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Am Anfang

steht die
Neugier.
In
e uem
n ok!
Lo
3 Ausgaben und
unser Stofftaschenset
für nur € 16,–

Das Magazin für


Naturwissenschaft & Technik

Jetzt im Miniabo testen


spektrum.de/aktion/agk
EDITORIAL
KLEINE FÄCHER,
GROSSE WIRKUNG
Von Klaus-Dieter Linsmeier, Koordinator Archäologie
Geschichte linsmeier@spektrum.de


Der Blick in die Vergangenheit helfe, unsere Gegenwart besser zu
verstehen. Mit diesem Argument kämpfen Geisteswissenschaftler, die
für gewöhnlich in der Antike oder im Mittelalter unterwegs sind,
gegen ein verbreitetes Vorurteil an: Im Vergleich zu den Naturwissen-
schaften sei deren Forschung doch eher etwas für Schöngeister und
selten von praktischem Nutzen.
Als Redakteur dieser spannenden Ausgabe möchte ich dem unbedingt
widersprechen. Und den Nutzen historischer Forschung am Beispiel einer
der markantesten Entwicklungen unserer Tage illustrieren: der Digitalisie-
rung! Wir leben in einer Zeit des Medienwandels, und niemand weiß, DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN:
wohin die Reise geht. Wird man gedruckte Magazine bald nur noch im
Museum bestaunen und jedweden Text via Display lesen? Auf diese Frage
werden die mit vergangenen Zivilisationen befassten »Orchideenfächer«
zwar nicht antworten können, wohl aber helfen sie dank eines neuen
Forschungsansatzes, die Rahmenbedingungen solcher Veränderungen zu
beleuchten.
Was Texte uns bedeuten, beeinflusst demnach nicht allein ihr Inhalt.

FOTO: ISTOCK / SEVKI C. DUZYOL


Wie hätte beispielsweise der assyrische König Assurbanipal darüber
geurteilt, die Tontafeln seiner Bibliothek auf einem Tablet zu betrachten,
statt in massiver Form? Der harte Ton sollte, so die Erkenntnis der For-
scher, Wissen in verbindlicher Form überliefern. Wie haltbar aber sind Bits
und Bytes? Und Karl der Große wäre sicherlich empört gewesen, hätte
ihm sein Schreiber Dagulf die gewünschte Psalmensammlung als E-Book
präsentiert statt auf edlem Pergament und mit kostbarer Goldtinte ge- Spektrum KOMPAKT »Mumien«
schrieben – ein Beleg der Frömmigkeit des Auftraggebers. Erfahren Sie alles über die stummen
Alte Schriften als Artefakte mit vielen Facetten zu betrachten, ist ein ­Zeugen der Vergangenheit. Mumien –
viel versprechender, neuer Ansatz, dem sich gut 60 Heidelberger Wissen- die konservierten Toten, die uns viel
schaftler im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 933 »Materiale über die ­Lebensumstände zu ihrer
Textkulturen« der Deutschen Forschungsgemeinschaft verschrieben Zeit erzählen.
haben; die Themen dieser Ausgabe illustrieren beispielhaft die vielen
Möglichkeiten des Konzepts. Spektrum KOMPAKT – Themen auf den Punkt gebracht
Unsere Spektrum-KOMPAKT-Digitalpublikationen
Die fruchtbare Kooperation bot mir reichlich Stoff zum Nachdenken.
stellen Ihnen alle wichtigen Fakten zu ausge-
Insbesondere erinnerte mich die Beschäftigung mit Amuletten, Zauber- suchten Themen als PDF-Download zur Verfü-
sprüchen und heiligen Texten daran, dass Schrift selbst heutzutage noch gung – schnell, verständlich und informativ!
etwas Magisches anhaftet. Bücher, deren Figuren lebendig werden; Texte
mit tödlicher Wirkung, Zaubersprüche, Schatzkarten – Film und Literatur www.spektrum.de/kompakt
sind voller Geschichten über magische Schriften. Das Fühlen und Denken
unserer Vorfahren liegt uns näher als gedacht. Danke, Orchideenfächer.

Spannende Lektüre wünscht


INHALT
6 TEXTKULTUREN NEUER BLICK

ISTOCK / YURIZ
AUF ALTE SCHRIFTEN
Ein neuer Forschungsansatz betrachtet auch das
Material der Schriftträger und ihren Gebrauch.
Von Ludger Lieb

14 MESOPOTAMIEN DIE ERSTE


UNIVERSALBIBLIOTHEK DER WELT
Scherben unzähliger Tontafeln geben Forschern
Einblicke in alle Lebensbereiche des Alten Orients.
Von Stefan M. Maul und Adrian C. Heinrich

22 ÄGYPTEN DAS GRAB DES MAGIERS


Mehr als 100 Jahre nach der Entdeckung der so
genannten Ramesseum-Papyri scheint sicher: Sie
gehörten zu einer magischen Bibliothek. 6
Von Joachim Friedrich Quack
TEXTKULTUREN
NEUER BLICK
28 POMPEJI GRAFFITI – »SOCIAL NETWORK« AUF ALTE SCHRIFTEN
IN DER ANTIKE
Geritzte Botschaften im Wandputz galten in Pompeji
nicht als Ärgernis, sondern dienten der Kontaktpflege.
Von Fanny Opdenhoff
34
34 QUMRAN KULTORT, SCHREIBSTUBE, QUMRAN
WISSENSSPEICHER KULTORT, SCHREIBSTUBE,
Hunderte Schriftrollen wurden bei Khirbet Qumran WISSENSSPEICHER
verborgen. Welche Rolle spielte diese Siedlung?
Von Friederike Schücking-Jungblut

40 INSCHRIFTEN TEXTE FÜR DIE EWIGKEIT


Wer in Rom wichtige Botschaften öffentlich
­verkünden wollte, wählte dafür Stein und Bronze.
Von Christian Witschel

46 AMULETTE VERBORGENE BESCHÜTZER


Magische Worte sollten vor den Gefahren des
Lebens bewahren. In der Antike wie im Mittelalter.
Von Laura Willer und Konrad Knauber

52 CHINA BUDDHAS LEHRE


IN DER ZEITKAPSEL
In Erwartung des Weltuntergangs meißelten
chinesische Mönche Buddhas Lehren in Stein. Es
war das größte Inschriftenprojekt der Geschichte.
Von Lothar Ledderose

58 ISLAM DIE 99 NAMEN GOTTES


GETTY IMAGES / AFP / GALI TIBBON

Muslime kennen zahlreiche Namen für den einen


Gott. Sie rezitieren sie im Gebet und schreiben sie
auf Amulette in der Hoffnung auf Beistand.
Von Sarah Kiyanrad

4  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


62 BIBEL GOLDENE BUCHSTABEN,
AKG IMAGES / WERNER FORMAN

GOLDENE WORTE
Je kostspieliger eine Heilige Schrift gestaltet war, desto
authentischer schien sie im Mittelalter den Gläubigen.
Von Tobias Frese

68 HEILIGENVEREHRUNG »VOM BARTE


DES HEILIGEN BONIFATIUS«
Als der Überblick in den Reliquiensammlungen verloren
ging, begann man die heiligen Stücke zu etikettieren.
Von Kirsten Wallenwein

72 JUDENTUM HEILIGE TEXTE


UND ORNAMENTALER KOMMENTAR
In winzigen, zu Buchstabenbildern gestalteten Notizen
am Rand vermerkten jüdische Gelehrte Besonderheiten
des Textes und vermittelten Hintergrundwissen.

46 Von Hanna Liss

AMULETTE 78 IMAGINATION BUCHSTABEN,


VERBORGENE BESCHÜTZER BEGEHREN UND TOD
Ein Unglück bringender Brief aus Edelsteinen auf einer
Hundeleine – Wolframs von Eschenbach fantastische
MIT FRDL. GEN. VON LOTHAR LEDDEROSE

Erzählung provozierte seine Zeitgenossen.

52 Von Ludger Lieb

CHINA 82 TEXTUREN GEWOBENE LIEBESSCHWÜRE


BUDDHAS LEHRE Im Spanien des 15. Jahrhunderts diente Schrift auch der
IN DER ZEITKAPSEL Selbstinszenierung des Adels – aufgenäht auf Kleidung,
eingewoben in Bilder und Wandteppiche.
Von Robert Folger und Stephanie Lang

86 INDONESIEN SCHRIFTZEICHEN DER GÖTTER


Die Einwohner Balis sind davon überzeugt: Ihre traditio-
nellen Schriftzeichen können kosmische Energien lenken.
Von Annette Hornbacher

71 IMPRESSUM
ÖSTERREICHISCHE NATIONALBIBLIOTHEK, WIEN (COD.1861, FOL. 67V)

90 VORSCHAU

Titelbild: Getty Images / Eddie Gerald


Qumran-Fragment im Dead Sea Scrolls
Laboratory in Jerusalem.

Alle Artikel auch digital


62 auf Spektrum.de
Auf Spektrum.de berichten unsere
BIBEL Redakteure täglich aus der Wissenschaft:
GOLDENE BUCHSTABEN, fundiert, aktuell, exklusiv.
GOLDENE WORTE
Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 5
TEXTKULTUREN
NEUER BLICK
AUF ALTE SCHRIFTEN
Bis vor wenigen Jahren galt das Interesse der Historiker vor
allem den Inhalten alter Texte, nehmen sie aber auch die
Schriftträger sowie ihren Gebrauch in den Blick, gewinnen sie
ganz neue Erkenntnisse.
 spektrum.de/artikel/1422025
ISTOCK / YURIZ

6  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Die Verschmelzung von Relief und
Inschrift im dauerhaften Stein diente den
assyrischen Herrschern unter anderem
der Propaganda. Eingeritzte Trennlinien
halfen den Steinmetzen, Textzeilen
gerade auszuführen, wie hier in einem
ISTOCK / YURIZ

Relief aus dem Palast Assurnasirpals II.


(883 – 859 v. Chr.) zu sehen ist.

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 7


alters, tunlichst viele Texte gesammelt und »ediert« – das
Der Mediävist Ludger Lieb lehrt Ältere deut- heißt oft: aus Fragmenten rekonstruiert, miteinander ver­
sche Philologie an der Universität Heidelberg. glichen, kommentiert und schließlich in Büchern sowie
Seinen Forschungsschwerpunkt bildet die
neuerdings auf Webseiten veröffentlicht. Ergänzend zu
Literatur des Mittelalters und der Frühen
Neuzeit. Er ist Sprecher des Sonderforschungs- diesen Editionen wiederum entstanden Wörterbücher und
bereichs »Materiale Textkulturen« (SFB 933). Grammatiken für die Sprachen, in denen die alten Texte
verfasst sind. Es handelt sich um ein inzwischen gut 250
Jahre dauerndes Forschungsprojekt der Superlative.


Jäger und Sammler waren unsere Vorfahren. Und wer Doch seit einigen Jahren hat sich die Haltung der Geistes­
sich der Erforschung der Vergangenheit widmet, ge­ wissenschaftler zum Gegenstand ihrer professionellen
winnt mitunter den Eindruck, dass Jahrtausende der Neugier deutlich gewandelt. Man hat nämlich erkannt, dass
Kulturentwicklung daran im Grunde nichts geändert haben: die Philologen der Moderne antike und mittelalterliche Texte
Wir graben und dokumentieren noch heute, durchsieben die in der Regel so behandelten, wie sie es in ihrer Gegenwart
Erde nach Überresten früherer Zeiten, fahren in entlegene gewohnt waren: als etwas ausschließlich zum Lesen und
Winkel der Welt, wo wir uralte Inschriften in Augenschein zum Verstehen Bestimmtes. Ein solcher rein »hermeneu­
nehmen. All das, um mehr über uns Menschen, über unsere tischer« Umgang mit alten Texten gilt inzwischen als frag­
Geschichte und Kultur in Erfahrung zu bringen. Denn indem würdig.
wir in die Vergangenheit schauen, sehen wir uns selbst in
einem anderen Licht. Was Autoren wollen und was Texte sollen
Das Gesammelte haben wir geordnet, aufbewahrt und Wie der griechische Götterbote Hermes die Nachrichten, die
ausgestellt. In den Vitrinen und Archiven der Museen häufen er den Menschen überbrachte, gleich ausdeutete, so sucht
sich Steinwerkzeuge und Knochen, goldene Kostbarkeiten auch die nach ihm benannte Methode stets nach einem
ebenso wie schlichte Scherben – und eine schier unendliche dem Text innewohnenden Sinn. Und was wäre dagegen ein­-
Menge alter Schriften. Ganze Bibliotheken von Tontafeln zuwenden? Während ich diese Zeilen schreibe, rechne ich
haben Assyriologen ans Licht geholt, von den Kulturen der damit, dass jemand sie lesen und verstehen will. Dieses
Antike kennen wir heilige und weniger heilige Papyri, aus hermeneutische Einverständnis liegt aber keineswegs in der
dem Mittelalter Pergamente, metallene Textamulette sowie Natur unserer Spezies, nur weil es in unserer Kultur schon
kostbar vergoldete Psalter. seit Langem gilt. Vielmehr ist ein solcher Umgang mit
Freilich dient all dieses Jagen und Sammeln nicht dem Texten etwas Gewordenes, das sehr vieles voraussetzt,
Überleben, sondern dem Erkenntnisgewinn. Der Hunger, der angefangen mit der Fähigkeit zu lesen – was eine entspre­
uns motiviert, ist die Neugierde. Das Auffinden alter Texte chende Unterweisung verlangt – bis zu einer funktionie­
ging darum ab dem 18. Jahrhundert vermehrt mit dem renden Übermittlung in gut lesbaren Buchstaben durch eine
Begehren einher, zu verstehen, was da in oft unbekannten Medientechnik.
Sprachen geschrieben stand. Dies nun ist die Sache der Zudem muss ein Leser nicht nur davon überzeugt sein,
Philologen, die Methoden entwickelten, mit denen sich die dass ich etwas Interessantes mitzuteilen habe, damit er
Zeichen entziffern und ihre Bedeutung feststellen lassen. Um diesen Artikel zur Hand nimmt. Er unterstellt mir außerdem
dabei möglichst objektiv zu sein, wurden und werden in keine üblen Absichten und vertraut darauf, dass ich ihm
allen denkbaren Bereichen, von den sumerischen Keilschrif­ Überlegungen und Informationen um ihrer selbst willen
ten und den ägyptischen Hieroglyphen über die antiken mitteile. Mithin verlässt er sich auf den guten Ruf des Ver-
Inschriften Athens bis zu den Heldendichtungen des Mittel­ lags wie auf meine akademische Reputation und das Anse­
hen meiner Universität, deutet aber auch äußere Merkmale
des Artikels entsprechend, etwa ein klares, qualitätvolles
Schriftbild und eine seriös wirkende Gestaltung.
All diese Voraussetzungen waren vor dem 18. Jahrhun­
AUF EINEN BLICK dert nicht immer erfüllt, wenn etwas geschrieben wurde.
TEXTE IM KONTEXT Dass Texte vor allem zum Lesen und Verstehen gemacht
sind, ist erst typisch für die Neuzeit. Wenn also Philologen

1  is Ende des 20. Jahrhunderts betrachteten Philologen


B
das Schriftgut vergangener Kulturen vor allem hinsicht­
lich der aus den Texten erschließbaren Inhalte.
die Schriften alter Kulturen in der gleichen Weise angehen
wie solche ihrer Zeit, werden sie ihnen oft nicht gerecht.
Manche alten Texte waren vor allem dazu gedacht, dass
man ihrem Klang lauschte. Andere hatte man zur Demons­
2  euerdings finden zudem das Material des Schriftträ­
N
gers sowie alle Informationen zum kulturellen Kontext
Beachtung.
Im 9. Jahrhundert v. Chr. hatte König Nabû-apla-iddina

3  rst die Zusammenschau der diversen Aspekte ermög­


E dem Sonnengott Schamasch (oben rechts) ein Kultbild
licht ein tiefgründiges Verständnis alter Kulturen, das oft errichten lassen und darüber Bericht abgelegt. Den Göt-
überraschende Einsichten bietet. tern zu dienen, gehörte zu den Pflichten mesopotamischer
Herrscher. Deshalb ließ König Nabonid 300 Jahre später
die Urkunde bei einer Erneuerung des Tempels reparieren.

8  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


AKG IMAGES / BIBLE LAND PICTURES / Z. RADOVAN / WWW.BIBLELANDPICTURES.COM

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 9


tration von Herrschaft in Stein gehauen oder in Metall ge­
prägt, damit Finger sie ertasteten. Wieder andere sollten als
Ornament beeindrucken. Mitunter vollzog sich Religiosität
schon allein im Kopieren heiliger Schriften. Nicht zu verges­
sen all jene magischen Texte, um Menschen zu heilen, zu
verzaubern oder gar zu töten.
Dass ein solcher nichthermeneutischer Umgang mit
Schrift irgendwo tief in unserem kognitiven Apparat veran­
kert sein muss, macht ein textuelles Phänomenen unserer
Gegenwart bewusst, das ebenfalls den hermeneutischen
Rahmen verlassen hat: das Graffito. Zwar handelt es sich
auch hier um Worte, Namen oder abgekürzte Sätze, doch ihr
Sinn ist nicht unbedingt Lesen und Verstehen, sondern die
Markierung des öffentlichen Raums durch individuelle
Zeichen. Ihre Funktion liegt in der Kolorierung grauer Beton­
flächen, in der Interaktion mit anderen Sprayern, der Provo­
kation der bürgerlichen Gesellschaft.

Die neue Perspektive


Wenn also heute all die Texte der Menschheitsgeschichte
gedruckt oder online gestellt werden oder beides und damit
faktisch jedem Interessierten zum Lesen und Deuten verfüg­
bar sind, dann ist dies sicher ein großer Fortschritt. Anderer­
seits geht damit gelegentlich verloren, was nicht in der
bloßen Buchstabenfolge gespeichert ist, etwa die Praktiken
im Umgang mit den Schriftträgern, die Wirkungen des
Beschreibstoffs und anderes mehr. Diesen Zusammenhang
wiederherzustellen, haben sich die gut 60 Wissenschaftler
des Heidelberger Sonderforschungsbereichs »Materiale
Textkulturen« (SFB 933) der Deutschen Forschungsgemein­
schaft zum Ziel gesetzt. Sie untersuchen seit 2011 die Arte­
fakte solcher Kulturen, die zwar über eine Schrift verfügten,
ihre Texte aber mangels Drucktechnik nicht massenhaft
vervielfältigen konnten. Die These lautet: In solchen »nicht­
typografischen Gesellschaften« ging jeder Text eine enge
Verbindung mit seinem Trägermaterial ein; beide wiederum
waren in spezifische Praktiken eingebunden.
Freilich erfinden wir dabei das Rad nicht neu. Der SFB
933 greift Impulse geisteswissenschaftlicher Forschung auf,
bündelt sie und entwickelt sie weiter, um sein Thema per­
spektivenreich zu durchdringen. Schon seit Beginn des
20. Jahrhunderts nahmen die Geisteswissenschaften die
Sprache und ihre realitätsstiftenden Funktionen verstärkt in
den Blick (»linguistic turn«). Man erkannte, dass in der
sprachlichen Ausgestaltung von Texten bereits eine eigene
kulturelle Leistung steckt. Die schriftlichen Überreste ver­
gangener Kulturen sind also selbst deren Ausdruck, waren
Teil eines Diskurses, mit dem die Verfasser ihre Welt ord­
neten, reglementierten und womöglich überhaupt als Wirk­
lichkeit entwarfen.
Nachdem die Sprache als konstitutives Element der Kultur
und Weltanschauung entdeckt war, folgte der nächste
Schritt: die Entdeckung der Mündlichkeit. Auch wenn Texte
ISTOCK / GELIA

Byzantinische Monogramme zieren die Kapitelle der


Hagia Sophia in Konstantinopel. Darin sind die Namen
des Bauherrn, Kaiser Justinian (Detailbild, Mitte), und
seiner Frau Theodora eingearbeitet.

10  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


ISTOCK / GELIA
WILFRIED E. KEIL

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 11


GERMANISCHES NATIONALMUSEUM, NÜRNBERG (GEW668, UM 1400)

12  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


nur schriftlich überliefert sind, so heißt das ja längst nicht,

AUS EINER KOPIE DES LANTING XU VON FENG CHENGSU, CA. 627-650; ORIGINAL VON WANG XIZHI, CA.
dass Schriftlichkeit oder das stille Lesen in nichttypogra­
fischen Kulturen vorherrschten. Im Gegenteil: Es dominierte
die Stimme. In den 1980er und 1990er Jahren etablierte sich
daher eine Sichtweise, die dem Vortrag und der Aufführung
besondere Bedeutung zumaß. Texte sind nur ein Teil des
Kunstwerks, denn zu diesem gehören auch die Stimme, das
Publikum, die Situation, der Raum und andere Faktoren. Der
so genannte »performative turn« rückte daher das Diesseits
alter Schriften noch stärker in den Fokus: Sie waren in
Interaktionen zwischen persönlich Anwesenden eingebettet
und entfalteten ihre Wirkung erst in dieser spezifischen
Gegenwart, von der sie nicht leicht zu lösen waren. Die
meisten Interaktionen waren durch Konventionen und
Routinen geprägt. Deshalb untersuchten Geisteswissen­
schaftler nun, wie die Texte ihr performatives Potenzial in
Ritualen, Inszenierungen oder Raumkonstellationen entfal­
teten. Der Bezug der bekannten Schriftrollen von Qumran zu
ihrer Aufbewahrung in Höhlen und zu der nahe gelegenen
Siedlung ist ein Beispiel für den letztgenannten Aspekt
(siehe den Beitrag ab S. 34).

Das beschriftete Ding – ein Artefakt


Fast zeitgleich befassten sie sich zunehmend mit der »mate­
rialen« Diesseitigkeit ihrer Texte. Denn eine Manuskriptseite
oder ein Amulett waren schon vor ihrer Beschriftung ein
Artefakt, also ein von Menschen für einen bestimmten
Zweck bearbeitetes Ding. Die wichtigste Erkenntnis aus
dem dritten Schritt, dem »material turn«, lautet: Die Texte
nichttypografischer Gesellschaften müssen im Kontext ihrer
Schriftträger betrachtet werden. Sie hatten beispielsweise Japanische Schriften waren immer auch kalligrafische
ein Layout, eine Größe und einen Schriftstil, welche durch Meisterwerke. Hier ein Ausschnitt aus einer Kopie des
die Inhalte ebenso wie durch das gewählte Material bedingt »Lanting Xu« (Vorwort zur Versammlung am Orchideen-
waren, wie Letzteres umgekehrt Symbolkraft haben konnte. pavillon), entstanden zwischen 627 und 650.
Es gab vielfache Wechselbeziehungen zwischen reinen
Textaspekten wie Wortbedeutung, Sprache, Herkunft sowie
Autorenschaft und dem »Artefakt«, seinem Material, seiner tatsächlich umgestellt wurden. Dennoch gelingt es den
Form, den Praktiken der Herstellung und Verfügbarmachung, Forschern immer wieder, Zusammenhänge zu entdecken,
der Einbettung in Räume und Rituale. Schrifttragende Arte­ die sich in den unterschiedlichsten Kulturen finden lassen.
fakte entfalteten ihre Wirkmacht in der Interaktion mit ihren So war die Wirkung von schrifttragenden Artefakten
Nutzern. Sie hatten weltdefinierendes Potenzial, indem sie häufig an bestimmte Routinen im Umgang mit Dingen und
Handlungen motivierten, ermöglichten und regulierten: Texten gebunden. Beispielsweise trug man Amulette verbor­
durch Inhalt, Sprache, Performanz und Stofflichkeit. gen mit sich, vollzog liturgische Handlungen mit Messbü­
Ausgerüstet mit den vielfältigen Methoden der verschie­ chern, nutzte Weiheinschriften in rituellen Kontexten. Auch
denen »turns« untersuchen die Heidelberger Wissenschaft­ konnte das Wissen um das hohe Alter von Texten, die Gött­
ler ein weites Themenspektrum. Dieses reicht von den Kul- lichkeit der Schriften oder die Heiligkeit ihrer Schreiber den
turen des Mittelmeerraums bis nach Südasien, vom 3. Jahr­ Artefakten soziale Geltung verleihen bis hin zur kollektiven
tausend v. Chr. bis zum 16. Jahrhundert n. Chr. Schwierig Verehrung.
wird die Forschung häufig dadurch, dass die Spuren, die Immer wieder stellen die Wissenschaftler auch fest, dass
von ursprünglichen Handlungszusammenhängen erzählen Texte und Textträger wiederverwendet wurden: eine weit
könnten, längst verloren sind. Mitunter zeigt sich, dass verbreitete Strategie, um in einer unsicheren Gegenwart an
eigentlich nichtbewegliche Arrangements – zum Beispiel alte und vermeintlich bessere Zeiten anzuschließen. Und
monumentale Steininschriften – im Lauf der Jahrhunderte umgekehrt wurden Schriften vernichtet, gerade weil sie
Zeugnis von einer Kultur abgaben, die man verachtete oder
über die man sich auf diese Weise erheben wollte. Leider
Spruchbänder – »drost un freid machent dise meid«, »von gehört dieses traurige Phänomen nach wie vor zum kulturel­
dinen hand lig ich in band« – verraten das Thema dieses len Repertoire unserer Spezies, mal durch religiösen Fanatis­
Ausschnitts des »Nürnberger Spieleteppichs« (um 1400): mus motiviert, mal durch einen blinden Glauben an die
Es geht um die Freuden der Liebe. Moderne (siehe den Beitrag ab S. 86). 

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 13


MESOPOTAMIEN
DIE ERSTE
UNIVERSAL-
BIBLIOTHEK
DER WELT
Unzählige Tontafeln des Zweistromlands
haben die Jahrtausende überdauert, zu-
meist zerbrochen, aber lesbar. Sie geben
Forschern Einblicke in alle Lebensbereiche
des Alten Orients.

Stefan M. Maul lehrt Assyriologie am Seminar für Spra­


chen und Kulturen des Vorderen Orients der Universität
Heidelberg. Der preisgekrönte Forscher ist Mitglied der
Heidelberger Akademie der Wissenschaften und der
Leopoldina. Maul leitet das Teilprojekt »Materialisierung
gedanklicher Ordnung. Darstellungsformen von Gelehrten­
wissen auf Tontafeln« des Sonderforschungsbereichs
»Materiale Textkulturen«. Adrian C. Heinrich ist wissen­
THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM (REF.-NR. K.2252)

schaftlicher Mitarbeiter im genannten Projekt. Er promoviert


über zweisprachige Götterhymnen aus dem 1. Jahrtausend
v. Chr.

 spektrum.de/artikel/1422026

Einer der heutzutage bekanntesten Texte, die


jemals mit Keilschrift niedergeschrieben
wurden, ist das Gilgamesch-Epos. Es berich-
tet von den Heldentaten des mythischen
Königs von Uruk und seiner Suche nach
Unsterb­lichkeit. Die Abbildung zeigt die elfte
Tafel einer Ausgabe des Epos aus der Biblio-
thek des Assurbanipal in Ninive, von denen
die letzte, hier abgebildete, von der Sintflut
erzählt.

14  Spektrum SPEZIAL


SPEZIAL  Archäologie
Archäologie Geschichte
Geschichte Kultur 3.16
Kultur 3.16
AUF EINEN BLICK TON ALS TEXTTRÄGER THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM (REF.-NR. K.2252)

1 Im ausgehenden 4. Jahrtausend v. Chr. entwickelten meso­


potamische Verwaltungsbeamte ein Zeichensystem, das
erstmals Buchhaltung und damit wirtschaftliches Planen er-
möglichte. Daraus entstand die so genannte Keilschrift,
mit der sich jeglicher Inhalt in jeder Sprache fixieren ließ.

2  er dabei verwendete Ton – an der Luft getrocknet oder in


D
Feuer gebrannt – überdauerte die Jahrtausende. Daher ist
das alte Mesopotamien die einzige Kultur, von der sich um­
fangreiche Schriftzeugnisse aus sämtlichen Lebensbereichen
erhalten haben.

3  ehr als eine Million – allerdings meist zerbrochene – Tontafeln


M
ermöglichen es, die Lebensbedingungen, die Gedankenwelt,
das Rechtswesen, die Literatur und das Gelehrtenwissen einer
längst vergessenen Zivilisation wieder erstehen zu lassen.

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 15



Im ausgehenden 4. vorchristlichen Jahrtausend geriet Eigens für König Assurbanipal hatten Palastschreiber
der blühende Stadtstaat Uruk merklich in Schwierig­ diese Beschreibung eines Heilverfahrens als Pracht­
keiten. Zwar schienen alle Voraussetzungen gegeben, ausgabe angefertigt (hier von allen Seiten abgebildet).
mehrere zehntausend Einwohner zu ernähren und darüber Die durch eine Linie abgegrenzte erste Zeile nennt
hinaus noch satte Gewinne zu erwirtschaften. Die Verwal­ als Ziel der Behandlung die Abwehr von Hass, Rechts­
tungsaufgaben für den planwirtschaftlich arbeitenden Staat verdrehung‚ Lebensabschneidung, Mundlähmung
waren aber in kurzer Zeit so angewachsen, dass man den und Wahnsinn. (Größe der Tafel: 24,5 mal 9,6 Zenti­
Überblick verlor. Die Führung des südmesopotamischen meter).
Fürstentums sah sich kaum noch in der Lage, alle Güter
gerecht zu verteilen – in einer arbeitsteiligen, städtischen
Gesellschaft eine Notwendigkeit. Unzufriedenheit, Neid,
Streit und Aufruhr waren die Folgen. Ohne ein penibles
Erfassen von Einkünften und Ausgaben, von vorhandenen
Ressourcen und anstehenden Verpflichtungen war einfach
nicht mehr auszukommen. Die Erfindung und beherzte
Einführung eines Systems von Bildzeichen ermöglichten
Lohnbuchhaltung und exakte Buchführung über Lagerbe­
stände und ließen so erstmals wirtschaftliches Planen in
größeren Zeiträumen zu. Damit begann der Siegeszug der
Schrift.
Aus Piktogrammen entstand bald ein kompliziertes
System von Wort- und Silbenzeichen, die – aus keilförmigen
Elementen zusammengesetzt – mit einem Griffel in noch
weichen, zu Tafeln geformten Ton gedrückt wurden (siehe
Spektrum Dezember 2013, S. 68 – 74). Diese älteste Schrift der
Menschheitsgeschichte hatte sich bereits im frühen 3. Jahr­
tausend v. Chr. so weit entwickelt, dass sie mehr vermochte,
als allein den Bedürfnissen der Buchhalter Genüge zu leisten.
Auch der Klang gesprochener Sprache ließ sich nun abbil­
den. Man war damit in der Lage, Texte jeder Art und in jeder
beliebigen Sprache zu notieren.

Eine neue Form der Überlieferung


Von der Mitte des 3. vorchristlichen Jahrtausends an wurde
die Keilschrift deshalb nicht allein für administrative Belange
genutzt. Herrscher bedienten sich sogleich des neuen
Mediums für propagandistische Zwecke, indem sie sich als
Bau- oder Kriegsherren in Inschriften rühmen ließen. In den
Tempeln mesopotamischer Städte schrieben Priester nun
Götterhymnen und Gebete nieder, und auch Fachleute und
Gelehrte wussten sich das neue Medium zu Nutze zu ma­
chen. Sie begannen damit, ihr zuvor rein mündlich von
Generation zu Generation weitergegebenes Wissen zusätz­
lich schriftlich festzuhalten. So gingen die im uralten Sume­
risch, im semitischen Babylonisch oder in einer der anderen
Sprachen des alten Vorderen Orients verfassten Texte in den
Strom der Überlieferung ein. Das noch junge Medium der
Schrift half den Gelehrten sicherzustellen, dass ihr reiches
Wissen nicht verloren ging. Über Zeiten und Räume hinweg
konnte nun eine stabile Weitergabe sprachlicher Gebilde
garantiert werden.
THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM (REF.-NR. K.163)

Mit dem zu Tafeln geformten Ton hatte man nicht nur ein
Material gewählt, das billig und leicht zu beschaffen war. In
Feuer gebrannt oder an der Luft getrocknet ist es auch
nahezu unzerstörbar. Diese Eigenschaft ist gerade für For­
scher von unschätzbar hohem Wert, da die tönernen Täfel­
chen anders als organische Schriftträger aus Papyrus, Leder
oder Holz selbst im feuchten Klima Mesopotamiens nicht
vergingen.

16  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Wo auch immer Archäologen im Kulturschutt des alten um die Zeitenwende in der hellenistischen Welt aufging
Zweistromlands den Spaten ansetzen, kommen daher und bis zu ihrer Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert fast
­entsprechende Fragmente ans Licht. Der Bestand altorien­ vergessen war.
talischer Keilschrifttexte wächst Jahr um Jahr immer weiter Allein bei den von 1903 bis 1914 von der Deutschen
an. In den Museen und Sammlungen der Welt stehen Wis­ Orient-Gesellschaft unter dem Archäologen Walter Andrae
senschaftlern heute wohl mehr als eine Million Tontafeln durchgeführten Ausgrabungen in Assur, der im heutigen
zur Verfügung, die sowohl das Alltagsleben Mesopotamiens Nordirak am Tigris gelegenen assyrischen Metropole, hatte
wie dessen literarische Überlieferungen immer genauer man etwa 11 000 Tontafeln und Tontafelbruchstücke sowie
dokumentieren – obgleich die altorientalische Kultur selbst mehr als 5000 sonstige beschriftete Objekte geborgen.
THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM (REF.-NR. K.163)

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 17


Einst war diese Tontafelbibliothek wohl der Stolz einer
assyrischen Gelehrtenfamilie. Doch 614 v. Chr. wütete
in Assur eine Feuersbrunst und die Tafeln wurden unter
dem Schutt des Hauses begraben. Das Foto zeigt die
Tafeln so, wie die Ausgräber sie vorfanden.

forschungsbereichs »Materiale Textkulturen« werden solche


Darstellungsformen von Gelehrtenwissen auf Ton­tafeln
untersucht. Die Ergebnisse tragen dazu bei, selbst kleinste
Bruchstücke bestimmten Textgattungen zuzuweisen und auf
diese Weise das vergessene Schrifttum Assyriens wiederer­
stehen zu lassen – ein Schrifttum, das seine heutige Bedeu­
tung nicht zuletzt daraus gewinnt, dass es sowohl die grie­
chisch-römische, als auch die jüdisch-christliche Kultur in
beachtlichem Maß beeinflusst hat.
Ein Fund aus Assur ist dabei von besonderem Interesse:
In den Überresten eines unscheinbaren Hauses aus dem
7. Jahrhundert v. Chr. entdeckten die Archäologen weit über

STEFAN M. MAUL
1000 Tafeln, die bei dem verheerenden Brand, der nach der
Einnahme der Stadt durch die Meder im Jahr 614 v. Chr.
wütete, aus Regalen auf den Boden gestürzt und dabei zer-
Neben Dokumenten der staatlichen Administration und der brochen waren. Tafelunterschriften zeigen, dass drei Gene­
Tempelverwaltung fanden sich im Schutt der Ruinen etliche rationen der in diesem Haus wohnenden Familie diese
Archive von Kaufleuten und Handwerkern. Sie enthielten Sammlung im Verlauf des 7. Jahrhunderts v. Chr. aufgebaut
einst Kaufurkunden und Quittungen, Eheverträge, Testa­ hatten.
mente, Darlehensverträge, Schuldscheine und beglaubigte Ihr Inhalt ließ Altorientalisten aufhorchen: Es war offenbar
Gerichtsurteile – ein deutlicher Beleg dafür, welch große eine Fachbibliothek jener Heiler, die für das Wohlergehen
Bedeutung die Schrift im 2. und 1. vorchristlichen Jahrtau­ des Königs verantwortlich waren, wenn dieser in der Stadt
send auch im Alltagsleben besaß! Im Haupttempel der weilte. Nicht zuletzt die Arbeit der Heidelberger Forscher
Stadt, in dem der Reichsgott Assur verehrt worden war, ermöglichte es, ihr Schrifttum zu studieren und die Band­
sowie im Königspalast und in einigen Wohnhäusern kamen breite ihrer Tätigkeiten zu erfassen. Neben umfangreichen
darüber hinaus recht umfangreiche Sammlungen von Texten Beschreibungen therapeutischer Verfahren hatten diese
literarischen Inhalts zu Tage. Heiler eine Vielzahl von Anweisungen zur Herstellung und
Diese waren freilich ebenfalls in viele tausend kleine und Verabreichung von Heilmitteln zusammengestellt. Die dabei
kleinste Scherben mit oft kaum noch entzifferbaren Passa­ besonders häufig genannten Krankheiten sind Augen- und
gen zersprungen. Man hatte zwar einen immensen Schatz Ohrenleiden, Zahnschmerzen, Aussatz, Epilepsie, Gelbsucht,
uralten Wissens entdeckt, doch um ihn zu heben, mussten Geschwülste, Haut- und Fieberkrankheiten, Wassersucht,
und müssen unter den in Museen archivierten Bruchstücken Husten und Frauenleiden. Sogar Sprachstörungen und
die jeweils zusammengehörenden ausfindig gemacht und Haarausfall wurden therapiert. Eine umfangreiche Tafelserie
wieder zu lesbaren Tafeln zusammengefügt werden. Dieser war der Behandlung von Impotenz gewidmet. Zudem gab es
langwierigen Aufgabe widmen sich Forscher an der Heidel­ übersichtlich aufgebaute, ausführliche Bestimmungsbücher
berger Universität. Bei dem Puzzle aus mehr als 11 000 Ein­ für Pflanzen und Mineralien, die neben deren Aussehen auch
zelteilen wird nicht nur jedes Fragment so weit wie möglich die jeweilige Heilwirkung auflisten – ein wahrer Schatz für
entziffert und katalogisiert, sondern zudem vermessen und die Erforschung der altorientalischen Pharmakologie.
möglichst genau beschrieben. Es stellte sich nämlich heraus,
dass der Verwendungszweck einer Tontafel bereits an Sechsstufige Ausbildung zum Heiler
äußeren Merkmalen zu erkennen ist. Beispielsweise wählten Die Heiler hatten auch dafür zu sorgen, dass die im Umfeld
die assyrischen Schreiber das Querformat für einfache des Königs praktizierten althergebrachten Riten ordnungs­
Notizen, während sie Kaufverträge stets im Hochformat gemäß durchgeführt wurden. Daher enthielt die Textsamm­
anlegten (siehe Bilder rechts). lung detaillierte Ritualanweisungen und Festbeschreibungen
Auch bei Gelehrtentexten lässt sich häufig bereits anhand sowie komplizierte Reinheits- und Badevorschriften. Sie
der Maße und des Layouts des Schriftträgers bestimmen, wurden durch Abschriften hunderter Bitt- und Sühnegebete
welchem Genre ein Text zugehörig ist. So unterscheiden sich ergänzt, die der Herrscher zu sprechen hatte. Andere Tafeln
etwa astronomische oder medizinische Texte (siehe Bild beschrieben, wie Häuser, Tempel und Paläste vor Feinden
S. 20) schon rein äußerlich deutlich von Gebetssammlungen, und Krankheitsdämonen zu schützen seien.
zweisprachigen Götterhymnen oder den typischerweise Schließlich entdeckten die Forscher Angaben darüber,
dreikolumnigen Tafeln des berühmten Gilgamesch-Epos welche Werke ein angehender Heiler im Rahmen seiner
(siehe Foto S. 14/15). Im Rahmen des Heidelberger Sonder­ sechsstufigen Ausbildung zu studieren hatte. Diesen Lehr­

18  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


plan zu absolvieren, dürfte einige Jahre gedauert haben.
Etwa zwei Drittel der genannten Werke lassen sich in der
Gelehrtenbibliothek aus Assur bisher nachweisen. Da die
einzelnen Schriftstücke oft mit Schreibervermerken – so
genannten Kolophonen – versehen sind, wissen wir, dass der
größte Teil der Sammlung von Auszubildenden angelegt
wurde. Sie begannen als »junger Gehilfe«, stiegen zum
»Gehilfen« auf, avancierten zum »assistierenden jungen
Heiler« und zum »jungen Heiler«, um das Studium als »Hei­
ler« oder gar »Heiler des Assur-Tempels« abzuschließen.
Zur Vorbereitung einer Behandlung mussten sie die
entsprechenden Anweisungen von einer Vorlage abschrei­
ben. Vermutlich dienten die meisten der persönlich signier­
ten Texte in erster Linie als Nachweis dafür, ein bestimmtes
Verfahren ordnungsgemäß studiert zu haben. Dies erklärt,

STEFAN M. MAUL (VORDERASIATISCHES MUSEUM, BERLIN, VAT 9416, RÜCKSEITE)


warum sich wichtige Texte mehrfach im Bibliotheksbestand
befanden, von immer anderen Personen geschrieben.
Aus Kolophonen wissen wir überdies, dass es in Assur
einen – leider bis heute unentdeckten – Tempel der mesopo­
tamischen Heilgöttin Gula gegeben haben muss, der eben­
falls eine Fachbibliothek besaß. Heiler suchten sie immer
dann auf, wenn sie für die Therapie eines ihnen anvertrauten
Falls weitere Informationen benötigten. Beispielsweise
verraten Tafelunterschriften, dass Anweisungen eilig von
einer Vorlage abgeschrieben wurden, die man in diesem
Tempel eingesehen hatte.
Eine Bibliothek ganz anderer Natur entstand zur gleichen
Zeit in der nicht weit von Assur entfernt gelegenen Metro­
pole Ninive. Der hochgelehrte König Assurbanipal (669 – 631
v. Chr.) hatte es sich nämlich zum Ziel gesetzt, das gesamte

Im 7. Jahrhundert v. Chr. gab es in Assyrien feste


Konventionen für die Formatierung von Tontafeln. Das
gewählte Format hing dabei von dem Inhalt des jewei-

1 cm
ligen Textes ab. Gelehrte schrieben etwa ihre Notizen
stets im Querformat (unten), während beispielsweise
Kaufverträge durchweg im Hochformat angelegt wur-
den (rechts).
STEFAN M. MAUL (VORDERASIATISCHES MUSEUM, BERLIN, VAT 8286, VORDERSEITE)
1 cm

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 19


Inhalt und äußere Gestaltung von
Gelehrtentexten auf Tontafeln waren
in äußerst nuancierter Weise aufei-
nander abgestimmt. Die Abbildung
zeigt das so genannte Astrolabium B,
ein astronomischer Traktat aus dem
12. Jahrhundert v. Chr. In einer drei-
spaltigen Tabelle wird hier für jeden
Monat des Jahres verzeichnet, in
welchem Himmelssektor sich der
heliakische Aufgang welcher Sterne
beobachten lässt.

STEFAN M. MAUL (VORDERASIATISCHES MUSEUM, BERLIN, VAT 9137, VORDERSEITE)

20  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Schrifttum der Zeit in der Hauptstadt seines Reichs zusam­ auf den sich jeder Fachmann im Dienst des Herrschers zu
menzuführen. Gelehrte und Priesterkollegien waren auf­ berufen hatte. Berichte seiner Astrologen zeigen beispiels­
gefordert, Abschriften seltener Texte in die königliche weise, dass die Autorität von Kenntnissen, die nicht der in
Residenz zu senden. Stolz, an dem bedeutenden Projekt Ninive kanonisierten Schrifttradition entstammten, geson­
teilzuhaben, hielten die Gelehrten der babylonischen Stadt dert nachgewiesen werden musste. Anhand seiner Biblio­
Borsippa ihre feierliche Zusage sogar auf einer Alabaster­ thek vermochte Assurbanipal jederzeit das von seinen
tafel fest, von der noch im 2. vorchristlichen Jahrhundert, Beratern Behauptete und Vollzogene auf Richtigkeit und
also lange nach dem Untergang des Assyrerreichs, eine Werktreue zu prüfen. Wissen, das lokale Gelehrtendynastien
Abschrift angefertigt wurde. Nach Ninive gelangten dem­ über viele Jahrhunderte erworben, weiterentwickelt und
nach zahlreiche Kopien des gesamten gelehrten Schrift­ überliefert hatten, wurde so in kurzer Zeit weit gehend unter
tums, das sich »im Besitz des Nabu« befand, des Weisheits- königliche Oberhoheit gebracht.
und Stadtgottes von Borsippa. Obgleich zu dieser Zeit Schriftträger aus vergänglichem
Auch die Gelehrten Babylons selbst waren zur Mitarbeit Material auch im Zweistromland verwendet wurden und
bereit; das an Assurbanipal gerichtete Antwortschreiben ist zunehmend an Bedeutung gewannen, bevorzugten die
ebenfalls als Abschrift erhalten. Zwölf von ihnen, die »in Gelehrten Assurbanipals weiterhin das traditionelle Medium
ihrem Kopf, wie in einer Miete aufgehäuft, die gesamte der Tontafel. Nur hierdurch blieb seine Bibliothek der Nach­
schriftliche Überlieferung« sogar auswendig beherrschten, welt erhalten. Zwar wurden die Schriftstücke bereits bald
sandten Niederschriften aller ihnen bekannten bedeutenden nach ihrer Niederschrift beim Untergang Ninives im Jahr 612
Texte. Darunter waren medizinische Traktate und Therapie­ v. Chr. im Schutt der brennenden Paläste begraben. In der
anweisungen, Handbücher von Zeichendeutern und Wahr­ Erde geschützt jedoch widerstand der Ton dem Zahn der
sagern, sumerisch-akkadische Wörterbücher, Erzählungen, Zeit. Während keine einzige Pergament- und Papyrusrolle
Mythen und Epen sowie Weisheitsliteratur und vieles andere der Bibliothek von Alexandria die Jahrtausende überdauerte,
mehr. Auch aus privaten Sammlungen, vergleichbar jener können Forscher heute nach über 2000 Jahren Assyriens
der Heiler in Assur, erreichten Tausende von Tafeln Ninive, Kultur und Wissenschaften studieren.
sei es unter Druck oder freiwillig. In den Skriptorien der Aus der Sicht der Gegenwart erscheint jener Kolophon
verschiedenen Paläste auf der Zitadelle von Ninive dienten daher keineswegs zu stolz, mit dem Assurbanipal die ein­
sie den vom König beauftragten Philologen als Vorlagen für gangs abgebildete Tafel seiner persönlichen Bibliothek
die Erstellung autoritativer Neueditionen. versehen ließ:
»Die Weisheit des Nabu, ..., soviel als nur gebildet sind,
Der König erhält seine eigene Prachtausgabe habe ich auf Tontafeln geschrieben, geprüft und mit der
Akkurat geführte Bestandslisten, die Texte nach Herkunft Vorlage verglichen und,
und Genre ordneten, zeigen, dass vor allem nach dem um sie zu studieren und zu lesen, habe ich sie inmitten
vierjährigen Bürgerkrieg zwischen Babylonien und Assyrien meines Palastes aufgestellt.
(652 – 648 v. Chr.) umfangreiche Tafelsammlungen in die Wer auf dich vertraut, wird nicht zu Grunde gehen, König
Hand Assurbanipals fielen. Es scheint sogar, dass babylo­ der Götter, Assur!
nische Gelehrte nach dem Krieg nach Ninive verschleppt Wer auch immer diese Tafel wegträgt, oder seinen Na­
worden waren, um sich in den Palastskriptorien ihr Wissen men neben meinen Namen schreibt,
und Können zu Nutze zu machen. den mögen Assur und Mullissu … zornig stürzen und
Die in den Palästen aufgebauten Tafelsammlungen waren seinen Namen, seinen Samen im Lande vernichten!« 
den Gelehrten zugänglich und durchaus dazu gedacht, dass
diese Schriftexperten von ihnen Gebrauch machten. Es
entstanden, wie Kolophone zeigen, jedoch obendrein herr­
QUELLEN
lich geschriebene Prachtausgaben, die allein dem König
zur Verfügung standen (siehe Bild S. 16/17). So stellte man Maul, S. M.: Wie die Bibliothek eines assyrischen Gelehrten wieder­
ersteht, in: Marzahn, J., Salje, B. (Hg.): Wiedererstehendes Assur.
beispielsweise eigens für ihn eine aus mehr als 136 Tafeln
100 Jahre deutsche Ausgrabungen in Assyrien, Philipp von Zabern,
bestehende Edition von »Löseritualen« zusammen. Mit Mainz 2003, S. 175 – 182
deren Hilfe sollte Unheil, das durch Vorzeichen erkannt war,
Maul, S. M.: Die Tontafelbibliothek aus dem sogenannten »Haus des
rechtzeitig abgewendet werden, bevor es Gestalt annehmen
Beschwörungspriesters«. In: Maul, S. M., Heeßel, N. P. (Hg.): Assur-­
konnte. Forschungen. Arbeiten aus der Forschungsstelle »Edition literarischer
In wenigen Jahren entstand so in Ninive eine Sammlung Keilschrifttexte aus Assur« der Heidelberger Akademie der Wissen­
mit mehreren tausend Tontafeln aller Textgattungen, die schaften, Harrassowitz, Wiesbaden 2010, S. 189 – 228
erste Universalbibliothek der Welt und – soweit wir wissen – Maul, S. M.: Die Wahrsagekunst im Alten Orient. Zeichen des Him­
auch die einzige des Alten Orients. Die nach Serien geord­ mels und der Erde, C.H.Beck, München 2013
neten Editionen religiöser, ritueller, heilkundlicher und vor
WEBLINK
allem Vorzeichen deutender Texte, welche die Schreiber
basierend auf den eingesandten Vorlagen auf Geheiß Assur­ Viele Informationen rund um Assur und die dort geborgenen
Tontafeln bietet die Website der Heidelberger Akademie der
banipals erstellten, erhielten rasch den Rang kanonischer, Wissenschaften:
das heißt in Inhalt und Form verbindlicher Werke. Diese www.haw.uni-heidelberg.de/forschung/forschungsstellen/
bildeten von nun an den königlich autorisierten Thesaurus, keilschrift/index.de.html

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 21


ÄGYPTEN
DAS GRAB DES MAGIERS
Stark zerfallen und oft kaum mehr lesbar harrt eine Grabbeigabe
gut ein Jahrhundert nach ihrer Entdeckung noch immer ihrer
systematischen Erforschung: die »Ramesseum-Papyri«. Doch eines
erscheint inzwischen sicher: Dies war eine magische Bibliothek.
 spektrum.de/artikel/1420992


Mumien und Pyramiden, kunstvolle Goldmasken und
Joachim Friedrich Quack leitet das Ägyp­ Götterstatuen, rätselhafte Wandmalereien und Tempel-
tologische Institut der Universität Heidelberg. reliefs – solche materiellen Hinterlassenschaften reprä-
Schriftquellen zu magischen Ritualen bilden
sentieren im Bewusstsein der Öffentlichkeit das antike
einen seiner Forschungsschwerpunkte.
Ägypten. Doch mag uns auch die Büste der Königin Nofre-
tete durch ihre Anmut in den Bann schlagen, ist ein anderer
weniger attraktiver Fund in ihrer Hauptstadt Amarna für
Ägyptologen weit bedeutender: das Archiv des Palasts, das
die Korrespondenz der Pharaonen mit Vasallen und anderen
Herrschern aufbewahrte. Altägypten war eine Schriftkultur
mit allen Spielarten, von der Inventarliste bis hin zu Märchen
und Mythen. Sie entwickelte sogar gleich drei verschiedene
Schriften für unterschiedliche Zwecke: die Hieroglyphen für
AUF EINEN BLICK Inschriften auf Monumenten sowie das Hieratische zu-
BÜCHER FÜR DAS JENSEITS nächst für alle Bereiche, später dann das Demotische primär
für die mehr alltäglichen Dinge. Wer das Reich der Phara-

1  nterhalb des Totentempels Ramses’ II. stießen Ägyp-


U onen verstehen will, muss die materiellen Überbleibsel im
tologen Ende des 19. Jahrhunderts auf einen Grab- Kontext der schriftlichen Überlieferung sehen. Das ist mitun-
schacht aus einer früheren Epoche. Zu den Beigaben ter ein ambitioniertes Ziel, wie die so genannten Ramesse-
gehörten auch einige stark zerfallene Handschriften. um-Papyri zeigen, die mehr als 100 Jahre kaum ein Geheim-
nis preisgaben.

2  ie »Ramesseum-Papyri« wurden auf Grund ihres


D
schlechten Zustands kaum untersucht. Nach aktuellem
Forschungsstand handelt es sich aber großenteils um
Ihren Namen verdanken sie dem im 13. Jahrhundert v.
Chr. errichteten Totentempel Ramses‘ II. am Westufer des
Nils bei Theben, denn unterhalb der zugehörigen Lagerräu-
magische Texte wie Liebes- oder Abwehrzauber.
me waren die Ägyptologen James Quibell und William
Matthew Flinders Petrie 1895 auf jenen Grabschacht gesto-
3 Im Kontext der sonstigen Funde lassen die Schriften
vermuten, dass der Beigesetzte als Magier gearbeitet
hatte. Seine Bibliothek und diverse Zauberutensilien
ßen, der die Schriftstücke enthielt. Die Bezeichnung ist
allerdings irreführend, denn die Papyri sind weit älter als das
sollten diesen Status im Jenseits dokumentieren. Ramesseum: Der Pharao des Neuen Reichs hatte seine
monumentale Tempelanlage über Gräbern des 18. Jahrhun-
derts v. Chr. errichten lassen. Sicherlich hatten dort gut

22  Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16


Eine nackte Frauengestalt mit
Löwenkopf, Schlangen in den
Händen: Diese Statue aus einem
Grab des 18. Jahrhunderts v. Chr.
diente vermutlich als Werkzeug
bei magischen Ritualen.
AKG IMAGES / WERNER FORMAN

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16 23


situierte Personen ihre letzte Ruhestätte gefunden, doch

THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM (EA10764)


zählten sie offenbar noch nicht zur Elite. Denn ihre Gräber
waren meist schmucklos, auch fehlten Inschriften, welche
damals die Bedeutung des Verstorbenen unterstreichen
sollten – und dem Forscher heute wichtige Informationen
zur Einordnung der Anlage geben könnten.
Was die Entdecker ans Licht brachten, erhielten, wie
damals üblich, Personen und Institutionen, die zur Finanzie-
rung der Grabungskampagne beigetragen hatten. Heute
befinden sich die meisten Stücke in Manchester, andere in
Cambridge, London und Philadelphia. Dazu gehören auch
allerlei kleine Objekte, die Aufschluss über den Inhaber des
Grabs geben können. Etliche davon bringen Experten mit
magischen Praktiken in Verbindung. Ein besonders spekta-
kuläres Stück ist beispielsweise eine hölzerne, nackte Frau-
engestalt mit Löwenkopf, die Schlangen in den Händen hält »Meine Brust sehnt sich nach dir, wie das Herz des
(siehe Bild S. 81). Solche Objekte wurden nach heutigem Horus nach seinem Auge« – beschrieb dieser P
­ apy-
Wissen bei Schutzritualen verwendet. Mütter und Neugebo- rus einst einen Liebeszauber? Die Analogien zwischen
rene vor Unheil zu bewahren, war der Zweck der vier »Zau- Menschen- und Götterwelt deuten darauf hin.
bermesser« (siehe Bild S. 84), die Spuren eines intensiven
Gebrauchs aufwiesen. Sie waren aus Nilpferdzähnen ge-
schnitzt und mit Ritzzeichnungen von Tieren wie Katzen und logen als Problem: Das Material war äußerst brüchig. Schon
Kröten sowie fantastischen Wesen versehen worden, darun- beim Öffnen der Kiste lagen die Rollen nur noch in Frag-
ter ein Panther mit Schlangenhals und ein Gepard mit menten vor, und der erste Eindruck war, dass diese bei
Flügeln und einem Menschenkopf auf dem Rücken. bloßer Berührung zerfallen würden.
Weitere magische Utensilien waren mit Messern bewaff- Petrie übernahm die Bearbeitung der Papyri. Er erwog
nete Schutzgottheiten, ein Elfenbeinstab mit Darstellungen zunächst, die jeweils sichtbare Fläche einer Rolle abzuzeich-
von Löwen und ein Musikinstrument – eine Klapper. Bemer- nen und danach entfernen zu lassen, so dass ihre nächste
kenswert ist auch eine bronzene Kobra, die in Resten einer Wicklung frei lag. Glücklicherweise wurde dieses Vorhaben
Haarmasse aufgefunden wurde. Möglicherweise war dies nie umgesetzt. Unbeachtet lagen die Fragmente einige
einst eine Perücke, welche die des Königs imitierte: Der Jahre lang in einem Regal des University College in London,
Pharao trug als Diadem eine Speikobra aus Gold, auf dass bis der britische Ägyptologe Percy Newberry versuchte,
diese Gift gegen seine Feinde spuckte. zwei davon aufzurollen, zur Stabilisierung auf einer mit
Bienenwachs eingeriebenen Glasfläche aufzubringen und
dann mit einer Glasscheibe abzudecken. Die Arbeiten ka-
men aber nicht recht voran, bis Petrie einen Nachwuchsfor-
Mehr Wissen auf scher zum Bearbeiter der Papyri auserkor: Alan Henderson
Gardiner, der später der wohl berühmteste Ägyptologe
Spektrum.de überhaupt werden sollte. Gardiner konnte es sich als Sohn
Unser Online-Dossier zum Thema aus reichem Haus leisten, seiner Leidenschaft für das Phara-
FRAUKE FOCKE

finden Sie unter spektrum.de/ onenreich zu frönen, ohne auf Beruf und Karriere Rücksicht
t/hochkulturen-der-menschheit nehmen zu müssen. Vor dem Ersten Weltkrieg lebte er
einige Jahre in Berlin, damals das Mekka der Ägyptologen.
Gardiner nahm Hugo Ibscher mit ins Boot, denn der Papy-
ruskonservator des Ägyptischen Museums galt weltweit als
Der aus Sicht des philologisch arbeitenden Ägyptologen der Beste seines Fachs. Ibscher war es dann, der ab 1903
wichtigste Fund aber war eine weiß verputzte Holzkiste, die Hauptmasse dieser Papyri unter Glas gebracht und für
deren Deckel laut Ausgrabungsbericht die Zeichnung eines die Wissenschaft zugänglich gemacht hat. Allerdings wurde
Schakals zierte. Das Objekt gilt inzwischen als verschollen; die letzte Handschrift erst 1937 konserviert. Auch waren
weitere Details etwa zur Körperhaltung des Tiers wurden Ibschers Methoden nach heutigen Kriterien nicht immer
nicht dokumentiert. Eine Deutung etwa im Hinblick auf den optimal. So zog er zwei Papyri auf Zelluloid auf – eine fatale
Totengott Anubis oder einen anderen Schakalgott ist daher Entscheidung. Das Material erwies sich als chemisch insta-
nicht möglich. In der Kiste befanden sich zahlreiche Binsen, bil, entzündete sich Jahrzehnte später und machte die
also das ägyptische Schreibgerät, vor allem aber die Über- Originale weitgehend unlesbar. Die meisten Fragmente zog
reste vieler Papyrusrollen, von denen die meisten im British der Konservator aber zum Glück auf Gelatinefilm auf, der
Museum in London, einige wenige auch im Ägyptischen bislang stabil blieb.
Museum in Berlin aufbewahrt werden. Dergleichen dämpfte Gardiners Enthusiasmus. Zwar
Die Schriftträger bestanden aus extrem feinem Papyrus, publizierte er in den Jahren 1908 und 1909 seine Bearbei-
doch die hohe Qualität von einst erwies sich für die Ägypto- tung einer ersten Rolle, doch trug diese zwei bereits aus

24  Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16


THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM (EA10764)

anderen Quellen bekannte Erzählungen, so dass sich feh- Isis mit zauberischen Mitteln ins Leben zurückgeholt wor-
lende Teile leicht ergänzen ließen. In den folgenden Jahr- den. Doch offenbar war diese Existenz fragil und bedurfte
zehnten holte Gardiner andere Forscher zur Unterstützung der Erneuerung. Indem der Pharao die entsprechenden
und hielt sich selbst im Hintergrund. Handlungen vollzog, stabilisierte er den Status quo und
Kurt Sethe, damals einer der führenden deutschen Ägyp- sicherte damit seinem verstorbenen Vater eine ehrenvolle
tologen, interessierte sich für religiöse Texte, insbesondere Stellung im Jenseits.
für Dialoge von Gottheiten, die Sethe als Drama bezeichne- Ein weiterer Mitstreiter, den Gardiner gewinnen konnte,
te. So etwas war auch nach heutigem Wissen eher selten; in war der junge Ägyptologe John Barns. Anhand der Faser-
Tempeldarstellungen etwa wandten sich Götter an den strukturen gelang es ihm, zusammengehörende Fragmente
Pharao, nicht an ihresgleichen. Sethe entdeckte in der von fünf Papyri auszumachen, obwohl sie bei der Vergla-
Grabbibliothek den »Dramatischen Ramesseumpapyrus«, sung nicht korrekt platziert worden waren. Die Bearbeitung
den er 1928 publizierte. Anders als die meisten Handschrif- der teilweise literarischen, teilweise medizinischen und
ten des Funds war er in Kursivhieroglyphen geschrieben, erneut magischen Inhalte brach er aber ab, als er eine
einem Zwischenstadium in der Entwicklung von den bildlich Festanstellung mit einem anderem Forschungsschwerpunkt
elaborierten Hieroglyphen zur hieratischen Schrift, das dann erhielt.
aber noch bis ins Neue Reich verwendet wurde. Zudem Im Alter von gut 75 Jahren publizierte Gardiner 1955
illustrieren einfache Skizzen eine Abfolge von Handlungen. endlich alle noch ausstehenden Handschriften in einem
Buch, mithin den größten Teil des Funds. Offenkundig wollte
Der Pharao als Stellvertreter des Horus er das seinem Mentor Petrie gegebene Versprechen noch
Sie zeigen einen Pharao bei Ritualen, die in den zugehörigen zumindest ansatzweise einlösen. Denn das Werk bot wenig
Texten auf die Götterwelt übertragen wurden. So lautet eine mehr als Fotografien mit knappen Angaben zum Inhalt der
Passage: »Es geschah, dass ein Brustlatz gebracht wurde jeweiligen Papyri und Übersetzungsproben. Leider hat sich
durch den Vorlesepriester. Das bedeutet Horus, wie er an dieser Situation bis heute nichts geändert. Einerseits ist
seinen Vater Osiris umarmt und sich an Geb mit den Worten das verständlich: Wer sich derart lückenhaften Quellen
wendet: ›Ich habe meinen Vater, der müde war, umarmt, bis widmet, wird manche Punkte nie definitiv klären können.
er wieder gesund wurde.‹ Osiris – Brustlatz. Osiris – Fran- Andererseits ist es schade, dass dadurch viele spannende
sen.« Wie Sethe richtig erkannte, arbeitete dieser Text stark Texte – zumeist magische Praktiken betreffend – nur weni-
mit lautlichen Analogien. So klang das Wort für das von gen Spezialisten bekannt sind. Im Rahmen des Sonderfor-
Ägyptologen als Brustlatz bezeichnete repräsentative Klei- schungsbereichs »Materiale Textkulturen« der Universität
dungsstück ähnlich wie das altägyptische Verb »umarmen«, Heidelberg und hier im Projekt »Materialität und Präsenz
»Fransen« erinnerte lautlich an »gesund werden«. magischer Zeichen zwischen Antike und Mittelalter« versu-
Der Papyrus enthält offenbar eine Ritualanweisung für chen Ägyptologen diesem Missstand abzuhelfen und die
den König und seine Priester. Vermittelt durch den Kult längst aufgerollten Paypri, soweit sie noch lesbar sind, zu
sollten diese in der Sphäre der Menschen ein wichtiges edieren.
mythologisches Ereignis nachvollziehen: Horus, Sohn des Besonders originell erscheint dabei ein nur schlecht
Herrschers über die Unterwelt, gibt seinem Vater Osiris neue erhaltener Papyrus (Papyrus Ramesseum XI B, 1 – 3, siehe
Kraft. Dies war erforderlich, denn der Gott war von seinem Bild oben), dessen lesbarste Passage lautet: »Mein Herz
bösen Bruder Seth ermordet und dann von seiner Gemahlin sehnt sich nach dir, meine Brust sehnt sich nach dir, wie das

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16 25


Herz des Horus nach seinem Auge, das des Seth
nach seinen Hoden, das der Hathor nach ihren Haar-
locken und das des Thot nach seiner Schulter. Siehe, mein
Herz soll gebracht werden, gebunden mit der Sehne eines
Reihers. Eine Fackel ist in meiner Rechten, eine Fackel
wurde mir in mein Herz gegeben, eine Fackel in meine
Brust, bis du zu mir kommst.«
Weil das Altägyptische in der zweiten Person (»dir«, »du«)
die Geschlechter unterschied, war dem Rezitierenden
beziehungsweise seinen Zuhörern sofort klar, dass die Aus dem Zahn eines Nil-
Anrufung einem weiblichen Wesen galt, das im Fokus eines pferds wurde dieses »Zau-

MA
Begehrens stand. Um dieses zu betonen, zitierte der Text bermesser« geschnitzt, das

NC
HE
Mythen, in denen Gottheiten bei gewalttätigen Auseinander-

ST E
mit drei weiteren Objekten

RM
US
setzungen Körperteile verloren hatten. Ihre Sehnsucht nach dieser Art im fraglichen Grab

EU
M,
TH
diesen diente hier vermutlich als Analogie für die eines zu Tage kam. Vermutlich

EU
NIV
Mannes nach einer Frau. Dann wäre der Spruch einer der diente es bei magischen

ER
SIT
YO
wenigen Liebeszauber, die aus dem pharaonischen Ägypten Ritualen dazu, Mütter und

FM
AN
CH
überliefert sind, ja sogar der älteste bekannte. Dazu passt Neugeborene mit Schutz zu

E ST
ER
auch das Bild einer Fackel im Herzen, doch bleibt diese versehen. Die Abnutzung des

( AC
C.
NO
These Spekulation, denn leider gibt das Papyrusfragment Objekts zeugt vom inten-

. 18
01)
auf Grund seines desolaten Zustands keine weiteren Infor- siven Gebrauchs.
mationen preis.
Leichter fällt die Einordnung, wenn ein Titel bereits den
Zweck verrät, wie beim »Buch zum Befreien eines Hauses arbeitet hatte; das entsprechende Verb ist allerdings nicht
von männlichen und weiblichen Totengeistern und von mehr vorhanden. Die Absicht des Zauberspruchs liegt auf
männlichen und weiblichen Schlangen« (Papyrus Rames­ der Hand: Man wollte die Götter daran erinnern, dass alles
seum IX, 2, 1 – 8). Offenbar gehört die folgende Passage Böse von Seth komme, damit sie alles täten, das betreffen-
zum Genre der Schutzzauber: »Zurück, fallt auf eure Ge- de Haus gegen jedwedes Ungemach zu verteidigen.
sichter, ihr Rebellen der Nacht und des Tages, die ihr Ver­ Thematisch ungewöhnlich ist auch ein Zauberspruch des
hüllung tragt, mit roten Leinenstoffen, Rotte jenes Bösen, Papyrus Ramesseum C verso. Er richtete sich gegen Wider-
des Sohnes der Nut, der im Leib seiner Mutter […], noch sacher und Rivalen, was zwar nicht im Titel, dafür aber am
bevor er zur Welt gekommen war! Es gab eine Wehklage Textende deutlich wird: »Das bedeutet, Feinde zu vernichten
über die Unruhe seitens des Horus, nachdem du dessen und sie zu beseitigen in jedem Gerichtshof, zu dem man
Vater Osiris tötetest. Wahrlich, ich bin gekommen, nachdem geht.« Die Methode, derer sich der rezitierende Magier
ich mich verwandelt habe in die Rolle meines Sohnes und bediente, war die Anschuldigung beziehungsweise Verleum-
Erben!« Und in einem stärker angegriffenen Bereich erkennt dung: Er unterstellte schwere Vergehen gegenüber den
man noch, dass der Sprecher sich als Horus, Sohn der Isis Göttern. Damit der Spruch universal einsetzbar war, nannte
und Erbe des Osiris darstellt. er den Beschuldigten nie mit Namen, sondern verwendete
»Sohn der Nut« war der zwielichtige Seth. Einerseits allgemeine, noch dazu auf beide Geschlechter passende
unterstützte er mit seinen magischen Kräften den Sonnen- Begriffe.
gott auf seiner gefahrvollen Fahrt durch Himmel und Unter- Als reine Rhetorik ist es wohl auch zu werten, dass
welt. Doch vor allem war er der Mörder des Osiris, was in man den Gegner in diesem Papyrus nicht als Menschen,
dieser Rezitation explizit gesagt wurde – für ägyptische sondern als regelrechten Dämon präsentierte. Das sollte von
Verhältnisse ungewöhnlich, man sprach nicht gern über vorn­herein klarstellen, wie die Götter richten müssten.
Unheil, das Göttern oder Königen widerfuhr. Der unvollstän- Zudem scheute sich der Magier nicht, das Objekt der Verflu-
dige Nebensatz nimmt wahrscheinlich auf einen Mythos chung bereits virtuell zu verstümmeln, indem er ihm mit
Bezug, dem zufolge Seth nicht normal geboren wurde, jeder Anrufung ein Körperteil absprach: »Oh jener Feind,
sondern sich brutal aus der Seite seiner Mutter herausge­ männlicher und weiblicher Totengeist, der keine Zehen hat!

26  Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16


Oh jener Feind, männlicher und weiblicher Totengeist, dies
ist gravierend, was du gegen Osiris getan hast! Du hast die
Der archäologische Befund
Meeräsche aufgespießt, als der Sonnengott herankam; du
hast Apopis sich aufrichten lassen, als der Sonnengott
allein liefert ein verzerrtes Bild,
herankam; du hast ihn zum Himmel heraufkommen lassen, das die Schriften korrigieren
zum Platz des Sonnengottes.«
Wieder appellierte der Sprecher an mythologisches
Wissen. Beispielswiese fuhr der Sonnengott in einer Barke Leider gibt es nur wenig Belege darüber, wie Magie im
über den Himmel und wurde dabei von Fischen wie der Nilstaat praktiziert wurde, so dass vieles Spekulation bleiben
Meeräsche begleitet, die ihn vor Gefahren warnten. Zu muss. So zeigen manche Wandgemälde Hirten, die wohl mit
diesen zählte vor allem der Feind aller Götter, Apopis, eine magischen Gesten Krokodile von ihren Herden fernzuhalten
gewaltige Schlange. Auf dessen Seite zu stehen, war an Ver- versuchen. Doch wenn komplexe Rezitationen und Hand-
werflichkeit kaum noch zu überbieten. Passend dazu be- lungsfolgen der schriftlichen Fixierung bedurften, geschah
schrieb der Papyrus eine Rezeptur, die während der Rezita­ dies sicherlich eher in einem Tempel oder am Königshof.
tion auszuführen war: Man solle den Kot verschiedener Wahrscheinlich hatte der Verstorbene in einem solchen
Tiere mit Samen einer bitteren Pflanze in einer Schüssel Rahmen seine Ausbildung erhalten. Insbesondere die Verflu-
verbrennen und mit Urin ablöschen, die Asche vier Tage chung eines Rivalen vor Gericht hätte wohl den Rahmen
ruhen lassen und dann ins Wasser werfen. üblicher Tempeldienstleistungen gesprengt, doch ob es im
18. Jahrhundert v. Chr. auch freiberufliche Magier gab,
»Heri-Seschta«, der Spezialist für Rituale wissen wir nicht.
Magische Schriften, deren Fundumstände von Archäologen Experten können in den Ramesseum-Papyri verschiedene
verlässlich dokumentiert wurden, sind eine absolute Rarität. Handschriften unterscheiden und zeitlich einordnen. Dem-
Mag auch der fortgeschrittene Zerfall der Rollen viele De- nach lagen zwischen der Abfassung der ältesten und der
tails offen lassen, bereichern sie unser Bild vom alten Ägyp- jüngsten bis zu 100 Jahre. Vielleicht gehörte der Grabinha-
ten in noch nicht absehbarer Weise! Erhalten sind die Pa­ ber also zu einer Ritualistendynastie und die Bibliothek war
pyri, weil sie in einem Grab deponiert waren, also einer das Werk mehrerer Generationen, möglicherweise waren
relativ trockenen Umgebung, in der organisches Material manche Handschriften schlicht zugekauft worden – auch
langsamer verrottet als im Freien oder in der feuchten Erde. das kannn abschließend nicht erwiesen werden.
Doch warum wurde dergleichen einem Verstorbenen auf die Bleibt schließlich die Frage, warum man dem Verstor-
Reise ins Land der Toten mitgegeben? Wohlgemerkt sind benen keine Bibliothek an die Seite gab, die ihm in der Art
Schriftstücke in Grabinventaren keine Seltenheit, doch der berühmten »Totenbücher« magische Hilfen für seine
selten in einem solchen Umfang, und enthalten meist jenseitige Existenz bot? Der Vergleich mit anderen Gräbern
Informationen für die Existenz im Jenseits. Die Ramesseum- der gleichen Epoche offenbart jedoch, dass jenseitsspezi-
Bücher aber nutzten ihrem Besitzer wohl nur zu Lebzeiten. fische Grabbeigaben damals wohl nicht dem Zeitgeist
Die erwähnten sonstigen Beigaben des Grabschachts entsprachen. Auch andernorts legte man größeren Wert
sind hier aufschlussreich. Auch sie stehen meist im Kontext darauf, den Toten Objekte mitzugeben, die sie zu Lebzeiten
magischer Handlungen mit einem nach heutigem Wissens- benutzt hatten. Vermutlich sollten diese für alle Ewigkeit
stand deutlichen Fokus auf dem Schutz von Frauen und anzeigen, welche Rolle eine Person in der Gesellschaft
Kindern, speziell im Umfeld der Geburt. Tatsächlich be- innegehabt hatte. Mochte der Verstorbene, über dessen
schrieben einige der Papyri Heilverfahren und magische Grabschacht Ramses II. seinen Tempel bauen ließ, auch
Schutzaktionen für dieses Klientel, jedoch wurden die aufge- nicht zu den wohlhabendsten Einwohnern Thebens gehört
fundenen Objekte – etwa die mit Messern bewaffneten haben, so beherrschte er doch zu Lebzeiten mächtige
Schutzgottheiten – in diesen Anweisungen gar nicht er- Zauber und kannte selbst die Rituale am Pharaonenhof.
wähnt. Man muss zudem bedenken, dass manche zaube- Daran sollten seine Bücher im Jenseits erinnern. 
rischen Praktiken der Antike keine spezifische Ausrüstung
erforderten. Vermutlich gehörten einige der magischen
QUELLEN
Ramesseum-Papyri in diese Kategorie. Der archäologische
Befund allein liefert also ein verzerrtes Bild der Aktivitäten Barns, J. W. B.: Five Ramesseum Papyri. Oxford University Press, 1956
des Grabinhabers, das die Schriften aber korrigieren – eine Gardiner, A. H.: The Ramesseum Papyri. Plates. Oxford University
wichtige Lehre zur Methodik. Press ,1955
In der Zusammenschau aller Informationen entpuppt sich Parkinson, R. B.: Reading Ancient Egyptian Poetry among Other
der Grabinhaber mit hoher Wahrscheinlichkeit als Ritualist, Histories. Wiley-Blackwell, Chichester, Malden 2009
das heißt als Spezialist für magische Rituale; in diesem Fall
Sethe, K.: Dramatische Texte zu altägyptischen Mysterienspielen.
hatte der Verstorbene wohl seinen Schwerpunkt im Bereich Hinrichs, Leipzig 1928
Not- und Mangelsituationen des Lebens. Die erwähnte
Zeichnung auf dem Deckel der Kiste, in der sich die Biblio- WEBLINK
thek befand, erinnert möglicherweise ebenfalls daran: Ein Die Ramesseum-Papyri im Netz:
liegender Schakal wäre auch die Hieroglyphe für »Heri- www.britishmuseum.org/research/publications/
Seschta«, das altägyptische Wort für einen Ritualisten. online_research_catalogues/rp/the_ramesseum_papyri.aspx

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16 27


FANNY OPDENHOFF
POMPEJI
Antike Graffiti im Theaterkorridor in
Pompeji, mit einem Nagel oder
einen ähnlichen Gegenstand in den
roten Putz geritzt.

GRAFFITI –
»SOCIAL NETWORK«
IN DER ANTIKE
Historiker und Archäologen rekonstruieren anhand von
Graffiti soziale Netzwerke im antiken Pompeji. Die
­geritzten Schriftzüge und Zeichnungen bieten Einblicke
in das Leben von Bevölkerungsgruppen, das uns
­ansonsten verborgen bliebe.
 spektrum.de/artikel/1422028

28  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


AUF EINEN BLICK
VERBINDENDE MAUERN

1  eute gelten Graffiti eher als anonyme Schmierereien,


H
in der Antike aber waren in Mauerputz geritzte Texte
FANNY OPDENHOFF

und Bilder ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen


Kommunikation und sozialen Beziehungspflege.

Die Archäologin Fanny Opdenhoff erforschte


2  ine Kartierung der Graffiti in Pompeji zeigt daher
E
eine auffällige Häufung in den Eingangsbereichen von
Häusern, Lokalen oder öffentlichen Gebäuden.
bis 2015 die Graffiti in Pompeji und Hercula­

3
neum im Teilprojekt »Beschriebenes und  in großer Teil der Bevölkerung konnte als Leser und
E
Geschriebenes im städtischen Raum der
Schreiber an dieser gesellschaftlichen Praxis teilneh­
griechisch-­römischen Antike und des Mittel­
men. Damit boten Graffiti die Möglichkeit, sich öffent­
alters« des Heidelberger Sonderforschungs­
bereichs »Materiale Textkulturen«. Seit 2016 lich selbst darzustellen und Beziehungen zu pflegen.
ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an
der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.


»Aemilius grüßt seinen Bruder Fortunatus«, lateinisch werden mit Farbdosen aufgesprüht, mit Filzstiften geschrie­
»Aemilius Fortunato fratri salutem« – vergleichbare ben oder mit etwas Scharfkantigem eingeritzt. Mitunter
Botschaften kennen wir von Bushaltestellen und aus spielen Provokation und das Übertreten von Verboten eine
Unterführungen. Sie springen jedermann ins Auge, obwohl Rolle, dann wieder die Herausforderung, Flächen in luftiger
sie für eine bestimmte Person gedacht sind. Dieses Phäno­ Höhe zu besprühen. Manche Akteure lassen einfach Frust
men gab es in der Antike ebenso wie heute. Indem sie auf ab, andere gehören einer Szene an, in der sie sozialen Halt
Wände schrieben, drückten Menschen wie der Pompejaner finden. Allen gemeinsam ist, dass ein erheblicher Teil der
Aemilius ihre Gefühle aus, gaben Kommentare zu aktuellen Bevölkerung ihr Tun als ärgerlichen Verstoß gegen die Norm
Ereignissen, prahlten mit ihren Taten und pflegten freund­ empfindet.
schaftliche Beziehungen. In der Antike hingegen waren Graffiti nach heutiger
Graffiti sind heutzutage mal großformatige, bunte Schrift­ Kenntnis gesellschaftlich weitgehend akzeptierte und im
züge auf Fassaden, mal kleine Sprüche und Zeichnungen auf Alltag gebräuchliche Formen der Kommunikation. Das
schlecht einsehbaren Wänden etwa in öffentlichen Toiletten. dokumentiert exemplarisch ihre Allgegenwart in Pompeji
Es gibt kunstvolle ebenso wie obszöne Graffiti, klare Bot­ und Herculaneum, den beim Vesuvausbruch von 79 n. Chr.
schaften und nur Eingeweihten verständliche Zeichen. Sie verschütteten Städten am Golf von Neapel. Archäologen

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 29


haben dort seit Beginn der Ausgrabungen im 18. Jahrhun­ wenige Millimeter bis Zentimeter hoch und damit gerade
dert mehr als 6000 Graffiti entdeckt und dokumentiert. Doch noch zu erkennen – offenbar sollten sie nicht derart ins Auge
bis in die jüngste Zeit nutzten Forscher sie lediglich als stechen wie heutzutage. Die Schriftart war zum einen die
Quellen beispielsweise über die antike Prostitution oder zur Capitalis monumentalis der offiziellen Inschriften. Sie war
Frage, welchen Wert bestimmte in Wandschriften genannte gut zu lesen, wegen der vielen Rundungen aber schwierig in
Münzen im 1. Jahrhundert besaßen (siehe Spektrum Spezial harten Putz zu kerben. Deshalb fand auch die Kursivschrift
Archäologie Geschichte Kultur 2/2016, S. 16). Der Akt des Verwendung, die im Alltag für Rechnungen, Verträge, Briefe
Schreibens selbst und seine Verortung im Raum sind erst und andere längere Texte gebräuchlich war.
seit Kurzem in den Fokus gerückt. Heidelberger Forscher Antike Autoren berichteten zwar, dass die Einwohner
übertragen diesen Ansatz auf den gesamten öffentlichen Roms ihren Unmut gegen Kaiser Nero durch höhnische
Raum Pompejis. Hinzu kommen Fragen zu den eingesetzten Graffiti zum Ausdruck brachten. Das Gros der Wandschriften
Materialien und zur Wechsel­wirkung der Texte mit ihrem im Römischen Reich hatte aber keinen subversiven Inhalt,
Umfeld. Zum Projekt gehört auch eine Kartierung mit einem und nur gelegentlich waren sie obszön oder beleidigend. Viel
geografischen Informationssystem, um so die Verteilung der häufiger enthielten sie Namen und Grüße. Hinzu kamen
Inschriften beispielsweise mit Geschäften, Laufbrunnen oder Datumsangaben, Listen, Zitate und auch Zeichnungen. Man
Straßenheiligtümern in Beziehung zu setzen. musste keinem exklusiven Kreis angehören oder geheime
Abkürzungen kennen, um dergleichen zu verstehen. Viel­
Die Zimmerwand als Gästebuch mehr berührten die Schreiber alltägliche Themen, die auch
Die meterdicke Schicht aus Asche und Bims bewahrte nicht im mündlichen Diskurs der Zeit eine Rolle spielten.
allein Graffiti auf Häuserwänden und Monumenten vor dem Sieht man einmal von Latrinen in Privathäusern ab,
Verfall, sondern auch solche innerhalb privater Häuser. Wie wurden Graffiti meist an belebten Stellen angebracht, wo
die amerikanische Althistorikerin Rebecca Benefiel von der gute Lichtverhältnisse herrschten, im öffentlichen Raum wie
Washington and Lee University in Virginia an ausgewählten in Privathäusern. Dies und die häufige Nennung von Klar­
Gebäuden zeigte, pflegten Gäste und Bewohner sich in den namen deuten ebenfalls darauf hin, dass dieses Verhalten,
Räumen gleichermaßen zu verewigen, üblicherweise mit wenn nicht explizit erlaubt, so doch zumeist geduldet war.
freundlichen Botschaften. Heute würde ein solches Verhalten Natürlich sind inzwischen viele Schriftzüge verloren und
gegen die guten Sitten verstoßen, die Einstellung zu Graffiti die ursprünglichen Kontexte der erhaltenen Exemplare oft
muss in der Antike also eine ganz andere gewesen sein. nicht mehr zu rekonstruieren. Somit bleiben einige Fragen
Die Texte wurden nicht in bunten Farben aufgemalt, offen; die Graffitikartierung wird lückenhaft bleiben. Es zeigt
sondern meist mit einem spitzem Gegenstand in den Putz sich jedoch bereits, dass sie nahezu überall angebracht
geritzt, der die gemauerten Wände verkleidete. »Graffiti« werden konnten, einige Stellen aber wohl bevorzugt wurden.
leitet sich vom italienischen Verb »graffiare« ab: ritzen So kam der eingangs zitierte Gruß des Aemilius an einer
beziehungsweise kratzen. Die Buchstaben sind oft nur offenbar typischen Stelle zum Vorschein: neben dem Ein­

Auch professionelle Graffiti


REKONSTRUKTIONSZEICHNUNG AUS SPINAZZOLA, V.: POMPEI ALLA LUCE DEGLI SCAVI NUOVI DI VIA DELL‘ABBONDANZA. (ANNI 1910-1923) VOL. III, ROM 1953, TAF. IX

gehörten zum Alltag. Eine


Fassade an der Straße vom
Stadttor zum Forum war
damit bedeckt. Vermutlich
gehörte das Haus einem
Aulus Trebius Valens, der
sich selbst für das Amt des
Ädilen empfahl. Andere
Aufschriften kündigen Spiele
an: Valens vermietete die
Fassade offenbar als Werbe­
wand. Die Zeichnung zeigt
die bei der Ausgrabung 1915
noch erhaltenen Graffiti.

30  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Aemilius

IX Munatius

8 Sucessus
Vestitus
Carustius

Ianuarius

Secundus
Himeros
Sporos
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK, NACH: FANNY OPDENHOFF

Sucessus
Crocine + Ismarus
Name
Gruß
Camurius Gedicht
Datum
Zahl

IX xy war hier

10
Wahlwerbung
unbestimmbar

gang eines kleinen Hauses. Obwohl die Fassadenabschnitte In einer Straße Pompejis fanden sich über 70 Wand­
zwischen den einzelnen Zugängen oft sehr lang waren und inschriften, in denen zwölf Personen namentlich ge-
die Wandflächen viel Platz zum Schreiben oder Zeichnen nannt wurden. Anhand solcher Graffiti entschlüsseln
geboten hätten, häufen sich die Texte in der unmittelbaren Archäologen das soziale Gefüge der römischen Stadt.
Nähe der Türen. Dieses Muster legt eine gezielte Platzierung
nahe. Mochten die Botschaften auch für jeden Passanten
sichtbar gewesen sein: Aemilius wollte natürlich, dass vor heiten bequem darauf, zum Hausherrn vorgelassen zu
allem Fortunatus seinen Gruß las. Dieser musste deshalb werden und eine Bitte zu äußern. Dementsprechend viele
nicht zwangsläufig in dem betreffenden Gebäude gewohnt Graffiti entdeckten Archäologen an solchen Orten. Auch
haben, aber Aemilius war sich fraglos sicher, dass er dort Läden und Imbisslokale hatten eine hohe Ritzschriftendich­
vorbeikommen würde. te. Es fanden sich viele Schriftzüge in der Basilica, einem
hallenartigen Mehrzweckbau am Forum, in dem täglich
Der Hauseingang als Ort für »Postings« Geschäftsleute, Magistrate und Stadtbewohner ein und aus
Generell konnten die Bewohner eines Hauses – gleichgültig gingen. Gleiches gilt für die Palaestra, einen großen säulen­
ob Familienangehöriger, Bediensteter oder Sklave – Graffiti­ umstandenen Bezirk neben dem Amphitheater, wo neben
schreiber wie auch Adressaten der Nachrichten gewesen sportlicher Betätigung auch zahlreiche andere Aktivitäten
sein. Vielleicht gehörten sie auch einem größeren Personen­ stattfanden.
kreis an, der an der Wand neben der jeweiligen Tür in Aus­ Die weite Verbreitung schriftlicher Botschaften scheint
tausch trat. Graffiti waren Teil von sozialen Praktiken, die auf der gängigen These zu widersprechen, Lesen und Schreiben
direkten Kontakten beruhten, sie richteten sich an einen seien in der römischen Antike einer wohlhabenden Ober­
dem Schreiber bekannten Adressatenkreis. Es finden sich schicht vorbehalten gewesen. Manche Forscher nehmen an,
jedoch auch Schriftzüge, die Werbeanzeigen ähneln und dass nur etwa 15 Prozent der Pompejaner Schriftkenntnisse
zum Beispiel Preise in einer Schänke nennen, andere enthal­ besaßen. Das zeigt sich auch an Dokumenten oder Briefen,
ten Wahlparolen (siehe Bild links). die bisweilen ein professioneller Schreiber im Namen einer
Die recht schlechte Sichtbarkeit ist ein weiteres Argu­ anderen Person verfasst hatte. Graffiti obszönen oder belei­
ment dafür, dass sie sich vor allem an Freunde und Bekannte digenden Inhalts wurden mitunter als Beweis dafür ange­
wandten: Mit dünnen Linien und oft sehr kleinen Buchsta­ führt, dass auch Angehörige niedriger Schichten in ge­
ben in den Putz geritzt, waren die Inschriften nur aus der wissem Maß alphabetisiert waren. Doch dieses Argument
Nähe überhaupt zu erkennen. Wer nicht von dem bestimm­ beruht letztendlich auf der unzulässigen Vermutung, eine
ten Hauseingang wusste, wäre kaum auf die Idee gekom­ derbe Sprache sei Wohlhabenden fremd gewesen. Immerhin
men, dort nach Texten zu suchen. belegen Graffiti dieser Art, dass die Fähigkeit, an schrift­
Römisches Leben fand zu einem großen Teil im Freien licher Kommunikation teilzunehmen, in praktisch allen
statt, und Straßen bildeten Kontaktzonen. Werkstätten und sozialen Feldern von Bedeutung war. Nicht selten kommen
Läden waren direkt dorthin geöffnet. In den Eingangsbe­ zudem für Sklaven typische Namen vor; gelegentlich be­
reichen der Oberschichthäuser wartete man auf Sitzgelegen­ zeichnete sich ein Schreiber selbst als »servus«, also Sklave.

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 31


Dies deutet ebenfalls darauf hin, dass Angehörige aller

FANNY OPDENHOFF
Schichten zumindest Grundkenntnisse des Schriftgebrauchs
erwerben konnten. Letztendlich muss diese Frage jedoch
offen bleiben.
Wenn Aemilius seinen Bruder Fortunatus grüßte, war das
nicht nur für die beiden interessant. Auch unbeteiligte Pas­
santen oder Besucher konnten Einblick in ihr persönliches
Verhältnis erhalten. Beziehungen spielten darüber hinaus in
der lokalen Politik eine große Rolle: Zahlreiche Wandinschrif­
ten belegen, dass Privatpersonen, Frauen wie Männer, und
außerdem ganze Berufsgruppen Kandidaten unterstützten,
die sich um städtische Ämter bewarben. Die Namen der Un-
terstützer wurden dabei genannt, damit jeder sehen konnte,
welch gute Verbindungen der Betreffende zu seinem Lokal­
politiker pflegte. Man hoffte, dass die Parteinahme sich
ebenso auszahlen und das eigene Ansehen steigern würde.
Diese Praxis wird bereits seit den 1970er Jahren erforscht,
jüngst von der Archäologin Eeva-Maria Viitanen und der
Althisto­rikerin Laura Nissin, beide an der Universität Helsin­
ki, die zeigen konnten, dass wohlhabende Anwohner eine Auch das erblickten Pompejis Bürger im Putz der
wichtige Rolle bei der Anbringung von Wahlempfehlungen Häuser (hier die Casa del Cei): Porträts, die heute wie
spielten. Karikaturen wirken, wurden im Profil eingeritzt.
Gerade die Graffiti zeigen aber, dass nicht nur die Bezie­
hungen zur Oberschicht wichtig waren. Auch die Zugehörig­
keit zu einer sozialen Gruppe sowie die eigene gesellschaft­ genannt. Wie aus der Inschrift »Aemilius Celer hic habitat«
liche Stellung wurden öffentlich bekräftigt und für alle (»hier wohnt Aemilius Celer«) hervorgeht, wohnte er in
sichtbar. Die in den Schriftzügen genannten Personen sind einem der angrenzenden Häuser. Die anderen Texte nannten
nur selten anders im archäologischen Befund zu fassen, da weitere Personen, die entweder gegrüßt wurden oder selbst
sie nicht als Staatsbeamte oder als Stifter großer Bauwerke grüßten. Ohne Zweifel war dieser Aemilius für das soziale
in Erscheinung treten konnten. Stattdessen waren es meist Gefüge dieser Nachbarschaft besonders wichtig. Sein Haus
Sklaven, Ladenbesitzer, Prostituierte, Bäcker, Tuchwalker, und dessen Umgebung waren Plätze, an denen man sich
Töpfer oder Theaterbesucher. Man errichtete ihnen keine traf. Die zahlreichen anderen Namen illustrieren, dass
Ehrenmonumente oder dokumentierte ihre Taten in schrift­ mehrere Schreiber und Leser am Werk waren, die den Ort
lichen Berichten. In den Gesellschaften römischer Städte bot und die anderen Beteiligten kannten.
sich dem Großteil der Bevölkerung vor allem eine Möglich­ Auch diese Beispiele zeugen also von vielen Akteuren,
keit der öffentlichen Selbstdarstellung: ihre Grabmäler welche die Texte schrieben und lasen. Eine Besonderheit der
außerhalb der Stadtmauern, auf denen Inschriften, Skulp­ Graffiti im öffentlichen Raum besteht damals wie heute
turen oder Reliefs an den Verstorbenen erinnerten. Zu Leb- darin, dass nahezu jeder Zugang zu ihnen hatte und sich
zeiten jedoch standen nur wenigen andere Optionen zur aktiv beteiligen konnte. Dass das Schreiben und Lesen
Verfügung, öffentliche Inschriften und Ehren zu erhalten. solcher Wandinschriften im Rahmen etablierter persönlicher
Graffiti dagegen mussten weder in Auftrag gegeben noch Beziehungen wie Freundschaften, Konkurrenzsituationen
autorisiert werden. Jeder, der gerade einen harten, spitzen oder Abhängigkeiten stattfand, spiegelt sich deutlich in der
Gegenstand zur Hand hatte, konnte seinen Namen oder Konzentration in bestimmten Bereichen des Stadtgebiets –
einen Spruch auf eine Wand schreiben, grundlegende sie wurden offenbar immer wieder aufgesucht und um
Schriftkenntnis vorausgesetzt. weitere Schriftzüge ergänzt. Für Fortunatus war es daher
wohl nicht überraschend, von seinem Bruder gegrüßt zu
Immer wieder Aemilius werden. Jener Aemilius aber hatte mit Sicherheit auch an
Es ging dabei offenbar nicht unbedingt darum, dass tatsäch­ diverse weitere Leser gedacht, als er seinen Schriftzug an
lich ein Dialog entstand. Dies zeigt sich, wenn man die die Hauswand kritzelte. 
Inhalte der Graffiti innerhalb eines begrenzten räumlichen
Umfelds untersucht. In einer Straße im Nordosten der Stadt
wurden etwa 70 Schriftzüge gefunden (siehe Grafik S. 31). QUELLEN
Mehr als 30 davon enthalten Namen und Grüße. Darunter Benefiel, R.: Dialogues of Graffiti in the House of the Four Styles at
kommen zwölf verschiedene Namen vor, am häufigsten ein Pompeii (Casa Dei Quattro Stili, I.8.17, 11). In: Baird, J. A., Taylor, C.
Aemilius, der jedoch nicht mit dem aus der eingangs zitier­ (Hg.): Ancient Graffiti in Context. Routledge, London 2011, S. 20 – 48
ten Inschrift identisch sein muss. Interessant ist dabei, dass Baird, J. A., Taylor, C. (Hg.): Ancient Graffiti in Context. Routledge,
sich die Grüße niemals direkt aufeinander bezogen. Aemilius London 2011
wurde zwar mehrmals gegrüßt, erwiderte dies aber nicht Langner, M.: Antike Graffitizeichnungen. Motive, Gestaltung und
direkt. Sein Name wurde zudem mehrfach ohne Zusätze Bedeutung. Reichert, Wiesbaden 2001

32  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


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Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 33
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Hunderte antike Schriftrollen lagen fast 2000 Jahre lang in Höhlen
nahe des Toten Meeres verborgen. Die meisten davon waren
stark ­zerfallen, sind inzwischen aber rekonstruiert und veröffentlicht.
Doch wie dieses einmalige Archiv entstand und welchen Bezug
es zu der judäischen Siedlung Khirbet Qumran hatte, stellt immer
noch ein Rätsel dar.

Die promovierte Theologin Friederike Schücking-Jungblut ist Akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl für
Alttestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg. Sie leitet seit 2015 das Projekt »Zwischen Literatur und
Liturgie – Pragmatik und Rezeptionspraxis poetischer / liturgischer Schriften der judäischen Wüste« des Sonder­
forschungsbereichs »Materiale Textkulturen«.

 spektrum.de/artikel/1420991

AKG IMAGES / ALBATROSS / DUBY TAL

34  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


AKG IMAGES / BIBLE LAND PICTURES / Z. RADOVAN / WWW.BIBLELANDPICTURES.COM

Unweit des Toten Meeres liegen die Ruinen von Khirbet Qumran
am Fuß des judäischen Berglands. In elf Höhlen wie der oben abge-
bildeten kamen hunderte Schriftrollen ans Licht.
AKG IMAGES / ALBATROSS / DUBY TAL

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 35



Über eine karge Wüstenlandschaft fällt das judäische
Bergland zum Toten Meer hin ab. In dieser unwirtlichen
Gegend wurde Mitte des 20. Jahrhunderts ein für die
Wissenschaft grandioser Schatz gehoben: Nahe dem anti-
ken Ort Khirbet Qumran kamen in elf Höhlen Fragmente von
gut 900 Schriftrollen aus der Zeit zwischen dem 3. Jahrhun-
dert v. Chr. und dem 1. Jahrhundert n. Chr. zu Tage. Ähn-
liche Funde, jedoch in weit geringerem Umfang, machten
Archäologen in der Folgezeit auch an anderen Orten in der
Nähe des Toten Meers. Der Großteil der Texte ist auf Hebrä-
isch verfasst, manche auf Aramäisch und ein paar wenige
auf Griechisch. Etwa 230 von ihnen sind auch aus dem
Alten Testament bekannt, jedoch mehrere hundert Jahre
älter als die ältesten zuvor bekannten Kopien. Das erlaubt

AKG IMAGES / IAM


Forschern einen einzigartigen Einblick in die Entstehung und
die frühe Geschichte der Bibel.
Vor dieser Entdeckung war zum Beispiel unklar, warum
die hebräische Fassung vor allem der Bücher Samuel und Nur wenige Schriftrollen waren so gut erhalten wie
des Buchs Jeremia so stark von der Septuaginta, der anti- diese 1952 gefundene kupferne. Der über­wiegende Teil
ken griechischen Bibelübersetzung, abweicht. Die Qumran- stellt Restauratoren und Forscher noch heute vor eine
Funde zeigen, dass dies nicht den Übersetzern anzulasten Herausforderung: Statt zwei großer Teile mussten und
ist. Einigen Fragmenten zufolge gab es in hellenistischer müssen Tausende von Fragmenten konserviert und
und römischer Zeit mindestens zwei verschiedene hebrä- einander zugeordnet werden – wie rechts im Bild im
ische Versionen dieser Bücher. Die eine diente dann als Dead Sea Scrolls Laboratory in Jerusalem.
Vorlage für die griechische Übersetzung, die andere ging in
die hebräische Bibel der so genannten masoretischen
Tradition ein (siehe den Beitrag S. 72). wenige Ausnahmen waren die Rollen zu Zehntausenden von
Die Schriftrollen bestanden meist aus Leder, also auf Schnipseln zerfallen – für die beteiligten internationalen
einer Seite – im Unterschied zum Pergament – beschreib- Forscher ein herausforderndes Puzzle. Seit 2002 sind alle
barer Tierhaut, überwiegend von Ziegen oder Schafen; Texte öffentlich zugänglich, einige mittlerweile auch über
seltener fand Papyrus Verwendung, in einem Fall auch das Internet.
Kupfer. Bis in die 1990er Jahre war erst ein kleiner Teil ediert Für die historische Einordnung der Funde ist auch Khirbet
worden, also lesbar gemacht und für die Forschung veröf- Qumran wichtig. Die Ausgräber deuteten diese antike
fentlicht, was sogar Verschwörungstheorien aufkommen Siedlung lange als Rückzugsort einer jüdischen Gemein-
ließ: Der Vatikan behindere die Wissenschaftler, da etliche schaft, die aus Glaubensgründen die Abgeschiedenheit der
Manuskripte dem biblischen Kanon widersprächen. Tat­ unwirtlichen Region gesucht hätte. Vor allem die in den
sächlich war der Grund weit weniger aufregend: Bis auf zuerst gefundenen Manuskripten immer wieder betonte
rituelle Reinheit schien gut dazu zu passen: Etliche in den
Fels geschlagene oder gemauerte Becken identifizierten die
Archäologen als Mikwen, also als Tauchbäder für kultische
AUF EINEN BLICK Waschungen, um einen Zustand spiritueller Unversehrtheit
DORF DER SCHREIBER zu erreichen. Schriftrollen und Mikwen erschienen wie zwei
Seiten derselben Medaille.
Schnell wurde die in Qumran ansässige Gemeinschaft
1  itte des 20. Jahrhunderts wurden in Höhlen nahe
M
dem Toten Meer und nahe der antiken Siedlung Khirbet
Qumran mehr als 900 Schriftrollen gefunden, die
mit den Essenern gleichgesetzt. Über diese jüdische Gruppe
hatten der Theologe Philo von Alexandria (etwa 10 v. Chr. –
­zwischen dem 3. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Jahr- 45 n. Chr.) und der Historiker Flavius Josephus (etwa 37 –
hundert n. Chr. entstanden. 100 n. Chr.) berichtet, beide selbst Juden, sowie der römi­
sche Historiker Plinius der Ältere (23/24 – 79 n. Chr.). Letz­

2  ie meisten Texte behandeln religiöse Themen, weshalb


D
die Höhlen lange als Archiv der Essener galten, einer für
diese Region durch antike Autoren bezeugten jüdischen
terer verortete die Essener westlich des Toten Meers –
also in die Region von Khirbet Qumran. Alles passte zu­
sammen: Diese Gruppe hatte sich vom offiziellen Judentum,
Gemeinschaft. wie es die Priesterschaft des Jerusalemer Tempels vorgab,
den Quellen nach abgrenzen wollen. Die abgeschiedene
3  eue Auswertungen der Grabungsbefunde widerspre-
N
chen dieser Deutung jedoch. In jedem Fall scheint die
Siedlung um Christi Geburt ein Ort gewesen zu sein, an
Lage des Wüstenorts kam dem offenbar entgegen. Auch
wie die eigenen Leute in den Qumran-Texten bezeichnet
dem professionelle Schreiber ihre Dienste anboten. wurden, schien zu den Essenern zu passen: Die »Söhne des
Lichts« sollten sich von den »Söhnen der Finsternis« fern­
halten.

36  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


GETTY IMAGES / AFP / GALI TIBBON
Doch viele Details widersprechen nach heutigem Wissen im Alten Testament aufgeführten Psalmen tauchen auch in
der Hypothese. So brachten Archäologen auf dem Friedhof den Qumran-Fragmenten auf, dazu eine Vielzahl vergleich-
der Siedlung Frauen- und Kinderleichen ans Licht, die Esse- barer, aber nichtbiblischer Texte für das tägliche Gebet und
ner aber lebten im Zölibat. Auch wissen Geoarchäologen für das an Sabbat- und Festtagen, mitunter beides auf
und Archäobotaniker inzwischen, dass die Umgebung des denselben Artefakten.
Toten Meers in der Antike ein fruchtbarer Landstrich gewe- Die meisten Manuskripte hatten mit maximal 15 Zentime-
sen ist, in dem Bauern ihre Felder bestellten. Funde tausen- ter Höhe und abgerollt weniger als zwei Meter Breite ein
der Dattelkerne, importierter Keramiken und zahlreicher vergleichsweise handliches Format. Damit eigneten sie sich
Münzen zeigen dementsprechend: Khirbet Qumran war in gut sowohl für den gemeinschaftlich kultischen wie für den
der Landwirtschaft erfolgreich und Teil eines regionalen individuell meditativen Gebrauch. Einige waren so gestaltet,
Handelsnetzes, jedoch keine weltabgeschiedene Klosteran- dass sich sprachliche Strukturen beim Lesen leicht erfassen
lage. Daher vermeiden Forscher es inzwischen, die Bewoh- ließen, indem beispielsweise ein wiederkehrender Refrain
ner mit irgendeiner in anderen antiken Quellen erwähnten im Schriftbild abgesetzt wurde. Auch die Orthografie sollte
Gruppe zu identifizieren. Stattdessen verwenden sie den häufig die Leser unterstützen, etwa durch Einfügen ansons­
Eigennamen, der in den Manuskripten auftaucht: »Jachad«, ten unnötiger Buchstaben in den reinen Konsonantentext,
hebräisch für »Einung« oder »Gemeinschaft«. die einen Hinweis auf die Aussprache gaben. Alle diese
Maßnahmen zeigen, dass die Rollen zum lauten Vorlesen
Ein Leben voller Gebete gedacht waren. Ebenso wie die Vielfalt liturgisch-poetischer
Unstrittig ist gleichwohl die große Rolle der Religion und Texte belegt also auch deren materiale und formale Gestal-
entsprechender Schriften im Leben dieser Menschen. tung eine rege schriftbasierte Frömmigkeits­praxis innerhalb
Schriftlich fixierte Regeln erlauben Rückschlüsse auf die des Jachad.
kultischen Praktiken des Jachad, so etwa zu einem jähr- Das legt die Frage nahe, ob die Rollen vielleicht sogar vor
lichen Fest der Bundeserneuerung, bei dem die Mitglieder Ort angefertigt wurden. Nach einer vor allem in den 1990er
sich an ihren Eintritt in die Gruppe erinnerten und ihre Jahren verbreiteten These des Göttinger Theologen Hartmut
Bindung an sie beschworen. Daneben fanden sich eine Stegemann (1933 – 2005) waren ihre Herstellung und das Ko-
Vielzahl von poetischen und liturgischen Texten, aus denen pieren von Schriften sogar die wesentliche Funktion der
man schließen kann, dass das tägliche Leben der Gemein- Siedlung. So mögen einige der zuvor als Mikwen gedeu-
schaft von Gebeten begleitet war: Mehr als 80 Prozent der teten Wasserbecken für das Gerben des benötigten Leders

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 37


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LAND PICTURES / WWW
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verwendet worden sein. Außerdem könnten zwei Räume »An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten,
der Anlage als Skriptorium beziehungsweise Bibliothek wenn wir an Zion dachten.« So beginnt Psalm 137.
gedient haben. Doch stellen Studien der letzten 15 Jahre Der im 20. Jahrhundert häufig vertonte Hymnus ist
auch diese These in Frage. Insbesondere verwundert, dass auch auf der so genannten Psalmenrolle zu finden.
in der Siedlung selbst keinerlei Rollenreste zu Tage kamen
und dass die Texte der Schriftrollen den Ort mit keinem Wort
erwähnen. Gehörten sie also wirklich zusammen? Qumran beherbergte um Christi Geburt wohl eine Schreib-
Tatsächlich gibt es weiterhin gute Anhaltspunkte dafür, stube, in der ausgebildete Arbeitskräfte religiöse Bücher für
etwa der schlichte Umstand, dass gut die Hälfte der »Ar- den kultischen Gebrauch des Jachad anfertigten.
chivhöhlen« in unmittelbarer Nähe, wenn nicht sogar im Ein für uns heutzutage wichtiger Aspekt ist der des
Umfriedungsbereich Khirbet Qumrans lagen. Fremde hätten Wissensspeichers. Die erhaltenen Fragmente und Schrift­
also nichts ohne Wissen und Billigung der Einwohner darin rollen haben über fast zwei Jahrtausende hinweg Wissen
deponieren können. Des Weiteren sprechen diverse Klein- über das soziale und vor allem das religiöse Leben im
funde aus der Siedlung für Schreibaktivitäten: ein paar hellenis­tischen und römischen Palästina bewahrt. Doch lag
Tintenfässer, einige beschriftete Tonscherben, so genannte dies in der Absicht der Menschen? Dienten die Höhlen von
Ostraka, eine davon mit einer Alphabetübung. Andererseits Anfang an als Archiv oder wurden sie dazu erst im Zuge der
fand man auch Schreibübungen in einer der Höhlen. Der- politischen Wirren eingerichtet, um heilige Texte vor dem
gleichen war sicherlich nicht wertvoll genug, um es von Zugriff durch die römische Besatzungsmacht zu bewahren?
einem anderen Ort dorthin zu bringen. Schließlich bestätigte Und weiter: Lag deren Auswahl ein Plan zu Grunde oder
bei einer besonders gut erhaltenen Rolle die chemische erfolgte sie eher zufällig?
Analyse der verwendeten Tinte, dass sie mit Wasser aus
dem Toten Meer angerührt worden war – dieses hat einen Qumran brauchte keine Luxusausgaben
außergewöhnlich hohen Bromgehalt. Nach heutigem Kennt- Hier hilft der Blick zu anderen zeitgleichen Schriftdepots in
nisstand gab es aber kein anderes Dorf an dessen Ufern, in der judäischen Wüste. Nicht nur sind diese wesentlich
dem Schreiber lebten. kleiner. Sofern ihre Fragmente Rekonstruktionen erlauben,
Einige Manuskripte haben ein so ähnliches Schriftbild, umfassten sie ausschließlich großformatige Luxusausgaben,
dass sie wohl von ein und derselben Person stammen. während man bei der Anlage des Qumran-Archivs auf
Manche entstanden offensichtlich im Rahmen einer Ausbil- dergleichen weniger Wert legte. Oft begnügte man sich dort
dung, wie die zahlreichen eingetragenen Korrekturen vermu- sogar mit minderer Schreiberqualität – einige Manuskripte
ten lassen. Alle Rollen, für die anhand solcher Indizien eine enthalten Fehler, die manchmal korrigiert wurden, mitunter
Anfertigung in der Siedlung als wahrscheinlich gilt, sind im nicht einmal das.
Übrigen jünger als die darauf geschriebenen Texte. Auch Anhand von Briefen und Dokumenten lassen sich die
wenn es sich noch nicht eindeutig beweisen lässt: Khirbet anderen Sammlungen meist reichen Personen oder Familien

38  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


LANDPICTURES.COM
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zuordnen, während so etwas in den Qumran-Rollen ganz Doch die Hoffnung erfüllte sich nicht: Weite Teile Judäas
fehlt. Da Archäologen bei den sonstigen Depots auch Gerät- und sogar Jerusalems selbst wurden während der beiden
schaften des täglichen Lebens entdeckten, sehen sie die Kriege zerstört, alle Juden aus der über den Ruinen der
betreffenden Höhlen als Verstecke, vor allem während des Hauptstadt erbauten römischen Stadt Aelia Capitolina
1. Jüdischen Krieges (66 – 74 n. Chr.). Dass ihre Besitzer die verbannt. Und so verblieben die Schriftrollen für Jahrtausen-
Schriftrollen auf ihrer Flucht mitgenommen hatten, zeugt de in den Grotten von Qumran – ein Wissensspeicher,
von dem großen Wert, den sie ihnen beimaßen. Warum sie dessen Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist, und das
dort blieben und was mit den Menschen geschehen ist, wichtigste Zeugnis für die Schrift- und Schreiberpraktiken
lässt sich nicht mehr ermitteln. im antiken Judentum. 
Der Schutz vor den Römern dürfte zwar auch in Qumran
von Bedeutung gewesen sein. Dass dort Manuskripte von
geringerem Wert aufbewahrt wurden, offenbart zudem ein
QUELLEN
weitergehendes, allgemeineres Interesse an der schriftlichen
Überlieferung. Das erklärt auch die erwähnte Vielfalt der Frey, J., Claußen, C., Kessler, N. (Hg.): Qumran und die Archäo­
Genres: Das Archiv zog andernorts lebende Anhänger des logie. Texte und Kontexte. Wissenschaftliche Untersuchungen zum
Neuen Testament 278. Mohr Siebeck, Tübingen 2011
Jachad an, die nicht nur die Texte studierten, sondern auch
ihrerseits welche der Sammlung hinzufügten. So fanden Popović, M.: Qumran as Scroll Storehouse in Times of Crisis? A
sich dann eben nur wenige Manuskripte von der gleichen Comparative Perspective on Judaean Desert Manuscript Collections.
In: Journal for the Study of Judaism 43, S. 551 – 594, 2012
Hand – ein großer Teil stammte aus anderen Regionen
Palästinas. Tov, E.: Scribal Practices and Approaches Reflected in the Texts Found
Wo diese stetig wachsende Bibliothek aufbewahrt wurde, in the Judean Desert. Studies on the Texts of the Desert of Judah 54.
Brill, Leiden/Boston 2004
ob zunächst im Dorf oder von Anfang an in den Höhlen,
lässt sich auf Grundlage der bislang bekannten Fakten nicht WEBLINK
sagen; auch eine zeitweise gemischte Aufbewahrung ist Bilder der Fragmente von Qumran und anderen Archiven im Internet:
denkbar. Spätestens in der Zeit des 1. und des 2. jüdischen www.deadseascrolls.org.il.
Krieges (132 – 135 n. Chr.) dürften sich die Angehörigen des
Jachad um die Sicherheit ihres intellektuellen Schatzes
gesorgt und ihre Sammlung in den Grotten magaziniert
haben. Vermutlich schmuggelte mancher Jude auch kost- Mehr Wissen auf Spektrum.de
bare Dokumente aus Jerusalem heraus und brachte sie zu
Unser Online-Dossier zum Thema finden Sie unter
dem Dorf am Toten Meer – sicher mit dem Ziel, sie in besse-
spektrum.de/t/hochkulturen-der-menschheit
ren Zeiten wieder hervorzuholen und ihre Texte zu lesen, zu
lehren oder zu singen.

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 39


INSCHRIFTEN
TEXTE FÜR
DIE EWIGKEIT
Wer in Athen und Rom wichtige Bot­
schaften öffentlich und auf Dauer
verkünden wollte, ließ sie in Stein
und Bronze einbringen.

Christian Witschel ist Professor für Alte


Geschichte an der Universität Heidelberg und
ein Spezialist für die lateinische Epigrafik.

 spektrum.de/artikel/1422030

ISTOCK / CREATISTA

40  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Sein Leistungsbericht »Res Gestae Divi Augusti« zählt
zu den bedeutendsten Inschriften, die Kaiser Augustus
in Auftrag gab, um seine Amtszeit als goldenes Zeit­
alter zu inszenieren. Das Original ist nicht mehr erhal­
ten, das Bild zeigt einen Ausschnitt der umfangreichs­
ten Kopie, des »Monumentum Ancyranum«, das im
heutigen Ankara entdeckt wurde.
ISTOCK / CREATISTA

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 41



Die Menschen der griechisch-römischen Antike waren sondern vornehmlich in der Polis Athen. Dort waren nun
von Schriftzeugnissen verschiedenster Art umgeben. zahlreiche beschriftete Denkmäler und teilweise enorm
Dazu zählten beispielsweise auf Papyrus geschriebene, umfangreiche Steininschriften in dem bedeutendsten Heilig-
in Wachstafeln eingeritzte oder auf Tongefäße aufgemalte tum auf der Akropolis zu sehen, während andere Monu-
Texte. Typisch für die antike Kultur waren aber vor allem in mente auf dem Hauptplatz der Stadt, der Agora, aufgestellt
Stein gemeißelte oder in Bronze eingravierte Inschriften. wurden.
Sie zielten offenkundig auf Dauerhaftigkeit, setzten also Als Erklärung für dieses Phänomen bieten sich zwei
eine bewusste Entscheidung von einzelnen Personen oder bedeutsame Entwicklungen jener Zeit an: Bei der Abwehr
ganzen Gruppen voraus, einen bestimmten Text für die der persischen Invasion zu Beginn des 5. Jahrhunderts
Nachwelt zu erhalten. Zudem galt es dabei, ein größeres v. Chr. hatte Athen eine Führungsrolle übernommen und war
Publikum zu erreichen, oft sogar durch regelrechte Inschrif- dadurch zu einer Großmacht im griechischen Raum aufge-
tenmonumente. stiegen. Im gleichen Zeitraum hatte sich zudem eine neue
Man platzierte diese zumeist im öffentlichen Raum der Verfassungsform in dieser Stadt herausgebildet, die zumin-
Städte, also insbesondere auf zentralen Platzanlagen, aber dest einen Teil ihrer Bevölkerung an politischen Entschei-
auch in Heiligtümern und den Nekropolen, die sich außer- dungen beteiligte: die athenische Demokratie. Indem man
halb der Stadtmauern entlang von Straßen erstreckten. Als Gesetze und Beschlüsse, insbesondere Dekrete der Volks-
Kommunikationsmedien und Erinnerungsträger sicherten sie versammlung, gleichsam öffentlich und in Stein gehauen
die permanente Präsenz bedeutsamer Botschaften und archivierte, dokumentierte man vor aller Augen politische
Privilegien, dienten der Ehrung von Herrschern und heraus- Prozesse. Mehr noch: Auf diese Weise konnte die Bürger­
ragenden Persönlichkeiten, verewigten die Errichtung oder gemeinschaft sich ihrer Vergangenheit und ihrer gemein-
Restaurierung von öffentlichen Gebäuden, vermittelten samen Werte vergewissern sowie die inzwischen errungene
Einblicke in die Beziehungen zwischen Menschen und Vormachtstellung in der griechischen Welt vor einem großen
Göttern und bewahrten das Andenken an die Verstorbenen. Publikum in Szene setzen.
Eine derart aufwändige Praxis, Texte aufzuzeichnen und
zu präsentieren, darf keineswegs als selbstverständlich Abgabenlisten als Spiegel der Macht
angesehen werden, denn sie kostete Geld, verschlang Besonders eindrucksvolle Zeugnisse hierfür waren mehrere
Material und bedurfte spezialisierter Handwerker, war aber über drei Meter hohe, frei stehende Pfeiler, die bald nach
für das Überleben einer Gemeinschaft nicht notwendig. Im der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. in der Nähe des Ein-
hellenischen Kulturkreis etwa war sie nicht zu allen Zeiten gangs zur Akropolis aufgestellt wurden. Auf ihnen waren in
verbreitet. Das griechische Alphabet entstand bereits im langen Listen die Abgaben verzeichnet, welche die Bündnis-
9. Jahrhundert v. Chr. und spielte bald darauf bei der Auf- partner der Stadtgöttin Athena darzubringen hatten. Ange-
zeichnung der homerischen Epen eine wichtige Rolle. In ein sichts der kleinen Buchstaben und der Höhe, in der einige
dauerhaftes Material wie Stein wurden aber lange Zeit nur dieser Listen angebracht waren, kann es wohl kaum die
wenige und zumeist kurze Texte übertragen, vor allem Absicht gewesen, dass ein Betrachter diese tatsächlich
Grab- und Weiheinschriften. Erst ab dem späteren 5. Jahr- lesen sollte. Es kam offenbar vielmehr auf die monumentale
hundert v. Chr. änderte sich dies dramatisch und auch das und – zumindest theoretisch – ewige Präsenz dieser Denk-
nicht in der gesamten griechischen Welt gleichermaßen, mäler an, führten sie doch jedem Besucher der Stadt deren
machtvolle Stellung in der Ägäis im wahrsten Wortsinn vor
Augen. Wer hingegen genauer erfahren wollte, welche
Abgabe wer zu leisten hatte, gewann diese Information
allemal einfacher aus den im städtischen Archiv aufbe-
AUF EINEN BLICK wahrten Papyrusdokumenten.
EIGENWERBUNG IN STEIN Auch in der römischen Welt dauerte es lange, bis sich
UND BRONZE eine Inschriftenkultur verbreitete. Die ersten derartigen Texte
waren in der Tiberstadt im 5. Jahrhundert v. Chr. zu sehen,

1 In der römischen Kaiserzeit verbreitete sich die Sitte, doch zum Massenphänomen, das über Italien bis weit in die
Botschaften in eigener Sache oder zu Ehren einer Provinzen hinausstrahlte, wurde diese Praxis erst im ausge-
hochrangigen Person als monumentale Inschrift an henden 1. Jahrhundert v. Chr. unter Kaiser Augustus. Die
öffentlichen Orten dauerhaft zu präsentieren. Produktion von Inschriften wurde zu einer regelrechten
Mode, die ihren Höhepunkt im 2. und frühen 3. Jahrhundert

2  iese Form der Schriftlichkeit hatte Vorläufer in


D
anderen antiken Kulturen, insbesondere in Athen, war
aber keineswegs allgemein üblich.
n. Chr. erreichte, um danach vielerorts wieder abzuflauen.
Die Gründe für dieses Auf und Ab sind vermutlich weniger in
den wirtschaftlichen Gegebenheiten als vielmehr bei politi-
schen und kulturellen Bedingungen zu suchen.
3  ermutlich musste ein Betrachter die monumentalen
V
Texte nicht vollständig lesen können, da bereits Gestal-
tung und der Kontext ihrer Aufstellung die intendierte
Zu einem erheblichen Teil verdankte sich die gewaltige
Steigerung hinsichtlich der Quantität und Qualität von
Signalwirkung entfalteten. Inschriften dem Verhalten des Kaisers Augustus selbst. Er
war der erste römische Staatsmann, der in großem Umfang
und gezielt mit Hilfe von öffentlich präsentierten Texten

42  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


MIT FRDL. GEN. VON JUAN MANUEL ABASCAL
Im 1. Viertel des 1. Jahrhunderts n. Chr. wurde das bettungen Lettern aus vergoldeter Bronze. Aus der Ferne
Forum der zentralspanischen Stadt Segobriga auf­ erstrahlte eine solche Schrift golden vor dem weißen oder
wändig gepflastert. Der Stifter ließ diese Leistung mit blau bemalten Hintergrund des Marmors. Die ideologische
Bronzebuchstaben direkt auf den Steinen des Platzes Botschaft solcher Monumente liegt auf der Hand: Die ver-
verewigen. Die Inschrift wird folgendermaßen re­ goldeten Buchstaben sollten an das goldene Zeitalter erin-
konstruiert: »[--- Proc]ulus(?) Spantamicus La[---]us nern, dessen Wiederherstellung Augustus für sich in
forum sternundum d(e) s(ua) p(ecunia) c(uravit?)«, zu Anspruch nahm. Fast alle diese Neuerungen fanden rasch
Deutsch: Proculus(?) Spantamicus La[---]us hat die Nachahmer in den Provinzstädten, und selbst die kom­
Pflas­terung des Forums aus eigenen Mitteln besorgt. plizierte Anfertigung vergoldeter Buchstaben wurde dort
kopiert.
In Stein gehauene Inschriften bildeten jedoch nur einen
Teil der Schriftlandschaften römischer Städte, in denen
politische Botschaften verbreitete (siehe Bild S. 40/41). Ins- zahlreiche unterschiedliche Texte zu sehen waren. Von
besondere die zahlreichen Bauwerke in Rom, die er restau- besonderer Bedeutung war dabei die Ausgestaltung des
rieren oder neu errichten ließ, dienten ihm als Werbeplatt- öffentlichen Raums, der in den antiken Städten viel Platz
form, da ihre Bauinschriften seine Leistungen verewigten. einnahm. Die Menschen verbrachten dort einen erheblichen
Die Inschriften des Augustus beeindruckten nicht nur durch Teil ihrer Zeit, um Neuigkeiten zu erfahren oder Bekannte zu
ihre schiere Anzahl und den zumeist prominenten Anbrin- treffen. Der spätantike Redner Libanios hat dieses Lebensge-
gungsort, sondern auch durch das neuartige Layout: Viele fühl mit Blick auf seine Heimatstadt Antiochia, die Metropo-
waren mit sehr großen Buchstaben sorgfältig und tief in den le der römischen Provinz Syria, prägnant formuliert: »Allent-
Stein eingemeißelt; zudem wurden diese durch eine farb- halben aber sind zwischen die Wohnhäuser die öffentlichen
liche Gestaltung hervorgehoben. Neuartig waren auch einige Gebäude eingestreut, teils Tempel, teils Bäder. Doch wozu
der verwendeten Materialien: Bei Steininschriften kam nun sage ich das? Welchen Sinn hat es, so ausführlich über die
zumeist hochwertiger Marmor zum Einsatz, während man Kolonnaden zu sprechen? Ich glaube, es geht um das, was in
besonders wichtige Texte in Bronzetafeln eingravierte. einer Stadt das Schönste und, so möchte ich hinzufügen,
Eine weitere Innovation der augusteischen Zeit waren auch das Nützlichste ist: Das Sichtreffen und Beieinander-
schließlich gleichsam goldene Inschriften. Bei diesen ver­ sein. Eine wirkliche Stadt ist nur eine solche, in der es dies
dübelten Handwerker in zuvor eingemeißelten Buchstaben- alles in reichem Maß gibt.« Selbst Wohnhäuser waren in den

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 43


römischen Städten keine privaten Räume im heutigen Sinn,

MIT FRDL. GEN. VON JUAN MANUEL ABASCAL


denn auch dort kamen viele Menschen zusammen, etwa bei
der morgendlichen Begrüßung des Hausherrn durch seine
Klienten oder im Rahmen von Gastmählern.
Überall in diesen Kontexten befanden sich mehr oder
minder permanente Schriftzeugnisse. Am besten rekonstru-
ieren lässt sich dies am Beispiel von Pompeji, denn diese
römische Kleinstadt wurde beim Ausbruch des Vesuv im
Jahre 79 n. Chr. weit gehend im Originalzustand konserviert,
und so können Wissenschaftler dort untersuchen, in welcher
Dichte und Vielfalt beschriftete Artefakte einem antiken
Zeitgenossen vor Augen standen. Erwähnt seien auf Wän-
den entlang den Durchgangsstraßen aufgemalte Wahlauf-
rufe und Ankündigungen von Gladiatorenspielen, in den
Verputz der Fassaden eingeritzte »Kurzmitteilungen« (siehe
den Beitrag S. 28), aber auch wichtige politische Botschaf-
ten, die auf geweißten Holztafeln oder auf öffentlich ausge-
hängten Papyri angebracht waren. Gerade die Schriftzeug-
nisse der letzteren Kategorie wurden nur für eine gewisse
Zeit präsentiert und sind auf Grund ihres vergänglichen
Materials selbst in den Vesuvstädten gänzlich verloren
gegangen; von ihrer Existenz wissen wir daher nur auf Grund
kurzer Erwähnungen in anderen Quellen. Die Grenzen zwi-
schen den genannten Gattungen von Schriftartefakten
waren im Übrigen durchaus fließend. Interessant ist in
diesem Zusammenhang, dass die Praxis des Aufschreibens
in der Öffentlichkeit trotz unterschiedlicher Techniken und
Materialien relativ einheitlich mit dem lateinischen Wort
»scribere« bezeichnet wurde.

Das steinerne »Who is who« Segobrigas


Welch große Bedeutung dabei den zentralen Platzanlagen Auf dem Forum von Segobriga präsentierte sich die
zukam, illustrieren die Ausgrabungen in der hispanischen Elite der Stadt in all ihrem Wohlstand und Einfluss.
Kleinstadt Segobriga, etwa 100 Kilometer südöstlich des So standen der nur teilweise erhaltenen Inschrift zufol­
heutigen Madrid gelegen. Spanische Archäologen haben ge auf der links abgebildeten Basis einst die Statue
dort in den letzten Jahren auch das Forum erforscht. Die einer gewissen Calventia Titulla und die eines Mannes,
noch erhaltenen Überreste zeugen von einer zu Beginn der dessen Name leider nicht mehr zu rekonstruieren ist.
römischen Kaiserzeit gleichsam aus dem Nichts entstehen- Beide wurden von Familienangehörigen durch die
den und sich dann explosionsartig verbreitenden öffentli- Statuenstiftung geehrt. Rechts eine Rekonstruktion
chen Inschriftenkultur. des vollständigen Monuments.
Den Anfangspunkt markierte offensichtlich die Verleihung
des Stadtrechts an Segobriga kurz vor 15 v. Chr., in deren
Gefolge der Bau der zentralen, von Säulenhallen gesäumten 16 Meter lange Inschrift unterstrichen, die in bronzenen,
Platzanlage und der angrenzenden Basilica begann. Ebenso 32 Zentimeter hohen Lettern in den Bodenbelag eingelassen
rasch füllte sich dieser neu entstandene öffentliche Raum war – sie erinnerte an die Pflasterung des Forums durch
mit Denkmälern unterschiedlicher Art. Hierzu zählte ein einen Bürger Segobrigas (siehe Bild S. 43). Der Platz und die
eindrucksvoller Altar mit Inschrift, der vermutlich Kaiser umgebenden Gebäude waren somit voll von Inschriften, so
Augustus geweiht war. Er wurde in der Folgezeit zu einem dass wir hier von einem verdichteten Schriftraum sprechen
Kristallisationspunkt für die Aufstellung von Statuen, die können. Dieser diente ferner als eine Art steinernes Gedächt-
gerade diese zweischiffige Säulenhalle füllten. Der Vereh- nis der Stadt, war doch die Erinnerung an herausragende
rung des Kaiserhauses waren ferner mehrere Gruppen von Persönlichkeiten und deren Leistungen in einer dauerhaften
Statuen in den umliegenden Gebäuden wie etwa der Basilica Form festgehalten.
gewidmet. Auffällig ist weiterhin die große Zahl der Reiter- Leider hat diese Allgegenwart der Inschriften für ihre
statuen auf dem Forum. Erforschung auch einen gravierenden Nachteil: Sie galten
Mit solchen ebenfalls beschrifteten Denkmälern wurden offenbar als so selbstverständlich, dass es kaum antike
nicht nur Stadtpatrone aus der Reichsaristokratie, sondern Quellen zu der Frage gibt, wie man sie wahrgenommen hat
auch Mitglieder der lokalen Elite geehrt, die letztlich den und welche Wirkung sie auf einen zeitgenössischen Betrach-
gesamten Ausbau der Platzanlage und deren Ausstattung ter entfalten konnten. Wir sind daher darauf angewiesen,
finanzierten. Das wird nicht zuletzt durch eine mehr als aus den erhaltenen Monumenten selbst Rückschlüsse zu

44  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


im 1. Jahrhundert n. Chr. wirkende Schriftsteller Petronius in
seinem Roman »Satyricon« einen halbgebildeten Freigelas-
senen sagen: »Ich kann (gerade so) mit steinernen Buchsta-
ben umgehen.«
Ohnehin stellt sich die Frage, ob ein echtes Lesever­
ständnis überhaupt erforderlich war, um die Aussage einer
Inschrift in ihren Grundzügen zu verstehen. Das lag nicht
zuletzt daran, dass die Texte in vielen Fällen nicht isoliert
wahrgenommen wurden, sondern einen Teil eines umfang-
reicheren Monumentkomplexes bildeten und die durch sie
vermittelten Botschaften mit anderen, oftmals bildlichen
Bedeutungsträgern zusammenwirkten.
So bestanden die Denkmäler herausragender Persönlich-
keiten auf dem Forum Segobrigas aus mehreren Teilen: Auf
dem zumeist recht hohen Sockel war eine Inschrift ange-
bracht; darüber stand der Statuenkörper, und auf diesem
wiederum saß ein Porträtkopf. Während Letzterer der darge-
stellten Persönlichkeit individuelle Züge verlieh, verwies der
Statuentyp auf bestimmte Werte innerhalb der römischen
Gesellschaft wie Bürgersinn oder militärische Tugend. Die
Inschrift ergänzte diese Darstellung durch weitere Informa­
MIT FRDL. GEN. VON JUAN MANUEL ABASCAL

tionen zur Person sowie zur Karriere des Geehrten im Dienst


der Gemeinschaft; außerdem wurden zumeist die Initiatoren
des Denkmals genannt. Um das Monument im Detail zu
verstehen, war das Lesen der Inschrift also gewiss hilfreich,
aber in Grundzügen erschloss es sich auch aus der Betrach-
tung des Standbilds, seines Formats und nicht zuletzt seines
Aufstellungsorts auf dem Forum, denn es gab hierfür eine
abgestufte Wertigkeit von Platzierungen.

Überwältigende Fülle an Monumenten


Nur sehr wenige antike Betrachter werden daher den In-
schriften wie ein moderner Epigrafiker begegnet sein und
ziehen, also etwa aus dem verwendeten Material, ihrem sie Zeile für Zeile genau studiert haben. Eher fühlten sich
Format, dem jeweiligen Schriftbild sowie aus ihrer Platzie- viele Besucher des Forums wohl von der Fülle der dort
rung im Stadtraum. Dies kann wiederum häufig nur in Form präsentierten Schriftartefakte schlicht überwältigt und
von Modellbildungen geschehen, welche sich nicht bewei- ließen sie in ihrer Gesamtheit auf sich wirken. Inmitten der
sen lassen, aber immerhin den Blick darauf lenken, was Statuen und ihrer Inschriften empfanden sie so, wer bezie-
möglich gewesen sein könnte. hungsweise was für die Stadt und ihre bedeutenden Bürger
Dabei stellt sich zunächst die unter Altertumswissen- wichtig war. Andere wiederum mögen angesichts der
schaftlern höchst umstrittene Frage, wer solche Inschriften allgegenwärtigen Schriftlichkeit im Stadtraum eher abge-
überhaupt lesen konnte. Wie in vielen anderen vormodernen stumpft gewesen sein – man konnte ein Forum durchaus
Gesellschaften gab es im Imperium Romanum keine flä­ auch benutzen, ohne den beschrifteten Monumenten, die
chendeckende Schulbildung, die unabhängig vom sozialen sich zudem häufig untereinander stark ähnelten, anfangs
Status und den wirtschaftlichen Möglichkeiten für jeder- allzu große Aufmerksamkeit zu schenken.
mann zugänglich gewesen wäre (siehe Spektrum Spezial Doch gerade die Fülle solcher Denkmäler zwang einen
Archäo­logie Geschichte Kultur 2/2016, S. 12). Selbst unter Besucher des Platzes oftmals dazu, bestimmte Wege zu
der männlichen Stadtbevölkerung, die noch am ehesten in gehen, die ihn dann fast zwangsläufig mit einzelnen Monu-
den Genuss einer zumindest elementaren Ausbildung kam, menten konfrontierten. Und auch die Inschriften selbst
dürfte daher die Zahl an Analphabeten ziemlich groß ge­ machten sozusagen Angebote, um wahrgenommen zu
wesen sein. werden, indem etwa der Name des Geehrten durch eine
Auf der anderen Seite legen die zahlreichen Schriftzeug- besondere Buchstabengröße und farbliche Gestaltung derart
nisse informeller Natur im Stadtraum von Pompeji, die oft hervorgehoben war, dass auch ein flüchtiger Blick darauf
nur aus wenigen Worten bestehen, die Vermutung nahe, genügte, um zu wissen, wen das Bildnis darstellte. Es ist also
dass dort zumindest rudimentäre Lese- und Schreibkennt- nicht davon auszugehen, dass es nur eine einzige mögliche
nisse recht weit verbreitet waren. War anspruchsvolle Lite­ Form der Rezeption solcher Schriftartefakte im antiken
ratur auch eher der Elite vorbehalten, konnten viele Bürger Stadtraum gegeben hat – vielmehr sollten wir damit rech-
die in den Inschriften enthaltenen Botschaften doch zu­ nen, dass diese situationsbedingt sehr unterschiedlich
mindest ansatzweise erfassen. Dementsprechend lässt der wahrgenommen und gelesen wurden. 

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 45


AKG IMAGES / WERNER FORMAN

46  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


AMULETTE
VERBORGENE BESCHÜTZER
Magische Worte, wohl verwahrt am Körper getragen, sollten die
Menschen vor den alltäglichen Gefahren des Lebens bewahren. Ein Vergleich
der Praktiken in Antike und Mittelalter zeigt überraschende Parallelen auf.

Die promovierte Papyrologin Laura Willer ist Assistentin am Institut für Papyrologie der Universität Heidelberg.
So genannte magische Papyrusamulette aus dem römischen Ägypten bilden einen Schwerpunkt ihrer Forschung.
Der Mittelalterarchäologe Konrad Knauber forscht am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität zum
Thema »Magische Schriftlichkeit und ihre Deponierung in mittelalterlichen Gräbern«.

 spektrum.de/artikel/1422031


Krankheiten und giftige Tiere konnten dem Leben rasch einmal davon abhing, ob sein Träger den Text verstand. Man
ein Ende setzen, allenthalben drohten Missgunst und verbarg ihn in einer Kapsel, vermutlich damit die Worte nicht
Habgier der Nachbarn; obendrein trieben dunkle Mäch­ verändert und ihre Schutzkräfte dadurch nicht geschwächt
te ihr Unwesen. Die Menschen der Antike wie des Mittelal­ werden konnten.
ters sahen sich unzähligen Gefahren ausgesetzt. Also riefen Vom 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr., als Ägypten zum Rö­
sie höhere Mächte um Schutz an, sei es Christus, Jahwe mischen Reich gehörte, bildete sich in der Oase Fayum in
oder eine heidnische Gottheit. Eine beliebte Form, diese der lokalen Oberschicht der Brauch aus, Mumien mit einem
Hilfe einzuholen, war das Tragen von Amuletten. Welche Porträt des Toten zu seinen Lebzeiten zu versehen (siehe Bild
Gemeinsamkeiten und Unterschiede dabei zwischen den links). Es wurde auf eine Holztafel gemalt und sozusagen als
beiden großen Epochen bestanden, wird nun erstmals im »Gesicht« in die Umwicklung eingebunden. Für den Archäo­
Rahmen eines Heidelberger Sonderforschungsbereichs logen bieten diese Porträts wertvolle Informationen – auch
untersucht. Dabei zeigt sich einmal mehr, dass die Übergän­ über den Amulettgebrauch. Verstorbene Frauen, Mädchen
ge zwischen Zeit- und Kulturräumen oft fließender sind als und Knaben tragen auf diesen Bildern nämlich oft ein Me­
lange gedacht. daillon als Anhänger. Weil darauf wiederum oft ein Medu­
Diverse Objekte erfüllten den Zweck als Abwehrzauber. senhaupt gezeigt wurde, diente die Preziose vermutlich dem
So sollte Glöckchenklang Übel ebenso abwehren wie eine Schutz; mitunter gleichen solche gemalten Anhänger auch
zum Kreis geknotete Kordel. Informationen über die Beweg­ Amulettkapseln, die aus Gräbern der gleichen Zeit geborgen
gründe und Glaubensvorstellungen ihrer Besitzer verraten
Schrift tragende Amulette, die im Altertum von einfachen
Papyrusschnipseln über »lamellae« genannte Täfelchen aus
Edelmetall bis zu gravierten Halbedelsteinen reichen konn­
ten. Von Letzteren abgesehen wurden sie zusammengefaltet AUF EINEN BLICK
oder -gerollt und, in einer Kapsel verwahrt, wie ein SCHÜTZENDE WORTE
Schmuckstück an einer Halskette getragen.
Seit etwa drei Jahrzehnten wird diese Gruppe von Arte­
fakten systematisch untersucht. Viele Fragen sind noch 1  eit der Antike trugen Menschen Textamulette mit Wün­
S
schen, Zaubersprüchen oder auch Bibelzitaten zur Abwehr
von Krankheiten und sonstigen Gefahren.
offen, manche Antworten lediglich plausible Spekulationen.
So verblüfft es im ersten Moment, dass die fraglichen Texte
in den erwähnten Kapseln nicht zu sehen waren. Um eine
Wirkung zu entfalten, war es nach Ansicht der Träger offen­ 2  rchäologen haben Textamulette aus Edelmetallen, Blei­
A
blech oder Halbedelsteinen entdeckt. Die meisten be­
standen aber wohl aus Papyrus, Pergament oder Papier
bar nicht erforderlich, dass man sie las. Sehr wahrscheinlich
und überdauerten nur selten die Jahrhunderte.
glaubte man, dass der Prozess der Beschriftung das Amulett
dauerhaft mit einer schützenden Kraft auflud, die nicht
3  bjekte aus Antike und Mittelalter werden neuerdings wis­-
O
senschaftlich verglichen. Dabei stellen sich die Epochen­
grenzen weit fließender dar als gemeinhin angenommen.
Sein Mumienporträt verrät: Dieser ägyptische Junge
trug zu Lebzeiten eine Amulettkapsel.

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 47


wurden. Erwachsene Männer trugen auf derartigen Porträts und somit seriöser Forschung nicht würdig. Was metallene
keine Form von Schmuck. Amulettkapseln betrifft, kommt hinzu, dass solche wenig
Zwar wurden die Amulettkapseln wohl vor der Mumifizie­ spektakulären Kleinfunde von Ausgräbern damals kaum be­-
rung entfernt. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass sie achtet wurden. Vermutlich hat man etliche nicht dokumen­
dem Toten später nicht wieder beigegeben wurden, wie eine tiert oder aufbewahrt, weswegen keinerlei Information über
»lamella« aus Palästina demonstriert. Gearbeitet aus Gold­ sie erhalten blieb.
blech, aufgerollt und in einer Kapsel verschlossen, lag sie auf Noch schwieriger stellt sich die Situation bei Textamu­
der Brust des Verstorbenen. Weitere Exemplare aus Frank­ letten aus organischen Materialien dar. So war Papyrus im
reich und Regensburg bestätigen die Vermutung, dass die ganzen Römischen Reich als Schriftträger gebräuchlich,
Amulette mitunter an einer Kette um den Hals gehängt wahrscheinlich schrieb man darauf auch Anrufungen und
waren; es gibt auch Beispiele für die Deponierung auf ande­ trug sie in Kapseln; doch nur im trockenen Wüstensand
ren Körperteilen. Ägyptens widerstand Papyrus dem Zerfall. Von den wenigen
»Lamellae« mögen also im Wirtschafts- und Kulturraum erhaltenen Amuletten dieser Art stammt nur ein einziges
des Imperium Romanum allgemein gebräuchlich gewesen sicher aus einem Grab. Zwar ist der Fundkontext nicht
sein, und eventuell wurden sie Verstorbenen üblicherweise dokumentiert, aber der Text ist eindeutig: »Du, Knecht des
beigegeben – etwa die Hälfte der bekannten Objekte mit preiswürdigen Gottes Ablanathanalba, Du, Diener des
dokumentiertem Fundkontext stammt aus Gräbern. Umge­ schönen Gottes Akrammachamarei, Du, Knecht des Iaeo
kehrt muss man aber auch Vorsicht walten lassen: Nur als Sabao Abrasax Adonai, Ihr, schöne und preiswürdige Götter,
Grabbeigabe entgingen goldene und silberne Textamulette bewahret Mumie und Leib und gesamtes Grab des Phthei­
der Wiederverwendung des kostbaren Rohstoffs, was den ous des Jüngeren beziehungsweise Saioneis, Sohn des
Eindruck über den Fundkontext verfälscht. Leider reicht Sentaesis«. Das Amulett war im 2. oder 3. Jahrhundert n.
somit die Zahl von ungefähr 100 antiken Exemplaren nicht Chr. wohl eigens angefertigt worden, um Mumie und Grab­
für ein abschließendes Urteil. stätte vor Räubern und Leichenschändern zu bewahren. Der
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert galten als griechische Text illustriert den interkulturellen und -religi­
magisch angesehene Texte als Zeugnisse von Aberglauben ösen Kontext dieser Schutzmittel, rief er doch neben ma­
gischen Gottheiten des Nilreichs auch den jüdischen Gott
mit mehreren seiner Namen an.
Das in Griechisch verfasste ägyptische Papyrusamulett Leider wurde die detaillierte Herkunft von Papyrusfunden
wurde auch mit »Brillenbuchstaben« versehen, einer Art um die Jahrhundertwende so gut wie nie dokumentiert.
Zauberzeichen (zu erkennen in der 6. und 7. Zeile). Dass Amulette aus diesem Schriftträger Toten häufig beige­

MIT FRDL. GEN. VON CHARIKLEIA ARMONI, INSTITUT FÜR ALTERTUMSKUNDE, UNIVERSITÄT ZU KÖLN (KÖLNER PAPYRUSSAMMLUNG, INV.-NR. 2861)

48  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


geben wurden, hält eine von uns (Willer) für wahrscheinlich.
Von den Zahlen für Ägypten ausgehend schätzt sie, dass
es im gesamten Römischen Reich der Kaiserzeit 100-mal
mehr Textamulette aus organischem Material als solche aus
Metall gab.
In einer Hinsicht stellt der beschriebene Fund dennoch
eine Ausnahme dar: Auch Amulette aus Bestattungen dien-
ten nämlich im Allgemeinen nicht dem Schutz des jeweiligen
Verstorbenen im Jenseits, sondern einem Zweck im Dies­

BPK / MUSEUMSLANDSCHAFT HESSEN KASSEL (INV.-NR. GE 127)


seits. Sie zielten auf Fruchtbarkeit oder sollten Haus und
Familie vor Schaden bewahren. Häufig in Papyrusamuletten
genannte Krankheitssymptome waren Fieber und Fieber­
schübe – im Niltal war Malaria weit verbreitet. Vielleicht
wurde ein diesseitsbezogenes Schutzobjekt Verstorbenen
mitgegeben, weil der persönliche Schutz nicht ohne Wei­
teres übertragen werden konnte. Aber auch Tabuvorstellun­
gen oder eine gedachte kontinuierliche Weiterwirkung im
Jenseits mögen eine Rolle gespielt haben.

Keine Scheu vor fremden Göttern


Unter dem Einfluss des Christentums bereicherten Bibel­
zitate das Repertoire der Schutzsprüche. Besonders beliebt
waren die Anfänge der Evangelien und die ersten Verse von
Psalm 90: »Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im
Schatten des Allmächtigen, der sagt zum Herrn: Du bist für
mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue.« Die schlangenbeinige und hahnenköpfige Gottheit Abra-
Gelegentlich kombinierten die Verfasser biblische mit frei sax (später Abraxas) mit Schild und Peitsche fand sich
formulierten Sprüchen, wie sie auch Gottheiten verschie­ oft auf Gemmen. Auf diesem Jaspis-Exemplar aus dem
dener religiöser Strömungen auf demselben Amulett anru­ 3. Jahrhundert stehen zudem Zauberworte.
fen konnten. In der Spätantike war es offenbar kein Pro­
blem, beispielsweise die Jungfrau Maria und den jüdischen
Jahwe gemeinsam mit Abrasax anzurufen, einer in ma­ che eines Amuletts und die seines Besitzers nicht unbedingt
gischen Texten immer wieder erwähnten Gottheit (siehe Bild übereinstimmen.
rechts). Zauberworte kamen ebenfalls vor, also unverständ­ Interessant ist die Wahl des Materials: Statt Halbedelstei­
liche oder fremdsprachige Silbenkombinationen ähnlich nen, Gold, Silber oder Papyrus verwendete man in diesem
unserem »Abrakadabra«, zudem magische Zeichen und Fall Bleiblech, obwohl das Metall in der griechisch-römi­
Symbole. schen Antike eigentlich mit dem Unheil bringenden Gott
Zu Metall, Papyrus und Pergament gesellten sich als Saturn assoziiert wurde und daher als Beschreibstoff Verflu­
weiteres Trägermaterial auch Steine. Gemmen, also geschlif­ chungen vorbehalten war. Für Amulette sollte Blei aber in
fene Halbedelsteine, meist ein bis zwei Zentimeter groß und späterer Zeit üblich werden.
mit eingravierten Bildern und/oder Inschriften versehen, Archäologische Funde aus dem Mittelalter machen
galten offenbar als erste Wahl, um gegen Frauenleiden zu deutlich, dass die Tradition der Textamulette über die Epo­
schützen. Als Ursache gynäkologischer Beschwerden stell­ chengrenze hinweg weitergetragen wurde. Trotz kirchlicher
ten sich antike Ärzte vor, die Gebärmutter wandere durch Verbote entwickelte sich eine eigene Schule christlicher
den Körper und löse diverse Beschwerden aus. Selbst nach­ Amulette, die auf Grund der nötigen umfangreichen Kennt­
dem anatomische Sektionen belegt hatten, dass die inneren nisse der heiligen Schriften wohl vorrangig von Klerikern
Organe an Ort und Stelle bleiben, lautete eine typische angefertigt wurden.
Beschwörung bei Frauenleiden: »Bleib an deinem Platz!« Das Schicksal des Papyrus teilten im Mittelalter Perga­
Eine solche Anrufung enthält auch ein Uterusamulett aus ment und Papier: Ohne besonderen Schutz zerfielen diese
dem 4. Jahrhundert n. Chr., das in West Deeping (Großbri­ Materialien im Lauf der Jahrhunderte. Amulette aus orga­
tannien) zu Tage kam. Während die Beschwörung der Gebär­ nischem Material gab es den medizinischen Handbüchern
mutter einer heidnischen Tradition entstammte, wurden der Zeit zufolge häufig, doch nur eingebunden in Handschrif­
andererseits ausschließlich Gottesnamen aus dem Alten ten oder anderweitig archiviert blieben sie erhalten. Über­
Testament verwendet – in der Spätantike waren die Grenzen dauert hat zum Beispiel die »Chartula« des heiligen Franzis­
zwischen den Religionen noch durchgängig: Heiden riefen kus (siehe Bild S. 50), die er 1224 für seinen Glaubensbruder
den jüdischen oder christlichen Gott an und umgekehrt. Weil Leo verfasst und die jener später dem Kloster in Assisi
die Provinz Britannien zum Weströmischen Reich gehörte, gestiftet hat. Wie fast alle Textamulette des Mittel­alters war
war Griechisch dort weniger verbreitet, weshalb wohl der auch dieses gefaltet, nicht aufgerollt. Darin spiegelt sich
Spruch in Latein verfasst war. Allerdings mussten die Spra­ vielleicht der Übergang von der Schriftrolle zum gebundenen

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 49


Für seinen Glaubensbruder
Leo schrieb der heilige
Franziskus 1224 Gebete und
Segenssprüche zum Schutz
gegen Krankheiten auf. Leo
kommentierte diese Texte
später in roter Schrift,
vermutlich als die »Chartula«
in den Rang einer Reliquie
erhoben wurde.
AKG IMAGES / GERHARD RUF

Das Amulett von Halber-


stadt (Abbildung rechts),
geschrieben im Jahr 1142,
lag im Grab eines Kindes.
Als Verur­sacher von
Krankheiten wird hier das
Fabelwesen »Alber«
verantwortlich gemacht.

Buch wider, wenn man die Textamulette als heilige Schrift Textamulette aus Silber- oder Goldblech waren weitge­
im Kleinformat ansieht. hend außer Gebrauch gekommen. Dies könnte ganz prag­
Der Text umfasst ein Gebet auf der Außen- und einen matisch mit der geringen Verfügbarkeit edler Metalle für
persönlichen Segen für Bruder Leo auf der Innenseite. Eine breite Bevölkerungsschichten zusammenhängen. Autoren
Zeichnung, die möglicherweise den Schädel Adams unter des Hochmittelalters empfahlen aber auch gezielt Blei zu
dem Kreuz zeigt, komplettiert das Ensemble. Es sollte Bruder Heilungszwecken, möglicherweise auf Grund der diesem
Leo gegen Krankheiten schützen und war keinesfalls für ein Stoff zugeschriebenen medizinischen Eigenschaften. Denn
größeres Publikum gedacht: Das Schriftbild wirkt dafür zu obwohl man sich seiner Giftigkeit bewusst war, wurde Blei
wenig elaboriert, die Grafik zu skizzenhaft; der Text zitiert äußerlich zur Blutstillung und Entzündungshemmung ange­
aus sakralen Werken, die Franziskus offenbar aus dem wendet.
Gedächtnis niederschrieb, wie kleinere Abweichungen von Dank einer verbesserten Grabungstechnik und dem
den Vorlagen zeigen. Zu einem späteren Zeitpunkt, vermut­ Einsatz von Metalldetektoren bei systematischen Gelände­
lich anlässlich der Erhebung des Amuletts zur Reliquie, hatte begehungen wurden in den letzten Jahrzehnten europaweit
Leo die Chartula kommentiert – mit großer Sorgfalt beim etwa 100 Bleibleche mit Schutzinschriften entdeckt, von
Schreiben und durch rote Tinte vom ursprünglichen Text zu denen etwa die Hälfte wohl zum Tragen am Körper bestimmt
unterscheiden. gewesen sein dürfte, die anderen auf Grund ihrer Größe

50  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


beispielsweise zum Schutz von Häusern oder Gräbern. Auch umrahmt. Die Ursache der Krankheit, die Tado letztlich wohl
sie umfassten je nach Anliegen ausgewählte Gebete, Heili­ dahinraffte, wird darin mit einem germanischen Fabelwesen
genlegenden oder Bibelzitate. Beliebt war offenbar der namens »Alber« identifiziert – eine Bezeichnung für Natur­
Beginn des Johannesevangeliums: »Im Anfang war das geister, die auch im Namen des »Alberich« aus der Nibelun­
Wort.« Indem er auf den Schöpfungsakt und damit auf die gensage vorkommt und aus der auf Umwegen über das
Wirkmächtigkeit des Gotteswortes verwies, unterstrich Englische unser heutiges Wort »Elfen« entstanden ist. Indem
dieser Spruch in den Vorstellungen der Zeit die Effektivität der Schreiber die mythische Figur auch als »Teufel« und
eines Textamuletts, das Bezug auf die heilige Schrift nahm. »Satan« bezeichnete, deutete er sie im christlichen Sinn
In etlichen Fällen wurden auch ganz im Sinn eines Exorzis­ dämonisch um. Die schiere Zahl der angerufenen himm­
mus Teufel und Dämonen als Verursacher von Krankheiten lischen Mächte und die formelhaften Beschwörungen des
und anderem Unheil direkt angeredet, konfrontiert und mit Unheil bringenden Wesens bei diesem wie bei anderen
göttlicher Hilfe gebannt. Amuletten des Mittelalters machen deutlich, dass die Wir­
Ein solches Exemplar, durch seine Inschrift auf das Jahr kung der Texte in der Theorie der Zeit nicht nur von ihren
1142 datiert, hat man in einem Grab in Halberstadt (Sachsen- Inhalten, sondern auch von den Formulierungen abhing.
Anhalt) entdeckt (siehe Bild unten). Es wurde sechsfach
zusammengefaltet in einem Stoffbeutel getragen und lag auf Der Dreiklang aus Amulett, Ritual und Eucharistie
der Brust eines etwa achtjährigen Jungen, bei dem es sich Manche Stücke trugen Zauberzeichen und magische Wör­
wohl um den in der Inschrift »Tado« Genannten handelte. ter, wie es aus der Antike bekannt ist. Beim Tado-Amulett
Unter Anrufung der Macht des dreieinigen Gottes, der Engel umrahmten Kreuzzeichen den Text. Möglicherweise hat man
und Erzengel, der Apostel, Propheten, Ältesten und Seligen sie während des Rezitierens von Gebeten eingeritzt – als Teil
wollte der anonyme Schöpfer des Amuletts böse Mächte des Rituals, in dessen Verlauf das Amulett angefertigt wurde
von dem Kind fernhalten, bei Tag und Nacht, beim Essen und bei dem mündlicher Vortrag und ergänzende Handlun­
und Trinken. gen eine Rolle spielten. Darauf deuten zahlreiche ähnlich
Dazu verfasste er einen mehrteiligen Text, der auf der formulierte Beschwörungen und Segenssprüche aus mittel­
Innenseite des Bleiblechs das Bild des gekreuzigten Christus alterlichen Handschriften hin; manche waren in Anleitungen
zur Amulettherstellung notiert worden. Eine Erzählung des
frühen 15. Jahrhunderts bemerkt auch, dass der Heilung
dienende Bleibleche häufig während der Messe beschriftet
worden seien – wohl um etwas von der Kraft der Eucharistie
auf das Amulett zu übertragen.
Mit dem Buchdruck stand ab der frühen Neuzeit eine
Technologie zur Verfügung, um in großer Zahl Textamulette
aus Papier herzustellen, wie sie vielfach in volkskundlichen
Sammlungen noch erhalten sind. Zugleich konnten die
Zaubertexte dadurch auch ohne Hintergrundwissen oder gar
Schreib- und Lesefertigkeiten kopiert und verbreitet werden;
deshalb verkamen sie im Lauf der Zeit oft zu unverständ­
lichen Ansammlungen okkulter Formeln. Selbst in unserer
Zeit, trotz des Siegeszugs der rationalen Wissenschaften
und der technologischen Durchdringung unserer Welt, er-
freuen sich solche mystischen Vorstellungen großer Beliebt­
heit. Ob es ein Andenken von der Pilgerfahrt auf dem ­­Jakobs­-
­­weg oder ein Talisman von einer Esoterik-Website ist –
die Menschen suchen Schutz vor Unheil aller Art, ein jeder
auf seine Weise. Geändert haben sich vor allem die Ver­
breitungs- und Herstellungstechniken von Amuletten, nicht
aber das grundsätzliche Anliegen ihrer Anwender. 
MIT FRDL. GEN. VOM STÄDTISCHEN MUSEUM HALBERSTADT (HBS IV: 651/106)

QUELLEN

Borg, B.: Mumienporträts. Chronologie und kultureller Kontext. Philipp


von Zabern, Mainz 1996

Kotansky, R.: Greek Magical Amulets. The Inscribed Gold, Silver,


Copper, and Bronze Lamellae. Westdeutscher Verlag, Opladen 1994

Muhl, A., Gutjahr, M.: Magische Beschwörungen in Blei. Inschriften-


täfelchen des Mittelalters aus Sachsen-Anhalt. Landesamt für Denk-
malpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Halle (Saale) 2013

Skemer, D.: Binding Words. Textual Amulets in the Middle Ages. The
Pennsylvania State University Press, University Park 2006

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 51


CHINA
BUDDHAS LEHRE
IN DER ZEITKAPSEL
In Erwartung des Weltuntergangs meißelten
chinesische Mönche Buddhas Lehren Vers für Vers
in Stein, um diese für ein neues Weltzeitalter
zu bewahren. Es ist das größte Inschriftenprojekt
der Menschheitsgeschichte.
 spektrum.de/artikel/1422032

MIT FRDL. GEN. VON LOTHAR LEDDEROSE

52  Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16


Die Donnerklanghöhle
ist einmalig in Ost-
asien, weil ihre Wände,
anders als die Pfeiler,
keinerlei Bilder oder
Skulpturen tragen,
sondern ausschließlich
Sutrentexte
MIT FRDL. GEN. VON LOTHAR LEDDEROSE

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16 53


Und es gab eine weitere Parallele: Beide verbreiteten sich
Lothar Ledderose ist Seniorprofessor für Kunst- in auseinanderbrechenden Imperien, und es stellte sich die
UNIVERSITÄTSARCHIV HEIDELBERG /
I. L. KLINGER (SIG.: UAH POS - 03432)

geschichte Ostasiens an der Universität Heidel- Frage, ob sie bei einer Wiedervereinigung eine konstruktive
berg und Mitglied der Heidelberger Akademie der
Rolle spielen könnten. Die Antworten wechselten. In Rom
Wissenschaften. Im Rahmen des SFB »Materiale
Textkulturen« erforscht er die heiligen Schriften gab es einen Diokletian (regierte 284 – 305), der glaubte, dass
des Wolkenheimklosters. die Reorganisation seines Reichs eine Zerschlagung der
Kirche erfordere, aber auch einen Konstantin (306 – 337),
dem der Sieg im Zeichen des Kreuzes verheißen wurde.


Man schrieb das Jahr 577. In China hatte Wu, Kaiser Im Kalkül der rivalisierenden chinesischen Dynastien
der Nördlichen Zhou-Dynastie, seine Nachbarn, die spielte die neue Religion ebenfalls eine kritische Rolle.
Nördliche Qi-Dynastie, besiegt. Nun verkündete der als Bereits im 5. Jahrhundert hatte ein Kaiser Wu (regierte
Buddhistenverfolger gefürchtete Potentat 500 ehrwürdigen 424 – 452) aus der Wei-Dynastie die erste große Buddhisten-
Mönchen aus Qi, er werde ihren Glauben ausmerzen, ihre verfolgung in Gang gesetzt, doch es gab immer wieder
heiligen Schriften verbrennen und alle metallenen Kultbilder Herrscher, die selbst gläubige Jünger des Buddha wurden
einschmelzen lassen. Tränen standen den Brüdern in den und dessen Lehre nach Kräften förderten.
Augen. Nur einer erhob seine Stimme und warnte den Kaiser Wu der Nördlichen Zhou-Dynastie aber gehörte zu
Kaiser, er werde seine Taten in der Hölle büßen müssen. denjenigen, die überzeugt davon waren, dass die einge­
Doch den scherte das nicht. Er ließ 40 000 Klöster und wanderte Religion der politischen Einigung im Weg stünde.
Klausen auf­lösen, ihr Vermögen fiel dem Staat zu. Drei Wenn man den buddhistischen Quellen trauen kann, befiel
Millionen Nonnen und Mönche kehrten in den Laienstand ihn ein böser Aussatz, und innerhalb von sieben Tagen starb
zurück, Letztere wurden großenteils zum Militärdienst der Monarch am 21. Juni 578. Sein Nachfolger nahm sofort
eingezogen. die schärfsten antibuddhistischen Maßnahmen zurück.
Der religiöse Eifer hatte auch politische Gründe: Damals Drei Jahre später brach die Dynastie zusammen, über­
war das chinesische Reich seit dreieinhalb Jahrhunderten in wältigt von Kaiser Wen (regierte 581 – 604) aus der probud-
die Nördlichen und die Südlichen Dynastien zerbrochen dhistischen Sui-Dynastie. 589 eroberte dieser auch den ge-
(Zhou und Qi gehörten beide zum Norden), und Wu strebte samten Süden des einstigen Reichs. Damit gelang ihm, was
die Wiedervereinigung an. Der Buddhismus erschien ihm als weder west- oder oströmische noch alle späteren Kaiser des
Risikofaktor. Abendlandes vermochten: das Imperium wieder zu einen.
Dieser war in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrech- Der Sui-Kaiser hatte sich den Buddhismus auf die Fahnen
nung von Indien über Zentralasien nach China gelangt. geschrieben, und er verdankte seinen Erfolg nicht zuletzt der
Wie das Christentum war er weder an ein Territorium gebun- Tatsache, dass er den Klerus des Südens auf seiner Seite
den noch an eine Sprache. Im fernen Westen gab es hei- hatte. Der Buddhismus begünstigte auch das Zusammen-
lige Schriften in Hebräisch, Griechisch und Latein, im Osten wachsen der Reichsteile nach der Wiedervereinigung. Und
waren solche Texte in Sanskrit, Pali, Tibetisch und Chine- kaum hatte der gewiefte Politiker den Thron bestiegen, da
sisch geschrieben. Beide Religionen waren radikal meta­ erließ er ein Edikt, welches jedermann verpflichtete, dem
physisch ausgerichtet, die irdische Welt galt als Jammertal. Buddha eine kleine Münze zu spenden, damit die Qualen des
Kaisers Wu von Zhou in der Hölle gelindert würden.
Trotz der nun anbrechenden goldenen Zeiten gab es
Mönche, die dem Frieden nicht trauten. Zumal ein Weltun-
AUF EINEN BLICK tergang prophezeit worden war. Anders als im Christentum
ERLEUCHTUNG FÜR FERNE ZEITALTER erwartete man ihn nicht als punktuelles Ereignis an einem
Jüngsten Tag, sondern als eine sich über 500 Jahre hinzie-
hende Katastrophe. Kriege sollten das Reich in Schutt und
1  ie Buddhistenverfolgung durch Kaiser Wu im Jahr 576
D
schien Szenarien eines drohenden Weltuntergangs
zu bestätigen. Anders als westliche Prophezeiungen der
Asche legen; Banditen brandschatzen und morden; Natur­
katastrophen das Land verwüsten; Epidemien und unbe-
Apokalypse sollte sich dieser über Jahrhunderte an­ kannte Krankheiten ausbrechen. Einer Berechnung zufolge
bahnen. hatte die Zeit des Nierdergangs bereits 553 begonnen Die
Mönche, die unter Kaiser Wu gelitten hatten, waren davon

2  er Mönch Jingwan begründete das Projekt, alle


D
heiligen Sutren in Stein zu meißeln, dem damals halt-
barsten Material. Von 616 bis zirka 1180 wurden im
überzeugt, den Beginn der Apokalypse bereits am eigenen
Leib erfahren zu haben.
Die Prophezeiungen wussten auch zu berichten, dass das
abgelgenen Wolkenheimkloster etwa 31 Millionen Ende besonders nahe wäre, sobald die heiligen Schriften
Schriftzeichen in Platten gehauen und sicher verwahrt.
verschwänden. Buddhistische Texte wurden in China mit
Pinsel und Tusche auf Rollen aus Papier oder Seide geschrie-
3 1 957/58 gruben Archäologen die Steine aus, doch
schon 1999 wurden sie wieder in der Erde versenkt.
Anhand von Kopien erforschen Wissenschaftler
ben; viele waren während der Verfolgung bereits verbrannt.
Nun drohte die Lehre ganz verloren zu gehen.
jetzt die Zeugnisse des chinesischen Buddhismus. Der Abt Jingwan (starb 639), der als Kind oder Novize
vielleicht noch mit hatte ansehen müssen, wie die Klöster
brannten, legte daher ein Gelübde ab: Er würde alle Sutren

54  Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16


LOTHAR LEDDEROSE

Hoch gelegen und


unter Felsdächern
wurden Kammern für
die Sutrensteine in
den Fels gehauen, um
sie vor apokalyptischen
Fluten und Meteor-
schauern zu schützen

auf Steine meißeln, denn Stein galt als das haltbarste Mate­ eingemeißelte Figuren von Buddhas aus anderen Weltzeit­
rial, da er weder brannte wie Seide und Papier noch bei Hitze altern und kosmischen Gefilden; darunter stand jeweils ihr
schmolz wie Metall. Anschließend würde er die Texte in Name. So war die numinose Potenz der Buddhas aus unend-
Berghöhlen deponieren. Dort würden sie den Weltuntergang lichen Weltenräumen in dieser Kammer konzentriert. Zwi-
überdauern und den Menschen des nächsten Weltzyklus die schen den vier Pfeilern wurde ein Reliquiendepositum aus
Lehre Buddhas bringen. Jingwan hegte offenbar keine drei ineinandergeschachtelten Kästen im Boden eingelassen.
Zweifel daran, dass man auch im kommenden Zeitalter Bei einer Ausgrabung 1982 kamen im innersten Kasten zwei
Chinesisch lesen könne. Körnchen von Knochen des Buddha zu Tage. Die Inschrift
auf dem äußeren Deckel ist auf 616 datiert.
Ein sicherer Ort in Zeiten der Apokalypse Die Donnerklanghöhle ist einmalig in Ostasien, weil ihre
Er verließ sein Heimatkloster im heutigen Peking und grün- Wände, anders als die Pfeiler, keinerlei Bilder oder Skulp-
dete etwa 70 Kilometer südwestlich in einem Bergtal das turen tragen, sondern ausschließlich Sutrentexte. Jingwan
Wolkenheimkloster (chinesisch »Yunju Si«). Unweit davon verband damit zwei Traditionen zu einem neuen Format.
ließ er auf 400 Meter Höhe über dem Meeresspiegel Kam- Einerseits hatte es bereits gemeißelte Texte auf Wänden
mern für die Sutrensteine in den Fels hauen. Bis dort hinauf buddhistischer Kulthöhlen gegeben, die aber dort mit Skulp-
würden die apokalyptischen Fluten nicht reichen, und auch turen zu einem quasiikonografischen Programm zusammen-
die Orkane und das Flammeninferno der Endzeit könnten geschlossen waren. Eine erste derartige Meditationskammer
den Texten nichts anhaben. Felsdächer böten, so hoffte der wurde 560 in der Provinz Henan gebaut. Die andere Traditi-
Mönch, zudem Schutz vor den dann vom Himmel fallenden onslinie führte auf die rechteckigen Steinplatten der Akade-
Meteoriten. mie von Luoyang zurück, die Ende des 2. Jahrhunderts mit
Dieses Vorhaben sollte zum größten Inschriftenprojekt der staatlich sanktionierten Version der konfuzianischen
der Menschheitsgeschichte werden. Tausende Kolophone Klassiker versehen worden waren.
auf den Schrifttafeln mit den Sutren sowie Stelen aus dem Jingwan benutzte 147 Steinplatten, stellte sie aber nicht in
Kloster liefern Informationen über seinen Fortgang. Reihen auf wie in der Akademie, sondern ließ sie in die
Die erste Kammer, in der er Steintafeln deponierte, nann- Wände ein. Darauf standen zentrale Texte des Mahayana,
te Jingwan Donnerklanghöhle (siehe Bild S. 52 – 53). Ihr einer der Hauptrichtungen des Buddhismus. Mit etwa 70 000
annähernd viereckiger Grundriss misst zirka zehn mal elf Schriftzeichen nahm das »Lotus-Sutra« die größte Fläche
Meter. Vier achteckige Pfeiler bildeten in seiner Mitte ein ein; es behandelt grundlegende Aspekte des Lebens und der
Heiligtum, deren Seiten zierten insgesamt 1000 in Relief Organisation des Kosmos, insbesondere die Möglichkeit für

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16 55


LOTHAR LEDDEROSE

Vorübergehend wurden die Sutrensteine


in einem Speichergebäude des Wolken-
heimklosters gelagert, 1999 aber wieder
in einer Krypta verschlossen.

alle Lebewesen, letztendlich die Buddhaschaft zu erlangen. zuvor, im Jahr 612, war Kaiser Yang von Sui (regierte 604 –
Diverse andere Sutren füllten die Donnerklanghöhle, dort 617), Sohn des Kaisers Wen, mit einer gewaltigen Streit-
waren die wichtigsten Lehren des Buddha aufbewahrt. macht in die Gegend des Wolkenheimklosters gekommen
In einer außen neben der Tür eingelassenen Inschrift und hatte dort sein Feldlager aufgeschlagen, um Kräfte für
sprach Jingwan über seine Furcht vor dem bevorstehenden einen Feldzug gegen Korea zu sammeln. Die Kaiserin, eine
Weltuntergang: »Jetzt, im zweiten Jahr der Ära zhenguan gläubige Buddhistin, stiftete großzügig für Jingwans Unter-
sind wir bereits 75 Jahre lang in die Periode des Niedergangs nehmung und ermunterte die Höflinge, es ihr gleichzutun.
der Lehre eingetaucht.« Das entspricht dem Jahr 628; der Auch manch ein Soldat, den möglichen Tod auf dem
Mönch war also davon überzeugt, dass die Apokalypse Schlachtfeld vor Augen, mag in der Hoffnung auf eine gute
tatsächlich 553 begonnen hatte. Er fuhr fort: »Die Sonne des Wiedergeburt gespendet haben. Der Koreafeldzug brachte
Buddha ist bereits untergegangen, die finstere Nacht ist tief. dem Herrscher zwar verlustreiche Niederlagen und besiegel-
Mit Blindheit sind alle Lebewesen geschlagen und infolge- te das Ende seiner Dynastie, aber das Projekt des Wolken-
dessen ohne Führung. Um die wahren Lehren zu bewahren, heimklosters stand nun auf einer soliden finanziellen Basis.
hat Jingwan seine Schüler, seine Freunde und die, die gerne Vielleicht hatte der Mönch überhaupt erst den Mut zu seiner
Almosen geben, angeführt und ist zu diesem Berggipfel Unternehmung gefasst, als er vom Kommen des kaiserlichen
gegangen, um das Avatamsaka-Sutra und die anderen Texte Trosses erfuhr.
in den zwölf Abteilungen in Stein zu meißeln, in der Hoff-
nung, dass in einem fernen Weltzeitalter die Menschheit Neue Strategien für mehr Effizienz
gerettet werde und alle Mönche und Laien zusammen zur Nach Fertigstellung der Donnerklanghöhle meißelte der
wahren Erleuchtung aufsteigen mögen.« (Das Avatamsaka- Mönch neue Sutren in Steinplatten und verstaute diese in
Sutra behandelt unter anderem die holistische Weltsicht des acht weiteren Kammern. 625 war das Nirvana-Sutra fertig.
Buddhismus: Alles ist mit allem verbunden.) Die Steine hatte er nun auf beiden Seiten bemeißelt und
Die Erwähnung der Almosen erinnerte daran, dass ein auch nicht mehr in Wände eingelassen, sondern als Stelen
solches Projekt eine solide Finanzierung benötigt. Einige Zeit in einer Kammer aufgestellt. Eine Inschrift vor dem Eingang

56  Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16


informierte über den Inhalt, um Schatzsucher abzuhalten.
Die Sutrensteine zu lesen und zu kopieren, ja sogar sie für
Als der Weltuntergang nicht
diesen Zweck herauszunehmen, erlaubte Jingwan, sofern
sie genau an ihren ursprünglichen Platz zurückgebracht
eintrat, verschob man ihn
würden. ­einfach um 500 Jahre auf das
Anschließend nahm er das erwähnte Avatamsaka-Sutra
in Angriff, stapelte die Platten aber nur noch in den Kam-
Jahr 1053
mern, die mit schweren Steintoren verschlossen wurden.
Beim Blick durch die Türgitter erkannte man im Halbdunkel,
dass der Raum bis zum Rand mit Sutrensteinen gefüllt war. in hellen Scharen, und die Gebühren, mit denen sie die ihnen
Auch hierzu verfasste Jingwan 634 eine Inschrift, in der er verliehenen Weihen erkauften, deckten obendrein die ge-
noch einmal das nahende Ende beschwor: »In einem zukünf- samten Projektkosten.
tigen Zeitalter werden alle Mönche und Laien und das Drei Jahrzehnte später, 1125, wurde die Liao- von der
Banner der Lehre untergehen. Die sechs Existenzbereiche Jin-Dynastie besiegt. Schon 1117 hatten die Mönche aus
werden sich verfinstern, die Menschen werden kein Auge Furcht vor den Eroberern alle Steine im Klosterhof vergra-
der Weisheit mehr haben, um aus dieser schlimmen Zeit ben. Die neuen Herren jedoch zerstörten weder die Sutren-
herauszufinden. Wann immer ich an diese Dinge denke, steine noch gruben sie diese aus. Vielmehr veranlassten sie,
blutet mir das Herz vor Mitleid und Trauer. Nun habe ich auf im folgenden halben Jahrhundert noch einmal 5000 Platten
diesem Berg das ganze Avatamsaka-Sutra in Stein gemei- anzulegen und neben den anderen zu deponieren. Als das
ßelt, dass es auf ewig in dieser Felskammer erhalten bleibe Unternehmen um 1180 endgültig zum Stillstand kam, waren
und in den apokalyptischen Feuerstürmen nicht zerstört fast 15 000 Schriftträger mit insgesamt etwa 31 Millionen
werde, so dass in 1000 Jahren die Lampe der Weisheit Schriftzeichen gemeißelt worden. Es war das größte In-
weiter scheine, und nach 10 000 Generationen die Fackel der schriftenprojekt der Weltgeschichte.
Lehre noch ewig leuchte.«
Nach Jingwans Tod arbeiteten seine Nachfolger weiter, Ein neuer Aufbewahrungsort
zunächst allerdings, wie es scheint, ohne einen langfristigen 1957/58 wurden die Steine im Klostergelände ausgegraben.
Plan. Das änderte sich, als nach einem Jahrhundert die Die Konturen der Schriftzeichen waren klar zu sehen wie am
kaiserliche Großprinzessin Goldfee (689 – 732) dem Kloster ersten Tag. Man stellte die Platten auf Regalen auf wie
mehr als 4000 Schriftrollen des gerade fertig gestellten Bücher und gab ihnen auch Signaturen (siehe Bild links).
Kanons aller buddhistischen Texte stiftete. Der Kompilator, Doch schon vier Jahrzehnte später, am 9. 9. 1999, wurden
der gelehrte Mönch Zhisheng, brachte die Sutrenrollen in alle auf Betreiben der Buddhistischen Gesellschaft Chinas
hohem Alter persönlich von der Hauptstadt Chang’an (das wieder in einer Krypta versenkt.
heutige Xian) zum Wolkenheimkloster. Solange sie noch zugänglich gewesen waren, hatte man
Von nun an meißelten die Wolkenheim-Mönche sukzes­ auf vielen von ihnen Kolophone kopieren und studieren
sive die Texte dieses staatlich sanktionierten Kanons. Der können, die neben den heiligen Schriften eingemeißelt sind,
erste war das »Sutra von der vollkommenen Weisheit«; mit im Ganzen etwa 6000. Diese Paratexte und einige dutzend
600 Rollen und mehr als fünf Millionen Schriftzeichen war es historische Stelen, welche im Lauf der Jahrhunderte im
auch das längste. Die Arbeiten begannen im Jahr 741, genau Kloster aufgestellt wurden, sind die authentischsten Quellen
300 Jahre später wurde das letzte Kapitel beendet. Damals zur Geschichte des großen Meißelprojekts mit einer unge-
erwartete man wieder den Weltuntergang, denn als er nicht ahnten Detailfülle. Wir lesen darin von Mönchen und Äbten,
eingetreten war, hatte man ihn einfach um 500 Jahre auf das von Bauern und Beamten, von Höflingen und Kaisern, wir
Jahr 1053 verschoben. hören von ihrem Glaubenseifer und von ihren Ängsten, wir
Dabei hatten die Mönche nicht immer arbeiten können. erfahren Einzelheiten darüber, wie die Mönche das Meißeln
Eine erneute, noch radikalere Verfolgung in den Jahren der Steine finanzierten, wie ihr Unternehmen zum Pfand
844/45 hatte ihr Projekt zeitweise zum Erliegen gebracht. politischer Auseinandersetzungen wurde, und wir lernen,
Erst im 11. Jahrhundert wurde die Arbeit unter der Liao-­ wie sich die Gläubigen auf das Ende der Welt vorbereiteten.
Dynastie (907 – 1125) wieder aufgenommen. 1093 waren Die Auswertung all dieser faszinierenden Einblicke in eine
dann an die 5000 Steinplatten fertig. Da trat Großmeister chinesische Mikrogeschichte wird uns in Heidelberg noch
Tongli auf den Plan. Er organisierte die Massenproduktion. eine Weile in Atem halten. 
Dazu normierte er Größe, Format und Nummerierung der
Platten und zerlegte ihre Fertigung in standardisierte, paral-
QUELLEN
lele Arbeitsschritte.
Er beschäftigte Dutzende von Steinmetzen und konnte Ledderose, L.: Thunder Sound Cave – Leiyindong . In:
Wu Hong (Hg.): Between Han and Tang: Visual and Material
so innerhalb von nur zweieinhalb Jahren weitere 4080
Culture in a Transformative Period. Wenwu chubanshe, Peking
Sutrensteine herstellen lassen. Sie wurden nicht mehr auf 2004, S. 235 – 265
den Berg hinaufgeschleppt und in die ohnehin schon vollen
Ledderose, L.: Carving Sutras into Stone before the Catastro-
Höhlen gesteckt, sondern im Klosterhof gelagert. Zudem phe: The Inscription of 1118 at Cloud Dwelling Monastery near
errichtete Tongli eine Weihetribüne im Kloster und nahm Beijing. In: Proceedings of the British Academy 125, S. 381 –
dort die Gelübde von Gläubigen entgegen. Die Leute kamen 454, 2004

Spektrum SPEZIAL Archäologie Geschichte Kultur 3.16 57


ISLAM
DIE 99 NAMEN
GOTTES

BPK / THE METROPOLITAN MUSEUM OF ART (INV.-NR. 1975.192.20)


Anders als das Juden- und Christentum
kennen Muslime zahlreiche Namen für den
einen Gott. Sie rezitieren sie nicht nur im
Gebet, sondern schreiben sie auch auf
Amulette, um Hilfe und Segen zu erbitten.
 spektrum.de/artikel/1422034

Die Islam-, Geschichts- und Politikwissenschaft-


lerin Sarah Kiyanrad forschte im Teilprojekt
»Kontinuität und Wandel in der Verwendung
materieller magischer Zeichen in Iran im Span-
nungsfeld von Antike und islamischer Epoche«
des Heidelberger Sonderforschungsbereichs.


»Name ist Schall und Rauch« ließ Johann Wolfgang
von Goethe seinen Faust auf die Frage antworten, ob er
an Gott glaube. Dass er sich irrte, behauptet ein Mär-
chen aus der Sammlung der Brüder Grimm: Die Kenntnis
des Namens befreit die Königin von der Verpflichtung,
Rumpelstilzchen ihr Kind zu geben. Und gelang es Odysseus
nicht, sich durch eine gewiefte Umbenennung in »Niemand«
vor dem Zyklopen zu retten? Für Sigmund Freud, den Vater
der Psychoanalyse, erfasst der Name sogar ein Stück der
Seele eines Menschen. Demgemäß ist die Vorstellung in
vielen Religionen und Glaubenssystemen verbreitet, man
könne Gottheiten oder Mächte mit ihrem Namen um Bei-
stand anrufen oder gar ihre Eigenschaften auf sich übertra-
gen. Dass die angerufenen Mächte sich nicht immer gerne
auf diese Weise zum Werkzeug menschlichen Willens
machen lassen wollen, zeigt etwa das 2. Buch Mose: Als
Moses Gott bittet, ihm seinen Namen zu nennen, lehnt
dieser ab.
Auch im Islam haben Gottesnamen eine herausragende
Bedeutung: Die Sure VII des Korans ermuntert die Gläubigen
dazu, Allah mit seinem Namen anzurufen: »Und Gott stehen
all die schönen Namen zu. Ruft ihn damit an.« Die islamische
Tradition geht von 99 Gottesnamen aus, im Arabischen Mit geschnitzten Holzblöcken ließ sich Papier
»al-asmâ al-husnâ« (die schönen Namen) genannt, die sich rasch mit Koranversen und Gottesnamen
dem Koran und den Hadithsammlungen, den Überliefe- bedrucken (Ägypten, 11. – 12. Jahrhundert).

58  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Gottes 99 Aspekte rungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten
Mohammed, entnehmen lassen. Weiter heißt es dort auch,
wer alle 99 Namen vollständig rezitiere oder memoriere,
1. ar-Rahman – der Erbarmer
dem sei der Weg ins Paradies geebnet. Dies machte sie zu
2. ar-Rahîm – der Barmherzige einem »Text«, der den religiösen Wert von Artefakten zu
3. al-Malik – der König steigern vermochte. Während sich bislang hauptsächlich die
4. al-Quddûs – der Heilige Islamische Kunstgeschichte für Artefakte und die Islamwis-
5. as-Salâm – der Frieden senschaft für Texte aus der islamisch geprägten Welt verant-
6. al-Mumin – der Wahrer der Sicherheit wortlich fühlen, rückt der neue Ansatz des Sonderfor-
schungsbereichs »Materiale Textkulturen« insbesondere
7. al-Muhaimin – der Beschützer
schrifttragende Objekte als Schnittmenge beider Disziplinen
8. al-Azîz – der Ehrwürdige
in den Fokus. Diese sollen nicht nur auf ihre materialen
9. al-Dschabbâr – der Kräftige Eigenschaften hin untersucht werden, sondern auch darauf-
10. al-Mutakabbir – der Stolze hin, in welche Netzwerke sie eingebunden waren – und wie
11. al-Khâliq – der Schöpfer sie sich zur Überlieferung der schriftlichen Quellen verhalten.
12. al-Bâri – der Schaffende Das erlaubt Fragen. Auf welche Weise materialisierten sich
die Gottesnamen? Und welche Rolle spielten diese schrift-
13. al-Musawwir – der Formende
tragenden Objekte im Alltag der Gläubigen?
14. al-Ghaffâr – der Verzeihende
15. al-Qahhâr – der Bezwinger Perle für Perle zu Gott
16. al-Wahhâb – der Verleihende Tatsächlich gehen bestimmte Artefakte eine so enge Bezie-
17. ar-Razzâq – der Versorgende hung mit den Gottesnamen ein, dass es nicht einmal mehr
18. al-Fattâh – der Öffnende der physischen Beschriftung bedarf, um sie präsent werden
19. al-Alîm – der Wissende zu lassen. Ein Beispiel hierfür sind Gebetsketten (arabisch
»misbaha«, oft auch »tasbîh«): Traditionell bestehen sie aus
20. al-Qâbid – der die Gaben Zurückhaltende
99 Perlen und symbolisieren damit die besagten Gottes-
21. al-Bâsit – der die Gaben Spendende
namen; es kommen auch Varianten mit 33 Perlen vor. Zur
22. al-Hâfid – der Erniedrigende Rezitation lässt man sie der Reihe nach durch die Finger
23. ar-Râfi – der Erhöhende gleiten, bei 33-gliedrigen Ketten dreimal hintereinander.
24. al-Muizz – der Ehrende In manchen Gebetsketten sind die Perlen mit den Gottes-
25. al-Mudill – der Demütigende namen beschriftet, doch meist kommen sie ohne aus –
die Zeichen werden mitgedacht.
26. as-Samî – der Hörende
Während heute Plastikperlen verbreitet sind (siehe Bild
27. al-Basîr – der Sehende
S. 60), war das Material über lange Zeit von besonderer
28. al-Hakam – der Richter Bedeutung. Als Souvenir von einer Pilgerreise brachte man
29. al-Adl – der Gerechte gerne Rosenkränze mit nach Hause, die aus Ton gefertigt
30. al-Latîf – der Feinfühlige waren, der wiederum aus der Erde heiliger Stätten stammte.
31. al-Khabîr – der Kundige Auch die Kerne von Datteln erfreuten sich großer Beliebt-
32. al-Halîm – der Nachsichtige
heit. Diese Frucht war nicht nur ein wichtiger Energieliefe-

33. al-Azîm – der Erhabene


34. al-Ghafûr – der Verzeihende
35. asch-Schakûr – der Dankbare AUF EINEN BLICK
36. al-Alî – der Hohe MIT GOTTES HILFE
37. al-Kabîr – der Große
38. al-Hafîz – der Bewahrer
39. al-Muqît – der Ernährende
1  er Koran erwähnt die Existenz der »schönen Namen
D
Gottes«; die von Rechtsgelehrten verfassten Schriften
überliefern eine Zahl von 99.
40. al-Hasîb – der Berechnende
41. al-Dschalîl – der Prächtige
42. al-Karîm – der Großzügige 2  iese Gottesnamen werden bei Anrufungen, in der
D
Meditation, aber auch als Beschriftung von Amuletten
verwendet.
43. ar-Raqîb – der Wachsame

3
44. al-Mudschîb – der Erhörende  nabhängig vom Material des Schriftträgers galten
U
45. al-Wâsi – der Weite solche Amulette als wirkungsvoll. Auch mit den Gottes-
46. al-Hakîm – der Weise namen bedrucktes Papier sollte unter anderem helfen,
sehnliche Wünsche zu erfüllen und diverse Krankheiten
47. al-Wadûd – der Liebevolle
zu heilen.
48. al-Madschîd – der Glorreiche
49. al-Bâi – der Auferwecker

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 59


Wie in anderen Religi-
onen dienen Gebets-
ketten auch im Islam
der frommen Kontem-
plation. Ein musli-
mischer Rosenkranz
(arabisch »misbaha«)
besitzt 33 oder 99
Perlen, heutzutage
meist aus Plastik, die
für die Namen Allahs
GETTY IMAGES / AFP / TARIK TINAZAY

stehen. Das Foto zeigt


einen Rosenkranzver-
käufer in der tür-
kischen Stadt Konya.

rant für Wüstenbewohner, sie findet auch im Koran Erwäh- erhaltenen Amuletten finden sich aber meist gleich mehrere
nung. Gemäß den Hadithen empfiehlt Mohammed, jeden Gottesnamen, oft sogar alle 99. Gerade solche waren also
Morgen sieben Datteln zu verspeisen, um sich vor Zauber zu universell für fast jedes Anliegen einsetzbar, sei es, um die
schützen. Datteln dienen überdies traditionell zum Fasten- Liebe eines Menschen oder die Gunst eines Herrschers zu
brechen während des Monats Ramadan. gewinnen, sei es, um einen Schatz zu finden, sich gegen
Wie nur wenige andere Artefakte symbolisieren Rosen- Skorpione zu schützen oder einen Kinderwunsch zu erfüllen.
kränze Frömmigkeit und Gottergebenheit; aus diesem Grund Während nur wenige Amulette aus der Anfangszeit des
ließen sich Regenten wie der Mogulherrscher Akbar Islams, also dem 7. und 8. Jahrhundert, erhalten sind,
(1542 – 1605) vermutlich mit solchen Devotionalien abbilden. ­verbessert sich die Fundlage für die Zeit danach. Ob derglei-
Sufis hingegen suchten durch unablässige, mantrische chen in der Frühzeit wenig gebräuchlich war oder die
Wiederholung der Gottesnamen, die Grenzen der physischen ­Objekte nur nicht mehr erhalten sind, lässt sich schwerlich
Welt zu überschreiten und die vermeintliche Trennung von sagen.
Gott aufzuheben. Amulette konnten aus diversen Materialien und in unter-
Neben Gebet und Mantra existieren auch religiöse Prak- schiedlichen Formaten hergestellt werden. So halten
tiken und Rituale, bei denen die Gottesnamen eine andere ­Forscher auch manche Siegelringe für Amulette, weil ihre
Rolle spielen. Zum Beispiel nutzt der Volksglaube Rosenkrän- Inschrift nicht spiegelverkehrt ist: Ihr Abdruck wäre also
ze mit beschrifteten Perlen mancherorts als Orakel (was nicht unmittelbar lesbar gewesen. Allerdings tragen diese
Gelehrte allerdings ablehnen): So mag man Gott eine Frage speziellen Artefakte oftmals dieselben Formeln und beste-
stellen, deren Antwort sich nach einer bestimmten Gebets- hen aus denselben Materialien wie spiegelverkehrt gravierte
reihe dann aus jenem Namen erschließt, bei dem das Gebet Siegel. Daher ist nicht einfach zu beurteilen, ob derartige
endet. Eigenheiten überhaupt eine Aussage über die Verwendung
Besonders beliebt waren und sind Amulette, wie man erlauben; zudem mag es Artefakte mit Doppelfunktion
sie unter anderem bei Heilungsritualen einsetzt. Zwar sind gegeben haben.
solche Objekte laut den Hadithsammlungen eigentlich Diese Ringe bestehen in aller Regel aus Silber – Gold ist
verboten, dennoch gilt dann eine Ausnahme, wenn sie im Islam theoretisch dem Paradies vorbehalten – und
Koransuren und -verse tragen – und abgeleitet davon auch einem gravierten Edelstein. Schon Mohammed soll einen
die in den heiligen Schriften erwähnten Gottesnamen. solchen Ring besessen haben, mit einiger Sicherheit trug er
Schließlich ist von Mohammed der Ausspruch überliefert: einen Achat. Die Art des Edelsteins konnte zur Wirkung
»Ihr habt zwei Heilmittel: Honig und den Koran.« Tatsächlich eines Amuletts beitragen, der Achat etwa diente dank seines
spielten Amulette gerade im Bereich der Heilung von Krank- natürlichen Streifenmusters, das an eine Iris erinnert, unter
heiten eine bedeutende Rolle – vermittelt durch Gott. anderem der Abwehr des bösen Blicks. So ist ein nur 4 mal
2,8 Zentimeter großer Quarzstein (eventuell Achat) aus
Rettung für den Hungernden dem Iran des 18. / 19. Jahrhunderts mit den 99 Gottesnamen
Detailliert berichtete der 1225 verstorbene ägyptische Gelehr- inskribiert. Indes kennen Forscher nur vergleichsweise
te al-Bûnî über die Verwendung solcher Artefakte. Er be- wenige Siegelringe, die mit den oder einem bestimmten
schrieb für jeden einzelnen der Gottesnamen (sowie den Gottesnamen beschriftet sind. Sie sind aber im Rahmen
Gebrauch von allen 99), welchen Nutzen er den Gläubigen bestimmter Formeln oder Umschreibungen belegt; zu den
jeweils biete und wie er zu gebrauchen sei; mitunter er- beliebten Texten auf Siegelringen zählt beispielsweise »Gott
schließt sich dabei ein unmittelbarer Zusammenhang zwi- genügt mir«. Möglicherweise wurden solche Preziosen auch
schen der Bedeutung des jeweiligen Namens und seiner Verstorbenen ins Grab beigegeben.
Wirkung. Wem es beispielsweise an Nahrung mangele, dem Weitaus häufiger finden sich die 99 Gottesnamen auf
empfahl er »ar-Razzâq«, zu Deutsch »der Versorger«. Auf den bedruckten Papieramuletten, die dann regelmäßig in einer

60  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


50. asch-Schahîd – der Zeuge Metallhülle – zumeist aus Silber – um Hals oder Arm getra-
51. al-Haqq – der Wahre gen wurden. Diese Artefakte sind insbesondere deshalb
52. al-Wakîl – der Vertrauenswürdige spannend, weil Papier ein ganz neuer Beschreibstoff war. Im
8. und 9. Jahrhundert verbreitete sich in der islamisch
53. al-Qawwî – der Starke
geprägten Welt zudem die Technik, mit Holzblöcken darauf
54. al-Matîn – der Beständige
zu drucken. Auf diese Weise konnten Amulette relativ güns­
55. al-Walî – der Schützende tig in hoher Stückzahl hergestellt werden, ohne bei jedem
56. al-Hamîd – der Preiswürdige einzelnen Artefakt auf die Arbeit der Schreiber angewiesen
57. al-Muhsî – der Aufzeichnende zu sein.
58. al-Mubdi – der Beginnende
Eine neue Technik gibt
59. al-Muîd – der Wiederholende
Händlern mehr Kompetenz
60. al-Muhyî – der Lebensspender Hinzu kommt, dass die Herstellung von Amuletten – zumin-
61. al-Mumît – der Tötende dest laut literarischen Quellen – in ein ganzes Set von Prak-
62. al-Hayy – der Lebendige tiken eingebunden war. Dazu gehörten etwa die Wahl einer
63. al-Qayyûm – der Stehende bestimmten Zeit, gegebenenfalls einer astrologischen
Konstellation, oder auch die Verwendung spezieller Ingredi-
64. al-Wâdschid – der Bekommende
enzien für die Tinte und, laut mancher Beschreibungen,
65. al-Mâdschid – der Ruhmvolle
sogar Räucherungen. Zwar lässt sich schwerlich nachwei-
66. al-Wâhid – der Eine sen, was davon wirklich in die Praxis umgesetzt wurde,
67. al-Ahad – der Einzige entscheidender wird jedoch sein, dass die Vereinfachung
68. as-Samad – der Unabhängige der Amulettherstellung durch den Wegfall der Handschrift-
lichkeit von den Händen der Gelehrten in die Hände von
69. al-Qâdir – der Mächtige
Basarleuten überging. Damit entfiel vermutlich der kom-
70. al-Muqtadir – der Allesvermögende
plexe rituelle Kontext.
71. al-Muqaddim – der Voranstellende All dies erregte zu Beginn wohl eher Unmut in Teilen der
72. al-Muakhkhir – der Aufschiebende religiösen Elite und ist damit ein Beispiel für die Rückwir-
73. al-Awwal – der Erste kung materialer Textkultur auf gesellschaftliche Wirklichkeit
74. al-Akhir – der Letzte und Diskurse. Bislang sind fast ausschließlich Amulettrollen
und keine anderen Schriften entdeckt wurden, die mit Hilfe
75. az-Zâhir – der Offenbare
dieser Technik hergestellt wurden.
76. al-Bâtin – der Verborgene Es gibt noch zahlreiche andere Beispiele für Artefakte, die
77. al-Wâlî – der Herrscher mit Gottesnamen beschrieben wurden: etwa Fliesen, Stan-
78. al-Mutaâlî – der Hohe darten und Gebäudefassaden. Bis heute haben sie in der
79. al-Barr – der Gute Vorstellung gläubiger Muslime wenig von der ihnen zuge-
schriebenen Kraft verloren und lassen sich nicht nur in
80. at-Tawwâb – der Verzeihende
jahrhundertealter Kunst aufspüren, sondern haben ihren
81. al-Muntaqim – der Vergelter
Weg auch in die moderne Popkultur gefunden. So existiert
82. al-Afuww – der Vergebende ein von Nâif al-Mutawa aus Kuweit erfundener, inzwischen
83. ar-Raûf – der Mitleidende auch als Animationsserie umgesetzter Comic »Die 99«, in
84. Mâlik al-Mulk – der königliche Souverän dem Jugendliche aus aller Welt unabhängig voneinander
jeweils einen von insgesamt 99 Steinen finden, die das
85. Dhû-l-dschalâl wa-l-ikrâm – der Majestät und Ehre Besitzende
Wissen der 1258 beim Einfall der Mongolen zerstörten
86. al-Muqsit – der Richtende
Bibliothek Bagdads in sich versammeln. Und diese Steine
87. al-Dschâmi – der Versammelnde verleihen den Jugendlichen besondere, mit dem Namen
88. al-Ghanî – der Reiche assoziierte Fähigkeiten. 
89. al-Mughnî – der Verleiher von Reichtum
90. al-Mâni – der Hindernde QUELLEN
91. ad-Dârr – der Schadende El-Gawhary, M. M.: Die Gottesnamen im magischen Gebrauch in den
92. an-Nâfi – der Vorteil Gebende al-Buni zugeschriebenen Werken. Inaugural-Dissertation zur Erlangung
der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen
93. an-Nûr – das Licht
Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, 1968
94. al-Hâdî – der Leitende
Enderwitz, S.: The 99: Islamic Superheroes – A New Species? In:
95. al-Badî – der Schöpfer des Neuen Brosius C., Wenzlhuemer, R. (Hg.): Transcultural Turbulences. Inter­
96. al-Bâqî – der Bleibende disciplinary Explorations of Flows of Images and Media. Springer,
Wien/Heidelberg 2011, S. 83 – 96
97. al-Wârith – der Erbe
Schaefer, K. R.: Enigmatic Charms. Medieval Arabic Block Printed
98. ar-Raschîd – der Führende
Amulets in American and European Libraries and Museums. Brill,
99. as-Sabûr – der Geduldige Leiden 2006

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 61


ÖSTERREICHISCHE NATIONALBIBLIOTHEK, WIEN (COD.1861, FOL. 67V)

Mit den Worten »Quid gloriaris in malitia qui potens es iniquitate«, »Was rühmst du dich der Bosheit, du Tyrann
des Ungerechten«, beginnt der 52. Psalm, den der junge David gedichtet haben soll, als er vom eifersüchtigen
König Saul verfolgt wurde. In einem von Karl dem Großen in Auftrag gegebenen Psalter gestaltete der Schreiber
Dagulf diese Anfangsworte oppulent auf einer Zierseite. Dort wie auch im gesamten Text verwendete er eine
Goldtinte – der nach ihm benannte Psalter ist eine der kostbarsten Handschriften des frühen Mittelalters.

62  Spektrum SPEZIAL


SPEZIAL  Archäologie
Archäologie Geschichte
Geschichte Kultur 3.16
Kultur 3.16
BIBEL
GOLDENE
BUCHSTABEN,
GOLDENE
WORTE
Im Mittelalter wurden die Bücher der
Heiligen Schrift oftmals mit Gold, Silber,
Elfenbein, Perlen und Edelsteinen ge­
schmückt. Die Pracht diente der Ehre
Gottes und bürgte für die Authentizität
der Texte.

Der promovierte Kunsthistoriker Tobias Frese ist Akade­


mischer Rat am Lehrstuhl für mittelalterliche Kunstge­
schichte. Er leitet das Teilprojekt »Schrift und Schriftzei­
chen am und im mittelalterlichen Kunstwerk«.

 spektrum.de/artikel/1422035
ÖSTERREICHISCHE NATIONALBIBLIOTHEK, WIEN (COD.1861, FOL. 68R)

AUF EINEN BLICK


HEILIGENDES GOLD

1  er prachtvoll gestaltete »Goldene Psalter« aus dem 8. Jahr­


D
hundert gilt als beispielhaftes Zeugnis einer kultischen Vereh­
rung heiliger Schriften.

2  ür Kleriker wie Laien war die Materialpracht eines Text­


F
korpus ein Indiz für dessen Echtheit und damit auch für seine
Wirkkraft. Der jeweilige großzügige Stifter erwies in den
Augen seiner Zeitgenossen zudem seine fromme Gesinnung.

3 Im 12. Jahrhundert kritisierten Reformmönche wie die Zister­


zienser solchen Aufwand als verschwenderisch und un­
christlich. Diese Spannung zwischen Bewunderung und
Verachtung blieb im Mittelalter jedoch ungelöst.

Spektrum SPEZIAL 
SPEZIAL Archäologie Geschichte  Kultur 3.16 63
Archäologie  Geschichte

Im Christentum spielt das geschriebene Wort – wie in Juda«. Und im Widmungsgedicht heißt es dazu: »Geheim­
allen monotheistischen Buchreligionen – seit jeher eine nisvoll, mit siebenfachem Siegel versperrt wären diese
zentrale Rolle. Denn die Heilige Schrift berichtet nicht Lieder geblieben, hätte sie Christus als Gott nicht erschlos­
nur von göttlichen Taten und vermittelt eine himmlische sen«. In diesem Verständnis repräsentierte auch ein Psalter
Botschaft, sondern gilt als das Gotteswort selbst. So wun­ das Wort Gottes, galt entsprechend als verehrungswürdig
dert es nicht, dass die Bibel bereits im frühen Mittelalter und erfüllte, besonders im Fall des »Goldenen Psalters«, die
höchste Aufmerksamkeit erfuhr und sogar als Kultobjekt Kriterien für ein christliches Kultobjekt im engeren Sinn.
verehrt wurde: In der Messe ehrerbietig behandelt, vom Des ungeachtet existierte in karolingischer Zeit aber
Klerus geküsst, nur mit verhüllten Händen berührt, hat man auch ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein dafür, welche
sie auf dem Altar regelrecht inszeniert. Sie wurde in Prozes­ geschichtlichen und medialen Bedingungen eine derartige
sionen vorangetragen und symbolisierte die Gegenwart Schrift beeinflussen konnten. Davon zeugen insbesondere
des göttlichen Logos. Es lässt sich geradezu von einem die Reliefs der beiden erhaltenen Elfenbeintafeln, die ur­
christlichen Bücherkult sprechen, der in Konkurrenz zum sprünglich den Einband des Psalters schmückten und seine
heidnischen Kultbild trat und dieses schließlich ablöste. Entstehungsgeschichte erzählten (siehe Bilder rechts; heute
Wie pagane Skulpturen wurde auch die Bibel nicht im Louvre, Paris).
selten mit kostbaren Materialien wie Gold, Elfenbein und Die linke Tafel zeigt in zwei Feldern König David, wie er
Edel­steinen geschmückt. Besonders prachtvolle, zumeist Schreibern Anweisungen zum Abfassen der Psalmen erteilt
von Herrschern gestiftete Exemplare präsentierten sogar und wie er Harfe spielend den geistlichen Gesang mit
den Text in goldener Schrift. Ein prominentes Beispiel ist seinem Chor aufführt. Am Anfang der Psalmen, so könnte
die als »Goldener Psalter« bekannte Psalmensammlung. man die Bildaussage zusammenfassen, stand das leben­
Ende des 8. Jahrhunderts hatte Karl der Große sie bei dige Wort, dessen schriftliche Fixierung aber stets vorge­
einem Schreiber namens Dagulf in Auftrag gegeben. Der sehen war. So handelt es sich wohl um keinen Zufall, dass
Psalter war als Geschenk für den damaligen Papst Hadrian die abgebildeten Schreiber Wachstafeln und Griffel präsen­
gedacht; heute befindet er sich in der Österreichischen tieren. Offensichtlich sollte hier bewusst der Blick auf ein
Nationalbibliothek in Wien. Medium gelenkt werden, das einerseits eine – wenn auch
Auch bei diesem Werk wurde bildmächtig inszeniert. So flüchtige – Schriftüberlieferung gewährleistete, anderseits
ziert den Beginn des 52. Psalms (siehe Bild S. 62/63) eine in engster Verbindung mit der vergangenen Epoche des
prächtige Q-Initiale (»Quid gloriaris«, deutsch »Was rühmst Alten Testaments gesehen wurde.
du dich«), und die Anfangsworte hat der Schreiber in eine
gerahmte und aufwändig gestaltete Zierseite gestellt. Rechts Von der Schreibtafel zum Kodex
davon setzt sich der Psalmentext in gut lesbaren Kleinbuch­ Der Zeit- und Medienaspekt tritt noch deutlicher hervor,
staben, der so genannten karolingischen Minuskel, fort. wirft man einen Blick auf die rechte Tafel; sie hat die Über­
Dass Dagulf nicht nur die Anfangsbuchstaben, sondern setzung der Psalmen ins Lateinische durch den Kirchenvater
den gesamten Text in Goldtinte schrieb, war zu dieser Zeit Hieronymus zum Thema. Ihr oberes Bildfeld zeigt die Über­
derartig ungewöhnlich, dass er es im Widmungsgedicht am gabe einer mit Bändern verschlossenen Schriftrolle; darun­
Beginn der Handschrift eigens kommentierte: »Goldene ter die Anfertigung einer Handschrift in Buchform. Die
Buchstaben malen die Gesänge Davids, es ziemt sich, dass Aufgaben der Protagonisten sind wieder klar verteilt: Hiero­
derartige Lieder so schön verziert werden. Goldene Worte nymus sitzt auf einer Bank, hält einen geschlossenen Kodex
ertönen, sie verheißen goldene Reiche und besingen ein in der Hand und diktiert. Ein Mönch hockt daneben und
Gut, das endlos währen wird.« schreibt das Gehörte in einem geöffneten Kodex nieder.
Auch hier wurde die mündliche Kommunikation gegenüber

»Mit siebenfachem Siegel der schriftlichen Fixierung als zeitlich vorgängig und hierar­
chisch übergeordnet dargestellt.
versperrt wären diese Lieder Zudem entsteht der Eindruck, dass die Elfenbeintafel die
Geschichte des Psalters als eine Geschichte des Medien­
geblieben, hätte sie Christus wandels präsentiert: Von der Schreibtafel über die Schrift­

als Gott nicht erschlossen« rolle zum Kodex. Dieser Übergang wird hier aber keinesfalls
im Sinn einer bruchlosen, kontinuierlichen Schrifttradition
verstanden, sondern im Gegenteil als Geschichte einer
Dies liest sich geradezu wie eine didaktische Anleitung mühsamen Restaurierung. Dies deutet das Widmungsge­
zum Verständnis des »Goldenen Psalters«. Demzufolge war dicht ebenfalls an, in dem – einmalig in der Buchkunst des
die Materialpracht der Schrift durch die Kostbarkeit der frühen Mittelalters – auch die Bilder der Elfenbeindeckel
Lieder begründet, die man gemäß der Überlieferung König kommentiert wurden: »Passend werden sie [die Psalmen]
David zuschrieb. Wobei man davon ausging, dieser habe schön geschmückt mit Tafeln aus Elfenbein, die eine be­
die Gesänge aus göttlicher Offenbarung empfangen, wie gabte Hand wunderbar geschnitzt hat. Auf ihnen ist die
ein nochmaliger Blick auf die erwähnte Doppelseite deut­ Herkunft des Psalters abgebildet und wie der weise spre­
lich macht. So ist unmittelbar vor Beginn des 52. Psalms, in chende König selbst im Chor singt und wie die Schönheit
der rechten oberen Ecke der gerahmten Zierseite, die einst zurückkehrte nach Beseitigung der Dornen, was
Angabe zu lesen: »Vox xpi de iuda« – »Stimme Christi von durch den wachsamen Eifer eines Mannes geschah.«

64  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Von Gott inspiriert soll
David einen Großteil der
alttestamentlichen Psal­
men verfasst haben, die er
selbst, Harfe spielend, mit
einem Chor zu Gehör
brachte. In späterer Zeit
übersetzte der Kirchen­
vater Hieronymus die
Gebete und Gesänge ins
Lateinische. Die beiden
Elfenbeintafeln, die einst
den Einband des Dagulf-
Psalters zierten, erzählten
dessen mediale Geschich­
te und stellten den Psalter
selbst in eine auf David
zurückgehende Tradition.
AKG IMAGES / ERICH LESSING (MS. 1861, UM 790; PARIS, MUSÉE DU LOUVRE)

Die Botschaft dieser Passage war im 8. Jahrhundert chen der alttestamentlichen Königswürde. Diese Konstalla­
leichter zu verstehen als heute und barg zudem politische tion bezog nicht nur Anfang und Ende der Schrifttradition
Brisanz, da nicht nur eine Psalterversion kursierte: Hierony­ in subtiler Weise aufeinander. Sie suggerierte auch, dass
mus selbst hatte im 4. Jahrhundert zwei Übersetzungen sich die erstmalige Niederschrift auf Wachstafeln durch
angefertigt, die beide Verbreitung fanden. So gibt der David mit der Überführung ins Buchformat auf legitime
»Goldene Psalter« des Dagulf die im Frankenreich ge­ Weise wiederholte, ja ihre eigentliche Erfüllung fand. Nach
bräuchliche zweite Fassung wieder, den »Gallischen Psal­ einer Zeit der Schriftverfälschung, in welcher der wahre
ter«, während im päpstlichen Rom die erste Fassung als Text der Psalmen verborgen war – wohl durch die versie­
kanonisch galt, der »Römische Psalter«. Erst vor diesem gelte Schriftrolle symbolisiert – wurde er schließlich wieder
Hintergrund wird die Rede von den Dornen, die »durch den enthüllt. Nun endlich hatte der weit geöffnete Kodex seinen
wachsamen Eifer eines Mannes« beseitigt wurden, ver­ angestammten Platz auf dem prächtigen Löwenständer
ständlich: Gemeint waren Verunreinigungen, Fehler und gefunden: Statt königlichen Salböls, des kultischen Requi­
Missverständnisse, die sich im Lauf der Zeiten in den sits des Alten Bundes, ruht darauf nun die Schrift gewor­
Psalmentext eingeschlichen und letztlich den originalen dene »Vox Christi«, die Buch gewordene Stimme Gottes.
Wortlaut verfälscht hätten. Dagulf ließ keinen Zweifel daran Interessant ist, dass Dagulf im Widmungsgedicht von der
aufkommen, dass der »Goldene Psalter« die einzig richtige Schönheit sprach, die wiedergekehrt sei, wobei er eigent­
Version mit dem authentischen Wortlaut beinhalte. lich den restaurierten Ursprungszustand des Textes meinte.
Auf den Elfenbeinreliefs wird dies anschaulich vor Au­ So drängt sich der Eindruck auf, dass sich dessen Authen­
gen geführt: Das geöffnete Buch, in das Hieronymus dik­ tizität nach karolingischem Verständnis vor allem in seiner
tiert, ruht auf einem Schreibpult, das in auffälliger Weise ästhetischen Vollkommenheit erwies. Von daher war es nur
demjenigen Ständer ähnelt, der in der oberen David-Szene folgerichtig, dass der Schreiber betonte, es »zieme sich«,
zu sehen ist. Der detailliert ausgearbeitete Dreifuß mit derartige Lieder so schön zu »verzieren«. Form und Material
Löwenklauen nimmt auch genau die gleiche Position in der der Buchstaben, so die implizite Botschaft, seien Anzeichen
Mitte ein, nur dass auf der oberen Platte kein Kodex, son­ für die Echtheit und bürgten zugleich für die Heiligkeit einer
dern ein Gefäß steht – wahrscheinlich ein Salbgefäß als Zei­ Schrift, die das Wort Gottes repräsentierte.

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 65


Dieser Vorstellungszusammenhang wirft ein bezeich­
nendes Licht sowohl auf die Bemühungen um Text- und
Schriftpflege in karolingischer Zeit als auch auf den Status
des frühmittelalterlichen Kultbuchs im Allgemeinen. So war
die Heiligkeit der verbreiteten Werke offensichtlich stets
gefährdet, prinzipiell zweifelhaft und musste durch unab­
lässige philologische Bemühungen aufrechterhalten sowie
durch historische Belege und theologische Argumentati­
onen verifiziert werden. Selbst ein Heiliger wie Hieronymus
konnte sich irren und war gehalten, seine eigenen Schriften
im »wachsamen Eifer« zu korrigieren.
Als Indiz für die Heiligkeit eines Buchs galt nicht zuletzt
die aufgewandte Mühe und Sorgfalt, der Grad an ästhe­
tischer Vollendung und die Kostbarkeit seiner Materialien –
kurz: die Schönheit der Handschrift. Der Einsatz wertvoller
Metalle und Edelsteine verwies dabei auf die fromme
Gesinnung des Stifters, der an die Echtheit des Textes
glaubte und weder Mühen noch Kosten gescheut hatte.
Seine Verehrung und Devotion manifestierte sich am
Prunkkodex gleichsam in materialisierter Form.

AKG IMAGES / THE NATIONAL GALLERY, LONDON (MEISTER DES HL. ÄGIDIUS: MESSE IN ST. DENIS, 15. JH.)
Umgekehrt wurde Frömmigkeit aber auch durch die
Betrachtung der edlen Materialien angeregt. So heißt es in
dem Widmungsgedicht des ebenfalls von Karl dem Großen
bei einem Schreiber namens Godescalc in Auftrag gege­
benen Evangelistars (einer Sammlung von Texten aus dem
Neuen Testament): »Die goldenen Buchstaben werden auf
purpurnen Blättern geschrieben. Sie verkünden die durch
das rosenfarbige Blut des Donnerers eröffneten glänzenden
Länder des sterntragenden Himmels und die Himmels­
freuden. Die helle Jungfräulichkeit, teuer den Bewohnern
der Himmel, treibt durch den Schein des goldgelben Goldes
dazu an, sie in Besitz zu halten. So führt die mit wertvollen
Metallen geschriebene Lehre diejenigen zu den hellen
Höfen des lichtfließenden Reiches, die dem Licht des
Evangeliums mit gutem Herzen folgen.«

Zu den hellen Höfen des lichtfließenden Reiches Goldbeschläge, Edelsteine und andere Preziosen
Bemerkenswert an diesem Gedicht ist, dass es die Gold­ schmückten seit ältester Zeit die Altarverkleidung in
buchstaben nicht nur in ihrem Symbolwert würdigt und der Abteikirche von Saint-Denis, wie das Gemälde
deutet, sondern das Metall als integralen Bestandteil der illustriert. Gott mit solcher Pracht zu ehren, galt als
Heiligen Schrift und als aktiven Vermittler des Göttlichen Ausdruck von Gläubigkeit und Ehrerbietung. Die
versteht. So scheint das Gold selbst in seiner spezifischen Zisterzienser sahen darin hingegen einen im Sinn des
Qualität den Himmel zu »verkünden«; durch den »gold­ klösterlichen Armuts­gebotes nicht gerechtfertigten
gelben Schein« der Buchstaben wird der Gläubige ferner Luxus.
»angetrieben«, die Jungfräulichkeit zu bewahren. Die Lehre
des Evangeliums führt den Christen erst mit Hilfe der »wert­
vollen Metalle« zu den »hellen Höfen des lichtfließenden 12. Jahrhundert notierte etwa Suger, Abt der berühmten
Reiches«. Insgesamt ist festzustellen, dass Godescalc in Königsabtei von Saint-Denis, dass er für die Renovierung
seinem Gedicht geradezu eine Symbiose von Text, Erschei­ des goldenen Hauptaltars alle möglichen Edelsteine beige­
nungsform, Bedeutung und Wirkkraft proklamierte. Diese steuert habe (siehe Bild oben). Zudem habe er Inschriften
Auffassung, die heutzutage nur schwer nachvollziehbar ist, an den Altar anbringen lassen »weil die Verschiedenheit an
war bis ins hohe Mittelalter durchaus der Standard. Materialien, Gold, Steinen, Perlen nicht leicht von dem
So ist in mittelalterlichen Schriftquellen, die über kirch­ verschwiegenen Verständnis des Blicks ohne Beschreibung
liche Artefakte – also Kreuze, Reliquiare, Kelche, Kirchen­ verstanden werden kann«.
fenster oder Bücher – berichten, nur sehr selten von spezi­ Demzufolge waren also nicht nur die Bildinhalte, son­
fischen Bildinhalten oder künstlerischen Charakteristika dern auch die verwendeten Materialien erklärungsbedürf­
die Rede. Dagegen wird zumeist genau aufgelistet, welcher tig. Sicherlich ging es dabei weniger um den schieren Wert
finanzielle Aufwand betrieben und welche Materialien zur der Metalle und Steine, als vielmehr um die darin verbor­
Herstellung eines Kunstwerks verwendet wurden. Im genen »heiligen Tugenden«, die als Abglanz himmlischer

66  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


»Es werden Seiten in Purpur gefordert habe. Moses erhielt von ihm den Auftrag, sakrale
Gerätschaften herzustellen und diese mit »reinstem Gold«
getränkt, Buchstaben in Gold zu überziehen. Wie also konnten die Zisterzienser ihre Ab-
lehnung rechtfertigen? Bezeichnend für Bernhards Polemik
getüncht, Bücher mit Edel­ in der »Apologia« ist es, dass er gar nicht erst versuchte,

steinen bekleidet, Christus aber solche alttestamentlichen Stellen mit theologischen Argu­
menten umzudeuten, sondern ihm der lapidare Hinweis
stirbt nackt vor den Mauern« genügte, dies alles gelte für den »alten jüdischen Ritus«,
nicht aber für den christlichen Kult.
In dieser rigiden Haltung konnte sich Bernhard ausge­
Sphären erkannt werden sollten. So schilderte Suger einen rechnet bei Hieronymus absichern. Dieser hatte in Briefen
Augenblick mystischer Entrückung, den er in der Kirche immer wieder betont, dass die Armut Jesu auch »die Armut
von Saint-Denis bei der Betrachtung all der Kostbarkeiten seines Hauses« geheiligt habe. Zum Material Gold hatte
erlebt habe: »Als mich einmal aus Liebe zum Schmuck des Hieronymus ebenfalls eine klare Meinung: »Wir verzichten
Gotteshauses die vielfarbige Schönheit der Edelsteine von entweder auf das Gold samt den übrigen abergläubischen
den äußeren Sorgen ablenkte und würdige Andacht mich jüdischen Gebräuchen, oder wir müssen, wenn uns das
veranlasste, im Übertragen der Verschiedenheit heiliger Gold so sehr gefällt, auch an den Juden Gefallen finden, die
Tugenden vom Materiellen zum Immateriellen zu verharren, uns je nach unserer Einstellung zum Golde ein Gegenstand
da glaubte ich mich zu sehen, wie ich mich in irgendeiner der Achtung oder Verachtung sein müssen.«
Region außerhalb des Erdkreises aufhielt, und glaubte, Angesichts dieser Haltung verwundert es nicht, dass der
dass ich, wenn Gott es mir gewährt, auch von dieser un­ Kirchenvater vor allem die Ausstattung der Heiligen Schrift
teren Region zu jener höheren in anagogischer Weise mit kostbaren Materialien ablehnte. In einem Brief mahnte
hinübergetragen werden könnte.« Ganz im Sinn frühmittel­ er: »Es werden Seiten in Purpur getränkt, Buchstaben in
alterlicher Tradition war Suger offensichtlich davon über­ Gold getüncht, Bücher mit Edelsteinen bekleidet, Christus
zeugt, dass die Schönheit seltener und wertvoller Materi­ aber stirbt nackt vor den Mauern.« An dieser drastischen
alien in der Heiligkeit ihrer Stoffqualitäten begründet sei. In Gegenüberstellung überrascht nicht nur die moralische
der Kontemplation derartig heiliger Dinge könne sich der Emphase. Die eigentliche Ironie besteht darin, dass der
Geist vom Materiellen lösen und der Gläubige schließlich in goldene Dagulf-Psalter, der sich ganz auf die Autorität des
himmlische Sphären emporgehoben werden. Hieronymus beruft und ein Loblied auf dessen »wach­
Diese Position geriet im 12. Jahrhundert allerdings in samen Eifer« anstimmt, dem Kirchenvater selbst sicherlich
eine Krise. Neue Reformorden wie die Zisterzienser kriti­ kaum gefallen hätte.
sierten die kostspieligen Kirchenstiftungen als unmäßige Im Sinn des Armutsgebots konnte der Einsatz von
Verschwendung und brandmarkten die Goldpracht dezi­ Edelmetallen also durchaus als verschwenderisch und
diert als unchristlich. Hier ist insbesondere Bernhard von unchristlich eingestuft werden. In Kirchenstiftungen insbe­
Clairvaux zu nennen, der in seiner mehrfach kopierten sondere des frühen Mittelalters wurde er aber offenbar
Streitschrift »Apologia« heftig gegen jegliche Form von zumeist als legitimer Ausdruck der Frömmigkeit angese­
Kunst im Kloster polemisierte. Statt der frommen Andacht hen. Und nicht nur das: Gold gereichte »zur Ehre Gottes«,
zu dienen, würde dergleichen nur von der göttlichen Lehre galt als dessen Sinnbild und wurde auf Grund seiner spezi­
ablenken. Gerade der Mönch solle nicht im Marmor skulp­ fischen Tugenden selbst als wirkmächtig wahrgenommen.
turengeschmückter Wände, sondern in den heiligen Schrif­ Keinesfalls diente es nur der Dekoration eines an sich
ten lesen. Im scharfen Gegensatz zu Suger sah Bernhard in schon sakrosankten Texts. Ganz im Gegenteil: Die schwan­
der Bewunderung derartiger Eitelkeiten lediglich ein Resul­ kende, stets unsichere Textheiligkeit war in heute kaum
tat weltlicher Neugier. mehr vorstellbarer Weise abhängig von den »heiligen
Dementsprechend handhabte der Zisterzienserorden Tugenden« der Goldschrift. 
seinen eigenen Bildgebrauch ausgesprochen restriktiv,
zumindest in der Anfangszeit. So erließ das Generalkapitel
ein Statut, das die Verwendung von »Gold, Silber, Edelstei­ QUELLEN
nen und Seide« in den Klöstern mit wenigen Ausnahmen
Büchsel, M.: Materialpracht und die Kunst für Litterati. Suger gegen
strikt untersagte. Zudem wurde gegen Mitte des 12. Jahr­ Bernhard von Clairvaux. In: Büchsel, M., Müller, R. (Hg.): Intellektua­
hunderts explizit festgelegt, dass liturgische Bücher nur lisierung und Mystifizierung mittelalterlicher Kunst. ›Kultbild‹: Revision
»einfarbige Buchstaben«, also Schrift in schwarzer Tinte, eines Begriffs. Gebr. Mann, Berlin 2010, S. 155 – 181
und keine Bilder aufweisen sollten. Frese, T.: Die Bildkritik des Bernhard von Clairvaux. Die Apologia im
Nun wussten die Zisterzienser selbstverständlich auch, monastischen Diskurs. Arthis, Bamberg 2006
dass der kirchliche Prachtaufwand üblicherweise mit dem
Imhof, M., Winterer, C.: Karl der Große. Leben und Wirkung, Kunst
Hinweis verteidigt wurde, dies alles geschehe »zur Ehre und Architektur. 2. Auflage, Imhof, Petersberg 2013
Gottes«. Nicht zuletzt konnten Kunstliebhaber wie Suger
Mettauer, A.: Orthokratie und Orthodoxie. Der Dagulf-Psalter als
auf die Bibel verweisen. Im Alten Testament etwa lässt sich Geschenk Karls des Großen an Papst Hadrian I. In: Mettauer, A.,
nachlesen, dass Jahwe als Steuer für sein Heiligtum Gold, Stolz, M. (Hg.): Buchkultur im Mittelalter. Schrift – Bild – Kommuni­
Silber, Kupfer, Purpur und Edelsteine von den Israeliten kation. De Gruyter, Berlin 2005, S. 41 – 63

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 67


HEILIGENVEREHRUNG
»VOM BARTE DES
HEILIGEN BONIFATIUS«
Mit Hilfe von Reliquien wollten sich die Gläubigen mit den Heiligen
­verbinden: Doch wo Knöchelchen neben Knochen lag, Barthaare neben
Stofffetzen, ging schnell die Orientierung verloren. Etiketten sollten
­helfen – und verraten heute viel über die Glaubenspraxis im Mittelalter.
 spektrum.de/artikel/1422036

Spätmittelalter dann auch Papier. Diese von Wissenschaft­


Kirsten Wallenwein ist Mittellateinerin und arbeitet lern heute als Authentiken bezeichneten Schriftstücke
im Teilprojekt »Reliquienauthentiken. Materialität und enthielten Informationen über die Reliquie und ihre Herkunft
Präsenz einer ausgesparten Sonderform frühmittel­
wie: »Reliquien des heiligen Martin«, »Holz aus dem Jordan,
alterlicher Schriftlichkeit« des Sonderforschungsbe­
reichs 933 »Materiale Textkulturen«. wo Christus getauft wurde«, »Vom Gewand der heiligen
Maria« oder »Vom Barte des heiligen Bonifatius«. Allein aus
dem Frühmittelalter sind Tausende solcher Zettel erhalten,


Ob Knochen oder Haare, Zähne oder Fußnägel – doch erst neuerdings werden Authentiken systematisch
­Reliquien (lateinisch »reliquiae«) von Heiligen genossen erforscht.
schon früh kultische Verehrung. Man hoffte, jene Nur selten ist der idealtypische Verbund aus Reliquiar,
als Fürsprecher zu gewinnen, die durch ein konsequentes Reliquienpäckchen und Authentiken erhalten geblieben.
Leben im Geist Christi das Wort Gottes bezeugt hatten Vielfach wurden Letztere nach ihrer Entdeckung separat
(siehe Spektrum Spezial Archäologie Geschichte Kultur 1/2015, verwahrt. Bisweilen gingen die kleinen und unauffälligen
S. 48). Obendrein vermochten ihre Überreste der Vorstellung Dokumente verloren; manche wurden sogar vernichtet,
zufolge beispielsweise Krankheiten zu heilen. Das traf sogar wenn die dazugehörige Reliquie nicht mehr auffindbar
auf Objekte zu, die mit den Heiligen lediglich in Kontakt beziehungsweise eindeutig zuzuordnen war.
gekommen waren, wie etwa Teile ihrer Kleidung. Auch an Reliquienauthentiken gehören zu den ungehobenen
besonderen Stätten gesammelte Erde oder das Öl aus Schätzen frühmittelalterlicher Überlieferung. In Heidelberg
Lampen, die über Märtyrergräbern brannten, waren begehrt. werden sie seit 2015 erstmals mit einer materialorientierten
All dies wurde in Kirchen und Klöstern gesammelt, denn Arbeitsweise erforscht, die paläografische Analyse, Arbeit
Reliquien verliehen dem Ort ihrer Aufbewahrung eine beson­ an handschriftlichen Zeugnissen und kulturhistorische
dere Aura. Je mehr man davon hatte, desto besser. Schon Fragestellungen vereint; ein umfassender, über den jewei­
im frühen Mittelalter ging der Überblick über diese oft ligen Einzelbestand hinausgehender Vergleich wird ange­
winzigen Objekte aber allmählich verloren. Nicht nur starben strebt. Überdies ist es ein besonderes Anliegen, Authentiken
weiterhin als heilig geltende Personen, auch Fälschung und stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.
Betrug kamen offenbar vor: Weltweit gibt es noch heute so
viele angebliche Splitter und Teile vom Kreuz Jesu, dass sich Den Blicken verborgen
daraus vielleicht ein ganzes Haus bauen ließe. Zweifellos handelt es sich um eine ungewöhnliche Form von
Die Verehrung eines Heiligen begann an seinem Grab, Schriftlichkeit, denn in der Regel blieben Authentiken den
und dort war die Zuordnung noch eindeutig: ein Heiliger, ein Blicken der Gläubigen verborgen: Um sie zu lesen, musste
Leichnam, ein Grab. Spätestens dann, wenn mehrere Reli­ der betreffende Reliquienschrein geöffnet werden. Vermut­
quien verschiedener Personen an einem anderen Ort zusam­ lich geschah dies, wenn der Reliquienbestand eines Klosters
menkamen, wurde es schwer, sie eindeutig zu identifizieren. oder einer Kirche überprüft wurde. Solche späteren Leser
Dem war durch Inschriften auf den Reliquiar genannten also hatte der Schreiber einer Authentik wohl im Sinn, und
Behältnissen beizukommen, präziser aber durch Etiketten, sein Ziel war es, sie von der Echtheit des Objekts zu über­
die an den oftmals in Stoff eingeschlagenen Reliquien befes­ zeugen beziehungsweise noch Jahre nach dessen Erhalt zu
tigt wurden. Das Material war in der Regel Pergament, nur zertifizieren, wer oder was da sorgsam verwahrt im Schrein
gelegentlich Metall, Papyrus, Ton, Stoff oder Stein, ab dem lagerte. Wohl aus diesem Grund wurde mit Pergament ein

68  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


RHEINISCHES BILDARCHIV KÖLN (RBA 194 850, RELIQUIAR, 1980/1991, KÖLN)

Laut den Pergamentstreifen enthält dieses Reliquiar


aus St. Ursula (Köln) Überreste verschiedener Heiliger
wie Johannes und Paul, Cosmas und Damian. AUF EINEN BLICK
LABEL FÜR DIE HEILIGEN
recht robustes, auf Dauerhaftigkeit angelegtes Schreibmate­
rial verwendet. 1  ereits im frühen Mittelalter waren die Reliquienbe­
B
stände der Klöster und Kirchen so stark angewachsen,
dass es schwierig wurde, die jeweiligen Objekte und
Zudem signalisierten Standards eine gewisse Verbindlich­
keit: Wie auch bei Urkunden im Mittelalter durchaus üblich, Heiligen verlässlich zu identifizieren.
symbolisierte ein Kreuzzeichen mitunter die Anrufung
Gottes, darauf folgten formelhafte Wendungen wie »Hic
sunt reliquiae …« (»Hier sind die Reliquien …«). Nicht immer
2  uf Pergamentstreifen notierten Nonnen und Mönche
A
Informationen über die Art der Reliquie und den
­jeweiligen Heiligen. Diese als Authentiken bezeichne­
gelang eine eindeutige Identifizierung. So vermelden drei ten Dokumente sind bislang kaum erforscht.
Authentiken aus dem Domschatz des südöstlich von Paris

3
gelegenen Sens lediglich: »Hier befinden sich die Haare  urch Kombinieren verschiedener Analysemethoden
D
irgendeines Heiligen«, »Hier ist der Knochen irgendeines lassen sich aus diesen Kurztexten neue Einsichten in
Heiligen« und »Hier sind Reliquien, aber wir wissen nicht, den mittelalterlichen Heiligenkult gewinnen, insbeson­
welche«. Offenbar waren die erforderlichen Informationen dere zu regionalen Varianten.
bei der Abfassung der Etiketten bereits verloren gegangen,
doch man behalf sich mit unscharfen Formulierungen, um

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 69


Nur noch wenig ist von

ARCHIVES NATIONALES, PIERREFITTE-SUR-SEINE (AB/XIX/3971, 101)


dieser frühmittelalterlichen
Authentik erhalten:
»[…]s Petrus ap(osto)l(us)
magis[…]/[…] celebrat(ur)
prid(ie) k(a)l(endas) iu[…]«.
Verbirgt das Päckchen also
eine Reliquie des heiligen
Petrus? Verweisen die
letzten Worte auf einen
Heiligentag im Juni oder
Juli?

die Objekte im Bestand immerhin so gut wie möglich vonei­ einen war nicht zwangsläufig der französische Nationalhei­
nander abzugrenzen und zu identifizieren. lige gemeint – Dionysii gab es viele und auch einige, die als
Leider sind diejenigen, die Reliquien im Frühmittelalter Heilige verehrt wurden –, zum anderen konnten Authentiken
beschrifteten, anonym geblieben. Schreiben war eine sowohl am Sterbe- oder Bestattungsort eines Heiligen als
Spe­zialkompetenz, die Gelehrten, Kanzleimitarbeitern, auch am Empfangs- oder Entnahmeort einer Reliquie ent­
Mönchen und Nonnen vorbehalten war. Lesen und Schrei­ stehen. Protokoll – also der Text, Christusmonogramme,
ben lernte man seit dem Ausgang der Spätantike vor allem Schreiberzeichen und sonstige Elemente –, Schrift und
in den Klöstern. Diese waren mit ihren Schulen und Skrip­ Schriftträger müssen daher in jedem Einzelfall analysiert und
torien – dem Kopieren von Handschriften gewidmeten eingeordnet werden. Dabei spielt der Vergleich zu Etiketten
Schreib­stuben – Orte des Wissens. Genau dort dürften die anderer Bestände eine wichtige Rolle und – sofern noch
Verfasser der Authentiken zu suchen sein. Auch Datie­ bekannt – die Position der Authentik im Arrangement der
rungen und Ortsangaben lassen sich den oft nur wenige jeweiligen Sammlung. Aber die Beschäftigung mit diesen
Quadratzentimeter großen Dokumenten nicht explizit auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Schriftstücken
entnehmen. Hier bietet die Paläografie, die Lehre von den lohnt sich und kann bis in die älteste Zeit der Institutionen
alten Schriften, Lösungen an: In einem ersten Schritt lässt führen, in deren Besitz sie sich über die Jahrhunderte hin­
sich die Schriftart bestimmen, darüber hinaus eine zeitliche weg befanden.
Spanne ermitteln, innerhalb derer die Abfassung erfolgt So konnte die von dem deutschen Paläografen Bernhard
sein muss. Zumeist ist dann immerhin das Jahrhundert Bischoff (1906 – 1991) postulierte Existenz eines der pro­
bekannt. Auch der geografische Rahmen kann dadurch oft duktivsten frühmittelalterlichen Skriptorien erst durch das
eingegrenzt werden. Auffinden von Authentiken bewiesen werden: Aus der
Im Zusammenspiel mit der Nennung markanter Heiligen­ Schreibschule des damaligen Frauenklosters Chelles nord­
namen glücken bisweilen eindeutige Identifikationen des östlich von Paris stammt einer der bedeutendsten Bestände
Entstehungsorts. Allerdings ist Vorsicht geboten, denn nur an Reliquienauthentiken.
weil eine Reliquie beispielsweise vom heiligen Dionysius Als dort 1983 die Reliquienschreine geöffnet wurden,
stammen soll, muss die dazugehörige Authentik noch lange kamen über 170 Authentiken zum Vorschein. Darunter waren
nicht im Königskloster Saint-Denis entstanden sein. Zum gleich mehrere Exemplare in einer charakteristischen Schrift

70  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


des 8. Jahrhunderts. Welch einen Wissensschatz diese Spektrum der Wissenschaft
Sammlung birgt, illustriert eine Reliquie mit gleich zwei
Chefredakteur: Prof. Dr. phil. Dipl.-Phys. Carsten Könneker M. A. (v.i.S.d.P.)
Etiketten. Das eine stammt noch aus dem Frühmittelalter Redaktionsleiter: Dr. Hartwig Hanser
und ist nur als Fragment erhalten. Entziffern lassen sich Redaktion: Mike Beckers, Thilo Körkel, Dr. Klaus-Dieter Linsmeier
(Koordinator Archäologie/Geschichte), Dr. Christoph Pöppe, Dr. Frank Schubert,
darauf die Worte »Petrus apostolus magister« sowie eine Dr. Adelheid Stahnke, E-Mail: redaktion@spektrum.de
Tagesangabe nach dem römischen Kalender. Demnach liegt Ständige Mitarbeiter: Dr. Felicitas Mokler, Dr. Michael Springer, Dr. Gerd Trageser
der Verdacht nahe, dass es sich bei diesem Heiligen um Art Direction: Karsten Kramarczik
Layout: Claus Schäfer
Simon Petrus handeln könnte, einen der zwölf Apostel,
Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies, Katharina Werle
Leiter der urchristlichen Gemeinde Jerusalems und Roms. Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela Rabe
Eine paläografisch auf die Zeit um 1200 zu datierende Ab­ Redaktionsassistenz: Barbara Kuhn
schrift korrigiert jedoch diesen Irrtum. Folglich hielt man die Assistenz des Chefredakteurs: Hanna Hillert

Reliquie für ein Beinkleid des heiligen Medardus. Das origi­ Verlag: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Postfach 10 48 40,
69038 Heidelberg
nale Etikett war in einer Geschäftsschrift des frühen 8. Jahr­ Hausanschrift: Tiergartenstraße 15–17, 69121 Heidelberg, Tel. 06221 9126-600,
hunderts verfasst worden und wies einige Kürzungen und Fax -751; Amtsgericht Mannheim, HRB 338114
Redaktionsanschrift: Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg, Tel. 06221 9126-711,
Ligaturen auf – das sind Verbindungen zwischen zwei oder Fax 06221 9126-729
mehreren Buchstaben. Sicherlich war es schon bei der Geschäftsleitung: Markus Bossle, Thomas Bleck
Examination schwer lesbar, was die Zweitanfertigung nötig Herstellung: Natalie Schäfer, Tel. 06221 9126-733
Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), Tel. 06221 9126-741,
machte. E-Mail: service@spektrum.de
Einzelverkauf: Anke Walter (Ltg.), Tel. 06221 9126-744
Ein unbekannter Heiligentag Koordinatoren SFB 933: Friederike Elias und Christian Vater, Universität
­Heidelberg
Dieser sind neben der korrekten Reliquienbezeichnung auch Leser- und Bestellservice: Helga Emmerich, Sabine Häusser, Ute Park,
der Weihegrad des heiligen Medardus und das Datum Tel. 06221 9126-743, E-Mail: service@spektrum.de
Vertrieb und Abonnementverwaltung: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesell­
seines Heiligentags zu entnehmen, den man laut der Reli­ schaft mbH, c/o ZENIT Pressevertrieb GmbH, Postfach 81 06 80, 70523 Stuttgart,
quienauthentik am Tag vor den Kalenden des Juli, also am Tel. 0711 7252-192, Fax 0711 7252-366, E-Mail: spektrum@zenit-presse.de,
Vertretungsberechtigter: Uwe Bronn
30. Juni, zu feiern pflegte. Die besondere Überlieferungs­
situation hat uns in diesem Fall den Text, das Original der Die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH ist Kooperationspartner
der Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation gGmbH (NaWik).
Authentik und durch die Abschrift die Nachricht von einer
Reliquienexaminierung um 1200 erhalten. Hinzu kommt, Bezugspreise: Einzelheft »Spezial«: € 8,90 (D) / € 9,70 (A) / € 10,– (L) / sFr. 14,– zzgl.
dass wir über die Zweitausfertigung einen Heiligentag des Versandkosten. Im Abonnement € 29,60 für 4 Hefte; für Studenten (gegen
Studiennachweis) € 25,60. Bei Versand ins Ausland werden die Mehrkosten
Medardus überliefert bekommen, der von der sonstigen berechnet. Alle Preis verstehen sich inkl. Umsatzsteuer. Zahlung sofort nach
Tradition abweicht und sich nicht durch bloßes Verschreiben Rechnungs­erhalt. Konto: Postbank Stuttgart, IBAN: DE52 6001 0070 0022 7067 08,
BIC: PBNKDEFF
erklären lässt. Diese ehrt ihn nämlich an seinem Todestag, Anzeigen: iq media marketing gmbh, Verlagsgruppe Handelsblatt GmbH,
dem 8. Juni (mit diesem Datum ist er auch in einige Bauern­ Gesamtbereichsleitung: Michael Zehntmaier, Tel. 040 3280-310,
Fax 0211 887 97-8550; Anzeigenleitung: Anja Väterlein, Speersort 1,
regeln eingegangen, etwa: »Wie’s wittert auf Medardustag, 20095 Hamburg, Tel. 040 3280-189
so bleibt’s sechs Wochen dann danach«). Druckunterlagen an: iq media marketing gmbh, Vermerk:
Spektrum der Wissenschaft, Kasernenstraße 67, 40213 Düsseldorf,
Dass Heiligentage auf Authentiken vermerkt wurden, Tel. 0211 887-2387, Fax 0211 887-2686
war übrigens kein Einzelfall. Mitunter helfen solche Anga­ Anzeigenpreise: Gültig ist die Preisliste Nr. 37 vom 1. 1. 2016.
Gesamtherstellung: L. N. Schaffrath Druckmedien GmbH & Co. KG,
ben auch, namensgleiche Heilige zu unterscheiden. Marktweg 42–50, 47608 Geldern
Der Wert der Authentiken für die Erforschung der Ver­
bindungen zwischen frühmittelalterlichen Klöstern wurde Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen bei der Spektrum der
Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Jegliche Nutzung des Werks, insbesondere
schon früh erkannt. Sie machen diese sichtbar und liefern die Vervielfältigung, Verbreitung, öffentliche Wiedergabe oder öffentliche Zugäng­
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herangezogen werden. Denn vor allem im 7. und 8. Jahr­ von Abbildungen zu ermitteln. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der
hundert herrschten vielerorts vor der karolingischen Minus­ Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträg­
lich gezahlt. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Bücher übernimmt
kel – der Standardschrift des 9. bis 12. Jahrhunderts – ganz die Redaktion keine Haftung; sie behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen. Auslas­
sungen in Zitaten werden generell nicht kenntlich gemacht.
unterschiedlich ausgeprägte Regionaltypen. Neben Er­
kenntnissen zur Schriftgeschichte verspricht ihre Untersu­ ISSN 2195-3856 ISBN 978-3-95892-055-2
chung einen unverfälschten Blick auf sprachliche Beson­
SCIENTIFIC AMERICAN
derheiten, die sonst Korrekturbestrebungen wie etwa unter 1 New York Plaza, Suite 4500, New York, NY 10004-1562,
Editor in Chief: Mariette DiChristina, President: Steven Inchcoombe,
Kaiser Karl dem Großen zum Opfer gefallen wären. Gerade Executive Vice President: Michael Florek
weil Reliquiaröffnungen die Ausnahme waren, hat es die
Forschung mit einer Schriftform zu tun, die zumindest in
ihrer jeweiligen Zeit einen besonderen Schutz genoss. Das
Potenzial, das Reliquienauthentiken Wissenschaftlern Erhältlich im Zeitschriften- und Bahnhofs­buchhandel und
beim Pressefachhändler mit diesem Zeichen.
bieten, ist kaum zu ermessen. 

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 71


206R)
ZU BERLIN (MS. OR FOL. 1211
EILUNG, STAATSBIBLIOTHEK
BPK / HANDSCHRIFTENABT

Das »Buch Rut« wird am jüdischen Wochenfest, Schawuot, gelesen, hier eine Seite aus einer
Handschrift von 1343. Philologische Informationen hatte der Schreiber in den Zeilen über und
unter dem Haupttext notiert, Bibelverse und Kommentare ornamental gestaltet.

72  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


JUDENTUM
HEILIGE TEXTE UND
ORNAMENTALER
KOMMENTAR
Um Verfälschungen bei der Abschrift religiöser
Werke zu vermeiden, vermerkten jüdische Gelehrte
in Randnotizen Besonderheiten des Textes. Daraus
entwickelten sich im Mittelalter Verzierungen und
Illustrationen aus winzigen Buchstaben, deren Inhalte
und Zweck erst seit Kurzem erforscht werden.

Die Judaistin Hanna Liss lehrt Bibel und Jüdische Bibelauslegung an der Hoch-
schule für Jüdische Studien Heidelberg. Sie ist Mitherausgeberin verschiedener
Fachzeitschriften und Buchreihen. Seit 2011 leitet sie das Teilprojekt »Gelehrtenwis-
sen oder ornamentaler Zierrat? Die Masora der Hebräischen Bibel in ihren unter-
schiedlichen materialen Gestaltungen« im Sonderforschungsbereich.

 spektrum.de/artikel/1422037


Das Alte Testament wurde von den Juden im babylo- vorbeugen. Man nennt dergleichen »Masora«, die Verfasser
nisch-persisch-palästinischen Kulturraum zwischen der Randkommentare Masoreten. Einige dieser Gelehrten,
dem 5. und 3. Jahrhundert v. Chr. auf Hebräisch und die Bibeltexte seit dem frühen Mittelalter kopierten, sind
Aramäisch verfasst. Weil beide Alphabete aber zu Beginn sogar namentlich bekannt. Die berühmtesten unter ihnen
keine Vokale umfassten, wurde über Jahrhunderte hinweg arbeiteten im heutigen Tiberias, das damals kulturell vor
ein reiner Konsonantentext überlsiefert. Selbstlaute musste allem vom Islam geprägt wurde. Die Masoreten notierten
man sich dazudenken. Ins Deutsche übertragen würde der unter anderem auch, ob ein Wort mit oder ohne Hilfsvokal
letzte Satz also lauten: »Slbstlt msst mn sch dzdnkn.« Es geschrieben wurde ebenso wie statistische Daten in der Art
entstanden zwar Systeme von Hilfsvokalen – die Lautung von: »Dieses Wort kommt in dieser Form siebenmal vor.«
angebende Konsonantenzeichen –, es bestand dennoch die Auch Buchstaben, die größer oder kleiner als normal oder
Gefahr von Missverständnissen und unterschiedlichen erhöht geschrieben wurden, fanden ihre Beachtung.
Lesungen. Auf solche Weise halfen Randnotizen, den Textbestand zu
Bei heiligen Texten wie der Bibel war freilich Eindeutigkeit fixieren und dabei grammatikalische Abweichungen auszu-
geboten. Daher bemühten sich die als Rabbinen bezeichne- machen. Nur Schreiber konnten solches Expertenwissen
ten Gelehrten schon in der Antike darum, die Schreibung verwenden, und auch heute ist die Gruppe derer, die sich
möglichst jedes einzelnen Worts durch Zusatzinformationen professionell mit der Masora beschäftigen, sehr klein.
festzulegen. Die frühesten Beispiele findet man in orientalischen
So informiert der »Babylonische Talmud« darüber, dass Bibelkodizes aus dem 10. und 11. Jahrhundert. Diese ältes­
die Thora (siehe jeweils Glossar S. 74) 5888 Verse und ten bekannten hebräischen Bibeln in Buchform entstanden
304 805 Buchstaben umfasst. Andere Angaben betrafen die unter dem Einfluss der islamischen Kultur, und sie ähneln
Anzahl der Wörter wie auch den Zahlenwert eines Worts dementsprechend in ihrem Erscheinungsbild dem Koran.
oder Buchstabens. Durch solche statistischen Daten und Äußerlich waren die masoretischen Kommentare darin
kurze Kommentare an den vier Rändern einer Kodexseite nicht besonders spektakulär: Normalerweise wurde der
wollte man Manipulationen und inhaltlichen Veränderungen Text in möglichst kleinen Buchstaben linear an die oberen

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 73


wie unteren Seitenränder gesetzt, um ihn von rechts nach
links auf einer Zeile lesen zu können. Nur auf den Anfangs- Glossar
oder Endseiten eines Kodex wurde er kreativ gestaltet, barg
Wichtige jüdische Bibeltexte
dann aber keine wichtigen philologischen Informationen,
Haftara: Hebräisch für »Abschluss«. Die Lesung eines Textes aus
sondern im Wesentlichen die Namen der Schreiber und
den vorderen oder hinteren Propheten, die an Sabbat und Festtagen
einige Segenssprüche. die öffentliche Thoralesung abschließt. Die Zusammenstellung
Vermittelt durch die Mauren prägte diese Tradition die dieser Texte nennt man Haftarot.
jüdischen Gemeinden in Spanien und in der nahen Pro- Megillot: Fünf Schriften des Alten Testaments kommt seit dem
vence. Auch sie reservierten die Masora für philologische frühen Mittelalter im Judentum besondere Bedeutung zu, weil sie in
Zwecke und fügten ornamental gestaltete Schmuckseiten ihrer Gesamtheit liturgische Texte für drei Pilgerfeste und zwei wei-
tere besondere Tage darstellen: Hohes Lied, Rut, Klagelieder, Kohelet
lediglich zur Dekoration ein. Ab dem ausgehenden 12. Jahr-
und Ester. Die Bezeichnung Megillot, hebräisch für »Rollen«, erhielten
hundert aber entstanden in den jüdischen Gemeinden sie erst im 7. / 8. Jahrhundert – die Schriften wurden aus Lederrollen
Frankreichs und Deutschlands Bibelkodizes einer anderen gelesen. Heute gilt das nur noch für das Buch Ester, die vier anderen
Art. Bereits auf den ersten Blick unterscheidet sich ihr sind Bestandteil des Gebetbuchs für Feiertage.

dekorativer Schmuck von dem der orientalisch beeinfluss- Mischna: Hebräisch für »Lehre« oder »Wiederholung«. Thematisch
ten Geschwister. Insbesondere ersetzten sie die linearen sortierte Sammlung von religionsgesetzlichen Bestimmungen, die
etwa um 200 n. Chr. redigiert wurde.
Randnotizen durch ornamental gestaltete. Die Gründe
dieser Entwicklung untersucht der Heidelberger Sonderfor- Talmud: Hebräisch für »Lehre«. Eine Sammlung von Gelehrtenkom-
mentaren zur Mischna, entstanden zwischen dem 5. und 9. Jahr-
schungsbereich »Materiale Textkulturen« erstmals systema-
hundert. Man unterscheidet nach dem Sitz der Verfasser zwischen
tisch – bislang war die »masora figurata« vor allem For- dem babylonischen und dem palästinischen Talmud.
schungsgegenstand für Kunsthistoriker, nicht für Philologen.
Thora: (auch Pentateuch) Die fünf Bücher Mose.

Fantasievolle Anmerkungen
Die Masoreten ließen sich eine Vielzahl von Formen und
figürlichen Darstellungen einfallen. In winzigen Buchstaben ebenso gezeichneter Ritter samt Pferd, der sich bei näherem
geschriebene philologische Anmerkungen kamen als eng Hinsehen als Abraham entpuppt.
verflochtene Bänder daher, als Hunde, Pferde, Hasen, Auf einen Blick erweist sich freilich, was beispielsweise
Gazellen und Vögel; sogar Drachen und Fantasiepflanzen der Speyrer Gelehrte Rabbi Jehuda he-Chasid (deutsch: der
fanden Gefallen. Einige Tier-und Menschenköpfe erinnern an Fromme, etwa 1150 – 1217) treffend kritisierte: »Wie soll man
die Drolerien des Hochmittelalters: oftmals komisch oder das lesen können?« Er bemängelte also, dass eine in figura-
fratzenhaft verzerrte Darstellungen von Menschen oder tiver Linienführung gestaltete Seite nicht mehr »normal« zu
Tieren, wie sie in Buchmalereien und als Fassadenschmuck lesen war. Der Betrachter musste vielmehr Blatt oder Buch
an Kirchenbauten vorkamen. Vermutlich nahmen die jü- beständig drehen, was angesichts der Ausmaße oft proble-
dischen Schreiber diese Einflüsse der sie umgebenden matisch war. Es gab Monumentalbibeln wie das in der
christlichen Kultur auf und zeigten mit ihrer Masora figurata Forschung als »Erfurt 1« bezeichnete Werk mit einer Höhe
eine ins Groteske verkehrte Welt. Manche Handschriften von 62,9 und einer Breite von 47 Zentimetern (siehe Bild
enthielten auch ganz konkret biblische Figuren und Themen: S. 72). Dergleichen gehörte zudem oft zum Grundbestand
Neben einer Arche Noah aus Buchstaben findet sich ein einer Synagoge oder eines Lehrhauses und war dann nicht
selten mit einer Kette am Pult gesichert. Wer die Masora
figurata tatsächlich lesen wollte, kam nicht umhin, es mehr-
fach zu umkreisen. Wie die Ausgrabungen des mittelalter-
AUF EINEN BLICK lichen jüdischen Kölns gezeigt haben, waren Vorlesepulte in
BILDER AUS BUCHSTABEN den Synagogen aber oftmals wie christliche Kanzeln nur
über einige Stufen zu erreichen. Sollte man die Randkom-

1  eil die hebräische Schrift nur über Konsonanten ver-


W mentare in jener Zeit also weniger lesen denn anschauen?
fügt, versuchten jüdische Gelehrte seit der Antike Tatsächlich enthält manche Masora figurata Anmer-
Mehrdeutigkeiten in heiligen Schriften durch Zusatz- kungen, die über die üblichen Kommentare zum Bibeltext
informationen wie die Wortzahl eines Textes in Rand- hinausgingen, manche verwiesen auf diesem Wege sogar
kommentaren, genannt Masora, zu beheben. auf andere Schriften. Sofern ein Leser diese kannte, erin-
nerte ihn das mikrografische, also aus Miniaturschrift beste-

2  b dem ausgehenden 12. Jahrhundert schmückten


A
Schreiber hebräische Bibeln häufig ornamental aus,
indem sie die Masora grafisch und oft auch szenisch
hende Bild daran.
Ein Meister dieser Kunst war der in Rouen in der Norman-
die lebende Schreiber Eliyahu ben Berechya ha-Naqdan. Im
gestalteten.
Jahr 1239 kopierte er für einen Auftraggeber, dessen Name
nur als R. Asher überliefert ist, einen Kodex, der neben der
3  ermutlich sollten die bildlichen Darstellungen das
V
Verstehen der Heiligen Schriften erleichtern und diese
fester in den Gemeinden verankern.
Thora auch Haftarot und Megillot (siehe Glossar) enthielt.
Dass diese Handschrift für den Privatgebrauch bestimmt
war, zeigt das mittelgroße Format von 28,9 mal 22,8 Zenti-
metern, das etwa unserem DIN A4 entspricht.

74  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


BIBLIOTECA APOSTOLICA VATICANA (VAT. EBR. 14, FOL. 007R)

Die Arche Noah als Mikrografie (unten): Der Schreiber Eliyahu fixierte im
Kommentar nicht nur Angaben zum Text, sondern kombinierte ihn durch die
grafische Gestaltung auch mit Informationen zum Aufbau der Arche, die er
vermutlich zeitgenössischen Bibelkommentaren entnahm.

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 75


BIBLIOTECA APOSTOLICA VATICANA (VAT. EBR. 14FF, FOL. 009R)

Nach dem Ende der Sintflut brachte Noah Gott Opfer fanden sich schon im »Babylonischen Talmud« Hinweise:
dar, verschiedenen jüdischen Gelehrten zufolge insge- Demnach beherbergte das obere Stockwerk die Menschen –
samt zehn Tiere, darunter ein Rind. also Noah und seine Familie, das mittlere alle Tiere, und das
untere Abfälle und Exkremente. Die Mikrografie bot also
neben der Masora auch rabbinische Auslegungen, die für
Das Buch enthält mehr als 70 figürliche Mikrografien. den geübten Betrachter auf einen Blick erkennbar waren.
Wir können davon ausgehen, dass Asher diese kostspielige Dass Eliyahu neben den philologischen Angaben zusätz-
Dekoration ausdrücklich bestellt hatte, zumal andere Manu- liches Wissen zusammentrug, zeigt auch seine Darstellung
skripte dieser Schreibwerkstatt weitaus schlichter daher­ des ersten Opfers Noahs. Laut dem Alten Testament nahm
kamen. Das Besondere an Eliyahus Zeichnungen liegt nicht er »von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln« und
nur darin, dass er sie meist vollständig aus winzigen hebrä- brachte sie auf einem Altar dar – eine zu pauschale Aussage
ischen Buchstaben gestaltete, sondern dass er darüber für eine grafische Umsetzung. Aber eine Sammlung rabbi-
hinaus Kommentare berühmter mittelalterlicher Gelehrter nischer Bibelauslegungen verriet, dass ein Rind geopfert
verarbeitete und auf sie verwies. worden war. Der spanische Kommentator Abraham Ibn Esra
Beispielsweise zeigte er die Arche Noah gemäß dem (1089 – 1167), der sich zeitweise in der Normandie aufgehal-
1. Buch Mose als Schiff (siehe Bild S. 75) »mit einem un- ten hatte, wurde mit Bezug auf das 5. Buch Mose noch
teren, einem zweiten und dritten Stockwerk«. Was der konkreter. Demnach opferte Noah insgesamt zehn Tiere:
Masoret dem biblischen Text aber eigentlich nicht entneh- »Rind, Schaf und Ziege, Hirsch und Gazelle, Damhirsch,
men konnte, war die von ihm gewählte Aufteilung und Steinbock, Wisent, Antilope und Wildschaf.« Eliyahu be-
Einrichtung der einzelnen Etagen. Eliyahu zeigte im oberen schränkte sich auf das Rind und versteckte das hebräische
Stockwerk ein Menschenpaar, wohl Noah und seine Frau, Wort für »zehn« im linken Bein seiner Noah-Darstellung.
im mittleren Stockwerk einige kleinere Tiere und im Unter- Dass er das Tier mit dem Rücken auf den Altar legte, war
geschoss undefinierbaren Krimskrams. Sicherlich hatte er wohl wieder ein Rückgriff auf einen Kommentar Ibn Esras,
sich das nicht ausgedacht, das hätte nicht dem jüdischen dies sei gemäß den Opfervorschriften im 3. Buch Mose die
Traditionsverständnis entsprochen – ein Gelehrter legte nur korrekte Art der Darbringung gewesen.
dann eigenständig einen Text aus, wenn dies nicht schon Als letztes Beispiel für die Kunst, durch Masora figurata
früher geschehen war. Über die Einrichtung der Arche Querbezüge zwischen theologischem Wissen herzustellen,

76  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Drei Engel besuchten
Abraham in Gestalt
dreier Männer. Er bewir-
tete sie unter einem
Baum, den Eliyahu
mittels bildlicher Masora
in Szene gesetzt hat.
Dass er das Mahl auf
einem Tisch platzierte,
FOL. 017R)
dürfte er seiner eigenen
BIBLIOTECA APOSTOLICA VATICANA (VAT. EBR. 14FF,
Lebenswelt entnommen
haben.

dient Eliyahus Behandlung einer Abrahamsüberlieferung im ob er gar ein Bibellehrer war oder den Kodex einem solchen
1. Buch Mose. Der biblische Text berichtet über den Besuch zur Verfügung stellte, damit dieser die Kinder unterrichtete,
dreier Männer, die sich als Engel zu erkennen geben und wissen wir nicht.
dem schon alten Paar die Geburt eines Sohnes verheißen. Wie die Details zu Noahs Arche zeigen, vermittelten
Abraham bewirtet seine Gäste unter einem Baum, den Eliyahus Darstellungen zusätzlich zur klassischen Masora
Eliyahu kunstvoll aus masoretischen Kommentierungen das Wissen der rabbinischen und mittelalterlichen Kommen-
erwachsen lässt. Dass der Baum tatsächlich nicht einfach tatoren. Demjenigen, der deren Schriften kannte, genügte
ein Strauch gewesen ist, was der überlieferte hebräische ein kurzer Blick auf die Zeichnungen, um sich an die entspre-
Begriff durchaus zugelassen hätte, hatte Eliyahu dem jü- chenden Informationen im Kontext des Bibeltextes zu erin-
dischen Gelehrten Rashi (1040 – 1105) entnommen. nern. Mit jedem Lesen des Kodex wurden die figurativen
Zudem ergänzt er einen Tisch, der in den biblischen Elemente zu einem mnemotechnischen Mittel für den Leh-
Überlieferungen nicht vorkam. Darauf befindet sich das rer, das Familienoberhaupt wie auch für alle zu Unterwei-
Menü für die Gäste. Diese Darstellung spiegelt die mittelal- senden. Weil die Thora über das Jahr einmal ganz durchge-
terliche Kommentarweise wider, bei der biblische Erzäh- lesen wurde (und heute noch wird), passierten alle Beteilig­
lungen mit Beispielen und Bildern der eigenen Umwelt und ten im Lauf ihres Lebens viele Male die Buchstabenarche
Sozialisation erklärt wurden. Deshalb bediente Abraham ebenso wie den gedeckten Tisch Abrahams. Und galt die
seine Gäste nicht auf dem Boden, sondern an einem ge- Aufmerksamkeit des Nachwuchses zunächst vielleicht den
deckten Tisch. Dessen Form wie auch die schönen Gefäße figürlichen Zeichnungen, führte die wöchentliche Thoralek-
darauf verweisen mehr ins hochmittelalterliche Frankreich türe ganz von selbst an die darin eingearbeiteten weiteren
als in den Orient, den kulturellen Kontext des Alten Testa- Kommentarelemente wie die »zehn« in Noahs Bein heran.
ments. Damit wurden solche Bibelausgaben zu mit dem Alter
»mitwachsenden« Trägern jüdischer Grundgelehrsamkeit.
Grafisch verdichtete Informationen zum Nachschlagen Wir können annehmen, dass gerade die Masora figurata
Für uns ist es heute schwer vorstellbar, den dekorativ ge­ Frauen und Kinder ansprechen sollte. Während zeitgleich im
stalteten Buchstabensalat auch Wort für Wort zu lesen, maurischen Spanien und der Provence die Bibel Gegenstand
doch Eliyahus Auftraggeber wollte sicher keinen reinen einer jüdischen Gelehrtenkultur war, versuchten Rabbiner
Zierrat. Zwar hatte der Schreiber nirgends notiert, zu wel- und Schreiber sie in Frankreich und Deutschland in breitere
chem Zweck Asher diese Handschrift bestellt hatte, aber die Bevölkerungsschichten einzubringen. 
Art der Darstellung lässt immerhin einige Deutungen zu.
Trotz der sehr kleinen Buchstaben war die Masora für
QUELLEN
Menschen nutzbar, die dergleichen gewohnt waren. Sicher-
lich wollten sie nicht jeden Kommentar mit dem Bibeltext Attia, É.: Editing Medieval Ashkenazi Masorah and Masora Figurata:
parallel lesen, schätzten es aber, derartige Informationen Observations on the Functions of the Micrography in Hebrew Manu­
scripts. In: Sefarad 75, S. 7 – 33, 2015
grundsätzlich zur Hand zu haben, um bei Bedarf etwas
nachzuschlagen. Liss, H.: Gelehrtenwissen, Drôlerie oder Esoterik? Erste Überlegungen
Bücher waren ein seltenes und teures Gut. Wir können zur Masora der Hebräischen Bibel in ihren unterschiedlichen mate­
rialen Gestaltungen im Hochmittelalter. In: Riemer, N. (Hg.): Jewish
davon ausgehen, dass Asher nicht nur für sich gelesen hat, Lifeworlds and Jewish Thought. Festschrift für Karl E. Grözinger
sondern das gewonnene Wissen an seine Familie weiterge- anlässlich seines 70. Geburtstags. Harrassowitz, Wiesbaden 2012,
ben wollte. Ob er seine Kinder in der Heiligen Schrift schulte, S. 27 – 40

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 77


IMAGINATION
BUCHSTABEN,
BEGEHREN UND TOD
Im Mittelalter war die Lust am Text eng verbunden mit einer Lust an dem
Ding, auf dem er geschrieben war. Und diesem wurde nicht selten magische
Wirkung beigemessen, wie fantastische Erzählungen aus der Zeit verraten.
 spektrum.de/artikel/1422038

sein Tun offenbar wird und er keinen anderen Ausweg mehr


Der Mediävist Ludger Lieb lehrt Ältere deut- sieht, lässt der Mönch die gesamte Bibliothek in Flammen
sche Philologie an der Universität Heidelberg. aufgehen.
Seinen Forschungsschwerpunkt bildet die
Ein Buch, das Neugier und große Ängste weckt. Das als
Literatur des Mittelalters und der Frühen
Neuzeit. Er ist Sprecher des Sonderforschungs- verschollen gilt und trotz aller Anstrengungen, es zu verber-
bereichs »Materiale Textkulturen«. gen, immer wieder auftaucht, geradezu als wolle es gefun-
den werden. Eine Schrift, die Menschen beglücken sollte
und doch den Tod bringt. Mit seinem 1980 erschienenen


Man schreibt das Jahr 1327 Anno Domini. In einer Epos »Der Name der Rose« nahm der italienische Mediävist
italienischen Benediktinerabtei ereignen sich mehrere Umberto Eco seine Leser mit in eine von Glauben und
mysteriöse Todesfälle, und die Mönche fürchten schon Aberglauben geprägte mittelalterliche Welt. Das Werk des
den Anbruch der Apokalypse. Tatsächlich aber treibt ein Aristoteles über die Komödie und das Lachen – es gilt tat-
Giftmörder sein Unwesen. Denn der Hüter der Klosterbiblio- sächlich als verschollen, ist aber vielleicht auch nie geschrie-
thek fürchtet, die Lektüre eines verschollen geglaubten ben worden – stellte er in den Fokus diverser Handlungs-
Buchs – Aristoteles’ zweiter Band zur Poetik mit einem Lob stränge, die Fiktion und Geschichtsschreibung verknüpften.
des Lachens – könne Christen vom rechten Pfad abbringen. Das Verblüffende ist, dass man sich schon im Mittelalter
Also verbirgt er es vor neugierigen Augen und präpariert die derartige Geschichten erzählte: über Schriften, die erschei-
Seiten obendrein mit Gift – wer das Werk aufspürt, darin nen und wundersam wieder verschwinden. Ein auf den
blättert und sich dabei die Finger leckt, stirbt qualvoll. Als ersten Blick obskures, bei näherer Betrachtung aber gerade-
zu modernes Beispiel ist die »Geschichte vom Brackenseil«
von Wolfram von Eschenbach (vermutlich 1170 – 1220), dem
Autor des meisterhaften Ritterromans »Parzival«. Auch wenn
AUF EINEN BLICK dies unter Mittelalter-Germanisten noch diskutiert wird,
RITTER UND MAGIE spricht einiges dafür, dass die Geschichte von vornherein als
Fragment konzipiert war, also nie als abgeschlossenes

1  ittelalterliche Erzählungen geben Einblick in den


M
praktischen Umgang mit Schrift ebenso wie die damit
verbundenen Vorstellungen.
Stück. Gemeinsam mit einem anderen Fragment bildete es
Wolframs »Titurel«, der nur in drei Handschriften erhalten ist.
In 39 Strophen zu je vier Versen erzählte der höfische
Autor eine packende Szene aus der Liebesgeschichte von

2 Insbesondere fantastische Ritterromane, wie der


­höfische Dichter Wolfram von Eschenbach sie schrieb,
zeigen, dass Texten wie auch Textträgern magische
Sigune und Schionatulander, einem auch im »Parzival«
erscheinenden Paar. Dort steht es exemplarisch für das Leid,
das aus Liebe entstehen kann, denn als Parzival erstmals auf
Wirkung zugemessen wurde.
die beiden trifft (und er tut das dank einer mehrsträngigen
Erzählweise insgesamt viermal), ist Schionatulander bereits
3  ine Analyse der »Geschichte vom Brackenseil« offen-
E
bart überdies eine ausgeprägte Lust am Spiel mit
Bedeutungsebenen, bei dem Bücher ein von den Men-
tot, und Sigune hält ihn trauernd im Arm. Das Fragment
entstand vermutlich nach dem »Parzival«, denn im »Titurel«
schen schwer kontrollierbares Eigenleben entfalten. erwähnte Wolfram den Tod des Landgrafen Hermann von
Thüringen, und nach heutigem Wissen starb dieser Mäzen
höfischer Dichtung 1217. Die »Geschichte vom Brackenseil«

78  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


BAYERISCHE STAATSBIBLIOTHEK MÜNCHEN (ALBRECHT [VON SCHARFENBERG]: JÜNGERER TITUREL, CGM 8470, FOL. 158V, ERSTE HÄLFTE 15. JAHRHUNDERT)

Eine kostbare Hundeleine ließ Wolfram


von Eschenbach den Besitzer wechseln
und ­dabei Verderben bringen. Der Dichter
Albrecht setzte das Romanfragment
fort, diese und die folgende Abbildung
sind seinem Werk entnommen.

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 79


BAYERISCHE STAATSBIBLIOTHEK MÜNCHEN (ALBRECHT [VON SCHARFENBERG]: JÜNGERER TITUREL, CGM 8470, FOL. 173R, ERSTE HÄLFTE 15. JAHRHUNDERT)
lieferte damit wohl eine nachträglich verfasste Vorgeschich- selbst angefertigt, um sie ihrem Geliebten Ehcunat (gespro-
te dieser Nebenfiguren. chen: Echkunatt), einem Edelmann, doch von weit gerin-
Im Fokus des Fragments steht die Leine eines Jagdhunds, gerem Stand als Clauditte, mitsamt dem Bracken zu schen-
im Mittelhochdeutschen eines »bracken«, und in diesem Fall ken. Die Inschrift, so verrät der Autor seinen Lesern bezie-
erfand Wolfram ein wirklich ungewöhnliches Exemplar: hungsweise Zuhörern, erzähle beider Geschichte in Form
Ineinander geschlagene Bahnen von Seide bilden eine mehr eines Liebesbriefs.
als 20 Meter lange Leine. Der wahre Wert zeigt sich aber Der erreicht zwar den Adressaten, doch der Bracke nimmt
erst, wenn man den Stoff auseinanderfaltet, wie man ein die Witterung eines verletzten Wilds auf, reißt sich los und
Buch aufschlägt. Verschiedenfarbige Edelsteine kommen verschwindet im Wald. Zufällig nun stürmen Wild und
nun zum Vorschein, mit Goldnägeln befestigt. Vor allem Hund – mit dieser Szene beginnt das Fragment – direkt auf
aber: Jeder von ihnen hat die Form eines Buchstabens – das Sigune und Schionatulander zu, die in der Abgeschiedenheit
Brackenseil trägt also eine lange Inschrift. ein Zelt aufgeschlagen haben. Der Hund schleift die Leine
hinter sich her. Deren Edelsteine »glesten durh den walt sam
Geschichten, die Geschichte erzählen diu sunne« (»glänzten wie die Sonne durch den Wald«).
Im Mittelalter war Schriftlichkeit im Vergleich zu heute Schionatulander rennt dem Bracken hinterher und fängt
extrem selten; Literatur blieb einer gebildeten Elite vorbehal- ihn ein. Er schenkt ihn Sigune, seiner Geliebten, die den
ten. Erzählungen aus jener Zeit vermitteln daher Informatio- Ritter bislang aber nicht erhört hat. Damit das Tier nicht
nen über den praktischen Umgang mit Schrift und Büchern wegläuft, wickelt er die Leine um eine Zeltstange. Sigune
bei Hofe. Sie sind dafür sogar einzigartige Quellen. Denn jedoch bemerkt die Inschrift und beginnt zu lesen. Sie
fragt man Archäologen, die materielle Funde und Fundsitua- begeistert sich und wickelt die Leine ab, um den ganzen Text
tionen auswerten, oder Historiker, die sich mit Urkunden zu sehen. Es kommt, wie es kommen muss: Der Bracke reißt
und anderen Dokumenten befassen, so erfährt man zwar sich wieder los und stürmt davon. Vergeblich umklammert
viel: über den Bestand und die Größe von Bibliotheken; über Sigune das seidene Seil, doch die scharfkantigen Edelstein-
die Organisation und Verbreitung von Schreibstuben; über buchstaben schneiden ihr in die Hand, und sie muss loslas-
die Werkzeuge, mit denen man schrieb, und die Materialien, sen. Zwar ereilt sie nicht der Gifttod, wie es bei den neugie-
auf denen dies geschah, wie auch über die Kosten, die rigen Mönchen des Eco-Romans der Fall war. Dennoch
dabei anfielen. Aber welche Erwartungen, Hoffnungen und nimmt das Unglück nun seinen Lauf, denn Sigune ist ganz
Fantasien sich mit Schrift und Schreiben, mit Dichten und besessen von dem entschwundenen Liebesbrief. Von Schio-
Lesen verbanden – das entnehmen Literaturwissenschaftler natulander, der selbst kein Interesse daran hatte und lieber
am besten den Erzählungen jener Zeit. angeln gegangen war, verlangt sie, ihr das Brackenseil
Den wortwörtlichen Inhalt der Inschrift vom Brackenseil zurückbringen; als Gegenleistung will sie seinem Minnewer-
offenbarte Wolfram in seiner Geschichte nur teilweise, ben endlich nachgeben. Der Geliebte eilt davon, doch ein
wohl aber Thema und Autorin. Eine gewisse Königin Clau- anderer hat inzwischen das Tier gefangen. Ein Zweikampf
ditte habe die Hundeleine herstellen lassen oder womöglich entbrennt, und Schionatulander wird getötet.

80  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Sigunes Verlangen nach dem geheimnisvollen Bra- und Jetzt verantwortungsvoll zu handeln. Statt die glitzernde
ckenseil wird ihrem Geliebten Schionatulander zum Geschichte einer fremden erfüllten Liebe besitzen zu wollen,
Verhängnis: Er stirbt im Zweikampf mit dem Finder. hätte die junge Frau ihren werbenden Geliebten und sich
selbst glücklich machen können. Letztlich verfiel sie aber der
Magie eines Textes, der nicht für sie bestimmt war. In sol-
Letzteres wissen wir aus dem »Parzival«‚ denn Wolframs chen Fällen kann es auch sein, dass Schrift tötet, wenn nicht
Fragment bricht hier bereits ab. Sigune bleibt ohne ihren direkt wie bei Umberto Eco, dann doch als Folge all der
Geliebten zurück, hat die Inschrift verloren und wird daher Begehrlichkeiten und falschen Entscheidungen, die durch sie
auch nie alles über die erfüllte Liebe der Königin Clauditte ausgelöst wurden.
erfahren. Ein materiell und ideell kostbarer Text, der von Erklärt sich damit auch der fragmentarische Charakter der
etwas sehr Schönem handelt, war dem falschen Boten Geschichte? Sie endet, ohne den Verbleib des Seils oder das
anvertraut worden, entkam und kehrte zurück, weckte weitere Schicksal der noch lebenden Personen abschließend
Begehrlichkeiten und brachte am Ende Tod und Trauer. zu klären (weshalb ein gewisser Albrecht den »Titurel« etwa
Wer die Vorstellungswelten des Dichters und seiner 50 Jahre später »fertig« dichtete). Wolframs Publikum erhielt
Zeitgenossen aus diesem Stück Fantastik herauslesen will, nur ein Stück des gesamten fiktiven Handlungsablaufs, so
muss sich klar machen, welch geheimnisvolle Aura des wie Sigune die Brackenseil-Inschrift nur unvollständig zu
Sakralen und Übernatürlichen alles Geschriebene damals Gesicht bekam.
umgab. Die Edelsteine drücken dies schon durch ihren Tatsächlich lässt sich der Bogen noch weiter schlagen.
erheblichen materiellen Wert deutlich aus. Zudem hatte jene Denn jenes Publikum musste von der Erzählung noch aus
Königin Clauditte offenbar persönlich sehr viel in diese anderen Gründen irritiert, ja geradezu verstört sein, brach
Schrift investiert. Doch das war auf keinen Fall alles, denn im der Autor doch im Großen wie im Kleinen immer wieder mit
Mittelalter sprach man Edelsteinen heilende Kräfte zu. Ein den Erwartungen, Standards und Regeln höfischer Kultur
damit geschriebener Text musste also unabhängig von und Literatur: da war die Liebe, die wegen zu später Einwilli-
seinem Inhalt bereits erhebliche magische Wirkung entfalten gung der Frau in den Tod führte; da war ein Brief in Form
(diesen Glauben an eine stoffliche Macht von Schrift kennen einer kostbaren und magischen Inschrift, die ihrem Empfän-
wir noch heute, man denke nur an die Gravuren in Eheringen ger nur erzählte, was er schon wusste (die eigene Liebesge-
oder an Tätowierungen). schichte), oder auch der Edelmann Schionatulander beim
Angeln – eine seinem Stand unziemliche Beschäftigung.
Wenn Schriften eigene Wege einschlagen Die »Geschichte vom Brackenseil« reihte sich offenbar ein
Obendrein schrieb man unterschiedlichen Edelsteinen auch in Wolframs Konzept, Literatur solle ihren Adressaten die
verschiedene Wirkkräfte zu. Denkt man nun als nächste Komplexität des Lebens vorführen und die Gleichzeitigkeit
Ebene die Worte hinzu, die aus den in verschiedenen Farben von Dunkelheit und Licht erfahrbar machen. Damit stand er
schillernden Buchstaben gebildet wurden, entstand vor dem im Gegensatz zu den beiden anderen großen Autoren seiner
inneren Auge des höfischen Publikums ein prächtiges Zeit, Hartmann von Aue und Gottfried von Straßburg, deren
Farbenspiel, das die Mehrdeutigkeit der Inschrift auch Romane in geschliffener Sprache Ordnung und Orientierung
optisch zum Ausdruck brachte. schufen. Wolfram verwehrte seinem Publikum solchen Trost.
Doch dieses Wunderwerk entweicht und macht sich Im Brackenseil-Fragment demonstrierte er ihm, was ge-
selbstständig. Mit diesem zentralen Handlungsmotiv hat es schieht, wenn man Literatur mit dem Leben verwechselt,
zunächst ebenfalls eine praktische Bewandtnis: Da es im wenn man sich von der Magie der Schrift täuschen lässt,
Mittelalter noch keinen Buchdruck gab, lagen alle Schriften statt das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. 
nur als aufwändig hergestellte Unikate vor, die auch ohne
Edelsteinbuchstaben wertvoll und begehrt waren – und
QUELLEN
nicht selten gestohlen wurden. Andererseits ist dem Bild des
durch den Wald gezogenen Textes auch eine gewisse Wild- Brackert, H., Fuchs-Jolie, S. (Hg.): Wolfram von Eschenbach, Titurel.
de Gruyter, Berlin / New York 2003
heit zu eigen: Die Geschichte des glücklichen Liebespaars
Clauditte und Ehcunat scheint gleichsam eigene Ziele zu Brackert, H.: Sinnspuren. Die Brackenseilinschrift in Wolframs von
verfolgen. Eschenbach »Titurel«. In: Haferland, H., Mecklenburg, M. (Hg.):
Erzählungen in Erzählungen. Phänomene der Narration in Mittelalter
Wer wild gewordene Texte einfängt, muss freilich gut
und Früher Neuzeit, Wilhelm Fink, München 1996, S. 155 – 175
Acht geben, dass sie nicht wieder abhandenkommen. Gera-
de jene Schriften, welche die Pfade der Konvention verlas- Lieb, L.: Spuren materialer Textkulturen. Neun Thesen zur höfischen
Textualität im Spiegel textimmanenter Inschriften. In: Kellner, B. et al.
sen, ziehen auf neue Wege. So auch in diesem Fall, denn wie
(Hg.): Höfische Textualität. Festschrift für Peter Strohschneider. Winter,
die Verfasserin der Brackenseil-Inschrift liebte auch Sigune Heidelberg 2015, S. 1 – 20
einen Mann, dessen gesellschaftlicher Stand weit unter dem
Lieb, L., Ott, M. R.: Schrift-Träger. Mobile Inschriften in der deutsch-
ihren lag. Das verzweifelte Begehren Sigunes, die ent-
sprachigen Literatur des Mittelalters. In: Kehnel, A., Panagiotopoulos,
wichene Inschrift wiederzugewinnen, war wohl auch in der D. (Hg.): Schriftträger – Textträger. Zur materialen Präsenz des Ge-
Hoffnung begründet, der vollständige Text böte eine Lösung schriebenen in frühen Gesellschaften. de Guyter, Berlin / München /
für ihr Leben. Boston 2015, S. 15 – 36
Doch keine Schrift, und sei sie noch so lehrreich oder Strohschneider, P.: Höfische Textgeschichten. Über Selbstentwürfe
einzigartig, kann je die mühevolle Aufgabe ersetzen, im Hier vormoderner Literatur. Winter, Heidelberg 2014

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 81


TEXTUREN
GEWOBENE LIEBESSCHWÜRE
Im Spanien des 15. Jahrhunderts diente Schrift auch der Selbstinszenierung
des Adels – aufgenäht auf Kleidung, eingewoben in Bilder und Wandteppiche.
In dieser Funktion bereicherte sie die Literatur – und verhüllte sexuelle Begier­
den unter dem Deckmantel höfischer Minne.
 spektrum.de/artikel/1422039

Robert Folger lehrt Romanische Litera-


tur- und Kulturwissenschaft an der
Universität Heidelberg und leitet das
Teilprojekt »Körperbeschriftungen: Text
und Körper in den iberischen Literaturen
der Vormoderne« im SFB 933 »Materiale
Textkulturen«. Die promovierte Romanistin Stephanie Lang ist
Mitarbeiterin am Lehrstuhl und Forscherin im gleichen Projekt.


»Der Kaiser fasste seine Tochter Karmesina an der
Hand, Tirant nahm den Arm der Kaiserin, und gemein­
sam traten sie in ein anderes Gemach, das mit wunder­
schönen Gobelins geschmückt war und ringsum an allen
vier Wänden die Liebesgeschichten folgender Paare vor­
führte: Florice und Blanchfleur, Pyramus und Thisbe, Aeneas
und Dido, Tristan und Isolde; auch die Königin Ginevra mit
Lanzelot war zu sehen, und viele andere mehr. Die Schick­
sale all dieser Liebenden waren in Szenen von höchster
Feinheit und Kunstfertigkeit dargestellt, und Tirant sagte zu
MANUSKRIPT ARMORIAL ÉQUESTRE DE LA TOISON D‘OR (MS.4790, FOL. 108R), UM 1440; BIBLIOTHÈQUE DE L‘ARSENAL, PARIS

[seinem Begleiter] Richard: »Ich hätte nie geglaubt, dass es


auf dieser Erde so viel schöne Dinge gibt, wie ich hier zu
sehen kriege.« Er sagte dies freilich mehr in Gedanken an
die große Schönheit der Infantin als im Blick auf die Werke
der Kunst. Doch der andere begriff das nicht.«
(»Der weiße Ritter Tirant lo Blanc«, Band I)

Eigentlich ist der Ritter Tirant lo Blanc aufgebrochen, um die


Christenheit zu einen und Konstantinopel gegen die Osma­
nen zu verteidigen. Doch als er nach vielen Abenteuern den
Kaiserhof erreicht, stellt sich ihm dort eine ganz andere
Herausforderung: die Liebe zur Infantin Karmesina. Vorbei an
Standesschranken und Hofzeremoniell und von der Kulisse
mythologischer Liebespaare ermutigt, beginnt Tirant seinen
Eroberungszug auf ganz ungenierte Weise. Mit seinem 1490
erschienenen altkatalanischen Roman entführte der valen­
zianische Ritter Joanot Martorell seine Zeitgenossen in eine
bereits entschwundene Welt – Konstantinopel war 1453
von den Osmanen erobert worden, die Ideale des für den Der soziale Rang wurde durch Kleidung zur Schau gestellt.
Glauben kämpfenden Ritters liefen bereits Gefahr, zu einem Eine Darstellung Juans II. von Aragon aus dem 15. Jahr­
Wandbild vergangener Tugend zu verblassen. Die Fiktion hundert zeigt den König in den Farben seines Wappens und
kompensiert hier durchaus die historische Wirklichkeit. mit einem Drachen als Helmzier.

82  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Martorells mit erotischen Anspielungen versetzter Namen mitliefert, zeigt bereits die Künstlichkeit dieser
Plauderton verleitete Forscher immer wieder dazu, seinen fiktionalen höfischen Praxis.
Roman als besonders realistische Schilderung der histo­ Bei alledem kann das ständige Wechseln der Garderobe
rischen Verhältnisse einzuschätzen. Doch diese Sichtweise kaum verbergen, worum es bei dem kunstfertigen Liebes­
steht zur Diskussion, weil Szenen wie die zitierte den werben eigentlich geht: um das Aufdecken nackter Erotik
fahrenden Ritter in einem höfischen Raum verorten, der unter dem Deckmantel von Texten und Texturen. Dies illus­
einerseits die Rituale des Adels treffend illustriert, sich triert beispielsweise die folgende Szene: Tirant hat sich,
andererseits bei genauem Hinsehen als fiktive Konstruktion geduldet von zwei Hofdamen, bis ins Schlafzimmer Karmesi­
erweist, in der Schrift und kostbare Textilien eine unge­ nas vorgearbeitet und hofft, ihr endlich näherzukommen.
wöhnliche Liaison eingehen. Tatsächlich ist die Prinzessin bei der Morgentoilette und halb
Denn Schrift diente im höfischen Kontext auch der Zur­ bekleidet, doch der »spaßige Trubel« lockt die Eltern ins
schaustellung und symbolischen Konstruktion von Adel. Das Zimmer. Der Ritter kann gerade noch unter einen Berg
war notwendig, weil der kaiserliche wie der königliche Hof Kleider schlüpfen, die Prinzessin setzt sich darauf und gibt
bis ins Spätmittelalter hinein nicht feste Orte, sondern Perso- vor, sich zu kämmen. Dabei führen die beiden aber ihre
nenverbände waren. Die Herrscher zogen mit ihrem Hofstaat neckischen Spielchen weiter, und der Ritter schnappt sich
durch das Reich, da sie nur durch Präsenz Kontrolle und den Kamm. Als sie wieder allein sind, tanzen die beiden
Macht ausüben konnten. Der Hof war damit aber gewisser­ ausgelassen durchs Zimmer. Damit der Freier nicht allzu
maßen öffentlich, und um ihn abzugrenzen, bediente man frech wird, halten ihm die Zofen die Hände fest, aber Tirant
sich elaborierter Rituale, Verhaltensmuster, Sprachspiele und streckt ein Bein aus und berührt die Prinzessin mit dem
nicht zuletzt einer besonderen Kleidung. Daran änderte sich Schuh »an der verbotenen Stelle«. Für das nächste Turnier
nur wenig, als der Hof sesshaft wurde. Als sozial und sym­ lässt er Schuh und Strumpf mit Perlen und Diamanten
bolisch konstruierter Ort bot er zu allen Zeiten eine Bühne für besticken. Nicht nur stellt er dieses Bein dann auch ohne
die Selbstinszenierung seiner Mitglieder. Panzerung zur Schau, er trägt sogar den eroberten Kamm als
Helmschmuck, inszeniert sich gar als Ritter der Tafelrunde
Eine Symbiose von Text und Textur des legendären König Artus: »Die Wirkung war fantastisch.
Dabei spielte auch die Schrift eine Rolle, und zwar nicht nur Als Helmschmuck trug er den Heiligen Gral, gehalten von
als Kommunikationsmedium. Sie diente überdies der Zur­ vier goldenen Säulchen und genauso geformt wie jenes
schaustellung und symbolischen Konstruktion von Adel. Gefäß, das Galahad, der gute Ritter, einst eroberte.« Über
Dazu bedurfte sie eines materiellen Trägers, der Sichtbarkeit dem Kelch ragte der Kamm auf, den er von der Prinzessin
garantierte. Der »Text« ging sozusagen mit der »Textur« der erlangt hatte. Der Sinnspruch, mit dem dieser Zierrat verse­
Kleidung ein symbiotisches Verhältnis ein – Kleider machen hen war, besagte – für den, der lesen konnte: »Es gibt keine
Leute, dies gilt heute wie in früheren Kulturen. Im »Tirant lo Tugend, die in ihr nicht wirksam wäre« (Band II, S. 75).
Blanc« finden sich zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie auf Diese Episode offenbart auch das Spiel der höfischen
Kleidung genähte Schrift das Bedeutungspotenzial der Liebe letztlich als sexuelles Verlangen. Wie der Protagonist
Stoffe zusätzlich steigerte und die Selbstinszenierung kom­ wird es gleichsam unter einem Berg von Stoffen versteckt,
plexer machte: Text machte die Textur gewissermaßen noch seien diese literarischer Art wie die Legenden um die Suche
verwobener und verdeutlichte, dass Bekleidung in der nach dem Heiligen Gral, sei es die symbolisch aufgeladene
höfischen Stilisierung immer auch Verkleidung war. Bekleidung. Die Nacktheit, die im Text ständig aufblitzt,
Tatsächlich reflektiert der Roman mit solchen Elementen
eine historische Praxis. So war es etwa üblich, dass Ritter
bei Turnieren an ihrer Rüstung symbolische Abbildungen
anbrachten, die von einem kurzen Text begleitet wurden, der
Devise genannt wurde. Das höfische Publikum war eingela­
AUF EINEN BLICK
den, die kreativsten Einfälle und die witzigsten Wortspiele zu KLEIDER MACHEN LEUTE
beklatschen.
Martorell verarbeitete diese Praxis als einer der ersten
Schriftsteller des iberischen Raums und übertrug sie auf das
1 Im spanischen Mittelalter war der Herrscherhof auch
ein Ort der Selbstinszenierung seiner Mitglieder.
­Insbesondere gab die höfische Kleidung über Stand
Terrain des höfischen Liebeswerbens. Indem Karmesina und und Rolle der Adeligen und Ritter Auskunft.
Tirant Kommentare zu ihrer inneren Verfassung auf der

2
ständig wechselnden und reich geschmückten Garderobe  ie Literatur setzte diese Selbstinszenierung oft auf
D
spazieren führen, entsteht so etwas wie ein kodierter Dialog. komplexe Weise in Szene. Schriftzüge auf Wandtep­
Eines Tages lässt Tirant etwa auf seinen Mantel und seine pichen, auf Rüstung und Kleidung bildeten hierbei eine
Beinkleider goldene Ähren aufsticken, darunter den Sinn­ kodierte Kommunikation.
spruch: »Eine ist so viel wert wie tausend, und tausend sind
nicht so viel wert wie eine.« Karmesina antwortet mit einem
Muster einer Blume namens »Liebegilt« und einem mit 3  iese nahm oft Bezug auf literarische und mytholo­
D
gische Themen – in einem zuweilen ironischen Spiel
zwischen Zitat und Selbstpräsentation.
Perlen aufgestickten Schriftzug: »Aber nicht für mich.« Dass
die seltsame Blume von anderen Romanfiguren schwerlich
erkannt werden kann, während Martorell seinem Leser den

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 83


muss immer wieder verdeckt werden. Der Text selbst oder steigen, um im Schatten eines anmutigen Waldes zu weben
die Schriftzüge auf der Kleidung, die deren Textur noch und zu sticken. Drei von ihnen bilden Liebesgeschichten der
komplexer machen, sind ebenfalls kunstvolle Verkleidung griechischen Mythologie ab: Orpheus und Eurydike, Apoll
einer konkreten Aussage, auch sie verhüllen ihren Sinn und und Daphne, Venus und Adonis. Die vierte Nymphe aber
machen ihn unzugänglich. Der kodierte Text, die mit Bedeu­ will, wie der Dichter betont, mit ihrem Stickbild eine zeitge­
tung aufgeladene Kleidung und die Körper der höfischen nössische Liebestragödie darstellen. Es zeigt wiederum
Protagonisten sind, genau wie der Hof, zugleich öffentlich mehrere Nymphen, doch eine liegt mit durchgeschnittener
und doch versteckt. Wie im Roman besteht das höfische Kehle im Gras. Eine der weinenden Schwestern ritzt eine
Spiel letztlich im Zu- und Aufdecken der nackten Tatsachen Grabinschrift in einen Baum, die zwei Namen nennt: Die
unter dem stofflichen und textuellen Gewebe. Ermordete hieß Elisa, und ein gewisser Nemoroso trauert
Die Implikationen dieses »Spiels« treten noch deutlicher nun um sie. Dieser ist dem Publikum des Dichters als einer
hervor, betrachtet man das Werk von Garcilaso de la Vega, der Protagonisten der ersten Ekloge schon bekannt; gemein­
einem 1501 in Toledo geborenen Mitglied des kastilischen hin identifiziert man ihn mit Garcilaso selbst, der mit diesem
Hochadels. Mehr noch als Martorell verkörperte er das Bild im Bild um Isabel Freyre trauerte.
spanische Renaissanceideal des Mannes der Waffen- und
der Wortkunst. Garcilaso starb bei der Erstürmung einer Naturidyll und höfischer Raum
Festung nahe Fréjus in der Provence. Bekannt ist er heute als Die bukolische Naturidylle scheint auf den ersten Blick eine
der wohl wichtigste Dichter des spanischen »Petrarkismus«, Antithese zur artifiziellen Welt des Hofs in der Darstellung
der dem großen italienischen Dichter Francesco Petrarca Martorells zu sein. Bei genauerem Hinsehen erweist sich
(1304 – 1374) nacheiferte. In dem von seinem Freund, dem aber auch diese Natur als höfischer Kunstraum. So ist die
Katalanen Joan Boscà, posthum veröffentlichten Werk beschriebene Uferlichtung ein von der Umwelt durch Ran­
finden sich auch drei kunstvolle Eklogen – Nachahmungen ken und Efeu abgeschlossener Garten, in dem die Nymphen
und Weiterentwicklungen der antiken Hirtendichtung. Die dem typisch adeligen Zeitvertreib der Handarbeit nachge­
ältere Forschung hat die Liebe Garcilasos zu einer portugie­ hen, verbunden mit dem nicht weniger standesgemäßen
sischen Hofdame namens Isabel Freyre als das große Thema Erzählen mythologischer Geschichten. Garcilaso beschrieb
der Eklogen ausgemacht. Sie habe ihn verschmäht, einen detailliert die materielle Beschaffenheit des Garns, die
anderen geheiratet und starb dann im Kindbett. Tatsächlich Herstellung der Farben. Das Ergebnis des Webens waren
aber thematisierte der Dichter, dem Beispiel Petrarcas Stoffe im Doppelsinn: textile wie literarische Gewebe.
folgend, sein Liebesleid, um sich als Mitglied einer höfischen Die eingangs zitierte Szene aus dem »Tirant« zeigte
Elite zu inszenieren, die Geblütsadel war, aber Seelenadel bereits, dass Tapisserien, wie sie auch Garcilasos fiktive
sein wollte. Naturgeister weben, nicht bloße Dekoration waren, sondern
Das dritte Gedicht setzt mit der Widmung an eine hohe von den adeligen Bewohnern aufmerksam betrachtet,
Adelsdame ein, der Garcilaso verspricht, sie durch seine bewundert und als Referenzrahmen für das höfische Leben
Kunst unsterblich zu machen. Es erzählt von vier Nymphen, verstanden wurden. Der Wandteppich kleidete das abwei­
die aus dem Fluss Tajo am Fuß der Stadt Toledo ans Ufer sende Mauerwerk aus und machte es erst zum höfischen

An den Ufern des Tajo (Auszüge aus der dritten Ekloge von Garcilaso de la Vega)
Destas historias tales variadas So verschieden waren die Geschichten
eran las telas de las cuatro hermanas, der Tücher der vier Schwestern, die
las cuales con colores matizadas mit nuancierten Farben
claras y luces de las sombras vanas, Lichter der nichtigen Schatten
mostraban a los ojos relevadas den Augen zeigten und
las cosas y figuras que eran llanas, die flachen Dinge und Figuren
tanto, que al parecer el cuerpo vano so enthüllten, dass scheinbar der nichtige Körper
pudiera ser tomado con la mano. mit der Hand ergriffen werden konnte.

»Elisa soy, en cuyo nombre suena »Ich bin Elisa, in deren Namen erklingt
y se lamenta el monte cavernoso, das höhlenreiche Gebirge und klagt,
testigo del dolor y grave pena Zeuge des Schmerzes und der schweren Schuld,
en que por mí se aflige Nemoroso, in der sich für mich Nemoroso verzehrt
y llama ¡Elisa! … ¡Elisa! a boca llena und ruft: Elisa! … Elisa! Aus vollem Mund
responde el Tajo, y lleva presuroso antwortet der Tajo und eilig trägt
al mar de Lusitania el nombre mío, zum lusitanischen Meer meinen Namen,
donde será escuchado, yo lo fío.« wo er gehört werden wird, wie ich glaube.«

84  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Kehle« bedeutet. Schon die Kommentatoren des 16. Jahr­
hunderts vermuteten in dem schockierenden Bild einen
Fehler der Drucker und versuchten eine harmlosere Bedeu­
tung zu finden. Auch für den heutigen Leser wirkt das Bild
der nackten Frauenleiche in der idealisierten Naturlandschaft
verstörend.
Das Gedicht verrät nicht, was genau geschehen ist, aber
Untertöne sexueller Gewalt sind spürbar. Garcilaso inszeniert
hier innerhalb der bildlichen Szenen Gewalt gegenüber dem
GEMA IBANEZ BARBERÁN

weiblichen Körper, die auf einer symbolischen Ebene durch


die vermeintlich frauenverherrlichende petrarkistische Lyrik
selbst ausgeübt wird: Der Dichter tut der Frau Gewalt an,
indem er sie zum Objekt seiner Begierde macht. So wie im
»Tirant« kreatürliches sexuelles Begehren hinter der Fassade
der raffinierten Erotik steckt, ist auch hier der nackte Körper
der Frau im textuellen Gewebe Zeichen für ein männliches
Begehren. Während Tirants Körper unter einem Berg von
Kleidung versteckt werden muss, so ist bei Garcilaso der
entblößte Körper im höfischen Raum nur als Negation, als
toter und entstellter Körper, in einer vermeintlich naturhaften
Fantasiewelt repräsentierbar.
Mit der durchgeschnittenen Kehle ist die tote Nymphe
auch symbolisch ihrer Stimme beraubt. Diese Stimme wird
einer anderen der trauernden Nymphen verliehen, die für das
tote Mädchen ein Epitaph in einen Baum ritzt (siehe »An den
Ufern des Tajo«, links). Damit erreicht der Prozess der mehr­
fachen bildhaften Spiegelungsprozesse seinen Höhepunkt.
»No ha virtud en ella que no sia« (Es gibt keine Tu­ In der Bauminschrift erscheinen Sprache und Stimme expli­
gend, die in ihr nicht wäre) stand auf der Helmzier zit in ihrer materiellen Form. Sie ist Text im wortwörtlichen
Tirants zu lesen – eine doppeldeutige Formulierung. Sinn: Gewebe, zudem selbst in immer größere Rahmen
eingewoben, von der fiktiven Tapisserie über das Gedicht in
den Kontext höfischer Selbstrepräsentation. Der Leser kann
Innenraum. Wie Martorell und Garcilaso de la Vega sehr zwar nur erahnen, was der wahre Grund des Mordes an der
schön illustrieren, entstammten die Motive oft der klas­ Nymphe ist, denn das wird im Gedicht ausgeblendet. Garci­
sischen Mythologie und der höfischen Literatur. So kann lasos Ekloge zeigt, dass die höfische Liebeslyrik Teil einer
man sagen, dass auch die von Garcilaso ersonnenen Nym­ Praxis ist, die letztlich dazu dient, den höfischen Raum unter
phen Texte in textile Bilder umsetzen. anderem mit Gobelins und Lyrik auszugestalten und so erst
Die Übereinstimmungen im Bildprogramm des katala­ zum höfischen Raum zu machen.
nischen Ritterromans und der eine Generation später ent­ Garcilasos nicht weniger geistreiche als komplexe Medi­
standenen kastilischen Ekloge sind frappant: Es handelt sich tation erlaubt auch eine Antwort auf die Frage nach der
um berühmte Liebesgeschichten, die zumeist von verbote­ Funktion der materiellen Schrift, wie wir sie im »Tirant lo
ner Liebe mit tragischem Ausgang handeln. Garcilasos Blanc« finden. Der Leser konnte sich damals wie heute nach
Gewebe unterscheiden sich aber in einer entscheidenden dem Wortsinn der Devisen fragen, doch das ist zweitrangig.
Hinsicht von der historischen Wirklichkeit. Die vierte Nym­ Auch wer die seltsame Helmzier des Tirant nicht zu ent­
phe, Nise, berichtet von Geschehnissen, die nicht in einer schlüsseln vermochte, wusste schon allein durch die Insze­
entrückten Vergangenheit, sondern im Spanien des 16. Jahr­ nierung, dass ihr Träger ein Ritter und Angehöriger der Eliten
hunderts angesiedelt sind. Der Dichter stellt sein imagi­ war, der sich nicht nur als Krieger, sondern auch als kulti­
niertes Liebesleid somit nicht nur auf eine Stufe mit demjeni­ vierter Liebhaber auszeichnete. Mochte sein Verhalten dazu
gen antiker Vorbilder und dessen Verarbeitung etwa durch auch im Widerspruch stehen oder es gar ironisch brechen,
Ovid, sondern präsentiert sich – ganz im Geist seiner Zeit – die Einflechtung Tirants in das Gewebe adliger Tradition und
als Steigerung und Überwindung dieser großen Autoren. Lebensweise garantierte ihm einen Platz im Wandteppich
Auffällig ist auch, dass Garcilaso hier die Künstlichkeit der des Höfischen und verdeckte wirkungsvoll seine eigent­
vermeintlich realistischen Uferlandschaft offenlegt: Auf dem lichen Motive. Der höfische Text war immer materiell verwo­
Gobelin Nises ist, wie in einer Miniatur, genau die im Gedicht ben wie ein Stoff, der einen nackten Körper verhüllte; umge­
beschriebene Szene eingewoben. kehrt muss die Inszenierung der Kleidung als Text verstan­
Die eigentliche Originalität Garcilasos liegt im »Stoff« den werden, der einen Körper beschreibt. Die Schrift ist in
seines Gedichts. Auf grünem Gras liegt eine Nymphe, die in dieser Inszenierung weniger Informationsträger als vielmehr
der ersten Druckfassung als »degollada« beschrieben wur­ eine magische Schrift, die etwas erschafft: den Ritter und
de, was »enthauptet« oder besser »mit durchgeschnittener das Höfische. 

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 85


INDONESIEN
SCHRIFTZEICHEN
DER GÖTTER
Die Einwohner Balis sind davon überzeugt: Ihre traditionellen Schrift-
zeichen repräsentieren nicht nur das gesprochene Wort. Sie
sind Manifestationen einer Gottheit und können die Welt verändern.

Die habilitierte Ethnologin und promovierte Philosophin Annette Hornbacher forscht an der Universität
­Heidelberg. Sie leitet das Teilprojekt »Sakrale und heilige Schrift: Zur Materialität und Funktion konkurrierender
Schriftsysteme bei der Formierung des religiösen Feldes auf Bali« im Sonderforschungsbereich 933.

 spektrum.de/artikel/1422040


»Die Buchstabenschrift ist an und für sich die intelli- »aksara« genannten Zeichen werden durchaus im hegel-
gentere« befand der deutsche Philosoph Georg Wilhelm schen Sinn eingesetzt. Im rituellen Gebrauch aber, das heißt
Friedrich Hegel (1770 – 1831), da ihre Zeichen für sich eingebettet in Handlungsmuster, die einen Austausch zwi-
allein keine Bedeutung trügen und damit in idealer Weise schen Göttern und Menschen ermöglichen sollen, auf Amu-
die bedeutungstragende, also vernünftige Rede sichtbar letten und in esoterischen, das heißt geheimen und nur
machen könnten. Der Zweck von Schrift besteht aus moder- Eingeweihten bekannten Schriften, verknüpft man sie oft zu
ner europäischer Perspektive also darin, Gedanken in Form bildhaften Arrangements, so genannten »aksara modré«
von Texten zu speichern. Das gelingt am besten, wenn (siehe Bild rechts), die unmittelbar wirksame kosmische
ihre grafischen Zeichen, die Buchstaben, artikulierte Rede Energie verkörpern. Im Rahmen des Sonderforschungsbe-
möglichst direkt abbilden. Doch eine solche phonetische reichs 933 wird die balinesische Schrifttradition erstmals in
Schrift ist nur eine von vielen Möglichkeiten: So stehen die diesem Kontext untersucht.
chinesischen Zeichen ursprünglich nicht für Laute, sondern
für ganze Begriffe. Allerdings sind es keine Piktogramme, Bücher aus Palmblättern
sie repräsentieren also nicht bildhaft ein Objekt der realen Historisch betrachtet basiert Balis Schrift auf einem aus
Welt – wie beispielsweise der abstrahierte Ampel-Fußgän- Indien stammenden System, das wiederum Vorläufer in
ger, vielmehr handelt es sich um Ideogramme, die Ideen West- und Zentralindonesien besitzt. Seit dem 4. Jahrhun-
und Konzepte abbilden. dert finden sich Steininschriften zunächst in Sanskrit ver-
Auch die Schrift Balis passt nicht in Hegels Konzept. Zwar fasst, die vor allem der Selbstrepräsentation königlicher
geht sie auf eine phonetische Silbenschrift zurück, und ihre Macht dienen. Spätere Steininschriften wurden mitunter
auch in der Lokalsprache verfasst, wie die älteste Inschrift
von Bali aus dem 8. Jahrhundert zeigt. Als im 9. Jahrhundert
in Java pflanzliche Beschreibstoffe aufkamen, erfolgte ein
allmählicher Sprach- und Funktionswechsel: Mit Faltbü-
chern aus Palmblättern, »lontar« genannt (siehe Bild S. 89),
entstand eine vielfältige Literatur in der javanischen Dich-
tungssprache Kawi. Dabei wurden zunächst klassische
Dichtungen sowie lokale Versionen indischer Philosophie
und Chroniken an Königshöfen verfasst, später schrieb man
ah ang
auch Dorfsatzungen und Texte zur Heilkunst nieder. Ab dem
14. Jahrhundert gedieh diese Tradition vor allem auf der
Ein spezielles Zeichen (rot) macht aus einem »a« kleineren Nachbarinsel Bali, wo neben der phonetischen
ein »ah«, ein anderes (blau) verwandelt das »a« im Verwendung der Aksara eine esoterische Schriftlichkeit
rituellen Kontext in ein »ang«. entstand, die bis heute gepflegt wird.

86  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


Weil die in der Kolonialzeit ins Land gebrachte lateinische
Buchstabenschrift bei der Gründung des indonesischen
Staats als nationales Schriftsystem eingeführt und durch das AUF EINEN BLICK
moderne Bildungssystem wie auch durch die Massenmedi- KANÄLE KOSMISCHER ENERGIE
en verbreitet wurde, ist dieses Alphabet den meisten Baline-
sen inzwischen geläufiger als ihr eigenes Schriftsystem.
Zudem steht es im Dienst einer Politik, den Islam als Religion 1  ie »aksara« der balinesischen Schrift bilden nicht nur
D
die menschliche Rede ab, sie verkörpern auch göttliche
Macht. Daher sind sie weder rein phonetische noch
der Bevölkerungsmehrheit in Indonesien allgemein durchzu-
rein ideografische Zeichen.
setzen. Die Forderung nach einer konsistenten Glaubensleh-
re, die sich als »heiliges Buch« unabhängig von lokalen
Gegebenheiten fixieren lässt, ist dabei eng mit modernen
Bildungsidealen verbunden.
2  ür rituelle Zwecke werden die Aksara auf verschie-
F
dene Materialien geritzt oder aufgetragen, mitunter
auch miteinander kombiniert, um schöpferische oder
Für Bali bedeutet dies eine doppelte Herausforderung: Zerstörung fördernde Energien zu kanalisieren.
Zum einen beruht seine Ritualpraxis nicht auf einer kohä-

3
renten Glaubenslehre, sondern auf der Verehrung von Ahnen  a modernes Wissen wie auch Islam und Hinduismus
D
und Gottheiten, die innerhalb der Lebenswelt erfahrbar sind. in Indonesien stets in lateinischer Schrift vermittelt
Zum anderen kollidiert die für die Buchreligion verwendete werden, ist diese komplexe Tradition bedroht.
lateinische Schrift mit der mystischen Schriftpraxis. Unter
politischem Druck haben sich Balis Einwohner zwar früh

Zu Ehren der Ahnengottheiten, die alle 210


Tage die Erde besuchen, richten die Baline-
sen ein Penjor vor ihrem Haus auf. Dieser
gebogene Bambus ist reich verziert; an
seinem Fuß werden Opfer dargebracht. Das
von der Autorin fotografierte Exemplar trägt
an seiner Spitze ein Stoffquadrat. Es ist mit
dem mystischen Zeichen Ongkara versehen,
der balinesischen Entsprechung des Sans-
krit-»Om«.
ANNETTE HORNBACHER

Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16 87


entschieden, ihre Glaubenswelt als Variante eines modernen Man darf vermuten, dass diese Besonderheiten der
Reformhinduismus auszuweisen, doch einerseits sind des- Aksara ihr Fortbestehen bis in die Gegenwart erklären: Ob­-
sen offiziell anerkannte heilige Bücher – die Veden und die wohl die meisten Balinesen allenfalls Grundkenntnisse ihrer
Bhagavadgita – auf der Insel praktisch unbekannt, anderer- eigenen Schrift besitzen, gelten deren Zeichen in mancher
seits finden die Schriftmystik und die dazu gehörigen esote- Hinsicht als unersetzlich. Viele Einwohner versichern bei-
rischen Texte, »tutur« genannt, keine direkte Entsprechung spielsweise, dass sich ihr Schriftsystem darin grundlegend
in Indien. Zudem lassen sich die Aksara nicht immer durch vom Alphabet unterscheide, dass Aksara lebendig seien und
lateinische Buchstaben ersetzen – etwa dann nicht, wenn einen Atem besäßen. Diese Lebendigkeit des gesprochenen
sich ihre machtvolle Wirkung erst durch ihr bildhaftes Arran- Zeichens wird auch mit einer mythischen Überlieferung ver­-
gement entfaltet. bunden: Saraswati, die Göttin des lebenslangen Lernens,
Diese im Ritualkontext dominierende Nutzung der Aksara zeige sich als Schriftzeichen und lasse sich auf der Zunge nie
kann sozusagen als ideografische Spekulation verstanden der. Ganz im Gegensatz zur abendländischen Metaphysik –
werden, da die visuelle Gestalt eine Wirksamkeit besitzt, die und damit zur Vorstellung von Hegel – ist es hier nicht der
sich unabhängig davon entfaltet, was die Schrift sprachlich vernünftige menschliche Geist, der durch Sprache und
repräsentiert. Zentral für diese Doppelfunktion von Schrift Schrift abgebildet wird. Vielmehr gilt Schrift als erste mate­
als Medium der Sprache und als Manifestation kosmischer rielle Manifestation einer göttlichen Inspiration, die artiku-
Energie ist die visuelle Gestalt der Silben- oder Vokalzeichen. lierte Rede und einsichtsvolles Denken erst ermöglicht.
Sie können im kultischen Kontext als Verkörperung kos-
mischer Energien auf verschiedene Materialien geschrieben, Die Seele des Hauses herbeiwinken
zu größeren bildhaften Emblemen kombiniert und dabei Diese mythische Herleitung der Schrift erklärt auch ihre
zugleich piktografisch verändert werden. Gerade in religiöser Wirksamkeit, die vielen rituellen Nutzungen zu Grunde liegt:
Hinsicht tritt so die für Buchreligionen zentrale Funktion, So findet man zum Beispiel überall auf Bali weiße Stoff­
durch Schrift eine zeitlose Lehre zu repräsentieren, in den quadrate von etwa 25 Quadratzentimeter Fläche, die Arran-
Hintergrund. gements von Aksaras tragen. Diese »ulap-ulap« werden im
Totenritual verwendet, sie sind aber auch an Neubauten
oder frisch renovierten Häusern zu finden (siehe Bild ­S. 87),
Balis Schriftzeichen, die Aksara, können nicht nur wo sie im Rahmen einer Weihezeremonie unter der Dach-
Informationen vermitteln wie andere Alphabete auch, traufe und über der Tür aufgehängt werden. Dort verbleiben
sie vermögen dem Volksglauben nach auch kos- sie und altern unter den Einflüssen der Witterung zusam-
mische Energien zu kanalisieren. Deshalb schreiben men mit dem Gebäude, bis dieses renoviert wird und ein
Spezialisten die heiligen Zeichen beispielsweise auf neues Ulap-ulap erhält.
Kleidung, um Unheil von ihren Klienten fernzuhalten. Die beschriebenen Stoffstücke »winken herbei« – so die
wörtliche Übersetzung der Bezeichnung. Gemeint ist die
Seele des Hauses, denn diese hat es während der Renovie-
rung verlassen. Darin spiegelt sich die Vorstellung, Gebäude
seien keine rein materiellen Hüllen, sondern lebendige
Wesen, die der Fürsorge durch ihre Bewohner bedürfen und
diese im Gegenzug beschützen. Ein Haus wird deshalb dem
jeweiligen Besitzer angepasst, indem dessen Ellenlänge als
Grundmaß dient. Zugleich muss das Gebäude aber auch in
ein komplexes kosmisches Gefüge eingepasst werden, das
seinerseits als Realisierung göttlicher Schöpfungsenergien
gilt. Während die architektonischen Proportionen also das
Bauwerk mit seinem Bewohner vermitteln, verbindet es
seine Ausrichtung im Ganzen der Welt mit der kosmischen
Ordnung.
Da nach balinesischer Auffassung die Schrift eine der
frühesten göttlichen Manifestationen im Prozess der Kosmo-
gonie darstellt, bilden ihre Zeichen eine Schnittstelle zwi-
schen dem Makrokosmos der Welt und dem Mikrokosmos
des menschlichen Körpers. Aksara lenken oder transferieren
kosmische Energien, und dies nicht beschränkt auf Bauritua-
le, sondern auch und gerade bezogen auf den menschlichen
Körper, der als mikrokosmisches Analogon der makrokos-
mischen Welt gilt. Beide Ordnungen sind nicht statisch,
sondern unterliegen einer Dynamik von Verfall und Erneue-
ANNETTE HORNBACHER

rung, die sich schöpferischen wie destruktiven Energien


verdankt. Aksara können kreative und lebensfördernde
Energien bündeln und auf ein Ulap-ulap oder ein Amulett

88  Spektrum SPEZIAL  Archäologie  Geschichte  Kultur 3.16


»ah« und »ang« – gelten als schriftliche Umsetzung der
Lehre von der »Einheit des Unterschiedenen«, die zur Erläu-
terung verschiedenster Phänomene herangezogen wird. Die
beiden Zeichen stehen für die Pole weiblich und männlich,
Feuer und Wasser, Mutter und Vater, allgemein also für den
kosmischen Urgegensatz, der auch in der einheimischen
Medizin eine entscheidende Rolle spielt. Der lebende Körper
gilt als die permanente mikrokosmische Vereinigung des im
Bauch lokalisierten weiblichen Feuers und des im Schädel
lokalisierten männlichen Wassers, aus deren Zusammenwir-
ken das beseelte Lebewesen hervorgeht.
Im Medium der Schrift wird diese mystische Vereinigung
durch ein und dasselbe Aksara dargestellt, das lediglich
durch ein diakritisches Zeichen variiert wird. Dieses besitzt
keinen eigenen phonetischen Wert, lässt sich aber in der
balinesischen Schriftmystik mit allen Aksara verbinden und
führt dann jeweils zu einer nasalen Aussprache – so wird aus
dem »ah« ein »ang«. Das »ardhacandra« genannte diakri-
tische Zeichen ist seinerseits der obere Teil des mystischen
Schriftzeichens Ongkara für die Ursilbe »Om«, aus deren
Vibration sich nach indischer Auffassung die gesamte
Schöpfung entfaltet.
Auf Amuletten oder Ulap-ulaps liegt »ang« stets oben und
»ah« unten, was der dynamischen Vereinigung von Feuer
und Wasser im Lebewesen entspricht. Auf dem Kajang
hingegen, dessen Zweck die Dekomposition des Körpers ist,
verhält es sich genau umgekehrt, denn hier wird durch die
ANNETTE HORNBACHER

Stellung der Schriftzeichen Auflösung statt Lebenserhaltung


gefördert.

Was Hegel übersehen hat


Das Buch aus Palmblättern, Lontar genannt, wurde Solche rituellen Verwendungsweisen balinesischer Aksara
als frühe Form der Schriftlichkeit aus Java übernom- zeigen, dass die westliche Alternative von phonetischer oder
men und war zunächst am Königshof gebräuchlich. ideografischer Schrift im Sinn Hegels die Komplexität einer
Schriftpraxis verfehlt, in der ein im Grundsatz phonetisches
Schriftsystem zu esoterisch-rituellen Zwecken auch ideogra-
lenken, sie vermögen aber auch das genaue Gegenteil: fisch genutzt werden kann und dabei eine zusätzliche Be-
Verändert man ihre Anordnung auf dem Schriftträger, kanali- deutungsebene entfaltet. Diese doppelte Verwendungswei-
sieren sie destruktive Kräfte. Sie werden daher ebenso bei se ermöglicht es, Schrift einerseits zur Abbildung von Lau-
Heilritualen wie in der schwarzen Magie eingesetzt. ten zu nutzen und durch das Arrangement ihrer Zeichen
Besonders augenfällig ist dies im Rahmen des Verbren- zugleich Spekulationen über kosmologische Zusammenhän-
nungsrituals, dessen Ziel es ist, einen verwesenden Körper ge in rein bildhafter Weise anzustellen. Und obwohl nur
vollständig aufzulösen und dabei die »fünf großen Elemente« wenige Balinesen in diese komplexe esoterische Schriftmys­
Feuer, Äther, Wind, Wasser und Erde, aus denen alles in der tik eingeweiht sind, die das Thema vieler Tutur bildet, kom-
Welt bestehe, in ihren makrokosmischen Ursprung zurück- men im Ritual doch alle damit in Berührung.
kehren zu lassen. Aksara haben hierbei eine prominente Wenn Hegel also die Buchstabenschrift auf Grund ihrer
Aufgabe. So wird eine zirka 1,5 Meter lange weiße Stoff- Unterordnung unter die vernünftige menschliche Rede als
bahn, der »kajang«, mit einem bildhaften Arrangement von die per se intelligentere betrachtete, so übersah er dabei die
Aksara versehen, das unter anderem den feinstofflichen Möglichkeit einer komplexeren Praxis, die Schrift nicht auf
Körper des Toten darstellt. (Als feinstofflich bezeichnet man eine symbolische Repräsentation von Lauten festlegt, son-
häufig eine hypothetische Substanz, die feiner sei als die dern zugleich die visuelle Gestalt ihrer Zeichen als Medium
sichtbare Materie, und unter anderem zwischen ihr und dem spekulativen Denkens nutzt. Es ist durchaus möglich, dass
Immateriellen vermittelt. D. Red.). Hegel, dessen Dialektik den Versuch unternahm, das Abso-
Gerahmt wird dieses Arrangement durch zwei mystische lute und damit die Einheit von Gegensätzen zu denken,
Schriftzeichen, bestehend aus dem Aksara für den Vokal diesen Schriftgebrauch faszinierend gefunden hätte. Be-
»ah«, der nach balinesischer Auffassung den Atem aller denklich erscheint aber die indonesische Bildungs- und
Schriftzeichen repräsentiert, und aus seiner Ergänzung Religionspolitik, die Balis esoterische Schrift- und Wissens­
durch einen kleinen grafischen Zusatz, der das Zeichen für tradition im Namen einer weniger komplexen modernen
»ah« in den Laut »ang« transformiert. Beide zusammen – Vorstellung von Religion als Doktrin zu verdrängen droht. 

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Spektrum SPEZIAL AGK 4/2016 ist ab 23. 12. 2016 im Handel.

VORSCHAU
1200 V. CHR. – ZEIT DES UMBRUCHS DER TROJANISCHE KRIEG –
Binnen weniger Jahrzehnte brach die politische Ordnung im östlichen
FIKTION ODER REALITÄT?
Mittelmeerraum zusammen. Um 1200 v. Chr. gingen die mykenischen 25 Jahre lang haben Archäologen den
Paläste in Flammen auf, zerfiel das Großreich der Hethiter, verschwan­ Ruinenhügel Hisarlık und seine Um­
den blühende Handelsstädte an der Levanteküste, erschütterten gebung erforscht, ihre Befunde sind
blutige Unruhen Ägypten. Nach wie vor gibt das abrupte Ende der nun ausgewertet. Lag dort einst Homers
Bronzezeit Rätsel auf. Hatten marodierende »Seevölker« Tod und Troja? Wohl ja. Tobte am Ende der
Verwüstung über einst blühende Reiche gebracht? Oder besiegelte Bronzezeit ein Krieg um diese Festung?
eine Klimakatastrophe ihren Untergang? Vielleicht. Vielleicht aber auch zwei.

SÖLDNER
FÜR MYKENE
Mächtige Großreiche im Mittelmeer­
raum, Urnenfelderkultur vom
­Schwarzen Meer bis zur Ostsee.
Was Forschern lange als Peripherie
galt, entpuppt sich inzwischen als
vitaler Kulturraum, der Handel mit
den reichen Nachbarn trieb, Söldner
für ihre Armeen stellte – und sie
gelegentlich wohl auch ausraubte.

DER KRISENPHARAO
Ramses III. gilt als letzter großer
Pharao, wehrte er doch diverse Inva­
sionen ab und tat sich als Bauherr
beeindruckender Monumente hervor.
Tatsächlich aber wurde seine Regent­
schaft von Wirtschaftskrisen und
Aufruhr überschattet – und endete mit
Putsch und Mord.

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