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Daniel Defoe

Robinson Crusoe
Vollständige Ausgabe

Aus dem Englischen von


Karl Altmüller

Mit 27 Illustrationen von Grandville

Anaconda
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Robinson Crusoe erschien erstmals 1719 unter dem Titel The Life
and Strange Surprising Adventures of Robinson Crusoe, of York, Mariner:
Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an uninhabited Island on
the Coast of America, near the Mouth of the Great River Oroonoque;
Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but
himself. With an Account how he was at last as strangely deliver’d by
Pyrates. Written by Himself bei Taylor in London. Die deutsche
Übersetzung von Karl Altmüller erschien erstmals 1869 beim
Bibliographischen Institut in Hildburghausen.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in


der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische
Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieser Band ist Teil der Sonderausgabe


Die großen Klassiker der Abenteuerliteratur
(vier Bände in Kassette)
Daniel Defoe: Robinson Crusoe
Herman Melville: Moby Dick
Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel
Mark Twain: Tom Sawyer & Huckleberry Finn

© 2012 Anaconda Verlag GmbH, Köln


Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagmotiv: Howard Davie (f l. 1914–1944), illustration
for Robinson Crusoe, Private Collection / © Look and Learn /
bridgemanart.com
Umschlaggestaltung: www.katjaholst.de
Satz und Layout: GEM mbH, Ratingen
Printed in Czech Republic 2012
ISBN 978-3-86647-860-2
www.anacondaverlag.de
info@anacondaverlag.de
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Robinson Crusoe
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Ich bin geboren zu York im Jahre 1632, als Kind angesehener


Leute, die ursprünglich nicht aus jener Gegend stammten.
Mein Vater, ein Ausländer, aus Bremen gebürtig, hatte sich
zuerst in Hull niedergelassen, war dort als Kaufmann zu hüb-
schem Vermögen gekommen und dann, nachdem er sein Ge-
schäft aufgegeben hatte, nach York gezogen. Hier heiratete er
meine Mutter, eine geborene Robinson. Nach der geachte-
ten Familie, welcher sie angehörte, wurde ich Robinson
Kreuznaer genannt. In England aber ist es Mode, die Worte
zu verunstalten, und so heißen wir jetzt Crusoe, nennen und
schreiben uns sogar selbst so, und diesen Namen habe auch
ich von jeher unter meinen Bekannten geführt.
Ich hatte zwei ältere Brüder. Der eine von ihnen, welcher
als Oberstleutnant bei einem englischen, früher von dem be-
rühmten Oberst Lockhart befehligten Infanterieregiment in
Flandern diente, fiel in der Schlacht bei Dünkirchen. Was aus
dem jüngeren geworden ist, habe ich ebensowenig in Erfah-
rung bringen können, als meine Eltern je Kenntnis von mei-
nen eigenen Schicksalen erhalten haben.
Schon in meiner frühen Jugend steckte mir der Kopf voll
von Plänen zu einem umherschweifenden Leben. Mein be-
reits bejahrter Vater hatte mich so viel lernen lassen, als durch
die Erziehung im Hause und den Besuch einer Freischule auf
dem Lande möglich ist. Ich war für das Studium der Rechts-
gelehrsamkeit bestimmt. Kein anderer Gedanke aber in bezug
auf meinen künftigen Beruf wollte mir behagen als der, See-
mann zu werden. Dieses Vorhaben brachte mich in schroffen
Gegensatz zu den Wünschen und Befehlen meines Vaters und
dem Zureden meiner Mutter wie auch sonstiger mir freund-
lich gesinnter Menschen. Es schien, als habe das Schicksal in
meine Natur einen unwiderstehlichen Drang gelegt, der mich
geradewegs in künftiges Elend treiben sollte.
Mein Vater, der ein verständiger und ernster Mann war,
durchschaute meine Pläne und suchte mich durch eindring-

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liche Gegenvorstellungen von denselben abzubringen. Eines


Morgens ließ er mich in sein Zimmer, das er wegen der Gicht
hüten mußte, kommen und sprach sich über jene Angelegen-
heit mit großer Wärme gegen mich aus. »Was für andere
Gründe«, sagte er, »als die bloße Vorliebe für ein unstetes Le-
ben können dich bewegen, Vaterhaus und Heimat verlassen
zu wollen, wo du dein gutes Unterkommen hast und bei
Fleiß und Ausdauer in ruhigem und behaglichem Leben dein
Glück machen kannst. Nur Leute in verzweifelter Lage, oder
solche, die nach großen Dingen streben, gehen außer Landes
auf Abenteuer aus, um sich durch Unternehmungen empor-
zubringen und berühmt zu machen, die außerhalb der ge-
wöhnlichen Bahn liegen. Solche Unternehmungen aber sind
für dich entweder zu hoch oder zu gering. Du gehörst in den
Mittelstand, in die Sphäre, welche man die höhere Region
des gemeinen Lebens nennen könnte. Die aber ist, wie mich
lange Erfahrung gelehrt hat, die beste in der Welt; in ihr ge-
langt man am sichersten zu irdischem Glück. Sie ist weder
dem Elend und der Mühsal der nur von Händearbeit leben-
den Menschenklasse ausgesetzt, noch wird sie von dem
Hochmut, der Üppigkeit, dem Ehrgeiz und dem Neid, die in
den höheren Sphären der Menschenwelt zu Hause sind,
heimgesucht. Am besten«, fügte er hinzu, »kannst du die
Glückseligkeit des Mittelstandes daraus erkennen, daß er von
allen, die ihm nicht angehören, beneidet wird. Selbst Könige
haben oft über die Mißlichkeiten, die ihre hohe Geburt mit
sich bringt, geklagt und gewünscht, in die Mitte der Extreme
zwischen Hohe und Niedrige gestellt zu sein. Auch der Weise
bezeugt, daß jener Stand der des wahren Glückes ist, indem
er betet: ›Armut und Reichtum gib mir nicht.‹ Habe nur dar-
auf acht«, fuhr mein Vater fort, »so wirst du finden, daß das
Elend der Menschheit zumeist an die höheren und niederen
Schichten der Gesellschaft verteilt ist. Die, welche in der
mittleren leben, werden am seltensten vom Mißgeschick ge-

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troffen, sie sind minder den Wechselfällen des Glücks ausge-


setzt, sie leiden bei weitem weniger an Mißvergnügen und
Unbehagen des Leibes und der Seele wie jene, die durch aus-
schweifend üppiges Leben auf der einen, durch harte Arbeit,
Mangel am Notwendigen oder schlechten und unzulängli-
chen Lebensunterhalt auf der anderen Seite, infolge ihrer
natürlichen Lebensstellung geplagt sind. Der Mittelstand ist
dazu angetan, alle Arten von Tugenden und Freuden gedei-
hen zu lassen. Friede und Genügsamkeit sind im Gefolge ei-
nes mäßigen Vermögens. Gemütsruhe, Geselligkeit, Gesund-
heit, Mäßigkeit, alle wirklich angenehmen Vergnügungen
und wünschenswerten Erheiterungen sind die segensreichen
Gefährten einer mittleren Lebensstellung. Auf der Mittel-
straße kommt man still und gemächlich durch die Welt und
sanft wieder heraus, ungeplagt von allzu schwerer Hand-
oder Kopfarbeit, frei vom Sklavendienst ums tägliche Brot,
unbeirrt durch verwickelte Verhältnisse, die der Seele die
Ruhe, dem Leib die Rast entziehen, ohne Aufregung durch
Neid, oder die im Herzen heimlich glühende Ehrbegierde
nach großen Dingen. Dieser Weg führt vielmehr in gelasse-
ner Behaglichkeit durch das Dasein, gibt nur dessen Süßigkei-
ten, nicht aber auch seine Bitternisse zu kosten, er läßt, die auf
ihm wandeln, mit jedem Tage mehr erfahren, wie gut es ih-
nen geworden ist.«
Hierauf drang mein Vater ernstlich und inständigst in
mich, ich solle mich nicht gewaltsam in eine elende Lage stür-
zen, vor welcher die Natur, indem sie mich in meine jetzige
Lebensstellung gebracht, mich sichtbarlich habe behüten
wollen. Ich sei ja nicht gezwungen, meinen Unterhalt zu su-
chen. Er habe es gut mit mir vor und werde sich bemühen,
mich in bequemer Weise in die Lebensbahn zu bringen, die
er mir soeben gerühmt habe. Wenn es mir nicht wohl ergehe
in der Welt, so sei das lediglich meine Schuld. Er habe keine
Verantwortung dafür, nachdem er mich vor Unternehmun-

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gen gewarnt habe, die, wie er bestimmt wisse, zu meinem


Verderben gereichen müßten. Er wolle alles mögliche für
mich tun, wenn ich daheim bliebe und seiner Anweisung ge-
mäß meine Existenz begründe. Dagegen werde er sich da-
durch nicht zum Mitschuldigen an meinem Mißgeschick
machen, daß er mein Vorhaben, in die Fremde zu gehen, ir-
gendwie unterstütze. Schließlich hielt er mir das Beispiel mei-
nes älteren Bruders vor. Den habe er auch durch ernstliches
Zureden abhalten wollen, in den niederländischen Krieg zu
gehen. Dennoch sei derselbe seinen Gelüsten gefolgt und
habe darum einen frühen Tod gefunden. »Ich werde zwar«,
so endete mein Vater, »nicht aufhören, für dich zu beten, aber
das sage ich dir im voraus: Wenn du deine törichten Pläne
verfolgst, wird Gott seinen Segen nicht dazu geben, und du
wirst vielleicht einmal Muße genug haben, darüber nachzu-
denken, daß du meinen Rat in den Wind geschlagen hast.
Dann aber möchte wohl niemand da sein, der dir zur Umkehr
behilflich sein kann.«
Bei diesen letzten Worten, die, was mein Vater wohl
selbst kaum ahnte, wahrhaft prophetisch waren, strömten
ihm, besonders als er meinen gefallenen Bruder erwähnte,
die Tränen reichlich über das Gesicht. Als er von der Zeit der
zu späten Reue sprach, geriet er in eine solche Bewegung,
daß er nicht weiter reden konnte. Ich war durch seine Worte
in innerster Seele ergriffen, und wie hätte das anders sein
können! Mein Entschluß stand fest, den Gedanken an die
Fremde aufzugeben und mich, den Wünschen meines Vaters
gemäß, zu Hause niederzulassen. Aber ach, schon nach we-
nigen Tagen waren diese guten Vorsätze verflogen, und um
dem peinlichen Zureden meines Vaters zu entgehen, be-
schloß ich einige Wochen später, mich heimlich davon zu
machen. Indes führte ich diese Absicht nicht in der Hitze des
ersten Entschlusses aus, sondern nahm eines Tages meine
Mutter, als sie ungewöhnlich guter Laune schien, beiseite

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und erklärte ihr, mein Verlangen, die Welt zu sehen, gehe


mir Tag und Nacht so sehr im Kopfe herum, daß ich nichts
zu Hause anfangen könnte, wobei ich Ausdauer genug zur
Durchführung haben würde. »Mein Vater«, sagte ich, »täte
besser, mich mit seiner Einwilligung gehen zu lassen als ohne
sie. Ich bin im neunzehnten Jahre und zu alt, um noch die
Kaufmannschaft zu erlernen oder mich auf eine Advokatur
vorzubereiten. Wollte ich’s doch versuchen, so würde ich
sicherlich nicht die gehörige Zeit aushalten, sondern meinem
Prinzipal entlaufen und dann doch zur See gehen.« Ich bat
die Mutter, bei dem Vater zu befürworten, daß er mich eine
Seereise zum Versuch machen lasse. Käme ich dann wieder
und die Sache hätte mir nicht gefallen, so wollte ich nimmer
fort und verspräche für diesen Fall, durch doppelten Fleiß das
Versäumte wieder einzuholen.
Meine Mutter geriet über diese Mitteilung in große Be-
stürzung. Es würde vergebens sein, erwiderte sie, mit mei-
nem Vater darüber zu sprechen, der wisse zu gut, was zu
meinem Besten diene, um mir seine Einwilligung zu so ge-
fährlichen Unternehmungen zu geben. »Ich wundere mich«,
setzte sie hinzu, »daß du nach der Unterredung mit deinem
Vater und nach seinen Ermahnungen noch an so etwas den-
ken kannst. Wenn du dich absolut ins Verderben stürzen
willst, so ist dir eben nicht zu helfen. Darauf aber darfst du
dich verlassen, daß ich meine Einwilligung dir nie gebe und
an deinem Unglück nicht irgendwelchen Teil haben will.
Auch werde ich niemals in etwas einwilligen, was nicht die
Zustimmung deines Vaters hat.«
Wie ich später erfuhr, war diese Unterredung von meiner
Mutter, trotz ihrer Versicherung, dem Vater davon nichts
mitteilen zu wollen, ihm doch von Anfang bis zu Ende erzählt
worden. Er war davon sehr betroffen gewesen und hatte seuf-
zend geäußert: »Der Junge könnte nun zu Hause sein Glück
machen, geht er aber in die Fremde, wird er der unglücklich-

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ste Mensch von der Welt werden; meine Zustimmung be-


kommt er nicht.«
Es währte beinahe noch ein volles Jahr, bis ich dennoch
meinen Vorsatz ausführte. In dieser ganzen Zeit aber blieb ich
taub gegen alle Vorschläge, ein Geschäft anzufangen, und
machte meinen Eltern oftmals Vorwürfe darüber, daß sie sich
dem, worauf meine ganze Neigung ging, so entschieden wi-
dersetzten.
Eines Tages befand ich mich in Hull, wohin ich jedoch
zufällig und ohne etwa Fluchtgedanken zu hegen, mich be-
geben hatte. Ich traf dort einen meiner Kameraden, der im
Begriff stand, mit seines Vaters Schiff zur See nach London zu
gehen. Er drang in mich, ihn zu begleiten, indem er mir die
gewöhnliche Lockspeise der Seeleute, nämlich freie Fahrt,
anbot. So geschah es, daß ich, ohne Vater oder Mutter um
Rat zu fragen, ja ohne ihnen auch nur ein Wort zu sagen, un-
begleitet von ihrem und Gottes Segen und ohne Rücksicht
auf die Umstände und Folgen meiner Handlung, in böser
Stunde (das weiß Gott!!) am ersten September 1651 an Bord
des nach London bestimmten Schiffes ging.
Niemals, glaube ich, haben die Mißgeschicke eines jungen
Abenteurers rascher ihren Anfang genommen und länger an-
gehalten als die meinigen. Unser Schiff war kaum aus dem
Humberfluß, als der Wind sich erhob und die See anfing,
fürchterlich hoch zu gehen. Ich war früher nie auf dem
Meere gewesen und wurde daher leiblich unaussprechlich
elend und im Gemüt von furchtbarem Schrecken erfüllt. Jetzt
begann ich ernstlich darüber nachzudenken, was ich unter-
nommen, und wie die gerechte Strafe des Himmels meiner
böswilligen Entfernung vom Vaterhaus und meiner Pflicht-
vergessenheit alsbald auf dem Fuße gefolgt sei. Alle guten
Ratschläge meiner Eltern, die Tränen des Vaters und der
Mutter Bitten traten mir wieder vor die Seele, und mein da-
mals noch nicht wie später abgehärtetes Gewissen machte mir

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bittere Vorwürfe über meine Pflichtwidrigkeit gegen Gott


und die Eltern.
Inzwischen steigerte sich der Sturm, und das Meer schwoll
stark, wenn auch bei weitem nicht so hoch, wie ich es später
oft erlebt und schon einige Tage nachher gesehen habe.
Doch reichte es hin, mich, als einen Neuling zur See und da
ich völlig unerfahren in solchen Dingen war, zu entsetzen.
Von jeder Woge meinte ich, sie würde uns verschlingen, und
so oft das Schiff sich in einem Wellental befand war mir, als
kämen wir nimmer wieder auf die Höhe. In dieser Seelen-
angst tat ich Gelübde in Menge und faßte die besten Ent-
schlüsse. Wenn es Gott gefalle, mir das Leben auf dieser Reise
zu erhalten, wenn ich jemals wieder den Fuß auf festes Land
setzen dürfe, so wollte ich alsbald heim zu meinem Vater ge-
hen und nie im Leben wieder ein Schiff betreten. Dann
wollte ich den väterlichen Rat befolgen und mich nicht wie-
der in ein ähnliches Elend begeben. Jetzt erkannte ich klar die
Richtigkeit der Bemerkungen über die goldene Mittelstraße
des Lebens. Wie ruhig und behaglich hatte mein Vater sein
Leben lang sich befunden, der sich nie den Stürmen des Mee-
res und den Kümmernissen zu Lande ausgesetzt hatte. Kurz,
ich beschloß fest, mich aufzumachen gleich dem verlorenen
Sohne und reuig zu meinem Vater zurückzukehren.
Diese weisen und verständigen Gedanken hielten jedoch
nur stand, solange der Sturm währte und noch ein weniges
darüber. Am nächsten Tage legte sich der Wind, die See ging
ruhiger, und ich ward die Sache ein wenig gewohnt. Doch
blieb ich den ganzen Tag still und ernst und litt noch immer
etwas an der Seekrankheit. Am Nachmittag aber klärte sich
das Wetter auf, der Wind legte sich völlig, und es folgte ein
köstlicher Abend. Die Sonne ging leuchtend unter und am
nächsten Morgen ebenso schön auf. Wir hatten wenig oder
gar keinen Wind, die See war glatt, die Sonne strahlte darauf,
und ich hatte einen Anblick so herrlich wie nie zuvor.

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Mark Twain

Tom Sawyer und


Huckleberry Finn
Vollständige Ausgabe

Aus dem amerikanischen


Englisch von Lore Krüger und
Barbara Cramer-Neuhaus

Anaconda
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Titel der Originalausgaben:


The Adventures of Tom Sawyer (London 1876). Die vorliegende Übersetzung
erschien erstmals 1962 unter dem Titel
Tom Sawyers Abenteuer im Aufbau-Verlag. Deutsche Übersetzung von Lore
Krüger.
Adventures of Huckleberry Finn (London 1884, New York 1885).
Die vorliegende Übersetzung erschien erstmals 1956 unter dem
Titel Huckleberry Finns Abenteuer als Band 194 der Sammlung
Dieterich, Leipzig; Sammlung Dieterich ist eine Marke der
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG. Deutsche Übersetzung von
Barbara Cramer-Neuhaus.

Beide Romane sind ungekürzte Lizenzausgaben der


Anaconda Verlag GmbH
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 1962, 2008
(für Tom Sawyer)
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 1956, 2008
(für Huckleberry Finn)

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in


der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische
Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieser Band ist Teil der Sonderausgabe


Die großen Klassiker der Abenteuerliteratur (vier Bände in Kassette)
Daniel Defoe: Robinson Crusoe
Herman Melville: Moby Dick
Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel
Mark Twain: Tom Sawyer & Huckleberry Finn

© dieser Ausgabe 2012 Anaconda Verlag GmbH, Köln


Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagmotiv: Maria Konstantinova Bashkirtseva (1860–1884), »The
Meeting« (1884), Musée d’Orsay, Paris / Giraudon / bridgemanart.com
Umschlaggestaltung: www.katjaholst.de
Satz und Layout: GEM mbH, Ratingen
Printed in Czech Republic 2012
ISBN 978-3-86647-860-2
www.anacondaverlag.de
info@anacondaverlag.de
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Inhalt

Tom Sawyers Abenteuer . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Die Abenteuer des Huckleberry Finn . . . . . . . . . 261


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twain_tom_sawyer_huck-finn_01_s001-s260_ver-02_122x187 22.06.2011 15:37 Seite 7

Tom Sawyers
Abenteuer
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Dieses Buch widme ich liebevoll meiner Frau


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Vorwort
Die meisten der in diesem Buch festgehaltenen Abenteuer sind
wirklich geschehen; ein oder zwei erlebte ich selbst, die übrigen
begegneten Jungen, die mit mir in die Schule gingen. Huck
Finn ist nach dem Leben gezeichnet, Tom Sawyer ebenfalls, je-
doch nicht nach einem einzelnen; er ist die Verbindung der
Charaktereigentümlichkeiten dreier Jungen, die ich kannte,
und gehört deshalb zur architektonischen Säulenordnung mit
Kompositkapitell.
Die beiläufig erwähnten, eigenartigen abergläubischen
Vorstellungen herrschten sämtlich zur Zeit dieser Begebenhei-
ten, das heißt vor dreißig, vierzig Jahren, bei Kindern und Skla-
ven im Westen.
Obgleich mein Buch vor allem für die Unterhaltung von
Jungen und Mädchen bestimmt ist, hoffe ich doch, daß Män-
ner und Frauen es deshalb nicht meiden werden, denn meine
Absicht war zum Teil, Erwachsene auf angenehme Weise
daran zu erinnern, wie sie einst selbst waren, wie sie empfan-
den, dachten und redeten und in was für seltsame Unterneh-
mungen sie sich zuweilen einließen.

Hartford, 1876 Der Verfasser

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1. K a p i t e l
»Tom!«
Keine Antwort.
»Tom!«
Keine Antwort.
»Was ist bloß wieder los mit dem Jungen, möcht ich wissen!
Huhu, Tom!«
Die alte Dame schob ihre Brille hinunter und blickte darüber
hinweg im Zimmer umher; dann schob sie sie hinauf und
blickte darunter hervor. Selten oder nie blickte sie hindurch, um
nach einem so kleinen Gegenstand wie einem Jungen Ausschau
zu halten, denn es war ihre Staatsbrille, der Stolz ihres Herzens,
geschaffen, um »elegant« zu wirken, und nicht, um ihr zu die-
nen; ebensogut hätte sie auch durch ein Paar Herdringe blicken
können. Einen Augenblick schien sie verblüfft, dann sagte sie,
nicht gerade zornig, aber doch laut genug, daß es die Möbel
hören konnten: »Na warte, wenn ich dich erwische, dann …«
Sie beendete den Satz nicht, denn sie hatte sich bereits
gebückt und stieß mit einem Besen unter dem Bett herum –
daher brauchte sie ihren Atem, um den Stößen Nachdruck zu
verleihen. Sie förderte nur die Katze ans Licht.
»So was wie diesen Bengel hab ich noch nicht gesehn!«
Sie trat an die offene Haustür, blieb stehen und ließ den
Blick über die Tomatenstöcke und »Steckapfelbüsche« schwei-
fen, aus denen der Garten bestand. Weit und breit kein Tom.
Sie hob daher die Stimme zu einer für die Ferne berechneten
Lautstärke und rief: »Hu-h-u-u, Tom!«
Hinter ihr war ein leises Geräusch zu vernehmen, und sie
wandte sich um, gerade noch rechtzeitig, um einen kleinen
Jungen beim Jackenzipfel zu erwischen und seine Flucht zu
vereiteln. »Da bist du ja! An den Wandschrank hätt ich auch
denken können! Was hast du denn da drin getan?«
»Nichts.«
»Nichts! Guck dir doch deine Hände an, und guck dir dei-
nen Mund an. Was ist das für Zeug?«

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»Weiß ich doch nicht, Tante.«


»Na, ich weiß es aber. Marmelade ist’s! Hundertmal hab ich
dir gesagt, bleib mir von der Marmelade, sonst gerb ich dir das
Fell. Reich mir mal die Rute her.«
Die Rute schwebte in der Luft. Es bestand höchste Gefahr.
»O herrje! Guck dich um, Tante!«
Die alte Dame fuhr herum und raffte mit einem Griff ihre
Röcke hoch, um sie aus der Gefahrenzone zu bringen; im
gleichen Augenblick entfloh der Junge, erkletterte den hohen
Bretterzaun und verschwand darüber. Tante Polly stand einen
Augenblick verdutzt da und brach dann in leises Lachen aus.
»Zum Kuckuck mit dem Bengel! Werd ich’s denn nie ler-
nen? Hat er mir nicht genug solche Streiche gespielt, daß ich
mich endlich vor ihm in acht nehmen könnte? Aber die alten
Narren sind die schlimmsten. Ein alter Pudel lernt keine neuen
Kunststücke mehr, sagt das Sprichwort. Aber, du liebe Güte,
keine zweimal spielt er sie mir auf die gleiche Art, und woher
soll ein Mensch wissen, was das nächste Mal kommt? Anschei-
nend weiß er genau, wie weit er’s mit mir treiben kann, bis
mich der Zorn packt, und er weiß, wenn er mich auch nur ei-
nen Augenblick irremachen oder mich zum Lachen bringen
kann, dann ist’s wieder vorbei, und ich kann ihm nicht einen
einzigen Schlag verabreichen. Ich tu meine Pflicht nicht an dem
Jungen, wahrhaftig nicht, das weiß der liebe Himmel. ›Wer sein
Kind liebt, der züchtigt es‹, so steht’s in der Heiligen Schrift.
Sünde und Leid bring ich über uns beide, das weiß ich. Er steckt
voller Teufeleien, aber du lieber Gott! Er ist ja schließlich der
Junge meiner leiblichen verstorbenen Schwester, der Ärmsten,
und irgendwie hab ich nicht das Herz, ihn zu prügeln. Jedesmal,
wenn ich ihn so davonkommen lasse, setzt mir das Gewissen arg
zu, und jedesmal, wenn ich ihn schlage, bricht mir fast das alte
Herz. Ach ja, der Mensch, der vom Weibe geboren ist, hat nur
ein paar Tage, und die sind voller Sorgen, wie die Bibel sagt,
und so ist’s wohl. Heut nachmittag wird er die Schule schwän-
zen, und da bin ich einfach gezwungen, ihm zur Strafe morgen
eine Arbeit aufzubrummen. Es fällt mir mächtig schwer, ihn

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sonnabends an die Arbeit zu setzen, wenn alle Jungs ihren freien


Tag haben, aber Arbeit haßt er mehr als alles andere, und ich
muß ja wenigstens einigermaßen meine Pflicht an ihm tun,
sonst bin ich das Verderben des Kindes.«
Tom schwänzte tatsächlich die Schule, und er verbrachte
die Zeit auf sehr angenehme Weise. Er kam noch gerade recht-
zeitig nach Hause, um Jim, dem kleinen Negerjungen, vor dem
Abendbrot das Feuerholz für den nächsten Tag sägen und
schleißen zu helfen – zumindest war er noch früh genug da, um
Jim seine Abenteuer zu berichten, während dieser dreiviertel
der Arbeit tat. Toms jüngerer Bruder (oder vielmehr Halbbru-
der) Sid war mit seinem Teil (dem Aufsammeln der Späne) be-
reits fertig; er war ein stiller Junge und hatte nichts Abenteuer-
liches, Unruhe Stiftendes an sich. Während Tom sein Abend-
brot aß und, sobald sich die Gelegenheit bot, Zuckerstückchen
stibitzte, stellte ihm Tante Polly sehr arglistige, verfängliche
Fragen – denn sie wollte, daß er in die Falle ginge und bela-
stende Enthüllungen mache. Wie manch andere arglose Seele
wiegte sie sich voller Eitelkeit in dem Glauben, sie habe ein be-
sonderes Talent für die dunkle und geheimnisvolle Kunst der
Diplomatie, und es bereitete ihr Freude, ihre durchsichtigsten
Finten als Wunder an Tücke und Verschlagenheit zu betrach-
ten. Sie sagte also: »Tom, ’s war einigermaßen warm in der
Schule, nicht?«
»Freilich, Tante.«
»Mächtig warm, was?«
»Freilich, Tante.«
»Hast du nicht Lust gehabt, schwimmen zu gehn, Tom?«
Ein leichter Schreck durchzuckte ihn – ein leiser unbehag-
licher Verdacht. Er forschte in Tante Pollys Gesicht, aber es
verriet nichts. Deshalb sagte er: »Nein, Tante – wenigstens
nicht allzu große.«
Die alte Dame streckte die Hand aus und befühlte Toms
Hemd, dann sagte sie: »Jetzt ist dir aber nicht allzu heiß.«
Es schmeichelte ihrem Stolz, entdeckt zu haben, daß das
Hemd trocken war, ohne daß irgend jemand ahnte, worauf sie

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hinauswollte. Trotz ihrer List wußte Tom aber nun, woher der
Wind wehte. Darum kam er einem Schachzug zuvor, der wo-
möglich ihr nächster sein mochte: »’n paar von uns haben sich
Wasser über den Kopf gepumpt – meiner ist noch feucht.
Siehst du?«
Tante Polly ärgerte sich bei dem Gedanken, daß sie diesen
Indizienbeweis übersehen und sich so einen Schlich hatte ent-
gehen lassen. Dann kam ihr eine neue Eingebung: »Tom, du
hast dir doch den Kragen nicht aufmachen müssen, wo ich ihn
zugenäht hab, um dir Wasser über den Kopf zu pumpen, wie?
Knöpf dir mal den Rock auf.«
Aus Toms Gesicht schwand alle Unruhe. Er öffnete den
Rock. Sein Hemdkragen war fest zugenäht.
»Verflixt noch mal! Na, geh schon. Ich war sicher, daß du
die Schule geschwänzt hattst und schwimmen gegangen warst.
Aber lassen wir’s gut sein. Dir geht’s wohl so ähnlich wie ’ner
Katze, die zu nah ans Feuer geraten ist, Tom, wie man so sagt –
du bist besser, als du aussiehst. Diesmal wenigstens.«
Halb tat es ihr leid, daß ihr Scharfsinn versagt hatte, und
halb freute es sie, daß Tom wenigstens dieses eine Mal auf den
Weg des Gehorsams gestolpert war.
Sidney aber sagte: »Komisch, ich dachte, du hättst seinen
Kragen mit weißem Garn genäht, aber’s ist schwarz.«
»Freilich hab ich ihn mit weißem genäht. Tom!«
Tom wartete jedoch nicht weiter ab. Als er zur Tür hinaus-
lief, rief er: »Siddy, dafür kriegste ’ne Tracht!«
Nachdem Tom an einem sicheren Ort angelangt war, be-
sah er sich zwei große Nähnadeln, die in seinen Rockauf-
schlägen steckten und mit Faden umwickelt waren – die eine
mit schwarzem, die andere mit weißem. Er sagte: »Nie hätt
sie’s gemerkt, wenn Sid nicht gewesen wär. Verdammt noch
mal, manchmal näht sie’s mit Schwarz und manchmal mit
Weiß. Ich wünschte, sie würde zum Kuckuck bei einer Sorte
bleiben – wie soll ich das denn behalten? Den Sid verdresch
ich aber dafür, da kannste Gift drauf nehmen, oder ich freß
’nen Besen.«

16
stevenson_schatzinsel_neu_122x187 03.06.2011 12:31 Seite 3

Robert Louis Stevenson

Die Schatzinsel
Vollständige Ausgabe

Aus dem Englischen von


Heinrich Conrad

Anaconda
stevenson_schatzinsel_neu-juni-2012_122x187 26.06.2012 09:08 Seite 4

Die Originalausgabe erschien 1883 unter dem Titel Treasure Island


bei Cassells in London. Die deutsche Übersetzung von Heinrich
Conrad folgt der Ausgabe München: Goldmann 1963.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in


der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische
Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieser Band ist Teil der Sonderausgabe


Die großen Klassiker der Abenteuerliteratur
(vier Bände in Kassette)
Daniel Defoe: Robinson Crusoe
Herman Melville: Moby Dick
Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel
Mark Twain: Tom Sawyer & Huckleberry Finn

© 2012 Anaconda Verlag GmbH, Köln


Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagmotiv: Howard Pyle (1853–1911), »Pirate William
Kidd burying treasure on Oak Island«, Private Collection /
Peter Newark Pictures / bridgemanart.com
Umschlaggestaltung: www.katjaholst.de
Satz und Layout: GEM mbH, Ratingen
Printed in Czech Republic 2012
ISBN 978-3-86647-860-2
www.anacondaverlag.de
info@anacondaverlag.de
stevenson_schatzinsel_04.qxp 28.03.2008 12:15 Seite 5

Inhalt

I Der alte Freibeuter


1. Der alte Seehund im »Admiral Benbow« . . . . 7
2. Der Schwarze Hund erscheint und ver-
schwindet wieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
3. Der schwarze Fleck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
4. Die Schifferkiste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
5. Der Tod des Blinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
6. Des Kapteins Papiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60

II Der Schiffskoch
7. Ich gehe nach Bristol . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
8. Die Wirtschaft »Zum Fernrohr« . . . . . . . . . . 80
9. Pulver und Waffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
10. Die Seefahrt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
11. Was ich in der Apfeltonne hörte . . . . . . . . . . 109
12. Kriegsrat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

III Mein Abenteuer an Land


13. Der Anfang meines Landabenteuers . . . . . . . 129
14. Der erste Schlag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
15. Der Inselmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147

5
stevenson_schatzinsel_04.qxp 28.03.2008 12:15 Seite 6

IV Das Blockhaus
16. Wie das Schiff aufgegeben wurde . . . . . . . . . 159
17. Die letzte Fahrt der Jolle . . . . . . . . . . . . . . . 168
18. Der Ausgang des Gefechtes am ersten Tage . . . 176
19. Die Garnison im Pfahlwerk . . . . . . . . . . . . . 184
20. Silver als Parlamentär . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
21. Der Angriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204

V Mein Seeabenteuer
22. Der Beginn meines Seeabenteuers . . . . . . . . 215
23. Die Ebbströmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
24. Die Irrfahrt des Korakels . . . . . . . . . . . . . . . 233
25. Ich hole den Jolly Roger herunter . . . . . . . . 242
26. Israel Hands . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
27. »Piaster!« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265

VI Kapitän Silver
28. Im feindlichen Lager . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
29. Noch einmal der schwarze Fleck . . . . . . . . . 289
30. Auf mein Ehrenwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
31. Die Schatzsuche; Flints Wegweiser . . . . . . . . 311
32. Die Schatzsuche; die Stimme in den
Bäumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
33. Der Sturz eines Piratenhäuptlings . . . . . . . . . 333
34. Schluß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343

6
stevenson_schatzinsel_04.qxp 28.03.2008 12:15 Seite 7

I Der alte Freibeuter

ERSTES KAPITEL

Der alte Seehund im »Admiral Benbow«

Gutsherr Trelawney, Dr. Livesey und die übrigen


Herren haben mich gebeten, unsere Fahrt nach der
Schatzinsel vom Anfang bis zum Ende zu beschrei-
ben und dabei nichts zu verschweigen als die genaue
Lage der Insel, und zwar auch dies nur deshalb, weil
noch jetzt ungehobene Schätze dort vorhanden
seien. So ergreife ich die Feder in diesem Jahre des
Heils 17.. und versetze mich zurück in die Zeit, als
mein Vater den Gasthof zum »Admiral Benbow« be-
wirtschaftete und als ein braungebrannter alter See-
mann mit der Säbelnarbe im Gesicht unter unserem
Dache Wohnung nahm.
Ich erinnere mich dieses Mannes, wie wenn es ge-
stern gewesen wäre: wie er in die Tür unseres Hau-
ses trat, während seine Schifferkiste ihm auf einem
Schiebkarren nachgefahren wurde – ein großer, star-
ker, schwerer, nußbrauner Mann. Sein teeriger Zopf
hing ihm im Nacken über seinen fleckigen blauen
Rock herunter, seine Hände waren schwielig und
rissig mit abgebrochenen, schwarzen Fingernägeln,
und der Säbelschmiß, der sich über die eine Wange

7
stevenson_schatzinsel_04.qxp 28.03.2008 12:15 Seite 8

hinzog, war von schmutzig-weißer Farbe. Er sah sich


in der Schankstube um und pfiff dabei vor sich hin,
und dann stimmte er das alte Schifferlied an, das er
später so oft sang:

Johoho, und ’ne Buddel, Buddel Rum!


Johoho, und ’ne Buddel, Buddel Rum!

in der zittrigen, hohen Stimme, die so klang, wie


wenn eine Ankerwinde gedreht würde. Dann schlug
er mit einem Knüppel, so dick wie eine Handspei-
che, gegen die Tür, und als mein Vater erschien, ver-
langte er barsch ein Glas Rum. Als ihm der Rum
gebracht worden war, trank er ihn langsam aus, wie
ein Kenner mit der Zunge den Geschmack nachprü-
fend, und dabei sah er sich durch das Fenster die
Strandklippen und unser Wirtsschild an. Schließlich
sagte er:
»Das ist ’ne nette Bucht und ’ne günstig gelegene
Grogkneipe. Viel Gesellschaft, Maat?«
Mein Vater sagte ihm, Gesellschaft käme leider
nur sehr wenig.
»So? Na, dann ist das die richtige Stelle für mich.
Heda, Ihr, Mann!« rief er dem Mann zu, der den
Handkarren schob: »Ladet mal meine Kiste ab und
bringt sie nach oben! Hier will ich ein bißchen blei-
ben! Ich bin ein einfacher Mann – Rum und Speck
und Eier, weiter brauche ich nichts und außerdem

8
stevenson_schatzinsel_04.qxp 28.03.2008 12:15 Seite 9

die Klippe da draußen, um die Schiffe zu beobach-


ten. Wie Sie mich nennen könnten? Kaptein können
Sie mich nennen. Ach so – ich sehe schon, worauf
Sie hinauswollen – da!« und er warf drei oder vier
Goldstücke auf den Tisch. »Wenn ich das verzehrt
habe, können Sie mir Bescheid sagen!« rief er, und
dabei sah er so stolz aus wie ein Admiral.
Und in der Tat – so schlecht seine Kleider waren
und so ungepflegt seine Sprechweise, er sah durch-
aus nicht wie ein Mann aus, der vor dem Mast fuhr,
sondern war offenbar ein Steuermann oder ein
Schiffer, der gewohnt war, daß man ihm gehorchte.
Sonst gab’s Prügel. Der Mann, der den Schiebkarren
gefahren hatte, sagte uns, die Postkutsche hätte den
Gast am Tag vorher am Royal George abgesetzt; er
hätte sich erkundigt, was für Gasthöfe an der Küste
wären, und als er gehört hätte, daß man unser Haus
lobte – und besonders, so vermute ich wenigstens,
als man es ihm als einsam gelegen beschrieb – hätte
er beschlossen, bei uns Aufenthalt zu nehmen. Und
das war alles, was wir über unseren Gast erfahren
konnten.
Er war ein schweigsamer Mann. Den ganzen Tag
lungerte er an der Bucht oder auf den Klippen herum
und sah durch sein Messingfernrohr über See und
Strand; den ganzen Abend aber saß er in einer Ecke
der Schankstube ganz dicht am Feuer und trank
Rum und Wasser, und zwar eine sehr steife Mi-

9
stevenson_schatzinsel_04.qxp 28.03.2008 12:15 Seite 10

schung. Wenn jemand ihn anredete, antwortete er


gewöhnlich nicht, sondern sah nur plötzlich mit ei-
nem wütenden Blick auf und blies durch seine Nase
wie durch ein Nebelhorn. Wir und unsere Besucher
merkten bald, daß man ihn dann in Ruhe lassen
mußte. Jeden Tag, wenn er von seinen Gängen zu-
rückkam, fragte er, ob Seeleute auf der Landstraße
vorübergekommen wären. Anfangs dachten wir, er
frage, weil er sich nach Gesellschaft von Kameraden
sehnte; schließlich aber merkten wir, daß er im Ge-
genteil diese zu vermeiden wünschte. Wenn ein See-
mann im »Admiral Benbow« einkehrte – wie es ab
und zu geschah, wenn Leute auf der Küstenstraße
nach Bristol gingen – so sah er sich ihn durch das ver-
hängte Fensterchen der Tür an, bevor er die Schenk-
stube betrat. Wenn solch ein Seemann anwesend
war, verhielt er sich immer mäuschenstill. Vor mir
suchte er auch kein Geheimnis aus der Sache zu ma-
chen, sondern er ließ mich im Gegenteil an seiner
Unruhe teilhaben. Er hatte mich nämlich eines Ta-
ges beiseite genommen und mir versprochen: er
wolle mir am Ersten jeden Monats ein silbernes Vier-
Penny-Stück geben, wenn ich bloß »mein Wetter-
auge offenhalten wollte nach einem Seemann mit
nur einem Bein« und wenn ich ihm, sobald der auf-
tauchte, augenblicklich Bescheid geben wollte.
Wenn nun der Monatserste da war und ich meinen
Lohn von ihm verlangte, dann kam es oft vor, daß er

10
stevenson_schatzinsel_04.qxp 28.03.2008 12:15 Seite 11

durch die Nase blies und mich mit einem wütenden


Blick ansah; aber bevor die Woche zu Ende war,
hatte er es sich jedesmal besser überlegt: er brachte
mir das Vier-Penny-Stück und wiederholte seinen
Befehl, »nach dem Seemann mit dem einen Bein
Ausguck zu halten«.
Wie dieser Seemann mich in meinen Träumen
verfolgte, brauche ich kaum zu sagen. In stürmischen
Nächten, wenn der Wind die vier Ecken unseres
Hauses schüttelte und die Brandung in der Bucht ge-
gen die Klippen donnerte, sah ich ihn in tausend Ge-
stalten und mit tausend teuflischen Gesichtern. Bald
war das Bein am Knie abgenommen, bald dicht an
der Hüfte; dann wieder war er ein unheimliches Ge-
schöpf, das immer nur ein einziges Bein gehabt hatte,
und zwar mitten unter dem Rumpf. Ihn zu sehen,
wie er sprang und lief und mich über Gräben und
Hecken verfolgte, das war für mich der fürchterlich-
ste Nachtmahr. So mußte ich eigentlich mein mo-
natliches Vier-Penny-Stück recht teuer bezahlen,
denn ich wurde dafür von gräßlichen Traumgesich-
ten verfolgt.
Wenn ich vor dem einbeinigen Seemann eine
schreckliche Angst hatte, so hatte ich dafür vor dem
Kaptein selber weniger Furcht als andere, die ihn
kannten. An manchen Abenden nahm er mehr Rum
und Wasser zu sich, als sein Kopf vertragen konnte;
dann saß er zuweilen da, ohne sich um irgendeinen

11
stevenson_schatzinsel_04.qxp 28.03.2008 12:15 Seite 12

Menschen zu kümmern, und sang seine alten wilden


Schifferlieder; zuweilen aber bestellte er Runden
und zwang die ganze zitternde Gesellschaft, seine
Geschichten anzuhören oder als Chor in seine Lieder
einzustimmen. Oft zitterte das Haus von dem »Jo-
hoho, und ’ne Buddel, Buddel Rum«; alle Nachbarn
stimmten aus voller Kehle ein, mit einer Todesangst
im Leibe, und einer sang noch lauter als der andere,
damit nur der Kaptein keine Bemerkungen machte.
Denn wenn er Anfälle hatte, war er der ungemüt-
lichste Gesellschafter von der Welt; dann schlug er
mit der Faust auf den Tisch und gebot Ruhe; wenn
irgendeine Zwischenfrage gestellt wurde, regte er
sich fürchterlich auf – manchmal aber noch mehr,
wenn keine Frage gestellt wurde, weil er dann
glaubte, die Gesellschaft höre nicht auf seine Ge-
schichte. An solchen Abenden durfte keiner die
Schankstube verlassen, bis er selber vom Trinken
schläfrig geworden war und ins Bett taumelte.
Am meisten Angst machte er den Leuten mit sei-
nen Geschichten. Und fürchterliche Geschichten
waren es allerdings: vom Henken, über die Planke
gehen lassen, von Stürmen auf hoher See, von den
Schildkröteninseln, von wilden Gefechten und Ta-
ten und von Häfen in den westindischen Gewässern.
Nach seinen eigenen Berichten mußte er unter den
größten Verbrechern gelebt haben, die Gott jemals
zur See gehen ließ. Die Worte, in denen er diese Ge-

12
stevenson_schatzinsel_04.qxp 28.03.2008 12:15 Seite 13

schichten erzählte, entsetzten unsere guten Landleute


beinahe ebensosehr wie die Verbrechen, von denen
sie handelten. Mein Vater sagte fortwährend: unser
Gasthof werde zugrunde gerichtet werden, denn die
Leute würden bald nicht mehr kommen, um sich an-
schnauzen und niederducken zu lassen und dann mit
zitternden Gebeinen zu Bett zu gehen. Aber ich
glaube, daß in Wirklichkeit seine Anwesenheit uns
Vorteil brachte. Die Leute graulten sich zwar; aber in
der Erinnerung hatten sie die Geschichten eigentlich
gern. Es war eine angenehme Aufregung in ihrem
stillen Landleben. Unter den jüngeren Leuten gab es
sogar eine Partei, die voll Bewunderung von ihm
sprach. Sie nannten ihn »einen echten Seehund« und
»eine richtige alte Teerjacke« und so ähnlich und sag-
ten, so seien die Leute, die England zur See so ge-
fürchtet machten. In einer Beziehung richtete uns al-
lerdings der Kaptein zugrunde: er blieb eine Woche
nach der anderen, so daß die Goldstücke, die er auf
den Tisch geworfen hatte, längst verzehrt waren.
Aber mein Vater konnte sich niemals ein Herz fassen
und mehr Geld von ihm verlangen. Sobald er eine
leichte Anspielung machte, blies der Kaptein so laut
durch die Nase, daß es beinahe ein Brüllen war, und
sah meinen Vater so wütend an, daß dieser die
Schankstube verließ. Ich habe ihn nach solcher Ab-
weisung die Hände ringen sehen, ich bin überzeugt,
daß der Verdruß über diesen Gast und die Angst, in

13
Melville Moby Dick:Inhalt Kassette 27.06.2012 14:15 Seite 3

Herman Melville

Moby Dick
oder
Der weiße Wal
Aus dem Amerikanischen
übersetzt und bearbeitet
von Wilhelm Strüver

Anaconda
Melville Moby Dick:Inhalt Kassette 27.06.2012 14:15 Seite 4

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Moby-Dick; or, The Whale (New


York 1851). Der deutsche Text folgt der Ausgabe Moby Dick oder Der weiße
Wal. Roman von Herman Melville. Berlin: Verlag von Th. Knaur Nachfol-
ger o. J. [1927], erschienen in der Reihe »Romane der Welt«, hrsg. von Tho-
mas Mann und H. G. Scheffauer. Orthografie und Interpunktion wurden
den Regeln und Empfehlungen der neuen deutschen Rechtschreibung an-
gepasst, der Text an mehreren Stellen behutsam überarbeitet, das unter-
schiedliche Genus der Schiffsnamen jedoch beibehalten.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation


in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten
sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieser Band ist Teil der Sonderausgabe


Die großen Klassiker der Abenteuerliteratur (vier Bände in Kassette)
Daniel Defoe: Robinson Crusoe
Herman Melville: Moby Dick
Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel
Mark Twain: Tom Sawyer & Huckleberry Finn

© 2012 Anaconda Verlag GmbH, Köln


Alle Rechte vorbehalten.
Umschlagmotiv: Mead Schaeffer (1898–1980), »There she blows«,
illustration from Moby Dick by Herman Melville, Private Collection /
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Umschlaggestaltung: www.katjaholst.de
Satz und Layout: Andreas Paqué, www.paque.de
Printed in Czech Republic 2012
ISBN 978-3-86647-860-2
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Melville Moby Dick:Inhalt Kassette 27.06.2012 14:15 Seite 5

1. Kapitel
Als ich vor einigen Jahren – wie lange es genau her ist, tut
wenig zur Sache – so gut wie nichts in der Tasche hatte und
von einem weiteren Aufenthalt auf dem Lande nichts mehr
wissen wollte, kam ich auf den Gedanken, ein wenig zur
See zu fahren, um die Welt des Meeres kennenzulernen.
Man verliert auf diese Weise seinen verrückten Spleen, und
dann ist es auch gut für die Blutzirkulation. Wenn man den
scheußlichen Geschmack auf der Zunge nicht loswerden
kann; wenn man das Frostgefühl eines feuchten und kalten
Novembers auf der Seele hat; wenn man unwillkürlich vor
jedem Sargmagazin stehen bleibt und jedem Leichenzug
nachsieht; wenn man sich der Schwermut nicht mehr er-
wehren kann, dass man auf die Straße stürzen und vorsätz-
lich den Leuten den Hut vom Kopfe schlagen müsste, dann
ist es allerhöchste Zeit, auf See zu gehen. Das ist für mich
Ersatz für Pistole und Kugel.
Cato stürzte sich mit einer philosophischen Geste in sein
Schwert. Ich entscheide mich in aller Ruhe für das Schiff.
Das ist durchaus nichts Besonderes! Wenn sie es wüssten, so
würden mit der Zeit mehr oder weniger alle dem Ozean
mit denselben Gefühlen begegnen wie ich.
Da liegt, von langen Kais eingefasst wie die Indianerin-
seln von Korallenriffen, unsere Inselstadt der Manhattoes.
Über die brandende See nimmt der Handel seinen Weg.
Rechts und links laufen die Straßen nach dem Meer zu. Be-
trachte dir die Massen von Menschen, die ins Wasser star-
ren! Mache an einem langweiligen Sonntagnachmittag ei-
nen Bummel durch die Stadt! Wenn du von Corlears Hook
nach Coenties Slip und von da über Whitehall nach Nor-
den gehst, siehst du nichts als Tausende von Menschen, die
wie schweigsame Posten dastehen und traumverloren in das
Meer hinausstarren. Sie haben sich gegen die Holzpflöcke

5
Melville Moby Dick:Inhalt Kassette 27.06.2012 14:15 Seite 6

gelegt, sie sitzen auf den Molenköpfen, sie sehen über die
Bollwerke der Schiffe, die von China kommen, und wieder
andere sehen hoch über die Takelage hinweg, um einen
möglichst weiten Blick auf das Meer zu haben.
Alle sind Landratten. Wochentags haben sie mit Holz und
Mörtel zu tun, da sind sie an Ladentische gebunden, an Bän-
ke genagelt oder an Pulten befestigt. Was soll das bedeuten?
Sind denn die grünen Felder nicht mehr da? Was tun sie hier?
Aber es kommen noch mehr Menschen. Sie gehen dicht
an das Wasser heran, als wollten sie hineintauchen. Seltsam!
Keiner begnügt sich mit einem Platz, wenn es nicht die äu-
ßerste Landseite ist; im Schutz der schattenspendenden Wa-
renspeicher zu hocken würde ihnen nicht gefallen. Sie müs-
sen so nahe wie möglich an das Wasser heran, nur gerade,
dass sie nicht hineinfallen. Von Straße und Promenade, von
Gasse und Allee kommen sie von allen Himmelsgegenden
herangeströmt. Hier versammelt sich alles. Bewirkt das die
magnetische Anziehung der Kompassnadel auf den Schiffen,
oder woher kommt es?
Noch einen Augenblick. Stelle dir vor, du bist auf dem
Lande, im Gebirge, wo es Bergseen gibt. Schlage irgendei-
nen Weg ein, und zehn gegen eins treibt es dich in ein Tal,
wo es Wasser gibt. Das ist etwas Wunderbares! Nimm einen
in seine tiefsten Träume versenkten Menschen, stelle ihn auf
die Beine, und bringe ihn zum Gehen, so wird er dich un-
fehlbar dorthin führen, wo Wasser ist. Sollte dich in der gro-
ßen amerikanischen Wüste dürsten, so mache dies Experi-
ment, wenn zufällig bei deiner Karawane ein Professor der
Metaphysik ist!
Alle Welt weiß, dass, wo gedacht wird, allemal Wasser da-
mit verbunden ist. Aber lassen wir einen Maler zu Wort
kommen!
Er will dich in der träumerischsten, stillsten und wunder-
barsten Landschaft mit dem schönsten Schatten in dem Tal

6
Melville Moby Dick:Inhalt Kassette 27.06.2012 14:15 Seite 7

des Saco malen. Was braucht er dazu? Da sind Bäume, jeder


davon ist hohl, als ob ein Klausner mitsamt dem Kreuz da-
rin verborgen wäre. Dann eine Weide in aller Ruhe und ei-
ne Herde darauf im Schlummer. Und von der Hütte im
Hintergrund steigt ein träumerischer Rauch auf. Hinten
durch den Wald windet sich ein verschlungener Pfad, der zu
den Ausläufern der in Blau getauchten Berge hinaufführt.
Wenn auch das Bild so stimmungsvoll genug ist und wenn
auch die Kiefer ihre Nadeln wie Seufzer über den Kopf des
Hirten fallen lässt, so würde doch viel fehlen, wenn das Au-
ge des Hirten nicht auf den magischen Wasserlauf gerichtet
wäre.
Mach einen Ausflug in die Prärien im Juni! Wenn du auf
zwanzig Meilen Weite bis an die Knie durch Tigerlilien wa-
test, was ist da das Einzige, was fehlt? Wasser! Nicht ein
Tropfen ist da zu finden!
Wenn die Niagarafälle nur ein Fall von herabstürzenden
Sandmassen wären, würde man dann tausend Meilen weit
herkommen, um ihn zu sehen?
Warum überlegte es sich der arme Dichter aus Tennessee,
der plötzlich eine Handvoll Silberstücke bekam, ob er sich
einen neuen Rock kaufen sollte, den er so bitter nötig hat-
te, oder ob er das Geld für eine Fußreise nach Rockway
Beach anlegen sollte?
Warum treibt es den gesunden Menschen mit gesunder
Seele nach dem Meer? Warum empfindet man auf der ers-
ten Seereise eine geheimnisvolle Erschütterung, wenn man
von dem Schiff aus das Land nicht mehr sieht? Warum war
den alten Persern das Meer heilig? Warum schufen die
Griechen einen besonderen Gott des Meeres und ließen
ihn den Bruder von Zeus sein? Das hatte einen tiefen Sinn!
Und noch tiefer ist der Sinn in der Sage von Narzissus, der
das wunderschöne Antlitz im Brunnen nicht umarmen
konnte, deshalb hineintauchte und ertrank.

7
Melville Moby Dick:Inhalt Kassette 27.06.2012 14:15 Seite 8

Wir alle sehen in den Flüssen und Meeren dasselbe Bild.


Es ist das geheimnisvolle Bild des Lebens, das wir nicht fas-
sen können.
Wenn ich nun sage, dass ich nicht als Passagier, wenn ich
auch um Augen und Lungen anfange besorgt zu werden,
zur See gehe, so habe ich dafür meine Gründe. Schon weil
man als Passagier Geld braucht und ich keins habe. Was sind
auch Passagiere, die seekrank werden, leicht die Haltung
verlieren, des Nachts nicht schlafen können und mit der See
nicht viel anzufangen wissen!
Ich möchte auch nicht als Kommandant, als Kapitän oder
als Schiffskoch gehen. Ich überlasse den Ruhm und die mit
hohen Ämtern verbundenen Ehrungen denen, die darauf
Wert legen. Als Koch könnte ich mir ja viel Lob erwerben.
Aber ich kann aus irgendwelchen Gründen dem Braten von
Geflügel nicht viel Geschmack abgewinnen. Nicht dass ich
für das gebratene Geflügel, wenn es mit Butter geschmort
und anständig gesalzen und gepfeffert ist, nicht zu haben
wäre! Es gibt niemand, der vor einem gebratenen Stück
Geflügel größeren Respekt, ja größere Ehrfurcht hätte als
ich! Wie müssen die alten Ägypter in ihre gekochten Ibis-
vögel und gerösteten Flusspferde vernarrt gewesen sein, dass
man die Mumien dieser Tiere als Zeichen der Verehrung in
ihren kolossalen Backhäusern, den Pyramiden, vorfindet!
Wenn ich nun zur See gehe, so will ich einfacher Matro-
se sein, der seinen Platz am Mast hat, sich in die Vorderka-
jüte fallen lässt und von da bis zum Oberbramsegel empor-
steigt. Natürlich werden sie mich wie eine Heuschrecke auf
der Wiese von Spiere zu Spiere springen lassen. Selbstver-
ständlich ist solch ein Leben alles andere als angenehm. Es
wird einem schwer, wenn man von den van Renselears, den
Randolphs oder den Hardicanutes, alten, ehrwürdigen Fa-
milien, abstammt. Und mit der Hand, die jetzt Teereimer
anfasst, hat man sich vor den längsten Bengels, als man noch

8
Melville Moby Dick:Inhalt Kassette 27.06.2012 14:15 Seite 9

zu Lande Lehrer war, Respekt verschafft. Es ist ein Über-


gang, der wohl zu merken ist. Man muss viel von einem Se-
neca und den Stoikern mitgekriegt haben, wenn man nicht
mit der Wimper zuckt. Aber auch dieser Vorrat geht mit der
Zeit drauf!
Was soll man tun, wenn ein alter Knacker von Kapitän
mir befiehlt, einen Besen anzufassen und das Deck abzufe-
gen? Was bedeutet diese Würdelosigkeit an dem Maßstab
des Neuen Testamentes gemessen? Glaubst du etwa, dass der
Erzengel Gabriel eine geringere Meinung von mir hat, weil
ich dem alten Knacker auf der Stelle und ehrerbietig ge-
horcht habe? Wer ist kein Sklave? Nenne mir einen! Nun,
was die alten Kapitäne mir auch befehlen mögen, wie sehr
sie mich auch knuffen und zurechtstauchen, ich weiß, dass
alles seinen Sinn hat. Ich weiß, dass jeder auf die eine oder
die andere Weise vom physischen oder vom metaphysischen
Standpunkte aus den gleichen Dienst leisten muss und dass
der Knuff im Weltall weitergegeben wird. Alle sollten sich
daher gegenseitig die Schulter reiben und den Mund hal-
ten!
Wenn ich Matrose werde, so geschieht es, weil ich für
meine Mühe bezahlt werde. Hast du schon mal gehört, dass
man Passagieren einen Pfennig gibt, im Gegenteil, Passagie-
re haben zu zahlen. Das ist es ja gerade, ob man zahlt oder
bezahlt wird. Und das Zahlen ist das Peinlichste, was uns die
beiden Apfeldiebe aus dem Paradies eingebrockt haben!
Aber das Bezahltwerden ist ein vornehmes und wunder-
volles Gefühl. Besonders wenn man bedenkt, dass das Geld
die Wurzel allen Übels ist und kein Reicher in das Him-
melreich kommt.
Und zu guter Letzt gehe ich als Matrose wegen der ge-
sunden Beschäftigung und der reinen Luft, die auf dem Vor-
derkajütendeck weht. Du weißt wohl, dass Winde vom Vor-
derdeck häufiger sind als Winde vom Achterdeck. Und so-

9
Melville Moby Dick:Inhalt Kassette 27.06.2012 14:15 Seite 10

mit bekommt der Kommandant die Winde am Achterdeck


erst aus zweiter Hand, wenn sie an den Matrosen auf Vor-
derdeck vorbeigestrichen sind. Er glaubt, er atmet sie zuerst,
aber weit gefehlt.
Aber weshalb mache ich ausgerechnet eine Walfischfahrt
mit, da ich doch schon öfter auf einem Handelsschiff die
See durchquert habe?
Da war als Haupttriebkraft der große Wal vorneweg. Dies
urgewaltige und geheimnisvolle Ungeheuer zog meine
Fantasie von jeher in seinen Bann. Dann waren es die wil-
den und fernen Meere, wo sein Riesenleib, diese schwim-
mende Insel, trieb. Ich hatte ein Verlangen nach den nicht
auszudenkenden und namenlosen Gefahren, die um den
Wal lauern. Diese und die Wunderwelt des Feuerlandes mit
ihren tausend neuen Bildern und Klängen gaben meinem
Verlangen neue Nahrung.
Anderen Menschen hätten diese Dinge nichts bedeutet.
Aber ich habe nun mal eine unauslöschliche Sehnsucht
nach den entlegenen Dingen! Ich schwärme davon, auf un-
erschlossenen Meeren herumzufahren und an der Küste der
Barbaren zu landen. Ich weiß nicht, ob es das Richtige ist.
Aber ich möchte mich herzlich gern mit den Wilden he-
rumschlagen, wenn es nicht geboten wäre, mit ihnen gut
auszukommen, weil man nun mal auf ihre Gastfreundschaft
angewiesen ist.
Ich habe nun Gründe genug angeführt und es verständ-
lich gemacht, dass mir die Walfischfahrt sehr willkommen
war. Die großen Schleusentore der Wunderwelt sprangen
auf, und unter den wilden Visionen schwammen endlose
Reihen von Walen, je zu zweien, auf mich zu. Und in ihrer
Mitte ragte ein Riesenphantom mit einem großen Höcker
wie ein Schneeberg in die Luft.

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