespitzt for-
den Reichen Kleinasiens. Dementsprechend ist die Geschichte muliert: Es gab »keine Posaunen vor Jericho«.
des Heiligen Landes eng mit der seiner Nachbarn verknüpft. Damit spielte er auf die in der Bibel überlieferte kriegeri-
Wer sie erforscht, steht rasch im Licht der Öffentlichkeit: sche »Landnahme« in Kanaan an, einen der Gründungsmy-
Ob eine Grabung Berichte des Alten Testaments bestätigt then Israels. Als Pharao des vorangegangenen »Exodus« gilt
oder widerlegt, liefert heutzutage nicht nur Argumente für Ramses II., der laut heute gängiger Chronologie Ägyptens ab
oder gegen die Bibel, sondern sogar für oder gegen das Exis- 1279 v. Chr. regierte. Demnach hätte das Volk Gottes Jericho
tenzrecht des modernen Staates Israel. Umso wichtiger ist im Lauf des 13. Jahrhunderts erobert. Damals existierte Jeri-

34  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
Seit Anfang der 1990er Jahre graben Ar-

MIT FRDL. GEN. VON DAVID USSISHKIN, UNIVERSITÄT TEL AVIV


chäologen auf dem Tell Jesreel die Ruinen
eines Palastes aus (Fotos). Den Keramik-
funden zufolge wurde er in der Zeit des
Königs Salomo erbaut. Der historische
Kontext aber spricht dafür, ihn mehr als
ein Jahrhundert später anzusetzen.
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK

Hazor
e e r
l m

Megiddo
t e

Tell Jesreel
i t

Samaria
M

Jericho
Das Heilige Land terlassen, ebenso wenig die im Alten Testament erwähnten
Jerusalem
(hier die im Artikel Bauprojekte Salomos, etwa sein monumentaler Tempel oder
eer

genannten Orte der Millo, eine Wehranlage. Was immer Mitte des 20. Jahr-
M

und Ausgrabungs- hunderts ausgegraben wurde und das Urteil »Und die Bibel
Totes

stätten) gehörte hat doch Recht« begründete, erwies sich inzwischen auf
im 13. und 12. Jahr- Grund verbesserter Ausgrabungs- und Datierungsmethoden
0 50 km
hundert v. Chr. zu als zweifelhaft. Manche der Bauwerke sollen älter sein, ande-
Ägypten. re jünger.
Hat die Bibel also Unrecht? Entbehren die Gründungs-
mythen Israels jeglicher Wahrheit? Wir glauben, nein. Finkel-
cho als Stadt jedoch nicht mehr. C-14-Datierungen zufolge steins Kritik lehrt uns, dass die Chronologien des Heiligen
wurden entsprechende Befestigungen um 1550 v. Chr. zer- Landes und die der damit vernetzten Kulturen des Alten Ori-
stört. Da hilft es auch nicht viel, dass einige Archäologen die ents überdacht und archäologische Funde neu zugeordnet
Landnahme schon früher, nämlich im 15. Jahrhundert v. Chr. werden sollten. Die These unseres Teams aus Bibelarchäolo-
ansiedeln. gen, Ägyptologen und Assyriologen lautet: Die Eisenzeit in
Ein Widerspruch zwischen Überlieferung und archäologi- Palästina – die nach bisherigem Verständnis mit der Land-
schem Befund ergibt sich auch für die Zeit der ersten Könige nahme begann und mit der babylonischen Eroberung ende-
Saul, David und Salomo. Bedroht durch das an der Küste sie- te – war 100 bis 200 Jahre kürzer und begann nicht zwischen
delnde Volk der Philister und unter dem Druck einer wach- 1200 und 1150 v. Chr., sondern erst um 1000 v. Chr., in der
senden Bevölkerung, so die Bibelforscher, entwickelten die Zeit Davids und Salomos. Ein zeitlicher Versatz, der sich zu-
Stämme Israels das Königtum als neue Herrschafts- und Ge- rück bis in die Bronzezeit fortsetzt (Tabelle S. 36).
sellschaftsform. Im Unterschied zu anderen Herrschern des
alten Orients, denen selbst ein göttlicher Status zukam, hiel-
AUF EINEN BLICK
ten die Monarchen nur weltliche Macht in ihren Händen. Da
die biblischen Berichte Potentaten benachbarter Länder nen-
UNKLARERZEITABLAUF
nen, zudem markante Ereignisse wie Schlachten, Hungers-
nöte und Erdbeben, die in den Schriften jener Kulturen eben-
falls erwähnt werden, ließ sich durch Vergleich der Textquel-
1 Die Chronologie Palästinas für das 2. und frühe 1. Jahrtausend
v. Chr. beruht auf biblischen Angaben, die mit denen anderer
altorientalischer Kulturen abgeglichen werden, sowie auf Keramik-
len eine Chronologie der Könige im Heiligen Land erstellen. stilen und Inschriftenfunden.
Demnach bestieg Saul um 1025 v. Chr. als Erster den Thron,
20 Jahre später folgte David, 970 v. Chr. Salomo. 2 Archäologische Befunde passen mitunter nicht zu den Be-
schreibungen des Alten Testaments. Die Autoren sehen den
Grund hierfür in einer fehlerhaften zeitlichen Einordnung. Die von
Ein solcher Einschnitt in der Geschichte einer Kultur soll-
ihnen geforderte Korrektur um mindestens 100 Jahre wirkt sich
te sich im archäologischen Befund widerspiegeln. Aber Da- aber auch auf die Chronologie Ägyptens aus, da diese beispiels-
vids Unterwerfung aller Stämme wie auch die Eroberung Je- weise bei den Keramikvergleichen als Referenz für Palästina dient.
rusalems haben anscheinend kaum eindeutige Spuren hin-

WWW.SPEK TRUM .DE 35


Epochenbegriffe wie Bronze- oder Eisenzeit stammen aus dringt. Diese relative Datierung wird anhand von Fund-
den früheren Jahren der Archäologie und bezogen sich un- stücken präzisiert und in den Kontext einer Chronologie
mittelbar auf die materiellen Hinterlassenschaften der Alt- gestellt. Holzkohle und Knochen lassen sich mit der C-14-Me-
vorderen. Um Funde zeitlich einzuordnen, erkunden und do- thode datieren, doch organische Reste findet man nicht im-
kumentieren Altertumsforscher zunächst die Stratigrafie, mer, zudem gibt es einige Bedenken bezüglich bisherigen
also die geordnete Abfolge von Siedlungsschichten: Ohne Messungen für das 2. und frühe 1. Jahrtausend v. Chr. Den
Störung etwa durch Erdbeben oder Raubgräber müssen die- Hauptteil der Informationen liefern deshalb Scherben und
se zwangsläufig umso älter sein, je tiefer der Archäologe vor- Schriftfunde. Wie ein Urzeitforscher Erdschichten nach Leit-

Palästinas Geschichte – neu datiert


Archäologische Standard- Chronologie Chronologie historische Charakteristika
Perioden chronologie nach Finkel- nach James
Palästinas stein und van der Veen

Palästina: Beginn einer neuen Stadtkultur


Ägypten: Mittleres Reich, 12. Dynastie
Mittlere Bronzezeit IIA 2000 – 1750 2000 – 1750 1800 – 1550
Mesopotamien: Isin-Larsa-Periode und
1. Dynastie von Babylon

Palästina: Kanaanäische Stadtstaaten


Mittlere Bronzezeit IIB 1750 – 1550 1750 – 1550 1550 – 1350 Ägypten: 13. – 15. Dynastie, Hyksoszeit
Mesopotamien: 1. Dynastie von Babylon

Palästina: Stadtstaaten
unter ägyptischer Herrschaft
Späte Bronzezeit I 1550 – 1400 1550 – 1400 1350 – 1200 Ägypten: Neues Reich, 18. Dynastie
(bis Amenhotep II.)
Mesopotamien: Kassiter in Babylon

Palästina: Aufstände der Habiru


während der Amarnazeit
Späte Bronzezeit IIA 1400 – 1300 1400 – 1300 1200 – 1100 Ägypten: Neues Reich, 18. Dynastie
(bis Horemheb)
Mesopotamien: mittelassyrisches Reich

Palästina: Stadtstaaten erneut


unter ägyptischer Herrschaft
Späte Bronzezeit IIB 1300 – 1200 1300 – 1150 1100 – 950 Ägypten: Neues Reich, 19. – 20. Dynastie
(Ramessiden)
Mesopotamien: mittelassyrisches Reich

Palästina: Zerfall der alten Stadtstrukturen, Besied-


lung des zentralen Hügellandes (Land-
Eisenzeit IA 1200 – 1100 1150 – 1050 1000 – um 900 nahme?)
Ägypten: Seevölkerkriege, innere Unruhen
Mesopotamien: mittelassyrisches Reich

Palästina: Siedlungswachstum, regionale Zentre


entstehen
Eisenzeit IB 1100 – 1000 1050 – 930 um 900 – 870
Ägypten: Königshäuser in Tanis und Theben
Mesopotamien: dunkles Zeitalter

Palästina: Bautätigkeit in Jerusalem,


Megiddo, Hazor, konventionell Zeit der
Eisenzeit IIA 1000 – 900 930 – 800 870 – 750 Könige David und Salomo
Ägypten: mehrere Königshäuser
Mesopotamien: dunkles Zeitalter

Palästina: Nationalstaaten Israel und Juda


Eisenzeit IIB 900 – 700 800 – 720/700 750 – 650 Ägypten: mehrere Königshäuser
Mesopotamien: neuassyrisches Reich

Palästina: Untergang des Nordreichs Israel, Tribut-


zahlungen an Assyrien
Eisenzeit IIC 700 – 586 720/700 – 586 650 – 586 Ägypten: mehrere Königshäuser
Mesopotamien: neuassyrisches und
Neubabylonisches Reich

Palästina: Exil in Babylon und Rückkehr


Eisenzeit III 586 – 530 586 – 450 586 – 450/400 Ägypten: Könige von Sais, persischer Einfluss
Mesopotamien: Babylonier, Perser

Palästina: persische Provinz Jehud


Perserzeit 530 – 333 450 – 333 450/400 – 333 Ägypten: persische Provinz
Mesopotamien: Perser

36  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
fossilien verortet, so gehören Keramikstile zu den klassi-
schen Datierungshilfen in der Archäologie.
Für das frühe 1. Jahrtausend v. Chr. sind aber vor allem In-
schriften von Bedeutung, die eine direkte oder indirekte Ver-

ZEV RADOVAN, WWW.BIBLELANDPICTURES.COM


bindung mit dem Zweistromland ermöglichen. Denn die
assyrische und babylonische Königschronologie wurde bis
zurück in das Jahr 911 v. Chr. lückenlos rekonstruiert. Weil
Keilschriftdokumente der Monarchen ab Mitte des 9. Jahr-
hunderts v. Chr. Könige Israels auflisten, lassen sich, wie
bereits erwähnt, in der Bibel genannte Potentaten datieren.
Findet man nun bei einer Grabung Siegel mit Namen von
Beamten bekannter biblischer Könige sowie Bau- und Kriegs-
inschriften, lässt sich das Alter der zugehörigen archäolo-
gischen Schichten erschließen. Gleiches gilt für Zerstörungs-
schichten, die mit Feldzügen der Mesopotamier in Ver- »Gehört dem Minister des Königs Jerobeam« ist auf diesem
bindung gebracht werden können. Siegel zu lesen, das 1904 im Torbogen eines Palastes in Megiddo
Das klingt einfacher, als es ist, denn nur wenige solcher zum Vorschein kam. Weil die zugehörige Siedlungsschicht als
Texte hat man in ihrem ursprünglichen Gebrauchskontext »salomonisch« galt, identifizierten Bibelforscher diesen König als
entdeckt. Siegel wurden irgendwann nicht mehr verwendet Salomos Nachfolger Jerobeam I., der etwa ab 930 v. Chr. regierte.
und auf Müllhalden oder in Zisternen geworfen, in Stein ge- Der Stil und die Darstellung entsprechen nach heutigem Wissen
hauene Inschriften zerbrachen beim Abriss einer Mauer, aber eher dem 8. Jahrhundert v. Chr. Gemeint wäre dann jener
wurden vielleicht später andernorts als Baumaterial recycelt. Jerobeam II., der um 790 v. Chr. den Thron bestieg.
Ohnehin stammt manch interessantes Objekt der Bibelar-
chäologie nicht aus einer gut dokumentierten Grabung, son-
dern aus einer Privatsammlung oder Museumsvitrine. Ohne etwa um 860 v. Chr. aus. Doch wieder passen die Keramik-
den Fundkontext aber lässt sich das Alter nur schwer bestim- funde nicht dazu, denn sie wurden anhand von Stilmerk-
men, und manche Kostbarkeit wurde schon als gut gemach- malen ebenfalls der Eisenzeit IIA zugeschrieben. Wenn der
te Fälschung entlarvt. Palast also wirklich erst unter Ahab gebaut wurde – wie es
die Ausgräber vermuten, weil die Residenzstädte früherer
Wer baute Samaria? Zeit andernorts lagen –, entstanden dann auch andere Salo-
So muss es nicht verwundern, dass die Chronologie der ar- mo und seinen Zeitgenossen zugeschriebene Anlagen erst
chäologischen Schichten Israels in sich nicht schlüssig ist. unter Ahab?
Archäologen entdeckten bereits in den 1930er Jahren eine Diese These vertreten die Forscher um Finkelstein, sie
Unstimmigkeit. In der Palastanlage des antiken Samaria glauben an einen Beginn der Eisenzeit IIA um 930 v. Chr.
brachten sie reichlich Keramik ans Licht, von dem ein kleine- Dass sich die Mehrheit der Bibelarchäologen damit schwer-
rer Teil dem Stil nach in das 11. Jahrhundert v. Chr. gehört (Ei- tut, ist leicht zu verstehen: Die entsprechenden Ruinen
senzeit IB), das Gros jedoch ins 10. Jahrhundert v. Chr. (Eisen- müssten zunächst aus der ohnehin schon enttäuschend
zeit IIA). Letzteres wird der Zeit Salomos zugeschrieben, spärlichen und wenig beeindruckenden Inventarliste Salo-
demnach wäre er oder einer seiner Zeitgenossen Bauherr der mos gestrichen werden, seine Bautätigkeit fiele offenbar
Residenz gewesen. Doch dem widerspricht die biblische noch bescheidener aus als bislang gedacht.
Überlieferung: Erst lange nach Salomos Tod und dem darauf Doch mit einer Neudatierung der Anlagen muss zwangs-
folgenden Zerfall seines Reichs in die Staaten Juda und Israel läufig auch eine solche der Keramik einhergehen. Mit ande-
ließ Omri, ein König Israels, Samaria auf dem Gelände eines ren Worten: Keramik der Eisenzeit IIA stammt aus einer
Weinguts als seine Residenz errichten. Omri war eine histori- deutlich jüngeren Zeit. Mehr noch: In den frühesten Schich-
sche Person des 9. Jahrhunderts, das lässt sich aus assyri- ten Samarias kam wie erwähnt auf den Fußböden der Palast-
schen Annalen schließen. Dieser Widerspruch wurde lange anlagen auch IB-Keramik zu Tage, die herkömmlich auf 1100
unter den Tisch gekehrt, erst Finkelsteins Team brachte ihn bis 1000 v. Chr. datiert und eigentlich als Periode begriffen
wieder in die wissenschaftliche Diskussion ein. wird, die vor der Königszeit lag. Wenn eine solche aber in ei-
Auch Omris Sohn Ahab hat ohne Zweifel wirklich gelebt: nem Palast Omris gefunden wird, einem Herrscher des
853 v. Chr. stand er den Assyrern laut deren Chroniken auf 9. Jahrhunderts v. Chr., muss die Keramik der auf IB folgen-
dem Schlachtfeld gegenüber. Ahabs Palast glauben Archäo- den Eisenzeit IIA noch deutlich jünger sein. Wir gehen von ei-
logen auf dem Tell Jesreel, einem östlich von Haifa gelegenen nem Beginn dieser Periode um 870 v. Chr. aus (siehe Tabelle
Ruinenhügel, gefunden zu haben; Anfang der 1990er Jahre links).
wurde dort gegraben. Anhand verschiedener Informationen Denkt man diese Gedanken weiter, steht zweifelsohne
zur Geschichte gingen die Forscher von einem Baubeginn selbst der Beginn der Eisenzeit in Palästina, die Phase IA, zur

WWW.SPEK TRUM .DE 37


Disposition. Neue Ausgrabungen in Jerusalem liefern auch deren Zuverlässigkeit für diese Zeit ohnehin in Frage zu stel-
dafür Indizien. Seit 2005 legt die israelische Archäologin len ist. So wären jene imposanten Gebäude nachweisbar, die
Eilat Mazar auf dem südlich vom Tempelberg gelegenen Hü- laut biblischem Bericht im goldenen Zeitalter Salomos er-
gel Überreste eines Verwaltungsgebäudes frei, das ihrer An- richtet wurden. Andernorts könnte man auf entsprechende
sicht nach aus der Zeit Davids stammt, vielleicht sogar sein Anlagen stoßen, man muss nur in tieferen Siedlungsschich-
Palast war. Doch die Keramik aus der frühesten Phase des Ge- ten danach suchen.
bäudes gehört zur Eisenzeit IA, würde also traditionell auf Warum aber hätten sich Bibelarchäologen bislang so ge-
das 12. Jahrhundert v. Chr. und die Zeit der Landnahme da- irrt? Die Antwort birgt ein Problem. Der Beginn der Eisenzeit
tiert werden. Aus der gleichen Periode stammt offenbar auch in Palästina ist fest mit der Chronologie Ägyptens verbun-
eine stufenförmige Wehranlage am Osthang des Hügels, das den, denn das Gebiet gehörte bis auf kurze Perioden zum
zeigt die dort ausgegrabene Keramik. Zwar passen beide An- Herrschaftsbereich der Pharaonen des 13. und 12. Jahrhun-
lagen also recht gut zu biblischen Berichten – Salomo soll derts v. Chr. Dementsprechend verzeichnen Inschriften aus
dort eine Wehranlage gebaut haben, den Millo –, doch nach Schichten der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit
der konventionellen Chronologie wären sie gut 200 Jahre die Namen ägyptischer Herrscher. Mit anderen Worten:
zu alt. Auch Ägyptens Geschichte muss für das 2. Jahrtausend v. Chr.
Wir sind inzwischen davon überzeugt, dass die Eisenzeit revidiert werden.
IA erst um 1000 v. Chr. begann sowie der Zeit Davids zuzu- Auch wenn dies noch eine Außenseitermeinung ist, findet
rechnen ist und dass zur Zeit Salomos und weiterer Könige sie doch zunehmend Beachtung. Die Datierung des Mittleren
Jerusalems zunächst auch noch die Keramik der Eisenzeit IA und des Neuen Reichs Ägyptens basiert vor allem auf Brief-
in Verwendung war und zu einem noch unbekannten Zeit- wechseln von Pharaonen der Amarnazeit mit assyrischen und
punkt der IB-Stil aufkam. Diese neue Sichtweise löst zahlrei- babylonischen Herrschern – ein erwähnter Herrscher Assur-
che Probleme der Archäologie Palästinas. Die Zerstörung Je- uballit sei mit dem in der assyrischen Königsliste aufgeführ-
richos hätte dann etwa 1400 v. Chr. stattgefunden, was nicht ten Assuruballit I. (14. Jahrhundert v. Chr.) identisch – sowie
mehr innerhalb der Toleranzgrenze der C-14-Methode liegt, auf zwei Angaben zum Aufgang des Sterns »Sothis«, vermut-
lich der uns bekannte Sirius. Doch es gibt vereinzelt Kritik. So
verwies Pierce Furlong von der University of Melbourne vor
Südlich des Tempelbergs gruben Archäologen ein palastartiges Kurzem in seiner Doktorarbeit darauf, dass Namen und Rei-
Gebäude mit einer vorgelagerten, massiven Wehranlage henfolge einiger babylonischer Monarchen, die in der Amar-
aus. Handelt es sich dabei um die Ruinen des biblischen »Davids- na-Korrespondenz auftauchen, verlässlichen mesopotami-
palastes« beziehungsweise Salomos »Millo«? schen Quellen zufolge zu einer anderen Zeit als Assuruballit I.
LEEN RITMEYER

38  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
Regierungszeit des Pharaos gut 130 Jahre später als gewöhn-
lich ansetzte. Zum anderen, indem er in der nachfolgenden
Hyksos-Zeit eine Verschiebung des Kalenders um drei Mona-
te unterstellte. Wie alle derartige Studien musste Lappin
auch Annahmen über die Techniken der Mondbeobachtung
treffen. Immerhin gelang ihm mit ähnlicher Methode eine
hohe Übereinstimmung von Venusbeobachtungen aus alt-
babylonischer Zeit (Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr.) mit ast-
ronomischen Berechnungen.

J. SCHWEINSBERG; MIT FRDL. GEN. VON PETER VAN DER VEEN


Inzwischen gibt es auch archäologische Anhaltspunkte
für ein Überdenken der Chronologie Ägyptens. So hat Rupert
Chapman vom Britischen Museum in London kürzlich nach-
gewiesen, dass eine Königsinschrift des Pharaos Schoschenk I.,
der eigentlich im späten 10. Jahrhundert regiert haben soll,
aus einer um 1000 v. Chr. datierten Schicht stammt. Skara-
bäen mit einem Hinweis auf Pharao Siamun, der angeblich
um die Mitte des 10. Jahrhunderts regierte, waren im archäo-
logischen Kontext der Eisenzeit IB Palästinas entdeckt wor-
Archäologische Schichten werden häufig nach dem Stil der den, sollten also aus dem 11. Jahrhundert v. Chr. stammen.
ausgegrabenen Keramikfragmente datiert. Zudem gibt die Stimmt die Datierung der Pharaonen, wären die Schichten
Häufigkeit der Funde Anhaltspunkte dafür, wie dicht ein Ort jeweils etwa 100 Jahre jünger als bisher angenommen. Re-
besiedelt war. gierten die Könige sogar erst im 9. Jahrhundert – wie Chap-
man und auch wir vermuten –, wächst der Versatz.
Eine Änderung der Chronologie würde nicht nur Probleme
herrschten. Auch die Datierung der Sternaufgänge muss hin- der Bibelarchäologie, sondern auch solche der Ägyptologie lö-
terfragt werden. Sie setzt voraus, dass der seit dem 3. Jahrtau- sen. Beispielsweise irritieren Stammbäume von Herrschern,
send v. Chr. gebräuchliche ägyptische Wandelkalender nie- aber auch anderer Hochrangiger aus der Dritten Zwischenzeit
mals reformiert wurde, obwohl er dem realen Sonnenjahr im- (11. Jahrhundert v. Chr.) und der Spätzeit Ägyptens (1. Jahrtau-
mer mehr vorauseilte – das nach diesem Kalender bestimmte send v. Chr.): Sofern nicht zahlreiche Namen fehlen, hätten
Jahr war einen viertel Tag kürzer als das Sonnenjahr. viele Menschen für ihre Zeit ungewöhnlich lang gelebt. Es sei
denn, diese Perioden wären um bis zu 200 Jahren kürzer ge-
Hinweise auf eine Kalenderreform wesen, als es die konventionelle Chronologie vorsieht. Eine Lö-
Sollte sich nie ein Hochrangiger daran gestört haben, dass sung, die der norwegische Ägyptologe Jens Lieblein bereits
das Neujahr immer weiter vom Beginn der Nilüberschwem- 1860 vertrat. Heute ist die Zeit reif für eine Korrektur.  Ÿ
mung abrückte, dass im Jahresverlauf wichtige religiöse Fes-
te nicht nach dem offiziellen Kalender ausgerichtet werden
DI E AUTOREN
konnten? Und wenn dieser den Ägyptern selbst als heilig galt,
wie gemeinhin als Argument angeführt wird, galt dies wirk- Peter James (links) studierte
lich auch für Fremdherrscher? Tatsächlich soll Manetho, der Alte Geschichte an der Univer-
sity of Birmingham und arbei-
erste Chronist Ägyptens, von einer Kalenderreform unter tet als freier Buchautor. Der
den aus Vorderasien stammenden Hyksos berichtet haben. Bibelarchäologe Peter van der
Zwar gilt diese Information als wenig verlässlich, denn ers- Veen forscht und lehrt an der
Universität Mainz.
tens kennen wir nur Auszüge von Manethos Werk aus Zita-
ten anderer Autoren und zweitens zeigt das wenige eine po-
QUELLEN
litisch gefärbte Sicht der Dinge.
Doch eine Analyse antiker astronomischer Beobachtun- Finkelstein, I., Silberman, N. A.: Keine Posaunen vor Jericho. Die
gen des Briten David Lappin scheint die Reform zu bestäti- Archäologische Wahrheit über die Bibel. C.H.Beck, München 2002
James, P. et al.: Centuries of Darkness. Jonathan Cape, London 1991
gen. Der Amateur-Astronomiehistoriker rekonstruierte eine
James, P., van der Veen, P. G. (Hg.): Solomon and Shishak – Current
Folge von Monddaten aus den so genannten Ilahun-Papyri, Perspectives from Archaeology, Epigraphy, History and Chronology.
die wahrscheinlich zur Zeit Sesostris III., eines Pharaos der BAR International Series 2732. Archaeopress, Oxford 2015
12. Dynastie, verfasst wurden, und prüfte, unter welchen Be- Van der Veen, P. G., Zerbst, U.: Volk ohne Ahnen? Auf den Spuren
der Erzväter und des frühen Israel. Hänssler, Holzgerlingen 2013
dingungen sie mit astronomischen Berechnungen anhand Zerbst, U., Veen, P. van der (Hg.): Keine Posaunen vor Jericho? Bei-
moderner Tabellen optimal übereinstimmten. Die meisten träge zur Archäologie der Landnahme. Hänssler, Holzgerlingen 2005
Treffer erhielt Lappin, nachdem er zum einen das Sothis-Da-
tum als Anker des Mittleren Reichs aufgegeben hatte und die Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1375999

WWW.SPEK TRUM .DE 39


CHRONOLOGIEII

Auszug aus
Ägyptens Archiven
Lange kannten Ägyptologen nur eine Erwähnung Israels auf der
Merenptah-Stele. Die Entdeckung einer zweiten, deutlich älteren Inschrift
könnte Korrekturen an der Chronologie Palästinas nahelegen.
Und rückt Israels Gründungsmythos »Exodus« in ein neues Licht.
Von Jan Dönges

D
as Ägyptische Museum in Berlin beherbergt eine nell die ersten Israeliten in Kanaan vermuten, wurde schon
Kostbarkeit, die lange übersehen wurde: einen lange nicht mehr so geschrieben wie auf dem besagten Block,
verwitterten Granitblock, auf dem sich in Hiero- sondern derart wie mindestens zwei Jahrhunderte zuvor.
glyphenschrift drei Ortsnamen erhalten haben – Für Kritiker der etablierten Chronologie Israels sind das
zwei sind gut lesbar, der dritte an den entscheidenden Stel- willkommene Neuigkeiten (siehe den Beitrag S. 34). Hatte
len zerbröselt. Lange waren Forscher der Ansicht, dass es sich sich die Mehrheit der Forscher gerade erst darauf geeinigt,
bei Letzterem um den Namen eines unbekannten Dorfes dass viele Schilderungen aus dem Alten Testament eher my-
handelte. Doch dann nahmen sich drei Experten, Peter van thologischen Charakter haben, so lieferte die Neuinterpreta-
der Veen, Christoffer Theis und der 2012 verstorbene Man- tion der Inschrift Argumente dagegen. Insbesondere der
fred Görg, das Fragment erneut vor und lieferten eine gänz- Auszug aus Ägypten könnte im Kern auf einer wahren Bege-
lich andere Lesung. Nichts anderes als der Name »Israel« sei benheit beruhen, wenn sich die Neudatierung bestätigt.
dort verzeichnet, schrieben sie 2010. Damit bekam die In-
schrift das Zeug zu einer »schwer zu toppenden Sensation«, Aufschlussreicher Kriegsbericht
wie es Stefan Wimmer, Ägyptologe von der Ludwig-Maximi- Wann ein Volk mit dem Namen Israel erstmals die Bühne der
lians-Universität München, ausdrückte. Nicht nur weil es der Weltgeschichte betrat, macht die Altorientalistik bislang vor
älteste Beleg des Namens überhaupt wäre, sondern auch weil allem an einer anderen Erwähnung aus altägyptischer Zeit
das Relief einer Zeit entstammen könnte, in der nach vor- fest: Diese stammt unstrittig aus der Regierungszeit des Pha-
herrschender Meinung das Volk Israel noch gar nicht exis- raos Merenptah und wurde in etwa um das Jahr 1200 v. Chr.
tierte. Denn in dem Jahrhundert, in dem Forscher traditio- verfasst. »Israel ist verwüstet, seine Saat ist nicht mehr«, ver-
kündete der Pharao. Auch zahlreiche Nachbarn aus dem sy-
risch-palästinensischen Gebiet bekamen seine eiserne Faust
AUF EINEN BLICK
zu spüren, glaubt man der martialischen Inschrift.
Diese kurze Erwähnung auf der 1896 gefundenen Stele
VERWITTERTEZEICHEN gab Archäologen einen wichtigen Anhaltspunkt zur Datie-
rung der Geburtsstunde Israels. Offenkundig musste es zur
1 Die Eroberung Kanaans durch das Volk Israel fand, so die Lehr-
meinung, um 1200 v. Chr. statt. Diese auf einer Inschrift
beruhende Datierung biblischer Ereignisse passt jedoch nicht zu
Zeit der Schriftlegung bereits existiert haben. Die Mehrheit
der Wissenschaftler einigte sich schließlich darauf, dass ein
den archäologischen Befunden.
Volk Israel kurz vor Merenptah die Bühne der Geschichte be-

2 Eine andere ägyptische Inschrift könnte, einer 2010 veröffent-


lichten Studie zufolge, ebenfalls den Namen Israel verzeichnen,
sie wäre aber mindestens 200 Jahre älter.
trat – vermutlich während der Regierung von dessen Vater
Ramses II. Verschiedene Szenarien erklären, wie sich aus be-
reits ortsansässigen Stämmen diese Gemeinschaft gebildet
3 Eine entsprechende Korrektur der Chronologie würde Über-
lieferungen wie dem »Auszug aus Ägypten« wieder geschicht-
liche Relevanz verleihen.
haben könnte (siehe den Beitrag auf S. 6). Dass hingegen
Protoisraeliten aus ägyptischer Gefangenschaft flohen und
nach langer Wanderschaft Kanaan eroberten, wie das Alte

40  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
MIT FRDL. GEN. VON OLIVIA ZORN, STAATLICHE MUSEEN ZU BERLIN, ÄGYPTISCHES MUSEUM UND PAPYRUSSAMMLUNG

Testament berichtet, galt den meisten Forschern als unwahr- Das Relief mit der mutmaßlichen Erwähnung Israels – der Name
scheinlich. ganz rechts – befindet sich seit 1913 im Besitz des Berliner
Denn nimmt man die biblische Erzählung für bare Münze, Ägyptischen Museums. An den interessantesten Stellen ist es
und sucht nach Hinweisen auf Exodus und Landnahme, wird leider zerstört, und über die genauen Fundumstände ist
man in den Jahren vor 1200 v. Chr. nicht fündig: Was Archäo- kaum etwas bekannt. Über den einzelnen Namensinschriften
logen über die Umstände im damaligen Palästina heraus- ist jeweils ein Gefangener dargestellt.
fanden, deckt sich nicht oder jedenfalls kaum mit den Schil-
derungen im Alten Testament. Von stark befestigten Städten
wie Jericho ist dort die Rede, welche die Flüchtlinge vom Ein-
zug in ihr gelobtes Land abhielten. Grabungen bestätigten je-
doch nichts davon – nicht einmal Mauern gab es seinerzeit
rund um Jericho. Gleiches gilt für die monumentalen Bau- Rekonstruktion der
PETER VAN DER VEEN

ten des Salomo – in den betreffenden Fundschichten fehlt Inschrift: Bleistiftzeich-


jede Spur. nung der Inschrift mit
Doch mit der Wiederentdeckung der Berliner Inschrift im rekonstruiertem fehlen-
Jahr 2001 bekamen plötzlich alternative Szenarien Aufwind. den Teil – insbesondere
Manfred Görg, damals Professor für Alttestamentliche Theo- die Geier-Hieroglyphe
logie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, be- bereitete den Forschern
merkte als Erster, dass der dritte Name als »Israel« gelesen Kopfzerbrechen. Die
werden könnte. Auch dass die Inschrift aus einem – nach archaische, »gruppenlo-
Sicht des vorherrschenden Modells – viel zu frühen Jahr- se« Schreibung deutet
hundert zu stammen schien, fiel ihm auf. Doch seine Studie auf einen frühen Entste-
erhielt nur wenig Aufmerksamkeit. hungszeitraum.

WWW.SPEK TRUM .DE 41


BRAVE HEART / PUBLIC DOMAIN
Auf der Merenptah-Stele aus dem 13. Jahrhundert v. Chr., der für Stoff für Diskussionen gibt es dennoch: So wie das lateini-
die Fachwelt maßgeblichen ersten Nennung von »Israel«, ist der sche Alphabet bestimmte Buchstaben nicht kennt, die für die
Name völlig anders geschrieben als auf dem Block im Berliner originalgetreue Wiedergabe arabischer Städtenamen not-
Museum. Auch hier mussten die Schreiber aber offenbar ein »r« wendig wären, mussten auch ägyptische Schreiber improvi-
statt eines »l« verwenden: »Ysrjr«. sieren, wenn sie Namen wie »Israel« notierten. Beispielswei-
se verfügte das Altägyptische über keinen Laut »l«, weshalb
sie stattdessen eines von mehreren möglichen »r«-Zeichen
Seit 1913 befindet sich das Relief mit der Inventarnummer verwendeten. Am Ende rekonstruierten Görg und Kollegen
21687 im Besitz des Ägyptischen Museums. Der eifrige Anti- eine Schreibung, die man vereinfacht als »I-schra-il« wieder-
kensammler und Archäologe Ludwig Borchardt (1863 – 1938), geben könnte.
der dem Museum auch die Büste der Nofretete verschaffte, Aber haben sie damit Recht? Der Alttestamentler und
hatte es bei einem ägyptischen Händler erworben. Entspre- Nahostarchäologe James Hoffmeier von der Trinity Evange-
chend wenig ist über Fundumstände und genaue Herkunft lical Divinity School in Deerfield (US-Bundesstaat Illinois)
bekannt. Den Darstellungen zufolge hat der Block, bei dem hatte sich seinerzeit gegen Görgs Deutung ausgesprochen
es sich wahrscheinlich um ein Podest handelt, einen ähnli- und den Namen als »Ir-schalir«, beziehungsweise in Varian-
chen Hintergrund wie die Merenptah-Stele: Die drei Namen ten mit l/r-Vertauschungen gelesen. Sein Hauptkritikpunkt:
sind jeweils mit dem Bild eines Gefangenen versehen – wahr- Aus etymologischen Untersuchungen wisse man, dass der
scheinlich wurden auch hier Kriegszüge des Pharaos ver- Name des biblischen Volks seit jeher »Israel« lautete, für die
ewigt. Ägypter habe es keinen Anlass gegeben, stattdessen »Ischra-
el« zu schreiben. Folglich müsse es sich um eine andere Ort-
Rekonstruktion des Verschwundenen schaft handeln.
Schon einmal hatte Görg das Relief in Augenschein genom- Der Erstautor der Studie, Peter van der Veen, entkräftete
men. In seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 1975 interpretierte den Vorwurf mit Verweis auf überlieferte Beispiele, die zeig-
er die Aufzeichnung allerdings noch nicht als »Israel«. Nun, ten, dass zum einen die Variante mit einem »sch« durchaus
rund 30 Jahre später, tat er sich mit dem Bibelarchäologen in einigen Dialekten verbreitet war. »Und zum anderen wis-
van der Veen und dem Heidelberger Ägyptologen Theis zu- sen wir nicht, auf welchen Umwegen der ägyptische Schrei-
sammen. Das Relief wurde neuerlich untersucht, die In- ber von dem Namen erfahren hat.« Womöglich las er zum
schrift unter verschiedenen Lichtverhältnissen abfotogra- ersten Mal in akkadischen Texten davon, also in einer dritten,
fiert und mit Alufolie abgepaust, um Hieroglyphenüberreste wiederum anders verschrifteten Sprache. Kurzum: Dass »Is-
an den zerstörten Stellen ausfindig zu machen. rael« auf der Merenptah-Stele mit »s« geschrieben wurde,
Gemeinsam veröffentlichten sie Ende 2010 Görgs These bedeute nicht, dass dies für alle anderen Erwähnungen auch
erneut und untermauerten sie mit einem weiteren Befund: gelten müsste.
Eine unbeachtet gebliebene Einkerbung könnte die Kralle ei- Die Ägyptologen- und Alttestamentlerszene sehen sie
ner Geier-Hieroglyphe gewesen sein, von der man bis dahin auf ihrer Seite: »Wir haben mit vielen Experten auf dem Ge-
nur den Schnabel ausmachen konnte, entsprechend unsi- biet gesprochen, und niemand hat das ernsthaft kritisiert«,
cher war die darauf aufbauende Lesung. Nach Abschluss der sagt van der Veen. Sein Münchner Kollege Stefan Wimmer
Untersuchungen war das Forscherteam davon überzeugt, bestätigt das: »Die Identifizierung mit Israel ist seriös und
das letzte kritische Schriftzeichen identifiziert und die Frage solide. Es kommt hinzu, dass es keinerlei einleuchtende Al-
nach dem Inhalt geklärt zu haben. Auch die beiden anderen ternativen gibt, mit denen der Name in diesem Kontext
Namen lassen sich demnach eindeutig lesen: »Kanaan« und denn sonst zu verbinden sei.«
»Aschkelon«, Ortsbezeichnungen aus der Gegend des heuti- Denn dass der Pharao, der die Inschrift in Auftrag gab, le-
gen Israel. Die geografische Zusammenstellung passt also diglich den Sieg über den aufmüpfigen Eigner eines Land-
bestens ins Bild, das sich die Forscher machten. guts mit zum Verwechseln ähnlich klingendem Namen no-

42  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
tieren ließ, sei wenig wahrscheinlich: »Sieht man sich die ben dort die letzte Befestigung der Stadt Jericho, die durch
beiden anderen Bezeichnungen an, haben wir es hier offen- ein Erdbeben zerstört wird, und wir sehen Zerstörungen bei
sichtlich mit Hauptfeinden Ägyptens zu tun.« Für diese Ge- anderen Städten, die im Buch Josua erwähnt werden.« Auch
gend komme daher nur das in der Bibel erwähnte Volk in Be- in Ägypten habe es zuvor gesellschaftliche und politische
tracht. Entwicklungen gegeben, die anscheinend in den Überliefe-
Doch der eigentliche Knackpunkt ist das Alter des Reliefs. rungen der Bibel Widerhall fanden. »Hätte man sich darauf
Die eigentümliche Schreibweise lässt drei Interpretationen konzentriert, hätte man durchaus sagen können: Das steckt
offen: Erstens könnte die Inschrift in etwa aus derselben Zeit hinter den biblischen Geschichten.«
stammen wie die Merenptah-Stele. So legt es der Stil der bild- Das bestätigen auch Kritiker der Frühdatierung: Wenn der
lichen Darstellung nahe, und so fügt es sich am ehesten in Exodus irgendeinen wahren Kern haben kann, dann nur
die bestehende Chronologie der israelischen Ursprünge ein. wenn Auszug und Landnahme deutlich früher stattfanden.
Anfang des 13. Jahrhunderts v. Chr. – vielleicht während der Nur hatte sich der Mainstream eben auf eine spätere Periode
Herrschaft von Pharao Ramses II. – notierte der Schreiber als Geburtsstunde Israels geeignet, folglich passte nichts zu-
den Namen Israel und bediente sich aus unbekannter Ursa- einander. Dass das Alte Testament selbst eine Datierung an-
che der »Gruppenschreibung«, einer damals schon anti- gab und den Exodus auf 1450 und die Landnahme auf kurz
quierten Schreibweise. Zweitens könnte derselbe Schreiber vor 1400 v. Chr. verlegte, war dann eher Zeichen für seine his-
den Namen von einer heute verlorenen Inschrift kopiert ha- torische Unzuverlässigkeit als Anlass zum Umdenken.
ben, die entstand, als der Verzicht auf komplexe Gruppen- Ob auf Grund der Analysen von van der Veen, Theis und
schreibungen noch gang und gäbe war; und schließlich Görg ein solches Umdenken stattfindet, ist offen. »Die Ägyp-
könnten Inschrift und Schreiber selbst aus der nämlichen tologie hat auf unsere Veröffentlichung mit erstaunlich we-
Zeit stammen: der frühen 18. Dynastie, also den Jahren 1540 nig Kritik reagiert«, sagt van der Veen. Trotzdem gibt man
bis 1400 v. Chr. sich bedeckt. Vielleicht wegen der politischen Dimension
des Problems: Die Befürchtung in den Ruf eines bibeltreuen
Ein weiterer Puzzlestein Fundamentalisten zu geraten oder von der israelischen reli-
für eine alternative Chronologie giösen Rechten – die ihren Anspruchs auf das Gelobte Land
In ihrer Studie aus dem Jahr 2010 legten sich die drei Auto- durch die alttestamentarische Überlieferung legitimieren
ren nicht fest. Und leider gibt es keine naturwissenschaftli- will – vor den Karren gespannt zu werden, ist bei manchen
chen Datierungsverfahren, die den Fall eindeutig entschei- Forschern groß. Auch legitime akademische Fragestellungen
den könnten. Was bleibt, sind einzig Plausibilitätsargumente, geraten so schnell in Misskredit oder werden gänzlich ausge-
die sich für die oder gegen die einzelnen Szenarien ins Feld klammert.
führen lassen. Dass sich die Fachkollegen bald einigen werden über Alter
Für Peter van der Veen etwa passt die Frühdatierung der und Bedeutung der Berliner Inschrift, glaubt van der Veen je-
Inschrift hervorragend zu einem alternativen Ablauf der Ge- denfalls nicht. Ohne lange Debatten gehe es in der Ägypto-
schichte Israels. Seit Jahren schon feilen er und Forscher- logie nun einmal fast nie ab, wie die Geschichte zeigt: »Nach-
kollegen an einer Sicht der Dinge, in der Geschichte und alt- dem Sir Flinders Petrie 1896 die Merenptah-Stele gefunden
testamentliche Überlieferung besser zueinander passen hatte, diskutierte die Fachwelt ganze 30 Jahre lang darüber,
würden. Der nunmehr überraschend alte Block fügt sich in ob dort nun Israel steht oder nicht.« Ÿ
ihr Theoriengebäude, das letztlich sogar dem berühmten
»Auszug aus Ägypten« einen historischen Kern zubilligt,
wenn auch zu anderer Zeit, als oftmals angenommen – tradi- DER AUTOR
tionell um das Jahr 1600 v. Chr.
Der Linguist Jan Dönges ist Redakteur bei
Vertreter der gängigen Auffassung hatten im Wesentli- »Spektrum.de«.
chen die Merenptah-Stele aus dem Jahr 1200 v. Chr. als Da-
tierungsfixpunkt gewählt und ausgehend von diesem Da-
tum vergeblich nach archäologischen Hinweisen gesucht.
»Doch auf der Merenptah-Stele steht überhaupt nichts, was
darauf schließen lässt, dass das Volk erst kurz vorher ent-
standen ist«, sagt van der Veen. Verschiebt man hingegen
QUELLEN
das archäologische Suchfenster um mindestens zwei Jahr-
hunderte auf das Alter der Berliner Inschrift, fügt sich Puzz- Görg, M.: Israel in Hieroglyphen. In: Biblische Notizen 106, S. 21 – 27,
leteil an Puzzleteil. 2001
Van der Veen, P. G. et al.: Israel in Canaan (long) before Pharao
»Wir können zwar immer noch nichts definitiv beweisen«, Merenptah? A Fresh Look at Berlin Statue Pedestal Relief 21687.
sagt der Forscher. »Aber im 16. Jahrhundert v. Chr., das heißt In: Journal of Ancient Egyptian Interconnections 2, S. 15 – 25, 2010
am Ende der Mittleren Bronzezeit, ähnelte die Situation sehr
stark der biblischen Erzählung von der Landnahme. Wir ha- Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1071078

WWW.SPEK TRUM .DE 43


REKONSTRUKTION

Der Tempel Salomos


Bezeugt ist er lediglich in der Bibel; Ruinen und Artefakte gibt
es keine. Dennoch lässt sich einiges über das legendäre Gotteshaus
aussagen – durch eine plausible Archäologie des Geistes.
Von Wolfgang Zwickel

MIT FR
DL. G
EN. V
ON JÜ
RGEN
WILLB
Ein Monument für den Gott der Könige: Die Säulen Jachin ARTH
DESIG
N

und Boas flankierten den Eingang. Zusammen bedeu-


ten die Namen: »Er (Jahwe) hat gegründet mit Macht.«

44  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
N
ach biblischem Bericht soll es König Salomo ge­ Das Gotteshaus hatte, so berichten es jedenfalls die Bibel
wesen sein, der fast ein Jahrtausend vor Christus und andere Quellen, eine bewegte Geschichte. Rund 400 Jah­
den Tempelberg in Jerusalem bebauen ließ und re nach seinem Bau wurde es von den Babyloniern 586 v. Chr.
damit das damalige Stadtareal auf doppelte Grö­ zerstört, fast 70 Jahre später wieder aufgebaut. Zuletzt setzte
ße erweiterte. Zunächst wurde ein repräsentativer Palast er­ sich König Herodes in den Jahrzehnten vor Christi Geburt
richtet, dann folgte – in nur eineinhalb Jahren Bauzeit – der ein Denkmal, indem er den Platz nochmals auf die doppelte
legendäre Tempel. Freilich fehlen bislang jegliche archäolo­ Größe erweiterte und den Tempel von Grund auf erneuerte.
gische Beweise hierfür, denn auf dem damaligen Tempel­ Doch auch dieser Bau wurde 70 n. Chr. von den Römern zer­
platz befindet sich heute der Felsendom, eines der wichtigs­ stört – diesmal endgültig. Ende des 7. Jahrhunderts n. Chr.
ten Heiligtümer des Islam. Damit ist es unmöglich, auf die­ wurde dann mit dem Bau des Felsendoms begonnen. Und
sem Gelände Ausgrabungen durchzuführen. seit 1520 wird ein schmaler Streifen des jüdischen Viertels in
Jerusalem mit unmittelbarem Zugang zur Außenmauer des
von Herodes gestalteten Tempelplatzes von Juden als Ge­
betsstätte verwendet: die Klagemauer. Vom salomonischen
Tempel selbst aber sind keinerlei Spuren geblieben. Und
doch bewegt noch heute sein Areal – der Tempelberg – nicht
nur die Menschen der Region, sondern beeinflusst gar die
Geschicke der Welt. Nachdem Ariel Sharon im September
2000 den Platz betreten hatte, tobte die zweite Intifada. Zu­
vor hatten die Israelis in der Regel die arabische Oberhoheit
über den Tempelplatz respektiert. Sharons Aktion wurde als
bewusste Provokation verstanden, und so war sie damals
wohl auch gedacht.

Die Stadt des Geistes


Jerusalem ist eine religiöse Stadt, eine Stadt, in der orthodo­
xe und ultraorthodoxe Juden das Straßenbild prägen – ganz
anders als etwa in Haifa oder Tel Aviv. Es ist auch heute noch
eine Stadt der Religionen und des Geistes, weniger eine der
Wirtschaft und des Konsums. Leider verfügen wir für die ge­
naue Beschreibung des Tempels nur über biblische Texte, die
zudem in späteren Jahren noch einmal glorifizierend überar­
beitet wurden. Da uns also keine handfesten Fundstücke vor­
liegen, wollen wir uns eben in einer »Archäologie des Geis­
tes« versuchen und den salomonischen Tempel aus den Be­
schreibungen der Bibel – in Verbindung mit archäologischen
Befunden von anderen Orten – plausibel rekonstruieren.

AUF EINEN BLICK

PALASTGOTTES

1 Der legendäre König Salomo soll seine weltliche Macht durch


kostspielige Monumentalbauten aller Welt vor Augen geführt
haben, darunter insbesondere ein Tempel Jahwes in Jerusalem.

2 Für die Stadt und das Reich Juda erlangte der Tempel symbo-
lische Bedeutung: Er sollte die Uneinnehmbarkeit der
Kapitale garantierten, allen Angriffen zum Trotz – bis Jerusalem
doch erobert und zerstört wurde.

3 Infolge vielfacher Überbauung haben sich keinerlei Reste erhal-


ten, doch anhand archäologischer Befunde aus vergleich-
baren Nachbarkulturen lassen sich die biblischen Beschreibungen
deuten und das Bauwerk rekonstruieren.

WWW.SPEK TRUM .DE 45


Es war aber erst Davids Sohn Salomo gegönnt, jenen le­
gendären Tempel zu errichten, von dem die Bibel so oft und
ausführlich berichtet. Häufig bezeichnet man dieses Gottes­
haus als Palastkapelle. Richtig ist daran die enge Beziehung
zwischen Tempel und Palast. Der König stellte den Kultbe­
trieb sicher, er spendete Gaben für den Tempel und er be­
stellte den dortigen Priester. Andererseits wurde von der
Gottheit erwartet, dass sie den Herrscher mit Erfolg segnete
und das Wirken des Königs, der als Sohn Gottes verstanden
werden konnte, erfolgreich sein ließ. Falsch an der Bezeich­
nung Palastkapelle ist jedoch die Vorstellung, es handle sich
um einen kleinen Bau. Verglichen mit griechischen Tempeln
war der salomonische zweifelsohne klein, verglichen mit
Gotteshäusern der Levante war er mit seinen Innenmaßen
von 30 mal 10 Metern außerordentlich groß. Erst in jüngster
Vergangenheit wurde in der damaligen Weltstadt Aleppo ein
Tempel entdeckt, dessen Maße noch größer als die des Jeru­
salemer Tempels sind.

CALWER VERLAG, STUTTGART / CORA FISCHER, NACH: WOLFGANG ZWICKEL


Fruchtbarkeit und Leben
Das Tempelinnere und sein Dach waren aus Zedernholz ge­
fertigt, das aus dem Libanongebirge beschafft werden muss­
te. Zedernholz war das wertvollste Bauholz der Antike, deren
Bäume bis zu 40 Meter hoch wurden und in recht unzugäng­
lichen Regionen geschlagen werden mussten. Die Innenwän­
de des Gotteshauses waren mit Schnitzarbeiten versehen, die
Cheruben, Palmetten und Rosetten zeigten. Cheruben waren
in der Antike mythische Schutztiere, Palmetten gaben ideali­
sierte Bäume wieder, die als Lebensbaum und damit als gött­
licher Baum verstanden wurden. Wahrscheinlich flankierten
Die Innenwände des Tempels waren mit Schnitzarbeiten ge- die Cheruben die Palmetten – ein verbreitetes Motiv in der
schmückt und genauso wie das Dach und das Allerheiligste (im altorientalischen Ikonografie –, während die Rosetten als Or­
Bildhintergrund) aus kostbarem Zedernholz gefertigt. namentbänder die Darstellungen oben und unten einfassten.
Auch für das Allerheiligste, ein kubischer Schrein mit zehn
Meter Seitenlänge, hatte man Zedernholz benutzt. Der im He­
Als David um 1000 v. Chr. Jerusalem eroberte (siehe den bräischen für den Schrein verwendete Terminus »debir«
Beitrag S. 30), war die kleine Siedlung das regionale Zentrum scheint aus dem Ägyptischen eingewandert zu sein, wo »dbr«
des ganzen südlichen Berglands. Die damalige Stadtanlage einen Götterschrein meint. Die Errichtung eines solchen, für
beschränkte sich auf die heutige Davidstadt, ein etwa 400 Ägypten typischen Heiligtums stellt in Palästina eine Neue­
mal 150 Meter großer Sporn, der durch das Stadttal und das rung dar. Üblicherweise baute man in palästinischen Tem­
Kidrontal bestens strategisch geschützt war. Obwohl man bei peln ein kleines Podium aus Bruchsteinen oder Ziegeln, auf
Grabungen bisher wenig Entsprechendes gefunden hat, gab dem das Götterbild und Gaben für die Gottheit aufgestellt
es hier höchstwahrscheinlich einen Palast und auch einen werden konnten. Der kubische Schrein bot den Künstlern, die
Tempel für den Stadtgott Schalim. Jerusalem bedeutet »Grün­ den Jerusalemer Tempel erbauten, eine neue und bislang in
dung des Gottes Schalim«, und dieser Gott wachte über die Palästina nie praktizierte Möglichkeit der Visualisierung ei­
Geschicke der Stadt. Es spricht nichts dafür, dass schon in vor­ nes Gottesbilds. Da der Gott Jahwe nicht, wie die anderen Göt­
davidischer Zeit auf dem späteren Tempelberg ein Kultbau ter des Landes, in der Gestalt eines anthropomorphen Göt­
existierte. Der Gott Jahwe wurde wohl erst durch das davi­ terbildes verehrt wurde, erbaute man in dem Kubus einen
dische Königshaus in Jerusalem eingeführt und löste in der überdimensionalen Thron. Auf diesem stellte man sich den
Folgezeit den traditionellen Stadtgott ab. Zu Davids Mitarbei­ transzendenten Gott Jahwe sitzend vor. Der reale Thron war
tern gehörten anfangs zwei Priester: Zadok, der wohl am tra­ mit Cheruben verziert, so wie auch in der Umwelt des Alten
ditionellen, Schalim geweihten Stadttempel seinen Dienst Testaments Cherubenthrone für Götter belegt sind.
versah, und Ebjatar, der vermutlich in einem Zelt an der Gi­ Neben diesen hölzernen Baumaßnahmen wurde eine Rei­
honquelle als Priester wirkte, das für den neu einzuführen­ he von Metallarbeiten für den Tempel hergestellt. Den Ein­
den Gott Jahwe aufgestellt war. gang flankierten zwei Säulen namens Jachin und Boas. Über­

46  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
setzt lauten die Namen: »Er (das heißt: der Gott Jahwe) hat ge­
gründet mit Macht.« Die Säulen symbolisierten demnach die

CALWER VERLAG, STUTTGART / CORA FISCHER, NACH: WOLFGANG ZWICKEL


Schöpfungstheologie; Jahwe sollte als Schöpfer der Welt ver­
standen werden. Die Symbolik des Doppelkapitells dieser
Säulen wies in eine ähnliche Richtung; über sieben Reihen
phönizischer Blattkränze befand sich eine geschlossene Lo­
tosblüte. Diese ist im Vorderen Orient Symbol für das ewige,
sich ständig erneuernde Leben, denn sie sinkt nachts unter
die Wasseroberfläche und taucht morgens wieder auf. An den
Kapitellen hingen zudem an einer Kette 400 kleine Granat­
äpfel, ebenfalls Symbole der Fruchtbarkeit und des Lebens.
Auch das »eherne Meer«, ein großes metallenes Becken
mit rund fünf Meter Durchmesser und einer Höhe von zwei­
einhalb Metern, verweist auf eine ähnliche Deutung. Derar­
tige Kultbecken gab es in altorientalischen Tempeln. In Amat­
hous auf Zypern wurde etwa ein steinernes Becken gefunden, Das »eherne Meer«, ein Kultbecken, das für Fülle und Fruchtbar-
das wahrscheinlich aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. stammt. keit stand, hatte einen Durchmesser von rund fünf Metern.
Das Wasser in dem Becken symbolisierte den unterirdischen
Süßwasserozean. Nach dem altorientalischen Weltbild traten
die Wasser dieses Ozeans als Quellen ans Tageslicht. In den hing wohl eng mit Schöpfung, Leben und Fruchtbarkeit zu­
trockenen Sommermonaten wuchs im Orient grünes Gras sammen. Ihre Vielzahl sollte somit der Bedeutung des Got­
und damit Leben nur dort, wo Wasser vorhanden war. Also tes Jahwe – der ja ein neuer Gott in Jerusalem war – als Le­
stand das eherne Meer ebenfalls für die Fülle und das Leben, bensspender besonderen Nachdruck verleihen.
die mit Jahwe in Verbindung gebracht wurden. All diese Arbeiten hatten ihren Preis. Die Bewohner des
Landes mussten zwar keine Steuern zahlen, stattdessen aber
Garant der Uneinnehmbarkeit Arbeitsdienst leisten und einen Teil des Jahres beim Bau von
Schließlich gab es noch zehn Kesselwagen. Ihre Beschrei­ Tempel und Palast zubringen. Für die Metallarbeiten ließ Sa­
bung gehört zu den am schwersten verständlichen hebräi­ lomo einen Spezialisten namens Hiram aus Tyrus holen. Das
schen Texten überhaupt. Erst als vergleichbare Artefakte aus benötigte Metall wurde aus Punon im südlichen Ostjordan­
Zypern gefunden wurden, ermöglichten diese eine sinnvolle land importiert. Und schließlich musste Holz aus dem Liba­
Interpretation. Allerdings waren die Funde nur höchstens non beschafft werden. Salomo trat allein hierfür dem König
40 Zentimeter hoch, während die Jerusalemer Wagen zirka von Tyrus eine der fruchtbarsten Gegenden seines Landes ab.
dreieinhalb Meter hoch gewesen sein müssen. Auch ihr Sinn So waren also Tempel und Palast in Jerusalem innenpolitisch
und territorial gesehen teuer erkaufte Prestigeprojekte, die
es einem eigentlich wenig einflussreichen Provinzfürsten er­
möglichen sollten, seine scheinbare Bedeutung herauszu­
stellen.
Das Gotteshaus war zunächst das kultische Zentrum al­
Die Beschreibung lein von Jerusalem, nach dem Tod Salomos und dem Zerfall
der zehn Kessel- eines geeinten Reiches wurde es zum Nationalheiligtum und
wagen in der Bibel zum Wallfahrtsort. Der Tempel und der in ihm anwesende
CALWER VERLAG, STUTTGART / CORA FISCHER, NACH: WOLFGANG ZWICKEL

ist schwer ver- Gott Jahwe wurde im Verständnis der Stadtbewohner der Ga­
ständlich. Erst Fun- rant für die Uneinnehmbarkeit der Stadt Jerusalem, die auch
de auf Zypern tatsächlich von der Zeit Davids an rund 400 Jahre lang nicht
ermöglichten eine erobert werden konnte. Erst 597 v. Chr. drangen die Babylo­
Interpretation. nier in Jerusalem ein, und im Zuge eines zweiten Feldzugs
zehn Jahre darauf zerstörten sie den Tempel. Kein Stein blieb
auf dem anderen. Das Gotteshaus aber hatte sich als so wich­
tig für die nationale Einheit erwiesen, dass es 520 v. Chr. er­
neut erbaut und schließlich fünf Jahrhunderte später von
Herodes dem Großen völlig neu gestaltet wurde. Der Tempel
war nicht nur ein Bauwerk – er war und ist ein Symbol. Und
solche bestehen auch ohne reale Beweise.  Ÿ

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1376000

WWW.SPEK TRUM .DE 47


RELIGIONSGESCHICHTE

Jahwes Frau
Ursprünglich war Jahwe eine altorientalische Gottheit wie andere auch.
Er gebot dem Wetter – und hatte womöglich ein weibliches Pendant.
Erst im Zuge der Kultreform des Josia wäre seine »Aschera« demnach
aus dem judäischen Pantheon verbannt worden.
Von Klaus-Dieter Linsmeier

D
er Gott Israels war Jahwe – die meisten Autoren Des Weiteren finden sich Personen- und Ortsnamen in alttes-
der Bibel hegten daran keinen Zweifel. Schließlich tamentlichen Texten, von denen manche Kurzformen für
hatte er sein Volk aus Ägypten geführt, hatte ihm Jahwe wie »Jo-« oder »Ja-«, andere aber Verweise auf weitere
bei der Eroberung des Gelobten Landes und auch Götter des Alten Orients enthalten. So bedeutete Zedekia
später in diversen Kriegen geholfen. Bei genauerem Hinse- »Jahwe ist meine Gerechtigkeit«, Natanael hingegen »El hat
hen bekommt dieses klare Bild aber Risse. So erwähnt schon gegeben« und Bealjada »Baal hat erkannt«, die Ortschaft Bet-
das Alte Testament Konkurrenz, insbesondere durch den Gott El war das »Haus des El« und Baal-Hazor eine »Siedlung des
Baal (siehe »Der Konkurrent: Baal«, S. 50). Mehrere Inschrif- Baal«. Offenbar war die Gesellschaft Palästinas damals poly-
ten stellten Jahwe möglicherweise auch eine Aschera, also theistisch.
eine Partnerin an die Seite. Tatsächlich erweist sich der Mono-
theismus als Höhepunkt einer Entwicklung, die sich anhand »Das Land von Jahu«
der biblischen Quellen allein nicht rekonstruieren lässt. Das bestätigen auch nichtbiblische Quellen. Ein wahres
Der Grund liegt auf der Hand: Alle diese Schilderungen Schatzkästlein sind diesbezüglich die zahlreichen Keil-
entstanden Jahrhunderte nach den berichteten Ereignissen schrifttafeln, die in Ugarit ausgegraben wurden, einem kana-
und unter völlig anderen theologischen Bedingungen. Das anäischen Stadtstaat des 15. bis 13. Jahrhunderts v. Chr. an der
Geschichtsverständnis in der Antike zielte aber nicht auf die Küste Syriens. Etwa 100 Gottheiten werden darin erwähnt –
korrekte Überlieferung, sondern strebte nach einem Ver- außer Jahwe. Er findet sich für die fragliche Zeit vermutlich –
ständnis der jeweiligen Gegenwart durch den Blick in ihre gesichert ist dies noch nicht – in zwei Inschriften: den Orts-
Vergangenheit. Deshalb wurden Texte wie die des Alten Tes- namenslisten von Soleb im heutigen Sudan aus der Zeit des
taments immer wieder überarbeitet und ihre Aussagen den Pharaos Amenophis III. (1390 – 1353 v. Chr.) beziehungsweise
aktuell brennenden Fragen entsprechend verändert und zu- einer Liste aus dem benachbarten Amara West aus der Zeit
gespitzt. Ramses II. (1279 – 1213 v. Chr.). Die beiden identischen Texte
Dies eingedenk lesen Forscher so manche Informationen erwähnen ein »Land der Schasu-Nomaden von Jahu«, das
»zwischen den Zeilen«. So muss den Verfassern der ältesten Wissenschaftler jenseits des Jordans verorten. Jahu könnte
Bücher der Bibel durchaus bewusst gewesen sein, dass Jahwe also Jahwe gewesen sein.
nicht immer Israels einziger Gott war. Das erweist schon der Die kurze Nennung verrät aber noch mehr. Das altägyp-
Name des Volkes, der »El kämpft« bedeutet – offenbar ver- tische »Schasu« bedeutete nämlich »Sandfresser«. Damit be-
ehrte der Stämmeverband des Nordreichs eine Gottheit El. zeichneten die Ägypter Nomaden, die am Rand des Kultur-
lands umherzogen und deren unstete Lebensweise ihnen
schlichtweg als barbarisch galt. Demnach wäre Jahwe ur-
AUF EINEN BLICK
sprünglich ein Gott solcher Gruppen im östlichen Jordantal
gewesen. Autoren der Bibel nannten die Bewohner dieser Re-
DIEANFÄNGEDESBIBLISCHENGOTTES
gion Edomiter oder auch Midianiter. Die älteste Erwähnung

1 Etliche biblische und archäologische Quellen lassen vermuten,


dass Jahwe ursprünglich ein Nomadengott im östlichen Jordan-
tal war.
dürfte im Buch der Richter zu finden sein: »Als du auszogst,
Jahwe, von Seir, anrücktest von Edoms Gefilde, da bebte die
Erde, die Himmel zitterten, die Wolken brachen in Wasser

2 Archäologen haben zudem Hinweise darauf gefunden, dass


ihm eine Aschera, eine weibliche Gottheit, zur Seite stand,
die als Fruchtbarkeitsgöttin fungierte. Diese These ist allerdings
aus. Die Berge flossen vor Jahwe, dem vom Sinai, vor Jahwe,
dem Gott Israels.« Seir und Edom wurden im Alten Tes-
umstritten. tament synonym für ein Gebiet im heutigen südlichen Jor-
danien verwendet. Und mit dem Sinai war noch nicht die

48  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
AKG IMAGES / BIBLE LAND PICTURES / ZEV RADOVAN
Als Aschera bezeichnete Göttinnen sollten vermutlich Fruchtbar- Als wahre Sensation feierten die Historiker 1967 bezie-
keit und Schutz schenken. Sie fungierten als weibliche Pendants hungsweise 1975/76 die Entdeckung weiterer Inschriften in
zu einigen altorientalischen Wettergöttern. Tonfiguren von ihnen Kuntilet Ajrud sowie in dem älteren Khirbet el-Kom (8. Jahr-
fanden sich vielerorts in der Levante (im Bild Ascheras des Baal hundert v. Chr.). Denn darin war der allgemeinen Lesart nach
oder des El, 10. bis 7. Jahrhundert v. Chr.). von »Jahwe und seiner Aschera« die Rede, also von einer
Fruchtbarkeitsgöttin an der Seite des Gottes. Das würde ein-
mal mehr bestätigen, dass der Monotheismus der Juden und
Halbinsel am Roten Meer gemeint – dies gilt erst ab dem Christen aus einer Religion hervorging, die sich von anderen
4. Jahrhundert n. Chr. –, sondern ein Berg wohl ebenfalls im des Vorderen Orients nicht unterschied: Wie die Menschen
südlichen Jordanien. lebten auch die Götter diesen Vorstellungen nach meist in ei-
Solche Hinweise gibt es etliche, in der Bibel wie in archäo- ner Gemeinschaft von Mann und Frau.
logischen Quellen. Der Prophet Habakuk sprach von Teman
und dem Gebirge Paran. In Kuntilet Adschrud, möglicher- Göttlicher Beistand
weise eine Raststation des 9. Jahrhunderts – auf der heutigen für die Mütter
Sinaihalbinsel gelegen – kam bei Ausgrabungen ein Vorrats- Bei Ausgrabungen in Juda fand man bis heute mehr als 1500
gefäß ans Licht, dessen Beschriftung einen »Jahwe von Te- Figurinen weiblicher Gottheiten. Sie bestanden aus einem
man« erwähnt. pfeilerförmigen Körper, auf dem ein Kopf aufgesetzt wurde.
Somit zweifeln Religionshistoriker kaum noch daran, Nur die Brüste und die Arme wurden aus dem Leib herausge-
dass Jahwe ursprünglich eine Nomadengottheit war, die arbeitet. Experten sehen darin eine Fruchtbarkeitsgöttin, we-
man im südlichen Ostjordanland anbetete. Aus den Be- gen der oft übergroßen Brüste eine den Nachwuchs stillende.
schreibungen der Bibel lässt sich auch ablesen, dass er als In einer Zeit, da jedes zweite Kind das erste Lebensjahr nicht
kriegerisch galt, aber auch Regen und Fruchtbarkeit brachte. überlebte, war die Anrufung einer solchen Göttin sicherlich
Damit reihte er sich wie Baal in den Reigen der Wettergötter ein wichtiges Anliegen. Angesichts der Vielzahl der Funde
des Alten Orients ein. könnte es sich bei diesen Figurinen um die Göttin Aschera
Zum Gott Israels wurde er dank der Habiru, ebenfalls handeln, der dann wohl ein bedeutender heidnischer Kult
Nichtsesshafte, Räuber und Söldner. König David war einer gewidmet war.
von ihnen (siehe den Beitrag S. 24), ebenso etliche seiner Mit- Auch das Alte Testament verwendet den Begriff mehrfach.
streiter, wie die Kurzformen in ihren Namen zeigen: Joab, Jo- Laut dem Buch der Könige waren ihr Kultbilder errichtet
schafat, Seraja, Benaja und viele mehr. Diese Truppe rief worden, und ein Heer von 400 Aschera-Propheten kamen
Jahwe offenbar als Schutzgott an. Mit Davids Krönung zum bei einem Festmahl zusammen. Mitunter bedeutete Aschera
König übernahm Jahwe diese Funktion dann für ganz Israel aber auch Kultpfahl. So soll ein Engel dem Gideon – einem
und Juda, und im Lauf der Zeit wurden viele Glaubensinhal- der alttestamentlichen Richter – befohlen haben, einen sol-
te, die vormals mit El oder dem Jerusalemer Stadtgott Scha- chen Pfahl umzuhauen und Jahwe daraus einen Altar zu bau-
lem verbunden waren, auf ihn übertragen. en. Insgesamt vermittelten die Autoren der Bibel nicht den

WWW.SPEK TRUM .DE 49


Eindruck, die Aschera sei zu irgendeinem Zeitpunkt an
Der Konkurrent: Baal Jahwes Seite gewesen.
Allerdings äußerten einige Experten schon früh Beden-
Im Alten Testament steht dieser Name auf den ersten Blick ken gegen diese Deutung der Inschriften. Jeffrey H. Tigay, der
für einen Widersacher Jahwes. Tatsächlich war Baal im Vor- damals hebräische und semitische Sprachen und Literatur
deren Orient aber keine bestimmte Gottheit, sondern die an der University of Pennsylvania lehrte, wies 1988 darauf
Bezeichnung für den höchsten Gott eines lokalen oder hin, dass sich die meisten judäischen Personennamen auf
regionalen Pantheons. Meist residierte er auf einem Berg, Jahwe bezogen, aber keine kultische Verbreitung einer Asche-
beherrschte das Wetter und war somit verantwortlich für ra reflektierten – im Unterschied zu den Verhältnissen bei
die Fruchtbarkeit des Landes. benachbarten altorientalischen Völkern. 2014 bot der in Tel
Eine wichtige Station im Ringen um die Alleinherrschaft Aviv lebende Epigrafiker Benjamin Sass eine andere Lesart
Jahwes war der »Götterwettstreit«, zu dem der Prophet Elia der genannten Inschriften an. Die fragliche Zeichenfolge
aufgerufen hatte (1. Könige 18): Israels König Ahab, der ge- bedeute nicht »Aschera«, »Göttin«, sondern »Segensobjekt
gen die Gesetze Jahwes verstoßen hatte und nun zu Baal be- Jahwes«, was im westsemitischen Sprachraum wohl »Tem-
tete, ließ sich von Elia provozieren, das Volk und mehrere pel« oder »Schrein« meinte. Diese Alternativthese erkläre
hundert Propheten des Baal auf dem Berg Karmel zu ver- auch einen Suffix, der für »sein« stünde, was nicht zu einem
sammeln. Dort wurden Scheiterhaufen errichtet, dann rie- weiblichen Wesen passt, wohl aber zu »Jahwe und sein Tem-
fen die Priester ihren Gott an, den ihren zu entzünden. Doch pel«. Die Diskussion ist noch im Gange.
nichts geschah, mochten sie auch beten und ihr eigenes Ein wichtiger Schritt zum Monotheismus war die Reform
Blut opfern. Elia verhöhnte sie und forderte, die Grube mit des Königs Josia von Juda (siehe den Beitrag S. 51). Dieser
seinem Holzstoß auch noch mit Wasser zu füllen. Als er nun nutzte 622 v. Chr. den sich abzeichnenden Zusammenbruch
Jahwe anflehte, seine Macht zu beweisen, fiel Feuer vom des assyrischen Reichs, um Tributzahlungen einzustellen
Himmel, verdampfte das Wasser und setzte den Scheiter- und nach Unabhängigkeit zu streben. Fundamentalisten
haufen in Flammen. Jahwe hatte gesiegt, die Baal-Priester gingen noch weiter und verlangten, auch alle Zeichen der
wurden verfolgt und erschlagen. Fremdherrschaft zu beseitigen. Nun war es nach fast 200
Jahren Einflussnahme der assyrischen Religion nicht einfach
zu entscheiden, was Fremdkult war und was zur eigenen Re-
Baal, mit Donner- ligion gehörte. Um jegliche Diskussionen zu vermeiden, ging
keule und Blitzspeer. Josia radikal vor: Nur ein Gott sollte fürderhin in Juda verehrt
werden – Jahwe. Und er sollte nur einen Tempel haben, näm-
lich in Jerusalem. Dies war die Maximalforderung religiöser
Kreise, die heute als Deuteronomisten bezeichnet werden.
Im Kontext der radikalen Maßnahmen wurde auch Aschera
beseitigt. Sofern sie wirklich Jahwes Gemahlin war, hatte sie
vermutlich inzwischen zu viele Aspekte der assyrischen Göt-
tin Ischtar angenommen.
Die Reform erfasste vorläufig nur Juda, sie etablierte sozu-
sagen einen beschränkten Monotheismus. Der entscheiden-
de Schritt vollzog sich erst gut 40 Jahre später im babyloni-
schen Exil. Juda und Israel existierten nicht mehr, und viele
Judäer lebten nun in Ländern, in denen fremde Götter ver-
ehrt wurden. Dort fanden sie Halt und Identität in dem Glau-
ben an den einen Gott, der seinem auserwählten Volk all dies
als Prüfung auferlegt hatte (siehe den Beitrag S. 76).  Ÿ

DER AUTOR

Klaus-Dieter Linsmeier ist Redakteur und


AKG IMAGES / BIBLE LAND PICTURES / ZEV RADOVAN

Koordinator Archäologie und Geschichte


bei »Spektrum der Wissenschaft«.

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1376001

50  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
RELIGIONSREFORM

Ein Tempel, der


allen gemeinsam ist
Weil er das Reich Davids wieder errichten wollte, ließ König Josia alle Kulte
außer dem Jahwes ausrotten und obendrein sämtliche Heiligtümer bis auf
den Jerusalemer Tempel schleifen.
Von Manfred Clauss

D
as Schicksal Judas hatte im 7. Jahrhundert fest in Beamten, mit der Einstellung aller Tributzahlungen und der
den Händen der Assyrer gelegen, die unter San­ Entfernung des assyrischen Staatskults aus dem Jerusalemer
herib (705 – 681 v. Chr.) bis nach Ägypten vordran­ Tempel. Schritt für Schritt holte Josia die Selbständigkeit sei­
gen. Doch schon unter Assurbanipal (669 – 626 v. nes Landes zurück. Da Assur selbst ums Überleben kämpfte
Chr.) schwand die Macht des Großreichs. Insbesondere Baby­ und dem kleinen Juda in diesem Ringen wenig Bedeutung
lon erstarkte und begründete schließlich nach dem Tod des zukam, blieben diese Unternehmungen zunächst folgenlos.
assyrischen Großkönigs das Neubabylonische Reich. Auch
Meder und skythische Bevölkerungsgruppen gehörten zum Josia, der Eroberer
Kreis jener Gegner, denen Assur letztlich erlag: 612 wurde Bald aber wurde deutlich, dass Josias Ambitionen weit über
seine Hauptstadt Ninive erobert, 610 setzte der Fall der Stadt eine bloße Autonomie hinausgingen. Er wollte sein Reich
Harran im westlichen Mesopotamien dem assyrischen Reich neu aufstellen, und es sollte das einstige Staatsgebiet des Kö­
ein Ende. nigs David umfassen – so wie man es damals verstand. Die
In dessen Randzonen witterte man schon zu Beginn des außenpolitische Lage begünstigte – zumindest für knapp 15
Zerfalls eine Chance, den Vasallenstatus endlich abzulegen. Jahre – seine Projekte, und da Josia seine beschränkten Mittel
Wann Judas König Josia diese Abkoppelung vollzog, ist nicht vorsichtig einsetzte, errang er Beachtliches. Zunächst erober­
überliefert, es bietet sich aber das Jahr 626 als Datum an: te er die benachbarte assyrische Provinz Samaria und das
Zum einen wurde Josia zu dieser Zeit volljährig, zum ande­ Gebiet der Stadt Ekron. Der Heerzug drang erfolgreich bis
ren starb Assurbanipal, und Vasallenverträge waren stets zum Mittelmeer vor, wobei stark befestigte Städte wie Asch­
zwischen Personen geschlossen worden. Als Ninive fiel, kelon widerstanden. Im Osten gliederte Josia Teile der Pro­
glaubten viele Judäer, dass das prophezeite Kommen des vinz Gilead seinem Territorium ein. Danach erweiterte Josia
Messias unmittelbar bevorstand und dass bald wieder das seinen Aktionsradius bis zur assyrischen Provinz von Megid­
Haus Davids über Israel und Juda herrschen werde. Vor die­ do. Zur Sicherung der nun weit vorgeschobenen Grenzen
sem Hintergrund wird die wagemutige Politik des jungen ließ der König Festungen anlegen. In einigen fanden Archäo­
Josia, der dieser Dynastie angehöhrte, begreiflich. logen Keramik aus griechischer Produktion – wie andere
Die Aufkündigung des Vasallenverhältnisses begann, wie Herrscher seiner Zeit stationierte er dort wohl auch helleni­
stets in solchen Fällen, mit der Vertreibung von assyrischen sche Söldner aus Kleinasien.
Die Eroberungspolitik ging mit einer Glaubensreform
einher. Josia wollte ein wiedervereintes Reich nach dem Vor­
AUF EINEN BLICK
bild Davids und Salomos, das dem Schutz eines einzigen
RÜCKKEHRDERDAVIDEN Gottes unterstellt war, den es in einem einheitlichen Kult fei­
erte. Dieses Programm brachte der jüdische Geschichts­

1 Den Niedergang des assyrischen Imperiums ab 626 v. Chr.


nutzte König Josia nicht nur, um Juda in die Unabhängigkeit zu
führen, er eroberte auch Gebiete des davidischen Reichs zurück.
schreiber Flavius Josephus um 100 n. Chr. auf die klassische
Formel: »Ein Tempel, der allen gemeinsam ist, für den einen
Gott, der allen gemeinsam ist.«
2 Um seinen Staat zu stabilisieren, reformierte der Davide Josia
das Kultwesen: Alle Religion konzentrierte sich nun auf den
Jahwe-Tempel in Jerusalem.
In seinem 18. Regierungsjahr kam bei Restaurierungsar­
beiten im Tempel angeblich ein Gesetzbuch aus alter Zeit zu
Tage (2. Könige 22, 3 – 20), eine Sammlung von Rechtssätzen

WWW.SPEK TRUM .DE 51


mit predigtartigen Kommentaren, die von Moses stammen Bevölkerung, an kultischen Feiern teilzunehmen, die bis da­
sollten. Man suchte damals nach Vorbildern und entdeckte hin die Basis eines religiösen Elements im alltäglichen Leben
Altes neu. Nach Ansicht von Bibelexegeten stammte das bildeten. Weite Teile des Volkes waren zu diesem Einschnitt
Werk ursprünglich aus Israel und war vermutlich von Flücht­ nicht bereit. Zu Gegenreaktionen kam es unter Josias Nach­
lingen mitgebracht worden. In Jerusalem entwickelte man folger Jojakim (609 – 598 v. Chr.), als die Euphorie des letzten
daraus eine Art Utopie für einen besseren Staat nach dem Jahrzehnts durch inzwischen aufgezwungene Tributzahlun­
Vorbild der Vergangenheit. gen an Ägypten einen deutlichen Dämpfer erhielten (siehe
Es ging Josia vor allem darum, die hebräische Gottesvereh­ den Beitrag S. 76). Insbesondere klagte der Prophet Jeremia,
rung gegen das kanaanäische Kultwesen abzugrenzen – eine aus Stolz auf den Besitz der Gesetze Jahwes höre das Volk
Aufgabe, der sich jahwistische Kreise in Israel immer schon nicht mehr auf die Worte der Propheten. Mit anderen Wor­
gewidmet hatten. Mit dem »wiederentdeckten« Gesetzbuch ten: Die rein äußerliche Befolgung religiöser Vorschriften
Moses wurden alte Traditionen Israels durch den Herrscher versprach bereits den Schutz Gottes, es bedurfte nicht mehr
in Jerusalem sanktioniert und allgemein verbindlich. des persönlich praktizierten Glaubens.
Das Alte Testament stellt Josias Maßnahmen als einmali­
Jerusalem als gen Akt dar, der nach dem Auffinden des Gesetzbuchs in die
Brennpunkt der Religion
Die Grundforderungen des Buchs lassen sich in drei Kern­
punkten zusammenfassen: Jahwe soll nur an einer einzigen
Stätte kultisch verehrt werden. Ihm soll ungeteilte Vereh­ Ein Schreiber liest
rung zukommen. Und die Hebräer müssten als Gesamtheit König Josia aus
handeln, wie sie es von Anbeginn an getan haben. Ob das Ge­ dem angeblich
setzbuch tatsächlich einst mit dieser Intention geschrieben mosaischen
wurde, war nebensächlich. Entscheidend wurde, dass Josia Gesetzbuch vor,
und seine Beamten es so auffassten und sie sich mit dieser während drau­
Interpretation in der Folgezeit durchsetzten. Der Herrscher ßen »Götzen­
leitete daraus die Legitimation für seine zentralen innen­ bilder« brennen.
und außenpolitischen Maßnahmen ab.
Wenn alle Hebräer von Anfang an gemeinsam gehandelt
hatten, dann war es für ihn geboten, diese Gemeinschaft po­
litisch wiederherzustellen. Das rechtfertigte es auch, die auf
dem Gebiet des ehemaligen Israel errichteten assyrischen
Provinzen zurückzuerobern.
Sodann »säuberte« Josia die Kultlandschaft Jerusalems,
zerschlug insbesondere die Verehrung des Baal und der Isch­
tar. Des Weiteren ließ er andernorts entsprechende Kultge­
räte, Kultbilder und Heiligtümer zerstören sowie die Priester
vertreiben. Das Tophet, angeblich eine Stätte für die Opfe­
rung von Kindern, sowie die Höhenheiligtümer wurden ritu­
ell verunreinigt – durch Exkremente, Leichenteile oder Lei­
chenbrand. Der Zerstörung fielen laut Altem Testament auch
die Pferdedarstellungen, der Sonnenwagen und die Dach­
Altäre des Jerusalemer Tempels anheim. Dies waren Bestand­
teile teils assyrischer, teils judäischer, dabei aber nicht auf
Jahwe gerichteter Kulte. Zahlreiche Tempeldiener, ein­
schließlich der Priestereunuchen und Prostituierten beider­
lei Geschlechts, fanden den Tod.
Wenn Jahwe nur an einer einzigen Stätte verehrt werden
sollte, dann mussten schließlich auch alle ihm geweihten
Heiligtümer und Opferstätten im Reich beseitigt werden.
Dieses Schicksal ereilte selbst das uralte Jahwe­Heiligtum in
Bet­El; es wurde nach der Eroberung Samarias niedergeris­
sen, seine Priester ermordet (2. Könige 23, 20). Hier ging es of­
fenbar nicht mehr um eine kultische Reform, sondern um
eine totale Ausrichtung auf Jerusalem. Das Verschwinden lo­
kaler Heiligtümer verringerte allerdings die Möglichkeit der

52  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
Wege geleitet wurde; doch dürfte dies die Komposition der bukadnezar II. (604 – 562 v. Chr.) die Tempel Babylons res­
biblischen Erzähler sein. Der stark restaurative Charakter taurieren.
seines Programms entsprach nämlich dem Zeitgeist in vie­ Zu dieser Zeit hatte sich der Aufschwung Judas bereits als
len Ländern des Alten Orients. In Ägypten erfuhr die For­ Episode erwiesen. Denn als Pharao Necho II. im Jahr 609 v.
mensprache des Alten Reichs, die Kultur der Pyramidenzeit, Chr. durch das philistäische Küstengebiet nach Norden zog,
vor allem im Bereich der bildenden Kunst eine Renaissance. um das Restreich von Assur zu unterstützen, versperrte Josia
Aus der Zeit des aus Nubien stammenden Pharao Schabaka ihm bei Megiddo den Weg – und wurde getötet. Der Tod des
(716 – 701 v. Chr.) ist ein theologischer Text überliefert, der Herrschers beendete den Traum von einem erneuerten davi­
angeblich eine uralte Vorlage, »die von Würmern zerfressen dischen Großreich – der Untergang Judas war eingeläutet.
war«, kopierte. Die Religionsreform Josias aber sollte seine politischen Erfol­
Assurbanipal trug in seiner Bibliothek Abschriften von ge überdauern. Der Tempel in Jerusalem stieg zum Zentrum
Dokumenten früherer Dynastien zusammen, während sein der religiösen Verehrung auf, die Stadt selbst wurde für die
Bruder Inschriften in der längst toten Sprache der Sumerer Gläubigen zum Mittelpunkt der Welt.  Ÿ
abfassen ließ. Mit einer solchen Rückbesinnung ging aller­
orten eine starke Religiosität einher. Zum Beispiel ließ Ne­ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1376002

AKG IMAGES

WWW.SPEK TRUM .DE 53


MILITÄRWESEN

Krieger Gottes
Zur Sicherung ihrer Macht schufen schon die ersten
Könige eine Berufsarmee. Genügte anfangs noch eine
reine Infanterie, erforderte die weitere Expansion
bereits ein Streitwagenkontingent.
Von Klaus-Dieter Linsmeier

A
us heutiger Sicht erscheint das Alte Testament oft Eine weitere Schwierigkeit entsprechender Schilderungen
verstörend blutrünstig – Gewalt und Totschlag al- im Alten Testament ist dessen Schriftlegung Jahrzehnte oder
ler Orten. Umso mehr erstaunen die spärlichen Jahrhunderte nach den berichteten Ereignissen. Nicht nur
Informationen zum Kriegswesen als solchem. konnten die Autoren damit selbst nur auf Überlieferungen
Schon deshalb habe seine Zunft die Militärgeschichte nach zurückgreifen – sie sahen deren Gegenstand auch aus der
Ansicht des Mainzer Bibelforschers Wolfgang Zwickel stark Perspektive ihrer eigenen gesellschaftlichen und politischen
vernachlässigt. Erschwerend komme hinzu, dass das Ziel von Bedingungen.
Überlieferungen jener Zeit keine exakte Schilderung histori- Mit Hilfe der Archäologie aber gelingt es, die spärlichen
schen Geschehens war. Ob Altes Testament, assyrische Anna- biblischen Angaben zu überprüfen, zu ergänzen und so ein
len oder ägyptische Siegesstele – stets galt es, Erfolge zu ver- halbwegs stimmiges Bild der Militärgeschichte Israels und
herrlichen und Niederlagen als unausweichlich zu begrün- Judas zu zeichnen. Zu Anfang bestand die Bevölkerung dem-
den, war doch der Feind über die Maßen brutal und natürlich nach ausschließlich aus Bauern, deren Kerngeschäft die Ar-
an Zahl übermächtig gewesen. Oft ist auch von zehntausen- beit auf den Feldern und die Pflege des Viehs war, nicht das
den Soldaten die Rede, die ein Volk dem Gegner entgegenge- Kämpfen. Wurden sie für einen Kriegszug zusammengeru-
stellt hätte. Zu deren Ernährung hätte es aber ein Mehrfaches fen – man nannte das damals Heerbann –, drohte ihnen
an Bauern bedurft. Zum Vergleich: Zwickel schätzt die Bevöl- nicht nur der gewaltsame Tod, sondern auch eine Hungers-
kerungsdichte in Israel und Juda zur Zeit Davids auf lediglich not. Denn Äcker mussten versorgt, Feldfrüchte geerntet wer-
40 000 bis 50 000 Menschen. den. Ziegen zu melken oder Schädlinge von den Pflanzen zu
klauben, mochten auch Frauen und Kinder erledigen, doch
mussten die Tiere auf die Weide getrieben und beaufsichtigt
AUF EINEN BLICK
werden. Es galt, ihnen Ställe zu bauen und andere Kraft rau-
bende Arbeit zu verrichten.
MANNGEGENMANN In Frieden zu leben, war also in jener frühen Zeit des Hei-
ligen Landes überlebenswichtig, doch dieser Friede erwies
1 Im Kriegsfall mussten die Einwohner Judas und Israels selbst
zu den Waffen greifen. Weil Bauern aber kaum zum Kämpfen
taugen, engagierten sie gelegentlich auch Söldner.
sich allzu schnell als brüchig. Wer gerade so über die Runden
kam, schaute mitunter begehrlich auf das Land eines be-
nachbarten Stamms, das so ungerecht fruchtbarer schien.
2 Mit der Errichtung des Königreichs Juda-Israel wurde die allge-
meine Wehrpflicht zu Gunsten eines Berufsheers aufgegeben.
Dessen Organisation und Ausbildung oblag einem Heerführer.
Fiel die eigene Ernte karg aus und der Magen knurrte – sollte
man sich da nicht bei glücklicheren Weilern bedienen? So

3 Die Militärtechnik unterstützte vor allem den direkten Nah-


kampf sowie den Angriff mit einfachen Distanzwaffen wie
Steinschleuder und Bogen. Im 9. Jahrhundert v. Chr. kamen
gab es immer wieder Grenzstreitigkeiten, die auch in Gewalt
mündeten.
Streitwagen hinzu, unter assyrischem Einfluss auch Sturmböcke Überdies trieben zwischen 1200 und 1000 v. Chr. zwei
für die Belagerung. kriegerische Gruppierungen in der Region ihr Unwesen: die
Philister (siehe den Beitrag S. 18), die vermutlich in den Jor-

54  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
HELD
DRÉ
/ AN
ES
IMAG
AKG

Streitwagen gehörten schon seit der Bronzezeit zu den Repräsen- ne Felder im Stich lassen zu müssen. Wer keine Krieger an-
tationsobjekten der Herrscher. Bei entsprechendem Gelände heuerte, riskierte alles.
waren sie aber auch die fürchterlichsten Waffen ihrer Zeit. Wie Zu den Habiru gehörte auch David, der vom Stamm Juda
dieses auf 625 bis 500 v. Chr. datierte Tonmodell aus Zypern gegen die Philister engagiert worden war. Mit seiner Thron-
illustriert, waren die Gefährte meist mit zwei bis drei Männern besteigung brach tatsächlich eine Zeit des Friedens an, doch
besetzt. Einer davon lenkte den Wagen, ein zweiter kämpfte nur weil der – entgegen aller romantisch verklärten Mythen –
gegen die feindlichen Fußtruppen, ein dritter wehrte Geschosse knallhart agierende Machtpolitiker eine gut funktionierende
mit seinem Schild ab. Militärstruktur aufbaute, um sich gegen seine innenpoliti-
schen Gegner abzusichern, das Reich zu erweitern und gegen
Übergriffe zu verteidigen. Biblische und außerbiblische Tex-
dangraben expandieren wollten, um von dem dort verlau- te informieren darüber, wie altorientalische Heere organi-
fenden Fernhandel zu profitierten; sowie marodierende Ban- siert wurden. Ein erfahrener Heerführer, vom Herrscher er-
den von Habiru (siehe den Beitrag S. 6). Als Letztere anfingen, nannt, legte im Kriegsfall die Taktik fest und war in Friedens-
sich als Söldner anwerben zu lassen, verschoben sich die zeiten für Aufbau und Schulung verantwortlich. Die Armee
Machtverhältnisse. Wer mehr bezahlte, obsiegte über die war in Kontingente zu je 50 oder 100 Kämpfern eingeteilt,
Nachbarn, ohne Leib und Leben zu riskieren – und ohne sei- denen jeweils ein Kommandant vorstand.

WWW.SPEK TRUM .DE 55


Zur Grundausstattung der Soldaten Davids wie auch sei- chen Heeresgrößen zu Davids Zeit wirklich um militärische
ner Nachfolger gehörten ein Helm, vermutlich aus Leder, so- Dominanz gerungen wurde: Absalom engagierte gerade ein-
wie ein Schuppenpanzer. Die Schuppen wurden so auf ein mal 50 kriegserfahrene, gut ausgerüstete Männer.
Lederhemd aufgenäht, dass eine Schuppe die Naht der dar- Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: König wurde
unterliegenden verdeckte. Schon ein Kurzhemd dieser Mach- sein Bruder Salomo, und dieser scheint dem »Panzer der
art wog elf Kilogramm. Beinschienen und hohe Lederstiefel Antike« gegenüber offener gewesen zu sein. Zwar glauben
waren in Palästina ungebräuchlich. Als Schutz kamen noch manche Forscher wie der Frankfurter Althistoriker Manfred
Schilde hinzu, die aus einer mit Leder überzogenen Holzkon- Clauss, dass auch er sie eher als Prestigeobjekt nutzte. Doch
struktion bestanden. zu Israel zählte seit David auch die für den Handel mit den
Das Grundelement jeder Schlacht bildete in alter Zeit der Küstenstädten bedeutsame Jesreelebene, und dort, in der
Nahkampf. Die älteste Angriffswaffe war daher die Keule, aus Stadt Megiddo, haben Archäologen Ställe und Hofanlagen
der sich die Streitaxt entwickelte, die auch gegen hölzerne ausgegraben, die sie auf das 11. bis 10. Jahrhundert v. Chr. da-
Stadttore von Nutzen war. Daneben gab es noch Dolch und tieren – die Zeit Salomos.
Schwert. Letzteres schmiedete man aus Eisen, das wesentlich Spätestens Mitte des 9. Jahrhunderts war aus dem Presti-
härter als Kupfer war und den Gegner besser auf Abstand geobjekt endgültig eine Vernichtungswaffe geworden, auf
hielt. der auch der König an der Schlacht teilnahm – begleitet von
Größere Distanzen überwanden Speer und Lanze, die Soldaten, die schützend neben seinem Wagen herliefen. Zur
auch zum Nahkampf taugten, vor allem aber Steinschleuder Besatzung gehörte bald auch ein dritter Mann, der Dis-
sowie Pfeil und Bogen. Ursprünglich war der Lederriemen, in tanzwaffen mit seinem Schild abwehrte. Dementsprechend
den man einen scharfkantigen Stein einlegte, eine Waffe der kräftig mussten die Karossen nun gebaut sein.
Hirten, um wilde Tiere zu vertreiben. Aber ein gut trainierter Welche Bedeutung den Streitwagen vor allem im Nord-
Soldat traf sein Ziel damit nach Schätzung der Forscher auf reich Israel zukam, zeigt eine Inschrift des assyrischen Kö-
gut 100 Meter Entfernung. Vergleichbar weit reichten Bögen, nigs Salmanassar III. aus dem Jahr 853 v. Chr. Eine Koalition
die aus verschiedenen Hölzern und Horn verleimt wurden, syrisch-palästinischer Fürsten stellte sich den Assyrern da-
um eine höhere Spannung zu entwickeln. mals bei Qarqar in Syrien entgegen, darunter angeblich
2000 Streitwagen König Ahabs von Israel. Offenbar hatte Is-
Ross und Wagen – rael in den vergangenen Jahrhunderten aufgerüstet und war
die ultimative Waffe ein Machtfaktor bis in das Küstengebiet südlich des Karmels
Zu den schrecklichsten Angriffswaffen jener Zeit gehörten geworden.
die alles zermalmenden Streitwagen, wie sie die Ägypter seit Diese zunehmende Bedeutung des Militärs spiegelt sich
dem 2. Jahrtausend v. Chr. einsetzten. Meist trugen sie zwei auch darin, dass seine Beamten zu jener kleinen Elite gehör-
Mann Besatzung: Der eine lenkte, der andere schoss Pfeil um ten, die mehr als nur den eigenen Namen lesen und schrei-
Pfeil in die Reihen der Gegner oder stach sie mit der Lanze ben konnte. Textübungen aus der Schreiberausbildung fan-
nieder. Eine regelrechte Massenvernichtung ermöglichten den sich bislang nahezu ausschließlich in Festungen. Neben
Streitwagen, die als geschlossene Reihe gegen eine Armee ihrem obligatorischen Einsatz in der Verwaltung von Lager-
stürmten. Das erforderte gut trainierte Hengste, denn wenn beständen kam der Schrift auch ein tatsächlich militärischer
auch nur ein einziges Tier ausbrach, drohte die Havarie. Die Sinn zu: Wie die bäuerliche Bevölkerung waren im Vorderen
Ausbildung solcher Pferde dauerte, wie einige altorientali- Orient auch die einfachen Soldaten Analphabeten, daher be-
schen Texten verraten, deshalb etwa drei Jahre und war äu- deutete jede Schrift bereits eine Geheimschrift, mit der man
ßerst kostspielig. Nachrichten durch die Linien der Feinde übermitteln konnte.
David aber soll nach einem Feldzug gegen den Aramäer- Trotz aller Investitionen in die Armee unterlagen die klei-
könig Hadad-Eser dessen Wagenpferde gelähmt haben (2. Sa- nen Staaten Syriens und Palästinas nach und nach den gut
muel 8, 4). Eine auf den ersten Blick sinnlose, auf den zweiten ausgerüsteten und trainierten Truppen der Assyrer. Die set-
aber sehr aufschlussreiche Tat: Offenbar hatte er für die Tie- zen beispielsweise schon Sturmböcke ein, um Städte zu er-
re keine Verwendung, besaß also keine Streitwagen. Viel- obern. Das waren zwar bloß mit Leder überdachte Wagen.
leicht erachtete er sie nicht als nötig, da ein Großteil seines Doch wie ein Relief der Belagerung des judäischen Lachisch
Reichs unwegsames Bergland war, für das dieses Kriegsgerät im Jahr 701 v. Chr. zeigt, schützten sie die Assyrer gegen Be-
kaum taugte. schuss von oben, während sie den Wagen eine Rampe hoch-
Zwar hätten zwei Söhne Davids, Absalom und Adonija, schoben, bis sie aus der Deckung heraus ihrerseits die Ver-
Streitwagen angeschafft, um gegen ihren Vater und ihre um teidiger mit Pfeilen bestreichen konnten. 722 v. Chr. unterlag
die Königswürde konkurrierenden Brüder zu obsiegen. Die Israel den Assyrern, 586 v. Chr. eroberte das Neubabyloni-
Bibelstellen dazu sind aber sehr vage, und Fachleute wie Zwi- sche Reich Juda. Militärisches Hochrüsten hatte die beiden
ckel vermuten, dass es jeweils nur ein einziges Gefährt gab, Staaten nicht retten können. Ÿ
dessen repräsentativer Charakter den Titelanspruch unter-
strich. Übrigens zeigen die Texte, wie Zwickel betont, mit wel- Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1376003

56  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
GESELLSCHAFT

Die neuen
Reichen
Mit dem Aufkommen des Königtums fürchteten
die Mächtigen der Stämme um ihren Einfluss.
Bald aber erkannten sie, wie sie die neuen Verhältnisse
zu ihrem Vorteil nutzen konnten – und die Schere
zwischen Arm und Reich öffnete sich immer weiter.
Von Manfred Clauss

A
ls die Einwohner der israelitischen Stadt Sichem schließlich auf den Dornbusch, der weder Schatten spendet
den Plan fassten, einen König zu wählen, kursier­ noch Früchte trägt. Die Botschaft der Fabel lautete also: Ein
te laut dem Alten Testament folgende Fabel (Rich­ König ist wie ein Dornbusch – schlicht überflüssig.
ter 9, 7 – 15): Eines Tages seien die Bäume zusam­ Diese Geschichte entstammte dem 10. vorchristlichen
mengekommen, um sich einen König zu wählen. Zunächst Jahrhundert, als in Juda und Israel die Monarchie aufkam –
trugen sie dieses Amt dem Ölbaum an, da dieser sehr nütz­ offenbar fand die Übertragung von Machtbefugnissen in
lich ist, denn er bringt dem Menschen das Öl für Speise, Rei­ eine Hand nicht nur Befürworter. Vermutlich wurde die Fa­
nigung und Beleuchtung. Aber der Ölbaum lehnte ab, denn bel in die Zeit vor den ersten Königen zurückgedacht, um
er wollte diesen Nutzen nicht aufgeben um »über den Bäu­ ihre Botschaft deutlicher zu machen. Widerstand kam natür­
men zu schweben«. Ebenso verhielt sich der Feigenbaum, lich von jenen Angehörigen der Elite, die Macht einbüßten.
der die Menschen mit süßer Speise versorgt. Dritter Kan­ Doch gerade sie sollten letztlich vom Königtum profitieren,
didat war der Rebstock, stellte mit Wasser verdünnter Wein denn nun kam eine Entwicklung in Gang, an deren Ende sich
doch das bekömmlichste Getränk seiner Zeit dar. Aber auch die zuvor egalitäre Gesellschaft Palästinas in zwei Klassen
dieser wollte aus besagtem Grund nicht. So fiel die Wahl aufgespalten hatte.
Bevor es aber so weit war, brach sich der Unmut immer
wieder Bahn. Zum Beispiel in dieser Kampfschrift, die im ers­
AUF EINEN BLICK
ten Buch Samuel überliefert ist (1. Samuel 8, 11 – 17, gekürzt):
»Eure Söhne nimmt er weg, um sie für sich als Offiziere ein­
PROPHETENKONTRAMONARCHEN
zusetzen und um sein Ackerland zu pflügen und um sein Ge­

1 In der vorstaatlichen Zeit Israels und Judas lagen wichtige


Befugnisse wie die Rechtsprechung in den Händen der
Ältesten. Mit dem Aufkommen eines Beamtenapparats mussten
treide zu ernten und um seine Kriegsgeräte und seine Wa­
genausrüstung herzustellen. Und eure Töchter nimmt er
diese ihre Macht teilen. weg als Salbenmischerinnen und als Köchinnen und als Bä­
ckerinnen. Und eure besten Äcker, Weinberge und Ölbaum­
2 Der anfängliche Widerstand gegen das Königtum und seine
Anforderungen schwand in dem Maß, in dem sich wohlha-
bende Bauern und Älteste mit Hilfe der neuen Herrschaftsstruk-
pflanzungen nimmt er weg und gibt sie seinen Beamten,
und eure besten Sklaven und Sklavinnen und Jünglinge
turen bereicherten. nimmt er weg und setzt sie für seine Arbeit ein. Euer Klein­

3 Trotz der eindringlichen Warnungen der Propheten spaltete


sich die zuvor egalitäre Gesellschaft in zwei Klassen. Diese
Entwicklung wurde auch von der Besoldungspraxis des Königs
vieh belegt er mit dem Zehnten, und ihr selbst müsst ihm
Sklaven sein.«
gefördert: Beamte erhielten Grundbesitz auf dem Land und Das Pamphlet übertrieb sicherlich um seiner Wirkung
mischten sich dort immer stärker ein. willen, doch die Botschaft war eindeutig: Aus freien Män­
nern würden nun Sklaven. Der König werde den Adressaten

WWW.SPEK TRUM .DE 57


Bei Grabungen in Samaria, der Hauptstadt des Nordreichs, Tatsächlich widersetzten sich die Reichen auf Dauer er­
kam diese mit Palmenornamenten verzierte Elfenbeinschnitzerei folgreich. Da kein König ohne sie regieren konnte, blieb ihre
zu Tage. Solche kunstvollen Stücke, gefertigt von reisenden wirtschaftliche Lage allen Unkenrufen zum Trotz stabil. Mit
phönizischen Künstlern, verzierten Möbelstücke in den Häusern der Zeit fanden beide Seiten sogar zueinander, bis schließ­
der Reichen und Mächtigen. lich die Interessen der Oberschicht vom König geschützt, ihr
Eigentum garantiert und der Eigentumserwerb erleichtert
wurde. Ganz anders sah es hingegen bei der einfachen Be­
der Schrift alles nehmen, und wer das war, liegt auf der Hand: völkerung aus, denen Steuern, Dienstleistungen und Kriegs­
wohlhabende Bauern, die reichlich Felder, Weinberge, Ölbäu­ dienst existenziell zusetzten.
me, Vieh und Sklaven besaßen. Da laut der Fabel nur ihre Letztlich war es ein wirtschaftlicher Aspekt des Königtums,
Söhne, nicht aber sie selbst zum Militär­ und Arbeitsdienst der die traditionelle Agrarordnung völlig auf den Kopf stellen
herangezogen würden, lässt sich der Kreis noch enger fassen. und eine Zweiklassengesellschaft dramatisch vorantreiben
Diese Reichen gehörten obendrein zu den Stammesältesten. sollte: die Entlohnung der Staatsdiener. Um sie zu bezahlen,
Der Aufruf agitierte also bei der bislang politisch führenden benötigte der König zum einen selbst umfangreichen Land­
Gesellschaftsschicht, die durch den Monarchen an Bedeu­ besitz, doch dieses Krongut musste nahezu aus dem Nichts
tung verloren hatte und nun auch noch ihren Besitz einbü­ entstehen. So mag das zitierte Pamphlet Recht damit gehabt
ßen würde. haben, der König enteigne die besten Äcker, Weinberge und
Schon die ersten Könige waren mit dieser Elite aneinan­ Ölbaumpflanzungen, um sie seinen Beamten zu geben. Zum
dergeraten. Beispielsweise hatte David erhebliche Abgaben anderen konnte der Herrscher Land kaufen – frei veräußerli­
eingefordert, um eine etwa 600 Mann starke Truppe zu un­ ches Grundeigentum gab es vor allem in den von Kanaanäern
terhalten – das schmeckte nicht jedem. Unter anderem for­ bewohnten Gebieten. So erwarb David in Jerusalem den Platz,
derte er von einem gewissen Nabal materielle Zuwendungen auf dem später Salomo Tempel und Palast errichtete. Der is­
und begründete dies damit, dass er dessen Herden beschützt raelitische König Omri kaufte den Hügel von Samaria, um da­
habe. Als der Mann sich weigerte, drohte David mit Gewalt. rauf eine neue Hauptstadt zu bauen. Aber auch in den Dör­
Er erhielt schließlich Lebensmittel von Nabals Frau Abigail, fern der Hebräer war Landkauf möglich. Generell hing der na­
die um das Leben ihres Mannes fürchtete. Auch Salomos Pa­ türlich von den finanziellen Möglichkeiten der Monarchen
lastbau kostete die Stämme Israels Unsummen, ohne dass er ab. Die aber wurden von den Tributen begrenzt, die sie selbst
anderen Zwecken als der Repräsentation königlicher Macht an die mächtigeren Reiche wie Ägypten oder Assyrien zu ent­
gedient hätte – sicherlich fanden diese Unternehmen nicht richten hatten; auch Plünderungen durch Räuberbanden
nur Befürworter. schmälerten die Mittel der Monarchen. Bereits Salomo soll

58  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
AKG IMAGES / BIBLE LAND PICTURES / ZEV RADOVAN
für das Zedernholz seines Tempels mangels anderer Mittel geschlagen hatte, bewahrte ihn seine Priesterwürde nicht
ganze Städte an die Lieferanten übergeben haben. nur vor der Hinrichtung, er behielt sogar das ihm verliehene
In Israel konnten die Herrscher immer dann Zuwächse Landgut und wurde lediglich des Amtes enthoben. Mit dieser
verbuchen, wenn ihnen das Privateigentum des Vorgängers Praxis sicherten sich die Regenten auch die Loyalität ihrer
zufiel – bei einem Dynastiewechsel wurde dessen Familie Beamten, zumal manche Ämter innerhalb der Familie wei­
meist ermordet. Noch lukrativer waren herrenlose Erbgüter tervererbt werden konnten. Diese Praxis zeitigte einen nach­
wie der Grundbesitz Landesflüchtiger. Auch fielen den Kö­ haltigen Nebeneffekt: Die Beamtenschaft gewann mehr und
nigen die Ländereien gerichtlich verurteilter Personen zu, mehr Einfluss auf dem Land. Sie mischte sich in die Schuld­
sofern sich diese politischer Vergehen schuldig gemacht hat­ verhältnisse der Bauern ein und trachtete danach, ihren
ten. Die Geschichte von Nabots Weinberg zeigt, dass die Mo­ Grundbesitz zu vergrößern.
narchen dem mitunter nachhalfen: Als sich der Bauer wei­ Als wichtigen Motor dieser Entwicklung sehen viele Ex­
gerte, den Besitz seiner Väter an König Ahab zu verkaufen, perten die Einwohner der kanaanäischen Stadtstaaten, die
veranlasste die Königin, dass er von den Ältesten seiner Stadt seit der Schaffung der Königreiche Juda und Israel durch Da­
des Verrats angeklagt und öffentlich gesteinigt wurde (siehe vid einen wesentlichen Anteil der Reichsbevölkerung stell­
Bild S. 60). ten. Ihre Gesellschafts­ und Wirtschaftsordnung war aber be­
reits hierarchisch und autoritär organisiert, sie kannten eine
Erkaufte Loyalität Besoldung durch Überlassen von Grundstücken oder alter­
Ein wohl kleinerer Teil des Kronguts blieb stets im persönli­ nativ dazu die Entschädigung mit Naturalien und Geld. Bei
chen Besitz des Königs und wurde von einem Vorsteher ver­ ihnen stand auch der Erwerb größerer Vermögen unter
waltet. Die Einkünfte aus diesen Ländereien trugen zum Un­ Rechtsschutz und gehörte zum Alltag. Als ein Beamtenappa­
terhalt des Hofstaats bei, der große Rest kam jedoch von den rat und ein Berufsheer aus dem Nichts geschaffen wurden,
Städten und Gemeinden: Juda und Israel waren in jeweils boten sich den Kanaanäern Aufstiegschancen. Die Verwer­
zwölf Verwaltungsbezirke eingeteilt worden, von denen jeder fungen zwischen Besitzenden und Beamten auf der einen,
für einen Monat im Jahr den Königshof versorgte. einfachen Bauern und Handwerkern auf der anderen Seite
In der Hauptsache nutzte der König das Krongut, um Be­ waren bereits angelegt, die zahlenmäßig umfangreiche Auf­
amte und Berufssoldaten wirtschaftlich abzusichern – sie er­ nahme kanaanäischer Spezialisten beschleunigte aber das
hielten Land, das in ihrem Besitz blieb. Nachdem sich bei­ Aufbrechen der einst geschlossenen Sippenverbände.
spielsweise der Priester Ebjatar im Thronstreit zwischen Sa­ Die Monarchen hatten die Weichen zur Umgestaltung der
lomo und dessen Bruder Adonija auf die falsche Seite Sozialstruktur gestellt, und wenn auch danach vieles ohne

WWW.SPEK TRUM .DE 59


Macht anhäuften, was letztlich ihren Besitz vergrößerte. Sie

AKG IMAGES
konnten als Beamte ebenso tätig werden wie im Rahmen der
alten Sippenorganisation als Recht sprechende Älteste.
Es trieben somit keineswegs die von der Monarchie aufge­
stellten höfischen Gruppen allein Keile in die Gesellschaften
Judas und Israels. Auch die bereits führenden Gruppen wuss­
ten das Königtum zu nutzen, um ihre immer eigensüchtige­
ren Interessen durchzusetzen. Es erlaubte ihnen beispiels­
weise, das Schuldrecht in bislang unüblicher Weise anzuwen­
den und jene, die ihr Darlehen nicht zurückzahlen konnten,
in die Sklaverei zu führen. Menschen wurden wie Ware be­
handelt, klagten die Propheten. Aus den Königsbüchern ken­
nen wir das Schicksal einer Witwe (2. Könige 4, 1): »Mein
Mann ist verstorben, und nun kommt der Gläubiger, um sich
meine beiden Jungen als Sklaven zu holen.« Weil die Witwe
die Schulden ihres verstorbenen Mannes nicht begleichen
konnte, mussten ihre Söhne als Schuldsklaven Ersatz durch
Arbeitsleistung erbringen.

»... und nahm das Gewand Deines Knechts«


Auch die Institution des Pfandwesens diente laut dem Pro­
pheten Micha solcher Ausbeutung. Konnte der Schuldner
den vereinbarten Betrag nicht zurückzahlen, durfte ihm der
Gläubiger nach einer bestimmten Frist das als Pfand einge­
setzte Gut wegnehmen. Dabei überstieg dessen Wert den des
Darlehens sicher oft bei Weitem.
Als Symbol für dieses Missverhältnis diente den Prophe­
ten häufig ein Kleidungsstück: der Mantel. Für den Armen
hat er einen enormen Wert, denn er besitzt meist nur einen
einzigen; er trägt ihn tagsüber, und nachts ist er ihm eine De­
cke. Wie sehr der einfache Mann an diesem Bekleidungsstück
hing, verdeutlicht die Bittschrift eines judäischen Erntear­
beiters aus der Zeit um 620 v. Chr.
Als König Ahab den Weinberg des Nabot begehrte, weigerte der Auf einer Tonscherbe notiert – eine damals übliche Form
sich zu verkaufen. Dem Herrscher ergebene Älteste klagten des Recyclings – kam sie 1960 bei Ausgrabungen in einer Fes­
ihn nun des Verrats an, Nabot wurde verurteilt und gesteinigt. tung zu Tage, die wohl der judäische König Josia erbauen ließ.
Der Stil des Briefs ist schlicht und voller Wiederholungen,
was Altphilologen dahin gehend deuten, dass ein professio­
ihr direktes Zutun erfolgte, nahmen sie doch auch keine Kor­ neller Schreiber hier eine wörtliche Mitschrift der erregten
rekturen vor. Der Prophet Jesaja beschrieb diesen Zerfalls­ Rede des Bittsuchers anlegte (gekürzte Fassung): »Mein Herr
prozess und das Entstehen einer Zweiklassengesellschaft im Kommandant möge anhören die Angelegenheit seines
ausgehenden 8. Jahrhundert so (Jesaja 5, 8): »Wehe euch, die Knechts. Dein Knecht ist Erntearbeiter. Als Dein Knecht die
ihr Haus an Haus reiht und Acker an Acker rückt, bis kein Ernte abgemessen und eingelagert hatte dieser Tage, kam
Platz mehr ist und ihr allein Besitzer seid im Lande.« Hoschajahu, der Sohn des Schobai, und nahm das Gewand
Die Propheten des 8. und 7. Jahrhunderts v. Chr. nannten Deines Knechts. Und alle die mit mir in der Hitze geerntet
in ihren Klagen selten Amts­ oder Berufsbezeichnungen der haben, werden zu meinen Gunsten aussagen. Es liegt in der
Verantwortlichen, sondern schilderten ihr Reden und Tun. Macht des Kommandanten, zurückzugeben das Gewand Dei­
Mitunter wurden sie aber konkreter und sprachen beispiels­ nes Knechts, so dass erwiesen werde ihm Erbarmen.« Das
weise von »Ältesten und Beamten« oder »Beamten und Kö­ Einbehalten des Mantels war wohl bei angeblich ungenügen­
nigssöhnen«. Sie meinten also eine Oberschicht, die ihre ge­ der Ernteleistung üblich, und diesen Vorwurf wies der Arbei­
hobene Stellung inzwischen einer engen Bindung an das Kö­ ter entschieden zurück.
nigtum verdankte. Eine klare Abgrenzung zwischen Beamten Schuldsklaverei und Pfandrecht konnten Großgrundbe­
und anderen Führungspositionen wie etwa den Richtern war sitzer aber nur deshalb schamlos ausnutzen, weil die Recht­
dabei kaum möglich, da sich Mitglieder angesehener und sprechung in den Händen ihrer eigenen sozialen Gruppe lag:
wohlhabender Familien politisch engagierten und damit Beamte und Älteste. Diese entschieden über Eigentum, Steu­

60  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
MIT FRDL. GEN. VON WOLFGANG ZWICKEL
Die Mauern eines Wohnhauses in Dan zeugen vom Wohlstand nen Bauern keine Berufungsinstanz gegen die radikale Aus­
des Besitzers: Statt aus Lehmziegeln bestand es aus Steinqua- nutzung des Schuldrechts und des Pfandwesens anrufen. Sie
dern, die so behauen waren, dass sie keinen Mörtel benötigten. hatten die Kontrolle über Land, Saatgut, Vieh und Geräte
weit gehend eingebüßt.
Es war vor allen Dingen dieser Wertewandel, den Amos
ern und Abgaben, Dienstleistungen und Strafen. Der Prophet kritisierte, der Mangel an Solidarität. Diejenigen, die den
Micha verglich die nach Gerechtigkeit Suchenden daher mit Blick allein auf ihren Luxus richteten, hätten kein Auge mehr
Schafen, die man schere und schlachte und bis hin zu den für die Menschen, von deren mühsamer Arbeit sie lebten.
Knochen auf dem Markt verkaufe. Der Reichtum der Oberschicht diente dieser zur Dokumenta­
Amos ging in gleicher Weise mit Richtern um, die im tion ihres Prestiges bis hin zum Luxus. Während der größte
Stadttor, dem öffentlichen Versammlungsplatz, ihren Lands­ Teil der Bevölkerung in einfachen Lehmbauten lebte, errich­
leuten nach Gutdünken den Prozess machten (Micha 5, 10): teten Großgrundbesitzer Häuser aus behauenen Steinqua­
»Sie hassen den, der für das Recht eintritt, und verabscheuen dern, errichtet in einer aus Phönikien stammenden kostspie­
den, der vollständig aussagt.« Verschleiern und Verschwei­ ligen Bauweise. Elfenbein verzierte ihre Betten, mehrfarbig
gen waren Amos zufolge Alltag in der Rechtsprechung. Er gewobene Vorhänge hingen an den Wänden. Sie trugen
sprach auch von Ältesten in der Position von Richtern, die Schmuck und erlesene Kleidung.
Klagen abwiesen, weil die Kläger über keinen ausreichenden
Besitz verfügten (Amos 5, 2; 7, 12). Vom König in dieses Amt Der Traum von der guten, alten Zeit
berufene Beamte verhielten sich nicht besser: Jesaja warf Zornig schilderten die Propheten die satte Überheblichkeit,
ihnen Bestechlichkeit vor (Jesaja 1, 23; 5, 23). Außerdem ent­ die Jagd nach Genuss und nach Betäubung im Rausch der Ge­
wickelten die Staatsdiener Gesetze, um Enteignungen zu ver­ lage, das eitle Protzen mit Luxus und Eleganz, die Gefall­ und
einfachen – zu Lasten der Unterprivilegierten. Vergnügungssucht der Frauen. Diese seien hoffärtig, trügen
Der Kreis war damit im 8. Jahrhundert v. Chr. geschlossen. im Gehen den Kopf hoch und blinzelten mit den Augen nach
Die führenden Kräfte der alten Ordnung, die Ältesten, und der Seite, sie gingen trippelnd einher und klirrten mit ihren
die wichtigsten Träger der neuen, die Beamten, hatten ein ge­ Fußspangen (Jesaja 3, 16 – 17). Sie gebärdeten sich, als seien sie
meinsames Interesse: die Bildung von Großgrundbesitz. Bei­ ihren Mitmenschen weit überlegen. Dem setzten die Pro­
de Gruppen waren in unterschiedlichen Bereichen mit rich­ pheten die Vergangenheit entgegen, in der eine bäuerliche
terlichen Vollmachten ausgestattet: Älteste fungierten als Bevölkerung der Freien noch Werte wie Gerechtigkeit und
Richter und Zeugen in den Städten und Dörfern und orien­ Treue hochhielten. Doch diese egalitäre Gesellschaft der vor­
tierten sich am Gewohnheitsrecht, wenn jemand etwa ein monarchischen Zeit war nicht mehr wiederherstellbar, und
Tier gestohlen oder einen anderen niedergeschlagen hatte. die bessere Welt, von der die Propheten träumten, nur noch
Beamte urteilten in Konfliktfällen, die sich beispielsweise Erinnerung.  Ÿ
aus Enteignungsverfahren oder Abgaben an den König erga­
ben. Dank dieser juristischen Aufstellung konnten die klei­ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1376004

WWW.SPEK TRUM .DE 61


SIEDLUNGSARCHÄOLOGIE

Kinneret –
Alltag auf dem Land
Auf der Anhöhe Tell el-Oreme am See Genezareth
erkunden Archäologen das harte Leben in einer israelitischen
Kleinstadt des 1. Jahrtausends v. Chr.
Von Klaus-Dieter Linsmeier
PASCAL PARTOUCHE / KINNERET EXCAVATIONS; MIT FRDL. GEN. VON STEFAN MÜNGER

62  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
Kinneret
(Tell Kinrot)

PASCAL PARTOUCHE / KINNERET EXCAVATIONS; MIT FRDL. GEN. VON STEFAN MÜNGER

In bester Lage, unweit des Sees


Genezareth, ließ Israels König
Jerobeam II. im 8. Jahrhundert
v. Chr. eine stark befestigte
Siedlung errichten: Kinneret,
heute die Grabungsstätte
Tell Kinrot.

WWW.SPEK TRUM .DE 63


»D

PATRICK WYSSMANN / KINNERET EXCAVATIONS; MIT FRDL. GEN. VON STEFAN MÜNGER
as ausgeglichene Klima passt für die verschieden-
artigsten Gewächse. Nussbäume, die eine beson-
ders kühle Witterung brauchen, gedeihen dort
prächtig. Daneben stehen Palmen, die Hitze brau-
chen, ferner Feigen- und Ölbäume, für die ein gemäßigteres
Klima angezeigt ist. Man könnte von einem Wettstreit der
Natur sprechen, die sich mächtig anstrengt, alle ihre Gegen-
sätze an einem Ort zusammenzuführen.« So schwärmte der
jüdische Historiker Flavius Josephus im 1. Jahrhundert n. Chr.
von der fruchtbaren Ebene, die sich südlich des Sees Geneza-
reth erstreckte. »Abgesehen von der milden Witterung trägt
zur Fruchtbarkeit dieser Gegend auch die Bewässerung 10 Zentimeter
durch eine sehr kräftige Quelle bei«, schrieb Josephus weiter.
»Diese hielten manche für eine Ader des Nils, da es dort eine Ein rekonstruiertes Keramikgefäß vermittelt einen Ein-
Fischart gibt, die dem Rabenfisch in dem See von Alexan- druck vom Alltag in Palästina vor fast drei Jahrtausenden –
drien ähnlich ist.« das Behältnis diente als Kochtopf.
Diese Quelle sprudelte am Fuß des heutzutage arabisch
als Tell el-Oreme, hebräisch als Tell Kinrot bezeichneten Hü-
gels. Seit den 1920er Jahren identifizieren Archäologen ihn blühte in der Eisenzeit, also etwa ab 1150 v. Chr. ein neuer Ort,
mit Kinneret, einem schon in bronzezeitlichen ägyptischen der jedoch bald wieder verfiel.
Inschriften des 2. Jahrtausends v. Chr. erwähnten Ort. Laut Al- Nach Ansicht des Mainzer Bibelarchäologen Wolfgang
tem Testament schlug Josua im Rahmen seiner Eroberungs- Zwickel, der das Mainzer Grabungsteam lange Jahre leitete,
züge einen so benannten Ort dem israelitischen Stamm der verwüstete ein Erdbeben um 760 v. Chr. etliche Orte Israels,
Naftali zu; die Textstelle stammt aber vermutlich aus dem darunter die Stadt Hazor im Hulebecken. König Jerobeam II.
8. Jahrhundert v. Chr. Ansonsten gibt sich das Buch der Bü- ließ sie eilends wieder aufbauen, denn durch dieses Becken
cher bedeckt, was diesen Ort angeht. führte die Straße, auf der jeglicher Warenverkehr zwischen
Seit 1914 sind Archäologen immer wieder dort; 1886 er- Mesopotamien und Ägypten ablief. Allerdings sehen andere
warb der Deutsche Verein vom Heiligen Lande das Gelände. Forscher wie Jürgen K. Zangenberg von der Universität Leiden
Es wurde Ende des vergangenen Jahrhunderts unter Leitung den Ausbau Hazors als Maßnahme zur Konsolidierung seines
von Volkmar Fritz von der Justus-Liebig-Universität Gießen in Nordreichs.
zwei mehrjährigen Kampagnen erforscht. Seit 2003 nimmt Bei dieser Gelegenheit ließ der Herrscher 20 Kilometer
das Kinneret Regional Project auch das Umland in den Blick. südlich von Hazor – das entsprach damals einer Tagesreise –
Daran beteiligt sind beziehungsweise waren die Universitä- eine kleine Festungsstadt anlegen. In der Gegend gab es
ten Bern, Helsinki, Mainz (bis 2013) und Leiden sowie das US- kaum Unterkünfte und Proviantstationen für die Fernhänd-
amerikanische Wofford College in Spartanburg, SC (ab 2012). ler. Der Hügel am See Genezareth mit seiner Quelle und dem
Funde bestätigen die ägyptische Erwähnung: Auf dem fruchtbaren Umland schien wohl ideal, solche Kapazitäten
Hügel gab es schon im 15. Jahrhundert v. Chr. eine Siedlung, zu schaffen. Zudem lag der Ort strategisch günstig, um eine
die bei einer Passhöhe an einer wichtigen Handelsstraße lag, Invasion der benachbarten Aramäer frühzeitig zu entdecken
der so genannten »via maris«. Nach einer Siedlungspause er- und abzuwehren.

AUF EINEN BLICK


Wehrhafter Handelsposten oder Garnisonsstadt?
Bautrupps Jerobeams II. errichteten eine zweckgebundene
Festungsstadt. Mit gerade einmal 0,75 Hektar – etwa die Flä-
ZIMMERMITSEEBLICK
che eines heutigen Fußballfelds – bot sie maximal 200 Men-

1 Um 760 v. Chr. ließ König Jerobeam II. die Festungsstadt Kinneret


auf einer Anhöhe am See Genezareth bauen. Eine Quelle ver-
sorgte die Menschen; das Ackerland der nahen Ebene war fruchtbar.
schen Wohnraum, und damit wurde es schon reichlich eng.
Ihre militärische Rolle beweist die starke Befestigung: Auf
der steil abfallenden Nordflanke des Hügels erhob sich eine
2 Anhand der Siedlungsfläche und archäologischer Befunde
schätzt man die Zahl der ständigen Bewohner auf 200, darun-
ter auch einige Soldaten. Hinzu kamen zeitweilig wohl einige
mächtige, vier Meter breite Stadtmauer, bewehrt mit mehre-
ren Türmen. Wer den Hügel hinaufstürmte, konnte leicht
Kaufleute mit ihren Familien, die vermutlich in Privathäusern ein- unter Beschuss genommen werden. Im Nordosten führte ein
quartiert wurden.
gemächlich ansteigender Weg von der Fernstraße hinauf zu

3 Eine wehrhafte Mauer und eine Toranlage belegen, dass Kinne-


ret nicht nur die Infrastruktur für den Fernhandel bereitstellen
sollte, sondern vor allem auch als Grenzposten gegenüber dem Ara-
einer Toranlage, über die ein weiterer Turm wachte.
Einig sind sich die Forscher darin, dass Soldaten in Kinne-
mäerreich gedacht war. ret stationiert waren. Zwickel sieht sie als Teil eines »Rund-
um-sorglos-Pakets« für Händler. Der Berner Archäologe Ste-

64  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
fan Münger, Koordinator des Kinneret Regional Project, stellt sonsstadt hätte dergleichen nicht bedurft und Lebensmittel
ihre militärische Funktion in den Vordergrund. Dementspre- als Abgaben von den Weilern der Umgebung eingezogen.
chend postuliert Zwickel eine Einwohnerstruktur, in der 40 War Kinneret jedoch eine Stadt wie andere auch, nahmen
bis 45 Bauernfamilien mit jeweils zwei bis drei Kindern eini- Wohnhäuser, in denen auch das Vieh lebte, den größten Teil
ge Soldaten und übernachtende Reisende versorgten. des Orts ein. Ihr Grundtyp wiederholt sich in ganz Israel: Es
In jedem Fall profitierte die Stadt von der Wahl des Stand- gab einen Wohnraum, einen Hof und zwei Ställe für einige
orts Jerobeams II. Die angrenzende Ebene war fruchtbar und Schafe und Ziegen. Bislang entdeckten die Archäologen aller-
lieferte bessere Erträge als das galiläische Bergland. Ob da- dings kaum Belege für diesen Haustyp.
mals schon die Vielfalt an Nutzpflanzen herrschte, von der Anhand der Funde in anderen Siedlungen sowie von Ver-
Flavius Josephus schwärmte, steht allerdings zu bezweifeln. gleichen mit besser dokumentierten Kulturen des Alten Ori-
So fehlen bislang archäobotanische Belege für Nussbäume. ents spekulieren Forscher wie Zwickel über den Alltag in ei-
Direkt an der Stadtmauer stießen Archäologen auf einen nem auf Handel und Landwirtschaft ausgerichteten Kinne-
Anbau mit zwei rund 14 Meter langen und 7 Meter breiten, pa- ret. Kleinvieh sicherte vor allem die Versorgung mit Fett: Die
rallel zueinander verlaufenden Räumen. Reihen von Säulen Muttertiere gaben in den Wintermonaten Milch, von der ein
unterteilten jeden in drei Abschnitte, von denen der innen Teil zu Trockenkäse für den Sommer verarbeitet wurde. Ab
liegende einen gestampften Lehmboden hatte und nach und zu wurde auch Fleisch gegessen: Männliche Jungtiere
oben hin offen gewesen sein muss, während die Gebäudeen- brauchte man nicht und schlachtete sie daher schon im ers-
den wohl gepflastert und überdacht waren. Vielleicht waren ten Lebensjahr. Und auch vom weiblichen Nachwuchs be-
dies gemeinschaftlich genutzte Getreidemagazine – 2005 hielten die Bauern nur die gesündesten Exemplare, um älte-
wurden verarbeitete Körner nachgewiesen, vergleichbar dem re Tiere mit nachlassender Milchleistung zu ersetzen. Tag für
heutigen Bulgur oder Couscous, die dort in Körben oder Sä- Tag führten Hirten das Vieh aus der Stadt. Auch mussten sie
cken eingelagert waren. jeden Tag zur Tränke an den See gebracht werden – in der An-
Einen Teil des Bedarfs deckte Kinneret sicher auch bei tike oblag das den Frauen.
Kleinbauern und Fischern aus der Umgebung. Bei dem vor- Deren wichtigste Aufgabe aber war das Mahlen des Getrei-
wiegend zivilen Charakter des Orts wäre dazu ein Markt er- des. Dabei zerquetschten und zerrieben sie die Körner mit ei-
forderlich gewesen. Vor dem Stadttor wäre genug Platz gewe- nem Reibestein auf einer Basaltfläche. Vermutlich waren das
sen, um Waren auszubreiten und feilzubieten. Eine Garni- der erste und der letzte Arbeitsschritt eines jeden Tages. Si-
cher mussten auch die Töchter mithelfen. Das hätte dann
Gelegenheit geboten, um Erfahrungen auszutauschen und
Die wuchtige Stadtmauer und Toranlage unterstreichen den die Mädchen in ihre gesellschaftliche Rolle einzuführen. Die
wehrhaften Charakter Kinnerets. Galt es, Ernteüberschüsse und Söhne wären dem Vater aufs Feld gefolgt, um alles zu lernen,
Waren vor Räubern zu schützen oder Invasoren abzuwehren? was sie für ihr späteres Leben als Ackerbauern benötigten.

Stadtmauer

Sondage

Torkammer
NAFTALI HILGER

WWW.SPEK TRUM .DE 65


ben wegen nannte man es das »Wochenfest«, es entspricht
Kult und Religion kalendarisch dem christlichen Pfingstfest.
Waren alle Felder abgeerntet, mussten die Getreidekörner
Wer Kinneret durch das Stadttor betrat, stieß sogleich auf von den Hülsen getrennt werden. Hierzu benötigte man
eine kleine Plattform. Dergleichen kennen Archäologen auch prinzipiell ein Stück flaches Land in Dorfnähe, möglichst in
aus dem aramäischen Betsaida, das etwa sechs Kilometer der Nähe eines Turms – so konnte die Tenne nachts bewacht
entfernt unmittelbar östlich des Jordans lag, der natürlichen werden. Das Dreschen war wieder Sache des ganzen Dorfs.
Grenze zwischen den beiden Reichen. Dort kam eine Stele Zwickel stellt sich vor, dass die Jungen dabei auf dem Dresch-
zum Vorschein, die mit dem Relief eines aufrecht stehenden, schlitten ritten, einem breiten Brett mit Steinen auf der Un-
ein Schwert tragenden Stiers verziert war. Offensichtlich terseite, den Esel oder Ochsen über das Getreide zogen. Die
handelte es sich um ein Bildnis der Schutzgottheit der ara- Steine quetschten die Körner aus den Hülsen. Und wenn ein
mäischen Stadt, des so genannten Mondgotts von Haran. Zugtier davon fraß, dann war das in Ordnung. »Du sollst dem
Möglicherweise ragte auch auf der Anhöhe Kinnerets eine Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden!«, lautet
Stele auf, denn keine Grenzstadt hätte auf die physische Prä- eine passende Bibelstelle.
senz göttlicher Macht verzichtet – doch das ist Spekulation. Auf das Dreschen folgte das Worfeln. Der nahe See war da-
Für die religiöse Bedeutung der Anhöhe spricht aber auch für hilfreich, denn in den Nachmittagsstunden wehte ein
eine Grube mit etwa einem Meter Durchmesser, deren Bo- kräftiger Wind. Mit einer Schaufel warf man das Dreschgut in
den und Wände mit Steinen ausgekleidet waren. Einige Ex- die Luft, die leichte Spreu flog davon, während die Körner wie-
perten deuten sie als Opfergrube für Libationen, also für der herabfielen. Endlich galt es, die Ernte aufzuteilen. Etwa ein
flüssige Gaben an die Götter. In Frage kommen beispielswei- Siebtel kam auf die Seite, um es im nächsten Herbst auszu-
se Öl und Wein, die schon damals in Galiläa produziert wur- säen, alles andere – eventuell zusammen mit den Steuerer-
den. Aber auch Wasser war eine kostbare Gabe, denn in den trägen aus der Umgebung – in die beiden Lagerhäuser.
heißen Sommermonaten, in denen kein Tropfen Regen fiel, Mit dem Einbringen des Getreides war es aber noch nicht
bedeutete es Leben, und der nahe See muss den Bewohnern getan. In der Nähe des Orts dürfte es genau wie andernorts
von Kinneret wie ein Gottesgeschenk erschienen sein. im Bergland Ölbäume gegeben haben, mutmaßen die Ar-
chäologen. Diese mussten in den Sommermonaten gepflegt
werden, damit ab September die Früchte eingebracht wer-
den konnten. Typische weitere Nutzpflanzen wären Weinstö-
Dazu gehörte auch das Wissen über die Jahreszeiten in Pa- cke, Feigen- und Granatapfelbäume gewesen. Erstere wurden
lästina, denn insbesondere der Getreideanbau war stark von laut dem erwähnten Kalender im Juni und Juli abgeerntet,
Niederschlägen abhängig, und die gab es nur im Winter, also die beiden Letzteren im August. Der Alltag in Kinneret war
in den Monaten von Oktober bis März. Infolgedessen galt es, mühsam wie in allen Siedlungen Israels, es reichte aber zum
alle Ackerflächen im Herbst zu bestellen. Erschienen be- Überleben und um Händler und Soldaten zu versorgen. Um
stimmte Sterne am Himmel, war es an der Zeit, die Saat vor- so wichtiger war es, Gott für all die Sommerfrüchte zu dan-
zubereiten. ken. Dies geschah beim Laubhüttenfest, das in etwa unserem
Erntedankfest entspricht.
Leben mit den Jahreszeiten Die Festungsstadt dürfte ihrem König kurzzeitig einige
Sobald der erste Regen die Erde aufweichte, brachte man sie Einnahmen aus dem Fernhandel beschert haben, bis zu Isra-
aus und pflügte die Körner unter. Weil immer die Gefahr be- els Revolte gegen die Assyrer. 734 oder 733 v. Chr. kam es zur
stand, dass darauf eine Trockenperiode folgte, setzten die entscheidenden Schlacht – und die Truppen des Tiglatpile-
Bauern Schriftquellen zufolge zunächst nur ungefähr die sar III. überrannten Galiläa und griffen auch Kinneret an.
Hälfte ihres Saatguts ein, die andere erst dann, wenn die Win- Vermutlich setzten sie sein Tor in Brand, denn in diesem Be-
terregenfälle anhielten. Beide Saatphasen dauerten laut ei- reich kamen Spuren eines sehr heißen Feuers bei den Gra-
nem überlieferten Kalender aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. bungen zum Vorschein. Auch die Dächer der Lagerhäuser
jeweils zwei Monate. gingen in Flammen auf. Die Bewohner Kinnerets wie des
Ab dem Pessach-Massot-Fest, das unserem Ostern ent- ganzen Landstrichs wurden zum großen Teil deportiert. Für
spricht, ging es an die Ernte. Wissenschaftler vermuten, dass mehrere Jahrzehnte war das Ufer des Sees Genezareth, ja war
die Ähren weit oben abgeschnitten wurden, damit das Klein- ganz Galiläa fast menschenleer.  Ÿ
vieh in den kargen Sommermonaten die Halme fressen
konnte. Mit seinen Ausscheidungen düngte es dann auch
WEBLI N KS
wieder die Böden.
War die Vorbereitung der Felder schon ein hartes Geschäft, Weitere Informationen zum Thema finden Sie auf der Website des
Kinneret Regional Projects: www.kinneret-excavations.org
erwies sich auch das Ernten als Knochenarbeit. Es forderte
jede kräftige Hand, etwa sieben Wochen lang. Dann endlich Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1376005
wurde erneut gefeiert und ausgiebig gegessen! Der Zahl sie-

66  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
THEMEN AUF DEN PUNKT GEBRACHT:
Spektrum KOMPAKT
Ob A wie Astronomie oder Z wie Zellbiologie: Unsere Spektrum KOMPAKT-Digital-
publikationen stellen Ihnen alle wichtigen Fakten zu ausgesuchten Themen als PDF-
Download zur Verfügung: Schnell, verständlich und informativ!

€ 4,99
je Ausgabe

Diese und weitere Kompaktausgaben erhalten Sie unter:


www.spektrum.de/ kompakt QR-Code per
Smartphone
scannen!
AKG IMAGES / ERICH LESSING

68  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
ISRAELSENDE

»Es packt seine


Beute und niemand
entreißt sie ihm«
Eine vermeintliche Schwäche des mächtigen Assur nutzend
erhoben sich die Königreiche der Levante mit Ausnahme von Juda
gegen die Großmacht. Doch sie hatten keine Chance.
Von Manfred Clauss

E
inst lebten die Bewohner der Levante an der Periphe­ bewaffnete Reiterei und ein Arsenal an Belagerungsmaschi­
rie der Großreiche, während diese die Weltgeschich­ nen sicherten dem Heer Vorteile gegenüber den Truppen an­
te unter sich ausmachten und die Region lediglich derer Länder.
als Landbrücke betrachteten. Im letzten vorchristli­ In einigen Versen des Propheten Jesaja, für den die drohen­
chen Jahrtausend aber erblühten Israel und Juda in Palästina de Gefahr ein Strafgericht Jahwes ankündigte, klingt dies so
wie auch verschiedene Königreiche in Syrien. Aus einer Re­ (Jesaja 5,26 – 29): »Er (Jahwe) richtet ein Signal auf für ein Volk
gion, die Rohstoffe lieferte und Fernhändler mit dem Nötigs­ aus der Ferne und pfeift es herbei vom Ende der Erde. Und
ten versorgte, war eine lukrative Beute geworden. Die reizte siehe, eilend, schnell kommt es herbei. Kein Müder, kein
den neuen Global Player Assur. Im Jahr 745 v. Chr. bestieg Ti­ Strauchelnder ist darunter. Es wird nicht rasten und wird
glatpilesar III. (745 – 727 v. Chr.) in der Hauptstadt in Ninive nicht ruhen. Keinem lockert sich sein Hüftgürtel noch reißt
den Thron und eröffnete eine Phase der Eroberungen, in de­ ihm der Riemen seiner Sandalen. Seine Pfeile sind geschärft
ren Verlauf die assyrischen Könige ein bis dahin in der altori­
entalischen Geschichte beispielloses Großreich errichteten.
AUF EINEN BLICK
Dies erreichten sie in erster Linie mit ihrer seit dem 9. Jahr­
hundert v. Chr. für ihre Schlagkraft wie für ihre Grausamkeit BRUTALITÄTALSSTRATEGIE
gefürchteten Armee. Deren Ausbildung, die Integration von
Söldnern sowie eine Reihe von Innovationen wie die schwer­
1 Das Reich Assur expandierte in ein anfangs noch unabhängi-
ges Land nach einer dreiphasigen Strategie: Freiwillige
Tributverpflichtung, Einmischung in dessen innere Angelegenhei-
ten, Eroberung und Eingliederung als Provinz.

Schon die Erwähnung des Namens Assur genügte, um Furcht 2 Neben ihrer guten Ausbildung und überlegenen Militärtechnik
setzte die assyrische Armee auch auf psychologische
Kriegsführung: Mit ungewohnter Grausamkeit bestrafte sie all
einzuflößen, denn die assyrischen Soldaten galten als be­
jene Staaten, die sich nicht freiwillig zu Tributen verpflichteten.
sonders grausam. Menschen zu verstümmeln und zu foltern,
gehörte zu ihrem Repertoir des Terrors. Ein Relief aus dem
Palast von Ninive über die Eroberung der judäischen Festung
3 Diese Zahlungen belasteten die Reiche der Levante vermutlich
so stark, dass sie immer wieder Gelegenheiten suchten,
sich der Tributverpflichtung durch antiassyrische Koalitionen zu
Lachisch zeigt demgemäß auch das Pfählen und Zurschau­ entledigen.
stellen von Gefangenen.

WWW.SPEK TRUM .DE 69


und all seine Bogen gespannt. Seiner Rosse Hufe sind Kieseln GÜRGUM KUMMUCH/

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK


gleich und seine Wagenräder dem Sturmwind. Sein Gebrüll KOMMAGENE
Samal
KAR
QUE

L
ist einem Löwen gleich, und es brüllt wie der Junglöwe. Es KEM

A
ISC

SAM
knurrt, packt seine Beute und schleppt sie weg; und nie­ H
mand entreißt sie ihm!« Die Erwähnung festgezurrter Gürtel /
PATINA E
und intakter Riemen mag eine Anspielung auf den Zustand Q I/ K A LN
UN BET-AGUSCG
der eigenen Armee aus Bauernsoldaten gewesen sein.
BET-GUSCH/ARPAD
Zu den effektivsten Waffen aber gehörte wohl die Perfek­
Supuna
tion des Terrors. Annalen in Ninive verzeichneten die nach
der Eroberung einer Stadt verhängten Strafen. Zum Stan­
dardrepertoire gehörten Massenfolterungen, das Pfählen
der Besiegten ebenso wie ihre Verstümmelung – die Solda­ Siyanu
HAMATH
ten schnitten Beine, Arme, Nasen und Ohren ab und stellten
ihre Opfer zur Schau. Diese psychologische Kriegsführung Arwad

r
zeigte Wirkung: Allein die Erwähnung der Assyrer verbrei­

e e
Schimmera/Sumur
tete Panik. Daher lassen sich drei Stadien der assyrischen Ullassa/Ellischu

l m
Expansionspolitik unterscheiden. Das Erste war die Tribut­

S
BLO
verpflichtung eines Staates, der durch die Zahlungen bei­ Byblos

t e

BY
spielsweise von Silber dem Schrecken und der Zerstörung zu

i t
entgehen hoffte. Einmal im Zugriff der Assyrer mischten die

S
sich immer mehr in die innere Angelegenheiten ein bis hin

RU
M
ARAM-DAMASKUS

TY
zu Vorgaben bei der Königswahl. Schließlich folgte die Um­
wandlung des Territoriums in eine streng kontrollierte Pro­ Tyrus
vinz. Zur Sicherung ihrer Herrschaft deportierten die Assyrer
in diesem Stadium und natürlich bei gewaltsamen Erobe­
rungen große Teile der Bevölkerung.

Durch Machtkämpfe geschwächt ISRAEL


Den Ländern der Levante stand diese zwingende Abfolge frei­
lich nicht so deutlich vor Augen wie Forschern heutzutage. AMMON
ASC
Also lavierten sie zwischen den ihnen jeweils günstig erschei­ H
Aschkelon KELO
nenden Strategien hin und her. Keines wäre stark genug gewe­ Gaza N
sen, Assur allein die Stirn zu bieten. In Israel machte sich zu­ GAZA JUDA MOAB
732 v. Chr. von
dem eine systemische Schwäche bemerkbar: Nach wie vor Assyrien erobert
sorgte die geografische Beschaffenheit des Berglands dafür,
vor 737 v. Chr. von
dass die Stämme in mehr oder weniger unabhängigen Territo­ Assyrien erobert
EDOM
rien agierten. Das sorgte für interne Machtkämpfe. In den
zehn Jahren nach dem Tod Jerobeams II. im Jahr 753 v. Chr. N

folgten nicht weniger als fünf Könige aufeinander. Sacharja


wurde schon nach einem halben Jahr von Sallum erschlagen, 0 100 km
der nur einen Monat später einem Anschlag des wohl aus dem
Stamm Manasse stammenden Menachem zum Opfer fiel. Der gewaltigen Militärmaschine Assurs vermochten die
Der regierte innenpolitisch mit Härte und Grausamkeit kleinen Reiche des Vorderen Orients nicht zu widerstehen.
und konnte sich so länger an der Macht halten. In der im
Grenzgebiet Efraims liegenden Stadt Tappuach ließ er die
Bäuche schwangerer Frauen aufschlitzen, berichtet das Alte Regenten unterstützt. Doch die Last der Tribute verschärfte
Testament (2. Könige 15, 16). Außenpolitisch verhielt er sich den Unmut gegen Menachem und seine Familie. Wie er ums
umsichtiger. Als Tiglatpilesar III. 738 v. Chr. den nordsyrischen Leben kam, ist nicht überliefert. Sein Sohn Pekachja bestieg
Staat Hamath vernichtete, verpflichtete sich der israelitische den Thron, wurde aber nach wenigen Monaten von General
König laut assyrischen Quellen zu Tributzahlungen. Die erfor­ Pekach (741 – 730 v. Chr.) aus dem Weg geputscht (2. Könige 15,
derliche Summe brachte er durch eine Sondersteuer auf, die 23 – 25).
er der Bibel zufolge jedem heerbannpflichtigen Bauern aufer­ Mit dem häufigen Wechsel der politischen Richtungen
legte, vom einfachen Landmann bis zum Großgrundbesitzer. ging ein Zusammenbruch von Recht und Ordnung einher, der
Möglicherweise hoffte Menachem sogar auf Assurs Hilfe ge­ schließlich in einen Bürgerkrieg mündete. Auch die alten
gen seine Feinde im Innern – schon öfter hatte es willfährige Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen der Kana­

70  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
anäer und der Hebräer brachen wieder auf, und selbst inner­ pilesar im südlichen Babylonien auf. Dort erlangte er die vol­
halb dieser Gruppen gab es keinen Zusammenhalt mehr. Jesa­ le Legitimation, für die er die Reise von 1500 Kilometern Län­
ja brachte dies auf den Punkt (Jesaja 9, 18 – 19): »Keiner ver­ ge in Kauf genommen hatte. Solange sein Herr lebte, hielt
schonte den anderen. Man verschlang zur Rechten und blieb sich Hosea an seinen Vasalleneid. Als der Assyrer aber 727
hungrig, man fraß zur Linken und wurde nicht satt. Ein jeder v. Chr. starb, provozierte der Thronwechsel erneut Revolten
fraß das Fleisch seines Nächsten.« In Israel herrschte Anarchie. im Westen. Hosea schloss sich der Koalition an und stellte
Gleichzeitig mehrten sich antiassyrische Tendenzen, ver­ die Zahlungen an Assur ein.
mutlich angefeuert von Ägypten. Pekach versuchte mit dem Bevor sie Provinz oder Vasallenstaat geworden waren, hat­
Pharao zu konspirieren und eine antiassyrische Koalition in ten die Königreiche ihre Ausgaben für den Hof, den Beamten­
Palästina zu schmieden. Eine Gelegenheit dazu bot sich, als und Militärapparat von den Abgaben ihrer Untertanen er­
Tiglatpilesar 734 erneut in das Land der Philister einfiel und halten. Tribute verringerten also entweder ihre Einkünfte
gegen Ägyptens Nordgrenze vorrückte, um die Verbindungs­ oder wurden den Untertanen zusätzlich aufgebürdet. Beides
wege in seine Hand zu bringen. Dabei musste die Armee das erwies sich offenbar auf Dauer als untragbar. Dies erklärt die
Territorium Israels queren, was die Wut im Land verstärkte. Verzweiflungstat Hoseas, der auf die Unterstützung aus
733 verbündete sich Rezin, Herrscher von Damaskus, mit Pe­ Ägypten baute (2. Könige 17, 4). Doch stattdessen rückte Sal­
kach gegen Assur. Beide wussten, dass nur eine große Koali­ manassar V. an, um den Aufstand niederzuschlagen. Hosea
tion Aussicht auf Erfolg haben konnten, daher suchten sie zog ihm entgegen, geriet aber in Gefangenschaft. Nun büßte
nach weiteren Bundesgenossen. Der König von Juda verwei­ auch der israelitische Reststaat seine Selbstständigkeit ein.
gerte sich und wurde damit zur Gefahr. Um sich den Rücken Die Hauptstadt Samaria ergab sich 722 v. Chr. Bald darauf
frei zu halten, griffen die Verbündeten Jerusalem an, mit dem starb Salmanassar, die assyrische Strafaktion leitete bereits
Ziel einen ihnen genehmen König dort einzusetzen. Diese sein Nachfolger Sargon II. (722 – 705 v. Chr.). Wieder geben die
Auseinandersetzung wird traditionellerweise als der syrisch­ Annalen des Großreichs Auskunft über die Details (gekürzte
efraimitische Krieg bezeichnet, dabei steht »Syrien« für den Fassung): »27 280 Einwohner, Streitwagen und Götter, auf
Aramäerstaat und »Efraim« für Israel. die sie vertrauten, rechnete ich als Beute. Ihre Reste siedelte
ich in Assyrien an. Samaria wandelte ich um und machte es
Der Feind meines Feindes größer als zuvor. Leute aus Ländern, die ich mit meiner Hand
In seiner Not sandte Ahas von Juda (734 – 715 v. Chr.) Tiglat­ erobert hatte, ließ ich darin einziehen. Einen General stellte
pilesar ein Huldigungsgeschenk und trat damit in ein Vasal­ ich als Statthalter über sie ein, und ich zählte sie zu den Ein­
lenverhältnis zu ihm ein. Der Assyrer eilte zu Hilfe und zer­ wohnern Assyriens.«
schlug das Bündnis. Die Annalen des Großreichs hielten die Die Deportationen betrafen vornehmlich die Oberschicht,
weitere Entwicklung fest: Zunächst eroberte Tiglatpilesar alle während die Bauern, deren Arbeitskraft unentbehrlich war,
Städte Israels mit Ausnahme der Hauptstadt Samaria und am Ort blieben. Die Umsiedlungen sorgten für einen politi­
ordnete sie drei neu gegründeten assyrischen Provinzen zu: schen und ethnischen Neubeginn mit weit tragenden Folgen.
Megiddo umfasste das Gebiet von Galiläa mit der Jesreel­ Es kamen Einwanderer aus Babylonien und dem nordsyri­
ebene, Dor die Küstenebene südlich des Karmel und Gilead schen Hamath. 715 v. Chr. erreichten Neusiedler das zerstörte
das Ostjordanland. Damit hatte Israel mehr als zwei Drittel Samaria, aber keineswegs freiwillig, wie Sargon einem Schrei­
seines Territoriums eingebüßt. Die ansässige Oberschicht ber diktierte: »Die fernen Araber, welche die Wüste bewoh­
ließ der Assyrerkönig deportieren, manche Orte wie die Fes­ nen, keinen Vorsteher oder Verwalter kennen und keinem
tungsstadt Hazor, die offenbar Widerstand geleistet hatte, einzigen König Tribut geliefert hatten, streckte ich mit der
dem Erdboden gleichmachen. Restisrael war nur noch ein Waffe Assurs, meines Herrn nieder. Überlebende siedelte ich
größerer Stadtstaat. Aber auch das genügte dem Großkönig in Samaria an.«
noch nicht. Ein assyrische Annalentext führt weiter aus: »Die Damit endete die Geschichte der Monarchie in Israel wie
Gesamtheit seiner Leute führte ich nach Assyrien. Den Hosea auch dessen staatliche Existenz. Die Deportierten wurden,
setzte ich als König ein. Zehn Talente Gold und 1000 Talente anders als später die Judäer (siehe den Beitrag S. 76), in ver­
Silber empfing ich von ihnen als ihre jährliche Abgabe.« schiedene Länder verbracht. Das Alte Testament bestätigt,
Das Alte Testament bestätigt: Der aufrührerische Peckach dass sie teils am Chabur, einem Nebenfluss des Euphrat, teils
wurde von Hosea (730 – 721 v. Chr.) beseitigt. Dieser war kaum in Medien siedeln mussten (2. Könige 17, 6). Dies sind die letz­
noch ein König zu nennen, Restisrael kaum noch als Staat zu ten Nachrichten über die Israeliten, die nie wieder in ihre
bezeichnen. Auch das Reich von Damaskus verschwand end­ alte Heimat zurückkehrten, sondern in der jeweiligen einhei­
gültig. 732 wurde es in weitere vier assyrische Provinzen auf­ mischen Bevölkerung aufgingen. Allein eine Gruppe, die
geteilt. Nun beherrschte das Großreich die gesamte Levante nach Juda geflohen war, sollte dort das Fortleben Israels ga­
mit Ausnahme Judas, das noch eine gewisse Selbstständig­ rantieren – indem sie dessen kulturelle und religiöse Traditi­
keit als Vasall besaß. onen im Land des einstigen Feindes einbrachten.  Ÿ
731 brach der wohl nur vorläufig installierte Statthalter
Hosea mit dem verlangten Tribut ins Feldlager des Tiglat­ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1376008

WWW.SPEK TRUM .DE 71


Ägypten
Der geknickte Rohrstock
Um das assyrische Reich von den eigenen Grenzen fernzuhalten, agitierte Ägypten
in der Levante, erwies sich aber als schwacher Partner der Aufständischen.
Von Manfred Clauss

Ende des 8. Jahrhunderts schürten die Fürsten des Nildeltas anti- geln gegen Ägypter; und sie sollen kämpfen, ein Bruder gegen
assyrische Aufstände in der Levante, um dort eine Pufferzone ge- den anderen und jedermann gegen seinen Nachbarn« (Jesaja 19,
gen das Großreich zu errichten. Israel wurde diese Diplomatie 1 – 15).
zum Verhängnis, Juda überlebte nur, weil sein Regent Ahas Trotz seiner Schwäche blieb das Pharaonenreich aber die Hoff-
(734 – 715 v. Chr.) die Koalition verweigerte. Im Jahr 720 schlug der nung für alle, die Assurs Kontrolle abzuschütteln gedachten. Als
assyrische König Sargon II. (722 – 705 v. Chr.) einen abermals von Machtkämpfe das Großreich beschäftigten, stellt die Philister-
Ägypten unterstützten Aufruhr nieder, zog sich aber danach stadt Aschdod 713 ihre Tributzahlungen ein, hegten auch die Kö-
nicht zurück, sondern marschierte gen Süden. Bei Rafia, unweit nigreiche Juda, Edom und Moab Pläne zum Aufstand. Die Zeichen
der antiken Hafenstadt Gaza, vernichtete er ein ägyptisches Kon- standen nicht schlecht, denn in Ägypten war die in Nubien behei-
tingent. 715 erhielt Sargon, seinem Kriegsbericht zu Folge, Ge- matete kushitische Dynastie zum Hoffnungsträger geworden.
schenke eines ägyptischen Pharaos und verzichtete auf einen Pharao Schabaka (712 – 698 v. Chr.) betrieb erstmals wieder eine
weiteren Vorstoß. Politik der Stärke. Er kam den Anliegen der syrisch-palästinischen
Militärisch hätte der Nilstaat keine Chance gehabt, einem Staaten jedoch nicht sogleich nach, sondern schickte Experten,
großen Heer Assurs zu widerstehen. Das Reich war seit Langem um die Lage zu sondieren. Jesaja sah die in Jerusalem vorspre-
unter der Herrschaft zahlreicher Fürsten zerrissen, Aufstände im chenden nubischen Gesandten und beschrieb sie als Männer aus
eigenen Land destabilisierten die Lage weiter. Bewässerungswer- einem »hochgewachsenen und blanken Volk«.
ke und Heerstraßen zerfielen, der Handel mit dem Ausland kam
zum Erliegen, die Wirtschaftskraft schmolz dahin. Der judäische Der Prophet blieb skeptisch und mit ihm etliche andere. Die War-
Prophet Jesaja deutete die katastrophale Lage des Landes als Be- ner setzten sich durch, und so blieb Juda erneut der Rebellion der
strafung durch den Gott Jahwe: »Und ich werde Ägypter aufwie- philistäischen Stadtkönige fern. Zum Glück: Ein zur Hilfe eilendes
Truppenkontingent vom Nil unterlag Sargon. Mehr noch: Als der
König von Aschdod nach dem Fall seiner Stadt 711 zu dem ver-
meintlichen Bundesgenossen floh, lieferte ihn der Pharao sogar
aus. Der Ägypter entpuppte sich als »geknickter Rohrstab, der
dem, der sich darauf stützt, in die Hand dringt« (2. Könige 18, 21).
Doch nach dem Tod des mächtigen Sargon II. 705 schloss sich
auch der amtierende judäische König Hiskia (715 – 697 v. Chr.) der
Opposition an und nahm sogar eine Schlüsselrolle ein. Von sei-
nen Vorbereitungen zeugen die Reste der Verteidigungsanlagen
AKG IMAGES / ERICH LESSING

in den wichtigsten Festungen des Landes und der berühmte Si-


loah-Tunnel, der Jerusalems Versorgung mit Frischwasser sichern
sollte. Palästina blieb eine Verschnaufpause, denn den neuen
Großkönig, Sanherib (705 – 681 v. Chr.), beschäftigten zunächst
Unruhen im Zweistromland und im Osten seines Reichs, bevor er
701 gegen Palästina mobil machte.
Als Tyros fiel und ein ägyptisches Expeditionsheer geschlagen
war, erkannten die Herrscher von Byblos, Aschdod, Moab, Edom
und Ammon, wie falsch sie ihre Kraft eingeschätzt hatten – sie un-
terwarfen sich. Hiskia hingegen setzte zunächst weiter auf Sieg.
Erst nach der archäologisch gut dokumentierten Zerstörung von
Lachisch, der wichtigsten judäischen Festung, bot er seine Unter-
Der von Sais im Nildelta aus regierenden 26. Pharaonendynastie werfung an und rettete damit 701 v. Chr. die Hauptstadt Jerusalem.
(Foto: Necho II.) gelang es im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. ein Sanherib verlangte einen höheren Tribut und beschränkte Hiskias
letztes Mal, Ägyptens Macht zu erneuern. Herrschaftsbereich auf den Stadtstaat Jerusalem. Für gut 75 Jahre

72  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
AKG IMAGES / UNIVERSAL IMAGES GROUP
Einen Pharao als Herren wollte Judas König Josia nicht akzeptie­ In Ägypten standen die Zeichen nun auf Restauration. Die
ren. In der Ebene von Megiddo stellte er sich ihm entgegen – Machtverhältnisse früherer Zeiten sollten wiedererstehen. Psam-
und unterlag. Die Bibel liefert dazu zwei Versionen: Entweder metichs Sohn Necho II. (610 – 595 v. Chr.) unternahm schon im ers-
fiel der König schon in der Schlacht oder er wurde verwundet ten Frühjahr seiner Regierung, einen Feldzug in die Levante. Er be-
nach Jerusalem gebracht, wo er seinen Verletzungen erlag. zwang den judäischen König Josia bei Megiddo und unterwarf
auch die phönizischen Küstenstädte Ägyptens. Juda wurde den
Ägyptern tributpflichtig, und die Küstenstädte kamen unter
blieb Juda dennoch ein loyaler Verbündeter der Assyrer und steu- ägyptische Oberhoheit.
erte sogar Soldaten zu deren Feldzügen gegen Ägypten bei. Necho errichtete sein Hauptquartier am Orontes und ver-
Manche Fürstentümer im Nildelta schlugen sich in deren Ver- suchte, den Babyloniern weitere Gebiete abzutrotzen. Sein Vor-
lauf auf die Seite Assurs. Um sie zu befrieden, verhalf das Groß- stoß über den Euphrat scheiterte jedoch, und nach Schlachten
reich dem Fürsten der Stadt Sais im Nildelta zum Pharaonenthron. mit wechselndem Siegesglück wurde er 605 bei Karkemisch von
Als Psammetich I. hob der nun ein Heer aus, in dem auch griechi- Nebukadnezar II. vernichtend geschlagen und musste fliehen. La-
sche und karische Söldner Dienst taten. Derart gerüstet konnte pidar heißt es dazu im Alten Testament: »Und der König in Ägyp-
der Pharao nicht nur seinen Machtbereich stabilisieren und erwei- ten zog nicht mehr aus seinem Lande. Denn der König zu Babel
tern – als Babylon zur neuen Weltmacht avancierte, vermochte hatte ihm alles genommen« (2. Könige 24, 7). Für die nächsten
Psammetich Angriffe abzuwehren. Allerdings kam seine Militär- drei Jahrhunderte spielte das Reich am Nil für die Geschicke Pa-
hilfe für Assur zu spät – die Hauptstadt Ninive fiel 612. lästinas und Syriens keine Rolle mehr.

WWW.SPEK TRUM .DE 73


JUDASUNTERGANGI

Sehend in die Katastrophe


Vor 2600 Jahren befand sich das Königreich Juda im Streit
mit der Großmacht Babylon. Worüber die Schriften des
Alten Testaments berichten, finden Archäologen neuerdings bestätigt.
Von Robert Deutsch und Peter van der Veen

D
ie zweite Hälfte des 7. Jahrhunderts v. Chr. war ihr Siegel hinein. Normalerweise härteten solche Tonbullen
eine Zeit des Machtwechsels. Das assyrische beim Trocknen, für ihre zeitlich befristete Verwendung reich-
Großreich war untergegangen, sein Erbe traten te diese Form des »Kopierschutzes« völlig aus. Wer sich einen
in Palästina Pharao Psammetich I. und dessen Einblick verschaffen wollte, musste den Tonverschluss bre-
Sohn Necho II. an, während sich in Mesopotamien Babylon chen. Immerhin 53 davon wurden vom Feuer hart gebrannt.
durchsetzte. In diesen Wirren versuchte das Königreich Juda Einer davon erregte einige Aufmerksamkeit, bezeichnete
seine Unabhängigkeit wiederzuerlangen – und scheiterte. sich der Siegelinhaber doch als »Gemarjahu, Sohn Schafans«.
Nebukadnezar II. drang 604 v. Chr. mit seinen Truppen bis in Tatsächlich handelt es sich wohl um den in der Bibel genann-
die südliche Küstenebene Palästinas vor, wo er die Philister- ten Minister. Zwar fehlt der Amtstitel, doch es gibt Indizien:
städte Aschkelon und Ekron zerstörte. Die Könige der Region Der Fundort liegt nur 250 Meter vom Tempelareal entfernt,
unterwarfen sich und zahlten hohe Tribute. wo sich dessen Büro befunden haben soll. Auch die Datie-
Archäologische Spuren der Zerstörung, althebräische Brie- rung anhand von Fundschicht und Schriftform des Siegels
fe aus Militärstützpunkten Judas, persönliche Siegel und Ton- passt; beide Namen waren in ihrer Zeit selten, ihre Verbin-
bullen von Königen und Beamten erlauben tatsächlich Einbli- dung in der biblischen Überlieferung deshalb ungewöhnlich.
cke in diese vergangene Welt. Bei einer Grabung am Osthang
der so genannten Davidstadt – sie lag südlich des Jerusalemer Das Siegel des Baruch
Tempelbergs – entdeckten Archäologen der Hebrew Universi- Zudem haben jüngste Studien erwiesen, dass der verwen-
ty 1982 unter einer gewaltigen Brandschicht Überreste eines dete Ton aus Jerusalem selbst stammt. Von 2005 bis 2008
Archivs. Das Feuer hatte zwar die Papyrusurkunden vernich- kamen bei weiteren Grabungen vor Ort unter Leitung der
tet, doch deren einstige Versiegelung konserviert: Die Beam- Archäologin Eilat Mazar hunderte andere Siegel und Tonbul-
ten verschlossen Dokumente mit Tonklumpen und pressten len ans Licht. Erneut tauchten Namen biblischer Persönlich-
keiten auf, darunter Jehokal, Sohn Schelemjahus und Gedal-
jahus, Sohn Paschhurs, beide Minister am Jerusalemer Hof
zu Lebzeiten des Propheten Jeremia.
Damit nicht genug: Aus derselben Periode stammen zwei
Tonverschlüsse von »Berechjahu, dem Sohn Nerijahus, dem
Schreiber«. Zusammen mit einer Vielzahl weiterer Bullen ge-
langten sie ab 1975 in den Kunsthandel. Namen, Berufsbe-
MIT FRDL. GEN. VON PETER VAN DER VEEN

zeichnung wie auch die zeitliche Zuordnung auf Grund der


Schriftform lassen wenig Zweifel daran, dass die tönernen
Abdrücke einst von Baruch (Kurzform für Berechjahu), dem
Privatsekretär des Propheten Jeremia, gesiegelt wurden.
Mehrfach wurde die Echtheit dieser Objekte in Frage ge-
stellt, da ihre Herkunft ohne archäologischen Nachweis der
Fundstätte und der Fundumstände zunächst nicht gesichert
ist. Zum Glück ist die Fälschung von Tonverschlüssen aus bi-
blischer Zeit relativ einfach auszuschließen. Schon ein Mik-
»Jehokal, Sohn Schelemjahus« prägte dieses Tonsiegel – roskop offenbart die Folgen der Verwitterung in Form von
ein im Buch des Jeremia erwähnter Jerusalemer Minister Rissen und Bruchstellen der Oberfläche. Das wichtigste Indiz
und ausgewiesener Gegner des Propheten. sind Kristalle, die sich über die Jahrtausende hinweg nicht

74  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
Zornig zerschneidet König
Jojakim von Jerusalem die
Schriftrolle mit den Warnun-
gen des Propheten Jeremia.
Der forderte, sich der neuen
Großmacht Babylon zu unter-
werfen. Er sollte Recht behal-
ten: Das aufmüpfige Jerusalem
wurde zerstört.
MANUEL VAN DER VEEN

nur an der Oberfläche, sondern auch innen im Ton selbst ge- brew University Spuren dieser massiven Verwüstung. Dazu
bildet haben. Ihr Wachstum verursachte ebenfalls Risse und gehört die eingangs erwähnte Brandschicht über dem Archiv
Sprünge. Solche Kennzeichen fehlen an Fälschungen, die in der Verwaltung. Die Stadtmauer war geschleift worden. Am
jüngster Zeit angefertigt wurden. Osthang türmte sich der Steinschutt bis an die Zimmerdecken
Die mit den Siegeln verschlossenen Schriftstücke haben der ersten Hausetagen. Im so genannten »Burnt House« war
sich zwar nicht erhalten, da ihre organischen Materialien die Brandschicht einen halben Meter dick. Im Schutt fanden
zerfallen sind, sie hinterließen aber oft Abdrücke im Ton. die Wissenschaftler dreiblättrige Pfeilspitzen, mit denen die
Deshalb formten sich Hohlräume und Kanälchen dort, wo Metropole unter Beschuss genommen worden war. Erdpro-
die Schriftdokumente einst verschnürt waren. Auch hier be- ben aus einer Senkgrube bezeugen durch Parasiteneier und
stätigt eine neuere, noch nicht publizierte Studie, dass die Phosphate, dass sich die Einwohner während der Belagerung
Baruch-Bullen authentisch sein dürften, denn sie waren auf auch von rohem Fleisch und Unkraut ernähren mussten. Ÿ
der Rückseite von Schrifttafeln fixiert; dergleichen kennt
man auch aus dem politischen Umfeld Assyriens.
DI E AUTOREN
Dem Erdboden gleichgemacht
Robert Deutsch (links) ist
Als Nebukadnezar II. 601 v. Chr. Ägypten angriff, musste er Siegelexperte und Numisma­
eine empfindliche Niederlage hinnehmen. Diese Situation tiker; er promovierte an der
versuchte König Jojakim auszunutzen. Erneut warnte ihn University of Tel Aviv. Peter van
der Veen promovierte über
der Prophet Jeremia. Eine reorganisierte babylonische Ar- judäische Siegel an der Uni­
mee fiel in die Region ein, 598 v. Chr. hetzte Nebukadnezar II. versity of Bristol.
Vasallenvölker auf Juda, um es zu schwächen, und belagerte
im Folgejahr Jerusalem. Sowohl in biblischen Texten wie
auch in babylonischen Chroniken wird davon berichtet. Die
QUELLEN
Niederlage Judas war nicht abzuwenden. König Jojachin, der
Sohn des mittlerweile verstorbenen Königs, ging samt Hof- Van der Veen, P. G.: The Final Phase of Iron Age II in Judah, Ammon
staat ins Exil nach Babylon, Jerusalem wurde geplündert und and Edom. A Study if Provenanced Official Seals and Bullae as
Chronological Markers. AOAT 415. Ugarit, Münster 2014
586 v. Chr. dem Erdboden gleichgemacht. Van der Veen, P. G., Deutsch, R.: Reconsidering the Authenticity of
An mehreren Stellen in Jerusalem – zum Beispiel im West- the Bullae of Berekyahu the Scribe – A Rejoinder; in Vorbereitung
viertel der Altstadt, auf dem Residenzhügel und am Osthang
südlich des Tempelbergs – entdeckten Archäologen der He- Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1376010

WWW.SPEK TRUM .DE 75


AKG IMAGES

76  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
JUDASUNTERGANGII

Ende mit Schrecken


Zweimal opponierte Juda gegen das Neubabylonische Reich und
wurde schließlich vernichtet, seine gesamte Elite deportiert.
Viele Propheten deuteten die Katastrophe als göttliches Strafgericht und
forcierten als Konsequenz eine religiöse Neubesinnung.
Von Manfred Clauss

N
ichts auf Erden ist von Dauer! Dieser Wahrheit AUF EINEN BLICK
musste sich auch das mächtige assyrische Reich
letztlich beugen. Noch während der glanzvollen SELBSTFINDUNGIMEXIL
Regierungszeit Assurbanipals (668 – 627 v. Chr.),
der dem Reich auch im Niltal Einfluss verschaffte, erwuchs
Assur in Babylon ein Widersacher, dem es letztlich unterlie-
1 Mit der Vernichtung Israels durch die Assyrer und dem Zuzug
von Flüchtlingen blühte Juda auf. Doch im Machtkampf
zwischen Ägypten und Assur auf der einen, Neubabylonien und
gen sollte. Das Rad der Weltgeschichte drehte sich, und dies- Elam auf der anderen Seite geriet es zwischen die Fronten.
mal wurde das Königreich Juda überrollt.
Während Großkönig Assuruballit II. (611 – 606 v. Chr.) ge- 2 Eine erste Revolte gegen die neue Großmacht endete glimpf-
lich: Jerusalem wurde vieler Schätze beraubt, die Königsfamilie
und Teile der Oberschicht nach Babylon deportiert, dort aber
gen Babylon zog, übernahm der Pharao Necho II. (610 – 595 v.
ehrenvoll behandelt.
Chr.) die Kontrolle über Syrien und Palästina. So hatten sich
die Zeiten geändert: Die einstige Hoffnung im Kampf gegen
die Assyrer, das ägyptische Reich, war nun deren Partner. Tat-
3 Der zweite Aufstand endete mit der Vernichtung der Stadt und
der Deportation der »oberen Zehntausend.« Im Exil fanden die
Hebräer durch einen gesteigerten Jahwe-Glauben zu einer neuen
sächlich hatte Assurbanipal dem Begründer der 26. Dynas- ethnischen Identität als von Gott auserwähltes Volk.
tie, Psammetich I. die Statthalterschaft über den Pharaonen-
staat übertragen. Dessen Sohn Necho II. versuchte nun mit
einer Armee die Interessen Assyriens in der Levante zu über- Necho II. zog 610 v. Chr. weiter nach Harran, einer zwi-
nehmen. schen Euphrat und Tigris gelegenen Handelsstadt am Nord-
Judas König Josia schmeckte die Vorstellung aber offenbar rand Mesopotamiens. Babylon und das mit ihm verbündete
nicht, einem Pharao zu huldigen. Vielleicht hatten ihn das Elam hatten den wichtigen Knotenpunkt eingenommen,
Aufblühen seines kleinen Reichs und die anfänglichen Erfol- drei Monate lang belagerte das Heer aus Ägyptern und Assy-
ge auch unvorsichtig werden lassen. In der Ebene von Meg- rern die Stadt vergeblich. Während dieser Zeit wählten die
gido stellte er sich den ägyptischen Truppen entgegen wie führenden gesellschaftlichen Gruppen Jerusalems einen
einst David dem Goliath. Doch weder besaß er dessen Ein- neuen König. Der davidischen Tradition nach hätten sie ei-
fallsreichtum noch griff Jahwe zu seinen Gunsten ein. Die gentlich Josias ältesten Sohn Eljakim küren müssen. Über-
verschiedenen Erwähnungen der Bibel lassen es offen, ob Jo- gingen sie ihn auf Grund seiner proägyptischen Einstellung?
sia im Kampf fiel oder erst nach verlorener Schlacht in Jeru- Dafür spricht, dass der an seiner Stelle gekrönte jüngere Bru-
salem starb. der mit der Wahl den Namen änderte: Von Sallum für »Frie-
de« in Joahas, »Jahwe hat ergriffen«. Statt der zu dieser Zeit in
Juda verbreiteten Friedenssehnsucht frönten die Angehö-
Am Ende werde die Welt zerstört, würde Jahwe Hunger, Seu­ rigen der Elite offenbar der Hoffnung auf ein göttliches Ein-
chen und vielfachen Tod bringen, um endlich alles, was seinem greifen gegen den Feind. Außerdem sollte der Namenswech-
göttlichen Plan widerspricht, auszumerzen. In dieser Endzeit­ sel sicherlich auch den Jahwe-Glauben im Volk stärken.
vision erfuhr das jüdische Volk endlich Rache für all die Unter­ Die Strategie ging aber nicht auf. Als Necho bald darauf
drückung – im Neuen Testament symbolisiert durch die nach Palästina zurückkehrte, zitierte er Joahas in sein Haupt-
apokalyptischen Reiter. quartier nach Ribla, setzte ihn kurzerhand ab und ließ ihn

WWW.SPEK TRUM .DE 77


nach Ägypten bringen, wo er starb. An seiner Stelle inthro- lästina und stellte 600 v. Chr. alle Tributzahlungen ein. Er
nisierte der Pharao 608 v. Chr. Eljakim, den er seinerseits in verstarb, ehe er die Konsequenzen selbst zu spüren bekam.
Jojakim umbenannte, »möge Jahwe erheben«. Damit de- Er hatte sein Reich aber auf einen Angriff vorzubereiten ver-
monstrierte der Ägypter einerseits seine Oberhoheit, ande- sucht und dazu die Festungen in Stand gesetzt. Das galt auch
rerseits sollte ein Jahwe-Name vermutlich die Anhänger des für Arad, das am Südrand Judas in einer exponierten Lage ge-
abgesetzten Joahas beruhigen. Dessen antiägyptische Hal- genüber dem mit Babylon verbündeten Königreich Edom
tung musste aus Sicht der Sieger bestraft werden: Jojakim lag. Zehn Jahre zuvor war es vom Heer Nechos II. dem Erdbo-
hatte eine hohe Geldbuße zu entrichten und erhob zu die- den gleichgemacht worden. Wie archäologische Untersu-
sem Zweck eine Steuer, die sein chungen bestätigen, wurde die
Volk hart traf. Anlage in der Schlussphase der
Eine nun einsetzende Diskus-
sion über Josias politisches Erbe
Der König von Babel judäischen Monarchie wieder
aufgebaut.
sollte das weitere Schicksal Judas hatte alles genommen, Das dramatische Geschehen,
prägen. Der hatte nicht nur ver- das sich dort 598/597 abspielte,
sucht, verschiedene Volksgruppen was dem König von geben Ostraka wieder, also
wie die Flüchtlinge aus Israel stär-
ker zu integrieren, sondern auch
Ägypten gehört hatte als Schreibmaterial genutzte
Scherben. Während sich Juda
das Reich Davids im Zeichen Jah- an seiner Nord- und Westgren-
wes neu zu errichten (siehe den Beitrag S. 51). Der Tod des Kö- ze gegen die Babylonier wappnete, griffen die Edomiter Ra-
nigs sei gleichbedeutend mit einem Scheitern eben dieser Po- math im nahen Negeb an. Der Kommandant von Arad wurde
litik, argumentierten nun die einen, während die Gegenseite schriftlich aufgefordert, in den umliegenden Orten Soldaten
erwiderte, Jerusalem und der Tempel seien immerhin noch zu rekrutieren beziehungsweise aus den Garnisonen abzuzie-
unversehrt, also habe sich Jahwe nicht von Juda abgewandt. hen, um die Besatzung von Ramath zu verstärken.
Am Ende überrannten die Edomiter beide Festungen.
Streit um Josia Auch das als uneinnehmbar geltende Jerusalem blieb chan-
Die Zeit der ägyptischen Kontrolle über die Levante währte cenlos. Der Sohn und Nachfolger des Jojakim, Jojachin
nur wenige Jahre. Bereits 605 v. Chr. schlug der Babylonier Ne- (598 – 597 v. Chr.), gab nach dreimonatiger Belagerung auf
bukadnezar (604 – 562 v. Chr.), damals noch Kronprinz, den und verhinderte so das Schlimmste. Am 16. März 597 v. Chr.,
Pharao bei Karkemisch und leitete die Phase babylonischer so überliefern es Tontafeln, stürmten die Sieger durch die
Kontrolle über Palästina ein: »Der König von Ägypten zog Straßen der Stadt, beschränkten ihren Raubzug aber auf
nicht mehr aus seinem Lande aus; denn der König von Babel Tempel und Palast. Jojachin blieb am Leben und im Amt, wie
hatte vom Bachtal Ägyptens bis zum Euphrat alles in Besitz das Alte Testament und babylonische Texte bestätigen, wur-
genommen, was dem König von Ägypten gehört hatte«, resü- de aber samt seiner Familie, seinem Hofstaat und den obers-
miert das Alte Testament (2. Könige 24, 7). Diese Ablösung voll- ten Beamten nach Babylon deportiert. Das gleiche Schicksal
zog sich so rasch und so vollkommen, dass die in Zeiten in- traf große Teile der Oberschicht, auch die Handwerker mit
stabiler Machtverhältnisse üblichen Revolten ausblieben. ihren Spezialkenntnissen, insgesamt die sprichwörtlich ge-
Für Jojakim wechselte eigentlich nur der Empfänger sei- wordenen »oberen Zehntausend« (2. Könige 24, 14). Die De-
ner Tributzahlungen. Die Abgaben verzögerten allerdings portationen betrafen wohl vor allem die Anhänger der pro-
den prunkvollen Ausbau seiner Jerusalemer Residenz, an ägyptischen Richtung; wahrscheinlich wurden die der pro-
dem ihm viel lag, auch wenn ihn der Prophet Jeremia dafür babylonischen Gruppierung milder bestraft.
verurteilte (Jeremia 22, 14): »Wehe dem, der spricht: Ich will
mir einen stattlichen Palast und luftige Hallen bauen! Meinst Gefangener erster Klasse
du ein König zu sein, weil du in Zedernbauten wetteiferst? Jojachin lebte im Exil in ehrenvoller Haft, mit einer ansehnli-
Hat nicht dein Vater auch gegessen und getrunken und es chen Rente ausgestattet, wie amtliche Chroniken verzeich-
sich wohl ergehen lassen? Aber er übte Recht und Gerechtig- neten. Vielen Hebräern galt er weiterhin als ihr legitimer
keit, den Elenden und Armen verhalf er zum Recht. Heißt König, und sie zählten die Jahre »nach der Verbannung des
nicht das, mich erkennen, spricht der Herr? Aber deine Au- Königs Jojachin« (Ezechiel 1, 2). 562 v. Chr. erhielt er im Zuge
gen und dein Herz sind nur auf deinen Gewinn aus, nur da- einer Amnestie die Erlaubnis, fortan an der königlichen Tafel
rauf, das Blut Unschuldiger zu vergießen, Unrecht und Ge- in Babylon sitzen zu dürfen – ein Gefangener blieb er aller-
walt zu verüben.« dings dennoch.
Der judäische König blieb Ägypten Zeit seines Lebens treu. Juda blieb zunächst ein offiziell eigenständiger Staat,
Im Jahr 603 v. Chr. beteiligte er sich sogar an einem Aufstand wenn auch durch den Verlust des Negeb deutlich kleiner. Ne-
gegen Babylon. Als Necho II. den Babylonierkönig 601 v. Chr. bukadnezar setzte Mathanja (»Geschenk Jahwes«), einen On-
aus Ägypten vertrieb und Gaza zurückeroberte, glaubte Joja- kel Jojachins, auf den Thron und änderte dessen Namen in
kim wohl an ein Ende der babylonischen Kontrolle über Pa- Zedekia (597 – 587 v. Chr.) um, »Jahwe hat Recht«. Die Babylo-

78  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
nier hatten wohl gehofft, durch eine Politik der Milde möge der König von Babel, von diesem Ort weggenommen und
Ruhe in Juda einkehren, doch ihr Plan ging nicht auf. In Jeru- nach Babel gebracht hat. Auch Jojachin, den Sohn Jojakims,
salem stritten bei Hof wie in den Straßen immer noch ideo- den König von Juda und alle aus Juda Verschleppten, die
logische Gruppen gegeneinander. Zedekia ließ sie gewähren – nach Babel gekommen sind, werde ich an diesen Ort zurück-
man nahm ihn ohnehin nicht ernst. Als Ägypten unter Psam- bringen!« Demgegenüber mahnten Besonnenere wie der
metich II. (595 – 589 v. Chr.) wieder erstarkte, entflammten Prophet Jeremia: »Beugt eure Nacken unter das Joch des Kö-
die antibabylonischen Ressentiments. nigs von Babel und werdet ihm und seinem Volke untertan,
Trotz der schlechten Erfahrungen aus eineinhalb Jahr- so bleibt ihr am Leben!«
hunderten, trotz des Wissens um das Scheitern zahlreicher
früherer Revolten meldeten sich erneut Gruppierungen zu Agitierende Propheten
Wort, welche die baldige Restitution der alten Zustände in Beide Seiten beriefen sich auf die unmittelbare Eingebung
Juda verlangten, dies sogar als Willen Gottes verkündigten. durch Gott, die sie freilich dem jeweiligen Kontrahenten ab-
Beispielsweise versicherte der Prophet Hananja von Gibeon: sprachen. Nicht alle Propheten verfügten über politischen
»So spricht Jahwe, der Gott Israels: Ich zerbreche das Joch des Weitblick, manchen ging es vermutlich mehr um publikums-
Königs von Babel! Noch zwei Jahre und ich bringe an diesen wirksame Agitation. Und es gab genügend Judäer, die auf-
Ort alle Geräte des Hauses Jahwes zurück, die Nebukadnezar, rührerischen Predigten Gehör schenkten. Zudem schien die
Weltpolitik auf ihrer Seite zu sein: Zwischen 605 und 594 v.
Chr. banden antibabylonische Aufstände die Streitkräfte im
Aus einer kleinen Siedlung im 3. Jahrtausend v. Chr. wuchs Westen des Reichs. 595 v. Chr. brach sogar in Babylon selbst
Babylon zu einer Metropole, die nach einem wechselvollen eine Revolte aus, die in einem Massaker endete. Auf der an-
Schicksal erst im 3. Jahrhundert nach der Zeitenwende deren Seite bestieg Pharao Psammetich II. im selben Jahr den
endgültig zerstört wurde. Seine größte Ausdehnung erreichte Thron und machte sich sogleich daran, Ägypten militärisch
das von Babylon aus regierte Reich im 6. Jahrhundert v. Chr. aufzurüsten.

MAGOG ASCHKENAS
Kaspisches
Meer
GOMER TOGARMA URARTU/
LYDIEN
ARARAT

MINNI
Harran Gosan Tarbisu Ninive
MESCHECH Karkemisch
ME
SO Kelach MEDIEN
Arpad PO ASSYRIEN
TA
MI
or

EN Assur
Hab

Hadrach

A Arwad
ELISCH Ribla
Zedad Eu PE
r Gebal Lebo-Hamat ph B A KO
e e
Sidon Helbon SABADÄ ra
t Ti BYLO D
gr
e l m Bet-Zitti Damaskus ER is NI
E N
t ARAM Babel
i t Tyrus CH
M Megiddo Nippur EL
ÄER

Dor AL AM
Samaria DÄ
Afek A
SUT

Bet-El
Ekron Rabba(t-Bene-Ammon)
Aschdod Heschbon
Aschkelon Jerusalem
Gaza Gat MOAB
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK, NACH: WOLFGANG ZWICKEL

A ARABIEN
Zoan Migdol JUD OM Pe
Tachpanhes E D rs
KEDAR G isc
ol h
Heliopolis f er
Memphis
größte Ausdehnung des
ÄGYPTEN MIDIAN Neubabylonischen Reichs
antike Küstenlinie

Tema N
N
Ro eer

UZ
M
te

0 500 km
il

Dedan
s

WWW.SPEK TRUM .DE 79


Nun zeigte sich, dass manch einer Zedekia unterschätzt damit sie die Streitkräfte verstärkten. Doch vergeblich. Auch
hatte. Statt als Marionette Babylons agierte er mit einem Mal eine doch noch eintreffende ägyptische Hilfstruppe brachte
als wahrer König von Juda, beriet sich mit den Vertretern bei- keine Entlastung, sie wurde zerschlagen. Aseka fiel, dann La-
der Parteien – und ließ sich schließlich von der aufrühreri- chisch und schließlich Jerusalem. Nach 18 Monaten Belage-
schen Stimmung mitreißen. Er rung gelang es den Babyloniern
stellte 589 alle Tributzahlungen im Jahr 587 v. Chr., eine Bresche
ein und fiel damit, der Bibel zu- Jahwe sprach: Wer in in die Stadtmauer zu schlagen.
folge »vom König in Babel ab«.
Im selben Jahr rückten die dieser Stadt bleibt, der Zedekia floh, wurde aber auf-
gegriffen und vor Nebukadnezar
Truppen Nebukadnezars II. an
und eroberten Juda im Lauf des
stirbt durch Schwert, geschleift, der wieder in Ribla re-
sidierte. Diesmal gab es keine
nächsten Jahres Stück für Stück. Hunger oder Pest Gnade, die Politik der Milde hat-
Jerusalem, Lachisch und die Fes- te sich offenbar nicht ausge-
tung Aseka hielten am längsten zahlt. »Die Söhne Zedekias ließ
stand. Ostraka aus Lachisch spiegeln die dramatischen Vor- er vor dessen Augen abschlachten; den Zedekia aber ließ er
gänge. Bis zuletzt hoffte der Kommandant auf Entsatz durch blenden, in Ketten legen und nach Babel abführen.« Anders
ägyptische Streitkräfte. Wie verzweifelt mag er gewesen sein, als Jojachin zehn Jahre zuvor gestand man dem Judäer keine
als von einem benachbarten Fort via Ostraka die Mitteilung Staatspension zu – er war nur ein Kriegsgefangener. Diesmal
kam, dass man dort keine Zeichen mehr von Aseka sehe. deportierten die Sieger alle Bewohner der Hauptstadt sowie
Während die Soldaten an diesem vorgeschobenen Posten die Oberschicht der Landgebiete. Nur Kleinbauern durften
ihr Leben einsetzten, plädierte manch einer in der Haupt- bleiben, damit die Äcker nicht verödeten.
stadt für die Kapitulation, sogar für den Verrat. Jeremia be- Jerusalem wurde einen Monat lang geplündert und der
zeichnete ihn als Willen des Herrn: »So spricht Jahwe: Siehe, letzten Kostbarkeiten wie bronzene Säulenfiguren und Was-
ich stelle euch den Weg des Lebens und den Weg des Todes serbecken beraubt. Nebukadnezar II. ließ die Stadtmauer ein-
zur Wahl. Wer in dieser Stadt bleibt, der stirbt durch Schwert, reißen und die Häuser in Brand stecken. Damals ging auch
Hunger oder Pest. Wer aber zu den Babyloniern überläuft, die der Tempel in Flammen auf, und Jeremia klagte: »Ach, wie
euch belagern, der wird überleben und trägt sein Leben als sind wir verwüstet! Wie sind wir in Schande geraten! Wir
Beute davon.« Doch statt aufzugeben, warf König Zedekia al- müssen die Heimat verlassen, unsere Wohnungen sind zer-
les in die Waagschale. Selbst Sklaven entließ er in die Freiheit, stört! Der Tod ist uns durchs Fenster gestiegen, ist einge-

IMPRESSUM

Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), Tel. 06221 9126-741, Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen bei
E-Mail: service@spektrum.de der Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Jegliche
Einzelverkauf: Anke Walter (Ltg.), Tel. 06221 9126-744 Nutzung des Werks, insbesondere die Vervielfältigung, Verbreitung,
Leser­ und Bestellservice: Helga Emmerich, Sabine Häusser, öffentliche Wiedergabe oder öffentliche Zugänglichmachung, ist
Ute Park, Tel. 06221 9126-743, E-Mail: service@spektrum.de ohne die vorherige schriftliche Einwilligung des Verlags unzulässig.
Artikelnachweise: Die Philister in Kanaan Abenteuer Archäologie Vertrieb und Abonnementverwaltung: Spektrum der Wissenschaft Jegliche unautorisierte Nutzung des Werks berechtigt den Verlag
4/2004 · König David erobert Jerusalem Abenteuer Archäologie Verlagsgesellschaft mbH, c/o ZENIT Pressevertrieb GmbH, zum Schadensersatz gegen den oder die jeweiligen Nutzer. Bei
1/2004 · Geschichtsbild in Scherben? SdW 12/2008 · Auszug aus Postfach 81 06 80, 70523 Stuttgart, Tel. 0711 7252-192, jeder autorisierten (oder gesetzlich gestatteten) Nutzung des
Ägyptens Archiven Spektrumdirekt vom 9.5. 2011 · Der Tempel Fax 0711 7252-366, E-Mail: spektrum@zenit-presse.de, Werks ist die folgende Quellenangabe an branchenüblicher Stelle
Salomos Abenteuer Archäologie 2/2005 · Sehend in die Vertretungsberechtigter: Uwe Bronn vorzunehmen: © 2015 (Autor), Spektrum der Wissenschaft Verlags-
Katastrophe Abenteuer Archäologie 4/2004 gesellschaft mbH, Heidelberg. Jegliche Nutzung ohne die Quellen-
angabe in der vorstehenden Form berechtigt die Spektrum der
Die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH ist Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH zum Schadensersatz gegen
Kooperationspartner der Nationales Institut für Wissenschafts- den oder die jeweiligen Nutzer.
Chefredakteur: Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Carsten Könneker M. A. kommunikation gGmbH (NaWik).
(v.i.S.d.P.)
Redaktionsleiter: Dr. Hartwig Hanser Bildnachweise: Wir haben uns bemüht, sämtliche Rechte-
Redaktion: Mike Beckers, Thilo Körkel, Dr. Klaus-Dieter Linsmeier Bezugspreise: Einzelheft »Spezial«: € 8,90 / sFr. 17,40 / inhaber von Abbildungen zu ermitteln. Sollte dem Verlag
(Koordinator Archäologie/Geschichte), Dr. Christoph Pöppe, Österreich € 9,70 / Luxemburg € 10,– zzgl. Versandkosten. gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt
Dr. Frank Schubert, Dr. Adelheid Stahnke; E-Mail: redaktion@ Im Abonnement € 29,60 für 4 Hefte, für Studenten gegen werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich
spektrum.de Studiennachweis € 25,60. Bei Versand ins Ausland werden gezahlt.
Ständige Mitarbeiter: Dr. Felicitas Mokler, Dr. Michael Springer, die Mehrkosten berechnet. Alle Preise verstehen sich inkl.
Dr. Gerd Trageser Umsatzsteuer. Zahlung sofort nach Rechnungserhalt.
Art Direction: Karsten Kramarczik Postbank Stuttgart, IBAN: DE52600100700022706708, Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Bücher
Layout dieses Hefts: Claus Schäfer BIC: PBNKDEFF übernimmt die Redaktion keine Haftung; sie behält sich vor,
Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies, Leserbriefe zu kürzen.
Katharina Werle Anzeigen: iq media marketing gmbh, Verlagsgruppe
Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela Rabe Handelsblatt GmbH; Gesamtanzeigenleitung: Michael
Assistenz des Chefredakteurs: Hanna Hillert Zehentmeier, Tel. 040 3280-310, Fax 0211 887-97-8550;
Redaktionsassistenz: Barbara Kuhn Anzeigenleitung: Anja Väterlein, Speersort 1, 20095 Hamburg, ISSN 2195-3856 ISBN 978-3-95892-033-0
Tel. 040 3280-189
Redaktionsanschrift: Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg,
Tel. 06221 9126-711, Fax 06221 9126-729 Druckunterlagen an: iq media marketing gmbh, Vermerk:
Verlag: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Spektrum der Wissenschaft, Kasernenstraße 67, SCIENTIFIC AMERICAN
Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg; Hausanschrift: Slevogtstraße 40213 Düsseldorf, Tel. 0211 887-2387, Fax 0211 887-2686 75 Varick Street, New York, NY 10013-1917
3–5, 69126 Heidelberg, Tel. 06221 9126-600, Fax 06221 9126-751; Editor in Chief: Mariette DiChristina, President: Steven
Amtsgericht Mannheim, HRB 338114 Anzeigenpreise: Gültig ist die Preisliste Nr. 36 vom 1. 1. 2015 Inchcoombe, Executive Vice President: Michael Florek,
Geschäftsleitung: Markus Bossle, Thomas Bleck Gesamtherstellung: L. N. Schaffrath Druckmedien GmbH & Co. KG, Vice President and Associate Publisher, Marketing and
Herstellung: Natalie Schäfer Marktweg 42–50, 47608 Geldern Business Development: Michael Voss

80  SPEZIALARCHÄOLOGIE·GESCHICHTE·KULTUR4/2015
drungen in unsere Paläste. Er rafft das spielende Kind von cher Entscheidung und konnten so den Zusammenbruch der
der Straße weg, den jungen Mann vom Markt. Und es liegen alten staatlichen Ordnung überleben. Experten für das Alte
die Leichen der Menschen wie Mist auf dem Feld, wie Garben Testament haben sich seit Langem daran gewöhnt, den Über-
hinter dem Schnitter, die niemand sammelt.« gang zum Judentum in der Exilzeit zu verankern. Nun erst
582 v. Chr. war das Zerstörungswerk vollendet, nochmals galt das göttliche Gesetz in einer absoluten Weise, wie es die
verschleppten die Babylonier 745 Männer, die in den vergan- vorexilische Zeit nicht kannte. Dieses Phänomen erklärt sich
genen fünf Jahren wieder zugezogen waren. Nebukadnezar II. ebenso wie die Abkapselung der Juden gegenüber den Ange-
gliederte nun auch Restjuda in das von den Assyrern über- hörigen anderer Religionen soziologisch: Durch strenge Ver-
nommene Provinzsystem des Neubabylonischen Reichs ein. haltensregeln und dem Bekenntnis zu ihrem Gott als dem
Damit endete die Monarchie in der Tradition Davids, sieht Schöpfer und Herrn der Welt bewahrten die Hebräer ihre
man von der kurzen Herrschaft der hasmonäischen Priester- ethnische Identität. Der völligen Machtlosigkeit setzten sie
könige (142 – 63 v. Chr.) ab. Mit dem Exil begann für die Heb- ein Glaubensbekenntnis entgegen, das aus Heimatlosen ein
räer eine neue Zeit. Sie bildeten fortan keinen selbststän- auserwähltes Volk machte.
digen Staat mehr. Immerhin siedelten die Babylonier die De- Das Eigenständige ihrer Kultur reduzierte sich auf die Re-
portierten aber in geschlossenen Wohngebieten an, was ein ligion, und diese erlebte wesentliche Veränderungen. Eigen-
gewisses Eigenleben ermöglichte. Das Exil war also eine ge- heiten des Kults wie Sabbat, Beschneidung, Speise- und Rein-
mäßigte Form der Gefangenschaft. Umgekehrt brachten die heitsvorschriften wurden nun stärker betont und erhielten
Babylonier keine fremden Siedler in ihre judäische Provinz, dadurch ihre prägende Kraft. Den Zusammenhalt förderten
weshalb manch verbliebene dörfliche Gemeinschaft intakt auch die Zusammenkünfte in den sich entwickelnden Sy-
blieb. nagogen, bei denen man die Vergangenheit durch Erzählun-
gen lebendig hielt. Mündliche und schriftliche Überlieferun-
Katastrophe und Neuanfang gen wurden vermehrt gesammelt und niedergeschrieben.
Das Großreich zerfiel nach dem Tod Nebukadnezars II. 562 v. Wichtige Geschichtswerke und Gesetzeskodifikationen ent-
Chr. rasch und wurde schon 546 v. Chr. von den Persern unter standen.
Kyros (559 – 530 v. Chr.) erobert. Weil diese neuen Herren ih- Das ruhmlose Ende der Monarchien, das einige zwar pro-
ren Untertanen ein kulturelles und religiöses Eigenleben ge- phezeit, wenige aber erwartet hatten, lenkte den Blick auf die
statteten, durften die Juden den zerstörten Tempel in Jerusa- mythischen glanzvollen Anfangsjahre: Auszug aus Ägypten,
lem wiederaufbauen. So etablierte sich ab 538 v. Chr. ganz all- Eroberung Kanaans und staatliche Macht und Größe unter
mählich wieder eine Gemeinde in Jerusalem. der Doppelmonarchie. Gleichzeitig entstand eine Endzeiter-
Das Volk Israel überlebte aber auch dank der Propheten. wartung, wie Amos sie bereits formuliert hatte, als er davon
Inmitten einer Welt vergehender Kleinstaaten erachteten sie sprach, Gott werde dereinst das Königreich Davids in seiner
eine Besserung der Situation zu Lebzeiten für unrealistisch. alten Größe wieder aufrichten.
Stattdessen forschten sie nach den Ursachen der Katastro- Es war die Hoffnung auf eine bessere Zukunft am Ende al-
phe und deuteten diese um in eine Chance für ein gottes- ler Zukunft – und auf gnadenlose Rache. Denn das Weltende
fürchtigeres Leben. Für den Propheten Micha war es offen- stellte man sich so blutig vor wie das Ende, das die Hebräer
sichtlich, dass die Babylonier Jahwes Werk verrichtet hatten. am eigenen Leib erlebt hatten. Einmal, ein letztes Mal, werde
Dieser wollte die Vernichtung des sündigen Jerusalem mit- Jahwe sich an den Feinden des auserwählten Volkes rächen
samt seiner anmaßenden Beamten, damit die kleinbäuer- und sie mit denselben Grausamkeiten schlagen, die das Ende
liche Ordnung der Vorfahren wieder in Kraft treten könne der davidischen Monarchien begleitet hatten: Hunger, Pest,
(siehe den Beitrag S. 57). Schon Jesaja hatte ähnlich gedacht. Erdbeben, Schwert, Feuer, Deportationen und Krieg. Die apo-
Da er die Wurzel sozialen Übels in der unbeschränkten kalyptischen Reiter!  Ÿ
Macht der Großgrundbesitzer über die Masse des Volks sah,
war für ihn die Enteignung und Verschleppung der Herr-
schenden die Lösung. Er hatte dies lediglich von den Assy-
QUELLEN
rern erwartet.
Selbst Jeremia erkannte im Exil den göttlichen Willen im Blenkinsopp, J.: Geschichte der Prophetie in Israel. Von den Anfän-
Geschehen. Denn nicht die Verheißungen seien falsch gewe- gen bis zum hellenistischen Zeitalter. Kohlhammer, Stuttgart 1998
Clauss, M.: Das alte Israel. Gesellschaft, Kultur. C.H.Beck, München
sen, sondern das Volk habe nicht im Glauben gelebt und ge-
2014
handelt. Schonungslos demontierten die Propheten alle fal- Donner, H.: Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in
schen Hoffnungen und gaben gleichzeitig eine Richtung für Grundzügen. Teil 2: Von der Königszeit bis zu Alexander dem
die Zukunft vor. Auch ohne Tempel und ohne Kult könne Großen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008
Gunneweg, A.: Geschichte Israels bis Bar Kochba. Kohlhammer,
Jahwe bei seinem Volk sein, wenn es dies nur wolle. Ihre Bot- Stuttgart 1989
schaft war ein Aufruf zum Glauben an jeden einzelnen, was Schmitz, B.: Geschichte Israels. Schöningh, Paderborn 2014
die Bildung einer neuen Gemeinde im Exil und in der Zeit
danach erleichterte. Diese Gruppen gründeten auf persönli- Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1376011

WWW.SPEK TRUM .DE 81


VORSCHAU SPEZIAL Archäologie – Geschichte – Kultur 1/2016 ab 18. 3. 2016 im Handel

CORBIS/VANNIARCHIVE
Die Geschichte der Stadt
Seit Jahrtausenden rücken Menschen auf engstem Raum zusammen und ertragen die Nähe anderer, statt in überschaubaren
Dörfern zu wohnen. Ob das jungsteinzeitliche Basta im heutigen Südjordanien, das antike Rom (siehe Bild) oder das Florenz
der Renaissance, man nahm die Nachteile urbaner Zentren in Kauf, denn ihre Vorteile überwogen: Städte waren voller Unrat
und Gestank, doch sie boten dem Einzelnen und seiner Familie Schutz, ihre Wirtschaftskraft und Kultur. Auch die Religion er-
wies sich als mächtiger Antrieb, gemeinsam Großes zu leisten, wie die bislang ältesten Tempelbauten Südamerikas im perua-
nischen Sechín Bajo zeigen. Mochte die Nähe anderer mitunter schwer zu ertragen gewesen sein, förderte gerade die starke
Vernetzung offenkundig die Innovationskraft der Gemeinschaften und schuf so einen fruchtbaren Nährboden für die kulturel-
le Entwicklung der Menschheit insgesamt.

Tödliche Nachbarschaft Schöner Schein Wenn zu viel Stadt krank macht


Tier und Mensch lebte im keltischen Selbst die Pest konnte die Der Trend zur Urbanisierung hält an, Megacitys
Basel dicht nebeneinander. Die Folge: Medici nicht aufhalten, Flo- wachsen weiter. Doch Studien zeigen, dass die
Gefährliche Parasiten breiteten sich renz prunkvoll auszubauen. Risiken psychischer Erkrankungen in Ballungs-
aus. Nach mehr als 2000 Jahren Aber die Gesellschaft ihrer räumen dramatisch ansteigen. Psychologen
haben Forscher sie nun in den Sied- Renaissancemetropole durch- suchen nach Konzepten für ein gutes Leben in
lungsschichten entdeckt. zogen tiefe soziale Risse. der Stadt der Zukunft.

82  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR4/2015
SPE Z I A L

ARCHÄOLOGIE · GESCHICHTE · KULTUR

JETZT
IM ABO
BESTELLEN
UND 15 %
SPAREN

Die Spektrum Spezial-Reihe AGK erscheint viermal pro Jahr – im Abonnement


für nur € 29,60 inkl. Inlandsporto (ermäßigt auf Nachweis € 25,60). Noch vor Erscheinen
im Handel erhalten Sie die Hefte frei Haus und sparen dabei über 15 % gegenüber
dem Einzelkauf!

So einfach erreichen Sie uns:


Telefon: 06221 9126-743
Oder QR-Code
www.spektrum.de/spezialabo per Smartphone
scannen und
E-Mail: service@spektrum.de Angebot sichern!
DIE WOCHE DAS WÖCHENTLICHE WISSENSCHAFTSMAGAZIN

Jetzt als Kombipaket


im Abo: App und PDF
Jeden Donnerstag neu! Mit News, Hintergründen,
Kommentaren und Bildern aus der Forschung
sowie exklusiven Artikeln aus »nature« in deutscher
Übersetzung. Im Abonnement nur € 0,92 pro Ausgabe
(monatlich kündbar), für Schüler, Studenten und
Abonnenten unserer Magazine sogar nur € 0,69.

JETZT
ABONNIEREN!

www.spektrum.de/abonnieren