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Jahrgang | Ausgabe 2/2010 6,80 Euro1

Bilden
Wissen
Von der Verantwortung der Hochschulen

Wollen
Wie unser Gehirn Informationen verarbeitet

Wandeln
Wann Studiengebühren gerecht sind

Wachsen
Jutta Allmendinger im Gespräch

www.journal360.de
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Editorial
Vom Erwachsenwerden

Vor fünf Jahren begann alles an einem WG-Küchentisch in Münster:


Ein paar Studentinnen und Studenten heckten einen Plan aus.
Die Frustration darüber, dass Hausarbeiten eigentlich nur für die
Schubladen von diversen Professoren und Dozenten geschrie-
ben werden, sollte ein Ende haben. Die Idee: Ein studentisches
Wissenschaftsjournal – nicht nur von Studenten gemacht, sondern
vor allem mit studentischen Beiträgen.
Es wäre vermessen, am fünften Geburtstag davon zu sprechen, Johannes Uhl und
360° wäre schon erwachsen. Flügge geworden ist das Projekt aber auf Philipp Alvares de Souza Soares
jeden Fall. Aus vielen Kindersachen sind wir inzwischen heraus-
gewachsen. Reichte für die Besprechungen damals noch der Küchen-
tisch, so brauchen wir dafür jetzt Seminarräume. War es damals
noch eine Handvoll Münsteraner, so ist unser Team inzwischen auf
etwa siebzig ehrenamtlich Engagierte in ganz Deutschland und
der Schweiz angewachsen. In manchen Dingen sind wir aber auch
jung geblieben. Wir diskutieren leidenschaftlich und kreativ
über das Heft. Dabei geht es oft ziemlich hoch her. Dennoch haben
wir nicht verlernt, auch Spaß zu haben ‒ die Feiern an unseren
Treffen sind inzwischen legendär. Bei aller Professionalität und allem
Erfolg, auf die wir stolz sind, sind und bleiben wir doch immer
noch Studentinnen und Studenten.

Zum Geburtstag haben wir uns nun selbst ein Geschenk gemacht.
Ein neues Design, ein neues Format, eine neue Website. Natürlich
gab es auch darüber viele Diskussionen und es hat lange gebraucht,
bis das, was Ihr jetzt in Händen haltet, in trockenen Tüchern war.
Aber Veränderungen brauchen Zeit, denn sie müssen sorgfältig über-
legt sein. Erst dann kann man von Fortschritt sprechen. Und wir
glauben, dass wir eine weitere Etappe erfolgreich gemeistert haben.
Was meint Ihr?

Was für uns als Journal gilt, trifft genauso auf jeden und jede Ein-
zelne und sogar die Gesellschaft als Ganze zu. Deshalb ist Ver-
änderung auch ein Leitmotiv dieser Ausgabe. Bilden heißt verändern,
bilden muss sorgfältig geschehen, denn bilden passiert nicht
im Handumdrehen. Was dabei alles geschehen kann, was nicht ge-
schieht und welche Perspektiven sich bieten, haben wir auf
den folgenden 111 Seiten an einigen Beispielen dargestellt. Wie immer
ist das natürlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Bilden heißt
schließlich auch immer infrage stellen, bilden heißt in einen Dialog
miteinander treten. Wir wollen wissen, was Ihr über unser Heft
denkt. Einspruch ist explizit erwünscht. Weiterhin seid Ihr natürlich
eingeladen, Euch aktiv am Journal zu beteiligen und uns Eure Die nächste Ausgabe von 360°
Texte zu schicken. Ohne Euch, liebe Leserinnen und Leser, könnte das erscheint im April zum Thema Der
Journal nicht bestehen. Gerade neue Projekte brauchen einen Nahe und Mittlere Osten
Vertrauensvorschuss, der Ihnen die Chance gibt, sich zu entwickeln
und auch mal Fehler zu machen. Sich bilden und Erwachsenwerden Die Ausschreibung für unsere
ist schließlich nichts für Einzelkämpfer. Es braucht Unterstützung übernächste Ausgabe findet Ihr auf
und Begleitung. Danke dafür! Seite 108.
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Inhalt

3 Editorial 106 Nachschlag


6 Abstracts 108 Call for Student Papers
102 Glossar 110 Impressum

Wissen
9 Offene Türen
Aufschlag Was Bildung leisten soll, kann und darf

15 Der akademische Imperativ


Essay Von der Verantwortung der Hochschulen

22 Wenden verboten!
Artikel Alte Wege bestimmen den Kurs der Bildungspolitik

Wollen
33 Wehret der Halbbildung!
Artikel Was Theodor Adorno zum Bildungsstreik
sagen würde

40 Wieder was gelernt


Infografik Wie unser Gehirn Informationen verarbeitet

43 Morgens zwei, mittags drei…


Rezension Hirndoping als Schrittmacher einer
beschleunigten Welt

Wandeln
46 Zahltag an der Hochschule
Artikel Wann Studiengebühren gerecht sind

54 Wissenschaft reloaded
Essay Die Exzellenzinitiative als Symptom des Modus 2

61 In diesem Hörsaal wird gebloggt


Gastartikel Web 2.0 unterstützt Lehren und Lernen an
der Universität

Wachsen
69 „Wir arbeiten jeden Tag, ohne an Morgen oder
Interview Übermorgen zu denken“
Jutta Allmendinger im Gespräch

76 melden
Fotostrecke Erst zeigen, dann sprechen

82 Integration: mangelhaft
Artikel Sprache lässt Zuwanderer im Bildungssystem
scheitern

90 Aus Kriegen lernen


Rezension Deutsche und japanische
Geschichtsvermittlung im Vergleich

92 Herkunft entscheidet
Artikel Wie Elternhaus und soziales Kapital den Bildungs-
erfolg bestimmen
6

Abstracts
Der akademische Imperativ Wenden verboten!
15 Von der Verantwortung der Hochschulen 22 Alte Wege bestimmen den
Essay Martha Marisa Wanat Kurs der Bildungspolitik
Illustration Sonja Deffner Artikel Marian Schreier
Illustration Wilm Lindenblatt

Die fortschreitende Ökonomisierung und Be- Tiefgreifende Reformen im Bildungssektor haben


schleunigung unseres Lebens macht auch vor den in Deutschland meist geringe Chancen auf Erfolg.
Hochschulen nicht halt. Sie passen sich den Erwar- Zu festgefahren sind die Strukturen und zu vie-
tungen und Werten der sie umgebenden Gesell- le Akteure sind beteiligt. Sozialwissenschaftler
schaft an. Hochschulen sollten sich jedoch nicht sprechen in einem solchen Fall von Pfadabhängig-
an den Mainstream angleichen, sondern ihr Han- keit. Den einmal beschrittenen Weg zu verlassen,
deln an Grundsätzen einer unabhängigen, an der ist nur mit hohem Aufwand möglich. Das Gym-
Wahrheitsfindung interessierten Wissenschaft nasium ist ein Beispiel für diese Entwicklung. Re-
ausrichten. Statt utilitaristische Absolventen zu formen der über 200 Jahre alten Institution sind,
produzieren, sollten sie die Herausbildung kriti- wenn überhaupt, nur in kleinen Schritten möglich.
scher Persönlichkeiten befördern. Sie sollten den Ein weiteres Beispiel ist die > Exzellenzinitiative.
Mut zu unzeitgemäßen Beobachtungen aufbrin- Gefördert werden die Hochschulen, die sowieso
gen und versuchen, dem Zeitgeist voraus zu sein. schon gute Leistungen zeigen
Nur so können sie der Gesellschaft wirklich von
Nutzen sein.

Bildung, institutionelle Verantwortung, Postmoderne, Bildung, Bildungspolitik, Pfadabhängigkeit, Gymnasium,


Systemtheorie, Wahrheit Exzellenzinitiative

Wehret der Halbbildung! Zahltag an der Hochschule


33 Was Theodor Adorno zum 46 Wann Studiengebühren gerecht sind
Bildungsstreik sagen würde Artikel Raffaele Nostitz
Artikel Michael Metzger Fotografie Manuel Siebe
Illustration Johannes Mundinger

Die Kritik an den Verhältnissen im Bildungssys- Ein Studium nützt den Studierenden, aber auch
tem reißt nicht ab. Im Rahmen des Bildungsstreiks der gesamten Gesellschaft. Der unstrittige gesell-
protestierten Studenten jüngst deutschlandweit schaftliche Bedarf an Akademikern ist Rechtfer-
für bessere Studienbedingungen. Bei genauem tigungsgrundlage für eine weitgehend staatliche
Hinsehen bleibt es jedoch fraglich, ob die Kritik Finanzierung der Hochschulen. Aus makroökono-
wirklich tief genug geht und nicht bloß in Ober- mischer Perspektive kann es jedoch durchaus ge-
flächlichkeit verharrt. Das Bildungsverständnis recht sein, zusätzlich Studiengebühren zu erheben.
des Soziologen Theodor W. Adorno bietet hierfür Durch sie kann eine ungleichmäßige Verteilung
einen Analyserahmen. Er beklagte, dass Bildung der Kosten auf Nichtakademiker vermieden wer-
der Verwertbarkeit untergeordnet wird. Die um den. Die Einkommensvorteile von Hochschulab-
sich greifende > Halbbildung verewigt dann die ge- gängern bevorteilen Akademiker nämlich nicht
sellschaftlichen Verhältnisse, die aber viel mehr in unerheblich. Die Gebühren müssen dabei aller-
Frage gestellt werden müssen. dings so gestaltet sein, dass sie der sozialen Selek-
tion beim Hochschulzugang entgegenwirken.

Bildung, Bildungsstreik, Halbbildung, Kritische Theorie Bildung, Bildungsfinanzierung, Studiengebühren,


Umverteilung
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Wissenschaft reloaded In diesem Hörsaal wird gebloggt


54 Die Exzellenzinitiative als 61 Web 2.0 unterstützt Lehren und Lernen
Symptom des Modus 2 an der Universität
Essay Philipp Poppitz Gastartikel Sandra Hofhues
Illustration Clara Roethe Illustration Paul Kirschmann

Die Beziehung zwischen Gesellschaft und Wissen- Die Hochschulwelt wird durch digitale Medien
schaft hat sich gewandelt. Auf dem Weg in die Wis- nachhaltig verändert. Oft beschränkt sich die Ent-
sensgesellschaft ist zunehmend anwendungsbe- wicklung aber auf Bibliothekssysteme oder On-
zogene Forschung gefragt. Politik und Wirtschaft line-Semesterapparate. Soziale Netzwerke, Blogs
stellen konkrete Anforderungen an die Univer- und Wikis, sogenannte Web-2.0-Werkzeuge, finden
sitäten. In der Wissenssoziologie wird diese Ent- nur langsam ihren Weg in die Hörsäle. Für einen
wicklung als Modus 2 bezeichnet. Die Exzellenz- ergänzenden Einsatz in der Hochschullehre sind
initiative der Bundesregierung ist ein Beispiel für sie jedoch zum Teil wie geschaffen. Sie fördern den
diese neue Entwicklung. Massen- und Spitzenfor- Dialog zwischen Lernenden und Lehrenden. Dem
schung werden bewusst getrennt und die Hoch- Einsatz dieser neuen Hilfsmittel muss jedoch eine
schulen geraten zu Wissensproduzenten, die nach Veränderung der didaktischen Paradigma hin zu
den Gesetzen des Marktes arbeiten. Die unkri- einem konstruktivistischen Modell vorausgehen.
tische Übertragung von ökonomischen Prinzipien
auf die akademische Welt gefährdet die Unabhän-
gigkeit der Wissenschaft.

Bildung, Exzellenzinitiative, managerial revolution, Modus 2 Bildung, E-Learning, Hochschuldidaktik, Lernmittel, Web 2.0

Integration: mangelhaft Herkunft entscheidet


82 Sprache lässt Zuwanderer im 92 Wie Elternhaus und soziales Kapital den
Bildungssystem scheitern Bildungserfolg bestimmen
Artikel Stina Preuß Artikel Anne Wallisch
Illustration Peter Bröcker Illustration Martin Kaumanns

Eine der Schwächen des deutschen Bildungssys- Die Pisa-Studien belegen, dass die Bildungschancen
tems ist die Benachteiligung von Kindern mit Mi- eines Kindes noch immer stark durch die Sozial-
grationshintergrund. Studien bescheinigen ihnen schichtzugehörigkeit seiner Herkunftsfamilie
schwache Leistungen und machen hierfür unter determiniert werden. In Deutschland ist dieser Zu-
anderem ihre geringere Sprachkompetenz verant- sammenhang besonders deutlich. Bildungsent-
wortlich. Gemäß Pierre Bourdieu reproduziert das scheidungen sind immer auch Kosten/Nutzen-Ab-
Bildungssystem so bestehende soziale Ungleich- wägungen und das nicht bloß im ökonomischen
heiten, anstatt diese auszugleichen. Bislang fehlen Sinn. Der persönliche Nutzen ist je nach gesell-
in Deutschland integrative Unterstützungsmaß- schaftlichem Status unterschiedlich. Ein sozialer
nahmen, um hier Abhilfe zu schaffen. Zudem wird Abstieg ist schmerzhafter als das Verharren in der
das Potential der Muttersprache im Bildungssys- gleichen sozialen Schicht. Akademikereltern ken-
tem kaum genutzt. Bisherige Veränderungen und nen sich zudem besser im Bildungssystem aus, was
Absichtserklärungen reichen nicht aus. ihrem Nachwuchs zu Vorteilen verhilft..

Bildung, Integration, Migration, Sprache Akademiker, Bildung, Pisa-Studie, soziale Schicht


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Wissen Bildung ist ein vielfältiger Begriff.


Bildung ist geprägt von den Personen, die
sie in Anspruch nehmen und denen, die
sie vermitteln. Bildung ist geprägt von
den Institutionen, in denen sie zusam-
menfinden.
Information
°Wissen 9

Aufschlag Adrian Luncke und Friederike Schruhl Fotografie Andreas Chudowski

Offene Türen
Was Bildung leisten soll,
kann und darf
Bildung – der Begriff ist in aller Munde. Was soll Bildung leisten, was kann sie erreichen? Und was heißt
es eigentlich, gebildet zu sein? Was heißt es, zu bilden? Viele verschiedene Antworten auf diese Fragen las-
sen sich in Schulen, in der Wissenschaft und Politik finden. Aber letztendlich bleiben es gesellschaftliche
Fragen, die nur gemeinsam beantwortet werden können.
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Es herrscht wieder ein revolutionärer Geist an eine bessere Welt. Die Philosophiegeschichte ver-
den Schulen und Universitäten. Schätzungsweise bindet mit Bildung noch eine Reihe anderer Ziele:
zweihunderttausend junge Leute trieb es im Som- So geht es Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827)
mer vergangenen Jahres auf die Straßen. Doch sie um die Ausbildung reiner menschlicher Weisheit;
protestieren nicht gegen Umweltzerstörung oder Immanuel Kant (1724-1804) erklärt Bildung zur Vo-
Kriegseinsätze. Die missglückten Reformen des Bil- raussetzung von Mündigkeit und rief damit die
dungssystems machten sie wütend und ließen sie geistige Revolution aus. Laut Wilhelm von Hum-
so zu einer lautstarken Bewegung werden. Der Bil- boldt (1767-1835) soll zweckfreie Bildung den Men-
dungsstreik war dabei nur ein Höhepunkt andau- schen zu einem vollständig entwickelten, selbst-
ernder Auseinandersetzungen: Lehrerverbände, bestimmten Individuum machen. „Der wahre
Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter verkün- Zweck des Menschen […] ist die höchste und pro-
den einen klugen Ratschlag nach dem anderen, portionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem
um die Debatte über die Bildung zu ihren Gunsten Ganzen“, erklärt er. Bildung ist nach Humboldt ein
zu beeinflussen. Denn zu entscheiden gibt es der- umfassendes Projekt. Unmöglich kann es vom Ein-
zeit viel: Studiengebühren, Turbo-Abi und Ganz- zelnen betrieben werden. Vielmehr bedarf es un-
tagsschulen – auf der politischen Agenda stehen terschiedlicher Bildungseinrichtungen. In ihnen
Bildungsthemen ganz oben. sollen alle Wissenschaftsbereiche erkundet und
ihre Verbindungen aufgedeckt werden. Hier sollen
Bildung ist ein vielfältiger Begriff junge Menschen in einen lebendigen Austausch
Was gute Bildung ist, darüber streiten sich frei- miteinander treten und sich für den wissenschaft-
lich die Geister. Die einen fordern mehr Ingeni- lichen Erkenntnisgewinn begeistern lernen.
eure, um im technologischen Wettbewerb gegen In den Erziehungswissenschaften wird, wie zum
China und Indien bestehen zu können, die ande- Beispiel von Karin Bock, konstatiert, dass es in der
ren befürchten den Niedergang der Geisteswis- Allgemeinen Erziehungswissenschaft keine ein-
senschaften. Das Einzige, auf das sich alle einigen deutige Begriffsbestimmung von Bildung gibt.
können: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Die Philosophin und Pädagogin Yvonne Ehren-
Es ist kein Wunder, dass die Vorstellungen so weit speck spricht sogar davon, dass der Bildungsbegriff
auseinander liegen. Denn die Frage nach der richti- streng genommen gar kein wissenschaftlicher Be-
gen Bildung ist keine einfache. Letztendlich hängt griff ist, sondern vielmehr als Deutungsmuster
die Antwort von weit tiefer liegenden Fragen ab: zu verstehen ist. Bildung ist demnach nichts Be-
Welche Ziele sollen sich Menschen und ganze Ge- stimmtes, sondern etwas sozial, kulturell und in-
sellschaften überhaupt setzen? Soll der Mensch stitutionell Wandelbares.
vornehmlich nach Wohlstandsmehrung und ma-
terieller Sicherheit streben? Soll er ein angepasster Bologna als neues Bildungsideal?
Staatsbürger sein oder ein revolutionärer Denker, Seit 1999 vollzieht sich im deutschen Studiensys-
der jedes System prinzipiell infrage stellt? tem die „größte Hochschulreform seit Jahrzehn-
Wer die Bildung verbessern will, muss sich deswe- ten“, stellt das Bundesministerium für Bildung
gen erst einmal vor Augen führen, was Bildung ist und Forschung (BMBF) fest. Die Eingliederung in
– und was sie nutzen soll. Der Blick zurück zeigt, einen europäischen Hochschulraum soll dazu ge-
dass viele große Denker diese Frage ganz unter- nutzt werden, „die Qualität von Studienangebo-
schiedlich beantworteten. Wer die altehrwürdige ten zu verbessern, mehr Beschäftigungsfähigkeit
Humboldt-Universität zu Berlin betritt, der wird zu vermitteln und die Studiendauer zu verkürzen.“
erst einmal mit Karl Marx‘ Sicht der Dinge kon- Viele Politiker begreifen dies als Chance – Kritiker
frontiert: „Die Philosophen haben die Welt nur halten den sogenannten > Bologna-Prozess jedoch
verschieden interpretiert, es kommt aber darauf für ein bildungspolitisches Desaster. Entweder leh-
an, sie zu verändern“, steht in goldenen Lettern an nen sie die gesamte Reform ab, kritisieren einzelne
die Wand geschrieben. Dass dieser Gedanke gera- Bestandteile oder stellen fest: Ihre Umsetzung ver-
de in einer Universität zu lesen ist, einer Bildungs- läuft mangelhaft.
einrichtung, in der zuvorderst Texte, Werte oder Die Kritik betrifft vor allem den Bachelor. Zent-
Daten interpretiert werden, scheint paradox. Und raler Kritikpunkt ist dabei die für die meisten Fä-
doch erinnert er die Studierenden täglich daran, cher geltende Regelstudienzeit von sechs Semes-
dass Bildung kein Selbstzweck ist, sondern ein In- tern. Diese ist viel zu kurz, um Studierenden die
strument zur Veränderung. Oder um es patheti- Möglichkeit zu geben, eigene Interessen auszubil-
scher zu formulieren: eine Waffe im Kampf für den und Talente zu fördern. Auch für den Einstieg
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in eigene Forschungsfelder reicht diese Zeit nicht gen keinen Raum für Praxissemester, Praktika und
aus. Sollte der Abschluss für die Berufsvorberei- Auslandaufenthalte lassen.
tung konzipiert sein, so wird er auch dieser Auf- Auslandsaufenthalte steigern jedoch nicht nur
gabe nicht gerecht. Denn der Zeitplan ist zu eng den Marktwert von Berufseinsteigern, sondern
geschnürt, um Raum für berufsbezogene Veran- sind auch elementare Bildungserfahrungen. Über-
staltungen oder wichtige Praktika zu lassen. So all dort, wo Menschen zusammenkommen, kann
wird an manchen Universitäten der Lehrstoff ei- man etwas lernen. Vor allem, wenn diese Men-
nes vierjährigen Magister-Abschlusses in einen schen unterschiedlich in ihrer Herkunft, in ihrem
dreijährigen Bachelor komprimiert, was zu Ar- Glauben und in ihrer Sprache sind. In einer in-
beitsüberlastung, Stress und Frust führt. Freiheit- terkulturellen Gesellschaft avanciert Bildung so
liches Nachdenken und selbstbestimmtes Lernen zu weitaus mehr als dem Lesen-, Schreiben- und
haben hier dann keinen Platz mehr. Wissenschaft- Rechnen-Lernen. Anerkennungsprozesse zwischen
liche Grundausbildung, Berufsvorbereitung und unterschiedlichen Menschen bedürfen der Bereit-
Förderung wissenschaftlicher Talente – ohne da- schaft, die Welt mit anderen Augen zu sehen. „Die
für genügend Zeit zu lassen – all das sind die For- Fähigkeit zur Empathie“, so der Bildungswissen-
derungen des BMBF an die neuen Abschlüsse. schaftler und ehemalige Unternehmensberater
Geht es um die Vernetzung der Hochschulen, so Jürgen Kluge, wird zu „einer zentralen Herausfor-
steht die Qualität der Wissenschaft im Vorder- derung künftiger Bildungsanstrengungen wer-
grund. Mittlerweile ist die neue Studienstruktur den.“ Interkulturelle Kompetenzen, Mehrsprachig-
in gut vierzig europäischen Ländern eingeführt. keit und ein toleranter Umgang miteinander sind
Studienleistungen werden nach Punkten im Eu- Herausforderungen, denen man sich in einer glo-
ropean Credit Transfer System (ECTS) bemessen. balisierten Welt stellen muss.
Ein länderübergreifendes Qualitätsmanagement Deshalb ist es heute zu kurz gegriffen, Bildung als
soll weiter dafür sorgen, dass überall dieselben das Bewahren und Tradieren des eigenen kultu-
Standards herrschen. Denn erst so werden die Ab- rellen Erbes zu verstehen. Die eigene, europäische
schlüsse auf nationaler und europäischer Ebene Identität zu begreifen, ist wichtig für einen inter-
vergleichbar. Ziel dieser Vergleichbarkeit ist die kulturellen Dialog, doch muss sie auch über das
Steigerung der Mobilität von Studierenden. Ihre Wissen um die eigene Geschichte hinausgehen.
Wahlmöglichkeiten sind enorm gestiegen. Je nach Heutzutage kann es nicht die Aufgabe von Bil-
Interessenlage ist es nun möglich, Meeresbiologie dungsinstitutionen sein, eine Welt von gestern zu
in Kiel, Textildesign in Lahti oder Archäologie in vermitteln, die es heute nicht mehr gibt.
Thessaloniki studieren. Auf die Anerkennung sei-
ner Leistungen im Heimatland soll man angeblich Chancen sind ungleich verteilt
nicht verzichten müssen. Die Praxis sieht jedoch Das Bildungssystem wird also reformiert, Leis-
häufig anders aus: Komplizierte Anrechnungsver- tungsfähigkeit wird gefordert. Aber wessen Leis-
fahren oder zu eng formulierte Studienordnungen tungen? Wer darf eigentlich etwas leisten? Und
schränken die Wahlfreiheit ein. Nicht Praktische wer nicht? Die sozialen Auswirkungen der neuen
Philosophie muss im achten Modul im sechsten Bildungsreformen, insbesondere auf die Chancen-
Semester absolviert werden, sondern Ethik, Glaube gleichheit der verschiedenen sozialen Gruppen,
und Verantwortung. Da bleibt dann nur noch zu sind zu wenig berücksichtigt worden. Von hundert
hoffen, dass zum Beispiel in Paris ein Tutorium, ein Kindern akademisch gebildeter Eltern erhalten 83
Seminar und eine Vorlesung in dem jeweiligen Se- eine Hochschulzugangsberechtigung, von hundert
mester angeboten wird. Kindern aus nicht-akademischen Elternhäusern
sind es nur 23. „Die Hälfte der Kinder aus Migran-
Die Reform legt Steine in den Weg tenfamilien besucht lediglich die Hauptschule. Ein
Zwar können heute Auslandsaufenthalte rela- Viertel der Migrantenfamilien erlangt gar keinen
tiv einfach organisiert und durchgeführt werden, Schulabschluss“, konstatiert etwa der SPD-Politi-
doch wird diese neue Mobilität nur von wenigen ker Karl Lauterbach in seinem Buch über die Zwei-
Studierenden genutzt. Laut dem Unternehmen klassengesellschaft. Dieser Zustand verdeutlicht
Hochschul-Informations-System (HIS) verbringen die strukturellen Defizite im deutschen Bildungs-
nur 15 Prozent der Bachelorstudierenden ein Se- system. Anstatt Ungerechtigkeiten auszugleichen,
mester im Ausland. Im Diplomstudium sind es werden sie durch Studiengebühren, Elitenförde-
hingegen 24, im Magisterstudium sogar 34 Pro- rung und Sparmaßnahmen im sozialen Sektor er-
zent. Schlicht deshalb, weil die neuen Studiengän- höht.
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Zwischen den hervorragend geförderten, sozial allem auf Seiten der Frauen – und die damit zu-
privilegierten und den wirtschaftlich benachtei- sammenhängenden negativen Auswirkungen auf
ligten Studierenden entsteht eine immer breitere das Einkommen sind in diesem Zusammenhang
Kluft. Diese Entwicklung wird auch an der soge- zu bedenken. Geschlechtsstereotype, traditionelle
nannten > Exzellenzinitiative deutlich. Die > Exzel- Familienvorstellungen und Erwartungen mithilfe
lenzinitiative hat es sich zur Aufgabe gemacht, die einer genderorientierten Bildung aufzuzeigen und
Qualität der Forschung in Deutschland zu fördern. deutlich zu machen, sollte Teil der Aufgabe unse-
Damit soll diese nicht nur nachhaltig gestärkt, rer Bildungsinstitutionen sein. Gezielte Förderpro-
sondern auch ihre internationale Wettbewerbs- gramme, ausgewählte Literatur und gendersensib-
fähigkeit verbessert werden. Gefördert werden je- le Bildungsvermittlung in allen Schulfächern und
doch hauptsächlich die Universitäten, die ohnehin Studiengängen gehören hier dazu. Die geschlechts-
schon über großes Ansehen verfügten. Kleinere spezifischen Diskriminierungen abzubauen, sollte
Hochschulen hatten hier kaum Chancen. Bundes- eines der Ziele des Bildungssystems darstellen.
und Landesregierungen lassen sich Spitzenförde- Diskriminiert werden häufig auch behinderte
rung in den Wissenschaften jährlich eine Men- Menschen. Sie haben immer noch mit einem er-
ge kosten: von 2009 bis 2017 genau 2,7 Milliarden schwerten Zugang zu Bildung zu kämpfen. Dass
Euro. Darüber könnte man sich eigentlich freuen. etwa barrierefreie Universitäten genügend Dol-
Jedoch argumentieren viele Kritiker, dass dies ein metscher für Gehörlose haben oder Menschen mit
historischer Umbruch zugunsten eines Zwei-Klas- Behinderung problemlos eine Hochschulzugangs-
sen-Hochschulsystems sei. Materiell unterstützt berechtigung erhalten – dies ist in der Bildungs-
würden hier nur noch einzelne, prestigeträchtige landschaft noch längst nicht selbstverständlich.
Spitzenuniversitäten, wohingegen die Mehrheit Solche Ungerechtigkeiten im Uni-Alltag haben lei-
der Studierenden demnächst mit drastisch unter- der schon eine längere Tradition: So wurde erst
finanzierten Studiensituationen konfrontiert wür- 2006 die international gültige UNBehinderten-
den. Das Mandat der Chancengleichheit und der rechtskonvention verabschiedet, die die Bundes-
Bildungsgerechtigkeit scheint mit diesem Zwei- regierung 2009 rechtsverbindlich anerkannt hat.
Klassen-Hochschulsystem verfehlt zu werden. Wer Diese richtet sich gegen Ausgrenzung und Dis-
erhält heute eigentlich welche Bildung – und zu kriminierung und sieht die volle gesellschaftli-
welchem Preis? che Teilhabe von Menschen mit Behinderungen
vor. 1992 fand eine internationale Konferenz der
Bildung für alle Unesco unter dem Motto Bildung für alle statt. Hier
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden wurde erstmals das Wort inclusion statt integration
interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu ver- benutzt. Inklusion steht für einen Ansatz der Päd-
ändern.“ Karl Marx spricht in seinem berühmten agogik, der für Vielfalt innerhalb der Bildung und
Zitat von Philosophen. Doch heute ist klar, dass wir Erziehung plädiert. „Inklusion [will] die Verschie-
auch Philosophinnen brauchen. denheit im Gemeinsamen anerkennen, das heißt,
Die Geschlechterdifferenz im Bildungssystem der Individualität und den Bedürfnissen aller Men-
hat eine lange Geschichte. In der Bundesrepublik schen Rechnung tragen.“ Das bedeutet, davon aus-
Deutschland wurde die Gleichberechtigung erst zugehen, dass alle Menschen unterschiedlich sind
1958 gesetzlich abgesichert. Heute gibt es eine be- und dass jede Person die Gemeinschaft mitgestal-
unruhigende Diskrepanz: Einerseits sind Mädchen ten und mitbestimmen darf. Es soll nicht darum
viel stärker an der Bildung beteiligt und auch leis- gehen, bestimmte Gruppen an die Gesellschaft
tungsstärker als die Jungen. Auf der anderen Sei- anzupassen. Das Konzept der Inklusion ist bislang
te werden Frauen im Beruf immer noch benach- nur in wenigen Bundesländern umgesetzt worden.
teiligt, wenn es um das Einkommen oder um die Menschen mit Behinderungen ihr Recht auf Selbst-
Arbeitsteilung innerhalb der Familie geht. Trotz bestimmung und gleichberechtigte Teilhabe zu er-
guter Startchancen für Mädchen sind es Män- möglichen, muss Anspruch eines guten Bildungs-
ner, die höhere Positionen im Beruf erlangen und systems sein. Alle müssen sich bilden dürfen.
auf gleichrangigen Positionen mehr verdienen als
Frauen. Ursachen für dieses Verhältnis sind die
traditionelle Rollenverteilung innerhalb der Fami-
lie sowie die geschlechtsspezifische Berufs- und
Ausbildungswahl. Auch die Verringerung der Ar- Neues Lernen ist gefragt
beitszeiten nach der Geburt des ersten Kindes – vor
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Bilden sollte man sich immer und in jeder Lebens- ner und Vermittler von Nachwuchskräften. Doch
phase. Lebenslang zu lernen – institutionell ge- an einigen Universitäten greift die Wirtschaft
bunden oder nicht – ist lebensnotwendig, um sich selbst auch in das Angebot der Universität ein. Pri-
in einer sich immer schneller verändernden Le- vate Finanz- und Unternehmensberater werben
benswelt zurechtzufinden. Geschlossene Welten gezielt an mittlerweile fast vierzig Universitäten
sich selbst zu eröffnen, sich weiterzubilden und für ihre Dienstleistungen. Sie bieten Rhetorikkur-
eigenständig zu lernen, setzt auf die Informati- se, Assessmentcenter-Trainings und Management-
onskompetenz des Einzelnen. „Verändern und In- seminare an. Vielen Universitäten fehlt einfach
terpretieren beinhaltet zu wissen, auf welche Wei- das eigene Geld für eine intensive Karriereförde-
se man sich den Gegenständen annähern kann“, rung ihrer Absolventen. In Münster kümmern
meint eine Studentin der Kommunikationswis- sich beispielsweise nur drei Mitarbeiter darum,
senschaft. „Eigentlich läuft bei mir alles nur noch fast fünftausend Studierenden den Berufseinstieg
mit dem PC. Das ist fast überall mein Zugangs- zu erleichtern. Die Bemühung, an der Universität
und Vermittlungsmedium“ Digitale Medien sind selbst für einen gelungenen Berufseinstieg zu sor-
inzwischen feste Bestandteile unseres Alltags. Sie gen, und sei es mit Hilfe von externen Dienstleis-
dienen nicht nur der Information und Kommuni- tern, ist per se nichts Schlechtes. Sie verändert je-
kation, sondern gelten neben Familie, Schule und doch das Verhältnis zwischen Wissenschaft und
dem Freundes- und Bekanntenkreis als vierte So- Wirtschaft. Statt einer umfassenden Bildung im
zialisationsinstanz. Sie sind nicht nur Mittel, son- Sinne Humboldts droht das Studium heutzutage
dern zunehmend auch Gegenstand der Bildung, da auf rein marktwirtschaftliche und berufsbezoge-
ein kompetenter Umgang mit ihnen unerlässlich ne Kriterien reduziert zu werden. Schneller, höher,
ist. weiter – aber wirklich auch besser? Wo ist hier das
Schon im Kindergarten wird heute der Umgang freiheitliche und zweckfreie Lernen und Lehren,
mit digitalen Medien spielerisch eingeübt. In der das Humboldt betonte? Ist das das Verändern, auf
Schule werden dann immer mehr informations- das Marx hoffte? Wohl kaum.
technische Fähigkeiten verlangt. Dies betrifft
nicht nur das Erstellen einer Bildschirmpräsenta- Ist der Weg das Ziel?
tion, sondern auch den Umgang mit persönlichen Die Universität ist in der Bredouille. Wie soll ge-
Informationen im Netz. Möglichkeiten wie auch lernt werden? Kompetenz- oder zielorientiert? Und
Gefahren des Internet zu begreifen, erfordert das gibt es hier überhaupt einen Unterschied? „Aber
Wissen um Rechte und Grenzen des Einzelnen. nein! Bildung muss nicht verwertbar sein“, be-
Innerhalb der Hochschule werden beim Einsatz hauptet eine junge Mitarbeiterin am Lehrstuhl
technischer Neuerungen immer wieder Grenzen für politische Philosophie der Humboldt-Univer-
überschritten – in einem positiven Sinn: Wer bei- sität. „Viel wichtiger ist es doch, einen neuen Pra-
spielsweise während einer Vorlesung eigene Ideen xisbezug für das Denken herzustellen“. Eben nicht
und Meinungen produziert und verbreitet, bricht nur über das 18. Jahrhundert nachdenken, sondern
die Deutungsmacht des Lehrenden. Im Vorlesungs- vielmehr aus dem 18. Jahrhundert für heute etwas
saal ist nicht nur eine Meinung zu hören, sondern lernen. Das Vergangene und das Aktuelle politisch
sind auch gleichzeitig viele zu lesen. So kann par- machen. Sich nicht in sichere Themen flüchten,
allel zur Veranstaltung von modernen Kommuni- sondern neue Thesen formulieren. Dafür brauchen
kationsmedien Gebrauch gemacht werden: Links wir Geduld, Mut und Zeit. Und die sollten wir uns
können gesetzt, Gegenmeinungen recherchiert, auf jeden Fall nehmen, wenn wir sie schon nicht
Kontroversen angestoßen und auf Aufsätze hin- bekommen.
gewiesen werden. Dies sind Ansätze eines neuen
technisch-demokratischen Bildungsverständnis-
ses. Jeder kann jederzeit mithilfe der Technik an
allem teilhaben. Demokratie pur?
Doch jedes Medium braucht, genauso wie jedes
Wissen, die richtige Anwendung. An deutschen
Hochschulen versucht man die Kluft zwischen
Wissen und Anwendung mithilfe sogenannter
Career Center zu schließen. Als Schnittstelle zwi-
schen der Universität und dem Arbeitsmarkt ist
das Career Center für Unternehmen Ansprechpart- °Adrian Luncke und Friederike Schruhl für die Redaktion