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Die Domestizierung von Männern durch die Pfingstbewegung

Seit Max Webers Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus1 ist man
sich der Bedeutung christlicher Ethik für die ökonomische Entwicklung einer Gesellschaft
bewusst. Was in Sachen christlicher Mission einer besonderen Beachtung bedarf, ist der
Einfluss der Pfingstbewegung auf die gesellschaftliche Entwicklung in Lateinamerika.2 Es ist
der britische Religionssoziologe David Martin gewesen, der daraufhingewiesen und ihre Rolle
mit der des Methodismus während der britischen Industrialisierung verglichen hat.3 Um den
gesellschaftlichen Einfluss pfingstlerischer Mission in Lateinamerika zu verstehen, ist zu
beachten, dass die Ursprünge der Pfingstbewegung in der nordamerikanischen
Heiligungsbewegung zu suchen sind, die wesentlich von John Wesleys Perfektionslehre
geprägt ist. Da die Pfingstbewegung damit kein simul iustus et peccator kennt, steht das
eigene Leben nach der Bekehrung und der ihr nachfolgenden „Geisttaufe“ unter einem
umfassenden aszetischen Heiligungsgebot, entsprechend dem Jesuwort aus der Bergpredigt:
„Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ (Mt 5,48
Elberfelder) Der bisweilen ekstatische Enthusiasmus, wie er sich beispielsweise in den
Gottesdiensten der Assembléias de Deus zeigt, wird daher im beruflichen und privaten Alltag
von einer protestantischen Aszetik begleitet, die vor allem in Lateinamerika und auf den
Philippinen zu einer tiefgreifenden Veränderung männlicher Rollen führt. Bekehrung und
Aufnahme in die Pfingstkirche bewirken im wörtlichen Sinne eine „Domestizierung“ des
Mannes und damit die Preisgabe eines familienfeindlichen und ökonomisch ruinösen
Machismo, der sein Gegenstück in einem weiblichen „Marianismo“ (die ethische Orientierung
an der Jungfrau Maria) findet.4

Der Machismo ist nicht ohne weiteres mit einer männlichen Dominanz oder einem
Patriarchalismus gleichzusetzen, sondern steht für eine öffentliche Rolle des Mannes, in der
sich die eigene Virilität auf der Suche nach Bestätigung in übertriebener Aggressivität bis hin
zu Gewalttätigkeit gegenüber anderen Männern sowie in Arroganz bzw. sexueller Gewalt und
Promiskuität im Hinblick auf Frauen zeigt. Derartige außerhäusliche Aktivitäten,
Alkoholmissbrauch eingeschlossen, wirken sich destabilisierend auf die jeweilige Familie aus
und gehen zu Lasten des Haushaltsbudgets. Die Bekehrung des Mannes hingegen führt diesen
nicht nur in die Kirche, sondern auch in die eigene Familie ein. Er wird durch die evangelikale
Lehre – die Aggression, Gewalt, Stolz und Genuss als sündhaft verdammt – befähigt,
Verantwortung für die eigene Kernfamilie und die Erziehung der Kinder zu übernehmen
sowie eheliche Treue zu zeigen. Das Verhalten eines „bekehrten” Mannes als Ehemann
entspricht damit den familienbezogenen Erwartungen von Frauen und erhöht nicht zuletzt das
jeweilige Haushaltsbudget in signifikanter Weise.

1 Zuerst erschienen in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 20 (1904), 1-54, sowie Vol. 21 (1905), 1-
110.
2 Vgl. dazu F. HÖLLINGER, Der Pentecostalismus. Eine Verbindung von magischer Religiosität und
protestantischer Gesinnungsethik, in: A. BIENFAIT (Hg.), Religionen verstehen. Zur Aktualität von Max Webers
Religionssoziologie, Wiesbaden 2011, 219-241.
3 Tongues of Fire. The Explosion of Protestantism in Latin America, Oxford u.a. 1990; DERS., Pentecostalism.
The World Their Parish, Oxford u.a. 2002.
4 Diese These ist zum ersten Mal von ELIZABETH E. BRUSCO 1986 mit ihrer Dissertationsschrift The Household
Basis of Evangelical Religion and the Reform of Machismo in Colombia (in überarbeiteter Form publiziert als:
The Reformation of Machismo. Evangelical Conversion and Gender in Colombia, Austin 1995) vorgestellt
worden. Für Brasilien siehe C.L. MARIZ/M. DAS DORES CAMPOS MACHADO, Pentecostalism and Women in
Brazil, in: E.L. CLEARY/H.W. STEWART-GAMBINO (Hg.), Power, Politics, and Pentecostals in Latin America,
Boulder 1997, 41-55. Vgl. außerdem M. DOLL, Religious/spiritual Beliefs: Marianismo, in: Y. JACKSON (Hg.)
Encyclopedia of Multicultural Psychology, Thousand Oaks u.a. 2006, 410f; bzw. M.A. DE LA TORRE,
Marianismo, in: DERS., (Hg.), Hispanic American Religious Cultures, Santa Barbara 2009, 346-348. Kritisch E.
ROHR, Frauen im lateinamerikanischen Fundamentalismus, in: CH. BERTELSMEIER- KIERST (Hg.), Zwischen
Vernunft und Gefühl. Weibliche Religiosität von der Antike bis heute, Frankfurt a.M. u.a. 2010, 199-211.
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Obwohl die männliche Domestizierung in den Pfingstkirchen unter patriarchalen Vorzeichen
im Einklang mit den neutestamentlichen „Haustafeln“ (Kol 3,18-4,1; Eph 5,22-6,9) erfolgt,
kann man mit Benice Martin von einem „Pentecostal Gender Paradox“ sprechen.5 Zumindest
langfristig wirkt sich die pfingstlerische Heiligungsbewegung trotz ihrer partriarchalen
Wertesysteme für Männer und Frauen in einer egalitären Weise aus. Wo in der
Pfingstbewegung die Gaben des Heiligen Geistes, wie Heilung, Prophetie und Zungenrede,
betont werden, sind es in der Regel Frauen, die diese Gaben in anerkannter Weise für sich
beanspruchen können. Wenn der moralische Maßstab die völlige Heiligung des eigenen
Lebens ist, so ist er im Wesentlichen geschlechtsindifferent, womit Frauen Achtung und
Vorbildfunktion innerhalb der Kirche erwerben können. „The Pentecostal doctrine of
salvation, and its liturgical practices based on the gifts of the Spirit, carry a radically
modernizing egalitarian impulse, albeit inside a formal patriarchal casing, just as Methodism
did in an earlier phase.”6

Elizabeth Brusco hat zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Interessenlage von
Frauen im spätmodernen Europa im Allgemeinen deutlich von der ihrer
Geschlechtsgenossinnen in der südlichen Hemisphäre unterscheidet.7 Frauen in Europa und
Nordamerika problematisieren die traditionelle weibliche Rolle innerhalb der Familie und
streben stattdessen ein eigenes Berufsleben sowie die Gleichstellung in der Öffentlichkeit an.
Dagegen schätzen Frauen in Lateinamerika, Asien und Afrika eher die persönliche Sicherheit
in einer stabilen, traditionellen Familie mit interdependenten Verantwortlichkeiten von Mann
und Frau. Für ein weibliches „going public“ fehlen in der südlichen Hemisphäre häufig nicht
nur die Rollenmodelle, sondern auch die ökonomischen Grundlagen sowie die
gesellschaftlichen Institutionen. Unter solchen Verhältnissen kommt die Individualisierung
des eigenen Lebens einer lebensgefährlichen Vereinzelung gleich. Die meisten Frauen
weltweit sind für das eigene Überleben und die ökonomischen Entwicklung weiterhin auf
kooperatives Handeln innerhalb familiärer Haushalte angewiesen. Wird durch eine
pfingstlerische bzw. evangelikale Domestizierung des Mannes dessen ökonomisch
dysfunktionale Virilität korrigiert, sind es die Frauen, die davon dauerhaft profitieren.

Mag auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie mit ihrem rhetorischen Pathos in


Sachen liberación ansprechender sein (und damit revolutionäre Sehnsüchte in Europa
bedienen) – wenn es um positive Veränderungen für eine ökonomisch depravierte Unter- und
untere Mittelschicht geht, ist eine christliche Heiligungslehre, die das menschliche Sündersein
angeht, effektiver. So führen denn auch lateinamerikanische Theologen gern das folgende
Bonmot an: „The Catholic Church opted for the poor, and the poor opted for the
Pentecostals!“8 Die protestantische Aszetik in Kombination mit einer Pfingstgemeinde als
sozialem Netzwerk wird zum wesentlichen Katalysator für eine nachhaltige ökonomische
Transformation.9 Was für die wirtschaftliche Entwicklung in der südlichen Hemisphäre
5 The Pentecostal Gender Paradox. A Cautionary Tale for the Sociology of Religion, in: R.K. FENN (Hg.), The
Blackwell Companion to Sociology of Religion, Oxford u.a. 2001, 52-66. Vgl. außerdem E.E. BRUSCO, Gender
and Power, in: A. ANDERSON ET AL (Hg.), Studying Global Pentecostalism. Theories and Methods, Berkeley u.a.
2010, 74-92.
6 MARTIN, The Pentecostal Gender Paradox, 54f. Für Südafrika siehe dazu M. FRAHM-ARP, Professional
Women in South African Pentecostal Charismatic Churches, Leiden u.a. 2010.
7 E.E. BRUSCO, The Reformation of Machismo. Asceticism and Masculinity among Colombian Evangelicals, in:
V. GARRARD-BURNETT/D. STOLL (Hg.), Rethinking Protestantism in Latin America, Philadelphia 1994, 143-
158, 150-152.
8 So beispielsweise Samuel Escobar in: J.L. ALLEN, Evangelical Strength in Latin America is Homegrown,
National Catholic Reporter 42, Nr. 37, 25. August 2006, 12f., 13.
9 Für einen Vergleich zwischen Pfingstgemeinden und Basisgemeinden im Hinblick auf eine ökonomische
Netzwerkfunktion siehe C.L. MARIZ, Religion and Poverty in Brazil. A Comparison of Catholic and Pentecostal
Communities, Sociological Analysis 53 (1992), Suppl.-H., 63-70; DIES., 1994): Coping with Poverty.
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ansteht, ist die Domestizierung sowie Disziplinierung von Männern, die sich in einer
Industrialisierung („Befleißigung“) der jeweiligen Gesellschaft auswirkt. Solche
zukunftsbezogenen Domestizierungen haben in der Vergangenheit im agrarisch geprägten
Europa und China stattgefunden. Die weltweite Pfingst- bzw. evangelikale Bewegung mit
ihrer industriellen Aszetik ist dabei, die ökonomische Prosperität in der südlichen Hemisphäre
voranzutreiben.10

Quelle: Jochen Teuffel, Mission als Namenszeugnis. Eine Ideologiekritik in Sachen Religion,
Tübingen: J.C.B. Mohr 2009, Seiten 81-85.

Pentecostals and Christian Base Communities in Brazil. Philadelphia 1994; bzw. DIES., Pentecostalism and
Confrontation with Poverty in Brazil, in: B.F. GUTIERREZ/D.A. SMITH (Hg.), The Power of the Spirit. The
Pentecostal Challenge to Historic Churches in Latin America, Ark City 1996, 129-146.
10 Für Südafrika vgl. H. DICKOW, Strebsam und gemeinschaftsorientiert. Neue Pfingstkirchen in Südafrika,
HerKorr 65 (2011), 475-479. Von Im Falle Guatemalas siehe A.L. SHERMAN, The Soul of Development. Biblical
Christianity and Economic Transformation in Guatemala, Oxford u.a. 1997. Für Südwestchina siehe B. YOU/A.
WANG/Y. GONG, Christianity in a Culture of Ethnic Pluralism: Report on Christianity among the Minorities of
Yunnan, CTR 19 (2005), 100-124.
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