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forschung aktuell

Astronomie

Kollision zweier Kleinplaneten


Stoßen Asteroiden manchmal zusammen? Bisher gab es nur für die ferne Vergangenheit
­Hinweise auf derartige Kollisionen. Kürzlich aber entdeckten Astronomen die Trümmer eines
Asteroiden-Crashs, der erst Anfang 2009 stattfand.

Von Thorsten Dambeck

I m Januar 2010 stießen US-Astrono-


men bei der Suche nach erdnahen As-
teroiden auf ein seltsames Himmelsob-
in Wahrheit um einen Trümmerhaufen
handelt – entstanden bei der Kollision
zweier Asteroiden (Nature 467, S. 814
Der Zusammenprall, den die zwei For-
schergruppen nun analysiert haben,
datiert dagegen nach den Rekonstruk­
jekt. Wegen seines auffälligen Schweifs und 819). tionen beider Teams auf Anfang 2009.
hielten sie es zunächst für einen Ko­ Millionen große und kleine Gesteins- Jewitt und seine Kollegen verfolgten
meten. Gegen diese Auffassung sprach brocken umkreisen die Sonne zwischen die Entwicklung des Schweifs von
­jedoch von Beginn an das Fehlen einer den Bahnen von Mars und Jupiter. Ver- P/2010 A2 fünf Monate lang mit dem
so genannten Koma. Diese diffuse Gas­ mutlich kommt es in dem dichten Ge- Hubble-Weltraumteleskop. Schon auf
wolke bilden Kometen noch vor dem dränge dort immer wieder zu Kollisio- den ersten hoch aufgelösten Fotos ent-
Schweif, wenn sie sich auf ihren ellip­ nen. Dafür spricht beispielsweise die deckten sie ein punktförmiges Objekt
tischen Umlaufbahnen der Sonne nä- Existenz ganzer Asteroidenfamilien, mit rund 120 Meter Durchmesser. Es
hern. Inzwischen haben zwei Forscher- deren Mitglieder auffallend ähnliche befand sich etwa dort, wo der Kometen-
gruppen um David Jewitt von der Uni- Umlaufbahnen haben – weshalb Astro- kern zu erwarten wäre.
versity of California in Los Angeles nomen sie als Bruchstücke zusam­ Bei genauer Betrachtung jedoch
(UCLA) und Colin Snodgrass vom Max- mengestoßener und dabei zerborste- zeigte sich eine Unstimmigkeit. »Der
Planck-Institut für Sonnensystemfor- ner Asteroiden deuten. Rund 50 solche Kern erschien fast abgetrennt von der
schung in Katlenburg-Lindau (MPS) un- Verbände sind bekannt. Auf größere Staubwolke«, sagt Jewitts Kollegin Jessi-
abhängig voneinander erkannt, dass es Kollisionen weisen auch diffuse Staub- ca Agarwal, die am Forschungszentrum
sich bei dem Objekt names P/2010 A2 bänder hin, die das Sonnensystem der Europäischen Raumfahrtagentur
durchziehen und vor knapp zwei Jahr- Esa im niederländischen Noordwijk die
zehnten von einem Infrarotsatelliten Bilder ausgewertet hatte. Den Licht-
entdeckt wurden. punkt interpretieren die Forscher des-
Solche Indizien betreffen lange ver- halb inzwischen als das größte Frag-
gangene Ereignisse, die Zehntausende ment einer Asteroidenkollision.
bis Milliarden von Jahren zurückliegen. Auf den zugehörigen Mutterkörper
prallte damals offenbar ein mehrere
Meter dicker Felsbrocken mit hoher Ge-
Die Trümmer des im Januar 2010 entdeck­ schwindigkeit. Er selbst wurde dabei
ten Asteroiden-Crashs bilden einen Schweif, pulverisiert. Der getroffene Asteroid
NASA / ESA und David Jewitt, UCLA

der eine rätselhafte x-förmige Struktur blieb dagegen erhalten. Von ihm wurde
enthält. Dieses mit dem Weltraumteleskop nur ein Teil – knapp ein Sechstel seines
Hubble aufgenommene Detailbild zeigt Volumens – abgesprengt und als Trüm-
links als hellen Fleck den Überrest eines merwolke mit rund 370 000 Tonnen
der beiden kollidierten Kleinplaneten. Gesamtmasse ins All geschleudert.

12  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · februar 2011


ESA und MPS / UPD / LAM / IAA / RSSD / INTA / UPM / DASP / IDA

Indem die Forscher analysierten, wie nicht so gut erkennbar. Kleinere Fern- Dieses Foto des Objekts P/2010 A2 hat das
stark der Lichtdruck der Sonnenstrah- rohre auf Satelliten, die sich weiter ent- Kamerasystem OSIRIS der europäischen
lung die Bahnen der Trümmerstücke fernt im All aufhalten, können deshalb Raumsonde Rosetta im März 2010 aufge­
im sichtbaren Schweif beeinflusst hat, Informationen liefern, die Hubble ent- nommen.
konnten sie die Größe der Körner er- gehen. Das gilt etwa für die europäische
mitteln. Diese bestehen demnach aus Sonde Rosetta, die seit sechs Jahren
Partikeln zwischen einem Millimeter zum Kometen Tschurjumow-Gerasi- tet dagegen auf die Entstehung durch
und zweieinhalb Zentimeter Durch- menko unterwegs ist. Im vergangenen ein einzelnes, kurzzeitiges Ereignis
messer. Die kleineren Körner bewegen Frühjahr befand sie sich bereits weit hin.« Die MPS-Forscher sehen deshalb
sich am schnellsten und haben sich jenseits der Umlaufbahn des Mars. Da in dem Objekt – ebenso wie ihre UCLA-
deshalb am weitesten vom Kollisions- ihre Bahnebene zudem um zehn Grad Kollegen – die Trümmerwolke eines Zu-
zentrum entfernt. Größere Brocken gegen diejenige von P/2010 A2 geneigt sammenpralls, den sie sogar präziser
dürften noch in der Nähe des Haupt- ist, bot sich der Raumsonde ein günsti- eingrenzen können, als das mit den
fragments umherschwirren; einzelne gerer Blickwinkel als dem Weltraumte- Hubble-Daten möglich ist. Demnach
von ihnen sind auf den Hubble-Fotos leskop. Das machten sich Snodgrass fand die Kollision am 10. Februar 2009
erkennbar. und seine Kollegen zu Nutze. statt – plus/minus fünf Tage.
Rosettas Osiris-Kamera, von neun Obwohl heute der Asteroidengürtel
Kometensonde europäischen Forschungseinrichtun- erheblich leerer ist als in der Frühzeit
mit besserem Blickwinkel gen unter deutscher Leitung entwickelt, des Sonnensystems, scheinen also im-
Innerhalb des Staubs lassen sich faser- hat außer einem Weitwinkel- auch ein mer noch Kollisionen vorzukommen.
artige Strukturen ausmachen, und an Teleobjektiv. Dieses ist mit 72 Zentime- Der Zusammenstoß der beiden Klein-
der Schweifspitze erscheint ein seltsa- ter Brennweite und neun Zentimeter planeten war der erste, den Astrono-
mes x-förmiges Muster. Über die Ursa- Öffnung etwa so leistungsfähig wie ein men zeitnah beobachten konnten.
che dieser Verdichtungen rätseln die kleineres Amateurfernrohr. Die Osiris- P/2010 A2 liegt an der Nachweis­
Forscher noch. Fotos und weitere Aufnahmen von der grenze der robotischen Telekope, die
Im kommenden Sommer sollen die Erde aus erlaubten, die dreidimensio- routinemäßig den Himmel nach Aste-
Beobachtungen mit Hubble fortgesetzt nale Gestalt von P/2010 A2 zu ermitteln. roiden durchmustern. Da künftig meh-
werden, das dank seiner hohen Auflö- Demnach ist dessen Form untypisch rere empfindlichere Instrumente in Be-
sung den detailliertesten Blick auf das für den Schweif eines Kometen. trieb gehen sollen, ist zu erwarten, dass
Objekt bietet. Das Weltraumteleskop »Da diese Himmelskörper quasi kon- ähnliche Funde alltäglicher werden.
hat jedoch ein Handikap: Da die Bahn­ tinuierlich Gas und Staub ausstoßen, Insbesondere das Large Synoptic Sur-
ebenen von Erde und P/2010 A2 fast zu- hat ihr Schweif normalerweise eine auf- vey Telescope, das zum Ende des Jahr-
sammenfallen, sind die Form und Län- gefächerte Form«, so Snodgrass. »Der zehnts in Chile seine Arbeit aufnehmen
ge des Schweifs aus seinem Blickwinkel geradlinige Schweif von P/2010 2A deu- und einmal pro Woche den kompletten

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Südhimmel fotografieren soll, dürfte gerissen worden sein, weil er zu schnell beschleunigt. Aus lockerem Material
große Fortschritte bringen. rotierte. bestehende Körper können der wach-
Nicht alle Wissenschaftler sind aller- Dies ist theoretisch jedenfalls mög- senden Zentrifugalkraft auf Dauer
dings von dem Crash-Szenario bei lich. Wenn unregelmäßig geformte As- nicht widerstehen. Und so werden Teile
P/2010 2A überzeugt. So hält Alan Har- teroiden Sonnenlicht absorbieren, wer- von ihnen ins All geschleudert. »Dieser
ris vom Deutschen Zentrum für Luft- den sie lokal erwärmt. Die erhitzte Stel- Effekt gilt auch als Erklärung für Aste-
und Raumfahrt (DLR) in Berlin auch le sendet dann Infrarotstrahlung aus, roiden mit einem sie umkreisenden
eine andere Entstehung des Schweifs während das Objekt sich weiterdreht. Mond«, erläutert Harris.
für vereinbar mit den vorliegenden Da- Daraus resultiert unter Umständen ein
ten: Der Mutterkörper könnte von der dauerhafter Rückstoß, durch den sich Thorsten Dambeck ist promovierter Physiker
eigenen Zentrifugalkraft auseinander- die Rotation um die eigene Achse stetig und als Wissenschaftsautor in Heidelberg tätig.

neurowissenschaft

Müde Hörschnecke
Eine bislang rätselhafte Form erblicher Schwerhörigkeit können Wissenschaftler nun erklären: 
Die Übertragung der Schallsignale von der Cochlea an den Hörnerv ist gestört, weil der Nachschub
an den nötigen Botenstoffen stockt.

Von Tobias Moser, Nicola Strenzke und Ellen Reisinger

D amit wir etwas hören, müssen die


mechanischen Schwingungen des
Schalls in Nervenimpulse umgewan-
Man vermutet, dass für jedes Akti-
onspotenzial mindestens ein mit dem
Botenstoff Glutamat beladenes Mem­
setzungstellen für die Bläschen existie-
ren – 10 bis 15 pro aktiver Zone. Außer-
dem vermuten Neuroforscher, dass er
delt werden, die das Gehirn verarbeiten branbläschen (Vesikel) seinen Inhalt eine Rolle bei der raschen Nachliefe-
kann. Das geschieht an Sinneszellen, freisetzen muss. Entsprechend groß ist rung gefüllter Vesikel spielt.
den »inneren Haarzellen«, in der Hör- der Bedarf an Nachschub. Wenn wir et-
schnecke des Innenohrs. Jede von ihnen was hören, müssen pro Sekunde meh- Taub trotz intaktem Innenohr
bildet mit bis zu 30 Hörnervenzellen rere hundert etwa 50 Nanometer (milli- Strukturell ähnliche Bändersynapsen
so genannte Synapsen: Kontaktstellen ardstel Meter) große Vesikel in der Haar- gibt es auch in der für das Sehen wich­
zwischen Neuronen, an denen das Sig- zelle zur Synapse befördert werden. Bei tigen Netzhaut. Dort aber rollt der
nal über chemische Botenstoffe weiter- Schallreizung verschmelzen sie dort an Nachschub an Vesikeln längst nicht so
geleitet wird. Mechanische Schwingun- der »aktiven Zone« mit der Außen- schnell. Deshalb reicht die Anwesenheit
gen in der Hörschnecke durch eintref- membran und schütten das enthaltene des synaptischen Bands allein als Erklä-
fenden Schall lenken das Haarbündel Glutamat in den synaptischen Spalt rung für den hohen Umsatz an Boten-
der Haarzelle aus, die daraufhin an den aus. Das leere Bläschen wird schließlich stoffen in den aktiven Zonen der Haar-
Synapsen den Botenstoff Glutamat frei- wieder in die Zelle aufgenommen. All zellen nicht aus. Diese verfügen im Un-
setzt. Dieser erregt die Hörnervenzelle dies geschieht auf einer sehr kleinen terschied zu den Fotorezeptoren und
und bringt sie dazu, ein Aktionspoten- Fläche von weniger als einem Quadrat- Neuronen der Netzhaut allerdings über
zial – einen elektrischen Impuls – an mikrometer – und zwar je nach Hörsi- das kürzlich entdeckte Protein Otofer-
das Gehirn zu senden. tuation über mehrere Stunden hinweg. lin. Seine Rolle beim Hören ist deshalb
Jede Haarzelle kann in der Hörner- Was ermöglicht diese einzigartige lo- nun Gegenstand intensiver Forschung
venzelle, mit der sie über eine Synapse gistische Leistung der Haarzellsynap- weltweit.
verbunden ist, hunderte Aktionspoten- sen? Eine auffallende Besonderheit ist Otoferlin enthält mehrere so ge-
ziale in der Sekunde auslösen. Selbst bei schon länger bekannt: Sie enthalten ein nannte C2-Domänen, mit denen Protei-
völliger Stille kommt dieses »Feuern« synaptisches Band (synaptic ribbon). ne Kalziumionen binden und sich an
nicht zum Erliegen. Auch dann erzeu- Dieser ungefähr 0,3 Mikrometer große Membranen heften. Es wurde bei der
gen die Hörnervenzellen unermüdlich Komplex aus verschiedenen Molekülen Untersuchung einer erblichen Schwer-
bis zu 100 elektrische Impulse pro Se- kann eine große Zahl von Vesikeln bin- hörigkeit entdeckt, die auftritt, wenn
kunde – eine noch nicht völlig verstan- den. Vermutlich trägt er so dazu bei, ein Kind von beiden Elternteilen eine
dene Besonderheit unseres Hörsinns. dass auf engem Raum sehr viele Frei- defekte Version des entsprechenden

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Gens geerbt hat. Die Betroffenen hören
von Geburt an so schlecht, dass die
meisten nicht sprechen lernen. In den 5 Mikrometer
Industrieländern erhalten sie deshalb
Härchen
heutzutage frühzeitig eine Innenohr-
prothese, ein Cochlea-Implantat.
Hörtests bei diesen Personen liefern
ungewöhnliche Resultate. Im Unter-
schied zu den meisten Innenohr­
schwerhörigen ist zum Beispiel die
elektrische Erregung der Haarzellen
und die aktive Verstärkung der Schall-
wellen im Innenohr nicht gestört – zu-
mindest im ersten Lebensjahr. Offen-
bar werden die Sinneszellen durch Zellkern
akustische Reize sehr wohl elektrisch
erregt, doch ruft dies keine Aktionspo-
tenziale in den nachgeschalteten Neu-
ronen hervor. Dies deutet darauf hin,
dass die inneren Haarzellen, ihre Syn-
apsen oder der Hörnerv nicht richtig
funktionieren. innere Haarzelle
Tatsächlich sind schon länger Er- der Hörschnecke
krankungen des Hörnervs mit ver-
gleichbaren Befunden bekannt. Zu ih-
nen zählen insbesondere die so ge-

Tobias Moser, Nicola Strenzke und Ellen Reisinger


nannten auditorischen Neuropathien.
Sie äußern sich häufig in einer raschen
Ermüdung des Hörsinns. Damit die Pa-
tienten einen Ton längere Zeit wahr- synaptisches
Band
nehmen, muss seine Lautstärke ständig
erhöht werden.
Auch die Otoferlin-Erkankung wur-
Fortsätze der Zelle
de zunächst den auditorischen Neuro-
pathien zugerechnet. Doch dann zeigte
sich, dass Otoferlin in der Maus primär Ausschnitt aus einer menschlichen Hörschnecke mit lichtmikroskopisch abgebildeten
in den inneren Haarzellen vorkommt, inneren Haarzellen. Die weiße Linie deutet den Umriss einer solchen Zelle exemplarisch
unter anderem auf synaptischen Vesi- an. Die Härchen sind zu einer Struktur angeordnet, die einer geschweiften Klammer
keln. Schalteten Forscher das zugehöri- ähnelt. Der Zellkern ist rot gekennzeichnet, die Bändersynapsen wurden mit Fluoreszenz­
ge Gen aus, waren die Tiere taub. Als markern eingefärbt: Das synaptische Band erscheint rot; die Botenstoffrezeptoren der
Grund erwies sich eine nahezu kom- Hörnervenzelle leuchten grün. Die Fortsätze der Hörnervenzelle, die mit den Haarzellen
plette Blockade der Freisetzung von in Kontakt stehen, sind schematisch in Orange eingezeichnet.
Glutamat an den Bändersynapsen der
Haarzellen solcher Knockout-Mäuse.
Damit hatte sich erstmals eine synapti- mus der mit ihm assoziierten mensch- ändert ist und in geringerer Menge vor-
sche Übertragungsstörung als Ursache lichen Schwerhörigkeit zu ergründen; liegt. Unter diesen Umständen sind
menschlicher Schwerhörigkeit heraus- denn ihre Haarzellsynapsen setzen fast ihre Vesikel, wie Versuche mit Zellkul-
gestellt. Anscheinend spielt Otoferlin kein Glutamat mehr frei. Die Gruppe turen ergaben, sehr wohl in der Lage,
als Kalzium bindendes Protein eine von Ulrich Müller am Scripps Research normal mit der Zellmembran zu ver-
Schlüsselrolle bei der von Kalzium ab- Institute in La Jolla (Kalifornien) er- schmelzen und Glutamat freizusetzen.
hängigen Ausschüttung des Neuro- zeugte deshalb Mäuse, bei denen nur Trotzdem zeigte sich in Tests eine ähn-
transmitters – so die Vermutung. eine Aminosäure in einer C2-Domäne lich starke Schwerhörigkeit wie bei der
Die Knockout-Maus taugte jedoch des Proteins ausgetauscht ist. Die inne- Knockout-Maus.
nur bedingt dazu, die Funktion dieses ren Haarzellen der Tiere enthalten so- Mit umfassenden physiologischen
Proteins und den genauen Mechanis- mit Otoferlin, das allerdings leicht ver- und morphologischen Untersuchun-

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Die elektronenmikroskopische Abbildung scheint eine gestörte Interaktion mit


zeigt die Synapse zwischen einer inneren anderen Proteinen denkbar. Die verzö-
Haarzelle (IHZ) und einer Hörnervenzelle gerte Nachlieferung der Vesikel könnte
(HNZ). An dem dunkel gefärbten synapti­ also davon, von einer verminderten
IHZ schen Band (SB) sitzen zahlreiche mit Neu- Otoferlin-Menge oder von beidem her-
Tobias Moser, Nicola Strenzke und Ellen Reisinger

rotransmittern gefüllte Vesikel. Ein Bläs­ rühren.


SB chen, das an die präsynaptische Membran Die hohen Anforderungen des Hö-
grenzt, ist mit einer Pfeilspitze markiert. rens machen die Vesikel-Logistik in der
Synapse von Haarzellen komplex und
damit störanfällig. Probleme können
HNZ
nicht nur beim Nachliefern der Bläs-
0,5 Mikrometer chen auftreten, sondern auch bei ihrem
Verschmelzen mit der Zellmembran
gen suchten wir nach einer Erklärung Für diese Deutung spricht, dass die und ihrer Wiederaufnahme in die Zelle.
für diesen scheinbaren Widerspruch. Hörnervenzellen etwas stärker feuer- In der Tat konnten wir in Zusammen­
Eine Störung der Synapsenstruktur ten, wenn wir den zeitlichen Abstand arbeit mit der Arbeitsgruppe von Wayne
konnten wir ausschließen: Die verschie- zwischen den Schallsignalen verlänger- Frankel von den Jackson Laboratories in
denen Klassen der Vesikel und das syn- ten. Anscheinend konnten sich wäh- Bar Harbor (Maine) in einem Maus­
aptische Band unterscheiden sich nicht rend der ausgedehnten Pausen freiset- modell kürzlich eine andere Form von
von denen normaler Mäuse. Stattdes- zungsbereite Vesikel an der Synapse Schwerhörigkeit auf ein gestörtes Re­
sen stießen wir auf eine andere ein- ­ansammeln, die dann eine stärkere Re- cycling der Vesikel zurückführen.
leuchtende Ursache der Hörermüdung: aktion auf den nächsten Reiz ermög-
Durch den punktuellen Defekt im Oto- lichten. Tobias Moser ist Professor für auditorische
ferlin-Gen verlangsamt sich die Nach- Die veränderte C2-Domäne unter- Neurowissenschaften in der Abteilung Hals-
lieferung freisetzungsbereiter Vesikel. scheidet sich biochemisch und struktu- Nasen-Ohrenheilkunde der Universitätsmedizin
Die Haarzellen enthalten deshalb nicht rell kaum vom normalen Protein. Des- Göttingen. Die Medizinerin Nicola Strenzke
mehr genug davon, um auf akustische halb sollte die Mutation die Wechsel- und die Biochemikerin Ellen Reisinger leiten
Reize angemessen zu reagieren – zumal wirkungen von Otoferlin mit Kalzium dort die Nachwuchsgruppen für systemische
sie ja auch bei völliger Stille fortlaufend und der Vesikel- oder Zellmembran Hörphysiologie beziehungs­weise Molekular­
Glutamat ausschütten. nicht beeinträchtigen. Am ehesten biologie der Neurotransmission im Innenohr.

optik

Blick durch die Wand

Allard P. Mosk, Universiteit twente


Französischen Forschern ist es erstmals gelungen, 
ein Bild durch ein lichtstreuendes Material hindurch zu übertragen.

Von Manuela Kuhar

W er hätte nicht schon einmal ger-


ne durch eine Wand gespäht, um
zu erfahren, was dahinter vor sich geht?
j­ edes Photon beim Passieren des Me­
diums viele Male gestreut. Auf der an-
deren Seite kommt deshalb kein er-
Durch eine Linse betrachtet, erscheint ein
Linienmuster nur leicht verzerrt (links). Die
geometrische Beziehung zwischen Origi­
Auch für Ärzte wäre es äußerst prak- kennbares Bild an. Stattdessen sieht nal und Abbild ist in diesem Fall mit einer
tisch, durch eine dicke Gewebeschicht man nur ein scheinbar zufälliges Inten- recht einfachen Transmissionsmatrix ma-
einfach »hindurchsehen« zu können, sitätsmuster. thematisch beschreibbar. Ein Zuckerwürfel
ohne schneiden oder eine Kamera ein- Nun aber ist Wissenschaftlern um hingegen streut hindurchtretendes Licht
führen zu müssen. Das scheint auf den Sylvain Gigan am Langevin-Institut in auf höchst vertrackte Weise. Dennoch lässt
ersten Blick unmöglich: Materialien Paris das Kunststück gelungen, aus ei- sich auch hier eine – sehr komplizier­te –
wie Rigipsplatten oder biologisches nem solchen Muster das ursprüngliche Transmissionsmatrix ermitteln, mit der es
­Gewebe lassen zwar einen Teil des ein- Bild wiederherzustellen. Dabei nutzten gelingt, das erhaltene Lichtmus­ter in das
fallenden Lichts hindurch, doch wird sie aus, dass auch Streuprozesse deter- Originalbild zurückzuverwandeln.

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ministisch sind. Wenn man also genau gestreutes Abbild
weiß, wie das Hindernis die Lichtwel- des Originalmusters
len beeinflusst, und die empfangenen
Digitalkamera
Bildinformationen präzise misst, dann
lässt sich das Original im Prinzip re-
konstruieren.
Dazu benötigt man allerdings außer
der Intensitäts- auch die Phasenvertei- Rekonstruktion Original-
lung des empfangenen Lichts – und das muster
geht nur, wenn es von einem Laser
Licht-
stammt. Die Phase gibt an, welcher Ab- Zinkoxidschicht modulator
schnitt einer Welle – Berg, Tal oder et-
was dazwischen – sich gerade an einem
bestimmten Punkt befindet. Überla-
gern sich zwei Lichtwellen, so verstär- Laser

Nature graphic
ken oder schwächen sie sich gegensei-
tig, je nachdem wie groß der Phasen­
unterschied zwischen ihnen ist. Wenn
einfarbige Laserstrahlung eine Linse Schematischer Versuchsaufbau: Ein Laser beleuchtet einen räumlichen Lichtmodulator
oder ein streuendes Medium durch- (SLM, nach englisch spatial light modulator), der dem Lichtbündel ähnlich wie ein Dia in
läuft, bildet sich dadurch ein Interfe- einem Projektor ein Muster aufprägt – hier eine Blüte. Das Licht durchläuft eine Schicht
renzmuster, das Rückschlüsse auf die aus streuendem Material (Zinkoxid) und trifft auf eine Digitalkamera. Aus dem empfan­
ursprünglichen Phaseninformationen genen Rauschen lässt sich mit Hilfe der zuvor ermittelten Transmissionsmatrix das
erlaubt. Mit einer normalen weißen Originalbild rekonstruieren.
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Lampe funktioniert das dagegen nicht,


weil ihr Licht sich in alle Richtungen
ausbreitet und aus Photonen vieler ver- Glasscheibe mit
schiedener Wellenlängen besteht. Zinkoxidschicht
Als Hindernis verwendeten Gigan
und seine Kollegen eine Schicht aus
Zinkoxid – ein weißes Pulver, das unter
anderem als Farbpigment genutzt wird.
Zunächst ermittelten sie, wie dieses
Medium bekannte Wellenfronten streut.
Das sind gedachte Schnittflächen durch
ein Bündel von Lichtstrahlen senkrecht

Sylvain Gigan, Insitut Langevin, Paris


zu dessen Ausbreitungsrichtung. Die
Forscher verwendeten dazu einen Laser
mit 532 Nanometern Wellenlänge. Ein
räumlicher Lichtmodulator (englisch
spatial light modulator, kurz SLM) präg-
te der von ihm ausgehenden mono-
chromatischen Wellenfront ein be- Realer Versuchsaufbau: Das Zinkoxid wurde auf einer Glasscheibe angebracht.
stimmtes Intensitäts- und Phasenmus-
ter auf – sozusagen ein Testbild.
Die Strahlung traf hinter dem Zink- Weise das streuende Medium die Wel- der Aufnahme der Testbilder nur ge-
oxid auf eine Digitalkamera. Mittels lenfront eines einfallenden Lichtbün- ringfügig ändert, wird das Licht auf
Interferometrie vermaßen die For- dels verändert. Umgekehrt kann sie als dem Weg hindurch nämlich völlig an-
scher die Intensitäts- und Phasenver- Schlüssel dienen, um aus einem emp- ders gestreut, so dass die Messung von
teilung des empfangenen Interferenz- fangenen Speckle-Muster zu ermit- vorn beginnen müsste.
musters. Dessen Struktur heißt nach teln, wie das zugehörige Originalbild Daher funktioniert das Verfahren
dem englischen Wort für Flecken auch aussah. bisher nur bei sehr stabilen Materiali-
»Speckle«. Der Vergleich zwischen Nach dieser Vorarbeit projizierten en wie Zinkoxid, dessen Struktur über
mehreren tausend gesendeten Wellen- die Forscher die 32 mal 32 Pixel große Stunden hinweg gleich bleibt. Biologi-
fronten und dem jeweils empfange- einfarbige Zeichnung einer Blüte – ge- sches Gewebe verändert sich dagegen
nen Interferenzmuster lieferte dann nauer: die zugehörige Laser-Wellen- ständig. »Wir müssen die Ausbreitung
eine so genannte Transmissionsmat- front – auf das Hindernis, vermaßen des Lichts in Sekundenbruchteilen
rix. Mit diesem mathematischen Hilfs- den empfangenen Lichtfleck und ent- analysieren«, betont Gigan. Winzige
mittel lässt sich berechnen, auf welche schlüsselten daraus das Original. Der bewegliche Spiegel, auch MEMs ge-
Versuch war ein voller Erfolg: 94 Pro- nannt (nach englisch micro-electro-
zent des ursprünglichen Bildes ließen mechanical systems), könnten Abhilfe
Als Fleckenmuster ähnlich wie dieses sich durch die 0,08 Millimeter dicke schaffen, da sie innerhalb von Mikro-
erschien die Blüte, nachdem ihr Licht eine Zinkoxidschicht hindurch erkennen. sekunden zwischen Testbildern um-
Zinkoxidschicht passiert hatte. Ohne die Möglichkeit, die Wellenfron- schalten können.
ten äußerst genau zu manipulieren, Eine weitere Hürde besteht darin,
wäre das nicht möglich gewesen. Die dass das Verfahren bisher nur den Blick
dafür benötigte Präzisionstechnik durch ein streuendes Medium hin-
steht erst seit wenigen Jahren zur Ver- durch ermöglicht und nicht in sein In-
fügung. neres hinein, wie das bei der medizini-
Bisher ist das Verfahren noch durch schen Bildgebung nötig wäre. Ebenso
die Geschwindigkeit begrenzt, mit der wenig erlaubt die Methode, durch eine
räumliche Lichtmodulatoren die Viel- reale Hauswand zu sehen, weil Beton
zahl benötigter Testbilder nacheinan- und Metall zu viel Licht absorbieren.
der erzeugen können. Dadurch dauert Der klammheimliche Blick in Nachbars
die Berechnung einer Transmissions- Wohnzimmer bleibt also ein Wunsch-
matrix mehrere Minuten. Das ist für traum.
Deglr638 / cc-by-2.5

die Anwendung in der medizinischen


Bildgebung deutlich zu langsam. Wenn Manuela Kuhar ist Physikerin und arbeitet als
sich die Struktur des Materials während freie Wissenschaftsjournalistin in Heidelberg.

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Medizin

Radikale Therapie von Schlaganfällen


Nach einem Schlaganfall sterben in großem Umfang Nervenzellen im Gehirn ab. Nun haben 
Forscher ein Enzym identifiziert, das dafür verantwortlich ist. Wird es ausgeschaltet, bleibt das 
Gehirn weit gehend unversehrt.

Von Kirstin Wingler, Christoph Kleinschnitz und Harald Schmidt

D er Schlaganfall zählt zu den häu-


figsten Todesursachen. Weltweit
sterben daran jährlich etwa 5,5 Millio-
Patient. Vor allem wegen der alternden
Bevölkerung wird die Häufigkeit von
Schlaganfällen vermutlich zunehmen.
unzureichend mit Sauerstoff und Nähr-
stoffen versorgt werden und deshalb
absterben.
nen Menschen; in Deutschland fordert In den meisten Fällen (ungefähr 85 Auch die Risikofaktoren für Herz­
er etwa alle zwei Minuten ein neues Op- Prozent) tritt ein so genannter ischämi- infarkt und Schlaganfall sind ähnlich.
fer. Selbst wenn jemand einen Schlag- scher Schlaganfall auf. Ausgelöst wird Zu ihnen gehören Bluthochdruck, Dia-
anfall überlebt, bleibt er oft dauerhaft er wie der Herzinfarkt durch eine akute betes mellitus, Rauchen und unzurei-
behindert – jeder dritte Betroffene wird Durchblutungsstörung – nur sind hier chende Bewegung. Beide Erkrankungen
zu einem schweren Pflegefall. Entspre- nicht die Herzkranzgefäße verstopft, resultieren häufig aus einer so genann-
chend hoch sind die Belastungen für sondern Adern, die das Gehirn versor- ten Arteriosklerose. Dabei werden die
das Gesundheitssystem. Allein die di- gen. Der weitaus seltenere hämorrha­ Blutgefäße durch Fett-, Kalk- und Bin-
rekten Krankheitskosten belaufen sich gische Schlaganfall rührt dagegen von degewebsablagerungen an den Wänden
in Deutschland aktuell auf durch- einer Blutung im Hirn her. Beiden For- immer stärker eingeengt – bis zum voll-
schnittlich mehr als 43000 Euro pro men gemeinsam ist, dass Nervenzellen ständigen Verschluss.

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Haushalt zum Beispiel als Bleich- oder identifizierten wir das Enzym NOX4,
Desinfektionsmittel verwendet wird. das zur Familie der NADPH-Oxidasen
Die Hypothese, dass freie Radikale gehört (PLoS Biology 8, S. 9). Deren ein-
an der Entstehung und Ausbreitung zige Aufgabe besteht darin, reaktive
Kirstin Wingler, Christoph Kleinschnitz und Harald Schmidt

von Schlaganfällen beteiligt sind, geht Sauerstoffverbindungen zu erzeugen,


bis in die 1970er Jahre zurück. Um oxi- die bei Gesunden wichtige Funktionen
dativen Stress zu bekämpfen und die ausüben – etwa bei der Abwehr von
durch ihn ausgelösten Zell- und Organ- Krankheitserregern. Bei überschießen-
schäden einzudämmen, versuchten der Aktivität verursachen die Enzyme
Forscher, die aggressiven Moleküle jedoch Zell- und Gewebeschäden.
durch Gabe von Antioxidantien (»Radi-
kalfängern«) wie Vitamin E, Vitamin C Enzymblockade verhütet Schäden
oder Betacarotin zu neutralisieren – je- Bei Versuchstieren konnten wir NADPH-
doch ohne Erfolg, wie viele klinische Oxidasen nach einem ischämischen
Schnittbild eines menschlichen Gehirns Studien belegen. In hohen Dosen erwie- Schlaganfall mit dem neuen Wirkstoff
nach einem akuten Schlaganfall. In der sen sich Antioxidantien teils sogar als VAS2870 hemmen, der sich noch in ei-
kernspintomografischen Aufnahme eher schädlich. Eine wahrscheinliche ner frühen Erprobungsphase befindet.
erscheint der geschädigte Bereich weißlich. Erklärung dafür ist, dass sie sich un- Ergebnis: Es waren drastisch weniger
gleichmäßig im Körper verteilen. Zu- Hirnschäden und neurologische Ausfall­
dem fangen sie ungezielt nicht nur die erscheinungen zu beobachten – sogar
Sobald die ersten Schlaganfallsymp- schädlichen Radikale ab, sondern auch dann noch, wenn der Hemmstoff erst
tome auftreten – typischerweise Läh- die potenziell nützlichen, die zum Bei- Stunden nach Beginn des Schlaganfalls
mungen, Sprach- und Gleichgewichts- spiel das Zellwachstum regulieren oder verabreicht wurde. Das ist sehr wichtig,
störungen –, beginnt ein Wettlauf gegen Bakterien und Viren abtöten. weil die meisten Schlaganfallpatienten
die Zeit. Denn schon rund fünf Minuten Statt die reaktiven Sauerstoffverbin- nicht sofort in die Klinik kommen.
nach Unterbrechung der Sauerstoffzu- dungen mit Antioxidantien zu bekämp- Für den gleichen Schutzeffekt sorgte
fuhr fangen die Nervenzellen an abzu- fen, wäre es deshalb besser, ihre Entste- das Ausschalten des NOX4-Gens. Ent-
sterben. Das Problem ist allerdings, dass hung zu verhindern und so das Übel an sprechende Knockout-Mäuse erlitten
es derzeit keine wirklich wirksame The- der Wurzel zu packen. Nur lag beim nur kleinere Hirninfarkte und waren im
rapie gibt. Innerhalb der ersten vier bis Schlaganfall der Ursprung der schädli- Übrigen gesund. Demnach scheint NOX4
fünf Stunden besteht die Option, das chen reaktiven Sauerstoffverbindun- unter normalen Bedingungen nur eine
Blutgerinnsel, welches das Gefäß ver- gen bisher im Dunkeln. untergeordnete Rolle zu spielen. Seine
schließt, medikamentös aufzulösen. Lei- Diese Wissenslücke konnten wir kürz- Blockade sollte folglich keine gravieren-
der hilft das nur begrenzt. Auch ist eine lich schließen. Als Hauptursache für den Nebenwirkungen hervorrufen.
solche Thrombolyse wegen der vielen den oxidativen Stress, der Nervenzellen Nun gilt es, die an Tieren gewonne-
Nebenwirkungen, etwa der Gefahr von nach einem Schlaganfall absterben lässt, nen Erkenntnisse für den Menschen
Blutungen, und Gegenanzeigen nur bei
etwa 10 bis 20 Prozent aller Schlaganfall-
patienten anwendbar. Deshalb besteht Nach einem Schlaganfall lassen sich in den Gehirnen von Mäusen aggressive Sauerstoff­
dringender Bedarf an neuen Therapien, verbindungen (rot) nachweisen, zu denen auch Wasserstoffperoxid gehört. Bei Nagern, die
die sicherer und wirksamer sind. mit einer Substanz behandelt wurden, die NADPH-Oxidasen hemmt, fanden sich wesent­
Ein möglicher Ansatzpunkt ist der so lich weniger solche Substanzen (links) als bei unbehandelten Vergleichstieren (rechts).
genannte oxidative Stress, der für die
Hirnschäden nach einem Schlaganfall
eine wichtige Rolle spielt. Hierbei rei-
chern sich freie Radikale – aggressive
Kirstin Wingler, Christoph Kleinschnitz und Harald Schmidt

Molekülbruchstücke mit ungepaarten


Elektronen – und andere »reaktive Sau-
erstoffverbindungen« im Gewebe an
und reagieren mit Zellbestandteilen
wie Proteinen, Lipiden und Nukleinsäu-
ren. Dadurch beeinträchtigen sie deren
Funktion – bis hin zum Zelltod. Zu den
reaktiven Sauerstoffverbindungen ge-
hört auch Wasserstoffperoxid, das im

20  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · februar 2011


springers einwürfe

Wie frei bleibt das Internet?


Kirstin Wingler, Christoph Kleinschnitz, Harald Schmidt

Das neue Medium zwischen Anarchie und Zensur

K ürzlich sah ich mir auf DVD den »Glöckner von Notre-Dame« in der Hollywood-
verfilmung von 1939 an und war schon vom Beginn angetan. Da begutachtet der
französische König zusammen mit dem Dompropst Frollo neugierig eine der ersten
Buchpressen. Ludwig XI. gibt sich – zumindest in diesem Film – als allem Modernen
aufgeschlossener Monarch und lobt das neue Medium des Buchdrucks als Vehikel
für Aufklärung und Volksbildung. Der Kirchenmann hingegen wittert im Verlust des
Mäuse, bei denen das NOX4-Gen ausge­ klerikalen Meinungsmonopols sofort die Gefahr von Aufruhr und Ketzerei.
schaltet wurde, erleiden bei einem Schlag­ Die Debatte um Wohl und Wehe des Internets, angeheizt durch Veröffentli-
anfall deutlich geringere Hirnschäden chungen unzähliger Geheimdokumente auf der Plattform Wikileaks, baut ähnliche
(links) als normale Artgenossen (rechts). Die Fronten auf. Die Befürworter begrüßen einen ungeahnten Zuwachs an Informa­
abgestorbenen Areale (weiß in den oberen tionsfreiheit und bürgerlicher Mündigkeit, während Kritiker vor der riskanten Stö-
Aufnahmen) sind kleiner und die Läsionen rung heikler diplomatischer Beziehungen durch Geheimnisverrat warnen.
der Blut-Hirn-Schranke (blau angefärbt in Beunruhigend fand ich als Kreditkartenbesitzer, wie schnell Mastercard und
den unteren Fotos) weniger ausgeprägt. Visa bereit waren, offenbar dem Druck von Regierungen gehorchend, Wikileaks
vom Zahlungsverkehr auszusperren und damit in seiner auf Spenden angewiese­
nen Existenz zu bedrohen. So etwas läuft nach meiner Sicht auf indirekte – ökono-
nutzbar zu machen. Mittelfristiges Ziel misch gehebelte – staatliche Zensur hinaus.
sind geeignete NOX4-Hemmstoffe, um
akute Schlaganfälle zu behandeln. Da- Doch so eindeutig sind Gut und Böse im Dreieck Bürger – Staat – Internet nicht ver-
bei muss die in unseren Experimenten teilt. Nur auf den ersten Blick steht der Einzelne, der sein Recht auf uneinge-
eingesetzte Substanz so verändert wer- schränkte Information beansprucht, im Bund mit einem möglichst freien Internet,
den, dass sie sich beim Menschen ge- während der Staat das neue Medium angeblich bloß reglementieren will. Zu einer
fahrlos anwenden lässt. Zudem sind anderen Einschätzung kommt der Rechtswissenschaftler Tim Wu von der New Yor-
ausführliche Sicherheitsstudien und ker Columbia University in seinem Buch »The Master Switch: The Rise and Fall of
eine Bestätigung der Ergebnisse in an- ­Information Empires«. Wu untersucht die Geschichte der Medien Radio, Tonträger,
deren Tiermodellen nötig. Deshalb wird Film, Fernsehen und Internet in den USA und demonstriert an zahlreichen Beispie-
es noch einige Zeit dauern, bis ein sol- len ein wiederkehrendes Muster: Die jeweils neueste Technik macht Firmen reich,
ches Medikament zugelassen ist und die mit ihrer wirtschaftlichen Macht ein Monopol darauf durchsetzen. Erst die Ein-
medizinisch eingesetzt werden kann. führung der nächsten »neuen« Medientechnik bricht die ökonomische Alleinherr-
Wahrscheinlich lässt sich das allge- schaft.
meine Prinzip, gezielt die krankheitsre- Im Licht von Wus Befund muss ich mein Dreieck zu einem Quadrat erweitern,
levanten Quellen von oxidativem Stress mit mächtigen Medienkonzernen als viertem Pol. Aktuelle Beispiele wären Google
auszuschalten, auch auf andere Erkran- und Apple. Jeder von beiden schickt sich auf seine Weise an, ein geschlossenes
kungen anwenden, bei denen reaktive ­System zu organisieren, das sich krakengleich über das Internet ausbreitet, um es
Sauerstoffverbindungen eine Rolle möglichst umfassend zu vereinnahmen. Der Grund ist nicht etwa, dass die zwei
spielen – etwa Herzinfarkte und das Alz­ Möchtegern-Monopolisten »böse« wären – sie sind nur einfach auf expansives
heimer- oder Parkinsonsyndrom. Die Wirtschaften programmiert.
Bedeutung unserer Ergebnisse reicht Im Viereck Bürger – Staat – Internet – Wirtschaft kommt darum dem Staat laut
also über den Schlaganfall hinaus. Wu eine durchaus positive Rolle zu: Er soll verhindern, dass das neue Medium von
Konzernen vereinnahmt wird. So könnte etwa eine Kartellbehörde ihr Augenmerk
Kirstin Wingler ist promovierte Ernährungs­­ speziell auf geballte Medienmacht im Internet richten.
wissenschaftlerin. Sie forscht in der Abteilung Übrigens: Wissen Sie, warum »Der Glöckner von Notre-
für Pharmakologie der Universität Maastricht Dame« in Hollywood gedreht wurde? Auch darüber gibt Wus
(Niederlande) und beim Cardiovascular Re- Buch Auskunft. Die Firma des Erfinders Thomas Edison kon-
search Institute Maastricht (CARIM). Christoph trollierte Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihren Patenten die
Kleinschnitz ist habilitierter Oberarzt und Leiter gesamte Filmtechnik. Unter anderem diktierte sie, dass ein
der Schlaganfallstation an der Neurologischen Kinofilm nur wenige Minuten lang sein dürfe, um die Auf-
Universitätsklinik Würzburg. Harald Schmidt merksamkeit des Publikums nicht zu ermüden. Vor solchen
leitet die Abteilung für Pharmakologie der Vorschriften flohen die ersten Filmstudios von der Ostküste
Michael Springer
Universität Maastricht und ist Professor für nach Kalifornien – und gründeten Hollywood.
Pharmakologie am CARIM.

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