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J. B.

METZLER
Udo Bermbach

Houston Stewart Chamberlain


Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart · Weimar
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-476-02565-4
ISBN 978-3-476-05396-1 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-05396-1

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Ursprünglich erschienen bei J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2015
www.metzlerverlag.de
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Vorwort

Seit dem Ende des Dritten Reiches ist Houston Stewart Chamberlain aus der öf-
fentlichen Aufmerksamkeit verschwunden. Für den Wagner-Diskurs, den er nach
Wagners Tod mit Büchern und Vorträgen über Jahrzehnte maßgeblich bestimmte,
spielt er heute kaum noch eine Rolle; sein Weltbestseller Die Grundlagen des
19. Jahrhunderts, der nach seinem Erscheinen zu heftigen Debatten geführt hatte, in
zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und in jährlich hohen Auflagen bis 1945 ver-
breitet war, ist heute weithin unbekannt; seine voluminösen Bücher über Kant
und Goethe, auch sie nach ihrem Erscheinen höchst umstritten und doch von vie-
len, auch Fachwissenschaftlern, gerühmt, nimmt heute kaum jemand mehr zur
Kenntnis; seine Beiträge zur Theologie, niedergelegt in seinen Büchern Worte
Christi und vor allem Mensch und Gott, zu ihrer Zeit höchst einflussreich und für
den deutschen Protestantismus auch folgenreich, sind vergessen. Ganz zu schwei-
gen von seinen zahllosen Essays und Aufsätzen, in denen er, der studierte Biologe,
zu Themen der Naturwissenschaften, der Geistes- und Kulturwissenschaften sowie
der Theologie schrieb und stets Aufmerksamkeit fand. Es gibt einzelne Ausnah-
men, Studien zu besonderen Aspekten, aber generell kann gelten: Chamberlain ist
heute weitgehend vergessen, und wo nicht, in Acht und Bann getan.
Letzteres hängt damit zusammen, dass seine Rassentheorie und sein Antisemi-
tismus ihn im Urteil der Nachwelt zum Vordenker des Nationalsozialismus ge-
macht haben. Der späte Schwiegersohn Richard Wagners, der das Denken des
›Meisters‹ in eine nationalistisch-völkische Richtung interpretierte und wirkungs-
voll popularisierte, gilt den meisten heute zugleich als ein Vordenker Hitlers, der
mit dazu beitrug, das Bayreuth Wagners NS-affin werden zu lassen. Chamberlain
hatte Hitler nicht nur im Herbst 1923 in seinem Haus in Bayreuth an seinem Kran-
kenbett empfangen, sondern ihm anschließend auch noch geschrieben, es bezeuge
die Lebendigkeit Deutschlands, dass es sich in der Stunde seiner Not einen Hitler
geboren habe. Das richtete ihn in den Augen der Nachwelt.
Es gibt gute Gründe, Chamberlains Denken, seine Weltanschauung in einen
Zusammenhang mit der Ideologie des Nationalsozialismus zu bringen. Doch lässt
sich nicht alles, was er schrieb, darauf verengen. Auch wenn Hitler selbst davon
sprach, Chamberlain habe das Schwert geschmiedet, mit dem der Nationalsozialis-
mus gewonnen habe, wenn zentrale Figuren dieser Bewegung wie Alfred Rosen-
berg oder auch nationalsozialistische Schreiber wie Georg Schott und Hugo Meyer
ihn als den »Seher des Dritten Reiches« überhöhten, wenn sie behaupteten, er
habe tragende Weltanschauungsteile des Nationalsozialismus vorausgedacht, so
wird eine solche Einvernahme durch NS-Figuren dem intellektuellen Zuschnitt
und der sehr viel differenzierteren Haltung Chamberlains nicht vollständig gerecht.
Denn der war ein zu gebildeter und belesener Mann, als dass sein Denken und
seine Überzeugungen in der vulgären Ideologie des Hitlerismus restlos aufgegan-
2 Vorwort

gen wären, all seinen völkischen und nationalistischen Präferenzen zum Trotz.
Manches in seiner Weltanschauung – wie der Rassismus, Antisemitismus und Ger-
manismus – wies in der Tat auf zentrale Elemente der NS-Ideologie voraus, lie-
ferte Stichworte und auch Inhalte. Aber es gab auch widerständige Überzeugun-
gen, die sich mit der NS-Ideologie kaum in Übereinstimmung bringen ließen,
sogar in offenem Widerspruch zu ihr standen – wie seine zutiefst christliche Reli-
giosität, die er selbst als das entscheidende Fundament seiner Weltanschauung be-
trachtete und über die sich Hitler mehrfach abfällig und ablehnend geäußert hat.
Chamberlains Fehler, so der Diktator, sei es gewesen, an das Christentum als eine
geistige Welt zu glauben, während es doch nur »jüdischer Schwindel« sei.
Doch selbst in so zentralen Bereichen wie der Rassentheorie und dem Antise-
mitismus lassen sich Differenzen zwischen ihm und den späteren NS-Ideologen
ausmachen: Der industriell organisierte Genozid des Holocaust konnte sich jeden-
falls nicht auf Chamberlains gewiss oft hasserfüllten Antisemitismus berufen, so
wenig wie die Ausrottung und Versklavung der slawischen Völker im Zweiten
Weltkrieg, denn Chamberlain zählte die Slawen zur arischen Rasse, während sie
für Hitler und dessen Schergen nur Untermenschen waren.
Angesichts solcher Differenzen und Widersprüche ein einigermaßen zutref-
fendes Bild von einem Autor zu gewinnen, der weit über die erste Hälfte seines
Lebens hinaus, im Deutschen Kaiserreich wie in den Anfangsjahren der Weimarer
Republik, einer der einflussreichsten Publizisten und Meinungsbildner des konser-
vativen, völkischen und nationalistischen Bildungsbürgertums gewesen war, ist
nicht ganz einfach. Zu sehr sind seine Person, seine Werke und sein Wirken heute
negativ besetzt, zu sehr spielt er im allgemeinen Urteil die bloße Rolle eines Ver-
derbers Bayreuths und Stichwortgebers Hitlers, als dass eine abwägende Darstel-
lung leicht zu schreiben wäre. Der Versuch, ihm und seinem Denken durch die
Berücksichtigung der Zeit, in der er schrieb, einigermaßen gerecht zu werden, setzt
sich allzu schnell dem Vorwurf einer intellektuellen und politischen Rehabilitierung
aus. Doch es geht hier nicht – das muss mit Nachdruck betont werden – um eine
Rehabilitierung; die ist weder beabsichtigt noch wirklich möglich. Es geht darum,
von Person, Werk und Wirkung ein historisch zutreffendes und differenziertes Bild
zu gewinnen. Chamberlain und seine Arbeiten aus ihrer Zeit heraus verstehen zu
können, zwingt dazu, beides in den historischen Kontext einzubetten.
In der Verbindung biographischer Daten mit dem Werk, vor allem in der
historischen Kontextualisierung seiner Werke soll das Porträt und Denken eines
wirkungsmächtigen Menschen umrissen werden, der in England geboren wurde,
in Frankreich aufwuchs und sich danach bald kulturell an Deutschland assimilierte.
Chamberlain war ein durch die Schule humanistisch geprägter Mann, ein studier-
ter Biologe, der rassistische und antisemitische Positionen vertrat. Bald nach Wag-
ners Tod avancierte er zum engsten Vertrauten von Cosima Wagner und wurde
durch Einheirat in die Wagner-Familie deren intellektuell bedeutendstes Mitglied,
ein über die Jahrzehnte einflussreicher Autor, der die Bayreuther Idee formulierte
und sie als eine kulturmissionarische Aufgabe an die Bayreuthianer im Deutschen
Vorwort 3

Reich weitergab. Er war ein Meinungsmacher, der zu den höchsten politischen


Kreisen des Kaiserreichs seine Verbindungen pflegte, so zu Kaiser Wilhelm II., der
ihn schätzte, sogar verehrte, und der seine Grundlagen abends bei Hofe vorlas. Über
Bayreuth hinaus pflegte er Verbindungen zu Publizisten und Wissenschaftlern, die
andere Positionen einnahmen als er, hielt er Kontakt zu jüdischen Künstlern und
Intellektuellen, ohne seine eigenen Einstellungen zu kaschieren. Schließlich war er
auch ein international denkender, lesender und schreibender Privatgelehrter, den
seine völkisch-nationale Gesinnung nicht davon abhielt, über die deutschen Gren-
zen hinaus zu sehen.
Ein solcher Mann, halb Wissenschaftler, halb Publizist, von einer bemerkens-
werten Gelehrsamkeit und einem als höchst elegant empfundenen Stil, Mitglied
der schon früh mit Hitler sympathisierenden Wagner-Familie in Wahnfried,
konnte für große Teile des deutschen Bildungsbürgertums eine Brücke zum
Nationalsozialismus abgeben. Chamberlain war sensibel, gesundheitlich gebrech-
lich, zurückhaltend und Empathie ausstrahlend, den Menschen zugewandt und
damit das Gegenbild zu jenen Radau-Typen der SA, die das öffentliche Auftreten
der Nationalsozialisten über viele Jahre prägten. Dass man ihm nach eigener Aus-
sage den Engländer schon auf einen Kilometer ansah, machte den bekenntnisbeses-
senen Konvertiten für viele im deutschen Bildungsbürgertum glaubwürdig. Ein
solcher Mann, der dem Nationalsozialismus zuneigte, auch wenn er dessen politi-
sches Programm nie wirklich zur Kenntnis genommen hat, konnte für diese Be-
wegung interessieren. Er machte scheinbar vor, wie man sich Hitler nähern konnte,
ohne die eigene bildungsbürgerliche Tradition zu verleugnen. Grund genug, sich
ihm zu widmen.
Die vorliegende Studie ist eine Werkbiographie, das heißt, sie verbindet bio-
graphische und systematische Teile miteinander. Sie hat ihren Schwerpunkt in der
Darstellung und Analyse der zentralen Werke Chamberlains, von den meinungs-
prägenden Arbeiten wie der immer wieder neu aufgelegten Wagner-Biographie über
den Weltbestseller Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts und den umfangreichen Stu-
dien zu Kant und Goethe, von den Kriegsschriften bis zu den für seine Weltanschau-
ung so grundlegenden Studien zur protestantischen Theologie in Mensch und Gott.
Diese Arbeiten werden, da sie heute kaum noch bekannt sind, zunächst inhaltlich
vorgestellt, sodann in den zeitgenössischen Kontext eingeordnet, analysiert und in
ihrer Wirkungsgeschichte betrachtet. Sie werden umrahmt durch die wichtigsten
biographischen Daten, so dass sich ein Zusammenhang zwischen Leben und Werk
ergibt. Drei der vorliegenden Kapitel dieses Buches: Chamberlains Wagner, Arisches
Christentum und Buchgaden, sind bereits früher in anderer Fassung erschienen; sie
wurden bearbeitet und auf den neuesten Stand gebracht.
Dass die Arbeit manche Aspekte der Wirkung Chamberlains, so etwa seine
persönlichen, vor allem publizistischen Verbindungen zu völkisch-nationalisti-
schen Verbänden und Kreisen, bewusst vernachlässigt, ist durch die Überlegung
begründet, das Buch nicht noch umfänglicher werden zu lassen. Dass Chamber-
lains Beziehungen zu jüdischen Intellektuellen wie Maximilian Harden, Karl
4 Vorwort

Kraus, Walther Rathenau, Hermann Levi und anderen nur gestreift werden, findet
seine Erklärung in der Arbeit von Sven Brömsel, die diesen Verbindungen nach-
geht. Aber auch so ergibt sich ein genaues Bild dieses Mannes. Und es ergibt sich,
so hofft der Verfasser, auch ein differenziertes Urteil über einen der wichtigsten
Erbeverwalter Richard Wagners wie einen Denker jener völkisch-nationalisti-
schen Ideologie, aus deren Dunstkreis der Nationalsozialismus hervorwachsen
konnte.

Hamburg, im Frühjahr 2015 Udo Bermbach


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Leben zwischen den Kulturen –


Frühe Stationen einer Biographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
Herkunft 13 | Heimatlosigkeit 15 | Konversionserlebnisse in Bad Ems 21 |
Der deutsche Lehrer 23 | Botanische Studien 27 | Anna Horst 28 | Genfer
Studien 31 | Die Dresdner Jahre 39

Chamberlains Wagner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Der Weg zu Wagner 43 | Erste Publikationsversuche 48 | »Das Drama
Richard Wagners« 51 | Von Wien her: Annäherung an Bayreuth 58 | Die
Praeger-Affäre 61 | Die Wagner-Biographie 66 | Der vermeintliche »Re-
volutionär« Wagner 72 | Wagners Anti-Politik 74 | Wagners Philosophie
77 | Die Regenerationsschriften 80 | Der »Bayreuther Gedanke« 84

Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts . . . . . 89


Leben in Wien 89 | Über Wien 95 | Die Lebenslehre 99 | Der Anstoß
102 | Entstehen und Beginn 109 | Die Widmung 113 | Kunst oder Wis-
senschaft? 116 | Die Einleitung 118 | Hellenistische Kunst und Philosophie
121 | Völkerchaos 128 | Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte
133 | Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte 141 | Religion – über
das Christentum 146 | Die Befestigung des Staates 152 | Die Entstehung
einer neuen Welt 154 | Geschichtlicher Überblick 157 | Entdeckungen
159 | Wissenschaft 160 | Industrie 161 | Wirtschaft 162 | Politik und
Kirche 163 | Weltanschauung und Religion 165 | Kunst 168

Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der


Grundlagen des 19. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
Der Erfolg 171 | Zeitgenössische Kritiken 175 | Bayreuths gedämpfter
Beifall 186 | Monographien gegen die »Grundlagen« 194 | Kaiser, Thron-
folger, Graf und andere 200 | Chamberlains Vorwort-Erwiderungen 210
6 Inhalt

Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien –


Entwicklungen bis Chamberlain . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
Vorbemerkung 219 | Entstehung und Karriere eines Begriffs 219 | Gobi-
neau, Darwin und Mendel 232 | Institutionalisierung der Rassenforschung
238 | Chamberlains Rassenbegriff 243 | Chamberlains »fünf Grundgesetze«
zur Entstehung edler Rassen 249 | Aspekte der Rassentheorie 252 | Zwei
zeitgenössische Kritiken der Rassentheorie 256 | Friedrich Hertz 257 |
Hertz über Chamberlain 259 | Franz Oppenheimer 261

Juden und Germanen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267


Entstehung des jüdischen Volkes 269 | Charakter der jüdischen Religion
275 | Die Germanen 278 | Juden und Germanen im Zeitkontext 286 |
Chamberlains Lösung der ›Judenfrage‹ 291

Der germanische Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299


Zwischenschritte 299 | Schwierigkeiten mit Anna und Trennung 301 | Die
Scheidung 312 | Arische Weltanschauung 314 | Kant in den »Grundlagen«
316 | Wege zu Kant 318 | Chamberlains Kant 330 | Im Umfeld des Neu-
kantianismus 339

Goethe – der Weise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345


Von Wien nach Bayreuth 345 | Über Bayreuth 351 | Auf dem Weg zu
Goethe 355 | Goethes Leben 357 | Die Persönlichkeit Goethes 359 | Der
Naturerforscher 362 | Der Dichter 364 | Der Weise 365 | Exkurs: Goethes
antijüdische Vorbehalte 367 | Abschluss 370 | Goethe neu gelesen 371 |
Zur Rezeption des Goethe-Buches 378 | Adolf von Harnack und Cham-
berlains Goethe 382

Die Kriegsschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387


Verstecktes Leben und Krankheit in Bayreuth 387 | Der Beidler-Prozess
393 | Chamberlains Haltung zu England vor dem Krieg 396 | Die Kriegs-
schriften 397 | Kriegsschuld 399 | Politischer und moralischer Zustand der
Alliierten 404 | Deutschland als ›Weltstaat‹ 408 | Kritik der westlichen
Freiheit und Demokratie 417 | Entwurf eines ›wissenschaftlich‹ organisier-
ten Staates 423 | Chamberlains Kriegsschriften im Umfeld der Kriegspubli-
zistik 434 | Einige Wirkungen 443 | Der Prozess der Frankfurter Zeitung
446
Inhalt 7

Arisches Christentum als deutscher Protestantismus . . . . . . . . 453


Eine Chronik des Leidens 453 | Frühe religiöse Prägungen 460 | Der Vor-
gänger Richard Wagner 462 | Christentum in den »Grundlagen« 465 |
Chamberlains arischer Jesus 471 | »Worte Christi« 481 | »Mensch und
Gott« 484 | Chamberlain im Kontext der protestantischen Theologie 494

Ein sc hwerer Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 499


Das Leiden zum Tode 499 | Überführung nach Coburg 502 | Beileids-
schreiben 512

Buchgaden – Chamberlains Bibliothek . . . . . . . . . . . . . . . . . . 519


Die Bibliothek Chamberlains heute 520 | Thematische Schwerpunkte der
Bibliothek 524 | »Richard Wagner« 527 | » Die Grundlagen des 19. Jahr-
hunderts« 529 | »Kant« 533 | »Goethe« 535 | »Mensch und Gott« 536 |
Tägliche Lektüre – Die Tagebücher 538 | Über Bücher und Autoren 542

Zur NS-Rezeption Chamberlains . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 553


Vorbemerkung 553 | Chamberlains Hitler und Hitlers Chamberlain 556 |
Hitler-Prozess und NS-Interesse 565 | Alfred Rosenbergs Chamberlain 572 |
Chamberlain im Dritten Reich 579 | Die Wirkung von Chamberlains
Theologie im Dritten Reich 586 | Der zehnte Todestag Chamberlains 594 |
Verbindendes und Trennendes 597

Siglenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 615

Verzeichnis ausgewählter Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 617


Houston Stewart Chamberlains Werke 617 | Posthum veröffentlichte
Werke und Auswahlausgaben 618 | Bibliographische Hilfsmittel 618 | Li-
teratur aus dem Umfeld 619 | Forschungsliteratur über Chamberlain 619 |
Weitere benutzte Forschungsliteratur 621

Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 626

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 627

Personen- und Werkregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 628


»Die Ausflüge in die Gebiete der Wissenschaften, die er unternahm,
um seine allgemeinen Auffassungen zu stützen,
genügten freilich nicht immer den strengsten Anforderungen.
Sie zeigten wohl ein spielendes Verfügen über eine große Belesenheit,
aber der Fachmann fand unweigerlich in ihnen jene
kleinen Unrichtigkeiten und Mißverständnisse,
an denen man eine Dilettantenarbeit so genau erkennen kann.«

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften


Leben zwischen den Kulturen –
Frühe Stationen einer Biographie

Houston Stewart Chamberlain war ein bemerkenswerter Mann. Geboren in Eng-


land, aufgewachsen in Frankreich, übergesiedelt nach Österreich und dann nach
Deutschland, wuchs er in drei westliche Kulturen hinein und war in ihnen glei-
chermaßen sicher zu Hause. Englisch, Französisch und Deutsch waren seine »Mut-
tersprachen«, die er perfekt und in allen Nuancen beherrschte. Darüber hinaus las
er Latein und Griechisch, auch Hebräisch, sprach Kroatisch, Slowenisch und
konnte, zumindest auf einem leidlichen Niveau, noch einige weitere Sprachen,
wie etwa Italienisch.
Von klein auf interessierte er sich für die Natur, vor allem für Pflanzen. Folge-
richtig studierte er Biologie, schrieb eine Dissertation an der Universität Genf über
den ›Wurzeldruck der Pflanzen‹1, verstand sich ein Leben lang primär als Natur-
wissenschaftler und gewann doch die nationale wie internationale Aufmerksamkeit
als Schriftsteller mit Arbeiten über Richard Wagner, Kulturgeschichte, Philoso-
phie, Literatur und Rassentheorien. Noch bevor er nach Richard Wagners Tod
dessen Schwiegersohn wurde, war er einer der engsten Vertrauten von Cosima
Wagner, der weitaus intelligenteste Kopf des Bayreuther Kreises. Gleichwohl hatte
er mit vielen Mitgliedern und Anhängern dieser Wagner-Anbeter wenig gemein.
Der engstirnigen, nationalistisch-völkischen Ausrichtung vieler dieser Bildungs-
ignoranten stand sein polyglottes Herkommen entgegen, der ausschließlichen Fo-
kussierung auf Wagner und sein Werk entging er mit seinen Büchern über Kant
und Goethe, deren Denken ihm bedeutender als das des ›Meisters‹ erschien, bei
aller Verehrung, die er diesem entgegenbrachte. Tief religiös, verfügte er über
breite theologische Kenntnisse, die selbst Fachtheologen erstaunten. Seine huma-
nistisch grundierte Ausbildung und Bildung spiegelt eine Bibliothek, die etwa
zehntausend Bände zu nahezu allen wichtigen Wissensgebieten umfasst: von ein-
zelnen Disziplinen der Naturwissenschaften über die Philosophie, Theologie,
Literatur, Geschichte und Politik bis hin zu sprach-, kultur- und sozialwissenschaft-
lichen Abhandlungen.
Zweifelsohne war er ein hoch gebildeter Privatgelehrter, zugleich aber auch
eine schillernde und äußerst problematische Figur. Seine starke Wirkung auf große
Teile des wilhelminischen Bildungsbürgertums verdankte er seinen Bemühungen
und seiner Fähigkeit zur synthetischen Schau der Welt, ihrer Erklärung aus einigen
wenigen Prinzipien, die im Umbruch der Werte und Strukturen des ausgehenden
19. und beginnenden 20. Jahrhunderts als Beschwörung »des Ganzen«, als Entwurf
einer holistischen Weltsicht sehr nachgefragt war. Wo die Einheit der Welt durch
Pluralisierung und Individualisierung schon längst zerbrochen war, die Sehnsucht

1 HSC, Recherches sur la sève ascendante, Neuchâtel 1897.


12 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

danach aber umso stärker, gab Chamberlain wissenschaftlich scheinbar gesicherte


Antworten, die eine klare Orientierung versprachen. Er war nicht der Einzige mit
solchen Bemühungen. Auch Autoren wie Ernst Haeckel, Rudolf Steiner oder
Oswald Spengler befriedigten mit ihren je eigenen und unterschiedlichen ›Analy-
sen‹ und ›Erklärungssystemen‹ diesen Hang der Gebildeten nach der Einheit einer
Welt, die schmerzlich vermisst wurde. Dicht vernetzt im konservativen intellektu-
ellen Milieu, das Chamberlain freilich ohne Scheu auch selbstsicher gelegentlich
verließ, konnte er mit einigen seiner Schriften Stimmführer jener Verunsicherten
werden, die im Strudel der Zeiten nach ›rechter‹ Orientierung suchten. Sich selbst
immer wieder als »Dilettant« im Goethe’schen Sinne verstehend und zu den aka-
demischen Spezialisten eher in Distanz stehend, war er andererseits mit manchen
Koryphäen der akademischen Welt verbunden, deren Vertreter ihn – wie bei-
spielsweise Adolf von Harnack – auf ihre Weise außerordentlich schätzten. Be-
freundet mit Kaiser Wilhelm II. und Teilen des deutschen Hochadels, sah er doch
deren Bildungsdefizite sehr deutlich und hielt sie nur begrenzt für adäquate Ge-
sprächspartner. Und obwohl Anhänger und Propagandist der aufkommenden Ras-
sentheorie und bekennender Antisemit, pflegte er gelegentlich freundlichen, ja
freundschaftlichen Umgang mit Juden und verachtete diejenigen, die die Juden
zum allgemeinen Sündenbock aktueller Missstände und Miseren stempeln wollten.
Von den Nazis, nicht zuletzt von Hitler, zum Vordenker ihrer Bewegung gemacht
und vereinnahmt, widersprachen zentrale Teile seiner grundlegenden Überzeu-
gungen, so etwa sein tief verwurzelter christlicher Glaube, deren Ideologie. Von
Kindheit an war er immer wieder krank, im Laufe der Jahre zunehmend häufiger
und ernster, ab 1914 bis zu seinem Tod schwer leidend an Parkinson, und doch
trotzte er mit einer bewundernswerten Energie und strikter Selbstdisziplin seinem
durch Schmerzen gequälten Leben noch wichtige Bücher ab.
Wie nahezu alle bedeutenden Menschen – und Chamberlain war, aller politi-
schen Unsäglichkeiten zum Trotz, ein in seiner Zeit und für seine Zeit bedeuten-
der Mensch – steckte er voller Widersprüche und Ungereimtheiten. Neben Posi-
tionen seines Denkens, die schon zu seinen Lebzeiten, aber erst recht heute,
inakzeptabel waren, gibt es auch viel Nachdenkenswertes bei ihm, gibt es Schrif-
ten, die zu lesen sich auch heute noch lohnt. Er war, daran kann kein Zweifel
bestehen, einer der wirkungsmächtigsten Publizisten der ersten Jahre des 20. Jahr-
hunderts, ein Bestseller-Autor, mit dem zu beschäftigen sich schon deshalb lohnt,
weil man bei ihm Aufschluss finden kann über Weltanschauungsentwicklungen,
die den Gang der deutschen Geschichte unheilvoll mitbestimmt haben. Er steht für
vieles: für ein bestimmtes, in vielerlei Hinsicht verfälschtes Bild von Wagner, das
dessen Rezeptionsgeschichte entscheidend beeinflusst hat; für den großangelegten
Versuch, die Menschheitsgeschichte mithilfe einiger einfacher Prinzipien zu erklä-
ren und daraus zugleich Schlüsse für die Zukunft zu ziehen; für die Hoffnung, dem
Denken der »Großen« – wie Kant und Goethe – Orientierungssicherheit abzuge-
winnen, in Zeiten, wo neue Entwicklungen auf allen Gebieten des Lebens für
sicher gehaltene Traditionen zu zerstören drohten; auch für den Versuch, mithilfe
Herkunft 13

eines erneuerten Christentums, einer ›zweiten Reformation‹ noch einmal die geis-
tigen Grundlagen des Abendlandes selbst erneuern zu können; und nicht zuletzt
für den Wahn, in Rassentheorien eine letzte anthropologische Begründung für
›den Menschen der Zukunft‹ zu finden, mit der die Juden aus wichtigen Teilen des
europäischen Lebensraums ausgeschlossen, allerdings nicht vernichtet werden soll-
ten. Das alles reagierte auf Probleme, die für viele die Probleme der Jahrhundert-
wende waren. Diesen bei Chamberlain nachzugehen, verheißt zugleich Aufschluss
auch für bestimmte Entwicklungszüge der deutschen Geschichte.

Herkunft
»Mein Vater war Engländer, meine Mutter Schottin; es liegt also zunächst eine
Mischung der zwei verschiedenen Völker aus Norden und Süden vor. Nur muß
ich gleich hinzufügen, daß, während meine Mutter nachweisbar ganz rein süd-
schottischer, also rein nordgermanischer, einheitlicher Rasse entsprungen ist, der
väterliche Stamm in das normännische und angelsächsische Blut auch keltisches
und anderes aus der nordischen Verwandtschaft hineingebracht hat.«2
Mit diesen Sätzen beginnt Chamberlain in seinen Lebenswegen den Abriss sei-
ner eigenen Biographie. Nicht mit der einfachen Mitteilung seines Geburtstags,
der einfachen Schilderung seiner Familie, sondern mit dem Hinweis auf seine Ab-
stammung nach Stamm und Rasse, wie es seinem Denken seit der Veröffentli-
chung der Grundlagen des 19. Jahrhunderts entspricht. Die Mutter steht am Anfang
des Berichts, weil bei ihr die »Verhältnisse […] einfacher liegen« – und weil sie
wichtiger ist als der Vater –, was paradoxerweise bei diesem Antisemiten an die
jüdische Definition erinnert, Jude sei, wer eine jüdische Mutter habe. Die Mutter,
heißt es in seinen Erinnerungen, stamme aus schottischem Kleinadel, aus einer
Familie, die einerseits Land bei Edinburgh besaß, das sie bewirtschaftete; die ande-
rerseits mit dem Vater der Mutter der englischen Flotte einen Offizier gestellt
habe, der zugleich ein bekannter Forschungsreisender gewesen sei und vielgele-
sene Bücher über seine Erkundungen im Südpazifik geschrieben habe. Mitglieder
der mütterlichen Familie werden als vitale, abenteuerlustige, aber auch bildungs-
beflissene und gastfreundliche Menschen geschildert, die Mutter als »eine echte
Schottin«, »fromm und streng, gewissenhaft bis ins Übertriebene; ihre Interessen
waren auf das Geistige und das Moralische gerichtet«.3 Sie starb, noch bevor Hous-
ton Stewart ein Jahr alt war.

2 HSC, Lebenswege, S. 11; auch das folgende Zitat hier. Die Darstellung des Lebens von Chamberlain
folgt hauptsächlich seiner Autobiographie und den Erinnerungen seiner ersten Frau Anna – Anna
Chamberlain, Meine Erinnerungen an Houston Stewart Chamberlain. Biographische Hinweise, die
alle auf Chamberlains eigenen Angaben beruhen, finden sich bei Leopold von Schroeder, Houston
Stewart Chamberlain, bei Hugo Meyer, Houston Stewart Chamberlain als völkischer Denker, bei
Geoffrey G. Field, Evangelist of Race und bei Barbara Liedtke, Völkisches Denken.
3 HSC, Lebenswege, S. 14.
14 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

Während Chamberlain die Familienlinie der Mutter nur bis in die zweite
Hälfte des 18. Jahrhunderts verfolgt, führt er die Wurzeln der väterlichen Linie bis
in die Zeit Wilhelm des Eroberers (1027–1087) zurück. Es sind »mehrfache
Stämme«4, die sich über die Jahrhunderte vermischen und am Ende in die Familie
der Chamberlains einmünden. Berichtet wird vom Großvater, der zur See fuhr,
später in den britischen Konsulats- und Diplomatendienst eintrat, Generalkonsul
in Südamerika und danach Gesandter am Hofe des Kaisers von Brasilien wurde.
Für seine Verdienste erhielt er den Baronet-Titel. Ein Diplomat, der stets auch
Forschungsreisender war, ein engagierter Botaniker, der die Begonie nach Europa
einführte und im Alter naturwissenschaftliche Vorträge hielt. Der Vater, Sohn aus
der zweiten Ehe des Großvaters, wurde 1818 geboren und avancierte – wie die
fünf Söhne aus zwei Ehen, die alle die militärische Laufbahn einschlugen – zum
hohen Offizier der britischen Marine. Mit zehn Jahren kam er zur Ausbildung auf
ein Kadettenschiff, mit zwölf Jahren fuhr er erstmals zur See, und dann stieg er
stetig über die verschiedenen Rangstufen zum Admiral auf. Auch seine Brüder
machten glänzende Militärkarrieren, in Indien, Afghanistan und anderen britischen
Kolonien, und Sir Neville Chamberlain, der Lieblingsonkel von Houston, wurde
von Königin Victoria sogar zum Feldmarschall und Knight Commander oft the
Bath befördert.5 Da Chamberlain zu seinem Vater ein mehr als distanziertes Ver-
hältnis hatte, schweigt er sich in seinen Lebenswegen über ihn weitgehend aus. Er
habe physisch und geistig wenig von ihm geerbt, bemerkt er, obgleich er vom
Typus »echt englisch-normännisch« gewesen sei, mit »himmelblauen Augen und
kühn gebogener Nase«, aber von sehr beschränkter Bildung, eben »von Kopf bis
Fuß Offizier und in seine Uniform sozusagen hineingewachsen«.6 Ein in der briti-
schen Marine allseits geachteter Militär von hohem Dienstbewusstsein und stren-
ger Selbstdisziplin. Privat allerdings auch mit weicheren Qualitäten versehen, die
der Sohn freilich selten erlebte, weil der Vater überwiegend auf See war und erst
spät feste Anstellungen auf dem englischen Festland erhielt. Als er 1878 starb, war
er seinem Sohn, der die meiste Zeit seiner Jugend in Frankreich verbrachte, schon
seit Jahren fremd geworden.
Ausführlicher als auf den Vater und dessen Vorfahren geht Chamberlain auf
die Familie seiner Mutter ein. »Statur, Gesichtszüge, Charakter und Begabungsart«
habe er von der Familie seiner Mutter geerbt, besonders von seiner Großmutter
mütterlicherseits. »Ich besitze weder die normännische Nase noch die angelsächsi-
schen Augen, ich bin bedeutend größer als die übrigen männlichen Mitglieder
meiner Familie, außerdem leidenschaftlicher veranlagt, und meine Seele ist der

4 Ebenda, S. 15.
5 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 19. Der »Knight Commander of the Bath«, auch: The Most
Honourable (Military) Order of the Bath« wurde von Georg I. am 18. Mai 1725 geschaffen. Er ist
einer der höchsten britischen Orden, der auf mittelalterliche Traditionen zurückgeht und dem
Träger bei Hof eine wichtige Stellung einräumt. Ausführlich wikipedia.org/wiki/order of_the
Bath
6 HSC, Lebenswege, S. 23; hier und S. 24 auch die folgenden Hinweise.
Heimatlosigkeit 15

göttlichen Sprache der Musik als ihrem eigentlichen Elemente weit geöffnet«7,
schreibt er in seiner Autobiographie und meint, das alles seien »Erbstücke aus dem
Stamme der Großmutter«. Diese komme aus »dem nur von Kelten bewohnten«
Wales, »unmittelbar von den alten Häuptlingen oder, wie sie sich zu nennen pfleg-
ten, ›Königen‹ der Walliser, jenen kriegerischen Barden, die, auch wenn sie hoch
zu Roß in die Schlacht ritten, die Harfe umschlungen trugen.« Entsprechend
brachte die Familie neben Großgrundbesitzern auch kampferprobte Helden her-
vor, aber auch erfolgreiche Kaufleute. Einer von ihnen heiratete die Tochter eines
Handelsherren aus Lübeck, was »dänisches« resp. »deutsches Blut«8 in die Familie
brachte – eine versteckte Erklärung für seine spätere Hinwendung zu Deutschland
und deutscher Kultur. Wie wichtig Chamberlain die Darlegung seiner rassischen
Herkunft war, belegt eine kleine Anekdote, die er in diesem Zusammenhang er-
zählt. 1902 saß er dem Maler Franz von Lenbach für ein Porträt. Dieser fragte ihn
angeblich, ob er wirklich englischer Abstammung sei. Nachdem Chamberlain dies
bejaht hatte, erklärte Lenbach: »Nein, diese Schläfe! Diese Hände! Das Verhältnis
von Oberkopf zum Gesicht! Und vor allem dieser Schnurrbart! – das ist alles skan-
dinavisch! […] Sie haben keinen rein englischen Typus!«
Es ist ein bemerkenswerter Stammbaum, den Chamberlain vorweisen kann,
sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits. Seine Vorfahren gehörten zur Aristokra-
tie, nicht selten zu den führenden Persönlichkeiten Englands, verheiratet und ver-
wandt mit den höchsten Kreisen des Königreichs, oft mit erheblichem Landbesitz
ausgestattet, weit in der Welt herumgekommen und in amerikanischen wie asiati-
schen Ländern für längere Zeit lebend. Viele übten neben ihrem Beruf intensive
Forschungstätigkeiten aus, publizierten und brachten es darin zu einiger Anerken-
nung, gelegentlich sogar zu Ruhm. Fast alle waren wohlhabend und konnten sich
einen Lebensstil leisten, wie er in der Aristokratie üblich war.

Heimatlosigkeit
Chamberlain wurde am 9. September 1855 in Southsea bei Portsmouth im Süden
Englands geboren.9 Er war das jüngste von insgesamt vier Kindern: seine Schwes-
ter war früh verstorben, seine zwei Brüder, Basil und Henry, waren fünf und drei
Jahre älter als er. Basil, mit dem er sich ein Leben lang eng verbunden fühlte und
einen regen Briefwechsel unterhielt, wurde später, gegen den Willen des Vaters,
kein Militär, sondern aufgrund seiner Neigungen zu Japan und zu dessen Kultur
Professor für Literatur an der Universität Tokio. Henry ging, wie der Vater, zur
Marine und schlug erfolgreich die Offizierslaufbahn ein.

7 Ebenda, S. 19; hier auch die folgenden Zitate.


8 Ebenda, S. 21; hier auch das folgende Zitat.
9 Zum Folgenden vgl. Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 20 ff.
16 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

Der Tod der Mutter und die häufig lange Abwesenheit des Vaters zwangen
dazu, die Kinder zur alten und kränklichen Großmutter zu geben, die des Klimas
wegen in Versailles lebte und dort von ihrer Tochter gepflegt wurde. Diese Toch-
ter, Harriet Mary Chamberlain, nahm sich ihrer kleinen Neffen an. Während je-
doch die beiden älteren Brüder nur kurz in Frankreich blieben und dann wieder in
ihre englische Heimat zurückkehrten, lebte Chamberlain vom Mai 1856 bis zum
Mai 1866 dort und kehrte, nach kurzen Unterbrechungen immer wieder dahin
zurück. Und obgleich das Haus seiner Tante britisch geprägt war und man Eng-
lisch sprach, empfing er doch die entscheidenden Eindrücke seiner Kindheit durch
die französische Umgebung. Im Haus der Großmutter verkehrten überwiegend
französische Offiziere und Beamte, und die Spielkameraden aus der Schule waren
Franzosen, nicht Engländer. Die Privatlehrer, die ins Haus kamen, waren Franzo-
sen und eingeschult wurde Houston in ein französisches Lycée. Alles, was auf ihn
einströmte, war französisch, auch wenn, wie er berichtet, seine englischen Ver-
wandten von der Überlegenheit Englands und dessen Geschichte, Politik und Kul-
tur tief durchdrungen waren und ihm das eindringlich vor Augen stellten. Der
Einfluss des Französischen war am Ende doch stärker. Französische Sprache und
Kultur wirkten so nachhaltig, dass Chamberlain noch in seinen Erinnerungen da-
von schrieb, es überkomme ihn auch in seinem späten Leben noch stets ein »an-
heimelndes Gefühl«, wenn er die französische Sprache höre, deren Klang seine
Sinne und sein Gemüt umschmeichele und die Kinderjahre »beglückend« zurück-
riefe: »Ihre Schlichtheit und Anspruchslosigkeit, ihre große Intelligenz, ihre Freun-
destreue macht die Franzosen meinem Herzen teuer«, schreibt er in seinen Lebens-
wegen, und fährt fort, es falle ihm schwer, »einen ganzen Tag vorüber gehen zu
lassen, ohne ein französisches Buch aufgeschlagen zu haben, so vertraut und altge-
wohnt wirkt auf mich nicht allein die Sprache, sondern die ganze Art zu denken
und dem Gedanken Ausdruck zu verleihen.«10
Gleichwohl war er zwischen den Kulturen hin- und hergerissen; keiner wirk-
lich intensiv zugehörig, fühlte er sich im Grunde heimatlos. Als Engländer blieb
ihm Frankreich immer auch ein wenig fremd, war ihm, aller Sympathien und
Neigungen zum Trotz, nie wirklich bergendes Zuhause. Andererseits überkam ihn
bei seinen englischen Verwandten, war er dort zu Besuch, »ein solches Gefühl der
Fremdheit und Verlassenheit, daß ich mich noch leidenschaftlicher an das mich
begleitende französische Kindermädchen anschloß und den Tag der Rückkehr
nach Frankreich nicht abwarten konnte.«11 Vieles kommt hier zusammen: Der
frühe Tod der Mutter und die langen Abwesenheiten des Vaters erzeugten bei
dem sensiblen Knaben schon früh das Gefühl des Unbehausten, des Alleinseins und
Im-Stich-gelassen-werdens. Das Aufwachsen bei der Großmutter und Tante in
Frankreich konnte die fehlende elterliche Geborgenheit offensichtlich nicht erset-
zen. Und der häufige Besuch bei der englischen Verwandtschaft machte die Kluft

10 HSC, Lebenswege, S. 33.


11 HSC, Lebenswege, S. 35; die folgenden Zitate auf den Seiten 29 und 30.
Heimatlosigkeit 17

Abb. 2: Der junge Chamberlain (ohne Datum)

zwischen Herkunft und aktueller Lebenssituation erst recht deutlich. Die Unsi-
cherheiten, die aus einer solchen Situation zwangsläufig erwachsen mussten, präg-
ten Chamberlain für sein ganzes Leben. Wohl auch aus solchen Gründen war er
schon als Kind gesundheitlich anfällig und häufig krank, reagierte mit erschreckter
Hilflosigkeit auf diese sehr frühen, ihn quälenden Erfahrungen. Er sei, so schrieb er
in seinen Memoiren, »ohne Heimat durchs Leben gegangen«, habe niemals das
Gefühl gehabt, wirklich dazuzugehören, sei sich vielmehr stets bewusst gewesen,
in der Fremde zu leben. Darin bezieht er ausdrücklich seine Jahre in Deutschland
mit ein, die den größten Teil seines Lebens ausmachen, mit großen Erfolgen als
Schriftsteller und wirksamem publizistischem Einfluss.
Es ist auffallend, wie ausführlich Chamberlain in seinen Lebenswegen auf diese
Erfahrung der Heimatlosigkeit eingeht, wie er das Thema wieder und wieder um-
kreist und als lebensbestimmend empfindet. Er habe, so schreibt er, immer wieder
Menschen mit ähnlichem Schicksal kennengelernt, Deutsche, Engländer, Ameri-
kaner, Russen usw., aber sie alle seien irgendwann einmal ihrer Nation wirklich
zugehörig gewesen und hätten sich später dann »der neuen Umgebung vollkom-
men angepaßt und angegliedert.« Ganz im Gegensatz zu ihm, der nie wirklich
Engländer gewesen sei, auch nicht Franzose oder Deutscher, der es nie vermocht
habe, »in den verschiedenen Ländern, wohin mich das Schicksal verschlug, […] die
18 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

nicht angeborene Art als eigene anzunehmen.« Ernst Bloch spricht in solchem
Zusammenhang einmal davon, in der Welt entstehe etwas, »das allen in die Kind-
heit scheint und worin noch niemand war: Heimat.«12 In England, so Chamber-
lain, sei er von der eigenen Familie zwar stets herzlich aufgenommen, aber doch
als distinguished foreigner bezeichnet worden, da er ihnen »in Sprache, Geschmack,
Gewohnheiten sowie durch Bildungsgang, Geistesrichtung, Weltanschauung fer-
ner stand als z. B. Tausenden von Deutschen, die sich in England niedergelassen«
hatten und nur Schein-Engländer geworden waren. In Deutschland, der Schweiz
oder Österreich habe er sich zwar wohlgefühlt, frei atmen, aber Heimat auch hier
nicht finden können, zumal man ihm »auf tausend Schritte« den Engländer ange-
sehen habe. »So habe ich denn schon sehr jung begonnen«, heißt es in den Lebens-
wegen, »mir eine eigene Welt zu schaffen, eine eigene Heimat, mich mit Künstlern,
Denkern, Dichtern, Forschern, Träumern, Erfindern, Helden, Heiligen zu umge-
ben, dazu auch mit sinnlich vorhandener, greifbarer Liebe – alles aber um mich
herum abgeschlossen, abgerundet, unzugänglich […]. Hieraus nun, aus dieser Aus-
geschiedenheit und Abgeschiedenheit, entstand eine ganz eigene Inbrunst, gebo-
ren aus anhaltendem, meist unbewußtem Versunkensein, und eine gewisse Höhe
und Reinheit der Anschauung, weil nichts Mittelmäßiges – oder jedenfalls sehr
wenig derartiges – trübend an sie heranreichte.«13
Nimmt man diese Aussagen der Selbsteinschätzung ernst und sieht sie nicht als
stilisierende Pointierung eines sich selbst im Elitären einrichtenden Menschen, so
zeichnen sie Eckpunkte eines Psychogramms, das manche der späteren Verhaltens-
weisen Chamberlains mit erklären kann. So etwa die lebenslange Suche nach fes-
ten Bindungen, zunächst in der frühen ersten Ehe mit Anna Horst, nach deren
Zerbrechen in der zweiten Ehe mit Eva Wagner; so sein Streben nach Bayreuth,
mitten ins Zentrum des Wagner-Kultes und in gefestigte Strukturen der Kommu-
nikation; so die persönliche Freundschaft mit Cosima Wagner, die Auszeichnung
und Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlich anerkannten Institution bedeutete; so
die intellektuelle Führung des Bayreuther Kreises, die Chamberlain zum Sprachrohr
einer mächtigen kulturmissionarischen Bewegung machte; so auch die immer wie-
der neu einsetzende Suche nach Teilhabe an jenem intellektuellen Diskurs des
etablierten Konservatismus, der Deutschlands Schicksal im Kaiserreich einfluss-
reich bestimmte; so das bestimmende Mitwirken und ›agenda setting‹ durch äu-
ßerst erfolgreiche Publikationen oder auch durch gezielte Teilnahme an ästhe-
tisch-gesellschaftlichen Debatten, wie sie privat, und zugleich mit öffentlicher
Wirkung, etwa im Salon Bruckmann folgenreich geführt wurden.14
Das Leben und die Schule in Frankreich wurden 1866 unterbrochen: Im
zwölften Lebensjahr wechselte der junge Chamberlain auf Wunsch seines Vaters
auf eine kleine englische Privatschule, über die er mit Schrecken und Abscheu in

12 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Bd. 3, Frankfurt/M. 1967, S. 1628.


13 HSC, Lebenswege, S. 31.
14 Dazu Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutschland.
Heimatlosigkeit 19

Abb. 3: Chamberlain (links), wie der Vater


ihn wünschte; mit seinen Brüdern Basil und
Henry (ohne Datum)

seinen Erinnerungen berichtet: »Elende Unterkunft und Kost, die unfähigen, lieb-
losen, stockschwingenden Lehrkräfte, die entsetzlich rohen Buben, welche – grau-
sam und feig – kein größeres Vergnügen kannten, als mich – den kleinsten und
fremdesten – zu quälen.«15 Es war eines jener Internate, in denen ansonsten ge-
scheiterte Existenzen als Lehrer ihre Frustrationen an hilflosen Schülern ausließen
und diese ihrerseits für die erlittenen Demütigungen Revanche übten in sadisti-
schem Verhalten den schwächsten und hilflosesten Mitschülern gegenüber. Solche
Drillanstalten erzeugen lebenslange Traumata und psychische Deformationen bei
denen, die den erbarmungslosen Kommandos widerstandslos ausgesetzt waren.
Chamberlain erlebte all das ein dreiviertel Jahr lang, das er hier verbringen musste,
als »Hölle«, die vielen kleinen Quälereien des Schulalltags zermürbten ihn und
machten ihn krank. Erst im Herbst 1867 entkam er durch den Wechsel auf eines
der großen englischen Colleges, das Cheltenham College, dieser geistigen wie
körperlichen Marter. Cheltenham war ein vornehmes College, 1841 in alten goti-
schen Gebäuden gegründet und nahe der Stadt Cheltenham in Gloucestire, west-
lich von Oxford, gelegen. Eine bedeutende Internatsschule von humanistisch-

15 HSC, Lebenswege, S. 38; die folgenden Zitate auf den Seiten 38; 52; 53; 39 ff.; 40; 42.
20 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

christlicher Ausrichtung, mit Akzent auf umfassender Allgemeinbildung und


dementsprechend der Vermittlung von Latein, Altgriechisch, Geschichte, Literatur
usw. Das College wurde von anglikanischen Geistlichen betrieben, die auch un-
terrichteten, es war ein wohlgeordneter Betrieb, in dem eine menschenfreundliche
Atmosphäre herrschte. Hier fühlte Chamberlain sich vergleichsweise wohl, aber
auch hier zog er sich eher zurück und blieb ein introvertierter Einzelgänger. An
einen Mitschüler, so berichtet er, schloss er sich freundschaftlich an, die restlichen
Schüler mied er weitgehend. Bei seinen literarischen Studien entdeckte er erstmals
Shakespeare, eine »Offenbarung«, dessen Werke er ein Leben lang immer und
immer wieder las. In der kurzen Zeit, die er in Cheltenham verbrachte, ent-
schwand er in die Welt der Literatur, in seine eigene Phantasie, aus der ihn erst im
Februar 1870 eine schwere Erkrankung herausriss. Diese führte er auf das ihm
»unerträgliche Klima Englands« zurück, die Ärzte erkannten – fälschlicherweise –
auf Beeinträchtigung der Atmungsorgane, auf asthmaähnliche Anfälle, doch ver-
mutlich war das Nervensystem betroffen, verursacht einerseits durch die miserab-
len Erfahrungen der ersten englischen Schule, aber auch durch die unsteten
Lebensumstände, die zu häufigen Ortswechseln führten. Die Mediziner empfahlen
eine Kur in Bad Ems, die ein lebensentscheidendes Erlebnis bringen sollte.
Dass Chamberlain innerhalb weniger Jahre nicht nur dreimal die Schule wech-
selte, auch vom französischen ins englische Erziehungssystem, verhinderte eine
solide, sich kontinuierlich aufbauende Grundlegung von Wissen und Bildung,
auch wenn der junge Chamberlain in allen Schulen gute bis sehr gute Leistungen
erbrachte. Für Letzteres mag der Unterricht von Tante Harriet Mary Chamberlain

Abb. 4: Chamberlain um 1870


Konversionserlebnisse in Bad Ems 21

entscheidend beigetragen haben, die dem noch nicht schulpflichtigen, aber lerneif-
rigen Jungen beizeiten Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht und ihn mit der
Bibel vertraut gemacht hatte, ihm Literatur nahezubringen suchte und zugleich
seine Liebe zur Natur bestärkte. Ihre »Sanftmut gepaart mit Unerbittlichkeit« gab
dem kränkelnden, unsicheren, sich nach Heimat sehnenden Knaben ein liebevoll-
strenges Gerüst, in dem er sich sicher bewegen konnte, und so preist er sie denn
auch in seinen Lebenswegen als eine das Gute bewirkende Mischung aus Vernunft
und Liebe, durch die er eigene Untugenden wie Jähzorn bezwungen habe. »War
ich als Kind krank, so gab es für mich ein souveränes Beschwichtigungsmittel: die
Hand der Tante, ruhte diese auf mir, ich konnte jede Beklemmung, jeden Schmerz
ertragen; mehr als einmal stand ich unter diesem Schutze, wie von Engelsfittichen
umgeben, in vollem Frieden vor den Toren des Todes.« Über Jahre nahm diese
Tante die Stelle der Mutter ein, und die Bindung zwischen beiden wurde so eng,
dass Chamberlain bis zu seinem zwanzigsten Jahr fast stets mit ihr zusammen blieb,
sie bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr häufig besuchte und danach, bis zu ihrem
Tode, in ständigem Briefverkehr mit ihr stand. Durch sie und ihre Fürsorge erfuhr
er Zuwendung und warme Emotionen, sie gab ihm bis zu einem gewissen Grad
jenen Halt, den er sich so sehr wünschte, den die Lebensumstände ihm aber ver-
weigerten.

Konversionserlebnisse in Bad Ems


Die Ärzte hatten zur Erholung auf dem Kontinent geraten und so reiste Chamber-
lain mit seiner Tante im Juni 1870 nach Bad Ems. Die kleine Stadt war bereits im
17. und 18. Jahrhundert ein bekannter Badeort, stieg im 19. Jahrhundert dann zu
einem der berühmtesten Bäder Europas auf. Ursprünglich gehörte Ems zum Her-
zogtum Nassau, 1866 kam es zu Preußen. Dieser Herrschaftswechsel bewirkte ei-
nen Entwicklungsschub: Die Spitzen der deutschen und europäischen Gesellschaft,
vor allem Mitglieder der Aristokratie, fanden sich nun regelmäßig ein, in- und
ausländische Prominenz flanierte auf der Promenade, regierende Monarchen wie
der König von Preußen und der russische Zar hatten hier einen festen Sommersitz
und gelegentlich kamen Künstler wie Richard Wagner oder auch Dostojewski für
einige Zeit an die Lahn. Der Ort war ein Treffpunkt der internationalen High
Society, buntes Treiben herrschte vor, denn natürlich zogen die Stützen der Gesell-
schaft – so der Titel eines bekannten Bildes von Georg Grosz – auch allerlei dubi-
oses Volk an, das verdienen wollte, nicht immer auf redliche Art.
Hierher also kam Chamberlain, um sich gesundheitlich zu erholen. Es war sein
erster Besuch in Deutschland, und der führte ihn direkt an einen Platz, wo die
deutsche Gesellschaft einen ihrer glänzenden Auftrittsorte unterhielt. In einem
kleinen Essay hat er im Nachhinein das Kurleben des Ortes aus der Erinnerung
beschrieben: »Frühmorgens 6 Uhr ertönte von der Kurmusik der übliche Choral;
bis gegen 9 Uhr ging es am Brunnen lebhaft zu; dann leerte sich die Promenade
22 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

zwischen Kurhaus und Kasino, um sich erst nachmittags zur Kaffeezeit von neuem
auf zwei Stunden zu beleben; abends aber erreichte der Verkehr seinen Höhe-
punkt, denn da strömte alles zusammen, Patienten und Lebewelt; in dem prome-
nadenartigen Kurgarten war nicht bloß häufig kein Stuhl übrig, sondern kaum
mehr Platz zum Stehen und Gehen, und beim Kasino wogte die Menge ununter-
brochen aus und ein.«16
Zur selben Zeit, da Chamberlain in Bad Ems weilte, hielt sich auch der preu-
ßische König Wilhelm, der spätere deutsche Kaiser Wilhelm I., dort auf, und
dessen Person machte auf den vierzehnjährigen Engländer einen nachhaltigen Ein-
druck: »Er war so vollendet schlicht, […] so bestrickend freundlich und so heilig
ernst«, schreibt er im Rückblick, »das Ideal eines Monarchen.« Und er schildert,
wie der König den ganz normalen Tagesablauf eines Kurgastes absolviert: morgens
am Brunnen, nachmittags auf der Promenade, abends abseits im Kasino sitzend.
Während des Tages zumeist in Zivil und nur von zwei Herren begleitet, abends in
Uniform und dann in größerer Gesellschaft. Ein stets zurückhaltender Mann, ein
»Badegast unter Badegästen«, von »vollendeter Einfachheit«. Diesem ihm sympa-
thischen Verhalten des preußischen Königs stellt Chamberlain den Eindruck von
Stärke und Kraft preußischer Soldaten beiseite: ein Infanterieregiment, das vor
dem König paradiert, preußische Elitetruppen rufen bei ihm »den Eindruck nie
geahnter Kraft« und »jugendlicher Schönheit« hervor und werden zu einem »er-
schütternden, unvergeßlichen Eindruck«. Später bewunderte er auf einer Reise
über Mainz, Frankfurt und Heidelberg dort die Ulanenlager auf freiem Feld und
die donnernden Kanonen bei Straßburg.
Aber auch die übrigen deutschen Gäste, das gesamte deutsche Umfeld inner-
halb der internationalen Kur- und Badegesellschaft beeindrucken ihn nachhaltig.
In den Lebenswegen schreibt er, er habe hier als junger Mann »nicht ein philisterhaf-
tes Deutschland, auch nicht ein Deutschland von Handlungsreisenden und Fabrik-
direktoren, nicht einmal ein Deutschland von Phantasten und Professoren, am al-
lerwenigsten ein Deutschland von schwatzseligen Parlamentariern und schwachen
Ministern erlebt, sondern ein heroisches Deutschland, […] angeführt von unsterbli-
chen Helden.«17 Da Letzteres nicht konkretisiert wird, bleibt es dem Leser überlas-
sen, zu rätseln, auf welche Personen sich dieses Urteil beziehen mag.
Zweierlei fällt an solchen Beschreibungen auf: Zum einen stilisiert Chamber-
lain im Nachhinein seinen Aufenthalt in Bad Ems zu einem entscheidenden Kon-
versionspunkt seines Lebens, das bisher durch England, mehr noch durch Frank-
reich und die dortigen Erfahrungen bestimmt gewesen war. Nunmehr geht ihm in
Deutschland gleichsam eine neue Welt auf, die ihn ganz und gar für sich einnimmt
und die vorwiegend durch Preußen – und das, was Chamberlain für preußisch hält
– geprägt wird. Zum anderen skizziert er hier die Deutschen als Menschen der
Bescheidenheit, der geregelten Ordnung, vor allem aber der Stärke. Man braucht

16 HSC, Deutsches Wesen, S. 15; die folgenden Zitate auf den Seiten 16; 17; 15.
17 HSC, Lebenswege, S. 54.
Der deutsche Lehrer 23

kein Psychoanalytiker zu sein, um zu verstehen, dass in solchen Stilisierungen ei-


gene Defizite, Wünsche und Sehnsüchte auf andere, auf Fremde projiziert werden:
Der körperlich eher zarte und schwache, stets krankheitsanfällige junge Mann sieht
in Bad Ems in den Deutschen die Repräsentanten des Gesunden und Starken, und
dies macht einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. Die Deutschen, die er auf
seinen immer wieder unternommenen kleinen Touren durch die kleine Stadt und
an deren wichtigsten Treffpunkte beobachten kann, erscheinen ihm als Gegenbil-
der zur eigenen maladen körperlichen Befindlichkeit, und je elender es ihm ge-
sundheitlich geht, je mehr stilisiert er sie zu einem Hoffnungsbild. Bereits hier ist in
nuce ein entscheidendes Motiv seiner Hinwendung zu Deutschland zu erkennen,
das bis in die Spätschriften, am deutlichsten in den Kriegsschriften der Jahre 1914 bis
1918, erkennbar bleibt: die Bewunderung für ein gesundes, heroisches, starkes und
gut organisiertes Deutschland. Ein Motiv, das allerdings sehr bald schon kulturalis-
tisch überformt wird, d. h. das hinter die Bewunderung für die deutsche Kultur
zurücktritt.
Bad Ems steht aber noch für ein besonderes Erlebnis: Chamberlain beobach-
tete am 13. Juli zufällig, wie der preußische König sich am späten Vormittag im
Kurgarten mit dem französischen Botschafter Graf Benedetti trifft, wie hohe preu-
ßische Beamte dem Monarchen Schriftstücke überreichen, wie dieser seinerseits
Anordnungen gibt – Beobachtungen, die sich der junge Mann zunächst nicht
recht erklären kann. Erst Tage später wird ihm klar, auch durch Aufklärung von
Erwachsenen, dass all dies unmittelbar mit dem kurz danach ausbrechenden
deutsch-französischen Krieg von 1870/71 zusammenhing und er, wie ein Ver-
wandter ihm sagte, »Zeuge des weltgeschichtlichen Ereignisses gewesen [sei], aus
welchem dieser große Krieg hervorging.«18 Unversehens hatte Chamberlain diplo-
matische Aktivitäten mitverfolgt, die am Ende zur Gründung des Deutschen Kai-
serreichs führen sollten.19

Der deutsche Lehrer


Nach den Wochen in Bad Ems gab es bald ein weiteres Konversionserlebnis, das die
Hinwendung Chamberlains zum Deutschtum entscheidend beförderte und zu-
gleich stabilisierte. In Montreux hatten seine Tante Harriet und sein Onkel Neville
für den Winter 1870 eine Wohnung gemietet, in der Hoffnung, der kränkelnde
Neffe werde sich durch die frische Luft am Genfer See erholen. Man suchte einen
Privatlehrer und fand durch Zufall einen jungen deutschen Theologen, der bereit
war, ab Mai 1871 Chamberlain zu unterrichten, zunächst in der deutschen Sprache,
später dann in allen grundlegenden Fächern. Zwischen ihm und seinem Schüler
ergab sich bald eine lebenslange Freundschaft, deren Beginn eine der entscheiden-

18 HSC, Deutsches Wesen, S. 22.


19 HSC, Lebenswege, S. 53 f.; Deutsches Wesen, S. 18 ff.
24 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

den Bildungsstationen für das spätere Leben Chamberlains wurde.20 Zwei Jahre
unterrichtete Otto Kuntze, so hieß dieser Deutsche, seinen Schüler, dann wollte
der Vater, dass sein Sohn nach England zurückkommt, um sich auf einer land-
wirtschaftlichen Schule auf ein Leben als Farmer in Kanada vorzubereiten – ein
Versuch, der jämmerlich scheiterte. Chamberlain erkrankte erneut, kehrte auf den
Kontinent zurück, nunmehr ausgestattet mit einer kleinen Jahresrente, die ihn
finanziell unabhängig stellte. Otto Kuntze hatte mittlerweile in San Remo eine
Pastorenstelle angenommen, und Chamberlain reiste ihm nach. »Kuntze erteilte
mir als Freund Unterricht in den Mußestunden«, schreibt er in seinen Erinnerun-
gen und fügt hinzu, er sei diesen Lehren »in den Jahren des empfänglichsten Alters«
mit größtem Eifer gefolgt. Der Unterricht erfolgte mal konventionell im Zimmer,
mal bei Spaziergängen am Meer oder auf Wanderungen durch die Berge. Zu den
Erfahrungen mit englischer und französischer Ausbildung und Kultur kamen nun
neue hinzu: »Zu dem Sinn für klare Formgebung, welche die französische Schule
züchtet, und zu dem Mut der Unabhängigkeit, den man auf englischen Schulen
gewinnt, kam jetzt die deutsche wissenschaftliche Methodik und bereicherte die
Fähigkeit, mich selbständig weiter auszubilden.« Insgesamt drei Jahre hat Kuntze
dem bildungswilligen jungen Mann neben Latein, Philosophie, Mathematik und
Biologie die deutsche Sprache, die Grundlagen der deutschen Geschichte und
Kultur vermittelt, ihn eingeführt in das kulturelle Selbstverständnis gebildeter
Deutscher, vor allem aber ihm »das Lernen gelernt«.
Aber Kuntze war nicht nur Wissensvermittler, sondern auch ein Lehrer mit
jenen Eigenschaften, die Chamberlain in seinen späteren Schriften immer wieder
den Deutschen – und dann den Germanen – als typisch zugeschrieben hat: »ein
echt preußischer Mann: herb, kurz angebunden und dermaßen besorgt, ein Wort
aus seinem Munde könnte als Schmeichelei aufgefaßt werden, daß er sich zu Äu-
ßerungen der Anerkennung und der Ermutigung selten bereit fand; dabei ein
wirklich grundguter, bei der Erfüllung seiner Pflichten zu jeder Aufopferung be-
reiter Mensch. Was mich besonders an ihm anzog, war die Zartheit des Gemütes,
die auf seinem blassen Antlitz sich widerspiegelte, verbunden mit einer Keuschheit
des Denkens und Empfindens, die jedem Weibe zur Ehre gereicht hätte. Seine
Interessen waren ausschließlich geistiger Art und reichten nach allen Seiten, soweit
die gründliche Bildung eines evangelischen Theologen Tore geöffnet hatte.«
Kuntze verdanke er es, so Chamberlain, »daß für mich das Deutschtum von An-
fang an eine geistige Macht war: was ich erblickte, was mein Denken umgab und
mein Herz erfüllte, das waren deutsche Freunde, deutsche Helden, deutsche Dich-
ter in Worten und in Tönen, deutsche Forscher, deutsche Erfinder und Bahnbre-
cher.«
Zugleich aber war aller Unterricht in seinem »verworrenen Erziehungsgang«,
der in England und Frankreich wie der des Hauslehrers Kuntze, nur ein kurzer,

20 Zum Folgenden HSC, Lebenswege, S. 54 ff.; die folgenden Zitate auf den Seiten 55; 55; 56; 56; 61;
61; 59.
Der deutsche Lehrer 25

zeitbegrenzter Einblick in die jeweiligen Bildungs- und Erziehungspläne dieser


Länder; eine systematische oder gar vollständige Schulausbildung hat Chamberlain
nie genossen, ein formeller Schulabschluss blieb ihm versagt. Von Jugend an hat er,
und dies war eine der prägenden Erfahrungen für sein gesamtes Leben, sich we-
sentlich selbst um den Erwerb seiner Kenntnisse kümmern und aus eigener Ein-
sicht und durch eigene Disziplin sich das aneignen müssen, was er für seine späte-
ren Arbeiten brauchte. Eine in den entscheidenden Bildungsjahren so tiefgehende
und dann tiefsitzende Erfahrung macht auch verständlich, weshalb Chamberlain
sich später stets bewusst in Gegensatz zu den Fachwissenschaftlern setzte, zu deren
Themen er publizierte, warum er für sich auf dem Status des Dilettanten beharrte,
der allein seiner Meinung nach den über die Fachwissenschaften hinausreichenden
Blick auf die Gesamtheit des Lebens hat. Nur jemand, der wie er eine wissen-
schaftliche Ausbildung genossen hatte, durch sie aber nicht zum engstirnigen Fach-
Wissenschaftler geworden war, konnte, so glaubte er fest, die Ergebnisse der Ein-
zelwissenschaften zu übergreifenden Zusammenhängen synthetisieren und sie
damit für ›das Leben‹ fruchtbar machen.
Kuntzes Vermittlung der deutschen Sprache, seine Hinführung Chamberlains
zur deutschen Literatur und Kultur war für diesen so beeindruckend, dass er mehr
und mehr den Wunsch entwickelte, sich in Deutschland niederzulassen. In seinen
Lebenswegen zitiert er mehrere Briefe an seine englische Tante, in denen er mit
wachsendem Nachdruck diesen Wunsch immer wieder vorbringt. Da heißt es im
Juni 1875, er habe drei große Lebenswünsche: »Der erste, in Europa bleiben zu
dürfen und nicht in die Kolonien auswandern zu müssen, der zweite England fern
zu bleiben, der dritte, mich in Deutschland niederzulassen.« Letzteres wird damit
begründet, dass er sich von jenen Deutschen, denen er im Ausland begegnete,
immer verstanden gefühlt habe, »ein Gefühl, das ich noch niemals bei einem Eng-
länder gehabt habe«. Seinem Lehrer Kuntze gegenüber äußerte er: »Ich wollte
gerne meine linke Hand entbehren, wenn ich als Deutscher geboren wäre.«21 Und
mit 21 Jahren schreibt er an einen holländischen Freund einen Brief, der hier voll-
ständig wiedergegeben werden soll, weil er ein frühes Dokument einer überstei-
gerten Konversionsvorstellung ist, die manche späteren, problematischen Positio-
nen und Einstellungen miterklärt:
»Ich kann Dir gar nicht sagen, wie meine Verehrung, meine leidenschaftliche
Liebe für, mein Glaube an Deutschland zunimmt. Je mehr ich andere Nationen
kennenlerne, je mehr ich mit Leuten – gebildeten und ungebildeten – aller Klassen
aus allen Völkern Europas verkehre, desto mehr liebe ich die Deutschen. Mein
Glaube, dass die ganze Zukunft Europas – d. h. der Zivilisation der Welt – Deutsch-
land in den Händen liegt, ist zur Sicherheit geworden. Das Leben der Deutschen
ist ein ganz anderes als das von anderen Menschen; in ihm hat das Selbstbewußt-
sein, das Gefühl seiner Würde den Höhepunkt erreicht; er ist zu gleicher Zeit der

21 Überliefert von Leopold von Schroeder ohne konkreten Nachweis; vgl. derselbe, Houston Stewart
Chamberlain, S. 52, Anm. 2.
26 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

Dichter und praktische Organisator, der Denker und Tuer, der Mann des Friedens
par excellence und der beste Soldat, der Zweifler und der einzige, der imstande ist,
wirklich zu glauben. Aber wie immer, je größer die Gaben, desto größer die Auf-
gabe. Deutschlands Aufgabe ist eine kolossal schwierige, und wenn es sie erfüllen
soll, so muß die ganze Nation sie begreifen und alle zusammen wie ein Mann nach
ihrer Erfüllung streben. Nicht bloß hat sie an sich selbst noch so viel zu tun, so viel
zu entwickeln, sondern während dies fortgeht, muß sie sich allein gegen die Feind-
seligkeit und die Verkennung ganz Europas aufrechterhalten. Wenn man nicht
selbst sich mitten im Strom befindet, sondern von ferne aus den Lauf der Dinge
beobachten kann, so muß man sich oft fragen: Wird Deutschland seine Aufgabe
erfüllen können? Wird es sie erfüllen? Und wenn man auch von ganzem Herzen
unbefangen das Land liebt und keine Wolken darüber hängen sehen möchte, so ist
man gezwungen, sich selbst zuzugestehen: nein! wenn die gründlich verrotteten
moralischen Verhältnisse sich nicht bessern (und stillbleiben tun sie nicht, wenn sie
nicht besser werden, werden sie schlimmer), wenn die ganze Nation nicht ein-
sieht, daß Reinheit die größte Kraft eines Volkes ist, daß, wenn die Zukunft Eu-
ropas von Deutschland abhängt, Deutschland nur dann eine Zukunft haben kann,
wenn man den jetzigen Zustand von Grund aus angreift und gegen die ganze üb-
rige Welt die Moralität als Hauptwaffe erhebt, – wenn Deutschland das nicht
einsieht, dann muß es auch bald fallen – fallen, ohne seine Aufgabe vollendet zu
haben, eine Beute der Barbaren.«22
In pathetischer Überhöhung wird hier eine ›Aufgabe‹ Deutschlands beschwo-
ren, von der nur andeutungsweise gesagt wird, worin sie eigentlich besteht. Man
darf allerdings vermuten, dass Chamberlain, wie er es selbst formuliert hat,
Deutschland als ›geistige Macht‹ meint, dass er glaubt, die deutsche Kultur und
Wissenschaft habe für die restliche Welt Vorbildcharakter, woraus dem Land eine
besondere Verantwortung erwachse, so, wie er das auch später in seinen kulturge-
schichtlichen Schriften immer wieder betont hat. Chamberlain kannte dieses von
ihm so verehrte Deutschland nur aus Literatur, Philosophie und Kultur, eben so,
wie Kuntze es ihm vermittelt hatte. Nicht von politischer Hegemonie also war
hier die Rede, doch konnten solche politischen Konnotationen mit diesem Text
verbunden werden. Genau dies aber zeigt, was später noch deutlicher werden
wird: Die Politik lässt sich quasi zwischen die Zeilen hineinlesen, die kulturalisti-
sche Substanz und Stoßrichtung des Chamberlain’schen Denkens leicht in eine
politische umbiegen. Zwar faszinierten den jungen Chamberlain vorwiegend die
geistigen und kulturellen Leistungen Deutschlands, aber sie waren – wie die Emser
Episode zeigt – auf irgendeine Art und ihm selbst noch unbewusst auch mit dem
Politischen und Militärischen verbunden.

22 HSC, Lebenswege, S. 59.


Botanische Studien 27

Botanische Studien
Chamberlains unruhiges Leben zwischen wechselnden Orten ging auch in den
1870er Jahren weiter. Von Montreux zogen Kuntze und er im Mai 1871 nach Les
Avants, einem kleinen Ort oberhalb des Genfer Sees auf etwa 1000 Meter, einem
›Tor‹ zu den Waliser Alpen.23 Bald folgten Aufenthalte in Engelberg und St. Mo-
ritz, in Chur, Zürich und Territet nahe Montreux am Genfer See, wo er seine
Großmutter traf. Erneut erkrankte er schwer und musste längere Zeit behandelt
werden. Der Arzt riet ihm zu einem Winteraufenthalt in Cannes, weil die Riviera
mit ihrem mediterranen Klima der Gesundung förderlich erschien. Zusammen mit
seiner Tante und Kuntze mieteten sich alle im mondänen Cannes in einer Pension
ein, die von einem Deutschen geführt wurde. Im Mai 1872 ging Chamberlain,
nunmehr gesundet, mit seinem Lehrer erneut auf Reisen, nach Monaco, Belaggio,
Menaggio und auf den Monte Generoso. Ein Jahr später trennten sich Schüler und
Lehrer, Chamberlain musste mit seiner Tante noch einmal nach England zurück,
wo er – wie schon erwähnt – auf eine landwirtschaftliche Schule gehen sollte; was
prompt eine erneute Erkrankung und danach die endgültige Rückkehr auf den
Kontinent zur Folge hatte. Erst Jahre später sah er einige seiner englischen Ver-
wandten auf der Insel wieder.
Trotz all dieser Ortswechsel gab es Kontinuitäten: Chamberlain wurde regel-
mäßig von Kuntze in den wichtigsten Schulfächern unterrichtet. Zugleich entwi-
ckelte er in dieser Zeit ein nachhaltiges Interesse an der Botanik. In den Lebenswe-
gen ist nachzulesen, mit welcher überbordenden Begeisterung und Intensität er sich
der Sammlung und Katalogisierung von alpinen Pflanzen widmete, mit welcher
genauen Beharrlichkeit er ein Herbarium anlegte und mit welchem stetigen Eifer
er die einschlägige wissenschaftliche Literatur las. In den Schweizer Orten, in de-
nen er jeweils lebte, ging er nachmittags, nach dem Unterricht, mit der Botanisier-
trommel in die Berge, um seltene Pflanzen zu sammeln, sie abends zu sichten und
einzuordnen. Hier wurde sein schon immer vorhandenes Interesse an der Natur
nun folgenreich auf Dauer geweckt und sein Lehrer tat alles, um mithilfe entspre-
chender Sachbücher den Enthusiasmus des Schülers zu befördern. Es kam in dieser
Zeit noch die weitere Neigung der Himmelsbeobachtung hinzu, der Chamberlain
durch die Lektüre wissenschaftlich-astronomischer Bücher eine systematische
Grundlage zu geben suchte.24 Eine Leidenschaft, die er während seines ganzen
Lebens pflegte; auf seinem Bayreuther Haus ließ er 1915/16 den Aufsatz für ein
starkes Fernrohr bauen, an das er sich häufig nachts setzte, um die Himmelskörper
und Sterne zu beobachten.
In diesem Zusammenhang ist es, mit Blick auf die späteren Arbeiten, auf-
schlussreich zu lesen, wie Chamberlain selbst die Art und Methode seines Arbei-
tens in jenen Jahren charakterisiert. Nachdrücklich betont er, dass er weniger an

23 Leopold von Schroeder, Houston Stewart Chamberlain, S. 48 ff.


24 HSC, Lebenswege, S. 78 ff.; die folgenden Zitate auf den Seiten 82; 83.
28 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

der Systematik dessen, was er betrieb, interessiert gewesen sei als an eingehender
Beobachtung auch der kleinsten Details: »Was den echten Systematiker bezeich-
net«, schreibt er rückblickend, »ist der ungewöhnlich stark ausgeprägte Sinn für die
Unterscheidung: auf den ersten Blick erfaßt er ganz kleine Unterschiede, die an-
deren Leuten nicht auffallen. […] Meine Begabung nun – insofern ich von einer
solchen überhaupt reden darf – war eine genau entgegengesetzte. Ich besaß etwas
von dem, was Plato das ›Zusammenschauen‹ nennt, und infolgedessen fielen mir
innerliche Verwandtschaften auf, die nicht jedem zunächst sichtbar sind und die
ich selber mehr durch Instinkt als aus Überlegung entdeckte. […] Die Gattung
dünkte mich ein weit greifbareres Wesen als die Art, und die Familie, sobald sie
echt ist, reicher an Wirklichkeitsgehalt als die Gattung.« Das beschreibt, wenn-
gleich aus der Retrospektive und daher nicht ohne Verdacht einer zielgerichteten
Absicht zu lesen, den Kern der späteren Arbeitsprozesse: die Aversion gegenüber
einem ›bloß‹ analytisch denkenden Systematiker, sprich: Fachwissenschaftler, des-
sen Blick ganz auf seine einordnenden und klassifizierenden Systeme gerichtet ist,
in die er sortiert, was hineinpasst, und aus denen herausfällt, was den vorgegebenen
Kriterien nicht entspricht. Es sei »eine Erbsünde des Menschen«, schreibt Cham-
berlain in Bezug auf diesen Wissenschaftstypus, »wenn sie glücklich eine Wahrheit
erhascht haben, die ergänzenden Wahrheiten, durch welche jene andere Wahrheit
erst plastische Wirklichkeit gewinnt, außer acht zu lassen. Ein ›ergänzendes Ge-
heimnis‹ des geborenen Systematikers ist nun die Hartnäckigkeit, mit welcher er
sich weigert, die Dinge zu sehen, die er nicht sehen will; er wird geradezu ›durch
Willen blind‹; wohingegen der zusammenschauende Mensch, sobald er einmal sich
veranlaßt sieht, auf Unterschiede zu achten, kein Ende findet.« Was später in den
großen Arbeiten ab der Wagner-Biographie zum endlos wiederholten Topos wird:
der Gegensatz eines hochspezialisierten Fachgelehrten zum ›zusammenschauen-
den‹ Dilettanten, der das Ganze im Blick hat und daher auch die bessere Sicht,
wird hier bereits mit Bezug auf die ersten botanischen Studien eindeutig formu-
liert. Die selbst wurden mit großer Energie und Ausdauer betrieben und sollten
einige Zeit später dazu führen, dass Chamberlain an der Universität Genf ein na-
turwissenschaftliches Studium aufnahm.

Anna Horst
Doch zuvor geschah noch etwas Entscheidendes: Chamberlain lernte im Herbst
1874 in der Pension Bel Air in Cannes, wo er bereits mehrfach gewohnt hatte,
seine spätere erste Frau kennen. Anna Horst, Tochter eines Justizrats aus Breslau,
der vermutlich ein zum Christentum konvertierter Jude war25, lebte ihrer Gesund-
heit wegen an der Riviera. Sie hatte, wie sich bald herausstellte, dieselben Interes-
sen wie Chamberlain; sie gab in Cannes Unterricht in Deutsch, Literatur, Ge-

25 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 36.


Anna Horst 29

schichte, Klavier und Blumenmalen und interessierte sich für Pflanzen, Steine und
Tiere. Da sie allein in der Pension wohnte, bat Chamberlains Tante sie häufig an
ihren Tisch und darüber kam es zu einer allmählichen Annäherung an Chamber-
lain. Man machte gemeinsame Ausflüge ins Gebirge, botanisierte Pflanzen,
Schmetterlinge und Steine, wertete abends die Sammlungen aus, musizierte zu-
sammen und lernte sich kennen. In ihren Erinnerungen zeichnet Anna Chamberlain
von ihrem späteren Mann das Bild eines gutaussehenden, aber sehr schüchternen
und zurückhaltenden Menschen: »Ein sehr schlanker junger Mann mit einem rie-
sigen großen grauen Hut, die schönen großen Augen – unnötig, wie mir schien –
durch eine Brille verdeckt, fiel mir auf durch seine Schüchternheit.«26 Letztere
wurde erst in dem Maße abgelegt, wie sich beide besser kennenlernten, und dass
Chamberlain seiner täglichen Begleiterin schließlich seine in Englisch geschriebe-
nen Gedichte vorlas, war ein Akt intimer Offenbarung. Anna verstand das als
Liebeserklärung – und so war es auch gemeint.
Dennoch kam der Tag der Trennung, beide fuhren zu unterschiedlichen Or-
ten in der Schweiz, man tauschte in der Folge Briefe aus und traf sich ein Jahr
später erneut in Cannes. Dort überredete ein holländischer Freund Chamberlain
zu einer ausgedehnten Reise nach Spanien, die im Frühjahr 1876 unternommen
wurde. Folgt man den Schilderungen Anna Chamberlains, so waren die Jahre zwi-
schen 1874 und 1878 ein ständiges sich Sehen und wieder Trennen mit immer
neuen, kurzen Treffen an verschiedenen Orten Europas, wo gerade der eine oder
die andere sich aufhielt. Zwischendurch erholte sich Chamberlain, der ständig mit
Erkrankungen zu kämpfen hatte, in der Schweiz, vor allem in Interlaken, an den
Orten des Berner Oberlands oder im Engadin. Während der Winter lebte er mit
Anna in Cannes, mit der er die Tage und Abende teilte. In dieser Zeit kristallisierte
sich auch die Grobstruktur seines Tagesablaufs heraus, die er auch später im We-
sentlichen beibehielt: Morgens und nachmittags wurde ›gearbeitet‹, abends gelesen
und musiziert. Chamberlain schrieb in jener Zeit viele Gedichte, stets in englischer
Sprache, entwarf ein Drama, spielte auf dem Harmonium oder auf Kirchenorgeln,
wobei er hier, glaubt man dem Zeugnis seiner Frau, von »ziemlicher Fertigkeit«
war. Zu den naturwissenschaftlichen Interessen traten die geistes- und kulturge-
schichtlichen immer entschiedener hinzu.
Nach dem Tode seines Vaters heiratete Chamberlain am 9. Mai 1878 im eng-
lischen Konsulat in Genf die zehn Jahre ältere Anna Horst, die diesen Tag und die
nachfolgende Zeit in ihren Erinnerungen verklärend beschreibt als eine Zeit unge-
trübter Harmonie und Übereinstimmung im Lebensentwurf wie in den beidersei-
tigen Interessen. Zunächst lebten beide in der Schweiz, unternahmen mehrere
kleinere Reisen und im Herbst eine längere nach Florenz – von der Chamberlain
in seinen Lebenswegen seltsamerweise so berichtet, als habe er sie allein unternom-

26 Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 1; im Folgenden greife ich auf die Schilderungen Anna
Chamberlains zurück, denn sie sind die einzige Quelle zu diesen ersten Jahren der Bekanntschaft
und des (getrennten) Zusammenlebens; das folgende Zitat auf S. 19.
30 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

Abb. 5: Chamberlain 1878

men.27 Der Aufenthalt, der sowohl dem Studium der Naturwissenschaften bei ei-
nem italienischen Botaniker als auch der Vervollkommnung der italienischen
Sprachkenntnisse dienen sollte, wurde für Chamberlain zu einem tiefgreifenden
Initiationserlebnis, wie sie Richard Wagner in Mein Leben regelmäßig für Kompo-
sitionseinfälle für seine Musikdramen beschwört und die bekanntlich nachträglich
erfunden sind. Hier in Florenz, überwältigt von der ganzen Pracht italienischer
Kunst, die ihm »den Atem benahm« und sein »Gleichgewicht umwarf«, überkam
Chamberlain angeblich die Einsicht, seinem Leben ein sinnvolles Ziel geben zu
müssen: »Plötzlich stieg eine Art Vision meines kommenden Lebens in mir auf. Ich
sah mich […] ziellos hinvegetieren; halber Kunstkenner, halber Musikliebhaber, in
Sprachen bewandert, vielleicht dazu gelegentlich botanisierend und geologisierend
– ein Dilettant im schlechten Sinne des Wortes, nämlich ein Lebensdilettant, ein
Mann ohne Pflichten, ohne irgendein sich selbst gegebenes Gesetz des Müssens;
und vor diesem Bilde erschauderte ich.« Folge dieser Situationseinsicht war der
Entschluss, »Naturforscher von Fach« zu werden, und damit verbunden die Fahrt
nach Genf, wo Chamberlain sich im Mai 1879 an der Universität einschrieb und
sofort mit praktischen Übungen, mikroskopischen Dünnschnitten von Tierhäu-
ten, begann.

27 HSC, Lebenswege, S. 85 f.; die folgenden Zitate S. 86; 86. Über die Zeit in Florenz berichtet aus-
führlich Anna Chamberlain, Erinnerungen S. 35 ff.
Genfer Studien 31

Genfer Studien
Formell als Student eingeschrieben wurde Chamberlain erst im Herbst 1879, weil
sein unorthodoxer Ausbildungsgang ohne geltendes Abschlusszeugnis nicht den
Bedingungen für die Aufnahme eines Studiums entsprach. Er musste deshalb noch
eine besondere Prüfung ablegen, die er aber glänzend bestand. Danach absolvierte
er das volle Programm eines Studenten der Naturwissenschaften, von der Botanik
über Pflanzenanatomie und Pflanzenphysiologie, Zoologie, Anthropologie, Palä-
ontologie und Geologie, organische und anorganische Chemie, Mineralogie und
Kristallogie, Astronomie und physikalische Geographie und zusätzlich studierte er
an der medizinischen Fakultät vergleichende Anatomie. Es war ein umfangreiches
und kräftezehrendes Studium, das er sich vorgenommen hatte, aber die Begeiste-
rung, die er seit Jahren für derartige naturwissenschaftliche Themen entwickelt
hatte, führte ihn innerhalb von nur zwei Jahren zu einem ersten und beachtlichen
Erfolg: Im Oktober 1881 erhielt er einen (Zwischen-) Abschluss als bachelier dès
sciences physiques et naturelles – ein akademischer Grad, der etwa dem deutschen
Physikum entspricht.28
Chamberlain studierte in Genf, obwohl er besser Französisch als Deutsch
sprach, vorwiegend bei deutschen bzw. deutschsprachigen Professoren und er
pflegte auch überwiegenden Umgang mit deutschen bzw. deutschsprachigen Stu-
denten. Mehrere Semester arbeitete er im Labor des in Genf tätigen Chemie-
Professors Karl Graebe29, der für ihn ein idealer Lehrer war: »Hier lernte ich die
echt deutsche Hochschulart kennen: vollkommene Freiheit jedes Einzelnen, un-
ablässiger Fleiß, ein nicht leicht zu schildernder Geist reiner Wissenschaftlichkeit,
der von unserem Lehrer […] ausstrahlte […] ich lebte dort die glücklichsten Stun-
den.« Die ständige Präsenz des Professors in seinen Laboratorien bis in die Abend-
stunden hinein, die Bereitschaft, jederzeit Auskunft und Hilfe zu geben, die stete
Ermutigung der Studenten, aber auch deren strikte Kontrolle – das alles zog
Chamberlain an.
Mit diesem Professor Graebe – und später mit dem Lehrstuhlinhaber für
Anatomie und Physiologie der Pflanzen, Professor Marc Thury30 – vereinbarte

28 HSC, Lebenswege, S. 90. Die folgenden Zitate auf S. 94 f.; 98 f.; 102 ff.; Ausführlich auch Anna
Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 46 ff.
29 Carl James Peter Graebe (1841–1927) studierte zunächst Maschinenbau in Karlsruhe, dann Che-
mie in Heidelberg und arbeitete in verschiedenen chemischen Fabriken Deutschlands und
machte bedeutende Entdeckungen, vor allem auf dem Gebiet der Benzol-Forschung, die zur
synthetischen Herstellung von Farbstoffen führte mit Patenten im In- und Ausland. 1868 habili-
tierte er, 1869 wurde er Privatdozent in Leipzig, 1870–1877 Professor für Chemie in Königsberg.
1878–1906 lehrte er Chemie in Genf. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und war Mitglied
mehrerer wissenschaftlicher Vereine und Akademien.
30 Marc Thury (1822–1905) war ein Schweizer Botaniker, Physiker, Naturwissenschaftler und Para-
psychologe, der – neben seinen botanischen Forschungen – vor allem technisch verwertbare Er-
findungen gemacht hat, spezielle Legierungen entwickelte und Normierungen technischer Ge-
räte durchsetzte.
32 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

Chamberlain eine Doktorarbeit, die er nach einer Reise zur internationalen Welt-
ausstellung in Paris 1878 dann beginnen wollte. Sie sollte eine empirische pflanzen-
physiologische Untersuchung über den aufsteigenden Saft in Pflanzen werden, den
sogenannten »Wurzeldruck«, eine in der Wissenschaft schon lange kontrovers dis-
kutierte Frage. Dabei ging es, vereinfacht gesprochen, um die Zufuhr des Wassers
bei Landpflanzen von unten nach oben, die in der Regel durch die Transpiration
der Blätter bewirkt wird, doch sich auch davon unabhängig vollzieht, wenn die
Pflanzen keine Blätter haben, Transpiration also ausgeschlossen ist. Letzteres wollte
Chamberlain klären, weil es weitreichende Konsequenzen für die Gesamtentwick-
lung des Pflanzenwachstums hat. Seiner Arbeit zuliebe zog er aufs Land, nach Vert
Pré in der Nähe von Genf, mietete dort ein großes Haus, um genügend Platz für
den Aufbau seiner zu beobachtenden Pflanzen zu haben. Detailliert schildert er in
den Lebenswegen, wie er allmählich die meisten Räume des Hauses für seine Arbeit
in Beschlag nahm, große Tische dort aufstellte, Blumentreppen platzierte, ver-
schiedene Pflanzen in präparierten Glasgefäßen aufzog und alle Veränderungen bei
den Pflanzen in kurzen zeitlichen Abständen protokollierte. Zugleich suchte er
immer neue Pflanzen, die sich für sein Experiment eigneten, entwickelte neue,
sehr genaue Messgeräte, um das, was er sah, präzisieren zu können. Seine Ver-
suchsanordnung war breit angelegt, die notwendigen Beobachtungen, sowohl am
Tage wie zur Nacht, mit kurzen Zeitintervallen so kräftezehrend, dass der Promo-
vend nach einiger Zeit, im Herbst 1884, aufgrund von permanenter Überanstren-
gung einen schweren Nervenzusammenbruch erlitt; er musste, wie so oft in sei-
nem Leben, seiner Nerven-Krankheit31 wegen die Arbeit vorerst einstellen und
nahm sie erst sehr viel später wieder auf.
Es würde zu weit führen, hier die verschlungenen Pfade der experimentellen
Pflanzenbeobachtung Chamberlains zu referieren. Dass sie für die Forschung von
großer Bedeutung waren, steht außer Frage. Chamberlain stellte nach dem durch
Krankheit erzwungenen Abbruch alle weiteren Arbeiten ein und wandte sich einer
schriftstellerischen Laufbahn zu. Erst gegen Ende der 1890er Jahre, als er bereits Die
Grundlagen des 19. Jahrhunderts in Angriff nahm, entschloss er sich auf Drängen vor
allem seines Wiener Professors und Freundes Julius Wiesner, seine notierten Be-
obachtungen durchzusehen, druckfertig zu machen und in er Schweiz erscheinen
zu lassen.32 In den Lebenswegen heißt es dazu: »Dieses Buch ist von mir in französi-
scher Sprache geschrieben, weil ich es noch als Doktordissertation an der Univer-
sität Genf einzureichen beabsichtigte. Zwei Jahre früher hätte ich aufgrund meines
Baccalauréat und dieser Arbeit das Doktordiplom ›in absentia‹ erhalten; inzwischen
war eine Neuordnung erlassen worden, die dies ausschloß.«33 Der Aufforderung
des Rektors der Universität, der Form halber noch eine mündliche Prüfung abzu-
legen, kam Chamberlain sowohl aus gesundheitlichen wie vor allem wegen inzwi-

31 Er selbst spricht von Neurasthenie; vgl. HSC, Lebenswege, S. 110.


32 Vgl. Anm. 1.
33 HSC, Lebenswege, S. 108.
Genfer Studien 33

Abb. 6: Chamberlain 1885 in Vert Pré, Schweiz

schen eingegangener anderer Verpflichtung – die Grundlagen waren zu schreiben –


nicht mehr nach. Er verzichtete auf den Doktortitel und war bald auch ohne diesen
berühmt und vielgelesen. Das Buch freilich fand bei Fachgelehrten Anerkennung
und hohes Lob.34
Der Aufenthalt in Vert Pré diente nicht ausschließlich den naturwissenschaft-
lichen Studien. Chamberlain war bereits 1875 bei einem seiner Erholungsaufent-
halte in Interlaken auf Wagner hingewiesen worden, hatte 1878 seinen ersten
Tannhäuser gesehen und im November desselben Jahres in München erstmals den
gesamten Ring.35 All das hatte ihn – worauf an anderer Stelle noch eingegangen
wird – tief beeindruckt und veranlasst, sich zunehmend mit Wagner zu beschäfti-

34 Ebenda, S. 109 f.; Brief von Prof. Julius Wiesner, Universität Wien.
35 HSC, Lebenswege, S. 210 ff.
34 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

gen. Auch der oben erwähnte Aufenthalt in Florenz trug dazu bei, die Interessen
von den eigenen biologischen Studien abzulenken. In Vert Pré nahm er Klavier-
stunden und Unterricht in Musiktheorie bei dem später am Leipziger Konservato-
rium lehrenden Adolf Ruthardt, einem der wenigen Freunde Nietzsches, die in
Maria Sils stets willkommen waren. In dieser Zeit las er Kant und Schopenhauer
und begab sich in die Welt der Philosophie.
Eine besonders enge Freundschaft schloss Chamberlain mit dem Schweizer
Architekten, Bühnenbildner und Theatertheoretiker Adolphe Appia, die seine
Schweizer Zeit weit überdauerte und Rückschlüsse auf seine damaligen ästheti-
schen Einstellungen zulässt. Appia36, sieben Jahre jünger als er, lernte ihn wohl um
1884 kennen und fasste sehr bald eine tiefe Zuneigung zu dem Älteren, dem er sich
in nahezu allen eigenen Interessen zunehmend enger verbunden fühlte.37 Dass die-
ser Englisch, Französisch und Deutsch wie Muttersprachen beherrschte, darüber
hinaus auch Italienisch, Spanisch, Holländisch, Norwegisch und später auch Ser-
bokroatisch mehr als leidlich las und sprach, imponierte dem jungen Schweizer
ungemein. Das breit gestreute Wissen und die Interessen kamen Appias Neugier
entgegen, der gewandte Umgang und die brillante Rhetorik, verbunden mit eng-
lischer Zurückhaltung und Diskretion, zogen ihn an. Chamberlain war in dieser
Freundesbeziehung sicherlich der Gebende, er förderte den Jüngeren, ohne ihn
von sich abhängig zu machen, er führte Appia, der auch Musik studiert hatte, in
die Welt Wagners ein. In den über die Jahre gehenden Gesprächen zwischen den
beiden hat er gewiss einen erheblichen Teil zur Herausbildung jener Theaterästhe-
tik Appias beigetragen, die diesen später berühmt gemacht hat. Jeder junge Mann
könne sich glücklich preisen, einen solchen Freund und Förderer zu haben, hat
Appia sehr viel später im Rückblick bemerkt.38
Adolphe Appia war der prominenteste Vertreter einer modernen, der Abstrak-
tion sich zuneigenden Theaterästhetik und er verfocht in zahlreichen Schriften
eine grundlegende Reform des Theaters, in der er vor allem eine neue Lichtregie
propagierte. Hinsichtlich der damals vorherrschenden Wagner-Regie sah er einen
grundlegenden Widerspruch zwischen der Modernität der Wagner-Musik und der
Idee des Musikdramas einerseits und den konventionellen Inszenierungen seiner
Zeit andererseits. In seinem Hauptwerk La Mise en scène du drame wagnèrien von
189539, dessen deutsche Übersetzung von 1899 eine Widmung für Chamberlain

36 Adolphe Appia wurde 1862 in Genf geboren und starb 1928 in Nyon (Waadt-Land; Schweiz).
Seine Arbeiten sind gesammelt in: Oeuvres complètes, hrsg. von M.-L. Babet, 4 Bde., Lausanne
1983/1992. Vgl. auch R. C. Beacham, Adolphe Appia, Künstler und Visionär des modernen Theaters,
Berlin 2006.
37 Zum Folgenden Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 103 ff.
38 Walther R. Volbach, Adolphe Appia und Houston Stewart Chamberlain, in: Die Musikforschung, 1966, S. 40.
39 Adolphe Appia, La mise en scène du drame wagnèrien, Paris 1895; dt. Die Musik und die Inszenierung,
München 1899. Die Widmung in der Französischen Ausgabe lautet: »À Houston Stewart Cham-
berlain, qui seul connait la vie que j’enferme en ces pages.«; dt. »Für Houston Stewart Chamber-
lain, der alleine das Leben kennt, das ich auf diesen Seiten zeichne.«
Genfer Studien 35

Abb. 7: Adolphe Appia

trägt, entwickelte er die Vision eines aus der Musik entwachsenden dreidimensio-
nalen Bühnenraumes, der durch eine bewegte und bewegliche Lichtregie, durch
den Einsatz von symbolisch eingesetzten Farben, durch die Verwendung gezielter
Ausleuchtung und dem Spiel mit entstehenden Schatten eine neue, abstraktere
Einheit von Bühne und Musikdrama bewirken sollte. Seine Vorstellungen eines
abstrahierenden Theaters hatten auch für den Theaterbau selbst revolutionäre
Konsequenzen, weil die bestehenden Theaterbühnen solchen Anforderungen
nicht gerecht zu werden vermochten.
Etwa um 1888 begann Chamberlain, die Ideen seines damals wohl engsten
Freundes nach Bayreuth zu melden, in der Hoffnung, er könne Cosima Wagner
davon überzeugen, die Aufführungen im Festspielhaus zu modernisieren. Sie re-
agierte zunächst nicht abweisend, aber in dem Maße, wie sie genauer in die Ge-
dankenwelt Appias durch Chamberlain eingeführt wurde, verwarf sie dessen Mit-
wirkung bei den Festspielen, die Chamberlain zu erreichen gehofft hatte. Seine
wiederholten Versuche, mithilfe prominenter Bayreuthianer wie Hans von Wol-
zogen doch noch zum Ziel zu kommen, erwiesen sich als erfolglos. Cosima war
der Meinung, in Bezug auf die Inszenierungen habe Wagner selbst bereits alles
perfekt durchdacht, und so sei nichts mehr zu erfinden. Worauf Chamberlain, der
in seiner Wagner-Biographie mehrfach empfehlend auf Appia hinwies, zu diesem
meinte, er komme mit seinen Vorstellungen etwa 17 Jahre zu früh – ein geradezu
prophetisches Wort, das nur die Zeit unterschätzte, die es brauchte, bis Wieland
36 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

Wagner in seinen eigenen Arbeiten ab 1951 die Anregungen Appias, vor allem zur
Lichtregie, aufgriff.
Bayreuths ablehnende Haltung zu den Modernisierungsvorschlägen Appias
zeigte mit großer Eindringlichkeit, wie aufgeschlossen Chamberlain in seinen ei-
genen ästhetischen Vorstellungen während jener Genfer und später Dresdner Jahre
der Moderne gegenüber war, wie fern er dem Bayreuther Konventionalismus und
Traditionalismus stand – in seinem Denken und ästhetischen Empfinden offen und
liberal. Auch noch zu Zeiten, da die Freundschaft zwischen beiden leicht abge-
kühlt war, ihre politischen Ideen auseinanderlagen, Jahre nach der Jahrhundert-
wende also, blieben beide doch Bewunderer des jeweils anderen und der briefliche
Kontakt zwischen ihnen blieb bis etwa 1924 bestehen. Nur selten hat Chamberlain
so vorbehaltlos und hingebungsvoll eine Freundschaft gepflegt wie die zu Appia,
der es ihm dadurch dankte, dass er mit nach Dresden und später nach Wien zog,
um ihm und seiner Frau Anna nahe zu sein.
In Genf und Vert Pré gab es einen Freundeskreis von Wagner-Enthusiasten,
allen voran der französische Schriftsteller Édouard Dujardin und der Philosoph
Théodore de Wyzewa. Beide waren Initiatoren der Gründung von Wagner-Ver-
einen in Genf und Paris. Chamberlain suchte sie für seine Idee zu gewinnen, nach
dem Vorbild der Bayreuther Blätter eine französischsprachige Révue Wagnérienne zu
gründen, deren Ziel die Verbreitung von Wagners Werken und Denken sein sollte
und an der er mitarbeiten wollte. Diese Zeitschrift existierte vom Februar 1885 bis
Juli 1888, doch sie entwickelte sich entgegen den ursprünglichen Absichten mehr
und mehr zu einem Organ französischer symbolistischer Literatur, deren Autoren
sich zwar in einem eher vagen Sinn auf Wagner bezogen, sein Werk aber mehr am
Rande zur Kenntnis nahmen. Die Zeitschrift versammelte eine Reihe glänzender
Schriftsteller und Dichter wie Joris-Karl Huysmans, Stéphane Mallarmé, Gérard de
Nerval und Paul Verlaine, aber deren Schwerpunkt war die Literatur. Das konnte
auch Chamberlain mit einigen kleineren Essays über Notes sur Lohengrin; Notes sur
Goetterdaemmerung; Notes sur Tristan nicht korrigieren – Arbeiten, in denen er seine
Überzeugung formulierte, dass Wagners Kunstwerke keiner eindeutigen Weltan-
schauung verpflichtet seien. Den Tristan sah er ebenso wenig durch Schopenhauers
Philosophie geprägt wie den Parsifal durch das Christentum oder den Ring durch
den Wotanskult.40 Bayreuth ging nach solchen öffentlichen Äußerungen auf Dis-
tanz und die Bayreuther Blätter ignorierten ihr französisches Pendant vollständig.41
Dennoch erklärte Chamberlain in seinem Beitrag zum letzten Heft, die Konzep-
tion der Zeitschrift sei eine wahrhaft »Wagnersche im besten Sinne des Wortes«
gewesen – ein Affront gegen Bayreuth, das er doch so sehr verehrte, zugleich aber

40 Vgl. Leopold von Schroeder, Houston Stewart Chamberlain, S. 62; Geoffrey G. Field, Evangelist of
Race, S. 68.
41 Dazu eingehend Annegret Fauser/Manuela Schwartz (Hrsg.), Von Wagner zum Wagnérisme. Musik,
Literatur, Kunst und Politik, Leipzig 1999. Ebenso den Artikel von Annette Hartmann, Révue Wag-
nérienne, in: Daniel Brandenburg/Rainer Franke/Anno Mungen (Hrsg.), Das Wagner Lexikon,
Laaber 2012, S. 568 f.
Genfer Studien 37

Abb. 8: »Ich bin Dir nicht im Stande, selbst zu sagen, woher ich sei,
was mich hierher gesandt …« (Goethe) á vous, Wotan – votre Roméo
Appias (Roméo) Widmung seines Buches für Chamberlain (Wotan)

auch ein Zeichen für eine lebenslang intellektuelle Unabhängigkeit, auf die er
strikt bedacht war.
Generell waren die Jahre in Genf/Vert Pré voller künstlerischer Erlebnisse:
Chamberlain hörte Anton Rubinstein und Konzerte des berühmten Lamoureux-
Orchesters, erlebte 1882 zusammen mit seiner Frau und mit Appia 1882 in Bay-
reuth den Parsifal, den er insgesamt sechsmal sah. Daneben gab es eine Vielzahl von
Konzert-Besuchen und Anregungen zur Beschäftigung mit Musik und Kunst, und
diese Erlebnisse bestimmten mehr und mehr sein Leben. Dahinter traten die natur-
wissenschaftlichen Experimente etwas zurück, und man darf vermuten, dass in
diesen Jahren die Lebens- und Interessensakzente neu gesetzt wurden.
Von Vert Pré aus unternahmen die Chamberlains immer wieder ausgedehnte
Reisen, auch um die fragile Gesundheit von Houston zu stützen. Zu Beginn des
Jahrs 1883 ging er nach Paris, in der Hoffnung, dort an der Börse seine finanzielle
Lage zu verbessern. Er, der sich zuvor noch nie wirklich um Geldangelegenheiten
gekümmert hatte, suchte nun mithilfe eines französischen Börsianers einen schnel-
len Erfolg. Die Motive für die plötzliche Hinwendung zu diesen Aktivitäten liegen
im Dunkeln. Man hat vermutet, dass die bis dahin sehr komfortable Geldsituation
38 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

der Chamberlains durch die wirtschaftlichen Krisen der frühen 1880er Jahre einge-
engt und bedroht gewesen sei, das zunehmende Engagement für Wagner und die
Bayreuther Bewegung zusätzliche Mittel erforderlich machte und die pflanzen-
physiologischen Forschungsergebnisse trotz aller intensiven Arbeit hinter den Er-
wartungen zurückgeblieben seien.42 Aber all das sind Spekulationen. Fakt dagegen
ist, dass Chamberlain an der Börse wenig Glück hatte, dass er zu risikoreich agierte
und am Ende, durch seinen französischen Partner mit verursacht, viel Geld verlor.
Seiner Tante Harriet gegenüber hat er in Briefen darüber geklagt, dass er sich in
einer ausweglosen Lage befinde: »I see two possibilities: borrow money on which
to make a fresh start or pay each man his due and than see how I can earn my
livelihood as a crossing-sweeper or something else. As for the first solution to my
present difficulties, I can hardly take it into consideration, for I am far practical to
borrow from the Jews; it is impossible for an honest man to pay their percentage
and gain his own livelihood«.
Das war zugleich ein Hilferuf, denn Chamberlain hatte die Absicht, an der
Börse einen zweiten Versuch zu starten. Die Tante, ihrem Neffen seit jeher innig
zugetan, überwies 2000 Pfund, aber die englische Verwandtschaft sah dies sehr
kritisch; sie glaubte, Chamberlain sei für solche Geschäfte grundsätzlich ungeeig-
net, und sie hatte mit dieser Meinung recht. Denn auch der zweite Anlauf, rasch
zu viel Geld zu kommen, scheiterte. Und ebenso scheiterten die Versuche, den
französischen Börsianer in Haftung zu nehmen und wenigstens Teile des Verlustes
ersetzt zu bekommen. Chamberlain hatte sich völlig verspekuliert und stand nun
– wie Wotan in der Walküre – vor den »Trümmern der eignen Welt«. Finanziell
war er erneut, wie zur Zeit vor dem Tod seines Vaters, von den Zuwendungen
seiner englischen Verwandten abhängig, er hatte keinerlei privates Einkommen,
konnte das aufwendige Haus in Vert Pré nicht mehr halten, wovon auch seine
noch nicht beendeten wissenschaftlichen Studien betroffen waren. Eine Situation,
die den sensiblen und immer verletzbaren jungen Mann tief traf und die prompt,
im Herbst 1884, zum Ausbruch einer erneuten schweren Nervenkrise, zu einem
völligen gesundheitlichen Zusammenbruch beitrug.
Verarmt indessen waren die Chamberlains noch nicht. Anna berichtet in ih-
ren Erinnerungen, man habe um der Gesundheit von Houston willen beschlossen,
den Winter in Cannes zu verbringen, und zu diesem Zweck ein Piano und viel
Hausrat eingepackt, sich aus London einen großen Fotoapparat kommen lassen
und für längere Zeit am Mittelmeer häuslich eingerichtet, was auf eine finanziell
doch ganz kommode Lage hinweist. Cannes erwies sich allerdings als Enttäu-
schung; der einst idyllische Ort hatte sich ›modernisiert‹, »die ganze Poesie jener
Gegend war dahin.«43 Erleichtert waren beide, als ein englischer Arzt diagnosti-
zierte, Chamberlains Hirn und Herz seien gesund, sein Zusammenbruch Folge
ständiger Überarbeitung und Überforderung. Schweren Herzens entschied er sich

42 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 41 ff.; das folgende Zitat auf S. 42 f.


43 Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 48.
Die Dresdner Jahre 39

Abb. 9: Anna und Houston Stewart


Chamberlain mit ihren Hunden Mime und Zola,
aus der Zeit in Vert Pré (ohne Datum)

daraufhin, seine wissenschaftlichen Arbeiten vorerst einzustellen und aus der


Schweiz wegzuziehen.

Die Dresdner Jahre


Weshalb die Chamberlains ausgerechnet nach Dresden zogen, ist unklar. In den
Erinnerungen beider gibt es keine Begründungen für die Wahl dieser Stadt, in der
sie immerhin vier Jahre lebten. Es sei denn, man wertet den Hinweis auf den be-
rühmten Psychiater Prof. Kraepelin als eine solche, der Chamberlain riet, seiner
Gesundheit wegen auf wissenschaftliches Arbeiten vollständig zu verzichten und
stattdessen Zerstreuung zu suchen.44 Aber diesen Rat hätte dieser sich auch auf
einer seiner vielen Reisen holen können.
Wie auch immer, im September 1885 siedelten beide von Vert Pré in die säch-
sische Metropole um, kurzzeitig in eine Pension, bevor sie sich eine kleinere

44 HSC, Lebenswege, S. 111; das folgende Zitat ebenda.


40 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

Wohnung am Rande der Stadt mieteten. »In der ersten Zeit«, notiert Chamberlain
in seinen Memoiren, »war ich unfähig, auch nur zwanzig Zeilen zu lesen; Theater
und Konzerte mußte ich wegen Herzbeklemmungen meiden; doch das Straßenle-
ben, der Verkehr auf der Elbe, dem ich gerne stundenlang zuschaute, kurze Besu-
che den Kunstsammlungen, bald auch die wiedergewonnene Befähigung zu
Landspaziergängen in Begleitung meines geliebten langjährigen Freundes, eines
russischen Steppenhundes, später – bei fortschreitender Erholung – der fleißige
Besuch von Oper, Schauspiel, Operette und sogar Variété – dies alles verschaffte
Hirn und Gemüt mehr und mehr Ruhe und damit auch Beruhigung. […] Und
nach und nach nahm auch die Fähigkeit zum Lesen zu und ich lernte viel Literatur
kennen, zu der ich sonst schwerlich Muße und Neigung gefunden hätte.«
Die Dresdner Jahre waren, glaubt man den Erinnerungen beider Chamber-
lains, kunstgesättigte Jahre, in denen alles, was ›Elb-Florenz‹ zu bieten hatte, in-
tensiv aufgenommen und genossen wurde. Und »Rokokopolis«, wie Chamber-
lain die Stadt nannte,45 hatte sehr viel zu bieten: architektonisch war sie ein
barockes Kleinod unter den deutschen Städten, mit prachtvollen Kirchen, unter
denen die Frauenkirche nur eine, wenn auch die berühmteste war; mit wunder-
vollen aristokratischen Palais und einem bedeutenden Schloss, mitten im Stadt-
kern. Zugleich war die Stadt ein blühendes Musikzentrum, das mit seiner weit
über Deutschland hinaus bekannten Dresdner Staatskapelle, der Semperoper und
zahlreichen Lokalitäten, an denen professionell musiziert wurde, Berlin und an-
deren Großstädten im Deutschen Reich Konkurrenz bot. Hinzu kamen hervor-
ragend bestückte Museen, wie das berühmte ›Grüne Gewölbe‹, die vom Kunst-
sinn August des Starken und seiner Nachfahren zeugten und lebten. Nicht zu
vergessen jene großartigen Häuser und die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts entstehenden, großzügigen Wohnquartiere, etwa am Elbehang, die vom
Reichtum eines wirtschaftlich prosperierenden Bürgertums zeugten. In unmittel-
barer Umgebung Dresdens lagen zahlreiche kleinere Schlösser und Palais, so etwa
das Lustschloss Pillnitz, das Jagdschloss Moritzburg, das Schloss Übigau, um die
drei bedeutendsten zu nennen, die zu Ausflügen in ihre der Öffentlichkeit zu-
gänglichen Parkanlagen lockten.46
Das bürgerliche, kunstsinnige Dresden begünstigte eine offene Geisteshaltung.
Chamberlain, der sein dreißigstes Lebensjahr erreicht hatte, neigte aufgrund der
wechselnden kulturellen Eindrücke in seinem Leben zu einer intellektuell offenen
Haltung: Politisch dachte er eher liberal,47 weil er die konservativ-autoritären Ein-
drücke seiner englischen Erfahrungen strikt ablehnte. Die Abwehr der ihm zuge-
dachten militärischen Laufbahn spielte hier eine entscheidende Rolle. Mehr fühlte
er sich vom freien geistigen Leben der Franzosen angezogen und darüber hinaus

45 Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 77.


46 Vgl. dazu Fritz Löffler, Das alte Dresden, Leipzig 1989, das die Baugeschichte der Stadt ebenso
dokumentiert wie deren wichtigste Kunstinstitutionen.
47 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 46.
Die Dresdner Jahre 41

faszinierte ihn die Kultur der Deutschen zunehmend stärker. Während er lange vor
seinem Dresdner Aufenthalt bereits mit Wagners Musik bekannt wurde, liebte er
zugleich auch Mendelssohn Bartholdy, Berlioz und andere Komponisten seiner
Zeit. Literarisch war er den Franzosen nahe, auch manchen Engländern und fühlte
sich den Symbolisten verwandt. Ein für die Moderne empfänglicher Geist, weit
entfernt von jenem späteren nationalistisch-völkischen Denker, als den die Nach-
welt ihn heute in Erinnerung hat.
In Dresden suchte er seine Gesundheit zu stärken, machte immer wieder, zu-
sammen mit seiner Frau Anna, große Spaziergänge und Wanderungen in die nä-
here und weitere Umgebung, etwa in die Sächsische Schweiz. Bei solchen gele-
gentlich mehrere Tage dauernden Ausflügen war Adolphe Appia immer dabei48,
wie er auch die Chamberlains auf eine große Reise nach Norwegen begleitete. Er
war, wie schon erwähnt, ebenfalls nach Dresden umgezogen, entwickelte inten-
sive Arbeitsbeziehungen zu der von den Ideen der Lebensreformbewegung inspi-
rierten Gartenstadt Hellerau bei Dresden, begeisterte sich für die dort realisierten
Reformideen und wirkte bei der von dem Schweizer Komponisten und Musik-
pädagogen Emile Jacques-Dalcroze entwickelten »Rhythmischen Gymnastik« mit,
für die der junge Architekt Heinrich Tessenow ein Theater baute.49 Der nunmehr
auch praktisch engagierte Reformidealist Appia wurde in Dresden zum engsten
Freund des Ehepaares Chamberlain – auch das weist darauf hin, dass Chamberlain
modernen, gesellschaftsverändernden Ideen gegenüber aufgeschlossen war.
Zugleich versammelte sich allmählich ein Freundeskreis aus Wagner-Vereh-
rern um ihn, zu denen unter anderem Wagners Vertrauter aus Pariser Elendstagen,
der Maler Ernst Benedikt Kietz, gehörte und ebenso dessen Bruder, der Bildhauer
Gustav Adolph Kietz, der 1873 jene Büsten von Richard und Cosima Wagner
geschaffen hatte, die heute in der Eingangshalle von Wahnfried stehen. Französi-
sche Freunde von der Révue Wagnérienne kamen nach Dresden, und bei Ernst Kietz
lernte Chamberlain eines Tages Cosima Wagner auf deren Wunsch hin kennen; da
er inzwischen kleinere Arbeiten zu Wagner veröffentlicht hatte, mehrfach bei den
Bayreuther Festspielen war, kannte Cosima Wagner seinen Namen und wollte ihn
treffen. »Sie wohnte in unserer Nähe im Hotel«, schrieb Anna Chamberlain später,
»wir sahen sie oft und es entspann sich bald zwischen ihr und Chamberlain ein
schönes, auf Verehrung und Anerkennung gegründetes Verhältnis. Seine Arbeiten
für die Bayreuther Blätter, seine Begeisterung für die Werke Wagners, seine ganze
Persönlichkeit hatten ihn schon lange in Wahnfried heimisch gemacht; eine wert-
volle Korrespondenz knüpfte die Fäden enger.«

48 Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 81; die folgenden Zitate auf S. 90; 77.
49 Die Gartenstadt Hellerau, Teil Dresdens, war eine Konkretisierung von Ideen der Lebensreform-
bewegung. Die Einheit von Wohnen und Arbeiten, von Kultur und Bildung sollte sich in einer
Siedlung dokumentieren, in der Gebäude für alle täglichen Bedürfnisse, frei von allen Bauvor-
schriften, errichtet wurden und das Theater zum Zentrum modernen Ausdrucktanzes und allge-
meiner ›Rhythmischer Gymnastik‹ wurde; vgl. Nils M. Schinker, Die Gartenstadt Hellerau 1909–
1945. Stadtbaukunst, Kleinwohnungsbau, Sozial- und Bodenreform, Dresden 2014.
42 Leben zwischen den Kulturen – Frühe Stationen einer Biographie

Anna und Houston Stewart Chamberlain verbrachten ihre Abende sehr häufig
in der Semperoper, hörten und sahen neben Wagner das damalige Repertoire,
oder sie musizierten gemeinsam am Klavier, »zumeist die Wagnerschen Klavier-
auszüge zwei- und vierhändig«. Musik spielte eine zunehmend wichtigere Rolle
und daneben wurde intensiv gelesen. Chamberlain glaubte zu beobachten, dass
abstraktes Denken ihn weniger anstrenge als konkretes wissenschaftliches Arbeiten,
und so nahm er sich Platon und Kant vor, nach deren Studium er überzeugt war,
ohne Platon sei systematische Forschung unmöglich, ohne Kant bleibe man in der
Wissenschaft auf einer frühen Stufe des Denkens stehen. Beide Philosophen galten
ihm während seines ganzen Lebens als die wichtigsten, und es ist kein Zufall, son-
dern von ihm gewählte Systematik, dass in seinem Kant-Buch von 1905 der un-
mittelbar vor dem Kant-Teil stehende Text Platon gilt.
Obwohl sich während der Jahre in Dresden immer deutlicher abzuzeichnen
begann, dass Chamberlain sich von seinen naturwissenschaftlichen Forschungen
ab- und den geistes- und kulturwissenschaftlichen Themen zuwenden würde, eine
Entwicklung, die bereits in Vert Pré begonnen hatte, richtete er doch in zwei über
seiner Dresdner Wohnung gelegenen Kammern erneut seine Pflanzenexperimente
ein. Er wollte, mit zunehmender Gesundung, seinen Dissertationsplan noch ein-
mal aufnehmen, so gut es eben ging. Es war eine »kleine künstlich hergestellte
Einöde«50, in der er sich, wie in früheren Zeiten, glücklich fühlte, aber zugleich
auch spürte, dass er in Dresden mit all seinen Ablenkungen und kulturellen Ange-
boten, mit seinen zum Wandern verlockenden landschaftlichen Schönheiten, seine
Studien nicht würde zu Ende führen können. Überdies fühlte er sich vom herr-
schenden Klima und den vielen Gewittern physisch bedrückt und hatte mehr und
mehr das Gefühl, den Wohnort wechseln zu müssen. Nach einem kurzen Aufent-
halt in Wien während einer Reise beschloss er, dorthin umzuziehen, nicht zuletzt
auch deshalb, weil an der dortigen Universität Professor Julius Wiesner lehrte, ei-
ner der bekanntesten Pflanzenphysiologen, mit dem er in Kontakt zu kommen
hoffte und bei dem er seine Dissertation zu Ende führen wollte. Aber ganz gegen
diese Absicht wurde Wien die entscheidende Wende in seinem Leben: Hier ent-
wickelte er sich zu jenem führenden Wagner-Interpreten und einflussreichen Kul-
turschriftsteller, als der er öffentlich sofort wahrgenommen wurde – eine Entwick-
lung, die er selbst so nicht vorhergesehen hatte, die sich aber bereits Jahre vorher
angebahnt hatte und im Nachhinein auch zeitlich klar zu benennen ist: Die faszi-
nierte Hinwendung zu Wagner begann in der Mitte der 1870er Jahre, und Mitte
der 1880er Jahre erschienen dann die ersten publizistischen Arbeiten – Vorübun-
gen zu jener großen Wagner-Biographie, die 1895 veröffentlicht wurde und sehr
bald als meinungsbestimmend galt.

50 HSC, Lebenswege, S. 113.


Chamberlains Wagner

Der Weg zu Wagner


Lange, bevor in Wien die entscheidende Hinwendung zum wirkungsmächtigen
Wagner-Publizisten begann, wurde Chamberlain während mehrerer Schweiz-
Aufenthalte auf den deutschen Komponisten aufmerksam. Nachdem er, wie
schon erwähnt, im Juni 1870 England verlassen hatte, mit der Absicht, in Bad
Ems einen Kuraufenthalt anzutreten, hielt er sich im August desselben Jahres in
der Schweiz auf. An einem schwülen Sommertag unternahm der Vierzehnjäh-
rige von Luzern aus auf dem Vierwaldstätter See mit einem Ausflugsdampfer
eine Bootsfahrt. Sie führte auch an jener Halbinsel vorbei, auf der Tribschen
liegt, mit jener großbürgerlichen Villa auf dem erhöhten Hügel, in der Wagner
zu der Zeit mit seiner Familie lebte. Gezwungenermaßen, weil seine während
der Münchner Jahre von 1864 bis 1866 ständig unternommenen Interventionen
in die bayerische Politik, und schlimmer noch, das öffentlich gezeigte Zusam-
menleben mit Cosima, die damals noch mit Hans von Bülow verheiratet war,
dem König keine andere Wahl ließen, als ihn ein weiteres Mal ins Schweizer
Exil zu schicken.
An Tribschen also fuhr das Boot vorbei und das löste, glaubt man dem mehr-
fach erzählten Bericht Chamberlains, bei den Teilnehmern des Ausflugs größte
Erregung aus.1 Man stand auf, rannte an die Seite des Schiffes, die Tribschen zuge-
wandt war, rief und winkte dorthin – das alles zur größten Verwunderung Cham-
berlains. Auf seine Nachfrage wurde ihm gesagt, dort wohne Richard Wagner,
doch er konnte mit dieser Auskunft nichts anfangen. Sein Bruder Basil, der ihn
begleitete, klärte ihn auf, erläuterte, es handele sich um einen berühmten deut-
schen Komponisten. »Ich hatte den Namen nie gehört«, schreibt Chamberlain
Jahrzehnte später, »er sagte mir also nichts, und doch habe ich ihn nie mehr ver-
gessen. Nicht allein der Name blieb mir fortan Besitz, sondern die ganze soeben
geschilderte Szene.«2
Ein zweites Mal hörte Chamberlain etwa ein Jahr später den Namen des ›Meis-
ters‹. In einem Gasthaus unweit des Genfer Sees gab es an einem vollbesetzten
Tisch plötzlich unter den Gästen eine hitzige Debatte, die fast in Handgreiflichkei-
ten auszuarten drohte. Wiederum ging es dabei um Wagner. Und ein Jahr später,
im Herbst 1872, erlebte er einen weiteren, äußerst komischen, zugleich aber auch
bezeichnenden Vorfall: Als in einer Hotelhalle die kleine Kapelle Wagner spielte,
begann ein Schosshündchen zu heulen. Worauf dessen Besitzerin erklärte, ihr
Hund liebe Musik, müsse bei Wagner aber immer heulen, was sie selbst am liebs-

1 HSC, Deutsches Wesen, S. 11 f.; ebenso HSC, Lebenswege, S. 179 f.


2 HSC, Deutsches Wesen, S. 12.
44 Chamberlains Wagner

ten ebenfalls tun würde. »Der Vorfall hatte mir schmerzlich ins Herz geschnitten«,
kommentierte Chamberlain in seinen Lebenswegen, aber »es begann mir zu däm-
mern, dass der Mann ein sehr besonderer sein müsse, den die Welt der Gemeinheit
so grimmig haßte.«3
Solchen eher zufälligen Begebenheiten folgte wenig später eine Begegnung, die
den späteren Wagner-Enthusiasmus auslösen sollte. Während zweier Aufenthalte
im Schweizerischen Interlaken, wohin er seiner Gesundheit wegen gereist war, traf
er im Herbst 1875 einen Wagner-begeisterten Wiener Juden namens Blumenfeld,
der ihn auf Wagner als den »bedeutendsten Künstler in Wort und Ton unter allen
Lebenden«4 aufmerksam machte. Es ist bemerkenswert, dass der spätere Antisemit
Chamberlain ausgerechnet von einem jüdischen Wagnerianer zur »Sonne seines
Lebens«, wie er es formulierte, hingeführt wurde, dass ihm ein Jude, der »erfüllt war
von der überragenden Bedeutung des Bayreuther Meisters«, in nicht enden wollen-
der Rede »näheres über Richard Wagner mitzuteilen wußte«. Wobei Chamberlain
in seinem rückschauenden Bericht einen antisemitischen Seitenhieb nicht unter-
drücken kann, wenn er meint, bei Blumenfelds Wagner-Begeisterung habe es sich
»keineswegs um eine aus Leidenschaft geborene Hingebung [ge-]handelt, sondern
um eine intellektuelle Witterung, wie ich sie später bei Juden nicht selten angetrof-
fen habe«, eine nachgeschobene Bemerkung, denn zum Zeitpunkt seiner Bekannt-
schaft mit Blumenfeld war Chamberlain noch keineswegs Antisemit.
Blumenfeld führte Chamberlain bei der Wiederbegegnung in Interlaken im
folgenden Jahr 1876 vor das Fenster einer Buchhandlung, zeigte ihm das Textbuch
vom Ring des Nibelungen, forderte ihn auf, diese Dichtung unbedingt zu lesen, um
einen »Begriff zu bekommen, was das für ein Mann ist«. Für einen Engländer, der
zu dieser Zeit der deutschen Sprache noch nicht wirklich mächtig war, ein gewiss
nicht einfaches Unterfangen. Aber Chamberlain spielt im Rückblick die Schwie-
rigkeiten der Lektüre mit der Begründung herunter, seine Begeisterung über die
Entdeckung einer neuen Welt habe ihn alle sprachlichen Hindernisse leicht über-
winden lassen. Es sei ihm, so schreibt er, auch wenn er in seinem Wörterbuch
manche Worte nicht finden konnte und »viele der reichen alten Sprache abge-
lauschten Satzbildungen […] schwer lösbare Rätsel stellten«, keine »Erinnerung
einer Mühseligkeit geblieben, vielmehr nur die eines freudigen und erregten
Kampfes.« Zwei Tage lang habe er auf jeglichen Ausgang, auf die Kurmusik, ja
sogar auf Essen verzichtet, weil er sich vom Text des Ring nicht habe losreißen
können: »Mit zitternden Händen schlug ich nach, unfähig die Erregung zu meis-
tern. […] Eine ungewöhnliche Vertrautheit mit dem von den meisten Deutschen
damals für schwierig und unzugänglich gehaltenen Werke war das Ergebnis dieses
einsamen Herbstes. Fortan war für mich Wagner in erster Reihe der Dichter des
Ringes und nie mehr habe ich irgendeinen unter den Lebenden mit ihm vergli-

3 HSC, Lebenswege, S. 181.


4 HSC, Lebenswege, S. 193 ff.; die folgenden vier Zitate hier, alle weiteren auf den Seiten 194; 202 f.;
203; 159; 169; 199; 200; 159 ff.; 159; 208; 202; 217.
Der Weg zu Wagner 45

chen.« Die Konsequenz dieser ersten, allerdings grundstürzenden und zugleich


maßlos übertriebenen Erfahrung mit Wagner war das sich selbst auferlegte Gebot:
»Über Wagner streitet man nicht.«
Dass der Wiener Blumenfeld das Initiationserlebnis zu Wagner stiftete, war
kein bloßer Zufall. Wien war zu dieser Zeit bereits eine Hochburg des Wagneris-
mus, der 1873 gegründete Wiener Akademische Wagner-Verein einer der größten im
deutschsprachigen Bereich, finanzkräftig und darauf aus, die Uraufführung des
Ring des Nibelungen zu ermöglichen. Geld floss nach Bayreuth und Blumenfeld
schwärmte Chamberlain vom Festspielhaus vor, wollte ihn dazu bewegen, die be-
vorstehende Uraufführung der Tetralogie 1876 dort mitzuerleben, um sein erstes
Interesse an Wagner nachhaltig zu festigen. Chamberlain wäre diesem Rat gerne
gefolgt, doch das scheiterte an begrenzten Finanzen. Mit größtem Interesse ver-
folgte er die Pressekritiken, wunderte sich über negative Stimmen und glaubte,
dass Wagner, wäre er Italiener oder Franzose, als deren größter nationaler Künstler
gefeiert worden wäre.
Blumenfeld sorgte auch dafür, dass Chamberlain in Interlaken, parallel zu sei-
ner Textlektüre, von dem aus vorzüglichen Musikern zusammengesetzten Kuror-
chester erstmals Wagners Musik in Auszügen zu hören bekam, so die Vorspiele zu
Rienzi, Holländer, Tannhäuser und Lohengrin, die ihm nach eigenem Bekunden ei-
nen lebensbestimmenden, unauslöschlichen Eindruck vermittelten: »Wagner’s
Musik wirkte auf mich – ich kann nicht anders, ich muß den abgebrauchten Aus-
druck anwenden, weil er der Wirklichkeit genau entspricht – sie wirkte auf mich
›elektrisierend‹. Sobald sie ertönte, war es mir unmöglich, auf meinem Stuhle sit-
zen zu bleiben.« Die Initialzündung, jüdisch vermittelt, also war da, und das Erleb-
nis wurde, wie so oft im Bayreuther Umfeld, Zug um Zug vertieft, zunächst durch
das literarische und musikalische Aufnehmen aller musikdramatischen Werke. In
ihnen erschloss sich Chamberlain nach eigenem Bekunden ein neues Verhältnis
von Hören und Sehen, das, wie er meinte, »aus den unbewußten Tiefen des Ge-
mütes« hervorbrach und in dem beides eine unauflösbare Symbiose einging: »Man
hört seine Musik nicht – oder nur gleichsam ein Echo davon – wenn man das Bild
nicht erblickt, dessen Seele sie bildet, und das Bild erblickt man erst in seiner Be-
deutung als verklärte, höhere Wirklichkeit, wenn die tönende Innenseite des Ge-
schauten sich dem Ohre kundgibt.« Im Rückblick der autobiographischen Noti-
zen erscheint ihm dieses Verhältnis von Hören und Sehen für Wagner entscheidend,
gehört die visuelle Umsetzung der Dramen zu deren essentieller künstlerischer
Substanz und macht die Einheit von »Gebärden oder szenischer Bewegungen« mit
der Musik den Kern der musikdramatischen Idee aus: »Was man den ›Bayreuther
Stil‹ nennt, ist nichts anderes als der Versuch, die Übereinstimmung zwischen Au-
genbild und Tonkörper – im Großen wie im Kleinen – durchzuführen, womit erst
ein Drama Wagner’s tatsächliches Dasein gewinnt. Diese Übereinstimmung bildet
wie gesagt, die Grundfeste, auf der das neue Werk ruht.«
Solche Erfahrungen waren Momente eines sich langsam und allmählich voll-
ziehenden Herantastens an Wagner und dessen Welt, nicht zuletzt an dessen Welt-
46 Chamberlains Wagner

anschauung. Eine Entwicklung, die am Ende dazu führte, dass Chamberlain sein
Leben ganz in den Dienst dieses »Brennpunkts aller meiner künstlerischen – ja, in
einem gewissen Sinne aller meiner geistigen – Erlebnisse« stellte; »die Sonne mei-
nes Lebens war: Richard Wagner. […] Er schenkte mir den archimedischen An-
kerpunkt im Raume, er schenkte meinen Augen das gestaltende Licht, meinem
Herzen die treibende Wärme. […] Die entscheidende Wendung meines Lebens
war die zum Deutschtum: ich schloß mich dem deutschen ›System‹ an […] und in
dessen Mittelpunkt stand Richard Wagner.«
1878 erlebte Chamberlain erstmals auf einer deutschen Provinzbühne den Tann-
häuser, »eine niederschmetternde Enttäuschung!«, wenig später den Lohengrin, der
ihn so berührte, dass er mitten im zweiten Akt die Vorstellung verließ. Die erste,
seine Wagner-Bewunderung grenzenlos bekräftigende Aufführung war der in
München im November 1878 erstmals zyklisch aufgeführte Ring unter Hermann
Levi. In einem Brief an seine Tante Harriet schwärmte er von der »mirakulösen
Einfachheit und kristallenen Klarheit« des Rheingold, vom »wunderbaren Orchester«,
das die ethischen und philosophischen Ideen« des Komponisten einleuchtend trans-
portiere, und notiert dann: »Dieses Orchester, mit seinen vielen Stimmen, mit den
Rückerinnerungen und den Vorahnungen, die sich – wie das im Menschengeist
geschieht – kreuzend verweben, und welches ganze Ideenfolgen, sowie Hoffnungen
und Befürchtungen in uns hervorruft, […] läßt der Genius Wagner’s in einer Weise
fließen, daß es niemals die Aufmerksamkeit von der Handlung auf der Bühne ab-
lenkt, zugleich so, daß die ›Motive‹, wie zahlreich sie auch auftauchen mögen, alle
mit eindeutiger Klarheit vor uns stehen. Ich meine, es muß wohl die Vollkommen-
heit des reinen Genies sein, wenn ein so großes, tiefes und verwickeltes Werk den
Eindruck des Einfachen, Unverwickelten macht.« Über Seiten berichtet und analy-
siert er seine Eindrücke vom Münchner Ring, und der Text lässt erkennen, dass er
bereits zu jener Zeit, knappe drei Jahre seit jener Erstbegegnung mit dem Ring-Text
in Interlaken, die Binnenstruktur der Stücke sehr genau kannte. Folge dieses Wag-
ner-Erlebnisses in München war sein Beitritt zum neugegründeten Bayreuther Patro-
natsverein, den er durch persönliche Anmeldung bei Hermann Levi5 vollzog.
Noch bedeutungsvoller als München war Chamberlains Teilnahme an der Ur-
aufführung des Parsifal in Bayreuth 1882, zu der er mit seiner Frau angereist war.
Beide hatten sich intensiv vorbereitet, hatten den Text und Klavierauszüge studiert.
Die Aufführung selbst überwältigte sie vollkommen. Chamberlain sah Parsifal

5 Hermann Levi (1839–1900) war Sohn eines Rabbiners, studierte Musik in Mannheim und Leip-
zig und wurde, nach ersten Engagements in Saarbrücken und Rotterdam, 1864 Hofkapellmeister
in Karlsruhe, war er von 1872 bis 1896 in München Dirigent, ab 1894 Generalmusikdirektor.
Wagner lernte ihn 1871 kennen und übertrug ihm, weil er anders das Münchner Hofopern-
orchester für den Parsifal 1882 nicht von Ludwig II. erhalten hätte, die Uraufführung des ›Büh-
nenweihfestspiels‹. Wegen seines jüdischen Glaubens gab es mit Levi, einem der bedeutendsten
Dirigenten der damaligen Zeit, zwischen Richard und Cosima Wagner ständige Auseinanderset-
zungen; vgl. dazu Stephan Mösch, Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit, S. 253 ff.
Der Weg zu Wagner 47

mehrfach, seine Frau war nach der zweiten Aufführung an die Ostsee abgereist.6 Für
die lebenslange Hinwendung zu Wagner war neben diesen Aufführungen auch eine
fast geglückte persönliche Begegnung zwischen dem ›Meister‹ und seinem jungen
glühenden Verehrer entscheidend. Nach Abschluss der Proben, also noch vor der
Uraufführung, gab Wagner für seine Künstler und Anhänger ein gemeinsames Es-
sen, zu dem Chamberlain sich unberechtigterweise Zutritt verschaffte. Die aus ei-
niger Ferne erlebte Begegnung mit Wagner schildert er mit folgenden Worten:
»Endlich kam der langersehnte Augenblick: schnellen Schrittes, eine Dame am
Arme, betrat ER den Saal, durchschritt die Reihen der sich verneigenden Gäste
und erreichte in wenigen Sekunden die mittleren Sitze an der Wandseite – mir also
genau gegenüber. Ich glaube, mein Herz hat während dieser Sekunden nicht ge-
schlagen, und ich erinnere mich, mich krampfhaft am Geländer festgehalten zu
haben. Kein Mensch, der es nicht erlebt hat, kann sich den Eindruck dieser Er-
scheinung vorstellen: die stramme Haltung des Oberkörpers – an die Jugendbild-
nisse Goethe’s erinnernd –, das zurückgeworfene Haupt, das verklärte Antlitz, das
unbezwinglich stolze, sichere Schreiten. Wie – im Gegensatz zum zivilisierten
Menschen – bei anderen Lebewesen im Habitus des Körpers der Charakter des
Wesens in allen seinen Eigenschaften zum Ausdruck kommt, so auch bei Richard
Wagner: an ihm lebte alles vom Kopf bis zum Fuß; bei meiner Kurzsichtigkeit
konnte ich in diesem Augenblick, von dem ich spreche, die Züge im einzelnen
nicht genau erkennen; doch in seinem ganzen Betragen sprach sich eine Überle-
genheit des Geistes und eine Energie des Wollens aus, dergleichen ich niemals bei
irgendeinem Menschen erblickt habe.«
Chamberlains Schilderung seines ersten ›Fast-Kontakts‹ mit Wagner folgt ei-
nem weitverbreiteten Muster der Annäherung von Wagner-Verehrern an ihr
Idol.7 Die Beobachtung Wagners aus einiger Entfernung, die sogleich einsetzende
grenzenlose Bewunderung, die körperliche Emphase des Dabei- und Naheseins,
verbunden mit dem Gefühl, diesem Augenblick psychisch kaum gewachsen zu
sein – das alles sind Symptome, die sich in den Erinnerungen all jener praktizieren-
den Wagnerianer und Bayreuthianer wiederfinden, die nach einiger Zeit zum en-
geren Umfeld Wagners gehörten. Soziologisch betrachtet sind es Merkmale, wie
sie sich bei Sektenführern oder modernen Pop-Stars finden, deren Anhänger in
ähnliche Verzückungs- und Abhängigkeitsverhältnisse geraten. In diesem Zusam-
menhang muss festgehalten werden, dass Chamberlains Wagner-Begeisterung aus
rein künstlerischen Motiven resultierte: es war, wie sich aus seinen festgehaltenen
Eindrücken der erlebten Aufführungen entnehmen lässt, Wagners Anspruch und
Einlösung einer vollständig neuen Bühnenkunst; es war das bisher so nicht erlebte
Verhältnis von Wort und Ton, die neue Behandlung des Orchesters und der Sing-
stimmen, die radikale Absicht, etwas bisher noch nie Dagewesenes im Theater zu

6 Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 43; das folgende Zitat S. 237.


7 Dazu ausführlich das Kapitel Sehnsucht nach Verehrung in: Udo Bermbach, Mythos Wagner,
S. 236 ff.
48 Chamberlains Wagner

realisieren. Chamberlain verband mit seiner damaligen Bewunderung keinerlei


politische oder gar deutsch-nationale Momente, er sah in Wagner noch nicht je-
nen Nationalkomponisten, zu dem ihn viele im neuen Kaiserreich machen woll-
ten, für ihn waren Wagners Werke zu diesem Zeitpunkt nicht politisch aufgela-
den. Seine uneingeschränkte Bewunderung galt der neuen Theaterästhetik der
Musikdramen, deren innere Konstruktion und Intention er zu erfassen suchte,
weshalb ihr politischer und weltanschaulicher Kontext nicht in seinen Blick geriet,
ja sogar ausgeschlossen werden sollte.

Erste Publikationsversuche
Wie schon erwähnt, war Chamberlain nach dem Erlebnis des Münchner Ring im
Jahr 1878 in den Bayreuther Patronatsverein eingetreten, der im Herbst 1870 von
dem zum engsten Freundeskreis Wagners zählenden jüdischen Pianisten Carl Tau-
sig und der gesellschaftlich in Berlin äußerst einflussreichen Marie Gräfin von
Schleinitz, einer späteren Vertrauten Chamberlains, gegründet worden war.8 Des-
sen Mitglieder sollten finanziell zum Bau des Festspielhauses und der regelmäßigen
Aufführungen von Wagners Werken beitragen, was, wie sich bald zeigte, nur sehr
bedingt gelang. Chamberlain erhielt, wie alle Mitglieder des Vereins, die 1878
noch von Wagner selbst gegründeten Bayreuther Blätter, »in denen die Worte des
Meisters tiefen Eindruck auf mich machten, einiges andere dagegen zu lebhaftem
Widerspruch aufreizte.«9 Der Widerspruch bezog sich vor allem auf die Tendenz,
»die Mitglieder des neuen Patronatsvereins zu bestimmten philosophischen, religi-
ösen und politischen Glaubensbekenntnissen zu verpflichten«. Solches Einschwö-
ren auf eine gemeinsame Weltanschauung, welche die Basis einer verbindlichen
Auslegung der Musikdramen Wagners sein sollte, war dem damals noch durch
seine multikulturelle Herkunft liberal geprägten Engländer nicht nur suspekt, son-
dern stand auch gegen seine Überzeugung, dass Kunstwerke zuvörderst nach äs-
thetischen Gesichtspunkten zu beurteilen seien. Das von Hans von Wolzogen10 als

8 Vgl. Veit Veltzke, Vom Patron zum Paladin, S. 135 ff.


9 HSC, Lebenswege, S. 217; das folgende Zitat S. 219.
10 Hans Freiherr von Wolzogen (1848–1938) stammte aus einer traditionsreichen Familie. Seine
Mutter war eine Tochter von Karl Friedrich Schinkel, sein Vater Theaterintendant in Schwerin,
eine Cousine des Schwagers war die Schwägerin Friedrich Schillers, sein Bruder Ernst von Wol-
zogen der Leiter des Berliner ›Überbrettl‹. Wolzogen studierte Sprachwissenschaften, Mytholo-
gie, Geschichte und Philosophie, kam früh nach Bayreuth und gab, auf Bitten Wagners, ab 1878
die Bayreuther Blätter bis zu seinem Tode heraus. Daneben veröffentlichte er Abhandlungen zur
Literatur, Musik, Theologie und germanischer Mythologie sowie eigene Dichtungen. Bevor
Chamberlain ins Zentrum Bayreuths rückte, war er der Mittelpunkt des Bayreuther Kreises, weni-
ger intellektuell als emotional und organisatorisch. Er lebte über 60 Jahre in Bayreuth, ausschließ-
lich konzentriert auf seine Arbeiten, die Wagners Werke und Bayreuths Kulturmission propa-
gierten. In seiner öffentlichen Wirkung stand er allerdings Chamberlain weit nach; vgl. Annette
Hein, »Es ist viel Hitler in Wagner«, S. 44 ff.
Erste Publikationsversuche 49

dem allein verantwortlichen Herausgeber und Redakteur der Bayreuther Blätter


vertretene Wagner-Verständnis aus dem Geist einer national-völkisch geprägten
Deutschtumsideologie fand Chamberlains schärfsten Widerspruch. Während eines
Aufenthalts in Florenz schrieb er deshalb seinen ersten Essay in deutscher Sprache,
der sich nun ausgerechnet gegen die von Bayreuth vertretene Ideologie und deren
offizielles Sprachrohr richtete.
Diesen Essay schickte er an Hans von Wolzogen mit der Bitte, ihn in den
Bayreuther Blättern zu drucken. Wolzogen lehnte das dezidiert ab. Der Essay blieb
unpubliziert und wurde erstmals im Jahre 2006 gedruckt.11 Er ist, gemessen an der
späteren Entwicklung und Haltung Chamberlains, das Plädoyer eines freien Geis-
tes, der, obwohl Anhänger Wagners, den damaligen Bayreuther Überzeugungen
und der in den Bayreuther Blättern vertretenen Linie radikal widerspricht. Nach
einer kurzen Einleitung, in der Chamberlain auf die »beträchtliche Anzahl Nicht-
deutscher« im Patronatsverein hinweist, woraus er das Recht herleitet, als Engländer
zu Wagner schreiben zu können, kommt er rasch zu seinem eigentlichen Punkt;
seiner Beobachtung nämlich, dass im Umfeld Bayreuths viele Autoren versuchten,
die Tetralogie philosophisch zu interpretieren. Wir würden aufgefordert, so
schreibt er, »unsere von der Wissenschaft beschmutzten Glieder in den heiligen
Fluten des Ganges rein zu waschen«, d. h. den Ring mit Philosophie, Theologie,
mit Moral und anderen Sinngehalten aufzuladen und Wagner als »den intuitiven
Interpreten der Schopenhauer’schen Philosophie auf dem Gebiete der Kunst anzu-
sehen«. Dagegen wendet er ein, es sei »ein ganz falsches und stark zu tadelndes
Verfahren, bestimmte philosophische Lehren aus einem Kunstwerk zu ziehen.
Auch auf des Künstlers persönliche Ansichten brauchen wir bei der Betrachtung
seiner Schöpfung nicht einzugehen; denn diese atmen einen höheren Geist; und es
kann wohl kaum eine unglücklichere und der Sache […] mehr Schaden zufügende
Idee geben, als diejenige, die philosophischen Anschauungen des Meisters an der
Hand seiner Werke darzulegen. […] Außer dem reinen Gefallen an dem Schönen
ist und kann die Wirkung des Kunstwerkes nur eine ästhetische – und indirekt –
eine ethische sein.« Und er fügt an, das »echte Kunstwerk [sei] ein Abbild von der
Natur, ein Spiegel, in welchem wir das Wahre erblicken.«
Theoretisch bezieht er sich in diesem Essay auf Kant, wendet sich scharf gegen
Schopenhauer, den er, wie er glaubt, in Übereinstimmung mit einer »Mehrzahl
der befähigtsten und gediegendsten Denker Europas« […] »nicht zu den größten,
kaum einmal zu den großen Philosophen« zählt – eine schwere Invektive gegen
Wagners eigene und die in Bayreuth vorherrschende Wertschätzung des Philoso-
phen. Mit Verweis auf Kant, den er damals schon intensiv las, behauptet er, Kunst
widerspiegele das »allgemein und absolut Schöne und Wahre« und könne niemals
Träger bestimmter Lehren sein. Jedes Kunstwerk lasse vielmehr viele Deutungen
zu, sei interpretationsoffen, und gerade darin bestehe sein besonderer Wert. Denn

11 Veröffentlicht in: wagnerspectrum 1/2006, S. 168 ff.; alle folgenden Zitate hier. Vgl. auch HSC,
Lebenswege, S. 219, 220; 222.
50 Chamberlains Wagner

hierdurch könne es unmittelbar auf die Menschen wirken. Das sittliche Verdienst
der Kunst liege darin, dass sie »den Menschen gewissermaßen über sich selbst er-
hebt und seinen Geist läutert.«
Das war eine scharfe Attacke gegen den Versuch Bayreuths, Wagners musik-
dramatischen Werken eine bestimmte philosophische oder gar religiöse Deutung
zu geben und diese für die eigenen Anhänger verbindlich zu machen. Dass Cham-
berlain so dezidiert gegen Bayreuth Stellung bezog, verdankte sich sicherlich auch
seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung, denn als Biologe war er gewohnt, sich
an Fakten zu orientieren und Interpretationen als etwas davon qualitativ Unter-
schiedenes zu verstehen. Ganz bewusst wurde hier Wolzogen frontal angegriffen,
weil dieser glaubte, »bestimmte christliche Lehren aus Wagner’s Werken« ziehen
zu können. So war Chamberlains Essay ein Plädoyer für einen freien, individuellen
Zugang zu den Musikdramen und gegen alle einseitigen, von ›oben‹ autorisierten
Interpretationen: »Manche, welche an die Dogmen der Christen nicht glauben,
deren sittlicher Werth und Streben nach Wahrheit aber nicht geringer ist, als bei
Solchen, die sich zu irgend einer Kirche bekennen«, heißt es in dem Essay, »mögen
sich beim Anhören des Nibelungendrama’s in ihrer Überzeugung bestärkt gefühlt
haben.«
Der Kritik gegen die weltanschauliche Aufladung der Dramen wurde eine
zweite gegen die Wissenschaftsfeindlichkeit Bayreuths zur Seite gestellt: »Uns Aus-
ländern ist es unbegreiflich«, schrieb Chamberlain, »warum die Bayreuther Blätter
sich keine Gelegenheit entgehen lassen, um gegen alle modernen Errungenschaf-
ten zu schimpfen, eifern. Wenn man mir den Ausdruck verzeiht: das ist so recht
deutsch unpraktisch und unüberlegt.« Da kam erneut der Biologe, der Naturwis-
senschaftler in ihm zum Vorschein, der den in Bayreuth vorherrschenden Wissen-
schaftsskeptizismus nicht verstehen und billigen mochte, schon gar nicht die Vor-
behalte gegen technischen Fortschritt. Und entschieden hielt er auch die dauernde
Bayreuther Polemik gegen die jüdisch dominierte Presse für überzogen – ein Be-
fund, zu dem passt, dass in seinem Essay alle antisemitischen Vorbehalte fehlten.
Am Ende heißt es: Man bedürfe als Anhänger Wagners und seiner Kunst »weder
der philosophischen noch moralischen, noch der politischen Systeme. Nur das
Verständnis für die reine Kunst […] das ist die wahre Aufgabe.«
Es kann nicht überraschen, dass Wolzogen es ablehnte, diesen Essay, der die
Fundamente seiner und der Bayreuther Wagner-Auffassung infrage stellte, in den
Bayreuther Blättern zu drucken. Sein Argument der Ablehnung freilich ist von eige-
ner Dignität: »Einer Zusendung aus Italien, von seiten eines begeisterten engli-
schen Verehrers der Wagner’schen Kunst, haben wir erst neuerdings wiederum
eine merkwürdige Bestätigung der Ansicht über die Stellung der Ausländer zu
unseren Bestrebungen entnehmen dürfen«, schreibt er, und meint, die ausländi-
schen Verehrer Wagners seien nicht in der Lage, den spezifisch deutschen Charak-
ter seiner Kunst zu erkennen: »Das, was uns Deutschen bei der Beteiligung an den
Bayreuther Bestrebungen zumeist am Herzen liegen sollte, […] kann nur der
Deutsche in seiner tiefsten Notwendigkeit empfinden und begreifen. […] So kann
»Das Drama Richard Wagners« 51

denn nur der Deutsche wirklich dazu gelangen, die Eigenart unserer Bestrebungen
und ihrer Ziele ganz zu begreifen.«12 Gegen solche nationale, ja nationalistische
Verengung des Bayreuther Horizontes argumentierte der 23-jährige Chamberlain
mit größter Entschiedenheit an und plädierte für eine gleichsam werkimmanente
und damit ethisch offene Interpretation der Musikdramen Wagners, plädierte auch
für eine moralisch-politische liberale Haltung, die ihm später allerdings mehr und
mehr verloren gehen sollte.

»Das Drama Richard Wagners«


Diese Grundhaltung dem Kunstwerk gegenüber charakterisiert auch Chamberlains
erste größere Veröffentlichung zu Wagner über Das Drama Richard Wagners,13 eine
Schrift, entstanden in Wien, Vorstudie zu seiner großen Wagner-Biographie. Ziel
dieses Buches war es, aus der »Vielheit der Erscheinungen […] die Einheit der be-
wegenden Ursache«14 aufzufinden, also die zentrale ästhetische Intention Wagners
in all seinen Werken aufzusuchen. Es ist eine Schrift, auf die er auch später immer
wieder verwies, in der gleichsam sein Grundverständnis der Kunst Wagners entwi-
ckelt wurde. Gleich einleitend formulierte er seine Grundthese: »Die erste und
unerläßlichste Einsicht ist, zu begreifen, daß Wagner von allem Anfang an in erster
Linie dramatischer Dichter war; die zweite, daß seine dramatische Begabung von
Hause aus in einem besonderen, individuellen Gestaltungstriebe sich kund gab, bei
welchem Wort und Ton als gleich notwendig sich bestätigten.«
In den ersten beiden Kapiteln dieses auch heute noch lesenswerten Buches
geht Chamberlain zunächst auf die geschichtlichen Bedingungen, unter denen
Wagner seine Ästhetik entwickelte, ein, sodann auf die »Lehre vom Wort-Ton-
drama«. Ihm zufolge sind Wagners Werke primär Dramen, d. h. ihre Inhalte sind
ganz aus dem dramatischen Einfall und unter Berücksichtigung der grundlegenden
Gesetze des Dramas entworfen. Zugleich sind sie eine Einheit aus Wort und Ton,

12 HSC, Lebenswege, S. 218. Der von Wolzogen behauptete Einschub »Einer Zusendung aus Ita-
lien […]« findet sich in den BBl nicht, dafür eine Passage, die Chamberlain nicht zitiert, und die
hier deshalb wiedergegeben werden soll, weil sie gegen sein Hauptargument gerichtet ist: »[…] weil
nur der Deutsche es in seiner tiefsten Nothwendigkeit empfinden und begreifen kann. Das ist die
Kulturbedeutung unserer Kunst, oder genauer ausgedrückt: der in dieser Kunst zuerst zu einem
mächtigen An- und Aufrufe gelangte, sich selbst befreien wollende deutsche Geist. In seinem he-
roischen Streben von tiefster tragischer Gesinnung erfüllt, zieht dieser Geist die gewaltigsten
Offenbarungen der Philosophie und der Religion als verwandtschaftlich an sich, um sie aus sei-
nem nationalen Wesen in dem Kunstwerke zu fruchtbarem Bewußtsein neu zu gestalten und neu
zu erklären, und so nun, in der Fülle dieser Gewalten und gleichsam auf den Schultern unserer
grössesten Vergangenheit, der modernen Gegenwart mit ihren noch Deutsch sich nennen wol-
lenden Mächten sich wunderbar verjüngend entgegen zu erheben«; BBl 1879, S. 7 f.
13 HSC, Das Drama Richard Wagners, Leipzig 1892, 21906.
14 Ebenda, S. IV; die folgenden Zitate auf S. 7; 14. Richard Wagner, Eine Mittheilung an meine
Freunde, in: GSD, Bd. 4, S. 388.
52 Chamberlains Wagner

geprägt von einer »poetisch-dramatischen Idee«. Die Dichtung selbst ist nicht nur
»Textunterlage« für eine Oper, sondern »deklamierte Tragödie«, deren Rhythmus
zwingend Musik erfordert und die deshalb die Komposition bereits in sich trägt.
Ein Zusammenhang, der, so Chamberlain, Wagner selbst erst allmählich im Schaf-
fensprozess seiner ersten Arbeiten deutlich geworden sei, am Ende aber durch die
Formulierung einer eigenen Ästhetik in den Zürcher Kunstschriften so markant her-
vortrete, dass die danach folgenden Werke ganz diesem Konzept verpflichtet seien.
Deren Intention sei dann »das von aller Konvention losgelöste Reinmenschliche.«15
Was Chamberlain als Entwicklungsprozess einer sich herausbildenden werk-
bestimmenden Ästhetik durchaus einleuchtend beschreibt, wird aber zugleich auch
als schon immer vorhanden gedeutet: »Was das vollkommene Wort-Tondrama, ge-
boren aus dem Geiste der Musik, anbelangt, so hat Richard Wagner die Intuition
dieses Werkes mit auf die Welt gebracht«16, schreibt er, und begründet dies damit,
dass Wagner sich nach eigener Auskunft schon in seinen frühen Jahren stets für
dramatische Dichtungen interessiert und dieses Interesse später konsequent fort-
entwickelt, schließlich konzeptionell gefasst habe. Wagner habe bald erkannt, dass
dem Wort eben die Musik zugehöre, weil sie die einzige Sprache sei, um »Gefühl
und Empfindung« auszudrücken und damit die »Verstandessprache« zu transzen-
dieren imstande sei; weil sie, im Unterschied zur absoluten Musik, die Gefühle
durch den Textbezug zu konkretisieren erlaube; weil damit auch das Individuelle
einbezogen werden könne, was erforderlich mache, dass die Musik mit dem Text
aufs Engste korrespondiere.
Mit größtem Nachdruck betont Chamberlain, dass »es unbedingt notwendig
ist, diesen Punkt mit vollkommener Klarheit zu erfassen«, weil dieser Zusammen-
hang und die »unmittelbare Beteiligung des inneren Menschen mit seiner Sprache,
der Musik« die »Grundlage des vollkommenen Kunstwerkes« ist. Alles komme,
glaubt er, auf das Verhältnis von Wort und Ton an, auf die ausgewogene Bezie-
hung eines wortbezogenen Verstandes mit der die Emotionen tragenden Musik,
was im Zusammenwirken das ›Reinmenschliche‹ zum Vorschein bringe: »Nur in
dem Grade, in welchem es ihm [dem Dichter, U. B.] gelingt, das Reinmenschliche
eines beliebigen Stoffes zu erfassen und überzeugend vor uns hinzustellen, so daß
der Zuschauer, selber von aller Konvention losgelöst, nur noch in der Betrachtung
des Reinmenschlichen versenkt bleibt, nur insofern er dies vermag, wird es ihm
gelingen, ein vollkommenes Kunstwerk zu schaffen.«
Chamberlain gliedert dann nach diesem Maßstab – der Herausstellung des
Reinmenschlichen im Musikdrama – das Schaffen Wagners in zwei große Ab-
schnitte: in die von 1933 bis 1848 entstandenen acht Werke: Die Feen, Das Liebes-

15 Der Begriff des ›Reinmenschlichen‹ spielt in Wagners Denken und in seiner Vision einer zukünf-
tigen Menschheit eine zentrale Rolle. Er taucht an verschiedenen Stellen und in verschiedenen
Schriften auf, z. B. in Kunst und Klima, in: GSD, Bd. 3, S. 210; Oper und Drama, in: GSD, Bd. 4,
S. 59; 72; 74; 102; 289; Eine Mittheilung an meine Freunde; in: GSD, Bd. 4, S. 318
16 HSC, Das Drama Richard Wagners, S. 27; die folgenden Zitate auf den Seiten 29; 30; 31; 10 f.; 15;
33; 33; 34.
»Das Drama Richard Wagners« 53

verbot, Rienzi und Der fliegende Holländer, Tannhäuser und Lohengrin, Siegfried’s Tod
und Friedrich Rotbart; und die nach 1848 entstandenen Werke Tristan, Meistersinger,
Ring und Parsifal, die der in den Zürcher Kunstschriften entwickelten Ästhetik folgen
und Ergebnis der geistigen Auseinandersetzung mit den ersten Stücken sind. Diese
Werke offenbarten »eine neue Welt«, in der das Kunstwerk der Zukunft vollendet
ins Leben trete. Zugleich sei ein entscheidendes Ergebnis dieser Entwicklung »eine
Verschiebung des ganzen Dramas nach innen«. Alle äußeren Handlungen seien auf
ein Mindestmaß zurückgeführt, während die inneren Vorgänge, die der Dichter-
Komponist nur andeute, sich ausbreiteten und die eigentliche Handlung bedeute-
ten: »Die Musik, gestützt auf unsere durch Auge und Verstand vermittelte Kenntnis
der Situation, führt uns das innere Leben unmittelbar vor.« Durch die Musik könne
sich dieses innere Leben unendlich ausweiten, könne innere Möglichkeiten eröff-
nen, von denen wir bislang keine Ahnung hätten. So sei die Kunst Wagners durch
die Neubestimmung des Musikdramas – in Abgrenzung zum überlieferten Drama –
eine weltstürzende Erfahrung, ein auf vollständige Umkehr alles Bestehenden zie-
lendes Erlebnis, eine – wie Wagner zitiert wird – »erlösende Kunst«, die die Enge des
alltäglich Faktischen aufsprengt und vollständig neue Horizonte eröffne.
Es deutet die späteren inhaltlichen Verschiebungen und Verfälschung Wagners
in diesem Kontext bereits an, wenn Chamberlain einerseits den Zürcher Kunstschrif-
ten eine bestimmende Funktion für dessen großen Werke zuweist, aber anderer-
seits jeglichen Hinweis darauf vermeidet, dass diese Revolutionsschriften sind und
Wagner sie dezidiert so verstanden wissen wollte. Wer diese Zürcher Kunstschriften
liest, kann keinem Zweifel unterliegen, dass Wagners ästhetische Überlegungen
explizit vor dem Hintergrund einer geradezu fanatischen Begeisterung für eine
große, politisch-soziale Menschheitsrevolution entworfen wurden.
Wenn Chamberlain also in seiner Schrift jeglichen Hinweis auf den konkreten
historischen Enstehungshintergrund vermeidet, wenn er kein Wort darüber ver-
liert, weshalb Wagner diese zentralen Publikationen in Zürich und nicht schon
vorher in Dresden geschrieben hat, die politische Ursache des Exils nicht themati-
siert, so zeigt sich hier die später noch sehr viel ausgeprägtere Tendenz, alle Mu-
sikdramen politisch zu reinigen und ihre allmählich immer perfekter werdende
Form als Ergebnis eines rein ästhetischen Denkens zu bewerten. Das ist einerseits
Ausdruck einer gravierenden politischen Korrektur der Einstellungen des ›Meis-
ters‹, andererseits ein Anknüpfen an die seit der deutschen Klassik weitverbreitete
Vorstellung vom unpolitischen Genie, das jenseits aller konkreten politischen, ge-
sellschaftlichen und sozialen Bedingungen seiner Existenz und seines Schaffens
ausschließlich dem Autonomiepostulat der Kunst folgt und sein Werk selbst als
Repräsentanz des Absoluten begreift.17 Indem Chamberlain an diese Tradition an-
schließt, interpretiert er Wagner vom Revolutionskünstler zum Kunstrevolutionär
um – eine Position, die er auch später beibehalten hat.18

17 Dazu genauer Jochen Schmidt, Die Geschichte des Genie-Gedankens.


18 Dazu Udo Bermbach, Richard Wagner in Deutschland, Kapitel 1.
54 Chamberlains Wagner

Abb. 10: Chamberlain 1886

An dem referierten Leitfaden entlang: Vorrang des Dramatischen, Einheit des Wort-
Tondramas, Inhalt des Reinmenschlichen, ästhetische Autonomie des Kunstwerks
geht Chamberlain dann die einzelnen Werke durch. Dabei setzt er schon die ersten
Werke von der überlieferten Operntradition ab, sieht sie als Schritt auf Wagners
zukünftigem Weg, weil sie ›reinmenschliche‹ Motive haben, die den konventionel-
len Opern abgehen. Bei den Feen etwa sei dies die »Erlösung durch Liebe«19, beim
Liebesverbot »die Erlösung des sündigen Mannes durch die keusche Jungfrau«, beim
Rienzi »die Erlösung des Vaterlandes, die Selbstaufopferung im Dienste der Allge-
meinheit«. Zugleich sei in allen dreien das Verhältnis des Textes zur Musik noch
defizitär: Bei den Feen sei die Handlung aus dem Geist der Musik geboren, aller-
dings »im Gewande der Oper«; im Liebesverbot die Handlung reich und sorgfältig
ausgearbeitet, aber die Musik verleihe hier nur zusätzlichen Schwung; im Rienzi
gewinne die Musik eine geniale Eigenständigkeit und dieses Werk sei denn auch
der »logisch notwendige dritte Schritt des nach dem vollkommenen Kunstwerk
suchenden Wort-Tondichters.«

19 HSC, Das Drama Richard Wagners, S. 38; die folgenden Zitate auf den Seiten 42; 38; 43; 45; 45;
45; 53; 55; 69; 86; 87; 96; 100; 102.
»Das Drama Richard Wagners« 55

Mit diesen drei Werken habe Wagner, so sein Interpret, gleichsam die Basis
seines weiteren Schaffens gelegt. Der fliegende Holländer erscheine als Gegenentwurf
zu Rienzi, er verweise, anders als Tannhäuser und Lohengrin, bereits auf die reifen
Werke, ermangele aber noch der »vollen Ausdehnung des Gefühlslebens«, weil
Wagner angeblich noch nicht sah, »daß in seinem Kunstwerke, nach Entfernung
des nicht nur überflüssigen, sondern schädlich Konventionellen, das Reinmensch-
liche sich um so uneingeschränkter ausdehnen könne und solle«. Der Holländer
leide an zu wenigen inneren Motiven, und diesem Mangel entspräche »eine ge-
wisse Dürre des musikalischen Lebens«. Zugleich aber weise der symphonische
Aufbau der Musik mit bestimmten Themen sowie die Behandlung der Singstimme
voraus auf die großen Musikdramen. Rienzi und Holländer gehörten, so meint
Chamberlain, zusammen, sie spiegelten sich gleichsam und seien entscheidende
Schritte für den weiteren Weg.
Auf diesem sind Tannhäuser und Lohengrin zwei entscheidende Meisterwerke,
beides Produkte einer persönlichen Krise des ›Meisters‹. Während im Tannhäuser
noch der Dichter den Vorrang habe, sei der Lohengrin ganz aus dem Geist der Mu-
sik heraus entstanden, und eben diese Ungleichgewichtigkeit führe zu den Schwie-
rigkeiten einer angemessenen Rezeption. Lohengrin werde, so Chamberlain, seiner
Musik wegen geliebt, doch verliere man dadurch den richtigen Zugang zu seiner
inhaltlichen Intention, während umgekehrt Tannhäuser seine Stärken in der »unge-
stümen Kraft des Dichters« habe, dadurch aber den eigentlichen Wert als Musik-
drama verliere. Es sind eben, so könnte man Chamberlains Überlegungen zusam-
menfassen, beides Übergangswerke, in denen die vollen Absichten Wagners noch
nicht in jener Vollendung realisiert sind, wie das in den »Werken der Periode des
vollbewußten Schaffens« dann der Fall ist.
Diese Periode umfasst dann die Werke nach 1848, also Tristan, Die Meistersin-
ger, den Ring des Nibelungen sowie Parsifal. Ihnen gegenüber seien zwei Haltungen
zu vermeiden: zum einen die des »stupiden Molochanbeters«, der »leeren Lobeser-
hebungen«, zum anderen die der »üblichen Kritik«, die zu nichts führe. Nur der
Versuch, einen gleichsam Wagner-immanenten Standpunkt einzunehmen, führe,
glaubt Chamberlain, zur Erkenntnis der »ewigen Schönheiten der Werke des Bay-
reuther Meisters« und seiner immer vollkommener zu erfassenden Kunst.
Es würde zu weit führen, den Interpretationen Chamberlains nun im Einzel-
nen zu folgen. Es genügt, darauf zu verweisen, dass er, beginnend mit Tristan, die
Innenperspektive der Musikdramen entschieden in den Vordergrund rückt, weil
er dies für den Kern der ästhetischen Theorie Wagners hält. Für den Tristan heißt
das: »Der innere Mensch offenbart durch sein Organ, die Musik, sich ganz unmit-
telbar, und was in ihm, dem inneren Menschen, vorgeht, wird jetzt der wichtigste
Teil der Handlung. Epos, Legende, Roman können das nur beschreiben; das ge-
sprochene Schauspiel kann uns nur die Symptome der wirklichen, inneren Vor-
gänge vorführen […]; die Musik für sich allein, die absolute Musik, ist wie ein
schönes Auge, das körperlos in der Luft herumschweben würde […]. Die Dich-
tung verleiht nun der Musik einen Körper; dieser Körper wird unserem Auge auf
56 Chamberlains Wagner

der Bühne sichtbar und durch die mitteilende Sprache unserem Verstande fassbar;
auf diese Weise entsteht das neue Worttondrama.«
Chamberlain zeigt an einer Reihe von Beispielen, wie das Verhältnis von
Wort und Musik jeweils Innen- und Außenwelten spiegelt, verändert, Erfahrun-
gen erweitert, die innere Entwicklung der Personen auf der Bühne deutlich macht.
Das gelte auch für Die Meistersinger, deren »wahres Drama« die innere Entwicklung
von Sachs sei. Hier werde das »Reinmenschliche« im »kleinbürgerlichen Philister-
tum« gezeigt, erlebe man die »Seelengröße« des Sachs, »den letzten großen Sieg,
den der männlichen, stolzbewußten Entsagung«, die erhabenste Gestalt Wagners.
Mehr noch als im Tristan bildee die Musik das »einigende Band des ganzen Werks«,
spiegele sie die Bewegung der Seelen.
Ähnlich legt Chamberlain auch seine Deutung des Ring an. Das »treibende
und gestaltende Motiv« des ganzen Dramas sei der »innere Konflikt zwischen dem
Streben nach Macht und der Sehnsucht nach Liebe«, und dieser Konflikt werde »in
der Seele« aller Einzelnen je unterschiedlich konzentriert. Zugleich sei die Tetra-
logie das Wotan-Drama, dessen Person aber im Laufe der Handlung immer selte-
ner auftritt – und doch zugleich präsent bleibt: »Nicht bloß bleibt er der Mittel-
punkt, sondern je weiter die Handlung sich entwickelt, desto mehr gewinnt sie
einzig und allein in seiner Seele Sinn und Bedeutung.« Diese These wird durch die
vier Stücke hindurch entfaltet; soweit Wotan als Handelnder, dann als Schauender
auftritt, ist alles, was sich ereignet, ein Moment der seelischen Entwicklung des
Gottes. Chamberlain weist entschieden jegliche philosophische Deutung zurück,
vor allem die These, wonach in Wotans Lebensverneinung Schopenhauers Ein-
fluss spürbar werde. Immer wieder versichert er, dass man Kunstwerke nicht phi-
losophisch, sondern nur aus ihrer immanenten Logik heraus verstehen könne, aus
der seelischen Entwicklung ihrer Protagonisten wie aus dem Verhältnis von Dich-
tung und Musik. Damit entpolitisiert und entrevolutioniert er zwar Wagners
Werke von allen linken Inhalten, und dies gegen die expliziten Absichten ihres
Schöpfers, aber zugleich auch gegen die in Bayreuth sich langsam durchsetzenden
völkisch-nationalen Interpretationsinhalte.20
Die inhaltliche wie strukturelle Immanenz der Tetralogie meint er unter-
schiedlich bestimmen zu können. Im Rheingold sei primär die Sprache Träger der
dramatischen Handlung, in der Walküre dagegen eher die Musik, im Siegfried herr-
sche Gleichgewicht und die Götterdämmerung sei eine riesige Symphonie, fast
durchweg ›absolute Musik‹ im Sinne Wagners. Obgleich Text und Musik stets
entsprechend den ästhetischen Grundprinzipien in einem für das neue Musikdrama
charakteristischen Verhältnis miteinander verbunden seien, blieben die unter-
schiedlichen Gewichtungen doch spürbar.21

20 Dazu Udo Bermbach, Richard Wagner in Deutschland, S. 369 (Stationen der Ring-Deutungen seit
1876).
21 HSC, Das Drama Richard Wagners, S. 116; die folgenden Zitate auf den Seiten 126; 133; 135; 143;
144 f.; 145.
»Das Drama Richard Wagners« 57

Und ähnlich verhalte es sich mit Parsifal, dessen Handlung in dem Satz »durch
Mitleid wird ein Tor wissend und erlösende Tat vollbringen« zusammengefasst
werden könne und der das Gegenstück zum Ring sei, mit dem er gleichwohl »auf
das Allerengste und Unzertrennlichste« zusammengehöre. Was im Ring der Hort,
sei im Parsifal der Gral, und auf beide bezögen sich zwei konträre Weltanschauun-
gen. Dort der Kampf um die Macht, hier »die Entwicklung vom Toren zum Hei-
ligen«. Mit anderen Worten, auch hier ist es für Chamberlain wieder die innere
Entwicklung eines Helden, die das Drama ausmacht, die innere Sicht der Dinge,
die am Ende alles Äußerliche überwindet: »Indem Parsifal einzig und allein der
Gottesklage folgt, überragt er das ihn Umgebende und scheinbar bestimmende;
von Gott selbst wird er dann auch als König eingesetzt und herrscht nunmehr über
alle diejenigen, die bisher in ihm einen kaum beachtenswerten Zuschauer ihres
eigenen tragischen Schicksals erblickt hatten.«
Chamberlains Auslegung der Werke Wagners hat einen doppelten Aspekt:
Zum einen vermeidet er, wie schon mehrfach betont, jegliche Ideologisierung der
Musikdramen, damit auch ihrer Vereinnahmung zugunsten einer politischen und
weltanschaulichen Position – und steht damit vor allem gegen die in Bayreuth
vorherrschende Interpretation; zum anderen aber nimmt er den Stücken alle von
Wagner gewollten gesellschafts- und politikkritischen Implikationen, entschärft sie
gleichsam ideologisch – und macht sie gerade dadurch wieder politisch verfügbar.
Indem er die gleichsam ›linke‹ Stoßrichtung Wagners gegen das zu seiner Zeit
bestehende politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche System negiert und sie
ästhetisch neutralisiert, öffnet er sie, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben,
jener politischen Verfügbarkeit, die aus Bayreuther Sicht nur ins völkisch-nationa-
listische Lager führen konnte. So besorgt er unbewusst und wider Willen die ideo-
logischen Geschäfte Bayreuths, gegen die er doch angehen möchte. Sein Versuch,
die Musikdramen aus ihren binnendramatischen Strukturen und Entwicklungen
heraus als eine logische Abfolge der ästhetischen Reifung Wagners zu verstehen
und am Beispiel des Verhältnisses von Text und Musik eine konsequente Weiter-
arbeit Wagners an seinem Kunstwerk nachzuweisen, damit schließlich zu zeigen,
dass alle Interpretation ohne einen expliziten Bezug auf Philosophie auskommt,
ermöglicht im Ergebnis das genaue Gegenteil. Chamberlain meint zwar, das
Kunstwerk selbst gebe ein »geklärtes, intensives Bild der inneren Welt«, es bedürfe
keiner philosophischen Exegese, aber damit lässt er eine zentrale Verständnis- und
Interpretationsstelle der musikdramatischen Texte offen. Dies widerlegt auch seine
Meinung nicht: »Die Philosophie lebt doch nirgends anderswo als im Kopf des
Philosophen; die Welt ist die Welt, weiter nichts; und dass die abstrahierende Ver-
nunft des Denkers sich ein System der Welt kombiniert, geht die Welt als solche
gar nichts an.«
Der Versuch einer rein ästhetischen Betrachtung von Wagners Werken führt
am Ende zu der These, Wagners Kunst sei »die umfassendste Kunst, die der Mensch
bisher hervorgebracht habe«; sie sei »die reinste Kunst« und zugleich infolge des
außerordentlichen Genies Wagners auch die »intensivste« Kunst, die alle Weisheit
58 Chamberlains Wagner

enthalte und »den tiefsten Sinn der Welt […] mit bisher ungeahnter Klarheit«
offenbart habe.

Von Wien her: Annäherung an Bayreuth


Bereits in Dresden war, wie schon erwähnt, Chamberlain bei einem alten Freund
Richard Wagners, dem Maler Ernst Benedikt Kietz, erstmals auf einer Abendein-
ladung Cosima Wagner vorgestellt worden. Es muss sofortige Sympathie auf bei-
den Seiten gewesen sein, denn zum einen trafen sie sich danach immer wieder,
zum anderen entspann sich unmittelbar danach ein regelmäßiger, intensiver und
umfangreicher Briefwechsel. Die oftmals sehr ausführlichen und langen Briefe sind
voller Versicherungen der gegenseitigen Wertschätzung. Cosima wie Chamberlain
beteuerten immer wieder die einzigartige Bedeutung ihrer Bekanntschaft, die sehr
schnell in eine vertraute freundschaftliche Verbundenheit überging und im Leben
beider, so steht es zu lesen, einen herausragenden Rang einnahm. Gleich seinen
ersten Brief schrieb Chamberlain an die »Hochverehrte Meisterin«, bedankte sich
für das Kennenlernen »aus tiefstem Herzen« und für »Ihr so liebevolles Entgegen-
kommen«, das sie ihm, dem »Fremden« und »Wanderer« entgegengebracht habe.22
Und Cosima antwortete schon wenige Tage später mit »Mein lieber Freund« und
schrieb, sie habe zwar »eigentlich nichts zu sagen«, werde aber von ihrem Gefühl
gedrängt ihm mitzuteilen, »wie eng ich mich Ihnen verbunden fühle, und wie
unter allen Geschickeswendungen, die mir noch beschieden sein mögen, ich mich
freuen werde, Ihnen […] meine Freude zu bezeigen oder mein Leid zu klagen,
mag es mir nun glücken, das zu verwirklichen, wovon das Bild in mir lebt, oder
mag ich ein um so ärgeres Mißlingen zu erfahren haben, als dieses Bild sich von
allem unterscheidet, was unsere jetzigen Kunstgestalten uns entgegenbringen.«
Die letztere Bemerkung bezog sich auf die ständige Unsicherheit, die Bay-
reuther Festspiele finanziell abgesichert fortführen zu können, trotz Erfolge, die
Cosima nach ihrem beherzten Zugriff auf die Festspielleitung nach dem Tode
Wagners verbuchen konnte.23 1888, als sie den Briefwechsel mit Chamberlain be-
gann, standen die Festspiele glänzend da. Umso erstaunlicher war es, dass sie den
Briefaustausch mit diesem Thema begann. Und doch andererseits erklärlich, weil
es bei ihr um die alles beherrschende Idee ging, das Erbe Wagners fortführen zu
müssen. Sie betrachte es als einen ungemeinen Gewinn, schrieb sie in diesem ers-
ten Brief an Chamberlain, »zu einem Menschen so sprechen zu können und zu
wissen, dass es welche gibt, welche das durchempfinden werden, was ich um jeden
Preis retten und, wenn auch nur – der ungünstigen Umstände halber – zum schwa-
chen, dennoch zum Ausdruck hier bringen wollte.«24

22 Briefwechsel, S. 15 (Brief vom 14. Juni 1888). Das folgende Zitat S. 16.
23 Dazu Frederic Spotts, Bayreuth. Eine Geschichte der Wagner-Festspiele, S. 107 ff.
24 Briefwechsel, S. 16.
Von Wien her: Annäherung an Bayreuth 59

Die folgenden Briefe sind alle in diesem Ton einer scheinbar schon lange ein-
geübten Vertraulichkeit gehalten. Cosima offenbarte sich Chamberlain von An-
fang an, schrieb über die sie bewegenden Gedanken und Probleme, legte ihre
Gefühle offen und bezog ihn damit sogleich teilnehmend in alles ein, was in
Wahnfried durch sie geschah. Und dies, nachdem sie ihn eben erst kennengelernt
hatte. Kein Zweifel, Chamberlain genoss von Anfang ihre absolute Sympathie und
einen von Herzen kommenden Vorrang bei der »Herrin des Hügels«.
Es mag diese Zuwendung Cosimas gewesen sein, die Chamberlain in Hoch-
stimmung versetzte. Erste Veröffentlichungen wie etwa Die Sprache in Tristan und
Isolde und ihr Verhältnis zur Musik25, an der Cosima »viel Freude«26 hatte, mochten
ihn bestärken, sich mehr und mehr Wagner zuzuwenden, auch über ihn zu schrei-
ben. Aber zugleich hatte er sein Promotionsprojekt noch nicht aufgegeben und
überlegte, wie er es zu einem guten Ende bringen könne. In Dresden gab es da
wenig Anknüpfungspunkte, d. h. keine Wissenschaftler, an die er sich mit seinen
Forschungen hätte wenden können. So reifte nach dem mehrjährigen Aufenthalt
in der Elb-Metropole der Entschluss, nach Wien umzuziehen. Als er sich im
Herbst 1889 gesundheitlich wieder gut fühlte, war es so weit: Das Ehepaar Cham-
berlain verließ Dresden, nicht ohne zuvor noch eine große Reise nach Norwegen,
bis nach Lappland, und eine kleinere nach Paris, der ersten Weltausstellung über
Elektrizität wegen, gemacht zu haben27, und fand eine neue Bleibe in einer großen
und ruhigen Altbauwohnung in der Blümelgasse 1, südwestlich vom Wiener Zen-
trum gelegen, etwa gleich entfernt zwischen Wiener Westbahnhof und Wiener
Staatsoper. Es war eine stille Seitengasse direkt am kleinen Esterhazy-Park, nahe
der Mariahilfer Straße gelegen.28 Hier sollte Chamberlain bis zum Mai 1909, also
fast zwanzig Jahre lang, wohnen, länger, als er mit Anna verheiratet war.
Dass Wien als neuer Wohnsitz gewählt wurde, hatte einen einzigen Grund:
Chamberlain wollte dort bei Julius Wiesner studieren und bei ihm möglichst seine
Arbeit über den Wurzeldruck der Pflanzen zu Ende bringen. Wiesner war einer der
bekanntesten Botaniker seiner Zeit, Professor an der Wiener Universität und in
vielen akademischen Stellungen erfolgreich tätig und er forschte genau zu jenem
Gebiet, über das Chamberlain zu promovieren gedachte.29 In seinen Lebenswe-

25 HSC, Die Sprache in Tristan und Isolde und ihr Verhältnis zur Musik, in: Allgemeine Musik-Zeitung,
XV/29–31.
26 Briefwechsel, S. 25.
27 Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 83 ff. und S. 90.
28 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 95.
29 Julius Wiesner (1838–1916) wurde in Mähren in einer jüdischen Familie geboren. Er promo-
vierte 1860 in Jena, wurde 1868 nach Wien ans polytechnische Institut berufen und war von 1873
bis 1900 ordentlicher Professor für Anatomie und Physiologie der Pflanzen an der Universität
Wien. Weite Expeditionen führten ihn nach Lappland, Amerika, Indien und Ägypten, er forschte
auf dem Gebiet der Pflanzenphysiologie. 1898/99 war er Rektor der Wiener Universität, 1909
wurde er in den Ritterstand erhoben und im selben Jahr emeritiert. Als konservativer Katholik
wurde er Mitglied des Herrenhauses, in dem der Adel, der Klerus und verdiente Bürger des
Landes ihre Vertretung hatten. Herrenhaus und Abgeordnetenhaus bildeten den österreichischen
60 Chamberlains Wagner

gen schreibt Chamberlain auf diesen Forscher eine hymnische Eloge.30 Schon in
seiner Genfer Zeit war er auf ihn aufmerksam geworden, kannte seine Schriften
und begeisterte sich vor allem für dessen Wissenschaftsauffassung, die sich in dem
Satz zusammenfassen ließ: »Was ist wissenschaftliche Wahrheit? Ein Irrtum von
heute.« Wiesner fasste die Wissenschaft als einen lebendigen Prozess der Erkennt-
nis auf, als ein Aufklären über Fakten und Zusammenhänge, als ein Anregungspro-
zess, dessen Ergebnisse durch verbesserte Einsichten jederzeit korrigiert werden
konnten: »Dieser Botaniker, der in praktischen Wirklichkeiten fußte«, so Cham-
berlain, »der ein Meister war in der Anstellung einfacher und dadurch deutlicher
Versuche […], der einen so kristallklaren, schlichten Stil schrieb und die Meinung
Anderer zu ehren wußte – das war mein Mann!«
Der noch immer junge Mann kam rasch in persönlichen Kontakt mit Wiesner
und gehörte bald zum engen Kreis von dessen Schülern. Ausführlich beschreibt
Chamberlain in seinen Erinnerungen voller Wärme und Sympathie einen Men-
schen, den er in jeder Hinsicht als Vorbild empfand und mit dem ihn bald eine
echte Freundschaft verband. Einen »edlen, gütigen Freund«, nennt er ihn, einen
»seltenen Mann«, der »nicht vielleicht auf mein Denken über die Natur, wohl aber
auf mein Erblicken und Erforschen Einfluß wie kein anderer besaß« und dem er
stets »mit Freimut und Ehrfurcht« gegenübergetreten sei. Mit Wiesner besprach er
schon bald all seine naturwissenschaftlichen Forschungen und hielt bis zu dessen
Tod brieflichen Kontakt.
Voller Stolz zitiert er aus unveröffentlichten Erinnerungen des Gelehrten ei-
nen Absatz, der ihn betraf: »In seiner bescheidenen Weise stellte Chamberlain sich
mir nicht anders als der erste beste Student vor. Im Gedränge bei der Inskription
zu meiner Vorlesung übersah ich ihn vollständig, lernte ihn aber bald im Hörsaale
kennen. Nach meinem Vortrage sammelte sich um mich regelmäßig ein kleiner
Kreis von Zuhörern, welche noch nähere Aufklärungen über das Vorgetragene zu
vernehmen wünschten. Chamberlain tauchte bald in diesem Kreis auf, und er fes-
selte mich alsbald durch die in gewinnend bescheidener Art vorgetragenen, von
Geist und Wissen zeugenden Fragen und Bemerkungen. Sein ganzes Wesen zog
mich an […]. Vom Vortragsthema ging es – häufig genug – rasch zu anderen Fra-
gen der Physiologie, zu anderen Fragen der Naturwissenschaft, zu Fragen der Phi-
losophie und Religion. Diese Gespräche gehören wohl zu den genußreichsten und
anregendsten, die ich im Leben geführt habe.«
Chamberlain studierte bei Wiesner und anderen berühmten Gelehrten der
Wiener Universität 1889/1890, aber seine nach wie vor fragile Gesundheit er-
laubte es nicht, die alten Pflanzenexperimente wieder aufzunehmen. Das

Reichsrat, das gesetzgebende Parlament im kaiserlichen Österreich, wobei das Herrenhaus als
Erste, das Abgeordnetenhaus als Zweite Kammer galt. In der Revolution von 1918 wurde dieses
System der konstitutionellen Monarchie abgeschafft. Zu Wiesner, dem die Grundlagen gewidmet
sind, siehe auch S. 113 ff.
30 HSC, Lebenswege, S. 113 ff.; die folgenden Zitate auf den Seiten 114; 114; 117.
Die Praeger-Affäre 61

schwächte zwar nicht die Begeisterung für den ihm geneigten akademischen Leh-
rer, wohl aber die Intensität, Kontinuität und Fortführung der eigenen Forschun-
gen. Mehr und mehr wandte er sich geistes- und kulturgeschichtlichen Studien,
insbesondere Richard Wagener zu. Er trat, wie schon erwähnt, in den bereits am
10. November 1872 gegründeten Wiener Akademischen Wagner Verein ein, einen
der ältesten, größten und zugleich aktivsten Wagner-Verbände der Zeit, und hielt
ab 1892 auch in der breiteren Öffentlichkeit wohlwollend aufgenommene Vor-
träge über Tristan, Parsifal, über die Festspiele, schließlich sieben Vorträge über
Das Leben Richard Wagners31. Diese waren Vorstudien zu der bald folgenden gro-
ßen Wagner-Biographie und sie wurden in Bayreuth aufmerksam und zustim-
mend wahrgenommen.

Die Praeger-Affäre
1892 erschien in London und danach zeitgleich in Leipzig ein Buch, das Bayreuth
in helle Aufregung versetzte.32 Geschrieben und herausgegeben worden war es von
Ferdinand Praeger, einem eher erfolglosen Musiker, Klavierlehrer und Londoner
Korrespondenten der Neuen Zeitschrift für Musik, den Wagner 1855 in London
kennengelernt hatte, nachdem er ihn, auf Empfehlung des Vaters seines engen
Freundes August Roeckel hin, gebeten hatte, ihm bei der Vorbereitung zu einer
geplanten Konzertreise behilflich zu sein.
Praeger33 nahm sich dieses Auftrags mit Eifer an. Er war von Anfang März bis
Ende Juni über mehrere Wochen für Wagner tätig, besorgte ihm eine Wohnung,
erledigte Einkäufe, kümmerte sich um die üblichen Probleme, die bei solchen
Aufenthalten entstehen, fungierte als Dolmetscher und bot dem ›Meister‹ will-
kommenen Familienanschluss. Dieser schätzte dieses Rundumentgegenkommen,
fand seinen Londoner ›Freund‹, wie er in mehreren Briefen schrieb, »freundlich
und zuvorkommend« und dessen Bericht über sein Londoner Gastspiel in der
Neuen Zeitschrift für Musik »vortrefflich, kurz, bedeutend, und immer das rechte
bezeichnend«. Nachdem Wagner wieder abgereist war, gab es noch gelegentliche
Kontakte, doch die Verbindung erlosch mehr und mehr. Wagner äußerte sich
später öfter distanziert über Praeger, der ihm allzu geschäftig und subaltern er-
schien und aus seiner Freundschaft zu ihm Profit herausschlagen wollte. Es kam
zwar noch zu kurzen, aber eher belanglosen Begegnungen, von einer wirklichen

31 Der Vortrag über Tristan wurde gehalten am 4.5.1892; der über Parsifal am 18.5.1892; die Vor-
träge über Wagners Leben zwischen Oktober 1892 und Januar 1893. Nachweis: Verzeichnis der
Manuskripte etc., Nachlass Chamberlain.
32 Ferdinand Praeger, Wagner as I knew him, London/New York 1892; dt. Wagner, wie ich ihn kannte.
Aus dem Englischen übersetzt vom Verfasser, Leipzig 1892.
33 Details zu den Vorfällen gibt der Artikel Ferdinand Praeger von Frank Piontek in: Daniel Branden-
burg et.al. (Hrsg.), Das Wagner Lexikon, S. 539 ff. Hier finden sich auch die Nachweise der fol-
genden Zitate; vgl. Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 136 ff.
62 Chamberlains Wagner

Abb. 11: Richard Wagner (Mai 1877)

Freundschaft zwischen diesen beiden, überdies sehr unterschiedlichen Charakte-


ren, konnte nicht die Rede sein.
Diese wirkliche Freundschaft aber behauptete Praeger in seinem Buch, das erst
ein Jahr nach seinem Tod erschien. In seiner Zueignung des Buchs an Lord Dysart,
den Präsidenten des Allgemeinen Richard Wagner-Vereins in London, schrieb er
von der »Intimität eine(r) ununterbrochene(n) Freundschaft von fast einem halben
Jahrhundert, während welchem Jugenderinnerungen, kühne Hoffnungen, miss-
lungene Pläne und auch glückliche Erfolge ohne irgendwelchen Rückhalt bespro-
chen wurden.«34 Und er betonte mit Verve, dass Wagner und er sich »so genau
kannten, dass wir eigentlich nie durch Raum getrennt waren, – und späterer wie-
derholter Austausch unserer Ideen über inzwischen Vorgefallenes zeigte uns im-
mer ganz klar, wie genau wir uns gegenseitig verstanden hatten und wie überein-
stimmend wir urteilten.« Daraus leitete er die Berechtigung ab, über Wagner eine
Biographie zu schreiben, die mit eigenen Dokumenten und an ihn gerichteten
Briefen in ihrem Wahrheitsgehalt abgesichert schien. Detailreich erzählte Praeger
die Lebensstationen Wagners und ging besonders ausführlich auf dessen revolutio-
näre Vergangenheit ein. Den Dresdner Aufstand erklärte er zur »wichtigsten Peri-

34 Ferdinand Praeger, Wagner, wie ich ihn kannte, S. III; die folgenden Zitate auf den Seiten 325; 158;
159; 164 ff.; 159; 206; 187; 308.
Die Praeger-Affäre 63

ode in Wagner’s Leben«, wiederholte mehrfach, Wagner sei ein »aktiver Mithel-
fer« der Revolution gewesen, druckte dessen nachmalig berühmte Rede im
Dresdner Vaterlandsverein vom 16. Juni 1848 zur Frage: Wie verhalten sich republi-
kanische Bestrebungen dem Königthume gegenüber? ab und betonte den radikal revolu-
tionären Impuls Wagners auch noch nach dessen Flucht ins Exil. »Während der
ersten Zeit seines elfjährigen Exils«, schrieb Prager, »sprach er zu jeder Zeit mit
Eifer über die Erhebung von Sachsen und den thätlichen Antheil, den er dabei
gezeigt, als Krieger wie auch als öffentlicher Redner und politischer Schriftsteller,
vor und während der Maitage.« Wagner habe mehrfach tatkräftig, entscheidend
und organisierend in den Verlauf des Aufstandes eingegriffen, sei »mit dem Ge-
wehr auf der Schulter« auf den Barrikaden gewesen, habe jedoch später seine Be-
teiligung mehr und mehr aus persönlichen Opportunitätsgründen heruntergespielt.
Praeger stellte den Künstler Wagner und dessen Kunst über alles, berichtete aber
auch über dessen vermeintliche Schwächen; so über seinen Hang zum Luxus, seine
»fast orientalische Genussbegierde«, die ihm selbst »in der ärgsten Zeit der Entbeh-
rung und Not, unter erdrückender Schuldenlast und inmitten schwerster Sorge um
seine Zukunft« zu eigen blieb. Bemerkenswert war auch, dass Praeger darauf hin-
wies, Wagner habe alle seine Werke, mit Ausnahme des Tristan, in der Zeit seiner
Ehe mit Minna geschaffen, auch Götterdämmerung und Parsifal, die konzeptionell
vor 1848 fertig gewesen seien: »Wagner’s zweite Ehe mit Cosima datiert vom
25. August 1870«, eine lapidare Feststellung, die besagen sollte, Minna, die als lie-
benswürdige aber subalterne, Wagner ganz dienstbare, geistig indessen überforderte
Ehefrau charakterisiert wird, habe den ›Meister‹ doch mehr inspiriert als Cosima.
Dass dies in Bayreuth als eine gezielte Provokation empfunden wurde, kann kaum
verwundern.
Die Reaktion von Wahnfried blieb nicht lange aus. Chamberlain, obgleich
noch in Wien, nahm sich der Sache an. Er verglich zunächst beide Ausgaben, die
englische wie die deutsche, und fand eine Fülle von Fehlern und Verzerrungen. Es
fiel ihm auf, dass beide Ausgaben in ihrem jeweiligen Umfang, aber auch inhaltlich
stark differierten. Was in der einen berichtet wurde, fehlte in der anderen, und
häufig wurden dieselben Ereignisse »ganz verschieden erzählt«. Überdies behan-
delten zwei Drittel des Buches die Zeit vor der Bekanntschaft Praegers mit Wagner
im Jahr 1855, und jener war ihm danach nur noch insgesamt neun Mal begegnet.35
Von einer lebenslangen, gar intimen Freundschaft konnte also keine Rede sein.
Unklar blieb auch, woher der Autor seine Kenntnisse bezog: Vermutlich aus be-
kannten Quellen wie der Biographie Glasenapps, teilweise aber auch aus persönli-
chen Berichten Wagners, doch dieser Informationsunterschied war nirgends ge-
kennzeichnet.
Vor allem Praegers Schilderung der aktiven revolutionären Rolle Wagners
widersprach dem inzwischen von Bayreuth, auch von Chamberlain gepflegten
Bild eines nur am Rande beteiligten, vornehmlich um die Veränderung der Kunst-

35 HSC, Richard Wagner. Echte Briefe an Ferdinand Praeger, S. 3; vgl. auch S. 49 f.


64 Chamberlains Wagner

institutionen besorgten Wagner, dessen politische Naivität von den eigentlichen


Revolutionären sehr schnell erkannt worden sei. Chamberlain nahm sich mit
größter Energie der Widerlegung dieser – aus heutiger Sicht richtigen, aber völlig
unzureichend und mit falschen Daten belegten – Beurteilung Praegers nachhaltig
an, zeigte in der Tat erhebliche Quellenmängel auf, zitierte Wagners spätere Dis-
tanzierungen als einzig wahr, interpretierte die Rede im Vaterlandsverein als Plä-
doyer für das Königtum und kam am Ende zu dem Ergebnis, Praeger habe Wag-
ners Revolutionsbegeisterung bewusst gefälscht36, was so nicht stimmte. Darüber
hinaus belegte Chamberlain durch eine genaue historische Analyse, dass viele der
in den angeblich authentischen Briefen mitgeteilten Tatsachen nicht stimmen
konnten. Zwei besonders markante Beispiele hierfür waren zum einen die Be-
hauptung Praegers, Wagner habe ihm im Sommer 1856 aus dem Siegfried vorge-
spielt, wohingegen Chamberlain nachweisen konnte, dass Praeger zu dieser Zeit
nicht in Zürich gewesen war.37 Das widerlegte auch dessen zweite Behauptung, er
habe Wagner in Zürich 1856 erstmals den Tristan-Stoff vorgeschlagen, sei zunächst
auf Desinteresse gestoßen, habe dann aber, bei einem gemeinsamen Frühstück, das
Interesse des ›Meisters‹ so geweckt, dass dieser sich den Stoff vorgenommen und
sogleich das Thema der Isolde auf dem Klavier angeschlagen habe.38 Neben sol-
chen offensichtlichen Absurditäten erwiesen sich aber auch viele sonstige Angaben
als erfunden, so etwa notierte Treffen, die niemals stattgefunden haben konnten.
Chamberlain deckte mit fast detektivischem Spürsinn solche falschen Angaben auf
und seine genaue philologische Arbeit brachte überdies zu Tage, dass zahlreiche
Briefe unmöglich von Wagner geschrieben worden sein konnten, dass die von
Wagner stammenden textlich verändert oder nicht im Original zitiert, sondern aus
der englischen Übersetzung rückübersetzt worden waren.
Insgesamt war Praegers Buch voller Fehler und verzerrter Beschreibungen. Es
war der Versuch, sich selbst zum treuen, anregenden und geschätzten Freund des
›Meisters‹ zu stilisieren. Nicht nur Chamberlain waren die vielen Ungereimtheiten
sogleich aufgefallen. Auch William Ashton Ellis, Herausgeber von Wagner, dem
Journal des Londoner Richard Wagner-Vereins, und späterer Übersetzer aller
Wagner-Schriften, schöpfte sofort Verdacht. Beide waren im Grunde einer Mei-
nung. Chamberlains Kritik war nicht nur äußerst genau und kenntnisreich, son-
dern auch, mit vierzig kleinzeiligen, engbedruckten Seiten, so umfangreich, dass
die Bayreuther Blätter sie in einem eigenen Heft druckten – woraus schon ersichtlich
wurde, wie wichtig Wahnfried der erfolgreiche Ausgang dieser Sache war. Als
Chamberlain gegen Ende 1893 nach England zu seinen Verwandten fuhr, gelang
es ihm bei dieser Gelegenheit, die ›Originale‹ der Briefe im Privatarchiv von Lord
Dysart einsehen zu können. Er machte sich Abschriften und es zeigte sich, dass von
den vierunddreißig Wagner-Briefen an Praeger, die dieser gedruckt hatte, nur

36 Ebenda, S. 33 ff.
37 Ebenda, S. 57
38 Ferdinand Praeger, Wagner, wie ich ihn kannte, S. 312 f.
Die Praeger-Affäre 65

zwanzig vorhanden waren und davon »kein einziger Brief im Wortlaut des Ori-
ginals mitgetheilt ist«.39 Vierzehn angebliche Briefe hatte Praeger frei erfunden.
Chamberlain publizierte seine neuen, ergänzenden Erkenntnisse 1894 ebenfalls in
den Bayreuther Blättern als ›Nachtrag‹.40 Die korrekten Abschriften der Wagner-
Briefe aus dem englischen Archiv hatte er 1893 zuvor als ›Weihnachtsgabe‹ nach
Wahnfried gesandt und von dort einen herzlichen Dank erhalten.41
Das abschließende Fazit nach intensiver und zeitraubender Arbeit lautete:
»In Wahrheit war Praeger völlig unberechtigt, über Wagner – sowohl als Men-
schen wie als Künstler – zu sprechen. Was der Meister in seiner Gegenwart sprach
zu notieren, dazu war er offenbar zu unbegabt; hätte er uns aber die Originalbriefe
Wagner’s mitgetheilt und etwa noch die schlichten Notizen aus einem fleissig ge-
haltenen Tagebuch über die wenigen Male, wo er mit dem Meister zusammenkam –
so hätte er ein nützliches Werk gethan und sich selbst ein schönes, dauerndes Denk-
mal errichtet. So aber hat Praeger nur ein gänzlich werthloses und geradezu
lächerliches Pamphlet geschrieben. Vom Titelblatt angefangen, ist fast jede Angabe
falsch, alle angeblichen Briefe des Meisters sind in der unverantwortlichsten Weise
›frei umgearbeitet‹ worden; was im Gespräch erzählt worden sein soll, ist nach-
weisbar […] aus den bekanntesten Stellen abgeschrieben, und zum Theil sind diese
Quellen direkt und absichtlich gefälscht worden (namentlich für die Darstellung
der Vorgänge des Jahres 1849); auch die persönlichen Erlebnisse des Verfassers sind
durch seine fast wahnsinnig zu nennende Sucht, sich selbst überall in den Vorder-
grund zu schieben, so voll nachweisbarer Irrthümer und Unwahrheiten, dass sie
nicht den geringsten Glauben verdienen. […] Nur eine Bezeichnung gebührt die-
sem Praeger’schen Buche: es ist ein skandalöses!«42
Nach dieser Veröffentlichung musste der Verlag Breitkopf & Härtel, in dem
das Buch erschienen war, die Auflage zurückziehen. Eine neue Ausgabe mit den
echten Briefen Wagners erschien 1894, erweitert 1908 und war sehr viel schmaler
im Umfang.
Schon während der Ausarbeitung seiner Kritik hatte Chamberlain von Wien
aus sich mit Cosima in Verbindung gesetzt und ihr von seinen kritischen Bemü-
hungen berichtet.43 Nachdem es ihm gelungen war, das in Bayreuth verhasste
Buch aus dem Verkehr ziehen zu lassen, ein in der Tat beträchtlicher Erfolg, stieg
sein Ansehen dort ganz erheblich. Cosima schrieb ihm in einem Dankesbrief:
Ȇber Praeger triumphieren Sie auf der ganzen Linie. Ich habe selten etwas so
glücken sehen! Das ist doch wenigstens ein Erfolg für die Riesenarbeit.«44 Dass
Chamberlain bei Cosima erheblich an Prestige gewonnen hatte, mochte er als ei-

39 HSC, Richard Wagner, S. 97; vgl. auch Briefwechsel, S. 357 f. (Briefe vom 8. und 26. Oktober 1893
an Cosima).
40 BBl 1894, S. 73 ff.
41 Briefwechsel, S. 369 (Brief an Eva Wagner vom 18. Dezember 1893).
42 HSC, Richard Wagner, S. 68 f.
43 Briefwechsel, S. 316 ff. (Briefe vom 16. und 22. Februar 1893).
44 Ebenda, S. 406. (Brief vom 13. April 1895).
66 Chamberlains Wagner

nen großen Schritt auf seinem Weg nach Bayreuth und in die Wagner-Familie
hinein interpretieren. Falsch war eine solche Interpretation nicht, er stand ihr von
allen, die von außen kamen, am nächsten.

Die Wagner-Biographie
1894 hatte Chamberlain erstmals den Münchner Verleger Hugo Bruckmann ken-
nengelernt. Bruckmann, der damals einen der bedeutendsten Verlage für moderne
Kunst leitete, seine Buchproduktion thematisch jedoch ausweiten wollte, suchte
für eine große, illustrierte Biographie Richard Wagners einen Autor und erhielt
von Hermann Levi, dem Uraufführungsdirigenten des Parsifal von 1882, den Hin-
weis, er möge sich doch einmal an den in Wien lebenden Engländer wenden, der
zu jener Zeit den Wagnerianern bereits durch die erwähnten Wagner-Arbeiten
und seine Vorträge im Wiener Akademischen Wagner-Verein positiv aufgefallen war.
Da Levi, obgleich er Jude war und in Bayreuth nicht enden wollende Demütigun-
gen erleiden musste45, Wahnfried nach wie vor nahestand und das dort verwaltete
Wagner-Erbe in seiner ideologischen Ausrichtung weitgehend teilte, konnte
Bruckmann sicher sein, von einem durch Levi empfohlenen Autor eine Biogra-
phie geliefert zu bekommen, die den offiziellen Segen Bayreuths erhalten und
damit einen guten bis sehr guten Absatz garantieren würde. Und umgekehrt
konnte Chamberlain zufrieden sein, mit Bruckmann einen Verleger zu gewinnen,
der nicht nur äußerst geschäftstüchtig war, sondern dessen Ansichten auch mit
seinen eigenen weitgehend übereinstimmten. Denn Bruckmann, der ursprünglich
ein der Moderne aufgeschlossener Mensch war und seinen Verlag programmatisch
auch auf die moderne, zeitgenössische Kunst mit ihren verschiedenen Stilrichtun-
gen und in ihren verschiedenen Anwendungsbereichen ausgerichtet hatte, wandte
sich in jenen Jahren mehr und mehr intellektuell und ästhetisch konservativen
Tendenzen zu, ohne seine Vision von einer durch die Kunst erneuerten Gesell-
schaft aufzugeben. Das traf sich in den Grundtendenzen mit den Überzeugungen
Chamberlains, und so konnten Verleger und Autor sich innerhalb kurzer Zeit auf
das Projekt einer Wagner-Biographie, deren Anlage und Ausrichtung einigen. In
deren Vorwort vermerkte der dem Haus nun neu gewonnene und mit all seinen
weiteren Publikationen auch treu bleibende Autor, die Biographie ginge auf eine
Initiative der Verlagsanstalt Bruckmann zurück, man habe sich aber sehr schnell auf
die »vorliegende Aufgabe« und die »vorliegende Gestaltung« einigen können, so
dass das Ergebnis ein »gemeinsames Werk« sei.46
Schon für den Beginn des Jahres 1892, also dem Jahr, da Chamberlain seine
Vortragsserie im Wiener Akademischen Wagner-Verein begann, zeigen seine Tagebü-
cher ein verstärktes Studium der Schriften Wagners, was darauf hin deutet, dass er

45 Dazu eingehend Stephan Mösch, Weihe, Werkstatt, Wirklichkeit, bes. S. 253 ff.
46 HSC, Richard Wagner, S. VI.
Die Wagner-Biographie 67

eine größere Arbeit zu Wagner beabsichtigte.47 In den folgenden Jahren standen


deshalb die großen politisch-ästhetischen Entwürfe Wagners auf dem Lese-Pro-
gramm, also Die Kunst und die Revolution, Das Kunstwerk der Zukunft, Oper und
Drama sowie Eine Mittheilung an meine Freunde, aber auch Die Wibelungen und Briefe
Wagners an verschiedene Freunde wie Liszt und Uhlig sowie die Partituren ein-
zelner Musikdramen, beginnend mit Parsifal. Daneben studierte er Kants Kritik der
reinen Vernunft, dessen Anthropologie und Schopenhauer (ohne genauere Werkan-
gabe). Die Tagebücher zeigen während der Jahre 1892 bis 1895 eine deutliche Kon-
zentration auf Wagners Schriften, auf dessen Revolutions- und sogenannte Rege-
nerationsschriften, aber auch auf Arbeiten, die in einem weit gefassten Sinn das
Umfeld Wagners betrafen. Immer wieder las Chamberlain während des Schreibens
an seiner Wagner-Biographie in des ›Meisters‹ Schriften, sie waren ihm, wie die
Tagebücher belegen, tägliche Lektüre, und dazu kamen dessen Briefe an verschie-
dene Freunde wie Röckel, Uhlig, Eliza Wille u. a. sowie die Beschäftigung mit
den Musikdramen. Daneben wiederholte sich das Lesen der für Wagner wichtigen
Autoren, etwa von Feuerbachs Das Wesen des Christentums (im Januar/Februar
1894) bis hin zu den französischen Frühsozialisten; Proudhon taucht im Sommer/
Herbst 1894 mehrfach mit unterschiedlichen Werken auf, aber der Bogen zu den
Autoren, die Chamberlain mit Wagner in Verbindung bringt, ist breit gespannt: Er
reicht von Lagarde und Gobineau bis zu jenen radikal-demokratischen und sozia-
listisch-anarchischen, die ihre Spuren in Wagners Revolutionsschriften hinterlas-
sen haben. Grundlage der eigenen Arbeiten war Glasenapps Biographie, die stän-
dig zu Rate gezogen wurde.
Ende 1894/Anfang 1895 begann, so lässt sich den Tagebüchern entnehmen, die
Arbeit an der Wagner-Biographie. Parallel zur Lektüre der Schriften Wagners und
der täglichen Beschäftigung mit den Musikdramen entstanden die ersten Entwürfe
zum Text. Am 1. November 1894 findet sich im Tagebuch die Notiz: »Wagner-
Biographie: Manuskript begonnen, u. zwar mit der Einleitung zum zweiten Kapi-
tel!« Chamberlain begann also seine Arbeit an seinem Buch mit dem zweiten Ka-
pitel, mit »Richard Wagner’s Schriften und Lehren«. Abgeschlossen wurde dieses
Kapitel am 28. Februar 1895: »Richard Wagner Biographie, Kap. II beendet!« Eine
beachtliche Leistung von Konzentration und Schreibfähigkeit, denn dieses Kapitel,
das sich der Politik, der Philosophie, der Regenerationslehre und der Kunstlehre
– so die Überschriften der Teile – widmet, umfasst 160 Druckseiten, die in vier
Monaten in der Endfassung geschrieben wurden.48 Das Tagebuch verzeichnet den
Fortschritt der weiteren Arbeiten ziemlich genau, aber das muss hier so detailliert
nicht interessieren. Am 25. Juni 1895 gibt es den Eintrag: »R. W. B., IV,2 (5 ½ p.
4 hrs. finished chapter IV!!).« Das bezieht sich auf den letzten Teil des letzten Ka-

47 Die folgenden Angaben beziehen sich auf die Tagebücher im Nachlass Chamberlains, National-
archiv der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth, dort ohne eigene Signatur. Chamberlain begann
1887, Tagebücher zu führen; vgl. zu den Tagebüchern im Kapitel Buchgaden, S. 538.
48 Nach der Ausgabe von 1936.
68 Chamberlains Wagner

Abb. 12: Ausschnitt aus Chamberlains Tagebuch (28. Februar 1895)


mit dem Eintrag »Richard Wagner Biographie, Kap. II beendet!!!«

pitels, auf den Bayreuther Gedanken49 und damit auf die Beendigung des gesamten
Manuskriptes. Mit dem 31. Juli beginnen dann die Korrekturen an den Druckvor-
lagen, die am 17. Oktober mit dem Vorwort abgeschlossen werden. Die Biogra-
phie war damit abgeschlossen.
Richard Wagner – der lapidare Titel signalisierte den Anspruch Chamberlains,
über Richard Wagner das Standardwerk geschrieben zu haben. Die erste Auflage
erschien 1896 im Großoktav, umfasste stattliche 368 Seiten und war opulent aus-
gestattet, mit zahlreichen Fotos und Tafeln.50 Spätere Auflagen, deren Format klei-
ner war, brachten es dann auf 526 Seiten.51 Von Anfang an war das Buch ein Er-
folg, auch weil der Autor inzwischen ein Vertrauter Cosima Wagners war und
längst zum intellektuell entscheidenden Kopf des innersten Kreises von Bayreuths
avanciert war. Mehr Authentizität für ein Buch über Wagner war kaum denkbar,
Chamberlain sprach gleichsam ex cathedra. So war es auch nicht erstaunlich, dass
zwischen 1896 und 1940 insgesamt zehn Auflagen erschienen, dazu zwei englisch/
amerikanische Ausgaben 1897/1900 sowie eine französische 1899. Über Jahrzehnte
blieb Chamberlains Buch die meistgelesene Wagner-Biographie, und sie prägte

49 HSC, Richard Wagner, S. 491 ff.


50 HSC, Richard Wagner, München 1896.
51 So die Ausgabe von 1936, nach der im Folgenden zitiert wird.
Die Wagner-Biographie 69

nachhaltig das Wagner-Bild der Mehrheit des deutschen Bildungsbürgertums, vor


allem der Wagnerianer. Die hier gegebene Darstellung von Leben, Werken und
Weltanschauung des ›Meisters‹ galt als verbindlich und entsprach der offiziellen
Bayreuther Lesart.
Letzteres war schon dadurch garantiert, dass Chamberlain während der Arbeit
an seinem Buch in einem kontinuierlichen Briefwechsel mit Cosima regelmäßig
darüber berichtete, was er geschrieben hatte. Darüber hinaus schickte er Textteile
nach Bayreuth, so dass sein entstehendes Buch von der ›Meisterin‹ abgesegnet
wurde. Cosima las alles sehr sorgfältig und formulierte jeweils Zustimmung wie
Einwendung.
So schrieb sie nach Erhalt der Einleitung, diese »hat mich sehr gefesselt […],
und ich könnte sie mir nicht vorzüglicher denken. Das einzige, worum ich bitten
möchte, wäre um einen prägnanteren Ausdruck für ›Kunstübung‹, weil mir dieser
nicht ganz deutlich erscheint.«52 Worauf Chamberlain antwortete, das Wort
›Kunstübung‹ sei »ganz unmöglich«, was sich dadurch erkläre, dass man »die haar-
sträubendsten Dinge« in den eigenen Texten nicht bemerke.53 Als er dann am
ersten Kapitel über »Richard Wagners Lebensgang« schreibt, lässt er Cosima wis-
sen, dieser werde wohl »eigentümlich anders ausfallen als bei anderen Autoren«54,
und fügt in einem weiteren Brief an, er habe »augenblicklich gegen eine eigentüm-
liche Anfechtung anzukämpfen: eine fast unüberwindliche Abneigung, Namen zu
nennen«. Die ganze Familie Wagner erschien ihm mit ihren »Verwandte[n] wie
Unverwandte[n] bis zum Eintritt von Franz Liszt eine so trostlos öde Gesellschaft –
alle diese Alberts und Laubes und Dorns und Stahrs und Pechts, und wie sie alle
heißen, dazu die Meyerbeers und Schlesingers und Lüttichaus – der Biograph von
1895 wird es gut haben, dass er all diese Schattengestalten auslassen kann; ich will
ihm aber tüchtig vorarbeiten!«55 Wozu Cosima zustimmend meinte, man müsse
den Weg zu Richard genügend »dèplayiueren«.56
In diesem Stil tauschten sich beide kontinuierlich aus. Der »Lebensgang« Wag-
ners fällt »fabelhaft kurz«57 aus, wie Chamberlain nach Bayreuth meldet, über die
nachfolgenden nächsten Abschnitte gibt es jeweils eingehende Berichte, und am
29. Juni 1895 heißt es: »Ich bin gestern mit den ›Festspielen‹ fertig geworden; bin
sehr gut aufgelegt, habe sie in zwei Tagen geschrieben.«58 Am 13. Oktober wird
der Verleger Bruckmann gebeten, zehn Autorenexemplare an Eva Wagner59 nach

52 Briefwechsel, S. 394 (Brief vom 28. Januar 1895). Es handelt sich hier um die Einleitung zum
2. Kapitel. Cosima bemerkt in einem späteren Brief, sie beschäftige sich immer noch mit der
Darstellung von Politik und Philosophie.
53 Ebenda, S. 395 (Brief vom 3. Februar 1895).
54 Ebenda, S. 401 (Brief vom 14. März 1895).
55 Ebenda, S. 402 (Brief vom 27. März 1895).
56 Ebenda, S. 404 (Brief vom 29. März 1895).
57 Ebenda, S. 405 (Brief vom 9. April 1895).
58 Ebenda, S. 407 (Brief vom 20. Juni 1895).
59 Eva Wagner (1867–1942) wurde als jüngste Tochter Richard Wagners in Tribschen geboren, zu
einer Zeit, da Cosima noch mit Hans von Bülow verheiratet war. Als ihr Vater starb, war sie
70 Chamberlains Wagner

Wahnfried zu senden, und zwei Tage später bestätigt Cosima, dass sie fünf Exemp-
lare erhalten habe. »Was das Buch ist«, schreibt sie an den Autor, »weiß ich aber,
ohne es zu lesen, und danke Ihnen aus tiefer Seele. Die Mottos allein sind ein
Denkmal. Das Buch wird Gutes wirken, und darauf kommt es an.«60 Und am
10. Dezember 1895 schreibt sie ihm erneut: Ȇber Ihr Buch ist nur eine Stimme,
mein Freund, und zwar bei allen Vortrefflichen. Und es ist unabsehbar, was Sie Gu-
tes damit bewirken. Möchten Sie selbst rechte Freude daran haben!« Und sie fügt
hinzu: »Jetzt wird alles, was Sie schreiben, Aufmerksamkeit erwecken.«61
Das war der Ritterschlag, den Chamberlain mit der Meldung beantwortete,
über sein inzwischen erschienenes Buch habe er bislang nur »Beglückendes« erfah-
ren, sowohl in der öffentlichen Kritik als auch von privat. Auch der buchhändleri-
sche Erfolg »scheint – für ein so kostspieliges Werk – enorm zu sein«.62 Cosima war
von Chamberlains Wagner-Biographie so beeindruckt, dass sie ihm anbot, Einsicht
in die damals nur als Privatdruck vorliegende Autobiographie Wagners Mein Leben
zu nehmen, und ihn dazu nach Wahnfried, in den engsten Familienkreis, einlud.63
Zugleich zog sich ihre genaue Lektüre über Monate hin, und stets schrieb sie dem
Autor, mit welcher Begeisterung sie seine Ausführungen lese. Da war, vermittelt
durch Richard Wagner und sein Werk, ein Herzensbund zwischen Bayreuth und
Wien geschlossen, der vorhersehbarerweise nur mit der lokalen Vereinigung bei-
der in Bayreuth enden konnte.
Zugleich aber betonte Chamberlain seine intellektuelle Selbständigkeit in Sa-
chen Wagner, auf die es ihm auch in seinen späteren Arbeiten sehr ankam. Noch
1905 schrieb er in einem Brief an die ihm eng verbundene Cosima: »Zunächst
stelle ich noch einmal fest – zum wie- und wievielten Male weiß ich wirklich
nicht –, daß mein Richard Wagner betiteltes Werk von mir verfaßt ist ohne jede
Beeinflussung durch Sie oder durch irgendjemandem aus Ihrer Familie oder aus
dem Kreise Ihres Hauses. Ich habe niemals irgendwelche Informationen über Per-
sonen, Dinge, Verhältnisse etc. erhalten, die nicht allgemein bekannt sind. Ich sage
das wirklich nicht mit irgendeinem falschen Stolze, etwa als unabhängiger Englän-
der, der niemandem zu Dank verpflichtet sein will […]. Tatsache ist jedenfalls, daß
es für mich geradezu Ehrenpunkt war – literarischer Ehrenpunkt will ich sagen –,

sechzehn Jahre alt. Von Anfang an hatte sie ein besonders enges Verhältnis zu Cosima. Ab 1906
übernahm sie die Aufsicht über Wahnfried, wurde Cosimas Sekretärin, Vorleserin und begleitete
sie auf Reisen. Mit 41 Jahren heiratete sie 1908 den um zwölf Jahre älteren Chamberlain, pflegte
diesen während der Zeit seiner schweren Erkrankung ebenso hingebungsvoll wie die gebrechli-
che Cosima und sah ihr Lebensziel im Dienst an der Familie. Sie hatte alleinigen Zugang zum
Familienarchiv, das sie zugunsten Richard Wagners manipulierte, und Cosima gab ihr auch ihre
eigenen Tagebücher mit der Auflage, sie dreißig Jahre unter Verschluss zu halten. 1933 wurde sie
Ehrenbürgerin Bayreuths, sie war Trägerin des Ehrenzeichens der NSDAP und erhielt 1942 ein
Ehrenbegräbnis der Partei; siehe S. 506 f.
60 Briefwechsel, S. 413 (Brief vom 15. November 1895).
61 Ebenda, S. 413 (Brief vom 10. Dezember 1895).
62 Ebenda, S. 414 (Brief vom 13. Dezember 1895).
63 Ebenda, S. 417 (Brief vom 18. Dezember 1895).
Die Wagner-Biographie 71

ein Buch über den Meister zu schreiben auf Grundlage dessen, was jedermann
bekannt ist, und mit Vermeidung aller derjenigen Sensationen, die aus der Mittei-
lung bisher unbekannter Tatsachen entstehen kann. […] Das Werk ging nicht aus
meiner Initiative (noch viel weniger aus der Ihrigen) hervor, sondern aus der des
Verlegers, Herrn Hugo Bruckmann. Alles den Inhalt des Buches Betreffende
wurde zwischen Herrn Bruckmann und mir abgemacht, ohne Dazwischenkunft
irgendeines Dritten.«64
Chamberlains Wagner-Biographie basiert in den Fakten wesentlich auf der
mehrbändigen Arbeit von Glasenapp.65 Aber die Darstellung sucht einen eigenen
Weg. In der Einleitung skizziert er ein Schema, das er dem biographischen Abriss
zugrunde legt, und in dessen gliederndem Systematisierungsversuch sich der Na-
turwissenschaftler zu erkennen gibt: Beabsichtigt ist eine »Umrisszeichnung«, die
Wagners siebzigjähriges Leben »in zwei gleich lange, äußerlich und innerlich we-
sentlich voneinander unterschiedene Epochen« gliedert, die sich ihrerseits wiede-
rum in jeweils vier Perioden einteilen lassen. Die erste Lebenshälfte unterteilt sich
folglich in: 1813–1833 (Aufenthalte in Leipzig und Dresden); 1833–1839 (erste
Wanderperiode, Würzburg bis Riga); 1839–1842 (erster freiwilliger Aufenthalt in
der Fremde, Paris); 1842–1849 (Dresdner Jahre). Die zweite Lebenshälfte gliedert
Chamberlain dann in 1849–1859 (aus der Heimat verbannt); 1859–1866 (zweite
Wanderperiode); 1866–1872 (zweiter freiwilliger Aufenthalt in der Fremde);
1872–1883 (Bayreuth, Erbauung des Festspielhauses, Begründung der deutschen
Festspiele).66
Was folgt, ist die Beschreibung des Kampfes eines Genies gegen seine Neider
und das Heer der Nichtskönner: »Dieser makellos edle, gänzlich uneigennützige,
immer nur für die reine, heilige Kunst entbrannte Mann, der im Laufe seines gan-
zen Lebens seine eigenen Interessen stets mit Füssen trat, der sich von keinen
Rücksichten auf sich oder auf andere bestimmen liess, sondern mitten durch ›das
wüste Spiel auf Vorteil und Gefahr‹, das ihn umgab, auf das einzige Ziel hinsteu-
erte, das seltene Können, das Gott ihm anvertraut hatte, zum Heile der Kunst, zum
Heile seines Vaterlandes zu betätigen – dieser Mann rief mit Naturnotwendigkeit
überall, wo er erschien, eine spontane und erbitterte Opposition hervor seitens
aller Gemeindenkenden, aller Schacherer mit Kunst und Künstlern und auch sei-
tens aller Mittelmäßigen. Das ganze Heer der Bosheit und das ganze Heer der
eunuchenhaften Impotenz waren seine geborenen Gegner; er brauchte nur zu er-
scheinen, und schon standen sie gerüstet da.«
Das Zitat macht klar, in welchem Sinne Chamberlain seine Biographie an-
legte, und es macht auch klar, weshalb diese bei Cosima und in Bayreuth so außer-
ordentlich positiv aufgenommen, ihr Autor so warmherzig umfangen wurde. Da
entstand eine Hagiographie, die begradigte, was an moralisch-ethischen und ästhe-

64 Ebenda, S. 681 (Brief vom 13. Januar 1905).


65 Carl Friedrich Glasenapp, Das Leben Richard Wagners.
66 HSC, Richard Wagner, S. 37 f.; das folgende Zitat S. 61.
72 Chamberlains Wagner

tischen Umwegen den Lebensweg des ›Meisters‹ verunzierte; die zurechtbog, was
an Ecken und Kanten dem direkten Gang zu den Sternen im Wege stand; die ganz
im Sinne der Erbe-Verwalter jene Vorlage lieferte, die man in Bayreuth zur Befes-
tigung und zum Ausbau des »Mythos Wagner« benötigte.67 Das alles hatte weitrei-
chende Konsequenzen: Chamberlain mied, relativierte oder, wenn es nicht anders
ging, eliminierte störende Momente im Leben Wagners, die sich nicht der vorge-
fassten Perspektive eines ausschließlich der eigenen Kunst verschriebenen Lebens
fügen wollten. Und er stutzte seinen Lesern einen Wagner zurecht, wie er zugleich
dem anscheinend a-politischen Bayreuth und dessen Publikum entgegenkam.
Doch dieses Vorgehen hatte eine – unbedachte? – Kehrseite. Indem er den ›Meis-
ter‹ als den reinen, politikabgewandten Künstler porträtierte, dessen Werke von
allen gesellschaftlich-politischen Implikationen und Anspielungen freizuhalten
suchte, kurz: indem er ihn all seiner politischen Ansichten und Einbindungen be-
raubte, öffnete er gerade dadurch die Möglichkeit für eine neue (Re-)Politisie-
rung, die im Bayreuther Umfeld unter dem Einfluss von Cosima und ihren Ver-
trauten nur von rechts kommen konnte – und damit den Intentionen Wagners
widersprach. Und doch traf er damit einen Kern von Wagners Überzeugung: dass
nur aus der Kunst die Erlösung kommen könne, nicht aus der Politik.
In einem aber blieb Chamberlain freilich zurückhaltend: in der Auslegung und
Deutung der musikdramatischen Werke Wagners. Hier hielt er sich im Wesentli-
chen an die in seiner vorangegangenen Schrift Das Drama Richard Wagners bereits
gelieferten Vorgaben, übernahm deren Interpretation in sein Buch, vermied vor
allem jegliche antisemitische Lesart. Gegen das offizielle Bayreuth war seine Fest-
stellung, Parsifal sei keine »Sittenlehre oder gar Religionslehre, sondern die künst-
lerische Darstellung eines grossen und im edelsten, stolzesten Sinne des Wortes
religiösen Charakters«68 – was den Sakralisierungstendenzen Bayreuths und der
Wagnerianer strikt entgegenstand, aber auch mit seiner eigenen Auffassung des
Verhältnisses von Kunst und Religion nicht bruchlos in Übereinstimmung zu
bringen war.

Der vermeintliche »Revolutionär« Wagner


Hinsichtlich des Revolutionsbeteiligung von Wagner argumentierte Chamberlain
zunächst auf zwei Ebenen: zum einen auf der persönlicher Beziehungen Wagners,
zum anderen auf der seiner Weltanschauung. Entschieden bringt er Korrekturen am
Wagner-Bild für die Zeit des Dresdner Aufstandes von 1849 an.69 Entgegen den
auch ihm bereits bekannten historischen Fakten behauptet er, Wagner habe mit den

67 Vgl. Udo Bermbach, Mythos Wagner, passim.


68 HSC, Richard Wagner, S. 443.
69 Das Folgende stützt sich auf meine ausführlichere Darlegung in: Richard Wagner in Deutschland,
S. 9 ff.
Der vermeintliche »Revolutionär« Wagner 73

wichtigen Protagonisten des späteren Mai-Aufstandes 1849 »nur wenige, ganz äu-
ßerliche Berührungspunkte« gehabt, »im Wesen« seien sie ihm und »noch mehr er
ihnen« vollkommen fremd gewesen. Wie so oft in seinem Leben habe Wagner sich
durch »die unbezwingliche Gewalt seiner Sehnsucht« nach menschlichen Kontakten
und Freundschaften, durch die »Macht des Bedürfnisses, verunden mit der stets
schöpferischen Phantasie des Genies«, sich in seinem Urteil irreführen lassen. So
habe er die scheinbar politisch-revolutionären Politiker vollkommen falsch einge-
schätzt, weil der Unterschied zwischen reaktionären und revolutionären Politikern
in jenen Tagen nur darin bestanden habe, dass »die einen etwas mehr politische
Freiheit, die anderen etwas weniger gewährt wissen wollten; ein wirklich prinzipiel-
ler Unterschied bestand zwischen ihnen nicht«.70 Dass dies ein groteskes Fehlurteil
ist, das die unterschiedlichen politischen Strömungen des deutschen Vormärz bis hin
zu den verschiedenen politischen Fraktionierungen der Frankfurter Nationalver-
sammlung zu einer Quasi-Einheitsideologie zusammenzieht, muss hier nicht eigens
belegt werden. Hinter Chamberlains These steht zum einen seine später sehr viel
direktere Ablehnung, ja Verachtung des Parlamentarismus, aber auch die Überzeu-
gung, Wagners Revolutionsvorstellungen seien sehr viel grundsätzlicher gewesen als
die revolutionären Forderungen um 1848/49, weil sie auf »die Vernichtung der sinn-
lichen Form der Gegenwart« gezielt hätten, also weit über die bloße Veränderung
der politischen Institutionen hinausgegangen seien – was nicht falsch ist.
Drastisch glaubt Chamberlain Wagners Fehlurteile am Beispiel seiner Freund-
schaft zu August Röckel belegen zu können. Röckel, den Wagner zum Musik-
direktor des Hofopern-Orchesters bestellt hatte, war seiner Gesinnung nach ein
marxistischer Sozialist, der Wagner die Grundeinsichten in eine linke Gesellschafts-
und Politikkritik vermittelte. Weit über die Dresdner Jahre hinaus waren beide eng
verbunden, und es ist kaum übertrieben zu sagen, Röckel sei lange Zeit Wagners
engster Freund gewesen. Gegen diese Tatsache setzt Chamberlain sein Urteil,
Röckel sei zwar ein »edel fühlender« Mensch gewesen, aber intellektuell unzuläng-
lich und »vollkommen unfähig«, Wagners Anschauungen zu begreifen. Belege führt
er für diese gravierende Behauptung nicht an, es bleibt bei der Behauptung, einzig
zu dem Zweck, Wagners Sympathien für sozialistische und anarchistische Überzeu-
gungen als Ergebnis von Lebensferne und Urteilsschwäche abzutun. Ignoriert wird
damit, dass Wagner seinem Freund, als der wegen Hochverrats für zwölf Jahre im
Zuchthaus Waldheim eingekerkert war, von Zürich aus in zahllosen und endlos
langen Briefen detailliert über die Entstehung des Ring als einer revolutionären,
grundsätzlichen Abrechnung mit der Politik berichtete, ihm Handlung, Personen,
Motive und musikalische Einfälle eingehend darlegte, seine Zustimmung zu sei-
nem wichtigsten musikdramatischen Projekt einzuholen suchte – und überdies
nach dessen Entlassung 1862 noch über Jahre engen freundschaftlichen Kontakt zu
ihm hielt. Das alles schiebt Chamberlain beiseite. In ähnlicher Weise relativiert er

70 HSC, Richard Wagner, S. 67; die folgenden Zitate auf den Seiten 68; 67; 151; 153; 158; 155; 159;
159; 159.
74 Chamberlains Wagner

auch andere Freundschaften und freundschaftliche Beziehungen, wenn sie ihm


politisch nicht opportun erscheinen; vor allem die mit Bakunin, dessen Aussage
vor Gericht, er habe Wagner sofort als Phantasten erkannt, ihm Beweis genug ist,
um daraus den Schluss zu ziehen: »Diese nüchternen Politiker hatten die richtige
Einsicht: Wagner gehörte nicht zu ihnen.«

Wagners Anti-Politik
In gleicher Weise verfährt Chamberlain mit all jenen Gewährsleuten, die für die
Herausbildung von Wagners Denken und Weltanschauung entscheidend gewesen
sind. Mit Blick auf die Politik spricht er dem Komponisten schlichtweg eine poli-
tische Gesinnung ab. Der habe sich immer nur für ein »einiges, starkes Deutschland
im Gegensatz zu dem partikularistisch zerbröckelten, machtlosen Bund« eingesetzt,
sei in den Tagen des Aufstandes ein »wahrer Held« gewesen, der sich »waffenlos am
hellen, lichten Tage in die Reihen seiner Feinde« gewagt habe. Überdies habe sein
Einsatz stets »den Schwachen« gegolten und sein Motiv für all sein Handeln sei das
»Vertrauen auf den deutschen Geist« gewesen. Daraus könnten, so folgert Cham-
berlain, weder Neigung noch Befähigung zur Politik herausgelesen werden. Wer
dies dennoch tue, verstehe die Revolutionsschriften vollkommen miss.
Den bei Wagner vorhandenen Gegensatz von Kunst und Politik macht Cham-
berlain zum bestimmenden Ausgangspunkt seiner Darstellung und spielt den Re-
volutionär gegen den Künstler aus, der seiner Meinung nach »keine Befähigung für
die Politik im engeren Sinne des Wortes besaß«. Wagner selbst habe den »unüber-
brückbaren Antagonismus zwischen künstlerischen und politischen Geistesanla-
gen« immer wieder formuliert. Da Chamberlain aber weder die aktive Rolle Wag-
ners in Dresden noch seine radikalen Revolutionspamphlete einfach ignorieren
kann, greift er zu einem ›methodischen Trick‹: Er meint, »direkte Widersprüche«
bei Wagner ließen sich deshalb als scheinbare auflösen, weil sie nur entstünden,
wenn jene rationale Logik unterstellt werde, die nur im »Gehirnkasten des Men-
schen heimisch« sei, in der Natur allerdings nirgends vorkomme. Der Künstler
Wagner aber sei der Natur verpflichtet, d. h. der Wahrheit in einem höheren, sich
menschlicher Rationalität entziehenden Sinn. Die Wahrheit Wagners sei »ein Be-
standteil der Natur, und auch ihrer Bewegungen (wenn man diese in ihren großen
Bewegungen verfolgt)« und diese »finden nach weit umfassenderen Gesetzen statt,
als diejenigen es sind, die den Gehirnfunktionen enge Schranken setzen«.
Das lässt sich als Freibrief dafür lesen, Wagners Weltanschauung im eigenen
Sinne zu interpretieren. Prägnantes Beispiel für eine solche Uminterpretation ist
die Rede Wagners vom Mai 1848 zur Frage, ob republikanische Bestrebungen sich
mit dem Königtum vereinbaren ließen.71 Wagner hatte dies bejaht und den König

71 Richard Wagner, Wie verhalten sich republikanische Bestrebungen dem Königthume gegenüber? in:
GSD, Bd. 12, S. 218 ff., bes. S. 226 f.; die Zitate S. 163.
Wagners Anti-Politik 75

dabei als ersten Republikaner bezeichnet, der ohne den Zwischenstand des Adels
direkter Repräsentant des Volkes sei, aber ohne politische Macht und eben daher
kein absoluter Monarch mehr. Chamberlain verkehrt diese Auffassung ins Gegen-
teil: Er glaubt, das Königtum sei für Wagner »stets als der unerlässliche Mittelpunkt
aller staatlichen Ordnung erschienen, und zwar in der Gestalt des Einherrscher-
tums, das man gewöhnlich (aber vielleicht nicht ganz mit Recht) als gleichbedeu-
tend mit ›absolutem Königtum‹ betrachtet«. Gegen Wagners ausdrückliche For-
mulierungen macht er aus einem bloßen monarchischen Repräsentanten einen mit
absoluten Rechten versehenen Herrscher. Und fährt fort, Wagner sei gleichzeitig
für die »möglichst unbeschränkte Freiheit des Individuums« eingetreten, woraus
seiner Meinung nach ein Widerspruch zwischen absolutem Königtum und freiem
Volk resultiert.
Diesen freilich selbstkonstruierten Widerspruch löst Chamberlain dadurch auf,
dass er Wagners Idee eines republikanischen Königtums – ohne alle Belege – als
Wiederbelebung der germanischen Königsidee ausgibt: »Freie Männer unter der
Führung eines Einherrschers: so treffen wir die verschiedenen Zweige der Germa-
nen an zur Zeit der Völkerwanderung. […] und noch heute dürfte die Verschmel-
zung von Königstreue und unbeugsamem Freiheitssinn das ganz spezifische Cha-
rakteristische aller echten Germanen sein, woraus auch die besondere Gestaltung
ihrer Staaten sich ergeben.«72 Auf dieses »poetische Bild« ziele auch Wagners Plä-
doyer. Absoluter König und freies Volk seien für Wagner »Correlata«, heißt es
weiter, denn das Volk sei, nach Wagner, nur dort frei, wo einer herrscht: »Einherr-
scher ist der König nur, wenn er nicht erst adlige Nebenbuhler zu befriedigen und
Parlamentsmajoritäten zu gewinnen hat, sondern einem freien, ›absoluten‹ Volke
vorsteht.« Wagner spreche hier den »stummen Willen der Volkheit« aus, den Wil-
len des »ganzen germanischen Stammes«.
Das kann nicht anders als eine vollständige Verdrehung der Position Wagners
genannt werden. Wo Wagner die Vision eines machtlosen, über allen Parteien
schwebenden Königs entwirft, wie sie in Europa von vielen Reform-Liberalen
vertreten wurde, am profiliertesten von Benjamin Constant73, interpretiert Cham-
berlain diese Vision in einem völkischen Sinne. Er arbeitet hier mit jenem Ger-
manenmythos, den die Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert konstruierte
und der anschließend im völkisch-nationalen Milieu zu einer festen, quasi-empi-
rischen Weltanschauung gerann, die ihrerseits zur Ausbildung der politisch-natio-
nalen Identität der Deutschen wesentlich beitrug.74 Hier zeigt sich, wie nach
Wagners Tod die Einpassung seines Lebens und Denkens in die Vorstellungen
Bayreuths vonstattenging: Inhaltliche Umakzentuierung von Wagners Begriffen,
semantische Verschiebungen der zugrunde liegenden Begriffsinhalte, assoziative
Anschlüsse an gängige Vorstellungwelten der völkischen Rechten waren die Mit-

72 HSC, Richard Wagner, S. 168; die folgenden Zitate auf den Seiten 167 f.
73 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 94 ff.
74 Dazu ausführlich Ingo Wiwjorra, Der Germanenmythos, passim.
76 Chamberlains Wagner

tel, ein Wagner-Bild zu entwerfen, das von den Erbeverwaltern als authentisch
ausgegeben wurde.
Ein anderes gravierendes Beispiel einer solchen semantischen Uminterpreta-
tion betrifft Wagners Haltung zur christlichen Religion. Nach Chamberlain ist die
Religion die zweite Säule von Wagners Staatsverständnis; denn was das Königtum
für das äußere Leben eines Volkes bedeute, sei die Religion für dessen inneres
Leben.75 Selbst dort, wo Wagner dem kirchlich organisierten Christentum feind-
lich gesonnen gewesen sei, so Chamberlain, gebe »es nicht eine einzige Schrift von
ihm, in der er nicht von der Religion als der Grundlage der ›eigentlichen Men-
schenwürde‹, als der Quelle aller Kunst usw. spräche.« Eine überraschende Be-
hauptung angesichts der Hasstiraden, die Wagner in seinen Zürcher Kunstschriften
nicht nur gegen die christlichen Kirchen, sondern gegen das Christentum selbst
loslässt: Eine »ehrlose, unnütze und jämmerliche Existenz des Menschen auf
Erden«76 predige das Christentum, ebenso »Selbstverachtung, Ekel vor dem Da-
sein, Grauen vor der Allgemeinheit«; die »Vertröstung auf das Jenseits« sei gerichtet
gegen alles Sinnliche des Lebens, die »Heuchelei […] der hervorstechendste Zug«
dieser Religion. Wagners Urteil über die Religion im Allgemeinen, über das
Christentum im Besonderen ist um 1850 durch die Lektüre Ludwig Feuerbachs
geprägt, den er als den »einzigen Philosophen der Neuzeit«77 schätzt, dessen Sicht
der Religion als einer Projektion menschlicher Sehnsüchte, Wünsche und Schwä-
chen er übernimmt, dem er aus Verehrung sein Kunstwerk der Zukunft – in Anspie-
lung auf Feuerbachs Philosophie der Zukunft betitelt – widmet. Das alles schiebt
Chamberlain beiseite, bezieht sich stattdessen auf den späten Wagner, der aber
zwischen Christentum und christlichen Kirchen scharf trennt. In völliger Verdre-
hung der Fakten behauptet Chamberlain, Wagner habe die Kirchen »meistens mit
höchster Achtung behandelt« und deren Versagen habe ihm Gelegenheit zu »lie-
bevollen Exkursen« geliefert.78 Und er nimmt zugleich den Textentwurf Wagners
über Jesus von Nazareth (1848) als Ausdruck »tiefreligiöser Gesinnung«, während
Wagner in diesem nicht komponierten Text Jesus als das kraftvolle Beispiel eines
die Liebe und soziale Gerechtigkeit predigenden Sozialrevolutionärs sieht. Cham-
berlain dagegen unterschiebt seine eigene tiefe Religiosität dem ebenso tief verehr-
ten ›Meister‹.
In vergleichbarer Weise werden auch die politischen Implikationen von Wag-
ners Schriften einer inhaltlichen Neudeutung unterzogen. Die Frage, ob Wagner
Sozialist, gar Anarchist gewesen sei, wird entschieden verneint, alle Verbindungen
zu linken politischen Denkern, selbst zu Radikal-Demokraten bagatellisiert oder
ignoriert, Wagner zu einem Konservativen sui generis gemacht, der gegen den

75 HSC, Richard Wagner, S. 163 f.; die folgenden Zitate ebenda.


76 Richard Wagner, Die Kunst und die Revolution, in: GSD, Bd. 3, S. 14; hier auch die folgenden
Zitate.
77 Richard Wagner, Mein Leben, S. 501.
78 HSC, Richard Wagner, S. 163.
Wagners Philosophie 77

Adel, gegen den Liberalismus, gegen die »undeutsche Demokratie« und all ihre
Begleiterscheinungen gewesen sei.79 Chamberlain räumt ein, dass Wagner zeitweilig
an einigen radikalen Strömungen des deutschen Vormärz durchaus partizipiert
habe; aber am Ende charakterisiert er ihn als den einzigen Verfechter für eine viel
grundlegendere Revolution, für eine »Menschheitsrevolution«, die über alle natio-
nalen Beschränktheiten hinausgeht: »Wagner war ganz entschieden Revolutionär«,
schreibt er, weil er »die jetzige Welt als schlecht erkannt (hat), und diese Erkenntnis
bildet ein grundlegendes Bekenntnis«. Das könnte zunächst als Bestätigung der
Revolutionsbeteiligung Wagners erscheinen, doch es impliziert, wenn man will,
auch das Gegenteil: Es entschärft, ja entpolitisiert die Revolutionsschriften der
Jahre 1848 bis 1852, weil ihnen nur eine zeitlich limitierte und national begrenzte
Bedeutung zukommt, die durch den aufs Prinzipielle zielenden Begriff der Rege-
neration überholt wird. Zugleich schneidet Chamberlain aber mit dieser Interpre-
tation die Wurzeln ab, aus denen die Spätschriften hervorgegangen und deren Spu-
ren noch deutlich zu erkennen sind. Wagner wird ein Begriff von Politik supponiert,
der sich der Einfügung und Einordnung in die zeitgenössischen Strömungen ent-
zieht und seinen Vertreter zu einer singulären Figur stilisiert. In der Darlegung von
Wagners Politik entfaltet Chamberlain, durchaus geschickt und belesen, dessen
Anti-Politik als das eigentliche Zentrum seines politischen Denkens – dies nicht zu
Unrecht, weil Wagner in der Tat alle Politik, verstanden als Tagespolitik, zugunsten
der Kunst verabschieden wollte. Doch bei Wagner war die Begründung eine andere
als bei Chamberlain. Der will seinen ›Meister‹ vor allem aus dem linken Dunstkreis
herausziehen, während der ›Meister‹ selbst alle Politik in Kunst aufgehen lassen will,
sich eigentlich eine ›postrevolutionäre politische Kunst‹ erhofft, die dann erst eine
umfassende Regeneration ermöglichen sollte.

Wagners Philosophie
Unter den philosophischen Referenzen Wagners wird vor allem Ludwig Feuer-
bach, der für Wagners Denken wohl wichtigste Kopf während der Dresdner Jahre,
in seiner Bedeutung entschieden relativiert. Nach Chamberlain zwar »ein makel-
loser Charakter, ein Muster der Gelehrsamkeit, ein Muster der Bescheidenheit und
ein Muster der furchtlosen Liebe zur Wahrheit«, habe Wagner ihn aber nur des-
halb geschätzt, weil bei ihm die Philosophie »im Menschen aufgeht«, er also weni-
ger philosophisch als moralisch von Bedeutung gewesen sei. Daraus erkläre sich
auch, »dass wir in Wagner’s Schriften aus der Züricher Zeit nur einige ganz allge-
meine Berührungspunkte mit Feuerbach antreffen, aber gar keine eigentlich phi-
losophischen«. Gegen die Fakten behauptet Chamberlain, Wagner habe bei Feu-
erbach wenige übereinstimmende Gedanken gefunden, sie aber in einem gänzlich

79 Ebenda, S. 178 ff.; die folgenden Zitate auf den Seiten 177; 187; 188 ff.; 191; 191; 191 f.; 193; 192;
197 f.; 198.
78 Chamberlains Wagner

eigenen Sinne gebraucht, so dass der Philosoph am Ende »dem Meister einige
Formeln für sein Denken geliefert [hat]: Bausteine, Ziegeln, Schutt, Marmorblö-
cke, alles durcheinander«. Alles in allem habe Feuerbach »mehr verwirrt als ge-
klärt«, habe Wagner das, »was er sagen wollte, erschwert«, doch sei der Einfluss
schließlich ebenso gering geblieben wie der Nutzen. In diesem Sinne unterzieht
Chamberlain die Zürcher Kunstschriften einer durchgreifenden Interpretationsrevi-
sion, versteht sie auch dort, wo Wagner direkt wie indirekt von Feuerbach zehrt,
als intuitive Vorwegnahme zentraler Philosopheme Schopenhauers. Feuerbach
wird auf eine transitorische Bedeutung, auf eine Brückenfunktion hin zu Schopen-
hauer reduziert. Aber auch der vermittelt keine originellen philosophischen Ein-
sichten; denn überall dort, wo Wagner bereits in seinen drei großen politisch-
ästhetischen Schriften von 1850/51 klar rede, wo er gleichsam zu sich selbst komme
und alle Verirrungen aus der Zeit des deutschen Vormärz hinter sich lasse, antizi-
piere er die ihm noch unbekannte Philosophie Schopenhauers.
Damit wird Schopenhauer zum philosophischen Garanten Wagners gemacht,
der allerdings Wagner nichts prinzipiell Neues vermittel kann, weil der ohnehin
schon alles weiß, zumindest ahnt. Doch habe Schopenhauer den ›Meister‹ zur
Klarheit seiner Gedanken wie Gefühle gebracht. Vor allem zur Klarheit seiner
Gefühle, denn für Chamberlain ist Schopenhauer bestenfalls ein Gefühlsphilosoph,
weil der Wille sich über das Gefühl in die Wirklichkeit einbringt: »Die wahre
Kühnheit bestand in dem Angriff gegen die Quelle alles Rationalismus, gleichviel
ob fromm oder freidenkerisch, reaktionär oder revolutionär, d. h. sie bestand in der
Verkündigung der untergeordneten Stellung des Intellektes dem Willen gegen-
über und der abstrakten Erkenntnis im Verhältnis der anschaulichen.« Vom Chris-
tentum bis zur indischen Religiosität, von den Naturwissenschaften bis zur Kultur,
von der Kunstgeschichte bis zur Musik attackiere, so Chamberlain, Schopenhauer
das Bestehende und entfalte so eine ungemein reiche Weltanschauung, die der
Wagners in vielen Teilen so nahe komme, dass dieser, manchen Differenzen zum
Trotz, ein Grundvertrauen auszubilden vermochte. Chamberlain bezeichnet es als
die »Rückkehr in die ureigene Heimat«. Solche Rückkehr beseitige nebenbei
noch die »dummen Streiche der Revolutionszeit« und all das, was an kritischem
Linkshegelianismus und radikaler Gesellschaftskritik Wagners Dresdner und Züri-
cher Jahre mitbestimmt habe.
Hatte Chamberlain in seinem ersten nach Bayreuth gesandten Essay noch be-
stritten, dass Schopenhauer überhaupt ein ernst zu nehmender Philosoph sei, so
räumt er ihm nun – um Wagners politisches Engagement relativieren zu können
und dessen langjährige Lektüre Schopenhauers wenigstens zu berücksichtigen –
eine schirmende und stützende Rolle ein. Vor allem die Hinwendung zur Emo-
tionalität als einem Prinzip sinnlicher Erkenntnis sei durch den Philosophen ent-
scheidend bestärkt worden – eine Hinwendung, die allerdings viel entscheidender
durch die Feuerbach-Lektüre bei Wagner bewirkt wurde. Darüber hinaus glaubt
Chamberlain in den Zürcher Kunstschriften bereits Ansätze zu erkennen, die sich
mit Schopenhauer berühren: »In der Metaphysik der Natur ahnte Wagner
Wagners Philosophie 79

Schopenhauer’s Lösung des Problems; in der Metaphysik des Schönen verhinderte


einzig das mangelhafte Begriffsschema die volle Übereinstimmung, noch ehe er
Schopenhauer’s Philosophie kennengelernt hatte; in der Metaphysik der Sitten
herrschte spontane absolute Identität in der praktischen ›moralischen‹ Anwen-
dung.« Mit anderen Worten: »Was wir also hier erleben, ist nichts weniger als eine
Umkehr, es ist auch nicht die Aufdeckung einer vorher ungeahnten Welt, sondern
es ist die taghelle Beleuchtung der schon vorhandenen.« So wird Kontinuität einer
Entwicklung hergestellt, die doch durch Diskontinuitäten, durch abrupte Bre-
chung von Lebensverhältnissen charakterisiert ist.
Man mag das Schopenhauer-Verständnis von Chamberlain in mancher Hin-
sicht kritisieren – es würde zu weit führen, hier auf Details genauer einzugehen80 –,
aber auf einen Punkt weist er zu Recht immer wieder hin: dass die Faszination
Wagners durch die Lektüre von Die Welt als Wille und Vorstellung vor allem dort
am stärksten war, wo die Willenstheorie des Philosophen eigene Vorstellungen
Wagners ansprach. Da der Wille grundlos ist, da er mit sich selbst zerfällt und folg-
lich bei den Menschen Schmerz, Elend und Leid hervorbringt, ist Schopenhauers
Philosophie tief pessimistisch grundiert, mit der Konsequenz einer radikalen Welt-
verneinung. Dem ›Menschheitsrevolutionär‹ Wagner kam diese radikale Negation
alles Bestehenden nach dem Scheitern der Revolution und seiner revolutionären
Hoffnungen zunächst sehr entgegen. Aber es war dennoch nicht seine Zukunfts-
perspektive. Wagner verwarf, das bekräftigt auch Chamberlain, den absoluten Pes-
simismus zugunsten einer Regeneration des Lebens, er setzte, wie man heute sagen
würde, auf einen langangelegten Bewusstseinswandel der Menschen, den er durch
Schopenhauer eher gefährdet denn befördert sah. Im Februar 1870 notierte Co-
sima in ihrem Tagebuch, Wagner befürchte, »daß die Philosophie Schopenhauer’s
am Ende einen schlimmen Einfluß auf solche jungen Leute habe, weil sie den
Pessimismus, welcher eine Form des Denkens, der Anschauung sei, auf das Leben
nun wenden und sich daraus eine praktische Hilflosigkeit bilde«.81
So sehr Wagners intellektuelle Abhängigkeit von Feuerbach gegen alle Belege
von Chamberlain relativiert wird, so richtig ist das Verhältnis von Wagner zur
Philosophie Schopenhauers beschrieben. Auch dass es zwischen Feuerbach und
Schopenhauer Berührungspunkte gibt – wobei sich Feuerbach nach 1848 Scho-
penhauers Positionen sehr angenähert hat82 –, wird zu Recht konstatiert. Ideenhis-
torisch falsch ist allerdings der Versuch, die Zürcher Kunstschriften aus der Perspek-
tive Schopenhauers zu verstehen, weil für diese Feuerbach der maßgebliche
Inspirator war. Wie es gleichermaßen problematisch ist, die langanhaltende Wir-
kung Feuerbachs bis in die Spätschriften hinein zu ignorieren. Das waren entschei-
dende ideenpolitische Verschiebungen, die einer konservativ-reaktionären Inter-
pretation Wagners Vorschub leisteten.

80 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 286 ff.


81 TB, Bd. I, S. 199 (17. Februar 1870).
82 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 300, Anm. 54.
80 Chamberlains Wagner

Abb. 13: Chamberlain in seiner Wiener Bibliothek um 1895,


als seine Wagner-Biographie erschien

Die Regenerationsschriften
Eines der wichtigsten Kapitel der Wagner-Biographie beschäftigt sich mit den so-
genannten Regenerationsschriften. Darunter werden jene Essays zusammengefasst,
die Wagner im Umfeld seiner Parsifal-Komposition geschrieben hat, also im We-
sentlichen Religion und Kunst (1880), Wollen wir hoffen? (1879), Erkenne Dich selbst
(1881) und Heldenthum und Christenthum (1881). Spätschriften, die zumeist in der
Literatur als eher verwirrend denn klärend empfunden werden, als Widerruf von
manchem, was in den Zürcher Kunstschriften entwickelt worden war, überdies als
rassistisch und scharf antisemitisch, gelegentlich auch als schlicht unsinnig.
Die Regenerationsschriften 81

Chamberlain wertet diese Schriften drastisch auf, macht sie zu einem Pfeiler
von Wagners Weltanschauung, erklärt sie zur entscheidenden Grundlage des Bay-
reuther Gedankens und rückt sie damit ins Zentrum der Bayreuther Ideologie. Auch
diese Akzentsetzung relativiert die Bedeutung der Zürcher Kunstschriften sowohl für
das kompositorische Schaffen Wagners wie für dessen Denken. In Chamberlains
Lesart sind die Zürcher Kunstschriften gleichsam die Vorstufe zu diesen Spätschriften,
eine »erste Gruppe«83, in der angeblich das große Thema »Religion und Kunst«
vorbereitend behandelt wird, das dann zum Fokus der Spätschriften avanciert:
»Der leitende Gedanke ist in den beiden Schriftenreihen ganz derselbe: zu einer
wahren Blüte kann die Kunst nicht in unserer jetzigen, sondern erst in einer ›rege-
nerierten‹ Gesellschaft gelangen; diese Regeneration aber ist jedoch ohne die Mit-
wirkung der Kunst unausführbar.« Dass Regeneration aber überhaupt nötig ist,
resultiert aus der Überzeugung, die Menschheit habe sich aus einem ursprüngli-
chen Zustand der Einheit mit der Natur immer stärker auf einen davon abwei-
chenden Irrweg begeben. Zivilisatorischer ›Fortschritt‹ wird als ›Verfall‹, als ›Ent-
artung‹ der menschlichen Natur bewertet, die nur wieder rückgängig gemacht
werden kann, wenn sich die Menschen der »ursprünglichen Güte« der Natur be-
wusst werden und diese gegen eine entartete Moderne durchsetzen.
Wagners Regenerationslehre und ihre Interpretation durch Chamberlain
braucht hier im Einzelnen nicht wiedergegeben werden.84 Nur so viel: Nach
Chamberlain ist Wagners Einsicht in die völlige Verderbtheit der modernen Ge-
sellschaft grundlegender Ausgangspunkt aller Regenerationsüberlegungen. Über
viele Seiten seiner Biographie zitiert er die einschlägigen Monita aus den Zürcher
Kunstschriften, die bei Wagner allerdings noch nicht das Ziel einer Regeneration
der Menschheit haben, sondern lediglich aus der damaligen Sicht des Komponisten
die Dekadenzfaktoren der Zeit aufsummieren und zur Rechtfertigung einer er-
hofften Revolution dienen. Chamberlain freilich fügt sie seinerseits zu einem Pa-
norama der Verfallsbeschwörung zusammen, so dass sie gleichsam antizipatorisch als
Begründung für den erst später, in den Spätschriften, entwickelten Regenera-
tionsgedanken gelten können.
Dann aber kommt eine Überraschung: Am Ende seiner Aufzählung dieser
Faktoren erklärt er plötzlich, die bisher vorgetragenen Gründe der Entartung seien
für Wagner nur »Gründe zweiter Ordnung«, weil sie hinter dem alles entscheiden-
den Grund für die Degeneration der Moderne, dem »moralischen Einfluß des Ju-
dentums«, zurückträten.85 Überraschend kommt diese Erklärung deshalb, weil bis
dahin in der Darstellung von Wagners Denken antisemitische Aspekte keine Rolle
gespielt haben.
Es ist unklar, wann Chamberlain zu seiner antisemitischen Einstellung gefun-
den hat, die auch für seine Wagner-Interpretation – und darüber hinaus in sehr viel

83 HSC, Richard Wagner, S. 212; das folgende Zitat S. 213.


84 Eingehend: Udo Bermbach, Richard Wagner in Deutschland, S. 179 ff.
85 HSC, Richard Wagner, S. 220.
82 Chamberlains Wagner

schärferer Form für die meisten seiner weiteren Arbeiten – entscheidend geworden
ist. Weder in seinen Lebenswegen noch in seinen Briefen findet sich hierzu ein Hin-
weis, der es erlauben würde, die ›antisemitische Wende‹ in seinem Leben und
Denken zeitlich einigermaßen präzise zu datieren. Es gibt kein »Inspirationserlebnis«86,
das die Hinwendung zu einem dezidierten Antisemitismus erklären würde, keine
persönlich negativen Erfahrungen mit Juden, sondern im Gegenteil eine Reihe
positiver Begegnungen, die nicht zuletzt durch jenen oben zitierten jüdischen
Wagnerianer Blumenfeld aus Wien eingeleitet wurden, der ihn auf Wagner über-
haupt erst nachdrücklich aufmerksam gemacht hat. Mag sein, dass er durch Wag-
ners Judenhass zu seinem Antisemitismus gekommen ist; mag sein, dass das antise-
mitische Bayreuther Umfeld und hier besonders Cosima Wagner ihn zu seiner sich
mehr und mehr verschärfenden Haltung stimuliert hat; mag sein, dass die zahlrei-
chen ›Ostjuden‹ im Wiener Stadtbild und der in Österreich herrschende Antisemi-
tismus ihn beeinflusst haben; mag sein, dass er als Biologe aus den Schriften Gobi-
neaus und Darwins entsprechende Schlüsse gezogen hat87 – mit Sicherheit lässt sich
hier nichts sagen. Auch der Briefwechsel mit Cosima Wagner gibt in dieser Sache
keinen Aufschluss.
Eindeutig allerdings ist, dass diese antisemitische Wende gegenüber Wagners
Weltanschauung eine gravierende Interpretationsverschiebung nach sich zieht, die
den Akzent weg von den gesellschafts- und politiktheoretischen Aussagen Wag-
ners hin zu seinen erst in den Spätschriften wirklich relevant werdenden Rassen-
vorstellungen verschiebt. Die Zürcher Kunstschriften werden nunmehr noch einmal
aus der Perspektive der antisemitischen und rassistischen Spätschriften gelesen, ein
historisch unstatthaftes Verfahren. Nach Chamberlain ist bei Wagner der »Verderb
des Blutes«, verursacht durch falsche Ernährung und die Vermischung edler Rassen
mit weniger edlen, der alles entscheidende Grund für den zivilisatorischen Verfall,
den das Judentum mit seinem demoralisierenden Einfluss nachhaltig verstärkt –
eine unhaltbare Interpretation.
Gleichwohl geht Chamberlain mit Wagners Antisemitismus auch differenzie-
rend um. Zum einen betont er, dass zu jener Zeit, da Wagner sein antisemitisches
Pamphlet veröffentlichte, »alle Nichtjuden eigentlich Antisemiten waren, von den
Demokraten kommunistischer Färbung an bis zu den Ultrakonservativen«88 – und
entschärft mit dieser Behauptung Wagners Position, indem er sie in einen ver-
meintlich allgemein vorherrschenden antisemitischen Zeitgeist einbettet. Zum an-
deren betont er Wagners freundschaftlichen Umgang mit jüdischen Anhängern
und zieht daraus den Schluss, die »jüdische Hetze« gegen Wagner habe nur bei den

86 So der Begriff, den Peter Wapnewski für die bei Richard Wagner zu findenden Behauptungen
verwendet, ein bestimmtes Erlebnis – etwa das Erlebnis einer besonderen Stimmung am Karfrei-
tag als Inspiration für den Karfreitagszauber im Parsifal – habe einen musikalischen Kompositions-
einfall ausgelöst. Peter Wapnewski, Der traurige Gott. Richard Wagner in seinen Helden, München
1980, S. 31 ff.
87 Dazu Anja Lobenstein-Reichmann, Houston Stewart Chamberlain, S. 574 f.
88 HSC, Richard Wagner, S. 225; die folgenden Zitate auf den Seiten 227; 229.
Die Regenerationsschriften 83

»schlechteren Elementen des eigentlichen Judentums« Unterstützung gefunden; er


unterscheidet also zwischen ›guten‹ und ›schlechten‹ Juden. Auch der Hinweis,
Wagner habe primär vor dem kulturellem, nicht politischem oder wirtschaftlichem
Einfluss der Juden gewarnt, soll dessen Antisemitismus vor dem weitverbreiteten
antisemitischen Vorurteile in Schutz nehmen, wonach es den Juden um Herrschaft
in allen Bereichen des Lebens, vor allem um Geld gehe. Anders ist kaum zu ver-
stehen, weshalb Chamberlain nachdrücklich betont, Wagners Vorbehalte gegen
die Juden hätten nicht deren wirtschaftlichen Tätigkeiten gegolten. Und schließ-
lich weist er mehrfach auf die Schlusssätze von Wagners Judenthums in der Musik
hin, die er als einen Aufruf zur völligen Assimilation interpretiert. Die »Erlösung
Ahasvers – der Untergang« wird im Sinne des »gemeinschaftlich mit uns Mensch
zu werden« aufgefasst, des »höret auf, Juden zu sein«, weit entfernt von einer Posi-
tion, die in der Rasse die Unfähigkeit zur Anpassung begründet glaubt, wie sie von
radikalen Vertretern des Rassismus, vor allem auch vom späteren Nationalsozialis-
mus vertreten worden ist. Und ebenso weit entfernt von einem »eliminatorischen
Antisemitismus«89 oder auch »Erlösungsantisemitismus«.90 Chamberlain zufolge
verdichtet sich Wagners Antisemitismus in der Überzeugung, die Juden lebten
»von der Ausbeutung des allgemeinen Verfalls«91, seien also nicht selbst die Ursache
des Verfalls. Gegen die von Wagner in den Spätschriften propagierte vegetarische
Lebensweise erhebt er massive Vorbehalte: Er sieht darin eine »ziemlich unbehol-
fene Verwendung naturwissenschaftlicher Ergebnisse« und verweist auf das Fehlen
jeglicher empirischen Grundlage der Vorstellungen Wagners, hält also dessen Auf-
fassungen für den Ausdruck künstlerischer Phantasie.
In den Regenerationsschriften unterscheidet Chamberlain drei Ebenen: eine
materiell-empirische, eine transzendent-metaphysische und eine mystisch-religi-
öse. Diese drei Ebenen würden, so meint er, durch den Kunstanspruch Wagners
zusammengeführt und synthetisiert. Dazu ist zunächst generell zu sagen: Eine sol-
che Differenzierung bietet den Vorteil, dass alle problematisch bis absurden Alters-
vorstellungen Wagners je nach Belieben von der einen auf die andere Ebene ver-
schoben werden können. So sind die eben erwähnten Vegetarismus-Ideen Wagners
wie auch andere Überlegungen zur praktischen Lebensführung, von diesem sehr
konkret zur Umsetzung vorgeschlagen, für Chamberlain nur ›Bilder‹ eines inneren
Reformprozesses; sie wandern gleichsam von der materiell-empirischen Ebene,
wo Wagner sie angesiedelt hat, auf die transzendent-metaphysische, wo sie nicht
ernst genommen werden müssen. »Es könnte leicht geschehen«, heißt es bei
Chamberlain, »daß eine zu konkrete Auffassung von Dingen, die nur den Wert
von Argumenten, von Bildern besitzen, über die Grundwahrheit einer vielleicht
weder geschichtlich noch experimental zu erweisenden Tatsache täuschen und

89 Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker: Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust,
Berlin 1996.
90 Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden, S. 87 ff.
91 HSC, Richard Wagner, S. 229; das folgende Zitat S. 223.
84 Chamberlains Wagner

irreleiten würde.« Die Frage, wieso Thesen, die weder historisch noch naturwis-
senschaftlich beweisbar sind, als ›Grundwahrheiten‹ des Lebens fungieren können,
wird hier weder gestellt noch beantwortet.
Schwierigkeiten einer »harmonischen Gestaltung« von Wagners »genialer
Weltanschauung« in seinen letzten Schriften ergeben sich durch Schopenhauer
und dessen Rezeption bei Wagner. Den Widerspruch zwischen Weltverneinung
und Regeneration sucht Chamberlain dadurch zu lösen, dass er Wagner einen
»kühnen Sprung« in die Hoffnung einer gesellschaftlichen Veränderung attestiert.
Wagner habe mit »unfehlbarer Richtigkeit erkannt, daß die Verneinung des Wil-
lens zum Leben […] sich immer als höchste Energie des Willens selbst charakteri-
siere«; wer »mit klarem Verstand den Verfall erkenne und wer zugleich diese
höchste Energie des Willens besitze«, halte alles in der Hand, »was zu einer Rege-
neration not tut«; er sei »des Heiles Herr«. Stimmte diese Interpretation, dann wäre
die von Chamberlain betonte Bedeutung Schopenhauers für Wagners Schaffen in
einem zentralen Punkt, dem des Pessimismus, falsch; zu fragen wäre dann, welche
Bedeutung Schopenhauer überhaupt für Wagner noch haben könnte.
Weniger problematisch zeigt sich für Chamberlain das Verhältnis von Kunst
und Religion, der dritte große Themenkomplex der Regenerationsschriften. Dass
die Kunst den »Kern der Religion« retten soll, wie es in Religion und Kunst heißt,
um durch deren mythische Symbole »die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit«92 zu
zeigen, ist für ihn der entscheidende Ausgangspunkt. Freilich, auch hier vollzieht
er eine interpretatorische Akzentverschiebung insoweit, als er nicht nur wie Wag-
ner die Kunst in ihrer eigenen Würde an die Stelle der Religion setzen will, son-
dern glaubt, die Kunst könne ihre Kraft nur aus einer »wahrhaften Religion«
(Wagner) ziehen und habe deshalb die Grundüberzeugungen des christlichen
Glaubens zur Voraussetzung, die sie zugleich auch repräsentiere solle: »Denn ist die
Mitwirkung der Kunst für den Wiedergewinn einer wahrhaften Religion unent-
behrlich, so ist andererseits wahrhafte Kunst nur als eine Emanation der Religion
denkbar.« Diese These, die sich so keineswegs auf Wagner berufen kann93, ist frei-
lich in Chamberlains und Bayreuths Wagner-Verständnis zentral; sie ist das Funda-
ment für jene Sakralisierung Wagners, die teilweise bereits vor seinem Tode, mas-
siv aber danach in Bayreuth einsetzte und das Festspielhaus zum ›Tempel‹ erklärte.94

Der »Bayreuther Gedanke«


Es ist kein Zufall, dass Chamberlain sein Wagner-Buch mit zwei Abschnitten über
die Bayreuther Festspiele und – noch bedeutsamer – über den Bayreuther Gedanken
beschließt. In beidem kulminiert, was er zuvor aus Leben und Werk des ›Meisters‹

92 Richard Wagner, Religion und Kunst, in: GSD, Bd. 10, S. 211.
93 Vgl. Udo Bermbach, Blühendes Leid, Kapitel: Parsifal, S. 288 ff.
94 Vgl. Udo Bermbach, Mythos Wagner, bes. S. 211 ff.
Der »Bayreuther Gedanke« 85

herausgelesen hat: Bayreuths Kulturmission, »deren sichtbares Symbol das Fest-


spielhaus ist«.95 »Nur von dem Manne konnte das Bayreuther Haus ersonnen wer-
den«, schreibt er, »der die künstlerische Entwicklung eines ganzen grossen Volkes
nicht allein übersah, sondern in seinem eigenen Denken und Fühlen zur Blüte
brachte.« Der »ästhetischen Erziehung des Menschen« diene dieses Haus, sei Aus-
druck eines »gewaltigen Kulturgedankens«, der sich allerdings auf die Besucher
unterschiedlich auswirke: »Kunst wirkt auf jeden verschieden, auf einige fast gar
nicht, auf manchen wohl nur sehr oberflächlich, als eine wirkliche Macht, wenigs-
tens unmittelbar, gewiss nur auf hochorganisierte Geister. Also auch aus diesem
Grund erhellt es, dass die Auffassung des eigentlichen Bayreuther Gedankens sich
in verschiedenen Köpfen sehr verschieden gestalten muss.«
Gleichwohl rekurriert der Bayreuther Gedanke auf jene Inhalte, die oben skiz-
ziert worden sind: Im Zentrum stehen die Regenerationsschriften, die Chamberlain
als zentralen Bestandteil der Weltanschauung Wagners heraushebt. Daneben be-
stimmen Philosophie, Religion, Rasse und Kunst in ihrem Verhältnis zur ange-
strebten Regeneration der Menschheit die inhaltliche Substanz einer Haltung zur
Welt, die als ein kulturelles und geistesgeschichtliches Beziehungsgeflecht entwor-
fen ist – zum Zweck der vollständigen Änderung einer verkommenen Zivilisation.
Es geht um eine »künstlerische Weltanschauung«, um ein nicht nur begriffliches
Denken, sondern um Anschauungen, wie sie der Künstler zum Vorschein bringt.
In einem zentralen Passus seines Buches heißt es: Wagners »Denken war wirkliches
Anschauen, sein Sprechen waren klare, scharf umgrenzte, plastische Bilder auf der
Bühne. Einem solchen Denken und seiner Widerspiegelung im gesprochenen und
geschriebenen Wort kommt aber unter anderem jene wesentlichste Eigenschaft
genialer Kunst zu, dass es nie ›auszudenken‹ ist: im Gegensatz zu einer streng lo-
gisch analytischen, scharf umgrenzten Wissenschaft ist eine derartige Weisheit so
unerschöpflich wie die Natur, welche hier […] im Gehirn des künstlerischen Ge-
nies eine ›totale Reflexion‹ erleidet und nicht, wie durch die bloß logische Denk-
funktion, eine nur ›partielle‹. Hiermit dürfte aber zugleich ausgesagt sein, was man
unter dem Bayreuther Gedanken zu verstehen hat, jedenfalls auch ein künstlerisch
Geniales sein muss, das nicht abgezirkelt und abgemessen werden kann, sondern
einer Quelle gleicht, aus der unerschöpflich ›Wasser des Lebens‹ […] zu entneh-
men ist.«
Chamberlain zufolge ist der Bayreuther Gedanke die begrifflich gefasste Essenz
aller theoretischen wie praktisch-ästhetischen Arbeiten des Bayreuther ›Meisters‹.
Er ist Kürzel für den Gesamtzusammenhang aller Teile, aus dem sich Wagners
Weltanschauung ergibt, zugleich Bezeichnung aber auch für die äußerste Ver-
dichtung und die utopische Perspektive der Kunst Wagners mit ihrem Ziel der
›Menschheitsrevolution‹. Nietzsche hatte, lange vor Chamberlain, diesen Begriff
bereits geprägt und damit gemeint, er charakterisiere sowohl die Mühen Wagners
in der Vergangenheit als auch einen »Vorgenuss, ein Vorausleben der höchsten

95 HSC, Richard Wagner, S. 461; die folgenden Zitate auf den Seiten 492; 495; 493; 495 f.; 497; 500 f.
86 Chamberlains Wagner

Art«96, eben den Vorgriff auf eine Zukunft, die durch die Kunst geprägt sein
würde. Chamberlain präzisiert diese eher vage Bestimmung dadurch, dass er alle
Elemente der Bühnenkunst Wagners – von der Musik, der Dichtung, dem Gesang,
dem Orchester, dem Bühnenbild, der Bewegung, dem Licht – einschließlich der
politisch-ästhetischen Theorie und der darüber hinausgreifenden politisch-ge-
sellschaftlichen Weltanschauung zu konstitutiven Teilen seiner Bestimmung des
Bayreuther Gedankens macht. Die Folge ist ein Konzept, das die grundlegende mo-
ralische, ethische, ästhetische und gesellschaftliche Erneuerung Deutschlands an-
zielt, eine Neubegründung der nationalen Kultur der Deutschen will, die sich
allerdings als eine »reinmenschliche« über die nationalen Beschränktheiten hinaus
an alle Menschen richtet und die Welt insgesamt als eine von Kultur durchdrun-
gene neu erfinden will. Stimuliert durch die deutsche Kunst, genauer: durch Wag-
ners Kunst.
Doch der Bayreuther Gedanke ist nicht nur Konzept, dem sich die Wagnerianer
einfach passiv hinzugeben haben, sondern er beruht auch auf deren unmittelbarer
Teilhabe am künstlerischen Geschehen im Bayreuther Festspielhaus. Er teilt sich
deshalb zunächst nur einer kleinen, elitären Minderheit mit, jenen, die durch die
Begegnung mit Wagners Kunst im Festspielhaus eine »wahre Kultur des Geistes«
ausbilden, deren »einheitliche Weltanschauung« sie zu einem echten Wissen führt,
das mehr ist als die bloße Ansammlung und Speicherung von Fakten. Wahrzuneh-
men, was da ist, ist das eine; konkrete Lebenserfahrungen mithilfe der Kunst in
eine umfassende und in sich abgerundete Weltanschauung zu transformieren, das
andere, das Entscheidende. Da Chamberlain überzeugt ist, dass Wagners Einfluss
»in einem heute noch ungeahnten Masse umgestaltend auf das Denken der Men-
schen wirken wird«97, glaubt er, der Bayreuther Gedanke werde sich immer bestim-
mender ausbreiten, werde ausgehen von den »zuhöchst kultivierten Geistern«,
dann aber übergehen auf die »grosse gesunde Masse des Volkes«.
Es ist die Kunst, in Verbindung mit Wissenschaft, Philosophie und Religion,
die die tiefgreifenden Veränderungen der Zukunft bewirken wird, eine Kunst frei-
lich, die sich vollgesogen hat mit den Erkenntnissen des Lebens, wie sie durch die
anderen Wissenszweige vermittelt werden. »Die Kunst wird nicht Wissenschaft,
nicht Philosophie, nicht Religion werden; aber ebenso, wie wir es erlebt haben,
dass Religion auf Philosophie und Wissenschaft, Wissenschaft auf Philosophie und
Religion einen weitreichenden Einfluss ausüben, ebenso können wir es und wer-
den wir es erleben, dass die Kunst die Arroganz der Wissenschaft brechen, der
Philosophie eine neue Richtung geben und die Religion zu erneutem, segensrei-
chem Leben erwirken wird. So wenigstens meint der Bayreuther Gedanke; das er-
strebt er.«

96 Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen, viertes Stück: Richard Wagner in Bayreuth, in: Dieter
Borchmeyer/Jörg Salaquarda (Hrsg.), Nietzsche und Wagner. Stationen einer epochalen Begegnung,
Frankfurt/M./Leipzig 1994, Bd. 1, S. 691.
97 HSC, Richard Wagner, S. 498; die folgenden Zitate auf den Seiten 502; 507.
Der »Bayreuther Gedanke« 87

Wie Chamberlain hier das schwer überschaubare Feld von Wagners Äußerun-
gen scheinbar übersichtlich ordnete, wie er aus dessen heterogenen Einsichten,
Thesen und Vorstellungen das Konzept des Bayreuther Gedankens synthetisierte und
damit eine Nachvollziehbarkeit scheinbar widersprüchlicher Schriften in einem
harmonisierten Ganzen herstellte, war – aller semantischer Verschiebungen und
inhaltlicher Verfälschungen zum Trotz – für viele Zeitgenossen überzeugend und
prägend. Cosima Wagners Urteil, er werde damit »Gutes« bewirken, erfüllte sich:
Chamberlains Sicht auf Wagner prägte Generationen und gab Wahnfried jene
weltanschauliche Grundlage und äußere Geschlossenheit, die den kulturmissiona-
rischen Anspruch legitimierte und für viele, die Wagner anhingen, überzeugend
und durchsetzungsfähig machte.
Ein Bestseller – Teil I:
Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Leben in Wien
Anna Chamberlain berichtet in ihren Erinnerungen, wie das Einleben in Wien nach
dem Umzug 1889 von Dresden vonstattenging. Man war zunächst in einem gro-
ßen und eleganten Hotel abgestiegen, zog dann in eine kleinere Pension um und
suchte nach einer angemessenen Wohnung, die sich sehr bald im Zentrum der
österreichischen Metropole fand, im Mariahilfer Bezirk: »Dort in ziemlich freier
Lage, in der Blümelgasse, in einem sehr hohen Hause, das […] ins Grüne schaute,
fand Chamberlain im dritten Stock, über Hochparterre und Mezzanin, 123 Stufen
hoch, eine sehr hübsche Wohnung mit vielen Balkons.«1 Es war keine allzu son-
nige Wohnung, aber eine geräumige, mit einem großen Arbeitszimmer, Ess- und
Schlafzimmer, Salon und kleineren Räumen. Der Blick ging über den naheliegen-
den Esterhazy-Park auf die Dächer der Stadt und auf das Gewirr der Straßen.
Die alten Lebensgewohnheiten wurden bald wieder aufgenommen. Chamber-
lain, von Freunden Wotan genannt, arbeitete tagsüber, seine Frau Anna, unter
Freunden Wala genannt, versorgte die Wohnung und ging ihren eigenen Interes-
sen nach. Die Chamberlains lebten eher zurückgezogen, scheuten größere Gesell-
schaften und beschränkten ihren Umgang auf wenige vertraute Freunde. Abends
wurde meistens gelesen, oft vierhändig musiziert, gelegentlich wurden Theater
und Konzerte besucht. Einmal wöchentlich spazierte man durch den Prater, nahm
die beiden Hunde mit – einer davon hieß Mime –, und Chamberlain notierte
plötzliche Einfälle auf Zetteln, die er stets bei sich trug. Mehr und mehr hob sich
Wien gegenüber Dresden vorteilhaft ab, die großen Bauten, die Oper, das Burg-
theater, die alten Adelspaläste und die in jenen Tagen großzügig angelegten, die
Stadt durchziehenden Grünstreifen, Gärten und Parkanlagen – das alles imponierte
und ließ die Erinnerung an Tage in der Elbmetropole langsam verblassen. Als
Adolphe Appia, genannt Roméo, ebenfalls nach Wien zog, um Chamberlain nahe
zu sein, gab es, wie zuvor schon in Dresden, öfter Ausflüge in die Umgebung,
häufig in den Wiener Wald, zu den Denkmälern berühmter Feldherren oder an
geschichtsträchtige Stätten, gelegentlich schwierige Kletterpartien. Chamberlain
wandte sich verstärkt auch kulturell bedeutsamen Stätten zu, wohl in der vagen
Hoffnung, seine Eindrücke irgendwann für ein größeres Werk nutzen zu können.
Aber nach wie vor war der Drang in die Natur groß, wurden Pflanzen und Tiere
beobachtet und Eindrücke zur Landschaft gesammelt.
Von Wien aus machten die Chamberlains zwei Reisen nach Bosnien, ein Ge-
biet, das unter dem Protektorat Österreichs stand und in das Reisen seitens der

1 Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 101; das Folgende nach den Angaben S. 102 ff.
90 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Regierung propagiert und finanziell unterstützt wurden.2 Die Chamberlains profi-


tierten davon, erhielten für beide Reisen finanzielle Unterstützung durch österrei-
chische Behörden, wurden versehen mit einem Empfehlungsbrief des österreichi-
schen Finanzministers Benjamin von Kállay, der ihnen Zugang zu vielen offiziellen
und privaten Stellen in Bosnien verschaffte. Als Vorbereitung auf diese monate-
lange Unternehmung lernten beide zuvor Serbokroatisch. Chamberlain dokumen-
tierte den Aufenthalt ausführlich in Hunderten von Fotos, von denen er nach sei-
ner Rückkehr einige verkaufen konnte, andere in eine Ausstellung gab. Man ritt
zu Pferd oder Maultier, viele Wege waren äußerst beschwerlich und Chamberlain
selbst nicht immer bei bester Gesundheit. Dennoch hielt er die sechs Monate
durch, denn das Land mit seinem halborientalischen Treiben beeindruckte ihn tief,
vor allem die Serben, die er den Germanen verwandt fand, aber auch das Zusam-
menleben von Katholiken, Orthodoxen und Moslems. In gewisser Weise gewann
Bosnien im Rückblick für ihn paradigmatische Bedeutung: Er erlebte es als ein
Land, in dem die Ursprünglichkeit der Bevölkerung noch der kommenden zivili-
satorischen Dekadenz trotzte, so wie Jean-Jacques Rousseau einst seinen ›glückli-
chen Wilden‹. In einem Brief an einen Freund aus dem Jahr 1895 heißt es rückbli-
ckend: »Wir denken viel an Bosnien und sprechen oft davon […]. Ich glaube
wirklich, die Bosniaken sind in diesem Augenblick das glücklichste Volk der Erde:
noch Naturmensch genug, um gesund und frei sich zu fühlen, und dennoch mit
dem besten Segen der Zivilisation schon begabt und mit dem Ausblick in eine
ganze Zukunft von unbekannter und darum auf alle Fälle schön dünkender Ent-
wicklung! Dabei – und das ist der größten Segen einer – keine parlamentarische
Regierung! Möge sie Gott viele Jahre davor schützen.«3 Später, 1917, schrieb er an
Leopold von Schroeder, er habe hier erstmals die Bedeutung der Rassen sichtbar
erlebt.4 Nach seiner Rückkehr suchte er vergebens einige Artikel in der internati-
onalen Presse unterzubringen, um die Interessen Österreichs im Balkan zu vertei-
digen, weil er überzeugt war, dort werde die westliche Zivilisation gegen deren
»tödliche Feinde«, die Russen, verteidigt, und dieses »Faktum« müsse, als grundle-
gend für die östliche Politik, öffentlich gemacht werden.
In Wien begann Chamberlain sehr bald, in der Universität jene Vorlesungen
und Seminare zu besuchen, die für seine biologischen Forschungen nützlich wa-
ren. Doch seine alten Pflanzenexperimente konnte er nicht mehr aufnehmen, weil
seine Gesundheit es nicht erlaubte. 1889 befiel ihn eine »nervöse Furunkulose«.5
Die Folgen einer dauernden (Nerven-) Schwäche zwangen ihn, mehr zu »philoso-
phischen Betrachtungen der Naturwissenschaften«6 überzugehen. Seinem eigenen

2 Ebenda, S. 106 f. In einem gesonderten Kapitel Bilder von unseren Bosnischen Reisen 1889 und 1890
berichtet Anna Chamberlain sehr ausführlich über ihrer beider Eindrücke vom Land; vgl. auch
HSC, Lebenswege, S. 124, und Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 98 ff.
3 Briefe, Bd. 1, S. 30 ff.
4 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 98; zum Folgenden, S. 100.
5 Ebenda, S. 105.
6 HSC, Lebenswege, S. 120.
Leben in Wien 91

Bericht zufolge las er im Eigenstudium nun intensiv darwinistische Literatur, allen


voran naturgemäß Darwin, dann aber auch Klassiker der Naturwissenschaften wie
Marie François Xavier Bichat7 (Anatom und Physiologe), Georges-Louis Leclerc
de Buffon8 (Naturforscher), Réne-Antoine Ferchault de Réaumur9 (Biologe und
Temperaturforscher), Ėtienne Geoffroy Saint-Hilaire10 (Zoologe) oder auch Jean-
Baptiste de Lamarck (Zoologe) – um nur die wichtigsten zu nennen. Intensiv
nahm er die zu seiner Zeit grundlegenden Werke der Geschichte der Naturwissen-
schaften in unterschiedlichen Bereichen, von der Biologie über die Zoologie bis
hin zu medizinischen Abhandlungen, zur Kenntnis, suchte sich einen weiten
Überblick zu schaffen, vorwiegend aber durch französische Wissenschaftler – bis
hin zu Louis Agassiz11 (Naturforscher), dessen De l’Espèce et de la Classification en
Zoologie er als eine der großen enzyklopädischen Veröffentlichungen hoch schätzte.
Die Werke all dieser Wissenschaftler finden sich auch in seiner Bibliothek, und er
hat sie immer wieder zu Rate gezogen, von Zeit zu Zeit genauer gelesen, wie die
Tagebücher ausweisen, ein Leben lang nach ihnen gegriffen. Dahinter stand das
Bedürfnis, »mit den Ergebnissen und Anschauungen der empirischen Wissenschaft
fortlaufend in Fühlung zu bleiben«12, sich aus den wichtigsten naturwissenschaftli-
chen Zeitschriften und Buchpublikationen zu informieren und vor allem auf jenen
Gebieten, die wissenschaftlich erst entdeckt und entwickelt wurden – wie Elektri-
zität oder auch Molekularphysik – sich eingehend vertraut zu machen. »Einzelne
Werke hervorragender Spezialforscher herauszugreifen, um sie gründlich durchzu-
studieren: ich glaube, es war dies die beste Art mit echter Wissenschaft in Fühlung
zu bleiben. So hab ich’s mit Physik, Astronomie, Physiologie usw. sowie auch
außerhalb der sogenannten Naturwissenschaften, überall, auch mit Philologie und
Theologie gehalten«, heißt es hierzu in den Lebenswegen. Was darauf verweist, dass

7 Marie François Xavier Bichat (1771–1802) gilt als Begründer der Histologie. Er war ein genialer
Mediziner, der wichtige Beobachtungen zum Eintritt des Todes und des Absterbens einzelner
Organe anstellte, zugleich auch als Anatom, Chirurg und Physiologe arbeitete. Mit großem Ein-
fluss auf die Medizin.
8 Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707–1788) war einer der führenden Naturwissenschaftler der
französischen Aufklärung, der die Entstehung des Lebens aus evolutionären Annahmen heraus
erklärte. Weltberühmt wurde er durch seine auf 50 Bände angelegte Histoire naturelle générale et
particulière, Paris ab 1716. Vgl. dazu auch S. 223, Anm. 12.
9 Réne-Antoine Ferchault de Réaumur (1683–1757) war Naturforscher und beschäftigte sich mit
Temperaturmessungen, der Herstellung von Stahl, Glas und Papier sowie der Insektenkunde.
10 Étienne Geoffroy Saint-Hilaire (1772–1844) war ein französischer Zoologe, der in seiner bekann-
ten Philosophie anatomique (1818–1822) die These entwickelte, dass es für den Körperbau der
Wirbeltiere einen einheitlichen Grundplan gebe. Vergleichende Untersuchungen zu Wirbeltie-
ren führten zu entscheidenden Erkenntnissen für die Entwicklung der Evolutionstheorie
11 Louis Agassiz (1807–1873), war ein Schweizer Naturforscher, der, nach vielen Forschungsreisen,
in die USA ging und berühmt wurde für seine Eiszeit- und Gletscherforschungen. Er veröffent-
lichte eine Systematik zoologischer Gattungen und lehrte später u. a. in Harvard Zoologie und
Geologie. Er war ein universal gebildeter Naturforscher, der Nachdruck auf die eigene Anschau-
ung der Natur legte und Wissenschaft ganz als Ergebnis eigener Beobachtung verstand – darin
völlig mit Chamberlain übereinstimmend.
12 HSC, Lebenswege, S. 122; das folgende Zitat S. 123.
92 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Chamberlain sich in all seinen Arbeiten als ein durch die exakten Naturwissen-
schaften geprägter Denker verstand, der aber andererseits die Einzelaspekte der
Wissenschaft stets in größere Zusammenhänge einzubinden suchte. Das wird sich
bei den Grundlagen dann zeigen.
Durch die bereits erwähnte zunehmende Beschäftigung ab 1892 mit den Wer-
ken Wagners und mit kultur- und geistesgeschichtlichen Themen wurde der ei-
gentliche Zweck des Umzugs nach Wien, das Studium der Biologie bei Julius
Wiesner, mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Das belegt auch die in den
Tagebüchern jener Jahre verzeichnete tägliche Lektüre mit ihrem breiten Themen-
spektrum: für 1892/93 standen Wagners Arbeiten im Vordergrund, parallel dazu
Belletristik, Philosophie und mehr und mehr kulturgeschichtliche Publikationen.
Das intensive Lesen der Schriften Wagners, der Zürcher Kunstschriften, der Regene-
rationsschriften sowie dessen Briefe an Freunde bis hin zum Studium der Partituren,
stand natürlich im Zusammenhang mit der bereits erwähnten Serie von Vorträgen
vor dem Wiener Akademischen Wagner-Verein, den Arbeiten am Drama Richard Wag-
ners, dessen Niederschrift am 25. Juni begonnen wurde,13 und der Vorbereitung der
Wagner-Biographie. Darüber hinaus gab es eine weitgestreute literarische und kul-
turgeschichtliche Lektüre, die sich nur wenig mit den direkten publizistischen Ak-
tivitäten in Verbindung bringen lässt. Es ist auffallend, dass Chamberlain über die
Jahre, vor allem abends, stets mehrere Autoren parallel las, dass fast nie ein einziges
Buch im Zentrum seines Interesses stand. So notierte er für 1892, um ein Beispiel
zu geben, Charles Dickens Pickwicker, William Sternes Tristram Shandy, Kleists
Prinz von Homburg, Die Familie Schroffenstein, Michael Kohlhaas und Penthesilea zu-
gleich mit Shakespeare, Jean-Jacques Rousseaus La Nouvelle Héloïse oder auch mit
Cervantes und Goethe. Selbst Ganghofer taucht einmal auf, und für 1893 hält das
Tagebuch über die Monate die antiken Schriftsteller Apuleius, Plutarch, Sophokles
und Gracian, für die Neuzeit Schiller, Tolstoi, den französischen Komödiendichter
Labiche oder auch E. T. A. Hoffmann fest. Unter den Philosophen greift Cham-
berlain in jenen beiden Jahren immer wieder zu Platon und Kant, über die er
später schreiben wird, auch zu dem wenig geschätzten Schopenhauer, und für die
Kultur- und Geistesgeschichte wird eine intensive und mehrfach wiederholte Lek-
türe des Philosophen und Indologen Paul Deussen notiert, vor allem von dessen
Allgemeine Geschichte der Philosophie und seinem System des Vedânta.14 Deussen,

13 Tagebuch, Eintrag 25. Juni 1892.


14 Paul Deussen (1845–1919) war einer der wichtigsten philosophischen Gewährsleute Chamber-
lains. Deshalb soll seine Biographie hier etwas ausführlicher referiert werden. Deussen wurde als
Sohn eines Pfarrers im Westerwalddorf Oberdreis geboren. Er besuchte, zusammen mit Nietz-
sche, das humanistische Internat Schulpforta, studierte nach dem Abitur 1864 in Bonn klassische
Philologie und lernte dabei Sanskrit kennen. Nach weiteren Studien in Tübingen und Berlin
wurde er Gymnasiallehrer. Nietzsche, durch den er Schopenhauer kannte, vermittelte ihm eine
Privatlehrerstelle in Genf, wo er zugleich an der Universität als Privatdozent philosophische
Vorlesungen hielt und das Sanskrit-Studium begründete. Danach wechselte er nach Aachen, hielt
Vorlesungen über Schopenhauer, die öffentlichen Protest erweckten, ihm aber zahlreiche Hörer
brachten. Als Elemente der Metaphysik wurden sie später ein publizistischer Erfolg. In Berlin habi-
Leben in Wien 93

Freund Nietzsches und 1911 Begründer der Schopenhauer-Gesellschaft, war einer


der meistgelesenen Philosophiehistoriker seiner Zeit, ein wissenschaftlich und in
der literarischen Öffentlichkeit hoch angesehener Indologe, der durch seine eigene
Reise nach Indien die indische Philosophie vor Ort studiert und dort auch Kon-
takte zu führenden Denkern des indischen Hinduismus geknüpft hatte. Seinen
Schriften, die sich alle in Chamberlains Bibliothek finden, waren über Jahre eine
der wichtigsten Referenzen für die Geschichte der Philosophie, zugleich auch eine
Inspiration für jene Studien, die Indien und seine arische Vergangenheit in die ei-
genen publizistischen Vorhaben einbezogen.
Auch die Lektüre der folgenden Jahre zeigt dasselbe Muster: Unter den Lite-
raten bevorzugte Chamberlain französische Autoren, von denen er in seinen Le-
benswegen schreibt, sie seien, »als Gesamterscheinung, unstreitig die ersten Buch-
künstler der Welt«.15 Und hier favorisierte er vor allem die Komödienschreiber,
Autoren wie Regnard, Marivaux, Scarron, Destouche, La Chausée, D’Allainval,
allen voran Eugène Labiche, jenen »heiteren, harmlosen, unerschöpflich erfin-
dungsreichen Possendichter des dritten Kaiserreiches«16, den er in seiner Autobio-
graphie ausführlich als einen äußerst begabten, »sich vollendete Stücke spielend«
schaffend charakterisiert, in gewisser Weise ein Nachfolger Molières, den er nicht
ganz so hoch schätzte. Von Labiche aber heißt es aus dem Rückblick eines Schwer-
kranken, dessen »liebe Bände« habe er stets zur Hand: »Quält der körperliche
Schmerz, ist das Gemüt von Sorge bedrückt, wehen die Gedanken gar zu wild
durchs Gehirn – ich lege mich auf den Diwan mit einem beliebigen Band Labiche,
lache bis zu Tränen und schlafe beruhigt ein.«17
Aber es sind nicht nur die Franzosen, nach denen Chamberlain immer wieder
greift, weil er die französische Sprache so sehr liebt, es sind auch englische und
deutsche Autoren, die er kontinuierlich liest. Darunter immer wieder Shakespeare
und vor allem Laurence Sterne, von dessen Tristram Shandy er später schreibt:
»Dieses Buch kenne ich Satz für Satz auswendig. Es wird immer bedeutender, je

litierte sich Deussen mit dem Werk Das Sytem des Vedânta, das seinen internationalen Ruf als
Indologe begründete. Deussen blieb über die Jahre mit Nietzsche in Kontakt, besuchte ihn in
Sils-Maria und auch, nach dessen Erkrankung, in Naumburg. 1889 wurde er nach Kiel berufen,
wo er seine äußerst erfolgreiche, mehrbändige Allgemeine Geschichte der Philosophie mit besonderer
Berücksichtigung der Religionen schrieb und an der Übersetzung der Sechzig Upanishad’s des Veda
arbeitete, die 1897 erschien und bis heute als maßgeblich gilt. 1911 gründete er die Schopen-
hauer-Gesellschaft und begann eine historisch-kritische Ausgabe der Werke Schopenhauers. Er
war einer der ersten deutschen Gelehrten, der die Gleichwertigkeit außereuropäischer Kulturen
mit denen Europas betonte und glaubte, dass die besten Köpfe in den verschiedenen Kulturen
stets zu ähnlichen Ergebnissen gelangen müssten. Sowohl seine Geschichte der Philosophie wie vor
allem seine Sanskrit-Übersetzungen und indologischen Studien waren für Chamberlain fast täg-
liche Lektüre und eine Grundlage seines Schreibens.
15 HSC, Lebenswege, S. 381.
16 Ebenda, S. 383. Stücke von Labiche wurden in unserer Zeit u. a. von Regisseuren wie Peter Stein,
Klaus Michael Grüber und Patrice Chéreau wiederentdeckt und erfolgreich in Frankreich insze-
niert; vgl. Süddeutsche Zeitung, 9. Oktober 2013, S. 13.
17 HSC, Lebenswege, S. 383 f.; S. 387.
94 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

besser man es kennt, und es ist eigentlich – ebenso wenig wie Don Quixote – nicht
zum ›Gelesenwerden‹ bestimmt, vielmehr zur Einverleibung.« Es sei, so fährt er
fort, »ein einheitliches Werk von absoluter Originalität« und stehe außerhalb jegli-
cher literarischer Schablone. Über nahezu zwei Seiten schreibt er in seinen Lebens-
wegen eine hymnische Eloge auf dieses Werk, das ihm in jeglicher Hinsicht voll-
kommen erscheint und eine »unerschöpfliche Quelle tiefster Menschenerkenntnis«,
ein »unerschöpflicher Born des Witzes, des Humors, der Satire« ist.
Die Liste der in den Tagebüchern jener Jahre notierten Autoren umfasst neben
den genannten Wieland, Herder, Goethe, Schiller, Platen, E. T. A. Hoffmann, Jean
Paul, die Brüder Grimm – um nur die wichtigsten zu nennen –, Terenz und an-
dere antike Dichter, Henry Fielding und Lord Byron. Neben Wagners Schriften,
die ebenfalls ein Leben lang gelesen werden, finden sich unter den Philosophen als
ständige Begleiter Kant, Schopenhauer, einmal auch Feuerbach18, Thomas von
Aquin, Rousseau, Diderot, Voltaire und sodann große Überblickswerke wie das
des schon erwähnten Paul Deussen oder auch, im Vorfeld der Studien zu den
Grundlagen, Edward Gibbons sechsbändige History of the Decline and Fall of the
Roman Empire (1776–1789).
Dieser knappe, keineswegs vollständige Überblick über das Leseprogamm
Chamberlains in den Wiener Jahren mag genügen, um zu zeigen, wie stark er sich
von seinem ursprünglichen Vorhaben, die Arbeiten zu seiner Promotion wieder
aufzunehmen, mittlerweile entfernt hatte. Gleichwohl hielt er den Kontakt zu
Julius Wiesner, unterbreitete diesem auch Entwürfe zu seiner Dissertation, die mit
größtem Wohlwollen und wissenschaftlicher Achtung aufgenommen wurden –
und gab doch den Plan eines raschen Abschlusses seiner Studien bald auf. Die
Faszination Wagners wie das Interesse an kulturhistorischen Studien verdrängten
die Mühsal empirischer Forschung, die durch starke gesundheitliche Beeinträchti-
gungen erschwert, fast unmöglich gemacht wurde. So ging die Aufmerksamkeit
langsam weg von der ursprünglich angezielten wissenschaftlichen Laufbahn hin zu
einer Existenz als freier Schriftsteller.
Die Tagebücher halten auch fest, dass Chamberlain mit einiger Regelmäßigkeit
die Bayreuther Festspiele besuchte und dort bereits in den Kreis der Wagnerianer
aufgenommen und integriert worden war. Um ein Beispiel zu geben: Für den
22. Juli 1892 notierte er den Besuch von Tristan und Isolde; am 24. Juli sah er Tannhäu-
ser und am 25. Juli Die Meistersinger. Dazwischen besuchte er Wahnfried und Hans
von Wolzogen, traf Mottl, Muck und Siegfried Wagner (26. Juli 1892), machte
Ausflüge in die Umgebung in Begleitung von Künstlern der Festspiele und pflegt
enge Kontakte zu führenden Wagnerianern, auch aus dem Ausland.19 Und das al-

18 Im Tagebuch, 19. Januar 1894, ist die Lektüre von Feuerbachs Das Wesen des Christentums ver-
zeichnet, der einzige Hinweis dafür, dass HSC diesen für Wagner so grundlegend wichtigen
Philosophen einmal kurz zur Kenntnis genommen hat. Man kann daraus schließen, dass er mit
dessen Philosophie kaum vertraut war und daher sein abfälliges Urteil herrührt.
19 Tagebuch, 22. bis 26. Juli 1892.
Über Wien 95

les, noch bevor er seine Wagner-Biographie publiziert hatte, für deren Aufnahme
und Wirkung es eine bessere werbende Vorbereitung kaum geben konnte.

Über Wien
Wien war zu jener Zeit, da Chamberlain dorthin zog, eine Stadt im Aufbruch und
Umbruch.20 Denn ab den 1860er Jahren begann ein grundlegender Umbau, der
das Stadtbild sehr veränderte. Nach einer Hochwasserkatastrophe 1862 wurde die
Donau eingedämmt und reguliert und in diesem Zusammenhang auch die alten
Stadtmauern geschleift, die Stadt erweitert. Vor allem entstand, auf Initiative des
Kaisers, die Ring-Straße mit ihren Prachtbauten; im September 1883, am Tag der
Türkenbefreiung, wurde das neue Rathaus eingeweiht. Der ständige Zuzug von
Menschen aus den verschiedenen Teilen der Monarchie erforderte weitreichende
Infrastrukturmaßnahmen: Schulen, Krankenhäuser, Märkte wurden gebaut, alte
Stadtviertel abgerissen und neue, breite Verkehrsverbindungen und Parkanalagen
eingerichtet, Straßenbahnen eingeführt und Energiebetriebe wie Elektrizitäts- und
Gaswerke errichtet. Der Adel baute sich Stadtpalais, daneben wurden Mehrfamili-
enhäuser und Mietskasernen hochgezogen. An der Ring-Straße entstanden die
Hofoper und das Burgtheater, das Reichsratsgebäude (heute Parlament) und die
Akademie der Künste, das Musikvereinsgebäude, ebenso Kunstmuseen und Uni-
versitätsbauten. 1873 präsentierte Wien eine Weltausstellung, in der die modernste
Technik der Zeit gezeigt wurde. Die Stadt gewann mehr und mehr den Charakter
einer Weltmetropole mit multiethnischer Bevölkerung. Im selben Jahr begann
allerdings auch eine schwere Wirtschaftskrise, die das Ende des sichtbaren Auf-
schwungs der kaiserlich-königlichen Hauptstadt einläutete und zugleich einen
politischen Wechsel von den liberalen zu den konservativ-deutschnationalen Poli-
tikern wie dem späteren Wiener Oberbürgermeister und scharfen Antisemiten Karl
Lueger bedeutete.
Die Umbrüche des Stadtbildes und die tiefgreifenden Veränderungen in den
innerstädtischen Strukturen fanden ihren Ausdruck auch in der Veränderung der
Bevölkerungsstruktur. Wien war die Hauptstadt eines Vielvölkerstaates, und deren
Entwicklung zog die Menschen aus allen Teilen des Habsburger Reiches dorthin.
Um 1890, also zu der Zeit, da Chamberlain nach Wien übersiedelte, waren ledig-
lich 45 % der Bevölkerung gebürtige Wiener, 28 % kamen aus Böhmen, 12 % aus
dem Ausland, 11 % aus Niederösterreich und 4 % aus dem übrigen Österreich.21
Diese zugewanderten Bevölkerungsteile gehörten den unteren Schichten an, wa-

20 Zum Folgenden vor allem: Peter Csender, Geschichte Wiens. Daneben: Walter Öhlinger, Wien im
Aufbruch zur Moderne, Wien 1999; Hilde Spiel, Glanz und Untergang. Wien 1866–1938, München
1988; Henry Louis de La Grange, Wien. Eine Musikgeschichte, Frankfurt/M. 1997; Brigitte Ha-
mann, Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators, München 1996.
21 Peter Csender, Geschichte Wiens S. 130.
96 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

ren Dienstboten, Handwerker, Tagelöhner, gelegentlich aber auch Künstler, die


sich mühsam durchschlugen. Unter den Minderheiten nahmen die Juden eine
Sonderstellung ein.22 Es gab einerseits ein wohlhabendes, westlich-orientiertes jü-
disches Großbürgertum, das sich weithin assimiliert hatte, deutsch fühlte, liberal
gesinnt war und politisch deutschnational optierte. Diese jüdischen Bürger hatten
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen ökonomisch, sozial und kulturell
äußerst erfolgreichen Aufstieg erlebt und waren durch die Modernisierungen des
kapitalistischen Systems emanzipiert worden.23 Ihnen ging es um den »Traum einer
vollständigen Akkulturation, einer Assimilation an die als am weitesten fortge-
schrittene und höchst entwickelt erachtete Kulturnation, an ein als ideal imaginier-
tes Deutschtum – das, verstanden als kulturelles Konzept, in sich die unverfälschten
Werte und Prinzipien der Aufklärung, der Emanzipation, des Fortschritts, des glei-
chen Rechts, der Freiheit, der Kultur verkörperte.«24 Aus diesen Kreisen stammten
später Gelehrte und Künstler wie Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Arthur
Schnitzler, Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Karl Kraus, Karl Popper, Alfred
Adler, Otto Bauer, Max Reinhardt. Aber dieses jüdische Großbürgertum stellte
nicht nur führende Intellektuelle und Künstler, sondern bestimmte auch entschei-
dend in den Banken mit, nahm in der Politik führende Positionen ein (vor allem
auf der politischen Linken), beherrschte große Teile der Presse und zog durch
seine erreichten Positionen den Hass der Antisemiten auf sich.25 Für die Politik war
Victor Adler, der Gründer der österreichischen Sozialdemokratie, ein bezeichnen-
des Beispiel: Großgeworden in einem deutschnationalen Milieu, bildete er die
Neigung zu einer ästhetischen Lebensführung aus, versammelte einen engen
Freundeskreis, in dem Literaturdebatten sich mit Nietzsche- und Wagner-Vereh-
rung verbanden und Wagners ästhetische Religion den Grundtenor der Lebensfüh-
rung abgab.26 Adler war Mitglied des Wiener Akademischen Wagner-Vereins, Besucher
der Festspiele von 1876 und der Parsifal-Uraufführung von 1882, Bayreuth-Verehrer
ohne Einschränkungen. Wagner bedeutete ihm »ein Stück vorweggenommener
Sonne des Zukunftsstaates«. Diese Wagner-Verehrung blieb auch, als er sich zum
Sozialisten wandelte und 1888/89 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Öster-
reichs (SPÖ) gründete. Seine revolutionären Aufrufe beschworen neben den mate-
riellen Veränderungen stets auch die Heraufkunft einer neuen, »wahren« Kunst,
einer neuen Schönheit der Kunst, die in der Musik ihren höchsten Ausdruck fin-
den sollten. Adler war ein glühender Wagnerianer, der selbst in seinen politischen
Reden sich neben Marx auch auf Richard Wagner als Garanten für eine sozialisti-

22 Ebenda, S. 131 ff.


23 Wolfgang Maderthaner, Victor Adlers Wagner – Zur Wagnerrezeption im Austromarxismus, in: wag-
nerspectrum 2/2007, S. 161 ff., bes. S. 164 f.
24 Ebenda. Vgl. auch Wolfgang Maderthaner, Kultur Macht Geschichte. Studien zur Wiener Stadtkultur
im 19. und 20. Jahrhundert, Wien 2005, S. 63 ff.
25 Vgl. allgemein den Überblick in Steven M. Lowenstein u. a., Deutsch-jüdische Geschichte in der
Neuzeit, Bd. 3, S. 193 ff.
26 Wolfgang Maderthaner, Victor Adlers Wagner, S. 167 f.; das folgende Zitat S. 170.
Über Wien 97

sche Zukunft berief. Doch solchen assimilierten jüdischen Bürgern zwang der am
Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende Rassenantisemitismus mehr und mehr
eine Trennung vom nichtjüdischen Bildungsbürgertum auf und führte allmählich
bei vielen zu einem eigenen Sonderbewusstsein, ohne dass die Hoffnung auf voll-
kommene Assimilation aufgegeben worden wäre.
Daneben gab es, besonders sichtbar an äußeren Merkmalen wie der Haar- und
Barttracht oder der schwarzen Kleidung, am Ausgang des Jahrhunderts die soge-
nannten Ostjuden, die aus den östlichen Provinzen des Kaiserreiches, vor allem aus
Galizien, eingewandert waren. Ihr Anteil stieg von 0,3 % der Gesamtbevölkerung
im Jahr 1800 auf 10,3 % um 1890, und da sie fast vollständig den unteren, verarm-
ten Schichten angehörten, stießen sie in der Wiener nichtjüdischen Bevölkerung
auf besonders heftige Ablehnung. Und zwar nicht nur in den gehobenen Kreisen
des Bürgertums, sondern gerade auch bei den ärmeren Teilen der Einwohner. Dass
Chamberlain bei seinen wöchentlichen Spaziergängen durch Wien auch immer
wieder ›Ostjuden‹ in ihren orthodoxen Kleidern und ihrer ›Fremdartigkeit‹ begeg-
nete, mag seinem späteren Antisemitismus vielleicht einigen Vorschub geleistet,
ihn möglicherweise sogar ausgelöst haben. Begünstigt wurde eine antisemitische
Gesinnung im Wien jener Jahre aber auch durch eine generell zunehmende juden-
feindliche Atmosphäre. So wurde 1895 einer der führenden deutsch-nationalen
antisemitischen Politiker, Karl Lueger, in Wien zunächst Vizebürgermeister, dann
von 1897 bis 1910 Bürgermeister – mit großen Erfolgen für die Stadtpolitik und
Stadtentwicklung.27 Mit Lueger war erstmals ein erklärter Antisemit in einer der
großen europäischen Metropolen Regierungschef geworden. Zur selben Zeit
wirkten in Wien noch weitere politisch einflussreiche, radikale Antisemiten wie
Georg von Schönerer,28 der schon 1895 programmatisch erklärt hatte, die Beseiti-
gung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des Lebens sei unerlässlich. Es gab
Rassenideologen wie den zum völkischen Lager zählenden Guido von List29, der
esoterische Lehren vertrat, und Adolf Josef Lanz zu Liebenfels,30 einen ehemaligen
Mönch, der die Geheimlehre der Ariosophie erfand und mit seinen Ostara-Heften
ab 1906 in der völkischen Szene einflussreich wurde, auch den jungen Hitler ent-
scheidend beeinflusste.31
Das politische Klima der Stadt, in die Chamberlain zog, war konfrontativ auf-
geladen zwischen einer Linken, die einen speziellen Austromarxismus entwickelt
hatte, einem Liberalismus, der zwischen extremen Positionen Schwierigkeiten
hatte, sich zu behaupten, und dem dichten Feld nationalistisch-völkisch-antisemi-
tischer Verbände, Bünde und Parteien. Es gab diffuse Stimmungen, die dem poli-
tisch-gesellschaftlichen Umbruch und einem Neubeginn günstig waren. Cham-

27 Zu Karl Lueger vgl. Brigitte Hamann, Hitlers Wien, S. 393 ff.


28 Zu Georg von Schönerer, ebenda, S. 337 ff.
29 Zu Guido von List, ebenda, S. 293 ff.
30 Zu Adolf Josef Lanz zu Liebenfels, ebenda, S. 308 ff.
31 Zu den Ostara-Heften, ebenda, S. 312 ff.
98 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

berlain erlebte diese ethnische wie ideologische Pluralität der Wiener Gesellschaft,
er zog in eine Kapitale, die sich mit tiefgreifenden Veränderungen auf eine unbe-
kannte Zukunft einzustellen begann. Das musste ihn herausfordern, legte einen
eigenen intellektuellen Weg nahe, der sich orientieren sollte an der von Richard
Wagner beschworenen ›Einheit alles Lebenden‹, einen Weg in eine ›andere Mo-
derne‹, die in konservativer Perspektive den Menschen als Natur begreifen und
doch in Hinsicht auf die Zukunft die Fortschritte der Wissenschaften damit verein-
bar machen wollte. Umbruchs- und Aufbruchsgefühle also, wie sie um die Jahr-
hundertwende weit über Österreich-Ungarn hinaus vorherrschten. Zu Recht ist
bemerkt worden, die Grundlagen »wären ohne den langjährigen Wien-Aufenthalt
sicherlich anders ausgefallen«.32 Robert Musil hat das damals vorherrschende Le-
bensgefühl für Wien, Österreich und Europa auf eine sehr treffsichere, eigene
Weise formuliert: »Aus dem ölglatten Geist der zwei letzten Jahrzehnte des neun-
zehnten Jahrhunderts hatte sich plötzlich in ganz Europa ein beflügelndes Fieber
erhoben. Niemand wußte genau, was im Werden war; niemand vermochte zu
sagen, ob es eine neue Kunst, ein neuer Mensch, eine neue Moral oder vielleicht
eine Umschichtung der Gesellschaft sein solle. […] Aber überall standen Men-
schen auf, um gegen das Alte zu kämpfen. Allenthalben war plötzlich der rechte
Mann zur Stelle; und was so wichtig ist, Männer mit praktischer Unternehmenslust
fanden sich mit den geistig Unternehmungslustigen zusammen. […] Es wurde der
Übermensch geliebt und es wurde der Untermensch geliebt; es wurden die Ge-
sundheit und die Sonne angebetet, und es wurde die Zärtlichkeit brustkranker
Mädchen angebetet; man begeisterte sich für das Heldenglaubensbekenntnis und
für das soziale Allemannsglaubensbekenntnis; man war gläubig und skeptisch, na-
turalistisch und preziös, robust und morbid; man träumte von alten Schloßalleen,
herbstlichen Gärten, gläsernen Weihern, Edelsteinen, Haschisch, Krankheit, Dä-
monien, aber auch von Prärien, gewaltigen Horizonten, von Schmiede- und
Walzwerken, nackten Kämpfern, Aufständen der Arbeitssklaven, menschlichen
Urpaaren und Zertrümmerung der Gesellschaft. Dies waren freilich Widersprüche
und höchst verschiedene Schlachtrufe, aber sie hatten einen gemeinsamen Atem;
[…] in Wirklichkeit war alles zu einem schimmernden Sinn verschmolzen. Diese
Illusion, die ihre Verkörperung in dem magischen Datum der Jahrhundertwende
fand, war so stark, dass sich die einen begeistert auf das neue, noch unbeschützte
Jahrhundert stürzten, indes die anderen sich noch schnell im alten wie in einem
Hause gehen ließen, aus dem man ohnehin auszieht, ohne daß sie diese beiden
Verhaltensweisen als sehr unterschiedlich gefühlt hätten.«33 In solcher Atmosphäre
war die Suche nach fester und sicherer Orientierung groß, solche gesellschaftlich-
politische und kulturelle Befindlichkeit war jenen Werken günstig, die den großen
Wurf riskierten und die Welt aus möglichst einem einheitlichen Prinzip heraus zu

32 Gerd-Klaus Kaltenbrunner, Wahnfried und die ›Grundlagen‹: Houston Stewart Chamberlain; in: Karl
Schwedhelm (Hrsg.), Propheten des Nationalismus, München 1969, S. 115.
33 Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1965, S. 55.
Die Lebenslehre 99

erklären suchten. Wien war unter diesem Gesichtspunkt die ideale Stadt und der
ideale Nährboden für Chamberlain und dessen sich langsam herausbildendes rassis-
tisches Geschichtsbild.

Die Lebenslehre
In den Lebenswegen berichtet Chamberlain davon, dass er mehr und mehr den
Drang empfunden habe, seine sich allmählich entwickelnde Weltanschauung – im
Sinne auch einer wissenschaftlich basierten Vorstellung von der Welt – niederzu-
schreiben, wohl um ein Konzept zu umreißen, das die Grundlage für seine weite-
ren Arbeiten abgeben sollte. Im Herbst 1896, auf dem Rückweg von einem kur-
zen Urlaub in Venedig nach Wien, unterbrach er seine Reise in Gardone am
Gardasee, um sein Vorhaben zu verwirklichen. Eine Woche zog er sich in ein
Hotelzimmer zurück und skizzierte die Umrisse der Ergebnisse seiner Naturstu-
dien, denn darum handelte es sich im Wesentlichen. Seiner Abhandlung gab er
den weitschweifigen Titel: Eine neue Anschauung bezüglich der Gestalten lebender We-
sen und der Bedeutung des Begriffes der Verwandtschaft zwischen den Organismen – ent-
standen unter dem Einflusse der Goethe’schen Naturanschauung, des indischen und des
Kant’schen Denkens: vorläufiger Schattenriß zur Verständigung über die geeignetsten Mittel
und Wege, um dieser Idee habhaft zu werden, d. h. um sie aus dem Bereiche des nebelhaft
Geahnten in das des deutlich Geschauten und klar Durchdachten überzuführen: in der Hoff-
nung, den geistigen Besitz der Menschen hierdurch zu bereichern, der plump-empirischen
Evolutionslehre eine Todeswunde zu schlagen und sowohl der Methaphysik wie der heiligen
Kunst in fördersamer Weise entgegenzuarbeiten.34
Diese Lebenslehre35 gliederte sich in fünf große Abschnitte: I. Zur allgemeinen
Orientierung (Schutzgeist Plato); II: Zur metaphysischen Orientierung (Schutz-
geist Kant); III. Zur künstlerisch-symbolischen Orientierung (Schutzgeist Scho-
penhauer); IV. Zur naturwissenschaftlichen Orientierung (Schutzgeist Goethe);
V. Einiges zur Ergänzung.

34 HSC, Lebenswege, S. 126 ff.; das Manuskript sowie Zettel und Briefe zur Lebenslehre – »Eine neue
Theorie« – liegen im Nachlass Chamberlain, im Verzeichnis der Manuskripte unter Nr. 102. Das
Manuskript umfasst 61 Seiten, datiert vom 22./23. Oktober 1896; hinzu kommen 82 Seiten
Notizen sowie 27 Seiten Gedankennotizen und weitere Aufzeichnungen, alle im Nachlass Cham-
berlain.
35 Die Lebenslehre wurde nach dem Tode Chamberlains von seinem Freund und naturwissenschaft-
lichen Gesprächspartner Jacob Johann von Uexküll (1864–1944) unter dem Titel: Natur und Le-
ben, München 1928 herausgegeben. Uexküll stammte aus einer deutschbaltischen Familie, stu-
dierte Zoologie, wandte sich dann der Physiologie zu und arbeitete in Heidelberg. Nach Aufent-
halten in Italien und Frankreich, nach verschiedenen Studienreisen leitete er von 1925 bis 1940
das Institut für Umweltforschung der Universität Heidelberg, zog sich mit 76 Jahren nach Capri
zurück. Er führte den Begriff Umwelt in die Wissenschaft ein und war einer der ersten, die öko-
logisch dachten und arbeiteten. Seine Umwelttheorie hat noch heute ihre Bedeutung. 1933 un-
terzeichnete er das Bekenntnis der deutschen Professoren zu Hitler.
100 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Im Text selbst geht es darum, ein neues Verhältnis zwischen einer auf An-
schauung beruhenden Naturerkenntnis, der durch Phantasie getragenen künstleri-
schen Gestaltung des Lebens und dem daraus resultierenden Verständnis der Welt
zu schaffen, ein Verhältnis, das Chamberlain in den Sätzen zusammenfasst: »Wahr-
haft objektiv ist einzig diejenige Naturbetrachtung, die mit einer Kritik des beob-
achtenden Subjekts beginnt. Theoretische Naturwissenschaft kann es ohne Meta-
physik und Ästhetik, ohne Fühlung mit Religion, Philosophie und Kunst nicht
geben.«36 Das liest sich wie das Programm, an dem entlang Chamberlain seine
folgenden Bücher geschrieben hat: als Kritik aller bisherigen Geschichte in den
Grundlagen, als erkenntnistheoretischer Beleg im Kant-Buch, als Beispiel für einen
Ausgleich dieser polar verstandenen Gegensätze im Goethe-Buch und als transzen-
dente Erfüllung in seinen beiden religiös-theologischen Arbeiten Worte Christi und
Mensch und Gott. Das Buch über Wagner war bereits implizit ein Schritt hin zu
diesem Weltverständnis.
Der Text der Lebenslehre selbst beginnt mit der These, nicht das Leben, wel-
ches die modernste Naturwissenschaft zu leugnen bestrebt sei, bilde den Gegen-
stand der Untersuchung, denn es sei das eigentliche mysterium magnum; dieses er-
klären zu wollen, sei »kindisch und jeder derartige Versuch (Schöpfung,
Entwicklung, Evolution usw.) führe zu offenbaren Absurditäten«.37 »Das Suchen
nach Erklärungen, die Sucht, für alles den Grund, die Ursache auffinden zu wol-
len, ist überhaupt ein Beweis von kindisch unbeholfenem Denken; die Idealität des
Kausalitätsbegriffs (die Inder, Kant) ist nicht eine metaphysische Spitzfindigkeit,
sondern eine grundlegende Einsicht, welche hierfürder in weitest ausgedehntem
Maße bestimmend auf unsere Stellung der umgebenden Welt gegenüber wirken
soll und muß.«38
In Anlehnung an Kants Erkenntnistheorie konstatiert Chamberlain, einzig
durch die »Anschauung, d. h. dasjenige, was sich bei der Betrachtung der Dinge
unmittelbar als Vorstellung widerspiegelt«, sei eine sichere Basis für alle Erkenntnis
über das Leben zu gewinnen. Weder kausale Annahmen noch historische Ent-
wicklungstheorien könnten hierüber Aufschluss geben, sondern nur die Anschau-
ung des Lebens selbst, der mehr Freiheit eingeräumt werden müsse. Auge, Ohr
und Tastsinn seien die Verbindung des erkennenden Subjekts zur Umwelt mit
dem Ziel, »die Umschaffung des lediglich Geschauten in ein Geschautes, welches
zugleich im Denken ein Widerbild findet«, zu bewerkstelligen: »Das Denken soll
das Geschaute deuten; das Geschaute aber durch diese Mitwirkung zu einer An-
schauung werden, d. h. zum Untergrund eines begrifflichen Schemas.« Dabei
müsse »unser apperzipierender Geist« berücksichtigt werden, der danach trachte,
nur »innerhalb gewisser, bestimmter, der Zahl nach beschränkter Schemen sich zu
bewegen« und dabei stets auf Symmetrie aus sei, »eine Symmetrie, welche die Na-

36 HSC, Lebenswege, S. 127; Natur und Leben, S. 104.


37 HSC, Lebenswege, S. 128; die folgenden Zitate hier und auf den folgenden Seiten.
38 HSC, Natur und Leben, S. 104.
Die Lebenslehre 101

tur uns nur ausnahmsweise zu einiger Vollendung biete, welche wir aber trotzdem
allen Lebensformen zwangsweise unterschieben. Der Mensch sei stets darauf aus, zu
ordnen und Klarheit zu schaffen, aber eben dies sei eine eher künstlerische
Tätigkeit. So wie es eine metaphysische Notwendigkeit sei, die Erfahrung nach
bestimmten Normen zu apperzipieren, so seien aufgrund eines ästhetischen Triebs
die geschauten Formen auf ›idealistische Typen‹ zurückzuführen, Typen, die nicht
die Natur uns bietet, sondern unsere eigene schöpferische Anlage, beides Geistestä-
tigkeiten, die verwandt seien. In längeren Ausführungen sucht Chamberlain zu
zeigen, dass auch die Naturwissenschaften ohne diese schöpferischen Fähigkeiten
des ordnenden und klassifizierenden Menschen zu keinen relevanten Ergebnissen
kommen können, weil sie bestenfalls im bloß Empirischen stecken blieben. Er-
kenntnis beruhe aber vielmehr auf »Anschauen und Denken bei Betrachtung des
Lebens – soll diese Betrachtung der empirischen Erfahrung entsprechen – auf zwei
verschiedenen Verfahren, die einander genau diametral entgegenstehen«: zum einen
Anschauung, die ganz und gar in der Beobachtung des einzelnen Individuums
wurzele und bei der jede Verallgemeinerung eine Abstraktion bedeute; zum ande-
ren im abstrahierenden Denken, das umso begründeter erscheine, je mehr Einzel-
beobachtungen ihm zugrunde lägen. Da für die beobachtenden Menschen die
Natur sich »von den ältesten geologischen Zeiten bis zur Gegenwart« gleichsam
wie Stufen präsentiere, ließ sich eine strikte Entwicklungslogik nicht ausmachen.
Eher schon Formen der Symbiose, insofern das Tierreich und das Pflanzenreich
sich »gegenseitig streng voraussetzen«. Nach vielen Einzelüberlegungen kommt
Chamberlain dann zu dem Schluss: »Ich bin überzeugt, je reicher unsere Anschau-
ung und dadurch auch unser Wissen vom Leben wird, um so deutlicher wird dieses
als eine Einheit anerkannt werden, innerhalb welcher nicht allein die Individuen,
sondern auch die Gesamtheit der Gestalten derartig beziehungsreich miteinander
und untereinander verknüpft sind, daß jede Änderung an einem Orte Änderungen
an hundert anderen, noch so entfernten Orten – als Wirkung einer höheren Kor-
relation – veranlaßt.«39 Komplizierte Überlegungen, die auf den ersten Blick eher
den Philosophen als den bildungsbürgerlichen Leser betreffen und die doch weit-
reichende Konsequenzen gerade auch für eine allgemeine normative Orientierung
implizieren: den entscheidenden Vorbehalt gegen eine rein positivistisch verfah-
rende Wissenschaft, in der die Zusammenhänge des Lebens allmählich verloren
gehen, für den Wissenschaftler gleichermaßen wie für den von der Wissenschaft
profitierenden Laien. Die Lebenslehre war der Versuch, die durch die Einzelwissen-
schaften auseinander triftenden Lebensbereiche wieder auf einem neuen, alles Wis-
sen synthetisierenden Fundament zusammenzuführen.
»Leben ist eine in der Bewegung beharrende Gestalt«40 – diese These ist grund-
legend für Chamberlains Weltanschauung. Sie erklärt seinen Widerstand gegen
einen dogmatisierten Darwinismus, seine Gegnerschaft gegen eine rein empirische

39 HSC, Lebenslehre, S. 136.f.


40 HSC, Natur und Leben, S. 136; auch das folgende Zitat hier.
102 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Naturwissenschaft, erklärt seine Gegnerschaft gegen eine Geistes- und Kulturwis-


senschaft, die das Surplus der ›Bewegung‹ in ihren Reflexionen nicht mitkalkuliert.
Die Konsequenzen aus dieser These finden sich am Ende seines Manuskriptes
formuliert: »Die Philosophie würde ungemein gewinnen durch die Hervorhebung
des Wertes der metaphysischen Überlegung. […] Eine Naturwissenschaft, welche
das Sein als Primäres, das Werden als Sekundäres auffaßt, würde anregend und
fördernd auf die Philosophie wirken. Die Kunst gewinnt durch die Herrschaft ei-
ner idealen Weltanschauung und durch die Zerstörung eines plump-empirischen,
kausalitätsbetörten Materialismus, der nichts anderes ist als eine semitische Schöp-
fungsgeschichte in moderner Kleidung. Die Politik (und Soziologie) reagiert end-
lich gegen den Fortschrittswahn, sowie auch gegen die Schreckvorstellung des
Verfalls und lernt einsehen, daß, bei aller nötigen Elastizität, die Beharrlichkeit das
große, von der ganzen Natur uns gelehrte Prinzip ist.«
In dieser Lebenslehre werden Kant und Goethe zusammengeführt, was einige
Jahre später auch Georg Simmel mit sehr ähnlicher Intention tat.41 Kants regulative
Ideen haben sich hier bei Chamberlain zu idealistischen Typen verfestigt, die aber
auch durch die Einbildungskraft erst entstehen und daher des künstlerischen Mo-
mentes bedürfen. Das wiederum verweist auf Goethe, der die Natur – über die
Formenvielfalt ihrer Erscheinung hinaus – nicht im Sinne einer darwinistischen
Entwicklung, sondern als eine Lebenseinheit begreift, als wesenskonstant trotz aller
Wandlungen. Dieses Modell steht auch für Chamberlain am Ende seines Erkennt-
nisprozesses. »Anschauen« und »Denken« – diese beiden Grundkategorien bestim-
men Chamberlains Vorgehen in seinen Büchern, und insoweit ist diese Lebenslehre
eine wenn auch knappe Einführung in jene Grundkoordinaten, nach denen
Chamberlain sein Arbeiten ausrichtet. Es ist der Aufriss eines Rahmens, der dem
eigenen Erkennen Halt geben soll.

Der Anstoß
Wie schon erwähnt, hatte Chamberlain 1894 seinen späteren Verleger Hugo
Bruckmann kennengelernt und mit ihm das Wagner-Buch verabredet. Diese Ver-
bindung enthob ihn auch finanzieller Sorgen.42 In den 1890er Jahren hatte er Geld
aus England bezogen, von seinen englischen Verwandten. Als seine Tante Harriet
starb, zu der er ein enges Verhältnis gepflegt hatte, hinterließ sie ihm nur ein be-
scheidenes Vermögen. Seine Hoffnungen, andere Verwandte zu beerben, erfüllten
sich nicht. Immerhin setzte ihm 1902 ein Onkel eine lebenslange Rente in Höhe

41 Georg Simmel, Kant und Goethe. Zur Geschichte der modernen Weltanschauung, Berlin 1906; Leipzig
1916.
42 Die folgenden Angaben aus Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 336 f. Sie werden im Wesent-
lichen bestätigt durch den im Nachlass erhaltenen Briefwechsel HSC mit seinen englischen Ver-
wandten, auch durch die Briefe von Justizrat Troll, München, der als Vermögensverwalter fun-
gierte.
Der Anstoß 103

von 5000 Pfund aus, und von seiner Tante Anne Guthrie, mit der er stets Kontakt
gehalten hatte, bezog er ebenfalls eine Rente in derselben Höhe. Sein Bruder Basil
unterstützte seine Arbeiten, so dass er, alles in allem, insgesamt finanziell einiger-
maßen abgesichert war. Diese englischen Subsidien fielen allerdings später, mit
Beginn des Ersten Weltkriegs, weg, weil Chamberlain in England als feindlicher
Ausländer angesehen wurde, obgleich er erst 1916 die deutsche Staatsangehörigkeit
annahm. Doch bis dahin konnte er zusätzlich zu seinen englischen Einnahmen
noch über beträchtliche Spenden des Schweizer Millionärs Agénor Boissier verfü-
gen, einem Freund aus den Studientagen von Genf, und ebenso unterstützte ihn
der deutsche Fabrikant August Ludowici, der ihm beispielsweise große Teile der
Auflagen der Grundlagen abkaufte, ab 1902 mit hohen Beträgen.43
Bruckmann wollte angesichts der bevorstehenden Jahrhundertwende ein
Werk herausbringen, das zum einen im Rückblick die entscheidenden Tendenzen
der letzten einhundert Jahre zusammenfassend darstellen, zum anderen auf dieser
Basis die denkbaren Möglichkeiten zukünftiger Entwicklungen in den Blick neh-
men sollte. Dass er dabei an Chamberlain dachte, der auf dem Gebiet der Ge-
schichtsschreibung durch nichts ausgewiesen war, hatte zwei schlichte Gründe:
Zum einen sprach der große Erfolg der Wagner-Biographie dafür, zum anderen die
zunehmende Bekanntheit Chamberlains, auch über den engeren Kreis der Wag-
nerianer hinaus. Letzteres mochte auch damit zusammenhängen, dass Chamberlain
trotz seiner zurückgezogenen Lebensweise in Wien inzwischen in ein intellektuel-
les Netzwerk einbezogen war, dessen Verbindungen über Wien hinaus in den
deutschen Sprachraum reichten. Dazu gehörten u. a. Rudolf Kassner44, der am
Beginn seiner Karriere als junger Schriftsteller und Kulturphilosoph stand, sich eng
an Chamberlain angeschlossen hatte und regelmäßig an dessen Leseabenden teil-
nahm, die dieser in seiner Wohnung veranstaltete. Kassner war befreundet mit
Rilke und Hofmannsthal, er war ein glänzender Essayist, ein konservativer Den-
ker, geschätzt vom jungen Georg Lukàcs ebenso wie von Georg Simmel, Friedrich
Gundolf und Rudolph Borchardt, um nur einige wichtige Namen zu nennen.
Sein Denken berührte sich in vielen Punkten mit dem von Chamberlain. Er war

43 Zu August Ludowici vgl. das folgende Kapitel, S. 173, Anm. 9.


44 Rudolf Kassner (1873–1959) stammte aus einer wohlhabenden mährischen Familie. Er studierte
Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie in Wien und Berlin, promovierte 1897 mit ei-
ner Arbeit Der ewige Jude in der Dichtung. Nach Reisen in Russland, Nordafrika und Indien ließ
er sich zunächst in Paris, London und München nieder, zog später nach Wien, wo er Chamber-
lain kennenlernte. Da er mit einer Jüdin verheiratet war, wurden seine Bücher nach 1933 in
Deutschland verboten. 1938 erhielt er Schreibverbot, 1945 ging er in die Schweiz, wohin seine
Frau bereits 1938 mithilfe Hans Carossas geflohen war. Bis zu seinem Tode lebte er in Sierre/
Siders im Wallis. Kassner gehörte zu jenem Typus von »Sehern«, die man als »Wissenschafts-
künstler« (Martynkewicz) bezeichnet hat. Von seinen Büchern haben vermutlich am nachhaltigs-
ten gewirkt: Die Mystik, die Künstler und das Leben (1900); Der Tod und die Maske (1902); Der Di-
lettantismus (1910); Zahl und Gesicht (1919); Die Grundlagen der Physionomik (1922). Vgl. u. a. Hans
Paeschke, Rudolf Kassner, Pfullingen 1963; vgl. Wolfgang Martynkewicz, Salon Deutschland,
S. 96 ff.
104 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

gegen einen strikten Rationalismus, er griff zurück auf christliche Mystiker und
wollte das Verhältnis von Kunst und Leben neu ordnen. Von eindrucksvoller Be-
lesenheit, suchte er nach einer ganzheitlichen ästhetischen Ordnung in der sich
zersplitternden Moderne, die er als eine krisengeschüttelte Zeit interpretierte, als
eine Bedrohung der Kultur und Entfremdung des Menschen, als Zeit ohne Maß
und Größe. Dem setzte er eine konservative Kulturtheorie entgegen, die das
»Ganze«, die Einheit des Lebens gegen die Aufsplitterung und Ausdifferenzierung
der Moderne noch einmal beschwor. In seinen Schriften nach der Jahrhundert-
wende entwickelte er eine Theorie der Physiognomik, nach der man das Verhält-
nis des Menschen zur Welt in der Ausbildung der »Gesichter« – im Sinne des
konkreten menschlichen Gesichts wie seiner utopisch-visionären Kraft – ablesen
können sollte; eine Theorie, die für die Einbildungskraft des Menschen, für seine
Kreativität plädierte und den »Seher« als Figur von synkretistischer Fähigkeit pries,
der das Heterogene der Moderne zusammenschaut, höchste Form der Existenz
überhaupt. Der junge Kassner bewunderte Chamberlain, er sah in diesem einen
geistigen Verwandten, wie umgekehrt Chamberlain von dessen Talent beein-
druckt war, ihn deshalb in sein enges Umfeld holte und ihn nachhaltig zu beein-
flussen suchte.45
Eine ähnlich enge Beziehung ergab sich mit dem jungen Hermann Graf Key-
serling.46 Dieser stammte aus einer alten deutschbaltischen Adelsfamilie mit Vor-
fahren, die zum Teil wissenschaftlich tätig gewesen waren. Aufgewachsen auf ei-
nem einsam gelegenen Landsitz, unterrichtet von einem Privatlehrer, studierte
Keyserling ab 1897 in Genf Geologie und ging später nach Heidelberg. Noch in
Dorpat – heute Tartu/Estland – hatte er 1899 die Grundlagen gelesen und war da-
von so fasziniert, dass er beschloss, 1900 nach Wien zu gehen, »eigens um Cham-
berlain kennenzulernen«. »Was mich aus der Entfernung zu Chamberlain zog, war,
soweit ich mir darüber Rechenschaft zu geben vermochte, seine Universalität.«47
Noch während seines Wiener Studiums nahm er Kontakt zu Chamberlain auf, der
ihn tief beeindruckte, dem er sich »vollkommen hingab« und der zur »Hebamme

45 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 323.


46 Hermann Graf Keyserling (1880–1946) stammte aus einem alten deutsch-baltischen Adelsge-
schlecht, das in Livland große Güter bewirtschaftete. Er studierte in Genf Geologie, wechselte
1898 für ein Jahr nach Dorpat (Estland), wurde in einem Duell schwer verwundet und studierte
in Heidelberg weiter. 1902 beendete er sein Studium in Wien mit der Promotion. 1911/12 un-
ternahm er eine Weltreise, nach 1918 übersiedelte er nach Deutschland, heiratete eine Enkelin
von Bismarck. Auf Einladung des hessischen Großherzogs gründete er in Darmstadt 1920 die
»Schule der Weisheit«, die Lebenskunst lehrte und Treffpunkt wichtiger Persönlichkeiten wurde.
Keyserling zählt zu den führenden konservativen Intellektuellen der Weimarer Republik mit
Kontakten zu Thomas Mann, C. G. Jung, Max Scheler u. a. Er interessierte sich für asiatische
Philosophie, befürwortete den Ausgleich Deutschlands mit Frankreich und warnte vor dem her-
aufkommenden Nationalsozialismus. Im Dritten Reich hatte er Rede- und Schreibverbot. Bevor
er nach dem Krieg in Innsbruck seine »Schule der Weisheit« wiederbegründen konnte, starb er.
47 Hermann Graf Keyserling, Reise durch die Zeit, S. 120 f. Die folgenden Zitate auf den Seiten 119;
120; 122.
Der Anstoß 105

Abb. 14: Hermann Graf Keyserling 1919

meines Geistes« wurde. Es war der Zuschnitt eines universal gebildeten Privatge-
lehrten, »die Existenz und Lebensform eines freien Schriftstellers«, die ihm Cham-
berlain zum »Vorbild eines geistigen Menschen« machte, auch der Stil seines Auf-
tretens, von dem Keyserling meinte, er sei der eines »unbezweifelbaren ›Herren‹,
[…] allumfassend gebildet, universell und dennoch einheitlich«, ein »Typus, der
mir zum Sinnbild und damit zum Leitstern auf meinem eigenen Wege werden
konnte.«
Die schwärmerische und fast besinnungslose Verehrung des zwanzigjährigen
Keyserling für den fünfundvierzigjährigen Chamberlain stieß bei diesem auf mehr
als wohlwollende Resonanz. Chamberlain schätzte den klugen jungen Mann sehr,
stand bald mit ihm auf freundschaftlichem Fuße und suchte ihn zu fördern. Er
empfahl ihn Maximilian Harden als Autor für Die Zukunft, in der er selbst seit 1896
schrieb. Keyserling wandte sich unter dem Eindruck der Persönlichkeit Chamber-
lains und nach der Lektüre der Grundlagen von seinem Fach Geologie ab und der
Philosophie zu, ließ sich von Chamberlain inspirieren und pflegte einen sehr en-
gen Umgang mit ihm. »In Wien gingen wir mindestens einmal die Woche in in-
tensivem Gespräch selbander spazieren; sehr viele Abende verbrachte ich in der
Blümelgasse […]«, schrieb Keyserling rückblickend. Dabei spielte Kants Philoso-
phie eine dominante Rolle, weil Chamberlain zu jener Zeit an seinem Kant-Buch
arbeitete. Keyserlings erstes Buch, Das Gefüge der Welt, das nicht zufällig bei Hugo
Bruckmann 1906 erschien, war von Chamberlains Kant-Auffassung entscheidend
106 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

geprägt. Auch wenn Keyserling sich in der Folge intellektuell von Chamberlain
wegentwickelte – er hatte dessen Antisemitismus und Rassismus nie wirklich ge-
teilt –, so blieb er ihm doch ein Leben lang freundschaftlich verbunden und dieser
betrachtete ihn noch lange als einen seiner wahren Freunde.
In Chamberlains Wiener Kreis las und debattierte man regelmäßig klassische
und moderne Autoren, und die Teilnehmer konnten ihre im Entstehen begriffe-
nen Werke vortragen. Neben Schriftstellern wie Kassner und Graf Keyserling tra-
fen sich dort in der Blümelgasse 1 angesehene Intellektuelle wie der Indologe
Leopold von Schroeder (einer der engsten Mitglieder des Bayreuther Kreises) und
Politiker wie Graf Ulrich Brockdorff-Rantzau (der spätere erste Außenminister
der Weimarer Republik), hochgestellte aristokratische Damen und Herren der
Gesellschaft. Chamberlain hatte es geschafft, sich durch seine Wagner-Arbeiten in
Wien in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen ebenso bekannt zu machen wie
bei den maßgeblichen Literaten. Seine Freunde Kassner und Keyserling unterhiel-
ten enge Beziehungen zur literarischen Szene Wiens, auch zu Journalisten und
Publizisten wie etwa zu Karl Kraus – in dessen Fackel Chamberlain mehrfach
schrieb –, und das alles führte dazu, dass dieser innerlich zum Deutschtum konver-
tierte Engländer stetig bekannter wurde.

Abb. 15: Elsa Bruckmann


Der Anstoß 107

Abb. 16: Hugo Bruckmann

Es mochte noch eine zweite Erklärung dafür geben, weshalb Bruckmann gerade
Chamberlain beauftragen wollte, ein historisch erklärendes Werk zur Jahrhundert-
wende zu schreiben. Der Verleger hatte in Wien, im Palais Todesco, eher zufällig
1892/93 die junge rumänische Gräfin Elsa Cantacuzène kennengelernt, die sich
sofort in ihn verliebte. In dem prächtigen Palais Todesco, einem der großen Salons
Wiens, trafen sich regelmäßig Minister, hochgestellte Politiker, Bankiers, Dichter
und Künstler. Der junge Hofmannsthal verkehrte dort, auch Rudolf Alexander
Schröder, Rudolf Pannwitz, Carl J. Burckhardt, Ludwig Klages, Max Reinhardt,
Richard Strauss, um nur einige zu nennen.48 Regelmäßig fanden dort auch Vor-

48 Ebenda, S. 22 f.
108 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

träge, Dichterlesungen, Debatten und Gespräche statt, der vornehme Salon der
assimilierten jüdischen Familie Todesco war ein Zentrum des Wiener Geistesle-
bens. Die hübsche, intelligente und an Kultur stark interessierte Gräfin Elsa Can-
tacuzène hatte längere Zeit an diesen Gesellschaftsabenden teilgenommen und es
ist nicht auszuschließen, dass sie dort auch Chamberlain traf. Sie kann jedenfalls als
eine frühe und entschiedene Bewunderin Chamberlains gelten, was schon dadurch
seinen Ausdruck fand, dass sie, kurz, nachdem sie den äußerst wohlhabenden
Bruckmann 1898 geheiratet hatte,49 in München – nach Wiener Vorbild – einen
eigenen Salon einrichtete, den sie am 26. Januar 1899 mit einer Lesung Chamber-
lains aus den noch nicht erschienenen Grundlagen eröffnete; laut Eintragung in
Chamberlains Tagebuch war es das 8. Kapitel der Grundlagen: Der Staat.50
Elsa Bruckmanns Salon entwickelte sich in der Folge zum einflussreichsten
Zentrum des intellektuellen Lebens in München und sehr bald auch zu einem
Treffpunkt rechter und rechtsradikaler Denker und Politiker. Anfangs verkehrten
hier konservative Intellektuelle wie Hugo von Hofmannsthal, Stefan George und
Karl Wolfskehl, Autoren wie die Chamberlain-Freunde Rudolf Kassner und Her-
mann Graf Keyserling, aber auch Rilke, Ludwig Klages und Thomas Mann. Dann,
sehr viel später, nach 1920, kamen Adolf Hitler, Rudolf Hess, Alfred Rosenberg
und Baldur von Schirach als gelegentliche Gäste hinzu. Elsa Bruckmann hatte sich
schon früh zu einer schwärmerischen Nationalsozialistin entwickelt, die ihren Sa-
lon bis 1941 weiterführte.51 Wie immer dieser Salon politisch ausgerichtet sein
mochte, auch durch ihn – wie durch viele derartige Einrichtungen – zeigte sich
etwas für die Vorkriegszeit Typisches: es gab zwischen den europäischen Schrift-
stellern, Intellektuellen, Künstlern und Wissenschaftlern ein enges Netz gegensei-
tigen Kennens und Empfehlens, besonders eng geknüpft und verflochten inner-
halb der deutschsprachigen Länder. ›Man‹ kannte sich, unterhielt auch über
politische Gegensätze hinweg persönliche Kontakte, half sich gegebenenfalls wei-
ter. Stefan Zweig hat dieses intellektuelle Netzwerk, das mit dem Ausbruch des
Ersten Weltkriegs zerriss und nach dessen Ende nicht mehr wiederhergestellt wer-
den konnte, in seiner Autobiographie Die Welt von Gestern anschaulich und aus-
führlich geschildert.
Vor dem Hintergrund einer Orientierung suchenden Zeit war es absehbar,
dass ein Versuch, die vermeintlich wirren Zeitverhältnisse aus einer Ursache heraus
zu erklären, Aufmerksamkeit erregen und Erfolg haben musste. Und ein solcher
Versuch sollte ja nicht nur eine Erklärung der Vergangenheit sein, sondern zu-
gleich in dieser die Bedingungen für einen neuen Aufbruch aufsuchen. Das wusste
auch Hugo Bruckmann. Im Vorwort zu seinen Grundlagen hat Chamberlain die
Initiative Bruckmanns vermerkt: »Es erübrigt noch festzustellen, dass dieses Buch

49 Ebenda, S. 47.
50 Tagebuch, 26. Januar 1899.
51 Grundlegend für die Geschichte dieses Salons ist die Darstellung von Wolfgang Martynkewicz,
Salon Deutschland, die auch die Geistesgeschichte jener Jahre erhellt.
Entstehen und Beginn 109

sein Entstehen der Initiative des Verlegers, Herrn Hugo Bruckmann, verdankt.
Kann er insofern von einer gewissen Verantwortlichkeit nicht freigesprochen wer-
den – denn er hat dem Verfasser ein Ziel gesteckt, an das er sonst kaum zu denken
gewagt hätte, – so ist es Diesem zugleich ein Bedürfnis, seinem Freunde Bruck-
mann öffentlich für das Interesse und die Unterstützung zu danken, die er dem
Werke in allen Stadien seines Entstehens gewidmet hat.«52

Entstehen und Beginn


Der Entschluss, ein solches Werk, wie von Bruckmann gewünscht, zu schreiben,
war von Seiten Chamberlains an die Bedingung geknüpft, dass dieser bzw. sein
Verlag ihm alle für das Unternehmen notwendigen Bücher beschaffen und als Ei-
gentum überlassen werde. Denn Chamberlain nutzte für seine Arbeit keine öffent-
lichen Büchereien, lieh sich auch in aller Regel aus der Wiener Universitätsbiblio-
thek keine Bücher aus, war andererseits finanziell nicht wohlhabend genug, um
die bevorstehenden Anschaffungen selbst finanzieren zu können. Das alles schrieb
er an Bruckmann53, der seinem Wunsch nur gequält nachkam, ihn aber am Ende
akzeptierte. Wenn Chamberlain sich ausnahmsweise Literatur einmal selbst be-
sorgte, dann ließ er sich anschließend die Auslagen vom Verleger erstatten.54
Säuberlich führte er über beides Buch: So hielt er, um ein Beispiel zu geben, am
17. Juli 1898 fest, er habe für 240 Mark Bücher gekauft, Bruckmann für bereits
getätigte Käufe inzwischen 500 Mark überwiesen, doch die fraglichen 240 Mark
stünden noch aus, die dann wenige Tage später in Wien eingingen.55
Seinen eigenen Angaben zufolge hat Chamberlain etwa drei Jahre an den
Grundlagen gearbeitet.56 Die vorbereitenden Arbeiten begannen also 1896, als er –
so verzeichnet es sowohl die Autobiographie als auch sein Tagebuch – mit der
Fertigstellung der Druckfassung seiner Dissertation beschäftigt war. Zu diesen
Vorbereitungen gehörte auch eine anscheinend enge inhaltliche Abstimmung mit
Bayreuth, die durch einen Brief vom 18. Februar 1896 an Cosima Wagner doku-
mentiert wird, in dem er sich gleichsam die Erlaubnis einholte, das von Bruck-
mann gewünschte Werk schreiben zu dürfen; oder doch vorgab, diese Erlaubnis
einzuholen, während er zum Schreiben des Werkes bereits entschlossen war, seine
Arbeit aber nicht beginnen wollte, ohne die ›Meisterin‹ davon zuvor in Kenntnis
gesetzt zu haben. Das eigentliche Motiv für diesen Brief bleibt unklar; aber es ist
nicht abwegig zu vermuten, dass Chamberlain Wahnfried beizeiten in sein Projekt

52 HSC, Grundlagen, S. XI.


53 HSC an Bruckmann: Das Schreiben dieses Werkes hänge von der »Anschaffung grundlegender
Werke« ab. Brief vom 2. März 1896, Nachlass Chamberlain.
54 HSC an Bruckmann: »Ich bitte um die Erstattung 500 Mark für Bücher zum 19. Jahrhundert.«
Brief vom 17. Juli 1897, Nachlass Chamberlain.
55 HSC an Bruckmann, Brief vom 17./20. Juli 1998, Nachlass Chamberlain.
56 Zum Folgenden HSC, Lebenswege, S. 140 ff. sowie die Tagebücher 1896/97/98.
110 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

einbeziehen wollte, um seine durch die vorangegangenen Wagner-Arbeiten, vor


allem durch seine Wagner-Biographie begründeten, sehr engen Beziehungen zu
Cosima nicht zu gefährden.
Wie auch immer, dieser Brief ist so bemerkenswert, dass er hier ausführlich
zitiert werden soll.57 Bruckmann habe ihn, so schreibt Chamberlain an Cosima, um
»ein Buch über das Neunzehnte Jahrhundert« gebeten, worauf er zunächst nicht
geantwortet habe. Dann aber habe es gewaltig in ihm zu gären und kochen begon-
nen und in wenigen Tagen habe er »eine vollständige, zum Teil recht ausführliche
Disposition« entworfen, zu »einem Buch, welches in 3 Teilen, 16 Kapiteln und
etwa 60 Abschnitten dem gesamten Thema gerecht zu werden suchte«. Diese Skizze
habe er Bruckmann geschickt und von diesem »ein überschwengliches Telegramm«
erhalten. Angesichts der Größe des Unternehmens wolle er nun von Cosima wis-
sen, »ob ich, Houston Stewart Chamberlain, überhaupt befähigt bin, das Thema zu
behandeln? Ja oder Nein? Meinen Sie, dass die Eigenschaften meiner Begabung und
die Mängel derselben sich zu einem solchen Thema derartig verhalten, dass man
damit ein Maximum an Leistungsfähigkeit aus mir herauspressen könnte? Darauf
kommt es an. Nicht drei Jahre seines Lebens auf eine Sache geben, die dann doch
nicht ganz first rate ausfallen kann. Ein kleines Meisterstück oder gar nichts […].«
Der Cosima unterbreitete Plan sah vor, dass das Buch aus drei Teilen bestehen
sollte: »der erste wäre einem Überblick vom Jahre 1 bis 1800 gewidmet, der zweite
behandelte das XIX. Jahrhundert, der dritte wäre ein Versuch, die Bedeutung des
XIX. Jahrhunderts vergleichend zu bestimmen. Der erste Teil zerfällt wieder in
drei Kapitel: I Die Ursprünge (1–600), II Die Zeit der Gärung (600–1200), III Die
Entstehung einer neuen Welt (von 1200 an). – Das erste Kapitel ›Die Ursprünge‹
besteht wieder aus folgenden Abschnitten:
1. Das Erbe der Alten Welt (hellenistische Kunst und Philosophie, römisches
Recht, Die Gestalt Jesu Christi).
2. Der Eintritt der Semiten in die Weltgeschichte.
3. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Das dritte Kapitel (ich gebe Ihnen nur Beispiele) ›Die Entstehung einer Neuen
Welt‹ zerfiele in folgende Abteilungen:
1. Die Entdeckung der Erde (von Marco Polo bis Cook).
2. Das Volk (von der Gründung der Hanse bis zur Franz. Revolution). (NB. Der
Staat ist schon im II. Kapitel behandelt).
3. Die Industrie (von dem Aufkommen des Hemdes bis zur Erfindung der
Dampfmaschine).
4. Die Naturwissenschaft (von Occam bis Lavoisier).
5. Die religiösen Bewegungen (von Waldus bis Wesley).
6. Die Philosophie (von Albertus bis Kant).
7. Die Kunst (von Dante bis Bach)

57 Briefwechsel, S. 441 ff. (Brief vom 18. Februar 1996).


Entstehen und Beginn 111

Der zweite Teil des Buches, der Hauptteil, zerfällt nach meinem vorläufigen Plan
in acht Kapitel. Von diesen acht nur einiges über das erste und letzte.
Kap. I ›Neu auftretende Kräfte‹.
1. Das mobile Vermögen: eine neue gesellschaftliche Macht.
2. Die Presse: eine neue politische Macht.
3. Die moderne Chemie: der Ausgangspunkt einer neuen Naturwissenschaft.
4. Dampf und Elektrizität: neue Lebensgewohnheiten, neue Industrie.
5. Die Entthronung der logisierenden Vernunft: Begründung einer neuen Welt-
anschauung (Schopenhauer).
6. Die Vollendung einer neuen künstlerischen Sprache: die Musik (Beethoven).

In den weiteren Kapiteln werden nun die Hauptzüge der politischen Gestaltung,
der sozialen Gestaltung, die Fortschritte der Technik, der Naturwissenschaften, der
›Humanitäten‹ im Laufe des Jahrhunderts in kurzen Zügen behandelt, sodann die
Philosophie, zuletzt die Schöpfungen der Kunst (eine ›Literatur‹ für sich kommt im
ganzen Buch nicht vor). Leider reichen, wie ich sehe, meine Bleistiftnotizen für
dieses letzte, achte Kapitel, nicht hin; es zerfällt in zwei Abschnitte, der letzte lau-
tet:
4. Richard Wagner: der überragende Genius des Jahrhunderts; die Stellung
seiner dramatischen Schöpfungen im Verhältnis zur vorangegangenen Wort- und
Tondichtung Deutschlands; ihre Stellung im Verhältnis zu den kulminierenden
Erscheinungen des hellenischen Dramas (Sophokles), des spanischen (Calderon)
und des englischen (Shakespeare).
Über den dritten Teil des Buches – vielleicht den interessantesten – kann ich
mich in wenigen Worten nicht klar aussprechen. Vielleicht genügt das eine, daß
ich das XIX. Jahrhundert als eine bloße Etappe auf dem Weg vom XIII. zum
XXIII. (oder XXV.) Jahrhundert auffasse und meine Meinung zu begründen su-
che, dass nichts von ihm bleiben wird außer den Entdeckungen der Wissenschaf-
ten (keine aber ihrer Hypothesen) und einigen sehr wenigen Werken der Kunst.
Recht unterhaltend wirkt die Parallele mit der Zeit der Ursprünge. Aristotelismus
wieder aufblühend, das Problem des erblichen Eigentums akut, das Christentum
genau so wie damals die Antithese des öffentlichen Lebens, der neue ›Eintritt der
Semiten‹ in unserem Jahrhundert vollbracht, die Völkerwanderung der Germanen
über den Erdball fortgesetzt etc. etc.! Gerade in diesem dritten Teil kommt die
›Bayreuther Weltanschauung‹ vielfach in entscheidender Weise zur Geltung.«
Soweit die Skizze des geplanten Inhalts, die von der späteren Gliederung des
Werks erheblich abweicht und etwa keineswegs mit Richard Wagner, sondern mit
Shakespeare und Beethoven endet, was zu massiven Verstimmungen mit Wahn-
fried führen sollte. Chamberlain beschloss seinen Brief, nachdem er bemerkt hatte,
er wisse von Geschichte nichts, gar nichts, und er müsse deshalb furchtbar viel le-
sen, frage sich, ob er das aushalte, mit dem Satz: »Dessen kann ich Sie versichern,
hochverehrte Meisterin, Ihr ›nein‹ wäre mir eine kleine Enttäuschung, aber eine
große Erlösung. An Arbeit brauchte es ja deswegen nicht zu fehlen.« Was wiede-
112 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

rum nicht stimmte, denn er war längst entschlossen, dem Vorschlag Bruckmanns
zu folgen und hatte sich mit diesem bereits vereinbart.
Die Antwort aus Bayreuth kam umgehend. In einem Brief, datiert vom
22. Februar 189658, schrieb Cosima ein »dezidiertes, enthusiastisches Ja«, wenngleich
wegen Chamberlains Gesundheit mit Vorbehalten. Und dann heißt es: »Ihre Einlei-
tung hat mich ganz erregt. Ich würde nur bitten, den Deutschen Orden nicht
auszulassen, dessen Geschichte ich immer lesen wollte, nie aber dazu kam. Dann
würden Sie doch wohl den Dämon Napoleon nicht auslassen können und die
wunderbare Gerechtigkeit der Geschichte im Krieg 70. Oder soll dieser Teil ganz
ausgelassen werden?« Eine sonderbare Ergänzung des Plans von Chamberlain, die
zeigt, das Cosima die Intentionen von Chamberlain nicht wirklich verstanden
hatte. Der ging in seinem Brief vom 24. Februar 189659 deshalb auch nur zögernd
auf die Vorschläge ein, vermutlich, weil er sie für abwegig hielt. Das alles war der
Beginn eines umfangreichen Austauschs zwischen beiden und Cosima gab immer
wieder Hinweise, wünschte Ergänzungen und dergleichen mehr; die Chamberlain
scheinbar begrüßte, denen er aber nicht nachzukommen gedachte.
Seinem Verleger Bruckmann berichtete Chamberlain von Cosimas Reaktion
auf seinen Buchplan und schrieb, sie sei der »einzige Mensch«, mit dem er »unter
dem Siegel strengster Verschwiegenheit« sich beraten habe, und ihren Rat zu ge-
winnen »konnte dem Werk nur zu großem Vorteil gereichen«.60 Der in den nächs-
ten Monaten folgende Briefwechsel zwischen Autor und Verleger bezog sich dann,
da Chamberlain in finanzieller Enge lebte, auf Honorarfragen – »160 Mark pro
Bogen«61 – und auf die nochmalige Bitte, Bruckmann möge ihm alle nötige Lite-
ratur beschaffen und zur Verfügung stellen, was dieser tat. Bis zum Abschluss des
Werkes berichtete Chamberlain weitgehend regelmäßig über seine Befindlichkeit
als Autor und den Stand seiner Arbeiten: so, um ein Beispiel zu geben, darüber,
dass er »von früh an gestiefelt und gespornt auftrete, anders gar nicht arbeiten
könne«; dass er sich trotz physischen Unwohlseins zur konzentrierten Arbeit
zwinge, bei größter Hitze aber nur schleppend vorankomme.62 Immer wieder ist
in den Briefen an den Verleger von gesundheitlichen Einbrüchen die Rede, die
die Arbeiten verzögerten. Zugleich aber teilte er mit, welche Abschnitte er fertig-
gestellt hatte, welche er bearbeite, mit welchen er sich herumquäle: fertig seien die
»allgemeine Einleitung« und der »Abschnitt Rom«63, er habe »große Schwierigkei-
ten mit der Erscheinung Christi«64, heißt es im Juli 1897. Auch Veränderungen des
ursprünglichen Plans, Umstellungen von Kapiteln usw. wurden dem Verleger je-

58 Briefwechsel, S. 445 f. (Brief vom 22. Februar 1896).


59 Ebenda, S. 446 f. (Brief vom 24. Februar 1896).
60 HSC an Bruckmann vom 2. März 1896, Nachlass Chamberlain.
61 HSC an Bruckmann vom 16. März 1896, Nachlass Chamberlain.
62 HSC an Bruckmann vom 8. Juli 1897, Nachlass Chamberlain.
63 Ebenda.
64 HSC an Bruckmann, Brief vom 17. Juli 1897, Nachlass Chamberlain
Die Widmung 113

weils prompt gemeldet65, ebenso Kürzungen des Manuskripts, das er – bei vertrag-
lich bis dahin ungeklärtem Umfang – ebenfalls im Juli 1897 auf etwa 1200 Seiten
schätzte.66 Bis in die Details hinein kümmerte er sich um das entstehende Werk:
im Sommer 1898 gab er Bruckmann seine Wünsche bezüglich des Buchumschlags,
der Papierstärke und Papierqualität, der Drucktypen, der Schriftgröße und der
Randbreite vor, ebenso Wünsche hinsichtlich eventueller Zeichnungen und Illus-
trationen. Die Begründung für solche Sorgfalt findet sich ebenfalls in einem Brief:
»Mein Werk ist kein wissenschaftliches«, heißt es im Juli 1898, »es ist ein literari-
sches Werk, ein Werk, das sich an alle Gebildeten wendet, um sie mit Ideen und
Anregungen zu bereichern, um als künstlerisches Ganzes auf sie zu wirken – und
ich meine, es wäre durchaus nicht unwichtig, diese Tatsache sofort dem Auge
aufzudrängen. […] So sollte das Buch so viel wie möglich als zur ›schönen Litera-
tur‹ gehörig äußerlich gekennzeichnet werden. Druck und Papier sollten diesen
Charakter ankündigen.«67 Im Juli 1898 teilte er Bruckmann dann mit, er habe das
Schlusskapitel fast beendet68, und im August hieß es, das Vorwort sei revidiert und
beendet worden, die Einleitung werde noch einmal umgearbeitet und »prägnant
gestaltet.«69

Die Widmung
In der ersten, dreibändigen Auflage des Werks von 1899 findet sich unmittelbar
nach dem Titelblatt eine ausführliche und erstaunliche Widmung:

»Dem Physiologen
Hofrat Professor Doktor
Julius Wiesner
derzeit Rektor der Universität zu Wien
in Verehrung und Dankbarkeit
zugleich als Bekenntnis bestimmter wissenschaftlicher
und philosophischer Überzeugungen
zugeeignet«

Julius Wiesner war, wie schon bemerkt worden ist, einer der berühmtesten Biolo-
gen seiner Zeit. Seinetwegen war Chamberlain nach Wien gezogen, um bei ihm
seine Studien und seine Promotionsarbeit abzuschließen. Er verehrte ihn vorbe-
haltlos, und zwar sowohl als Wissenschaftler wie auch als Mensch, der ihm ein

65 HSC an Bruckmann, Brief vom 22. Oktober 1897, Nachlass Chamberlain


66 HSC an Bruckmann, Brief vom 21. Juli 1898, Nachlass Chamberlain.
67 Ebenda.
68 HSC an Bruckmann, Brief vom 28. Juli 1898, Nachlass Chamberlain.
69 HSC an Bruckmann, Brief vom 7. August 1898, Nachlass Chamberlain.
114 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Abb. 17: Julius Wiesner 1895

tadelloses moralisches Vorbild war. Er habe, schreibt er in seinen Lebenswegen,


beim Schreiben seiner Bücher »immer bestimmte Leser vor Augen gehabt, zu de-
nen ich redete – so z. B. bei den Grundlagen wissenschaftlich gebildete, frei ge-
sinnte, unparteiisch urteilende, christlich gesinnte Männer nach Art Julius
Wiesner’s, dem ich sie darum widmete.«70 Einen »edlen, gütigen Freund« nennt er
ihn in seinen Erinnerungen, einen »seltenen Mann«, der »nicht vielleicht auf mein
Denken über die Natur, wohl aber auf mein Erblicken und Erforschen Einfluß wie
kein anderer besaß« und dem er daher »mit Freimut und Ehrfurcht« gegenüber
getreten sei. Mit Wiesner besprach er all seine naturwissenschaftlichen Forschun-
gen und hielt mit ihm bis zu dessen Tod brieflichen Kontakt.71
Angesichts solcher Bewunderung ist die hochgestimmt formulierte Widmung
zunächst keine Überraschung; sie wird es freilich, wenn man weiß, dass Wiesner
vermutlich jüdischer Herkunft war. Es entbehrt nicht einer gewissen tragischen Iro-
nie, dass Chamberlain ausgerechnet das Werk, mit dem er die Überlegenheit und die
Schöpferkraft der germanischen Rasse in der europäischen Geschichte und zugleich
die historisch verhängnisvolle Rolle der Juden belegen wollte, einem jüdischen Ge-
lehrten dedizierte. Allerdings muss angefügt werden, dass die jüdische Herkunft
Wiesners nicht völlig zweifelsfrei geklärt war und zu klären ist, weil die verfügbaren
Akten sie nicht eindeutig belegen; gleichwohl ist sie aber mehr als wahrscheinlich.

70 HSC, Lebenswege, S. 65. Hier auch das folgende Zitat.


71 Es versteht sich von selbst, dass sich die Arbeiten von Wiesner vollständig in Chamberlains Bi-
bliothek finden. Der Katalog verzeichnet 45 Titel, darunter auch Sammelmappen mit zahlreichen
Aufsätzen, mit der Festschrift für den Verehrten und eine Arbeit über ihn und seine Schule (Bi-
bliotheksverzeichnis, Nachlass Chamberlain).
Die Widmung 115

Laut Eintrag in den Hörerkatalog des Wiener polytechnischen Instituts war


Wiesner katholischen Glaubens72, was aber über seine jüdische Herkunft nichts
besagt. Die Personalakte der Wiener Universität, die auch die Zeit seiner späteren
Lehrtätigkeit erfasst, enthält – im Gegensatz zu der des Wiener Polytechnikums, an
dem er zuvor unterrichtet hatte – keinen Hinweis auf seine Konfessionszugehörig-
keit oder seine Herkunft.73 Gleichwohl bezeichnet Theodor Lessing in seinem
Buch über den Jüdischen Selbsthass Wiesner als Juden74, und in dieser Tradition,
vielleicht von Lessing übernommen, steht auch Geoffrey G. Field mit seiner
Chamberlain-Arbeit.75 Auch Barbara Liedtke geht wie selbstverständlich davon
aus, dass Wiesner Jude gewesen sei, ohne allerdings einen triftigen Beleg dafür
beizubringen.76 Obgleich alle Autoren keine verlässlichen Begründungen für ihre
Urteile geben, sprechen doch drei Anhaltspunkte dafür, dass Wiesner in der Tat
jüdischer Herkunft war: Zum einen stammte er aus der Gegend von Brünn, wo
damals viele Juden lebten, von denen ein beträchtlicher Teil, vorwiegend aus be-
ruflichen oder gesellschaftlichen Gründen, zum Christentum konvertiert war;
auch die Familie Wiesners oder Wiesner selbst könnten solche Konversion vollzo-
gen haben. Zum anderen wurde er lange nach seinem Tod, nach dem Anschluss
Österreichs an das Deutsche Reich, von den Nazis als Jude verfemt: Anfang No-
vember 1938 entfernten die Nationalsozialisten in der Wiener Universität zehn
Skulpturen jüdischer Professoren und lagerten sie ein, darunter auch die Büste
Julius Wiesners, die bei den Porträts der Wiener Universitätsrektoren gestanden
hatte.77 Darüber hinaus findet sich Chamberlains Widmung an Wiesner in den
Auflagen der Grundlagen ab 1933 nicht mehr an der gewohnten Stelle: Von der bis
dahin ersten Seite nach dem Titel ist sie hinter das Inhaltsverzeichnis gerückt wor-
den, wo sie leicht übersehen werden konnte. Das kann nur auf den Wunsch der
nationalsozialistischen Zensur hin erfolgt sein: Die Nazis wagten es vermutlich
gegenüber ihrem vermeintlichen ideologischen Vorläufer offenbar nicht, die Wid-
mung ganz zu streichen, wohl aber, sie zu verstecken. Schließlich kommt als letz-
tes Indiz hinzu, dass das jüdische Museum in Wien Julius Wiesner als Juden führt.78

72 Auskunft des Archivs der Technischen Universität Wien aufgrund der Personalakten Wiesners
vom 8. August 2012 an den Verfasser.
73 Auskunft des Universitätsarchivs der Wiener Universität an den Verfasser vom 31. Juli 2012.
74 Theodor Lessing, Der jüdische Selbsthass, München 1984, S. 247; es heißt hier: »Der erwähnte
Julius Wiesner ist der bekannte Botaniker, damals Rektor der Universität Wien. Er war Jude,
aber hatte die Widmung von Chamberlains Grundlagen angenommen, ein krasses Beispiel man-
gelnder Selbstachtung.«
75 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 186.
76 Barbara Liedtke, Völkisches Denken, S. 75.
77 Auskunft der Universität Wien an Sven Brömsel, 11. April 2013, der mir dies freundlicherweise
mitteilte.
78 Alfred Stalzer, Jüdische Intellektuelle und Künstler und ihr Beitrag zur Wiener Kultur- und Geistesge-
schichte – ein Überblick. Jüdisches Museum Wien, Januar 2013. Hier wird neben Hans Kelsen (Ju-
rist), Siegfried Marcus (Erfinder des Automobils), Lise Meitner, Wolfgang Pauli und Felix Ehren-
haft (Physik), Max F. Perutz (Biochemiker) u. a. auch Julius Wiesner als Botaniker genannt (S. 3).
116 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Dies alles sind so gewichtige Hinweise, dass davon ausgegangen werden kann,
Wiesner sei ein zum Christentum konvertierter Jude gewesen.
Im historischen Rückblick auf die rassistischen wie antisemitischen Thesen
wie Wirkungen der Grundlagen wirft es ein bezeichnendes Licht auf Chamberlains
noch genauer zur erörterndes ambivalentes Antisemitismusverständnis, dass er sein
Werk einem seiner Herkunft nach jüdischen Gelehrten widmete. Und zwar nicht
nur in einfacher und sachlicher Dedikation, sondern durch Formulierungen, die
eine tiefe innere Beziehung des Autors zu seinem Lehrer erkennen lassen – was die
oben zitierten Passagen aus seinen Lebenswegen mit allem nur denkbaren Nach-
druck belegen. Dass Chamberlain über die jüdische Herkunft Wiesners nichts ge-
ahnt oder gewusst hat, ist kaum anzunehmen. Er pflegte sich in solchen Fällen
genau zu informieren. Eher ist davon auszugehen, dass er, wie es in Bayreuth öfter
der Fall war – Hermann Levi ist dafür ein schlagendes Beispiel –, zwischen Juden,
die er aufgrund ihrer Leistungen bewunderte, und ›den‹ Juden als einem Rassen-
kollektiv nach eigenen Zweckmäßigkeitsgesichtspunkten unterschied. Das bestä-
tigt sich auch in vielen ähnlichen Urteilen über ›die‹ Juden in den Grundlagen und
in anderen Schriften.

Kunst oder Wissenschaft?


Was er Bruckmann bereits brieflich mitgeteilt hatte, bekräftigte Chamberlain noch
einmal für seine Leser in seinem Werk selbst. An einer eher versteckten Stelle des
ersten Kapitels der Grundlagen heißt es: »Es muss mir daran liegen, auch den ge-
ringsten Schein einer Gelehrsamkeit, die ich nicht besitze, von mir abzuwehren;
ein Mann in meiner Lage kann ja nur von den Ergebnissen gelehrter Forschungen
Kenntnis nehmen; an diese Ergebnisse hat er aber das Recht und die Pflicht als
freier Mann und im Besitze einer vollwertigen Urteilskraft heranzutreten, und
zwar muss er vor allem, dünkt mich, seine Urteilskraft in der selben Art benützen,
wie ein Monarch, dessen Weisheit sich namentlich in der Wahl seiner Ratgeber zu
bewähren hat; über den Wert gelehrter Argumente kann der Laie nicht zu Gericht
sitzen, dagegen vermag er es sehr gut, aus Stil, Sprache und Gedankenführung sich
ein Urteil über den einzelnen Gelehrten zu bilden […].«79
Dieses Bekenntnis, nicht als Fachwissenschaftler, sondern als »Dilettant« – im
Sinne Goethes80 – sich seines Gegenstandes anzunehmen, findet sich bei Chamber-
lain immer wieder. Er meinte, aus der Überblicksperspektive dessen, der über die
engen Fachgrenzen hinaussieht, die unter ihm liegende Topographie seines Themas
besser als jeder auf ein spezielles Gebiet begrenzter Wissenschaftler beschreiben und
beurteilen zu können. Im Vorwort zu den Grundlagen schreibt er, ein offen einge-

79 HSC, Grundlagen, S. 71, Anm. 2.


80 Dazu eingehend Hans Rudolf Vaget, Dilettantismus und Meisterschaft. Zum Problem des Dilettantis-
mus bei Goethe, München 1971.
Kunst oder Wissenschaft? 117

standener Dilettantismus habe den Vorteil, »dass eine umfassende Ungelehrtheit ei-
nem grossen Komplex von Erscheinungen eher gerecht werde, dass sie bei der
künstlerischen Gestaltung sich freier bewegen wird als eine Gelehrsamkeit, welche
durch intensiv und lebenslänglich betriebenes Fachstudium dem Denken bestimmte
Furchen eingegraben hat.«81 Diese Selbsteinordnung ist für ihn von so zentraler Be-
deutung für sein Schaffen und dessen Beurteilung, dass er zu einem späteren Zeit-
punkt, im Vorwort zur 4. Auflage, erneut mit einiger Ausführlichkeit darauf zurück-
kommt. Gegenüber seinen Kritikern verweist er mit seiner Trennung von Dilettant
und Fachgelehrtem auf Goethe und Schopenhauer, die beide der Meinung gewesen
seien, »dass Dilettanten zum Vorteil der Wissenschaft vieles beitragen« und von Di-
lettanten »stets das Größte ausgegangen« sei.82 Der Dilettant Chamberlain versteht
sich als Synthetisierer und Vermittler von Ergebnissen unterschiedlicher Einzelwis-
senschaften für ein kulturinteressiertes Lesepublikum. Dazu bedarf es freilich seiner
Überzeugung nach einer »wissenschaftlichen Schulung«, die er für sich zu Recht mit
Bezug auf seine naturwissenschaftliche Ausbildung in Anspruch nimmt. Mit dem
psychologisch bezeichnenden Zusatz, »eine Fügung des Schicksals [habe ihn] aus der
erwählten Laufbahn entfernt«83, spielt er auf seine ursprüngliche Absicht an, eine
akademische Karriere anzustreben. Und an anderer Stelle bekennt er später, zwar
habe die »Tücke des Schicksals« verhindert, »selber der Wissenschaft als Gelehrter zu
dienen«, doch werde er sich »immer und überall zu ihr bekennen und immer und
überall für sie und gegen ihre vielen Feinde und Verächter kämpfen«84 – ein Be-
kenntnis, das man in Bayreuth mit Wagners Verachtung gegen die trockenen und
lebensfremden Professoren und ihre Wissenschaft wohl kaum mit besonderer Freude
aufgenommen haben wird. Nun aber, da die häufigen Krankheiten dies verhindert
hätten, machte er aus der Not eine Tugend, wertete die Fachwissenschaftler ab und
den literarisch verstandenen Dilettanten auf. In Anlehnung an Goethe schreibt er:
»Wir brauchen Männer, die befähigt und gewillt sind, gleichsam als ›geschulte Nicht-
Fach-Gelehrte‹ zu wirken, sonst fällt die Gesamtheit unseres Wissens immer mehr
auseinander […]. Das Zusammenfassen und das Beleben ist das Werk, das heute dem
Dilettanten, wie ich ihn verstehe, obliegt. […] Dass dieser Dilettant kein Stümper
sein darf, liegt auf der Hand; wäre er einer, so thäte er besser umzusatteln und sich
Fachstudien zu widmen, denn in der Wissenschaft kann jede noch so geringe Bega-
bung Verwendung finden, im Dilettantismus nicht […]. Dilettant ist, wer aus Liebe
und Leidenschaft, ohne jede Eigensucht, eine Sache betreibt; […]. An den echten
Dilettanten werden hohe Ansprüche gestellt: wir fordern von ihm eine vorzügliche
Urteilskraft, das Auge eines Feldherrn – zugleich scharf und viel umfassend, innere
Freiheit, unermüdlichen Fleiss und volle Hingebung.«

81 HSC, Grundlagen, Vorwort S. XIV; vgl. dazu auch Über Dilettantismus, in: HSC, Rasse und Per-
sönlichkeit, S. 98 ff.
82 HSC, Wehr und Gegenwehr. Vorworte zur dritten und vierten Auflage der Grundlagen des neunzehnten
Jahrhunderts, München 1912, S. 23.
83 HSC, Grundlagen, Vorwort S. XIV.
84 HSC, Wehr und Gegenwehr, S. 4; das folgende Zitat S. 24.
118 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

In diesen Zeilen ist Mehrfaches spürbar: zum einen die Analogie zu Wagner
und Bayreuth. Wie Wagner durch die Synthese der Einzelkünste das Gesamt-
kunstwerk schaffen und mit ihm zugleich die Umwälzung aller bisherigen ästheti-
schen Werte bewirken wollte, so will Chamberlain durch die Synthese der einzel-
wissenschaftlichen Ergebnisse mit seinen Grundlagen eine neue Sicht auf die
Geschichte Europas und der mit Europa zusammenhängenden Weltteile begrün-
den. Zum anderen impliziert gerade dieser Anspruch auf Synthetisierung, ange-
sichts der unumkehrbaren Ausdifferenzierung moderner Wissenschaften, bei den
Lesern das Bewusstsein dafür zu schaffen, es gebe eine Chance, das »Ganze des
Lebens« erfahren zu können – eine um die Jahrhundertwende typische Hoffnung
großer Teile des gebildeten Bürgertums, die unter anderem darin gründet, inmit-
ten heftiger Modernisierungsschübe und struktureller Verwerfungen der Gesell-
schaft und der Politik für sich selbst eine feste weltanschauliche Orientierung ge-
winnen zu wollen. Chamberlains immer erneute Beschwörung des Dilettanten
bedient solche Sehnsüchte und ist einer der Gründe für den Erfolg, den er nicht
nur mit den Grundlagen hatte. Darüber hinaus aber ist die Selbsteinstufung als Di-
lettant in gewisser Weise, auch wenn er selbst das nicht so gesehen hat, eine Im-
munisierung gegen wissenschaftliche Fachkritik, weil sie immer erlaubt, sich auf
einen die Wissenschaft übergreifenden, damit der inhärenten ›Wahrheit‹ aber umso
näher kommenden Standpunkt zurückzuziehen, den die Wissenschaft notwendig
verfehlen muss.

Die Einleitung
Chamberlain hatte ursprünglich geplant, nach einer Darstellung jener historischen
Entwicklungen, die aus seiner Sicht noch das 19. Jahrhundert in seiner kulturellen
Physiognomie entscheidend mitbestimmen, einen weiteren Band über das 19. Jahr-
hundert selbst folgen zu lassen, der dann die prägenden Strukturen der Kultur im
weitesten Sinne thematisieren sollte.85 Die Grundlagen sollten zu diesem Band nur
die Voraussetzungen klären, auf denen die eigene Zeit aufruhte, und der »Auffin-
dung grundlegender Geschichtstatsachen« dienen. Zur Realisierung einer solchen
Darstellung ist es indessen, aus welchen Gründen auch immer, nicht gekommen.
Was mit den drei Bänden der ersten Auflage, die in allen folgenden Auflagen auf
zwei Bände aufgeteilt wurden, also vorliegt, sind, nach Auffassung des Autors, jene
fundamentalen Momente der europäischen Geschichte, die noch bis in die eigene
Gegenwart und darüber hinaus vermutlich auch bis ins 20. Jahrhundert mitbestim-
mend hineinreichen. Es geht also nicht um eine möglichst alle Entwicklungsdetails
umfassende Geschichte Europas, sondern um das Herausarbeiten weniger konsti-

85 HSC, Grundlagen, Einleitung, S. 4; ebenso S. 865: Die Absicht bestand, »dies Säculum zwar nicht
ausführlich [zu] schildern, wohl aber mit einiger Gründlichkeit auf seine Gesamtleistung hin [zu]
prüfen«; die folgenden Zitate S. 626; 309; 2 f.
Die Einleitung 119

tutiver Fundamentalbedingungen, die seit der Antike Europas Weg charakteris-


tisch geprägt haben und von denen Chamberlain überzeugt ist, dass sie noch in der
Gegenwart und über diese hinaus struktur- wie bewusstseinsbildend fortwirken:
»Die historischen Kenntnisse setze ich, mindestens in den allgemeinen Umrissen,
[…] voraus, […] da ich in […] diesem Buch keine Zeile schreiben möchte, die
nicht aus dem Bedürfnis entspränge, das 19. Jahrhundert besser zu begreifen und
zu beurteilen.«
Da heute unterstellt werden muss, dass der Inhalt der Grundlagen nahezu voll-
ständig unbekannt ist, sollen im Folgenden die neun Kapitel des Buches mit ihren
Untergliederungen verkürzt und verdichtet in ihren Hauptzügen referiert werden.
Das ist eine zwar mühsame Arbeit, für den Autor wie den Leser gleichermaßen,
aber eine durchaus notwendige, weil ohne die Kenntnis der zentralen Inhalte die
nachhaltige Wirkung, die das Buch über Jahrzehnte entfaltet hat, ebenso wenig zu
verstehen und zu beurteilen ist, wie die darauf bezogenen kritischen Auseinander-
setzungen.
Chamberlain formuliert vor dem Hintergrund einer klar umrissenen Ge-
schichtsphilosophie bzw. Weltanschauung, die aber erst im Verlaufe der Darstel-
lung allmählich für den Leser deutlicher hervortritt, in der Einleitung zu den drei
Kapiteln des ersten Teils der Grundlagen die Grundprinzipien seiner Darstellung:
einerseits eine – dem Naturwissenschaftler strikt anerzogene – »unbedingte Ach-
tung der Tatsachen«, andererseits eine – immer wieder betonte, der Haltung Wag-
ners verpflichtete – »künstlerische Gestaltung«, die es erlaubt, die »großen Züge«
der europäischen Geschichte zu verfolgen, ohne deren Verzweigungen im Detail
nachverfolgen zu müssen. Ausgangspunkt und Grundorientierung des Buches ist
das »Jahr 1 der christlichen Zeitrechnung«, aber die ersten beiden Kapitel über
Hellas und Rom greifen ebenso weit zurück wie die Ausführungen über Jesus,
dessen Geburt für Chamberlain »das wichtigste Datum der gesamten Geschichte
der Menschheit«86 ist. Das »Erwachen der Germanen« um 1200 erscheint ihm dann
als entscheidender Einschnitt in der europäischen Entwicklung, weil damit der
»Anfang einer neuen Welt« beginnt. Konventionelle Strukturbegriffe wie Alter-
tum, Mittelalter und Renaissance werden verabschiedet, weil sie eher irreführend
seien und den eigentlichen Grund für die Herausbildung der modernen Welt ver-
deckten: die sich etablierende Vorherrschaft der Germanen, die mehr und mehr
gestaltend alle Bereiche des Lebens, der Kultur und Wissenschaft in Europa be-
stimmen. Aus der Rückschau auf die historische Entwicklung Europas erscheint
ihm das 19. Jahrhundert als eher unübersichtlich und als eine Zeit der »Anhäufung
von [Wissens-U. B.] Material«, ein »Durchgangsstadium« und »Provisorium«, »we-
der Fisch noch Fleisch«, »schwankend zwischen Liberalismus und impotenten Ver-

86 Ebenda, S. 46; ähnlich formuliert er im Vorwort zu seinem Werk, wo es heißt, er habe »neben
dem unvergänglichen Eindruck der Methodik und der unbedingten Achtung vor den Tatsachen,
welche die Naturforschung ihren Jüngern einprägt, für alle Wissenschaft Verehrung und leiden-
schaftliche Liebe bewahrt.« Ebenda, S. IX f.; die folgenden Zitate und Hinweise S. 8; 35.
120 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Abb. 18: Chamberlain zur Zeit der Entstehung der Grundlagen in seiner Wiener Bibliothek

suchen seniler Reaktionsgelüste, zwischen Autokratie und Anarchismus, zwischen


Unfehlbarkeitserklärungen und stupidestem Materialismus, zwischen Judenanbe-
tung und Antisemitismus, zwischen Millionärswirtschaft und Proletarierpolitik.«
Charakterisiert ist dieses 19. Jahrhundert als Zeit der Naturwissenschaften, der Phi-
lologie und der Rassen – Letzteres die »notwendige und unmittelbare Folge der
Wissenschaft und des wissenschaftlichen Denkens«. Denn die Wissenschaft habe
inzwischen, so die Begründung, »die Existenz von physischen unterscheidenden
Merkmalen zwischen den Rassen erwiesen«, die wissenschaftliche Philologie »zwi-
schen den verschiedenen Sprachen prinzipielle Abweichungen aufgedeckt«, und
die wissenschaftliche Geschichtsforschung über die genaue Analyse der Religions-
geschichte der Völker die deutlichen Unterschiede zwischen den Rassen festge-
stellt. Folglich bleibe der Glaube an die »Einheit der Menschheit« zwar eine ehren-
werte Hypothese, entbehre jedoch jeglicher empirischen Grundlage und sei bloße
subjektive Überzeugung.87 Zugleich aber werde das 19. Jahrhundert geprägt durch
das Prinzip der »Methodik«, in der »mehr als in irgendeiner politischen Gestaltung
ein Sieg des demokratischen Prinzips«88 zu sehen sei. Alles in allem also ein Jahr-

87 Ebenda, S. 33. Über Chamberlains Rassentheorie und deren Einbettung in die zeitgenössische
Debatte vgl. unten S. 219 ff.
88 Ebenda, S. 38.
Hellenistische Kunst und Philosophie 121

hundert, das über sich selbst hinausweise und hoffen lasse, »dass wir Germanen und
die Völker, die unter unserem Einfluss stehen, einer neuen harmonischen Kultur
entgegenreifen, unvergleichlich schöner als irgend eine der früheren […], in der
die Menschen wirklich besser und glücklicher sein werden als sie jetzt sind«89 –
eine Vision, die deutlich von Wagners politisch-ästhetischer Utopie gespeist ist
und die den Boden vorbereiten soll für eine Umwälzung des Zeitalters und eine,
mit Wagner zu reden, ›Regeneration‹ der Menschen Europas.

Hellenistische Kunst und Philosophie


Das erste Kapitel der Grundlagen über Hellenische Kunst und Philosophie beschreibt
die »Geburt des Menschen« im antiken Griechenland. Ursprünglich, so Chamber-
lain, sei der Mensch als Geschöpf unter Geschöpfen gewandelt.90 Aber seine Fähig-
keit, »ohne Not zu erfinden, seine unvergleichliche Befähigung, nicht im Dienste
eines Naturzwanges, sondern frei sich zu betätigen«, habe ihn bald aus seiner na-
türlichen Umwelt herausgehoben. Die »freischöpferische Kraft«, die sich in Grie-
chenland entwickeln konnte, machte ihn erst eigentlich zum Menschen und führte
zu Kunst und Wissenschaft. Chamberlain taucht tief in die griechische Geschichte
ein, erörtert die griechische Literatur sowie die Entwicklungen der Philosophie
und der Wissenschaften, setzt sich mit den wichtigsten Philosophen und Dichtern
detailliert auseinander und zieht bei alledem die einschlägige Literatur seiner Zeit
in imponierender Breite für seine Argumentation heran. Seine in viele Einzelhei-
ten gehenden Überlegungen, die hier nicht referiert werden können, kreisen stets
um die Frage, welchen Beitrag die großen, genialen Geister und führenden Per-
sönlichkeiten der griechischen Geschichte zur kulturellen Blüte ihrer Zeit beige-
tragen haben, und sie messen alles an der Originalität eines Homer und der »un-
erreichten Blüte« von Dichtung, Architektur und Plastik. Die von Homer
geschaffenen, anthropomorphen Götter, die Naturbeobachtungen eines Demo-
krit, Platons »menschenerschaffendes Reich der Ideen« markierten die Anfänge
einer Kultur, die auch in ihren sonstigen Disziplinen auf »künstlerischen Grundla-
gen« ruht: »Sprache, Religion, Politik, Philosophie, Wissenschaft einschließlich
der Mathematik, Geschichtsschreibung und Erdkunde, alle Formen der Dichtung
in Worten und Tönen, das ganze öffentliche Leben und das ganze innere Leben
des Einzelnen« – alles ist nach Chamberlain dem künstlerischen Freiheitsdrang der
Griechen entsprungen und macht Hellas zu einem Ausgangspunkt und zur Grund-
lage europäischer Entwicklung, mit Wirkungen bis in das 19. Jahrhundert hinein.
Zweifellos unterschätzt Chamberlain den Anteil des Politischen, die Funktion
der antiken Polis als Bedingung zur Blüte der griechischen Kultur in gravierender
Weise, was vermutlich seiner durch Wagner verursachten, kulturell geprägten

89 Ebenda, S. 37.
90 HSC, Grundlagen, S. 65. Die folgenden Zitate auf den Seiten 67; 80; 68; 69; 70.
122 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Sicht auf die Geschichte geschuldet ist, in der bekanntlich die Politik stets negativ
besetzt war. So verkennt er auch, dass erst die Mitsprache des demos, der stimm-
berechtigten Bürger einer Polis, in quasi-demokratischen Verfahren jene Voraus-
setzungen schuf, welche die Entwicklung der hellenistischen Kultur überhaupt erst
ermöglichten. Er übersieht den Zusammenhang zwischen der Polis und ihrer kul-
turellen Selbstrepräsentation, wie sie etwa in den jährlichen Aufführungen der
Tragödien zum Ausdruck kam: Diese dienten der Selbstauslegung wie der Neube-
stimmung des gemeinsamen Lebens, weil sie die »Probleme der Gegenwart«91
durchspielten und so interpretierten, dass Zukunftsschlüsse daraus gezogen werden
konnten. Erst durch diesen Verweisungszusammenhang von Politik, Staat, Gesell-
schaft, einzelnem Bürger und den unterschiedlichen Formen der Kultur, vor-
nehmlich der Dichtung, entwickelte sich, durch stete Veränderung vorangetrie-
ben, jene freie, schöpferische Kraft der Griechen in der Kultur, die Chamberlain
so hoch bewertet, die aber im Gegensatz zu seiner These politisch mitgetragen,
wenn nicht gar induziert wurde.
Mit Blick auf die Politik sieht Chamberlain denn auch in Griechenland sehr
kritische Momente, bedenkliche Entwicklungen, von der Nachwelt überschätzte
Denker wie etwa Aristoteles, dessen Bedeutung gerade als politischer Denker er
nicht wahrnimmt. Für ihn ist Aristoteles lediglich der Antipode Platons, der sich,
aller Größe zum Trotz, auf fast allen Gebieten folgenreich geirrt habe und dessen
Wirkungen, etwa über Thomas von Aquin, ins Christentum hinein zu fatalen
Konsequenzen der Dogmatisierung geführt hätten92; in Griechenland selbst zu
einer grausamen, auf Sklavenwirtschaft beruhenden Demokratie mit ihren zahl-
losen politischen wie militärischen Fehlentscheidungen, mit ihrem Mangel an
Humanität, Milde und Vergebung. Aber auch zur Selbsttäuschungen der Griechen
über ihre vermeintlich heroische Geschichte, zu einem falschen Freiheitsbegriff,
insoweit Freiheit mit Würde, Pflichtgefühl, Aufopferungsfähigkeit für das Vater-
land verbunden wird – ein eher preußisches denn griechisches Freiheitsverständ-
nis. In solchen Defiziten sieht Chamberlain Gründe, um vor einer zu starken
Herausstellung der griechischen Kultur als Vorbild der Deutschen im 19. Jahr-
hundert zu warnen, vor allem die humanistischen Gymnasien und die entspre-
chenden Studiengänge an den Universitäten. Bei aller Bewunderung für die sin-
guläre griechische Kultur bleibt ein starker Vorbehalt vor allem gegenüber den
gesellschaftlichen und politischen Leistungen der Griechen, die er gering schätzt.
Und noch einen weiteren Vorbehalt gibt es, der sich so liest: »Es ist nicht wahr,
dass die Griechen der ganzen Welt vorgedacht haben.« Die Inder [d. h. die eigent-
lichen Arier, U. B.], so fährt er fort, hätten früher, tiefer und konsequenter

91 Grundlegend für die hier nur angedeuteten Zusammenhänge sind die Studien von Christian
Maier; Entstehung des Begriffs ›Demokratie‹. Vier Prolegomena zu einer historischen Theorie,
Frankfurt/M. 1970; Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, Frankfurt/M. 1980; das Zitat
auf S. 156.
92 Zum Folgenden HSC, Grundlagen, S. 92 ff.; die folgenden Zitate auf den Seiten 127 f.; 129; 134;
140 f.; 175.
Hellenistische Kunst und Philosophie 123

gedacht, und die westeuropäische Philosophie, die Philosophie eines Locke, Gas-
sendi, Hume, Descartes oder auch Kant sei den Griechen weit weniger ver-
pflichtet als gemeinhin angenommen werde. Umgekehrt habe Platon seine Lehre
von der Seelenwanderung aus Indien bezogen, und Ähnliches gelte für andere
Denker, etwa Pythagoras, »der von seinen Orientreisen« vieles mitgebracht habe,
»von dem Begriff der Erlösung bis zur Vorstellung des Äthers und dem Verbot des
Bohnenessens; es war alles indisches Erbgut«. Am Ende hält er fest: »Hätte der
Grieche auf der einen Seite rein poetisch, auf der anderen rein empirisch seine
Anlagen fortentwickelt, dann wäre er für die Menschheit ein ungeteilter, unsag-
barer Segen geworden; so aber wurde jener selbe Grieche, der in Poesie und
Wissenschaft das Beispiel der frei-schöpferischen Gestaltung und somit des ei-
gentlichen Menschwerdens gegeben hatte, später vielfach ein erstarrendes, hem-
mendes Element in der Entwicklung des Menschengeistes.«
In der Logik dieser Argumentation liegt es, im zweiten Kapitel über Römisches
Recht Rom zum Gegenpol der Griechen zu erklären. Alles, was den Griechen in
staatlich-gesellschaftlicher Hinsicht gefehlt habe, sei in Rom umfassend entwickelt
worden. Rom steht bei Chamberlain für die Ausbildung eines funktionierenden
Staates, die Entwicklung einer ausdifferenzierten und strategisch klugen Politik,
vor allem aber die Herausbildung von Recht und einem Rechtssystem von so
fundamentaler Bedeutung, dass es noch die Grundsätze der modernen Welt be-
stimmt. Die Römer seien das »geborene Rechtsvolk«, dessen Staats- wie Privat-
recht die Europäer erst ihr Dasein als »gesittete Nationen« verdankten. Ausführlich
stellt er dann die Frage nach der Herkunft des römischen Volkes, dessen Rolle bei
der Gründung Roms, nach dessen Mitwirkung bei den großen Entscheidungen,
nach dessen historischer Rolle für den Gang der römischen Geschichte, nach des-
sen Verhalten bei der Wahl der römischen Politiker. Mit Cäsar beginnt für Cham-
berlain der Untergang Roms, weil das Volk ab da seine Macht und die Politik
ihren Instinkt eingebüßt hätten. In politisch-institutioneller Hinsicht stilisiert
Chamberlain das antike Rom indessen zu einem Referenzmodell: die starke Hei-
matliebe der Römer, verbunden mit einem starken Freiheitswillen, die Achtung
vor der Familie und die Ausbildung eines alle bindenden Rechts mit der Folge der
Ausbildung einer Staatsidee und eines Staates seien die überragenden und nachwir-
kenden Leistungen Roms: »Die herrlichste Religion hatte man in Indien, eine
vollendete Kunst in Athen, erstaunliche Civilisation in Babylonien, alles, ohne dass
es gelungen wäre, einen freien und zugleich stabilen, rechtliche Zustände verbür-
genden Staat zu gründen; für diese Heraklesarbeit reichte nicht ein einzelner Held,
nur ein ganzes Volk von Helden konnte sie vollbringen, ein jeder stark genug zum
Befehlen, ein jeder stolz genug zum Gehorchen, alle einig im Wollen, ein jeder
sein eigenes persönliches Recht verfechtend.« Dass Rom gegen das semitische
Karthago Recht und Kultur durchgesetzt, in der Zerstörung Jerusalems das jüdi-
sche Religionsmonopol gebrochen und durch seine imperiale Eroberungspolitik
viele Völker, vor allem die Griechen auf Europa hin orientiert habe, sei eine große
historische Leistung.
124 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Chamberlain beschäftigt sich eingehend mit dem römischen Rechtsbegriff,


beschreibt dessen interne Konstruktion und Logik, bezieht sich dabei vor allem auf
die Arbeiten von Edward Gibbon, Rudolf von Jhering, Theodor Mommsen und
Friedrich C. von Savigny und einige weitere, heute weniger bekannte Rechtsge-
lehrte. Seiner Hochschätzung des römischen Rechts entspricht die Geringschät-
zung der Leistungen der Germanen auf diesem Gebiet. Bestrebungen im 19. Jahr-
hundert, gegen die Tradition des römischen Rechts und des napoleonischen Code
civil ein eigenständiges germanisches Rechtssystem zu entwickeln, wie es etwa
Friedrich Christoph Dahlmann oder auch Felix Dahn propagierten93, qualifiziert er
als »lächerliche Deutschtümelei« ab und spricht von der »ursprünglichen Unfähig-
keit der Germanen, in Rechtsfragen scharf zu urteilen«.94 In dieser Hinsicht stehen
Germanen und Juden auf einer Stufe, denn letztere haben, wie Chamberlain glaubt
am Beispiel Spinozas belegen zu können, ebenfalls keine »echte Rechtsbildung«
zustande gebracht. Daraus zieht er übrigens den Schluss, dass Juden, weil ihnen
kein starkes Rechtsgefühl angeboren sei, nicht Richter werden sollten95 – die
Frage, weshalb dies dann bei den Deutschen, die ja als Germanen ebenfalls rechts-
defizient gewesen sind, anders sein darf, wird weder gestellt noch beantwortet.
Im Kontext der Erörterung römischer Leistungen finden sich eine Reihe wei-
terer Bemerkungen, die zulasten der Germanen gehen: So etwa die, dass das hohe
Ansehen der römischen Familie Vorbild für die Germanen gewesen sei, also keine
eigene germanische Leistung sei; so die, dass die respektierte Stellung der Frau
ebenfalls römischen Ursprungs sei (mit Verweis auf Grimms Deutsche Rechtsaltertü-
mer); so die, dass das ursprüngliche Christentum die Idee der Familie nicht gestärkt,
sondern geschwächt habe und unter dem Einfluss des Judentums eine eher staats-
feindliche anarchische Macht gewesen sei, bis die katholische Kirche die römische
Staatsidee für sich übernommen habe. Das Kapitel schließt mit der Feststellung,
Griechenland sei so lange groß gewesen, wie es große Männer gehabt habe; Rom
so lange, wie sein Volk groß, d. h. physisch und moralisch unverfälscht römisch
geblieben sei: »Indem der Römer inmitten des Chaos der damaligen Staatsversuche
seinen Staat errichtete, errichtete er den Staat für alle Zeiten. Indem er sein Recht
zu einer unerhörten technischen Vollkommenheit ausarbeitete, begründete er das
Recht für alle Menschen. Indem er die Familie […] zum Mittelpunkt von Recht
und Staat machte […], hob er das Weib zu sich hinaus und schuf die Verbindung
der Geschlechter um zur Heiligkeit der Ehe.«
Das umfangreichste der drei einleitenden Kapitel gilt dann der Erscheinung
Christi, und es enthält bereits in Umrissen den Kern seiner Theologie, wie er sie

93 Friedrich Christoph Dahlmann, Die Politik, auf den Grund und das Maaß der gegebenen Zustände
zurückgeführt, Göttingen 1830; Felix Dahn, Die Könige der Germanen. Das Wesen des ältesten König-
tums der germanischen Stämme und seine Geschichte, 12 Bde., Leipzig 1861–1911; Nachdruck Hildes-
heim 1973–1978.
94 HSC, Grundlagen, S. 194; auch S. 195, Anm. 1.
95 Ebenda, S. 200, Anm. 1; die folgenden Zitate auf den Seiten 210; 217 f.; 222; 222; 260 f.; 260 f.;
229; 229; 239; 245 ff.
Hellenistische Kunst und Philosophie 125

später in Mensch und Gott genauer ausgeführt hat. Für Chamberlain ist Christus das
alles überragende Ereignis der Weltgeschichte, »die unvergleichlichste Erschei-
nung aller Zeiten«: »Nun wird ein Mann geboren und lebt ein Leben, durch wel-
ches die Auffassung von der sittlichen Bedeutung des Menschen, die gesamte ›mo-
ralische‹ Weltanschauung eine völlige Umwandlung erleiden – wodurch zugleich
das Verhältnis des Individuums zu sich selbst, sein Verhältnis zu Anderen und sein
Verhältnis zur umgebenen Natur eine früher ungeahnte Beleuchtung erfahren
muss, so dass alle Handlungsmotive und Ideale, alle Herzensbegehr und Hoffnung
nunmehr umzugestalten und vom Fundament aus neu aufzubauen sind!« Die sich
aus dem Auftreten und dem Leben Christi ergebenden Konsequenzen für den
Einzelnen wie die Gesellschaft sind, so Chamberlain, noch nicht einmal auch nur
ansatzweise begriffen worden. Das Christentum selbst stehe erst noch am Anfang
seiner eigentlichen Entwicklung und angesichts der jahrhundertelangen »blutigen
Kirchengeschichte« müsse die Gestalt Christi von den Kirchen strikt getrennt wer-
den. Chamberlain geht es ausschließlich um Jesus und dessen Vorbildhaftigkeit, die
durch das kirchlich organisierte Christentum historisch verfälscht worden sei. Es
geht um Religion, und diese habe »zunächst weder mit Aberglauben noch mit
Moral etwas zu tun«, sondern sei »ein Zustand des Gemütes«. Der religiöse Mensch
stehe in unmittelbarem Kontakt mit der Welt jenseits der Vernunft, er sei Dichter
und Denker, er trete bewusst schöpferisch auf, arbeite daran, das Unsichtbare
sichtbar zu machen, lebe im ewigen Fluss neuer Erkenntnisse und suche das Sei-
ende im Herzen. Religion sei, so ließen sich seine langen Ausführungen zusam-
menfassen, eine Ausrichtung des Menschen über die Rationalität und Materialität
des Lebens hinaus – ein Religionsverständnis, welches das Christentum weit über-
greift. An Religion aber fehle es den Juden. Bei ihnen sei der Verstand stark, der
Wille enorm, die Kraft der Phantasie und der Gestaltung dagegen »eigentümlich
beschränkt«. Ihre spärlichen religiösen Gebote und ihren Kult hätten sie zumeist
fremden Völkern entlehnt, alles auf ein Minimum reduziert und es dann starr und
unveränderlich bewahrt; das schöpferische Leben fehle fast gänzlich, verglichen
mit dem der Arier, vor allem dem der Griechen und Germanen.
Christus erscheint bei Chamberlain als Gegenentwurf zur jüdischen Religion,
aus der er zwar hervorgeht, mit der er aber bricht. Seiner eigentlichen Bestimmung
nach sei das Christentum eine »Religion der Erfahrung«, die »Erfahrung grosser
Charaktere« wie eben Christus einer war, aus der die Anlagerungen und Überfor-
mungen durch die Kirchen entfernt werden müssten: »Man ist nicht Christ, weil
man in dieser oder jener Kirche auferzogen wurde, weil man Christ sein will, son-
dern ist man Christ, so ist man es, weil man es sein muss, weil kein Chaos des
Weltgetriebes, kein Delirium der Eigensucht, keine Dressur des Denkens die ein-
mal gesehene Gestalt des Schmerzensreichen auszulöschen vermag.« In immer
neuen Anläufen und Wendungen begründet Chamberlain seine grundsätzlichen
Vorbehalte gegen das organisierte Christentum, gegen die Kirchen, die katholische
so gut wie die protestantischen, gegen deren ›Verfälschungen‹ von Christi Leben
und Lehre, gegen deren Dogmatisierungen. Aber er macht auch Vorbehalte gegen
126 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

die historische Bibelkritik seiner Zeit geltend, gegen Friedrich David Strauss
ebenso wie Ernest Renan, weil er deren Ergebnisse lediglich für empirisch, hin-
sichtlich der moralischen, sittlichen und religiösen Bedeutung der Person Christi
für irrelevant hält. Denn diese historisch-philologisch kritischen Arbeiten verkenn-
ten, dass »die Erscheinung Christi, vom welthistorischen Standpunkt aus, die Er-
scheinung einer neuen Menschenart« bedeute, die außerhalb aller geschichtlichen
Bedingungen stehe und als »neue Färbung des Willens […] tiefer in den Organis-
mus« des Menschen, seines Lebens und der Geschichte eingreife »als ein Unter-
schied im Pigment der Epidermis« – was heißt, dass in dieser für Chamberlain
wichtigsten Frage des Lebens auch die Rassenunterschiede irrelevant werden.
Einen umfänglichen Teil dieses Abschnittes widmet er der zu seiner Zeit viru-
lenten Frage, ob Jesus ein Jude gewesen war oder eher arischer Herkunft. Das dar-
aus resultierende »arische Christentum«, das nach Chamberlain mit dem Bayreuther
Gedanken eng verbunden und für die völkischen Bewegungen von großer Bedeu-
tung war, im Dritten Reich die Glaubensgrundlage der Deutschen Christen abgab,
soll später ausführlicher behandelt werden.96 Hier sei nur angemerkt, dass Cham-
berlain in diesem Zusammenhang erstmals in aller Ausführlichkeit rassentheore-
tisch argumentiert: er räumt ein, es handele sich hier um »keine einfache Frage«,
weil Jesus »nach Religion und Erziehung« zweifellos Jude gewesen sei; doch sei er
dies im »engeren und eigentlichen Sinne des Wortes ›Jude‹ höchst wahrscheinlich
nicht«97 gewesen.
Chamberlain glaubt, Rassenindizien beibringen zu können – von der rassi-
schen Differenz der Galiläer zu den Juden über deren Sprache Aramäisch bis hin
zu körperphysiologischen Eigenschaften von Kehlkopf und Kopfform, schließlich
im Zusammenhang von Gestalt und Wesen –, die seine Überzeugung vom »Arier«
Jesus stützen sollen, um dann diesen Argumentationsstrang mit der folgenden
These abzuschließen: »Wer die Behauptung aufstellt, Christus sei ein Jude gewe-
sen, ist entweder unwissend oder unwahr; unwissend, wenn er Religion und Rasse
durcheinanderwirft, unwahr, wenn er die Geschichte Galiläas kennt und den
höchst verwickelten Tatbestand zu Gunsten seiner religiösen Vorurteile oder gar,
um sich dem mächtigen Judentum gefällig zu zeigen, halb verschweigt, halb ent-
stellt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Christus kein Jude war, dass er keinen Tropfen
echt jüdischen Blutes in den Adern hatte, ist so gross, dass sie einer Gewissheit fast
gleichkommt. Welcher Rasse gehörte er an? Darauf lässt sich gar keine Antwort
geben. […] Nur eine Behauptung können wir also auf gesunder historischer
Grundlage aufstellen: in jenem ganzen Weltteile gab es eine einzige reine Rasse,
eine Rasse, die durch peinliche Vorschriften sich vor jeder Vermischung mit an-
deren Völkerschaften schützte – die jüdische; dass Jesus Christus ihr nicht ange-
hörte, kann als sicher betrachtet werden. Jede weitere Behauptung ist hypothe-
tisch.«

96 Vgl. S. 453 ff.


97 HSC, Grundlagen, S. 247; die folgenden Zitate auf den Seiten 256 f.; 258.
Hellenistische Kunst und Philosophie 127

Neben der Frage des »arischen Jesus« beschäftigt ihn die Frage nach dem reli-
giösen Charakter der Juden. Er hält die Juden, allgemein die Semiten, im Unter-
schied zu den Ariern, für »religiös durchaus verkümmert«, weil deren Monotheis-
mus im Wesentlichen aus politischen Gründen entstanden sei.98 Das jüdische Volk
der Bibel habe keine Kunst, keine Philosophie, keine Wissenschaft hervorgebracht,
sondern sei rationalistisch und materialistisch eingestellt gewesen. Obgleich geistig
hoch entwickelt und trotz beeindruckender Helden, nämlich der Propheten, seien
die Juden im Grunde Götzenanbeter geblieben. Ihr gesetzgebender und rächender
Gott, der die Israeliten zu seinem auserwählten Volk erklärt und ihnen die Herr-
schaft über die Welt versprochen habe, habe das Verhältnis zwischen sich und ih-
nen »von Beginn an [als] ein politisches«99 gestaltet. Ohne sich ein Bild von Jawe
machen zu dürfen, sei dieser täglich präsent gewesen, habe täglich in die Ge-
schichte eingreifen können und so die Juden in ihrer Not gezwungen, über ihr
Verhältnis zu Gott nachzudenken: »Das unreligiöseste Volk der Erde schuf in sei-
ner Not die Grundlage zu einem neuen erhabendsten Gottesbegriff, zu einem
Begriff, der Gemeingut der ganzen gesitteten Menschheit wurde. Denn auf dieser
Grundlage baute Christus.« Eine unerwartete Wendung, die aus einem unreligiö-
sen Volk die höchste Religion, das Christentum, hervorgehen lässt. Nebenbei: Die
These, wonach die Juden kein religiöses Volk sind und die jüdische Religion ei-
gentlich keine Religion sei, könnte Chamberlain, der ein Verehrer und Kenner
Kants war, von diesem übernommen haben.100
So sehr Chamberlain das Neue, das Trennende der Lehre Jesu zur jüdischen
Religion und dem Alten Testament betont, so sehr verweist er ebenso auf dessen
Einbindung in die jüdische Umwelt. Nur unter der Bedingung, dass Jesus als Jude
lebte, konnte sein Gegenentwurf einer neuen Religion entstehen, die den jüdischen
Thora-Glauben überwand und transzendierte. Dass Jesus die historischen Erwar-
tungen des jüdischen Volkes enttäuschte, »das ihm verheissene Königreich, um des-
sen Gewinnung es Jahrhunderte lang gelitten und geduldet, um dessen Besitz es sich
von allen Menschen der Erde geschieden hatte, […] nun auf einmal aus einem irdi-
schen umgewandelt werden sollte in ein Reich ›nicht von dieser Welt‹«101, sei eben,
so Chamberlain, nur vor dem Hintergrund seiner jüdischen Sozialisation in aller
Tragweite zu verstehen. »Und gerade so wie das Leben Christi nur mit Zuhilfe-
nahme des Judentums gelebt werden konnte, trotzdem es seine Verleugnung war,
ebenso entwickelte die junge christliche Kirche eine Reihe von uralten arischen
Vorstellungen – von der Sünde, der Erlösung, der Wiedergeburt, der Gnade usw.
(lauter Dinge, die den Juden völlig unbekannt waren und blieben) – nunmehr zu
klarer und sichtbarer Gestalt, indem sie sie in das jüdische Schema einfügte.«

98 Chamberlain beruft sich mit dieser These auf Forschungen bedeutender Theologen und Histori-
ker seiner Zeit, vgl. ebenda, S. 263, Anm. 1; für die heutige Forschung vgl. Jan Assmann, Moses
der Ägypter.
99 HSC, Grundlagen, S. 277; das folgende Zitat S. 272.
100 Vgl. dazu Immanuel Kant, Der Streit der Fakultäten, in: Werke, Bd. VI, S. 315 ff.
101 HSC, Grundlagen, S. 282; die folgenden Zitate auf den Seiten 283; 293.
128 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Chamberlain widmet sich ausführlich und in immer neuen Perspektiven dieser


Dialektik, in der das religiöse Judentum die Voraussetzungen für die Entstehung
des christlichen Glaubens bildet, der aber seinerseits das Judentum überwindet, so
wie der ›jüdische‹ Jesus sein ansozialisiertes Judentum hinter sich lässt. Diese
Chamberlain’sche Dialektik weist den Juden eine unverzichtbare und historisch
konstitutive Rolle für die Herausbildung des Christentums zu. Am deutlichsten
wird dieser unauflösliche Verweisungszusammenhang gegen Ende des Kapitels
formuliert: »Wer in der jüdischen Gedankenwelt lebte, konnte sich der Macht
jüdischer Ideen nicht entziehen. Und brachte er auch der Welt eine ganz neue
Botschaft, wirkte auch sein Leben wie das Anbrechen eines neuen Morgens, war
seine Persönlichkeit auch eine so göttlich grosse, dass sie uns eine Kraft im mensch-
lichen Inneren entdeckte, fähig – wenn das je begriffen würde – die Menschheit
völlig umzuwandeln: so waren doch nichtsdestoweniger die Persönlichkeit, das
Leben und die Botschaft an die grundlegenden Ideen des Judentums gebunden;
nur in diesen konnten sie sich offenbaren, bestätigen und kundtun.« Chamberlain
notiert damit überraschenderweise die welthistorische Leistung des Judentums als
grundlegend für die weitere Entwicklung des christlichen Europas ohne alle Ab-
striche und erklärt den Glauben des angeblich ›religiös verkümmerten‹ jüdischen
Volkes zur konstitutiven Voraussetzung für die Begründung und Entwicklung des
Christentums.

Völkerchaos
Während die Ausführungen dieser ersten drei Kapitel noch weitgehend ohne alle
›Rassentheorie‹ auskommen – selbst die über die Erscheinung Christi bedürfen in
ihren theologischen Überlegungen nicht unbedingt rassistischer Einbettung, auch
wenn Chamberlain sie bereits vornimmt –, entfaltet das für den weiteren Gang des
Buches argumentationsentscheidende vierte Kapitel des zweiten Teils der Grundla-
gen – Die Erben – über Das Völkerchaos die Hauptpfeiler von Chamberlains Rassen-
theorie. Es ist gleichsam die Grundlegung einer rassistisch fundierten Geschichts-
theorie, durch die das konventionelle historische Epochenschema – Altertum,
Mittelalter, Neuzeit – der europäischen Geschichtsschreibung außer Kraft gesetzt
wird. An die Stelle der überkommenen Dreiteilung setzt Chamberlain neue, ras-
sisch begründete Abschnitte: durch Rassenmischung verursachtes Völkerchaos, das
die Jahre des auslaufenden Römischen Reiches beherrscht; Eintritt der Juden und
der Germanen in die Weltgeschichte während der Zeit des Übergangs vom Römi-
schem Reich zur Herausbildung der europäischen Mächte; Kampf zwischen Kaiser
und Papst und dann, entscheidend geprägt durch die Germanen und ihre Kultur-
leistungen, die Entstehung einer neuen Welt zwischen 1200 und 1800 n. Chr.
In dem mit Völkerchaos überschriebenen Kapitel formuliert er die Grundprin-
zipien seiner Rassentheorie. Sie ist konstitutiver Teil seiner Weltanschauung und
sie kehrt auch in seinen weiteren Arbeiten in unterschiedlicher Gewichtung und
Völkerchaos 129

unterschiedlichem Umfang immer wieder. Im Folgenden sollen ihre wesentlichen


Züge skizziert werden, ohne diese aber zu analysieren – dass muss einem gesonder-
ten Kapitel dieses Buches vorbehalten bleiben.102 Denn eine historisch einigerma-
ßen zutreffende kritische Auseinandersetzung mit diesem Kern von Chamberlains
Ideologie setzt voraus, diese zur breiten zeitgenössischen Diskussion der Rassen-
frage in Bezug zu setzen. Nur dann wird deutlich, wo Chamberlain mit der in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich als naturwissenschaftliche Teildisziplin
etablierenden Rassenkunde übereinstimmt, wo er über diese hinausgeht oder auch
hinter ihr zurückbleibt. Gerade mit Blick auf den Nationalsozialismus und dessen
Berufung auf den Bayreuther Engländer bedarf diese wirkungsgeschichtlich pre-
käre Seite seines Denkens einer angemessenen historischen Kontextualisierung
und damit eines eigenen Kapitels.
Wenn Chamberlain von Völkerchaos spricht, meint er das im Römischen
Reich seit Cäsar sich mehr und mehr durchsetzende »antinationale Prinzip« zuneh-
mender Rassenmischungen.103 Seine Grundthese besagt, der Vielvölkerstaat Rom
habe jenseits nationaler Abgrenzungen der in ihm zusammengefassten Ethnien un-
terschiedliche Rassen umfasst, die sich im Laufe der Zeit miteinander vermischt
hätten, wobei die negativen Eigenschaften der einzelnen Rassen in den Mischun-
gen dominant geworden seien. Diese Rassenmischungen hätten dann folgerichtig
zu einer »Bastardisierung« der Bevölkerung und damit zum Verlust jener Werte
geführt, die wertvollen Rassen von Natur her eigen sind. Ein Prozess, der sich
über Jahrhunderte hinzog und am Ende zum Untergang der antiken Welt und zur
Heraufkunft eines neuen, in Europa durch die Germanen bestimmten Zeitalters
geführt habe. Doch die Zeit des Völkerchaos sei nur eine Zwischenstufe in einer
langen historischen Entwicklung gewesen, die, wie die Geschichte Europas zeige,
von der Rassenlosigkeit zur immer schärferen Ausbildung von Rassen geführt
habe. Der politische Prozess entstehender Nationalstaaten habe diese Tendenzen
begünstigt, denn Rasse sei keine feste, unveränderliche Größe, sondern entwickle
sich. In diesem Sinne gebe es auch keine »reine Rasse« so wenig wie eine »Urrasse«
der Arier, weil alle Rassen stets Resultat von Vermischungen seien. Doch könne
man darüber nichts Definitives sagen, denn Ursprünge, die niemand kenne und
über die es keine empirischen Belege gebe, zu erforschen sei unmöglich, man
müsse vom Gegebenen ausgehen, alles andere seien Spekulationen. Das war eine
deutliche und klare Absage an jene Rassentheoretiker, die in der Nachfolge Gobi-
neaus von ›reinen Ursprungsrassen‹ ausgingen und den Prozess der Rassenmi-
schung als Ursache für biologischen und kulturellen Untergang verstanden. Zu
dieser Position stand Chamberlain in scharfem Gegensatz.
Chamberlain dagegen stellt die Frage, was eine Rasse sei, welche Eigenschaf-
ten sie habe, ob es ›reine Rassen‹ gebe und wie stark Rassen den Geschichtsablauf

102 Vgl. S. 219 ff.


103 HSC, Grundlagen, S. 346 ff., bes. S. 351; die folgenden Zitate auf den Seiten 345; 310; 312; 314;
404; 315; 217; 319.
130 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

bestimmten. Dabei orientiert er sich, wie bei einem studierten Biologen kaum
anders zu erwarten, an den Vererbungs- und Ausleseprozessen des Pflanzen- und
Tierreichs, die ihm zufolge auch für menschliche Rassen gelten. Dass die (Natur-)
Wissenschaft eine Fülle von Erkenntnissen in diesem Bereich zur Verfügung
stellt, aber »nur in den seltensten Fällen ihr klares, ausführliches Wissen auf das
Menschengeschlecht« angewendet werde, wirft er seinen Kollegen als Feigheit
vor klaren Konsequenzen vor und meint, das Leben selbst belehre über die Exis-
tenz von Rassen im Tierreich, belehre augenfällig auch über den Zusammenhang
von physischen, geistigen und moralischen Gaben. Es gebe also keinen Grund,
solche Zusammenhänge nicht auch für Menschen geltend zu machen. Mit Ver-
weis auf Darwin meint er, die Natur selbst schaffe durch Auslese Ungleichheit,
und nur durch rassische Spezialisierung gelinge Außerordentliches: »Die Men-
schenrassen sind, trotz des breiten, gemeinsamen Untergrundes, voneinander in
Bezug auf Charakter, auf Anlagen, und vor allem in Bezug auf den Grad der
einzelnen Befähigungen so verschieden wie Windhund, Bulldogge, Pudel und
Neufundländer« – die, so wäre zu ergänzen, allesamt unterschiedliche Rassen der
Gattung ›Hund‹ sind.
Gegen Gobineau und dessen »Wahnvorstellung«, Rassenmischungen führten
unweigerlich zum Niedergang der menschlichen Kultur, weil stets die schlechtere
Rasse erfolgreich sei, setzt er die These, »edle Rassen« fielen nicht vom Himmel,
sondern würden erst nach und nach edel, würden »gemacht«, d. h. gezüchtet –
ganz wie das auch bei der Veredlung von Obstbäumen oder Rassepferden ge-
schehe. An einer Stelle heißt es: »Rasse ist nicht ein Urphänomen, sondern sie
wird erzeugt: physiologisch durch charakteristische Blutmischung, gefolgt von In-
zucht, psychisch durch den Einfluss, welche lang anhaltende, historisch-geographi-
sche Bedingungen auf jene besondere, spezifische, physiologische Anlage aus-
üben.« Beispielhaft fragt er, was eigentlich ein Arier sei, und beschreibt am Beispiel
einschlägiger wissenschaftlicher Arbeiten die »große Konfusion« in dieser Debatte:
unterschiedliche Hypothesen über Aussehen und Merkmale einer vermeintlich
»indoeuropäischen Urrasse«, Problematisierungen der Existenz einer solchen Ur-
rasse, kontroverse Meinungen von Sprachforschern und Ethnologen; Fragen der
Herkunft und der Wanderbewegungen (von Indien nach Europa oder umge-
kehrt). Chamberlain zieht aus solchen Widersprüchlichkeiten mit einem Goethe-
Zitat den Schluss: »Lebhafte Frage nach der Ursache ist von größter Schädlichkeit«,
denn es sei das Leben selbst, das alle Zweifel beende: »Das Leben […] ist ein ande-
res Wesen als das systematische Wissen, ein weit stabileres, fester gegründetes,
umfassenderes; es ist eben der Inbegriff aller Wirklichkeit, während selbst die prä-
ziseste Wissenschaft schon das verdünnte, verallgemeinerte, nicht mehr unmittel-
bar Wirkliche darstellt. Ich verstehe hier unter Leben, was man sonst wohl auch
›Natur‹ nennt […]; ihre Wurzeln reichen weit tiefer hinunter, als bis wohin das
Wissen wird jemals gelangen können.« So wichtig die Wissenschaft sei, weil sie die
nötigen Fundamente liefere, so wenig könne sie das Ganze begreifen. Das ver-
möge nur, wer den Blick von außen habe.
Völkerchaos 131

Der ›Dilettant‹ Chamberlain suspensiert hier, wie in der Einleitung zu den


Grundlagen angekündigt, den Wissenschaftler Chamberlain zugunsten jenes syn-
thetisierenden Künstlers, der behauptet, er könne in der Zusammenschau von Ein-
zelerkenntnissen zur Wahrheit durchstoßen. An der Kernstelle seiner Begriffsklä-
rung, was Rasse sei, greift er über die Kontroverse von Einzelwissenschaftlern
hinaus, lässt alles Argumentieren und verweist auf die unmittelbare Sinnfälligkeit
der Beobachtung. Fünf »Grundgesetze« zur Bildung und Bestimmung einer Rasse
formuliert er: erstens »das Vorhandensein vortrefflichen Materials«, wobei dieses »nur
durch die Veranlassung besonderer Umstände nach und nach in die Erscheinung«104
trete; zweitens die Praxis der »Inzucht«, d. h. die »Erzeugung von Nachkommen-
schaft ausschließlich aus dem Kreise der engeren Stammesgenossen mit Vermei-
dung jeder fremden Blutmischung«; drittens die »Zuchtwahl«, was meint, dass mit
Inzucht zugleich auch Auswahl verbunden sein muss, wie es etwa bei der Züch-
tung neuer Pflanzen oder edler Pferde praktiziert werde; viertens die »Blutmi-
schung«, die durch »Kreuzung« edler Rassen bewirkt wird, welche zum Entstehen
»außerordentlicher Rassen« beitrage und verhindere, dass durch »Engzucht« inner-
halb eines kleinen Kreises Degeneration entstehe; schließlich fünftens die Einsicht,
dass »nur ganz bestimmte, beschränkte Blutmischungen […] zur Veredlung einer
Rasse resp. für die Entstehung einer neuen förderlich« seien: »Nur gewisse Kreu-
zungen, nicht alle, veredeln.«
Das mag hier vorerst unkommentiert stehen bleiben.105 Chamberlain fügt an,
dass diese fünf Bedingungen für eine »reine Rasse« freilich notwendig, aber nicht
hinreichend sind. Zum einen seien die »biologischen Probleme ganz außerordent-
lich verwickelt«106, weil die Fragen der Vererbung noch nicht wirklich geklärt
seien – was für die damalige Zeit zutraf. Zum anderen hänge die Ausbildung von
wertvollen Rassen von bestimmten »historisch-geographischen Bedingungen« ab,
wie sich seiner Meinung an den Beispielen der Juden (die er für eine besonders
reine Rasse hält), der Griechen, der Römer oder auch der Engländer zeige. Daraus
zieht er den Schluss, dass es eines nationalen Rahmens bedürfe, innerhalb dessen
eine Rasse sich entwickeln könne. Es sei die Nation, die als »politisches Ge-
bilde […] die Bedingung zur Rassenbildung« schaffe oder »wenigstens zur höchs-
ten, individuellen Betätigung der Rasse« führe. Erst innerhalb einer Nation könne
sich eine edle Rasse herausbilden, weil die nationalen Grenzen den Ausschluss
minderer Rassen erlaubten. Rasse und Rassenbildung hätten eine physisch-geistige
und moralische Dimension, dies sei ein »heiliges Gesetz«, insofern unser freier
Wille darüber entscheide, ob wir uns veredeln oder aber entarten wollten. Aus-
führlich erläutert er aus seiner Sicht das Verhältnis von Rasse und Individuum,
glaubt, dass die herausragenden Leistungen Einzelner ihrer Rassezugehörigkeit ge-

104 Die folgenden fünf Bedingungen ebenda, S. 326 ff.


105 Vgl. S. 243 ff.
106 HSC, Grundlagen, S. 340; die folgenden Zitate auf den Seiten 339; 343 f.; 367; 369; 343; 343; 373;
373; 546; 381 f.
132 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

schuldet seien, weil die Rasse jenen »gemeinsamen Grundstock« liefere, der seiner-
seits wiederum Voraussetzung für eine überragende Entfaltung des Individuums
sei. Wobei solche Entfaltung vornehmlich als geistig-moralische gedacht ist.
Ohne dies hier weiter zu detaillieren, zeigt sich doch auch: Biologie, Umwelt
und politische Organisation stehen für Chamberlain in einer noch nicht restlos
geklärten, wechselseitigen Abhängigkeit, und dies wiederum lässt den durch die
zitierten ›Grundgesetze‹ anscheinend eindeutigen Rassenbegriff wieder unscharf
werden. Aus den deshalb noch bestehenden Unwägbarkeiten des Entstehens, der
Durchsetzung und des Behauptens einer hochwertigen Rasse zieht er am Ende die
Konsequenz: »Der Begriff Rasse hat nur dann einen Inhalt, wenn wir ihn nicht
möglichst weit, sondern möglichst eng nehmen; folgen wir dem herrschenden
Gebrauch und bezeichnen wir mit diesem Worte möglichst weit zurückliegende,
hypothetische Geschlechter, so wird es zuletzt kaum mehr als ein blasses Synonym
für ›Menschheit‹ überhaupt […]; Rasse heißt nur dann etwas, wenn es sich auf
Erfahrungen der Vergangenheit und Erlebnisse der Gegenwart bezieht.« Gleich-
wohl bleibt die Frage, »was Rasse zu bedeuten habe, eine der wichtigsten, viel-
leicht die allerwichtigste Lebensfrage, die an den Menschen herantreten kann«.
Auf der Grundlage dieser Überlegungen und Thesen geht Chamberlain dann
die in den ersten drei Kapiteln dargestellten historischen Entwicklungen durch.
Wo immer Verfall auftritt, ist dies für ihn die Konsequenz von minderwertigen
Rassekreuzungen, wo Aufbruch und Leistung beobachtet werden kann, sind es
Entwicklungsergebnisse der Einhaltung jener Grundregeln zur Bildung neuer,
starker und kreativer Rassen. Ersteres gelte für den Verfall von Griechenland und
Rom, Letzteres für die germanischen Stämme. Das oströmische Byzanz mit seinen
bürokratischen Versteinerungen gebe hier ein Negativbeispiel ab, die Übernahme
Roms durch Germanen, die den Versuch unternahmen, dieses Rom neu zu ord-
nen und dabei die ›Nation‹ als eine organisierende Einheit entdeckten, zeige die
positive Wirkung einer selbstbewussten Rasse. Wenn im 5. Jahrhundert n. Chr. im
zerfallenden Römischen Reich die »Erlösung aus dem Chaos« beginne, sei das die
Leistung transalpiner reinrassiger Germanen, die die rassenlose Kirche ebenso be-
kämpften wie die verkommenen, d. h. ›bastardisierten‹ Einzelherrscher in Italien.
Durch »Begründung und Ausbildung von Nationen« hätten sie die Grundlagen für
das spätere Europa mit seiner kulturellen Hochblüte gelegt.
Soweit die zentralen Überlegungen Chamberlains zur Rasse und Rassentheo-
rie: weggelassen sind hier zahlreiche illustrierende Einschübe und Beispiele, durch
die Chamberlain seine Thesen gleichsam ›empirisch‹ belegen zu können glaubt.
Was er zum Begriff der Rasse vorbringt, soll vor allem dazu dienen, die bisher
konventionelle, rein kulturalistische Epochalisierung der europäischen Geschichte
durch eine neue, wissenschaftsbasierte Strukturierung abzulösen, von der ihr Autor
glaubt, sie sei deshalb naturwissenschaftlich fundiert, weil sich die Ergebnisse der
neueren darwinistischen, ethnologischen und rassenkundlichen Forschungen auf
die Geistes- und Kulturwissenschaften übertragen ließen. Das wird im Einzelnen
noch genauer diskutiert werden. Ohne den später darzulegenden Überlegungen
Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte 133

zur Rassentheorie Chamberlains vorzugreifen, muss hier aber schon jetzt darauf
verwiesen werden, dass jene Überlegungen entscheidend motiviert sind durch die
grundlegende Überzeugung, naturwissenschaftliche Erkenntnisse ließen sich auch
in den Geistes- und Kulturwissenschaften verbindlich nutzen, weil die Wissen-
schaften, sofern sie mit dem Leben verbunden sind, über ihre fachlichen Differen-
zierungen hinaus zu einem einheitlichen Ganzen verbunden und nutzbar gemacht
werden könnten. Die Rassenkunde wird hier als ein entscheidender Teil der Er-
klärung des Menschen insgesamt verstanden. Es geht, um es mit Wagner zu sagen,
um ›die Einheit des Lebens‹, um das ›Reinmenschliche‹, das sich nicht in wissen-
schaftliche Spezialisierungen aufspalten lässt, das schon gar nicht die Natur des
Menschen von dessen Geist zu trennen erlaubt, sondern eben um eine Gesamtsicht
des Menschen – was sich als eine spezielle Reaktion und Antwort auf das alte phi-
losophische Problem des Verhältnisses von Leib und Seele auffassen lässt. Über die
Rasse und Rassentheorie glaubt Chamberlain, diese über die Jahrhunderte tra-
dierte Dichotomie von Leib und Seele auflösen zu können, mit gravierenden Fol-
gen für das Denken, die Weltsicht, das Handeln und die Zukunftsgestaltung.

Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte


Das fünfte Kapitel der Grundlagen, eines der umfangreichsten des Buches, sucht
eine Antwort zu geben auf die Frage, wer eigentlich Jude ist und wie die Juden
sich zu einem eigenständigen Volk entwickelt haben. Und dies aus rassischer wie
aus religionsgeschichtlicher Sicht, weil nur so ihre Rolle in der Moderne verstan-
den werden könnte. Das erzwingt einen weiten historischen Rückgriff bis in die
Zeiten des Alten Testaments für die Grundlagen und zum Verständnis des 19. Jahr-
hunderts – wie auch seiner eigenen Weltanschauung, muss man hinzufügen –, ein
Unternehmen, von dem Chamberlain bekennt, er wisse, dass sein Versuch »toll-
kühn« sei, doch er gehorche »dem Gebote der Not«, weil bei der Klärung dieser
Frage es sich »nicht allein um unsere Gegenwart, sondern auch um unsere Zu-
kunft« handele.
Der Abschnitt setzt ein mit der Behauptung, die Gegenwart sei ein »jüdisches
Zeitalter«, die Juden ein »fremdes, asiatisches Volk«, das »auf den Breschen unserer
echten Eigenart die Fahne seines uns ewig fremden Wesens« aufrichte. Die Kon-
sequenz, mit der dies geschehe, verdiene freilich Bewunderung, denn sie sei die
Folge der »Logik und Wahrheit ihrer Eigenart« und entspreche dem »Gesetz des
Blutes«. Um dies zu belegen, sucht Chamberlain zum einen die rassische Entste-
hung des Volkes der Juden aufgrund der biblischen Quellen und der wissenschaft-
lichen Literatur seiner Zeit nachzuzeichnen, danach die Entstehung der jüdischen
Religion, ihres Charakters und ihrer Vorschriften. Beides sind für ihn Bedingun-
gen, die für die Formung der Juden als Kollektiv seit ihrer Rückkehr nach Jerusa-
lem aus der babylonischen Gefangenschaft bis in die Neuzeit entscheidend sind;
wohlgemerkt als Volk, nicht als einzelne Individuen.
134 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Am Beginn der Bildung des jüdischen Volkes stehe, so Chamberlain, das »Ge-
bot der Rassereinheit«, das sich aus dem Verbot bei Moses ergebe, Mischehen
zwischen Juden und Nichtjuden einzugehen.107 Wobei diese Vorschrift vor allem
die Männer beträfe, weniger die Frauen. In der Einhaltung dieser Aufforderung
über die Jahrhunderte hinweg liege der zentrale Grund für die von ihm bewun-
derte Reinheit der jüdischen Rasse und daraus resultierend die Existenz einer jü-
dischen Nation. Deren Überleben sicherzustellen, weil ihr die Weltherrschaft ver-
heißen wurde, sei der selbstverständliche Trieb der Juden, deren »zersetzende
Tätigkeit« in der europäischen Geschichte vor allem jenen anzulasten sei, welche
die Juden aus den »schnödesten Gründen« dazu ermutigt hätten: den Fürsten und
Adligen.108 Deren Geldgier wie deren Praxis physischer Verfolgung der Juden,
wenn es opportun erschien, hätten »in geradezu niederträchtiger Weise die Juden«
gequält und zugleich ausgenutzt und dadurch die Nichtjuden zu »verbrecherischen
Helfershelfer der Juden« gemacht. Unter solchen Bedingungen »fordert doch die
Gerechtigkeit das Geständnis, dass sie [die Juden, U. B.] nach der Natur ihrer Ins-
tinkte und ihrer Gaben handelten, wobei sie zugleich ein wahrhaft bewunderungs-
würdiges Beispiel der Treue gegen sich selbst, gegen die eigene Nation, gegen den
Glauben der Väter gaben; die Versucher und die Verräter waren nicht sie, sondern
wir.«
Nach diesen Präliminarien stellt Chamberlain dann die entscheidende Frage,
wer eigentlich Jude sei.109 Seine Antwort sucht er, wie schon erwähnt, auf zwei
unterschiedlichen Wegen: zum einen durch die Rekonstruktion einer historischen
Herausbildung des jüdischen Volkes über Jahrhunderte, zum anderen über die
damit parallel einhergehende Entstehung der jüdischen Religion.
Für die Rekonstruktion der Geschichte des Entstehens des jüdischen Volkes
greift er auf das Alte Testament zurück und unternimmt, mithilfe der zu seiner
Zeit neuesten wissenschaftlichen Literatur, den Nachweis einer stufenweisen Her-
ausbildung. Er beginnt mit einer Sichtung der verschiedenen Populationen im
Vorderen Orient wie Beduinen (südlich des Euphrat), Syrern, Hethitern oder auch
Ammonitern, Moabitern, Emonitern usw., deren »rassische« Zugehörigkeiten und
Charakteristika er mithilfe seines Materials zu beschreiben sucht. Wobei es ihm
zufolge immer nur um »Rassenanteile« geht. Grob unterscheidet er zwischen Se-
miten und Nicht-Semiten (mit mehr oder weniger arischen Anteilen), betont aber,
dass Begriffe wie »Semit« oder »Arier« keineswegs eine ursprünglich »rein existie-
rende Rasse« meinen, sondern »pure Gedankendinge« sind, Konstrukte also, die
aus heuristischen Gründen eingeführt werden. Gleichwohl gehören die genannten
Völker und Stämme unterschiedlichen »Rassen« an, die ihrerseits Produkte von
Mischungen sind, verursacht etwa durch Wanderungsbewegungen. Vor dem Leser
entsteht im Land der Bibel das Tableau eines geographischen Gebietes, in dem die

107 Ebenda, S. 384; bezieht sich auf das 5. Buch Moses, VII, 3 und das 2. Buch Moses, XXXIV, 16.
108 Ebenda, S. 400 f.; hier auch die folgenden Zitate.
109 Ebenda, S. 405 ff.; das folgende Zitat S. 412.
Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte 135

dort lebenden Völker sich teils abgrenzen, teils vermischen und so neue Rassen
begründen. Auch die Israeliten als Teil der auch die Juden übergreifenden Hebräer
entstehen aus solchen Durchmischungen,110 sie sind »aus der Kreuzung zwischen
drei (vielleicht sogar vier) verschiedenen Menschentypen hervorgegangen: dem
semitischen Typus, dem syrischen (richtiger gesagt hethitischen) und dem indoeu-
ropäischen […].«111 Über viele Seiten beschreibt Chamberlain die komplexen Ent-
wicklungen, die zur Neubildung von Rassen geführt haben, und sucht solche in
der Veränderung von Körperformen – auch Schädelformen112 – nachzuweisen.
Am Ende bleibt festzuhalten, dass die Herausbildung der (bereits als Mischrasse
existierenden) Hebräer, Israeliten und später dann der Juden ein über die Jahrhun-
derte ablaufender Prozess gewesen ist, die Juden also nicht a priori vorhanden
waren, sondern ›geworden‹ sind. Zusammengefasst liest sich das so:
»1. Das israelische Volk ist aus der Kreuzung durchaus verschiedener Men-
schentypen hervorgegangen;
2. das semitische Element mag wohl moralisch das kräftigere gewesen sein,
physisch jedoch trug es kaum die Hälfte zur Zusammensetzung der neuen ethno-
logischen Individualität bei; es geht also nicht an, die Israeliten kurzweg »Semiten«
zu nennen, sondern die Beteiligung der verschiedenen Menschentypen an der
Bildung der israelischen Rasse erfordert eine quantitative und qualitative Analyse;
3. der eigentliche Jude entstand erst im Laufe der Jahrhunderte durch allmäh-
liche physische Ausscheidung aus der übrigen israelischen Familie, sowie durch
progressive Ausbildung einzelner Geistesanlagen und systematische Verkümme-
rung anderer; er ist nicht das Ergebnis eines normalen nationalen Lebens, sondern
gewissermassen ein künstliches Produkt, erzeugt durch eine Priesterkaste, welche
dem widerstrebenden Volke mit Hilfe fremder Herrscher eine priesterliche Ge-
setzgebung und einen priesterlichen Glauben aufzwang.«113
Juden sind also, so Chamberlain, das Ergebnis einer »streng rein gezüchteten
Rasse«, die sich aus Semiten, aus arischen Amoritern und den alten Hethitern ge-
bildet hat.114 Für Chamberlain ist es eine entscheidende, aber empirisch kaum ein-
deutig zu beantwortende Frage nach dem quantitativen Verhältnis der Mischungs-
anteile. Für die einzelnen Individuen lässt sich eine Antwort nicht geben, allenfalls
für Kollektive, denn die »Massenstatistik vermag es nicht, auch nur den Saum zu
lüften von dem Schleier, der die Persönlichkeit umgibt«.115 Also unternimmt er nur
den Versuch einer kollektiven Quantifizierung und meint, für das Volk der Juden
folgende Zahlen angeben zu können; Grundlage sind das angebliche Erschei-

110 HSC folgt hier der bis heute maßgeblichen Arbeit von Julius Wellhausen, Israelitische und jüdische
Geschichte, Berlin 1894.
111 HSC, Grundlagen, S. 412.
112 Über die Bedeutung der Schädelformen, ebenda, S. 426 f.
113 Ebenda, S. 411; das folgende Zitat S. 440.
114 HSC zitiert hier den wissenschaftlich hoch angesehenen Anthropologen und Ethnologen Felix
von Luschan, S. 439.
115 HSC, Grundlagen, S. 440; hier auch die folgende Statistik.
136 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

nungsbild, wie es etwa auf ägyptischen Steinbildern zu erkennen sei116, und Be-
schreibungen in alten Berichten: danach zeigten 50 % der Juden den Typus des
homo syriacus (mit kurzen Köpfen, sog. ›jüdischen‹ Nasen, die von den Hethitern
stammten; Neigung zur Fettleibigkeit usw.); nur 5 % wiesen Merkmale der semiti-
schen Beduinen auf; 10 % stammten von den Ammonitern, einem indoeuropäi-
schen Stamm; 35 % von undefinierbaren Mischformen. Zugleich liest Chamberlain
aus dem Erscheinungsbild dieser Völker auch »Wesenseigenschaften«. So schreibt
er den Hethitern große Kraft, Ausdauer und Fleiß zu, findet sie klug, fröhliche
Feste feiern und attestiert ihnen eine »achtenswerte und hervorragende
Mittelmäßigkeit«.117 Die Ammoniter sind ihm zufolge groß und stark gewachsen,
wilde und grausame Abenteurer, eine edle Rasse, die aber historisch schnell ver-
schwindet. Die Semiten zeichne Tapferkeit und Gastfreundschaft aus, geistig seien
sie eher »müssig« und neigten zur Gewalt und zum Morden. Solche Annahmen
werden mit Verweis auf überlieferte bildliche Darstellungen und schriftliche Zeug-
nisse gemacht – Chamberlain zitiert in diesem Zusammenhang die dazu relevante
historische, ethnologische, theologie- und kunstgeschichtliche Literatur.
Einige Seiten später schränkt er indessen die Aussagekraft dieser Zahlen ein. »Mit
jedem Schritt [der Bestimmung des jüdischen Volkes, U. B.] müssen wir aber behut-
samer werden, und blicken wir jetzt auf jene Zahlen zurück, so werden wir nicht
geneigt sein, den Israeliten nach Prozentsätzen aus Semiten, Amoritern und Hethi-
tern zu ›konstruieren‹, etwa wie ein Koch eine Mehlspeise nach einem Rezept
macht; das wäre Kinderei.« Was aber, so fragt sich der Leser, gilt nun? Und wozu die
Zahlenangaben, wenn sie anschließend als aussagelos beiseitegeschoben werden?
Das Ergebnis zur Herausbildung des Volkes der Juden fasst er in der allerdings
überraschenden Feststellung zusammen: »Das Hauptergebnis des anatomischen
Befundes ist, dass die jüdische Rasse zwar eine permanente ist, zugleich aber eine
durch und durch bastardisierte, welche diesen Bastardcharakter bleibend bewahrt.«
Überraschend ist diese Schlussfolgerung deshalb, weil sie einen Selbstwiderspruch
beinhaltet: Denn einerseits spricht er, wie zitiert, von einer »gezüchteten Rasse«,
was eine gesteuerte Vermischung durch Heiratspolitik beteiligter Rassen zur Vor-
aussetzung hat; andererseits ist hier die Rede von Bastardisierung, die er selbst von
Vermischung absetzt: »Rassen und Nationen sind aus Mischungen hervorgegan-
gen; wo aber der Unterschied der Typen ein unüberbrückbar tiefer ist, da entste-
hen Bastarde.« Wiederum stellt sich die Frage, was gilt. Der Einwand liegt nahe,
die Unterscheidung zwischen Bastardisierung und Vermischung sei beliebig, weil
sie, worauf Chamberlain ansonsten so großen Wert legt, keine empirische Evidenz
habe. Denn woran erkennt man die ›Unüberbrückbarkeiten‹ einer Rasse oder in-
dividueller Charaktere?
Gleichwohl: Das Bewusstsein der Bastardisierung ist nach Chamberlain der
Grund dafür, dass das jüdische Volk voller Widersprüche ist. Und vor allem ist es –

116 Ebenda, S. 445.


117 Ebenda, S. 447 ff.; die folgenden Zitate auf den Seiten 461; 441; 441; 441; 442.
Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte 137

»das wurde meines Wissens noch niemals gesagt« – der Grund für ein Gefühl der
Sünde. Nicht einer Sünde, die dem Einzelnen zugerechnet werden kann, sondern
Sünde als »Nationalsache«, insofern die »Entstehung dieser Rasse« als Sünde, als
»Verbrechen gegen die heiligen Gesetze des Lebens« von ihr selbst empfunden
wird. Dieses Sündenbewusstsein, für dessen Nachweis sich Chamberlain auf die
führenden Wissenschaftler seiner Zeit glaubt berufen zu können118, führe am Ende
bei den Juden zu »drakonischen Gesetzen gegen jegliche Blutmischung«. Nicht aus
Willkür, sondern weil große Männer wie die Propheten ihr Volk aus dieser Be-
wusstseinslage herausführen wollten: »Wenn irgendetwas geeignet ist, […] unsere
Augen dem Naturgesetz zu öffnen, dass große Völker nur durch Veredlung der
Rasse entstehen, Veredlung der Rasse aber nur unter bestimmten Bedingungen
stattfindet, so ist es der Anblick dieses hochgedachten, verzweiflungsvollen Kampfes
der ihrer Rassesünde bewußt gewordenen Juden.«119 Genau dies aber, folgert er
überraschenderweise, mache das jüdische Volk zu einem großen Volk.
Soweit in starker Verknappung Chamberlains Herleitung der jüdischen Rasse,
wie sie sich angeblich aus der Vermischung unterschiedlicher Völker und der Se-
parierung innerhalb der Hebräer ergeben hat. Bemerkenswert dabei ist unter an-
derem, dass das jüdische Volk als ein werdendes Volk beschrieben wird, die jüdi-
sche Rasse also auch als eine sich wandelnde, verändernde – was mit der späteren
nationalsozialistischen Definition ›des Juden‹ kaum übereinstimmt, in der der Jude
von jeher Jude war.
Für Chamberlain hat aber auch die Ausbildung der jüdischen Religion bei der
Bildung des jüdischen Volkes eine bestimmende Rolle gespielt. Da ist zunächst der
»Einfluss des semitischen Geistes«120, der für die Entstehung und den Charakter des
Judentums prägend war. Größere Passagen dieses Kapitels handeln von diesem
»semitischen Geist«, von dem Chamberlain im Wesentlichen drei typische Charak-
terzüge glaubt herausarbeiten zu können: Erstens sei der Semite in der Religion
»selbstsüchtig und ausschließend«, d. h. im Gegensatz zum Arier intolerant und
lasse nur Jahwe gelten, verwerfe alle übrigen Götter; zweitens seien die semitischen
Völker durch die Vorherrschaft des Willens bestimmt, der sie einerseits zu großen
und kühnen Taten befähige, andererseits aber an »höherer Betätigung« hindere;
drittens gebe es bei den Semiten keine Metaphysik, d. h. sie nähmen die Welt so,
wie sie ist, ohne deren Geheimnisse zu erkunden. Die immer wieder hervorgeho-
bene Rolle einer starken Willensbestimmung verhindere die Entwicklung von
Verstand und Phantasie, wobei gerade Letztere für die Entfaltung einer Religion
wesentlich sei. In der Konsequenz dieses Befundes bedeute der semitische Mono-
theismus trotz aller Glut des Glaubens nur »ein Minimum an Religion«.

118 Z. B. William Robertson Smith, Robert Smith, Julius Wellhausen, S. 442 f.; freilich ist diese
Berufung eine Schlussfolgerung Chamberlains, die so bei den von ihm als Referenzen genannten
Autoren nicht zu finden ist.
119 HSC, Grundlagen, S. 444.
120 Ebenda, S. 462; die folgenden »Eigenschaften der Semiten« auf S. 457 ff.; die danach folgenden
Zitate auf den Seiten 466; 472; 475; 494.
138 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Unter dem Einfluss des semitischen Anteils, teils durch physische Vermen-
gung, teils durch die Übernahme von Ideen, habe das israelische Volk im Alten
Testament die religiösen Mythen in eine historische Chronologie umgewandelt,
d. h. die Religion sei materialistisch geworden: »Wo der Wille den fragenden Ver-
stand und das phantasiereiche Gemüt geknechtet hat, da kann es keine andere
Lebensanschauung und keine andere Weltanschauung geben als die materialisti-
sche.« Wobei Chamberlain ausdrücklich hinzufügt, er gebrauche diesen Begriff
keineswegs pejorativ, sondern lediglich beschreibend. »Unverfälschter Materialis-
mus« gelte beispielsweise auch für den Islam mit seiner Verheißung des guten Le-
bens im Paradies. So verfolge die semitische Religion weitgehend irdische Ziele
und das habe sich – so die Suggestion – auch in der jüdischen Religion fortgesetzt,
stehe im Gegensatz zu fast allen Religionen der Welt. Positiv wertet Chamberlain
die Glaubensintensität der Semiten: »Nirgends trifft man den Glauben ähnlich an
wie bei den Semiten, so glühend, so rückhaltlos, so unerschütterlich.« Und dieses
Erbe habe auch das jüdische Volk übernommen.
Doch habe sich dieser semitische Einfluss auf die Israeliten nur sehr langsam
durchgesetzt, vornehmlich im Süden des Landes, in Judäa, wo der Kontakt zu den
Arabern intensiv war. Im Norden des Landes blieben die syrischen Kulte (etwa
Baal, Götzenbilder, Stierkult usw.) lange erhalten und wurden nur mühsam ver-
drängt. Davon zu unterscheiden sei eine spezifisch »jüdische Idee« der Religion,
durch die das jüdische Volk sich vom israelischen abgrenzen konnte.
Diese Abgrenzung beginne mit Moses, den Chamberlain – übereinstimmend
mit der neuesten Forschung – für einen Ägypter hält.121 Mit dem Dekalog, der im
Talmud verändert werde, übernähmen die Juden wichtige Elemente der israeli-
schen Tradition: »die Geschichte des Volkes, die Grundlagen seiner politischen
Organisation, seiner Religion, seines Kultus, seines Gesetzes, seiner Poesie«122, aber
das alles werde im Laufe der Zeiten bearbeitet. Was Chamberlain wie folgt kom-
mentiert: »durch Schöpferkraft, selbst auf dem beschränkten, religiös gesetzgeberi-
schen Gebiet hat sich der Jude nie ausgezeichnet; selbst sein Eigenstes ist entlehnt.«
Die entscheidende Wende komme mit der Gefangennahme der nördlichen
Israeliten durch die Assyrer im Jahre 721 v. Chr. Der unerwartete Abbruch der
Belagerung Jerusalems 701 v. Chr. bezeichne die Geburt des jüdischen Volkes und
seines Gottes Jahwe. Die Propheten Jesaia und Micha hätten dies vorhergesagt,
und daraus sei der Glaube erwachsen, »dass alles Wohlergehen von dem passiven

121 Ebenda, S. 495; den Beleg für seine These entnimmt er den Arbeiten von Ernest Renan, Abra-
ham Kuenen, einem renommierten niederländischen Spezialisten für das Alte Testament, und
verschiedenen historischen Darstellungen. Dass Moses ein Ägypter war, der zur Zeit des Pharao
Echnaton gelebt hat und dessen monotheistische Religion auch den Israeliten gepredigt hat,
findet sich schon bei Sigmund Freud, Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Drei Ab-
handlungen, Amsterdam 1939 (Frankfurt/M. 1999). Zum Stand der augenblicklichen Forschung
vgl. Jan Assmann, Moses, der Ägypter.
122 HSC, Grundlagen, S. 496 f.; die folgenden Zitate auf den Seiten 499; 504; 504; 508; 512; 517
(diese Punkte sind bereits zuvor genannt); 504; 521; 523; 525; 525; 526; 533; 539; 541; 536; 545
Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte 139

Gehorsam gegen seine Gebote abhänge«. Auf der Grundlage des Deuteronomiums
(fünftes Buch Moses) sei ein Priesterregiment entstanden, seien strenge Gesetze
wie das Verbot der Mischehen eingeführt worden, habe sich religiöse Intoleranz
entwickelt. Mit der Zerstörung des ersten Tempels 597 v. Chr. durch Nebukadne-
zar habe das babylonische Exil begonnen, während dessen sich das Gefühl der
Zusammengehörigkeit gefestigt und ein spezifisches Judentum herausbildet habe.
Bedeutsam sei der Prophet Hesekiel gewesen, dessen Buch »das furchtbarste der
Bibel« sei: er habe die Sonderstellung der Juden postuliert, habe die Rolle Jahwes
und damit des Monotheismus gefestigt, eine Priesterhierarchie entworfen, die spä-
ter, nach dem Ende des Exils 539 v. Chr. das Prinzip des jüdischen Staates gewor-
den sei. Das habe Intoleranz, Glaubensfanatismus und Morden um der Religion
willen impliziert, ein Ideal, nach dem sich das Judentum nach seiner Rückkehr aus
dem Exil organisiert habe. In der Folge seien dann die biblischen Bücher »manipu-
liert« worden: »das Deuteronomium wurde ergänzt (namentlich durch die elf ers-
ten, so wirkungsvollen historischen Kapitel), sodann entstand der sogen. »Priester-
kodex« (das ganze Buch Leviticus, drei Viertel von Numeri, die Hälfte des Exodus
und etwa elf Kapitel der Genesis umfassend)«, und ebenso seien alle Bücher des
Alten Testaments in jene Form gebracht worden, in der sie uns überliefert sind.
Chamberlain fasst am Ende seiner Darstellung jene fünf Bedingungen zusammen,
die seiner Meinung nach konstitutiv für die Herausbildung des jüdischen Volkes
und seiner Religion gewesen sind: »Die unerwartete, plötzliche Lostrennung von
dem überlegenen Israel; der hundertjährige Fortbestand des von allen Seiten be-
drohten winzigen Staates, der einzig von einer übermenschlichen Macht Hilfe
erhoffen konnte; das Durchreißen des geschichtlichen Fadens sowie aller örtlichen
Traditionen durch die Fortführung des gesamten Volkes aus der Heimat in die
Fremde; die Wiederanknüpfung unter einer im Ausland geborenen, selbst die
Sprache der Väter kaum mehr verstehenden Generation; der fortan dauernde Zu-
stand politischer Abhängigkeit, aus welcher die Priesterherrschaft ihre dominie-
rende Kraft zog.« Erst mit dem Wiederaufbau des zerstörten Tempels ab 538 v. Chr.
begännen sich die Juden als eine »ganz einzige Erscheinung« zu entwickeln, wür-
den sie zum auserwählten Volk Gottes, gäbe es für sie »nur noch einen Gott, einen
Altar, einen Hohenpriester. Die Welt war um den Begriff (wenn auch noch nicht
um das Wort) Kirche reicher, die Grundlage zur heutigen römischen, mit ihrem
unfehlbaren Oberhaupt, war gelegt.«
Einen besonderen Abschnitt widmet Chamberlain den Propheten, jenen cha-
rismatischen Männern, die ihr Volk immer wieder zur religiösen und moralischen
Umkehr mahnten. Über Seiten zitiert er viele von ihnen, denen es darauf an-
kommt, »die Frömmigkeit ins Herz zu legen«, das Volk zu bewegen, anstelle zu
opfern Gutes zu tun, die Bedrückten zu schützen, zu praktischen Taten anzuregen
und gegen Dogmatisierungen zu kämpfen. Groß und herausragend seien diese
Propheten gewesen, weil sie die Moral dem Kult entgegengestellt hätten, doch
habe ihnen die schöpferische Kraft zu einem reformierten Religionsideal, zu ei-
nem neuen Kultus gefehlt. Und doch: »Jeseia, der seine Prophezeiungen an den
140 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Strassenecken plakatiert, Jeremia, der scharfsichtigste Politiker seiner Zeit, Deu-


terojesaia, die hehre, liebreiche Gestalt aus dem babylonischen Exil, dazu Amos,
der Gutsbesitzer, der in der Korruption der leitenden Stände eine nationale Gefahr
erblickt, Hosea, der die Priester für noch gefährlicher hält, Micha, der sozialdemo-
kratische Bauer, der alle Städte (samt Jerusalem) von der Erdfläche vertilgen will
– das sind prächtige Männer, in denen wir mit Entzücken gewahren, wie glau-
bensstark und zugleich wie freimütig, edel, wie lebensvoll der israelische Geist sich
bewegte, ehe ihm Handschellen und Maulknebel angelegt worden waren, doch
religiöse Genies sind sie durchaus nicht.« Denn sie hätten nicht verhindern kön-
nen, dass die Priester und Schriftgelehrten die Beziehungen zwischen dem jüdi-
schen Volk und Gott »durch Fixierung einer fingierten, doch genauen Tradi-
tion […] und vor allem durch das sogenannte ›Gesetz‹« bis ins Letzte regulierten,
Vorschriften, die den Tagesablauf bis ins Kleinste bestimmten und den Gedanken
an Gott ständig wachhalten sollten. Ein System der Kontrolle, das einen durchaus
sittlichen Zweck verfolgte, am Ende aber alle freien geistigen Regungen unter-
band. »Um das Judentum zu begründen, wurde eine Religion getötet und dann
mumifiziert.«
Die danach folgenden Ausführungen suchen zu belegen, dass die Idee des aus-
erwählten Volkes erst später in die heiligen Schriften hineingenommen wurde,
ähnlich der Idee, den Juden sei die Weltherrschaft und der Besitz aller Schätze der
Welt versprochen. In Letzterem liege auch die Hoffnung auf den Messias begrün-
det, die eine Hoffnung auf das Reich Gottes in dieser Welt sei. Die Begründer des
Judentums dachten »rein und selbstlos«, sie wollten die Nation retten. Und soweit
sie die »Reinheit der Rasse« dabei mitgedacht haben, waren sie »genial«. So sei
auch die Thora ein »wahres Kunstwerk«, denn sie hielte das kleine Volk der Juden
zusammen, sicherte dessen Überleben, ein »Triumph der materialistischen [d. i.
geschichtlichen U. B.] Weltanschauung« und ein Sieg des Willens über den Ver-
stand. Chamberlains schlussfolgernde Auffassung vom jüdischen Volk kommt im
folgenden Zitat zum Ausdruck, das deshalb ausführlicher wiedergegeben werden
soll, weil es implizit auch seine antisemitische Haltung selbst mitbegründet: »In
einem gut beanlagten, doch weder physisch noch geistig ungewöhnlich hervorra-
genden Volke erzeugt sie [die Idee des Glaubens, U. B.] den Wahn einer besonde-
ren Auserwähltheit, einer besonderen Gottgefälligkeit, einer unvergleichlichen
Zukunft, sie schliesst es [das jüdische Volk, U. B.] in tollem Hochmut von sämtli-
chen Nationen der Erde ab, zwingt ihm ein geistloses, unvernünftiges, in der Praxis
gar nicht durchzuführendes Gesetz als ein gottgegebenes auf, nährt es mit erlo-
genen Erinnerungen und wiegt es in verbrecherischen Hoffnungen – und, während
sie dieses Volk derart in seiner Einbildung zu babylonisch schwindligen Höhen
emporhebt, drückt sie es in Wirklichkeit seelisch so tief herab, lastet so schwer auf
seinen besten Anlagen, sondert es gänzlich aus der leidenden, strebenden, schaffen-
den Menschheit, erstarrt es so hoffnungslos in den unseligsten fixen Ideen, macht
es so unabwendbar in allen seinen Gestaltungen (von der äussersten Rechtgläubig-
keit bis zum ausgesprochenen Freisinn) zu einem offenen oder versteckten Feind
Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte 141

jedes anderen Menschen, zu einer Gefahr für jede Kultur, dass es zu allen Zeiten
und an allen Orten den Hochbegabten das tiefste Misstrauen einflösste.«
Bleibt am Ende dieses umfangreichen Kapitels die entscheidende Frage, wer
nun eigentlich Jude sei. Die durchaus unentschiedene, vage Antwort gibt Cham-
berlain nur für das Kollektiv des Volkes; sie besteht in dem Hinweis zum einen auf
die sich historisch herausbildende Rasse, zum anderen auf die Nation, die immer
nur als Idee existierte, auch auf die Hoffnung der Einlösung göttlicher Verspre-
chen. Eine besondere Art zu fühlen und zu denken soll dem Juden eignen, Eigen-
schaften, die jeder Mensch annehmen könne, so er nur bei Juden verkehrt, jüdi-
sche Zeitungen liest, die jüdische Lebensauffassung übernehme, deren Literatur
und Kunst. Mit anderen Worten: nach einem langen und mit viel Aufwand ge-
schriebenen Kapitel über den »Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte«
bleibt am Ende die eher dünne Erkenntnis, dass in jedem Menschen ein potentiel-
ler Jude steckt. Das heißt umgekehrt aber auch, dass ein Jude, der sich von den
jüdischen Traditionen und der jüdischen Religion abgewandt hat, ein »reinhuma-
nisierter Jude«, wie Chamberlain selbst schreibt, kein Jude mehr ist: »Denn das ist
nicht ein Jude« – zitiert Chamberlain Paulus – »der auswendig ein Jude ist, sondern
das ist ein Jude, der inwendig verborgen ist.«

Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte


Das Auftreten der Germanen als einer geschichtsmächtigen Rasse vor ihrem ei-
gentlichen Aufstieg zur beherrschenden Kraft um 1200 n. Chr. bezeichnet für
Chamberlain den eigentlichen Beginn der Geschichte Europas und damit zu des-
sen welthistorischer Bedeutung. Das Kapitel setzt mit der Bestimmung des Begriffs
Germane ein. Chamberlain konstatiert zunächst, es habe niemals ein einheitliches
germanisches Volk gegeben, sondern das Wort bezeichne eine Vielzahl einzelner
Stämme und Völker, die sich einerseits untereinander bekämpften und in ständi-
gen Zwistigkeiten lebten, sich andererseits aber gegenüber den Nicht-Germanen
abgrenzten, zusammenfanden und deren Angehörige sich in ihrer äußeren Er-
scheinung ähnelten. Gewährsmann ist ihm hier Tacitus, dessen Germania er immer
wieder zitiert, vor allem mit der Feststellung, die germanischen Stämme hätten sich
nie mit fremden Völkern vermischt und bildeten daher ein »besonderes, unver-
mischtes Volk, welches nur sich selbst gleiche«123, von Gestalt hoch gewachsen, mit
blauen Augen und rötlichen Haaren.124
Chamberlain spricht hier von den Germanen als einem heuristischen Kon-
strukt, ganz im Sinne der neueren Forschung125, die den »Germanenmythos« als den
Kern einer im 19. Jahrhundert ex post konstruierten, identitätsvermittelnden

123 HSC, Grundlagen, S. 551.


124 Ebenda, S. 553; zum Folgenden auch S. 554 ff.
125 Vgl. Ingo Wiwjorra, Der Germanenmythos.
142 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Weltanschauung versteht, Ersatz für die fehlende politische Einheit der Deutschen,
die sich so über ihre Kultur und Geschichte definieren konnten. Zu den Germa-
nen zählen für ihn nicht nur die üblicherweise genannten Stämme der Chatten,
Cherusker, Franken, Friesen, Goten, Langobarden, Sachsen, Sueven, Vandalen
u. a. m., die aus der Geschichte der Völkerwanderung bekannt sind, sondern auch
die Kelten und erstaunlicherweise die Slawen. Die Kelten aufgrund ihrer hochge-
wachsenen körperlichen Erscheinung, ihrer geistigen Verwandtschaft, ihrer poeti-
schen Veranlagung und ihrem Hang zur Theologie. Und durchaus ähnlich die
»Slavogermanen«, deren heldischer Typus, deren Heldendichtung und Hang zur
Poesie, deren starke Religiosität in ihrer Verbindung mit der Wahrung ihrer Na-
tion als germanisch bezeichnet werden müssten. Chamberlain betont immer wie-
der, den Germanen eigne eine tiefe Religiosität: bei den Kelten sehe man dort, wo
sie ihr rein keltisches Blut bewahrt hätten, überall »philosophisch hochbeanlagte
Theologen hervorgehen«126, die Slawen zeichne »Ernst und Unabhängigkeit in
religiösen Dingen aus«127, eine enge Verbindung von Religion und Nation, woraus
bereits im 10. Jahrhundert die »erste ihrer Verfassung nach unabhängige christliche
Kirche« entstanden sei, unabhängig von Rom und Byzanz gleichermaßen. Detail-
liert geht Chamberlain auf die religiös-nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen
jener germanischen Slawen ein, die vor allem im südosteuropäischen Raum leb-
ten, beschreibt die Eigenständigkeit ihres Christentums, ihren Kampf gegen Rom.
Und in diesen Zusammenhang wird auch die Reformation als eine Bewegung
germanischen Unabhängigkeitsstrebens gestellt: »Nirgends bewährt sich die orga-
nische Einheit des Slavokeltogermanentums überzeugender als in dieser instinkti-
ven Auflehnung gegen Rom.«128 Luthers Aufbegehren sei die »Empörung des gan-
zen Wesens gegen Fremdherrschaft, die Empörung der germanischen Seele gegen
ungermanische Seelentyrannei« gewesen, die jene »nordische Bruderschaft« ergrif-
fen habe, die sich durch »verwandten Geist, verwandte Gesinnung, verwandte
Körperbildung«129 ausgezeichnet habe. Obwohl er selbst an die »Blutsverwandt-
schaft« dieser Völker glaubt, nimmt er diese aber nicht als Kriterium für seinen

126 HSC, Grundlagen, S. 556; genannt wird Johannes Scotus Erigena (auch: Eriugena; 815–877), der
im 9. Jahrhundert am Hof Karls des Kahlen im westlichen Frankenreich lebte. Er war Hofdich-
ter, Gelehrter, übersetzte griechische und lateinische Literatur der Kirchenväter, bildete eine ei-
gen, neuplatonisch orientierte Theologie aus, die in Teilen die Scholastik vorwegnahm. Seine
a-historischen und von den kirchlichen Lehrmeinungen unabhängigen Bibelauslegungen brach-
ten ihm mehrfache Verurteilung der römischen Kirche ein. Genannt wird auch der in Schottland
geborene Johannes Duns Scotus (etwa 1266–1308), einer der herausragenden Philosophen und
Theologen des Mittelalters. Er war Franziskaner, lehrte in Cambridge, Oxford, Paris und zuletzt
in Köln und begründete die Scholastik. Seine Theologie sucht Überlegungen von Aristoteles,
Augustinus und franziskanische Positionen zu verbinden und thematisiert Fragen, die noch in der
heutigen Theologie bedeutsam sind. 1991 wurde er seliggesprochen. Begraben liegt er in Köln.
127 Ebenda, S. 563.
128 Ebenda, S. 566; hier auch das folgende Zitat. Die Bedeutung der Reformation wird noch einmal
im Kontext des von Chamberlain propagierten arischen Christentums herausgestellt werden.
129 Ebenda, S. 571; das folgende Zitat auf S. 572.
Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte 143

Begriff des Germanen: die Wissenschaft habe hier Vorsicht gelehrt, die Sache sei
zu verwickelt, um sie als Faktum zu postulieren, es reiche, sich auf Phänotypisches
zu beschränken – eine Haltung, die, wie so oft, eine strikte Definition vermeidet
und stattdessen auf das Sehen, die vermeintlich ähnliche Einstellungen und mora-
lische Haltungen ausweicht.
Zugleich aber sind ihm dann wieder physische Merkmale entscheidend, weil
die »Ungleichheit der menschlichen Rassen in ihrem Knochenbau, in ihrer Haut-
farbe, in ihrer Muskulatur, in den Verhältnissen ihres Schädels zu lesen« sei. Dieses
Axiom führt dann doch zu einem rassistischen Grundverständnis, das die Phäno-
menologie der Erscheinungen des Germanischen als Ausdruck der Rasse wertet.
Auch hier nicht im Individuellen, sondern im Kollektiv. Für Chamberlain ist der
Zusammenhang von physischer Beschaffenheit und psychischen Eigenschaften of-
fenbar: Wer die körperlichen Eigenschaften der Germanen hat, fühlt und denkt
auch wie ein Germane. Kreuzungen zwischen germanischen Völkern führen zu
einem reichen kulturellen Leben, wie die Beispiele der Franzosen, der Engländer,
der Sachsen, der Preußen oder auch der keltisch gemischten Süddeutschen und
slawisch gemischten Norddeutschen zeigen. Kreuzungen germanischer Völker mit
nichtgermanischen dagegen bringen Verluste germanischer Tugenden wie Kriegs-
tüchtigkeit, Treue, religiöse Tiefe, organisatorische Befähigung und schöpferische
Künstlerkraft.130 Gleichzeitig relativiert Chamberlain bestimmte äußere Merkmale:
Englands germanische Adelsgeschlechter zeigen ihm zufolge »hochgewachsene
schlanke Körper, lange Schädel, lange Gesichter, […] scharfgeschnittene Profile«
mit Stammbäumen, die bis in die Normannen-Zeit zurückreichen. Aber sie hätten
schwarzes Haar und dunkle Augen, während es blondes Haar und helle Augen
auch bei Juden gebe. Mit anderen Worten: einzelne körperliche Merkmale kön-
nen vom allgemeinen Erscheinungsbild abweichen, ohne den Gesamtcharakter
prinzipiell zu verändern. Die Frage ist aber dann, was an ›rassischen Merkmalen‹
definitionsbestimmend bleibt, wenn einzelne, entscheidende körperliche Eigen-
schaften so weitreichend rassenunspezifisch variieren können.
Einen eigenen Abschnitt innerhalb dieses Kapitels widmet Chamberlain der
Form und Messung des Schädels und den daraus zu ziehenden Rückschlüssen auf
die germanische Rasse. Dazu sei hier nur kurz angemerkt, dass im 19. Jahrhundert
sowohl in Europa wie in Amerika die Kraniometrie, die Messung des Schädels
zum Zwecke des Rückschlusses auf die Größe des Gehirns, von der wiederum auf
Intelligenz und die kognitiven Fähigkeiten geschlossen wurde131, eine nicht unum-
strittene, dennoch aber anerkannte naturwissenschaftliche Teildisziplin der An-
thropologie und Ethnologie war.132 Chamberlain beruft sich zunächst auf Tacitus,
demzufolge die alten Germanen wie die alten Slawen »Langköpfe«, d. h. lange

130 Ebenda, S. 575 ff.


131 Vgl. zur Geschichte der Kraniologie u. a. Stephen Jay Gould, Der falsch vermessene Mensch,
Frankfurt/M. 1994, sowie vor allem Uwe Hoßfeld, Geschichte der biologischen Anthropologie in
Deutschland, S. 92 ff.
132 Vgl. S. 238 ff.
144 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Abb. 19: Schädeldarstellungen aus den Grundlagen, S. 426

Schädel und lange Gesichter hatten. Dies belegten, so Chamberlain, Grabfunde in


ganz Nord-Europa, aber auch solche aus der Zeit des Hellenismus für die antiken
Griechen. Zwar gebe es zwischen Wissenschaftlern Debatten darüber, ob Lang-
und Kurzschädel innerhalb der germanischen Bevölkerung vorherrschten, doch
seien die Beweise für die Dominanz der Langschädel im Norden Europas eindeu-
tig. Ausführlich diskutiert er das Vorkommen des Langschädels in den verschiede-
nen, von germanischen Stämmen und Völkern besiedelten Regionen Europas,
findet dort überall aber auch Mischungen, also »Halbgermanen, Viertelgermanen,
Sechzehntelgermanen usw.«133, was seine Grundthese bestätigt, dass es sich auch
bei den Germanen nicht um eine reine Rasse handele. Daraus zieht er vorsichtig
auch Rückschlüsse auf die Gegenwart und meint am Ende, das »Anatomische
allein« könne nicht ausreichen, um die Rasse zu bestimmen.
Man muss in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass viele der damali-
gen Anthropologen und Ethnologen nach einer »Ur-Rasse« suchten, von der sie
annahmen, die verschiedenen Rassen hätten sich aus ihr heraus entwickelt. Viele
konnten sich den Ursprung und die Entwicklung der verschiedenen menschlichen
Rassen nicht anders vorstellen denn als eine Ausdifferenzierung einer solchen Ur-
Rasse. So formulierte beispielsweise Gobineau in seinem vielgelesenen Werk Über
die Ungleichheit der Menschenrassen die These, der Ursprung der weißen Rasse lasse
sich auf die Ur-Rasse der Arier zurückführen. Chamberlain hielt diese These für
rein spekulativ und daher für unwissenschaftlich, weil nicht zu belegen. Wie er
überhaupt ein Gegner Gobineaus war, der in Wahnfried, vor allem von Cosima,
außerordentlich geschätzt wurde.134 Da Chamberlain davon ausgeht, dass im

133 HSC, Grundlagen, S. 583.


134 Vgl. Udo Bermbach, Wagner und Gobineau. Zur Geschichte eines Mißverständnisses, in: wagnerspectrum
1/2013, S. 243 ff.
Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte 145

19. Jahrhundert überwiegend Rassenmischungen vorherrschen, kommen seiner


Meinung nach in der überschaubaren Geschichte unterschiedliche Kombinationen
vor: lange Gesichter bei runden Schädeln, kurze Gesichter bei langen Schädeln –
und ähnliche Kombinationen. Die von vielen vermutete prähistorische Ur-Rasse
sei historisch nie aufgetreten, weshalb man von Rassenmischungen ausgehen
müsse, was aber nicht heiße – wie manche Wissenschaftler behaupteten, so etwa
Julius Kollmann135, gegen den Chamberlain scharf argumentiert –, dass alle Rassen
gleich begabt für Kultur seien.136 Mehrfach betont er seinen methodischen Ansatz
der Beobachtung – der typische Ansatz eines Biologen und Pflanzenphysiologen –
und konstruiert aus dem, was er vorzufinden glaubt, ganz im Sinne Max Webers,
einen Idealtypus des Germanen: große, strahlende Himmelsaugen, goldenes Haar,
eine Riesengestalt, Ebenmaß der Muskulatur, einen länglichen Schädel, ein hohes
Antlitz – Eigenschaften, die, wie er nachdrücklich betont, kein konkretes Indivi-
duum je alle in sich vereint habe; von denen im Gegenteil oft gravierende Abwei-
chungen die Regel gewesen seien. Chamberlains idealisierter Germane dient also
lediglich heuristischen Zwecken. Denn die Natur kenne solche Idealtypen nicht,
sie bringe die »unbeschränkte Mannigfaltigkeit aller denkbaren Zwischenformen«
hervor. Doch könnten körperliche Abweichungen vom Ideal nichts von dessen
Bedeutung nehmen, der »Instinkt für die Rasse« werde dadurch nicht beeinträch-
tigt; eine offene Bestimmung ›des Germanen‹, die es erlaubte, sehr unterschiedli-
che Individuen darunter zu subsummieren.
Der Rest dieses umfangreichen Kapitels wendet sich zum einen dem ›Realty-
pus‹ des Germanen zu – wie z. B. Dante und Goethe –, zum anderen dessen geo-
graphischer Ausbreitung in Europa. Sodann den hervorstechenden germanischen
Eigenschaften wie Freiheitsliebe und Treue, beides Voraussetzungen dafür, dass
die Germanen/Arier zur »staatsbildenden Rasse« hätten werden können. Kron-
zeuge für germanische Gesinnung sei Immanuel Kant, dessen Philosophie, vor al-
lem dessen Pflichtenethik, die den Kern germanischer Überzeugungen formuliere.
In einem historischen Rückgriff sucht Chamberlain die Vorliebe der Germanen
für den Arianismus, der die Trinitätslehre ablehnt und von der katholischen Kirche
in zwei Konzilen als häretisch eingestuft wurde (Konzil von Nicäa 325 n. Chr. und
Konzil von Konstantinopel 381 n. Chr.), als Beleg für deren unbändigen Freiheits-
und Unabhängigkeitsdrang zu bewerten. Wie ihm überhaupt der Hang zur Häre-
sie als eine typisch germanische Eigenschaft erscheint. Beispiele für die sich darin
ausdrückende Unabhängigkeit großer Geister sind ihm Wulfila (mit seiner goti-
schen Bibelübersetzung), Roger Bacon (mit seiner »Idee einer reinen Wissen-
schaft«), Nikolaus von Cues, Giordano Bruno, Tommaso Campanella und Pierre

135 Julius Kollmann (1834–1918) war Anthropologe und Zoologe. Ab 1870 war er in München
Professor, ab 1878 in Basel für Anatomie. Er forschte u. a. zur Herkunft europäischer Völker und
schrieb die vielgelesenen Werke Les races de l’Europé et la composition des peuples, 1881; Lehrbuch der
Entwicklungsgeschichte des Menschen, 1898; Handatlas der Entwicklungsgeschichte des Menschen, 1907.
136 HSC, Grundlagen, S. 586 ff.; vor allem S. 588 ff.; die folgenden Zitate auf den Seiten 590; 597;
Texthinweis 618 ff.; 638.
146 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Gassendi, die alle ihres unabhängigen Geistes wegen als Katholiken verfolgt wur-
den und deren Kampf ein Kampf zwischen germanischer und ungermanischer
Weltanschauung gewesen sei, wofür auch der »vollendetste Typus des Anti-Ger-
manen« stehe, der Gründer des Jesuitenordens und Streiter für die Gegenreforma-
tion: Ignatius von Loyola. Der nun war zwar, wie Chamberlain schreibt, ein au-
ßerordentlicher Mann, eine große Persönlichkeit, scharfsinnig und gelehrt, selbstlos
im Dienst als Soldat, Edelmann, Priester, aber er war ein Baske, also kein Germane,
gleichwohl reinrassig und deshalb von außerordentlicher Leistungsfähigkeit in der
»Bekämpfung jeglicher Symbolik«, in der »Anleitung zu Hysterie«, in der »Ver-
nichtung des eigenen Urteils«, in der »Vernichtung der physischen Grundlage der
Freiheit«, im »widerspruchslosen Gehorsam« – Prinzipien der Jesuiten und zu-
gleich Prinzipien des Un- und Anti-Germanischen, die übrigens so auch in Bay-
reuth geteilt wurden und erklären, weshalb die Jesuiten dort ebenso abgelehnt
wurden wie die Juden – seit Wagners Zeiten schon.

Religion – über das Christentum


Der dritte Abschnitt, überschrieben: Der Kampf, und zugleich der Beginn des
zweiten Bandes der Grundlagen setzt sich im siebten Kapitel eingehend mit der
Religion, genauer: mit dem Christentum, der arischen Mythologie, der jüdischen
Religion, mit Paulus und Augustinus, den Hauptrichtungen des Christentums,
dem Kampf zwischen weltlicher und geistiger Macht, zwischen Rom und dem
nördlichen und östlichen Europa auseinander. Das Kapitel schließt thematisch an
das fünfte an, in dem die Entstehung des jüdischen Volkes, der jüdischen Religion
und in Ansätzen bereits die ersten Entwicklungen des Christentums behandelt
wurden. Erneut bestätigt der beträchtliche Umfang dieses Kapitels, wie stark das
Interesse Chamberlains auf die Religion und die religiösen Entwicklungen fokus-
siert war, wie sehr er die allgemeinen historischen Entwicklungen durch die Reli-
gion entscheidend bestimmt sah – eine thematische Konzentration, die sich wohl
nur durch seinen eigenen christlichen Glauben erklären lässt, der zugleich eine
treibende Motivation für seine Arbeit abgab.
In den ersten einleitenden Bemerkungen umreißt er einige »leitende Grund-
sätze« dieses Kapitels: so die These, wonach die römische Kirche ein Unterdrü-
ckungsapparat gewesen sei, gegen den sich immer wieder (germanische) Freiheits-
bewegungen erhoben hätten; so die These, das Mittelalter sei eine Zeit der
politischen und rechtlichen Anarchie gewesen, weil alle nur ihr eigenes Recht
durchzusetzen gesucht hätten; so die These, das 19. Jahrhundert sei historisch als
eine »mittlere Zeit«137 zu werten, eine Zeit des Übergangs von den Nachwirkun-
gen bisheriger Auseinandersetzungen hin zur Neujustierung von Politik und Ge-
sellschaft. Noch bevor er in die Details seiner Darstellung geht, charakterisiert er

137 HSC, Grundlagen, S. 638; die folgenden Zitate auf S. 640; 647; 647; 649; 685; 654; 663.
Religion – über das Christentum 147

einleitend die römisch-katholische Kirche als eine primär politische Macht, als
Nachfolgerin des alten Römischen Reiches und dessen imperialem Herrschaftsan-
spruch, als »Erbin der jüdisch hierokratischen Staatsidee«, deren Kirchenväter voll
von den Lehren des Alten Testaments gewesen seien. Den mittelalterlichen Kampf
zwischen Kirche und Kaiser sieht er als Kampf eines Staates gegen einen anderen
Staat, als Kampf innerhalb der Religion um die Religion, wobei die Religion
selbst in diesem Zusammenhang vornehmlich als eine »Integrationsideologie« ge-
wertet wird.
Ausgehend von der Überzeugung, dass »das Erdenleben Jesu Christi Ursprung
und Quelle, Kraft und im tiefsten Grund auch Inhalt alles dessen ausmache, was
jemals sich christliche Religion genannt hat«, charakterisiert Chamberlain das
kirchlich verfasste Christentum als ein diesen Inhalt entstellendes Amalgam aus
»jüdischem Willen«, arischer Mythologie und der Übernahme religiöser Kulte aus
Syrien, Ägypten und anderen vorderasiatischen Kulten. Den »ewig sprudelnden,
ewig sich gleichbleibenden Quell erhabenster Religiosität«, die Erscheinung
Christi, sieht er durch die »Notbauten« des institutionell verfassten Christentums,
die Kirche wie die Dogmen, eingeengt und deformiert, so dass »die wechselnden
religiösen Bedürfnisse, die wechselnden geistigen Ansprüche der Menschen und
– was noch weit entscheidender ist – die grundverschiedenen Gemütslagen unglei-
cher Menschenrassen« in gleichmachende Gesetze gepresst wurden. Dieser »Ober-
bau der bisherigen christlichen Kirchen« sei inhaltlich ein Synkretismus sich wider-
sprechender religiöser Vorstellungen aus unterschiedlichen Völkern. Als Beispiele
nennt er das Verschmelzen des jüdischen Jahwe mit der altarischen Dreieinigkeit;
die jüdische Erwartung eines heldenhaften Erlösers vom Stamme Davids mit der
Person eines leidenden Christus; die im 5. Jahrhundert um sich greifende Vereh-
rung der »Mutter Gottes«, die auf den altägyptischen Isiskult zurückgehe und ähn-
liches mehr. Das Christentum, so wie es sich unter dem Druck der römischen
Kirche in den ersten Jahrhunderten ausgebildet habe, leide unter einem nicht auf-
hebbaren Zwiespalt, weil es »auf zwei grundverschiedenen, meist direkt feindli-
chen Weltanschauungen ruht: auf jüdischem historisch chronistischem Glauben
und auf indoeuropäischer symbolischer und metaphysischer Mythologie.« Aus die-
sem Gegensatz habe sich während der ersten Jahrhunderte ein Kampf zwischen
»Judenchristen« und »Heidenchristen« ergeben, der als Antagonismus u. a. von
Gnosis und Anti-Gnosis, von Arianern und Athanasiern, der brutalen Verfolgung
christlicher Gruppen durch den römischen Staat und der ebenso brutalen Ausrot-
tung christlicher Häretiker durch die römische Kirche seinen Niederschlag gefun-
den habe. Auch den Kampf zwischen weltlicher und kirchlicher Herrschaft, zwi-
schen der Kirche und der Reformation interpretiert Chamberlain als Auswirkungen
dieses Grundkonfliktes, den er noch im 19. Jahrhundert, etwa im deutschen Kul-
turkampf, fortwirken sieht.
Für Chamberlain ist dieser Kampf eine welthistorische Auseinandersetzung,
verursacht durch die frühe Integration glaubensfremder und einander ausschlie-
ßender Elemente wie etwa der altarischen Ideen der Trinität Gottes, der Mensch-
148 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

werdung Gottes und der Jungfrauengeburt, der ägyptischen Vorstellung von einer
Mutter Gottes, der persischen Vorstellung von Himmel und Hölle, der Einfüh-
rung des griechischen Altars und des Rückgriffs auf hellenistische »Mysterien«,
welche die »Reinigung« (wird zur Taufe) und den gemeinsamen Genuss eines
heiligen Mahles kannten, um Teilhaber des göttlichen Wesens und der Unsterb-
lichkeit zu werden. All dies und einiges mehr, was hier nicht aufgezählt werden
muss, stammt aus unterschiedlichen Kulturkreisen, all dies wird für den »Ausbau
des christlichen Kirchengebäudes« genutzt, erfahre dann allerdings im Zuge der
Ein- und Anpassung in die neue Religion eine Uminterpretation. All dies seien
zugleich »äußere Mythen«, die primär dem Aufbau einer imperialen Kirche und
deren dogmatischer Absicherung dienten.
Daneben habe das Christentum auch »innere Mythen« entwickelt, so etwa die
Vorstellungen von »Erbsünde« und »Erlösung«138 – beides für Christen zentral, den
Juden indessen »bis auf den heutigen Tag vollkommen fremd«. Diese Vorstellun-
gen seien indoeuropäischen Ursprungs, sie verwiesen auf Nicht-Empirisches, auf
die Transzendenz, deren Vollendung Chamberlain in dem Satz Christi: »Das Him-
melreich ist inwendig in euch« sieht, in dem in nuce die Essenz des christlichen
Glaubens zusammengefasst sei. Insgesamt lasse die Ausgestaltung der christlichen
Religion in ihrer allmählich entstehenden Ausformung den Schluss zu: »Kein ein-
ziger Zug der christlichen Mythologie kann auf Originalität Anspruch erheben.«139
Aber eben dadurch werde der eigentliche Kern des christlichen Glaubens bis zur
Unkenntlichkeit entstellt. Denn »Christus ist das einzige nicht Mythische im
Christentum; durch Jesus Christus, durch die kosmische Größe dieser Erscheinung
(wozu der historisch-materialisierende Einfluss des jüdischen Denkens kam) ist der
Mythus gleichsam Geschichte geworden.«
Mit der Verfügung Kaiser Konstantins am Ende des 4. Jahrhunderts, das Chris-
tentum zur Staatsreligion zu erheben, war für Chamberlain »ein Wendepunkt für
die Ausbildung der christlichen Religion« erreicht. Im Kampf zwischen den unter-
schiedlichen Deutungen und Verständnissen habe sich nun die römisch-dogmati-
sche durchgesetzt. Damit sei der Synkretismus befestigt worden. Die germanischen
Fähigkeiten einer freien, individuell ausgelebten und durch Mythos und Phantasie
ausgeschmückten Religion seien vorerst beendet worden. Das Christentum habe
sich im Umfeld des rassisch durchmischten »Völkerchaos« zu einer unduldsamen,
dogmatisierten Religion geformt, verkörpert in einer imperialen Kirche, die dem
»gemeinen Menschen« aus den verschiedensten Völkern und Rassen, den Helle-
nen, Syriern, Juden, Semiten, Armeniern, Ägyptern, Persern, Galliern usw., die
alle mit- und gegeneinander lebten und sich beeinflussten, klaren Halt gab. Die
Kirche bestimmte daher das Verhältnis von Herr und Knecht, schob Kunst, My-
thos und Metaphysik beiseite und drückte die Religion auf das in Judäa einst herr-

138 Ebenda, S. 665; 670; 669; 674.


139 Ebenda, S. 661. Hier (S. 661 ff.) finden sich auch die ausführlichen Angaben der Beispiele; die
folgenden Zitate auf den Seiten 664; 686; 675 f.; 291 f.; 191.
Religion – über das Christentum 149

schende Niveau herunter: auf eine historische, empirisch beweisbare Religion, auf
ein System kirchlicher Befehle und konkreter Strafen. In dem Maße, wie der Bi-
schof von Rom sich als Papst durchzusetzen vermocht habe, war das »Ende des
religiösen Impulses« gekommen und das Papsttum im 12. Jahrhundert zu einer
politischen Macht geworden. Der Vatikan sei ein Staat wie alle anderen Staaten
auch geworden. Römischer Zentralismus und religiöser Suprematieanspruch hät-
ten die Vielfalt individueller Ausdeutungen des neuen Glaubens unmöglich ge-
macht. Der sei nun von außen vorgegeben, kontrolliert und sanktioniert worden.
Damit wurde die mystische Begegnung des Einzelnen mit seinem Gott unmöglich
und das von Chamberlain immer wieder als Norm beschworene »Gottesreich in
uns« durch zwanghafte Regulierung zu einem äußeren Bekenntnis gemacht. In
diesem, sich über Jahrhunderte hinziehenden Kampf sei der jüdische Geist des
Gesetzes im Christentum durchgebrochen und habe zugleich die dem Ur-Chris-
tentum eigentümliche symbolisch-metaphysische Ebene der Transzendenz suspen-
diert oder doch gravierend eingeschränkt. Noch die Reformation sei von diesem
Prozess nicht verschont geblieben: Sie habe sich mit der politischen Macht ver-
bünden müssen, um sich gegen die politische Macht der katholischen Kirche
durchsetzen zu können.
Immer wieder betont Chamberlain in diesem Kapitel den Gegensatz zwischen
dem seiner Meinung nach historisch-chronistischen Glauben der Juden und dem
symbolisch-metaphysisch gerichteten der Indoeuropäer, die beide vom Christen-
tum aufgesogen worden seien. Zugleich aber notiert er, man dürfe die Leistungen
der jüdischen Religion für die Bildung des Christentums nicht unterschätzen:
»Nichts wäre falscher, als wenn man die jüdische Mitwirkung bei der Erschaffung
des christlichen Religionsgebäudes lediglich als eine negative, zerstörende, verder-
bende betrachten wollte. […] Es genügt ein vorurteilsfreier Blick, um den jüdi-
schen Beitrag als sehr bedeutend und zum großen Teil als unentbehrlich zu erken-
nen. Denn in dieser Ehe war der jüdische Geist das männliche Prinzip, das
Zeugende, der Wille. Nichts berechtigt zu der Annahme, dass aus hellenistischer
Spekulation, aus ägyptischer Askese und aus internationaler Mystik ohne die Glut
jüdischen Glaubenswillens der Welt ein neues Religionsideal und damit zugleich
neue Lebenskraft geschenkt worden wäre.« An früherer Stelle der Grundlagen heißt
es: »Man mag über diese verschiedenen jüdischen Vorstellungen denken, wie man
will, Größe wird ihnen niemand absprechen noch die Fähigkeit, auf die Gestaltung
des menschlichen Lebens eine fast unermeßliche Wirkung auszuüben. Es wird
auch niemand leugnen, dass der Glaube an die göttliche Allmacht, an die göttliche
Vorsehung und auch an die Freiheit des menschlichen Willens – alles jüdisches
Erbgut Jesus –, sowie die fast ausschließliche Betonung der moralischen Natur des
Menschen und ihrer Gleichheit vor Gott (›die Letzten werden die Ersten sein‹)
Grundpfeiler der Persönlichkeit Christi bilden. Weit mehr als das Anknüpfen
[Christi, U. B.] an die Propheten, weit mehr auch als seine Achtung vor den jüdi-
schen Gesetzesvorschriften lassen uns diese Grundanschauungen das Christentum
als von jüdischem Denken beeinflusst erkennen. Ja, wenn wir tief hinabsteigen bis
150 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

zu jenem Mittelpunkt der Erscheinung Christi, der Umkehr des Willens, so müs-
sen wir erkennen, dass hier ein Jüdisches vorliegt im Gegensatz zur arischen Ver-
neinung des Willens.« Und: Das Wirken der Propheten »hat der Auffassung Christi
in Bezug auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch in wesentlichen Punkten
historisch vorgearbeitet«. Das sind Sätze, welche die ständige Negativ-Kategorisie-
rung der jüdischen Religion als bloß historisch-chronistisch und metaphysiklos
doch entscheidend relativieren und plötzlich den Beitrag des Judentums zur Aus-
bildung des Christentums als grundlegend anerkennen.
Gleichwohl bleibt die Hauptthese des Gegensatzes zwischen jüdischer und
christlicher Religion bestehen. Chamberlain sucht sie an Paulus und Augustinus zu
illustrieren. Paulus, den er in vielerlei Hinsicht bewundert, ist ihm ein Beispiel für
den Zwiespalt des christlichen Glaubens: im Herzen Mystiker – und damit dem
indoeuropäischen Kulturkreis zugehörend –, ist er aber zugleich in der jüdischen
Religion verwurzelt. Paulus habe eine »jüdische und eine nichtjüdische Seele«, so
wie er einen jüdischen Vater und eine zum Judentum übergetretene Griechin zur
Mutter gehabt habe.140 Indoeuropäisch sei bei ihm die Unterscheidung zwischen
äußerem und innerem Menschen, zwischen Fleisch und Geist, die Frage nach Er-
lösung, das Bewusstsein einer allgemeinen Sündhaftigkeit, der Glaube an die
Gnade Gottes und an die Wiedergeburt – schärfster Gegensatz zu allen semitischen
und speziell der jüdischen Religion.141 Andererseits habe er das Alte Testament
»zur neuen Heilslehre in organische Beziehung zu setzen« gesucht, habe in seinem
Brief an die Römer den Sündenfall wieder historisch interpretiert und die Weltge-
schichte als einen »empirischen« göttlichen Plan, den Tod des Messias als Sühne-
opfer – im altjüdischen Sinne – verstanden und das letzte Gericht als eine Abrech-
nung über die Werke des Menschen mit Lohn und Strafe gedeutet: »Jüdischer
kann man kaum sein.« Es seien zwei gegensätzliche Religionsauffassungen, die
Paulus vertrete, und zwischen beiden bestehe ein logischer, d. h. »ein mathemati-
scher, mechanischer, unauflösbarer Widerspruch«, verursacht durch eine »unjüdi-
sche beflügelte Seele, angekettet an eine jüdische Rabbinatserziehung«. In seinem
Leben habe Paulus durch die Kraft seines Auftretens diesen Fundamentalwider-
spruch überdecken können, weil er ein freier Mann gewesen sei, in seinem Den-
ken sei er durch keinerlei Dogmen eingeengt gewesen. Nach seinem Tod habe der
Streit um die jüdische und nichtjüdische Religion des Paulus begonnen. Cham-
berlain führt eine Fülle von Zitaten an, welche das neue Christentum bei Paulus
belegen sollen, aber sie seien eben, wie er betont, nur ein Teil von Paulus’ Glauben
und mit dem anderen Teil zusammen mache dies die »Tragödie des Christentums«
aus. Paulus, den Chamberlain für den »wichtigsten Baumeister« der neuen Reli-
gion hält, sei zugleich auch der Begründer eines immer wieder aufbrechenden
Antagonismus gewesen: denn er führe »durch Einführung des jüdisch chronisti-
schen und materialistischen Standpunktes auch das unduldsame Dogma« ein, ver-

140 Ebenda, S. 690; Anm. 3 (Chamberlain beruft sich hier auf Adolf von Harnack).
141 Ebenda, S. 694; die folgenden Zitate auf den Seiten 696; 697 ff.; 718; 726; 727 ff.; 768 ff.
Religion – über das Christentum 151

anlasse dadurch »namenloses späteres Unheil«, säe »den Kampf in das Herz jedes
einzelnen«. Von Anfang an leide das Christentum deshalb unter diesem Antagonis-
mus, der auch ein Rassenantagonismus sei. Dogmatismus und Gesetzesglaube ver-
kehrten eine Religion der Liebe in eine des Hasses, der Verfolgung Andersden-
kender, des enthemmten Fanatismus, der Ermordung von Millionen Menschen,
der Integration primitiven Aberglaubens, der Zauberei und des Hexenwesens.
Ähnlich verhalte es sich mit Augustinus, einem edlen und zugleich tragischen
Beispiel der Zerrissenheit. Ursprünglich vaterlandslos, rassenlos und religionslos,
begreife er die Religion als Problemlösung der Katastrophen um sich herum. Zu-
sätzlich zu Paulus führe er »Mysterien, Sakramente und Ceremonien aus dem Völ-
kerchaos« ein, verschärfe also den oben zitierten Zwiespalt. Für Chamberlain ist
Augustinus eine edle, herausragende Persönlichkeit, die einerseits Liebe, anderer-
seits die Inquisition predige, die einerseits die Idee des römischen Imperiums, an-
dererseits die Apokalypse Johannis zusammenbringe, ein »religiöses Genie«, das
Gott in sich gefunden habe und doch die Autorität der katholischen Kirche aner-
kenne und suche. Während Paulus noch gelehrt habe, jeder solle zusehen, wie er
auf der Grundlage Christi selbst aufbaue, erkläre Augustinus die Bischöfe zu Glau-
bensautoritäten und meine, Irrglaube solle gewaltsam unterdrückt werden. Es sei
ein »Leben in Widerspruch«, das Augustinus geführt habe, auch der Rasse wegen.
Und ein Leben, das in den folgenden Jahrhunderten Millionen Christen führen
würden.
Was an Paulus und Augustinus exemplarisch gezeigt werden soll, charakteri-
siert den inneren wie äußeren Streit der Kirche bis etwa ins 11. Jahrhundert. Rom
kämpfte gegen den hellenistischen Osten und den germanischen Norden, ab dem
3. Jahrhundert entstehe eine lateinische Theologie in Afrika, im 6. Jahrhundert
verschwinde die hellenistische Ost-Theologie. Römische Verwaltungsperfektion
habe sich gegen hellenistische Schöpferkraft durchgesetzt. Zuvor hätten hellenisti-
sche Christen einen »Zustand der Freiheit innerhalb der Orthodoxie« zu bewahren
gesucht, doch die großen Konzilien von Nicäa (325 n. Chr.), Konstantinopel (381
n. Chr.) und Ephesus (431 n. Chr.) sicherten Schritt für Schritt die Vorherrschaft
Roms, drängten die ursprünglichen Inhalte des frühen Christentums wie »grösst-
möglichste Innerlichkeit […], weitestgehendste Vereinfachung ihrer äusseren
Kundgebung, Freiheit des individuellen Glaubens« in die Bedeutungslosigkeit.
Chamberlain beschreibt diese Auseinandersetzungen, die ein »despotisches Zen-
trum« gegen von ihm definierte Häresien führt, über viele Seiten mit zahlreichen
Beispielen. Die Verfolgung der Arianer gehört in diese Reihe, auch das selbstbe-
wusste Auftreten Karls des Großen gegenüber dem Papst. Gerade der Karolinger
zeige, dass ein unabhängig denkender und handelnder »germanischer Fürst« gegen
Rom einiges erreichen konnte, auch wenn er am Ende das Reich dennoch Rom
einfügte. Und Dante mit seinem Versuch, in und durch die Kirche Reformen zu
bewirken, sei ebenfalls prominenter Teil dieser Auseinandersetzung. Chamberlain
zieht den Bogen von den Anfängen bis zur Reformation und über diese hinaus
und verweist stets darauf, dass der germanische Norden die christliche Religion in
152 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

einem geistigen, transzendenten Sinne verstanden habe. Aber er spricht auch Rom
›Größe‹ zu, das als politisch organisierte Herrschaft den labilen Charakter der Men-
schen erkannt und sich entsprechend verhalten habe. Gleichwohl steht am Ende
dieses Kapitels eine Art Aufruf zur Bildung eines »germanischen Christentums«, das
sich nicht als Weltreligion, sondern als national-rassisch begrenzte Religion verste-
hen und auf alle Äußerlichkeiten so weit wie möglich verzichten solle, um aus
dieser »Beschränkung« zum »Vollbesitz unserer idealisierenden Kraft« zu gelangen.
Das verweist bereits hier auf die Vorstellung eines »arischen Christentums«, die im
Zusammenhang mit Chamberlains Theologie erörtert werden wird.

Die Befestigung des Staates


Das folgende mit Staat überschriebene Kapitel widmet sich den Prinzipien, die
Chamberlains Ansicht zufolge über die Jahrhunderte den Kampf zwischen Kirche
und Staat dominierten: Universalismus und Antiindividualismus gegen Nationalis-
mus und persönliche Freiheit. In einem der kürzesten Abschnitte der Grundlagen
sucht er diesen Antagonismus prägnant herauszuarbeiten, sucht er zu belegen, die
katholische Kirche als Erbin des römischen Staatsgedankens habe stets, bis in das
19. Jahrhundert hinein, die Idee der Universalgewalt vertreten. Diese habe sich aus
dem universalistischen Anspruch der christlichen Religion ergeben. Den Kampf
zwischen Kaiser und Papst interpretiert er als einen »Streit innerhalb der Kirche«142,
weil auch die Kaiser sich als christliche Herrscher dem Universalitätsgedanken ver-
pflichtet gefühlt hätten. So sei der Streit ein Kompetenzstreit innerhalb der einen
Kirche gewesen, wie etwa die Auseinandersetzungen zwischen Papst und weltli-
chen Fürsten über das Recht, Bischöfe einzusetzen, bewiesen. Während die Kaiser
der ersten christlichen Jahrhunderte noch unbeschränkte Herrscher auch über die
Kirche gewesen seien, habe sich dies später geändert, da das erstarkende Papsttum
diesen Anspruch uneingeschränkter Herrschaft für sich reklamierte. In beiden Fäl-
len aber seien die beiden Schwerter, das geistliche wie das weltliche, zugunsten des
christlichen Universalismus eingesetzt worden, wie die Bulle Unam Sanctam von
1302 belege.143 Für Chamberlain ist diese Bulle die Formulierung eines ewigen,

142 HSC, Grundlagen, S. 780.


143 Unam Sanctam, die berühmteste päpstliche Bulle des Mittelalters, erlassen am 18. November 1302
von Papst Bonifatius VIII., war die Reaktion auf einen Streit zwischen dem Papst und dem fran-
zösischen König Philipp IV. von Frankreich. Es ging um das Recht, die französischen Kleriker
zu besteuern, und Rom reklamierte dieses Recht für sich. Die Bulle forderte die Unterstellung
des weltlichen Schwertes unter das geistliche, d. h. das geistliche Schwert liege in der Hand der
Kirche, das weltliche werde für die Kirche geführt. Geistliche wie weltliche Rechtsprechung
seien nur Gotte verpflichtet: »So erklären wir denn, dass alle menschliche Kreatur bei Verlust
ihrer Seelen Seligkeit untertan sein muß dem Papst in Rom, und sagen es ihr.« Der französische
König wies diesen universalen Herrschaftsanspruch zurück und erklärte den Papst zum Häretiker
und Hexenmeister, schickte Soldaten nach Rom, die den Vatikan plünderten und den Papst
gefangen nahmen.
Die Befestigung des Staates 153

unaufgebbaren Anspruchs der katholischen Kirche auf unbeschränkte Gewalt in


weltlichen und geistlichen Angelegenheiten, wie es im entscheidenden Satz dieses
kirchlichen Dokumentes heißt: »Beide Schwerter sind also in der Gewalt der Kir-
che, das geistliche und das weltliche; dieses muss für die Kirche, jenes von der Kir-
che gehandhabt werden; das eine von der Priesterschaft, das andere von den Köni-
gen und Kriegern, aber nach dem Willen des Priesters und so lange er es duldet. Es muss
aber ein Schwert über dem anderen, die weltliche Autorität der geistlichen unter-
worfen sein. […] Die göttliche Wahrheit bezeugt, dass die geistliche Gewalt die
weltliche einzusetzen und über sie zu urteilen hat, wenn sie nicht gut ist«144.
Diesen Anspruch auf unumgrenzte Autorität und Herrschaft habe, so Cham-
berlain, die katholische Kirche nie aufgegeben. Das belege der 1864 von Papst
Pius IX. erlassene Syllabus Errorum (Liste moderner Irrtümer), der – als Dokument
des katholischen Antimodernismus – wichtige Überzeugungen, die aus der Aufklä-
rung stammen, verwirft. So etwa die These, dem Menschen stehe es frei, sich seine
Religion zu wählen, woraus im Gegensatz gefolgert werden müsse, nur die katho-
lische Religion könne Staatsreligion sein; so etwa die These, der Staat besitze die
Quelle und den Ursprung aller Rechte, woraus im Gegensatz gefolgert werden
müsse, Recht sei göttlichen Ursprungs und allein die Kirche dürfe dies interpretie-
ren; so etwa die These, der Mensch habe freie Gewissensentscheidungen, woraus
im Gegensatz gefolgert werden müsse, diese seien strikt an die kirchliche Lehrmei-
nung gebunden.
Gegen diesen kirchlichen Universalismus und Antiindividualismus habe sich
immer schon eine Gegenbewegung zugunsten des Nationalismus und der indivi-
duellen Freiheit geregt, so schon bei Karl dem Großen, für den diese Motive in
Teilen handlungsbestimmend gewesen seien, so bei den erstarkenden Fürsten und
dem Bürgertum, bei denen die Besinnung auf die sich herausbildenden Nationen
und die persönlichen Freiheiten im Laufe der Geschichte zugenommen hätten –
ein spezifisch germanisches Erbe. Der römische Universalismus, der äußerlich (im
politischen Sinne) unbegrenzt, innerlich strikt begrenzt gewesen sei, d. h. nach außen
das Opfer der Persönlichkeit, nach innen das der Freiheit verlangt habe, sei stetig
mehr – ab dem 13. Jahrhundert durch die erstarkenden germanischen Kräfte – mit
dem Gegenprinzip der äußerlichen Begrenzung (Herausbildung der Nationen)
und innerlichen Unbegrenztheit (Freiheit der Person, ihres Denkens und Han-
delns) konfrontiert worden, ein Widerstreit zwischen zwei Grundsätzen: »begren-
zen wir uns äußerlich – in Bezug auf Rasse, Vaterland, Persönlichkeit – so scharf, so
resolut wie möglich, so wird uns, wie den Hellenen und den brahmanischen In-
dern, das innerliche Reich des Grenzenlosen aufgehen; streben wir dagegen äußer-
lich nach Unbegrenztem, nach irgend einem Absoluten, Ewigen, so müssen wir auf
der Grundlage eines engbegrenzten Innern bauen, sonst ist jeder Erfolg ausge-
schlossen.« Diesen Gegensatz sucht Chamberlain an verschiedenen Beispielen zu

144 Das Zitat aus Unam Sanctam in: HSC, Grundlagen, S. 785; die folgenden Zitate auf den Seiten 797;
810; 811; 818, Anm. 1; 825; 825; 866; 831; 837; 839; 859.; 861.
154 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

illustrieren, so am Denken von Augustinus, Thomas von Aquin oder auch Hegel
(»einem protestantischen Thomas von Aquin«), an den weltlichen Ansprüchen der
Kirche und des Papstes als Oberhaupt auch eines weltlichen Staates, und er sieht
diesen Gegensatz bis in das 19. Jahrhundert fortwirken: Jesuiten, Sozialisten und
Kapitalisten verträten auf je eigene Art Formen des Universalismus, die im Wider-
streit stünden zu Nationalismus und Individualismus (der Staaten wie der Men-
schen). Aus dem Universalismus der Kirche, aus ihrem totalitären Anspruch auf
geistige und weltliche Macht, resultierten Unduldsamkeit, ja Intoleranz und umge-
kehrt ein autoritärer und diktatorialer Herrschaftsanspruch, der sein Modell in
Augustinus’ civitas dei finde. Dagegen seien germanische Fürsten aufgestanden,
ebenso Luther (als Vertreter germanischen Denkens) und Kant (als ein »Luther der
Philosophie«), nicht zuletzt die erstarkenden Nationalstaaten der eigenen Zeit.
Jenseits dieser scharfen dualisierenden Entgegensetzung zwischen den beiden
Polen geistlicher und weltlicher Macht verweist Chamberlain doch auch auf Posi-
tiva der katholischen Kirche: »In dem Gedanken an Katholizität, Kontinuität, Un-
fehlbarkeit, göttliche Einsetzung, allumfassende, fortdauernde Offenbarung, Got-
tes Reich auf Erden, Gottes Vertreter als obersten Richter, jede irdische Laufbahn
die Erfüllung eines kirchlichen Amtes« liege so viel Gutes und Schönes, »dass der
aufrichtige Glaube daran Kraft verleihen muss«. In diesem Glaube aber liege jenes
Unbegrenzte, gegen welches das germanische »Nicht-Wollen« gesetzt werden
müsse – ein indirekter Verweis auf Wagner, der geschrieben hatte, »wir dürfen nur
wissen, was nicht wollen, so erreichen wir aus unwillkürlicher Naturnotwendig-
keit ganz sicher das, was wir wollen«.145

Die Entstehung einer neuen Welt


Mit dem eben referierten achten Kapitel ist der erste Teil der Grundlagen beendet.
Chamberlain hat in diesen 820 Seiten umfassenden Darstellungen die aus seiner
Sicht zentralen Voraussetzungen für eine neue Welt bestimmt, die auch noch in
den Deutungen, dem Selbstverständnis und den Konflikten des 19. Jahrhunderts
nachhallen. Entscheidend aber hätten sie die Entstehung einer neuen Welt geprägt,
die ab dem 13. Jahrhundert durch die nun die europäische Geschichte bestimmen-
den Germanen entstehe und bis in die Gegenwart spürbar sei. Das neunte und
letzte Kapitel der Grundlagen umfasst 372 Seiten, untergliedert in einen ersten Teil
Die Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur und einen zweiten Teil Geschichtlicher
Überblick, in dem in eigenen Abschnitten die großen Entdeckungen, die Entwick-
lung der Naturwissenschaften, die Entstehung der Industrie, Gesichtspunkte der
Wirtschaft, Politik und Kirche, Weltanschauung und Religion und schließlich
Kunst behandelt werden. Aus der Ablehnung des oben skizzierten Universalismus
und der Herausbildung von Nationen in Europa habe eine Welt entstehen kön-

145 Richard Wagner, Das Künstlertum der Zukunft; in: GSD, Bd. 12, S. 256.
Die Entstehung einer neuen Welt 155

nen, die den »Bedürfnissen, den Anliegen einer neuen Menschenart angepasst«
worden sei und zu einer neuen Kultur und Zivilisation geführt habe: »Germani-
sches Blut, und zwar germanisches Blut allein (in meiner weiten Auffassung einer
nordeuropäischen slavokeltogermanischen Rasse) war hier die treibende Kraft und
das gestaltende Vermögen. Es ist unmöglich, den Werdegang unserer nordeuropä-
ischen Kultur richtig zu beurteilen, wenn man sich hartnäckig der Einsicht ver-
schliesst, dass sie auf der physischen und moralischen Grundlage einer bestimmten
Menschenart beruht.«
Absicht dieses zweiten Teils ist es, die Entwicklung der germanischen Kultur
Nordeuropas als eines »lebendigen, individuellen Organismus« darzustellen, »bei
dem alle Lebenserscheinungen – Politik, Religion, Wirtschaft, Industrie, Kunst
usw. – organisch miteinander verknüpft sind«. Einleitend sucht Chamberlain die
Voraussetzungen seiner Darstellung zu klären. Das beginnt mit der These, Italien,
vor allem Nord-Italien gehöre dem germanischen Kulturkreis an, weil Kelten,
Langobarden, Goten, Franken und Normannen als germanische Stämme dieses
Land geprägt, in Nord-Italien deutsche Grafen regiert hätten und die Neigung zur
Bildung von Stadtstaaten eine urgermanische sei. Florenz führt er als ein Beispiel
für antirömischen Individualismus an, die Renaissance sei nicht die Wiedergeburt
der Hellenen und Roms gewesen, sondern die Geburt eines neuen Menschen. Die
spätere Katastrophe Italiens habe im »Schiffbruch des italienischen Germanentums«
bestanden, d. h. im Verlust der »Kraft der Rasse«. Herausragende Künstler wie
Michelangelo, Tasso, Giordano Bruno, Campanella, Leonardo da Vinci sind nach
dieser Lesart Germanen, die dort, wo sie (zumeist durch die Kirche) eines gewalt-
samen Todes starben, dem römischen und antigermanischen Verfolgungswahn
zum Opfer gefallen seien.
Eine zweite ausführliche Überlegung gilt der germanischen Rasse. Mehrfach
wiederholt Chamberlain, dass er unter Germanen die Kelten, die Slawen und die
Germanen verstehe, wobei die heutigen Slawen seiner Meinung nach durch Ver-
mischungen inzwischen von ihrer germanischen Physis und Moral erheblich ein-
gebüßt hätten. Er betont die Vielgestaltigkeit der Rasse und den ausgeprägten In-
dividualismus der germanischen Völker und Stämme, der durch häufige
Kreuzungen untereinander zustande gekommen sei, und der im Widerspruch zum
abstrakten Begriff der Menschheit stehe. Denn diese ›Menschheit‹ existiere nicht,
sie sei ein rein gedankliches, nicht-empirisches Konstrukt, ein bloß spekulativer
Begriff: »Die Natur und die Geschichte bieten uns eine grosse Anzahl verschiede-
ner Menschen, nicht aber eine Menschheit.« Dagegen sei die Rasse konkret, sinn-
lich, anschaulich, sei verkörpert in »individuell begrenzten, national unterschiede-
nen Menschen«, und daher sei es historisch geboten, an dieser unbestreitbaren
konkreten Tatsache anzuschließen. Erneut verwirft Chamberlain in diesem Zu-
sammenhang den »hypothetischen Arier« als eine Spekulation und kritisiert scharf
Gobineaus Rassentheorie, weil sie auf nicht-empirischer Basis als Geschichtskon-
struktion entstanden sei. Für ihn sind die alten Indoeuropäer Arier, die ursprünglich
Inder, Eranier, Hellenen, Römer, Germanen umfassen – Völker, die, wie ihre
156 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

untereinander vermischten Nachkommen die europäische Kultur geschaffen hät-


ten, durchaus auch durch Übernahme fremder Erfindungen, wie etwa des Papiers,
die aber sogleich produktiv anverwandelt worden seien, wie im Buchdruck.
Eine scharfe Unterscheidung macht Chamberlain zwischen Germanen und
Deutschen. Die Deutschen sind für ihn nur eine spezifische Ausformung der Ger-
manen, die sich ihrerseits durch »Wesensgleichheit«, durch »verschiedenartige In-
dividualität«, durch eine »unvergleichliche Plastizität« auszeichnen und mithilfe
solcher Eigenschaften die nordeuropäische Kultur geschaffen hätten. Südeuropa sei
davon abzugrenzen, ebenso der Osten. Für Chamberlain sind New York und Mel-
bourne »europäischer« als Rom und Athen zu seiner Zeit.
Ein letzter Gesichtspunkt in diesem Zusammenhang gilt der Erörterung von
Fortschritt und Entartung, Begriffe, die Chamberlain als geschichtsuntauglich ver-
wirft. Mit Kant meint er, Fortschritt sei eine Hypothese, aufgrund derer wir han-
deln, mehr nicht. Denn jedes Individuum so gut wie die Rassen und Völker hätten
beides in sich, Fortschritt wie Verfall, und zwar als Anpassung oder eben Nichtan-
passung an sich ständig neu entwickelnde Verhältnisse. Mit dieser Begründung
wird auch Darwins Fortschrittsbegriff in einem längeren Abschnitt scharf zurück-
gewiesen, weil es sich bei der Entwicklung der Arten um Anpassung an veränderte
Lebensverhältnisse handele, nicht um die Durchsetzung des Stärksten. Dem
»Wahngebilde einer fortschreitenden und rückschreitenden Menschheit« setzt
Chamberlain seine These entgegen, jede Kultur sei einmalig und habe ihren indi-
viduellen Charakter – eine These, die Oswald Spengler später zu einer weitrei-
chenden Theorie der Geschichte ausbauen wird.146 Dem germanischen Norden
gibt Chamberlain das Ziel vor, das Mögliche zu erreichen, sich gegen das Unger-
manische zu verteidigen und »nicht nur unser Reich immer weiter über die Ober-
fläche und über die Kräfte der Natur auszudehnen zu suchen, sondern namentlich
die innere Welt uns unbedingt zu unterwerfen, indem wir Diejenigen, die nicht
zu uns gehören und die sich doch Gewalt über unser Denken erobern wollen,
schonungslos zu Boden werfen und ausschliessen« – eine normative Setzung, die
seine sonst stets beteuerte Beschränkung auf die Darstellung dessen, was ist, durch-
bricht und trotz der verklausulierten Formulierung deutlich gegen die Juden ge-
richtet ist. Obgleich er die angeborenen Menschenrechte, den ewigen Frieden und
die allseitige Brüderlichkeit als abstrakte Ideen ablehnt, bezeichnet er kurz danach
die Declaration of Independence der USA von 1776 und die Déclaration des Droits de
l’Homme et des Citoyen aus der Französischen Revolution von 1789 als Dokumente,
die in der »Entwicklung und der Blüte des Germanentums […] am meisten Be-
wunderung« verdienen – eine jener vielen Inkonsequenzen, die sich bei ihm fin-
den.

146 Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, Bd. I,
Wien/Leipzig 1918; Bd. II, München 1922.
Geschichtlicher Überblick 157

Geschichtlicher Überblick
Immer wieder schiebt Chamberlain in den Gang seiner Abhandlung methodische
Überlegungen ein, um dem Leser deutlich zu machen, von welchen Prämissen er
ausgeht. So gibt es zu Beginn dieses Abschnittes den Hinweis, man müsse zuerst
das Ganze sehen, um dann die elementaren Bestandteile erkennen und einander
zuordnen zu können. Danach folgt eine Gliederung der restlichen Teile des Bu-
ches, die zum einen durch seine Art, sich Gesellschaften aus der Totalen zu nähern,
bestimmt ist; zum anderen die nachfolgenden Kapitel skizzenhaft vorwegnimmt.
Das beginnt mit »Entdeckungen« und »Wissenschaft«, die unter »Wissen« zusam-
mengefasst werden; es wird fortgeführt mit »Industrie«, »Wirtschaft«, »Politik« und
»Kirche«, welche die Ebene der Zivilisation einer Gesellschaft ausmachen. »Welt-
anschauung« (einschließlich Religion und Sittenlehre) und »Kunst« sind die Säulen
der Kultur. Und »Wissen«, »Zivilisation« und »Kultur« fassen schließlich die »ver-
schiedenen Erscheinungen unseres Lebens« zusammen und müssen als Grundlagen
einer hochentwickelten Nation gelten. Es ist ein sehr klares und leicht fassliches
Gliederungsschema, das Chamberlain hier entwirft:

Abb. 20: Schema der Analyse hochentwickelter nationaler Gesellschaften,


Chamberlain, Grundlagen, S. 870

Chamberlain erläutert diese einzelnen Bereiche kurz: als »Entdeckung« gilt die
»Bereicherung des Wissens durch konkrete Tatsachen«147, während »Wissenschaft«
die »methodische Verarbeitung des Entdeckten zu einem bewussten systemati-
schen Wissen« meint. »Industrie« ist abhängig von Wissen und Wissenschaft und
entsteht durch die Kombination bekannter Tatsachen auf der Grundlage einer
Idee; Industrie ist die Basis aller Zivilisation. Unter »Wirtschaft« versteht er »die
gesamte ökonomische Lage eines Volkes«, und sie gibt den »materiellen Mittel-

147 HSC, Grundlagen, S. 870; die weiteren Begriffe auf den folgenden Seiten und die folgenden Zitate
auf den Seiten 875; 887.
158 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

punkt« aller Zivilisation ab. Zur »Zivilisation« gehören »Politik und Kirche«, wo-
bei alle »Politik«, die stets nur Reaktion auf etwas ist, auf den wirtschaftlichen
Verhältnissen ruht. Ein Staat blüht daher nicht wegen, sondern trotz seiner Politik
– eine These, die an Wagners Grundüberzeugung erinnert, alle Politik seit den
Griechen habe in Europa nur Katastrophen produziert und hinterlassen. Politik,
heißt es in einer Definition, »bezeichnet nicht allein das Verhältnis einer Nation zu
den anderen, auch nicht allein den Widerstreit im Innern des Staates zwischen den
Einfluss suchenden Kreisen und Personen, sondern die gesamte sichtbare und so zu
sagen künstliche Organisation des gesellschaftlichen Körpers.« Dass Chamberlain
die »Kirche« mit der Politik in einem Atemzug nennt, begründet sich in seiner
These, die Kirche sei primär politischer Machtappart, sei »das Beispiel raffinierter
Willkür«, bediene sich also politischer Strategien. »Weltanschauung« anstelle von
Philosophie Anschauung vom Menschen und seiner Umwelt »weist uns gebiete-
risch auf unsere Menschennatur und ihre Grenzen hin«, sie legt den Akzent auf die
Fähigkeit des Erkennens, weniger auf das abstrakte Denken, das der »Philosophie«
zugehört. Und in der »Kultur« kommen am Ende die menschlichen Fähigkeiten
zur höchsten Entfaltung: »ohne Kultur, d. h. ohne jene Anlage des Geistes zu all-
verbindender, allbeleuchtender Weltanschauung [gibt es] kein eigentliches Wis-
sen; […] ohne tiefes Denken [entsteht] keine Möglichkeit umfassender Wissen-
schaft; ein ausschließlich praktisches, auf Tatsachen und auf Industrie gerichtetes
Wissen entbehrt jeglicher Bedeutung.«
Der Begründung und Erläuterung dieses Schemas folgt ein mehrere Seiten
umfassender, insgesamt aber eher allgemeiner Überblick über die Fähigkeit ein-
zelner Völker zu bestimmten Bereichen. Das beginnt bei den Juden, deren Re-
ligion die Entwicklung von Wissen und Kultur, Entdeckungen und Wissen-
schaft, Kunst und Philosophie weitgehend verhindere, führt über die Indoarier
zu den Chinesen, deren Denken als ›statisch‹ charakterisiert wird und die infol-
gedessen keine dynamische Kultur mit Fortschritt entwickelt hätten148. Am Ende
landet er wieder einmal bei den Germanen, deren Politik als roh und unausge-
bildet charakterisiert wird, die besser wirtschaften könnten und ihre Stärke in der
Zivilisation und Kultur entfalteten, denen allerdings eine arteigene Religion ge-
fehlt habe, ihre »Achillesverse«149, weil der entschiedene Griff nach einem
schmucklosen Christentum wie dem Arianismus – als die für die Germanen art-
eigene Religionsvariante – schließlich erfolglos geblieben sei. Neben Indoariern
und Hellenen sind die Germanen mit ihrem angeborenen metaphysisch-religiö-
sem Bedürfnis das eigentlich religiöse Volk. Nie habe die Geschichte, so betont
Chamberlain, eine »so tief innerlich religiöse Menschenart« gesehen, und darin
erblickt er die eigentliche Berufung der Germanen: »Wollte man die wahren

148 Es ist interessant, dass Chamberlain zwischen Chinesen und Deutschen verwandte Charakterzüge
zu sehen glaubt: so in der Sammelwut und Materialanhäufung, über die das Geistige vergessen
gehe; ebenda, S. 892, Anm. 2.
149 Ebenda, S. 893; die folgenden Zitate auf den Seiten 894; 896; 901 f.; 922; 923; 923; 925; 936; 945;
972; 977.
Entdeckungen 159

Heiligen, die großen Prediger, die barmherzigen Helfer, die Mystiker unserer
Rasse aufzählen, wollte man sagen, wie Viele Qual und Tod um ihres Glaubens
willen erlitten haben, wollte man nachforschen, eine wie grosse Rolle religiöse
Überzeugungen in allen bedeutenden Männern unserer Geschichte gespielt ha-
ben, man käme nie zu Ende.« Das ist eine so nachdrückliche Betonung der Be-
deutung der christlichen Religion für die Kultur und die Hochentwicklung ei-
ner Nation, die unbeschadet ihrer historischen Richtigkeit in völligem Gegensatz
zum späteren Nationalsozialismus steht.

Entdeckungen
Der Abschnitt über die Entdeckungen der Neuzeit ist eine tour d’horizont, die zum
einen die treibenden Kräfte für die explosionsartige Entwicklung der Wissenschaf-
ten zu erklären sucht, zum anderen aber auch den plötzlichen Drang zu den inter-
kontinentalen Aufbrüchen, um den Seeweg nach Indien zu finden, dabei die Erde
zu umrunden und auf Amerika als neuen Kontinent zu stoßen. Da die Menge des
Wissens unerschöpflich sei, so die Ausgangsthese, provoziere dies den Wissens-
trieb, der einerseits zur Entdeckung dessen führe, was außerhalb unserer selbst
liegt, zum anderen zur »Verarbeitung dieser Wahrnehmungen zu einem inneren
Besitz.« Über Jahrhunderte sei die Suche nach Gold eine treibende Kraft zur Wis-
senserweiterung und zur Unterwerfung der Welt gewesen, aber zugleich hätten
die Germanen ihre Gier in kulturelle Leistungen transferiert: »Wir schaudern,
wenn wir die Geschichte der Vernichtung der Indianer in Nordamerika lesen;
überall auf Seiten der Europäer Ungerechtigkeit, Verrat, wilde Grausamkeit; und
doch, wie entscheidend war gerade dieses Zerstörungswerk für die Entwicklung
einer edlen, echt germanischen Nation auf diesem Boden!« So verkehre der lei-
denschaftliche Trieb nach Wissen die Zerstörungen am Ende ins Positive. Denn
die Kenntnisse über die bedrängten Zivilisationen gingen als Reichtum in die ei-
gene Kultur ein, wie die Entschlüsselung fremder Schriften, Gebräuche und Reli-
gionen zeige, die, verursacht durch die Entdeckungen, schließlich die eigene Kul-
tur bereichere. Diese Prozesse seien das Ergebnis einer genauen Beobachtung,
ohne die kein Wissen gewonnen werden könne. Auch die größten Entdeckungen
in allen Bereichen des Wissens verdankten sich einer genauen Beobachtung ihrer
Gegenstände. Deshalb plädiert Chamberlain mit größtem Nachdruck dafür, dass
Beobachten als Methode des Erwerbs von Wissen in der Schule gelehrt werden
müsse. Wissen selbst veralte, nicht aber die Methode des Wissensgewinns durch
Beobachtung; sie sei die Grundlage allen Fortschritts – ein Plädoyer ganz im Sinne
einer heute vorherrschenden Pädagogik. Chamberlain illustriert seine Grundüber-
zeugung an Beispielen großer Entdecker, die keine Wissenschaftler waren, son-
dern genau beobachtende Laien, denen aber gerade durch ihre Beobachtungen
bahnbrechende Erkenntnisse gelangen, von Kolumbus und Magellan über Bruno
bis Descartes und Montaigne.
160 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Eine zweite These besagt, dass nicht Unwissenheit, sondern Allwissenheit den
Erkenntnisfortschritt behindere. Wer glaube, bereits alles zu wissen, wie etwa jene
Gläubigen, die in ihren heiligen Schriften eine aus ihrer Sicht vollständige Welter-
klärung finden (Juden, Muslime, Fundamental-Christen), entbehre jeglichen
Drangs nach neuem Wissen. Hinzu komme, dass die Lebensumwelt dem Entde-
ckungswillen günstig sein müsse. Sei dies alles gegeben: besondere Anlage; trei-
bende Kräfte; günstige Umgebung, dann könne die Erkenntnis jenes Material her-
beischaffen, dessen sich dann die Wissenschaft ordnend annehme.
Dieses Strukturmodell habe, glaubt Chamberlain, den Entwicklungen des
15./16. Jahrhunderts zugrunde gelegen: die großen Entdeckungen neuer Länder
und der Beweis, dass die Erde, gegen alle Lehren der Kirche, rund war, setzten auf
den verschiedensten Wissensbereichen Einsichten und wissenschaftliche Erkennt-
nisse in Gang, die zum Aufbau einer ganz neuen Weltanschauung führten, einer
Weltanschauung, »die den Bedürfnissen des germanischen Gesichtskreises und der
germanischen Geistesrichtung entsprach«. Alles sei davon berührt worden, Indus-
trie und Handel, Landbau und die Einführung neuer Pflanzen, Medizin und Na-
turwissenschaften, nicht zuletzt die wirtschaftliche und politische Neuordnung
Europas. Es sei der Sieg der »mechanistischen Deutung der Natur« und zugleich die
Durchsetzung dieses Prinzips des Mechanismus als eines die Wissenschaft, das Le-
ben, ja sogar die Religion bestimmenden gewesen. Mechanistisch meint hier eine
vorurteilsfreie Beobachtung der Natur und ihrer »fruchtbaren Wechselwirkung«,
ein methodisches Prinzip des Erkennens, zugleich auch die Basis für eine Weltan-
schauung, in der es dann keinen Platz mehr für Materialismus oder Übersinnliches
gibt: »Wer die mit den Sinnen wahrgenommene empirische Natur mechanisch
deutet, hat eine ideale Religion oder gar keine; alles andere ist bewusste oder un-
bewusste Selbsttäuschung.«

Wissenschaft
In knapper Skizze umreißt Chamberlain seinen Begriff der Wissenschaft, der, wie
könnte es anders sein, durch seine eigenen Erfahrungen als Biologe und Pflanzen-
physiologe entscheidend geprägt ist. Auch hier ist für ihn wiederum die Methode
der Unterscheidung, des Zerlegens zum Zweck des erneuten Zusammenfügens
mit dem Ziel der Theoriebildung entscheidend. Wissenschaft gestalte die Welt, sie
müsse grundsätzlich offen sein, d. h. davon ausgehen, dass alle Ergebnisse nur vor-
läufig Bestand hätten. Dieser Wissenschaftsbegriff, der in dieser Allgemeinheit
auch heute noch zutrifft, ist für Chamberlain ein speziell germanischer, weil er
keineswegs überall in der Welt gelte: »Die Erfahrung – d. h. genaue, minutiöse,
unermüdliche Beobachtung – gibt das breite, felsenfeste Fundament germanischer
Wissenschaft ab, gleichviel ob sie Philologie oder Chemie oder was sonst betreffe:
die Befähigung zur Beobachtung, sowie die Leidenschaftlichkeit, Aufopferung
und Ehrlichkeit, mit der sie betrieben wird, sind ein wesentliches Kennzeichen
Industrie 161

unserer Rasse. Die Beobachtung ist das Gewissen germanischer Wissenschaft.« Be-
legen sollen das Namen wie Bacon, da Vinci, Voltaire, Rousseau, Hume, Goethe
und Schiller, die alle große Opfer gebracht, d. h. auch Teile ihres Vermögens ge-
opfert hätten, um durch genaue Natur- und Menschenbeobachtung oder auch
Experimente zu ihren Erkenntnissen zu kommen. Weshalb Chamberlain auch das
Experiment die »unvergleichliche Waffe der germanischen Wissenschaft« nennt.
Bedeutsam in diesem Zusammenhang ist sein Hinweis, Wissenschaft bedürfe
ebenso der Phantasie wie die Kunst. Je exakter die Wissenschaft sei – Beispiele sind
Atome und Moleküle –, umso mehr setze sie zu ihrer Arbeit die Phantasie des
Forschers voraus. Man könne die Geschichte der Wissenschaft als die Geschichte
einer Reihe großartiger Einfälle schreiben, Einfälle, die sich der Phantasie ver-
dankten und ihrerseits wiederum die genaue Beobachtung der Natur zum Ziel
hätten. Als Illustration dieser These dient ihm die eigene Dissertation Recherches sur
la sève ascendante, deren Thesen aus einer jahrelangen Beobachtung eigener Pflan-
zenexperimente gewonnen wurden. Noch zwei weitere wichtige Differenzierun-
gen gibt es in diesem Kapitel: zum einen die zwischen Idee und Theorie, zum
anderen die zwischen einer Wissenschaft vom Menschen und einer Wissenschaft
von der Natur, zwischen belebter und unbelebter Natur.

Industrie
Dieses Kapitel, eines der kürzesten der Grundlagen überhaupt, eröffnet den Ab-
schnitt über die Zivilisation. Während Wissen und Kultur über Jahrhunderte wir-
ken – und daher auch die antike Kultur noch für das 19. Jahrhundert mitbestim-
mend ist –, eignet der Industrie nach Einschätzung Chamberlains ein kurzlebiger,
wandelbarer und vergänglicher Charakter. So wie die Politik durch kaum vorher-
sehbare Zufälle ihren Lauf nehme, wie sie durch ewiges Anpassen, ewiges Ausklü-
geln von Kompromissen zwischen dem Notwendigen und Zufälligen schwer vor-
hersehbar sei, so sei auch die Entwicklung der Industrie schwer in eine systematische
Entwicklungsabfolge zu bringen: denn jede neue Erfindung lasse eine alte in Be-
deutungslosigkeit versinken. Die Industrie sei keine eigenständige Erscheinung,
sondern abgeleitet aus dem sich entwickelnden Wissen und den gesellschaftlichen
Bedürfnissen. Daher gebe es keine organischen Entwicklungsetappen industrieller
Entwicklung, weil jede Erfindung gleichsam neu sei.
Am Beispiel des Papiers sucht er zu zeigen, wie eine Erfindung gesellschafts-
und kulturprägend wirken kann. Seiner Überzeugung nach haben die Chinesen
einen papierähnlichen Papyrus erfunden, auf dem sie schreiben und zeichnen
konnten. Chinesische Gefangene brachten die Kenntnis der Herstellung dann zu
den Iraniern – also zu Indoeuropäern –, welche die Papierherstellung verfeinerten.
Angeregt durch die Chinesen habe dieses indoeuropäische Volk dann das Papier
erfunden. Danach seien die Herstellungskenntnisse zu den Arabern und mit diesen
nach Spanien gekommen, wo allerdings das Papier einzig zum Ausstellen von
162 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Schuldscheinen und für »etliche hundert öde, langweilige, geisttötende Bücher«


genutzt wurde. Im Verlaufe der Kreuzzüge hätten dann Germanen die Kenntnisse
der Papierherstellung erworben und danach sei die Buch- und Wissensverbreitung
explodiert. Papiermühlen seien entstanden und mit ihnen das Material zur Ver-
breitung zahlloser Druckschriften. Am Ende fasst Chamberlain seine These so zu-
sammen: »Der Germane hat das Papier nicht erfunden; was aber bei Semiten und
Juden ein belangloser Wisch gewesen war, wurde, dank seinen unvergleichlichen
und durchaus individuellen eigenartigen Gaben, das Panier einer neuen Welt.
[…] Wer die Geschichte des Papiers kennt und da noch von der Gleichartigkeit
der Menschenrassen schwärmt, dem ist nicht zu helfen.«

Wirtschaft
Ebenso knapp wie der vorherige Abschnitt ist der über die Wirtschaft – der Leser
spürt deutlich, dass sich Chamberlain diesem Thema in seiner ganzen Kompli-
ziertheit nicht gewachsen fühlte. Der vermeintlichen Nichtsystematisierbarkeit
dieses Bereichs sucht er durch »Reduktion von Komplexität«150 zu begegnen, in-
dem er zwei grundlegende Axiome für alles Wirtschaften ausmachen zu können
glaubt: die Autonomie persönlichen Handelns einerseits, die Notwendigkeit, die-
ses individuelle Handeln allgemeinen Bedingungen anpassen zu müssen. Beides
erscheint ihm konstitutiv für das Wirtschaftsdenken und Wirtschaftsverhalten der
Germanen, aus beiden ergeben sich für ihn die Prinzipien des Monopols und der
Kooperation. Im Monopol finde der germanische Unternehmergeist seinen orga-
nisatorischen Ausdruck, in der Kooperation dränge der Wille zum gemeinsamen
Wirken. Innungen etwa vereinigten beides: sie stellten dem individuellen Schaf-
fensdrang eine Plattform zur Verfügung, sie bündelten aber auch durch ihre Re-
geln diese Produktionslust an ein definiertes Allgemeinwohl. Gleichwohl gebe es
Unternehmer, die sich an gesetzte Grenzen nicht hielten und ungeheuren Reich-
tum erwerben würden, wie das Beispiel der Fugger zeigt. Für Chamberlain ist
dies Missbrauch der durch Kooperation bereitgestellten Möglichkeiten, ist es kri-
minelles Verhalten, das sowohl den Arbeitern ihren gerechten Lohn vorenthält
wie den Verbrauchern überzogene Preise abverlangt. Aber zugleich setze solch
kriminelles Verhalten eine ökonomische Entwicklung in Gang, die ihrerseits Vor-
aussetzungen für die Entstehung von Freiheit und Nationen – gegen die »Rotte
gewohnheitsmäßiger Verbrecher«151, die Fürsten – vorbereite. Aus dem überbor-
denden Ehrgeiz Einzelner, der viele schädige, entstünden so langfristig die neuen
Entwicklungen.

150 Der Begriff stammt von Niklas Luhmann, der ihn in verschiedenen Arbeiten nimmer wieder
gebraucht; vgl. z. B. Niklas Luhmann, Soziologische Aufklärung Bd. 2, Wiesbaden 1975, S. 10.
151 HSC, Grundlagen, S. 985; die folgenden Zitate auf den Seiten 995, Anm. 1; 997; 1001; 1005,
Anm. 1; 1005; 1007; 1016; 1019; 1021; 1022; 1006.
Politik und Kirche 163

Für Chamberlain, dem die Wirtschaft in ihrer strukturellen Kompliziertheit


ganz offensichtlich unzugänglich war, behalten jene zwei Prinzipien des Monopols
und der Kooperation für alle Stufen der europäischen, genauer: germanischen Wirt-
schaftsentwicklung ihre fundamentale, erklärende Funktion. Sie gelten für das Ver-
hältnis von Bauer und Großgrundbesitzer ebenso wie für den modernen Syndika-
lismus und Sozialismus. Am Beispiel der Utopia des Thomas Morus, die er
erstaunlich positiv beurteilt, sucht er zu zeigen, dass dieser »die gesellschaftlichen
Probleme durchaus praktisch« angefasst habe und seine Forderungen der »rationel-
len Bewirtschaftung des Bodens, [der] Hygiene des Körpers und Wohnung, [der]
Reform des Strafsystems, [der] Verminderung der Arbeitsstunden, Bildung und ed-
len Zerstreuung« moderne sozialistische Forderungen vorweggenommen habe, die
inzwischen zu Teilen verwirklicht worden seien: »Was More von Marx und Ge-
nossen trennt, ist nicht ein Fortschritt in der Zeit, sondern der Gegensatz zwischen
Germanentum und Judentum.« Aus den Ausführungen dieses Abschnitts lässt sich
bei Chamberlain eine Vorliebe für sozialistische, also staatlich kontrollierte Wirt-
schaftsformen herauslesen, die allerdings stets mit der Freiheit des Einzelnen ver-
bunden bleiben müssen. Daher erscheint ihm die Einführung maschineller Produk-
tion als problematisch, weil mit ihr »namenloses Elend« und »die Herabdrückung
Tausender und Millionen von Menschen aus relativem Wohlstand und aus Unab-
hängigkeit zu andauernder Sklaverei und ihre Vertreibung aus gesundem Landleben
in das jämmerliche licht- und luftlose Dasein der grossen Städte« verbunden sei.

Politik und Kirche


Die auch zu diesem Themenbereich eher kurzen Bemerkungen Chamberlains sind
fokussiert auf die Rolle der Kirche in der Politik, die Darstellung der Kirche als
eines politischen Machtapparates, der mit dem staatlichen um die Deutungshoheit
ringt. Eine These, die er immer wieder in seinem Buch vorträgt und in der sich
seine tiefsitzende Abneigung gegen das päpstliche Rom und dessen ›wirkungs-
vollste Agenten‹: die Jesuiten niederschlägt. Für die Zeit von 1200 bis 1800 n. Chr.
sieht er die Reformation in vielfältigen Vorstufen als bestimmende Bewegung der
europäischen Politik, als eine politische Reaktion auf die stets erneut vorgetrage-
nen Herrschaftsansprüche der katholischen Kirche. Aus dieser Sicht wird Luther
zuallererst ein »politischer Held«, ein »prächtiger Germane«, der den Kampf gegen
Rom aufnimmt, um die Einheit der deutschen Nation zu bewirken, die er vorbe-
reitet durch seine Sprache, durch die Bildung einer nationalen Kirche und, ver-
bunden damit, die Förderung nationaler Bildung und Schulen. All dies sind
Grundpfeiler der deutschen, d. h. germanischen Unabhängigkeit von Rom. Luther
habe begriffen, dass »in der künstlichen Organisation der Gesellschaft die Kirche
das innerste Rad bildet, d. h. einen wesentlichen Teil des politischen Uhrwerks.«
Daher auch sein Bündnis mit jenen Fürsten, die wie er ihre Freiheit und politische
Unabhängigkeit verteidigen wollten und ohne deren Hilfe die Reformation nicht
164 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

gesiegt haben würde. Mehrfach betont Chamberlain den »deutsch-patriotischen


Politiker« Luther, dessen Verbindung mit den Fürsten die Reformation zur gewal-
tigsten politischen Umwälzung der neueren Geschichte, zum Angelpunkt der
Weltgeschichte gemacht habe, »eine politische Tat und zwar die entscheidende
unter allen«. Alles, was heute an Luther kritisch gesehen wird,152 schlägt bei Cham-
berlain positiv zu Buche, von seiner Theologie bis hin zu seiner Judenfeindschaft.
Dabei sei seine Theologie eher schwach gewesen, meint er zugleich und verweist
auf Adolf von Harnack, der Luthers Christologie für widersinniger als die scholas-
tische des Thomas von Aquin hielt.
Überraschendesweise interpretiert er dann die Französische Revolution eben-
falls als Reaktion auf den über Jahrhunderte dauernden Kampf des französischen
Königs und der gallikanischen Kirche für Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von
Rom. Vorlauf sind ihm hier die Hugenottenkriege, die allerdings unter einer tragi-
schen Verkehrung der Fronten litten – denn die Hugenotten kämpften gegen das
auf nationale Eigenständigkeit zielende Königtum und verbanden sich dazu mit
dem ultramontanen Spanien. Das erleichterte zum einen ihre Ausrottung durch die
Jesuiten, erzwang zum anderen ihre Auswanderung, und da sie die intelligentesten
und produktivsten Franzosen waren, wurde Frankreich auf lange Zeit geschwächt.
Folge dieser Entwicklungen sei die Französische Revolution von 1789 gewesen, als
Ausgang einer Tragödie, die zwei Jahrhunderte gewährt habe, deren ersten Teil die
Ermordung Heinrichs IV. beende, deren zweiten die Aufhebung des Ediktes von
Nantes beschließe, während der dritte mit der Bulle Unigenitus beginne und mit
einer unausweichlichen Katastrophe ende. In diesem Zusammenhang zeichnet
Chamberlain von Napoleon ein negatives Bild, weil dieser die französische Natio-
nalkirche endgültig zerschlagen und die Juden rechtlich gleichgestellt habe.
Abschließend verweist er auf die »Ausbreitung der Angelsachsen über die
Welt« als eine der »vielleicht folgenschwersten politischen Erscheinungen der neu-
eren Zeit«, ebenfalls eine Folge der Reformation. Es habe zwar in England, im
Unterschied zum Kontinent, keine schwerwiegenden dogmatischen Streitigkeiten
gegeben, aber die Unabhängigkeitserklärung Heinrichs VIII. habe die »gewaltige
Ausdehnungskraft des lange durch Rom gehemmten Volkes« und den »Aufbau
einer kräftigen, freiheitlichen Verfassung« sofort in Gang gesetzt. Englands Kampf
gegen Spanien um die Seeherrschaft, seine Kolonialpolitik in Übersee, das Besie-
gen der katholischen Stuarts sowie die Bestimmung, dass nie ein Katholik den
englischen Thron besteigen dürfe, das alles füge sich zu einer historisch logischen
Linie germanischen Freiheits- und Selbstbestimmungswillens, der sich auch im
Unabhängigkeitskampf der amerikanischen Kolonien gegen das Mutterland doku-
mentiere. Erfolge, die »nur Germanen und nur Protestanten auf die Dauer und mit
vollem glänzendem Erfolg gelingen wollten«. Darin zeige sich die »entscheidende

152 Vgl. Heinz Schilling, Martin Luther in einer Zeit des Umbruchs, München 2014; zur Judenfeind-
schaft speziell Thomas Kaufmann, Luthers ›Judenschriften‹. Ein Beitrag zur historischen Kontextuali-
sierung, Tübingen 2013 und: derselbe, Luthers Juden Stuttgart 2014.
Weltanschauung und Religion 165

Wichtigkeit« von »Rasse und Religion« als den bestimmenden Kräften für die
Gestaltung von Gesellschaft und Nation. Wobei er an anderer Stelle dieses Kapitels
bemerkt, es sei »nichts gefährlicher als Geschichte aus einem einzigen Prinzip her-
auskonstruieren zu wollen; die Natur ist unendlich verwickelt; was wir als Rasse
bezeichnen, ist innerhalb gewisser Grenzen ein plastisches Phänomen, und wie das
Physische auf das Intellektuelle, so kann auch das Intellektuelle auf das Physische
zurückwirken.«

Weltanschauung und Religion


Die weit über einhundert Druckseiten dieses Abschnittes belegen, dass Chamber-
lain hier thematisch wieder bei sich selbst ist. Weltanschauung und Religion bilden
für ihn, wie er stets betont, einen systematischen Zusammenhang, ohne dass beide
identisch sind. Weltanschauung sei das Umfassendere, sie nehme das Religiöse in
sich auf. Wo die Religion dogmatisch und unlebendig werde, kompensiere die
Weltanschauung deren Defizite. Beides aber, Weltanschauung wie Religion, seien
für die germanische Welt noch nicht hinreichend ausgebildet.
Chamberlain unterscheidet in der Behandlung der beiden Bereiche zwischen
einem »Weg der Wahrhaftigkeit« und einem »Weg der Unwahrhaftigkeit«. Die
Wahrhaftigkeit liegt für ihn in der paulinischen Theologie und der Mystik, in ei-
nem antirömischen Glauben, wie ihn Theologen wie Scotus Erigena, Duns Scotus,
Ockham, Franz von Assisi, Roger Bacon oder auch die Mystiker gesucht und in
Ansätzen gefunden haben. Die »Unwahrhaftigkeit« verbindet sich mit dem von
der römischen Kirche ausgehenden Zwang, Vernunft und Religion zu harmoni-
sieren und das Denken im Zweifelsfalle der Religion anzupassen: »Eine aus den
verschiedensten fremden Elementen zusammengeflickte, in den wesentlichsten
Punkten sich selbst widersprechende Kirchenlehre musste als ewige, göttliche
Wahrheit, eine nur aus schlechten Übersetzungen von Bruchstücken gekannte,
vielfach total missverstandene, von Hause aus rein individuelle, vorchristliche Phi-
losophie musste für unfehlbar erklärt werden: denn ohne diese ungeheuren An-
nahmen wäre das Kunststück unmöglich gewesen.«153 Auf der Ebene der Weltan-
schauung und Religion kehrt hier der immer wieder hervorgehobene Gegensatz
von freiheitsunterdrückender katholischer Kirche einerseits und germanischen
Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegungen andererseits wieder.
In diesen Gegensatz ordnet Chamberlain den »Kampf um das Wachsen und
Werden des germanischen Werkes« auf der Ebene der Religion ein. Vier Gruppen
stehen für diesen Kampf: Theologen, Mystiker, Humanisten und Naturforscher.
Sie alle tragen zur Herausbildung der germanischen Welt bei.
Die germanischen Theologen betonen, gegen Rom, die Evangelien und leben
die Religion. Besonders Franz von Assisi kommt hier eine bahnbrechende Rolle

153 HSC, Grundlagen, S. 1028. Die folgenden Zitate auf den Seiten 1024 ff.
166 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

zu, denn er verkörpert mit seinem Leben den Glauben, er macht ihn erlebbar, zeigt,
wie der Glaube ohne dogmatische Gerüste das Leben bestimmen kann und bereitet
so den Reformator Luther vor. Für Chamberlain ist dies eine »nordische Theolo-
gie«, die sich aus der Empörung »gegen die umgebende Gesellschaft, gegen eine
korrupte Geistlichkeit und gegen eine von der apostolischen Tradition abgefallene
Kirche« richtet, also eine »Befreiung« zu einer »innerlichen Religion«. Und diese
Theologie habe entscheidend die Herausbildung der germanischen Kultur bewirkt.
Von gleicher Bedeutung seien die Mystiker mit ihrer philosophia teutonica, einer
Befreiung von allem dogmatischen Zwang. Sie verstünden die Religion als »unbe-
dingte Gegenwart« (Lagarde), wie schon die arischen Inder. Auch Jesus sei ein
Mystiker gewesen, denn seine – von Chamberlain und dem Bayreuther Umfeld
immer wieder zitierte – Formel vom »Himmelreich in uns« sei eine mystische
Formel, weil sie die Religion dem Subjekt und dessen Transzendenz überant-
worte. Und zugleich ist sie der Kern seiner eigenen ›Theologie‹ wie der Kern der
Bayreuther Theologie. Da mystisches Denken in striktem Gegensatz zu jüdischem
Gesetzesglauben stehe, sind für ihn alle Mystiker geborene Antisemiten.154 In der
Mystik verschwinde auch der »eigentliche Schandfleck der christlichen Religion«,
die Vorstellung von einer Hölle, welche die einzige Triebfeder zur Einhaltung
römischer Dogmatik sei. Die Mystiker wendeten sich gegen diese Lehre, weil die
Religion im Innern wirken und nicht durch Sanktionen erzwungen werden solle.
»Religion ist nicht ein Handeln mit Rücksicht auf zukünftigen Lohn und zukünf-
tige Strafe, sondern eine gegenwärtige Tat, eine Erfassung der Ewigkeit im gegen-
wärtigen Augenblick.« Chamberlain verbindet diese Auffassung mit Kants Lehre
vom guten Willen und sieht darin eine spezifisch germanische Sittenlehre angelegt.
In diesem Kontext betont er den Zusammenhang von Religion und Natur, weil
das erkenntniseindringende Naturerlebnis zur Religion hinführe, wie es auch –
und darin besteht ebenfalls eine entscheidende Leistung der Mystiker – zu den
Naturwissenschaften führt. Zwischen beidem bestehe kein Gegensatz.
Ambivalenter beurteilt er die Leistungen der Humanisten für die Herausbil-
dung der germanischen Weltanschauung. Sie seien einerseits gegen die Mystik –
und das ist für ihn ein Problem –, andererseits aber auch gegen Rom – und damit
auf der richtigen Seite. Als Skeptiker hätten sie Vorbehalte gegen den Glauben und
seien damit Gegner aller Scholastik. Sie fühlten instinktiv, »die Skepsis werde sich
immer leichter mit einer Religion der guten Werke als mit einer des Glaubens
abfinden«. Da sie an die hellenistische Tradition anknüpften, trügen sie zu einer
neuen Sicht der Geschichte bei. Überdies bekräftigten sie Chamberlains Rassen-
theorie: denn als Philologen hätten sie »zuerst die Begriffe der grundverschiedenen
Menschenrassen aufgestellt«, gleichsam als Naturtatsachen, »die weit sicherer aus
dem Studium der geistigen Leistungen der Völker zu erschliessen sind, als aus der
Katalogisierung ihrer Schädelweiten«. Da sie sich mit den Leistungen Einzelner

154 Ebenda, S. 1046. Die folgenden Zitate auf den Seiten 1056; 1064, Anm. 2; 1066; 1068; 1071;
1075; 1081 f.; 1095; 1097; 1108 f.; 1110; 1118 f.; 1124; 1126; 1115.
Weltanschauung und Religion 167

befassten, hänge eng damit auch die Entwicklung des Genie-Begriffs zusammen –
Genie verstanden als »Persönlichkeit in ihrer höchsten Potenz«.
Ergänzt werden diese drei Gruppen, wie schon erwähnt, durch die Naturfor-
scher bzw. die naturforschenden Philosophen. Ihnen gehe es um (Erkenntnis-)
Methode als »einigendem Band«, das »trotz aller Verschiedenheit der Richtungen
und der versuchten Lösungen ihrer Philosophie doch als Gesamterscheinung« be-
griffen werden könne. Harvey, Campanella, Bacon, später Hobbes, Descartes, Locke,
Leibniz, Hume und viele andere machten die Beobachtung der Natur zur Quelle
des Wissens, und diese Richtung finde ihren krönenden (und vorläufigen) Ab-
schluss in Kants Philosophie. Chamberlain geht an dieser Stelle ausführlich auf das
Erkenntnisproblem mit Bezug auf unterschiedliche Philosophien und Wissen-
schaftsverständnisse ein, was hier nur kurz angedeutet werden soll. Seine Aus-
gangsthese besteht in der Behauptung, das »exakte Nichtwissen« sei der Antrieb
aller Forschungsleistungen und ein wesentlicher Zug der neuen Welt und neuen
Weltanschauung. Dabei erörtert er, ausgehend von Locke und endend bei Kant,
die Frage, wie wir, als Teil der Natur, die ›andere‹ Natur mithilfe unserer ›natürli-
chen‹ Sinne überhaupt erkennen können: »Natur offenbart sich nicht allein im
Regenbogen, auch nicht allein in dem Auge, das diesen wahrnimmt, sondern auch
im Gemüt, das ihn bewundert und in der Vernunft, die ihm nachsinnt.« Hier ver-
binden sich innere und äußere Natur und die Frage ist, wie beides unterschieden
werden kann. Das sei ein metaphysisches Problem, auf das zunächst die Theologie
zu antworten versuchte, das aber dank der neuzeitlichen Entwicklungen als philo-
sophisches und naturwissenschaftliches erkannt worden sei. Chamberlain zitiert
Kant, knüpft an dessen Frage »Wie ist Erfahrung möglich?« an und meint, eine
Antwort können nur gegeben werden innerhalb der »Grundlinien einer Weltan-
schauung«. Für das 19. Jahrhundert solle deshalb gezeigt werden, »wie aus einem
neuen Geist und einer neuen Methode auch neue Ergebnisse entstehen und wie
diese wiederum zu einem durchaus neuen philosophischen Problem führen muss-
ten«.
Dieses neue Problem, das hier konstatiert wird, ist die Vereinbarkeit von Wis-
senschaft und Religion. Während in der vorkantischen Philosophie die Religion
zumeist draußen blieb, habe Kant dieses Defizit behoben: Er sei stets Naturforscher,
Anti-Aristoteliker gewesen, habe eine Weltanschauung besessen und durch Erwei-
terung des Naturbegriffs die Religion neu bestimmt. Daraus ergäben sich schwie-
rige Erkenntnisprobleme, deren dilemmatische Struktur Chamberlain wie folgt no-
tiert: »Das Studium der Natur führt den Menschen mit Notwendigkeit auf sich
selbst zurück; er selbst wiederum findet seinen Verstand nirgends anders ›dargelegt‹,
als in der wahrgenommenen und gedachten Natur. Die gesamte Erscheinung der
Natur ist eine spezifisch menschliche, durch den aktiven Menschenverstand also
gestaltet, wie wir sie wahrnehmen; andererseits aber wird dieser Verstand einzig und
allein von aussen d. h. durch empfangene Eindrücke genährt: als Reaktion erwacht
unser Verstand, d. h. also die Rückwirkung auf Etwas, was nicht Mensch ist.« Der
Verstand reagiere also, organisiere die Eindrücke und schaffe insoweit Neues, aber
168 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

nicht aus dem Nichts. Erkenntnisprozesse liefen nach Kant in Zeit und Raum als
Formen sinnlicher Anschauung ab, und das werfe die Frage auf: »Was soll mir eine
historische Religion, wenn die Zeit lediglich eine Anschauungsform meines sinnli-
chen Mechanismus ist? Was soll mir ein Schöpfer als Welterklärung, als erste Ursa-
che, wenn die Wissenschaft mir gezeigt hat: Kausalität hat gar keine Bedeutung und
kein Merkmal ihres Gebrauches als nur in der Sinnenwelt (Kant).«
Aus langwierigen Erörterungen zieht Chamberlain am Ende den Schluss, Wis-
senschaft und Religion bestimmten sich als äußere und innere Welt, wobei der
menschliche Körper der äußeren Welt zugehöre. Religion sei, was sich in unserer
Seele, Psyche usw. ereigne und abspiele, was auf Moral und Sittlichkeit ziele, sei
die Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst; Wissenschaft analysiere die äußere
Welt, sei das, was die Welt mir schenke, das konkret Physische und Materielle:
»Wissenschaft ist die von den Germanen erfundene und durchgeführte Methode,
die Welt der Erscheinungen mechanisch anzuschauen; Religion ist ihr Verhalten
gegenüber demjenigen Teil der Erfahrung, der nicht in die Erscheinung tritt und
darum einer mechanischen Deutung unfähig ist. […] Zusammen machen sie un-
sere Weltanschauung aus. Bei dieser Weltanschauung, welche das Suchen nach
letzten Ursachen als sinnlos perhorresciert, muss die Grundlage zur Handlungs-
weise des Menschen gegen sich und Andere in etwas Anderem gefunden werden
als im Gehorsam gegen einen regierenden Weltmonarch und in der Hoffnung auf
eine zukünftige Belohnung.« Es ist ein ›geläutertes Christentum‹, das die Hand-
lungsimperative liefern soll, eine germanische Weltanschauung, die das »notwen-
dige Ergebnis künftiger Entfaltung unserer Stammesanlagen« sein solle und die für
Chamberlain weithin mit Kants Moral- und Sittenlehre übereinstimmt. So gese-
hen erscheint ihm Kant auch als der Fortsetzer Luthers.
Ein letzter Hinweis an dieser Stelle: Chamberlain verweist darauf, dass diese
germanische ›Religion des Innern‹ der eigentliche »Kern, der harte, unlösbare
Kern der sogenannten ›Judenfrage‹« sei: »Und dies ist der Grund, warum ein un-
parteiischer Mann, ohne eine Spur von Missachtung für die in mancher Beziehung
vortrefflichen und alles Lobes würdigen Juden, ihre Gegenwart in unserer Mitte in
grosser Zahl für eine nicht zu unterschätzende Gefahr halten kann und muss.«

Kunst
Es ist kein Zufall, sondern ergibt sich aus der Konstruktion der Weltanschauung
Chamberlains, dass das abschließende Kapitel seiner Grundlagen der Kunst ge-
widmet ist. Denn in ihr sieht er den Schlussstein einer intellektuellen Existenz,
die auf »die Empfindung der Unvergänglichkeit«155 angelegt ist und in deren
Erzeugnissen sich das eigentliche Wesen der Germanen wiederfindet.

155 HSC, Grundlagen, S. 1136. Die folgenden Zitate auf den Seiten 1129; 1131; 1138; 1139; 1143;
1185; 1191; 1194; 1195.
Kunst 169

Der Abschnitt setzt ein mit einer Polemik gegen jene Kunsthistoriker, die
unter Kunst nur die bildende Kunst verstehen und dabei Dichtung und Musik
verdrängen. Gegen solche Positionen macht Chamberlain geltend, gerade die
Dichtkunst und Tonkunst seien als Grundlage aller Kunst, auch der bildenden, zu
verstehen. Denn in ihnen komme das »Wesen der Kunst als eines besonderen
menschlichen Vermögens« und die »Würde der Kunst als einer höchsten und hei-
ligsten Befähigung zur Verklärung des ganzen Lebens und Denkens der Men-
schen« zum Ausdruck und scheide das »Schöpferische« und die »Originalität« vom
bloß Kunsthandwerklichen. Kunst sei stets die »Kunst des Genies«, die Geschichte
der Kunst eben die Geschichte des schöpferischen Genies. Zusammen mit Welt-
anschauung und Religion bilde die Kunst die Kultur, sei sogar das wichtigste Ele-
ment, auf das am wenigsten verzichtet werden könne: »Denn unsere germanische
Weltanschauung ist eine transcendente und unsere Religion eine ideale, und da-
rum bleiben beide unausgesprochen unmittelbar, den meisten Augen unsichtbar,
den meisten Herzen wenig überzeugend, wenn nicht die Kunst mit ihrer frei-
schöpferischen Gestaltungskraft – d. h. die Kunst des Genies – vermittelnd dazwi-
schen tritt.«
Die Kunst hat also die Aufgabe, sichtbar zu machen, was in Religion und
Weltanschauung unsichtbar bleibt. Sind beides »innere Erfahrungen«, so versinn-
licht die Kunst diese Erfahrungen; was auch heißt, dass beides in einem engen
Verweisungszusammenhang steht, ohne doch identisch zu sein: »Kunst ist zwar
nicht Religion – denn ideale Religion ist ein tatsächlicher Vorgang im innersten
Herzen jedes Einzelnen, jene Umkehr und Wiedergeburt, von der Christus sprach –
Kunst versetzt uns aber in die Atmosphäre der Religion, sie vermag es, die ganze
Natur uns zu erklären und durch ihre erhabensten Offenbarungen regt sie unser
innerstes Wesen so tief und unmittelbar an, dass manche Menschen nur durch die
Kunst dazu gelangen zu wissen, was Religion ist.« Diesen Zusammenhang reflek-
tiert Chamberlain über viele Seiten, glaubt, dass das Ineinandergreifen der ver-
schiedenen Momente die Voraussetzung für Kunst ist, die ihrerseits ein Reich der
Freiheit eröffnet, weil sie die »Natur ihrem Willen unterwirft«.
Daneben sucht er zu belegen, dass Dichtkunst und Tonkunst von Anfang an
in einem unauflösbaren Zusammenhang gestanden haben. Schon die alten Grie-
chen hätten Poesie musikalisch empfunden, zu Texten stets gesungen, und dieser
Zusammenhang von Poesie und Musik sei bei den Germanen Europas dann voll
durchgebrochen. Der Germane, der »musikalischste Mensch auf Erden«, empfinde
die Musik als die eigentliche Kunst, und so habe sich folgerichtig seit dem 13. Jahr-
hundert – gegen Rom – Polyphonie und Harmonie entwickelt, die Musik einen
unerhörten Aufschwung genommen. La divina musica sei die eigentlich christliche
Kunst, die sich durch die Dichtkunst entwickelt habe und ihr stets eng verbunden
geblieben sei. Längere Ausführungen finden sich hier über das gegenseitige Bedin-
gungsverhältnis von Poesie und Musik, in denen die Thesen und Theorien Ri-
chard Wagners durchscheinen. Chamberlain betont, dass die Poesie selbst bereits
nach musikalischen Gesichtspunkten gestaltet sei und so die Tonkunst aus sich
170 Ein Bestseller – Teil I: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts

hervortreibe. Gedanken, die Wagners einschlägige Überlegungen aufnehmen,


auch wenn Chamberlain selbst Wagner an keiner Stelle nennt. Für ihn sind die
großen Musiker stets auch große Dichter und die großen Dichter auch – metapho-
risch gesprochen – große Musiker: die Poesie eines Dante, Shakespeare oder auch
Goethe ist sprachliche gefasste Musik, wie umgekehrt die Musik eines Josquin,
Bach oder auch Beethoven durch und durch poetisch ist: die Poesie ist »der gebä-
rende Mutterschoss jeglicher Kunst«.
Über weite Strecken sucht Chamberlain die hellenistische Kunst gegen die
neuere germanische abzugrenzen, wesentlich dadurch, dass er der hellenistischen
einen transzendenten Charakter abspricht, dies aber zum entscheidenden Merkmal
germanischer Kunst macht. Gegen Ende des Kapitels gibt er noch einmal eine
genauere Definition: »Kunst ist Gestaltung; sie ist Sache des Künstlers und der be-
sonderen Kunstart; unbedingte Naturtreue von einem Werk zu fordern, ist erstens
überflüssig, da die Natur selbst das leistet, zweitens ungereimt, da der Mensch nur
Menschliches schaffen kann, drittens widersinnig, da der Mensch durch die Kunst
die Natur zwingen will, ein ›Übernatürliches‹ zur Darstellung zu bringen. In jedem
Kunstwerk wird es also eine eigenmächtige Gestaltung geben; naturalistisch kann
Kunst nur in ihren Zielen, nicht in ihren Mitteln sein.« Eine durchaus moderne
Auffassung der Kunst.
Zuvor bestimmt er noch das Verhältnis von Kunst zur Wissenschaft und wen-
det sich scharf gegen die These einiger Kunsthistoriker, wonach Kunst stets nur
dann geblüht habe, wenn die Wissenschaft schwach entwickelt gewesen sei, weil
umgekehrt die Entfaltung der Wissenschaft dann die Entwicklung der Kunst be-
hindert habe. Er betont die Rolle des Genies für die verschiedenen Gebiete
menschlicher Tätigkeiten und meint, jedes Genie bedürfe eines ihn fördernden
Umfeldes. Auch Genies bauten auf der Vorarbeit Unzähliger auf, seien keineswegs
voraussetzungslos. Dies gelte auch für die Kunst, die vielfältiger Anregungen be-
dürfe. Bei ihren Schöpfern zeige sich, dass sie stets an allen menschlichen Wissens-
gebieten interessiert gewesen seien wie etwa das Beispiel Leonardo da Vinci zeige.
Das Kapitel schließt mit der zentralen These: »auf der einen Seite die Tiefe, Gewalt
und Unmittelbarkeit des Ausdruckes (also das musikalische Genie) als unsere indi-
viduellste Kraft, auf der anderen das grosse Geheimnis unserer Überlegenheit auf
so vielen Gebieten, nämlich die uns angeborene Neigung, mit Wahrhaftigkeit und
Treue der Natur nachzugehen (Naturalismus).« Diesen zwei gegensätzlichen, sich
jedoch in allen höchsten Schöpfungen wechselseitig ergänzenden Trieben und Fä-
higkeiten verdanke die germanische, d. h. europäische Kultur ihre Überlegenheit.
So steht am Ende die Aufforderung: »Von uns Germanen soll noch viel Kunst
geschaffen werden, und was geschaffen wird, dürfen wir nicht an dem Massstab
eines fremden Früheren messen, sondern wir müssen es mittels einer umfassenden
Kenntnis unserer gesamten Eigenart beurteilen.«
Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der
Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Der Erfolg
In der heute vorherrschenden Literatur steht das Urteil über die Grundlagen fest: Sie
stellen – um ein repräsentatives Beispiel zu geben – »den geschichtsphilosophischen
Versuch dar, die Weltgeschichte als apokalyptischen Rassenkampf zwischen Semiten
und Nichtsemiten zu beschreiben und zu erklären. Damit bieten sie ihren bildungs-
bürgerlichen Adressaten ein umfassendes Welterklärungsmodell an: im Gewande von
Geschichtsschreibung mit religiös-erbaulichem Charakter und mit ideologischem
bis mystischem Inhalt. In diesem Modell wird eine Komplexitätsreduktion von plu-
ralistischen Ursachen hin zu einem monokausalen und damit einfach verstehbaren
Modell vorgenommen, nach dem das Gestern erklärt, die Gegenwart ausgerichtet
und die Zukunft prognostiziert und zusätzlich appellativ utopiert wird. Das Kern-
stück oder besser: die Speerspitze dieser ebenso vergangenheits- wie gegenwarts-
deutenden und zukunftsgerichteten Utopie ist die Idee der Rasse.«1
Das fasst zusammen, was heute weithin opinio communis ist. Schon Cosima
Wagner hatte in einer ersten Reaktion auf die Übersendung der Grundlagen in
einem ähnlichen, aber positiv gemeinten Sinne reagiert: »Was ich zunächst her-
vorheben möchte«, schrieb sie am 7. Mai 1899 an Chamberlain, »das ist die be-
sonnene und überzeugende Behandlung der Rassenfrage«.2 Und wenige Tage
später heißt es in einem Brief: »Ihr Buch wird bleiben, dessen können Sie sicher
sein, und wird einen Markstein bilden. Sie sind der erste, der die Kühnheit hat,
die Wahrheit auszusprechen, daß der Jude ein wesentlicher Faktor unserer jetzi-
gen Kultur ist, und daß man demnach genau untersuchen muß, wer er ist.«3 Ganz
in der Bayreuther Interpretationslinie setzt auch Field in seiner Monographie den
Akzent nachdrücklich auf den Rassengesichtspunkt4, allerdings scharf negativ,
und die ihm nachfolgenden Untersuchungen und Beiträge folgen dem fast aus-
nahmslos.5 Was einerseits nicht falsch ist, weil für Chamberlain die Rasse in der
Tat die entscheidende Kraft der Geschichte ist; was aber andererseits deshalb pro-
blematisch ist, weil die Breite des Werks damit so sehr auf diesen einen, wenn
auch zentralen Gesichtspunkt verengt wird, dass der Vorwurf der Komplexitäts-

1 Anja Lobenstein-Reichmann, Houston Stewart Chamberlains rassentheoretische Geschichts-»philoso-


phie«, in: Werner Bergmann/Ulrich Sieg (Hrsg.), Antisemitische Geschichtsbilder, Essen 2009,
S. 139–166, hier S. 145.
2 Briefwechsel, S. 562. (Brief vom 7. Mai 1899).
3 Ebenda, S. 569 f. (Brief vom 15. Mai 1899).
4 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 186 ff.
5 Ein Überblick über einzelne Beiträge zu Chamberlain bei Barbara Liedtke, Völkisches Denken,
S. 13 ff.
172 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

reduktion gegen Chamberlain am Ende schließlich auf dessen Interpreten selbst


zurückfällt. Denn wenn der Rassengesichtspunkt der mit solcher Ausschließlich-
keit die gesamte Darstellung dominierte, wie unterstellt wird, wäre es kaum zu
erklären, wieso dieses Werk nach seinem Erscheinen Jahr für Jahr neue Auflagen
erleben und eine heute kaum noch vorstellbare Breitenwirkung entfalten konnte.
Nicht nur im gebildeten und antisemitisch gestimmten Bürgertum des Kaiser-
reichs und der Weimarer Republik, sondern darüber hinaus auch unter zahlrei-
chen und in ihren Disziplinen führenden Wissenschaftlern und Gelehrten dieser
Zeit, die nicht alle der Rassentheorie anhingen und nicht alle aggressive Antise-
miten waren.
Die Grundlagen hatten eine enorme Breitenwirkung. Im Februar 1902, also
nahezu drei Jahre nach der Erstauflage, schrieb Cosima Wagner an Chamberlain:
»Wie oft Ihr Name in Berlin erwähnt worden ist, kann ich Ihnen gar nicht sagen.
Jedenfalls sind Ihre Grundlagen das gelesenste Buch in allen Ständen.«6 Das zeigte
sich auch an den zahlreichen Auflagen, die in rascher Folge auf den Büchermarkt
kamen. Die erste dreibändige Ausgabe erschien 1899 und sie war ein solcher Er-
folg, dass noch gegen Ende desselben Jahres eine zweibändige Ausgabe nachge-
druckt werden musste. Der Absatz übertraf alle Erwartungen, auch die von Cham-
berlain selbst. In jedem der folgenden Jahre erschien eine neue Auflage, 1906 gab
es eine sogenannte »Volksausgabe«, die im Gegensatz zum aufwendig gebundenen
Großoktav der ersten fünf Auflagen nunmehr von handlicher Größe und modera-
tem Preis war, sich innerhalb weniger Tage so schnell verkaufte, dass noch im
selben Jahr 1906 zwei weitere Auflagen nachgedruckt wurden. Diese »Volksausga-
ben« erschienen bis 1915; in diesem Jahr brachte der Verlag eine prächtig ausgestat-
tete, großformatige »Jubiläumsausgabe« heraus, 1918 und 1919 gab es »Kriegsaus-
gaben« und 1922 eine »ungekürzte Volksausgabe«. Danach erfolgte für zehn Jahre
keine Neuauflage mehr – worüber der Verleger sehr klagte –, und erst 1932 ging
es bis 1944 mit nahezu jährlichen Neuauflagen, stets als »ungekürzte Volksausga-
ben«, bis zum Ende des Dritten Reiches weiter. Danach verschwanden die Grund-
lagen vom Büchermarkt in die Antiquariate. Insgesamt erlebte das Werk neunund-
zwanzig Auflagen mit abertausenden von Exemplaren, gewiss einer der größten
Bucherfolge bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts.7
Kurz nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe wurden die Grundlagen in an-
dere Sprachen übersetzt: 1907 erschien in St. Petersburg eine russische Ausgabe,
1910 in London eine englische, im selben Jahr in Prag eine tschechische und 1913
schließlich in Paris eine französische.8 Das Buch stieß weltweit auf erhebliche Be-

6 Briefwechsel, S. 627 (Brief vom 15. Februar 1902).


7 Die einzelnen Auflagen der Grundlagen erschienen in den Jahren 1899; 1899; 1900; 1903; 1904;
Volksausgaben, 6. bis 8. Auflage, 1906; 1909; 1912; 1915; Jubiläumsausgabe 1915; Kriegsausgaben
1918 und 1919; ungekürzte Volksausgabe 1922; 15. und 16. Auflage 1932; 1933; 1934; 19. und
20. Auflage 1935; 1936; 1937; 23. und 24. Auflage 1938; 1940; 1941; 1942; 1944.
8 Vgl. Barbara Liedtke, Völkisches Denken, S. 109 ff., bes. S. 111, Anm. 513; hier finden sich auch
die Namen der Übersetzer angegeben.
Der Erfolg 173

achtung. Die Grundlagen wurden und waren ein Weltbestseller, wie es ihn bis dahin
so noch nicht gegeben hatte, und Chamberlain einer der meistgelesenen und ein-
flussreichsten Publizisten nicht nur Deutschlands, sondern auch Europas und den
USA. Ein Gönner, der süddeutsche Fabrikant August Ludowici9, stiftete Geld, um
das Buch verschenken zu können. Chamberlain, dem die Entscheidung darüber
zugestanden worden war, wohin die Gratisexemplare gehen sollten, sichtete über
dreihundert Bittgesuche, vorwiegend von Institutionen wie Universitäts- und öf-
fentlichen Bibliotheken.10 Nebenbei machte dieser Erfolg ihn auch zu einem
wohlhabenden Mann: Er verdiente zwischen 12.000 und 30.000 Reichsmark, je
nachdem, wie die jährlichen Auflagen sich verkauften.11
Dieser unvermutete Erfolg hatte nicht wenig mit der Fülle und Breite der
Kenntnisse zu tun, die Chamberlain einbrachte, um seine Hauptthesen zu unter-
füttern und zu belegen. »Chamberlain stellt den in unserer Zeit fast ausgestorbenen
Typus des Universalmenschen der Renaissance dar«12, schrieb ein wohlmeinender
Kritiker, der einräumte, dem Werk mit größter Reserve begegnet zu sein, weil die
»gläubige Bruderschaft Wahnfrieds« mit ihrem »Grillenhäuschen, genannt Bay-
reuther Blätter, die wunderlichsten Dinge miteinander verquickt« und so das »leben-
dige Geistesleben der Gegenwart, die naturwissenschaftliche Erkenntnis und die
soziale Evolution ignorieren und uns statt dessen die zeitbewegenden Fragen so
darstellt, wie sie ihnen durch ihre mannigfaltig gefärbten Brillen der Stöckerei und
Muckerei13, der königlich preussischen Loyalität, des Antisemitismus und Vegeta-
rismus erscheint«14. Schon die ersten Besprechungen des Buches kurz nach seinem
Erscheinen notierten, unabhängig von inhaltlicher Zustimmung, die breite Bele-
senheit des Autors und verstanden die Selbsteinstufung als Dilettant eher ironisch
oder als Untertreibung. So schrieb etwa die liberale und Chamberlain-kritische
Frankfurter Zeitung in einer ausführlichen Besprechung, der Autor vereinige vier
Eigenschaften, die man nicht oft beieinander finde: »Gründliches Wissen, Origi-

9 August Ludowici (1866–1945) war ab 1902 einer der wichtigsten Förderer Chamberlains und
wurde vom Bewunderer zu einem engen Freund. Neben einer beträchtlichen Spende für die
kostenlose Verbreitung der Grundlagen – rund 15 000 RM – finanzierte er die Büste Chamber-
lains von Joseph Hinterseer (1908) und half beim Bau der Chamberlain-Villa 1914. Er war ein
großzügiger Sponsor, Chamberlain eng verbunden. Der widmete ihm seine autobiographischen
Lebenswege meines Denkens mit folgenden Worten: »Meinem Freunde August Ludowici, dem
vorbildlich schlichten, gründlichen und edelgesinnten deutschen Mann, in Verehrung und
Dankbarkeit.« Ludowici veröffentlichte ab 1913 auch eigene, philosophisch inspirierte Bücher
bei Bruckmann in München. Nachweise bei Wolfram Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum,
S. 273, Anm. 392.
10 Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 124 f.
11 Angaben bei Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 337.
12 Ernst von Wolzogen im Literarischen Echo, 1. Februar 1900, in: Kritische Urteile über Chamberlains
Grundlagen und Immanuel Kant, S. 79.
13 Das spielt an auf den konservativ-sozialen und antisemitischen Hofprediger Adolf Stöcker in
Berlin und auf den Bayreuther Dauerdirigenten Karl Muck, auch er ein Antisemit, der in Karls-
ruhe engagiert war.
14 Ernst von Wolzogen, ebenda, S. 77 f.
174 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

nalität der Auffassung, den Blick für das Wesentliche der Dinge und die Gabe
schöner Darstellung«; sie meinte zugleich, es sei ein Werk, »das man zu den be-
deutendsten Erscheinungen wird rechnen müssen: eine Naturgeschichte des
neunzehnten Jahrhunderts, die nichts anderes ist als eine Geschichtsphilosophie«.15
Und ähnlich urteilte die Neue Zürcher Zeitung: Chamberlain »verfüge über ein
staunenswertes Wissen in den sogenannten exakten Wissenschaften« und er schaffe
»durch weitausgreifendes Zusammenfassen der Thatsachen und Darstellen nach
der entscheidenden Seite hin« ein »Kunstwerk, wo jeder Gedanke in der bestimm-
ten Fassung von früheren abhängt und Späteres bedingt«.16 Die liberale Zeitung
Der Bund aus der Schweiz lobte: »Chamberlain verfügt über ein klares Urteilsver-
mögen, einen glänzenden Stil und ein positives Wissen von außerordentlichem
Umfange. Bei rücksichtslosester Behandlung der heikelsten Themata verläßt ihn
niemals der unbestechliche Ernst des gewissenhaften Forschers und in dem hohen
Gedankenflug, in der großartigsten Gestaltungskraft, die aus jeder Seite seines
neuen Werkes spricht, offenbart sich der Künstler.«17 Die Historische Zeitschrift, im-
merhin die führende wissenschaftliche Fachzeitschrift, notierte in einer sehr kriti-
schen Bewertung doch auch, Chamberlain sei »ein gebildeter und geistvoller
Mann, der vieles gelesen und auch über das Gelesene nachgedacht und sich da-
nach eine geschlossene Weltanschauung gebildet hat. Da er außerdem gewandt
schreibt und unsere Sprache in einer bei einem Fremden geradezu bewunde-
rungswerten Weise beherrscht, so folgt der Leser seinen Ausführungen mit lebhaf-
tem Interesse und wird das Buch nicht ohne vielfache Anregung aus der Hand
legen.«18 Um ein letztes Beispiel zu zitieren: die angesehene Zeitschrift für Philoso-
phie und Pädagogik bekräftigte in einer dreizehn Seiten umfassenden, sehr in die
Details gehenden Besprechung »die Vorzüge des Buches, die Anregung die es bie-
tet, die Fülle eigentümlicher Gedanken, die ungemeine Belesenheit des Verfassers,
die stilistische Meisterschaft« und fügte an, dies alles sei auch von jenen anerkannt,
»die sich mit den Prinzipien, auf denen seine Weltanschauung beruht, nicht be-
freunden können«.19 Gleichsinnige Bewertungen aus zahllosen Tages-, Wochen-
und Monatsschriften ließen sich beibringen, in denen immer wieder diese Ge-
sichtspunkte und Urteile bekräftigt, variiert und herausgestellt wurden und die
damit, aller inhaltlichen Kritik am Werk selbst zum Trotz, Chamberlains Arbeit
einen besonderen, herausragenden Rang zusprachen. Was gewiss richtig war, wie
die rasch aufeinanderfolgenden Auflagen, die weite Verbreitung und die damit
verbundenen, erbitterten Kontroversen belegen. Chamberlain hat im Nachhinein
in einem Brief an Cosima Wagner vermerkt: »Das Recht – ja, sogar die Pflicht –
des Kritikers, das zu sagen, was er für die Wahrheit hält, ist ein Unantastbares;

15 Frankfurter Zeitung, 30. März 1899, Nachlass Chamberlain.


16 Neue Zürcher Zeitung vom 9. Februar 1900, Nachlass Chamberlain.
17 Der Bund, Bern, 16. April 1899, Nachlass Chamberlain.
18 Historische Zeitschrift, Bd. 28 NF, 1901, Nachlass Chamberlain.
19 Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik, VIII. Jg., Heft 3/1901, S. 232, Nachlass Chamberlain.
Zeitgenössische Kritiken 175

[…] mir ist die gegenseitige Liebedienerei verhaßt. Was meine Fähigkeiten anbe-
langt, so mag jeder sie beurteilen, so gut er kann; da ich ohne Eitelkeit bin, bin ich
hier unverletzlich; und was die Reinheit meines Charakters anbelangt, würde ich
jederzeit Ihr [Cosimas, U. B.] Zeugnis anrufen […] Ein Buch wie die Grundlagen
mußte ein ganzes Heer von Widersachern in Harnisch bringen: Juden und Jesui-
ten und Sozialisten und Professoren und Gottesrechtler etc. etc. etc. Es ist auch
scharf kritisiert worden von den verschiedensten Standpunkten aus. Doch versi-
cherte mir neulich mein Verleger, der wohl alle Besprechungen kennt, wogegen
ich selber nur eine kleine Zahl gelesen habe, daß alle Kritiker, mit eigentümlicher
Einmütigkeit, meiner Person Sympathie und Achtung entgegengebracht – oder
besser gesprochen – aus meinem Buch geschöpft haben.«20

Zeitgenössische Kritiken
Die eindringliche und über lange Zeit anhaltende Resonanz der Grundlagen veran-
lasste den Verlag bereits 1901, eine »Sammlung zerstreuter und schwer zugängli-
cher Kritiken« herauszubringen, die aufgrund des Zuspruchs der Leser bereits ein
Jahr später neu und mit zusätzlichen Beiträgen angereichert aufgelegt werden
mussten.21 Wenige Jahre später wurde nochmals eine erweiterte Fassung publiziert,
nun ergänzt durch Kritiken zu dem nachfolgenden Kant-Buch.22 Die regionalen
wie überregionalen Zeitungen des Reiches und darüber hinaus auch des deutsch-
sprachigen Auslands, ebenso große Teile der internationalen Presse, sahen sich,
unabhängig von ihren jeweiligen politischen Richtungen, alle genötigt, auf dieses
Werk einzugehen. Es erstaunt aus der heutigen Sicht, wie ausführlich über Seiten
und wie kenntnisreich und argumentationsintensiv die Kritiken ausfielen. Die
Fülle der Besprechungen23 kann hier nicht vollständig vorgestellt werden – und
braucht es auch nicht, weil sich zentrale Zustimmungen wie Einwände inhaltlich
ähnlich in nahezu allen Kritiken finden. National-konservative Zeitungen in
Deutschland wie die Allgemeine Zeitung oder die Münchner Neuesten Nachrichten
urteilten eher positiv, liberale Zeitungen wie die Frankfurter Zeitung, das Berliner
Tageblatt oder die Vossische Zeitung eher ablehnend. Zeitungen, die den nationalis-
tisch-völkischen Kreisen zugehörten wie die Deutschvölkischen Hochschulblätter, Der
Hammer, Deutsche Kultur oder auch Der allgemeine Beobachter, in Österreich die Ost-
deutsche Rundschau, das Deutsche Volksblatt oder der Kyffhäuser, stimmten Chamber-

20 Briefwechsel, S. 614 f. (Brief vom 23. März 1901).


21 Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts von Houston Stewart Chamberlain, Kritische Urteile,
zweite vermehrte Ausgabe, München 1902.
22 Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts und Immanuel Kant, Kritische Urteile, dritte vermehrte
Auflage, München 1909.
23 Chamberlain hat eine Vielzahl von Besprechungen gesammelt; sie finden sich heute in seinem
Nachlass.
176 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

lain euphorisch zu, während linke Blätter wie der Vorwärts oder die Sozialistischen
Monatshefte scharfe Verrisse veröffentlichten.24 Chamberlain, der selbst immer wie-
der betont hat, dass sein Werk ohne eine zugrunde liegende, in sich stimmige
Weltanschauung nicht hätte geschrieben werden können, geriet mit der Beurtei-
lung seines Werkes selbst in die weltanschaulichen Konflikte der seine Zeit prä-
genden gesellschaftlichen und politischen Kräfte – eine Situation, die er wohl in
Kauf nehmen musste. Das spiegelt sich in den Kommentaren, aus denen im Fol-
genden, gleichsam stellvertretend für die Bereite der Auseinandersetzungen, einige
typische Gesichtspunkte wiedergegeben werden sollen, damit deutlich wird, wie
die zeitgenössische Kritik auf Chamberlains Thesen reagiert hat.
Zunächst: Dessen Selbstverortung als eines Dilettanten, der sich der fachwis-
senschaftlichen Ergebnisse bedient, um daraus unter künstlerischen Gesichtspunk-
ten eine Geschichts- und Kulturtheorie zu entwerfen, war, wie zu erwarten, einer
der zentralen Punkte, auf den sich die Kritik sofort stürzte. Fast alle Besprechungen
der drei Lieferungen25 beginnen mit dieser Selbstverortung Chamberlains, und je
nachdem, wie groß die Nähe des Rezensenten zur Wissenschaft ist, fallen die Ur-
teile aus. So vollzieht beispielsweise die konservative Allgemeine Zeitung, die in
München erschien, in ihrer mehrseitigen Beilage vom 21. und 22. Dezember 1899
die Begründung Chamberlains für eine künstlerische Gestaltung wissenschaftlicher
Erkenntnisse weitgehend positiv nach und meint, der Autor wolle »in ganz emi-
nenten Sinne von inneren Vorgängen reden, die beim Aufbau unserer Kultur
maßgebende gewesen sind, von Vorgängen, die sich mit wissenschaftlicher Exakt-
heit und Objektivität nicht fassen und bestimmen lassen, die aber gleichwohl in
uns noch so lebendig nach- und fortwirken, daß sie unserem Denken und Emp-
finden ihr charakteristisches Gepräge geben.« Das aber setze die Subjektivität des
Beschreibenden voraus und es sei gerade das Verdienst Chamberlains, »daß er sich
selbst, ganz so wie er ist, in seine Darstellung mit hinein verarbeitet, daß er als das
personifizierte Produkt aus den verschiedenen Kulturmomenten selbst vor uns
steht«.26 An anderer Stelle heißt es: »[…] seine Grundgedanken bleiben nicht nur
grossartig, sondern auch in ihrer inneren Folgerichtigkeit wahr und wirksam, selbst
wenn ihre wissenschaftliche Begründung nicht in allen Einzelheiten gelungen oder
überhaupt undurchführbar ist. Jede geschichtsphilosophische Darstellung muss ja
im exaktwissenschaftlichen Sinn unlösbare Probleme in sich schliessen, wenn sie
nicht ihre innere Kontinuität preisgeben will. […] Es kommt hier die Frage der
Methode ins Spiel, die Frage nach der richtigen Abwägung des Verhältnisses zwi-
schen Hypothese und Tatsache. Chamberlain hat das keineswegs verkannt, dazu ist

24 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 227 ff.; Barbara Liedtke, Völkisches Denken, S. 112 ff.
25 Die erste Auflage der Grundlagen wurde in drei nacheinander folgenden Teilen ausgeliefert; die
ersten Besprechungen bezogen sich demnach auch jeweils nur auf die erste Lieferung. Erst mit
der Vorlage des gesamten Werks gehen auch die Kritiken auf das Ganze ein.
26 Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 21. Dezember 1899, Nummer 291, S. 1; der zweiteilige
Beitrag ist mit O. B. gezeichnet. Nachlass Chamberlain. Abgedruckt in: Kritische Urteile über
Chamberlains Grundlagen und Immanuel Kant, München 1909, S. 13 ff. (Dr. Oscar Bulle).
Zeitgenössische Kritiken 177

er viel zu sehr methodisch gut geschult.«27 In eben diesem Sinne und in geradezu
hymnischem Ton verklärte Chamberlains Wiener Freund Hermann Graf Keyser-
ling diese Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Kunst: »Es gibt wohl kein
Buch der Neuzeit, das in so hohem Maße den Anforderungen eines Kunstwerks
genügte wie Chamberlains Grundlagen. […] Ich wage den Satz, daß, wenn selbst
alle in diesem Buch aufgeführten Tatsachen sich in der Folge als falsch erweisen
sollten, der Wert desselben bestehen bliebe. […] Gar nichts hat es zu sagen, wenn
auch noch so vieles Einzelne falsch sein sollte, das Ganze, das Kunstwerk, bleibt
bestehen. Sind denn Platos Symposion, Goethes Metamorphose deswegen wertlos
geworden, weil sich unsere Anschauungen über die Liebe und über die Entwick-
lung geändert haben? Gewiß nicht. Und das ist der Maßstab, den man an Cham-
berlains Werk legen sollte.«28 Ein Urteil, das natürlich die Grundlagen jeglicher
wissenschaftlichen Kritik entzog und nur aus dem Geist jener Tage zu verstehen
ist, der auf eine vollständig neue Ausrichtung des intellektuellen Diskurses abzielte,
auf einen revolutionären Neuanfang.
In diametralem Gegensatz zu solchen primär ästhetisch begründeten Immu-
nisierungen stand die geradezu monumentale und äußerst gründliche Besprechung
von Mathieu Schwann, erschienen in den Sonntagsbeilagen Nr. 10 und 11 der
liberalen Vossischen Zeitung29, die kein gutes Haar an Chamberlain ließen. Für
Schwann ist Chamberlain ein »Rattenfänger«, dessen Begründung für die angeblich
notwendige künstlerische Gestaltung seiner Kulturgeschichte einer totalen Ab-
schottung gegen Kritik gleichkomme und darüber hinaus auch noch widersprüch-
lich sei. Denn auch zur Wissenschaft gehöre neben der Analyse die Synthese, und
diese setzte Können, also Kunst voraus: »Die Kunst aber setzt wieder den schöpfe-
rischen Trieb des Menschen voraus, so daß jene Trennung, die Chamberlain zwi-
schen Kunst und Wissenschaft vornimmt, durchaus theoretisch und künstlich er-
scheint«, was zugleich seiner »Methode« das Urteil spreche. Ausführlich wies
Schwann auf zahlreiche Widersprüche in Chamberlains Argumentation hin, um
zu zeigen, dass dieser sich »Hinterthüren« offenhalte, sich also gegen Einwände
abschotte. So erlaube etwa die unpräzise Begriffsbildung je unterschiedliche und
kontradiktorische Auslegungen und harmonisiere gewünschte Ergebnisse, stets

27 Ebenda, 22. Dezember 1899, Nr. 292, S. 2, ebenso: Kritische Urteile, S. 27.
28 Hermann von Keyserling, Priorität und Originalität, in: Beilage zur Allgemeinen Zeitung, 13. Januar
1903, S. 67, Nachlass Chamberlain.
29 Die Besprechung, erschienen in den Sonntagsbeilagen Nr. 10 und Nr. 11 zur Vossischen Zeitung
Nr. 115/127 vom 9. und 16. März 1902, umfasst rund 11 großformatige Zeitungsseiten, doppel-
spaltig gesetzt. Nachlass Chamberlain. Mathieu Schwann, 1859 geboren, absolvierte zunächst eine
Apothekenlehre, sodann ein Gesangsstudium in Köln und München, studierte danach Philoso-
phie, Germanistik und Archivkunde und war publizistisch tätig. Ab 1906 richtete er an der Köl-
ner Handelskammer ein Wirtschaftsarchiv ein, das er bis 1919 leitete. Er gab Schriften zur rheinisch-
westfälischen Wirtschaftsgeschichte ab 1910 heraus, und schrieb verschiedene Bücher; u. a. Sophia.
Sprossen zu einer Philosophie des Lebens, Leipzig 1899; Der Sinn der deutschen Geschichte, Berlin 1916,
sowie eine dreibändige Illustrierte Geschichte von Bayern, Stuttgart 1890–94, und eine Geschichte der
Kölner Handwerkskammer, Köln 1906.
178 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

unter dem Etikett der künstlerischen Zusammenschau. Der 1876 als Zentralorgan
der deutschen Sozialdemokratie gegründete Vorwärts bezeichnete, wie kaum an-
ders zu erwarten, den »Mangel einer wissenschaftlichen Methode« als Grundübel,
verantwortlich für »die ungeheuerliche Verschwommenheit des Ziels, die ihn
[Chamberlain, U. B.] auf seinen mehr als tausend Seiten nicht aus dem hilflosen
Hin und Her flüchtiger Andeutungen herauskommen läßt«. Ähnlich scharf urteilte
die fachwissenschaftliche Historische Zeitschrift. Für sie handelte es sich in den
Grundlagen um eine »aprioristische Geschichtskonstruktion«, in der sich »überall
der Mangel an Fachkenntnis« zeige.30 Beigebrachte Beispiele sollten belegen, dass
Chamberlain, sobald es um wissenschaftlich umstrittene Detailfragen gehe, »nicht
die leiseste Ahnung« von den eigentlichen Fragen der aktuellen wissenschaftlichen
Kontroversen habe. Selbst Zeitschriften, die zu Chamberlain eher wohlwollend
standen, bezweifelten doch die Sinnhaftigkeit seiner grundsätzlichen Selbstveror-
tung zwischen Wissenschaft und Kunst. So etwa warf ihm die schon zitierte Zeit-
schrift für Philosophie und Pädagogik vor, die »exakte Forschung […] in einer Weise
außer acht zu lassen, die dem Buche stellenweise das Gepräge des Unwissenschaft-
lichen giebt«.31
Alle diese Einwände zielten über die Problematisierung der Selbstverortung
Chamberlains zwischen Wissenschaft und Kunst auch auf die damit zusammen-
hängende Grundthese, wonach die Geschichte eine Geschichte der Rassenkämpfe
und der Durchsetzung der besten Rassen sei. Auch wenn die Rassenfrage im
19. Jahrhundert als eine seriöse interdisziplinäre Frage galt – was im nachfolgenden
Kapitel eingehender thematisiert werden soll –, so wurde die Fokussierung des
kultur- und geschichtsphilosophischen Ansatzes Chamberlains auf diesen Aspekt
auch von eher wohlwollenden Rezensenten kritisch, weil zu monokausal gesehen.
Unabhängig von der inhaltlichen Bewertung der von Chamberlain aus seinen
Überlegungen gezogenen Resultate stellt sich freilich die Frage, ob dieser Vorwurf
berechtigt ist.
In einem allgemeinen Sinne lässt sich wohl sagen, dass Geschichtsschreibung
immer Konstruktion ex post ist, dass Geschichte stets unter spezifischen Blickwin-
keln rekonstruiert wird und jede Rekonstruktionen defizitär bleibt, weil sie dem
Zwang der Selektivität unterliegt. Geschichtsschreibung war und ist stets, wie die
Geschichte ihrer Entwicklung zeigt32, abhängig von den jeweils vorherrschenden
ideologisch-weltanschaulichen Denkmustern und den gesellschaftlich-politischen
Kontexten. Dominante Denkmuster in Gesellschaft und Politik, bei Wissenschaft-
lern und Intellektuellen prägen unwillkürlich auch die Sicht auf die Geschichte.
Änderungen gesellschaftlicher, politischer, wissenschaftlicher und intellektueller
Werte, Wandel normativer Einstellungen wirken sich zwangsläufig auch auf die

30 Historische Zeitschrift, Bd. 28 NF, S. 480, Nachlass Chamberlain.


31 Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik, VIII. Jg., Heft 3, 1901, S. 233, Nachlass Chamberlain.
32 Vgl. dazu den Überblicksbeitrag Geschichte in: Otto Brunner et al. (Hrsg.), Geschichtliche Grund-
begriffe, Bd. 2, S. 593 ff.
Zeitgenössische Kritiken 179

Geschichtsschreibung aus. Seit der Antike und den antiken Geschichtsschreibern


haben sich daher die ›Geschichtsauffassungen‹ im Laufe der Zeiten immer wieder
grundlegend gewandelt, je nachdem, welche Aspekte im Vordergrund des Interes-
ses der Historiker standen. War es in der Antike die Beschreibung großer politi-
scher und militärischer Führer und unbekannter Völker, so entwickelte die mittel-
alterliche Historiographie eine Vorliebe für Kaiser, Fürsten, Päpste und Heilige.
Von der Hofbiographie der Kaiser über Papst- und Kirchengeschichte hin zur
Nationalgeschichte des 19. Jahrhunderts, von der Persönlichkeitsorientierung hin
zur Wirtschafts-, Gesellschafts- und Politikgeschichte, von der Nationalgeschichte
zur Universalgeschichte, von der Strukturgeschichte hin zur Begriffsgeschichte –
die Aspekte, die für Geschichtsschreibung relevant, oftmals auch ausschlaggebend
waren, orientierten sich stets an den wechselnden Erfahrungen der Menschen, den
wechselnden Perspektiven der Wissenschaftler und Intellektuellen. Erst im
18. Jahrhundert setzt mit der Aufklärungsphilosophie eine systematische Reflexion
über Geschichte und Geschichtsschreibung ein und im 19. Jahrhundert beginnt
mit Leopold von Ranke die Ausbildung eines kritischen Methodenbewusstseins in
der Behandlung von Quellen und Materialien.33 Gleichwohl blieb der Blick der
Historiker unterschiedlich auf unterschiedliche Felder gerichtet: es gab die Ge-
schichte von Fürstenhäusern, von großen Persönlichkeiten, von Nationalstaaten
und Regionen, es gab die Darstellung großer Schlachten, der kolonialen Erobe-
rungen, der Diplomatie, auch der Kirchengeschichte, schließlich auch die kritische
Auseinandersetzung mit den überlieferten biblischen Schriften, kurz, es gab eine
Vielzahl unterschiedlicher Aspekte, die an die Geschichte angelegt werden konn-
ten, für die Materialauswahl entscheidend waren, aber zugleich und unvermeidlich
selektiv sein mussten.34 Angesichts solcher konkurrierender Pluralität hatte zu-
nächst einmal die von Chamberlain für sich in Anspruch genommene, faktenba-
sierte, subjektiv eingefärbte, historisch-weltanschauliche Synthese als Grundlage
eines geschichtstheoretischen oder auch geschichtsphilosophischen Entwurfs die-
selbe Berechtigung wie seine axiomatische These, die europäische Geschichtsent-
wicklung sei das Ergebnis der Auseinandersetzung von Rassen, Rassenmischungen
und am Ende der Überlegenheit der germanischen Rasse. Die Frage war weniger,
ob es erlaubt war, einen solchen rassentheoretischen Ansatz zur Erklärung der eu-
ropäischen Geschichte zu wählen, denn er war zunächst nur einer unter mehreren,
mit denen er sich messen musste Die Frage war eher, ob Rasse ein wissenschaftlich
eindeutiger und analytisch brauchbarer Begriff war und sich mit der Rassentheorie
– und mit welcher? – die historische Entwicklung des alten Kontinents besser,

33 Vgl. G. P. (Georg Peabody) Gooch, Geschichte und Geschichtsschreiber, bes. S. 87 ff. Gooch gibt
einen Überblick über die systematische Entwicklung der Geschichtsschreibung in Europa, und
hier sieht man, welche konkreten Entwicklungen die jeweils analytischen Ansätze hervorge-
bracht bzw. beeinflusst haben.
34 Vgl. dazu neben Gooch auch Eduard Fueter, Geschichte der neueren Historiographie. Handbuch der
mittelalterlichen und neueren Geschichte, München 1936, Zürich 1985; Christian Simon, Historiogra-
phie. Eine Einführung, Stuttgart 1996.
180 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

umfassender und überzeugender erklären ließ als mit den bisherigen Ansätzen der
Geschichtsforschung.
Es war wenig überraschend, dass die Generalthese Chamberlains, wonach die
Rasse die entscheidende Kraft der historischen Gestaltung und die Germanen die
eigentlichen Begründer und Träger der europäischen Kultur seien, sofort in den
Fokus der kritischen Aufmerksamkeit geraten musste. Alle inhaltlich gewichtigen
Besprechungen gingen folgerichtig auf diesen Gesichtspunkt ein, und zwar je nach
der gesellschaftlich-politischen und damit ideologischen Ausrichtung des Rezen-
senten oder der Zeitung bzw. Zeitschrift. Der Vorwärts, um ihn noch einmal zu
zitieren, warf Chamberlain historische Einseitigkeit und Selektivität vor, lehnte
seine daraus entspringende neue Chronologie der Geschichte ab, ebenso seine
antidemokratische und politisch reaktionäre Gesinnung, seinen Antisemitismus,
seine »talmudische Spitzfindigkeit«, seine falschen Angaben (z. B. Engels sei Jude),
und bezeichnete das Werk insgesamt als »ausbündiges Gefasel«.35 Die politische
Linke, so lässt sich generell festhalten, verwarf den rassistischen Ansatz in tot ebenso
wie die Germanophilie, erst recht aber die auf dem Rassengedanken aufbauenden
Einzelanalysen, was aus der Sicht einer marxistischen oder auch nur marxistisch
angeleiteten Geschichtstheorie und Geschichtswissenschaft nur folgerichtig war.
Dagegen sympathisierten selbst liberale Zeitungen wie die Frankfurter Zeitung
mit Chamberlains Konzept. Es wurde zustimmend referiert und die Abgrenzung
gegen Gobineau positiv nachvollzogen. Der Verfasser liefere »eine ausgezeich-
nete […] Theorie der Rassenbildung, die wir als die Vollendung unserer eigenen
begrüssen«36, hieß es da, und das zielte vor allem auf Chamberlains These, wonach
die Rasse nichts Ursprüngliches sei, sondern etwas Gewordenes. Die Deutsche Zei-
tung in Wien referierte verschiedene Stimmen zu Chamberlain und zog am Ende
das Resümee, dass dessen Rassentheorie »den Beweis seiner starken, freien, künst-
lerischen Persönlichkeit erbracht habe und mit Jubel willkommen geheißen wer-
den muß«.37 In der Allgemeinen Zeitung fand der Rezensent Chamberlains Rassen-
begriff gerade dadurch überzeugend, dass dieser die bloß biologische Grundierung
verlasse und das »wesentliche und Eigentliche jeder reinen Rasse« im »Rassenbe-
wußtsein« finde, was sich im Hinweis auf die Verbindung von Rasse und Nation
darstelle, wobei das »politische Zusammengehörigkeitsbewusstsein, das dem Be-
griff der Nation zugrundeliegt, […] ein modifiziertes, d. h. auf ein gewisses Ziel
gerichtetes, also noch nicht zu einer vollen Allgemeinheit ausgebildetes Rassenbe-
wußtsein« sei. Zugleich aber wird festgehalten, der Hinweis auf das Blut bei Ras-
senmischungen führe jenen Biologismus wieder ein, der zuvor verabschiedet wor-
den sei, wodurch Chamberlain seine eigene Leistung relativiere und das »sichere
ethnologische Fundament« seines Rassenbegriffs wieder verspiele.38 Ähnlich die

35 Vorwärts, 19. Dezember 1899, Nachlass Chamberlain.


36 Frankfurter Zeitung, 30. März 1899, Nachlass Chamberlain.
37 Deutsche Zeitung, Wien, 2. März 1900, Nachlass Chamberlain.
38 Allgemeine Zeitung, 22. Dezember 1899, S. 3; Kritische Urteile, S. 30.
Zeitgenössische Kritiken 181

Vossische Zeitung, die den Rassenbegriff widersprüchlich fand, weil die Qualität der
Rasse nicht nur die Qualität der Ideen bestimme, wie bei Chamberlain, sondern
umgekehrt die Ideen auch Ursachen für die Rassenentwicklungen sein könnten.
Wenn etwa nach Chamberlain ›ein rein humanisierter Jude kein Jude mehr sei‹,
dann sei »die ganze Rassedarlegung eigentlich umsonst. […] Um aber hierin zu
gelangen, wo Chamberlain jetzt mit seinen reinhumanisierten Juden trotz seiner
Gegnerschaft gegen eine hypothetische Humanitas steht, hätte er den rascheren
und schnelleren Weg einschlagen können, indem er die Gleichheit aller Menschen
anerkannt und gesagt hätte: in jedem Menschen schlummert der reinhumanisierte
Mensch.«39 Ein Sonderfall war die mehrseitige Betrachtung zu den Grundlagen, die
von Chamberlains Bewunderer Hermann Graf Keyserling stammte. Zur Rassen-
frage hieß es da: »Jedes aristokratische Prinzip ist Rassenprinzip, und daß der aris-
tokratische Standpunkt älter ist als der demokratische, wird wohl kein vernünftiger
Mensch leugnen wollen. Auch die Rassenfrage gehört zu den ältesten, die je von
Menschen aufgeworfen und beantwortet wurden. Nun frage ich aber: hat je ein
Mensch vor Chamberlain die Rassenfrage so lebendig zu gestalten gewußt, dass sie
das Fundament einer ganzen, großartigen Anschauung werden konnte? Ich glaube
nicht.«40
Bedenken trugen selbst manche konservative Zeitungen vor. So meinten die
Münchner Neuesten Nachrichten, bei aller Großartigkeit des Gedankens, die Germa-
nen seien die Kulturträger Europas, erwecke die Rassentheorie doch starke Zwei-
fel. »Wenn so starke Rassen wie die Griechen und Römer durch die Mischung mit
disparatem Blut so bald und so rettungslos verkommen, wie Chamberlain an-
nimmt, so müßte er doch, wollte er konsequent sein, dieselbe Gefahr auch für die
Germanen zugestehen. […] Wenn also Chamberlains Theorie zutrifft, so müssen
die heutigen Germanen in einigen Jahrhunderten unfehlbar bastardisiert sein.
[…] Oder soll gerade die germanische Rasse physisch und psychisch gegen die
verderbliche Wirkung des vergifteten Blutes gefeit sein? […] Kurz, die Rassen-
theorie Chamberlains ist viel zu einseitig und reicht zur Erklärung des Welträthsels
nicht aus. In Wahrheit wirken im Leben der Völker neben der Rasse noch eine
Reihe anderer Faktoren, wie die politischen, religiösen und wirthschaftlichen
Verhältnisse.«41 Selbst die reaktionäre preußische Kreuzzeitung stimmte dem rassis-
tischen Ansatz nur bedingt und nicht ohne Vorbehalte zu. In einer zweiteiligen,
mehrere Seiten umfassenden Darstellung der Grundlagen führte sie gegen Cham-
berlain an, er führe gegen »die neuesten wissenschaftlichen Richtungen« eine
»haarscharfe Klinge«, vor allem gegen die Darwinisten, gegen den »leichtfüßigen
Kritizismus der Philologen und Historiker«, gegen den »Lärm der Fortschrittsdok-
trinäre« sowie gegen Nietzsches Dekadenzphilosophie. Sie lobte das breite Wissen

39 Sonntagsbeilage Nr. 11 zur Vossischen Zeitung Nr. 127, 16. März 1902, S. 93, Nachlass Chamber-
lain.
40 Hermann Graf Keyserling, Priorität und Originalität, S. 67.
41 Münchner Neueste Nachrichten, 14. Januar 1900, Nachlass Chamberlain.
182 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

und die Unabhängigkeit des Denkens. Doch mit seiner Rassentheorie war sie
nicht völlig einverstanden, weil diese widersprüchlich und inkonsequent sei. Man
finde, heißt es am Ende, in diesem Buch »so viel Richtiges und Gutes neben dem
Verschrobensten und Übertriebensten, dass man eben ein neues Buch schreiben
müsste, wenn man dem Richtigen gerecht werden und das Schiefe gerade biegen
wollte.«42 Für ein politisch-reaktionäres Blatt wie die Kreuzzeitung ein erstaunlich
negatives Urteil.
Die aus den Rassenthesen resultierende Polarisierung zwischen Germanen und
Juden war ein weiterer zentraler Punkt, den die Kritik sich vornahm. Mathieu
Schwann widmete in seiner schon zitierten Kritik in der Vossischen Zeitung diesem
Thema längere Ausführungen und kennzeichnete Chamberlains Haltung als »in-
stinktiven Niedertrachtsantisemitismus«. Er suchte die These, wonach Christus
arischer Herkunft gewesen sei, zu widerlegen und sah in der von Chamberlain
gezeichneten Herausbildung der Juden aus den Semiten, Hebräern, Israeliten zu
»immer engeren Spezifikation«, verbunden mit jüdischer Inzucht und der Vor-
herrschaft des Gesetzes, einen »Antisemitismus allererbärmlichster Sorte«, geboren
aus »den Niederungen des Hasses«.43 Chamberlain stelle in den Juden eine Rasse
und ein Volk vor, »das moralisch, physisch und ideell ein Scheusal und Monstrum«
sei, und überall dort, wo im Judentum »edlere, feinere und grössere Naturen« sich
zeigten, seien es ihm zufolge keine Juden gewesen: »Giebt es im Judenthum edle
Regungen, in seiner Religion edle Vorschriften, Satzungen, Mahnungen, so sind
sie eben anderswo hergeholt, entlehnt, gestohlen.« Und überall dort, wo Völker
erbärmlich, niederträchtig, scheußlich gewesen seien, müsse das semitisch-jüdi-
schem Einfluss zugeschrieben werden.
In der Christlichen Welt, der führenden theologischen Zeitschrift des Kultur-
protestantismus im Kaiserreich, erschien eine ausführliche Besprechung der Grund-
lagen von Gustav Krüger44, einem der wirkungsstärksten liberalen Theologen der
Kaiserzeit und später der Weimarer Republik. Krüger bemängelte bei Chamber-
lain zahlreiche historisch falsche Einzelurteile und zwanghaft hergestellte Zusam-
menhänge bezüglich der Geschichte des Judentums (Kapitel 3 der Grundlagen),
meinte aber zusammenfassend doch, Chamberlain besitze, trotz aller Einwände im
Einzelnen, »einen besseren Instinkt als mancher Fachgelehrte«, so dass »viele seiner
Urteile im innersten Kerne Richtiges enthalten, auch wo sie mit den Tatsachen in

42 Kreuzzeitung, 10. April 1900, Nachlass Chamberlain.


43 Sonntagsbeilage Nr. 11 zur Vossischen Zeitung, Nr. 127, 16. März 1902, S. 92 f., Nachlass Cham-
berlain.
44 Gustav Krüger (1862–1940) war einer der führenden liberalen Theologen seiner Zeit, Schüler
von Adolf von Harnack. Er hatte in Heidelberg, Jena, Gießen und Göttingen studiert, wurde
1884 promoviert und habilitierte sich für Kirchengeschichte. 1889 wurde er zum außerordentli-
chen Professor in Gießen ernannt, 1891 zum ordentlichen Professor. Sein Einfluss auf die Theo-
logie seiner Zeit war beträchtlich. Er hatte zahlreiche wichtige Ämter inne, wurde 1927 emeri-
tiert und wandte sich gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Nach 1933 war er aktiv in
der Bekennenden Kirche.
Zeitgenössische Kritiken 183

Konflikt zu geraten scheinen.« So sei im Kapitel über den Eintritt der Juden in die
Weltgeschichte »gewiss viel Angreifbares, aber viel mehr Richtiges, ja frappierend
Richtiges«.45 Ein Urteil, das die direkte Auseinandersetzung mit Chamberlains An-
tisemitismus theologisch ›elegant‹ umging, um so die Grundlage des Antisemitis-
mus zu rechtfertigen – von einem der führenden Theologen, der selbst kein dezi-
dierter Antisemit war. Ein Beispiel dafür, wie verschlungen, widersprüchlich,
doppeldeutig, zwiespältig und ambivalent Kritik und Rezeption dieses Bestsellers
verliefen.
In der angesehenen Literarischen Welt schrieb Ernst von Wolzogen innerhalb
einer die Details diskutierenden, die von Bayreuth inspirierte künstlerische Syn-
these46 betonend, zum Antisemitismus in den Grundlagen: »Aber während nicht
wenige jener braven Wagnerianer, von des Meisters Schrift über Das Judentum in
der Musik befruchtet, aus ihrem Gehirn nur einen blöden Antisemitismus geboren
haben, der sie allüberall Ritualmord und Alliance israélite wittern lässt, so finden
wir bei Chamberlain eine so phantastisch-imposante und dabei ernst-wissenschaft-
liche Darstellung des Gegenstandes, dass nur der beschränkte Horizont jüdischer
Pressekulis darin noch antisemitische Böswilligkeit erblicken könnte.«47
Doch gerade bei einem »jüdischen Pressekuli« wie Maximilian Harden er-
schien eine überaus positive Besprechung. In Die Zukunft, in der auch Chamber-
lain gelegentlich publizierte, hieß es schon früh in einem Beitrag, die Grundlagen
seien ein »so grundstürzendes, alle Errungenschaften über den Haufen werfendes,
mit den schwierigsten Problemen förmlich spielendes Werk, dass man sich recht,
recht klein vorkommt. Aber dann tröstet einen […] der Gedanke: es gibt eben
nicht alle Augenblicke einen Leibniz, einen Bayle, einen Winkelmann, ein Hum-
boldt-Brüderpaar, einen Chamberlain.«48 Wobei angefügt werden muss, dass im
folgenden Jahr ebenfalls in der Zukunft eine scharfe Abrechnung veröffentlicht
wurde, von der sich Harden allerdings, auf entsprechende Beschwerde Chamber-
lains hin, distanzierte.49
Die Urteile reichten, das zeigen diese wenigen Zitate, von radikaler Ableh-
nung bis hin zu vorsichtiger Thematisierung und von verhaltener bis zur offenen
Zustimmung, gerade auch bei akademisch und literarisch gebildeten Autoren, die
einem argumentationskruden und vulgären Antisemitismus nicht anhingen, die
›Judenfrage‹ aber als relevant ansahen.

45 HSC, Kritische Urteile, S. 67 f.


46 Dazu schrieb HSC in einem Brief: »Also, ich sollte es doch erleben! – eine Kritik nämlich, wel-
che das hervorhebt, was mir die Hauptsache ist – die künstlerische Gestaltung. […] Sie meinen,
meine Auffassung der Rasse sei Wagnersches Erbgut? […] ich habe Wagners Schriften (und
Gobineaus usw.) erst zu einer Zeit kennengelernt, als ich seit etwa 15 Jahren eifrig Naturwissen-
schaft trieb.«; Briefe, Bd. 1, S. 83 f.
47 HSC, Kritische Urteile S. 83.
48 Ebenda, S. 91.
49 Sven Brömsel, «Wir leben unter sehr dummen Menschen«, in: wagnerspectrum 2/2005, S. 111 ff.; das
Zitat auf S. 115 f.
184 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Noch ein weiteres Kapitel der Grundlagen erregte die besondere Aufmerk-
samkeit der ersten Kommentatoren: das siebente über die Religion und damit ver-
bunden der sechste Abschnitt über Weltanschauung und Religion. Da Chamberlains
Religionsverständnis und seine Vorstellungen von einem entkirchlichten Christus-
glauben in einem gesonderten Kapitel abgehandelt werden, sollen hier nur einige
wenige Beispiele für die Reaktionen der Kritik angeführt werden.
Bereits Field hat in seiner Studie zu Chamberlain darauf hingewiesen, wie
unterschiedlich die Reaktionen der Kirchen und ihrer Repräsentanten auf dessen
Ausführungen waren. Field verwies anhand von ausgewählten Beispielen darauf,
dass die katholischen Publikationen über die Angriffe Chamberlains auf die katho-
lische Kirche und die Jesuiten empört reagierten und sie als Verleumdungen ebenso
zurückwiesen wie dessen These, die römische Kirche habe das Erbe Roms ange-
treten, mit allen Negativfolgen, die damit verbunden seien.50 Chamberlains Anti-
katholizismus, den er später differenzierte in ›deutsche Katholiken‹, die national
gesinnt seien, und ›ultramontan-römische‹, die der übernationalen Kirche anhin-
gen; seine Kritik an Rom, die überdies mit einer starken antikatholischen Stim-
mung um die Jahrhundertwende einherging, repräsentiert im 1886 gegründeten
Evangelischen Bund, fand auch in weiten protestantischen Kreisen Zustimmung.
Wie diese Stimmung sich artikulierte, lässt ein Zitat Ernst von Wolzogens erahnen:
»Ganz meisterhaft ist seine Darstellung der Kirchengeschichte zu nennen. Es gibt
wohl kein Buch, das diesen so überaus verwickelten, schwer zu behandelnden
Gegenstand dem Laien so klar und übersichtlich vor Augen führte. Die Kenn-
zeichnung des römischen Katholizismus als einer Frucht des Völkerchaos und eines
Erben des römischen Imperiums ist ausgezeichnet durchgeführt. Chamberlains
Darstellung zwingt uns zur Bewunderung der ausserordentlichen Logik und uner-
bittlichen Konsequenz in dem Walten dieser römischen Hierarchie und öffnet uns
zugleich die Augen über den furchtbarsten Feind unserer germanischen Kultur.«51
Von vielen Rezensenten, die gegen einzelne Deutungen durchaus Vorbehalte
hatten und Einspruch erhoben, wurde die generelle Betonung der Bedeutung der
Religion nachdrücklich begrüßt. So fand beispielsweise die Hervorhebung Christi
und die aus seinem Geiste geforderte religiöse Wiedergeburt eines ›authentischen‹
germanischen Christentums in der Neuen Zürcher Zeitung enthusiastische Zustim-
mung: »Das ist nun allerdings eine andere Sprache als die unserer landläufigen
Theologen«, schrieb deren Rezensent und meinte, Chamberlain trage die wichtigs-
ten Fragen der Religion wieder unter die Gebildeten, »ehrfurchtsvoll und hinreis-
send beim Erhabenden und unbarmherzig gegenüber dem Schein und der Lüge«.52
In der schon zitierten Christlichen Welt notierte der Theologieprofessor Krüger,
trotz mancher Einwendungen zu Einzelheiten empfehle er den Abschnitt zur
Frage, ob Christus Jude gewesen sei, »ernster Überlegung«, denn ganz aus der Luft

50 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 235 ff.


51 Ernst von Wolzogen, Das literarische Echo, 1. Februar 1900, in: Kritische Urteile, S. 83 f.
52 Neue Zürcher Zeitung 9. Februar 1900, in: Kritische Urteile, S. 49.
Zeitgenössische Kritiken 185

gegriffen sei diese Frage nicht. Auch die These, Paulus sei kein »rassereiner Jude«
gewesen, wollte er nicht ohne Weiteres verwerfen, wenngleich ihm die Belege
dafür fehlten. Völlig stimmte er freilich dem Luther-Bild zu, das Chamberlain
zeichnete: »Wie kongenial ist das Verständnis des Verfassers für Luther’s Reforma-
tion. […] Wie anschaulich ist der Kontrast zwischen dem Urgermanen Luther und
seinem Widerspiel in der Weltgeschichte, Ignatius von Loyola […]«53, schrieb er,
und fügte an, das Buch sei eine »ethische Tat«, trage eine »große apologetische
Kraft« in sich, dem »unsere christliche Welt mehr zu danken haben wird als Hun-
derten von gut gemeinten Schriften, die sich mit dem ›Beweis des Glaubens‹ ab-
quälten.«
Barbara Liedtke hat in ihrer Arbeit eine Fülle von überwiegend positiven
Kommentaren zu Chamberlains Religionsverständnis seitens – nicht nur den Völ-
kischen zuneigenden – protestantischer Theologen zusammengetragen, auf die
hier nachdrücklich verwiesen wird.54 Da erstaunt es, wie stark cum grano salis die
Zustimmung zu Chamberlains Position ist und wie nachdrücklich in ihm ein be-
deutender Innovator des religiösen Lebens gesehen wird. So schreibt etwa der Je-
nenser Theologe Heinrich Weinel, Chamberlains Zeichnung der Persönlichkeit
Jesu sei die vollkommenste, »die jemals ein Nichttheologe geliefert hat«, und sie
überrage »die Darstellung fast aller Theologen an Kraft und Geschlossenheit«.55 Im
Umfeld der Christlichen Welt attestierten Rezensenten Chamberlain »ein warmes
Verständnis für das Wesentliche am Christentum« und »eine Fülle vortrefflicher
Beobachtungen« zur Germanisierung des Christentums. Selbst Adolf von Harnack,
Wissenschaftsstar des Kaiserreiches und führender Theologe seiner Zeit, auf den
Chamberlain sich seinerseits immer wieder bezogen hatte, war von den Grundlagen
und vor allem deren Ausführungen zur Religion tief beeindruckt. Dieser habe, so
berichtet Chamberlain in einem Brief an seine englische Tante Anne Guthrie, dem
Kaiser gegenüber gesagt, niemand anders in der Welt sei fähig, das Kapitel über
Christus so zu schreiben wie Chamberlain; alle Theologen der Welt seien unfähig,
die christliche Religion so darzustellen, wie er es getan habe. Wenn er, Harnack,
dieses einzige Kapitel so geschrieben hätte, wäre er stolz auf sich.56 Sein positives
Urteil gerade über diesen Teil der Grundlagen hat Harnack noch mehrfach wieder-
holt. Er hat das Buch »theologisch aufklärend« genannt und Chamberlain in eige-
nen Arbeiten, so in seinem Wesen des Christentums, auch in späteren Auflagen zi-
tiert und genannt. Eine höhere theologische Weihe konnte diesem nicht
widerfahren.
Dass es kritische bis sehr kritische Urteile gab, braucht kaum eigens betont
werden. Gegen viele Einzeldeutungen Chamberlains formulierten Fachtheologen

53 G. Krüger in: Christliche Welt, Jg. 1900, 18. Oktober, in: Kritische Urteile, S. 63; 67; 68 f.; vgl. auch
Wolfram Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum, S. 209.
54 Barbara Liedtke, Völkisches Denken, S. 126 ff.
55 Ebenda, S. 131; dieses Urteil ist, wie Liedtke anmerkt, später leicht korrigiert worden, als zu sehr
germanisiert und modernisiert; hier auch das folgende Zitat.
56 Brief abgedruckt bei Wolfram Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum, S. 208, Anm. 7.
186 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Einwände, so etwa gegen die Verbindung von Religion und Rasse, weil sie den
Rassengesichtspunkt für überbetont oder völlig verfehlt hielten.57 Gleichwohl
war die Kritik, alles in allem, überwiegend positiv. »Der geistvollste und anre-
gendste Abschnitt des Buches ist der über Weltanschauung und Religion; gerade
die volle Würdigung der Bedeutung, welche die Religion für die Entwicklung
der Menschheit hat, ist ein Vorzug des Buches.«58 Das war ein Urteil, das weithin
vorherrschte.

Bayreuths gedämpfter Beifall


Chamberlain lebte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Grundlagen noch in
Wien. Aber er war doch, fern von Bayreuth, mit seinen (teilweise publizierten)
Wagner-Vorträgen und den beiden Wagner-Büchern, vor allem seiner großen
Wagner-Biographie, die ebenfalls ein Bestseller war und das Wagner-Verständnis
zu dominieren begann, zu einem der führenden Bayreuth-Intellektuellen gewor-
den. Seine von Anfang an herzliche und einvernehmliche Verbindung mit Cosima
Wagner sicherte ihm eine dominante Stellung im innersten Zirkel des Bayreuther
Kreises, noch vor dem intellektuell weniger eindrucksvollen Hans von Wolzogen,
der als alleiniger Herausgeber der Bayreuther Blätter nicht nur direkt neben Wahn-
fried wohnte, sondern auch das papageienhafte Sprachrohr Wahnfrieds war, ohne
allzu große geistige Eigenständigkeit. Obgleich Wolzogen seine eigene Position
sehr anders sah und die Rolle des Primus inter pares beanspruchte, hatte er doch in
seiner Provinzialität und geistigen Engstirnigkeit der intellektuellen Überlegenheit
Chamberlains und dessen Kosmopolitismus wenig entgegenzusetzen. Der wiede-
rum zeigte, dass man nicht in Bayreuth leben musste, um zum eigentlichen Erbe
der Wagner’schen Weltanschauung aufzurücken.
Auch wenn in manchen Kritiken moniert wurde, das Gesamtkonzept der
Grundlagen stehe zu sehr »unter dem Banne des Bayreuther Meisters«59, so fand
Cosima, dass gerade dies zu wenig deutlich werde, und hatte, trotz grundsätzlicher
Zustimmung, dementsprechend viele Einwendungen, die sie aber gleichzeitig in
Komplimente verpackte. So kritisierte sie, um ein paar Beispiele zu geben, die
Darstellung der Griechen als zu einseitig, widersprach Chamberlains Auffassung
der jüdischen Propheten und seinen Überlegungen zum arischen Christus, ver-
misste Bruno Bauers Kritik der Evangelien, schlug sogar vor, das Kapitel über
Religion noch einmal korrigierend und ergänzend vorzunehmen. In immer neuen
Briefen notierte sie eine Fülle weiterer Einzelheiten, auch stilistischer ›Schiefhei-
ten‹, die sie Chamberlain mitteilte. Der replizierte stets höflich, räumte ein, dass er

57 Barbara Liedtke, Völkisches Denken, S. 132.


58 Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik, VIII. Jg., Heft 3, 1901, S. 243.
59 Arthur Drews in: Die Gegenwart, 12. August 1899, Nachlass Chamberlain.
Bayreuths gedämpfter Beifall 187

von der »Bayreuther Welle«60 getragen werde, was Cosima beruhigen sollte,
stimmte scheinbar auch dem einen oder anderen Einwand zu, blieb aber angesichts
seines überwältigenden Erfolgs insgesamt auf Distanz und bei dem, was er ge-
schrieben hatte61: völlig unabhängig von Bayreuth und dortigen Wünschen und
Weisungen seine Grundlagen verfasst zu haben, was in späteren Briefen noch mehr-
fach betonte.
Cosima war nicht die Einzige, die aus dem Bayreuther Umfeld Chamberlain
zu korrigieren suchte. Geradezu eine Bombe zündete der Kunsthistoriker Henry
Thode, seit 1886 mit Daniela von Bülow verheiratet, der ältesten Tochter aus der
Ehe Cosimas mit Hans von Bülow. Thode veröffentlichte im März 1900 im mei-
nungsbildenden Literarischen Centralblatt für Deutschland eine kurze Besprechung, in
der er Chamberlain vorwarf, er habe sich von Wagner und Gobineau unberech-
tigterweise distanziert; denn er habe Wagners Thesen zum Christentum, dessen
Gegnerschaft gegen das Alte Testament und Jahwe zur Grundlage der eigenen
Kritik des Christentums gemacht, wie er auch die These von den kulturschaffen-
den Germanen von Gobineau übernommen habe. Ebenso Wagners Kritik an der
katholischen Kirche, dessen Überzeugung vom Verderb der weißen Rasse durch
Rassenvermischung sowie dessen Meinung, der römische Staatsgedanken habe ne-
gativ auf das deutsche Volk gewirkt. Man dürfe sich wundern, so schrieb Thode,
dass diese Übernahmen weder im Vorwort noch im Buch erwähnt würden: »Hält
man sich an das Wesentliche, so darf man sagen, Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts
sind eine Ausführung der besonders in Religion und Kunst von Richard Wagner
ausgesprochenen Ideen.«62
Das war im Kern der Vorwurf eines geistigen Plagiats, auch der Vorwurf, Ei-
genständigkeit dort vorgetäuscht zu haben, wo direkte Abhängigkeit von Bayreuth
bestehe. Statt der Distanz zu Bayreuth sei eigentlich das Bekenntnis zum Ursprung
seiner Erkenntnisse zwingend gewesen, meinte Thode. Doch er verkannte, dass
der Anschluss Chamberlains an einige Grundüberzeugungen Wagners keineswegs
dessen intellektuelle Abhängigkeit vom Bayreuther Meister bedeutete. Die Grund-
lagen gingen in fast allen behandelten Themen weit über Wagner hinaus und dort,
wo Chamberlain an dessen Thesen anzuschließen schien – wie etwa in der Frage
des Verhältnisses von Altem und Neuem Testament –, berief er sich zu Recht auf
eine allgemeine Diskussion und die einschlägige Literatur seiner eigenen Zeit, die
auch Wagner teilweise zur Kenntnis genommen hatte. Dass in den Grundlagen
manches im Geiste Wagners geschrieben war, hieß nicht, ihn einfach plagiiert zu
haben. Es kam nicht nur auf den ›Geist‹ an, entscheidend war die konkrete Ausfül-
lung der behandelten Themen. Thodes Kritik an den Grundlagen war ein schwerer
Angriff auf Chamberlains intellektuelle Selbständigkeit, und dass der ausgerechnet

60 Briefwechsel, S. 573 (Brief vom 31. Mai 1899).


61 Briefwechsel, S. 569 ff. (Brief vom 25. Mai 1899).
62 Henry Thode in: Literarisches Centralblatt für Deutschland, Jg. 51, 10. März 1900, Leipzig, Sp. 438,
zitiert nach: Winfried Schüler, Der Bayreuther Kreis, S. 116 f.
188 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Abb. 21: Henry Thode 1905

aus Bayreuth kam, musste diesen hart treffen; dass dieser Angriff mit Billigung
Cosimas publiziert wurde, verschärfte sein Gewicht noch zusätzlich.63 Und er
führte zu einer längeren, schweren Verstimmung zwischen Chamberlain und Bay-
reuth.
Zu diesem langandauernden Konflikt gab es sowohl zwischen Cosima als auch
zwischen Thode und Chamberlain ein Hin und Her von Briefen, in denen Schär-
fen mit dem Versuch, versöhnlich zu wirken, einander abwechselten. Und es gab
zur dritten Auflage der Grundlagen ein neues Vorwort, in dem Chamberlain scharf
mit Thode abrechnete und seine grundsätzlich eigene Position auch zu Wagner
bestimmte. Cosima ging angesichts solcher tiefgehenden Kontroversen auf Distanz
zu Chamberlain, zeitweilig dieser ebenfalls auf Distanz zu Bayreuth. Chamberlain
war, wie er in einem Brief an Cosima schrieb, tief verletzt darüber, dass man in
Bayreuth »seine Fähigkeit, eigene Gedanken und Anschauungen zu haben, öffent-
lich in Frage gestellt« habe64, was man dort wiederum zu entschärfen suchte, ohne
den Vorwurf in der Substanz zurückzunehmen. Nach außen sollte der Anschein
einer weitgehenden Übereinstimmung gewahrt werden, nach innen waren die

63 Winfried Schüler, Der Bayreuther Kreis, S. 118; vgl. zu diesem Konflikt zwischen Cosima, Bayreuth
und Chamberlain auch Wolfram Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum, S. 233, Anm. 142, wo
die einschlägige Literatur dazu aufgelistet ist.
64 Zitiert nach Winfried Schüler, Bayreuther Kreis, S. 119.
Bayreuths gedämpfter Beifall 189

Verletzungen auf beiden Seiten umso schlimmer. Das zeigte sich auch daran, dass
dieser Konflikt über einige Jahre schwelte und nicht wirklich ausgeräumt werden
konnte. Noch 1905 schrieb Cosima einer engen Freundin: »Chamberlain schrieb
mir auch und ungemein wohlwollend. Allein, bei seinen jetzigen Äußerungen
überkommt mich ein früher nicht gekanntes Unbehagen, wie wenn ich einen
entgleisen sähe oder unter mir unfaßlichen Wandlungen schwinden. Man reicht
sich noch von beiden Seiten die Hand und erreicht sich nicht, man erhebt die
Stimme, aber sie trifft nur mehr das Ohr, und man findet nicht das rechte Wort
zueinander.«65 Vermutlich hat erst die Heirat Chamberlains mit Eva Wagner 1908
diesen jahrlangen Zwist entschärft, den alten Graben endgültig zugeschüttet –
wenn überhaupt.
Bei diesem Konflikt ging es freilich nicht nur um die Frage, ob Chamberlain
die geistige Urheberschaft Wagners für zentrale Thesen seines Buches verleugnet
hatte, nicht nur um die Deutungshoheit über Wagners Weltanschauung durch
Cosima, sondern auch darum, Bayreuth am Erfolg der Grundlagen teilhaben zu
lassen. Denn das versprach die geistige Vorherrschaft über weite Teile der konser-
vativen bis nationalistisch-völkischen Intelligenz, auch über solche, die mit Bay-
reuth und dem dort herrschenden Geist bis dahin wenig zu tun hatten. Vor dem
Hintergrund solcher Einflussquerelen musste Bayreuth nach außen sein grundsätz-
liches Einverständnis mit Chamberlain dokumentieren, intern freilich die geistige
Urheberschaft für sich reklamieren, um nach außen als die eigentliche Quelle und
weltanschauliche Inspiration zu erscheinen. Nicht zuletzt diesem Zweck diente
eine Serie von Besprechungen, die in den Bayreuther Blättern im Herbst 1900 er-
schien und die entsprechend ambivalent ausfiel: In oftmals überschwängliches Lob
waren Einwände und Korrekturen verpackt, die darauf hinausliefen, Chamberlain
die mangelnde Berücksichtigung der Bayreuther Sicht vorzuwerfen. Vermutlich
waren auch diese Besprechungen mit Cosima abgestimmt.
Den Anfang der Serie machte der Herausgeber der Bayreuther Blätter Hans
von Wolzogen selbst.66 Seine »Einführung« in die Grundlagen diente ausschließ-
lich dem Zweck, deren Nähe zum Bayreuther Gedanken67 herauszustreichen, zu-
gleich aber auch abweichende Einzelaspekte zu rügen. War der generelle Duktus
des Textes überaus lobend, so nur deshalb, um die zahlreichen Bayreuth-Defizite
umso schärfer zu monieren. Schon der Hinweis, das Werk habe nur »von einem
aus dem Kreis um Bayreuth« geschrieben werden können, machte die Bespre-
chungsstrategie klar: Es war, so Wolzogen, ein Werk, das ohne »das geistige und
künstlerische Bayreuth nicht möglich gewesen wäre«68, aber gleichwohl war es
doch kein Bayreuther Werk. Von »Weltgeschichte im Bayreuther Spiegel«

65 Ebenda, S. 120.
66 Chamberlain’s Grundlagen des XIX. Jahrhunderts. Eine Reihe von Berichten, in: BBl 1900, S. 321 ff.
67 Dazu Udo Bermbach, Richard Wagner in Deutschland, S. 2179 ff.
68 BBl. 1900, S. 322; da der Beitrag Wolzogens nur die Seiten 321 bis S. 330 umfasst, werden die
folgenden Zitate nicht einzeln nachgewiesen; sie sind leicht zu finden.
190 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

schrieb Wolzogen und meinte damit, Entstehung und Aufbau verdankten sich
sowohl Bayreuth wie Chamberlain, eine These, die den strikt auf seine geistige
Unabhängigkeit bedachten Chamberlain schwer verletzen musste. Nach einigen
Überlegungen, wie dies wiederum zu verstehen sei, schloss Wolzogen dann die-
sen Teil mit dem Schlussurteil ab, es sei ein »Werk im Spiegel der Bayreuther«.
Wie immer man diese verschrobene Wortdrechselei auch verstehen mag, der
Anspruch war unmissverständlich: Bayreuth empfand sich als geistiger Urheber
und Chamberlain als den nur ausführenden, schreibenden Arm. Bayreuth dixit,
causa locuta!
Für Wolzogen war der geistige »Faden«, der sich durch das ganze Werk zog,
Rasse und Persönlichkeit, die beide die »schöpferische Eigenart« des Germanischen
ausmachten. Was die Rasse als Grundlegung des Gesamtwerkes betraf, so war er
weithin einverstanden. Chamberlains weitgefasster Begriff des Germanen dagegen
fand seine deutliche Kritik: Kelten wollte er allenfalls als »arische Nächstverwandte«
gelten lassen, die Slawen nicht einmal dies. Obgleich er den transnationalen Cha-
rakter der Definition Chamberlains hervorhob, setzte er doch – explizit gegen
Chamberlain – Germanen und Deutsche gleich, und nahm damit eine entschei-
dende Verengung vor, gegen die Chamberlain sich mehrfach entschieden gewehrt
hatte. Gegen dessen These, wonach das Christentum, vornehmlich in seiner römi-
schen Form, den germanischen Freiheitswillen schmerzhaft eingeengt habe,
machte er geltend, »germanische Kultur habe überhaupt nur als christliche Kultur«
existiert, betonte dabei zugleich aber gegen Rom den »echt evangelischen« Geist
der Germanen. Gegen Chamberlain relativierte er die Bedeutung der Mystik, die
für dessen Religionsverständnis zentral war. Dass Juden und Jesuiten die Feinde
der Germanen seien, brachte ihn dann wieder in Übereinstimmung mit dem im
fernen Wien lebenden Bayreuther.
Schwer lastete Wolzogen Chamberlain dessen Abwertung Gobineaus an. Un-
dankbar sei der gegenüber dem »genialen Bahnbrecher«, zumal vieles, was in den
Grundlagen stehe, »nicht neu« sei und sich jenem verdanke. Zwar komme es nicht
auf ständig Neues an, sondern auf »die geistig beherrschte Verwerthung einer un-
fassbar ausgebreiteten Lektüre«, aber dies könne die »überscharf hervorgekehrte
Abweisung« Gobineaus nicht rechtfertigen. Wenn Chamberlain oft auf Goethe
verweise, um sich von dem »Leitwort eines Grossen« inspirieren zu lassen, so gelte
dies genauso auch für Gobineau; denn dessen Denken habe »mit der Kraft eines
wahren Leitsterns« die Rassenvorstellungen Chamberlains angestoßen. Dass dieser
sich in einer Replik scharf gegen solche Vorwürfe verteidigte, war zu erwarten
gewesen und er war in diesem Punkt völlig im Recht.
Hervorgehoben wurde der oszillierende Antagonismus von Universalismus
und Individualismus, den Wolzogen für die Bayreuther Weltanschauung als Dua-
lität zwischen Außen und Innen der menschlichen Existenz reklamierte. In diesem
Zusammenhang schrieb er, unverkennbar gegen alle wilhelminischen Machtambi-
tionen gerichtet: »Auch ein germanisches Volk, wenn es sich in dem Wahn einer
universellen Weltherrschaft verliert, indem es dafür hinopfert, was sein edelstes
Bayreuths gedämpfter Beifall 191

Abb. 22: Hans von Wolzogen

Innengut ist, wie die religiöse Sittlichkeit und der Sinn für Wahrhaftigkeit und
seelische Ehre, vermag ihm die weltüberwindende Wucht der inneren Grenzenlo-
sigkeit, des Glaubens und der Treue, mitunter doch auch in höchst fühlbaren
Schlägen, und selbst im Untergang siegreich kund zu thun.«69
Als »kühn« wurde Chamberlains Übertragung der Tierzüchtungsgesetze auf
die Menschen bezeichnet, ohne dazu näher Stellung zu beziehen. Kant, Chamber-
lains philosophische Letztinstanz, relativierte Wolzogen mit dem Hinweis, diesen
philosophischen Typus gebe es öfter. Die Schilderung Luthers als eines primär
»politischen Helden« freilich war für Wolzogen vollkommen unzureichend, weil
theologisch defizitär. Denn der Reformator, der doch als »deutscher Geist gegen
römischen Universalismus« in seiner vollen Bedeutung »den Mittelpunkt dieses
germanischen Weltkreises hätte bilden sollen«, konnte nicht nur auf seine politi-
sche Wirkung reduziert werden, sondern musste in erster Linie als Gründer des
Protestantismus gefeiert werden. Überall in diesem einleitenden Aufsatz waren
Spitzen gegen Chamberlain verteilt, verdeckt und nicht offen formuliert, aber
deutlich spürbar mit der Aufforderung verbunden, der möge diese Hinweise und
Korrekturen zukünftig berücksichtigen. Am Ende freilich wurde er in einem gro-
ßen Bogen der Versöhnung und Einvernahme als einer der »Größten unseres Ge-

69 Ebenda, S. 327.
192 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

schlechts« bezeichnet, der den Zeitgenossen die »Fackeln« der Erleuchtung ange-
zündet habe – mithilfe Bayreuths, sollte der Leser ergänzen.
Diese eben noch bekräftigte Größe Chamberlains schränkte der nachfolgende
Beitrag zum Abschnitt über die Griechen subtil wieder ein. Der Althistoriker
Rudolf von Scala70, der Bayreuth keineswegs nahe stand, lobte zwar eingangs den
großen Wurf und eindrucksvollen Gesamtbau der Grundlagen, lobte auch Einzel-
heiten wie die künstlerische Charakterisierung Platons, das Hervorheben der grie-
chischen Naturwissenschaft, legte aber »stärksten Widerspruch gegen Methode
und Verwerthung der Einzeldinge« ein und »gegen allerlei Anschauungen, die
nach unseren Begriffen vollkommen schief sind«.71 So etwa die Vorstellung, Ho-
mer habe als konkrete Person gelebt, wo es – nach dem Stand der damaligen Wis-
senschaft – doch sicher schien, dass Odyssee und Ilias von einer Dichtergruppe
verfasst und mündlich weitergetragen worden seien. Der Haupteinwand gegen die
Grundlagen galt freilich der völligen Unterschätzung aller politisch-gesellschaft-
lichen und militärischen Leistungen der Griechen, wie der Bildung der Stadtstaa-
ten, deren Bereitschaft zum Zusammenschluss bei Gefahr, der Opferbereitschaft
der Bürger zugunsten der Polis, deren Siege gegen die Perser mit ihren geopoliti-
schen Folgen, der praktischen Ausrichtung der Polis am Gemeinwohl und ähnli-
ches mehr. Für den Fachhistoriker, der über die politische Geschichte des antiken
Griechenlands geforscht und geschrieben hatte, war die Geringschätzung des poli-
tischen Denkens wie der politischen Leistungen der griechischen Stadtstaaten his-
torisch unhaltbar. Und überdies konnte Scala nicht verstehen, dass ein Rassentheo-
retiker die physische Erziehung durch Spiele und damit die Stärkung der
militärischen Kampfkraft völlig negiere. Mit anderen Worten: Gerade das, was aus
Bayreuther Sicht so gelungen war, die Vollendung von Kunst und Kultur bei den
alten Griechen, erschien dem Historiker unentschuldbar einseitig und defizitär.
Den Abschnitt über die Darstellung der Rolle der Germanen übernahm der
zum engen Bayreuther Kreis gehörende, an der Universität Rostock lehrende Me-
diävist, Literaturwissenschaftler und Wagner-Forscher Wolfgang Golther.72 Nach

70 Rudolf von Scala (1860–1919) war ein namhafter österreichischer Althistoriker von national-
konservativer Gesinnung. Er hatte Philologie, Geschichte und Germanistik in Wien studiert,
schloss sowohl mit dem Lehrerexamen für Geographie und Geschichte wie mit der Promotion
zum Dr. phil. ab. 1885 habilitierte er an der Universität Innsbruck, wurde 1892 dort zum a. o.
Professor und 1896 schließlich als Erster zum Ordinarius für Alte Geschichte ernannt. Er erwarb
sich durch verschiedene Publikationen zur antiken Geschichte wissenschaftliches Ansehen,
schrieb u. a. Die Staatsverträge des Altertums, Bd. 1, Leipzig 1898 und Das Griechentum in seiner
geschichtlichen Entwicklung, Berlin/Leipzig 1915. Er gehörte nicht zu den engeren Anhängern
Wagners und Bayreuths.
71 BBl 1900, S. 332 f.
72 Wolfgang Golther (1863–1945) studierte Literatur und Geschichte, promovierte 1886 in Germa-
nistik und habilitierte 1888. 1894 wurde er auf den Lehrstuhl für deutsche Philologie an die
Universität Rostock berufen und 1907 zusätzlich zum Leiter der Universitätsbibliothek bestellt.
1909 war er Rektor, 1934 wurde er emeritiert. 1938 erhielt er die Goethe-Medaille und wurde
Ehrenbürger von Bayreuth. Sein Forschungs- wie Publikationsschwerpunkt waren die germani-
sche Mythologie, die Literatur des Mittelalters sowie Wagner. Er hat zahlreiche Werke zu den
Bayreuths gedämpfter Beifall 193

einigen einleitenden Bemerkungen zum allgemeinen Charakter des Werks und


dem Hinweis, für die zeitgenössischen Deutschen bedeuteten die Grundlagen
ebenso viel wie Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit für das
18. Jahrhundert, ging die Besprechung, im Gegensatz zu den beiden vorhergegan-
genen, in eine euphorische Laudatio über. Einzig gegenüber dem weiten Begriff
der Germanen meldete Golther Vorbehalte an: dass Chamberlain Kelten und Sla-
wen umstandslos den Germanen zurechnete, ging ihm »zu weit«, weil er diese
dadurch »auf eine der Wirklichkeit nicht völlig entsprechende Stufe rückt, um sie
dann mit den eigentlichen Germanen vereinigen zu können«.73 Der Spezialist ver-
wies auf unterschiedliche literarische Überlieferungen und meinte, Chamberlain
stütze sich für seine Verbindung von Germanen und Kelten auf unzutreffende li-
terarische Dokumente; für die »engere Verwandtschaft zwischen Slawen und Ger-
manen« sehe er »noch weniger Beweise«. Angedeutet wurde hier, dass Chamber-
lains Praxis, alle hervorragenden Leistungen in Europa Menschen mit germanischer
Abstammung zuzuweisen, für Golther unhaltbar war. Gleichwohl vollzog er aber
die generellen Thesen Chamberlains weitgehend nach, meinte, gegen seine eige-
nen Einwände, dieser blicke durch die Fülle der Erscheinungen stets zum Wesent-
lichen durch, weshalb Die Grundlagen gerade auch auf den Fachgelehrten klärend
wirkten. »Ich habe die Wirkung des unvergleichlichen Buches gerade in gelehrten
Kreisen gelegentlich beobachtet. Der Spezialist wird zunächst mit allerlei Zweifeln
und Vorurtheilen dem Werk […] entgegentreten. […] Gerade der Fachmann, vor-
ausgesetzt, dass er ehrliches wissenschaftliches Streben besitzt, wird von Staunen
und Bewunderung über die wissenschaftliche Gründlichkeit Chamberlains erfüllt
und überzeugt, dass der Verfasser auf genaueste Fachkenntnisse sich stützt und
nichts von Belang übersieht.« Mit solchen Formulierungen wurden die zuvor ge-
äußerten wissenschaftlichen Bedenken beerdigt.
Zur »Weltanschauung« schreibt in einem letzten Teil dieser Serie Alexander
Wernicke74, ein den Bayreuthern eher locker verbundener Autor, der in den Bay-
reuther Blättern insgesamt neun Beiträge veröffentlicht hat. Es ist ein substanzloser
Beitrag, insofern er den Argumentationsbogen Chamberlains nur referiert, ohne
alle kritischen Erwägungen. Das beginnt mit dem Umriss des Begriffs Weltan-
schauung und dessen religiös-ethischen Inhalten, geht weiter mit dem christlichen
Glauben, welcher der germanischen Persönlichkeit und künstlerischen Formung

Quellen von Wagners Musikdramen verfasst, zu den germanischen und deutschen Heldensagen
sowie ein Handbuch der germanischen Mythologie geschrieben – sie alle gelten noch heute als Stan-
dardwerke. Golther war regelmäßiger Autor der Bayreuther Blätter und gehörte zum inneren
Zirkel des Bayreuther Kreises. Vgl. Winfried Schüler, Der Bayreuther Kreis, S. 151; Annette Hein,
›Es ist viel Hitler in Wagner‹, S. 66.
73 BBl 1900, S. 338. Die folgenden Zitate auf den Seiten 339; 440.
74 Alexander Wernicke (1875–1915), war Professor für Mechanik an der TH Braunschweig. In
seinen Arbeiten suchte er Naturwissenschaft mit Geistes- und Kulturwissenschaft zu verbinden,
stand Wagner und Bayreuth nahe, weil er sich von dort die kulturelle Erneuerung Deutschlands
erhoffte. Vgl. Annette Hein, ›Es ist viel Hitler in Wagner‹, S. 84 mit weiteren Hinweisen.
194 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

zugeschrieben wird. Referiert wird, dass innere Religiosität, Umkehr der Lebens-
richtung und der Rückgriff auf Mystik, Naturphilosophie und ausgewählte theo-
logische Erkenntnisse dazu beitrügen, dass die Germanen, ganz wie Chamberlain
dies behauptet, ab dem 13. Jahrhundert eine Weltanschauung ausbildeten, die in
Kant ihren Höhepunkt und ihre abschließende Formulierung erfahre. Es erübrigt
sich, hier das Referat im Detail nachzuvollziehen; es ist die Paraphrasierung der
Vorlage, und so schließt der Beitrag auch folgerichtig mit dem Hinweis ab, der
»hohe Wert dieser Weltanschauung« bestimme sich dadurch, dass sie »aus dem
Werdegange der christlich-germanischen Kultur in natürlicher Formung heraus-
wächst«.75
Chamberlains Werke waren in der Folge noch mehrfach Gegenstand der Er-
örterung und Propagierung in den Bayreuther Blättern, die Grundlagen allerdings
nicht. Seine Briefe, sein Buch Rasse und Persönlichkeit und sein Buch Mensch und
Gott wurden hier besprochen, er selbst nach seinem Tod in einem Gedenkartikel
gewürdigt und es gab viele, zumeist kurze Hinweise in anderen Zusammenhängen
auf ihn. Dass die Bayreuther Blätter indessen sein zentrales Werk, durch das er seinen
Ruhm als Kulturschriftsteller begründete und das eine so breite Resonanz gefun-
den hatte, nur in diesen vier relativ belanglosen Kurzbetrachtungen ihren Lesern
vorstellten, ist angesichts seiner späteren Stellung in Bayreuth als engster Vertrauter
Cosima Wagners und Ehemann Eva Wagners denn doch überraschend. Es zeigt
auf dem zentralen Feld der Bayreuther Ideologie die interne Konkurrenzsituation,
die hier offen zu Tage trat – vornehmlich zwischen Hans von Wolzogen und
Chamberlain.

Monographien gegen die »Grundlagen«


Die öffentliche Aufmerksamkeit und die damit einhergehende konfliktbehaftete
Rezeption der Grundlagen hatten Chamberlain in kürzester Zeit eine ganz außer-
ordentliche Stellung in der öffentlichen Debatte um die Jahrhundertwende ein-
gebracht. Das zeigte sich unter anderem auch darin, dass neben den zahllosen
Besprechungen in Zeitungen, Zeitschriften und Fachpublikationen auch einige
monographische Abhandlungen erschienen, die sich mit seinen Thesen auseinan-
dersetzten. Vor allem drei Buchpublikationen, die von Heinrich Cohen, von Ernst
von Unruh und von Fritz Wüst, brachten Einsprüche sehr unterschiedlichen Cha-
rakters.
Eine der ersten Publikationen gegen die Grundlagen erschien 1901 unter der
Abbreviatur H. C. – Heinrich Cohen, eine 44 Seiten starke Broschüre.76 Cohen

75 BBl 1900, S. 349.


76 H. C. (= Heinrich Cohen), Houston Stewart Chamberlain. Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhun-
derts, Dresden und Leipzig 1901. Die Broschüre stellt drei Kritiken zusammen, die ursprünglich
in den beiden Novemberheften und dem ersten Dezemberheft der Zeitschrift Die Gesellschaft
Monographien gegen die »Grundlagen« 195

stellte am Ende seiner Schrift fest, Chamberlain sei in einem ganz anderen Sinne
Dilettant, als er zu sein behaupte: seine Ideen seien unorganisch, unsystematisch
und übereinandergeschichtet: »Beim Knaben die christliche Erziehung, beim
Jüngling die wissenschaftliche, beim Manne der Einfluß des Wagnerschen Kreises,
der einerseits in der Art seiner Würdigung der Musik zu Tage tritt, andererseits in
seinem pseudowissenschaftlichen Antisemitismus. Hier gelegentlich gemildert
durch den Respekt des Knaben Chamberlain vor der Bibel und vielleicht durch
die Rücksicht auf die semitische Abstammung seiner Frau.«77
Cohens Broschüre thematisierte vor allem die Rassenfrage und die Religion.
Für ihn war alles, was Chamberlain zur Rasse sagte, unklar und voller Widersprü-
che, vor allem auch nicht wirklich beweisbar. So lasse sich weder von Ähnlichkei-
ten der Sprache noch von kulturellen Gebräuchen wie weltanschaulichen Ver-
wandtschaften auf eine gemeinsame Rasse schließen und auch das Herausbilden
von Religionen sei kein Spezifikum rassischer Eigenarten, argumentierte er, und
fuhr fort: Was Chamberlain gelegentlich als spezifisch germanisch hinstelle, die
Fähigkeit zur staatlichen Ordnung und Rechtsetzung oder auch zur Treue, finde
sich auch bei nichtgermanischen Völkern; die Rechtsbildung beispielsweise sei bei
Römern, Engländern und Juden durchaus ähnlich, die Treue in der indischen
Witwenverbrennung auf das Höchste gesteigert. Bei der Unterscheidung zwischen
mechanischer und nichtmechanischer Welterklärung übersehe Chamberlain bei-
spielsweise, dass auch die Mystiker nur aufgrund eines inneren mechanischen Pro-
zesses zu einer nichtmechanischen Transzendenz gelangten, beides also faktisch
nicht zu trennen sei.
Cohen zitierte dann tabellarisch in Gegenüberstellungen widersprüchliche
Stellen in den Grundlagen, um zu zeigen, dass das Werk unseriös sei.78 So etwa die
Sprache, die einmal als Kennzeichen der Rasse verworfen werde, ein andermal
aber deren Werk sei; so etwa die Wiedergabe von Positionen genannter Wissen-
schaftler; so etwa Charaktermerkmale von Völkern wie der Römer und Semiten
und, um ein letztes Beispiel zu geben, die Frage der Mischehen bei Juden. Die
Definition des Germanen scheint ihm politischen Zweckmäßigkeitserwägungen
zu folgen, die völlige Ausblendung klimatischer und geographischer Faktoren für
die Entwicklung von Menschen und deren Kultur ein schwerer methodischer
Mangel. Das Ignorieren der Tatsache, dass 300 Millionen (arischer) Inder von drei-
hunderttausend (arischen) Briten beherrscht würden, problematisiere ebenso das
Bild des Ariers wie die Tatsache, dass hochkulturelle Leistungen germanischer
Völker wie die Malerei in Holland verfallen und untergegangen seien, ohne dass
die Rassenzusammensetzung der Holländer sich geändert habe.

erschienen waren. Diese Zeitschrift, 1885 gegründet, war eine führende Literaturzeitschrift, die
sich zugleich gesellschafts-, sozial- und kulturkritisch engagierte. Sie propagierte den literarischen
Naturalismus und trat für die Moderne ein, wurde aber bereits 1902 eingestellt.
77 Ebenda, S. 43; angespielt wird hier darauf, dass der Vater von Anna Chamberlain vermutlich ein
zum Christentum konvertierter Jude war.
78 Ebenda, S. 28 ff.
196 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Auch bezüglich der Religion konstatiert Cohen falsche Daten und Zusam-
menhänge. Einerseits meine Chamberlain, Ideen seien nicht nur der Rasse zuzu-
schreiben, andererseits sehe er diese als Resultat rassischer Eigenschaften. Einerseits
sei ihm der Glaube etwas zutiefst innerliches, andererseits benötige er für jeden
Glauben eine Form, also eine Kirche, ohne die die Gläubigen nicht gemeinsam
beten könnten. Einwände gibt es gegen die von Chamberlain geschilderte Ent-
wicklung der jüdischen Religion, die im Detail falsch sei; auch gegen die Vorstel-
lung einer jüdischen Gesetzesreligion, da auch die Ordnung des Christentums auf
Gesetzgebungen beruhe. Kritisiert wird die Vorstellung einer »christlich-germani-
schen« Religion, weil die Mitleidsethik Christi mit dem bellizistischen Charakter
der Germanen nicht in Harmonie zu bringen sei. Auf einigen Seiten stellt Cohen
dann sich widersprechende Aussagen zusammen, die sich sowohl auf Autoren be-
ziehen, deren Schriften Chamberlain als Referenz zitiert, wie auch auf Zitate, die
zurechtgebogen würden. Chamberlain, so die These, argumentiere nicht stimmig,
sondern wähle seine Zitate »regelmäßig unter dem Einfluß des Gedankens, den er
auseinandersetzen will«79, aus. Vorgeworfen wird ihm unsaubere bis falsche histo-
rische Darstellung, die Herabsetzung des jüdischen Volkes, verdrehendes Zitieren,
gelegentliche Verweise auf Literatur, in der das, was er behauptet zu belegen, nicht
zu finden sei. Cohen beschließt seine Ausführungen mit dem Satz: »Kurz, es ist ein
schlechtes Buch, unklar und unlogisch im Gedankengang und unerfreulich im Stil,
voll falscher Bescheidenheit und echtem Hochmut, voll echter Unwissenheit und
falscher Gelehrsamkeit. Der buchhändlerische Erfolg beweist nichts dagegen.«80
Von ähnlicher Art waren die Einsprüche in der Schrift Ernst von Unruhs Herr
Houston Stewart Chamberlain und die Weltgeschichte.81 Hier wurden zunächst einige
prinzipielle Überlegungen angestellt, sodann im letzten Drittel der Schrift einzelne
Behauptungen Chamberlains mit Hinweis auf lebenspraktische Erfahrungen ›wi-
derlegt‹. In einem ersten Absatz wurden der »germanische Größenwahn« und die
Tendenz, »die Germanen für Übermenschen oder die nichtgermanischen Völker
für minderwertig zu erklären«82, mit Hinweis auf die Leistungen der Letzteren als
historisch unzutreffend zurückgewiesen, mit dem Argument, nicht die Rasse, son-
dern Organisationsstrukturen und soziale Bedingungen seien entscheidend. Cham-
berlain würdige den Umstand viel zu wenig, »daß die Römer als Bauernvolk, die
Athener als Kaufleute, die Juden als nomadisierende Hirten und die Germanen als

79 Ebenda, S. 33.
80 Ebenda, S. 44.
81 Ernst von Unruh, Herr Houston Stewart Chamberlain und die Weltgeschichte, Leipzig 1908. Ernst von
Unruh stammte aus altem preußischem Adel und einer Familie, die u. a. berühmte Schriftsteller
und Dichter hervorgebracht hat, wie den expressionistischen Lyriker und Dramatiker Fritz von
Unruh. Genauere biographische Angaben ließen sich nicht ermitteln. Er war vermutlich preußi-
scher Regierungsrat und publizierte Das Glück und wie man dazu gelangt, Leipzig 1900, eine
Schrift, die sich mit dem Theismus, Deismus, Atheismus und Pantheismus auseinandersetzt, so-
wie Die Welträtsel und Professor Ernst Haeckel, Halle 1905, die den Monismus Haeckels themati-
siert.
82 Ebenda, S. 3; die folgenden Zitate auf den Seiten 11; 20.
Monographien gegen die »Grundlagen« 197

Kriegsdienst und Land suchende Krieger in das Licht der Weltgeschichte eintre-
ten« und diese Grundbefindlichkeiten jeweils auch entscheidend für ihre kulturel-
len Leistungen gewesen seien. So auch etwa für die Ausbildung von Recht, das in
einem Bauernvolk einen anderen Stellenwert habe als bei einem Handel treiben-
den Volk. Chamberlains These der Höherentwicklung durch die Germanen wer-
den Beispiele christlicher Grausamkeiten entgegengehalten und die zivilisatori-
schen Errungenschaften dem Judentum, den christlichen Kirchen, der französischen
Aufklärung und verschiedenen anderen Faktoren gutgeschrieben.
Wichtiger als rassische Faktoren war für Unruh der Einfluss der Religion auf
die Weltgeschichte. Das belege die Tatsache, dass die Juden aufgrund ihrer Reli-
gion nahezu zweitausend Jahre ohne Staat eine feste Nation bilden konnten. Re-
ligion als »kristallisierte Metaphysik« müsse aber organisiert werden, benötige also
Kirchen, und alles, was Chamberlain hier dagegen sage, sei »oberflächlich«. Solche
Oberflächlichkeit erweise sich auch in der Behauptung, Juden seien »durch ihr
einseitiges Nachdenken über religiöse Angelegenheiten zum Nachdenken über
andere Dinge unfähig geworden«, während sie doch als Juristen, Ärzte, Schriftstel-
ler, Bankiers und Kaufleute stets eine große Rolle gespielt hätten.
Gegen den »phantasierenden Stubengelehrten« Chamberlain führt Unruh ins
Feld, zu viel Theoretisieren führe zur Verkennung praktischer Probleme und
überdies zur Schwächung der eigenen Vitalität. An einzelnen Behauptungen
Chamberlains sucht er zu zeigen, dass der Mangel an Lebenswirklichkeit in den
Grundlagen zu falschen Folgerungen führt. Wie etwa die Überschätzung des Hel-
lenentums; die verfehlte Aburteilung der Renaissance; die falsche Beurteilung der
Jurisprudenz als bloße Technik; die unhaltbare Rassentheorie, weil beispielsweise
führende römische Juristen Semiten gewesen seien; die Unmöglichkeit, die Er-
scheinung Christi vom Christentum zu trennen; oder auch der Fehler, die Zucht
von Vollblutpferden mit der von Menschen zu vergleichen. Chamberlains Hinnei-
gung zur Mystik sei Konsequenz seines unklaren Denkens. Solche eher zufällig
herausgegriffenen Vorbehalte gaben der Schrift einen beliebigen Charakter; Un-
ruh argumentierte weder prinzipiell noch systematisch stark, so dass Chamberlain
sich wenig getroffen fühlen musste und den Vorwurf ›oberflächlichen Denkens‹ zu
Recht hätte zurückgeben können.
Die dritte kritische Monographie, die hier kurz vorgestellt werden soll, ist die
von Fritz Wüst, einem Kulturschriftsteller.83 Diese 245 Seiten umfassende Ausein-
andersetzung ist insofern von eigenem Charakter, als Wüst die Grundlagen benutzt,
um gegen sie – als einem Dokument kulturellen Niedergangs der Zeit, wie er
schreibt – seine eigene ›Philosophie der Freiheit‹ zu entwickeln; ein Vorhaben, das
leicht skurrile Züge trägt und ebenfalls, wie schon die Einwände Unruhs, nicht als
eine wissenschaftlich seriöse Auseinandersetzung mit Chamberlain bewertet wer-

83 Fritz Wüst, Eine Entgegnung; von ihm stammen Arbeiten über Die neue Weltanschauung (von
Schopenhauer, Nietzsche bis zur Frauen- und Naturbewegung); Die neue Kunst, Ideale Erziehung
sowie Über die Freiheit des Willens.
198 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

den kann. Gleichwohl war die Schrift so populär, dass sie in ihren ernsthaften
Passagen hier kurz vorgestellt werden soll.
Wüst charakterisiert die Grundlagen gleich eingangs mit ironischem Unterton:
»Hier finde ich zum erstenmal den Glauben an die Wirklichkeit mit wahrhaft ge-
nialer Rücksichtslosigkeit eingestanden; hier finde ich vor allem den Glauben an
die Kultur als ›den Glauben an sich‹; hier finde ich die Wissenschaft als oberstes
Prinzip – und, aufrichtig, welcher Gelehrte hätte es so weit gebracht?; hier finde
ich einen Glauben an die Kunst, gegen den alle Wagnerverhimmelung kindischer
Spaß ist. […] Es ist eine ganz neue, ganz originale, entzückende Blüte einer bis
zum Wahnsinn raffiniert gewordenen Kultur. […] Es hat den Mut zur Unwahr-
heit. […] In diesem Werk erklären sich alle Irrtümer unserer Kultur. […] Es ist das
klassische Buch der Ungenialität.«84 In diametralem Unterschied zu heutigen Inter-
pretationen nimmt Wüst die Grundlagen als ein charakteristisches Werk der Mo-
derne, als Ausdruck einer neuen, zeitgenössischen Weltanschauung, die er aller-
dings zugleich als eine Form der Dekadenz, als Ausdruck einer »rapiden
Abwärtsentwicklung«, wertet. Um dies zu belegen, geht er die einzelnen Kapitel
der Grundlagen durch, referiert jeweils Chamberlains Argumente, um dann seine
eigenen Überlegungen locker und feuilletonistisch dagegenzusetzen. Das braucht
hier nicht genauer nachvollzogen zu werden. Einige wenige Punkt sollen heraus-
gegriffen werden, um den Charakter der Einwendungen zu zeigen.
Wüst scheint, so legen es seine Einwände nahe, ein politischer Anarch gewe-
sen zu sein, einer, der alle Politik, alle Gesellschafts- und Kulturentwicklung von
der Antike bis zur Gegenwart als Verfallsgeschichte versteht und meint, dass der
»staatenbildende Trieb« der Menschen der Feind allen Fortschritts sei. Vor diesem
Hintergrund argumentiert er gegen Chamberlain, dem er vorwirft, die Geschichte
als stete Höherentwicklung zu schildern, während das Gegenteil der Fall sei.
Chamberlains Annahme, Rassen hätten historisch eine entscheidende Rolle ge-
spielt, stimmt er zu, hält aber die Juden für eine besonders edle Rasse und daher
die Charakterisierung der Semiten und Juden für völlig falsch. Alle Negativmerk-
male, die Chamberlain gegen die jüdische Religion und die Juden anführt, zeich-
nen nach Wüst die Juden gerade aus und führen zu ihrer »unbedingten Überlegen-
heit über die Durchschnittsmenschen der anderen Völker. Es ist eine Überlegenheit
der reineren Rasse über vermischte.« Man solle daher von den Juden lernen. Dass
Jesus Arier gewesen sein soll, scheint ihm überzeugend, hat aber andererseits für
dessen welthistorisches Wirken keinerlei Bedeutung, weil seine Lehre universalis-
tisch sei und auch so gewirkt habe. Chamberlain stimmt er zu in der Meinung, die
sogenannte Christenheit habe noch nicht einmal begonnen, diese Lehre zu verste-
hen und in ihrer Religion wirklich zu praktizieren.
Um noch einmal zur Rasse zu kommen: Wüst hält die im Kapitel über das
Völkerchaos vorgebrachten fünf »Naturgesetze« über die Entstehung edler Rassen85

84 Ebenda, S. 19; die folgenden Hinweise und Zitate auf den Seiten 30; 50; 26; 54; 97; 66 ff.
85 HSC, Grundlagen, S. 326 ff.
Monographien gegen die »Grundlagen« 199

für eine »mit unglaublicher Unverfrorenheit oder unerhörter Oberflächlichkeit


aufgestellte Hypothese«, die auf einer »Überschätzung der künstlerischen Schöp-
fung« beruhe und auf dem Fehler, das »Entstehen von außerordentlichen Rassen
ausnahmslos [auf] eine Blutmischung« zurückzuführen. Während doch nur dann
eine Veredelung einer Rasse stattfände, wenn sie Angehörige dieser Rasse zusam-
menführe.86 An Beispielen sucht Wüst zu belegen, dass alle Rassenunterschiede
nur gradueller, nicht prinzipieller Art sind, wie Chamberlain dies behaupte. Gegen
diesen formuliert er eine eigene Rassentheorie, die wiederzugeben sich erübrigt,
weil sie die von Chamberlain mit unhaltbaren Annahmen noch überbietet.
Eine weitere Auseinandersetzung bezieht sich auf Chamberlains Juden-Bild.
Wüst stimmt zu, dass die Abgrenzungspolitik der Juden gegenüber Nicht-Juden
diese zu einer überlegenen Rasse gemacht habe. Aber gegen Chamberlain wertet
er die jüdische Religion, die solche Abgrenzung verlange, positiv. Der Realitäts-
sinn der Juden erscheint ihm »zur Erlösung der Menschheit geeigneter, als das
mystische, geheimnisvolle, unfreie Dogma der evangelischen und katholischen
Kirche.« Der von Chamberlain den Juden attestierte Materialismus sei ein Vorteil:
Er verhindere blinden Glauben, irrationalen Spiritismus, das Abgleiten in Mystizis-
mus und falschen Symbolismus, und deshalb sei die »jüdische Idee […] die tiefste
Idee des Menschen überhaupt«, weil sie auf die notwendige Überwindung des
existierenden Menschen ausgehe: »Das Judentum zeigt uns, daß eine Religion
ohne praktischen Zweck ein Wahnsinn ist.«
Ein letzter Punkt: Wüst stimmt mit Chamberlain überein, dass der Germane
»am ehesten berufen ist, die höchsten und heiligsten Güter der Menschheit zu
wahren«, aber er widerspricht dessen Deutung einer durch die Germann seit 1200
hervorgebrachten Hochkultur, die aus seine Sicht eher eine Art neuzeitlichen
Chaos ist. Der Kampf gegen die katholische Kirche sei nicht radikal genug gewe-
sen, die Renaissance eine Grablegung Italiens und der Kirche, Goethe, Wagner
und Beethoven die Figuren einer anstehenden Götterdämmerung. Die gesell-
schaftlich-soziale Lage in Deutschland sei katastrophal, weil Stagnation und Kor-
ruption herrschten, unzählige Menschen kaum Mittel zum Leben hätten. Das
müsse radikal geändert werden, bevor der Germane in einem höheren Sinne zum
Zug käme und jene universelle »Menschheit« befördere, die Chamberlain ablehne:
»Ist das germanische Ehre, sich von Krämern und Juden kaufen zu lassen! Ist das
germanische Ehre, tagaus tagein zu arbeiten! Ist das germanische Ehre, sich gewalt-
sam zu prostituieren, ›willkürlich zu entarten‹!!? Freiheit, Wahrheit, Gerechtigkeit:
das sind germanische Tugenden; aber die Tugenden unserer modernen Gesell-
schaft sind Knechtschaft, Lüge und Gemeinheit.«
Das mag genügen, um die Art der Auseinandersetzung mit den Grundlagen zu
belegen, mit der sich Chamberlain nicht einlassen wollte.

86 Fritz Wüst, Eine Entgegnung, S. 104 f.; die folgenden Zitate auf den Seiten 119; 120; 121; 158;
175 f.
200 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Kaiser, Thronfolger, Graf und andere


In Wien hatte Chamberlain Philipp Fürst zu Eulenburg kennengelernt, den deut-
schen Botschafter, der ihn wissen ließ, dass der Kaiser seine Grundlagen sehr schätze.
So sehr, dass er abends der Kaiserin und den Hofdamen daraus vorlas und »sehr
streng darauf bedacht ist, dass alle gehörig aufmerken«.87
Eulenburg stammte aus altem preußischem Adel und hatte eine Offiziersaus-
bildung absolviert. 1877 trat er in den diplomatischen Dienst ein, der ihn über
Zwischenstufen nach Wien führte. Im April 1886 begegnete er erstmals auf einer
Jagd in Ostpreußen dem jungen Thronfolger, der sich zu dem zwölf Jahre Älteren
sofort hingezogen fühlte. Zwischen beiden entwickelte sich sehr rasch eine enge
Freundschaft, die bis zur sogenannten Harden-Eulenburg-Affäre 1906 hielt.88 Auf
Schloss Liebenberg im Brandenburgischen versammelte Eulenburg regelmäßig ei-
nen Kreis preußischer Aristokraten, teilweise führende politische Köpfe wie den
späteren Reichskanzler von Bülow, zu dem auch Prinz Wilhelm dazu kam, der
auch als Kaiser noch an diesen Treffen teilnahm. In der »Liebenberger Tafelrunde«
herrschte eine Mischung aus politischen, gesellschaftlichen und musischen Interes-
sen vor, man las und musizierte gemeinsam, man diskutierte die neueren politi-
schen Entwicklungen, erörterte natürlich auch Personalfragen. Von Gegnern
wurde diesem Kreis vorgeworfen, einen homoerotischen, weichlichen, schwär-
merischen, spiritistischen, gesundbeterischen und gar pazifistischen Ring um den
Kaiser gebildet zu haben, um ihn von seinem Volk und den harten Realitäten der
Weltpolitik abzuschirmen.89 Vermutlich sind auch hier die Grundlagen gelesen und
begeistert rezipiert worden.
Nachdem sich zwischen Eulenburg und Chamberlain ebenfalls eine Freund-
schaft entwickelt hatte, wollte jener ein Treffen des berühmten Autors mit dem
Kaiser arrangieren. Er beschloss, Chamberlain nach Schloss Liebenberg einzuladen,
zu einem Zeitpunkt, da der Kaiser ebenfalls dort weilte. Am 27. und 28. Oktober
1901 kam es zu dieser Begegnung. Chamberlain war von Wien angereist, hatte
während seiner Bahnreise im Zug zufällig Reichskanzler von Bülow getroffen, der
sich mit ihm über die Grundlagen unterhielt, wurde in Liebenberg mit ›großem
Bahnhof‹ empfangen. Noch vor dem Abendessen nahm der Kaiser seinen Gast
beiseite, um ihm dafür zu danken, dass er mit seinem Buch Deutschland einen

87 Christian Nottmeier, Adolf von Harnack, S. 254.


88 Maximilian Harden, Herausgeber der Zukunft, hatte ab November 1906 in mehreren Artikeln
angedeutet, Fürst zu Eulenburg sei homosexuell, was, im Falle homosexueller Betätigung, ein
Straftatbestand nach dem § 175 des Reichsstrafgesetzbuches war. Es kam zu mehreren Prozessen,
aber da Eulenburg ab 1908 eines Nervenleidens wegen als prozessunfähig galt, nicht zu einer
Verurteilung. Die Sache selbst war einer der größten Skandale des Kaiserreiches und betraf den
Kaiser insoweit, als Eulenburg einer seiner engsten Freunde war. Wilhelm musste sich daraufhin
von diesem zurückziehen; dazu: John C. G. Röhl, Wilhelm II.; Bd. 3, S. 588 ff.; vgl. auch Peter
Winzen, Das Ende der Kaiserherrlichkeit. Die Skandalprozesse um die homosexuellen Berater Wilhelms II.
1907–1909, Köln 2010.
89 John C. G. Röhl, Wilhelm II., Bd. 3, S. 588.
Kaiser, Thronfolger, Graf und andere 201

großen Dienst erwiesen habe. Wilhelm war sichtlich bewegt, den von ihm so ver-
ehrten Chamberlain wiederzutreffen – beide hatten sich im Jahr zuvor schon in
Wien kennengelernt –, und nach dem Essen stand er erneut bei ihm, abseits von
den anderen Gästen, intensiv mit ihm ins Gespräch vertieft.90 Es war offensichtlich,
dass der Kaiser von Chamberlains Persönlichkeit fasziniert war.
Dieser hatte vor der Begegnung eher nüchtern an Cosima geschrieben: »Der
Kaiser von Deutschland wünscht mich persönlich kennenzulernen und hat dafür
eine schöne Form gefunden, indem er mich hat auffordern lassen, die zwei Tage,
die er in kleinem Kreise bei Fürst Eulenburg in Liebenberg zubringt, auch dort zu
verbringen. […] Wie kühl und reserviert ich über solche Dinge denke, ist Ihnen
bekannt; und freue mich auch herzlich über die Anerkennung und Sympathie des
hohen Herrn, ich gehe nur aus Pflichtgefühl nach Liebenberg und in einer ziem-
lich porc-épic-Stimmung. Es ist für mich von hohem Interesse und von bedeuten-
dem Bildungswert, den Kaiser und den Reichskanzler (der auch dort sein wird)
von nahe zu sehen; doch sonstige Erwartungen knüpfe ich an diese Begegnung
nicht.«91 Wochen nach dem Treffen schrieb er nochmals an Cosima: »Die Güte des
Kaisers gegen mich war und ist groß. Doch ist es fraglich, ob ich je wieder etwas
schreiben werde, was so zu ihm spricht wie gerade die Grundlagen. Der Philoso-
phie bringt er weder Kenntnisse noch Interesse entgegen – sagte er mir offen; der
philosophischen Naturwissenschaft ebensowenig wahrscheinlich. Und für den
persönlichen Gedankenaustausch hat das Schicksal wenig oder gar keine Möglich-
keit gelassen.«92 Gleichwohl war Chamberlain als überzeugter Monarchist ein Ver-
ehrer des Kaisers, und sein Briefwechsel mit ihm, der nach dem Liebenberg-Treffen
begann, dauerte bis 1923 an. Nach der Abreise aus Liebenberg traf er am 30. Okto-
ber den Kaiser, zusammen mit der Kaiserin, im Neuen Palais in Potsdam noch ein
weiteres Mal in kleinem Kreis.93
Wenn es stimmt, dass Chamberlain an sein Treffen mit dem Kaiser keine Er-
wartungen hatte, dann dürfte ihn am folgenden Tag die Begegnung mit Adolf von
Harnack mehr als überrascht haben. Der Kaiser selbst, der an theologischen Fragen
äußerst interessiert war, hatte Harnack nach Liebenberg gebeten, um beide mitein-
ander bekannt zu machen. Das erste Treffen allerdings verlief nicht eben harmo-
nisch. Beide gerieten über philosophische Fragen in Streit, Harnacks Bemerkung,
Kants Bedeutung sei gering und man könne ihn »ruhig aus der Geschichte strei-
chen, es würde nichts fehlen«, brachte Chamberlain in Rage; in fast jedem Punkt
sei er mit Harnack »in Opposition gewesen«, schrieb er später an Cosima, so dass
der Reichskanzler »förmlich intervenieren«94 musste. Gleichwohl verehre er Har-
nack, sein neustes Werk über die Ausbreitung des Christentums sei »ein wahres

90 Philipp Fürst zu Eulenburg, Erlebnisse an deutschen und fremden Höfen, Leipzig 1934, Bd. 2,
S. 232 ff.; Geoffrey G. Field, Evangelist of Race; S. 249 f.
91 Briefwechsel, S. 618 f. (Brief vom 19. Oktober 1901).
92 Ebenda, S. 628 (Brief vom 17. Februar 1902).
93 Briefe, Bd. 2, S. 135, Anm. 1.
94 Ebenda.
202 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Abb. 23: Geschenk des Kaisers an Chamberlain mit Widmung:


»Zur Erinnerung an Liebenberg, Wilhelm I. R., 28.ten October 1901«

Denkmal deutschen Gelehrtenfleißes und auch Scharfsinns« und er selbst ein lie-
benswürdiger, edel denkender und handelnder Mensch. Er habe ihm »Dutzende
von kritischen Bemerkungen und Richtigstellungen zu meinen Schriften« ge-
schickt, »eine echte Freundesleistung, wie sie mir fast nie zuteil wurde«.95 Und
doch fühle er sich durch eine Welt von ihm getrennt, weil Harnack eben Theo-
loge, Professor und vom Geist Luthers nicht berührt worden sei. Dabei verdankte

95 Ebenda, S. 625 (Brief vom 11. Dezember 1902).


Kaiser, Thronfolger, Graf und andere 203

Chamberlain in seinen eigenen Werken, vor allem in Mensch und Gott, Harnack
entschiedene Einsichten, in denen der ›Geist Luthers‹ doch spürbar wurde.
Nach dem ersten Treffen in Liebenberg blieb der Kontakt zwischen beiden
in lockerer Form bestehen, auch wenn keine weiteren persönlichen Begegnun-
gen nachzuweisen sind. Chamberlain hatte, aller wissenschaftlichen Bewunde-
rung zum Trotz, persönliche Vorbehalte gegen Harnack, die vermutlich auch
damit zusammenhingen, dass Harnack offen seine Abneigung gegen Wagner und
Bayreuth formuliert hatte. Auf entsprechende Nachfrage erklärte der Theologe,
seine »puritanische Veranlagung« begnüge sich mit Religion, Wissenschaft und
Kunst; Bayreuth sei für seine »Simplizität zu sublim und kompliziert«.96 Eine
direkte und noch dazu ironisch verpackte Absage an die »Sonne« Chamberlains,
die dieser nicht wirklich verkraften konnte. Was Harnack aber nicht hinderte,
etwa nach dem Goethe-Buch Chamberlains diesem innerhalb weniger Tage
mehrere ausführliche, in geradezu hymnischen Tönen gehaltene lange Briefe zu
schreiben.
Harnack hatte, weil der Kaiser ihm schon im April 1901 von seiner Lektüre
der Grundlagen begeistert berichtet hatte, sich gezwungen gesehen, das Buch eben-
falls zu lesen und sich später Wilhelm gegenüber äußerst positiv dazu geäußert,
weil es »theologisch aufklärend wirke«, auch wenn es manche Übertreibungen und
Extremitäten enthalte.97 Diese positive Einschätzung schien für den Kaiser den
Ausschlag gegeben zu haben, den wohl berühmtesten und einflussreichsten Theo-
logen seiner Zeit mit dem von ihm hochgeschätzten Chamberlain bekannt zu
machen. Doch das Treffen hinterließ bei Chamberlain den Eindruck, der deutsche
Monarch interessiere sich in erster Linie für ihn.
Der Briefwechsel zwischen dem Kaiser und Chamberlain macht die einfluss-
reiche Position, die Letzterer durch die Grundlagen sich bei Hofe erschrieben hatte,
deutlich. Am 15. November 1901 ging ein langes Dankschreiben für eine persön-
liche Begegnung nach Berlin, die im Vorjahr in Wien stattgefunden und während
der Chamberlain dem Monarchen den Umriss seiner Weltanschauung skizziert
hatte. Es ist ein aufschlussreicher Brief, weil er in gedrängter Kürze die Essenz von
Chamberlains Denken formuliert. Dessen Kern lässt sich so zusammenfassen: Es
gehe, so schreibt er dem Kaiser, um die Aufgabe Deutschlands, eine »moralische
Weltordnung« zu verkörpern, die andere europäische Länder wie England und
Frankreich aufgrund ihrer praktischen Politik verspielt hätten. Es gehe darum, dass
Deutschland Vorbild werde, denn »auf den Deutschen allein baut heute Gott. Das
ist die sichere Erkenntnis, die sichere Wahrheit, die schon seit Jahren meine Seele
erfüllt; um ihr zu dienen, habe ich meine Ruhe geopfert; für sie will ich leben und
sterben. Richard Wagner, die Grundlagen des 19. Jahrhunderts und das 19. Jahrhundert
(wenn ich mich dazu entschließen kann), die Worte Christi, Immanuel Kant – und
manches, was, so Gott will, folgen soll; der nicht von Haß gegen die Semiten,

96 Christian Nottmeier, Adolf von Harnack, S. 256.


97 Ebenda, S. 254.
204 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

sondern von Liebe gegen die Germanen eingegebene Kampf gegen das zerfres-
sende Gift des Judentums, der Versuch, den Ultramontanismus gegen den Materi-
alismus, der Versuch die transzendentale Erkenntnislehre aus dem Besitz der Ge-
lehrtenkaste in einen Besitz jedes gebildeten Deutschen zu verwandeln, das
Bestreben, die Religion aus syrisch-ägyptischen Fetzen loszuwinden, damit die
reine Kraft des Glaubens uns eine, wogegen das Nachgeplapper sklavischer Super-
stitutionen uns heute nur trennt, dazu später – wenn ich’s erlebe – die völlig Um-
wandlung unserer Auffassung des Lebensproblems, wodurch sich unsere Naturwis-
senschaft auf einmal und zum erstenmal in Harmonie mit unserer deutschen
Philosophie und Religion finden wird, das heißt, dass sie endlich eine wahre Welt-
anschauung besitzen werde – – – das alles bedeutet für mich ein Schaffen und
Kämpfen im Dienste des Deutschtums.«98
Des Kaisers Antwort an »Mein lieber Herr Chamberlain« war zunächst das
Eingeständnis, dass er in seiner Schulausbildung von alldem nichts vermittelt be-
kommen habe. Erst jetzt müsse sich das »Urarische-Germanische, was in mir
mächtig geschichtet schlief, allmählich in schwerem Kampfe hervorarbeiten.« Ein
Prozess, dessen Ziel ihm bisher nicht klar gewesen, aber durch Chamberlain klar
geworden sei: »Da kommen Sie, mit einem Zauberschlag bringen Sie Ordnung in
den Wirrwarr, Licht in die Dunkelheit; Ziele, wonach gestrebt und gearbeitet
werden muß; Erklärung für dunkel Geahntes, Wege, die verfolgt werden sollen
zum Heil der Deutschen und damit der ganzen Menschheit! Sie singen das Hohe-
lied vom Deutschen und vor allem von unserer herrlichen Sprache und rufen dem
Germanen bedeutsam zu: ›Laß ab von deinen Streitigkeiten und Kleinlichkeiten,
deine Aufgabe auf der Erde ist: Gottes Instrument zu sein für die Verbreitung sei-
ner Kultur, seiner Lehren! Darum vertiefe, hebe, pflege deine Sprache und durch
die Wissenschaft, Aufklärung und Glauben!‹ Das war eine Erlösung! So! Nun wis-
sen Sie, mein lieber Mr. Chamberlain, was in mir vorging, als ich ihre Hand in der
meinen fühlte.« Und der Brief fährt fort: »Lassen Sie mich Ihnen von tiefster Seele
danken für dieses kostbare Juwel, das Sie mir in Briefform übersandten! Wer bin
ich, daß Sie mir danken? Doch nur ein armselig Menschenkind, das versucht, ein
gutes Instrument für unseren Herrgott da droben zu werden. Das hat zur Folge,
daß man das Menschenkind nicht verstehen will, kann oder mag und ihm daher
vor allem das Leben so sauer zu machen sich bemüht als möglich, weil es eben ganz
anders ist und ganz anderes will, wie bisher die und das ›Althergebrachte‹ und
›Landläufige«! […] Danken wir ihm dort oben, daß Er es mit unseren Deutschen
noch so gut meint, denn Ihr Buch dem deutschen Volke und Sie persönlich mir
sandte Gott, das ist bei mir unumstößlich fester Glaube. Sie sind von Ihm zu mei-
nem Bundesgenossen erkoren, und ewig danke ich Ihm, daß Er es getan. Denn
Ihre gewaltige Sprache packt die Leute und bringt sie zum Denken und natürlich
auch zum Streiten. […] Sie schwingen Ihre Feder, ich meine Zunge […] und sage

98 Brief, Bd. 2, S. 138 f. (Brief vom 15. November 1901).


Kaiser, Thronfolger, Graf und andere 205

trotz aller Angriffe und Nörgeleien – – – dennoch. Ihr treu dankbarer Freund Wil-
helm I. R.«99
Dieser Brief spricht selbst in diesen knappen Auszügen für sich. Er macht deut-
lich, dass Chamberlain mit seinen Grundlagen zu einem der wichtigsten intellektu-
ellen Inspiratoren des deutschen Kaisers geworden war. Seine Themen waren auch
die des Kaisers, mit seinem Denken beeinflusste er zunehmend die Haltung Wil-
helms, vor allem dessen Geschichtsbild – mit Auswirkungen auf dessen aktuelle
politische Haltungen –, dessen Vorstellungen von der germanischen Rasse und
dessen Antisemitismus. Kein Wunder, dass Chamberlain sich emotional in einer
Hochphase fühlte, da er seine ›Mission‹ durch den Kaiser selbst bestätigt erhielt und
dieser sich geradezu als sein Schüler verstand. Als der Kaiser bei Papst Leo XIII.,
mit dem ihm eine »freundliche und vertrauensvolle Beziehung«100 verband, im
Frühjahr 1903 anlässlich eines Rombesuchs eine Audienz hatte, las er ihm offenbar
mehrere Seiten aus den Grundlagen vor, so lange, bis der Papst ihm zuzustimmen
schien – wie Chamberlain mit spürbarer Genugtuung in einem Brief vom 22. Sep-
tember 1903 seiner englischen Tante Anne Guthrie berichtete.101 Auch sonst tat
Wilhelm alles, um das Buch des Engländers zu befördern. So ordnete er beispiels-
weise an, die Grundlagen sollten Pflichtlektüre in der preußischen Offiziersausbil-
dung sein. Als 1902 der öffentlich unbekannt bleibende August Ludowici, wie
eingangs erwähnt, 15 000 Reichsmark zur Verfügung stellte, um die kostenlose
Verbreitung der Grundlagen an Schulen und Hochschulen zu fördern, machte zu-
nächst die Vermutung die Runde, der Kaiser selbst habe dieses Geld gestiftet; doch
Ludowici hatte mit dem Berliner Hof nichts zu tun.
In Wien, wo Chamberlain noch immer eher zurückgezogen in der Blümel-
gasse 1 wohnte, begann sich der Erfolg der Grundlagen auszuwirken. Dem Bericht
Anna Chamberlains zufolge kamen unzählige Zuschriften, Journalisten und ange-
hende Autoren suchten das Gespräch, wollten Interviews. Chamberlain, dem sol-
cher Trubel zutiefst zuwider war, verweigerte sich und seine Ehefrau hängte ein
Schild an die Wohnungstür: »Herr H. S. Chamberlain empfängt Besuche nur nach
schriftlicher oder mündlicher Verabredung mit Frau Chamberlain.« Daraufhin sei
es ruhiger geworden, so berichtet Anna Chamberlain, und ihr Mann habe sich
wegen geplanter Beiträge über ihn oder sein Buch nur noch außerhalb der Woh-
nung mit Anfragenden verabredete102.
Auf anderer Ebene hatte der Kontakt zum Berliner Hof indessen Folgen:
Mitglieder der Aristokratie suchten nun seine Nähe, so etwa Graf von Brock-

99 Ebenda, S. 142 (Brief vom 31. Dezember 1901). Als PS findet sich bei diesem Brief der Zusatz:
»Der Verkehr Harnacks bei mir hat ›orthodoxe‹ protestantische Pfarrer und Kreise arg geängstigt.
[…] Mein Grundsatz, ›Nur keine Voreingenommenheit‹ ist den Leuten unbequem. Übrigens hat
Harnack seine ›Liegezeit‹, um Ihr Werk zu lesen, als eine ›erzwungene‹ hingestellt. Ich bezweifle
es, die Idee ist zu professorenhaft wahrscheinlich!«; ebenda, S. 144.
100 Wilhelm II., Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878–1918, Leipzig 1922, S. 204.
101 Zitiert nach Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 253.
102 Anna Chamberlain, Meine Erinnerungen, S. 124.
206 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

dorff-Rantzau, der spätere erste Außenminister der Weimarer Republik und ab


1922 Botschafter des Deutschen Reiches in der Sowjetunion. Freundschaften
entwickelten sich zur Gräfin Marie Zichy, der Gattin des damaligen österreichi-
schen Gesandten in München sowie zur Gräfin Marie Oettingen-Wallerstein aus
einem alten bayerischen Fürstengeschlecht, die beide große Salons führten,
durch die sich neue und nützliche Verbindungen ergaben.103 Enge Kontakte gab
es zu dem mit Cosima Wagner befreundeten Fürsten Ernst II. zu Hohenlohe-
Langenburg.104 Chamberlain wurde mehr und mehr zum Star in der deutschen
Aristokratie.
Einen begeisterten Leser hatte er auch in Max von Baden, dem Thronfolger
des Großherzogs von Baden, der vom 3. Oktober bis 9. November 1918 der letzte
Kanzler des Kaiserreichs werden sollte. Der Prinz war schon lange vor dem Er-
scheinen der Grundlagen ein bekennender Wagnerianer und durch Cosima auf
Chamberlain aufmerksam gemacht worden. Zu Weihnachten 1895 hatte ihm die
›Herrin von Bayreuth‹ die illustrierte Prachtausgabe der Wagner-Biographie Cham-
berlains geschenkt, die er »mit der größten Spannung und Ergriffenheit« gelesen
hatte und deren Autor er als »geistvollen Interpreten«105 empfand. Als die Grundla-
gen erschienen, war er einer ihrer ersten und gründlichen Leser. Persönlich lernte
er Chamberlain erst 1909 kennen, wiederholte unter dem Eindruck dieser Begeg-
nung nochmals seine Lektüre der beiden Bände »mit gespanntem Interesse und
einem vollständig anderen Verständnis als vor 8 oder 9 Jahren«, wie er diesem
schrieb.106 Der Briefwechsel, der sich zwischen beiden entspann, zeigt einen be-
wundernden Aristokraten, der Chamberlain gerne stärker aktiv in die deutsche
Politik einbezogen hätte und viele ideologische Positionen von ihm übernahm,
obgleich er selbst als eher liberal und kosmopolitisch galt.107
Dass Julius Wiesner, der von Chamberlain verehrte Professor und Lehrer,
meinte, die Grundlagen hätten »nur von einem Naturforscher geschrieben
werden«108 können, war wohl nach dessen Empfinden das schönste Lob, das ihm
zuteilwerden konnte. Aber auch Dichter und Intellektuelle der Wiener Szene und
darüber hinaus inhalierten die Grundlagen. So etwa Hugo von Hofmannsthal, der
den »Polyhistor« Chamberlain beeindruckend fand; so etwa Hermann Bahr, der
Chamberlains Fähigkeit zur Synthese bewunderte; so etwa Wilhelm Busch, der das
Buch als äußerst anregend empfand, und auch Möller von den Bruck, dem der
neuen Blick Chamberlains auf die Geschichte tiefen Eindruck machte.109

103 Ebenda, S. 126 ff.


104 Vgl. den Briefwechsel Fürst Ernst zu Hohenlohe-Langenburg (Hrsg.), Briefwechsel zwischen
Cosima Wagner und Fürst Ernst zu Hohenlohe-Langenburg, Stuttgart 1937.
105 Lothar Machtan, Prinz Max von Baden, S. 134.
106 Ebenda, S. 210.
107 Vgl. dazu Karina Urbach/Bernd Bucher, Prinz Max von Baden und Houston Stewart Chamberlain.
Aus dem Briefwechsel 1909–1919, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 52, 2004, S. 121 ff.
108 HSC, Lebenswege, S. 143.
109 Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 230 f.
Kaiser, Thronfolger, Graf und andere 207

Eine sonderbare Beziehung ergab sich, wie oben bereits kurz angedeutet, nach
dem Erscheinen der Grundlagen mit Karl Kraus. Dieser war Jude, zugleich Gegner
des Zionismus, Befürworter der Assimilation und konvertierte später zum Katho-
lizismus. In der von ihm herausgegebenen – und nahezu alleine geschriebenen –
Wiener Zeitschrift Die Fackel bekannte er sich ein halbes Jahr nach Erscheinen der
Grundlagen als deren sympathisierender Leser und bezeichnete deren Autor als
»Culturforscher«, der mit einer »Unmenge von aufreizenden Fakten den Eintritt
der Juden in die abendländische Geschichte belegt«.110 Dieses positive Bekenntnis
zu Chamberlain und dessen Antisemitismus mag Kraus deshalb leicht gefallen sein,
weil er glaubte, der zähle einen assimilierten Juden nicht mehr zu den Juden; er
zitierte in diesem Zusammenhang Chamberlains Satz, man könne einen Israeliten,
der das Gesetz Moses nicht mehr beachte, nicht mehr einen Juden nennen.111
Kraus nahm kurz nach dieser Notiz in der Fackel Kontakt zu Chamberlain auf. Er
warb um dessen Mitarbeit, und in der Tat schrieb Chamberlain zwei längere Bei-
träge für ihn: Der voraussetzungslose Mommsen, ein scharfer Angriff auf den berühm-
ten Historiker, dem er vorwarf, »er verstehe es, jede gute Sache zu einer schlechten
umzuwandeln«.112 Das bezog sich auf Mommsens Abwehr der antisemitischen An-
griffe Treitschkes, auf dessen Parteinahme gegen Bayreuth und den Parsifal-Schutz,
vor allem aber auf dessen Forderung einer ›voraussetzungslosen Wissenschaft‹, die
Chamberlain durch die »Verbohrtheiten, Verkehrtheiten, Beschränktheiten, Anti-
pathien, Voreingenommenheiten der festbestallten Würdenträger«113 nirgends rea-
lisiert sah. Hintergrund dieses Beitrags von Chamberlain war die Berufung des
katholischen Historikers Martin Spahn an die 1871 gegründete Reichsuniversität
Straßburg, die – nach einer monatelangen heftigen öffentlichen Debatte über die
Frage, ob bekennende katholische Wissenschaftler in ihren Forschungen wirklich
frei oder an Glaubensvorgaben der Kirche gebunden seien – am Ende durch per-
sönliche Intervention Kaiser Wilhelms II. zugunsten Spahns entschieden wurde.114
Chamberlain nahm hier eine ambivalente Haltung ein: Einerseits sah er gläubige
Katholiken an die vatikanischen Richtlinien gebunden und damit in ihrer Wissen-
schaftsfreiheit bedroht, andererseits nahm er für Spahn Partei, weil er »Objektivi-
tät« als einen Wissenschaftsfetisch betrachtete, der uneinlösbar war.
Der kurz danach erschienene zweite Beitrag Chamberlains in der Fackel nahm
noch einmal diese Frage auf und handelte über Katholische Universitäten. Er füllte

110 Die Fackel, Heft 21, Oktober 1899, S. 30 f. Die Fackel steht digitalisiert im Internet und ist frei
zugänglich; vgl. dazu Sven Brömsel, Exzentrik und Bürgertum, Kapitel 8.
111 Die Fackel, Heft 21, Oktober 1899, S. 30 f.
112 Die Fackel, Heft 87, November 1901, S. 1 ff.
113 Ebenda, S. 8. Das folgende Zitat auf S. 9.
114 Vgl. dazu Stefan Rebenich, Theodor Mommsen und Adolf Harnack. Wissenschaft und Politik im Berlin
des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Berlin 1997. Spahn war von 1910–1912 Reichstagsabgeordneter
des Zentrums, ab 1921 in der DNVP, für die er 1924 bis 1933 im Reichstag saß. Danach trat er
1933 in die NSDAP ein.
208 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

mit 32 Druckseiten das gesamte Heft.115 Auch dieser Text war ein Angriff auf die
katholische Kirche, der im Wesentlichen die aus den Grundlagen bekannte Haltung
bekräftigte und darauf verwies, die von Rom geforderte ›Wissenschaft‹ sei in ihrer
Forschung wie in ihren Ergebnissen an die Wahrheit der geoffenbarten Lehre ge-
bunden.116 Man müsse indessen, so die These, »zwischen der von Rom aus ver-
kündeten Kirchenlehre und den Katholiken, wie sie in der Wirklichkeit sind, un-
terscheiden«, weil Letztere als Wissenschaftler bis zu einem gewissen Grad
eigenständig sein könnten. Gleichwohl votierte Chamberlain strikt gegen die Ein-
richtung katholischer Universitäten, weil diese »römisch«, also durch den Vatikan
kontrolliert und »den Jesuiten wehrlos preisgegeben« seien. Bei dieser Gelegenheit
wandte er sich auch wider die Juden, die er – wie stets – neben der römischen
Kirche als die zweite lebensbedrohliche Gefahr für die Deutschen ansah. Der Bei-
trag löste eine lebhafte öffentliche Diskussion aus. Gleichwohl schrieb ihm sein
Lektor Vanselow aus München: »Ich bedaure, daß Ihr prachtvoller Artikel wieder
in der Fackel vergraben worden ist, einer Zeitschrift, die in Deutschland so gut wie
niemand liest und die hier in keinem besonders guten Ruf steht.«117
Regelmäßig wurde in der Fackel für Chamberlains Bücher geworben, zu-
nächst für seine Wagner-Biographie, danach auch für die Grundlagen und später
für Dilettantismus, Rasse, Monotheismus. Und erstaunlich oft finden sich in der
Fackel kommentierende Anmerkungen und streitbare Hinweise von Kraus, auch
Leserzuschriften zu Chamberlain und dessen Grundlagen, die zeigen, wie stark
dieses Werk die zeitgenössische Debatte beherrschte. Kraus suchte ihn wohl auch
deshalb immer wieder zur Mitarbeit zu bewegen, weil er wusste, dass Chamber-
lain sowohl ihn wie die Zeitschrift schätzte. Doch sein Werben war vergeblich,
Chamberlain lehnte stets höflich, doch bestimmt ab. »Ihr Unternehmen ist nach
meiner Meinung ein unentbehrliches«, schrieb er an Kraus, »wenn Sie es ent-
muthigt aufgäben, würden die Menschen schon merken, daß in Wien etwas fehlt;
das Niveau würde noch tiefer sinken, wie beim Bersten eines Deichs«, und Kraus
druckte diesen Brief ab.118 Aber die weitere Mitarbeit für Kraus lehnte er ab, auch
wenn er gelegentliches Schreiben nicht ausschloss. Seine Begründung: »Das Auf-
satzschreiben liegt abseits von meinem eigentlichen Arbeitsgebiet und augen-
blicklich fehlt mir dazu die Muse. Ein getreuer Leser der ›Fackel‹ bin ich aber
nach wie vor.«119 Bedauernd stellte ein Leser der Fackel fest: »Neben Liebknecht
und Schöffel war es vor allem Chamberlain gewesen, der Schöpfer der Grundlagen
des XIX. Jahrhunderts und des Richard-Wagner-Werkes, der stets genannt wurde,

115 Die Fackel, Heft 92, Januar 1902, S. 1 ff.


116 Ebenda, S. 8; die folgenden Zitate werden nicht gesondert nachgewiesen.
117 Vanselow, Bruckmann-Verlag, Brief vom 20. Januar 1902, Nachlass Chamberlain. In der Fackel
erschien zwei Jahre später eine Entgegnung von Prof. Martin Spahn, in: Die Fackel, Heft 145,
Oktober 1903, S. 1 ff.
118 Die Fackel, Heft 143, Oktober 1903.
119 Die Fackel, Heft 127, Januar 1903, S. 17.
Kaiser, Thronfolger, Graf und andere 209

wenn man nach Autoren fragte, die allem Wüthen der Journaille zum Trotz sich
offen zur Fackel bekannten.«120
Kraus war nicht der einzige jüdische Intellektuelle der Wiener Szene um die
Jahrhundertwende, der nach dem Erfolg der Grundlagen Chamberlains Nähe
suchte. Otto Weininger wandte sich 1902 an ihn mit der Bitte, sich das Manuskript
von Geschlecht und Charakter anzusehen und ihm eventuell eine Verlagsempfehlung
zu geben, wohl weil es zwischen beiden starke Berührungspunkte gab.121
In Berlin hatte Chamberlain bereits vor dem Erscheinen seines Werkes Kon-
takt zu Maximilian Harden, für dessen Zukunft er zwischen 1896 und 1905 insge-
samt neun Beiträge lieferte. Es störte ihn dabei offenbar wenig, dass Harden wie
Karl Kraus Jude und Die Zukunft eines jener Periodika war, die er ansonsten als
›jüdisch‹ denunzierte. 1895 empfahl Harden seinen Lesern Chamberlains Richard
Wagner als Geschenkbuch, und vor dem Erscheinen der Grundlagen brachte Die
Zukunft einen Vorabdruck über Lucian. Nach der Lektüre der Grundlagen schrieb
Harden an Chamberlain, er sei »für alles Umragende und Stärkende in Ihrem
Buch, das ich staunend, zunächst über den Umfang Ihres gründlichen Wissens, las,
aufrichtig dankbar«.122 Harden druckte, aus heutiger Sicht geradezu unfassbar, ein
von Chamberlain eingesandtes Gedicht ab, in dem die schöpferischen Germanen
gegen die »affenentstammenden Bastardgnome« ausgespielt werden, worüber die-
ser höchst erfreut war, weil sein erstes gedrucktes Gedicht ausgerechnet in der
Zukunft erschien.123 Nach der oben bereits zitierten überschwänglichen Bespre-
chung der Grundlagen eine weitere Hommage von einem Juden an einen entschie-
denen Antisemiten.
Über die Wiener Kulturszene, nicht zuletzt über den Wiener Akademischen
Wagner-Verein, gewann Chamberlain zunächst vor Ort eine Breitenwirkung, die
durch seine in Bayreuth mittlerweile unumstrittene intellektuelle Dominanz weit
ins Deutsche Reich hineinstrahlte und ihn nicht nur zu einem der meistgelesenen
Autoren des Bildungsbürgertums machte, sondern ihm auch zu einen kaum zu
unterschätzenden Einfluss auf die deutschen Führungseliten verhalf.

120 Die Fackel, Heft 127, Januar 1903, S. 18.


121 Ausführlich dazu Sven Brömsel, »Wir leben unter sehr dummen Menschen«, in: wagnerspectrum
2/2005, S. 111 ff.; Sven Brömsel, Exzentrik und Bürgertum, Kapitel 4.
122 Ebenda, S. 115. Hier findet sich auch die Auflistung der Beiträge, die Chamberlain für Die Zu-
kunft geschrieben hat: 1. Bayreuther Festspiele, in: Die Zukunft, 18. Juli 1896, S. 97 ff.; 2. Bayreuth
im Jahre 1896, in: Die Zukunft, 26. September 1896, S. 586 ff.; 3. Recherches sur la sève ascendente, in:
Die Zukunft, 12. Juni 1897, S. 512 f.; 4. Lucian, in: Die Zukunft, 11. März 1899, S. 426 ff.; 5. Sieg-
fried Wagner und der Bärenhäuter, in: Die Zukunft, 22. April 1899, S. 158 ff.; 6. Der Krieg, in: Die Zu-
kunft, 17. Februar 1900, S. 237 ff.; 7. Rom, in: Die Zukunft, 8. November 1902, S. 237 ff.; 8. »Christus
ein Germane«, in: Die Zukunft, 25. Januar 1904, S. 139 ff.; 9. Arisches Denken, in: Die Zukunft, 28. Ok-
tober 1905, S. 139 ff.
123 »Krieg mit der Feder, Krieg mit dem Schwert, / Wo des Germanen schöpferischer Werth /
Selbstbewußt trotzet den wimmelnden Atomen / Affenentstammender Bastardgnomen«; ebenda.
210 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Chamberlains Vorwort-Erwiderungen
Zur dritten Auflage seiner Grundlagen schrieb Chamberlain im September 1901 ein
Vorwort, das später zusammen mit dem zur vierten Auflage in einem gesonderten
Heft erschien.124 In ihm setzte er sich ausführlich mit dem oben bereits zitierten
Vorwurf Henry Thodes auseinander, er habe »mehr oder minder bewusst Plagiat an
Richard Wagner« begangen und dessen Thesen aus Religion und Kunst breitgetreten.
In seiner Entgegnung reagierte Chamberlain so scharf, dass der Eindruck ent-
stehen konnte, er wolle mit Bayreuth brechen. Er vermied den Namen Thode,
sprach stattdessen abschätzig von einem »Mitarbeiter des Literarischen Centralblattes«,
der »mir das Meine raubt«, wie er Wagner »das Seine« raube. Er stellte eingangs
klar, es gebe zwischen seinem und Wagners Denken große Unterschiede; Wagners
Ideen seien »europäisches Kulturgut«, also nicht dessen alleiniger Besitz;125 auf
Wagners Thesen, die sich je nach dessen Lektüre änderten, ließe sich kein Buch
aufbauen. Dann ging er genauer auf drei Themen ein, in denen er seine »funda-
mentale« Differenz zu Wagner herausstellte.
Zunächst auf die Frage, ob das Judentum die christliche Religion verdorben
habe. Mit dem Gnostiker Marcion, den Manichäern oder auch Renan verwies er auf
eine lange, innerchristliche Debatte dieses Problems und ebenso darauf, dass Wagner
seine eigene Auffassung von Schopenhauer übernommen habe, der wiederum die
Geschichte dieser innerchristlichen Auseinandersetzung nicht kannte. Womit für ihn
geklärt war, dass sich die entsprechenden Kapitel in den Grundlagen nicht Wagner
verdankten, sondern auf eigenen theologiegeschichtlichen Kenntnissen beruhten.
Die zweite Korrektur an Thodes Kritik bezog sich auf die fundamentale Diffe-
renz von Wagners und Chamberlains Rassenbegriff. Wagner habe sich, so Chamber-
lain, nie mit der Rassenfrage befasst, und was er dazu in Heldenthum und Christenthum
geschrieben habe, sei bloße Wiedergabe von Gobineau. Der aber habe, ein halbes
Jahrhundert vor Chamberlain, »von Anatomie, Zoologie, Anthropologie, Prähisto-
rie keine blassesten Kenntnisse« besessen und habe daher »paragraphose Bücherge-
lehrsamkeit mit den hyperphantastischen Träumereien eines apokalyptischen Welt-
untergangsverkünders in seinem Kopfe zu vereinen gewußt«.126 Eine ernstzunehmende
Theorie der Rasse könne auf »noch so geistreicher Intuition, vermischt mit haar-
sträubenden Hypothesen, nicht aufgebaut werden, sondern nur auf gründliche und
umfassende naturwissenschaftliche Kenntnisse«. Chamberlain zitiert dann Darwin,
der ihn den Unterschied zwischen Rasse und Art gelehrt habe.
Der dritte Punkt seiner Philippika gegen Thode bezog sich auf Rom und die
römische Kirche, deren Geschichte, Rolle und Funktion er nicht von Wagner,

124 HSC, Wehr und Gegenwehr.


125 In diesem Kontext zitiert er Wagners Satz: »Was einmal öffentlich gesagt ist, gehört der Allge-
meinheit an und nicht mehr ist es Eigentum Desjenigen, der es gesagt hat. In diesem Sinne würde
ich mir jedes Plagiat verzeihen, weil ich es nicht dafür halten könnte«; ebenda, S. 6.
126 Ebenda, S. 13; die folgenden Zitate auf den Seiten 14; 17.
Chamberlains Vorwort-Erwiderungen 211

sondern aus den einschlägigen historischen Werken bezogen habe. Dann grenzt er
sich noch einmal gegen Wagner ab: »Wagner schwört heute bei Feuerbach und
morgen bei Schopenhauer, er ist heute Republikaner und morgen Gottesgnaden-
tumsverfechter, heute rührt die Entartung der Menschheit von der Nahrung her,
morgen von der Rassenvermischung […].« Er verurteile dessen »sorglose Art des
Umgangs mit empirischen Tatsachen«, verwahre sich als dessen »Jünger« zu gelten,
während er Goethe, Kant und Cuvier in seinem Denken verpflichtet sei. Aber er
betonte auch nachdrücklich, wie viel er Wagner in seiner eigenen künstlerisch
geprägten Weltanschauung verdanke.
Das Vorwort zur vierten Auflage, geschrieben im Oktober 1902 in Wien, hielt
Chamberlain offenbar für eine so wichtige Ergänzung zu den Grundlagen, dass er es
nicht nur der neuen Auflage voranstellte, sondern im selben Jahr auch als eine eigen-
ständige Publikation veröffentlichte.127 Es erschien 1912 ein weiteres Mal in Wehr
und Gegenwehr. Schon der Titel dieses Heftes machte deutlich, auf welche Themen
sich Chamberlains Verteidigung gegen seine Kritiker bezog: auf den Begriff des Di-
lettanten, den er für sich in Anspruch genommen hatte; auf seine Vorstellungen zur
Rasse und Rassenfrage; auf die Frage des semitischen Monotheismus und schließlich
auf die Differenzen zwischen katholisch und römisch. Im Folgenden sollen hier der
erste und vierte Themenbereich noch einmal kurz aufgenommen werden, der dritte
ausführlicher behandelt, wohingegen die Frage der Rasse in das anschließende Kapi-
tel, das sich damit ausführlich beschäftigt, ausgelagert werden soll.
Chamberlain griff die Frage des Dilettanten deshalb noch einmal so umfang-
reich auf, weil sie sowohl die Glaubwürdigkeit seiner Arbeit als auch die von ihm
vertretene ›neue‹ Art einer synkretistischen Verschmelzung von natur- und geistes-
wissenschaftlichen Erkenntnissen elementar betraf. Das war für ihn von solch emi-
nenter Bedeutung, dass er den in Wehr und Gegenwehr veröffentlichten Text über
Dilettantismus später noch ein weiteres Mal gesondert 1925 publizierte – womit
dieser dann insgesamt viermal erschienen ist.128 Seine Auffassung ist oben bereits
skizziert worden;129 hier nur noch so viel: Der Dilettant ist der Gegentypus zu ei-
nem Wissenschaftler, der zwangsläufig auf einem eng umgrenzten Gebiet arbeiten
muss, dabei aber stets in der Gefahr steht, die übergeordneten Zusammenhänge aus
dem Blick zu verlieren. Zwischen beiden geht es nicht »um Konkurrenz«, sondern
um eine Art ›Arbeitsteilung‹. Der Dilettant fasst vorhandenes Wissen zusammen,
synthetisiert es und macht es in seinen vielfältigen Dependenzen sichtbar: »Wir
brauchen«, heißt es, »Männer, die befähigt und gewillt sind, gleichsam als geschulte
›Nicht-Fachgelehrte‹ zu wirken, sonst fällt die Gesamtheit unseres Wissens immer
mehr auseinander und bildet im besten Fall ein Mosaikbild, nicht einen lebendigen
und als lebend empfundenen und verwerteten Organismus.«130 Die Dilettanten

127 HSC, Dilettantismus, Rasse, Monotheismus, Rom.


128 HSC, Rasse und Persönlichkeit, S. 98 ff.
129 Vgl. oben, S. 116.
130 HSC, Wehr und Gegenwehr, S. 24 das folgende Zitat hier und auf der nachfolgenden Seite.
212 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

müssen die Ergebnisse der Fachwissenschaft zutreffend überblicken, ohne sich in


Einzelheiten zu verlieren. »An den echten Dilettanten werden hohe Ansprüche
gestellt; wir fordern von ihm eine vorzügliche Urteilskraft, das Auge eines Feld-
herrn – und zugleich scharf und viel umfassend, innere Freiheit, unermüdlichen
Fleiss und volle Hingabe.« Chamberlain berief sich auf Kant, der verschiedentlich
die Schwächung der Urteilskraft durch hohe wissenschaftliche Spezialisierung ge-
rügt und bei allen Verdiensten der Fachgelehrten doch eine übergreifende Inter-
pretation durch unabhängig Wissende gefordert habe: »Ein Gegner der Fachge-
lehrten soll der Dilettant beileibe nicht sein, vielmehr ist er ihr Diener; ohne sie
wäre er selber nichts; er ist aber ein völlig unabhängiger Diener, der zur Erledigung
seiner besonderen Aufgaben auch seine besonderen Wege gehen muss. Und emp-
fängt er sein Thatsachenmaterial zum grossen Teile vom Gelehrten, so kann auch
er durch neue Anregungen diesen sich vielfach verpflichten.«131
Das ist im Grunde die Forderung nach dem Typus des Wissenschaftspublizisten,
der wissenschaftliche Ergebnisse einem interessierten Publikum verständlich ›über-
setzen‹ kann. Chamberlain sieht hier sehr klar das Problem, das sich differenzierende
Wissenschaften in ihrer Beziehung zur allgemeinen Öffentlichkeit bis heute haben:
die Vermittlung ihrer oft schwer verständlichen Ergebnisse gegenüber einer Bevöl-
kerung, der die Wissenschaftler in ihren Forschungen verpflichtet sind, nicht zuletzt
auch deshalb, weil sie von dieser Bevölkerung finanziert werden. In dem Maße, wie
die modernen Wissenschaften sich durch immer weiter vorangetriebene Spezialisie-
rung voneinander entfernen, sich dem interessierten Verständnis der Laien entzie-
hen, wie sie ihre Einsichten nicht auf leicht rezipierbare Sätze und einfache Sachver-
halte reduzieren können, wird auch die Möglichkeit, die Welt als eine Einheit bzw.
in ihrer Ganzheit zu erfahren und zu verstehen, unmöglich. Das damit verbundene
Gefühl, mit Marx zu reden: das Gefühl der Entfremdung und seiner Konsequenz
von individueller Hilf- und Orientierungslosigkeit, beherrschte schon das ausge-
hende 19. Jahrhundert mehr und mehr. Die Unfähigkeit der Einzelnen, die eigenen
fragmentierten Erfahrungen in sich selbst zur Einheit zu bringen; die Schwierigkeit,
unterschiedliche gesellschaftliche Rollen in der eigenen Person zu harmonisieren,
sich wiederstreitenden Anforderungen erfolgreich zu stellen und Ähnliches mehr,
alles, was nötig ist, um sich selbst in ein ausgeglichenes Verhältnis zur Welt zu setzen
und dabei nicht zu scheitern, rief schon früh die Sehnsucht nach einer Vermittlung
wach, die genau dies zu leisten imstande war. Auf der konkreten gesellschaftlichen
Ebene waren die sich nach der Französischen Revolution herausbildenden politi-
schen Strömungen eine Antwort: Kommunistisch-sozialistische Positionen hatten
ebenso wie liberale und konservative mehr oder weniger umfassende gesellschaft-
lich-politische Lebensentwürfe parat, mithilfe derer die Vergangenheit verstanden,
die Gegenwart eingeschätzt und die Zukunft gestaltet werden sollte. Auf der Ebene
des Wissenstransfers lagen die Probleme ähnlich. Wenn Chamberlain hier für sich
die Position des Dilettanten reklamierte, dann besetzte er damit genau jene Lücke,

131 Ebenda, S. 26 f.
Chamberlains Vorwort-Erwiderungen 213

die von gebildeten, aber überforderten Menschen als schmerzlich empfunden wurde,
weil sie diese Lücke mithilfe ihrer Alltagserfahrungen und ihres partikularen Wissens
nicht zu überbrücken vermochten. Chamberlain war dabei, wie oben schon er-
wähnt, nicht der einzige. Um die Jahrhundertwende – wie übrigens auch heute –
gab es eine Vielzahl von Autoren, deren Schriften genau auf dieses Verlangen ant-
worteten: so etwa Ernst Haeckel, der mit seinen Welträtseln eine Theorie des
Monismus entwarf, mit der er eben jene Differenzerfahrungen, die zu einer tiefen
Verunsicherung der Menschen geführt hatte, aus einem einzigen Prinzip heraus zu
lösen und zu korrigieren vorgab. So etwa Rudolf Steiner, dessen Anthroposophie
mit ihrer Mischung aus Elementen der Gnosis und des deutschen Idealismus, einem
idealisierten Goethe-Verständnis und dem Einbeziehen moderner, wissenschaftli-
cher Erkenntnisse eine ganzheitliche Weltsicht beschwor, die Orientierung möglich
machte. Auch der Erfolg von Oswald Spengler mit seinem Untergang des Abendlandes
war die Antwort einer verunsicherten Gesellschaft, deren Mitglieder sich auf »die
Wirren der Zeit« keine schlüssigen Erklärungen zu geben vermochten und die wis-
sen wollten, wohin die Entwicklung gehen könnte. Chamberlain stand mit seinen
Grundlagen in dieser Reihe von Weltanschauungs- und Sinnproduzenten, die auf das
fundamentale Bedürfnis nach politischer, gesellschaftlicher und spiritueller Orientie-
rung reagierten – er vor allem mit seiner Rassentheorie, die vorgab, die Vergangen-
heit in ihren Auswirkungen auf die Gegenwart stimmig verstehen zu können und
zugleich daraus notwendige Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen.
Sehr ausführlich widmete sich dieses Vorwort zur vierten Auflage überdies
dem Problem des Monotheismus und seiner Entstehung, weil das den Kern seiner
Religions-, Rassen- und Geschichtsauffassung betraf. Das geschah mit Bezug auf
einen knappen Text von Friedrich Delitzsch, der nach seiner Veröffentlichung
einen langanhaltenden und intensiv geführten Streit sowohl unter Fachgelehrten
wie in der deutschen Öffentlichkeit hervorgerufen hatte. Im Grunde ging es um
einen innertheologischen Streit zwischen Theologen, die das Alte Testament, aus
welchen Gründen auch immer, mit dem Neuen Testament als unvereinbar erach-
teten, also den jüdischen Glauben vom christlichen scharf trennen wollten. Da
Chamberlain diese Trennung vehement vertrat, verwundert es wenig, dass er sich
in eine Debatte einschaltete, die eine seiner Grundüberzeugungen berührte.
Am 13. Januar 1902 hatte der Assyrologe Friedrich Delitzsch132 vor der Deut-
schen Orientgesellschaft in Berlin im Beisein des Kaisers einen Vortrag gehalten,

132 Friedrich Delitzsch (1850–1922) studierte in Leipzig indogermanische Sprachen und promovierte
mit Studien über indogermanisch-semitische Wurzelverwandtschaft (1873). Er wandte sich dann der
Assyrologie zu, habilitierte 1874 in Leipzig, wurde hier 1877 außerordentlicher, 1885 ordentli-
cher Professor. 1899 ging er an die Universität in Berlin. Er begründete die Deutsche Orientge-
sellschaft mit, wurde 1899 Direktor der Vorderasiatischen Abteilung der Berliner Museen, pu-
blizierte vor allem zur Sprache und Geschichte Assyriens und Babylons, zur Keilschrift, auch zu
damit verbundenen theologiehistorischen Problemen. Im Laufe seines Lebens wurde er zuneh-
mend zum Antijudaisten, der das Alte Testament – wie Chamberlain – aus dem Christentum
herausnehmen wollte.
214 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

der im folgenden Jahr unter dem Titel Babel und Bibel veröffentlicht wurde.133
Anhand neuester Ausgrabungen behauptete Delitzsch, die Semiten seien von jeher
Monotheisten gewesen und das Alte Testament beruhe in großen Teilen auf baby-
lonischen Quellen, eine These, die bei gläubigen Juden starkes Ärgernis erregte.
Gegen Chamberlains Behauptung in den Grundlagen, die Semiten hätten einen
armen religiösen Instinkt gehabt, führte Delitzsch an, auf neuen Ausgrabungen sei
immer wieder das Wort »El« gefunden worden, das man mit »Ziel« übersetzen
oder als Bezeichnung für einen einzigen Gott verstehen müsse, was den hohen
religiösen Sinn der Semiten belege.134
Chamberlain nennt zwar in seiner Entgegnung Delitzsch einen »Fachgelehrten
von unbestrittener Kompetenz« und bescheinigt ihm eine »glänzende Darstellung«135
seines Stoffes, suchte aber dessen These, die ein Fundament seiner antijudaistischen
Argumentation infrage stellte, mit großem Aufwand zu widerlegen. Er beschul-
digte ihn eines philologischen Irrtums und interner Widersprüche. Mit Hinweis
auf die in den Grundlagen zitierten Wissenschaftler brachte er neuere wissenschaft-
liche Belege, die seiner Meinung nach besagten, »El« sei immer als Plural gebraucht
worden. Daraus – und aus anderen Indizien – schloss er, »dass alle Semiten und
Halbsemiten, von denen die Geschichte zu melden weiss, nachweisbar Polytheis-
ten waren – bis Mohammed kam.«136 Eine Ausnahme stelle »einzig und allein das
kleine Volk der Juden« dar, das, wie heute nachgewiesen sei und wie dem »über-
legten Studium des Alten Testaments entnommen« werden könne, »ein vorwie-
gend syrisches Volk, mit allerdings starkem semitischen, aber auch mit indogerma-
nischem Einschlag« gewesen sei, welches man nicht umstandslos mit den »übrigen
Semiten identifizieren« dürfe: »Dieses Volk ist ein Volk für sich, und es ist unver-
antwortlich, das, was in seiner religiösen Entwickelung einzig in der Weltge-
schichte und ohne Frage bewundernswert ist, den übrigen semitischen Völkern
zugut zu schreiben.«137
Im Gegenzug suchte Chamberlain Nachweise für seine These, die unter-
schiedlichen Bezeichnungen für »Gott« stünden im germanischen und indoari-
schen Kulturkreis stets im Singular, was zwar nicht belege, dass Indoarier, Grie-
chen und die alten Germanen bereits Monotheisten gewesen seien, wohl aber
deutlich mache, dass der Versuch von Delitzsch, über die Namensgebung auf die
Form der Religion zu schließen, nicht erfolgreich sein könne.
Für ebenso falsch hielt er die aus Keilschrifttafeln resultierende Gleichsetzung
von Jahwe mit Gott, wie Delitzsch dies im zweiten Teil seines Vortrags tat. Cham-

133 Friedrich Delitzsch, Babel und Bibel, Ein Vortrag, Leipzig 1903. Der Kaiser war von dem Vortrag
so angetan, dass er Delitzsch im Februar 1903 noch einmal zur Wiederholung ins Schloss einlud;
vgl. allgemein zur Kontroverse Reinhard G. Lehmann, Friedrich Delitzsch und der Babel-Bibel-
Streit, Göttingen 1994.
134 Friedrich Delitzsch, Babel und Bibel, S. 46.
135 HSC, Wehr und Gegenwehr, S. 47.
136 Ebenda, S. 65.
137 Alle Zitate ebenda, S. 66.
Chamberlains Vorwort-Erwiderungen 215

berlain zitierte unterschiedliche Lesarten verschiedener Keilschrift-Gelehrter und


zog nach seitenlangen Erwägungen der Schwierigkeiten, beim Lesen von Keil-
schriften zu einer eindeutigen und unbezweifelbaren Entzifferung zu gelangen,
den Schluss, der Monotheismus und Jahwe-Glaube der »präabrahamitischen Semi-
ten« sei eine »phantasievolle Geschichtsfabrikation« von Delitzsch.138 Zugleich aber
nahm er das Alte Testament in Schutz, nicht so sehr aus theologischen, sondern
eher aus künstlerischen Gründen, weil es ein einmaliges Dokument von »unver-
gleichlichem Zauber« sei139, voller Mythen, das, kritisch gelesen, zur Wahrheit des
Christentums führe. Über fünfzig Druckseiten widmete er der Auseinandersetzung
mit Delitzsch, weit mehr als die Hälfte dieses vierten Vorwortes. Das belegt einmal
mehr, wie zentral die Frage der christlichen Religion für sein Denken war und wie
entschieden er das Christentum als einen eigenen, auf germanischen Empathien
beruhenden Glauben gegenüber allen Vorläufern, vor allem gegenüber dem Ju-
dentum rechtfertigen wollte.
Die Delitzsch-Kontroverse, die hier in ihren Einzelheiten nicht weiter ausge-
breitet werden soll, provozierte zu ihrer Zeit eine erregte Diskussion über den
Stellenwert des Alten Testaments. In einem zweiten Vortrag verschärfte Delitzsch
seine Thesen und behauptete, die hebräische Bibel sei der babylonischen Kultur
unterlegen und solle am besten aus dem christlichen Glauben entfernt werden.140
Das stimmte zwar mit Chamberlains Ansicht überein, aber die mitgelieferten Be-
gründungen widersprachen dem, was dieser in den Grundlagen vorgetragen hatte.
Chamberlain übersandte sein viertes Vorwort Kaiser Wilhelm II. und fügte einen
außerordentlich langen, seine im Vorwort dargelegten Argumente zusammenfas-
senden Brief bei, der einer kleinen Abhandlung gleichkam.141 Der Kaiser antwor-
tete umgehend und bezeichnete Chamberlain als seinen »Retter in der Not«, da er
gerade dem Vorsitzenden der Deutschen Orientgesellschaft, Admiral Hollmann,
zu Delitzsch eine Antwort schreiben wollte, um diesem »einerseits für seinen Fleiß
Anerkennung auszusprechen, sodann ihn freundschaftlich, aber bestimmt in seine
Grenzen zurückzuweisen, und zuletzt für ihn und alle anderen Menschen meine
Auffassung und Standpunkt klar festzustellen.«142
Der handgeschriebene Brief des Kaisers, den dieser an die Orientgesellschaft
sandte und der am 19. Februar 1903 in Berlin veröffentlicht wurde, ließ denn auch
in großen Teilen den Geist Chamberlains erkennen. Wilhelm II. verteidigte die
»Gottheit Christi«, bekannte, Gott offenbare sich ständig den Menschen, in großen
Weisen wie Hammurabi, Homer, Karl dem Großen, Luther, Shakespeare, Goe-
the, Kant und Kaiser Wilhelm I.: »Die hat er ausgesucht und Seiner Gnade gewür-
digt, für ihre Völker auf dem geistigen wie physischen Gebiet nach Seinem Willen

138 Ebenda, S. 74.


139 Ebenda, S. 81.
140 Friedrich Delitzsch, Babel und Bibel. Zweiter Vortrag, Stuttgart 1903; vgl. dazu auch ausführlich
Geoffrey G. Field, Evangelist of Race, S. 255 ff.
141 Briefe, Bd. 2, S. 168 ff. (Brief vom 4. Februar 1903).
142 Ebenda, S. 188 (Brief vom 16. Februar 1903).
216 Ein Bestseller – Teil II: Kritik und Rezeption der Grundlagen des 19. Jahrhunderts

Herrliches, Unvergängliches zu leisten.«143 Das Alte Testament hielt er, wie Cham-
berlain, für eine Sammlung großer Mythen, für ein historisches Dokument, den
»jüdischen Nimbus des auserwählten Volkes« sah er im Schwinden begriffen und
bekannte, im Zentrum seines Glaubens stehe ausschließlich Christus.
Trotz solcher Übereinstimmungen mit seinen Ansichten war Chamberlain mit
dieser Antwort des Kaisers nicht ganz zufrieden. Am 27. März 1903 folgte neuer-
lich ein außerordentlich langer Brief, mit dem er den Monarchen auf ›Fehler‹ im
Verständnis des Alten Testaments hinwies und sich dabei auf berühmte Theologen
wie Julius Wellhausen berief.144 Sehr detailliert legte er seine Auffassung über die
Entstehung des Monotheismus dar, zitierte einschlägige wissenschaftliche Untersu-
chungen, interpretierte Bibelstellen, um dann Wilhelm II. vorzuhalten, es wäre
seinem Brief an Admiral Hollmann »eine wuchtigere Einheitlichkeit in der Be-
handlung des Alten Testaments zustatten gekommen«.145 Das war ein eigentlich
unerhörter, weil fast respektloser Rüffel für den Monarchen, der noch dadurch
unterstrichen wurde, dass Chamberlain am Ende des Briefes sein eigenes Glau-
bensbekenntnis in vier Punkten als Essenz des christlichen Glaubens überhaupt
zusammenfasste und damit dem kaiserlichen Empfänger nahelegte, es sich zu eigen
zu machen: »1. Ich glaube an Jesus Christus; 2. Ich glaube, dass in ihm alles, was
uns Sterblichen von dem unerforschlichen Geheimnis des Göttlichen zugänglich
ist, Gestalt gefunden hat. Daß Gott ist und was Gott ist, weiß ich durch ihn allein;
3. Aus Christi Leben und aus seinem Tod erhoffe ich für mich und alle, durch
Gottesgnade, die Erlösung; 4. Ich erkenne keine Kultur als gleichberechtigt an, die
nicht Gott in Christus verehrt; die Feinde Christi sind meine Feinde; ich will nicht
erlauben, daß sie meine Kinder erziehen, meine Jünglinge ausbilden, meinen Staat
mitregieren, die christliche Kultur durchseuchen; zwar erkenne ich es als meine
Pflicht der Menschlichkeit an, sie zu dulden, ihre antichristlichen Bestrebungen
aber will ich mit Wort und Tat und, wo es nottut, mit Gesetz und Schwert be-
kämpfen; für Christus will ich mein Leben geben.«146 Man kann nur staunen, was
Chamberlain sich mit diesem Brief gegenüber dem Kaiser herausnahm; er trat
gleichsam als dessen geistlicher Vordenker auf, suchte ihm vorzuschreiben, was er
glauben sollte, und griff mit Punkt 4 in die Politik des Reiches gegenüber den
Juden ein. Mit diesem religiös verbrämten Punkte wurde dem Kaiser nahegelegt,
die erreichte, bürgerliche Emanzipation der Juden wieder einzuschränken. Der
Kaiser übersah die anmaßende Belehrung und antwortete »mit einem herzlichen
Dank für [den] langen und eingehenden Brief«.147
Eine Überraschung war die Reaktion Cosima Wagners auf dieses vierte Vor-
wort, das Chamberlain auch ihr zugesandt hatte. Man hätte vermuten können, dass

143 Zitiert nach John C. G. Röhl, Wilhelm II., Bd. 3, S. 564.


144 Briefe, Bd. 2, S. 193 ff.; die Stelle S. 200.
145 Ebenda, S. 205 f.
146 Ebenda, S. 209 f.
147 Ebenda, S. 212 (Brief vom 24. 8. 1903).
Chamberlains Vorwort-Erwiderungen 217

nach den Angriffen auf Henry Thode und der deutlichen Abgrenzung von Bay-
reuth ihm hier eine Missbilligung widerfahren würde. Weit gefehlt, Cosima über-
schlug sich in einem langen Brief mit Lob, ließ sich ausführlich über die Juden aus
und fand Chamberlains These, wonach diese »das lebendige Beispiel für das als
Religion empfundene Rassengefühl« seien, »eminent« und »eines der wichtigsten
Momente in unserer Kulturentwicklung«. Sie schloss mit dem Satz: »Glauben Sie
an die Güte dieser Freundschaft und seien Sie mit vielem Dank für die große
Freude, die Ihre Einladung mir brachte, herzlichst gegrüßt.«148 Bayreuth hatte of-
fenbar begriffen, wie töricht es sein würde, diesen weitgerühmten und höchst
einflussreichen Privatgelehrten und Publizisten nicht mit ins Boot zu holen und so
pflegte Cosima, trotz aller gelegentlicher Vorbehalte, die sie in ihren Briefen no-
tierte, über die Jahre eine immer enger werdende Beziehung, die sich von Zeit zu
Zeit in überschwänglichem Lob Bahn brach.

148 Briefwechsel, S. 639. (Brief vom 9. November 1902). HSC antwortete am 11. November 1902,
ebenda, S. 641. Ein weiterer zustimmender Brief Cosimas ebenda, S. 643 (30. November 1902).
Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien –
Entwicklungen bis Chamberlain

Vorbemerkung
Chamberlains Begriff der Rasse, seine Rassentheorie und die Folgerungen, die er aus
beidem zog, sind keine aus dem Nichts entstandenen originären Vorstellungen, die
erstmals in den Grundlagen entwickelt worden wären. Im Gegenteil: Sie sind das von
ihm formulierte Ergebnis einer historisch über Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte zu-
rückreichenden Debatte, die sich im 17. Jahrhundert in den europäischen Wissen-
schaften zu entwickeln begann, im 18. Jahrhundert systematisch profiliert wurde und
sich dann im 19. Jahrhundert als eigener, interdisziplinärer Forschungszweig etablie-
ren konnte, mit langfristigen Konsequenzen in den politischen Raum hinein, die
von einem Großteil der damaligen Forscher wohl kaum erahnt worden sind. Vor
allem lag jene tödliche Radikalität einer Rassenpolitik, wie sie das NS-Regime dann
im 20. Jahrhundert praktizierte, wohl außerhalb der Vorstellungskraft jener, welche
die Rasse als eine wissenschaftliche Kategorie, die Rassentheorie als eine neue Erklä-
rungsmöglichkeit historischer Entwicklungsprozesse auffassten und entsprechende
Forschungsprogramme auf den Weg brachten. Um Chamberlains Position als Ras-
sentheoretiker einigermaßen angemessen zu verstehen, müssen sein Denken, seine
Thesen und Positionen in den Kontext der damaligen Entwicklung gestellt werden;
erst dann wird sichtbar, wie stark er selbst dem Stand der Diskussion seiner Zeit ver-
haftet war, aber auch, wo er darüber hinausging, zuspitzte und politische Konse-
quenzen nahelegte, die das rein analytisch-wissenschaftliche Interesse hinter sich lie-
ßen. Im Folgenden soll aus diesem Grund die Entwicklung der ›Rassenforschung‹ in
aller Kürze skizziert werden, um zu zeigen, worauf Chamberlain aufbaute.

Entstehung und Karriere eines Begriffs


»Das Wort ›Rasse‹ ist nicht lateinischen, sondern germanischen Ursprungs; es ge-
hört zu den vielen Wörtern, welche die echten Germanen nach Westen hinausge-
tragen und dann von Frankreich und Italien romantisiert zurückbekommen haben;
es stammt von dem mittelhochdeutschen ›Reiz‹ und dem altdeutschen ›Reiza‹ ab,
welche eine gerade Linie bedeuten und daher auch das gerade – d. h. das echte –
Geschlecht, zum Unterschied von dem aus Zickzacklinien zusammengesetzten,
vermischten. Und dieses Wort Reiza hängt wiederum mit einem im Altpersischen
und Altindischen nachweisbaren Stamme zusammen, der in einem weiteren, um-
fassenderen Sinne überhaupt das Gerade, das Richtige, das Gerechte bezeichnet«1.

1 HSC, Die Rassenfrage, in: HSC, Rasse und Persönlichkeit, S. 70.


220 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

Mit dieser etymologischen Feststellung, die in gewisser Weise auf den Kern
seiner Weltanschauung anspielt, beginnt Chamberlain einen Aufsatz über Die Ras-
senfrage. Die sprachliche Herleitung des Wortes Rasse mag nicht völlig falsch sein,
aber ob sie wirklich zutrifft, ist nicht sicher. Denn die Etymologie dieses Wortes ist
bis heute nicht eindeutig geklärt. Es gibt sehr unterschiedliche Auffassungen.
Überwiegend wird als Herkunft das Arabische angenommen, wo das Wort ra’s
dem Sinne nach Kopf oder Ursprung meint, gelegentlich auch das lateinische ra-
dix, Wurzel, das auf Ursprünge verweist. Das arabische ra’s gab die Grundlage für
das spanische raza, das italienische razza, das französische und englische race.2 Ab
dem 13. Jahrhundert wurden diese Worte in den romanischen Ländern gelegent-
lich gebraucht. Gemeint war zumeist die Zugehörigkeit zu einer Familie, auch die
Abstammung von einem edlen Geschlecht oder einem adligen Haus. Ins Deutsche
wurde dieses Wort in fremder Schreibweise race anfangs des 16. Jahrhunderts über-
nommen, wobei es zugleich auch seinen Bedeutungsgehalt erweiterte: es stand
zusätzlich für Gruppe und Sorte, meinte auch adliges Herkommen, vornehmes
Geschlecht, verwies auf königliche Ahnen und hohe Geburt, bezeichnete am Ende
auch den ganzen Stand des Adels.
Auch wenn es Rassismus im Sinne einer Ideologie der Herabsetzung Fremder,
der Ausgrenzung bis hin zu deren Vernichtung bereits in der Antike gab3, tauchte
der Begriff der Rasse doch erst im 15. Jahrhundert in Spanien auf. Er wurde auf die
Abgrenzung der Christen von den Juden bezogen und dabei »verwandelt sich die
klassische Frage nach der ›Reinheit des Glaubens‹ in die neue, nun aber entschei-
dendere Frage nach der ›Reinheit des Blutes‹.«4 Durch diese Inhaltsverschiebung
war die ›jüdische Rasse‹ begründet. Diese neue Begriffsverwendung entstand nicht
zufällig nach der Säuberung Spaniens von den mohammedanischen Mauren und
der damit parallel gehenden, vollständigen Rekatholisierung der iberischen Halb-
insel. Sie diente auch dazu, durch das Alhambra-Edikt von 1492 alle Juden aus
Spanien auszuweisen, sofern sie sich nicht taufen ließen. Die behauptete Differenz
zwischen dem Blut von Christen und dem von Juden sollte deren Vertreibung
biologisch rechtfertigen. Damit trat an die Stelle des Glaubens ein scheinbar natür-
liches Kriterium der Zugehörigkeit eines Individuums zu einer Gruppe. Bekeh-
rung und Taufe als Zeichen des christlichen Bekenntnisses wurden überboten und
ausgehebelt durch den Nachweis der Abstammung. »Der Zweck dieser neuen ras-
sischen Kategorie bestand darin, eine faktisch multikulturelle Gesellschaft zunächst
auf dem Wege der Naturalisierung von Zugehörigkeit zu ordnen und dann auf

2 Zum Folgenden Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1960,
S. 584. Zur etymologischen Literatur, die hier nicht aufgeführt werden kann, vgl. auch Werner
Conze, Artikel Rasse; in: Otto Brunner et. al., (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 5, S. 137 f.,
dem die hier einführende Darstellung weitgehend folgt. Vgl. auch Artikel Rasse in: Cornelia-
Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, S. 481 ff. sowie Christian Geulen, Geschichte des
Rassismus, S. 14.
3 Christian Geulen, Geschichte des Rassismus, S. 16 ff.
4 Ebenda, S. 35; vgl. auch Werner Conze, Artikel Rasse, S. 140.
Entstehung und Karriere eines Begriffs 221

dem Wege der Zwangsbekehrung zu vereinheitlichen.«5 Die etymologische Reak-


tion auf eine historische Lage führte damit zu einem Begriff, der eine neue, gleich-
sam unangreifbare, weil von der Natur gegebene Ordnung von Individuum und
Kollektiv bezeichnete.
Gleichwohl zeigt die Begriffsgeschichte, dass raza zunächst noch durchaus un-
terschiedlich verwendet wurde. In Frankreich wurde lange noch während der
Versuche des Geburtsadels, dem noblesse d’épé, den Aufstieg des Beamtenadels, dem
noblesse de robe, zu verhindern, im 16. und 17. Jahrhundert die soziale Zugehörig-
keit zur noblesse de robe als race bezeichnet. Im Laufe der Zeit erfuhr der Begriff auch
im Französischen und Englischen Bedeutungserweiterungen. Je nach Gebrauch
stand er nahezu für alle sozialen und politischen Einheiten, von der Familie über
die Nation, für ethnisch verwandte Gruppe bis hin zum Volk und zur Menschheit
als Ganzes, von Kulturen bis zu Religionsgemeinschaften, von ethnischen Grup-
pen bis zu Schichten und Eliten.6 Im Laufe seiner Bedeutungsentwicklung wurde
der Begriff auch auf Tiere, vor allem auf Pferde übertragen, gelegentlich sogar auf
Pflanzen. Womit auf eine andere Weise als im Spanien der Reconquista neuerlich
eine biologische Komponente implementiert wurde, die sich später, ab dem
18. Jahrhundert, mehr und mehr als ein bestimmender Definitionsanteil durchsetz-
te.7 Für die Erklärung der weiteren Entwicklung des Begriffs reicht allerdings die
Etymologie nicht aus. Denn im 18. und dem folgenden 19. Jahrhundert leisteten
unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen Beiträge zur inhaltlichen Bestimmung
des Begriffs: neben der Sprachwissenschaft hauptsächlich Biologie, Medizin, An-
thropologie, Ethnologie sowie Geistes- und Kulturwissenschaften.
In dem Maße, wie im neuzeitlichen Denken das biblische Weltbild hinterfragt
wurde und kompensatorisch dazu das naturwissenschaftliche Interesse stieg, lud
sich der Begriff Rasse mehr und mehr biologisch auf. Christliche Offenbarung und
Naturbeobachtung deckten sich nicht mehr ohne Weiteres und die Versuche, bei-
des miteinander zu vereinbaren, misslangen vor allem im 17. Jahrhundert zuneh-
mend. Die Entdeckungen der außereuropäischen Welt mit ihren fremdartigen

5 Christian Geulen, Geschichte des Rassismus, S. 35.


6 Ebenda, S. 69 ff.
7 Zur Information über die Dichter, Gelehrten und Wissenschaftler, die sich gelegentlich oder
auch hauptsächlich zur Frage der Rassen geäußert haben, sei auf Ludwig Schemann, Die Rassen-
frage im Schrifttum der Neuzeit, München 1931verwiesen. Schemann war Rassist, Anhänger und
Übersetzer Gobineaus und Autor einer Gobineau-Biographie. Er war überdies über längere Zeit
ein enges Mitglied des Bayreuther Kreises, Mitglied völkischer Organisationen und später Anhän-
ger des Nationalsozialismus. Sein Buch ist daher, was die Wertungen betrifft, mit Vorsicht zu
lesen. Gleichwohl bietet es eine umfangreiche Materialsammlung all jener Autoren – mit Ver-
weisen auf einschlägige Literaturstellen –, die sich je zur Rassenfrage geäußert haben und es
verzeichnet auch die bis dahin veröffentlichte Literatur. Dass es primär dem Zweck dient, die
Existenz von Rassen zu belegen, muss der Leser wissen. Zu diesem Materialband gibt es zwei
Vorläufer-Bände: Die Rasse in den Geisteswissenschaften, München 1928; Hauptepochen und Haupt-
völker der Geschichte in ihrer Stellung zur Rasse, München 1928. Alle drei Bände stellen die wohl
umfassendste Darstellung der Rassentheorie und ihrer historischen Anwendung aus der Sicht
eines Rassisten dar.
222 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

Menschen taten ein Übriges, die Frage nach der Einheit der Menschen und ihrer
Kulturen zu stellen – und zunehmend zu verneinen. Eroberer und Missionare
berichteten über die Völker Mittelamerikas als Wilde, von deren blutigen Riten
des Menschenopfers und des Kannibalismus, von einer kulturellen Entwicklungs-
stufe, die weit unterhalb der europäischer Völker stand. Das rechtfertigte dann
Kampf, Ausrottung, Sklaverei, Zwangsbekehrung und einiges mehr. Gleichwohl
suchten noch Anfang des 18. Jahrhunderts englische wie deutsche Gelehrte den
Nachweis zu führen, dass die aus der Schöpfungsgeschichte sich herleitende Vor-
stellung einer Gleichheit aller von Gott geschaffenen Menschen weiterhin ebenso
Gültigkeit habe wie die Hierarchie von Menschen, Tieren und Pflanzen. Da alle
Menschen, gleich welcher Hautfarbe, von einem einzigen Urvater abstammten,
mussten die offensichtlichen Unterschiede der Hautfarbe oder des Körperbaus also
anders erklärt werden, vornehmlich durch unterschiedliche Lebensbedingungen,
Klima, Fruchtbarkeit der Böden und Qualität des Essens.8 Doch die – parallel zur
Kolonisierung außereuropäischer Länder – zunehmend intensiver und präziser
werdenden Beobachtungen fremder Populationen ließen sich scheinbar immer
weniger mit der Vorstellung, unterschiedliche Menschentypen seien lediglich Va-
rietäten einer einzigen Ur-Spezies, vereinbaren. Es lag näher anzunehmen, dass die
verschieden aussehenden Menschenrassen sich unterschiedlichen Entstehungsursa-
chen verdankten.
Gleichwohl wurde lange an der Idee einer einheitlichen Menschheit festgehal-
ten, und nicht zuletzt die Aufklärungsphilosophie favorisierte diese Überzeugung.9
So war Carl von Linné10 1758 in seinem Systema Naturae, seinem Gliederungssys-
tem der Natur, noch vom Postulat einer einheitlichen Menschheit ausgegangen
und unterteilte die Menschen anhand ihrer Hautfarbe in europäische, amerikani-
sche, afrikanische und asiatische Arten. In späteren Werken verfeinerte er diese
Unterscheidung. Da waren neben der Hautfarbe auch Haare, Augen, Nase, Kör-
perhaltung, Charakter, Temperament, Geist, Kleidung und Sitte plötzlich Krite-
rien, die dazu führten, dass den Amerikanern ein »cholerisches« Temperament, den

8 Werner Conze, Artikel Rasse, in: Otto Brunner et al. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, S. 143 f.
9 Zum Rassenbegriff in der Aufklärung vgl. Christian Geulen, Geschichte des Rassismus, S. 48 ff.
10 Carl von Linné (1707–1778) war der bedeutendste schwedische Naturforscher seiner Zeit und
einer der bedeutendsten überhaupt. Nach seinem Medizin-Studium in Lund und Uppsala wandte
er sich dem Naturstudium, den Pflanzen zu. 1731 erschien eine erste Gliederung von Pflanzen
nach einem eigenen System. Reisen nach Lappland und Holland, nach England, Frankreich und
in verschiedene Gebiete Schwedens dienten im Wesentlichen der Grundlegung seiner biologi-
schen Forschungen. 1741 wurde er Professor an der Universität Uppsala. 1753 erschienen seine
Fundamenta botanica, in denen er auf 1200 Seiten rund 7300 ihm bekannte Pflanzenarten be-
schrieb, auf der Grundlage einer selbst entwickelten binären Einteilung. In seinem Systema Natu-
rae von 1758 übernahm er die Prinzipien seiner Einteilung auch für alle Tierarten und den
Menschen. Mit diesem Werk beginnt die moderne Naturwissenschaft. Linné hat eine Fülle na-
turwissenschaftlicher Werke veröffentlicht, war Mitbegründer der Schwedischen Akademie der
Wissenschaften und deren erster Präsident, Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Akademien in
europäischen Ländern und bestimmte noch lange nach seinem Tode die wissenschaftliche Dis-
kussion mit.
Entstehung und Karriere eines Begriffs 223

Asiaten eine »melancholische« Haltung mit Liebe zur »Pracht, Hoffart und Geld«,
den Afrikanern aber eine »boshafte, faule und lässige Gemütsart« attestiert wurde,
während die Europäer als »erfindungsreich« und durch »Gesetze regiert« sich posi-
tiv davon abhoben.11 Linné hat solche Kategorisierungen mehrfach geändert und
erweitert, bei gleichbleibender Überzeugung, dass es eine einheitliche Mensch-
heit, eine Ur-Rasse gebe. Das braucht hier im Einzelnen nicht referiert zu werden.
Wichtig aber ist die Feststellung, dass im anthropologischen Diskurs jener Zeit die
Meinungen der Naturforscher schwankten: zwischen der Annahme einer Polyge-
nese der Menschen einerseits, der vermeintlich empirisch feststellbaren Differen-
zierungen unterschiedlich entwickelter »Varietäten« oder »Rassen« andererseits.
Wobei, wie bei Linné zu lesen, auch dort, wo das Postulat einer einheitlichen
Menschheit beibehalten wurde, den unterschiedlichen Varietäten oder auch Ras-
sen Eigenschaften supponiert wurden, die später in den Rassentheorien des
19. Jahrhundert als Stereotypen wieder auftauchten.
Gegen Linné vertrat Buffon12 im 18. Jahrhundert die Auffassung, die Natur sei
zu vielgestaltig, um sie in einem taxonomischen System zu klassifizieren. Er glaubte,
die Entwicklung der Natur habe sich über kaum vorstellbare Zeiträume vollzogen.
Das galt auch für die Menschen, die sich aus einer ursprünglichen Einheit durch
lange Veränderungsprozesse zu jenen Varietäten und races entwickelten hätten, die
auf den verschiedenen Erdteilen zu beobachten seien. Gleichwohl sprach auch Buf-
fon, gestützt auf genaue Beobachtung bei seinen zahlreichen Reisen, bereits von
Rassen und er hielt die weiße, europäische Rasse gegenüber den roten, schwarzen
und gelben Rassen in den übrigen Erdteilen für überlegen. Die besten und schönsten
Eigenschaften der Menschen schrieb er ihr zu, ein Schritt hin zu den Vorstellungen
späterer Rassentheoretiker. Ähnliches findet sich auch bei Autoren wie Leibniz,
Herder oder dem englischen Anthropologen James Cowles Prichard13, die alle den
Gedanken einer Einheit des Menschengeschlechts beibehielten, zugleich aber die
Existenz von Varietäten oder auch Rassen einräumten. Aus der Ambiguität eines

11 Werner Conze, Artikel Rasse, in: Otto Brunner et al. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, S. 145.
12 Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707–1788), studierte zunächst Jura, wandte sich aber bald der
Naturforschung und Philosophie zu. Nach Reisen in Südfrankreich und Italien schrieb er eine
Abhandlung über Differential- und Wahrscheinlichkeitsrechnung und wurde in die Académie
des sciences in Paris aufgenommen. 1739 Direktor des königlichen botanischen Gartens, 1753
Mitglied der Académie française. Er war auf verschiedenen Gebieten aktiv, von der Literaturwis-
senschaft bis zum Bergwerksbetrieb, arbeitete mit unterschiedlichsten Wissenschaftlern zusam-
men und galt bald als einer der besten Wissenschaftler Frankreichs. Für die Naturwissenschaften
wurde sein Hauptwerk Histoire naturell générale et particulière (Allgemeine und spezielle Geschichte
der Natur) bahnbrechend. Es war auf fünfzig Bände angelegt, von denen bis zu seinem Tod
36 Bände erschienen, danach noch weitere acht. Eine Enzyklopädie ganz im Geiste der Aufklä-
rung, die das gesamte naturwissenschaftliche Wissen der Zeit enthalten wollte und in viele Spra-
chen übersetzt wurde. 1752 erschien eine erste deutsche Ausgabe, 1766 und 1771 zwei weitere.
13 James Cowles Prichard (1786–1848), studierte zunächst Medizin, arbeitete in Cambridge, Ox-
ford, Bristol und London. Sein wichtigstes Werk: Researches into the Physical History of Man, er-
schien erstmals mit zwei Bänden 1813 in Bristol; die 3. Auflage 1836–1847 in London umfasste
fünf Bände, ab der 4. Auflage unter dem Titel Researches into the Physical History of Mankind.
224 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

Rassenbegriffs, der unter anderem deshalb unscharf blieb, weil die Frage eines poly-
genetischen Ursprungs der Menschheit gegenüber dem Postulat eines gemeinsamen
Ursprungs aller Menschen sich natürlicherweise empirisch nicht klären ließ, ergab
sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern, vor-
nehmlich England und Frankreich, eine lebhafte Debatte, die allerdings zu keinem
eindeutigen Ergebnis führte.14 Es war ein Ringen auch um eine neue Geschichtsauf-
fassung, in der Natur gegen Kultur stand, in der das Verhältnis von Biologie und
Geschichte, von Natur- und Geisteswissenschaften neu geklärt werden musste, und
dabei konnte, so schien es, die Kategorie der Rasse für die Lösung dieser Auseinan-
dersetzung von entscheidender Bedeutung sein. Es waren wissenschaftliche Ausein-
andersetzungen, die hier geführt wurden, keine politischen. Die politische Aufla-
dung des Rassenbegriffs kam erst sehr viel später, im 19. Jahrhundert.
Für die deutsche Entwicklung Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhun-
derts war Immanuel Kant von Bedeutung, weil er als eine überragende philosophi-
sche Autorität mit seiner Unterscheidung der verschiedenen Rassen ein Schema
vorgab, an das nachfolgende Anthropologen anschließen konnten. Mit Rückgriff
auf Buffon schrieb er 1775 in seiner Schrift Von den verschiedenen Rassen der Men-
schen: »Neger und Weiße sind zwar nicht verschiedene Arten von Menschen (denn
sie gehören vermutlich zu einem Stamme), aber doch zwei verschiedene Rassen;
weil jede derselben sich in allen Landstrichen perpetuiert, und weil beide mitein-
ander notwendig halbschlächtige Kinder, oder Blendlinge (Mulatten) erzeugen.
Dagegen sind Blonde und Brunette nicht verschiedene Rassen der Weißen; weil
ein blonder Mann von einer brunetten Frau auch lauter blonde Kinder haben
kann […].«15 Für Kant gibt es vier unterschiedliche Rassen: die Weißen, die Ne-
ger, die hunnische (mungalische oder kalmuckische) und die hinduische oder hin-
distanische Rasse, die ihrerseits wieder Unterteilungen aufweisen. So zählt er zu
den Weißen aufgrund der Hautfarbe auch die Mauren in Afrika, die Araber, den
türkisch-tatarischen Volksstamm, die Perser und alle übrigen Völker Asiens.16 Er
entwirft eine ins Einzelne gehende, detailfreudige Einteilung, spekuliert über die
Herkunft der verschiedenen Rassen, erörtert die Umweltfaktoren – das Klima –
für die »Ausartungen«, eine Überlegung, die auch im neuzeitlichen politischen
Denken immer wieder vorkommt; so hat, um ein Beispiel zu nennen, Montes-
quieu in seinem bahnbrechenden Werk De l’esprit des lois von 1748 bereits einge-
hend die Auswirkungen der unterschiedlichen Klimata auf Charakter, Organisa-
tionsfähigkeit und Arbeitsbereitschaft der Völker erörtert und ähnliche Überlegungen
haben vor und nach ihm andere europäische Denker angestellt.17

14 Vgl. dazu Ludwig Schemann, Die Rassenfrage im Schrifttum der Neuzeit, S. 35 ff.
15 Immanuel Kant, Von den verschiedenen Rassen der Menschen, in: Werke, Bd. VI, S. 12 f.; vgl. zu Kant
auch Horst Gronke/Thomas Meyer/Barbara Neißer (Hrsg.), Antisemitismus bei Kant und anderen
Denkern der Aufklärung, Würzburg 2001, bes. S. 11 ff.
16 Immanuel Kant, Von den verschiedenen Rassen, S. 14.
17 Charles des Secondat Baron de Montesquieu, De l’esprit des lois, Paris 1748; dt. Vom Geist der
Gesetze, übersetzt von Ernst Forsthoff, Tübingen 1951.
Entstehung und Karriere eines Begriffs 225

Kant hielt es für unmöglich, eine allen Menschen gemeinsame Urgattung aus-
zumachen. Er glaubte an polygenetische Entstehung und formulierte ein darauf
bezogenes Schema: »Stammgattung: Weiße von brünetter Farbe; Erste Rasse:
Hochblonde (Nördl. Europa) von feuchter Kälte; Zweite Rasse: Kupferrote
(Amerik.) von trockener Kälte; Dritte Rasse: Schwarze (Senegambia) von feuchter
Hitze; Vierte Rasse: Olivengelbe (Indianer) von trockener Hitze.«18 In dieser Rei-
hung steckt zugleich eine Hierarchie der Werte: die weiße Rasse ist allen anderen,
wie es heißt, kulturell und technisch überlegen. Zehn Jahre später nimmt Kant
noch einmal die Frage der Rassen auf und überlegt die Konsequenzen von Ras-
senmischungen. Für Mischlinge stellt er fest: »Der weiße Vater drückt ihm den
Charakter seiner Klasse und die schwarze Mutter den ihren ein. Es muß also jeder-
zeit ein Mittelschlag oder Bastard entspringen; welche Blendingsart, in mehr oder
weniger Gliedern der Zeugung mit einer und derselben Klasse, allmählich erlö-
schen, wenn sie sich aber auf ihres gleichen einschränkt, sich ohne Ausnahme
ferner fortpflanzen und verewigen wird.«19 In seiner Anthropologie in pragmatischer
Absicht geht Kant erneut auf ›Blutmischungen‹ ein und erklärt u. a. daraus den
Charakter europäischer Nationen20; um dann diesen Absatz mit den Worten zu
beschließen: »So viel ist wohl mit Wahrscheinlichkeit zu urteilen: daß die Vermi-
schung der Stämme (bei großen Eroberungen), welche nach und nach die Charak-
tere auslöscht, dem Menschengeschlecht, alles vorgeblichen Philanthropismus un-
geachtet, nicht zuträglich sei.« Auch dies ist eine These, die sich in späteren
Rassentheorien, zentral bei Gobineau, wiederfindet.
Einer, der Kant widersprach, war der vielgereiste Aufklärer Georg Forster.21 Er
hielt Kants Unterscheidung verschiedener Rassen für unhaltbar und setzte Rasse
gleich mit einem »Volk von eigentümlichem Charakter und unbekannter Abstam-
mung«, um den Gedanken einer einheitlichen Menschheit und deren gemeinsa-
mem Fortschritt nicht zu gefährden.22 Hierin stimmte er mit jenen Vorläufern
überein, die sich ebenfalls der Aufklärung verpflichtet fühlten und trotz aller Un-
terscheidungen der einzelnen Menschenarten am Grundsatz einer einheitlichen
Menschheit festhielten.
Man kann die Reihe von Autoren aus vielen europäischen Ländern, deren
Gedanken in eine ähnliche Richtung gehen, fortsetzen; doch das soll hier nicht

18 Immanuel Kant, Von den verschiedenen Rassen, S. 28.


19 Immanuel Kant, Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse (1785), in: Werke, Bd. VI, S. 70. Kant
hat sich auch in anderen Schriften gelegentlich zur Frage der menschlichen Rassen geäußert;
Nachweise bei Ludwig Schemann, Die Rassenfrage im Schrifttum der Neuzeit, S. 77.
20 Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Absicht, in: Werke, Bd. VI, S. 665 ff. Das folgende Zitat
S. 671.
21 Georg Forster (1754–1794) war Naturforscher und Reiseschriftsteller, Ethnologe, Essayist und als
Revolutionär Mitbegründer der Mainzer Republik und Anhänger der Französischen Revolu-
tion. Er lehrte immer wieder, an verschiedenen Hochschulen und erlangte internationalen
Ruhm. Unter seinen zahlreichen Publikationen gelten seine Reisen um die Welt, Berlin 1778/1780
als wegweisend.
22 Dazu Uwe Hoßfeld, Geschichte der biologischen Anthropologie, S. 63 f.
226 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

geschehen, weil es nur die Wiederholung ähnlicher Varianten auf der Basis eines
allgemein akzeptierten Grundschemas wäre. Die Debatte um Rassenvorstellungen
spielte sich vor einem doppelten Hintergrund ab: zum einen vor dem tiefgreifen-
den Wandel politischer Ideale, wie sie durch die Französische Revolution von
1789 verkörpert und teilweise auch durchgesetzt wurden, mit der Werte wie
Volkssouveränität, Gleichheit und Nation in den Vordergrund der politischen
Diskussion rückten und sich die Frage stellte, wer zur Nation bzw. zum Volk ge-
hörte und die daraus abgeleiteten Rechte in Anspruch nehmen durfte. Zum ande-
ren innerhalb des Fortschritts einer naturwissenschaftlichen Anthropologie, die das
›Wesen des Menschen‹ und vor allem seine natürliche Herkunft und die natürli-
chen Bedingungen des Lebens klären wollte.
Im letzteren Kontext brachte Johann Heinrich Blumenbach23, der ›Vater der
Anthropologie‹ in Deutschland, ein neue Dimension in die Entwicklung des Ras-
senbegriffs ein. Blumenbach war ein auch international vielfach geehrter, herausra-
gender Gelehrte. Philosophisch war er an Kant orientiert, in seinen anthropologi-
schen Forschungen ging er dagegen empirisch vor. So begann er, Schädel zu
sammeln24, sie zu vermessen, in der Hoffnung, man könne aus deren Formen auch
auf Intelligenz und Wesen der Menschen rückschließen. Blumenbach wurde damit
zum Begründer der Kraniologie, der Schädelmessung, die er als Teil einer naturwis-
senschaftlich fundierten Anthropologie verstand, als ein empirisches Messverfahren,
das Aufschluss über den Menschen geben sollte. Chamberlain hat später diese Art der
Kraniologie, die auch im 19. Jahrhundert noch eifrig betrieben wurde, als unwissen-
schaftlich abgelehnt25, sich aber, um bestimmte Absichten zu untermauern, dann
doch wieder auf sie berufen. Im Nationalsozialismus sollte diese Methode dann aller-
dings erneut Karriere machen, mit tödlichen Folgen für die, die vermessen wurden.
Blumenbachs Gliederung der Menschheit in fünf Hauptrassen war bis ins
19. Jahrhundert weitgehend verbindlich. Um zu zeigen, auf welche eingelebte und
gleichsam selbstverständliche Tradition Chamberlain sich in seiner Rassentheorie
stützen konnte, dürfte es nützlich sein, die Rassentypologie Blumenbachs aus sei-
nem Handbuch der Naturgeschichte ausführlicher zu zitieren, auch wenn Chamber-
lain nicht explizit, sondern nur implizit darauf zurückgegriffen hat. Blumenbach
teilte ein in:

23 Johann Heinrich Blumenbach (1752–1840) studierte ab 1769 in Jena und Göttingen Medizin und
wurde mit der Arbeit De generis humani verietate nativa, Göttingen 1775; dt. Über die natürliche
Verschiedenheiten im Menschengeschlechte, Leipzig 1798 promoviert und schlagartig bekannt. 1776
wurde er außerordentlicher Professor in Göttingen und zugleich dort Inspektor der Naturalien-
sammlung, 1778 dann ordentlicher Professor. Er gilt als Begründer der wissenschaftlichen An-
thropologie und Zoologie, und sein Handbuch der vergleichenden Anatomie und Physiologie, Göttin-
gen 1804, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Seine internationale Anerkennung führte ihn
zur Zusammenarbeit mit Forschern in anderen europäischen Ländern. Zu Blumenbach vgl. auch
Philipp Sarasin/Marianne Sommer (Hrsg.), Evolution, S. 81.
24 Seine in Göttingen erhaltene Sammlung umfasst 264 Schädel sowie Skelette und andere Körper-
teile.
25 Vgl. HSC, Grundlagen, S. 316.
Entstehung und Karriere eines Begriffs 227

»1. Caucasische Rasse […] von weißer Farbe mit rothen Wangen, langem, wei-
chem, nußbraunem Haar (das aber einerseits ins Blonde, andererseits ins Dunkel-
braune übergeht); und der nach europäischen Begriffen von Schönheit muster-
haftesten Schedel- und Gesichtsform. Es gehören dahin die Europäer mit
Ausnahme der Lappen und übrigen Finnen; dann die westlichen Asiaten, dieß-
seits des Obi, das caspischen Meers und des Ganges; nebst den Nordafrikanern; –
also ungefähr die Bewohner der den alten Griechen und Römern bekannten
Welt. 2. Die mongolische Rasse […] meist weizengelb (theils wie gekochte
Quitten, oder wie getrocknete Citronenschalen); mit wenigem, straffem, schwar-
zen Haar; enggeschlitzten Augenliedern; plattem Gesicht; und seitwärts emini-
renden Backenknochen. Diese Rasse begreift die übrigen Asiaten, mit Ausnahme
der Malayen; dann die finnischen Völker in Europa (Lappen etc.), und die Eski-
mos im nördlichen America von der Beringstraße bis Labrador. 3. Die äthiopi-
sche Rasse […] mehr oder weniger schwarz; mit schwarzem, krausem Haar; vor-
wärts prominierenden Kiefern, wulstigen Lippen und stumpfer Nase. Dahin die
übrigen Africaner, namentlich die Neger, die sich dann durch die Fulahs in den
Mauren verlieren, so wie jede andere Menschen-Varietät mit ihren benachbar-
ten Völkerschaften gleichsam zusammenfließt. 4. Die amerikanische Rasse:
[…] mit straffem, schwarzem Haar, und breitem, aber nicht plattem Gesicht,
sondern stark ausgewirkten Zügen. Begreift die übrigen Americaner außer den
Eskimos. 5. Die malayische Rasse […] von brauner Farbe (einschließlich bis ins
helle Mahagoni, andererseits bis ins dunkelste Nelken- und Castanienbraun); mit
dichtem schwarzlockigem Haarwuchs; breiter Nase, großem Mund; dahin gehö-
ren die Südsee-Insulaner oder die Bewohner des fünften Welttheils und der
Marianen, Philippinen, Moluken, sundaischen Inseln etc. nebst den eigentlichen
Malayen. Von diesen fünf Haupt-Rassen muß nach allen physiologischen Grün-
den die caucasische als die sogenannte Stamm- oder Mittelrasse angenommen
werden.«26
Wie zuvor schon andere Anthropologen und Ethnologen sah auch Blumen-
bach Klima, Nahrung, Lebens- und Umweltbedingungen als Einflussfaktoren für
die unterschiedlichen Ausbildungen innerhalb der einzelnen Rassen als bedeutsam
an. Damit verband er in seiner Klassifizierung biologische, morphologische und
ästhetische Kriterien. Zugleich sprach er der weißen – caucasischen – Rasse den
Vorrang vor allen anderen zu und verfestigte damit endgültig die Hierarchie der
Rassen, welche die meisten der späteren europäischen und amerikanischen Ras-
sentheoretikern übernahmen.
Eine Zäsur in der Geschichte der naturwissenschaftlich angelegten Anthro-
pologie und Rassentheorie stellte der Grundriß der Geschichte der Menschheit (1785)
von Christoph Meiners27 dar. Hier lag erstmals der Versuch vor, die bisherige

26 Zitiert nach Uwe Hoßfeld, Geschichte der biologischen Anthropologie, S. 66.


27 Christoph Meiners (1747–1810) war Philosoph und Kulturhistoriker an der Universität Göttin-
gen, wo er 1772 zum außerordentlichen, 1775 zum ordentlichen Professor ernannt wurde. Er
228 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

Anthropologie und Rassenlehre mit der Universalgeschichte der Menschheit zu


verbinden – wie Chamberlain das dann in seinen Grundlagen unternahm.28 Die
Rasse wurde zum zentralen Erklärungsfaktor der historischen Entwicklungen.
Rasse, das bedeutete für Meiners das Zusammenspiel von Körper, Geist, Cha-
rakter und Sitte. Im Anschluss an manche seiner Vorgänger wie Linné, Buffon
und Kant, teilweise auch an Blumenbach synthetisierte Meiners in seinem Be-
griff der Rasse alle menschlichen Eigenschaften, die ihm zufolge für die Ge-
schichte der Menschheit ausschlaggebend waren. Naturwissenschaftliche Er-
kenntnisse sollten mit ethnologischen und kulturgeschichtlichen verbunden
werden und so die unterschiedlichen, pluralen Phänomene der Geschichte ver-
ständlich machen. Meiners ging davon aus, dass »die Schönheit oder Häßlichkeit
entweder des ganzen Körpers oder des Gesichts« für die Bewertung der Rasse
hoch bedeutsam seien und auch die Physiognomie Rückschlüsse auf Menschen
und deren Zugehörigkeit zu einer Rasse zulasse. Daraus folgerte er, »daß das
gegenwärtige Menschengeschlecht aus zween Hauptstämmen bestehe, dem Ta-
tarischen oder Kaukasischen und dem Mongolischen Stamme: daß der letztere
nicht nur viel schwächer von Cörper und Geist, sondern auch viel übler gearte-
ter und tugendleerer, als der Kaukasische sey; daß endlich der Kaukasische
Stamm wiederum in zwo Racen zerfalle, die Celtische und Slawische, unter
welchen wiederum die erstere am reichsten an Geistesgaben und Tugenden
sey.«29
Erstmals wurden hier die Kelten, worunter Meiners auch Germanen subsu-
mierte, mit den Slawen in einer Rasse zusammengefasst – auch dies eine Bestim-
mung, die sich bei Chamberlain später wiederfindet – und zugleich als allen ande-
ren Rassen überlegen charakterisiert, sowohl durch Erbanlagen wie durch
historische Leistungen. Die Ungleichheit der Rassen sei deshalb, so Meiners, das
Ergebnis der naturgeschichtlichen Entwicklung der Menschheit. Eine solche These
hatte praktische Folgen. Für die Europäer bedeutete sie die Rechtfertigung ihrer
überlegenen Stellung und, daraus resultierend, auch die Rechtfertigung der Kolo-
nisierung anderer Völker in anderen Erdteilen. Gleichzeitig lieferte Meiners eine
Begründung, weshalb »ein einziger Erdteil und gewisse Völker fast immer die
herrschenden, und alle übrigen hingegen die dienenden waren; […] warum end-

lehrte Geschichte, Staatenkunde, Philosophie und Anthropologie. 1785 erschien sein Grundriß der
Geschichte der Menschheit, 1801/02 Über die Verfassung und Verwaltung teutscher Universitäten, womit
er den Aufbau und die Einrichtung russischer Universitäten entscheidend mitbestimmte. Er
wurde Berater der Moskauer Universität und vermittelte eine Reihe deutscher Wissenschaftler
dorthin. Er war ein entschiedener Gegner von Georg Forster und nach Ausbruch der Französi-
schen Revolution von 1789 unterstützte er die gegenrevolutionären Kräfte. Ob Chamberlain
diesen Forscher gekannt hat, darf bezweifelt werden; in seiner Bibliothek finden sich dessen
Werke nicht und er wird auch weder in den Lebenswegen noch in den Grundlagen erwähnt.
28 Vgl. zum Folgenden Werner Conze, Artikel Rasse, in: Otto Brunner et al. (Hrsg.), Geschichtliche
Grundbegriffe, S. 150 ff.; Uwe Hoßfeld, Geschichte der biologischen Anthropologie, S. 69 f.
29 Christoph Meiners, Grundriß der Geschichte der Menschheit, Göttingen 1785, S. 14.
Entstehung und Karriere eines Begriffs 229

lich die europäischen Nationen selbst im Zustande der Wildheit und Barbarei«30
allen anderen noch überlegen gewesen seien.
In der allmählichen Entwicklung einer naturwissenschaftlich fundierten An-
thropologie folgte als nächster Schritt die Ausarbeitung der Physiognomik, wie sie
insbesondere von Johann Caspar Lavater31 betrieben wurde. In seinen Physiognomi-
schen Fragmenten zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe (1775–1778)
suchte er verschiedene Gesichtsformen unterschiedlichen Nationen, Städten, Or-
ten und Regionen zuzuordnen und belegte dies mit zahlreichen Zeichnungen und
Illustrationen. Mit Verweis auf Buffon, Kant, Blumenbach zog er den Schluss:
»Nationalphysiognomien und Nationalcharakter zu leugnen, heißt die Sonne am
Himmel leugnen«; und: »Einzelne Gesichter öffnen uns eher die Augen für das
Charakteristische ganzer Nationen, als ganze Nationen für das Nationale einzelner
Gesichter.«32 Lavater, den Goethe, Herder und Wieland schätzten, hielt sich zwar
in der Rassenfrage eher bedeckt, aber seine Physiognomik sollte zum Gesamtbild
der Rassenvorstellungen einen wichtigen Beitrag leisten.
So wie auch sein Zeitgenosse Franz Joseph Gall33, der die Phrenologie begrün-
dete – die Lehre, geistige Fähigkeiten bestimmten Hirnregionen zuzuordnen und
aus den Schädel- und Gehirnformen auf Charakter und geistige Fähigkeiten zu
schließen. Je nach den Proportionen der Einzelteile des Hirns glaubte er auf die
Eigenschaften des Menschen rückschließen zu können. Die Wirkung dieser Lehre,
die in ihren Einzelheiten hier nicht referiert werden kann, war so groß, dass sich
eine Fülle von sympathisierenden Forschern fand und 1820 in Schottland eine
Phrenologische Gesellschaft gegründet wurde, mit eigener Zeitschrift und Einfluss bis
in die USA. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein erschienen in
Deutschland und anderen europäischen Ländern, auch in den USA, Studien un-
terschiedlicher Autoren, die sich immer wieder dem Zusammenhang von Hirn,

30 Ebenda, S. 21; Werner Conze, Artikel Rasse, in: Otto Brunner et al. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbe-
griffe, S. 151 f.
31 Johann Caspar Lavater (1741–1801), war Sohn eines Züricher Arztes. 1762 wurde er Pfarrer in
Zürich und machte anschließend eine Karriere als Theologe. Auf verschiedenen Bildungsreisen
durch Deutschland kam er mit den führenden Vertretern der Aufklärung in Kontakt, lernte 1774
auch Goethe kennen, mit dem er bald Briefe wechselte. Zuvor hatte er mit Moses Mendelsohn
über das Christentum korrespondiert, und dieser Briefwechsel machte ihn in ganz Europa be-
kannt. Unter anderem befasste er sich – neben der Philosophie – auch mit Anthropologie und
veröffentlichte 1775–1778 vier Bände Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkennt-
nis und Menschenliebe, die vor allem in Deutschland rezipiert und diskutiert wurden. Er hat dane-
ben zahlreiche andere Schriften publiziert und zählte in seiner Zeit zu den bekanntesten europä-
ischen Schriftstellern.
32 Zitiert nach Ludwig Schemann, Die Rassenfragen, S. 207.
33 Franz Joseph Gall (1758–1828) war Arzt und Anatom. Er studierte Medizin in Straßburg und
Wien und praktizierte hier auch als Arzt. Seine Forschungen brachten ihn in Konflikt mit der
österreichischen Obrigkeit. 1805 wurde er ausgewiesen, reiste anschließend durch Europa und
ließ sich in Paris nieder. Bereits in Wien hatte er eine große Schädelsammlung zusammengetra-
gen und dies wiederholte er in Paris. Die Wiener Sammlung ist erhalten und enthält auch Galls
eigenen Schädel. In Paris praktizierte er bis zu seinem Tode als Arzt.
230 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

Schädel und Intelligenz bzw. Charakter des Menschen widmeten und damit zu-
gleich zu der sich ausbreitenden Kraniologie und Phrenologie beitrugen.34 Auch
wenn Lavater und Gall sich nicht direkt als Rassentheoretiker verstanden, so wur-
den ihre Arbeiten doch als entscheidende Beiträge zu diesem Erklärungsmodell
rezipiert, und die Tatsache, dass die Großen der Weimarer Klassik diese Arbeiten
mit Sympathie aufnahmen, beförderte deren allgemeine Anerkennung. Einsprüche
gegen die Rassentheorien, wie sie etwa von Hegel formuliert wurden35, konnten
daran wenig ändern.
Ein letzter Autor soll in diesem Zusammenhang noch kurz erwähnt werden:
Carl Gustav Carus36, ein auf vielen Gebieten gelehrter und beschlagener Wissen-
schaftler und Publizist. In seinem Werk Über die ungleiche Befähigung der verschiede-
nen Menschenstämme für höhere geistige Entwicklung (1848) entwarf er ein rassistisches
Geschichtsbild. Ausgehend von den alten Völkern des Orients bis hin zur Gegen-
wart unterschied er »Tagvölker« und »Nachtvölker«, wobei das Kriterium der
Beurteilung die Einheit von Körper und Seele war – wie bei Goethe. Tagvölker
waren für ihn die Hindu, Araber und Hebräer, in der Antike u. a. die Römer,
Griechen, Perser, Kelten und Semiten, in der Neuzeit die Europäer; Nachtvölker
die Afrikaner, die Ostasiaten und Indianer. Beeinflusst von den Sprachforschun-
gen seiner Zeit zu den indogermanischen Sprachen sah er einzig in den Tagvöl-
kern die Kulturträger, während die Nachtvölker ohne ausgeprägte Kultur lebten
und allenfalls von den Tagvölkern profitierten. Nur die Tagvölker hätten »das
Recht, sich als eigentliche Blüte der Menschheit zu betrachten«, und innerhalb
dieser »höchstbegünstigten Völker europäischen Stammes« erschienen ihm die
»Deutschen, Engländer und Franzosen« die kulturell avanciertesten Völker zu
sein.37 Carus war, das muss mit einigem Nachdruck betont werden, ein sowohl
von den Autoren der Weimarer Klassik wie der Romantik hochgeschätzter Den-
ker, dessen Vorstellungen von der geistigen Suprematie der zentraleuropäischen
Völker wenig später von Gobineau aufgegriffen wurden. Dessen Rassentheorie

34 Vgl. dazu Uwe Hoßfeld, Geschichte der biologischen Anthropologie, S. 71 ff.; generell: Stephen J. Gould,
Der falsch vermessene Mensch, Frankfurt/M. 2002; Brian Burell, Im Museum der Gehirne, Hamburg
2004.
35 Vgl. dazu zusammenfassend Odo Marquard, Rasse, in: Joachim Ritter et al. (Hrsg.), Historisches
Wörterbuch der Philosophie, Bd. 8, S. 26.
36 Carl Gustav Carus (1789–1869), in Leipzig geboren, besuchte dort die Thomas Schule. Er stu-
dierte Physik, Botanik, Chemie und Medizin, promovierte 1811 in Medizin. Seine außerordent-
liche Begabung und Vielseitigkeit (er war Gynäkologe, Anatom, Pathologe, Psychologe, Schrift-
steller und Maler) brachte ihn mit allen Großen seiner Zeit zusammen, von Goethe über Alex-
ander von Humboldt zu Caspar David Friedrich und Ludwig Tieck. In Dresden wurde er Leib-
arzt des Königs, gründete eine medizinische Akademie und eine Hebammen-Schule und wurde
1862 Präsident der Leopoldinisch-Carolinischen Akademie in Halle. Er gilt als Vorläufer der
Tiefenpsychologie und einer naturwissenschaftlich basierten ganzheitlichen Medizin. Für die
Entwicklung der Rassentheorien ist seine Schrift Über die ungleiche Befähigung der verschiedenen
Menschenstämme für höhere geistige Entwicklung, Leipzig 1848, einschlägig.
37 Werner Conze, Artikel Rasse, in: Otto Brunner et al. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, S. 153 f.
Entstehung und Karriere eines Begriffs 231

beeindruckte vorrübergehend Wagner38, während Chamberlain sie als »Wahnge-


bilde« ablehnte.
Diese kurze Skizze zeigt, dass der Gedanke unterschiedlicher Rassen und, da-
mit verbunden, unterschiedlicher Begabungen und Fähigkeiten im ideenpoliti-
schen Diskurs Europas seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert eine erstaunliche
Karriere gemacht hat. Es waren nicht nur deutsche, sondern europäische Philoso-
phen, Denker, Anthropologen, Mediziner, Biologen und reisende Naturforscher,
die den Rassenbegriff zunehmend mit Inhalten füllten. Bis ins 18. Jahrhundert
bezeichnete Rasse oft divergente Inhalte. Biologische Überlegenheit, kultureller
Vorsprung oder gar die Hierarchisierung der Rassen wurden nur gelegentlich be-
hauptet. Doch im Laufe der Zeiten reagierten die hier erwähnten Autoren zuneh-
mend auf die konkreten historischen Entwicklungen und dies hatte Rückwirkun-
gen bei der Ausformulierung des Rassenbegriffs, der sich dann im 19. Jahrhundert
mehr und mehr mit der Geschichte zu einer rassistischen Geschichtsauffassung
verbinden sollte. Angesichts vielfältiger historischer Erfahrungen wie der Koloni-
sation, der Expansion europäischer Kultur, der Erkundung fremder Erdteile und
Populationen oder auch der Französischen Revolution und anderer historischer
Großereignisse begann ein breites wissenschaftlich-kulturelles Nachdenken über
die Frage der Gleichheit bzw. Ungleichheit der Menschen und der daraus zu zie-
henden Konsequenzen. Ein Nachdenken, das sich in dem Maße, wie Medizin und
andere naturwissenschaftliche Disziplinen sich entfalteten, zu anthropologischen
Positionen verdichtete, die ihrerseits wiederum zur Erklärung der geschichtlichen
Entwicklungen herangezogen und eine scheinbar unangreifbare naturwissenschaft-
liche und damit objektive Urteilsbasis abgaben. Die Vertreter des Rassengedankens
erhoben den Anspruch, im Unterschied zu anderen, etwa sozialen Kriterien, eine
wissenschaftlich unanfechtbare und unzweideutige Grundlage der Beurteilung des
Menschen, seiner Intelligenz und Sozialität und damit der Gesellschaft und ihrer
Leistungsfähigkeiten zu liefern. Die Arbeit am Begriff der Rasse und der daraus
gezogenen Rassentheorien war kein abseitiges oder gar skurriles Randphänomen
des gesellschaftlich-politischen Denkens, sondern eine breite, wirkungsvolle und
vor allem wissenschaftsbasierte Debatte kontroverser Meinungen, an der sich die
unterschiedlichen Disziplinen beteiligten, mit Autoren, deren Urteile sich in einer
steten Entwicklung befanden, durchaus ambivalent, aber in Parallele zu dem gene-
rellen politischen Denken ihrer Zeit.

38 Vgl. Udo Bermbach, Wagner und Gobineau. Zur Geschichte eines Missverständnisses, in: wagnerspectrum
1/2013, S. 243 ff.
232 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

Gobineau, Darwin und Mendel


1835/55 erschien in Paris Arthur Graf Gobineaus39 Essai sur l’inégalité des races hu-
maines, der später durch die Übersetzung von Ludwig Schemann auch in Deutsch-
land weithin bekannt wurde und einigen Einfluss auf Richard Wagner ausübte.40
Gobineau unternahm in diesem vierbändigen Werk41 erstmals den umfassenden
Versuch – dem Chamberlain dann, mit allerdings anderen inhaltlichen Vorgaben
folgen sollte –, die Geschichte der Menschheit und der menschlichen Zivilisation
als eine Geschichte der Rassen zu schreiben. Das war, gemessen an der bisherigen
Tradition, den Rassenbegriff und daraus resultierende Rassenvorstellungen gele-
gentlich auf die Geschichte und auf historische Entwicklungen anzuwenden, in
seiner Konsequenz eine neue Stufe des Rassendenkens. Gobineau entwickelte eine
Rassentheorie, die er seiner Interpretation von Geschichte zugrunde legte. Für ihn
wurde die Rasse zum alleinigen Erklärungsmerkmal der menschlichen Entwick-
lung, und dieses überdeckte alle anderen Einflussfaktoren wie ideologische, soziale,
wirtschaftliche, klimatologische oder auch militärische Bedingungen, genauer: sie
schob diese beiseite. In der Geschichte sah Gobineau die »Offenbarung des
Rassencharakters«42 einzelner Völker und Nationen, auf denen deren Leistungen in
allen Bereichen der Wissenschaften und Kultur beruhten.
Mit Rasse definierte Gobineau eine Menschenart, »die von jeder anderen
durch ihre körperlichen, seelischen und geistigen Eigenschaften deutlich unter-
schieden, an und für sich dauernd unveränderlich ist und nur durch Kreuzung mit
artfremdem Blut die Dauerhaftigkeit ihrer besonderen Merkmale einzubüßen

39 Arthur Graf Gobineau (1816–1882), Sohn eines Offiziers, begann ab 1835 in Paris literarische
Arbeiten und Übersetzungen zu veröffentlichen, wandte sich dann dem Journalismus zu und
betrieb nebenbei orientalische Sprach- und Geschichtsstudien. Royalistisch gesinnt, arbeitete er
an verschiedenen Zeitschriften, schrieb poetische Erzählungen, Dramen und Romane. Als Aris-
tokrat mit germanophilen Neigungen, befreundet mit dem liberalen und politisch scharfsinnigen
Alexis de Tocqueville, wurde er von diesem als Chef des Kabinetts in dessen Außenministerium
berufen. Danach ging er an die Gesandtschaft in Bern, war diplomatisch in Hannover und
Frankfurt/M. tätig und wurde danach als französischer Gesandter nach Teheran versetzt. Die
nächsten Stationen seines diplomatischen Dienstes waren Athen und Rio de Janeiro, dann kehrte
er nach Frankreich zurück, ging 1872 als Gesandter nach Stockholm, von wo er Reisen nach
Russland, in die Türkei, Griechenland und Italien unternahm. Nach seinem zwangsweisen Aus-
scheiden aus dem diplomatischen Dienst 1877 schrieb er an sehr unterschiedlichen Werken. Für
seinen Nachruhm war die Bekanntschaft mit Richard Wagner entscheidend, denn sein Werk,
vor allem seine Rassentheorie wurden von Bayreuth und dem Bayreuther Kreis, hier von Ludwig
Schemann propagiert; vgl. Ludwig Schemann, Gobineau. Eine Biographie, 2 Bde., Straßburg
1913/1916; Peter Emil Becker, Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus und Völkischer Gedanke.
Wege ins Dritte Reich, Teil II, Stuttgart/New York 1990, S. 2 ff.
40 Vgl. Udo Bermbach, Der Wahn des Gesamtkunstwerks, S. 349 ff.; derselbe, Wagner und Gobineau.
Zur Geschichte eines Missverständnisses, in: wagnerspectrum 1/2013, S. 243 ff.
41 Arthur Graf Gobineau, Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen. Deutsche Ausgabe von
Ludwig Schemann, 4 Bde., Stuttgart 1902 ff.
42 E. J. Young, Gobineau und der Rassismus. Eine Kritik der anthropologischen Geschichtstheorie, Meisen-
heim am Glan 1968, S. 3.
Gobineau, Darwin und Mendel 233

vermag.43 Er unterschied, nach Hautfarbe und Aussehen, drei Hauptrassen: die


weiße, die schwarze und die gelbe.44 In diesen drei Rassen glaubte er die »drei
reinen Urbestandteile der Menschheit« vor sich zu haben, eine Form rassischer
Archetypen, die in der Geschichte allerdings nie »eine vollkommene Einheit«
gebildet hätten, sondern schon immer voneinander geschieden vorhanden gewe-
sen seien. Daraus folgerte er: »Die gegenwärtigen Racen sind demnach sehr ver-
schiedene Zweige eines oder mehrerer verlorener Urstämme, welche die ge-
schichtlichen Zeiten nie gekannt haben, deren Merkmale, seien es auch nur die
allgemeinsten, wir in keiner Weise uns vorzustellen im Stande sind; und diese
Racen, untereinander verschieden nach den äußeren Formen und den Verhält-
nissen der Glieder, nach dem Bau des Gesichtsschädels, nach der inneren Körper-
bildung, nach der Art des Haarsystems, nach der Hautfarbe etc., bringen es nur in
Folge und durch die Macht der Kreuzung dahin, dass sie ihre Hauptzüge einbü-
ßen.«
Diese Definition der Rasse fasst in gewisser Weise zusammen, was an Rassen-
vorstellungen bis dahin verstreut vertreten worden war: Gobineau hielt an dem
Gedanken einer einheitlichen Menschheit fest, allerdings nur als einer vorge-
schichtlichen Fiktion, die sich empirisch nicht mehr überprüfen lasse. Soweit Ge-
schichte überprüfbar erscheint, hat sie es seiner Meinung nach immer schon mit
äußerlich unterschiedlichen Rassen zu tun. Dass das Äußere gleichsam der Spiegel
des Inneren ist, wird spätestens dann klar, wenn Gobineau alle aufzählt, die zur
weißen Rasse gehören: kaukasische, semitische, japhtitische Völker sind Teile da-
von und sie sind in jeglicher Hinsicht den beiden anderen Rassen, den schwarzen
wie gelben, überlegen. Nur sie seien geschichtsbestimmend, nur sie brächten
höchste Kulturleistungen zustande. Allerdings müssten diese weißen Rassen in sich
nochmals differenziert werden in männliche wie weibliche Rassen und sonstige
Unterarten, wie das auch für die beiden anderen Rassen gelte. In der weißen Rasse
nähmen die Arier die höchste Stelle ein, sie seien der wertvollste Teil und die
Schöpfer der Kultur, in Indien ebenso wie in Ägypten oder Griechenland. Die
europäische Kultur verdanke sich deshalb zum einen Rom und Italien und hier
habe sie durch Überlagerungen semitische Wurzeln; zum anderen dem Norden
Europas, und hier beruhe sie auf den Leistungen der Germanen und sei rein arisch.
Nun habe es in der Geschichte, so Gobineau, immer wieder Rassenvermi-
schungen gegeben, sei es durch kriegerische Eroberungen oder durch das Neben-
einander verschiedener Rassen. Dabei hätten sich starke Rassen mit schwächeren
verbunden und seien dadurch selbst geschwächt worden. Diese zentrale These
muss bei Gobineau dazu herhalten, den Verfall von Staaten und Kulturen zu erklä-
ren. Denn er glaubt nicht, dass schwache Regierungen, soziale Verwerfungen,
moralischer Verfall der Oberklassen oder auch religiöser Fanatismus und andere
gesellschaftlichen Defekte die Ursachen staatlicher Ordnungsauflösungen sein

43 Arthur Graf Gobineau, Versuch über die Ungleichheit der Menschenracen, Bd. I, S. 116.
44 Ebenda, S. 195; die folgenden Zitate auf den Seiten 195; 178 f.; 31 f.; Bd. IV, 319.
234 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

können, sondern sieht diese ausschließlich durch die Mischung zwischen starken
und schwachen Rassen verursacht, die den starken Rassen gleichsam die Kräfte
auszehrt. Daraus bildet er ein ehernes Gesetz, das später von Chamberlain radikal
bekämpft wird: alle Gesellschaften, so Gobineau, seien zur Degeneration verurteilt,
weil Rassenmischung nicht verhindert werden könne und das Volk dann »nicht
mehr den inneren Werth hat, den es ehedem besaß, weil es nicht mehr das nämli-
che Blut in seinen Adern hat, dessen Werth fortwährende Vermischungen allmäh-
lich eingeschränkt haben«. Die Konsequenz daraus sei der Untergang von Gesell-
schaften. Denn die fortwährende Vermischung unterschiedlicher Rassen schaffe
auf Dauer eine Gleichheit der Menschen, der alle Produktivität abgehe: »Sie wer-
den dieselbe Dosis von Körperkräften, ähnliche Richtungen der Instincte, gleich-
bemessene Anlagen haben und dieses allgemeine Niveau […] wird von den empö-
rendsten Niedrigkeiten sein.« Damit aber seien alle Voraussetzungen für geistige
Hochleistungen vernichtet und selbst Eliten, die sich vielleicht eine Zeitlang noch
halten könnten, sein nicht imstande, diesen Degenerationsprozess auf Dauer auf-
zuhalten.
Gobineaus Gedanke, Rassenvermischung gehe zwangsläufig und unaufhaltsam
mit Degeneration einher, war innerhalb des Rassendiskurses ein neues Element,
das es erlaubte, eine Rassentheorie zu formulieren, die den Verlauf der Geschichte
erklären und den Aufstieg wie Abstieg von Völkern und Nationen plausibilisieren
konnte. Führte die Mischung, wenn sich zwei etwa gleichstarke Rassen miteinan-
der verbanden, zur Stärkung einer Rasse, so ergaben sich daraus historische Er-
folge. Mischten sich starke mit schwachen Rassen, war der Misserfolg biologisch
programmiert. Die Völker und ihre Handlungen waren Träger und Ausdruck ih-
rer jeweiligen Rasse, alle denkbaren Konflikte zwischen den Nationen ließen sich
innerhalb dieses Schemas erklären. Biologie und Geschichte verschmolzen so zu
einer Einheit, und die scheinbare Plausibilität dieses Erklärungsmodells führte zu
seiner einzigartigen Rezeption und zu einem ungeahnten Aufstieg der Rassentheo-
rie. Nach Gobineau gab es keine Rassentheoretiker, die sich nicht mit ihm und
seinem Analysemuster auseinandersetzen mussten, und die meisten Rassisten über-
nahmen Grundelemente seines Denkens, zumal das der Rassenmischung mit ihren
historisch fatalen, unvermeidbaren Niedergangskonsequenzen. Kommt hinzu, dass
Gobineau in gewisser Weise Charles Darwins Evolutionstheorie vorgegriffen
hatte, ohne selbst die Evolution in Betracht zu ziehen: Seine These, wonach nur
die stärksten Rassen überlebten und alle Mischformen untergingen, antizipierte
Darwins These, wonach das Leben am Ende stets der Kampf um das Überleben der
eigenen Art ist.45
Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gab es eine Reihe französischer,
britischer und deutscher Forscher, die die Möglichkeit erwogen, man könne die
Entwicklungen in der Natur durch einen allmählichen Wandel der Arten erklären.

45 Christian Geulen, Geschichte des Rassismus, S. 72.


Gobineau, Darwin und Mendel 235

Unter ihnen hatte der französische Biologe Jean-Baptiste de Lamarck46 in seinem


Hauptwerk Philosophie Zoologique (1809) den Gedanken einer Naturrevolution am
entschiedensten aufgegriffen und ein Theorie formuliert, wonach alle Organismen
sich von einfachen zu immer komplexeren Strukturen entwickelt und sogar in
neue Arten verwandelt hätten. Ohne diese Theorie in ihren Details hier genauer
zu referieren47, war damit gleichsam eine Vorleistung für jene Evolutionstheorie
erbracht, die Charles Darwin48 aufgrund ausgedehnter Forschungen formulieren
sollte, mit revolutionären Folgen nicht nur in den Naturwissenschaften. Darwin
suchte eine Erklärung dafür, warum bestimmte Arten von Pflanzen und Tieren,
später auch Menschen, entstehen konnten, sich über einige Zeit behaupteten, um
dann zu verschwinden. Von Lamarck übernahm er den Gedanken einer ständigen
Entwicklung und fand an dem von ihm über Jahrzehnte gesammelten Material
bald heraus, dass spezies oder races sich durch Selektion fortbilden und erhalten. In
Robert Malthus’ Essay on the Principle of Population (1798) las er, dass die Vermeh-
rung der Arten resp. der Bevölkerung den Zuwachs an vorhandener Nahrung resp.
Nahrungsproduktion weit übertreffe, und folgerte daraus, »daß unter diesen Um-
ständen vorteilhafte Abwandlungen eher dazu neigen, erhalten zu bleiben und

46 Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829) besuchte das Jesuiten-Kolleg in Amiens und sollte Geist-
licher werden. Er ging zunächst zum Militär, musste 1768 aus gesundheitlichen Gründen den
Dienst quittieren und arbeitete danach in einer Bank in Frankreich. Von 1770 bis 1774 studierte
er Medizin und kam mit berühmten Wissenschaftlern seiner Zeit in Kontakt. Zunehmend spe-
zialisierte er sich auf die Pflanzenwelt, veröffentlichte das dreibändige Flore françoise, Paris 1779,
das ihm die Berufung in die Académie des sciences einbrachte. Seine Evolutionstheorie entwi-
ckelte er in Philosophie Zoologique, Paris 1809. Zahlreiche weitere Publikationen machten ihn zum
bekanntesten Biologen und Zoologen seiner Zeit, er arbeitete auch zur Chemie, Physik, publi-
zierte mehrbändige Lexika und fand sich im Alter zunehmend von seinen Kollegen isoliert. Am
Ende seines Lebens war er erblindet und verarmt.
47 Vgl. dazu Thomas Junker/Uwe Hoßfeld, Die Entdeckung der Evolution, S. 50 ff.
48 Charles Darwin (1809–1882) begann 1825 mit dem Medizin-Studium, hörte nebenbei in ver-
schiedenen naturwissenschaftlichen Fächern und beschäftigte sich mit der Evolutionstheorie La-
marcks. 1828 wechselte er nach Cambridge, um Theologie zu studieren. Sein Interesse galt aber
der Beobachtung der Natur. Durch Anregungen seiner akademischen Lehrer kam er zur Biolo-
gie, Geologie und anderen naturwissenschaftlichen Disziplinen. 1831 unternahm er eine Seereise,
die ihn auf die kapverdischen Inseln führte, später nach Südamerika, auf die Galapagos-Inseln
und Australien. Über Afrika kehrte er nach England zurück. Darwin hatte auf diesen Reisen
genaue und umfangreiche Notizen über seine Beobachtungen gemacht, hatte Häute, Felle, Kno-
chen usw. konserviert und wertete alles aus. Ab 1837 entstand allmählich seine Evolutionstheo-
rie, die die Wissenschaft revolutionieren sollte. 1839 heiratete er, zog sich auf ein kleines Gut
südlich von London zurück und lebte ganz seinen Forschungen. Nach persönlichen Schicksals-
schlägen und Krankheiten veröffentlichte er 1859 sein Hauptwerk The Origin of Species by Means
of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. Die Thesen dieses
Buches, das ja nicht nur die Naturwissenschaften berührte, sondern von der Theologie über die
Philosophie auch die Politik und das Soziale, provozierten sogleich scharfe Kontroversen. Später
folgte The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex, London 1871. 1882 starb Darwin und
wurde in Westminster Abbey beigesetzt; zur Biographie Darwins vgl. Thomas Junker/Uwe Hoß-
feld, Die Entdeckung der Evolution, S. 75 ff.
236 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

unvorteilhafte zerstört werden«.49 Damit war der Gedanke der Selektion, die durch
Umweltbedingungen wie mangelnde Nahrung, ungünstiges Klima und Ähnliches
mehr erzwungen wurden, geboren. Der Kern seiner Hauptschrift The Origin of
Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle
for Life50 von 1859 verfocht die These, die Vielfalt der Arten sei das Ergebnis einer
Selektion, die als Naturgesetz betrachtet werden müsse. Das Überleben der Arten
werde durch den ständigen Kampf ums Leben – struggle for life – garantiert, und wer
diesen Kampf nicht bestehe, müsse eben untergehen. Der survival of the fittest liegt
bei Darwin also darin, dass die Rassen die Fähigkeit zur Anpassung an sich perma-
nent ändernde Lebensbedingungen ausbilden und bewahren; die »Fittesten« sind
jene, die aus diesem Kampf siegreich hervorgehen. Das müssen allerdings nicht
unbedingt die körperlich Stärksten sein, sondern das Überleben geschieht eher
durch Intelligenz oder List, die beide den existentiellen Selektionsdruck vorweg-
nehmen und zu entsprechendem Verhalten führen.51
Auch Darwins Evolutionsmodell braucht hier nicht genauer referiert zu wer-
den. Für die Rassentheorie, die sich im 19. Jahrhundert auf breiter Front auszubil-
den begann – wohlgemerkt: als Theorie, also als ein Erklärungszusammenhang,
angewandt auf den Menschen und seine Geschichte, nicht als Begriff und damit
locker verbundene Vorstellungen – war der Gedanke der Evolution und damit der
Kampf um einen Platz im Leben die zentrale Botschaft. Es war die Gegenposition
zu Gobineaus Geschichtspessimismus, weil bei richtigem Verhalten starker Rassen
keine Degeneration zu befürchten war.
Darwin verabschiedete alle theologischen Begründungen zur Erschaffung der
Welt, zur gottgewollten Ordnung dieser Welt, zu ihrer Entwicklung und ihrem
Heilsplan. Wo in der Vergangenheit der Natur eine prästabilisierte Harmonie un-
terstellt wurde, herrschten nun Konflikte und Überlebenskämpfe. Es konnte nicht
überraschen, dass diese Thesen auf schärfsten Widerspruch gläubiger Christen stie-
ßen, wie sie umgekehrt von Naturwissenschaftlern sehr bald rezipiert wurden.
Auch in trivialisierter Form, wenn etwa Rassentheoretiker glaubten, nur die
stärkste Rasse – die weiße Rasse, vornehmlich die Arier und Germanen – hätte ein
Recht auf Herrschaft und dürfe mit allen Mitteln um ihren Platz im Leben kämp-
fen. Oder wenn das Theorem des Survival of the Fittest ins Innenpolitische gekehrt
und als gesellschaftlicher Sozialdarwinismus gerechtfertigt wurde.
Mit Gobineau und Darwin – zu nennen wäre hier auch noch der deutsche
Johann Caspar Bluntschli – sind wichtige Eckpfeiler eines rassistischen Geschichts-
verständnisses bezeichnet, dessen sich dann auch Chamberlain bediente, freilich in
einer eigenen Version. Es versteht sich von selbst, dass es sowohl in Frankreich wie

49 Zitiert nach Thomas Junker/Uwe Hoßfeld, Die Entdeckung der Evolution, S. 80.
50 Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder die Erhaltung der begünstigsten Rassen im
Kampfe ums Dasein; in: Charles Darwin, Gesammelte Werke, Bd. 2, Stuttgart 1899.
51 Vgl. dazu Thomas Junker/Uwe Hoßfeld, Die Entdeckung der Evolution, S. 82 ff.; eingehend Philipp
Sarasin/Marianne Sommer (Hrsg.), Evolution. S. 9 ff. und S. 90 ff.
Gobineau, Darwin und Mendel 237

in England, auch in anderen europäischen Staaten eine Reihe weiterer, hier nicht
zu behandelnder Rassentheoretiker gab52, die mit ihren Arbeiten belegten, dass
»die Tendenz zeitgemäß war, Geschichte als Rassengeschichte zu verstehen«.53 Vor
allem Darwin hatte den Rassentheoretikern eine naturwissenschaftlich unangreif-
bare, sich mehr und mehr bestätigende Theorie geliefert, die sie nun übernehmen
und weiterentwickeln konnten, wobei die Umsetzung auf die menschliche Ge-
schichte keineswegs bei allen Autoren einheitlich und geschlossen war. Gleich-
wohl, indem diese auf Darwin zurückgriffen, zählten sie – und wurden gezählt –
mit ihrem ›naturwissenschaftlichen‹ Ansatz zur wissenschaftlichen Avantgarde
schlechthin. Geschichte als Geschichte von Rassen und Rassenkämpfen zu verste-
hen, menschliche Zivilisation und Kultur im Rahmen einer Geschichte zu erzäh-
len und zu analysieren, die ihre gleichsam harten Kriterien auf unbezweifelbaren
naturwissenschaftlichen Fakten fundierte, nutzte – so das wissenschaftliche Ver-
ständnis vieler Autoren – die neuesten Erkenntnisse der harten Wissenschaft inner-
halb des Bereichs der Kultur- und Geisteswissenschaften. Überdies hatte dieses
Paradigma auch noch den Vorteil, dass es einen linearen Fortschrittsbegriff er-
laubte: Die Verbesserung des Menschen konnte als Vorstufe einer Verbesserung
der Rassen verstanden werden, aus der sich dann wiederum eine Hierarchisierung
von Rassen ergab, mit dem Resultat der Überlegenheit der weißen Rasse.
Für die Rassentheoretiker war die Frage, wie Vererbung stattfindet, ebenfalls
von fundamentaler Bedeutung. Nachdem man lange von der Konstanz der Typen
ausgegangen war, die organische Ähnlichkeiten erklären sollten, publizierte Gre-
gor Mendel54 1865/69 seine Versuche über Pflanzenhybride, die das Ergebnis seiner
Kreuzungsexperimente an Erbsen darlegten.55 Damit waren erstmals Prinzipien der
Vererbung wissenschaftlich abgesichert, die sich in drei Gesetzen zusammenfassen
ließen: in der Prävalenzregel, wonach bei der ersten Kreuzungsgeneration von
Individuen mit unterschiedlichen Merkmalen homogene Merkmale auftreten, was

52 Material- und Namensüberblick bei Ludwig Schemann, Die Rassenfragen im Schrifttum der Neuzeit,
S. 283 ff.
53 Werner Conze, Artikel Rasse, in: Otto Brunner et al. (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe, S. 164.
54 Gregor Mendel (1822–1884) wurde in Schlesien als Sohn von Bauern geboren. Nach Gymna-
sium und Studium der Philosophie in Olmütz wurde er aus Not Augustiner-Mönch in Alt
Brünn, studierte anschließend Theologie und Landwirtschaft und begann mit ersten naturwissen-
schaftlichen Forschungen. 1847 zum Priester geweiht, ging er mit Unterstützung seines Ordens
zum Studium von 1851 bis 1853 nach Wien. Danach begann er mit der Erforschung der Verer-
bung der Erbsen über 8 Jahre. Die Veröffentlichung seiner Ergebnisse stieß zunächst auf wenig
Interesse. Doch das hielt ihn von weiteren Forschungen nicht ab. 1868 wurde er Abt seiner
Abtei Alt-Brünn, erkrankte 1883 an einem Nierenleiden und verstarb ein Jahr später. Literatur:
Robin H. Henig, Der Mönch im Garten. Die Geschichte des Gregor Mendel und die Entdeckung der
Genetik; Berlin 2001; Luca Novelli, Mendel und die Antwort der Erbsen, Würzburg 2009.
55 Gregor Mendel, Versuche über Pflanzenhybride. Zwei Abhandlungen 1865 und 1869, hrsg. von Erich
von Tschermak-Seysenegg; Frankfurt/M. 2000; zusammenfassend dazu Marianne Sommer, An-
thropologie, in: Philipp Sarasin/Marianne Sommer (Hrsg.), Evolution, S. 203 ff.; Georg Toepfer,
Historisches Wörterbuch der Biologie, Bd. 3, Artikel Vererbung, S. 620 ff.; zu Mendel S. 626 ff. mit
Literaturangaben.
238 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

Ähnlichkeit mit einem der beiden Elternteile bedeutet; in dem Spaltungsgesetz,


wonach in der zweiten Generation Merkmale wieder erscheinen, die zuvor, in der
ersten Generation, verdeckt waren; im Gesetz der Selbständigkeit der Merkmale
oder Unabhängigkeitsgesetz, wobei bei Kreuzung verschiedener Merkmale sich
eine freie Kombination dieser Merkmale ergibt.56 Zugleich hatte Mendel den
Nachweis geführt, dass sich die genetische Gesamtformation eines Individuums aus
einzelnen Genen zusammensetzt, ein Nachweis, der sich mit der Darwin’schen
Evolutionstheorie zu einer »natürlichen Allianz« fügte, »insofern in beiden Ansät-
zen der Organismus nicht primär als holistische Einheit, sondern als Aggregat von
Merkmalen betrachtet wird: In der Vererbungslehre wird die Bildung der Merk-
male durch einzelne Faktoren, die Gene, erklärt; in der Evolutionstheorie werden
die Merkmale als isolierbare Anpassungen an die Umwelt gedeutet.«57 Für die Evo-
lutionsperspektive des Mainstreams der Rassentheorien war dies eine wirksame
Unterstützung ihrer Überlegungen.
Mendels Thesen setzten sich allerdings zunächst nur langsam durch und waren
überdies umstritten. Ob Chamberlain sich mit Mendel und seiner Vererbungslehre
beschäftigt hat, ist nicht zweifelsfrei zu belegen, in seiner Bibliothek fehlt jedenfalls
Mendels grundlegendes Werk. Dass ihm die Debatte insgesamt nicht entgangen
war, bestätigt sein Hinweis in den Grundlagen, »die geheimnisvolle Tatsache der
Vererbung, über deren Grundprinzipien die bedeutendsten Fachleute alle Tage
uneiniger werden«58, erlaube hier noch keine gesicherten Kenntnisse. Hinzu
kommt, dass die Institutionalisierung der Genetik erst in den ersten Jahrzehnten
des 20. Jahrhunderts erfolgte mit der ab 1909 erscheinenden Zeitschrift für induktive
Abstammungs- und Vererbungslehre und der 1921 gegründeten Deutschen Gesellschaft
für Vererbungswissenschaft59 – beides liegt lange nach dem Erscheinen der Grundlagen.

Institutionalisierung der Rassenforschung


Eine der Konsequenzen dieser bisher skizzierten Entwicklung in Deutschland be-
stand in der Institutionalisierung der biologischen Anthropologie an zunächst nur
einigen ausgewählten deutschen Hochschulen. Die Etablierung dieses Faches ver-
bindet sich mit den Namen Karl Ernst von Baer und Rudolph Wagner.60 »Grün-
dungsdatum der deutschen (biologischen) Anthropologie hinsichtlich der Etablie-
rung zu einem eigenständigen wissenschaftlichen Fach«61 war das Treffen der
Anthropologen in Göttingen 1861, zu dem alle wichtigen deutschen Forscher,
Biologen, Zoologen, Mediziner, Ethnologen usw. sich erstmals versammelten und

56 Ebenda, S. 626 f.
57 Georg Toepfer, Historisches Wörterbuch der Biologie, Bd. 3, S. 630.
58 HSC, Grundlagen, S. 340.
59 Georg Toepfer, Historisches Wörterbuch der Biologie, Bd. 2, S. 54.
60 Dazu eingehend Uwe Hoßfeld, Geschichte der biologischen Anthropologie in Deutschland, S. 78 ff.
61 Ebenda, S. 87, 89 ff. folgt die ausführliche Wiedergabe des Sitzungsprotokolls.
Institutionalisierung der Rassenforschung 239

auf dem sie sich mit den kursierenden Rassentheorien auseinandersetzten. Denn
den Rassenforschern galt dieses Fach, dessen Entwicklung sich schon lange abge-
zeichnet hatte, als eine ihrer Grundlagen. Auf diesem ersten Göttinger Kongress
wurde die Herausgabe einer eignen Zeitschrift beschlossen, die ab 1866 als Archiv
für Anthropologie erschien, und für die als Aufgaben die vergleichende Analyse von
anthropologischem Material, messende Methoden zum Gegenstand der ›Variatio-
nen innerhalb des Menschengeschlechts‹ sowie zum Vergleich der Völkerstämme
der Gegenwart und Vergangenheit festlegt wurde. Die Kraniologie (Schädelkunde)
und die »massenhafte Vergleichung der Schädelformen« sollten Grundlage einer
empirischen Anthropologie werden.62 Folge dieses Kongresses waren sich stei-
gernde Aktivitäten in diesem wissenschaftlichen Feld, zu denen parallel mehrere
Gründungen wissenschaftlicher Gesellschaften erfolgten, bis 1870 die Deutsche An-
thropologische Gesellschaft ins Leben gerufen wurde. In ihr engagierten sich so be-
kannte Gelehrte wie Rudolf Virchow, einer der bedeutendsten und angesehensten
Ärzte seiner Zeit und zugleich ein aktiver linksliberaler Politiker,63 dessen Mitar-
beit deutlich macht, dass die hier betriebenen Forschungen keineswegs eine Ange-
legenheit politisch reaktionärer und antisemitischer Wissenschaftler waren. Die
Gesellschaft betrieb in der Folge Projekte, wie sie auch im Ausland, etwa in Frank-
reich, England, der Schweiz, Russland und den USA, um nur einige zu nennen,
betrieben wurden. »Mit dieser Entwicklung lag man [in Deutschland, U. B.] weit-
gehend auch im internationalen Trend.«64
Eine zweite Konsequenz dieses sich ausbreitenden Forschungsgebietes war die
Etablierung eines Faches »Rassenhygiene«, das sich als eine »Wissenschaft vom
guten Erbe«, als Vorläuferin der Humangenetik, im 19. Jahrhunderte als ein eigen-
ständiges universitäres Wissenschaftsfeld herausgebildet hatte.65 Rassenhygiene
stand in Verbindung mit den geschilderten Entwicklungen interdisziplinärer Ras-
sentheorien und sie war Antwort auf theoretische und praktische Bemühungen,

62 Man unterschied zwei Grundformen: Langschädel (dolichocephal) und Rundschädel (brachyce-


phal). »Der Langschädel beginnt, wenn das Verhältnis der Breite zur Länge nicht über 75 zu 100,
der ausgesprochene Kurzschädel, wenn es 80 oder mehr zu 100 beträgt.« HSC, Grundlagen,
S. 426.
63 Rudolf Virchow (1821–1902) studierte Medizin und arbeitete auf dem Gebiet der Pathologie.
1845 beschrieb er erstmals die Leukämie. Als Beteiligter an der Märzrevolution 1848 musste er
Berlin verlassen und nahm eine Professur in Würzburg an. 1856 ging er nach Berlin zurück,
übernahm die Professur für Pathologie und arbeitete an der Charité. Seine Arbeiten über Zellu-
larpathologie brachten ihm Weltruhm ein. 1861 war er Mitgründer der Deutschen Fortschritts-
partei, engagierte sich als Liberaler, saß von 1859–1902 als Abgeordneter in der Berliner Stadtver-
ordnetenversammlung, gehörte 1862–1902 dem Preußischen Abgeordnetenhaus an und war von
1880–1893 zugleich Mitglied des Deutschen Reichstags. Er propagierte eine allgemeine Gesund-
heitsvorsorge, trat für Krankenhausbau, Lebensmittelhygiene und eine moderne Kanalisation ein.
Virchow erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen und war weit über Deutschland hin-
aus angesehener und verehrter Mann.
64 Uwe Hoßfeld, Geschichte der biologischen Anthropologie in Deutschland, S. 168 ff.
65 Dazu die grundlegende Aufarbeitung in Peter Weingart/Jürgen Kroll/Kurt Bayertz, Rasse, Blut
und Gene, S. 16 f.
240 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

welche auf eine positive Bevölkerungspolitik zielten, wie sie sich im 18. Jahrhun-
dert entwickelt hatten. Für diese wissenschaftliche Disziplin ging es darum, den
von vielen Rassentheoretikern behaupteten Degenerationsprozessen aufgrund von
Rassenmischungen umzukehren, durch eine theoretisch abgesicherte, die Praxis
anleitende Politik. Rassenhygiene und Eugenik wollten durch Zucht den behaup-
teten Rassenverfall aufhalten. Man übertrug die Gesetze der Tierzüchtung auf die
Menschen, in der Absicht, durch entsprechende Maßnahmen, von der Sterilisie-
rung bis hin zu positiven Züchtungspraktiken, eine gesunde und leistungsstarke,
auch seelisch stabile Bevölkerung generieren zu können, die, so ein damals ge-
wichtiges Argument, die Staatsausgaben für soziale und medizinische (Vor-)Sorge
erheblich mindern würde – eine Wissenschaftspolitik, deren Wege zur Realisie-
rung unter ihren Vertretern heiß umstritten waren und die später im Nationalso-
zialismus die konkrete Bevölkerungspolitik bestimmten sollte.
Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts fand rassenhygienisches Denken sowohl
in der Bevölkerung wie in der Wissenschaft zunehmende Akzeptanz und Eingang
in den universitären Forschungs- und Lehrbetrieb. Einer der Väter dieser Theorie
mit weitreichendem akademischem Einfluss war der britische Naturforscher Fran-
cis Galton66, ein Cousin von Charles Darwin, der sich, neben vielen wissenschaft-
lichen Interessen, intensiv mit der Vererbung von Intelligenz beschäftigte und ver-
suchte, empirische Methoden zu deren Messung zu entwickeln. Galton war
überzeugt, dass die Unterschiede der Menschen genetisch bedingt seien und Sozia-
lisation und Erziehung nur begrenzten Einfluss auf die Entwicklung des mensch-
lichen Denkvermögens hätten. Daraus zog er in seinem stark rezipierten Buch
Hereditary Genius67 den Schluss einer durch bewusste Auswahl (Zucht) gesteigerten
Qualität der Erbeigenschaften von Menschen, weil er überzeugt war, dass nur
durch das Zusammenführen besten Erbgutes die rassische Verbesserung von Nati-
onen erreicht werden könne. Er prägte den Namen Eugenik, seine Ideen wurden
in allen europäischen Ländern, auch in den USA, aufgenommen, in Frankreich
durch Georges Vacher de Lapouge propagiert und weiterentwickelt, der Cham-
berlain beeinflusste, in Deutschland unter dem Begriff der Rassenhygiene rezipiert.
Galtons Einfluss war auch unter deutschen Wissenschaftlern beträchtlich. Sein
Begriff der Eugenik machte in Deutschland Karriere, wurde teilweise durch den
der Rassenhygiene erweitert. Eine Konsequenz dieser internationalen Debatte um

66 Francis Galton (1822–1911) studierte zunächst Medizin, arbeitete in Krankenhäuser, studierte in


Cambridge Mathematik. Er erbte ein beträchtliches Vermögen und unternahm daraufhin For-
schungsreisen nach Ägypten, Beirut, Damaskus, Südwestafrika. Nach seiner Rückkehr publi-
zierte er 1851 einen Bericht über seine Erfahrungen mit »wilden Rassen«. In London war er
führendes Mitglied der Geographischen Gesellschaft, schrieb ein Buch über Meterographica, in
dem erstmals Wetterdaten systematisch ausgewertet wurden. Beeinflusst von Darwin entwickelte
er die These gezielter Vererbung. Zugleich interessierte er sich für Psychologie und gilt als der
Begründer der Differenzialpsychologie. Für die Breite seiner Arbeiten und den Einfluss, den er
damit auf die Wissenschaften hatte, wurde er 1909 geadelt. Er war Mitglied der Royal Society
und erhielt verschiedene Ehrungen.
67 Francis Galton, Hereditary Genius, London 1869; dt. Genie und Vererbung, Leipzig 1910.
Institutionalisierung der Rassenforschung 241

Eugenik war die durch den Mediziner Alfred Ploetz68 initiierte Gründung der Ge-
sellschaft für Rassenhygiene in Berlin 1905. Sie bestand neben der Deutschen Anthropo-
logischen Gesellschaft und hatte die Aufgabe, die Rassenhygiene wissenschaftlich zu
etablieren und politisch durchzusetzen. Neben Ploetz waren Ärzte, Zoologen, Bo-
taniker, Hygieniker und Schriftsteller an der Gründung beteiligt, einer Gründung,
die später Material für die nationalsozialistische Rassenpolitik liefern sollte. Ab
1904 erschien das Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie einschließlich Rassen- und
Gesellschafts-Hygiene, das sich die Aufgabe der Erforschung von Rasse und Gesell-
schaft und ihres wechselseitigen Verhältnisses gestellt hatte und damit die Grund-
legung einer bevölkerungspolitischen Entwicklungslehre leisten wollte.69
Alle Forschungen auf diesen Gebieten fanden überwiegend an Universitäten
statt, waren durch Universitätsprofessuren abgesichert. Es waren vielfältige und
breite Entwicklungen auf dem Feld der Naturwissenschaften und der Bevölke-
rungspolitik, innerhalb derer sich Chamberlains Versuch, die Rasse zur grundle-
genden Kategorie seiner Weltanschauung und seines Geschichtsverständnisses zu
machen, auch eine rassische Züchtungsutopie zu formulieren, keineswegs als die
Anstrengungen eines isolierten und spintisierenden Außenseiters ausnahmen. Mit
Blick auf die skizzierten Entwicklungen glaubte er nicht zu Unrecht, mit seiner
Auffassung der Rasse und ihrer geschichtlichen Rolle an der Spitze des wissen-
schaftlichen Fortschritts zu marschieren. Um das zu verstehen, muss daran erinnert
werden, dass der Rassenbegriff zu jener Zeit noch nicht mit jenen vernichtenden
Distinktionsmerkmalen konnotiert war, die seinen heutigen Gebrauch nach den
Erfahrungen im Dritten Reich und dem heutigen Stand der Wissenschaft unmög-
lich machen. Die an der biologischen Anthropologie beteiligten Wissenschaftler
aus unterschiedlichen Disziplinen versuchten vielmehr, jene objektiven Kriterien
zu gewinnen, die es ihnen erlauben sollten, ihre Kenntnisse vom Menschen und
der Menschheit bedeutend zu erweitern und daraus Hinweise auf eine gelingende

68 Alfred Ploetz (1860–1940) studierte zunächst Volkswirtschaft und war einem Kreis sozialistisch
eingestellter Intellektueller verbunden. Aus politischen Gründen ging er 1883 nach Zürich, um
sich dort mit dem Sozialismus zu beschäftigen. Zusammen mit Gerhard und Carl Hauptmann
entwarf er den Plan einer sozialistisch-germanischen Utopie Pacific, die in Amerika gegründet
werden sollte. Nach Studien in Chicago kehrte er nach Zürich zurück, nahm ein Medizinstu-
dium auf und stieß zu einem Kreis von Studenten und Professoren, der über Vererbungsfragen
diskutierte. 1890 promovierte Ploetz in Medizin, zog dann in die USA, wo er vier Jahre in einer
Kommune lebte und hoffte, seine sozialutopischen Vorstellungen verwirklichen zu können,
wandte sich später aber von seinen sozialistischen Ideen ab und rassistischen Vorstellungen zu. Er
hatte zahlreiche persönliche Verbindungen zu rassenpolitischen Gruppen und Vereinigungen,
begrüßte 1933 die Machtergreifung Hitlers, weil er hoffte, seine rassenhygienischen Vorstellun-
gen realisieren zu können. Zusammen mit Fritz Lenz und Hans F. K. Günther war er einer der
prominentesten Vertreter seines ›Faches‹. 1936 wurde er von Hitler zum Professor ernannt, im
selben Jahr für seine Warnung vor den erbbiologischen Folgen eines Krieges für den Friedensno-
belpreis vorgeschlagen. Wichtigste Publikationen: Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der
Schwachen, Berlin 1895; Ziele und Aufgaben der Rassenhygiene, Braunschweig 1911; Sozialanthropo-
logie, Leipzig 1923; Volksaufartung. Erbkunde. Eheberatung, Berlin 1930.
69 Vgl. dazu eingehend Peter Weingart/Jürgen Kroll/Kurt Bayertz, Rasse, Blut und Gene, S. 188 ff.
242 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

Abb. 24: Chamberlain nach 1900

politische Praxis zu gewinnen. Wie immer man diese Forschungen beurteilen mag,
für Chamberlain lag das Arsenal seiner Rassenvorstellung und seiner rassistischen
Kulturtheorie weitgehend bereit, er brauchte hier keinerlei eigene Forschungen zu
betreiben, sondern sich nur des vorhandenen Wissens und der im Umlauf befind-
lichen Theorien nach seinen Interessen zu bedienen. Es stimmte, wenn er mit
Bezug auf seinen Rassentheorie schrieb: »Was ich hier weiß und was ich theoreti-
sierend denke, ist alles wissenschaftliches Erbteil aus einem Jahrhundert heißer
Arbeit – von Blumenbach bis Ujfalvi –, und mein Meister ist in erster Reihe – wie
an Ort und Stelle hervorgehoben – Charles Darwin.«70 Und zu Recht bemerkte er
in einem Brief: »Vom Bekannten ausgehend und auf die Lehren der Biologie, na-
mentlich Darwins Untersuchungen über das Entstehen und Bestehen von Rassen,
mich stützend, habe ich in meinen Grundlagen versucht, einige deutliche Vorstel-
lungen über das, was Rasse ist und bedeutet, zu gewinnen. Weiter nichts. Eine
eigene Rassentheorie besitze ich nicht.«71

70 HSC, Vorwort zur dritten Auflage, in: HSC, Wehr und Gegenwehr, S. 14
71 Zitiert nach Anja Lobenstein-Reichmann, Houston Stewart Chamberlain, S. 113.
Chamberlains Rassenbegriff 243

Chamberlains Rassenbegriff
Ganz in diesem Sinne der Nutzung der vorhandenen Rassentheorien und der ei-
genen Einordnung in einen akzeptierten wissenschaftlichen Debattenzusammen-
hang schreibt Chamberlain gleich in der Einleitung zu den Grundlagen, das 19. Jahr-
hundert sei nicht nur, wie Ranke bemerkt habe, ein Jahrhundert der Nationen,
sondern auch eines der Rassen als unmittelbare Folge des naturwissenschaftlichen
Fortschritts: »Die wissenschaftliche Anatomie hat die Existenz von physisch unter-
scheidenden Merkmalen zwischen den Rassen erwiesen, sodass sie nicht mehr
geleugnet werden können, die wissenschaftliche Philologie hat zwischen den ver-
schiedenen Sprachen prinzipielle Abweichungen aufgedeckt, die nicht zu über-
brücken sind, die wissenschaftliche Geschichtsforschung hat in ihren verschiede-
nen Zweigen zu ähnlichen Resultaten geführt, namentlich durch die genaue
Feststellung der Religionsgeschichte einer jeden Rasse, wo nur die allgemeinsten
Ideen den täuschenden Schein der Gleichmäßigkeit erwecken, die Weiterent-
wicklung aber stets nach bestimmten, scharf voneinander abweichenden Richtun-
gen stattgefunden hat und noch immer stattfindet. Die sogenannte ›Einheit der
menschlichen Rasse‹ bleibt zwar als Hypothese noch in Ehren, jedoch nur als eine
jeder materiellen Grundlage entbehrende, persönliche, subjektive Überzeugung.«72
Diese Sätze umreißen Chamberlains Grundvorstellung von Rasse, sind aber
keineswegs eine ausreichende Definition dessen, was er unter Rasse verstanden
wissen will. Und obgleich er einen Fragenkatalog zu diesem Begriff aufstellt: »Was
sind reine Rassen? Woher kommen sie? Haben sie geschichtlich etwas zu bedeu-
ten? Ist der Begriff weit oder eng zu nehmen? Weiss man etwas darüber, oder
nicht? Wie verhalten sich die Begriffe Rasse und Nation zueinander?«, gibt er
keine wirklich eindeutige begriffliche Bestimmung zu einer Frage, die doch »eine
der wichtigsten [ist], vielleicht die allerwichtigste Lebensfrage, die an den Men-
schen herantreten kann«. Der Naturwissenschaftler, der sonst stets betont, er sei es
gewohnt, exakt und empirisch überprüfbar zu arbeiten, bleibt auf diesem für ihn
zentralen und vorrangigen Gebiet bei inhaltlichen und begrifflichen Versuchen,
die sich der klaren Eindeutigkeit entziehen. Es finden sich sogar Relativierungen,
wenn es etwa heißt, es könne vorkommen, »dass man auf den Begriff der Rasse zu
viel Gewicht« lege, womit man dann »der Autonomie der Persönlichkeit Abbruch
tut und Gefahr läuft, die grosse Macht der Ideen zu unterschätzen«. Interpretiert
man solche Relativierungen gutwillig, so ließe sich sagen, die Schwierigkeiten ei-
nes wissenschaftlich befriedigenden Rassenbegriffs lägen in der Sache selbst be-
gründet, was Chamberlain bewusst sei. Denn die Frage der Rassen sei, wie er an-
merkt, »unendlich verwickelter als der Laie glaubt, sie gehört ganz und gar in das
Gebiet der Anthropologie«.
Gerade aber auf diesem Gebiet war die internationale Forschung in der zwei-
ten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um die Jahrhundertwende in vollem Gange.

72 HSC, Grundlagen, S. 33. Die folgenden Zitate auf den Seiten 310; 319; 225; 225 f.
244 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

So entdeckte, wie schon erwähnt, Gregor Mendel 1865/69 die Gesetze der Ver-
erbung, die allerdings umstritten blieben und vorübergehend in Vergessenheit ge-
rieten; der Chemiker Friedrich Miescher entdeckte 1871 die Nukleine, heute:
DNA73; der Biologe Walter Flemming 1882 die Chromosomen (Strukturen des
Zellkerns) und ihr Verhalten; der Holländer Hugo de Vries und der Deutsche Carl
Erich Correns unabhängig voneinander erneut um 1900 die vergessene Verer-
bungslehre Mendels.74 1909 gebrauchte der dänische Biologen Wilhelm Johannsen
erstmals die Bezeichnung »Gen«.75 In diesen Jahren entwickelte sich in der Biologie
eine internationale Forschung zur Vererbungstheorie, die zugleich das Profil einer
genetischen Theorie formulierte.76 Ob Chamberlain auch diese Forschungen im
Detail zur Kenntnis genommen hat, ist fraglich, weil sich in seiner Bibliothek wich-
tige Arbeiten aus diesem Bereich nicht finden. Dass er die Debatte grosso modo
verfolgt hat, ergibt sich aus verstreuten Äußerungen in den Grundlagen. Zugleich ist
allerdings zu bedenken, dass die Ergebnisse der damaligen Forschung nicht zwangs-
läufig zu einer radikalen Revision des Rassenbegriffs führen mussten, weil viele
Fragen, die heute geklärt sind, damals noch nicht beantwortet waren. So ist heute
beispielsweise geklärt – was zu Chamberlains Zeiten noch unvorstellbar war –, dass
der Genpool der Menschen nahezu identisch ist: Die Identität liegt bei 99,9 % und
nur 0,1 % sind different. Diese bestimmen allerdings das äußere Aussehen und sind
zusätzlich für einige andere Unterschiede zuständig.77
Entgegen seiner Feststellung: »Der Begriff der Rasse hat nur dann einen Inhalt,
wenn wir ihn nicht möglichst weit, sondern möglichst eng nehmen«78, gibt Cham-
berlain keine eindeutige, analytisch brauchbare Definition. Gelegentlich grenzt er
Rasse von Spezies ab, verweist dabei auf Darwin und meint, Arier, Semiten, die
Mongolen oder auch Neger seien eigentlich »Arten«, verwirft diesen Begriff dann
aber wieder, weil er wissenschaftlich umstritten und faktisch ertraglos sei.79 Statt
einer präzisen Angabe, was Rasse definiert, finden sich, verstreut über sein Buch
und seine Aufsätze, einzelne physiologische Merkmale wie: Körperbau, Gesichts-
und Schädelformen, Knochenbau, Nase, Muskulatur, Hautfarbe oder auch Haar-
farbe, die erörtert werden, weil sie gleichsam auf den ersten Blick die Unterschied-

73 Vgl. Georg Toepfer, Historisches Wörterbuch der Biologie, Bd. 2, S. 40


74 Ebenda, Bd. 3, S. 631.
75 Zur historischen Entwicklung des Genbegriffs und der Genforschung vgl. Stichwort Gen in:
ebenda, Bd. 2, S. 15 ff.
76 Dazu im Überblick Marcel Weber, Genetik und Moderne Synthese, in: Philipp Sarasin/Marianne
Sommer (Hrsg.), Evolution, S. 102 ff.
77 Vgl. u. a. Robert Shapiro, Der Bauplan des Menschen: die Genforschung enträtselt den Code des Lebens,
Frankfurt/M. 1995; Uwe Hoßfeld, Und welcher Rasse gehören Sie an? http://boell-th.boell-net.de.
Die neuere Genforschung beschäftigt sich zunehmend mit diesen 0,1 % Abweichung, um die
Unterschiede zwischen den Menschen zu erklären, und sie nähert sich damit, worauf Hoßfeld
hinweist, Fragestellungen der Rassenforschung wieder an.
78 HSC, Grundlagen, S. 343.
79 HSC, Rasse und Persönlichkeit, S. 74.
Chamberlains Rassenbegriff 245

lichkeiten der Rassen belegen.80 Mit solchen Merkmalskatalogen war er allerdings


keineswegs originell; denn in allen Rassentheorien der damaligen Zeit fanden sich
diese körperlichen Eigenschaften, die bestimmten Rassen zugeschrieben wurden,
bei europäischen Wissenschaftlern ebenso wie bei amerikanischen. Während For-
scher wie etwa der bekannte Anthropologe und Anatom Julius Kollmann81 – stell-
vertretend für die Haltung vieler Mitglieder der Deutschen Anthropologischen Gesell-
schaft – bestimmte Schädelformen den in Europa lebenden Menschen zuordnete
und daraus auf deren rassische Herkunft und Zugehörigkeit schloss, auch auf man-
che ihrer sonstigen Eigenschaften, war Chamberlain bei der Gewichtung äußerer
Merkmale für die Rassenzugehörigkeit sehr viel vorsichtiger. Er nahm sie mal
mehr, mal weniger als definitionsentscheidend. Als ein Beispiel sei auf seine Be-
stimmung der Rasse der Germanen verwiesen. Hier heißt es an einer Stelle, dass
die Indoeuropäer in ihrem Körperbau von den Südeuropäern abweichen und da-
her jemand, der nach seinem Herzen Germane sei, aber doch die »physischen
Merkmale« des Nordeuropäers nicht besitze, »nicht als ein Germane zu betrachten
sei«.82 Wenig später schränkt er ein und kehrt die Aussage fast um: »Gewiss liegt das
Germanentum im Gemüte; wer sich als Germane bewährt, ist, stamme er, woher
er wolle, Germane; hier wie überall thront die Macht der Idee, doch man hüte
sich, einem wahren Prinzip zu Liebe, den Zusammenhang der Naturerscheinun-
gen zu übersehen.« Und dann folgt wiederum: »Germane ist der Regel nach nur,
wer von Germanen abstammt.« Was nun von diesen widerstreitenden Definitio-
nen gilt, bleibt dem Leser überlassen.
Ähnlich widersprüchlich steht es um das »blonde Haar« als rassisches Charak-
teristikum. Einerseits beruft er sich auf historische Zeugnisse, etwa Tacitus, die
den Germanen durchgängig blondes Haar und blaue Augen zuschreiben, anderer-
seits weichen, so Chamberlain, beispielsweise die Mitglieder des englischen Adels
davon ab: »Hochgewachsene schlanke Körper, lange Schädel, lange Gesichter
[…], Stammbäume, die bis in die Normannenzeit zurückreichen, kurz, unzwei-
felhaft echte, physisch und historisch bezeugte Germanen – aber schwarzes Haar.«
Und keineswegs immer blaue Augen, sondern häufig auch braune, nicht nur im
Adel, sondern auch im (germanischen) Volk. Für Chamberlain haben daher äu-
ßerliche Merkmale nur begrenzten Wert und er folgert daraus, »dass dem Germa-
nen nicht, wie es gewöhnlich geschieht, blondes Haar apodiktisch zugesprochen

80 Vgl. die umfassende Zusammenstellung solcher Eigenschaften, die mit Rasse verbunden werden,
bei Anja Lobenstein-Reichmann, Houston Stewart Chamberlain, S. 113 ff. Auf sie sei hier verwiesen,
um die nochmalige Aufzählung aller Belegstellen aus Platzgründen zu vermeiden.
81 Julius Kollmann (1834–1918) war Zoologe, Anatom und Anthropologe. Ab 1870 war er Profes-
sor in München, ab 1878 in Basel. Er verfasste Lehrbücher über Anatomie und Entwicklungsge-
schichte der Menschheit, u. a. Plastische Anatomie des menschlichen Körpers, Leipzig 1886; Lehrbuch
der Entwicklungsgeschichte des Menschen, Berlin 1898; Handatlas der Entwicklungsgeschichte des Men-
schen, Jena 1907.
82 HSC, Grundlegen, S. 573; die folgenden Zitate auf den Seiten 574; 575; 577; 580; 255; 286; 588;
322.
246 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

werden kann; auch schwarzes Haar kann den echtesten Sprossen dieser Rasse ei-
gen sein.«
Problematisch sieht es auch bei den Schädelformen aus. Nach Tacitus hatten
die Germanen lange Schädel und lange Gesichter und viele damals ausgegrabene
Skelette bestätigten diese Ansicht. Doch hätten, wie Chamberlain meint, inzwi-
schen eingetretene Veränderungen, z. B. durch Rassenmischung, die Eindeutigkeit
der Schädelform verändert. Germanen hätten inzwischen Lang-, aber auch Mittel-
und Rundköpfe, wobei diese Formen je nach Gebiet und Einfluss, d. h. Vermi-
schung mit anderen, nichtgermanischen Völkern, variieren könnten. Gleichwohl
hält er – im Kapitel über Die Erscheinung Christi – und in Bezug auf die Juden fest,
»dass gerade die Gestalt des Schädels zu jenen Charakteren gehört, welche mit
unausrottbarer Hartnäckigkeit vererbt werden, so dass durch kraniologische Mes-
sungen Rassen unterschieden und aus gemischten noch nach Jahrhunderten die
atavistisch auftretenden ursprünglichen Bestandteile dem Forscher offenbar wer-
den.« Was aber offenbar nur für die jüdische Rasse gilt, nicht für die germanische.
Denn da wendet er ein, die Kraniologie sei hinsichtlich der Germanen offenkun-
dig uneinig in der Bedeutung der Schädel für die Rassenbestimmung; das zeige,
»wie schwer es auch hier ist, durch blosse Formeln, durch Zirkel und Metermass
das Germanische vom Ungermanischen zu scheiden«. Eine Position, die sich
wohltuend an Vorsichtigkeit gegenüber zeitgenössischen Kraniologen abhebt, wie
sie in der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie stark vertreten waren, wenn auch
nur für die Germanen. Doch hier bleibt es dem Leser überlassen, welche Lesart er
für sich akzeptiert: Kraniologie nur für die Juden, teilweise Ablehnung der Kranio-
logie für die Germanen, oder aber Kraniologie für alle Rassen oder für keine.
Mit anderen Worten: Die in den Wissenschaften unternommenen Versuche,
eine empirische Basis zur objektiven Bestimmung von Rassen zu gewinnen, führ-
ten zu widersprüchlichen Ergebnissen und dies hat »das Gute, dass wir einsehen
lernen, wie wenig sichere Hilfe, wie wenig nützliche, für das praktische Leben
verwertbare Belehrungen wir von dorther zu erhoffen haben.« So müssten an die
Stelle eindeutiger physiologischer Merkmale andere treten, die es dennoch erlaub-
ten, den Begriff der Rasse als zentral beizubehalten. Statt einer naturwissenschaft-
lich bestimmten Vorstellung, die es ermöglichen würde, deren Anwendung auf
Geschichte und Gesellschaft zu überprüfen, vollzieht Chamberlain eine Wendung
ins Ungefähre, die, so könnte man vermuten, durch lebensphilosophische Lektüre
initiiert worden ist: »Was sollen uns weitläufige wissenschaftliche Untersuchun-
gen, ob es unterschiedliche Rassen gebe? ob Rassen einen Wert haben? wie das
möglich sei und so weiter? Wir kehren den Spiess um und sagen: dass es welche
gibt, ist evident; dass die Qualität der Rasse entscheidende Wichtigkeit besitzt, ist
eine Tatsache der unmittelbaren Erfahrung; Euch kommt nur zu, das Wie und
Warum zu erforschen, nicht Eurer Unwissenheit zuliebe die Tatsachen selbst ab-
zuleugnen«; denn: »Unmittelbar überzeugend wie nichts anderes ist der Besitz von
Rasse im eigenen Bewußtsein. Wer einer ausgesprochenen, reinen Rasse ange-
hört, empfindet es täglich.«
Chamberlains Rassenbegriff 247

Das war die Flucht in die reine Subjektivität und damit uneingestanden die
Kapitulation, einen naturwissenschaftlich ›objektiven‹ Rassenbegriff formulieren
zu können. Aber auch damit stand Chamberlain innerhalb der damaligen Diskus-
sion nicht allein. So erzielten die bekanntesten Rassentheoretiker jener Jahre wie
etwa Alfred Ploetz, Eugen Fischer, Fritz Lenz oder auch Wilhelm Schallmeyer bei
ihren Versuchen, den Rassenbegriff in wissenschaftlich eindeutiger Weise zu be-
stimmen, kaum bessere Ergebnisse, so dass »zwischen wissenschaftlicher Rassen-
anthropologie und den populären Rassentheorien Gobineaus, Schemanns und
Houston Stewart Chamberlains, die in Deutschland der ideologische Bezugsrah-
men des Nationalismus und Antisemitismus wurden, keine ausreichenden Diffe-
renzen bestanden, die es vor allem der Wissenschaft erlaubt hätten, sich von den
politischen Bewegungen erfolgreich abzugrenzen.«83 Man kann diesen Befund
auch umkehren und daraus schließen, dass Chamberlains Rassenverständnis
ebenso ›wissenschaftlich‹ war, wie das der etablierten Wissenschaftler seinerseits
ins Populäre zielte und damit den selbstgesetzten Anspruch unversehens aufgab.
Und man kann aus diesem Befund schließen, dass Chamberlains Rassenbegriff
keine singuläre Leistung war, sondern in den konstituierenden Vorstellungen mit
der Mehrheit der in diesem Bereich arbeitenden Wissenschaftler und Publizisten
weitgehend übereinstimmte. Auch und gerade in seiner Unschärfe. Die Wirkung
seiner Rassenlehre lag auf anderem Gebiet: in der scharfen und antagonistischen
Polarisierung von Juden und Germanen und dem daraus entspringenden Antise-
mitismus.
Chamberlains Wendung ins Leben der unmittelbaren Erfahrung hatte zur
Folge, dass er Rasse zum einen durch charakterliche Werte, zum anderen durch
funktionale Zusammenhänge zu erklären suchte – zugleich aber immer wieder
auf physiologische Merkmale zurückkam, allen eigenen Vorbehalten zum Trotz.
Diese ›Wendung ins Leben‹, zugleich auch eine Wendung ins Innere, war sowohl
eine Flucht aus der Unmöglichkeit einer soliden naturwissenschaftlichen Erklä-
rung von Rasse und Rassenunterschiede, wie auch wohl teilweise dem Bay-
reuther Einfluss geschuldet; Chamberlain folgte nämlich damit dem dort herr-
schenden ›Primat der Innerlichkeit‹, der Abkehr von Politik und Wissenschaft hin
zur inneren Entwicklung des Einzelnen wie des Volkes, eine Vorstellung, die für
die Bayreuther in allen Lebensbereichen absolute Priorität besaß. Und so war es
folgerichtig, auch die Rasse und das Rassenbewusstsein als einen inneren Vorgang
zu erklären.
Eine grundlegende Folgerung aus der Entscheidung, das Leben selbst bzw.
die Geschichte, in der sich Leben konkretisiert, als Evidenzbeweis zu nehmen,
war die These, es habe niemals eine reine Urrasse gegeben, auch nicht eine Ur-
rasse der Arier. Da die historische Überlieferung keine Belege für deren Existenz
kenne, sei eine solche Behauptung blanke Spekulation. Die in Bayreuth, vor al-
lem von Cosima hochgehaltene Vorstellung Gobineaus von einer ursprünglich

83 Peter Weingart/Jürgen Kroll/Kurt Bayertz, Rasse, Blut und Gene, S. 99 f.


248 Rasse, Rassenvorstellungen und Rassentheorien – Entwicklungen bis Chamberlain

hochentwickelten Rasse, die durch Vermischung mit minderwertigen Rassen de-


generiert sei, kehrte Chamberlain mit Verweis auf Darwin und dessen Evoluti-
onsmodell84 um: »Rasse ist nicht ein Urphänomen, sondern sie wird erzeugt: phy-