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r r E D I TO R I A L

Reinhard Breuer
Chefredakteur

Vertraut und doch so fremd


Eine Frage, die uns in der Redaktion immer wieder Kürzlich flatterte uns eine Meldung auf den
bewegt, ist: Wie ähnlich waren uns die Menschen der Schreibtisch, dass Robert Bittlestone nach dem Ort
Vergangenheit? Und vielleicht noch mehr: Wie fremd »Ithaka« suche, einem wichtigen Schauplatz in Ho-
sind sie uns eigentlich? Ist es nur Selbsttäuschung, mers Seefahrerepos »Odyssee«. Wie der Chef einer
wenn wir uns in sie hineinversetzen? Fallen wir nicht britischen Software-Firma schon 2005 in einem Buch
unvermeidlich einem Irrtum zum Opfer, wenn wir un- behauptete, läge »Ithaka« nicht, wie üblich vermutet,
sere Vorstellungen auf ihre vor Jahrtausenden versun- auf der Ionischen Insel Ithaka, sondern auf dem west-
kene Welt projizieren? Denn schließlich können wir griechischen Eiland Kephallinia. Der Homer-Spezialist
uns ja nur auf Relikte, fragmentarische Berichte und Joachim Latacz von der Universität Basel hat sich die
vom Zeitgeist geprägte Historienbilder stützen. These vorgenommen und zieht seine eigenen Schluss-
Zweifellos teilen wir bestimmte Grundbedürfnisse folgerungen.
mit unseren Vorfahren. Auch sie mussten essen, trin-
ken, wohnen, schlafen. Und um ihr Leben zu bestrei- Nicht nur in Sudans Provinz Darfur geschieht der-
ten, gingen sie einer Arbeit nach, ob Jagen, Handeln zeit Dramatisches. Das Kernland des antiken Nubien
oder Regieren. »Abenteuer Archäologie« hat es sich schickt sich an, den Nil am 4. Katarakt auf über 170 Ki-
zum Ziel gesetzt, neben Weltbewegendem auch immer lometer Länge aufzustauen. Zwar werden hier nicht
wieder Alltagswelt zu vermitteln. So serviert Autorin Si- Menschen ermordet, aber alter Kulturraum wird ver-
grid Peters in unserer Rubrik »Ars Vivendi« auf S. 80 schwinden, der seit der Jungsteinzeit besiedelt ist und
diesmal einen Leckerbissen aus fernen Gefilden: ge- in dem heute das Volk der Manasir lebt. Um zu retten,
backene Taro-Knollen an Schweinefleisch – ein Gericht was zu retten ist, arbeiten engagierte Archäologen un-
aus Neuguinea. Und Redakteur Joachim Schüring be-

H.U.N.E.
gleitet die Bürger Roms aufs stille Örtchen; keine In-
diskretion, denn der Römer hatte beim Geschäft wohl
gern Gesellschaft, zumal hier auch handfestere Ge-
schäfte abgeschlossen wurden (S. 26).

Abseits solcher Basiserfordernisse ist gleichwohl


Vorsicht geboten, heutige Maßstäbe an die Vergan-
genheit anzulegen. Wahlen in Rom? Ja, natürlich – in
der Phase der römischen Republik bis zum Beginn der
Kaiserzeit 27 v. Chr. galten gewisse demokratische Ge-
pflogenheiten. Aber zwei Drittel der Bevölkerung wa- Vom Nil-Staudamm bedroht: das Volk der Manasir
ren Sklaven, und vom Rest hatten nur männliche rö-
mische Bürger ein Stimmrecht und das war nicht viel ter den harten Lebensbedingun­gen der Wüstenregion.
wert, gehörte man nicht zum Adel. Kaum vorstellbar: Doch der ungelöste Konflikt, den Manasir eine neue
Gewählt wurde in der Weltstadt jedes Jahr, heutzutage Heimat zu schaffen, hat die Arbeiten weit zurückge-
scheint schon ein Vier-Jahres-Turnus die politische Ar- worfen. Außer einem polnischen ist derzeit nur das
beit lahmzulegen. Dennoch fallen Ähnlichkeiten auf. Team der Berliner Humboldt-Universität vor Ort. Pro-
Wenn etwa der US-Senator Barak Obama um die No- jektleiterin Claudia Näser schildert im Interview die
minierung der Demokraten für die Präsidentschafts- zum Teil abenteuerlichen Umstände vor Ort und ihre
wahlen ringt, fühlt sich unser Autor Theodor Kissel an Betroffenheit über das Schicksal der Manasir: »Es ist
den Kampf des homo novus Marcus Tullius Cicero um mir unbegreiflich, dass die Tragweite des Problems
das Konsulat erinnert (S. 72). nicht gesehen wird« (S. 28).

Herzlich Ihr

Abenteuer Archäologie 2/2007  


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r r LESERBRIEFE

Beute Mensch (1/2007) Kaum in Geschichtsbüchern


Briefe an die Redaktion ...
Siegeszeichen und Abschreckung Mit großem Interesse habe ich den Beitrag ... sind willkommen! Tragen Sie Ihren
Bislang ging ich davon aus, dass die Rö­ von Theodor Kissel über den Umgang mit ­Leserbrief direkt in das Online-Formular
mer ausnahmslos alle Kriegsgefangenen ri­ Kriegsgefangenen in der Antike gelesen. beim jeweiligen Artikel ein (klicken Sie
goros versklavt oder auf dem Schlachtfeld Endlich einmal ein Thema, das man kaum unter­ www.abenteuer-archaeologie.de auf
niedergemacht hatten. Jetzt erfahre ich im in den Geschichtsbüchern findet, schon »Aktuelles Heft« beziehungsweise »Heft-
archiv« und dann auf den Artikel).
Beitrag von Theodor Kissel, dass es durch­ gar nicht so gut aufbereitet. Bitte mehr
Oder schreiben Sie mit Ihrer vollständigen
aus »humanere« Umgangsformen gab; in­ von solchen epochenübergreifenden Arti­
Adresse an:
teressant der Demütigungsakt der Joch­ keln, und dann darf es auch schon mal et­
Abenteuer Archäologie
strafe und die Tatsache, dass man seine was länger sein. Redaktion
Nächsten auch freikaufen konnte. Ulrike Hirschfeld, Remscheid Postfach 10 48 40
In diesem Artikel lese ich auch von 69038 Heidelberg
einem Tropaion, diesen Begriff kannte ich Herodot: Vom Licht ins Dunkel (5/2006) E-Mail: redaktion@abenteuer-archaeologie.de
nicht. Da wäre es allerdings für weniger Nietzsches Ansicht über die Hyperboreer
Vorgebildete wie mich sicherlich ange­ Ich würde Ihnen völlig zustimmen, wenn
bracht gewesen, dieses (im Text zwar be­ Sie Nietzsche ein provokantes, häufig miss­ weiter dafür, im Sinne Buddhas um Er­
schriebene) Siegeszeichen auch einmal im zuverstehendes Schreiben vorhalten wür­ kenntnis zu leiden, nichts anderes. Nur in
Bild zu zeigen. Ansonsten gefiel mir der den, mehr aber nicht. Letztendlich müsste diesem Sinne wendet er sich gegen die
Artikel ausgesprochen gut. der Untertitel zum Zarathustra »Ein Buch Schwachen, die nicht leiden wollen, die
Sibylle Plassmann, Frankfurt am Main für alle (nämlich: Eingeweihten) und kei­ aber in dieser Gesellschaft das Sagen ha­
nen (nämlich: Uneingeweihten)« über sei­ ben und diese vergiften.
nem Gesamtwerk stehen. Nietzsche ist ein So verstand auch Nietzsche das Volk
von seiner belastenden Lebensgeschichte der Hyperboreer allegorisch als ein Volk
Unterlegene Gegner unter dem befreiter, unabhängig denkender Mystiker aus dem Geburtenkreislauf heraus befrei­
Tropaion, einem Siegeszeichen. Erst war und besonders aus diesem Grunde kein ter, glücklicher Menschen. Keinesfalls be­
es nur ein Pfahl, auf den die erbeuteten Freund einer schamanisch geprägten Reli­ griff er sie als ein Volk von Übermenschen
Waffen gehängt wurden – dort errichtet, gion. Er steht für die Notwendigkeit der etwa im Sinne des Nationalsozialismus.
wo der Feind die Flucht ergriffen hatte. freien Hinwendung eines jeden zu Gott, Hiergegen hätte er sich mit aller Entschie­
denheit verwahrt.
Tatsächlich verwerflich, anders als
Nietzsche mit seinen sicher provokanten
Formulierungen, handelte dagegen ein an­
derer Mystiker, ein aus Notwehr Tötender,
zumal er sich selbst für unfehlbar hielt
und seinen Anhängern einen Verhaltens­
kodex übermittelte, der ihnen das Leiden
ersparen sollte. Dieser Mann gestand sich
mittels besonderer Offenbarung auch
mehr als vier Frauen zu und heiratete eine
Zehnjährige, die zu seiner Zeit sicher
nicht anders gebaut und strukturiert war
als eine heute Zehnjährige.
Claus-Peter Peters, Langenfeld

Brotlose Kunst (1/2007)


Steiniger Weg
Mit großem Interesse habe ich diesen Bei­
trag von Dirk Husemann gelesen. Ich
gebe ihm Recht und möchte Folgendes
hinzufügen:
Herr Husemann greift hauptsächlich
Beispiele aus dem Fach Ur- und Frühge­
schichte heraus. In anderen »Orchideen-

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Fächern«, wie der Klassichen Archäologie
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und Ägyptologie, sieht’s in Deutschland
nicht besser aus, sondern deutlich düsterer!
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rt Zwar wird davon ausgegangen, dass man

 Abenteuer Archäologie 2/2007


mit einer Dissertation weiterkommt, waltung, sondern auch an der Spitze, wie land, Helluland und Vinland unternahm,
wenn man in dem Berufsfeld der Archäo­ zum Beispiel als Direktorinnen in Mu­ und nicht im Süden Norwegens. Es wird
logie bleiben möchte. Keiner sagt aber, seen. Ohne Zweifel sind die Frauen bes­ anschaulich und richtig das Segeln entlang
wie man sich bis zur Fertigstellung der tens qualifiziert für Stellen als Instituts­ der Mittagsbreite beschrieben, aber womit
Dissertation finanziell über Wasser halten leiterinnen und Universitätsdozentinnen, bestimmte Leif den Winkel? Das Astrolab
kann, denn es werden immer weniger Sti­ solche Fälle sind aber bis heute meist Aus­ war zu dieser Zeit nur in der arabischen
pendien verliehen. Die Lage erweist sich nahmen. Welt bekannt, der Jakobsstab ließ erst im
als äußerst schwierig, besonders wenn Ähnlich ist die Lage in anderen Län­ 13. Jahrhundert viele Schiffsführer erblin­
man verheiratet ist und/oder Kinder hat. dern, zum Beispiel in Griechenland. Nur den und eine Augenklappe über dem ge­
Schwierig ist es, überhaupt als studen­ wenige Absolventen der griechischen Uni­ opferten Auge tragen. Leif verließ sich auf
tische Hilfskraft tätig zu werden oder an versitäten haben die Chance, in der Archä­ Glück, Abdrift und Abtrift, wobei beson­
Ausgrabungen und Praktika (zum Beispiel ologie aktiv zu werden; die Stellen sind ders Letztere in diesen Seegebieten auf
in Museen und Verlagen) teilzunehmen. ­befristet. Viele müssen aus finanziellen dem Rückweg relativ zuverlässig ist.
Denn die archäologischen Fachinstitute Gründen einen zweiten Beruf ausüben. Albert Hilkenbach, Dortmund
können nur wenige »Hiwi«-Stellen bezah­ Mein Fazit ist, dass man ein Netzwerk
len, daher gibt es für die meisten Praktika und Kontakte mit den entsprechenden
kein Geld. Jeder Student möchte an einer Personen benötigt. Archäologie ist in der
Ausgrabung im Ausland teilnehmen, die Tat eine Wissenschaft für alle, aber nur
Begeisterung nimmt jedoch meistens ab, wenige dürfen beruflich von ihr profitie­
wenn man erfährt, dass man alles aus eige­ ren – für alle anderen bleibt sie eine brot­
ner Tasche bezahlen muss. lose Kunst.
Was den Frauenanteil an den deut­  Panagiotis Galanis, M. A., Heidelberg
schen Universitäten angeht, bin ich eben­
so wie der Autor überrascht von dem »Pa­ Technikmuseum: Land in Sicht (1/2007)
radoxon«, dass, obwohl eine große Zahl Mehr Präzision in der Navigation
von Studentinnen die altertumswissen­ Der Autor schreibt hier, dass mit einem
schaftlichen Fächer überströmt, dennoch Sextanten die Position bis auf eine See­
nur wenige eine akademischen Karriere meile genau zu bestimmen ist. Dieses be­
schaffen. Während des Studiums ist die geistert Hobbysegler, aber mit handgehal­
Zahl der Frauen, die als »Hiwis« arbeiten tenen Sextanten sind bei normalen Wet­ Das »Abenteuer Archäologie« gibt es ab
und Praktika absolvieren, sehr groß. terverhältnissen auf See deutlich bessere sofort auch zum Hören.
Bemerkenswert ist, dass die meisten Ergebnisse zu erzielen. Bei der Ansteue­ Den Podcast arceoTon können Sie über das
Absolventinnen von archäologischen Fä­ rung eines konkreten Ziels ist eine See­ Programm iTunes abonnieren oder auf
chern beruflichen Zugang im Antiken­ meile (1852 m) Unsicherheit sehr viel. unserer Webseite als MP3-Datei herunter-
laden.
dienst, bei Verlagen, im Tourismus und in Leif Eriksson soll zirka 970 bis 1020
Museen finden, und zwar nicht nur in so auf Island und Grönland gelebt haben, www.abenteuer-archaeologie.de
genannten Mittelpositionen und der Ver­ von wo aus er seine Fahrten nach Mark­

Impressum
Chefredakteur: Dr. habil. Reinhard Breuer (v.i.S.d.P.) Prof. Dr. Joseph Maran, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Anzeigen/Druckunterlagen:
Redaktion: Hakan Baykal, Dr. Klaus-Dieter Linsmeier, Universität Heidelberg; Karin Schmidt, E-Mail: schmidt@spektrum.com
Dr. Joachim Schüring Prof. Dr. Hermann Parzinger, Deutsches Archäologisches Anzeigenpreise:
Institut, Berlin; Zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 4 vom Dezember 2006.
Schlussredaktion: Katharina Werle (Ltg.), Christina Peiberg Prof. Dr. Ernst Pernicka, Institut für Ur- und Frühgeschichte und
(stv. Ltg.), Sigrid Spies, Archäologie des Mittelalters, Universität Tübingen; Gesamtherstellung:
Prof. Dr. Hanns J. Prem, Institut für Altamerikanistik und L. N. Schaffrath Druck Medien GmbH & Co. KG, 47608 Geldern
Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg,
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Heidelberg; erhalt. Konto: Postbank Stuttgart, 22 706 708 (BLZ 600 100 70) www.abenteuer-archaeologie.de mit diesem Zeichen.
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r r IN KÜRZE
  Autor dieser Rubrik: Jan Dönges

Bronze ze i t

Fünftausend Jahre altes Kunstauge


Alle Fotos: Mansour Sajjadi

Q  Im Iran haben Forscher  Mikroskopische Spuren an ih­ wie Lichtstrahlen gewirkt und Das Kunstauge
ein bronzezeitliches Kunst­ rem Schädel lassen darauf der Frau so vielleicht einen aus einer bitumenartigen Masse
auge entdeckt. Sie vermuten, schließen, dass sie das aus besonders geheimnisvollen war einst mit Goldfäden
dass es einst einer Wahrsage­ einer bitumenartigen Masse Blick verliehen. Dabei dürfte überzogen und gehörte vor fast
rin oder Priesterin gehörte. gefertigte Auge mehrere Jahre die mutmaßliche Priesterin fünftausend Jahren vielleicht
Das Team um Lorenzo Costan­ lang getragen haben muss. allein schon mit ihrer beacht­ einer Priesterin.
tini vom römischen Istituto Sie hatte es zu Lebzeiten of­ lichen Körpergröße von über
Italiano per l’Africa e l’Oriente fenbar mit einem Faden an ih­ 1,80 Meter einen exotischen
fand das fast fünftausend Jah­ rem Kopf befestigt. Eindruck auf ihre Zeitgenos­ Chr. angelegt. Damals war
re alte, halbkugelförmige Ob­ Auf der Oberfläche fan-  sen gemacht haben. das an der afghanisch-irani­
jekt bei Ausgrabungen in der den sich zahlreiche feine Ril­ Ihr Grab auf dem Fried-  schen Grenze gelegene Shahr-
Stadt Shahr-i-Sokhta. len, die ursprünglich wahr­ hof der Stadt wurde nach An­ i-Sokhta – die »Verbrannte
Es fand sich noch im Grab scheinlich mit Goldfäden gaben der Archäologen in  Stadt« – eine wohlhabende
in der Augenhöhle der Toten. ausgelegt waren. Sie hatten der Zeit von 2900 bis 2800 v. Handelsmetropole.

Mitte lame r ik a

Weit reichender Einfluss der Olmeken


Q  Die Olmeken haben auch bäuerlichen Traditionen ab­ Nach olme-
weit von ihnen entfernt le­ wandten und die Olmeken kischem Vorbild
bende Völker kulturell beein­ zum Vorbild nahmen. Diese schuf der Künstler
flusst. Diese neue Erkenntnis gelten gemeinhin als Mutter­ diese rund vierzig
verdanken Archäologen der kultur des vor­kolumbischen Zentimeter große
Entdeckung der 2500 Jahre al­ Mexikos. Berühmt wurden Figur.
ten Stadt Zazacatla, die fast sie vor allem für ihre mitunter
400 Kilometer östlich des über drei Meter hohen und
olmekischen Kernlands lag. helmtragenden Statuen.
Zwei dort gefundene Statuen Die Wissenschaftler um Gi­
verraten – wie die gesamte selle Canto vom Instituto Na­
Architektur der Stadt – einen cional de Antropologia e His­
starken olmekischen Einfluss. toria in Mexiko-City gehen da­
Nach Ansicht der Wissen­ von aus, dass sich das Ge­biet
Maurico Marat / INAH

schaftler könnte eine Handels­ der mittelamerikanischen Kul­


route zwischen der West- und tur von der mexikanischen
der Ostküste Mittelamerikas Golfküste aus über mehrere
dazu geführt haben, dass re­ hundert Kilometer bis ins Hin­
gionale Eliten sich von ihren terland erstreckte.

 Abenteuer Archäologie 2/2007


Neo li t h ikum

Steinzeitliche Europäer vertrugen keine Milch


Q  Wollten die ersten Vieh­ Enzym Laktase nicht mehr diese Veränderung erst lange Team ausschließlich deakti­
züchter vor über siebentau­ produzieren. Wir können heu­ nach Beginn der Viehhaltung vierte Gene für die Laktase –
send Jahren nicht nur vom te ohne Probleme Milch trin­ einstellte. Bisher war man da­ obwohl damals die Viehwirt­
Fleisch, sondern auch von der ken; dies ist nur einer Gen­ von ausgegangen, die Fähig­ schaft längst etabliert war.
Milch ihrer Tiere profitieren, mutation zu verdanken, die keit zur fortdauernden Lakta­ Heutzutage findet sich die­
bekam ihnen das nicht gut. sich im größten Teil der Bevöl­ seproduktion sei so alt wie se Mutation bei etwa 85 Pro­
Denn im Gegensatz zu heu­ kerung verbreitete. die Viehzucht. zent aller Europäer. In Afrika
tigen Europäern konnten sie Jetzt entdeckte ein Team Doch in DNA-Resten von und Asien vertragen hingegen
nach der Entwöhnung von der um Joachim Burger von der Skeletten aus dem 6. Jahrtau­ die meisten Menschen auch
Muttermilch das dazu nötige Universität Mainz, dass sich send v. Chr. entdeckte das heute noch keine Milch.

STEINZEIT

Rätselhafte Siedlung bei Stonehenge entdeckt

Die Kreisanlage von


Stonehenge war wohl Teil einer
viel größeren Kultanlage.
Chris Steele Perkins / Magnum for National Geographic

Q  Schon in der Jungsteinzeit Jetzt legten sie die Über­ aus Holz sind mittlerweile al­ schlos­sen die Forscher aus
war das monumentale Stone­ reste der rund 4600 Jahre al­ lerdings verrottet. dem völligen Fehlen von
henge im Süden Englands of­ ten, gut drei Kilometer vom Das an einem Seitenarm Werkzeugen oder anderen All­
fenbar ein bedeutender Be­ Steinkreis entfernten Sied­ des Flusses Avon gelegene tagsgegenständen. Tonscher­
suchermagnet. Für bestimmte lung frei. Mit mehr als 25 Häu­ Hüttendorf gleicht in seiner ben und Tierknochen seien
Feste und Begräbnisfeierlich­ sern handele es sich um die Bauweise der ähnlich alten dagegen in großer Anzahl vor­
keiten scheinen sich zeitwei­ größte bislang entdeckte Siedlung Skara Brae auf den handen.
se mehrere hundert Men­ Steinzeitsiedlung Großbritan­ Orkney-Inseln vor Schottland, Auch sei es möglich, dass
schen in einem eigens dafür niens, sagte Mike Parker Pear­ die jedoch aus Steinen ge­ in den Hütten die Verstor­
angelegten Dorf eingefunden son von der University of baut wurde. benen auf ihr Begräbnis jen­
zu haben, berichten britische Sheffield. Die fünf mal fünf Dass das Dorf haupt-  seits des Flusses vorbereitet
Archäologen. Meter großen Behausungen sächlich Festlichkeiten diente, wurden.

Abenteuer Archäologie 2/2007  


IN KÜRZE

P RIMATEN

Steinzeitliche Werkzeuge von Affen


Schimpansen und Stärkereste von Coulanüssen,
andere Affen sind im Gebrauch welche die Affen mit den Stei­
nen aufschlugen.

Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie


von Werk­zeugen geübt.
Wegen ihrer Größe, so die
Forscher, konnten die Steine
schlie­ßen, dass die Affen die nicht von Menschen benutzt
Steine vor mindestens 4500 werden. Zudem widerlegten
Jahren gezielt zu bestimmten ihre Funde auch die Ansicht,
Plätzen brachten, um sie dort die Tiere hätten den Werk­
je nach Form und Größe als zeuggebrauch einst von den
Hammer und Amboss einzu­ Menschen gelernt. Denn die
setzen. lebten in der Region damals
Q  Auf Artefakte ganz beson­ Sicherheit nicht von Men­ Wie die Werkzeuge genau noch gar nicht.
derer Art stießen Forscher schen gebraucht, sondern verwendet wurden, verrie-  In manchen Gegenden 
kürzlich an der Elfenbeinküs­ von Schimpansen. ten charakteristische Abnut­ Afrikas haben Schimpansen
te: Denn die rund sechzig Wie die Wissenschaftler zungsspuren, die sich von na­ beim Einsatz von Steinen
steinzeitlichen Werkzeuge, um Julio Mercader von der türlichen Beschädigungen ein­ oder Ästen regionale Traditi­
die sie aus den Sedimenten ­kanadischen University of deutig unterscheiden ließen. onen entwickelt – und geben
eines Flusses bei Noulo bar­ ­Calgary berichten, lassen Ra­ Entscheidende Hinweise lie­ sie von Generation zu Gene­
gen, wurden mit ziemlicher diokarbondatierungen darauf ferten auch prähistorische ration weiter.

P ERU

2300 Jahre altes Sonnenobservatorium


Q  Ein Sonnenobservatorium des bäuerlichen Kalenders ren, meint Ghezzi. In der Ver­ außerdem die Überreste aus­
in Chankillo an der perua­ bestimmen. gangenheit waren bereits Hin­ gedehnter Festmähler.
nischen Pazifikküste beweist, Etwas abseits steht eine weise auf eine rituelle Nut­ Das Observatorium wurde
dass man dort schon vor dreifach ummauerte Befesti­ zung aufgetaucht. in einer Zeit kultureller Um­
2300 Jahren astronomische gungsanlage, über deren In einer anderthalb Qua­ wälzungen gebaut, die an vie­
Beobachtungen anstellte. Auf Funktion sich Forscher lange dratkilometer großen, mehre­ len Orten Perus – auch in
einem lang gestreckten Hü­ uneins waren. Nun lasse sie re Gebäude umfassenden An­ Chankillo – durch den Einsatz
gelkamm markiert eine Kette sich als Tempel interpretie­ lage entdeckten die Forscher reger Bautätigkeit belegt ist.
aus 13 kastenförmigen und
zwei bis sechs Meter hohen
Türmen unter anderem die
Stellen des Sonnenaufgangs
an den Tagen der Sommer-
und Wintersonnenwende.
Ivan Ghezzi von der Ponti­
fica Universidad Católica del
Perú in Lima und seine Mitar­
beiter haben zudem die Rui­
nen von zwei Beobachtungs­
warten gefunden.
Mit Hilfe der Anlage ließen
sich offenbar wichtige Daten

Mit Hilfe der Türme


konnten die Menschen in
Ivan Ghezzi

Peru einst Sommer- und Winter-


sonnenwende bestimmen.

10 Abenteuer Archäologie 2/2007


SaChSe n-a n h a lt

erster Siedlungshügel in Deutschland gefunden


Q  Im Vorderen Orient sind sie  Meter,  erklärt  der  Archäologe 

MArkus scHolz / lAndesAMt F. denkMAlPFlege u. ArcHäologie sAcHsen-AnHAlt


keine  Seltenheit,  in  Deutsch­ Robert  Ganslmeier  vom  Lan­
land  ist  ihre  Entdeckung  eine  desamt  für  Denkmalpflege 
kleine  Sensation:  so  genann­ und Archäologie Sachsen­An­
te  Siedlungshügel  oder  Tells.  halt in Halle.
Sie entstehen, wenn jahrhun­ Steinzeitmenschen  hätten 
dertelang eine Generation auf  hier  erstmals  im  fünften  vor­
den  Schuttresten  der  vorhe­ christlichen  Jahrtausend  ge­
rigen baut. Jetzt vermelden Ar­ siedelt  und  den  Ort  ungefähr 
chäologen  den  bisher  ersten  2500  Jahre  später  aus  unge­
Fund  eines  solchen  Hügels  in  klärten Gründen verlassen. Im 
Deutschland. 1.  Jahrtausend  v.  Chr.,  wäh­
Während  manche  Tells  im  rend  der  ausgehenden  Bron­
Nahen  Osten  bisweilen  über  zezeit,  kamen  dann  für  rund 
zwanzig  Meter  in  die  Höhe  dreihundert Jahre erneut Men­ stümmelte  Skelette  und  die  Der »tell« von Oberröblingen
wuchsen,  bringe  es  das  rund  schen hierher. Überreste zweier geköpfter Ju­ misst zwar nur zwei Meter, doch
siebentausend Jahre alte Pen­ Zahlreiche  Funde  erlauben  gendlicher  nach  Ansicht  der  ist er der erste in Deutschland ent-
dant aus dem sachsen­anhal­ einen  Einblick  in  das  kul­ Wissenschaftler darauf schlie­ deckte Siedlungshügel.
tinischen Oberröblingen aller­ turelle  und  religiöse  Leben   ßen,  dass  hier  Menschenop­
dings  nur  auf  knapp  zwei   jener  Zeit.  So  lassen  ver­ fer dargebracht wurden.

neu e W e lt

Das Silber des Christoph Kolumbus


Q  Als  Christoph  Kolumbus  Suche  nach  neuen  Vorkom­ bau  und  die  Verhüttung  von  puppte  sich  als  ergreifendes 
1494 in der Dominikanischen  men erleichtern. Edelmetallen  durch  Europäer  Zeugnis  für  die  Ernüchterung 
Republik die Siedlung La Isa­ »Was zunächst nach einem  in  der  Neuen  Welt  aussah«,  und  Hoffnungslosigkeit  der 
bela  gründete,  wollte  er  von  Beweis für den frühesten  Ab­ berichten  die  Forscher,  »ent­ Siedler.«
diesem  Stützpunkt  aus  wert­
volle  Metalllagerstätten  aus­
beuten.  Doch  schon  nach 
zwei Jahren gab er die Suche 
auf.  umso  überraschter  wa­
ren die Archäologen Ende der 
1980er  Jahre,  als  sie  dort 
doch  noch  auf  Spuren  einer 
Silberverhüttung stießen.
Jetzt  untersuchten  Forscher 
um Alyson Thibodeau von der 
university  of  Arizona  die  Iso­
topenzusammensetzung  die­
ser  Proben  und  fanden  he­
raus: Das edle Metall stamm­
te  noch  aus  der  spanischen 
Heimat.  Offenbar  hatten  die 
Spanier  versucht,  die  gerin­
gen  Silberanteile  aus  mitge­
brachten  Bleierzbrocken  he­
rauszuschmelzen.  Diese  hat­
ten sie eigentlich nur als Ver­
gleichsstücke aus der Heimat 
mitgebracht.  Sie  sollten  die 

ABENTEuER ARCHäOLOGIE 2/2007  11
r 

r r K O M M E N T A RR

Wo wohnte Odysseus?
Ein von der Antike begeisterter Mäzen und zwei renommierte Forscher verorten Odysseus’
Palast nicht wie üblich auf der heutigen Insel Ithaka. »Abenteuer Archäologie« bat
den Homer-Forscher und Emeritus der Universität Basel Joachim Latacz um seine Meinung.
Müssen die Reiseführer Griechenlands umgeschrieben werden?

Q  Die Geschichte mutet bekannt an: Reicher Geschäfts­ In den beiden Epen wird Ithákê 85-mal als Heimat des Odys­
mann, seit jeher an der Antike interessiert, findet, was Genera­ seus beim Namen genannt. In der »Odyssee« gibt es darüber
tionen von Fachgelehrten vergeblich gesucht haben – den wich­ hinaus eine exakt kaum festlegbare Zahl von Stellen, an denen
tigsten Handlungsschauplatz eines der beiden Epen Homers. von Ithaka die Rede ist, ohne dass der Name fällt – weil der
So geschehen 1870, als der deutsche Großkaufmann Heinrich Ort ohnehin der Schauplatz des Geschehens ist. Die relativ we­
Schliemann Troia fand, wo die »Ilias« spielt. Und nun scheinbar nigen geografisch wirklich aussagekräftigen unter diesen Text­
ganz ähnlich wiederholt: Der britische Geschäftsmann Robert stellen sind seit der Antike immer wieder zusammengestellt
Bittlestone, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Consulting- und hin- und hergewendet worden. Das Ergebnis lautete bis­
und Software-Firma Metapraxis, glaubte im Jahr 2003 bei einem her: Einige Angaben passen sehr gut auf das heutige Ithaka,
Urlaub im westgriechischen Inselgebiet Homers Ithaka wieder­ andere nicht.
gefunden zu haben, den Hauptschauplatz der »Odyssee«. Der Ein in sich stimmiges und darüber hinaus mit der heutigen
Unterschied besteht nur darin, dass Schliemanns Entdeckung geografischen Realität voll übereinstimmendes Bild ging also
wissenschaftlich längst gesichert ist, Bittlestones These aber – daraus nicht hervor. Bittlestone geht nun weiter. Er stellt mehr
vorerst – nicht. Daran konnte auch sein fast 600 Seiten starkes Textstellen zusammen als irgendjemand vor ihm, insgesamt
Buch »Odysseus Unbound. The Search for Homer’s Ithaca« von rund 200. Diese Stellen checkt er mit Hilfe des Cambridger
2005 nichts ändern. Ebensowenig die mit großem finanziellem Gräzisten James Diggle, bislang hauptsächlich als Euripides-
Aufwand durchgeführten geologischen Untersuchungen auf der Experte bekannt, nach Art einer Mordkommissionsermittlung
westgriechischen Insel Kephallinia. Dort nämlich glaubt Bittles­ ab und versucht daraus einen virtuellen Lageplan zu entwer­
tone – nach eigenem Bekunden »Amateurdetektiv mit obses­ fen, mit Fragen wie: Wie weit ist der Insel-Hafen von Odysseus’
sivem forensischem Eifer« – den Schlüssel zur Lösung des alten Palast entfernt? Wie lange würde ein Fußgänger damals für
Problems gefunden zu haben. Warum gerade dort? eine bestimmte Strecke gebraucht haben? Wo müsste die

12 Abenteuer Archäologie 2/2007


Anogi
Ithaka

Palikí

Kephallinia

Enos

Von ithaka brach könig odysseus auf in den Krieg

Nasa / World Wind


gegen Troia, nach zwanzig Jahren Irrfahrt kehrte er wieder heim.
Doch welche der westgriechischen Inseln meinte Homer wirklich?

Schweinefarm des Eumaios gelegen haben? Kann man von ton in der Odyssee) ist nur etwa 800 Meter hoch, die höchste
einem bestimmten Punkt A aus ein Schiff im Hafen sehen? Erhebung Kephallinias dagegen, der Enos – höchster Berg der
Dasselbe haben zwar zahlreiche moderne Fährtensucher be­ ganzen Inselgruppe –, ragt 1628 Meter auf und ist 150 Kilome­
reits lange vor Bittlestone versucht, jedoch nicht mit dieser ter weit sichtbar. Für die Schifffahrt – und die Odyssee ist weit­
Akribie (die Frage, ob eine solche kriminalistische Methode ei­ hin ein Seefahrer-Epos – ist sicher dieser Gipfel eine unüber­
ner Dichtung überhaupt angemessen ist, mag vorerst offen­ trefflich gute Orientierungsmarke. Demnach müsste also
bleiben). Doch was ergibt sich daraus? »Die moderne Insel Kephal­linia das Ithaka Homers gewesen sein! Vor dem Hinter­
Ithaka passt mit Homers Beschreibungen überhaupt nicht gut grund solcher Widersprüche schwankte denn auch die neuzeit­
zusammen.« Das ist nun freilich nichts Neues. liche Wissenschaft vornehmlich zwischen den beiden heutigen
Schaut man auf das westgriechische Inselgebiet mit den Inseln Ithaka und Kephallinia hin und her, um sich am Ende er­
größeren Inseln Kephallinia, Ithaka (siehe Foto) und Zakynthos, schöpft weit gehend auf das heutige Ithaka zu einigen. Aller­
dann passen zwar die meisten Angaben Homers – felsig, rau, dings mit Zweifeln, dem Verdacht auf Kenntnismängel Homers
zerklüftet, arm, von Ziegen beweidet, nicht breit, nicht für oder dichterische Freiheit und im Grunde unzufrieden.
Pferde und Pferdewagen geeignet – durchaus auf das heutige
Ithaka. Doch Angaben wie zuäußerst nach Westen im Meer lie- Genau an diesem Punkt setzt Bittlestone nun an. Wenn
gende (Insel), die anderen (Inseln) aber (liegen) davon entfernt keine der heutigen Inseln den homerischen Angaben voll ent­
zum Osten hin passen tatsächlich nicht, ebenso wenig wie die spricht, könnte dann nicht zu jener Zeit, in der die Odyssee
Zuschreibung ebenerdig, niedrig, flach. Auch weithin sichtbar spielt, also vor rund 3200 Jahren, die Region noch anders aus­
käme für das heutige Ithaka jemandem, der vom Meer aus auf gesehen haben? Mit einer Insel etwa, die heute nicht mehr als
die Inseln Ithaka und Kephallinia blickt, schwerlich in den Insel existiert? So kam er 2003 auf die Idee, der westlichste
Sinn. Denn Ithakas höchster Berg Anogi im Insel-Nordteil (Nêri- Ausläufer Kephallinias, die Halbinsel Palikí, heute durch eine r

Abenteuer Archäologie 2/2007  13


KOM M E NTA R

rund fünf Kilometer breite Landbrücke (Isthmos) mit dem In­ Heimat bestens vertraut, erwähnen Palikí beziehungsweise die
selkern verbunden, könnte damals von Kephallinia noch durch Siedlung Pálê, die der heutigen Halbinsel den Namen gab
einen Kanal getrennt und also eine eigenständige Insel gewe­ (und als Ruinenplatz noch heute existiert), jeder zweimal. Dass
sen sein. Palikí ist in der Tat zuäußerst nach Westen im Meer Palikí eine Insel wäre, ist ihnen dabei unbekannt. So schreibt
liegend und niedrig, flach, und wenn es den Isthmos damals Thukydides in seinem »Peloponnesischen Krieg« zum Kriegs­
noch nicht gab, dann lagen tatsächlich die anderen Inseln da­ jahr 431 v. Chr.: »Und gegen die Insel Kephallenia segelten sie
von entfernt zum Osten hin. (die Athener) und gewannen sie kampflos für sich. Es liegt
aber Kephallenia gegenüber von Akarnanien und Leukás und
Eine Textstelle beim griechischen Geografen Strabon (1. hat vier Städte: Pálê, Kráne, Sámê und Pronnói.« Von einer In­
Jahrhundert v. Chr.) scheint diese Idee zu stützen: Der Isthmos sel Palikí also keine Spur. Die Zeitspanne für die Verfüllung
habe häufig unter Wasser gestanden. Bittlestone engagiert des postulierten Trennkanals und somit Beendigung des pos­
den Geologen und Geophysiker John Underhill von der Univer­ tulierten Inselstatus von Palikí betrüge demnach maximal etwa
sität Edinburgh, der ein Bohrungsprojekt auf der Landbrücke 800 Jahre (1250 – 450 v. Chr.). Ob die Landbrücke von etwa
beginnt. Dessen Ergebnisse, die bisher jedenfalls nicht gegen fünf Kilometer Breite in dieser Zeitspanne entstanden sein
diese Kanal-Theorie sprechen, werden seither in Kurzform auf kann, ist eine Frage an die Geologen. Katastrophale Ereignisse
der Internetseite von Metapraxis und ausführlich auf der damit wie schwerste Erdbeben und Tsunamis können tatsächlich sol­
verlinkten Projektseite von »Odysseus Unbound« veröffent­ che Folgen haben.
licht – und sollen ganz nebenbei für die Kompetenz der Firma Aber gesetzt, dieser Prozess wäre möglich, so wäre mit dem
werben, vertrackte Probleme zu lösen. Nachweis eines einstigen Inselstatus Palikís noch nicht viel ge­
Der Isthmos, heute bis zu 180 Meter über dem Meeresspie­ wonnen. Weithin sichtbar – in der Odyssee sechsmal von Itha­
gel liegend, soll vor allem durch Erdbeben und nachfolgende ka gesagt, also charakterisierend – wäre sie auf Grund ihrer
gewaltige Steinfälle in einen zwischen Kephallinia und Palikí Flachheit keinesfalls gewesen (Diggle übersetzt das betreffen­
de griechische Adjektiv eudeíelos fälschlich mit always fully vi-
sible im Sinne von nicht wolkenverhangen). Für Pferdewagen
geeignet – einmal heißt es sogar: »keine von den dortigen In­
Hat Bittlestone das Pferd etwa am Schwanze seln ist für Pferde und Pferdewagen geeignet, Ithaka aber von
aufgezäumt? Eine heikle Frage, allen am wenigsten« – wäre sie aus dem gleichen Grunde
ebenfalls nicht gewesen. Und schließlich: Wieso sollte gerade
auch im Hinblick auf die Firmenwerbung
diese am weitesten vom Festland entfernte, flache und kaum
Rückzugsmöglichkeiten bietende Insel der Herrschaftssitz des
Königs der ganzen Inselgruppe gewesen sein? Dann käme, wie
verlaufenden Kanal hinein entstanden sein; dieser habe sich in der Forschung oft genug vorgeschlagen, schon eher Kephal­
gebildet, als der Meeresspiegel nach der letzten Eiszeit anstieg linia als Ganzes in Frage.
und die damit verbundenen Strömungen das Land erodierten.
Geologische Indizien sollen die These stützen: Eine Bohrung Am wichtigsten jedoch: Palikí ist nach Aussage des derzei­
auf dem Isthmos bestätigt lockeres Material in den oberen tigen Direktors des Deutschen Archäologischen Instituts
Schichten, darunter auch marine Mikrofossilien; eine Schwere­ Athen, Wolf-Dietrich Niemeier, archäologisch bisher noch
feldmessung entlang der Landbrücke lässt ebenfalls darauf kaum erforscht; Bittlestone ist sich dessen auch durchaus be­
schließen, dass sie möglicherweise nicht die gleiche Dichte wusst. Während auf Ithaka und Kephallinia selbst reichlich my­
aufweist wie Palikí und Kephallinia. kenische, also mit der Handlungszeit der Odyssee etwa gleich­
Inwieweit diese wenigen Befunde schon aus geologischer zeitige Überreste gefunden worden sind – und auf Ithaka nach
Sicht aussagekräftig sind, bleibt fraglich. Palikí wäre danach Mitteilung des Athener Gräzisten Dimitris N. Maronitis in letz­
jedenfalls zur Entstehungszeit der Odysseus-Geschichte – ter Zeit vermehrt gefunden werden –, ist von Palikí bislang so
etwa zweite Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. – eine Insel ge­ gut wie nichts Derartiges bekannt. Hat Bittlestone das Pferd
wesen. Homer um 700 v. Chr. hätte in seiner Version der münd­ etwa am Schwanze aufgezäumt? Wäre es nicht logischer gewe­
lich überlieferten Odysseus-Geschichte diesen Zustand über­ sen, das Geld zuerst in geomagnetische Prospektionen und
nommen. Von dieser Theorie ausgehend nutzt Bittlestone Probegrabungen auf Palikí zu investieren, statt dies als »Phase
dann seine oben erwähnte immense Stellensammlung dazu, B« (Surveys) und »Phase C« (Ausgrabungen) im Schlusskapitel
auf dem Nordteil von Palikí eine topografische Szenerie zu ent­ »Vision« auf die Agenda des Projekts zu setzen? Eine heikle
werfen, die den homerischen Angaben endlich voll entspräche. Frage, auch im Hinblick auf die Firmen-Werbung. So kann man
Diese Rekonstruktion mag dahingestellt bleiben. nur hoffen, dass Bittlestone Erfolg hat. Gönnen würde es ihm
So weit, so gut. Angenommen, Palikí war tatsächlich um die Altertumswissenschaft gewiss.
1250 eine Insel: Wann war es dann, so wie heute, keine mehr?
Haben wir einen antiken Beleg für diesen Zeitpunkt? Wir ha­
ben sogar mehrere: Die beiden bedeutendsten griechischen Joachim Latacz ist emeritierter Ordinarius für Griechische Sprache und Literatur
Geschichtsschreiber Herodot und Thukydides, beide im 5. Jahr­ an der Universität Basel.
hundert v. Chr. in Athen lebend und mit der Geografie ihrer

14 Abenteuer Archäologie 2/2007


16 Abenteuer Archäologie 2/2007
Rätsel
Schnippen-
burg
Das Kulturgeschichtliche Museum in
Osnabrück zeigt erstmals die spektaku-
lären Funde aus der Keltenzeit.

Wenn man das Wort »Burg«


hört, denkt man unwillkürlich an
das Mittelalter. Tatsächlich gab es solche
befestigten Anlagen schon viel früher – so
wie die Schnippenburg in Ostercappeln.
Diese eisenzeitliche Befestigung lag einst
an einer wichtigen Handelsroute, die den
Kulturraum der Kelten im Süden mit
Nordwestdeutschland verband.
Und so fanden sich auch im Umfeld
der Schnippenburg unzählige Objekte, die
von der Blütezeit der keltischen Kultur
zeugen. Die meisten davon sind aus Eisen,
aber auch Schmuck und Keramikgefäße
entdeckten die Archäologen. Offenbar
wurden die meisten der stark keltisch be-
einflussten Fundstücke hier vor Ort herge-
stellt – wobei noch unklar ist, was das für
Menschen waren, die hier lebten, und wie
lange die Schnippenburg besiedelt war.
Vom Reichtum zeugen die prächtigen
Armreife, Ringe, Ohrringe, Glas- und
Bernsteinperlen – sowie zahlreiche Ob-
jekte aus Eisen, das zum größten Teil aus
der Ferne bezogen wurde. Viele der Funde
stammen aus rituellen Niederlegungen
und Opfergruben, weshalb die Forscher
mittlerweile davon ausgehen, dass die
Burg nicht nur zentraler Handelsplatz,
sondern vor allem ein Kultplatz war. l

Der bronzene Hohlwulst-


ring lag zuoberst in einer Opfergrube.
Als er im 3. Jahrhundert v. Chr. auf der
Schnippenburg vergraben wurde, war er
bereits zweihundert Jahre alt.

Abenteuer Archäologie 2/2007  17


Frosch, Moskito oder
Blüte? Was diese Gewandfibel genau
darstellt, müssen die Forscher unserer
Fantasie überlassen. Entdeckt wurde das
Schmuckstück in einer Opfergrube.

Zahlreiche Stücke bargen die


Archäologen in kleinen, von Hand
ausgehobenen Gruben. Vermutlich haben
Frauen ihren persönlichen Schmuck
vergraben. Der Armreif wurde in die Fibel
eingehängt. Die blau-weißen Spiral-
augenperlen aus Glas kamen vermutlich
aus dem Süden auf die Schnippenburg.

18 Abenteuer Archäologie 2/2007


Abenteuer Archäologie 2/2007  19
20 Abenteuer Archäologie 2/2007
Solche hütchenförmigen
Tutulusfibeln sind sehr selten und
gibt es bisher nur auf der Schnippenburg
und in ihrer näheren Umgebung. Der
Name leitet sich aus dem lateinischen
Wort tutulus ab, das eine kegelförmige
Kopfbedeckung bezeichnete.

Abenteuer Archäologie 2/2007  21


Von diesen Ohrringen wurden
auf der Schnippenburg gleich zwölf Stück
entdeckt. Der hier gezeigte fand sich
zusammen mit anderen Schmuckstücken,
die merkwürdigerweise bei ihrer
Niederlegung schon beschädigt waren.
Seine Form ist übrigens nicht keltisch,
sondern typisch nordwestdeutsch.

Das eiserne Mundstück


einer Prunktrense war einst mit
bronzenen Applikationen verziert. Solche
Stücke erfreuten sich bei den
Eisenzeitlern großer Beliebtheit.

22 Abenteuer Archäologie 2/2007


Abenteuer Archäologie 2/2007  23
24 Abenteuer Archäologie 2/2007
bronzene Armreife waren ­
wichtige Bestandteile der Frauentracht
im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr.
Die Exemplare von der Schnippenburg
sind aus massivem Metall, geschlossen
und mit knotenförmigen Verzierungen
versehen.

Rätsel
Schnippen-
burg
Sagenhafte
Funde
aus der
Keltenzeit
Vom 6. Mai 2007
bis 5. August 2007

Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück


Lotter Straße 2
49078 Osnabrück
Tel.: 0541 323-3476
Internet: www.schnippenburg.de

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag, 11.00 bis 18.00 Uhr;
Samstag und Sonntag, 10.00 bis 18.00 Uhr

Ausstellungskatalog:
Rätsel Schnippenburg – Sagenhafte Funde
aus der Keltenzeit. Von Sebastian Möllers
und Bodo Zehm (Hg.).
Verlag Rudolf Habelt, Bonn 2007

Fotos:
Axel Hartmann, Köln
www.ah-fotografie.de

Abenteuer Archäologie 2/2007  25


r 

r r T E C H N I K M U S E U M : L AT R I N E

Geschäftemacherei
Bei den Römern ging selbst der Kaiser dorthin nicht allein. Die Latrine war bisweilen ein
luxuriöser Ort des Plauderns und Verhandelns.

Von Joachim Schüring stattet. Wie Richard Neudecker vom einem zum Himmel stinkenden Sud aus
Deutschen Archäologischen Institut be­ abgestandenem Urin, Essig und sonstigen
Kein Mensch weiß, ob es wirk- richtet, waren mitunter auch nützliche Ingredienzien. Das gelbe Nass war so be­
lich stimmt; glaubwürdig ist es al­ Ratschläge weiser Männer an die Wände gehrt, dass überall öffentliche Pisspötte
lemal. Die Frage ist sprachhistorischer Na­ gemalt. In der Latrine von Ostia etwa aufgestellt waren und Kaiser Vespasian
tur und zielt auf die Herkunft des Ge­ empfahl der kluge Solon aus Athen, man (9 – 79 n. Chr.) sogar eine neue Einnah­
schäfts – und zwar des großen und des solle sich den Bauch massieren, um den mequelle witterte. Schließlich erhob er
kleinen. Die Antwort darauf, so ist man­ Stuhlgang zu erleichtern. Thales von Milet eine Pissoirsteuer, die er angeblich mit den
cherorts zu lesen, finde sich bei den Rö­ hingegen riet, bei hartem Stuhl fest zu drü­ Worten »Pecunia non olet« rechtfertigte:
mern. Dort nämlich sei die Toilette kein cken, während Chilon von Sparta darum Geld stinkt nicht.
stilles Örtchen gewesen, sondern vielmehr bat, leise zu furzen. Während die Unterschicht mit dem
ein öffentlicher Raum, wo man sich in ge­ Doch wer in solch feiner Anstalt austrat, Nachttopf vorliebnehmen musste, sich der
selliger Runde erleichterte und eben auch musste über das nötige Kleingeld verfügen. Mittelstand im öffentlichen Klo traf, ge­
das eine oder andere lukrative Geschäft Für die meisten der in Rom lebenden nossen die oberen Zehntausend das Privi­
abschloss. Menschen – im 4. Jahrhundert hatte die leg, über eigens dafür zuständige Sklaven
Wer eine dieser latrinae besuchte, woll­ Metropole über eine Million Einwohner – zu verfügen. Diese brachten, wenn es
te nicht für sich sein, sondern unter seines­ waren die wenigen hundert öffentlichen drückte, auch mitten im schönsten Gelage
gleichen. Scham gab es nicht – »Naturalia Latrinen unerschwinglich. Weil auch die das Nachtgeschirr und griffen abschlie­
non sunt turpia«, notierte Vergil (70 – 19 meisten Mietshäuser ohne Wasseranschluss ßend zum wassergetränkten Schwamm.
v. Chr.): Was natürlich ist, kann nicht waren, blieb dem gewöhnlichen Volk somit
schändlich sein. Und so boten die rö­ nur der Nachttopf. Der musste an zentra­ Mit der bloßen Hand
mischen Bedürfnisanstalten denn auch len Sammelstellen entleert werden, von wo So viel Vergnügen bei der Verrichtung der
Platz für mehrere Dutzend Kunden, die Sklaven die festen Bestandteile als Dünger Notdurft hatten wohl nur die Römer. In
sich auf steinernen und mit Schlitzen ver­ zu den Bauern im Umland brachten. Man­ Griechenland etwa machte man seit jeher
sehenen Bänken niederließen. Dabei saß cher entsorgte seinen Unrat aber aus Be­ lieber in den eigenen vier Wänden als in
man so eng beieinander, dass sich zwei quemlichkeit auch schlicht durchs geöffne­ Gesellschaft. Immerhin schätzten die alten
Nachbarn ohne Weiteres leise flüsternd te Fenster – weshalb der Satirendichter Ju­ Ägypter – denen es ja im Jenseits an nichts
unterhalten konnten. venal (um 65 –  etwa 130 n. Chr.) seinen mangeln sollte – den Nachttopf auch als
Zumindest die wohlhabenden Römer Mitbürgern empfahl, vor dem nächtlichen Grabbeigabe. Ziemlich schick schiss es
genossen ein sanitäres Niveau, wie es bis Spaziergang das Testament zu machen. sich auch auf Kreta – und zwar schon seit
dahin, aber auch lange, lange danach unbe­ Kein Abfall, sondern wertvoller Stoff Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Aber die
kannt war. Die meisten öffentlichen Toilet­ war der Urin. So empfahl Plinius der Äl­ ältesten Toiletten überhaupt fanden sich
ten verfügten über fließendes Wasser, das tere (23 – 79 n. Chr.) ihn fürs Zähneput­ natürlich – ex oriente lux – in Vorderasien
die Hinterlassenschaften über ein ausge­ zen. Während sich der Kampf gegen Ka­ und Indien. Wie Daniel Furrer in seinem
feiltes Abwassersystem, deren Hauptkanal ries allerdings leicht mit der Eigenpro­ Buch »Wasserthron und Donnerbalken«
die Cloaca maxima war, schließlich in den duktion bestreiten ließ, benötigten die schreibt, gab es im Industal schon in der
Tiber spülte. Waschsalons jener Zeit das abgeschlagene Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. »die ers­
Die antiken Prachtlatrinen glichen Wasser gleich bottichweise. Weil die Seife ten Sitztoiletten im westlichen Stil«.
Wellnesstempeln, waren aus feinstem Mar­ noch nicht erfunden war, wuschen die Nun ist ein sauberes Klosett das eine,
mor gebaut und in ihrem Inneren nicht Tuchwalker – die fullones – die Baumwoll­ ein sauberer Popo hingegen etwas anderes,
selten mit farbenfrohen Mosaiken ausge­ tuniken ihrer Kundschaft nämlich in weshalb hier auch ein kurzer Blick auf die

26 Abenteuer Archäologie 2/2007


Auf der Latrine kannten die Römer

Abenteuer Archäologie / Hakan Baykal


keine Scham. So wie hier in Ephesus traf
sich dort der gebildete Mittelstand,
hockte eng beieinander und machte seine
Geschäfte.

Geschichte des noch ziemlich jungen Toi­


lettenpapiers geboten scheint. Ob der be­
reits erwähnte Schwamm der Römer oder
die eingeweichten Maiskolben südameri­
kanischer Kulturen – bis zum dreilagigen
und reißfesten Soft-Tissue war es ein lan­
ger Weg. Die nomadischen Völker im Ori­
ent etwa behalfen sich mit dem, wovon sie
am meisten hatten: Sand. Die Griechen
griffen zu Steinen und Schabern aus ge­
branntem Ton. In Germanien benutzte
man Stroh oder Laub – oder die bloße
Hand.
Weil die Chinesen schon vor zweitau­
send Jahren das Papier erfanden, hätte bei
ihnen der Gebrauch desselben auf dem
Abtritt eigentlich auf der Hand gelegen,
doch nutzte man es lediglich für kluge
Schriften (Abenteuer Archäologie 3/2004,
S. 68). Erst im Jahr 1393 – davon zeugt
der bislang älteste Beleg – wischte sich zu­
mindest der Kaiser mit parfümierten Blät­
tern aus Papier den prominenten Hintern.
Sie waren so groß wie eine aufgeschlagene
Bildzeitung.
Apropos Zeitung: In Europa war eigens
für das stille Örtchen produziertes Papier
bis weit ins 19. Jahrhundert unbekannt.
Verwendet wurden Illustrierte, Prospekte
und Gazetten. Erst als immer mehr Maga­
zine im schweren Kunstdruckpapier er­
schienen, welches für den Zweck ganz und
gar ungeeignet war, trat Joseph Gayetty
auf den Plan – und machte das Geschäft
seines Lebens. Der New Yorker erfand
1857 »Gayetty’s Medicated Paper« und
versprach, es würde auch Wundsein lin­
dern und gegen Hämorriden helfen. Man
glaubte ihm, und wenig später trat das
Klopapier seinen Siegeszug um die Welt
an. Das war das Ende der Zeitung. l

Abenteuer Archäologie 2/2007  27


NUBIE N I

Strom gewinnen,
Geschichte verlieren Von Klaus-Dieter Linsmeier

Ein gigantischer Damm soll den Nil im Sudan aufstauen. Er wird eine Region
versinken lassen, die zu Unrecht wie ein Hinterhof der Geschichte wirkt. Und
er dürfte dem Volk der Manasir die Kultur rauben.
Alle Fotos dieses Artikels: H.U.N.E.

28 Abenteuer Archäologie 2/2007


Man kann es der Regierung des 5,5 Terawattstunden (Milliarden Kilowatt­ größeren Inseln bewohnen etwa 50 000
Sudan kaum verübeln, dass sie stunden) liefern – eine Verdopplung der Menschen, meist vom Stamm der Mana­
den wenigen Ballungszentren mehr Elek­ gesamten heutigen Stromerzeugung des sir. Sie züchten dort Ziegen und Schafe,
trizität zukommen lassen will. Strom be­ Sudan. Hinzu käme die Möglichkeit, bauen auf kleinen Parzellen Feldfrüchte an
deutet nicht nur Komfort, sondern auch durch Kanäle fruchtbares Land gezielt zu und pflegen ihre Dattelpalmenhaine.
industrielle Entwicklung. Um die Strom­ bewässern. Auch wenn der Nassersee in Für die Umsiedler werde aufs Beste ge­
erzeugung aber ist es im Land schlecht Ägypten mehr als zehnmal so viel Wasser sorgt: Entschädigungen, neue Dörfer am
bestellt, wie Vergleichszahlen aus dem fasst – ein solches Mammutprojekt wurde Nil, fließend Wasser, Strom, Schulen und r
Jahr 2002 verdeutlichen: Der mittlere Pro- in Afrika schon lange nicht mehr in An­
Kopf-Verbrauch im Sudan betrug gerade griff genommen.
einmal 58 Kilowattstunden, während dem Die Nachteile schienen leicht ver­ Nur ein schmaler Streifen
Nachbarn Ägypten immerhin 15-mal so schmerzbar. Der Damm sollte am 4. Kata­ fruchtbares Land (links) ernährt die
viel zur Verfügung stand; Einwohner der rakt entstehen, also an einem der sechs Bauern am 4. Katarakt. Sand und Felsen
Europäischen Union verbrauchten sogar durch Felsen und Stromschnellen nur bergen Überraschungen. Was in diesem
durchschnittlich 6730 Kilowattstunden. schwer schiffbaren Bereiche im Mittellauf weiten Tal auf der Insel Us nur wie ein
Das Vorhaben ist gewaltig: Ein mehr des Nils. Eine öde Gegend. Der etwa 800 dunkler Fleck im Sand wirkt (rechts,
als neun Kilometer langer Damm soll den Quadratkilometer große Stausee würde vor gelber Rahmen), entpuppte sich bei einer
Nil auf einer Länge von 174 Kilometern allem Wüste und Felsen überfluten. Den Begehung durch deutsche Forscher als
aufstauen, zehn riesige Turbinen jährlich schmalen, fruchtbaren Uferstreifen und die archäologische Stätte der Jungsteinzeit.

Abenteuer Archäologie 2/2007  29


1. Katarakt r medizinische Einrichtungen – ein Kom­
Ä GY PT E N fort, den die Manasir derzeit nicht kennen.
Wer heute ihre Dörfer aufsuchen will, be­
N

Abu Simbel nötigt ein Fahrzeug, das im tiefem Sand


YE

2. Katarakt ebenso gut zurechtkommt wie auf den fel­


LIB

sigen Hügeln der Kataraktlandschaft.

Ro
Doch wer sollte schon in diese trostlose

te
3. Katarakt Gegend reisen? Auch Archäologen zog es

s
Merowe-Damm 4. Katarakt nur selten an die Ufer des 4. Katarakts.
S
TSCHAD

5. Katarakt

Me
Was konnte diese Region jemals anderes
U gewesen sein als ein Hinterhof der Ge­
DA

er
schichte?

Nil
N 6. Katarakt
Khartoum Vision und Wirklichkeit
ERIT Jahrzehntelang harrte der Traum vom
REA
3. Katarakt großen Damm der Realisierung. Während
Kerma Ägypten den Assuanstaudamm baute, fand
Untersuchungsgebiet der ÄT H der Sudan keine Finanziers. Hinzu kam
Expedition H.U.N.E. IOP
IEN Ende der 1980er Jahre ein verheeren­der
Bürgerkrieg zwischen dem islamischen
Nil

4. Katarakt Norden und dem christlichen Süden.


Doch das Blatt wendete sich, als in den
Napata 1990er Jahren große Erdölvorkommen
Nuri 0 200 km
Kurru Merowe abenteuer archäologie / Emde-Grafik
entdeckt wurden. Vor allem das aufstre­
bende China war interessiert. Die Einfüh­
rung des Mehrparteiensystems 1999 und
direkte Gespräche mit den südsudanesi­
Um seine Energieprobleme schen Rebellen ermöglichten internatio­
zu lösen, will der Sudan den Nil im Bereich nale Investitionen; 2005 unterzeichneten
des 4. Katarakts aufstauen. Archäolo- die verfeindeten Parteien ein Friedensab­
gische Fundplätze werden zerstört und Felsbilder findet man oft kommen.
ein ganzes Volk verliert seine Wurzeln. in der Region. Diese 2000 Jahre alte Dass etwa zur gleichen Zeit ein Kampf
Darstellung auf der Insel Us zeigt eine um Ressourcen in der von Dürren heim­
Kamelkarawane. Im Hintergrund gesuchten westsudanesischen Provinz Dar­
der alles beherrschende Berg Gebel Us fur in Massenmord mündete, tat dem
Dammprojekt keinen Abbruch. Im Jahr
2003 beauftragte der Sudan das Pekin-
ger Unternehmen International Water and
Electric mit der Umsetzung der Pläne,
ein 1,5-Milliarden-Dollar-Projekt, an dem
unter anderem auch das deutsche Unter­
nehmen Lahmeyer International als Sub­
unternehmer teilhat. Der Sudan lud au­
ßerdem Archäologen ein, das Überflu­
tungsgebiet zu untersuchen, ein halbes
Dutzend Teams aus Amerika, Deutsch­
land, England, Polen und Ungarn folgten
dem Aufruf. Weil diese ihre Expeditionen
selbst finanzieren, wurden ihnen die Hälf­
te der für Museen geeigneten Funde ver­
sprochen.
Die Arbeiten am Damm begannen vor
drei Jahren und bald zeigte sich, dass Vi­
sion und Wirklichkeit oft nicht im Ein­
klang stehen. Denkmalschützer warnen
inzwischen davor, dass steigende Grund­
wasserspiegel die Ruinen von Napata und

30 Abenteuer Archäologie 2/2007


Verärgerte Nachbarn, besorgte Umweltschützer
Q Die stromaufwärts gelegenen Staaten Äthiopien, Besonders gravierend aber: Das Reservoir könne alljähr-
Uganda, Ruanda, Burundi, Kenia und Tansania protestie- lich bis zu 130 Millionen Tonnen Sediment zurückhalten und
ren gegen den Merowe-Damm, denn sie sehen ihre eigene schon nach fünfzig Jahren etwa 34 Prozent weniger Wasser
Wasser- und Stromwirtschaft gefährdet. Allerdings haben speichern. Hinzu käme, dass die hohe Sedimentfracht die
diese Nilanrainer mit Ausnahme von Äthiopien 1959 ein Ab- Erosion der Uferzonen fördert.
kommen unterzeichnet, in dem sie auf alle Rechte am Nil- Ein weiteres Problem: Der Wasserspiegel werde tagtäg-
wasser verzichten – Ägypten werden darin 82 Prozent des lich um bis zu vier Meter schwanken, was die Ökosysteme
Wasservolumens zugesichert, dem Sudan der Rest. Doch der Uferzonen belaste. Überdies ist geplant, den See im
dieser Vertrag, so halten die Anrainerstaaten entgegen, sei Lauf des Sommers zu füllen und dann allmählich weit ge-
noch unter kolonialen Bedingungen diktiert worden – Eng- hend zu entleeren, seine Fläche schrumpft infolgedessen
land hatte den Sudan erst drei Jahre zuvor in die Unabhän- von 800 auf 350 Quadratkilometer. Trockenfallende Ufer
gigkeit entlassen. seien aber der Erosion ausgesetzt.
Doch auch dem Land selbst könnte der Damm Probleme Selbst den ökologischen Nutzen der Wasserkraftanlage
bereiten, warnte die Eidgenössische Anstalt für Wasserver- in Bezug auf den Treibhauseffekt stellte die EAWAG in Fra-
sorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG) ge. Auf Grund des hohen Sedimentgehalts können sich
im März vergangenen Jahres. Denn die Umweltgutachten im Sommer anaerobe Wasserschichten bilden, in denen
seien absolut unzureichend. So sei damit zu rechnen, dass Methan produzierende Algen gedeihen. Das International
sich die Wasserqualität drastisch verschlechtern werde, Rivers Network hat errechnet, dass die Treibhausgasemis­
auch dürften­ sich Krankheitsüberträger wie Moskitos und sionen des Wasserkraftwerks unter diesen Umständen de-
Wasserflöhe stärker vermehren als bislang. nen einer Erdgasanlage gleicher Leistung entsprächen.

die Königsfriedhöfe von Kurru und Nuri Haus- und Grundbesitz (siehe Interview
gefährden könnten. Die Anrainerstaaten nächste Seite). Und manche Manasir woll­
nilaufwärts beschwerten sich und ein ten ihre Heimat schlicht nicht verlassen.
Altar
Schweizer Wasserforschungsinstitut hält Als chinesische Ingenieure im Novem­
bisherige Umweltgutachten für eklatant ber 2005 den Bewohnern eines Dorfes
falsch (siehe Kasten oben). den Zugang zu Brunnen verwehrten, kam
Ärger drohte auch von anderer Seite: es zu Ausschreitungen. Der Konflikt es­
Die Manasir protestierten. Das mochte da­ kalierte im April 2006: Drei Bauern star­
Kanzel
ran liegen, dass die Regierung sie im ben bei einem Feuergefecht, zahlreiche
wahrsten Sinn des Wortes in die Wüste Personen wurden verletzt. Und plötzlich
schickte. Zwar versprach man ihnen Dör­ steckten die an der Vergangenheit des 4.
fer in Nilnähe. Tatsächlich aber befindet Katarakts interessierten Archäologen in
sich der Fluss nicht einmal in Sichtweite einem Krisengebiet. Man könne für die Die unwirtliche Gegend des
der bereits erstellten Siedlungen. Wohl we­ Sicherheit der Fremden nicht mehr garan­ 4. Katarakts bot, wie diese Mauer­reste
gen des künftig stark schwankenden Was­ tieren, erklärten die Stammesführer nun einer Kirche zeigen, Christen Rückzugs-
serspiegels sollen die Ufer unbewohnt blei­ und verlangten deren Abreise. Die Leite­ möglichkeiten bis ins Mittelalter.
ben. Deshalb werden Kanäle und Pump­ rin des deutschen Projekts, Claudia Näser
werke über mehrere Kilometer Wasser in von der Berliner Humboldt-Universität,
die Umsiedlungsdörfer liefern – kosten­ erfuhr von den Manasir, dass diese auf ei­ naten aus. Bis dahin haben sie alle Hände
pflichtig. nen Stopp des Dammbaus hofften, wenn voll zu tun. Denn die Ufer des 4. Kata­
die archäologischen Arbeiten nicht voran­ rakts waren in der Vergangenheit keines­
Wasser als Waffe kämen. Sie irrten – Anfang August 2006 wegs menschenleeres Nirgendwo. Viel­
Die versprochenen Ausgleichszahlungen mussten mehr als hundert Familien aus mehr wird der Stausee zehntausende
stellten auch nicht jeden zufrieden, da sie ihren Häusern fliehen, nachdem die Re­ Fundstätten verschlingen.
beispielsweise nur den Ausfall von vier gierung ohne vorherige Warnung die Was die Wissenschaftler inzwischen
Dattelernten berücksichtigen, die neu zu Schleusen des Damms schließen ließ. Seit­ entdeckt haben, beweist: Bereits in der
pflanzenden Bäume aber erst nach vielen her füllt sich der See, im nächsten Jahr soll Steinzeit wurde der 4. Katarakt häufig
Jahren Früchte tragen. Nomadisch im er seine volle Ausdehnung erreicht haben. von Jägern aufgesucht. Davon zeugen bei­
Hinterland des Niltals lebende Manasir Damit bleibt freilich auch den Archäo­ spielsweise Tausende von Steinabschlägen
fielen ganz durch das Raster, denn die logen nicht mehr viel Zeit, ohnehin läuft an zwei Quarzitadern, die britische For­
Kompensationszahlungen basierten auf ihre Grabungskonzession in wenigen Mo­ scher 2005 entdeckten. Insbesondere ge­ r

Abenteuer Archäologie 2/2007  31


»Archäologie am 4. Katarakt
ist Knochenarbeit«
Claudia Näser, Sudanexpertin, Juniorprofessorin am Seminar für Archäologie und Kultur­
geschichte Nordostafrikas der Humboldt-Universität zu Berlin ist im Rahmen der Nubien-
Expedition der Hochschule (H.U.N.E) für die Arbeit auf drei Nilinseln verantwortlich.

Frau Professor Näser, jahrelang fand der 4. Katarakt kaum Beachtung rer Konzessionsgebiete beispielsweise auf die Kerma-Zeit
bei Archäologen, nun heißt es plötzlich, Zehntausende von Fundstät- konzentrieren.
ten werden demnächst in den Fluten verschwinden. Was ist da schief- Wie muss man sich die Gegend vorstellen?
gegangen? Endlose Wüste, durchbrochen von bizarren Felsformatio­
Auch wenn die Archäologie in den Medien boomt, leidet un- nen, die Plateaus, Hügel, aber auch berghohe Massive bil-
ser Fach – von wenigen Prestigeprojekten abgesehen – un- den. Eines dieser Bergmassive, Gebel Us, beherrscht weit-
ter notorischem Geld- und Personalmangel. Wir wussten, hin sichtbar unser Konzessionsgebiet. Ein Fruchtlandstrei-
dass der 4. Katarakt Zeugnisse der Vergangenheit zu bieten fen von nie mehr als 200 Meter Breite, der für intensiven
hat, denn seit den 1940er Jahren wurde die Region gele- Ackerbau genutzt wird, dahinter liegen kleine Dörfer. Tief
gentlich auch von Forschern besucht. Doch der Aufwand, eingeschnitten der Nil. Fruchtbare Inseln inmitten gefähr-
dort zu arbeiten, ist so immens, dass andere Gebiete den licher Stromschnellen.
Vorzug erhielten. Allerdings waren wir dann tatsächlich Sie sagten, der 4. Katarakt sei schwer zugänglich. Wie kommen Sie zu
überrascht, dass sich diese Gegend als eine solch bedeut- Ihrem Arbeitsplatz?
same Fundgrube entpuppte. Wir entsprechen nicht gerade dem oft auch im Fernsehen
Mit welchen Fragestellungen sind Sie 2004 erstmals dorthinge- vermittelten Bild der Archäologen, die in schnittigen Jeeps
fahren? über sandige Wüstenpisten jagen. In Khartoum laden wir ei-
Die mussten wir vor Ort gemeinsam mit den anderen Teams nen betagten Geländewagen, der uns gehört, sowie gemie-
entwickeln, denn niemand wusste genau, was ihn erwartet. tete Autos und einen Lkw mit allem voll, was zwölf Archäo-
Unser Konzessionsgebiet umfasst im Wesentlichen einen logen in zehn Wochen benötigen, von den Nudeln über die
Streifen Nilufer von etwa vierzig Kilometer Länge sowie drei Wasserfilteranlage bis zum Laptop. Dann fahren wir zwei bis
mehrere Quadratkilometer große Inseln. Auf einer von ih- drei Tage lang nilabwärts. Wobei »fahren« ein bisschen
nen, der Insel Us, entdeckten wir bei den Surveys einen übertrieben ist. Denn mehr als Schritttempo ist speziell im
Siedlungsplatz aus der Jungsteinzeit mit Hunderten von Kataraktgebiet kaum drin, sonst wären auf Grund der scharf-
Tierknochen. Viele stammten von domestizierten Rindern, kantigen Felsen ständige Reifenpannen vorprogrammiert.
andere von Flusspferden und Gazellen, also Beutetieren. Übernachtet wird unterwegs in der Wüste.
Dann gibt es dort Schutthügel, das sind Überreste von Kir- Und in dieser Einöde leben Menschen?
chen. Christen schätzten im Mittelalter offenbar die Abge- Die Manasir haben ihre Lebens- und Wirtschaftsweise opti-
schiedenheit solcher Inseln. Das Neolithikum und das Mit- mal an die Umwelt angepasst. Sie nutzen die fruchtbaren
telalter bilden deshalb unsere Forschungsschwerpunkte, Uferstreifen des Nils beziehungsweise die Inseln für den
während andere Teams sich entsprechend der Fundlage ih- Anbau von Dattelpalmen und Feldfrüchten. Nomadische

r gen Ende der Altsteinzeit war die Gegend biet hinein. Das beweisen hunderte Fund­ großer Beliebtheit. Christliche König­
offenbar attraktiv, denn ein feuchteres stätten, insbesondere die reichen Beigaben reiche im Niltal haben dort ihre Spuren
Klima als heute ließ seinerzeit eine Sa­ auf diversen Friedhöfen. Erst im 2. und 1. hinterlassen. Die deutschen Archäologen
vannenlandschaft entstehen, die mit reich­ Jahrtausend v. Chr., zur Zeit der Reiche entdeckten auf der Insel Us beispielsweise
lich Beute aufwartete. Im 5. Jahrtausend von Napata und später Meroe, scheint der eine kleine Kirche aus dem 13. Jahrhun­
v. Chr. kam die Viehzucht in die Region. 4. Katarakt tatsächlich ins kulturelle Ab­ dert (Foto S. 31). Der griechischen In­
Vor 6000 Jahren wandelte sich das Klima, seits geraten zu sein – Funde aus dieser schrift auf dem Gründungsziegel zufolge
die Savanne wich der Wüste, und das Le­ Zeit gibt es bislang wenige. Immerhin ent­ war sie dem Apostel Jakobus und Maria,
ben zog sich an die Ufer des Nils zurück. deckten Archäologen vom Britischen Mu­ der Mutter Jesu Christi, geweiht.
Diese wurden auch im 3. Jahrtausend seum bereits Überreste einer kleinen Pyra­ Die Ausgrabung eines wesentlich grö­
v. Chr. intensiv genutzt. Entgegen bishe­ mide: das Grab eines Vornehmen aus der ßeren und vermutlich älteren Gotteshau­
rigen Annahmen reichte die damals am 3. napatanischen Zeit (8. – 4. Jahrhundert v. ses stand für 2006 auf dem Programm –
Katarakt blühende Kerma-Kultur in das Chr.). Erst zur Zeit des europäischen Mit­ es musste warten. Nun sind die deutschen
heute von der Überflutung bedrohte Ge­ telalters erfreute sich die Region wieder Archäologen wieder vor Ort (Stand Ende

32 Abenteuer Archäologie 2/2007


Viehzüchter leben in der Wüste des Hinterlandes; sie brin- Ihre Grabungskonzession läuft im Sommer 2007 aus. Steht die Ge-
gen ihre Tiere auf die Märkte am Fluss. gend dann bald unter Wasser?
Wie geht nun Ihre Reise ins Untersuchungsgebiet weiter? Wir wissen das nicht. Solche Angaben werden von der suda-
Ein Boot samt Bootsführer setzt uns auf eine Insel über, wo nesischen Regierung unter Verschluss gehalten. Klar ist: Wenn
wir Quartier beziehen; meist mieten wir ein leer stehendes dort keine Manasir mehr wohnen, die uns über den Fluss fah-
Gehöft an. Nur die Einheimischen kennen die gefährlichen ren, mit Lebensmitteln versorgen und bei der Grabung helfen,
Untiefen, Strudel und Stromschnellen. Noch jedes Mal sind archäologische Arbeiten nicht mehr möglich.
drohte das Boot zu kentern, wenn die ganze Elektronik an Das Projekt der Humboldt-Universität umfasst auch ethnologische
Bord war. Und natürlich müssen wir unsere Ausrüstung auf Feldforschung. Ist das auch so eine Art Notgrabung?
der Insel durch unwegsames Gelände schleppen. Archäolo- Leider ja. Die noch nie wissenschaftlich dokumentierte Kul-
gie am 4. Katarakt ist echte Knochenarbeit. tur der Manasir wird verschwinden. Denn ihre Lebens- und
Die einen aber mit Erkenntnisgewinn belohnt? Wirtschaftsweise ist nun einmal an die Umwelt des Kata-
Auf jeden Fall! Niemand hätte erwartet, dass beispielsweise rakts angepasst. Das beginnt bei der Aufteilung der Feldar-
die Kerma-Kultur so weit verbreitet war. Niemand hätte er- beit nach Geschlechtern. Dort, wo künstliche Bewässerung
wartet, dass es im Mittelalter ein so blühendes Christentum und damit härteste körperliche Arbeit erforderlich ist, fin-
am 4. Katarakt gab – und dass wir so erstaunlich gut erhal- den Sie die Männer. Die ufernächsten Bereiche, die vom Nil
tene Kirchen finden würden. überflutet werden, gehören dagegen den Frauen und wer-
Angesichts dessen ist die Zahl der Archäologen, die dem Aufruf des den von ihnen selbst bebaut.
Sudan gefolgt sind, vergleichsweise klein. Warum wird die Unesco Und das verschafft diesen eine eigene wirtschaftliche Basis,
nicht aktiv? stärkt ihre Rolle in der Gemeinschaft. In den neuen Dörfern
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Unesco-Mitarbeiter sind gibt es diese Möglichkeiten nicht mehr. Allein das wird die
zwar derzeit im Sudan, doch nur, um die Aufnahme anderer Sozialstruktur völlig umkrempeln. Oder nehmen Sie die No-
Altertümer, etwa der Ruinenstätten Napata, Kurru und Nuri, maden. Ohne den Tauschhandel mit den sesshaften Bau-
in die Liste des Weltkulturerbes zu prüfen. Diese sind ledig- ern, zum Beispiel Vieh gegen Feldfrüchte und Datteln, bricht
lich etwa fünfzig Kilometer vom geplanten Damm entfernt. auch deren Lebensgrundlage zusammen. Es ist übrigens
sehr ungewöhnlich, dass sich Nomaden und Bauern als ein
Stamm und sozial gleichberechtigte Partner verstehen.
Bildnachweis???***???

Der Bau des Assuanstaudamms machte in den 1960er Jahren zehn-


tausende Nubier heimatlos. Wird sich deren Schicksal wiederholen?
Ja. Es ist mir unbegreiflich, dass die Tragweite des Problems
angesichts dieser Erfahrungen nicht gesehen wird. Die Men-
schen wurden damals traumatisiert und haben den Verlust
der Heimat bis heute nicht überwunden. Wir haben ver-
sucht, humanitäre Organisationen auf das Problem auf-
merksam zu machen. Doch vielleicht ist unsere Welt mit
­Krisen übersättigt, man denke nur an Sudans Krisenregion
Darfur. Bevor die Manasir nicht in den Slums von Khartoum
angekommen sind, besteht wohl noch kein Handlungs­
Ohne die Hilfe einheimischer Fährmänner bedarf.
würden Strom­schnellen den Projekten
auf den Inseln wohl ein rasches Ende bereiten.
Das Interview führte Klaus-Dieter Linsmeier.

Februar), denn die Regierung versprach so mesvertretern erfolgt war, sollten alle Gra­ Kloster. Neben Resten von Mauern und
bald als möglich eine Lösung für die Pro­ bungen abgebrochen werden. Um den­ bemaltem Putz kam zudem überraschend
bleme der Manasir zu finden. Das ist aller­ noch weiter vor Ort forschen zu dürfen, ein einmaliger Fund zu Tage: Reste von
dings bislang nicht geschehen. Außer den versprachen die Berliner nun, Funde au­ Pergament, in Altnubisch und Griechisch
Wissenschaftlern der Humboldt-Universi­ ßer Landes zu bringen – sie sollen nach beschrieben. Eine der Seiten beginnt mit
tät erhielt zudem nur ein polnisches Team dem Willen der Manasir in einem noch zu einem »Halleluja«, es handelt sich also
die Erlaubnis der Manasir-Führer, im Ge­ bauenden Museum zu sehen sein. sicher­ um eine Sammlung reli­giöser
biet zu arbeiten. Dieses Entgegenkommen Professionelle Raubgräber hatten je­ Schriften. Vielleicht gar ein apokryphes
der Stammesführer verdanken die deut­ doch mittlerweile den 4. Katarakt für sich Evangelium? Wer weiß, was dieser schein­
schen Archäologen sicher auch ihren Be­ entdeckt. Für die Archäologen bleibt aber bare Hinterhof der Geschichte noch zu
mühungen um die Erforschung der Kul­ immer noch genügend zu tun. Eine Kir­ bieten hat. l
tur dieses Volkes (siehe Interview). Als chenruine beispielsweise erwies sich be­
Anfang März aber immer noch keine Ei­ reits als bedeutend größer als erwartet. Über aktuelle Entwicklungen unterrichten wir Sie auf un­
nigung zwischen Regierung und Stam­ Vermutlich handelt es sich sogar um ein serer Webseite unter www.abenteuer-archaeologie.de.

Abenteuer Archäologie 2/2007  33


Titel DIE Etrusker

Fröhliche Händler Von Dirk Husemann

Sie gelten als kulturelles Urgestein Italiens: Als Rom noch eine Sumpfsiedlung
war, schmiedeten die Etrusker das heißeste Eisen am Mittelmeer, handelten
mit ganz Europa und waren die besten Zahnärzte. Zwischen Arno und Tiber stand
einst die Wiege einer großen Zivilisation.

»Rasenna« sagten die Etrusker schreibung, seien die Etrusker kurz nach Nationalstolz eine wilde Ehe eingingen,
und meinten sich selbst. Ihr heu- dem Trojanischen Krieg nach Italien einge- war die Herkunft der Völker von so großer
tiger Name käme ihnen spanisch vor. Er ist wandert. Eine Hungersnot sei der Auslöser politischer Brisanz wie nie zuvor. Die Et-
lateinisch. Es waren die Römer, die »Et- für die große Überfahrt gewesen, weiß He- rusker wurden abwechselnd zu Orientalen,
rusci« oder »Tusci« zu den nördlichen rodot zu berichten, und er benannte auch Griechen, Römern und Germanen erklärt.
Nachbarn sagten. Dass heute der latei- den Anführer der Auswanderung, Tyr- Bis 1947 Massimo Pallottino die Diskus­
nische Begriff dominiert, mag exempla- rhenos. An diesen mediterranen Moses er- sion vom Tisch fegte. Der Etruskologe
risch für die Geschichte des gesamten innert noch heute das Tyrrhenische Meer. meinte, die geografische Herkunft eines
Volks stehen – sie wird erzählt von Rö- Unsinn, meinte 400 Jahre nach Hero- Volksstamms sei unbedeutend. Was zähle,
mern und Griechen. Die Rasenna selbst dot der Historiker Dionysios von Ha- seien die Leistungen, welche eine Gruppe
schweigen. likarnassos. In seiner Geschichte des rö- Menschen zu einer Kultur machten. »Volk-
Nicht, dass sie keine Schrift kannten. mischen Altertums stellt er fest: Die Et- werdung« nannte Pallottino das und traf
Etruskisch war eine Hochsprache, verbrei- rusker lebten schon immer in Etrurien. ins Schwarze. Was heute als etruskisch eti-
tet in den Gassen hunderter Dörfer, auf Von Immigration keine Spur. kettiert wird, ist Urwuchs aus Italien.
den Plätzen Dutzender Städte und überlie- So viel steht fest: Die Etrusker kamen
fert auf fast 10 000 Objekten. Aber die Na- Volkwerdung in Italien vom Meer. Populonia, Caere, Tarquinia –
men und Daten in Grabinschriften und auf Wer hatte Recht? Befürworter der These die ältesten Siedlungen lagen an der Küs-
Grenzsteinen sind nur bedingt aufschluss- Herodots weisen auf das Orientalische in te. Von hier strömten sie im 7. Jahrhun-
reich. Einer der wenigen längeren Texte der etruskischen Kunst hin und verorten dert v. Chr. ins Binnenland, spickten die
steht auf einer Mumienbinde, einem Lei- die Wiege des Volksstamms im Osten. Be- Hügel der Toskana mit Bauerndörfern
nentuch, auf dem die Etrusker schrieben, fürworter der Dionysios-These meinen, des und Provinzstädten und lebten wie Zeus
um es zu einem Buch zusammenzufalten. Rätsels Lösung der Sprache der Etrusker auf dem Olymp.
Wie das Tuch nach Ägypten kam, um dort entnehmen zu können. Darin klinge eine Die Griechen hatten sicher nachgehol-
um eine Mumie gewickelt zu werden, ge- Ursprache nach, die sonst nur von einer In- fen. Mitte des 8. Jahrhunderts waren Ko-
hört zu den Skurrilitäten der Archäologie. schrift des 4. Jahrhunderts v. Chr. von der lonisten aus Hellas in Kampanien gelan-
Fest steht: Lesen kann es niemand. ägäischen Insel Limnos bekannt ist, 1200 det und hatten ihre Fühler nach Norden
Spekulation also, was über die Herkunft Kilometer von Etrurien entfernt. Linguis- ausgestreckt. Auf der Suche nach Lukra-
des Volkes geschrieben steht. Folglich ten hegen den Verdacht, vor den Resten ei- tivem entdeckten sie Etrurien, seine Erz-
sucht die Forschung Erkenntnis bei den ner verlorenen Sprache zu stehen, die einst minen und Bewohner. Bald tauschten die
lesbaren Hinterlassenschaften der Nach- im gesamten Mittelmeerraum gesprochen Nachbarn Eisen gegen Luxusgüter und
barn, der Griechen und Römer. Herodot worden sein könnte. Demnach wären die damit Bodenschätze gegen Kultur. Die
klassifizierte die Etrusker als Zugewanderte Etrusker alteingesessene Italiener. Etrusker lernten schreiben, Wein anbau-
aus Westanatolien, das damals Lydien hieß. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts en, Statuen schaffen, Olivenbäume setzen
Von dort, so der Vater der Geschichts- schließlich, als Geschichtsforschung und und entwickelten nach griechischem Vor-

34 Abenteuer Archäologie 2/2007


Den Abendschatten, Ombra della
Sera, taufte vermutlich der Dichter
Gabriele d’Annunzio (1863 – 1938) diese
57,3 Zentimeter hohe etruskische
Statuette.

bild eine Adelsschicht – Hierarchie als


Importware.
Begeistert sogen die Etrusker das Sa-
voir-vivre der Griechen auf. Heute sind
mehr attische Vasen aus Etrurien bekannt
als aus ihrem Herkunftsort Athen. Be-
zeichnenderweise klassifiziert die For-
schung etrurische Keramik nach ihren
griechischen Vorbildern in die Muster
­etruskisch-geometrisch, etruskisch-korin-
thisch, ionisierend, rotfigurig, attisch,
großgriechisch oder schwarz gefirnisst.
Bildhauer kopierten, was das Zeug hielt.
Die Statuen der Etrusker aus dem 6. Jahr-
hundert sind mit ihren steifen Körpern
Abbilder der griechischen Archaik. Ab
dem 5. Jahrhundert hinterlässt die Kunst
des Phidias in Etrurien Spuren: die Terra-
kotten des Belvedere-Tempels von Volsi-
nii, dem heutigen Orvieto, der bronzene
Mars im Vatikanischen Museum sind zwar
aus etruskischem Lehm und Metall, aber BPK / Scala

nach den Prinzipien griechischer Klassik


geformt. Waren die Etrusker also Ge-
schöpfe der Griechen?
Sie standen auf eigenen Füßen. Inspira-
tion durch andere Kulturen war zwar er- r

Abenteuer Archäologie 2/2007  35


Titel DIE Etrusker

r laubt, aber es gab Grenzen. So ist im archä- tech an die Leistungen ihrer etruskischen Körperproportionen ist verbindlich, son-
ologischen Fundgut erkennbar, dass sich Kollegen heranzukommen. Selbst im Win- dern ein expressives Menschenbild.« Der
Etrurien dem klassisch-griechischen Stil zigen bewiesen die Etrusker Größe. antike Expressionismus in Etrurien konnte
eine Zeit lang verschloss. Auch schöpfte So ist auch das größte Denkmal etrus- nur abgenabelt von den griechischen Zieh-
man zwischen Tiber und Arno nicht alles kischer Eigenständigkeit nur 57,3 Zenti- vätern entstehen. Es ist bezeichnend, dass
aus griechischen Quellen. Die Bucchero­ meter hoch: eine Statuette, von einem er in einer kunsthistorischen Sackgasse en-
keramik kam schwarz und glänzend exklu- Kunsthandwerker zwischen dem 4. und dete. Nirgendwo sonst griffen Bronzegießer
siv aus etruskischen Brennöfen. dem 1. Jahrhundert v. Chr. aus Bronze ge- die Idee des Abendschattens auf – zu-
Weltmeister waren die Etrusker in der gossen. Die Gliedmaßen sind überlang, die nächst. Dann formte im 20. Jahrhundert
Kunst der Granulation, bei der aus Gold- Proportionen verzerrt. »Ombra della Sera«, der schweizerische Bildhauer Alberto Gia-
fäden Kügelchen geschnitten werden, um Abendschatten, tauften die Italiener den cometti Skulpturen mit dünnen, überlan-
damit Schmuck zu bekleben. Etruskisches Fund, der heute das Herzstück des Etrus- gen Proportionen. Von Ombra della Sera
Granulat erreichte eine Feinheit von unter kischen Museums von Volterra bildet. Ob wollte Giacometti vorher nie gehört haben.
0,1 Millimeter. Auf der goldenen Fibel der der geistige Vater des bronzenen Knaben
Tomba Regolini-Galassi in Caere, dem tatsächlich von dem Schatten eines Kinds Waffen für Scipio
heutigen Cerveteri, sind 120 000 solcher zu seinem Werk inspiriert wurde, ist frag- Am Golf von Baratti umspielt das Tyr-
Kügelchen aufgeklebt. Nirgendwo sonst lich und noch wohlwollend interpretiert. rhennische Meer die Waden der Badegäs-
auf der Welt konnte das Edelmetall so de- Eine Generation von Forschern sprach dem te. Gleich nebenan schwitzen Touristen
likat behandelt werden. Weder gelang es etruskischen Künstler schlichtweg die Fä- bei einer Besichtigungstour. Durch die
dem berühmten Renaissance-Goldschmied higkeit ab, einen Menschen plastisch wie- macchie, das mediterrane Küstengebüsch,
Benvenuto Cellini, die legendäre Staubgra- derzugeben. Aber der Abendschatten war führt ein Weg kilometerweit durch ein
nulation zu kopieren, noch sind heute weder Laienwerk noch verunglücktes Expe- etruskisches Industrieviertel samt Grab­
Kunstschmiede in der Lage, ohne High- riment. In der Region tauchten noch mehr anlagen, heute ein archäologischer Park. Er
ähnliche Statuetten auf. Heute erkennt der ist so ausgedehnt, dass er an die Ausmaße
Etruskerexperte Friedhelm Prayon von der eines modernen Hochofens erinnert –
Etrurien erstreckte sich Universität Tübingen darin Dokumente für nicht nur wegen der italienischen Sonne.
zu seinen besten Zeiten über weite Teile die Veränderung der Weltanschauung bei Hier qualmten vor über 2000 Jahren
der Apenninenhalbinsel. den Etruskern: »Nicht der Gleichklang der Schmieden im Dutzend.
Die Schlacken, die hier ausgegraben
Abenteuer Archäologie / Emde-Grafik

wurden, erzählen Geschichten. So ist be-


kannt, dass die Schmiede Populonias un-
ter der Herrschaft der Römer im Akkord
0 100 km arbeiteten, um Waffen für Scipios Afrika-
feldzug im 2. Jahrhundert v. Chr. herzu-
Po
stellen. Allerdings war die hohe Kunst der
etruskischen Eisenschmiede zu dieser Zeit
entweder vergessen – oder aber die Hand-
werker waren ihren Auftraggebern nicht
A
d wohlgesinnt. Die Schlacken der Römer
r
r i weisen wesentlich mehr Eisenrückstände
a
e auf als die Überreste aus früheren Tagen.
Die Etrusker aber hatten mehr als nur
e

ein Eisen im Feuer. Auf der nahen Insel


m

Populonia
Elba durchzogen den Boden Adern von
l

Volsinii
e

Blei, Eisen und Zinn, ein Reichtum, dem


t t

Vulci schon die Villanovakultur der Eisenzeit


IK A

Veii ihre Existenz verdankte. Die Etrusker ver-


M i

Tarquinia
KO R S

Caere schifften das Erz nach Populonia und ver-


Rom

Cumae
Etruskische Geschichte
Etrurien, 750 v. Chr.
IT

LI
A

EN
Etrurische Expansion, 750 – 500 v. Chr.

36 Abenteuer Archäologie 2/2007


Das Inghirami-Grab:
Innenansicht einer unterirdischen
Nekropole in einer Nachbildung im
Archäologischen Museum von Florenz.

arbeiteten es am Fuß des Stadthügels zu


Waffen, Rüstungen und Handwerksgerät.
Nicht, um damit Krieg zu führen. Eisen
war in Etrurien Gold wert.
Der Handel lag den Etruskern mehr im

BPK / Scala
Blut als das Erobern. Wie tüchtig sie als
Geschäftsleute waren, zeigt die Verbrei-
tung etruskischen Handwerks nach Frank- genen in Caere mag zeigen, wie wenig ver- ker und überraschten mit der Nachricht:
reich, Kleinasien, in die Levante und nach bunden sich die Etrusker den Griechen Die dritten Zähne Etruriens ähnelten den
Ägypten. Und voll beladen kehrten die noch fühlten. Etrurien war auf dem Hö- Prothesen aus den 1940er und 1950er Jah-
Schiffe in die Heimat zurück. In etrus- hepunkt seiner Macht angelangt. ren. Baggieri: »Die Etrusker benutzten eine
kischen Gräbern liegen Fayencen der Auf den Hügeln der Toskana genoss die unserer Zeit nicht unähnliche Legierung
Ägypter, Gold der Phönizier und Bern- High Society der fröhlichen Händler das aus Gold, Silber und Kupfer in fast genau
stein von der Ostsee. Die Schiffe der Leben. Die Oberschicht feierte, zechte, der Zusammensetzung, die heute von in-
Händler dominierten den hart um- sang, tanzte und wälzte sich dermaßen in ternationalen Gesundheitsorganisationen
kämpften Seehandel auf dem Mittelmeer Pomp und Pracht, dass es selbst den rei- empfohlen wird.«
so sehr, dass der Begriff Etrusker bei den chen Griechen im Süden Italiens zu bunt Die Römer hingegen bissen sich an Et-
Griechen ein Synonym für Piraten war. wurde. Im 4. Jahrhundert v. Chr. verbrei- rurien beinahe die Zähne aus. Für die erste
Das mag Propaganda gewesen sein. tet sich der griechische Autor Theopomp Eroberung einer etruskischen Stadt, Veii,
Drohte ihnen allerdings Konkurrenz das über die sexuellen Ausschweifungen in Et- brauchten die erstarkenden Nachbarn zehn
Geschäft zu vermiesen, ließen die Kauf- rurien. Im 2. Jahrhundert v. Chr. berich- Jahre. Danach aber brachen die Dämme.
leute tatsächlich die Muskeln spielen. tet Poseidonios, dass sich zwischen Tiber 264 v. Chr. fiel Volsinii und damit das zen-
Noch einmal Herodot: Er berichtet und Arno in den vergangenen 200 Jahren trale Heiligtum des Gottes Voltumna –
von den Phokäern, Griechen aus Klein- nicht viel geändert habe. Zwar legten nur erst vor Kurzem im heutigen Orvieto wie-
asien, die sich im 6. Jahrhundert v. Chr. die Griechen schriftliche Zeugnisse über derentdeckt. Als alle Etrusker 90 v. Chr.
mit den Persern herumschlagen mussten die dekadenten Neureichen in der Nach- das römische Bürgerrecht erhielten, zog die
und aus ihrer Heimat vertrieben wurden. barschaft ab, aber die überlieferten Bilder Geschichte einen Schlussstrich unter die
Bald darauf versuchten sie an den Küsten der Etrusker sprechen eine ähnliche Spra- Kultur. Fortan waren es die Römer, die das
Europas ihr Glück, einige erfolgreich, wie che. Auf den Wandmalereien der Gräber Land beherrschten. Während die Etrusker
die Gründer Massalias, des späteren Mar- lassen sich die Bestatteten von Gauklern stets darum bemüht gewesen waren,
seille. Andere suchten sich auf Korsika ei- unterhalten, messen sich beim Sport und Sümpfe und Flüsse zu regulieren, waren
nen Stützpunkt vor der Küste Etruriens – feiern bis in alle Ewigkeit. die neuen Herren blind für die Tücken der
ein verhängnisvoller Fehler. Die Etrusker Landschaft. Die Täler versumpften und
schauten dem Treiben auf der Insel eine Ein Land versumpft verwandelten sich in Malariagebiete. Noch
Zeit lang zu. Als die Griechen aber im Dass die Etrusker nicht nur ihren Feinden im 5. Jahrhundert n. Chr. beschrieben
Handel zu erfolgreich wurden und zudem die Zähne zeigten, offenbarte eine Entde- Chronisten die Toskana als trostloses und
angeblich etruskische Frachter überfielen, ckung des Jahres 2000. Sie hatten die bes- unwirtliches Land. l
fuhren 120 etruskische und verbündete ten Zahnärzte der Antike, fand ein italie-
punische Schiffe ins Sardische Meer und nisches Forscherteam heraus. Der Anthro-
machten mit der Flotte der Phokäer pologe Gaspare Baggieri, der Physiker Der Archäologe Dirk Husemann lebt als freier Autor
kurzen Prozess. Das war um 535 v. Chr. Giovanni Gigante und der Chemiker Pino nahe Münster.
Die anschließende Steinigung der Gefan- Guida untersuchten Zahnersatz der Etrus-

9. und 8. Jh. v. Chr. um 700 v. Chr. 7. Jh. v. Chr.

Die Villanovakultur steht in voller Blüte. Aus einigen Villanovadörfern werden Etrusker übernehmen das Alphabet von
Die Villanovaleute werden als Proto- Städte. Beginn der etruskischen Kultur den Griechen und treiben intensiven
etrusker bezeichnet. Sie siedeln an den Handel mit den griechischen Kolonien
Orten späterer etruskischer Städte. im Süden Italiens.

Abenteuer Archäologie 2/2007  37


Titel DIE Etrusker

Hüterin des Hauses Von Petra Amann

Um die Etruskerinnen kursieren seit dem Altertum wilde Gerüchte. Von


Schamlosig­keit, Gleichberechtigung, aber auch vom Matriarchat ist
die Rede. ­Tatsächlich ­unterschied sich ihre gesellschaftliche Stellung von
jener ihrer griechischen Geschlechtsgenossinnen.

Die Legende passte ihm ausge- schritts« vom überlegenen Vaterrecht mit ebenso wie die der Männer im Kern aus
zeichnet ins Konzept. Der Schwei- seinem geistig-männlichen Prinzip ver- zwei Elementen – dem Vornamen und
zer Gelehrte Johann Jakob Bachofen drängt worden sei. dem Gentilnamen, der mit unseren heu-
(1815 – 1887) legte mit seinem 1870 er- Das Gesamtwerk Bachofens wurde tigen Nachnamen zu vergleichen ist. Die-
schienenen Opus »Die Sage von Tanaquil. zwar von der Mehrzahl der Forschenden ser Gentilname und damit die gesamte Fa-
Eine Untersuchung über den Orientalis- als unwissenschaftlich abgelehnt, verbrei- milienzugehörigkeit und gesellschaftliche
mus in Rom und Italien« den Grundstein tete sich in der Folgezeit aber dennoch Einordnung des Individuums wurde vom
für den Mythos vom etruskischen Matri- und setzte sich in den Köpfen fest. So Vater weitergegeben und durch ihn be-
archat. Als Informationsquellen dienten sprachen noch ernsthafte Wissenschaftler stimmt, sein Erwerb erfolgte also patriline-
ihm fast ausschließlich antike Mythen, Le- in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ar. Bei den weiblichen Vornamen gab es
genden und Erzählungen. In diesem spe- vom etruskischen »Mutterrecht« oder eine nur recht begrenzte Anzahl, zu den
ziellen Fall waren es jene, die sich mit den »Matriarchat«, etwas abgeschwächt auch üblichen gehörten Tan(a)quil, Larthi(a),
Königen im frühen Rom beschäftigen, de- von der »weiblichen Kultur« der Etrusker. Velia, Ramtha und Aranthi(a). Da sich da-
ren fünfter, Lucius Tarquinius Priscus – Es waren vor allem die immer zahlreicher durch eine Person oft genug nicht eindeu-
halb Grieche, halb Etrusker –, aus Etrurien gefundenen etruskischen Grabinschriften tig bestimmen ließ, mussten dem Namen
eingewandert sei und seine etruskische mit ihren Namensnennungen, in denen im Lauf der Zeit weitere Glieder ange-
Frau Tanaquil mitgebracht habe. Der Sage man die zentrale Stellung der Mutter be- hängt werden wie etwa der Vorname des
nach wurde sie später an seiner Seite Kö- stätigt zu sehen glaubte. Diese Annahme Vaters, ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. teil-
nigin von Rom. Doch Bachofen interpre- beruhte allerdings auf einer falschen In- weise auch der Name der Mutter (= Ma-
tierte seine Quellen völlig unkritisch und terpretation der etruskischen Inschrif- tronym) und bei verheirateten Frauen der
nach eigenem Gutdünken, um sie in das ten – die Erforschung der etruskischen Name des Ehemanns (= Gamonym). Das r
von ihm entwickelte System der Mensch- Sprache steckte damals noch in den Kin-
heitsgeschichte pressen zu können. derschuhen.
Demnach habe sich die Menschheit in Heute wissen wir, dass gerade das aus Verstorbene Frau als idealisierte
Stadien entwickelt, wobei das ursprüng- den Inschriften erkennbare Namenssystem Mutterfigur mit einem Kleinkind auf
liche Mutterrecht – in dessen niedrigen der Etrusker einen Beweis für das patriar- dem Schoß. Diese Darstellung stammt von
Ausprägungen die Etrusker noch verfan- chale System ihrer Gesellschaft liefert. Die einer steinernen Urne aus Chianciano
gen gewesen seien − im Lauf des »Fort- Namen der etruskischen Frauen bestanden (5. Jahrhundert v. Chr.).

6. Jh. v. Chr. 535 v. Chr.

Höhepunkt etruskischer Machtentfaltung. Rom wird von etruskischen Königen Seeschlacht bei Alalia. Die Etrusker
regiert. Unter der Herrschaft der Tarquinier erhält die Tiberstadt ihren ersten urbanen besiegen die Phokäer, die sich auf
Ausbau mit Stadtmauer, Forum, Tempeln und Cloaca Maxima. Korsika niedergelassen hatten.

38 Abenteuer Archäologie 2/2007


AKG Berlin

509 v. Chr. 504 v. Chr. 474 v. Chr.

Die Römer vertreiben mit Tarquinius Die verbündeten Latiner und Griechen Niederlage der Etrusker in der See-
Superbus den letzten etruskischen aus Cumae schlagen die Etrusker bei schlacht von Cumae. Ihre Expansion
König aus der Stadt. Die Etrusker Aricia. wird gestoppt.
verlieren Einfluss.

Abenteuer Archäologie 2/2007  39


Titel DIE Etrusker

erfreuen. Natürlich gab es daneben Gelage nachzueifern, schilderte er die Tyrrhener


ausschließlich für Männer, aber diese wa- als echte Barbaren, denen das Modell der
ren in den Grabmalereien Tarquinias nicht Kleinfamilie fremd ist. Mit der Realität
die Regel. Auch die Welt der Spektakel hatten seine Ausführungen letztlich wenig
und der sportlichen Wettkämpfe stand zu tun. Die Werte der Familie und der
Frauen als Zuschauerinnen offen – ähn- ehelichen Abstammung waren auch bei
lich wie in Rom, aber anders als bei den den Etruskern stets zentral. Freilich be-
Hellenen. deutet das nicht, dass ausschweifende Or-
Diese starke öffentliche Präsenz des gien im reichen Etrurien gänzlich unbe-
weiblichen Elements fiel den Griechen na- kannt gewesen wären. Zwecks höherer
türlich auf. So hielt der bekanntermaßen ­Attraktivität würzte Theopomp seine
nicht besonders frauenfreundliche Philo- Schilderung mit pikanten und übertrie-
soph Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) fest: benen Details, was uns ja auch heute nicht
»Die Tyrrhener (griechische Bezeichnung fremd ist.
udon

für die Etrusker) speisen mit den Frauen,


Bridgeman Gira

wobei sie unter demselben Mantel zu Piraten und Luxusgeschöpfe


Tisch liegen.« Der längste antike Bericht Es passte gut ins Bild, dass die Etrusker
über die Sitten der Etrusker stammt je- seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. zu Wasser
Dieser Goldschmuck doch von einem anderen Zeitgenossen, es und zu Land wirtschaftliche, politische
in orientalisierendem Stil war Teil der ist dies der in der zweiten Hälfte des 4. und militärische Gegenspieler der Grie-
reichen Beigaben eines Frauengrabs im Jahrhunderts v. Chr. entstandene »Skan- chen waren, die ihnen im Wesentlichen
antiken Caere (7. Jahrhundert v. Chr.). dalbericht« des Theopomp von Chios. Er mit zwei Vorurteilen begegneten: Zum ei-
behauptete etwa, bei den Etruskern seien nen galten sie als grausame Piraten, zum
die »Frauen gemeinsamer Besitz« und »die anderen als dem Luxus und Wohlleben er-
r vor allem in spätetruskischer Zeit in eini- Väter unbekannt«, zudem seien sie »große geben. Besonders der zweite Punkt ent-
gen Städten beliebte Matronym ist in der Trinkerinnen und sähen sehr gut aus«, es behrt nicht der Realität. In Etrurien lebte
Tat eine Besonderheit Etruriens und zeigt, sei »nicht anstößig, sich nackt zu zeigen« – man den Reichtum gern aus und führte
dass der weiblichen Linie durchaus auch und vieles mehr in dieser Art. ihn – im Gegensatz zum demokratischen
eine Bedeutung zugemessen wurde. Die Der Bericht ist eine Ansammlung von Athen – den Mitmenschen vor. Aufwän-
zahlreichen etruskischen Grabinschriften Unwahrheiten, Halbwahrheiten, Übertrei- dige Kleidung und kostbarer Schmuck vor
lassen auch erkennen, dass die Töchter bei bungen und Klatschgeschichten über das allem der weiblichen Mitglieder einer
der Heirat ihre Herkunftsfamilien in der lebensfrohe Volk aus Etrurien. Sie zielten Adelsfamilie trugen erheblich zu deren
Regel verließen und in jene des Ehemannes darauf ab, dem Publikum eine saftige Ge- Prestige bei. Auch dürfte die Körperpflege
eintraten. Von Matriarchat oder Mutter- schichte über die »barbarischen« Etrusker zumindest bei den wohlhabenden Etrus-
recht kann also keine Rede sein. zu liefern. Allerdings hatten schon die Le- kerinnen tatsächlich einen großen Stellen-
Und dennoch: Im Gegensatz zu den ser der Antike ihre Zweifel, was die Glaub- wert eingenommen haben. Die Sitte der
meisten Griechen und besonders zu den würdigkeit des Textes betraf. Ausgehend Körperrasur scheint im antiken Italien –
Athenern schlossen die Etrusker ihre von der tatsächlich stärkeren öffentlichen bei Nichtgriechen wie auch bei Griechen
Frauen nicht aus weiten Bereichen des au- Sichtbarkeit der Etruskerinnen, ihrer An- − relativ weit verbreitet gewesen zu sein.
ßerhäuslichen Lebens aus. So nahmen Et- wesenheit beim Bankett und dem ohne In der mannigfaltigen etruskischen Bilder-
ruskerinnen an der Seite ihrer Ehemänner Frage aufwändigen und teilweise luxuri- welt präsentieren sich die Frauen als sitt-
an den Festessen und Banketten der Ge- ösen Lebensstil der reichen Tyrrhener sam gekleidet und meist an der Seite ihres
sellschaft ebenso wie an den privaten zeichnete Theopomp die etruskische Ge- Ehemannes. Weingenuss scheint für sie im
Mahlzeiten im häuslichen Rahmen teil. sellschaft als eine Gegenwelt zum in der Lauf des 6. Jahrhunderts v. Chr. unschick-
So zeigen es uns jedenfalls die Grabmale- Antike üblichen Familienmodell. Im Be- lich geworden zu sein.
reien aus Tarquinia und Orvieto, wo ge- mühen, seinem Vorbild Herodot − dem Die Aussagen der griechischen Autoren
mischte Paare gemeinsam auf ihren Lie- großen Ethnografen und Geschichts- sind also mit größter Vorsicht zu bewer-
gen ausgestreckt sich an Speis und Trank schreiber des 5. Jahrhunderts v. Chr. − ten, was selbst in der modernen wissen- r

430 v. Chr. 396 v. Chr. 264 v. Chr.

Die Samniten verdrängen die Etrusker Die Römer unterwerfen Veii nach zehn- Mit dem Fall Volsiniis (Orvieto) verlieren
aus Kampanien. Kurz darauf überrennen jähriger Belagerung. Von nun an ist die die Etrusker den Ort ihres zentralen
die Kelten aus dem Norden die etrus- Geschichte Etruriens vom Verhältnis zu Heiligtums an die Römer.
kischen Städte in der Poebene. Rom bestimmt.

40 Abenteuer Archäologie 2/2007


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Titel DIE Etrusker

Entsprechend den späteren


gelageSitten liegt der Mann beim
Mahl, während die Frau sitzt.

hörigen Werkzeuge (Spinnwirtel, Spin-


deln, Garnspulen) sind somit auch cha-
rakteristische Beigaben in den Frauengrä-
bern dieser Zeit.
Im Lauf des 8. Jahrhunderts v. Chr. öff-
nete sich diese Welt immer rascher äuße-
ren Einflüssen. Vor allem jene aus dem
Orient waren prägend. Grund für das star-
ke auswärtige Interesse an Etrurien waren
seine Bodenschätze, genauer gesagt seine
für den Mittelmeerraum ungewöhnlich
großen Eisenvorkommen. Es waren vor
allem die Phönizier, bald auch die Grie-
chen, die zwecks Metallerwerbs die Küs-
ten Etruriens mit ihren Schiffen ansteuer-
ten. Für seine Bewohner brachte dieser
Kontakt enorme wirtschaftliche und sozi-
ale Änderungen, die sich in jedem Lebens-

BPK / Scala
bereich niederschlugen.
Zu jener Zeit bildete sich Schritt für
r schaftlichen Literatur nicht immer zur lung Etruriens im 1. Jahrtausend v. Chr. Schritt eine Oberschicht heraus, die auf
Genüge geschehen ist. Römische und rö- macht einen chronologisch differenzier- ihrem Höhepunkt im 7. Jahrhundert
misch beeinflusste Schriftsteller, denen das ten Blick notwendig, um Konstanz und v. Chr. zahlenmäßig klein war, aber den-
benachbarte Etrurien ja viel besser be- Wandel im gesellschaftlichen Gefüge zu noch einen fast monopolistischen An-
kannt war, erwähnten übrigens keine Son- verfolgen. spruch auf das Land, seine Bodenschätze
derstellung der etruskischen Frauen. Sie In ihrer Frühzeit, der so genannten Vil- und seine Handelswege erhob. Dadurch
kritisierten vielmehr das Wohlleben, die lanovakultur, im 10. und 9. Jahrhundert war sie in der Lage, große Reichtümer an-
Verweichlichung, den Prunk und die Völ- v. Chr. lebten die Etrusker in kleinen Dör- zuhäufen. Dieser auch politisch dominan-
lerei, die in späterer – genauer in hellenis- fern. Die Gesellschaft war einfach und ten Oberschicht stand eine relativ große,
tischer – Zeit in den vormals so stolzen ohne ausgeprägte Hierarchien organisiert, überwiegend bäuerliche Unterschicht ge-
und tapferen Haushalten der Etrusker ihre ökonomische Basis bildete die Land- genüber, von der aber wenig bekannt ist.
Einzug gehalten hätten. wirtschaft. Fruchtbarkeit und Reproduk­ Die so genannten Fürsten (principi) des
Um dem Privatleben der Etrusker auf tion von Natur und Mensch spielten in herrschenden Stands schufen für sich und
die Spur zu kommen, müssen also in ers- dieser bäuerlichen Welt natürlich eine ihre Familien monumentale Grabanlagen,
ter Linie ihre eigenen archäologischen wichtige Rolle, wobei in den Riten die Be- die in vielen Fällen die Zeiten überdauert
Hinterlassenschaften bewertet werden. deutung des männlichen als auch des haben und für Etruskologen heute beson-
Sensible Fragen wie jene nach der weib- weiblichen Anteils betont wird. Während ders wertvoll sind. Anhand der Gräber
lichen Lebenswelt können nicht losgelöst der Mann für Krieg, Jagd und die Bearbei- zeigt sich nämlich, dass die Frauen ein in-
von Zeit und Raum betrachtet werden, tung der Felder verantwortlich zeichnete, tegraler Teil dieser Adelsgesellschaft wa-
sondern nur in Wechselwirkung mit den konzentrierten sich die Frauen auf die ren. Sie partizipierten an den Prestige-
jeweiligen wirtschaftlichen und sozialen häusliche Sphäre und deren Bewohner. und Luxusgütern ihrer Schicht, die wirt-
Entwicklungen einer Periode. Gerade die Spinnen und Weben wurden als typisch schaftliche Macht einer Familie war
rasante soziale und politische Entwick- weibliche Aufgaben angesehen, die zuge- besonders an der reichen Tracht und dem

Mitte 3. Jh. v. Chr. 90 v. Chr. 1. Hälfte des 1. Jh. v. Chr.

Die militärische Unterwerfung Etruriens Die Etrusker erhalten das römische Unter der Herrschaft des Augustus
durch Rom ist abgeschlossen. Die Bürgerrecht. Die Unabhängigkeit gehen die letzten Etrusker in der
etruskischen Städte werden Teil des Etruriens ist endgültig beendet. römischen Kultur auf.
römischen Bundesgenossensystems.

42 Abenteuer Archäologie 2/2007


kostbaren Schmuck ihrer weiblichen Mit- sonders Weben sowie die Aufsicht der da- vorübergehend eine Frau – die Gattin oder
glieder ablesbar. mit beschäftigten Mägde gehörten weiter- Mutter − diese Rolle übernehmen. Das ge-
Das Grab einer vornehmen Etruskerin hin zu den Aufgaben der Frauen. Die Alpha­ schah jedoch nur in Ausnahmefällen.
enthielt deswegen neben tönernem Ban- betisierung der etruskischen Oberschicht, Forschungsgeschichtlich gesehen sind
kettgeschirr und Metallgefäßen auch die im 7. Jahrhundert v. Chr. allmählich es gerade die Funde der orientalisierenden
Schmuck aus Gold, Silber und Bernstein, begann, machte auch vor ihren weiblichen Periode, die den Mythos der etruskischen
und dies zum Teil in erheblichen Mengen. Mitgliedern nicht halt. Dies lassen zahl- »Königinnen« nährten. Dabei unterschei-
Ein bekanntes Beispiel ist das Regolini- reiche, meist auf Tongefäßen eingeritzte det sich jedoch die Verteilung von Status-
Galassi-Grab in Caere, dem heutigen Cer- Inschriften mit Frauennamen vermuten. symbolen in etruskischen Frauengräbern
veteri, dessen Hauptkammer eine weib­ nicht wesentlich von der Situation in an-
liche Bestattung mit äußerst reichen Bei- Mythos der Königinnen deren Gebieten Italiens – etwa bei Lati-
gaben enthielt. Kostbare Exotika aus Die männlichen Mitglieder der Aristokra- nern und Venetern. Allerdings reichte de-
Elfenbein oder Straußenei, die phönizi- tie definierten sich als Krieger – wie den ren materieller Reichtum nicht an den der
sche Händler aus dem Orient mitgebracht zahlreichen Waffenbeigaben in Männer- Etrusker heran.
hatten, waren ebenfalls begehrt – Forscher gräbern zu entnehmen ist – und hielten Mit dem Bedarf an luxuriösen Waren
fanden sie sowohl in Frauen- als auch in die politische Macht in Händen. In den jeder Art bildete sich nach und nach ein
Männergräbern. Das standesgerechte Fort- späteren Phasen der so genannten orienta- Handwerkerstand heraus. Zugleich bot
bewegungsmittel dieser Zeit, den zweiräd- lisierenden Periode (8. – 6. Jahrhundert v. die stetige Steigerung des Import-Export-
rigen, von Pferden oder Maultieren gezo- Chr.) gab es gar eine Entwicklung zu Geschäfts Händlern immer lukrative-
genen Wagen, bekamen mehrheitlich einem lokalen Königtum. re Erwerbsmöglichkeiten. So entwickelte
Männer mit auf den Weg ins Jenseits. Be- Es ist typisch für die Führungsklasse sich eine Mittelschicht, die für ihre Le-
sonders hochstehenden Frauen wurde aber solch absolut regierender Gesellschaften, bensgrundlage nicht mehr auf den Besitz
auch dieses Statussymbol nicht verwehrt. dass »öffentlich« und »privat« nicht scharf oder die Bearbeitung von Grund und Bo-
Als Ehefrau (etruskisch: puia) war die voneinander getrennt sind. Dies ermög­ den angewiesen war. Und während die et-
vornehme Etruskerin Hüterin des Hauses licht eine stärkere öffentliche Präsenz vor- ruskische Gesellschaft sich durch diese
und Verwalterin seiner Vorräte. An den fei- nehmer Frauen. Grundsätzlich zählte die Arbeitsteilung zunehmend differenzierte, r
erlichen und für den sozialen Zusammen- soziale Zugehörigkeit zu einer bestimmten
halt wichtigen Banketten nahm sie teil. Als Schicht mehr als das Geschlecht der betref­
Tochter im heiratsfähigen Alter diente sie fenden Person. So konnte, falls auf Grund Tanzendes Paar
dazu, eine Allianz zwischen einzelnen Adels­ einer Notsituation ein männlicher Nach- Viele, aber nicht alle Tänzerinnen
gruppen zu schmieden. Spinnen und be- folger oder Entscheidungsträger fehlte, waren Sklavinnen.
AKG Be rl
in

 43
Titel DIE Etrusker

r wuchsen aus den schon im 8. Jahrhundert selten und erst aus späterer Zeit bekannt. halt auch weibliches und männliches
v. Chr. in Etrurien bestehenden Sied- Dies verwundert die Forscher, da wir da- Dienstpersonal. Neben Sklaven, die häufig
lungen echte städtische Zentren heran von ausgehen müssen, dass auch in Etru- aus Griechenland stammten, kamen si-
wie beispielsweise Vulci, Tarquinia, Caere rien – ganz so wie in Rom und Griechen- cherlich auch Angehörige der breiten et-
und Veii. Diese Städte verfügten jeweils land – wichtige Staatskulte von Prieste- ruskischen Unterschicht zum Einsatz, die
über ein Hinterland, das die Nahrungs- rinnen ausgeübt wurden. An bedeutenden zeit ihres Lebens auf ihre Herrschaft an­
versorgung sicherstellte. Ab dem 6. Jahr- weiblichen Gottheiten, die von Frauen gewiesen waren. Über deren Leben sind
hundert v. Chr. wickelten Hafenanlagen und Männern verehrt wurden, mangelte wir auf Grund mangelnder Quellen aber
den internationalen Handel ab, auf öf- es in Etrurien jedenfalls nicht. kaum informiert.
fentlichen Plätzen, vor und in Kultbauten Anders als in der orientalisierenden Pe-
sowie Handwerkervierteln pulsierte das Akrobatinnen bei Festen riode mit ihren großen, sozial relevanten
Leben. An der Spitze der Stadtstaaten Ein eigenes weibliches Berufsfeld könnten Familienverbänden, den so genannten
stand nun eine aus altem und neuem Adel die Klagefrauen innegehabt haben. Ihre Gentes, war im urbanen Umfeld der ar-
entstandene breitere Oberschicht, die die Aufgabe war es, bei Begräbnissen die Da- chaisch-etruskischen Republiken das Mo-
Staatsführung reglementiert und öffent- hingeschiedenen lautstark und nach allen dell der Kleinfamilie – bestehend aus Va-
lich gemacht hatte. Regeln der Kunst zu betrauern – etwa ter, Mutter und ihren Kindern – zentral
Es handelte sich um Adelsrepubliken haareraufend und sich das eigene Gesicht geworden. Dadurch ließ aber auch die öf-
ganz ähnlich jenen im republikanischen zerkratzend. Einen ziemlich sicher profes- fentliche Bedeutung der Familie nach, sie
Rom – mit auf bestimmte Zeit (meist ein sionellen Hintergrund haben auch die in galt zunehmend als privat. Besonders in
Jahr) gewählten politischen Organen. An den Wandmalereien bei Festen und feier- jenen Stadtstaaten, die starke »demokra-
diesen politischen Ämtern hatten die et- lichen Umzügen dargestellten Akroba- tische« Tendenzen zeigten − natürlich im
ruskischen Frauen keinen Anteil: Wäh- tinnen und manche Tänzerinnen, wobei antiken Sinn der Herrschaft der freien
rend sich die Männer in ihren Grabin- deren sozialer Status jedoch unsicher ist. männlichen Bürger –, trat das weibliche
schriften gern mit ihren Ämtern schmück- Ein Teil von ihnen könnte frei geboren Element stark in den Hintergrund.
ten, dem cursus honorum, fanden Forscher sein, bei anderen dürfte es sich wohl eher Allerdings verhinderte der typisch aris-
in der gesamten epigrafischen Hinterlassen­ um Sklavinnen oder in einem anderen tokratische Charakter der etruskischen Ge-
schaft Etruriens (immerhin rund 10 000 Abhängigkeitsverhältnis stehende Frauen sellschaft eine totale Abdrängung der Frau-
Inschriften) kein einziges Beispiel für eine handeln. en wie im klassischen Athen. Die Werte der
Frau mit einem politischen Amt. Selbst Denn selbstverständlich gehörte zu Familie und der familiären Kontinuität –
die Belege für weibliche Kultämter sind einem wohlhabenden etruskischen Haus- als deren Garantin die Ehefrau galt – blie-
ben in Etrurien immer zentral; das eheliche
Paar ist der Nukleus, ein harmonisches Ver-
Das Ehepaar auf einer Terrakotta- hältnis der Ehepartner gilt als erstrebens-
urne aus Volterra begegnet sich auch im wert. So stellen es zumindest die Wandma-
Jenseits auf gleicher Augenhöhe. lereien der etruskischen Gräber dar, die
ideale Werte vermitteln sollten. Leider wis-
sen wir nichts über das Erb- und Familien-
recht der Etrusker, was für die korrekte Be-
urteilung der Lebenssituation der Frauen
ein großes Problem darstellt. Stand die Et-
ruskerin ein Leben lang unter einem Vor-
mund wie ihre römische Geschlechtsgenos-
sin? Ermöglichte andererseits das Erbrecht
eine Anhäufung von Reichtum in weib-
licher Hand so wie in Rom?
Zumindest in hellenistischer Zeit, die
den antiken Frauen ganz allgemein mehr
Freiheiten und Möglichkeiten brachte,
scheint jedenfalls der Unterschied zwi-
schen dem Leben einer Etruskerin und ei-
ner Römerin nicht mehr fundamental ge-
wesen zu sein. l

Petra Amann ist Etruskologin an der Universität


AKG Berlin

Wien.

44 Abenteuer Archäologie 2/2007


EtruskeR
Gewinnen Sie eine Reise für zwei personen ins Reich der

Beantworten Sie hierzu folgende Fragen: 1) Was rechtfertigte Kaiser Vespa-


sian mit der Bemerkung »Pecunia non olet«? 2) Wer schrieb den »Skandal-
bericht« über die Etrusker? 3) Was versteht der Papst unter »amor levis«?
Bitte schicken Sie die Lösungen auf einer Postkarte an: Abenteuer Archäo-
logie, ­ Redaktion, Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg. Oder als E-Mail
an: redaktion@abenteuer-archaeologie.de. Einsendeschluss: 31. Mai 2007.
Mitarbeiter der Spektrum der Wissenschaft Verlags­gesell­schaft mbH und der Studiosus Reisen München GmbH sowie

ihre unmittelbaren Angehörigen dürfen nicht teilnehmen. Die Adressen der Teilnehmer dürfen von beiden Firmen für

Werbezwecke genutzt werden. Eine Bar­auszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
akg Berlin
Titel DIE Etrusker

AKG Berlin
Spiegel der Freude –
Spiegel der Angst Von Karl-Wilhelm Weeber

Die Grabmalereien der Etrusker wandelten sich mit den wirtschaftlichen und
politischen Machtverhältnissen auf der Apenninenhalbinsel.

»Und dies hat ein Ruheplatz für dige Welt auf, die offenbar gar nichts mit kostbarem Schmuck angetan. Ausladende
Tote sein sollen?«, fragte sich Tod und düsterem Jenseits zu tun hat. Re­ Handbewegungen lassen erkennen, wie
George Dennis vor gut 150 Jahren, als er präsentative Grabkammern, die die Archi­ angeregt sie sich unterhalten. Farbenfrohe
die Nekropole von Tarquinia besuchte. tektur von Häusern nachahmen, verströ­ Kränze hängen an den Wänden.
Das Erstaunen, das der englische Reisende men mit ihren prächtigen, in kräftigen Far­ Man lässt es sich gut gehen. Diener
in seinem viel gerühmten Werk über »The ben aufgetragenen Malereien Heiterkeit, ja sorgen für das leibliche Wohl; sie halten
cities and cemeteries of Etruria« zum Aus­ geradezu Lebensfreude. Weinkannen in den Händen, aus denen
druck brachte, ergreift noch heute viele Es ist, als laden sie die Betrachter zum sie jederzeit nachschenken können. Musi­
Touristen, die einen Abstecher zu den »be­ Genießen ein. Ein häufiges Motiv sind kanten und Tänzer beleben die Szenerie.
malten Grotten« der Stadt machen. Bankettszenen. Ein oder mehrere Paare Ihre dynamischen Bewegungen stehen in
In der Tat: 12 bis 15 Stufen unter der sind bei üppigen Tafelfreuden dargestellt; deutlichem Kontrast zu der Ruhe, die die
Erde tut sich dort in vielen Gräbern eine die Männer oft mit freiem Oberkörper, auf den Sofas liegenden Speisenden aus­
bunte, fröhliche und ausgesprochen leben­ die Damen prachtvoll gewandet und mit strahlen. Bei aller manchmal bis zur Über­

46 Abenteuer Archäologie 2/2007


Irdische vergnügungen bei Cumae, nordwestlich des heutigen tretende Dämonen symbolisieren die Un­
erwarten die Verstorbenen auch im Neapel, bedeutete den Verlust der Seeho­ erbittlichkeit und Freudlosigkeit des
Jenseits (Tomba della Caccia e Pesca, heit. Das aufstrebende Rom, einst eine Todes. So düster und unsicher, wie sich
Grab der Jagd und des Fischfangs). etruskische Gründung, expandierte zuse­ die Zukunft im Diesseits darstellt, er­
hends und verleibte sich im 4. Jahrhun­ scheint auch die Totenwelt. Der bedroh­
dert v. Chr. Etrurien ein. Das reiche liche Charun und seine nicht minder
treibung neigenden Lebendigkeit der Un­ Kampanien entglitt durch Überfälle der Furcht einflößende Gefährtin Vanth wer­
terhaltungskünstler fügt sich das Ganze Bergstämme den dort herrschenden, einst den sozusagen zu Leitfiguren der Grabma­
doch zu einem überaus harmonischen En­ so mächtigen und unbekümmerten Etrus­ lerei des 4. und 3. Jahrhunderts v. Chr.
semble: Hier, signalisieren die bemalten kern, das nördliche Siedlungsgebiet in der Dunkle, braun gemalte Gestalten der Un­
Wände dem Betrachter, lässt es sich gut Poebene ging an die vordringenden Gal­ terwelt prägen nunmehr die Atmosphäre
aushalten, hier lassen sich die Wonnen des lier verloren. des Totenhauses.
Daseins ungetrübt genießen. Ein weiteres Motiv der Spätzeit sind
Bisweilen treten andere Motive hinzu: Eine Ahnung vom Ende Waffen – auch dies wohl ein Resultat der
Athleten, die den tafelnden Zuschauern Das Land steckte in einer veritablen Krise, Erfahrung, dass die Lebenswelt rauer, un­
einen spannenden Kampf bieten (bis hin die auch ökonomisch spürbar war – und sicherer, gefährlicher geworden ist: Man
zu einem dramatischen Wagenrennen in die erheblich auf das Selbstbewusstsein muss sich gegen zahlreiche angreifende
der Tomba delle Olimpiadi), Gaukler, die wie den Zukunftsglauben der Oberschicht Feinde wehren; die aus einer stabilen
Kunststücke vorführen, oder auch Fischer, drückte. Erneut wurden Grabmalereien Machtposition gespeiste Selbstsicherheit
die ihre Netze auswerfen, und ein Jäger, zum Spiegel einer nun gewandelten Men­ ist dahin.
der mit einer Schleuder auf einen der zahl­ talität. Auch hier ist die Quellenlage dünn; Einst strotzend von Symbolen ihrer Le­
reich über ihm flatternden Vögel anlegt – sie beschränkt sich auf einige Kunstwerke. bendigkeit und unbekümmerten Be­
vermutlich eine Anspielung auf Jagd und Aber der Wechsel in den Motiven ist of­ schwingtheit sind die Grabmalereien der
Fischfang als Hobbys einer wohlhabenden fensichtlich. Etrusker in der Spätzeit erfüllt von Angst
Oberschicht. Dabei fehlt der Darstellung Die lebensfrohen Darstellungen ver­ verbreitenden Todesdämonen – als hätte
jede Aggressivität; die in Rot und Blau ge­ schwinden weit gehend. An ihre Stelle tre­ ein Volk sein eigenes Ende erahnt. l
malten Vögel verleihen dem Bild vielmehr ten düstere Themen. Die Einstellung zum
eine beschwingte Verspieltheit. Tod hatte sich geändert: Der hammerbe­
Ausgemalte Gräber waren ein Luxus, wehrte, grausige Charun als Wächter der Der Autor ist Althistoriker in Wuppertal.
den sich nur ein kleiner Teil der Aristokra­ Unterwelt, einzelne oder in Gruppen auf­
tie gönnte. Trotz dieser schmalen Doku­
mentationsbasis darf man die heiteren
Motive als Spiegel einer positiven, opti­ In der Unterwelt wartet düster
mistischen Mentalität der Auftraggeber der Totengott Hades (Tomba dell’Orco,
interpretieren, die sich auf die ganze Ober­ Grab der Unterwelt).
schicht übertragen lässt. Sie passt bestens
zur Belle Époque der Etrusker im 6. und
frühen 5. Jahrhundert v. Chr. Damals be­
herrschten sie das Tyrrhenische Meer. Ein­
zelne ihrer Stadtstaaten hatten die Kon­
trolle über Latium und Kampanien er­
rungen.
BPK / Scala

Auch nördlich des Apennins und in der


Poebene hatten sie Fuß gefasst. Der Han­
del florierte, die Zukunft erschien stabil
und sicher – und dieses Bewusstsein wurde
gewissermaßen auf das Jenseits übertragen.
Wie sich die Etrusker ein Leben nach dem
Tod konkret vorstellten, wissen wir nicht.
Aber offenbar glaubten sie, dass die Freu­
den des Diesseits auch in der Totenwelt
nicht völlig vorbei seien – und bildeten sie
in wunderbar lebendigen Fresken ab.
Doch im Jahr 474 v. Chr. begann der
politische und wirtschaftliche Niedergang
Etruriens, vor allem der Küstenmetro­
polen. Der Sieg einer griechischen Flotte
Titel DIE Etrusker

AKG
Be r
lin

48
Geburtshelfer Roms Von Theodor Kissel

Mehr als hundert Jahre lang lenkten etruskische Könige die Geschicke Roms.
Für die Römer war dieser Kontakt äußerst fruchtbar, für die Etrusker endete er mit
dem Verlust ihrer Identität.

Eigentlich, so befand im Jahr 48 n. torie und verliehen ihren Anfängen legen­ hügel. Damals, so berichtet der römische
Chr. der römische Kaiser Claudius denhaften Charakter mit der sagenhaften Geschichtsschreiber Titus Livius, stieß
in einer Rede vor dem Senat, sei Rom im Gründung Roms durch Romulus (siehe man beim Ausheben der Fundamente für
Lauf seiner Geschichte mit Auswärtigen Kasten S. 50). den Tempel des Jupiters auf den abge­
nicht schlecht gefahren – und dabei be­ Die Wirklichkeit sah indes anders aus, trennten Kopf einer Statue, dessen Ge­
zog er sich auf die etruskischen Könige. die »Stadtwerdung« Roms war ein Werk sicht noch unversehrt war, »wie das eines
Der Monarch, als Autor von zwanzig Bü­ der Etrusker. Rom entpuppte sich gerade­ noch lebenden Mannes«. Das konnte
chern über dieses Volk ein ausgewiesener zu als Fundgrube für etruskische Hinter­ nichts anderes heißen, so die Interpreta­
Experte, wusste um dessen Verdienste für lassenschaften: kostbare Weihgaben aus tion der eilig herbeigerufenen Zeichen­
das frühzeitliche Rom. Dies offen auszu­ Gold und Elfenbein, kunstvoll gefertigte deuter, dass dieser Hügel einst das »Haupt
sprechen wäre seinen republikanischen Bronzestatuetten und ungezählte Gefäße der Welt« sein würde.
Vorfahren niemals in den Sinn gekom­ aus Bucchero, der schwarzen Keramik der Der ominöse Kopf wurde dem Olus
men. Im Gegenteil: Mehr an der Verherr­ Etrusker – ganz zu schweigen von den Vibenna zugeordnet, einem etruskischen
lichung einer beispielhaften Vergangen­ baulichen Relikten dieses kulturell hoch­ Adligen aus Vulci, der kurz zuvor nach
heit inte­ressiert als an faktischer Wahr­ stehenden Volks. Rom übergesiedelt war. Dieser »Kopf des
heit, setzten die Römer alles daran, die Den spektakulärsten Fund machten Olus«, lateinisch: caput Oli, gab dem Ca-
eigene Geschichte in ihrem Sinn umzu­ Bauarbeiter bereits gegen Ende des 6. pitolium seinen Namen. Dass ausgerech­
deuten. Sie erklärten den Mythos zur His­ Jahrhunderts v. Chr. auf dem Kapitols­ net ein Etrusker Pate für den römischen r

Die etruskische Statue des


»Arringatore« (Redner) ist von einer
römischen nicht zu unterscheiden –
Zeichen für die Anpassung der Etrusker
an die Kultur des Imperium Romanum.

Abenteuer Archäologie 2/2007  49


Titel DIE Etrusker

wicklung Roms ihren Stempel aufge­


drückt hat: das Königtum.
Romulus – Gründer Roms Die Zahl der etruskischen Könige, die
in Rom regierten, wurde von den Römern
Q »Für die Gründung der Stadt ließ Romulus eigens Männer aus Etrurien selbst mit zwei angegeben; beide hätten
kommen, die nach gewissen heiligen Satzungen und Aufzeichnungen zu allem den Namen Lucius Tarquinius geführt –
die Anweisung und Anleitung gaben wie bei Mysterien. Dort, wo später das mit der Unterscheidung Priscus, der
­Comitium, die Versammlungsstätte des Volks, errichtet wurde, hob man eine Altehrwürdige (616 – 579 v. Chr.), und
runde Grube aus und legte Erstlinge von allem, was man der Sitte nach als gut Superbus, der Übermütige (534 – 509 v.
oder der Natur nach als notwendig in Gebrauch hatte, hinein. Zuletzt brachte Chr.). Zwischen beiden führten sie Ser­-
jeder eine Hand voll Erde aus dem Land, woher er gekommen war, und warf sie vius Tullius auf (578 – 535 v. Chr.), über
darauf, und dann rührte man alles durcheinander. dessen Herkunft sie nicht recht Bescheid
Diese Grube benennen sie mit demselben Wort wie das Weltall: mundus. wussten. Die Etrusker aber kannten ihn
Hierauf beschrieb man um sie wie um das Zentrum eines Kreises die Stadt- als Mastarna, einen Führer von Söldnern
grenze. Der Gründer befestigte an einem Pflug eine eherne Pflugschar, spannt aus Vulci, der um die Mitte des 6. Jahr­
einen Ochsen und eine Kuh davor und zieht selbst, rings an der Stadtgrenze hunderts v. Chr. mit seiner Privatarmee
entlanggehend, eine tiefe Furche, und Aufgabe der Hinterhergehenden ist es, Rom in Besitz nahm. So befand sich die
die Schollen, die der Pflug aufwirft, nach innen zu werfen und darauf zu ach- Stadt seit dem ersten Tarquinier wohl un­
ten, dass keine draußen liegen bleibt. Durch diese Linie bestimmen sie den unterbrochen mehr als ein Jahrhundert
Verlauf der Mauer, und man nennt sie zusammengezogen pomerium, das heißt lang in der Hand etruskischer Könige –
>hinter der Mauer<« (Plutarch, Romulus 11). ein Kontinuum, das dem gesamten Sied­
lungsgebiet einen Charakter gab, der laut
Dionysios von Halikarnassos dem einer
r Götterberg stand, zeigt, wie nachhaltig gaben dem bäuerlichen Gemeinwesen eine »etruskischen Stadt« entsprach.
dieses Volk die spätere Weltmacht Rom soziale und politische Ordnung. Das Stadtbild Roms erhielt seine be­
beeinflusste. Bevor es allerdings so weit war, muss­ sondere Note durch die etruskischen Tem­
Schon bei der Gründung der Ewigen ten die auf einzelnen Hügeln verstreut lie­ pel. Solche Wohnstätten der Götter waren
Stadt ist seine Handschrift deutlich spür­ genden Kleinsiedlungen zu einem großen den Einheimischen fremd; sie opferten
bar: die Sitte, eine Stadt als sakralen Raum Ganzen vereinigt werden – ein siedlungs­ und beteten seit alters her an Altären un­
zu weihen, dessen Umfang und Anord­ politischer Prozess, den die Forscher als ter freiem Himmel. Ebenso fremd waren
nung anhand göttlicher Himmelszeichen Synoikismos bezeichnen (aus dem grie­ ihnen bildliche Darstellungen von Göt­
festgelegt wurde; der mundus (etruskisch: chischen syn: zusammen und oikein: tern, sie verehrten sie vielmehr als gestalt­
munth), ein geordneter Platz, welcher als ­wohnen). lose Wesen. Erst mit den Etruskern kamen
Eingang zur Unterwelt galt, zugleich Tod Heiligtümer und Götterbilder nach Rom.
und Fruchtbarkeit der Erde versinnbild­ Magisches Denken Eine Statue ihres Hauptgotts Voltumna er­
lichte und als geistiges Zentrum der Ge­ Vor der Stadtwerdung wurde die zum Teil richteten sie im Vicus Tuscus, dem Etrus­
meinschaft diente; schließlich das pome- noch sumpfige Senke zwischen Kapitol kerviertel zwischen Forum und Circus
rium, die sakrale Stadtgrenze, die durch und Palatin trockengelegt, aufgeschüttet Maximus. Sakraler Mittelpunkt indes war
das Ziehen der »heiligen Furche« (sulcus und mit einer Pflasterung versehen. Ein der Kapitolshügel, auf dem ein Tempel für
primigenius) Böses und Feindliches von unterirdisches Entwässerungssystem (cloa- Jupiter, Juno und Minerva (etruskisch: Ti-
der Gemeinschaft fernhalten sollte – alle­ cae, siehe S. 26), konstruiert von etrus­ nia, Uni, Menrva) entstand. Er war das
samt genuin etruskische Rituale (siehe kischen Ingenieuren, schuf die Vorausset­ Werk von Tarquinius Superbus, der hier­
Kasten oben). zung dafür, dass das Gelände zwischen für eigens Handwerker aus ganz Etrurien
Die Etrusker, die im 8. Jahrhundert v. dem Palatin und dem Kapitolshügel – das nach Rom kommen ließ. Diese brachten
Chr. mitten in Italien scheinbar aus dem spätere Forum – dauerhaft bewohnt wer­ nicht nur das architektonische Knowhow,
Nichts kamen und ihren Machtbereich den konnte. sondern auch gleich die künstlerische Aus­
zeitweise bis nach Kampanien und in die Die neue politische Dimension des stattung mit: Terrakottaskulpturen samt
Poebene ausdehnten, übernahmen im Siedlungskomplexes fand ihren Ausdruck einer Quadriga mit dem Blitze schleu­
späten 7. Jahrhundert v. Chr. die Herr­ in der Anlage eines Platzes für Versamm­ dernden Jupiter für die Dachbekrönung
schaft über das latinische Rom – damals lungen. Comitium nannte man die um sowie für das Innere des Tempels eine in
noch ein verschlafenes Nest am Ufer des 600 v. Chr. entstandene Stätte im Westteil Veii gefertigte Statue des obersten Gotts.
Tiber. Doch seine Lage zur Flussmündung des Forum Romanum, dem neuen poli­ In den Tempelgründungen der etrus­
und am Kreuzungspunkt der wichtigen tischen Zentrum Roms. Zu eben dieser kischen Könige Roms manifestiert sich
Landverbindungen zwischen Etrurien und Zeit entstand auf dessen gegenüberlie­ der Anfang der römischen Religion. Hier
Kampanien machten den Ort für das auf­ gender Seite das erste Amtsgebäude, die übten sie den stärksten Einfluss auf die
strebende Händlervolk attraktiv. Mit den regia, deren Namen auf diejenige Institu­ Römer aus. Magisches Denken war das
Etruskern begann die Urbanisierung, sie tion hinweist, die der städtischen Ent­ Erbe der Etrusker. Überirdische Wesen

50 Abenteuer Archäologie 2/2007


sollen ihnen einst eine heilige Lehre of­ großen Respekt. Berühmtheit erlangte der der römischen Amtsträger: »Alle Zier und
fenbart haben, damit sie den Willen der Haruspex Spurinna, der Caesar im Jahr 44 Zeichen, die den Glanz der Herrschaft
Götter erkennen. Diese »etruskische Dis­ v. Chr. vergeblich davor warnte, an den ausmachen, stammen von den Etrus­
ziplin«, wie die Römer die Kunst der Iden des März das Senatsgebäude zu be­ kern«, schrieb Publius Annius Florus im
Weissagung nannten, enthielt alles Wis­ treten. Bis in die christliche Spätantike 2. Jahrhundert n. Chr. Der römische His­
senswerte über den richtigen Umgang mit schätzte man die Weissager, suchte ihren toriker nennt Kriegsorden, Siegeszeichen,
dem Götterwillen. Den einzuholen oblag Rat bei wichtigen Staatsopfern, aber auch die Senatorentoga, den elfenbeinernen
Spezialisten: den fulguriatores etwa, die die in politischen Notsituationen, wie etwa Klappstuhl, auf dem ein römischer Ma­
Zeichen der Götter aus der Gestalt von bei der Belagerung Roms durch den West­ gistrat bei seinen Amtshandlungen Platz
Blitzen interpretierten; den augures, die goten Alarich 408 n. Chr. Von den unzäh­ nahm, und die fasces, das Rutenbündel
den Willen der Allmächtigen im Flug der ligen Riten der Etrusker übernahmen die mit dem Beil, das lictores genannte Poli­
Vögel erkannten; und den haruspices, die Römer ferner das Auspizienwesen, also die zeidiener den Amtsträgern als Zeichen ih­
aus den Eingeweiden von frisch geopfer­ Erkundung des Götterwillens mittels Vo­ rer Macht vo­rantrugen. Etruskischen Ur­
ten Tieren lasen. gelflug, sowie die Kultvorschriften bei der sprungs war außerdem der Begriff des im-
Gründung und Ausrichtung einer Stadt. perium als der absoluten Obergewalt, die
Respekt vor Eingeweidelesern Letztere gehen auf das so genannte etrus­ jemand mit Zustimmung der Götter er­
Vor allem mit der Leberschau nahmen be­ kische Himmelskreuz zurück, ein Instru­ hält und in ständigem Einvernehmen mit
reits die Völker des Alten Orients mit jen­ mentarium, mit dem die göttlichen Be­ ihnen ausübt.
seitigen Mächten Verbindung auf. Wis­ wohner des Kosmos vier gleich großen, Auch die Organisation feierlicher Spie-
senschaftler fanden hierfür eine Art Lexi­ nach den Himmelsrichtungen orientierten le, das Gladiatorenwesen sowie das Zere­ r
kon, die Bronzeleber von Piacenza (Foto Sektoren zugeordnet wurden.
unten). Auf dieser dreizehn Zentimeter Etruskisch war gleichfalls die frührö­
langen Nachbildung einer Schafsleber, of­ mische Gesellschaftsordnung, die nach Auf der Bronzeleber von
fenbar ein Lehrmodell für etruskische Geschlechtern und Regionen gegliederte Piacenza wurden in die Felder
Priester, sind die Namen verschiedener Unterteilung des Bürgerverbands sowie die Namen verschiedener Götter ein-
Götter eingeritzt. Je nachdem, welcher Be­ die Unterscheidung des römischen Ho­ geritzt. Sie diente angehenden Leber-
reich einer Leber verändert war, sandte heitsgebiets in einen zivilen städtischen schauern offenbar als Anschauungs­
diese oder jene Gottheit eine Botschaft. und einen militärischen ländlichen Be­ objekt. War dieses Organ eines Schafs
Wer die Eingeweide zu lesen verstand, reich. Ebenso verhielt es sich mit dem an einer bestimmten Stelle verändert,
genoss bei den gottesfürchtigen Römern Staatszeremoniell und den Machtinsig­nien war dies Zeichen der Gottheit.
BPK / Scala

Abenteuer Archäologie 2/2007  51


Titel DIE Etrusker

r moniell bei den Leichenfeierlichkeiten ge­ und das Alphabet übernahmen. Geburts-, und warteten nur auf eine passende Gele­
hen auf die Etrusker zurück – nicht um­ Entwicklungshelfer, Kulturbotschafter – genheit, um den verhassten Despoten zum
sonst soll das lateinische Wort caeremonia die zivilisatorischen Leistungen, welche Teufel zu jagen. Diese kam um die Wende
von der etruskischen Stadt Caere stam­ die Etrusker den Römern für mehr als vom 6. zum 5. Jahrhundert v. Chr., aller­
men. Tatsächlich liefern die Grabanlagen hundert Jahre erbrachten, können vor dings von außen, nachdem sich der Etrus­
im heutigen Cerveteri den besten Einblick dem Hintergrund der späteren Größe kerkönig Porsenna aus Vulci für kurze Zeit
in den Totenkult des Volks. Ebenfalls et­ Roms gar nicht hoch genug eingeschätzt Roms bemächtigte.
ruskisches Erbe ist das dreiteilige römische werden. Um 500 v. Chr. traten im Norden und
Namenssystem, gegliedert in Vor-, Fami­ Süden der Apenninenhalbinsel Mächte
lien- und Beinamen. Ja, selbst der Name Bundesgenossen von Roms Gnaden auf den Plan, durch die sich die Kräfte­
»Rom« ist etruskisch, abgeleitet von dem All das ändert jedoch nichts an der Tatsa­ verhältnisse in Italien von Grund auf än­
Familiennamen Rumlna. che, dass Rom während dieser Zeit von ei­ derten. Die Kelten bedrängten zuneh­
Deutliche Spuren haben die Etrusker ner fremden Macht beherrscht wurde, de­ mend die etruskischen Städte in der Po-
auch in der römischen Ordnung hinterlas­ ren Herrschaft unter Tarquinius Superbus ebene. Auch führten schwere militärische
sen, ihr Einfluss erstreckt sich nahezu auf zunehmend tyrannische Züge annahm. Niederlagen gegen die Griechen in Kam­
alle Lebensbereiche. Neben ihrer eigenen Die immer selbstbewusster auftretenden panien zu einem allgemeinen Machtver­
Kultur machten sie die Römer aber auch patrizischen Geschlechter Roms strebten, lust der Etrusker. Der Rückzug aus diesen
mit fremden bekannt, vor allem mit der der Herrschaft eines Einzelnen schon lan­ Regionen verschärfte interne Rivalitäten
griechischen, von der sie das Theaterwesen ge überdrüssig, ihrerseits an die Macht zwischen den einzelnen Etruskerstädten

AKG Berlin

52 Abenteuer Archäologie 2/2007


Die Grabmalereien der
Etrusker zeigten nicht nur Lebens-
freude. Auf diesem Fresko aus der Tomba
degli Auguri ist das so genannte phersu-
Spiel bezeugt. Dabei wird ein Hund auf
einen Mann gehetzt, der sich nur mit
einem Stock zur Wehr setzen kann. An-

aus: Stephan Steingräber (Hg.), Etruskische Wandmalerei, Belser Verlag 1985


geblich geht unser Wort »Person« darauf
zurück.

derart, dass sie wenig später auch ihre Vor­


machtstellung in Latium einbüßten. Von
dieser Entwicklung profitierte Rom, das
die etruskische Schwäche nutzte, um die
kurzfristige Herrschaft Porsennas mitsamt
der Institution des Königtums abzuschüt­
teln. Das war die Geburtsstunde der rö­
mischen Adelsrepublik, der res publica Ro-
mana. Das Pendel der Macht war nun
endgültig zu Gunsten der Römer ausge­ Zwölfstädtebunds und Sitz des Bundes­ dem seine Heimatstadt die Statue des »Ar­
schlagen, die das Machtvakuum, das die heiligtums, 264 v. Chr. zerstört. Mitte des ringatore« – des Redners – (siehe Bild S.
Etrusker in Latium hinterlassen hatten, 3. Jahrhunderts v. Chr. waren die Etrusker 48) aufgestellt und dem etruskischen Gott
schnell füllten. Von hier aus starteten die bereits politisch abhängig von Rom, und Tinia geweiht hat. Ein Unterschied zwi­
Feldherren des Imperiums ihren unauf­ seine Bewohner waren Bundesgenossen schen Römern und Etruskern war in vie­
haltsamen Eroberungszug. von Roms Gnaden. lerlei Hinsicht nicht mehr auszumachen.
Die Etrusker hatten Kräfte geweckt, die Die Romanisierung Etruriens begann Die Etrusker kultivierten eine Zivilisa­
sich nun – Ironie der Geschichte – gegen mit der Errichtung römischer Kolonien tion, in der sie schließlich aufgingen. So
sie selbst richteten. Jahrzehntelang hatten im Etruskerland und endete mit der Ver­ lautlos, wie sie in die Geschichte eintra­
die Römer, Meister im Aneignen von leihung des römischen Bürgerrechts an ten, so leise verschwanden sie aus ihr;
fremdem Knowhow, von den zivilisato­ alle italischen Völker im Jahr 90 v. Chr. noch in der Antike verlieren sich ihre Spu­
rischen Errungenschaften der Etrusker Latein wurde nun in ganz Etrurien zur ren. »Alles, was wir über dieses Volk wis­
profitiert, »das meiste davon übernom­ Amtssprache – und allmählich dachten sen, stammt aus ihren Gräbern«, sagt
men, nachgeahmt und für ihre eigene Zi­ seine Bewohner auch wie Römer. Dieser Friedhelm Prayon von der Universität Tü­
vilisation noch verbessert« (Poseidonios mentale Wandel zeichnete sich bereits im bingen. Der Rest bestehe mehr oder min­
von Apamea, 135 – 51 v. Chr.). Jetzt de­ 2. Jahrhundert v. Chr. ab. der aus tendenziösen Schriften der einsti­
monstrierten sie ihre Lernfähigkeit. Es gen Gegner.
waren Roms Legionäre, von den Etrus­ Lautlos verschwunden Besonders die Römer, die den Etrus­
kern für den Kampf in geschlossener Damals scheint die römische Lebensweise kern so viel zu verdanken hatten, zeigten
Schlachtreihe geschult, die nach und nach für die Menschen zwischen Arno und Ti­ sich am Ende wenig souverän. Im Gegen­
die etruskischen Stadtstaaten Mittelitali­ ber derart attraktiv gewesen zu sein, dass teil: Schulmeisterhaft erhoben sie den Zei­
ens eroberten. 396 v. Chr. wird das einst sich zumindest die lokale etruskische gefinger und schalten ihre ehemaligen
mächtige Veii eingenommen. 281 v. Chr. Oberschicht bereitwillig integrieren ließ Lehrmeister »fette Schlemmer«, die ihre
geht Tarquinia, die älteste und vornehms­ und Sitze im römischen Senat anstrebte. Existenz durch übermäßige Ausschwei­
te Etruskerstadt, im römischen Herr­ Personifiziert findet sich dieser Assimilie­ fungen, mithin durch eigenes Verschulden
schaftsbereich auf. Schließlich wird Volsi­ rungsprozess in Gaius Maecenas, Adels­ verspielt hätten. Als Beweis dienten ihnen
nii (Orvieto), Zentralort des etruskischen spross aus dem nordetrurischen Arretium deren Gräber, in denen die Etrusker ihr
(Arrezzo) und später Kunstförderer sowie Leben auch im Jenseits noch in vollen Zü­
wichtigster Berater des Kaisers Augustus. gen genießen sollten. Bei derartiger Aus­
Tarquinius Superbus gründet Auch die estruskischen Künstler hatten gelassenheit wundert es nicht, dass das la­
den Jupiter-Tempel auf dem Kapitol. Der sich sukzessive den römischen Stil zu eigen teinische Wort für Verschwender – nepos –
letzte König der Etrusker drückte der noch gemacht. Prominentes Beispiel dafür ist etruskischen Ursprungs ist. l
jungen Stadt Rom seinen Stempel auf. Der eine 1566 bei Perugia gefundene Bron­
Kapitolshügel war fortan sakraler zestatue eines älteren bartlosen Mannes in
Mittelpunkt der Metropole. Das Gemälde der Toga aus dem 2. oder 1. Jahrhundert v. Theodor Kissel ist freier Autor und forscht als Alt-
stammt von dem italienischen Maler Perin Chr. Auf den ersten Blick ein Römer, weist historiker an der Universität Mainz.
del Vaga (1501 – 1547). ihn eine Inschrift jedoch als Etrusker aus,

Abenteuer Archäologie 2/2007  53


r  r  r S C H R I F T & S P R A C H E

taH pagh taHbe’


»Sein oder Nichtsein«: Shakespeares Werke gibt es auch auf Klingonisch. Ob er sich
­darüber gefreut hätte oder sich deswegen im Grabe dreht, ist ungewiss. Sicher ist: Es gibt
Sprachen, die gibt es gar nicht.

Von Josef Tutsch existierenden Sprachen, die heute auf gua natural e musical de parolas internati-
­unserem Globus gesprochen werden. Fik- onal e un grammatica minimal. Compren-
Da werden Englisch- und La- tive Linguistik bleibt dennoch ein Feld für sibile facilemente per personas intelligente«
teinlehrer vor Neid erblas- Außenseiter, die wohl auch ein privates (»Eine natürliche und musikalische Spra-
sen. »Meine Kinder interessieren sich sehr Interesse mit solchen Fantasiewelten ver- che aus internationalen Wörtern und einer
für die Sprache der Elben. Gibt es bereits bindet, wie zum Beispiel die Chemnitzer Minimalgrammatik. Leicht zu verstehen
akustisches Lehrmaterial?« – »Bitte infor- Germanistikstudentinnen Annett Kittner für intelligente Menschen«). Vergleichbar
miert mich, wann der Sindarin-Kurs an- und Corinna Bader. In ihrem Freundes- ist auch das »Basic English«, das Charles
fängt, ich freu mich schon aufs Vokabeller- kreis wird manchmal Klingonisch ge- Kay Ogden 1930 geschaffen hat. In der
nen.« Seit Peter Jacksons Filmtrilogie »Der sprochen – oder auch mal Vulkanisch, Praxis funktioniert dieses aber nicht als ei-
Herr der Ringe« ist das Internet voll von eine der weniger ausgebildeten Star-Trek- gene Sprache, sondern als Englisch für
solchen Botschaften. Fremdsprachen sind Sprachen. Sprecher und Schreiber, die noch ungeübt
in Mode – allerdings weder lebende noch sind. Was Ogden damals wollte, hat sich
tote, sondern vielmehr erfundene. Flirten auf Lateinisch mittlerweile sozusagen von selbst realisiert:
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhun- Als ältestes erfundenes Sprachsystem in Schon mit geringen Englischkenntnissen
derts hatte der Romancier John Ronald der Belletristik gilt das der Sevaramben, kommt man weltweit zurecht.
Reuel Tolkien seine Völker in »Mittelerde« eines Volksstamms, den der Franzose De- Den größten Erfolg hat seit 1887 das
mit eigenen Sprachen ausgestattet. Der nis de Vairasse 1677 auf einer Südseeinsel Esperanto des polnischen Arztes Ludwik
Film machte Tolkiens Sprachkonstruktio- ansiedelte. Das Phänomen der Fange- Zamenhof. Das Vokabular ist bunt ge-
nen für eine weltweite Fangemeinde hör- meinde, die durch Rollenspiele in die fik- mischt – so kommt das Pferd (cevalo) aus
bar. Man darf sich also vorstellen, wie Tol- tive Welt ihrer Helden eintauchen möchte, dem Französischen, der Vogel (birdo) aus
kienfans grammatische Formen pauken: gab es damals freilich noch nicht. De Vai- dem Englischen, der Hund (hundo) aus
linnon – ich singe; linnal – du singst; lin- rasse musste sich somit keine Gedanken dem Deutschen –, die Grammatik simpel
na – er/sie/es singt. darüber machen, wie er seine Kunstspra- und vor allem möglichst regelmäßig. In
Es ist nicht die erste Welle dieser Art. che durch ein hinreichendes Vokabular gewissem Maß darf dieses Kunstprodukt
1984 ließ die Filmgesellschaft Paramount und eine ausgearbeitete Grammatik auch heute als lebende Sprache angesehen wer-
durch den Linguisten Marc Okrand für sprechbar machen konnte. den, einschließlich originalsprachlicher
eines der Völker in ihrer »Star Trek«-Serie, Klingonisch und Tolkiens Elbenspra- Poesie. Sogar in die vielsprachigen Weih-
die kriegerischen Klingonen, eine eigene che Sindarin sind hingegen »alltagstaug- nachtsbotschaften der Päpste hat Zamen-
Sprache entwickeln. Der Höhepunkt war lich« geworden. Fans in aller Welt können hofs Esperanto Aufnahme gefunden.
erreicht, als Captain Kirk belehrt wurde, sich, über die Barrieren realer Sprachen Soll eine Sprache lebendig bleiben, ist
Shakespeares »Hamlet« solle ein gebilde- hinweg, nun ja, nicht gerade zu Fragen Veränderung unerlässlich, vor allem im
ter Mensch nicht in der englischen Über- der Relativitätstheorie und des Nahost- Wortschatz: Zamenhof konnte weder von
setzung, sondern im klingonischen Ori- Konflikts, aber wenigstens rudimentär televido noch von komputilo etwas wissen.
ginal lesen: »taH pagh taHbe’. DaH miteinander verständigen. Diese Idee steht Es wird eines der Hindernisse für die Ver-
mu’tIHeghvam vIqelnIS« – »Sein oder auch hinter den vielen Welthilfssprachen, breitung des Konkurrenzangebots Volapük
Nichtsein, das ist hier die Frage.« Auf dem mit denen seit dem 19. Jahrhundert expe- gewesen sein, dass dessen Erfinder, Johann
Büchermarkt und im Internet sind längst rimentiert wird. Das Rezept machte der Martin Schleyer, den Ehrgeiz hatte, die
Lehrbuch und Lexikon verfügbar – selbst- Italiener Giuseppe Peano 1903 im Namen Entwicklung »seiner« Sprache dauerhaft
verständlich in der Originalschrift, die Pa- seiner Hilfssprache deutlich: »Latino sine kontrollieren zu wollen. Dabei haben selbst
ramount den Klingonen spendierte, genau flexione« – das verbreitete Vokabular des die »natürlichen«, gewachsenen Sprachen
wie schon ein halbes Jahrhundert zuvor Lateinischen sollte übernommen, die solche regelrecht am Schreibtisch entwor-
Tolkien seinen Völkern in Mittelerde. komplexe Grammatik dagegen radikal ver- fenen Elemente. Oft ist es die Industrie, die
Die Elbensprachen und das Klingoni- einfacht werden. auch unsere Sprache mit neuen, meist eng-
sche sind »wissenschaftlich« besser doku- Auf dieselbe Weise verfuhr 1951 Ale­ lisch klingenden Kreationen bereichert –
mentiert als viele der etwa sechstausend xander Gode mit seiner Interlingua: »Lin- dem Handy etwa.

54 Abenteuer Archäologie 2/2007


In Frankreich ist die Académie française
in solchen Fällen bemüht, Prägungen aus
dem französischen Wortschatz dagegenzu-
halten, manchmal mit Erfolg. So sollen
sich matériel und logiciel für Hardware
und Software sogar unter Computerexper-
ten durchgesetzt haben. Im Vatikan be-
hilft sich die Redaktion des »Lexicon re-
centis latinitatis« oft mit Umschreibungen,
wenn sie die kirchliche Amtssprache La-
tein aktualisieren will. Zum Beispiel geht
»Flirt« beim Heiligen Stuhl als amor levis
durch: die leichte Liebe ... Im Grunde
stand bereits das Neulatein der Humanis-
ten im 15. Jahrhundert vor der gleichen
Situation. Alles, was sich in den fast an-
derthalbtausend Jahren seit Cicero entwi-
ckelt hatte, in der Lebenswelt wie in der
Sprache, sollte künstlich durch Formen
und Wörter ersetzt werden, die bei den
klassischen Autoren belegt waren oder we-
nigstens in deren Texte gepasst hätten.
Andererseits haben Sprachen wie Fran-
zösisch, Englisch und Deutsch jahrhun-
dertelange Entwicklung benötigt, um
komplexe Sachverhalte präzise ausdrücken
zu können. Ohne schöpferische Überset-
zungen aus den antiken Sprachen – be-
kanntestes Beispiel: Luthers Bibel – wäre
unser heutiger Wortschatz zweifellos um
einiges ärmer. Die Sprachphilosophen ha-
ben immer wieder die Frage aufgeworfen,
ob natürliche Sprachen überhaupt zu kla-
ren und eindeutigen Aussagen in der Lage
sind. Um 1700 spielte Gottfried Wilhelm
Leibniz mit der Idee einer streng logischen
Karsten Müller, Pfaffenhofen

Sprache, die alle Missverständnisse un-


möglich machen würde. In den 1950er
Jahren haben die Linguisten dieses Projekt
wieder aufgenommen. Seine »Lincos« oder
Lingua cosmica, argumentierte der Mathe-
matiker Hans Freudenthal, müsste sich –
wir sind wieder bei Sciencefiction ange- Esperanto gehört zu den erfolg-
langt – jedes intelligente Lebewesen im reichsten Kunstsprachen. Hier das
Weltraum ohne Schwierigkeiten aneignen Vaterunser in der Paternoster-Kirche
können. r von Jerusalem

Abenteuer Archäologie 2/2007  55


SCHRIFT & SPRACHE

r Ähnlich radikal ist Toki Pona gedacht, Sprachen. Bei den anderen Völkern in Wohl nur noch im Falle Klingonisch
die »gute Sprache«, die 2001 von der ka- Mittelerde hat Tolkien sich weniger Mühe trieben die Erfinder so viel Aufwand wie
nadischen Linguistin Sonja Elen Kisa vor- gemacht. Die Zwergensprache Khuzdul, einst Tolkien, dem man nachsagt, er habe
gelegt wurde. Das Konstrukt will sich, an- behaupten Fans, sei vom Hebräischen in- ganz Mittelerde nur erschaffen, um seine
geregt durch Weltkonzepte des chine- spiriert. Das Idiom der bösen Orks hinge- bereits vorher erfundenen Sprachen von
sischen Taoismus, im Sprechen und im gen scheint in der Hauptsache zum Flu- den dort hausenden Völkern sprechen zu
Denken auf das Wesentliche beschränken chen und Schimpfen geeignet. Viel Inte­ lassen. Noch merkwürdiger freilich ist der
und deshalb mit 118 Grundwörtern aus- resse bei den Anhängern findet begreif­ wissenschaftliche Ernst, mit dem sich viele
kommen. Auch keine ganz neue Idee: Aus licherweise die Schwarze Sprache von Fans dieser Fantasiesprachen annehmen.
dem 12. Jahrhundert ist überliefert, dass Mordor: dunkle, drohende Vokale, die So wurde die Sprachtypologie, die Schlegel
Hildegard von Bingen mit einer Kunst- durch Pfeif-, Zisch- und Gurgellaute ver- und Humboldt vor fast 200 Jahren ausge-
sprache speziell für die religiöse Mystik ex- bunden sind. Offenbar gilt sowohl in Mit- arbeitet haben, auch auf diese Kunstspra-
perimentierte. Handfestere Ziele verfolgt telerde als auch im Weltall das Stereotyp, chen angewandt. Quenya und Sindarin,
die Sprachreform, die George Orwell in dass dumpfe und raue Sprachlaute irgend- versichern die Experten, gehören wie das
seinem Roman »1984« unter dem Titel wie von etwas Unerfreulichem bei den Lateinische zu den flektierenden Sprachen,
»Newspeak« oder »Neusprech« geschildert Sprechern und in ihrer Welt zeugen. Co- in denen ein Wortstamm je nach Person,
hat. Alle Ausdrücke, die sich gegen das rinna Bader warnt Unerfahrene vor Aus- Tempus, Fall et cetera abgewandelt wird:
Regime richten könnten, sind gestrichen spracheversuchen im Klingonischen: Die linnon – ich singe und so weiter und so-
– und damit auch die entsprechenden In- Reibungen am Rachen, am Zäpfchen und fort. Sowohl Klingonisch als auch die
halte wie der Begriff der Freiheit. Selbst in am hinteren Gaumen könnten zu Hals- Schwarze Sprache seien dagegen aggluti-
Gedanken soll es unmöglich werden, op- schmerzen führen, und ein Internet-Lehr- nierende Sprachen (Beispiel: Türkisch), in
positionelle Inhalte überhaupt noch aus- buch will für »verknotete Zungen« keine denen dem Wortstamm hinzugefügte Sil-
zudrücken. Verantwortung übernehmen. ben die grammatische Funktion und den
Das Projekt von »1984« konzentriert syntaktischen Zusammenhang klarstellen.
sich auf den Austausch von Worten, ist in- Hurritisch als Vorbild Also zum Beispiel klingonisch: qalegh – ich
sofern also keine Kunstsprache, sondern Ganz anders die Elbensprachen. Tolkien sehe dich, qaleghrup – ich bin bereit, dich
eine künstlich veränderte natürliche Spra- legte sie ausdrücklich so an, dass schon in zu sehen; qaleghneS – ich fühle mich ge-
che. Die französische Jugendkultur hat ihrer Aussprache das kunstsinnige Wesen ehrt, Sie zu sehen.
beim Verlan einen anderen Zugriff ge- der klugen Elbenvölker anklingt. An man- Offenbar gibt es sogar Fans, die sich so-
wählt: die Umkehrung der Silbenreihen- chem Vers können sich daher nicht nur El- wohl in Mordor als auch im Alten Orient
folge. Aus bizarr wird zarbi, aus métro tro- benfreunde begeistern: »A Elbereth Gil- auskennen. Tolkien, ist im Internet zu le-
mé – und aus l’envers wird verlan, der thoniel, silivren penna míriel o menel aglar sen, habe sich bei der Schwarzen Sprache
Name der Sprache selbst. Wieder einen an- elenath!« – »Oh Elbereth Sternenentfache- am Hurritischen orientiert, einem Idiom,
deren Ansatz nahm 1972 der Dichter rin, weiß funkelnd wie Juwelen senkt sich das im 2. Jahrtausend v. Chr. am oberen
Matthias Koeppel mit seinem altertümeln- der Glanz der Sterne vom Himmel!« Selbst Euphrat gesprochen wurde. Ob Tolkien
den »Starckdeutsch«. Hervorstechendstes die Grammatik sollte in ihrer Komplexität auch am Hurritischen etwas auszusetzen
Merkmal: Schwache Verbflexionen sind und Eleganz Tolkiens hohen ästhetischen hatte, ist nicht geklärt, aber die Sprache
durch starke ersetzt, nach dem Vorbild Anforderungen genügen. Im Finnischen des teuflichen Sauron hat der Sprachästhet
Richard Wagners, der zu »pflegen« einmal und Walisischen sah er dafür geeignete Tolkien nach eigenem Bekunden regel-
das Präteritum »pflag« gebildet hat. Dane- Vorbilder. Nachdem Tolkiens Fantasyro- recht verachtet: Einmal erhielt er von
ben fallen Goethes »Knabenmorgenblü- man ein weltweites Publikum erreicht hat- einem Bewunderer einen Becher mit den
tenträume« oder Heinrich Heines »Perlen- te, kam in den 1960er Jahren eine ganze Versen über den Ring der Macht ge-
tränentröpfchen« – oder, um ein Beispiel Flut vergleichbarer Sprachfiktionen auf. In schenkt: »Ash nazg durbatuluk, ash nazg
aus der Philosophie zu nehmen, Heideg- der Perry-Rhodan-Serie wurde Interkosmo gimbatul, ash nazg thrakatuluk, agh
gers »Nichtung« und »nichtendes Nichts« oder Satron gesprochen, auf dem Planeten burzum ishi krimpatul«: »Ein Ring, sie
– gar nicht irgendwie ungewohnt auf. Darkover ortete Marion Zimmer Bradley zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel
Die vollständig neu konstruierten Spra- eine Mischung von romanischen und kel- zu treiben und ewig zu binden.« »Selbst-
chen, wie Tolkien sie in »Der Herr der tischen Sprachelementen, Frank Herbert verständlich habe ich niemals daraus ge-
Ringe« präsentiert, sind natürlich viel auf- erdachte für seinen Dune-Zyklus die Spra- trunken«, schrieb der Dichter in einem
wändiger. Vor allem die Elbensprachen ha- chen Galalch und Chakobsa, Anthony Brief, »aber ich verwendete ihn als Aschen­
ben nicht nur ein eigenes Vokabular, son- Burgess’ »Clockwork Orange« machte becher.« l
dern auch eine eigene Grammatik, sogar Nadsat, eine Mischung aus Englisch und
mit Dialekten und einer Sprachgeschichte. Russisch, zur Mode. Manchmal ergeben
Quenya, ist zu lesen, sei zur Zeit des Ring- sich aus solchen Spielen ungeahnte poe- Josef Tutsch studierte Germanistik und Philosophie.
kriegs als gesprochene Sprache bereits tische Möglichkeiten, etwa wenn Burgess Er ist freier Journalist in Berlin und schreibt vornehm-
durch Sindarin verdrängt gewesen, ähnlich das russische horosho (gut) mit der eng- lich für das Internetportal www.scienzz.com.
wie Latein durch die neueren europäischen lischen horror show assoziiert.

56 Abenteuer Archäologie 1/2007


Anne-Marie und Pierre Pétrequin

58 Abenteuer Archäologie 2/2007


Werkzeuge der Götter Von Almut Bick

Vor über sechstausend Jahren suchten Menschen in den Westalpen nach einem
seltenen Gestein. Daraus fertigten sie riesige Beile, die allein kultischen Zwecken
dienten – genauso wie im heutigen Neuguinea.

Sehnsüchtig werden sie bereits den Britischen Inseln fanden. Ihre weite scher, Prestigeobjekte oder für religiöse
erwartet. Zwei Wochen ist es Verbreitung ist eines der erstaunlichsten Zwecke bestimmt. Schon im 19. Jahrhun­
schon her, seit die Männer zum heiligen Phänomene des vorgeschichtlichen Fern­ dert tauchten diese merkwürdigen Ob­
Berg aufgebrochen sind. Nun erreichen sie handels. jekte erstmals auf. Rätselhaft blieb vor
mit ihrer schweren Last endlich das Dorf. Weil die meisten Äxte einzeln, ohne je­ allem der grüne Stein. Niemand glaubte,
Sie bringen grüne Steine für die besten der den weiteren archäologischen Zusammen­ dass es dieses Mineral auch in Europa
Handwerker mit. Nur diese können da­ hang entdeckt wurden, hatten die Wissen­ gebe. Die Beile seien wohl aus Fernost
raus die mächtigen Beile herstellen, die bis schaftler kaum eine Möglichkeit, sie zeit­ hierher gelangt.
zum fernen Meer begehrt sind. lich und kulturell einzuordnen – weshalb Schließlich vermutete man doch die
Über sechstausend Jahre ist es her, dass sie lange Zeit kaum erforscht werden Ausbeutung einheimischer Vorkommen in
die steinzeitlichen Bergleute mit dem äu­ konnten. Erst vor wenigen Jahren machte den Westalpen. Der Beweis eines jung­
ßerst seltenen Jadeit heimkehrten. Hoch sich ein internationales Team von Geo­ steinzeitlichen Bergbaus ließ sich jedoch
oben, jenseits der Schneegrenze des Mon­ grafen, Geologen und Archäologen daran, nicht erbringen. Zwar stieß man in den
te Viso in den italienischen Alpen, be­ die Spuren der jungsteinzeitlichen Berg­ Flusstälern der Westalpen tatsächlich auf
trieben sie einen regelrechten Steinbruch leute und ihrer Produkte zu erkunden. Jadeitkiesel – und die Forscher waren
für das grüne Mineral. Unten im Tal Mit physikalischen Methoden bekamen überzeugt, die Quelle für den Rohstoff der
wurden die groben Brocken behauen, ge- sie heraus, aus welchem Steinbruch der Ja­ steinzeitlichen Beile entdeckt zu haben.
schliffen und poliert – bis daraus lange deit einst stammte – und wer mit wem im Doch Pierre Pétrequin von der Université
Beilklingen entstanden, die so beliebt wa­ neolithischen Europa Handel trieb. de Franche-Comté in Besançon glaubte
ren, dass sie Abnehmer in Norddeutsch­ Die bis zu vierzig Zentimeter langen nicht daran. Das, was da in den Flüssen
land, Dänemark, Nordfrankreich und auf Steinklingen waren für den Gebrauch als zu finden sei, habe niemals ausgereicht,
Waffe oder Werkzeug viel zu groß: Mit ih­ um daraus die mehrere tausend heute be­
nen konnte man keine Bäume mehr fäl­ kannten Beile anzufertigen: »Wer so hoch­
Der Mann aus dem Volk der len. Ihr Wert war also offenbar nicht prak­ wertige Produkte herzustellen und mit ih­
Dani in Neuguinea bearbeitet den rohen tischer, sondern vielmehr symbolischer nen Fernhandel zu betreiben vermochte,
Stein. Das entstehende Kultbeil wird Natur. Dafür spricht auch, dass sie sich dem ist mehr zuzutrauen.«
genauso aussehen wie diejenigen aus immer wieder in rituellen Niederlegungen Seit 1992 war Pétrequin jedes Jahr zu­
dem steinzeitlichen Europa. fanden. Sie waren, so vermuten die For­ sammen mit seiner Frau Anne-Marie wo­ r

Abenteuer Archäologie 2/2007  59


Anne-Marie und Pierre Pétrequin

60 Abenteuer Archäologie 2/2007


r chenlang durch die Täler der Westalpen Den letzten Schliff
gewandert. Im Jahr 2003 fand das Ehe­ bekommen die Beile auf einem Stück
paar dann endlich das, wonach Geologen Baumrinde. Die Werkzeuge sind für den
und Archäologen über hundert Jahre lang praktischen Gebrauch viel zu unhandlich.
vergeblich gesucht hatten: mehrere Jadeit­ Sie dienen allein kultischen Zwecken.
lagerstätten – und Hinweise darauf, dass
die neolithischen Menschen dort systema­
tisch Bergbau betrieben hatten. ren, gingen die Schürfer der Steinzeit
Ein besonders intensiv genutztes Vor­ wahrscheinlich nicht anders vor als die
kommen entdeckten die Archäologen am Pétrequins heute: In den tiefer gelege-
Monte Viso in den Alpen des Piemont. Es nen Tälern suchten sie sicherlich im
liegt auf 2000 bis 2400 Meter Höhe und Geröll nach einzelnen, kleineren Jadeit­
ist im Jahr nur wenige Monate schneefrei. brocken. Diese wurden von einem Fluss

Anne-Marie und Pierre Pétrequin


Dauerhaft konnte dort oben niemand le­ oder einem Gletscher bergab transportiert
ben, vielmehr mussten die Bergleute von und wiesen auf ein Vorkommen hoch
ihrem Dorf im Tal mindestens zwei Tage oben im Berg hin.
lang beschwerlich aufsteigen. Mitunter nahmen die steinzeitlichen
Bergmänner auch mit anderen auffälligen
Kulturtransfer quer durch Europa und seltenen Gesteinen vorlieb. So war Mittlerweile hat er ungefähr die Hälfte
Auch der Abbau des begehrten Gesteins der tiefgrüne, oft fast schwarz schim­ der rund fünfhundert allein in Deutsch­
war eine Knochenarbeit. »Jadeit ist unge­ mernde Eklogit ähnlich wie Jadeit bei der land gefundenen Äxte untersucht. Europa­
mein hart, er lässt sich nicht einfach aus Kundschaft in der Ferne sehr begehrt. Ein weit sind in der Datenbank über zweitau­
dem Fels schlagen«, erläutert Pierre Pétre­ vor über siebentausend Jahren bedeut­ send Beile sowie einige tausend Gesteins­
quin. Doch man wusste sich offenbar zu sames Vorkommen entdeckten die franzö­ proben erfasst – und ständig kommen
helfen. Die Überreste steinzeitlicher Holz­ sischen Forscher auf dem gut hundert Ki­ neue hinzu. Lutz Klassen vom Moesgård
kohle beweisen, dass die Männer einst lometer vom Monte Viso entfernten Mon­ Museum bei Århus in Dänemark, der die
große Feuer entfachten. Durch die Hitze te Beigua bei Genua. Forschungen für den deutschen und dä­
entstanden in dem Gestein so große Die Proben aus den Steinbrüchen lan­ nischen Raum organisiert, ist überzeugt:
Spannungen, dass es riss und Blöcke ein­ den ebenso wie die Beile aus ganz West­ »Bald werden wir den Weg der Beile aus
fach herauszubrechen waren. Vielleicht europa schließlich im Labor von Michel einzelnen Steinbrüchen durch ganz Euro­
schreckte man damals den heißen Stein Errera vom Africamuseum im belgischen pa verfolgen können.« Schon jetzt ist klar,
sogar mit Wasser ab, um diesen Effekt zu Tervuren. Zur Analyse der chemischen dass die Ware vom Monte Viso Abnehmer
verstärken. Zusammensetzung bedient sich Errera ei­ in der Bretagne, in Belgien und in Däne­
Die Holzkohle lässt sich überdies mit ner besonders schnellen, kostengünstigen mark fand.
Hilfe der Radiokarbonanalyse heute genau und vor allem zerstörungsfreien Methode: Auch zeigt sich, dass die Steinbrüche zu
datieren. Überraschenderweise zeigte sich der Spektroradiometrie. Dabei bestrahlt er unterschiedlichen Zeiten von Menschen
dabei, dass der Jadeitabbau am Monte
Viso schon in der frühen Jungsteinzeit be­
gann. Seinen Höhepunkt erreichte er ge­
gen Ende des 6. und zu Beginn des 5. vor­ »Bald werden wir den Weg der Beile aus einzelnen Steinbrüchen
christlichen Jahrtausends. In welch großem durch ganz Europa verfolgen können«
Stil der Rohstoff damals dort abgebaut
wurde, beweisen Abertausende von größe­
ren und kleineren Steinsplittern im Um­
feld der Lagerstätte. Die Forscher gehen das Gestein mit elektromagnetischen Wel­ verschiedener Kulturen betrieben wurden.
davon aus, dass sich die Arbeiter seinerzeit len und misst die von den Atomen zurück­ Zwischen 4500 und 3800 v. Chr. etwa
für jeweils ein bis zwei Wochen oberhalb geworfene Strahlung. Weil die Wellen von wurden aus dem Jadeit vom Monte Viso
von zweitausend Metern Höhe aufhielten. jedem Element unterschiedlich absorbiert flache, dreieckige Beile angefertigt. Diese
Jadeit kommt in den Westalpen äußerst oder reflektiert werden, ist das gemessene finden sich heute vor allem nördlich und
selten vor. Um die Vorkommen aufzuspü­ Spektrum für jede Probe spezifisch. Da westlich des italienischen Gipfels: in Frank­
auch ein und dieselbe Gesteinsart von Re­ reich, Großbritannien, Deutschland – und
gion zu Region nicht völlig identisch zu­ in Dänemark, wo mit einer Länge von 36
Mit Feuer erzeugen die Dani sammengesetzt ist, sammelt der Forscher Zentimetern eines der größten überhaupt
im Fels so große Spannungen, dass die chemischen Fingerabdrücke von mög­ geborgen wurde. Am ligurischen Monte
das Gestein in handliche Brocken zer- lichst vielen Jadeitvorkommen. So kann Beigua dagegen gewann man bereits in
springt. Nur ausgewählte Männer Errera häufig genau sagen, aus welchem der Zeit von 5500 bis 4500 v. Chr. den
dürfen bei dieser Arbeit zugegen sein. Steinbruch ein bestimmtes Beil stammt. Rohstoff für bis zu einem halben Me- r

Abenteuer Archäologie 2/2007  61


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r ter lange, zigarrenförmige Prunkbeile. Sie Gebräuche aus der Ferne übernahmen. tigkeiten verfügen wie die westalpinen
tauchen besonders häufig in Norditalien So begannen sie zur selben Zeit mit Jungsteinzeitler.
und Südfrankreich auf, aber auch in einem Mal, Großsteingräber zu errich- Obwohl diese Kunst natürlich nicht
Schottland und Dänemark. In Deutsch­ ten – in genau der Art, wie sie rund tau­ vom neolithischen Europa ins neuzeitliche
land sind sie hingegen sehr selten. Der send Jahre zuvor in der Bretagne üblich Neuguinea gelangte, entdeckten die Pétre­
Grund: Hier waren zu dieser Zeit ande- waren. Auch wurden die Steinbeile nun quins manches, was einst wohl so oder so
re Beile aus dem Donaugebiet verbreitet. senkrecht und zu Kreisen angeordnet in ähnlich auch bei uns geschah. Beispiels­
Diese bestanden meist aus Amphibolit, der Erde vergraben – so wie in Arzon im weise stellen die Bewohner Papuas, des in­
welcher aus dem Gebiet der heutigen Slo­ Golf von Morbihan oder im riesigen donesischen Teils Neuguineas, ebenfalls
wakei stammte. Großsteingrab »Saint-Michel« in Carnac perfekt geformte und polierte Klingen aus
In Dänemark waren die kostbaren Stü­ aus der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. einem seltenen, grünlichen Gestein her.
cke aus den italienischen Alpen auch tau­ Auch nach tausend Jahren und in über Und auch diese sind so lang, dass sie für
send Jahre nach ihrer Herstellung noch tausend Kilometer Entfernung hatten sie den praktischen Gebrauch kaum taugen.
geschätzt. Den Beweis dafür liefert eine offenbar nichts von ihrer kultischen Kraft Ihren Wert haben sie nur als Statussym­
Kopie aus Kupfer. Lutz Klassen konnte verloren. bole. Junge Krieger aus dem Volk der
Dani etwa messen sich mit den dreißig
Zentimeter langen und fast vier Kilo­
gramm schweren Werkzeugen im Bäume­
Bei den Männern aus dem Volk der Dani in Neuguinea ist das Beil fällen – was beinahe unmöglich ist. Doch
Statussymbol und seine Länge Ausdruck der sozialen Stellung ist es gerade diese unpraktische Mühsal,
mit der sie ihre Stärke beweisen: Die Län­
ge des Beils ist Ausdruck ihrer sozialen
Stellung.
beweisen, dass das Beil zwar in Dänemark Viele Rätsel bleiben wohl für immer An der Nordküste Neuguineas präsen­
gegossen wurde, das Metall aber aus Öster­ ungelöst. Doch wer sich, wie die Pétre­ tiert sich der Dorfoberste zu besonderen
reich importiert wurde – und zwar inner­ quins, vor dem Spekulieren nicht scheut, Anlässen mit einem prächtigen, polierten
halb der kurzen Zeit von 3500 bis 3300 der stößt  über sechstausend Jahre später Beil – und unterstreicht damit seine
v. Chr. Nun erst konnte sich also der und mehr als 14 000 Kilometer entfernt Macht. Dabei wählt er aus seiner großen
dänische Kupferschmied ein Steinbeil aus auf erstaunliche Parallelen. Seit über zwan­ Sammlung nicht unbedingt das längste,
den italienischen Alpen zum Vorbild ge­ zig Jahren bereist das Ehepaar regelmäßig sondern das älteste. Indem er es mit der
nommen haben. Es kann sein, dass die die Urwälder Neuguineas, wo es scheint, Schneide nach oben hält, zeigt er das »Ge­
Vorbilder aus Jadeit erst mit Verspätung als sei die Zeit vor Jahrtausenden stehen sicht« des Werkzeugs. Denn die Steinäxte
den Norden erreichten. Dafür spricht, geblieben, und wo heute Menschen leben, gelten als lebendige Wesen. Im Hochland
dass die Dänen damals auch Sitten und die über die gleichen Gebräuche und Fer­ von Papua tragen sie deshalb auch die Na­

62 Abenteuer Archäologie 2/2007


schen zu erreichen. An den zweiwöchigen
Expeditionen zum Berg dürfen nur Aus­
gewählte teilnehmen. Frauen sind davon
gänzlich ausgeschlossen – während jeder
Mann danach strebt, mindestens einmal
im Leben dabei gewesen zu sein. Für ei­
nen Dani folgt einer solchen Expedition
der soziale Aufstieg.
Das Bergwerk unterliegt der strengen
Obhut weiser Männer. Sie achten bei je­
dem Besuch peinlich genau auf die Ein­
haltung der vorgeschriebenen Kulthand­
lungen. Nur sie wissen, wie man den Berg
um die Klingen bitten muss. Mit Gesän­
gen und Gebeten stimmen sie die »Mutter
der Beile« gnädig. Erst dann werden die
Vor üBer SechStauSenD Feuer entzündet, um das zähe Gestein zu
Jahren trat dieses Kultbeil seine Reise erhitzen und zu sprengen. In den Bergen
an. Der Jadeit stammt vom Monte Viso. Neuguineas geschieht heute womöglich
Über steinzeitliche Handelswege kam es genau dasselbe wie am Monte Viso vor
schließlich nach Schleswig-Holstein. über sechstausend Jahren.
In den Dörfern im Tal schließlich wer­
den die Brocken zu Beilen verarbeitet, ge­
men einflussreicher Ahnen und werden schliffen und auf Hochglanz poliert. In
mit Röcken bekleidet. unmittelbarer Nähe zur Rohstoffquelle
Die zeremonielle Bedeutung der gött­ werden sie mitunter übrigens durchaus
lichen Werkzeuge erinnert in erstaunlicher auch als Werkzeug verwendet. Ihr zeremo­
Weise an die jungsteinzeitlichen Beispiele nieller Wert ist hier also nicht besonders
aus der Bretagne und Dänemark. Sogar hoch – er steigt erst mit zunehmender
die Wertschätzung der ältesten Klingen Entfernung und Seltenheit.
und die über viele Generationen gepflegte Über den geheimen Bergbau, wie er
Tradition findet sich womöglich in den ar­ vonstattengeht und welche Riten zu der
chäologischen Befunden aus Dänemark Expedition dazugehören, erfuhr Pierre
wieder, wo ja jenes damals schon tausend Pétrequin lange nichts: »Erst nachdem ich
Jahre alte Beil einem Kupferschmied als zwanzig Jahre lang immer wieder hierher­
Vorlage diente. Und auch in Neuguinea gekommen bin, erst nachdem ich selbst
reicht die Bedeutung der Kultobjekte hun­ alt geworden war, besuchte mich eines
derte Kilometer weit über die Werkstatt Nachts einer der weisen Männer, erklärte
ihrer Schöpfer hinaus. mir ihre Welt und erzählte auch von der
Mythologie des Bergbaus.«
Die »Mutter der Beile« Das Vertrauen der Einheimischen zu
gnädig gestimmt Pétrequin war in all den Jahren gewach­
Manche Steinbrüche in den Bergen Neu­ sen – schließlich durfte er dann sogar ei­
guineas, die den kostbaren Rohstoff lie­ nige Male zu den heiligen Bergen mitge­
fern, sind heilige und geheim gehaltene hen. Auch wenn er weiß, dass zwischen
Orte. Die Brocken, die sich in den Fluss­ den Westalpen der Steinzeit und dem
tälern finden, darf jedermann aufsammeln Neuguinea der Neuzeit Welten liegen, fas­
und bearbeiten. Aus ihnen werden Werk­ zinieren ihn die neuen Einblicke, mit de­
zeuge hergestellt, mit denen Frauen un­ nen sich trefflich spekulieren und inter­
ter anderem Feuerholz schlagen. Für die pretieren lässt. l
überlangen und prestigeträchtigen Prunk­
beile – die Statussymbole der Männer –
darf jedoch nur Gestein aus bestimmten Die promovierte Archäologin almut Bick arbeitet
Bergwerken verwendet werden. als freie Wissenschaftsjournalistin in Marburg. Von ihr
Genau wie der Monte Viso in den Al­ erschien im letzten Jahr »Die Steinzeit« in der Reihe
pen liegen auch diese fernab der Dörfer Theiss WissenKompakt.
und sind nur nach mehreren Tagesmär­

Abenteuer Archäologie 2/2007  63


Fluch der Meere Von Wiebke Friese

Mannschaften reich beladener Handelsschiffe mussten in der


Antike mehr als Wind und Wetter fürchten. Gefahr drohte ihnen auch
von gut organisierten Seeräuberbanden.
Es stürmte an diesem Winter- Schätze hatten sie vorsorglich in eiligst er- genialer Stratege erworben. Vor drei Mo-
morgen im Jahr 67 v. Chr. Seit Ta- richteten Siedlungen im Hinterland des naten erst erhielt er diesen scheinbar un-
gen schon kreuzte die römische Flotte Taurusgebirges untergebracht. Wer jetzt lösbaren Auftrag: das mare nostrum, wel-
durch die rauen Gewässer vor der kili- noch in den stark befestigten Häfen blieb, ches sich von Hispanien bis zur levanti-
kischen Küste. Vergeblich. Die Piraten, war bis an die Zähne bewaffnet und bereit nischen Küste erstreckte, von den immer
gegen die der noch junge Befehlshaber zu kämpfen. dreister werdenden Piraten zu befreien.
Gnaeus Pompeius Magnus mit immer- Doch der auf den ersten Blick träge er- Und in diesen drei Monaten war es ihm
hin 270 Schiffen und 120 000 Mann scheinende, recht beleibte Feldherr war gelungen, nicht nur die tyrrhenische und
Infan­terie ausgezogen war, verschanzten nicht umsonst vom Senat berufen wor- afrikanische Küste, sondern auch die Ge-
sich in den unübersichtlichen Buchten. den. In zahlreichen Kriegen hatte er sich wässer vor Sardinien, Korsika und Sizilien
Ihre Frauen, Kinder und sagenhaften einen Ruf als brillanter Heerführer und zu säubern. Was an Piraten nach diesem r

Dionysos (in blauer Robe) treibt mit


The Art Archive / Bardo Museum Tunis / Dagli Orti
dem Gott Selenos Piraten von Bord seines
Schiffs und verwandelt sie in Delfine.
r Blitzkrieg noch übrig blieb, rottete sich chischen Festland bis hin zu den ionischen Über Die PLanke geschickt?
zusammen und floh – mit Pompeius’ Inseln zeugen davon – stieg die Zahl der Was auf dieser Vase genau zu sehen ist,
Flotte dicht auf den Fersen – nach Kili- Piraten unaufhaltsam. Zu verlockend war darüber sind sich die Forscher nicht
kien. Hier, an der Südküste der heutigen die Aussicht auf das schnelle Geld – und ganz einig. Manche vermuten, dass
Türkei, wo das Piratentum seit Jahr- zu gering das Risiko. Denn die wenigsten Piraten hier einen Gefangenen in den Tod
zehnten Züge einer autonomen Staats- Häfen konnten gegen die nächtlichen schicken. Andere glauben, dass sich
form angenommen hatte, sahen sie ihre Überfälle und Brandschatzungen ge- ein griechischer Schwammtaucher auf
einzige Chance, dem Verfolger Paroli zu schützt werden. Die Angriffe erfolgten so seine Arbeit vorbereitet.
bieten. überraschend, so schnell und vor allem so
Piraten gibt es, seit der Mensch das weit gestreut, dass sich der Unterhalt einer
Meer als Handelsweg entdeckt hat – also Verteidigungstruppe für eine Stadt allein gut gebaute, aber verdächtig aussehende
seit vielen tausend Jahren. Das 1982 vor auf lange Sicht einfach nicht rentierte – Galeere, die ebenfalls zum Auslaufen be-
der südwesttürkischen Küste entdeckte und daher kamen die Piraten meistens un- reit gemacht wurde. Als wir den Hafen
Schiff von Uluburun mit seiner Ladung geschoren davon. verließen, ruderten sie uns nach, schnell
Weinamphoren und zyprischer Bronze be- Mit eben dieser Taktik sicherten sie wie ein Vogel. Doch unser Kapitän merk-
weist, dass es bereits in der Bronzezeit ei- sich für viele Jahrzehnte ein nahezu sorg- te, worauf sie aus waren, und wir drehten
nen regen Seehandel von der Levanteküste loses Banditenleben. In der Regel waren bei und ruderten in den Hafen zurück.
über Zypern bis in den Westen gab (siehe ihre Boote schneller als die schweren Die Piraten folgten uns, doch gegen
Abenteuer Archäologie 1/2006, S. 52). Kriegsschiffe der Griechen, weiß Nick Abend segelten sie davon.« In diesem Fall
Rauh von der Purdue University in West war die Mannschaft noch einmal davon-
Piraterie als Zeitvertreib Lafayette, der seit Jahren die Piratennester gekommen. Nur zu häufig jedoch mach-
Zur selben Zeit verfügten auch hethitische der südtürkischen Küste aufzuspüren ver- ten sich die Piraten mit einer fetten Beute
und ägyptische Herrscher über umfang- sucht. Zudem kannten viele der Krimi- aus dem Staub.
reiche Kriegs- und Handelsflotten. Es er- nellen die Schwächen dieser Schiffe. Als Das Aufteilen des Raubguts war durch
scheint naheliegend, dass die damals schon erfahrene Seeleute, so Rauh, hatten sie ein gemeinsam formuliertes und schrift-
weit verbreiteten Wegelagerer ihrer Beute selbst häufig lange Jahre auf ihnen ge- lich niedergelegtes Gesetz reglementiert,
folgten und – sobald sie die nötige Aus- dient, bevor sie auf Grund der harten Le- auf das jeder Neue bei seinem Leben
rüstung zusammenhatten – ihre Raubzüge bensumstände und mit der Hoffnung auf schwören musste. Bei jedem Raubzug
vom Land aufs Wasser verlegten. Im Grie- märchenhafte Reichtümer desertierten. wurde ein gewisser Anteil als eine Art Be-
chenland zur Zeit Homers war die Pirate- Bei Bedarf konnte ein Piratenkapitän rufsunfähigskeitsversicherung beiseitege-
rie offenbar ein beliebter Zeitvertreib jun- seine Mannschaft in den einschlägigen Ta- legt – für alte oder verwundete Kame-
ger Adliger. »Die Arbeit war mir nie lieb, vernen und Etablissements im Rotlicht- raden, die für immer ans Landleben gefes-
schon gar nicht das Mehren des Hauses, viertel jeder griechischen Küstenstadt re- selt waren. Schon in der Antike gab es
das strotzende Kinder nährt. Lieber waren krutieren. War die Mannschaft vollstän- auch Piratennester: aus Strandgut zusam-
mir immer beruderte Schiffe und Krieg. dig, warteten die Männer, getarnt als mengebaute Hütten, dunkle Höhlen mit
Neunmal führte ich Männer und schnell gewöhnliche Seeleute, bis sich passende riesigen Waffen- und Alkoholvorräten, in
fahrende Schiffe gegen fremdländische Beute zum Auslaufen klarmachte. Über uneinsehbaren Buchten gelegen, deren
Zugang nur der Kapitän kannte. Hier ver-
brachten die Seeräuber ihren Lebens­
abend, hier wurden Verwundete gepflegt
»Nachdem wir das Gold im Hafen auf unser Schiff geladen hatten, saß und Schätze versteckt. Doch genau wie
ich an Deck und sah zufällig eine verdächtig aussehende Galeere« Robert Louis Stevensons Schatzinsel lagen
auch die antiken Verstecke fernab der Zi-
vilisation und sind auch für die heutigen
Archäologen nur schwer zu finden.
Männer an und jedes Mal fiel mir gar viel Art und Menge der Ladung hatte man Eines dieser Piratennester könnte die
zu«, gibt Odysseus zu. Held oder Halunke sich zuvor über ein gut funktionierendes südkykladische Insel Antikythera gewe-
scheint hier eher eine Frage des Betrach- Netzwerk von geschmierten Schankwirten, sen sein, das antike Aegila. Wie der grie-
ters gewesen zu sein. Huren und Hotelbesitzern Informationen chische Archäologe Aris Tsaravopoulos
Diese Einstellung änderte sich, als die verschafft. und seine Kollegen vom Antikythera Sur-
Griechen selbst den Fernhandel entdeck- In einem Werk des Schriftstellers Titus vey Project in den letzten Jahren nach-
ten. Ganz plötzlich wurde die Heldentat Maccius Plautus (254 – 184 v. Chr.) weisen konnten, war die kleine Insel vor
zum barbarischen Gewaltakt. Leistes – See- schildert ein Sklave, wie er an Bord eines Kretas Nordküste – die nicht eben zufäl-
banditen – nannte man diejenigen, die Frachters den versuchten Überfall von Pi- lig in der Nähe einer der Haupthandels-
sich erdreisteten, griechische Schiffe zu ka- raten erlebte: »Nachdem wir das Gold im routen von der Ägäis ins westliche Mit-
pern. Doch trotz Androhung härtester Hafen auf unser Schiff geladen hatten, saß telmeer lag – seit dem 4. Jahrhundert v.
Strafen – zahlreiche Inschriften vom grie- ich an Deck und sah zufällig eine lange, Chr. für etwa drei Jahrhunderte ein regel-

66 Abenteuer Archäologie 2/2007


Bridgeman Giraudon

mäßig genutzter Piratenstützpunkt. Sied- Doch der Fund löst noch ein weiteres aus vorbeifahrende Schiffe überfiel, mimte
lungsreste bezeugen, dass auf der Insel Rätsel der Insel, denn die Piraten und der Rest vermutlich die ehrlichen Bürger.
damals bis zu tausend Menschen lebten – ihre Familien, die hier das ganze Jahr über Insgeheim jedoch versorgten sie die Pi-
und zwar nicht in Strohhütten, sondern lebten, brauchten Verbündete. Antikythe- raten nicht nur mit Vorräten, Baumaterial
in soliden Steinhäusern, mit einer Agora, ra selbst war nämlich viel zu unfruchtbar, und Frauen, sondern boten ihnen im Not-
einem Apolloheiligtum und einer beacht- um die Versorgung von tausend Frauen, fall auch Unterschlupf und militärische
lichen Festung oberhalb des gut ge- Männern und Kindern auch nur annä- Unterstützung. Im Gegenzug erhielten sie
schützten Hafens. hernd sichern zu können. einen Teil der Beute. Diese Geschäftsbe-
Ein noch heute sichtbares, in den Fels ziehung erwies sich lange Zeit als äußerst
geschlagenes Dock diente dazu, die Lukrativer Sklavenmarkt profitabel.
Schiffe in kürzester Zeit startklar zu ma- Die Hafenstadt Phalasarna an der Nord- Schon bald aber gaben sich die See-
chen und sie bei Gefahr rasch bergen zu westspitze Kretas scheint hierfür ein idea- räuber nicht mehr nur mit der Plünde-
können. Endgültig überzeugt hat Aris ler Partner gewesen zu sein. Auch sie be- rung einzelner Handelsschiffe zufrieden.
Tsaravopoulos aber schließlich der Fund saß einen erstaunlich großen, auffällig gut Eine neue Ware erzielte weit höhere Ge-
mehrerer Schleudergeschosse, der ty- befestigten Hafen, der eher an einen Mili- winne auf dem damaligen Weltmarkt –
pischen Waffe griechischer Piraten. Mit tär- als an einen Handelsstützpunkt erin- Sklaven. Bis zum 3. Jahrhundert v. Chr.
einer Lederschlaufe abgeschossen, konnte nert. Schon in antiker Zeit munkelte man, gehörten sie zwar zur Standardausstat-
ein solches Projektil einen Menschen dass die Stadt in zwielichtige Geschäfte tung eines jeden gehobenen griechischen
noch in dreihundert Meter Entfernung verwickelt war, und obwohl es nie zu einer oder römischen Haushalts, doch ver-
töten. Eines dieser mandelförmigen Blei- offiziellen Anklage kam, wurde ihr auffäl- fügten auch die allerreichsten Herrscher-
geschosse wurde sogar von seinem ehema- liger Wohlstand in dieser abgelegenen Ge- häuser nur selten über mehr als hundert
ligen Besitzer, einem Bewohner von Pha- gend von den Handelsmächten misstrau- Unfreie. Als sich die römische Landwirt-
lasarna, beschriftet (siehe Bild S. 68). Die isch beäugt. schaft im 2. Jahrhundert v. Chr. wandel-
Piraten scheinen sich ihrer Sache sehr si- Doch die Kreter spielten ihre Rolle per- te und die kleinen Bauernhöfe den Be-
cher gewesen zu sein, wenn sie ihrer po- fekt. Während eine kleine Gruppe von ih- trieben extensiver Viehhaltung sowie rie-
tenziellen Beute den Namen ihres Hei- nen, unterstützt von Freibeutern aus allen sigen Öl- und Weinplantagen wichen,
matorts buchstäblich an den Kopf warfen. Teilen des Mittelmeers, von Antikythera stieg der Bedarf an Sklaven sprunghaft r

Abenteuer Archäologie 2/2007  67


an. Besonders begehrt waren die in dieser nahmsweise – ohne Beute abzogen. Als die In der Regel wurden Gefangene gut be-
Art von Produktion erfahrenen Ostgrie- Sklavenmärkte schließlich mit Kriegs- handelt, doch wären Piraten nicht Piraten,
chen. Denen ging es in jener Zeit wirt- gefangenen der immer weiter ausgreifen- wenn sie nicht dann und wann einen von
schaftlich aber noch so gut, dass keiner den römischen Expansionskriege über- ihnen über die Planke hätten gehen lassen.
auch nur im Traum daran dachte, sich schwemmt wurden, war es für die Piraten So berichtet Plutarch weiter, dass sie sich
freiwillig in die Sklaverei zu verkaufen. manchmal lohnender, die Beute gegen ein mit Römern, die auf Grund ihres Bürger-
Doch auch damals galt: Für Geld kriegt Lösegeld auszuliefern. So ehrt eine In- rechts eine sofortige Freilassung forderten,
man alles. Und so waren auf dem flo- schrift in Rhamnous an der Nordostküste mitunter einen Spaß erlaubten. »Dann«,
rierenden Sklavenmarkt bald auch ost- Attikas einen gewissen Epichares, der um so schreibt er weiter, »ließen sie eine Plan-
griechische Olivenbauern zu haben. 267 v. Chr. »durch die Vermittlung eines ke ausfahren und sagten ihm, dass er nun
Die Drehscheibe des gesamten medi- Boten die Verhandlungen mit den Piraten frei wäre zu gehen, und wünschten ihm
terranen Menschenhandels war die Kykla- über die Höhe eines Lösegelds für mehre- eine angenehme Reise. Wenn der Gefan-
deninsel Delos. In Hochzeiten wurden re gefangen gehaltene Stadtbewohner er- gene sich aber weigerte, warfen sie ihn
hier täglich tausende Sklaven an Land ge- folgreich durchgeführt hatte«. Pro Kopf über Bord und ließen ihn ertrinken.«
bracht, noch am selben Tag verkauft und wurden 120 Drachmen gezahlt – ein stol- Bei der Verschleppung eines dieser rö-
weiterverschifft. Da es für alle Seiten ein zer Preis, wenn man bedenkt, dass ein mischen Sprösslinge ging aber alles schief:
recht einträgliches Geschäft war, konnten griechischer Maurer etwa drei Drachmen Im Jahr 75 v. Chr. kaperte eine Gruppe
die Piraten ihre menschliche Ware nahezu am Tag verdiente. von Seeräubern ein Handelsschiff und
unbehelligt unter die Leute bringen. Um nahm einen hageren, gut gekleideten jun-
den Nachschub zu sichern, überfielen sie Caesar als gefährliche Geisel gen Mann gefangen, der sich auf der Reise
nicht mehr nur Handelsschiffe auf offener Im 1. Jahrhundert v. Chr. war dieses Ge- von Italien zu seinem Rhetorikstudium
See, sondern griffen auch die Hafenstädte schäft so lukrativ geworden, dass sich ei­ auf Rhodos befand – Gaius Iulius Caesar.
direkt an. nige Piratenbanden regelrecht auf das ge- Vierzig Tage hielten sie ihn gefangen, bis
Auf der ägäischen Insel Amorgos nah- zielte Kidnapping reicher römischer Zög- er endlich gegen eine hohe Summe frei ge-
men sie in der Mitte des 3. Jahrhunderts v. linge spezialisiert hatten. »Sie wagten es lassen wurde. In dieser Zeit drohte der be-
Chr. in einer Nacht über dreißig Mädchen, sogar, die Tochter des Mark Anton leidigte Caesar den Piraten allmorgend-
Frauen und Männer gefangen und kaper- (83 – 30 v. Chr.) zu verschleppen, die sich lich, dass er sie kreuzigen lassen würde,
ten gleich das nötige Transportschiff mit gerade auf dem Weg zu ihrem Landgut ließen sie ihn nicht sofort und ohne Geld-
dazu. Eine Inschrift aus Thera, dem heu- befand. Erst gegen ein stattliches Lösegeld forderung frei. Doch keiner nahm den
tigen Santorin, erwähnt, dass Piraten in kam sie wieder frei. Ein anderes Mal über- cholerisch wirkenden Studenten ernst –
der Dunkelheit ein Heiligtum überfielen, fielen sie zwei Praetoren in vollem Ornat, was ein Fehler war. Denn nachdem er
in dem sich zu dieser Zeit aus Anlass eines Sextilius und Bellinus, und nahmen nicht schließlich in Ephesus an Land gehen
Festes nahezu vierhundert Frauen und nur sie, sondern auch ihre Liktoren, Skla- durfte, fuhr er sofort nach Milet, stellte
Kinder aufhielten. In diesem Fall sorgte ven und alles andere mit«, wetterte der eine Flotte zusammen und spürte seine
ein mutiger Hauptmann, Philostratos von griechische Schriftsteller Plutarch (um 45 Peiniger innerhalb kürzester Zeit auf. Un-
Rhaukos, dafür, dass die Angreifer – aus- bis etwa 125) gegen die Piraten. geachtet seiner damaligen eingeschränkten

Solche Schleudergeschosse
waren nicht nur bei den Piraten sehr
beliebt. Dieses ungefähr vier Zentimeter
große Projektil trägt sogar eine Inschrift
des Absenders: »Para Phalasarna« – aus
Phalasarna.

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68 Abenteuer Archäologie 2/2007


Befugnis ließ er alle kreuzigen und kehrte Wie rund 1600 Jahre später der be- Römer sein Versprechen auch tatsächlich
wenige Tage später zu seinen Studien rühmte Freibeuter Francis Drake im Na- hielt. Manche glaubten Pompeius’ Ver-
­zurück. men der englischen Königin Elisabeth I., heißungen eines ruhigen und vor allem
Für den Stand der Freibeuter gehörten raubten sie zunächst im Auftrag der Kro- legalen Landlebens aber nicht und flüch-
solche Zwischenfälle zum Berufsrisiko. Je- ne, in diesem Fall des pontischen Königs teten nach Kilikien.
der von ihnen wusste, was ihn bei Gefan- Mithridates I., eines Erzfeinds Roms. Doch so mild sich Pompeius auch den
gennahme erwarten würde – nicht um- Nachdem sie von diesem großzügig ent- kapitulierenden Freibeutern gegenüber ge-
sonst wurden die Gesetze mit den entspre- lohnt worden waren, setzten sie ihre Beu- zeigt hatte – als er den letzten Zufluchtsort
chenden Strafen in allen Handelsstädten tezüge auch im Alleingang fort. Bestens der einstmals so mächtigen Piratenflotte
öffentlich angeschlagen. Mitunter drohte ausgerüstet plünderten sie in kurzer Zeit erreichte, hatte seine Geduld ein Ende.
die Todesstrafe nicht nur dem Piraten dreizehn der wichtigsten Heiligtümer Sein Heer scheint zahlenmäßig so über-
selbst, sondern auch seiner ganzen Familie Griechenlands und über vierhundert Städ- mächtig und die Schlacht so kurz gewesen
und allen, die ihm halfen. Mit ihrer Vor-
liebe für spektakuläre Hinrichtungsarten
ließen die Römer die stärksten Gegner im
Zirkus gegen Raubtiere und Gladiatoren »Mehr noch als die Angst, die sie verbreiteten, provozierte die
antreten – unbewaffnet, versteht sich. Der abscheuliche Extravaganz ihrer Ausrüstung«
Rest der Mannschaft wurde an Ort und
Stelle gekreuzigt.
Letztlich aber waren gezielte Kampag-
nen gegen die Piraten selten. Und so ist es te. Immer häufiger griffen sie jetzt auch zu sein, dass keiner der sonst so detailver-
nicht verwunderlich, dass sich in einem die Getreideflotten aus Ägypten an und liebten römischen Historiker sie mit mehr
von Rom unbeachteten Winkel des Reichs gefährdeten die Versorgung der Haupt- als zwei Sätzen erwähnt. Geschickt nutzte
ein mehr oder weniger autonomer Pira- stadt des Imperiums. Schließlich scheuten der Feldherr die Vorteile der römischen Ar-
tenstaat entwickeln konnte. Dorthin also sie nicht einmal mehr vor dem italischen mee und ließ seine Truppen nach einem
flohen die levantinischen Piraten vor Pom- Mutterland zurück. kurzen Seegefecht an Land gehen. Die zah-
peius. Seit etwa 140 v. Chr. hatte die loka- Nachdem die Piraten die wohlha- lenmäßige Überlegenheit des Gegners
le Elite des ansonsten dünn besiedelten benden Hafenstädte Siziliens und Kampa- zwang die Piraten rasch in die Knie. Und
und unfruchtbaren Kilikiens mit stei- niens überfallen und ausgeplündert hat- diesmal zeigte Pompeius keine Gnade:
gendem Erfolg eine Reihe von stark befes- ten, rückten sie immer weiter nach Nor- Rund zehntausend Piraten sollen bei der
tigten kleinen Häfen anlegen lassen und den vor und brandschatzten schließlich Schlacht den Tod gefunden haben. Kein
war in aller Stille zu einer nicht zu unter- sogar Roms Hafenstadt Ostia. Die Lage einziger der von ihm in seinem Triumph-
schätzenden Seemacht aufgestiegen. war ernst. Sie verlangte nach einem star- zug durch Rom geschleppten Anführer
Reste von Warenhäusern, Werften, ken Mann, und jener junge Senator Gna- überlebte den nächsten Tag. Und der rö-
großen Festungen und Thermen ober- eus Pompeius Magnus sollte sich als die mische Befehlshaber ging als »Piraten-
halb der Bucht von Korakesion, nahe ideale Wahl erweisen. schlächter« in die Geschichte ein.
dem heutigen Antalya, verweisen auf luk- Für drei Jahrhunderte sollte das Mittel-
rative Geschäfte. Eine Kulthöhle im Berg Pompeius, der Piratenschlächter meer unter der Pax Romana, dem rö-
verrät sogar die Religion der Piraten. Wie Denn weit nützlicher als seine militä- mischen Frieden, Ruhe vor den Freibeu-
auch Plutarch berichtet, feierten sie des rischen waren für diesen Feldzug seine po- tern haben. Erst als im 4. Jahrhundert n.
Nachts die geheimen und nur Männern litischen Talente. Noch während er im Ha- Chr. das riesige Imperium selbst zu wan-
vorbehaltenen Mysterien des persischen fen von Ostia seine Schiffe ausrüstete, ließ ken begann, flammten auch die Überfälle
Gottes Mithras. Dessen Kult war ebenso Pompeius in den einschlägigen Kneipen auf See wieder auf. Immer mehr Stämme
hierarchisch organisiert wie das Leben und Spelunken der römischen Hafenstädte drängten von Norden, Süden und Osten
der Piraten selbst. Ihre Herrscher und verbreiten, dass er diejenigen Piraten, die über die Grenzen. Das Reich zerfiel – und
Kapitäne waren gebildete und stolze sich ihm ohne großen Widerstand ergeben das Land sollte sich lange nicht erholen.
Männer, die den römischen Senat allein würden, nicht wie sonst üblich mit dem Während Europa sich immer wieder in
durch ihr unkonventionelles Auftreten in Tod bestrafen, sondern ihnen Land geben Kriege verwickelte, ging auf den sieben
Rage brachten. »Mehr noch als die Angst, würde, um sich dort niederzulassen. Weltmeeren eine neue Generation von Pi-
die sie verbreiteten, provozierte die ab- Ein Pirat, der sich um die Bestellung raten auf Beutezug. l
scheuliche Extravaganz ihrer Ausrüstung. seiner Felder zu kümmern hatte, so seine
Ihre vergoldeten Leinen, ihren purpur- Idee, verschwendete keinen Gedanken an
nen Segel und silbernen Ruder, die Flö- die nächste wochenlange Kaperfahrt. Wiebke Friese studierte Klassische Archäologie,
ten und Geigen, die Saufgelage, die sie Und tatsächlich: Die Taktik erwies sich Kunstgeschichte und Geschichte der Naturwissen-
auf jeder Fahrt veranstalteten, sind eine als erstaunlich erfolgreich. Viele der Pi- schaften. Derzeit schreibt sie in Oxford an ihrer Doktor-
Schande für das römische Supremat«, er- ratenbanden ergaben sich kampflos, und arbeit.
eiferte sich Plutarch. es wurden mehr, als sich zeigte, dass der

Abenteuer Archäologie 2/2007  69


r 

r r D I E M U S E N D E S H E R O D OT

Po lymni a

Gefräßige Götter, blutige Riten


»Sie schleppten den schönsten Mann der Schiffsmannschaft nach dem Vorderdeck
und schlachteten ihn. Es galt ihnen ein günstiges Vorzeichen, dass der erste Hellene,
den sie gefangen hatten, ein so schöner Mann war.«
Historien, Siebentes Buch, »Polymnia«, Kapitel 180

Von Hakan Baykal licher Recherchen, sind sich die Ermittler ganze Köperteile als Elemente des Hei-
so gut wie sicher: Adam, so wird der Jun- lungszaubers einzusetzen.
Im Herbst des Jahres 2001 ge inzwischen genannt, stammte aus Menschenopfer gibt es wohl schon, seit
raubte eine grausige Entde- Westafrika und wurde im Rahmen eines der Mensch an Götter, Geister und Dä­
ckung vorübergehend den sonst so abge- Ritualmords einer Gottheit geopfert. monen denkt. In vielen alten Kulturen wur-
brühten Londonern den Atem. Von der Die bekannteste Form okkulter Tö- den rituelle Tötungen praktiziert. Die
Tower Bridge erspähte ein Spaziergänger tungen in Afrika sind so genannte Muti- Gründe dafür waren mannigfaltig. Sie ge-
einen leblos in der Themse treibenden Morde. Umu thi bedeutet in der Sprache schahen im Zusammenhang mit Kanniba-
Körper. Als dieser geborgen war, stellte der Zulu Strauch oder Baum, in Verbin- lismus, der aus akuter Not entstehen konn-
sich heraus, dass es sich um den Torso dung mit traditionellen Heilmethoden te, der aber auch im Rahmen von Totenfei-
eines etwa fünfjährigen, dunkelhäutigen auch Medizin. Der Begriff selbst hat also ern sowie im Götterkult ausgeübt wurde.
Jungen handelte – Kopf und Gliedmaßen noch keinen verbrecherischen Gehalt, son- Man brachte Bauopfer dar, zur Segnung
waren dem Kind abgehackt worden. Ein dern bezieht sich auf die Künste der Na- neu errichteter Gebäude, gleich ob diese sa-
Schauder ging durch die Stadt und durch turheiler, Sangomas, die ihre Elixiere zum kraler oder profaner Natur waren. Aus meh­
die Medien. Nur drei Wochen nach der Großteil aus Kräutern und Pflanzen, aber reren nordischen Legenden sind Königs­
Tat kamen erste Hinweise an die Öffent- auch aus tierischem Fett, Blut oder Kno- opfer nach Hungersnöten bekannt – etwa
lichkeit, die den Mord mit afrikanischen chen herstellen. Kriminell wird diese tra- in der Sage vom schwedischen Fürsten Do­
Opferriten in Verbindung brachten. ditionelle Medizin erst in ihrer extremen, malde, der nach Jahren der Missernten, als
Mittlerweile, nach mehr als fünf Jahren okkulten Form, wenn Menschen ermor- keines seiner Tier- und Menschenopfer Wir­
akribischer Polizeiarbeit und wissenschaft- det werden, um ihr Blut, ihre Haut oder kung gezeigt hatte, sich selbst den Göttern
darbrachte. Anlässlich ähnlicher existen-
zieller Not setzten noch im Jahr 975 n. Chr.
Herodot und seine Historien viele Isländer während einer verheerenden
Hungersnot ihre Kinder aus und stießen
Q Herodot, geboren zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. in die Alten ins Meer, um selbst zu überle-
Halikarnassos – dem heute türkischen Bodrum –, erzählte ben. Andere wiederum töteten ihre Mit-
vom Krieg der Griechen mit den »Barbaren« – in diesem Fall menschen zur Abwendung von Seuchen.
den Persern. Die klassischen Sagen des Altertums be-
An den Anfang stellte er eine ausführliche Einleitung. Die- richten auch von rituellen Tötungen für
se gab dem »Vater der Geschichtsschreibung« die Gelegen- günstige Winde: So sollte Iphigenie ster-
heit, seine Erkenntnisse aus Geografie, Geschichte und Völ- ben, weil wegen einer Sünde ihres Vaters
kerkunde der damals bekannten Welt vor dem Publikum aus- Agamemnon die griechischen Schiffe die
zubreiten. So berichtete er nicht nur von Griechen und Fahrt nach Troia nicht weiterführen konn-
Persern, sondern auch von Lykiern, Babyloniern, Ägyptern, ten. Achill hingegen schlachtete einen ge-
Skythen und anderen. Später, in hellenistischer Zeit, wurden fangenen troianischen Jüngling dahin – als
seine Historien nach den Musen, den antiken Schutzgöt- Totenopfer am Scheiterhaufen seines ge-
tinnen der Künste, benannt. Manche seiner Nachrichten aus liebten Freundes Patroklos. Herodot und
der Fremde sind zweifelhaft, viele an­dere aber selbst nach andere Autoren der Antike berichten von
zweieinhalb Jahrtausenden brisant und bewegend. Tötungen bei Persern und Babyloniern.
Abenteuer Archäologie forscht einzelnen Zi­taten aus dem Die römischen Gladiatorenkämpfe waren
gewaltigen Fundus der Historien nach. eine besonders »verspielte« Form der grau-
samen Huldigung an die Götter.

70 Abenteuer Archäologie 2/2007


Bridgeman Giraudon
Menschenopfer, dargestellt auf
einem assyrischen Rollsiegel aus der
ersten Hälfte des ersten vorchristlichen
Jahrtausends (Mitte): Viele Kulturen
kennen ähnlich grausame Rituale.

Selbst den frühen Christen wurde von


ihren heidnischen Kontrahenten das sacra-
mentum infanticidii vorgeworfen: Sie wür-
den nämlich bei ihren nächtlichen Gottes-
diensten Kinder schlachten, Brot in deren
Blut tunken und verspeisen. Wenige Jahr-
hunderte später machten die inzwischen
mächtig gewordenen Christen ihrerseits
der jüdischen Minderheit in Europa die- bens zu bestätigen – welch ein Vater, Zahlen vorliegen. Wenn sich dort jemand
selben Vorhaltungen. Ihnen warfen sie ja welch ein Gott! an einen Sangoma wendet und dieser
auch vor, den Heiland ermordet zu haben, Bei den Kelten wurden Kriegsgefan­ »dem Klienten eine ›extrem starke Muti-
und hier und da tun das manche bis heute gene für den Himmelsgott Taranis ver- Medizin‹ empfiehlt, impliziert das unter
noch. Dabei: Ein klassisches Menschen­ brannt, während man die Opfer für Teu- Umständen die Verwendung menschlicher
opfer war auch der Kreuztod Christi, als tates – häufig im Moor – ertränkte. Die Körperteile«, berichtet der Frankfurter
dieser sich als Erlöser für den Rest der spanischen Konquistadoren berichteten Journalist und Filmemacher Oliver G. Be-
Menschheit hingab – allerdings mehr oder von den Azteken, sie hätten ihren Göttern cker, der drei Jahre lang diesen Morden
weniger freiwillig, soweit man in solchen zu Gefallen jährlich bis zu zwanzigtausend nachrecherchiert hat.
Dingen vom freien Willen sprechen kann. Menschen geschlachtet. Die Zahl dürfte Nachrichten über rituelle Tötungen er-
übertrieben sein. Es bleibt aber eine Tat­ reichen uns jedoch nicht nur vom
Verschontes Kind sache, dass der blutige Kult im alten Ame- Schwarzen Kontinent. Auch aus Indien
Im Alten Testament fordert ein gieriger rika weit verbreitet war. Auch Kopfjagden kommen gelegentlich ähnlich verstörende
Gott an mehreren Stellen die Erstgebore- in so weit voneinander entfernten Regi- Meldungen. Im Januar 2004 etwa ermor-
nen der Menschen und Tiere ein. Etwa onen wie Hinterindien, Taiwan oder Neu- dete im südlichen Bundesstaat Andhra
im zweiten Buch Mose: »Heilige mir alle guinea dienten der rituellen Tötung von Pradesh eine Mutter ihren dreijährigen
Erstgeburt bei den Israeliten; alles, was Menschen. Manchmal war dieses Morden Sohn – wahrscheinlich, weil ein Zauberer
zuerst den Mutterschoß durchbricht bei Teil des Initiationsritus an der Schwelle ihr für diesen Fall unerschöpfliche Reich-
Mensch und Vieh, das ist mein.« Eine der zum Mannesalter. In anderen Gesell- tümer in Aussicht gestellt hatte. Im Mai
bekanntesten Opfergeschichten unseres schaften musste ein Bräutigam vor seiner darauf verstümmelte ein Vater in Bihar an
Kulturkreises ist aber sicher der Bericht Heirat erst töten, um seine eigene Zeu- der Grenze zu Nepal seine beiden Töchter
von Abraham und seinem einzigen Sohn gungskraft als Mann zu sichern. im Teenageralter als Opfergaben für die
Isaak. Gott fordert von dem alten Mann Das alles sind Berichte, Sagen und Be- Göttin Kali.
als Beweis seines Glaubens, den Jungen funde aus meist vergangenen Zeiten. Der Auch in unseren Breiten ereignen sich
zu opfern. kleine Adam hingegen wurde vor wenigen okkulte Bluttaten. Freilich wurzeln die
Erst als der Vater das Kind schon gefes- Jahren geopfert und sein Schicksal ist kein Voraussetzungen und Umstände bei die-
selt hat und das Feuer für das Brandopfer Einzelfall. Allein in der Republik Südafrika sen Verbrechen in ganz anderen psycholo-
entfacht, gebietet ihm der Erzengel Gabri- etwa werden nach offiziellen Schätzungen gischen und gesellschaftlichen Mustern.
el im Namen Gottes Einhalt. An Issaks jährlich 70 bis 100 Muti-Morde begangen. Erinnert sei an den Satanistenmord von
Stelle darf der so gottesfürchtige wie gefü- Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher Witten im Sommer jenes Jahres 2001, in
gige Patriarch nun einen Widder schlach- liegen. Ganz zu schweigen davon, dass dem auch der verstümmelte Körper des
ten. Abraham jedoch wäre durchaus bereit etwa aus Nigeria und anderen Ländern fünfjährigen Adam gefunden wurde. l
gewesen, seinen Sohn zu töten, um sei- südlich der Sahara, in denen diese Verbre-
nem Herrn die Aufrichtigkeit seines Glau- chen ebenfalls verbreitet sind, gar keine Im nächsten Heft: Die vertanzte Hochzeit

Abenteuer Archäologie 2/2007  71


Alle Jahre Wahlkampf Von Theodor Kissel

Wer in Rom das Sagen haben wollte, musste sich vom Volk Jahr für Jahr aufs Neue
wählen lassen. Manche Strategien der Kandidaten im Ringen um die Macht muten
überraschend modern an.

»Wie jedes andere Produkt, so auf der sich ohnehin das gesamte gesell- der deutschen Altertumswissenschaft,
muss auch ein Politiker ver­ schaftliche Leben abspielte. Auf dem et- Ende des 19. Jahrhunderts in seinem »Rö-
marktet werden – besonders im Wahl­ was erhöht gelegenen Gelände im Nord- mischen Staatsrecht« darlegte. Magistrat
kampf«, befand vor fast einem halben westen, gleich unterhalb des kapitoli- konnte demnach nur werden, wer rö-
Jahrhundert Richard Nixon. Was der 37. nischen Hügels, befand sich mit der Kurie, mischer Staatsbürger war, beim Militär ge-
Präsident der Vereinigten Staaten in Sa- dem Comitium und der Rostra das poli- dient hatte und über ein jährliches Ein-
chen Politmarketing feststellte, galt vor tische Herz der Republik Rom. Sie bil- kommen von mindestens 400 000 Sester-
mehr als 2000 Jahren auch für das repu- deten eine architektonische Einheit, ein zen verfügte.
blikanische Rom – denn dort war jedes Spiegelbild der politischen Ordnung der Anders als die heute mit Diäten do-
Jahr ein Superwahljahr. Der Grund dafür res publica. In der Kurie, steingewordene tierten Abgeordneten dienten die rö-
lag in der einjährigen Befristung römischer Manifestation der römischen Aristokratie, mischen Beamten dem Staat um der Ehre
Ämter. Mit dem in der Verfassung veran- tagten die Senatoren; auf dem etwas tie- willen – weshalb der politische Karriere-
kerten Prinzip der Annuität wollten die fer gelegenen Comitium (von lateinisch weg cursus honorum hieß. Zudem erwar-
Gründerväter der Republik eine allzu co-ire, »zusammen kommen«) fanden die tete das Volk, dass Amtsinhaber Spiele
große Machtfülle Einzelner verhindern. Volksversammlungen statt. Südlich davon ausrichteten oder Getreide verteilten;
Stets mussten daher zahlreiche Ämter, die befand sich die Rostra, die etwa drei manch einer verschuldete sich dabei bis
der populus Romanus durch seine Stimme Meter hohe, halbkreisförmige Rednertri- über die Ohren. Denn neben der Ehre
vergab, neu besetzt werden – nicht zuletzt büne. Ihren Namen verdankt sie den 338 winkten auch Machtpositionen, die Ein-
die beiden begehrten Konsulstellen. v. Chr. erbeuteten Schiffsschnäbeln, latei- fluss und Reichtum brachten. Das Konsu- r
Wahlkampf, das war im republika- nisch rostra, die als Kriegstrophäen die
nischen Rom wie heute ein gesellschaft- Vorderseite des Podiums zierten. Von die-
liches Großereignis. Schon Monate vor ser Plattform aus sprachen Roms Magis- Auf dem Forum Romanum
dem eigentlichen Urnengang entbrannte trate zum Volk, ebenso wie die Amtsbe- entschied sich das Schicksal der antiken
ein erbitterter Kampf um die Wählerstim- werber während des Wahlkampfs. Welt, und dort wurde auch Wahlkampf
men, aber auch um Geld. Denn wie die gemacht. Der Blick vom Kapitolshügel aus
Kan­didaten, die derzeit in Washington Eine Frage der Ehre zeigt zur Linken das Senatsgebäude, die
und Paris an den Start gehen, waren auch Diese mussten sich zunächst erst einmal Kurie. Auf dem Platz davor fanden
Politiker im alten Rom auf Sponsoren an- beim Wahlleiter, meist einem der beiden Volksversammlungen statt. Durch den
gewiesen. amtierenden Konsuln, registrieren lassen, Ehrenbogen des Septimius Severus ist
In einer Beziehung hatten sie es in der wofür es wie heute ganz bestimmte Fris- gerade noch die Rednertribüne, die
Antike leichter: Der Wahlkampf des Im- ten gab. Zudem hatte die römische Verfas- Rostra, zu sehen (Ausschnitt aus einem
periums fand im Wesentlichen auf dem sung hohe formale Hürden errichtet, die Rompanorama, das bis Jahresende im
Forum Romanum statt, jener Platzanlage, bereits Theodor Mommsen, der Nestor Gasometer Leipzig zu sehen ist).

72 Abenteuer Archäologie 2/2007


Asisi

Abenteuer Archäologie 2/2007  73


r lat war der Zenit der römischen Ämter- ren oder die gesetzte Frist verstrichen, gab seinem Werk »Die römische Nobilität«,
laufbahn, bot es doch Zutritt zum inneren der Wahlleiter den Termin öffentlich be- sozial niedriger gestellte Klienten hätten
Zirkel der Senatsaristokratie. Auch nach kannt – seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. sich gar keine eigene Meinung zu poli-
dem Amtsjahr gehörte man auf Lebenszeit auf einer auf dem Forum aufgestellten tischen Fragen erlauben dürfen, sondern
dem Senat an, dem institutionellen Zen- Bronzetafel. Der Wettstreit war eröffnet. seien gezwungen gewesen, sich der Ein-
trum der politischen Klasse. Entsprechend Wie die Anwärter auf Stimmenfang stellung ihres Patrons zu unterwerfen.
hart umkämpft war dieser Posten. gingen und ihre Konkurrenz aus dem Feld Neuere Untersuchungen des Duisbur-
Seit 180 v. Chr. regelte ein Gesetz im zu schlagen suchten, verrät uns vor allem ger Forschers Günther Laser relativieren
Detail die Kriterien der verschiedenen das »Commentariolum petitionis«, ein diese Ansicht. Denn Klienten konnten
Ämter. Bewerber um das Konsulat muss- Handbuch für den Wahlkampf. Verfasst mehrere Patrone haben. »Klientelbezie-
ten mindestens dreiundvierzig Jahre alt hat es Quintus Cicero, Bruder des be- hungen waren unverbindliche Zusagen
sein und die rangniedrigeren Ämter bereits rühmten Redners, Juristen und Politikers auf Unterstützung und gekennzeichnet
bekleidet haben. Waren die formalen Vo­ Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.) durch instabile Beziehungen, keinesfalls
raussetzungen erfüllt und zum Zeitpunkt und nach heutigem Verständnis auch des- aber Druckmittel oder Garanten des
der Bewerbung auch keine juristischen sen Wahlkampfberater und PR-Manager. Wahlerfolgs.«
Verfahren gegen den Kandidaten anhän- Zunächst einmal galt es offenbar, alte
gig, so stand seiner Registrierung nichts Seilschaften zu aktivieren und neue zu Tue Gutes und rede darüber
mehr im Weg. Wenn alle von Rechts we- knüpfen. Für uns ist dieser Begriff negativ Ohnehin erhielt das Prinzip von Leistung
gen möglichen Bewerber verzeichnet wa- besetzt, doch das römische Gesellschafts­ und Gegenleistung 139 v. Chr. einen
gefüge bestand im Wesentlichen aus per- schweren Dämpfer, als in Rom die Beam-
sönlichen Bindungen. Unter gleichran- tenwahl per Handzeichen durch eine ge-
gigen Partnern hießen solche Wechselbe- heime Abstimmung per Stimmtäfelchen
Obwohl er weder dem Stadt- ziehungen des Gebens und Nehmens ami- ersetzt wurde (siehe Bild S. 77). Nun hat-
adel Roms entstammte noch citiae, »Freundschaften«, unter Personen ten die Patrone auf das Abstimmungs­
über großen Reichtum verfügte, strebte verschiedenen Ranges clientelae, »Gefolg- verhalten ihrer Klienten keinen Einfluss
Marcus Tullius Cicero nach dem Konsulat. schaften«. Jede Gefälligkeit erzeugte eine mehr. Der Münchner Althistoriker Chris-
Dafür spannte der Jurist und geniale Verpflichtung, eine Hand wusch die ande- tian Meier sieht darin einen der Gründe,
Redner auch Klienten ein, denen er eine re. Der Frankfurter Althistoriker Matthias warum seit dieser Zeit die Wahlbeste-
sichere Verurteilung erspart hatte. Gelzer (1886 – 1974) konstatierte 1912 in chung zunahm. Obwohl niemand kont-

AKG Berlin

74 Abenteuer Archäologie 2/2007


Ein Mann des Volkes, ein

DPA
Netzwerker – der Demokrat Barak Obama
(rechts), Senator von Illinois, ist ein
homo novus der amerikanischen
Politszene. Wie einst Cicero muss auch er
Kontakte knüpfen, um sein ehrgeiziges
Ziel zu erreichen: die Nominierung für die
Präsidentschaftswahlen (das Bild zeigt
ihn im Weißen Haus im Gespräch mit
Donovan McNabb, Quarterback der
Philadelphia Eagles, und Tom Brady von
den New England Patriots).

rollieren konnte, ob der Geldempfänger in Washingtons zu erlernen«, kokettiert er ner traditionsbewussten Gesellschaft wie
seinem Sinn handelte, war es offenbar eine mit seinem Newcomer-Status, »aber ich der römischen die Erfolgsaussichten er-
Möglichkeit, sich Stimmen zu sichern. bin dort schon lange genug, um zu wis- heblich.
Vermutlich wurde solcher Stimmenkauf sen, dass sich die Wege Washingtons än- Anders als in Athen, wo das demokra-
trotz Strafverfolgung en gros vermittelt. dern müssen.« Ein Satz, der Cicero mit tische Prinzip der bürgerlichen Gleichheit
Für den römischen Ritter Marcus Tul- einem Schlag aller seiner Wahlchancen be- so weit getrieben wurde, dass die wichtigs-
lius Cicero, der sich im Jahr 64 v. Chr. für raubt hätte, da er damit das gesamte Sys- ten Ämter nicht durch Wahlen, sondern
das Konsulat bewarb, war die geheime tem und die herrschende Klasse in Rom durch Losentscheid vergeben wurden, hat-
Wahl ein Vorteil. Im hundert Kilometer in Frage gestellt hätte. Die Römer waren ten die Bürger zwar durchaus politische
südöstlich von Rom gelegenen Arpinum nun einmal ein konservatives Völkchen, Einflussmöglichkeiten, doch war der
geboren, war er ein homo novus, ein sozi- das sein Handeln nach Werten und Nor- Spielraum sehr begrenzt: Damit ein Volks-
aler Aufsteiger, der weitaus weniger Kli- men der Vergangenheit beurteilte. entscheid über ein Gesetz zu Stande kam,
enten für den Urnengang mobilisieren musste der Magistrat gewillt sein, einen
konnte als die reichen Aristokraten. Des- Keine Macht dem Volke entsprechenden Antrag zu stellen; zur
halb bemühte er sich, seine Leistungen be- Es gehörte zur inneren Mechanik der rö- Wahl stellte sich nur eine Hand voll Kan-
kannt zu machen und bei möglichst vielen mischen Adelsrepublik, dass die gesell- didaten, die allesamt zur besitzenden Klas-
Menschen einen sympathischen Eindruck schaftliche Position eines Mannes, sein se gehörten. Das Volk verlieh seinen Poli-
zu hinterlassen. Die geheime Wahl ermög­ gradus dignitatis, im Wesentlichen auf tikern zwar Macht, doch ging nicht alle
lichte auch Klienten von Aristokraten, für Herkunft und Leistung beruhte, weswe- Macht vom Volk aus. Das lag vor allem an
ihn zu stimmen. Doch die Römer beur- gen die römische Republik auch als Me­ dem rigiden Klassenwahlrecht – die rö-
teilten die persönliche Eignung der Be­ ritokratie, als »Herrschaft des Verdienst­ mische Gesellschaft war in fünf Vermö-
werber auch danach, ob sie einen Namen adels«, bezeichnet wird. Meriten hatten gensklassen eingeteilt – und einem Verfah-
hatten. sich seit dem Beginn der Republik 509 v. ren, bei dem nicht nach Köpfen abge-
Ein homo novus unserer Tage ist Barak Chr. die alteingesessenen Geschlechter der stimmt wurde.
Obama, Senator des US-Bundesstaats Illi- Senatsaristokratie erworben. Hatten nicht Konsuln, Prätoren und Zensoren wur-
nois, der als Kandidat der Demokra- ihre Familien wesentlich am Aufstieg zur den nämlich von den comitia centuriata
tischen Partei ins Rennen um die Präsi- Weltmacht mitgewirkt? Auch wenn sich gewählt. Diese Einteilung des Volks in
dentschaft gehen will. Dem Sohn eines Rom als Republik bezeichnete und jeder Zenturien war in der zweiten Hälfte des 6.
kenianischen Einwanderers war wie einst römische Bürger ein Stimmrecht hatte, Jahrhunderts v. Chr. aus den militärischen
Cicero die politische Karriere nicht in die besaß doch der Adel das größte politische Hundertschaften – centuriae – des römi-
Wiege gelegt. Aber anders als der römische Gewicht. Und dessen Vertreter beurteilten schen Bürgerheers hervorgegangen. Doch
Politiker, der sich sehr bedeckt hielt, was Kandidaten nicht nach ihrer Persönlich- diese fiktiven Hundertschaften, nach de-
seine Herkunft betraf, betont Obama die keit, sondern nach der Herkunft aus nen abgestimmt wurde, bildeten die Ge-
seine ausdrücklich, präsentiert sich als einem Haus, das schon seit langer Zeit sellschaft Roms nicht objektiv ab: Von
»Outsider« und setzt sich damit von den führende Politiker gestellt hatte, wie Bern- den insgesamt 193 Stimmkörperschaften
arrivierten Insidern des Washingtoner hard Linke von der Technischen Universi- entfielen allein siebzig auf die erste Klasse
Polit-Establishments ab: »Ich habe nicht tät Chemnitz unterstreicht. Die »Empfeh- der Aristokraten und achtzehn auf die
viel Zeit damit verbracht, die Wege lung durch die Ahnen« verbesserte in ei- zweite, die »Ritter mit Staatspferd«, wäh- r

Abenteuer Archäologie 2/2007  75


r rend die sozial niedrigere dritte, vierte und eigener Kraft erworben hatte, sollte er Der Neuling Obama hat seine Zeit als
fünfte Klasse zusammen nur auf hundert, diese­ entsprechend hervorheben. Cicero Senator genutzt, um soziale Netzwerke zu
die Masse der Proletarier gar nur auf fünf hatte sich seit Ende der 70er Jahre mit knüpfen, die er nun für den Wahlkampf
Zenturien kam. seinen rhetorischen Fähigkeiten einen aktivieren kann. Cicero arbeitete daran
Marcus Tullius Cicero hatte Jahre spä- Namen gemacht, zuerst als Anwalt, später während seiner Tätigkeit als Anwalt. So
ter in seinem Werk »Über den Staat« fest- als Politiker. Seine Reden hatten Event- manchen Angehörigen der römischen
gestellt, dass in einer einzigen Stimmkör- charakter und verfehlten ihre Wirkung Führungsschicht hatte er vor einer siche­
perschaft der untersten Vermögensklasse auf das Volk nicht. ren Verurteilung bewahrt. Sie schuldeten
mehr Bürger eingetragen waren als in den Dabei galt es nicht nur die richtigen ihm einen Gefallen, den er einzufordern
siebzig der ersten Vermögensklasse zusam- Worte zu finden, sondern auch den rich- gedachte.
men. Nicht im Sinn einer Systemkritik, tigen Ort. Oftmals war dieser mit Bedacht Der Kandidat müsse, so sein Bruder
sondern davon überzeugt, dass es so am gewählt, gerade in einer »kollektiven Er­ Quintus Cicero, bei den Wählern zudem
besten sei, schrieb er: »Die Abstimmungen innerungslandschaft«, wie der Augsburger größte Erwartungen an die Amtsausübung
liegen nicht in der Macht der Masse, son- Althistoriker Veit Rosenberger das Forum wecken; ob er diese dann erfüllte, stehe
dern in der der Besitzenden, weshalb ge- Romanum bezeichnet, wo einst ein ganzes auf einem anderen Blatt. Auf keinen Fall
währleistet ist, dass die meisten nicht am Ensemble von Architekturen und Stand- aber dürfe er über Politik sprechen oder
meisten Macht haben.« bildern an die glorreiche Vergangenheit die Wahrheit sagen. Eindeutige program-
Roms gemahnte. Es war der genius loci des matische Aussagen solle er vermeiden, un-
Meide die Wahrheit! Forums, das durch seinen ihm innewoh- verbindliche Versprechungen seien aber
Umso erstaunlicher, dass sich dieser nenden Charakter eine besondere Aura empfehlenswert, im Bedarfsfall auch Un-
Mann, ein Nichtadliger, gegen seine Kon- ausstrahlte, mit dem sich ein Redner ger- wahrheit und Verstellung nicht zu verach-
kurrenten durchsetzen und mit dem Errei- ne umgab, um seinem gesprochenen Wort ten. Um größtmögliche Wirkung beim
chen des Mindestalters bereits Konsul wer- besondere Autorität zu verleihen. Wähler zu erzielen, solle sich der Kandidat
den konnte. Der britische Journalist und Wer in Rom etwa vor der Statue des le- »mit Stirn, Miene und Sprache« auf die
Bestsellerautor Robert Harris hat diesen gendären Auguren Attius Naevius sprach, Sinnesart und Wünsche der potenziellen
Weg in seinem neuesten Roman »Imperi- der wollte seinen Zuhörern unausgespro- Wähler einstellen und niemanden vor den
um« sachkundig und mit der nötigen Fan- chen mitteilen, dass er sein Tun und Han- Kopf stoßen. Und genau nach diesem
tasie nachgezeichnet. Zweifelsohne folgte deln stets nach göttlichem Willen auszu- Motto handelte Marcus Cicero: Den Aris-
Cicero den im »Commentariolum petitio- richten gedenke. Und wer wie Cicero der tokraten präsentierte er sich als Verfechter
nis« festgehaltenen Ratschlägen seines Bru- concordia ordinum, der »Eintracht der der Vorrangstellung des Senats, den Han-
ders. Dieser hatte sich Gedanken darüber Stände«, das Wort redete, der wählte als del treibenden Rittern als Vertreter von
gemacht, wie der Kandidat aus seinen per- Ort seiner Ansprache den Tempel der Ruhe und Ordnung und dem gemeinen
sönlichen Fähigkeiten doch noch das Göttin der Eintracht, lateinisch Concor- Volk als freigebiger Wohltäter.
größtmögliche Kapital schlagen könnte. dia, die seinen Ausführungen eine sakrale Dass auch diese Strategie in unserer
Zeit praktiziert wird, demonstrierte jüngst
die französische Präsidentschaftskandida-
»Sorge dafür, dass über deine Widersacher skandalöse Geschichten tin Ségolène Royal, die allen Bevölke-
über deren Verbrechen, Ausschweifungen und Bestechungen im rungsschichten Frankreichs Verbesserun-
Umlauf sind, und achte selbst darauf, dass über dich keine kursieren« gen in Aussicht stellte. Anders als im alten
Rom lädt ein solches Wahlprogramm heu-
te aber den Gegner wohl zur pressewirk-
Nicht anders als heute zählte die Kunst Aura verlieh. Diese Wirkung des genius samen Breitseite heraus – die agile Gal-
der Selbstdarstellung, die Vermarktung loci machte sich unlängst auch Barak Oba- lierin musste sich nach der Finanzierung
der eigenen Person, zu den wichtigsten ma zu Nutze, als er mit dem sicheren Ge- solcher Wohltaten fragen lassen und Mit-
Fähigkeiten eines römischen Politikers. spür für historische Symbolik in Illinois’ te Februar sahen Umfragen sie in einem
Gerade in einer »face-to-face-society«, als Hauptstadt Springfield vor dem traditions­ Meinungstief.
welche der Althistoriker Fergus Millar reichen »Old State Capitol« seine Nomi- Im alten Rom war Bescheidenheit fehl
von der Ox­ford University die römische nierung als Präsidentschaftskandidat der am Platz. Asconius Pedanius, der um die
bezeichnete, in der alle wichtigen poli- Vereinigten Staaten bekannt gab. Es war Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. einen
tischen Entscheidungen coram publico – genau der Ort, an dem 1858 der spätere Kommentar zu Ciceros Rede »In toga can-
vor aller Welt – gefällt wurden, war die Präsident Abraham Lincoln ein flammen- dida« verfasste, attestierte vier Mitbewer-
ständige Präsenz in der Öffentlichkeit von des Plädoyer zur Abschaffung der Sklave- bern ein maßvolles und anständiges Wer-
größter Bedeutung. Förmlich aufdrängen rei gehalten hatte. Damit stellt sich der ben um die Wählergunst, und das, so Pe-
sollten sich die Kandidaten dem Wähler- Bewerber in die Tradition des Mannes, der danius, war genau der Grund, weshalb sie
volk, empfiehlt Quintus Cicero. Da sei- den meisten Amerikanern noch heute als fast aussichtslos im Rennen lagen. Opti-
nem Bruder die Verdienste nicht in den die Verkörperung der besten Eigen- mal, so auch Quintus Cicero, verkaufe
Schoß gefallen waren, sondern er sie aus schaften ihrer Nation gilt. sich ein Amtsbewerber, der dem Volk

76 Abenteuer Archäologie 2/2007


Die geheime Wahl mit Wachs­
täfelchen und Urne erschwerte es den
Kandidaten, das Abstimmungsverhalten
ihrer Klienten direkt zu überwachen –
und förderte damit die Bestechung.

didati). Roms politische Arena bildete das


Forum. Dort herumzugehen galt es, und
möglichst viele Personen anzusprechen.
Dieses Vorgehen empfanden die Römer als
so charakteristisch für den Wahlkampf,
dass sie den gesamten Vorgang der Ämter-
bewerbung ambitio nannten (von ambire,
»herumgehen«). Zu unterscheiden freilich
von ambitus, der ordnungswidrigen Wahl-
bestechung, die in Rom vor einem eigenen
Schwurgerichtshof behandelt wurde.
Fein herausgeputzt in ihren schneewei-
ßen Togen starteten die Kandidaten ihre
Charmeoffensive. Dabei schüttelten sie
reihenweise Hände, machten belanglosen
lin
Smalltalk, gaben sich leutselig. Begleitet
er
AK
GB wurden sie von einem möglichst großen
Gefolge aus Klienten, Verwandten und
einflussreichen Freunden. Volksnähe heu-
chelten sie, indem sie jeden einzelnen Bür-
fürsorg­lich, engagiert, selbstsicher, über- dass über dich keine kursieren«, mahnte er ger mit Namen ansprachen, die ihnen ein
zeugend im Auftreten und stets jovial er- seinen Bruder. nomenclator, eine Art wandelndes Adress-
scheine. Als Hort der Indiskretion erwies sich buch, unauffällig zuflüsterte. Ségolène
Freilich hatte er diese Empfehlungen nicht selten der Haushalt des Kandidaten, Royal hat hierfür ihre Redenschreiber.
nicht erdacht, sondern aus der Analyse der in dem bisweilen Hunderte von Sklaven Auch sie – um besondere Nähe zum und
Politik seiner Zeit gewonnen. Der rö- lebten und intimste Kenntnisse über den um tiefe Verbundenheit mit dem gemei-
mische Historiker Sallust (86 – 35 v. Chr.) Lebenswandel ihres Herrn besaßen. Im nen Volk bemüht – bedient sich römischer
schrieb: »Der Ehrgeiz nötigte viele Men- »Commentariolum petitionis« wird daher Wahlkampftaktik, wenn sie in ihrer Rede
schen, falsch zu werden, anderes verschlos- dringend geraten, die ansonsten als recht- vor der Nation diesen oder jenen aus der
sen in der Brust zu tragen als offen mit lose Sache behandelten Sklaven während großen anonymen Masse mit Vornamen
Worten zu bekennen, Freundschaften und des Wahlkampfs mit Samthandschuhen und Wohnort nennt und dadurch sugge-
Feindschaften nicht nach dem Wert, son- anzufassen. Ein brisantes Detail, von ei- riert: Ich bin eine von euch.
dern nach dem äußeren Vorteil zu bestim- nem Unzufriedenen an die Öffentlichkeit Wahlkämpfer müssen bei öffentlichen
men, mehr eine brave Miene zu zeigen als getragen, konnte die Gerüchteküche in Auftritten Verhaltensregeln des gesellschaft-
einen guten Charakter.« Oder mit den Rom zum Brodeln bringen und die Wahl- lichen Miteinanders beachten. Diese Er­
Worten des Trierer Althistorikers Ralf Ur- chancen beträchtlich vermindern. fahrung machte der rheinland-pfälzische
ban formuliert: »Die Aufgabe des Wahl- Ministerpräsident Kurt Beck, als er einem
kampfs war es nicht, den Kandidaten so Gekonnter Smalltalk lautstarken Störer Pflegetipps gab. Der
darzustellen, wie er war, sondern so, wie Wie geschickt es ein Kandidat verstand, Empfehlung, die Chancen auf dem Arbeits-
ihn der Wähler sich wünschte.« Da war es die Sympathie des Volkes zu gewinnen, markt durch Waschen und Rasieren zu ver-
sicher nicht von Nachteil, Erkundigungen zeigte sich spätestens im direkten Kontakt bessern, folgte ein Rauschen im deutschen
über Gegner einzuholen. Von Quintus Ci- mit den Wählern. Dabei waren nicht nur Blätterwald. Im alten Rom galt demonstra-
cero weiß man, dass er eine Liste der Be- selbstdarstellerische Talente, sondern auch tive Nähe mit sozial niedriger stehenden
werber um das Konsulat führte, in der alle optische Effekte und demonstrative Ges- Bürgern als oberstes Gebot. Man solle dem
über sie bekannten Informationen – pro ten gefragt. In der heißen Wahlkampf­ Volk Respekt erweisen, es als Entschei-
und kontra – verzeichnet waren. »Sorge phase war ein Amtsbewerber pausenlos im dungsträger ernst nehmen und das erstrebte
dafür, dass über deine Widersacher skan- Einsatz, ausgewiesen durch eine toga can- Amt offenkundig als benefi­cium populi, als
dalöse Geschichten über deren Verbre- dida, eine speziell mit Urin gebleichte Toga »Gefälligkeit des Volkes«, erachten, mahnt
chen, Ausschweifungen und Bestechungen (unser Wort »Kandidat« stammt von eben das »Commentariolum petitionis«. Einer,
im Umlauf sind, und achte selbst darauf, diesem Kleidungsstück der römischen can- dem dies gründlich misslang, war im 2. r

Abenteuer Archäologie 2/2007  77


AKG Berlin

Im 18. Jahrhundert erinnerten men wie Wagenrennen, Gladiatorenkämp- Hauptstadt erwarten; ungehindert durch
nur noch Ruinen des Forum Romanum fen, Tierhatzen, Schauspielen, öffentlichen eine vulkanische Ascheschicht hat sie der
an den Kampf um höchste Staatsposten. Bewirtungen, aber auch in Form von Zahn der Zeit dort aber leider getilgt.
Nach dem Attentat auf Iulius Caesar Graffiti. Solche Wandkritzeleien entdeck- Apropos Provinz: Nur selten verirrte
44 v. Chr. setzte Cicero sich für die Repu- ten Archäologen in Pompeji, wo die er- sich ein Kandidat dorthin, obwohl seit
blik ein. Doch seine Macht währte nur starrte Asche des Vesuv sie vor Verwitte- 89 v. Chr. alle Bewohner Italiens, von der
kurz. Er wurde am 7. Dezember 43 v. Chr. rung geschützt hatte. Meist sind es stereo- Stiefelspitze bis zur Poebene, wahlberech-
ermordet. type Wahlaufrufe von Berufsgruppen, tigt waren und je nach Vermögensklasse
Nachbarschaftsinitiativen oder Einzelper- den entsprechenden Zenturien zugeschla-
sonen: Oro vos faciatis XY, »ich bitte euch gen wurden. Das ergab fast eine Million
r Jahrhundert v. Chr. der adelsstolze Publius XY zu wählen« stand an Häuserwänden, Stimmberechtigte, von denen allerdings
Cornelius Scipio Nasica. Auf dem Forum an Säulen, Tempeln oder in Gasthäusern vermutlich nur wenige ihr Wahlrecht
drückte der vornehme Herr mit seinen fein und Garküchen. Mitunter sollte diese wahrnahmen und nach Rom reisten. Erst
manikürten Fingern die Hand eines Man- Sympathiebekundung demjenigen aber Cicero erkannte dieses Potenzial und ab-
nes, die von der Feldarbeit schwielig gewor- wohl eher schaden, denn sie wurden ge- solvierte für seine Konsulatswahl Auftritte
den war. Im Scherz fragte Scipio, ob er zeichnet von den »Spitzbuben«, »Schlaf- in Italiens abgeschiedenen Regionen. In
wohl die Gewohnheit habe, auf den Hän- mützen« oder »Spättrinkern«. Zum Nach- der norditalischen Aemilia, der Region
den zu laufen. Dieser verbale Ausrutscher teil gereichte einem Amtsbewerber sicher südlich des Po, war das Bürgerrecht sein
machte schnell die Runde, wie der römische auch, wenn sich Freudenmädchen für ihn Thema: Wer südlich des Flusses lebte,
Historiker Valerius Maximus im 1. Jahr- aussprachen. Gänzlich unter die Gürtel­ durfte wählen, wer nördlich davon lebte,
hundert n. Chr. berichtete: »Alle ländlichen linie gingen rufschädigende Verunglimp- nicht, denn er gehörte offiziell zu Gallia
Wahlbezirke glaubten, Scipio habe ihnen fungen wie im Fall eines gewissen Pro­ Cisalpina, war also kein römischer Bürger.
Armut vorgeworfen, und ließen ihrem Zorn culus, den Schmierfinken als Procula Cicero befürwortete offiziell eine Aus­
gegen seine beleidigenden Stadtmanieren ­bezeichneten und so in die homosexuelle dehnung des Bürgerrechts und konzent-
freien Lauf – er fiel bei der Wahl zum Ädi- Ecke rückten. Wenn es solche »Wahl- rierte seinen Wahlkampf auf die bevölke-
len sang- und klanglos durch.« kampfplakate« im kampanischen Pompeji rungsreiche Landeshauptstadt Placentia,
Flankiert wurden Wahlkampfauftritte und damit sozusagen in der Provinz gab, die direkt am Po lag und in der die Dis-
von einer ganzen Reihe von PR-Maßnah- darf man dergleichen erst recht in der kussion um das Bürgerrecht sogar Fami-

78 Abenteuer Archäologie 2/2007


lien entzweite. Vor­bereitet wurden solche genes Holztäfelchen, in dessen Oberfläche Hochsommer des Jahres 64 v. Chr. einen
Auftritte durch Wahlhelfer vor Ort, die er mit einem Eisengriffel die Initialen der überwältigenden Sieg davon. In allen 193
wichtige Überzeugungsarbeit leisteten. von ihm favorisierten Kandidaten einritz- Zenturien bekam er die meisten Stimmen.
Mit der Sommerhitze stieg auch die te. Jeder Wähler hatte zwei Stimmen, ku- Persönliche Leistungen zahlten sich in
Spannung in Rom. In der zweiten Juli- mulieren war nicht möglich. Die Täfel- Rom eben doch aus. Oder nicht?
hälfte, im Anschluss an die Spiele zu Eh- chen wurden in eine Urne auf der anderen Gerade die Ausnahmeerscheinung Ci-
ren des Apoll, rief ein Herold früh am Seite der Abstimmungsbrücken gegeben. cero dokumentiert die Bedeutung der be-
Morgen zu den Urnen. Daraufhin zogen Im diribitorium zählten zwei vereidigte schriebenen Wahlkampfstrategien. Je nä-
alle Wahlberechtigten zum nördlich des Personen die Voten aus. Sobald eine Zen- her der Tag der Entscheidung heranrück-
Kapitolshügels gelegenen Marsfeld. Dieses turie ihren Abstimmungsvorgang beendet te, desto mehr erhöhte Cicero den Druck
zwischen dem Tiber im Westen und dem hatte, wurden die beiden meistgenannten auf seine schärfsten Konkurrenten, den
Kapitolshügel im Süden gelegene Gelände Kandidaten von einem Herold verkündet. Adligen Lucius Sergius Catilina und
war seit frühester Zeit dem Kriegsgott
Mars geweiht. Ehemals im Privatbesitz der
etruskischen Könige (siehe S. 34), wurde Je näher der Tag der Entscheidung heranrückte, desto mehr erhöhte
das Marsfeld nach deren Vertreibung im Cicero den Druck auf seine schärfsten Konkurrenten.
Jahr 509 v. Chr. zu einem militärischen
Nichts ließ er unversucht, um sie in ein schlechtes Licht zu rücken
Übungsgelände für die römische Jugend.
Dort befand sich auch das Amtsgebäude
der Zensoren, welche die Zählung der Den Anfang machte die so genannte ­ aius Antonius. Nichts ließ er unver-
G
Bürger und – nach einer Schätzung (latei- centuria praerogativa, die »zuerst abstim- sucht, um die beiden in ein schlechtes
nisch census) – deren Einteilung in die mende Stimmkörperschaft«, die aus den Licht zu rücken. Dennoch wäre der
Vermögensklassen vornahmen. siebzig Hundertschaften der ersten Ver- Wahltag wohl anders ausgegangen, hätte
mögensklasse ausgelost wurde und der Cicero nicht eine In­siderinformation er-
Abstimmung nach Hundertschaften man hohe Bedeutung für das Wahlverhal- halten: Seine Wider­sacher hatten sich ab-
Von besonderer Bedeutung auf dem Mars- ten der nachfolgenden Zenturien beimaß. gesprochen und mit finanzieller Unter-
feld war die Saepta, ein 310 Meter langes Laut Cicero kam ihr Votum einem gött- stützung des mächtigen Marcus Licinius
und 44 Meter breites Gelände, auf dem die lichen Omen gleich. Unentschlossene Crassus (um 114 – 53 v. Chr.) Stimmen
in militärische Hundertschaften ge­gliederte Wähler oder Landbewohner, die von weit gekauft. Diese drei Männer schickten sich
Versammlung des Volks, sozusagen als her angereist kamen und die Kandidaten also an, die Mechanismen der Republik
Heeresversammlung in Zivil, zusammen- nur flüchtig oder gar nicht kannten, rich- auszuhebeln und die Macht im Staat an
kam. Im Volksmund wurde das Areal auch teten ihre Entscheidung nicht selten nach sich zu reißen. Obwohl Cicero bei vielen
ovile, »Schafspferch«, genannt, weil sich das dieser aristokratischen Zenturie aus. Auf Aristokraten nicht beliebt war, erschien er
Wahlvolk dort beim Abstimmungsvorgang nochmaligen Ruf des Wahlleiters schritten ihnen wohl als kleineres Übel und sie ga-
wie eine Herde Schafe zusammendrängte. die Wähler Zenturie für Zenturie zur Ab- ben ihm ihre Stimmen, nicht dem Stan-
Nach den obligato­rischen Opfern und der stimmung, zuerst die achtzehn Ritterzen­ desgenossen.
Deutung der Au­guren, dass keine ungüns- turien, jene ehemalige Reitertruppe des Dennoch war dieser Sieg der Republik
tigen Zeichen der Götter dagegensprächen, römischen Milizheers, die zu der militä- nur ein letztes Aufbäumen. Das Weltreich
hielt der Wahlleiter eine kurze Ansprache rischen Ausrüstung auch noch das Pferd bot zu viele Möglichkeiten, Macht anzu-
und verlas anschließend die Liste der Kan- aus eigener Tasche finanzierte. Dann wa- häufen und Regeln zu unterlaufen. Cati­
didaten, die inzwischen auf einem Podium ren die nächsten neunundsechzig Zentu- lina und Crassus scheiterten. Caesar sollte
Aufstellung genommen hatten. Mit dem rien der ersten Klasse an der Reihe. es wenige Jahre später gelingen. Der Ver-
Ausruf: »Schreitet zur Abstimmung, Quiri- Nun folgten eigentlich die Zenturien such, die alte Ordnung durch die Ermor-
ten!« forderte er die Bürger auf, sich nach der Vermögensklassen zwei bis fünf, doch dung des Diktators wiederherzustellen,
Zenturien geordnet aufzustellen. Die Wahl meist gingen gar nicht alle Wähler zur schlug fehl und der nachfolgende Bürger-
konnte beginnen. Urne. Denn sobald ein Kandidat 97 Ab- krieg brachte Caesars Adoptivsohn Gaius
Das Prozedere sah folgendermaßen stimmungseinheiten, also mehr als die Octavius (63 v. – 14 n. Chr.) als Augustus
aus: Aufgerufen vom Wahlleiter ging Zen- Hälfte der insgesamt 193 Zenturien auf an die unumschränkte Macht. Von da an
turie für Zenturie zu den »Abstimmungs- sich vereinigen konnte, war die Wahl been- wurden die höchsten Ämter vom Kaiser
brücken« (pontes), mit Seilen abgesperrten det. Bei siebzig Zenturien der ersten Klasse verliehen, die Funktion des Senats be-
Zonen, an deren Zugängen die Identität und achtzehn Zenturien der Ritter fehlten schränkte sich darauf, Entscheidungen des
der Bürger geprüft wurde. Leider gibt es einem Kandidaten aber lediglich neun Herrschers abzunicken. l
dazu keine Quelle, doch denkbar wäre, Stimmen zur absoluten Mehrheit, gegen
dass Kontrolleure die Wahlberechtigten die Standessolidarität der Vornehmen hatte
auf den Steuerlisten der römischen Zen- die Mehrheit der Bürger wenige Chancen. Theodor Kissel ist Althistoriker an der Universität
soren abhakten. Sodann erhielt jeder Und dennoch: Allen Widrigkeiten zum Mainz und freier Autor.
Stimmberechtigte ein mit Wachs überzo- Trotz trug der römische Ritter Cicero im

Abenteuer Archäologie 2/2007  79


r  r  r A R S V I V E N D I

Sü dsee K ü che

Gebackene Taro-Knollen
auf Schweinefleisch Von Zeit zu Zeit brachten Seefahrer neue Nahrungsmittel
nach Ozeanien.

Von Sigrid Peters

Zutaten für Immer wieder landeten Entdecker auf Ozeanien, der pazi­
zwei Personen: Zubereitung: fischen Inselwelt, die sich aus Melanesien im Westen, Polynesien
Die Taro-Knollen in kaltem Salzwas- im Osten und Mikronesien im Norden zusammensetzt. Zum ersten Mal
 g Taro-Knollen
750
ser waschen. Achtung: Einige Arten jedoch gelangten Jäger und Sammler bereits vor etwa 40 000 Jahren
350 g Schweine-
enthalten Kalziumoxalatkristalle, dorthin, nachdem sie wahrscheinlich vom Süden Chinas aus über Süd­
schnitzel
die Reizungen auf der Haut und im ostasien einwanderten. Mit der Zeit importierten diese Menschen auf
etwas Ingwer
Mund auslösen können. Daher dem gleichen Weg verschiedene Tiere und Pflanzen. Vereinzelte Funde
200 ml Kokosmilch
sollten die Knollen vor der weiteren deuten darauf hin, dass beispielsweise Wildschweine schon um 8000 v.
etwas Salz
Zubereitung gekocht werden, denn Chr. auf dem melanesischen Neuguinea lebten. Das Fleischangebot be­
dabei lösen sich die Kristalle im reicherten außerdem Ratten und verschiedene Vogelarten, die teilweise
Kochwasser. Nach etwa zwanzig ebenfalls aus Südostasien stammten. In Küstengebieten und an Gewäs­
Minuten die Taro-Knollen aus dem sern im Inland ernährten sich die Menschen zusätzlich von Fischen und
kochenden Wasser nehmen, Schalentieren.
schälen und in Würfel schneiden. Auch die Mitglieder der einheimischen Lapita-Kultur gingen nicht
Den Ingwer waschen, schälen und mit leeren Händen an Bord, als sie vor etwa dreitausend Jahren mit ih­
in dünne Scheiben raspeln. Taro ren Booten zwischen den Inseln kreuzend zu neuen Ufern aufbrachen.
und Ingwer auf ein Stück Alufolie So rüsteten sie sich mit Werkzeugen und Töpferwaren aus und packten
platzieren, mit der Kokosmilch vertraute Pflanzensorten ein. Außerdem nahmen sie domestizierte
übergießen und nach Belieben Schweine, Hühner und Hunde mit auf die Reise.
salzen. Die Alufolie gut schließen Einige der pflanzlichen Nahrungsmittel waren auf Neuguinea schon
und das Päckchen im Ofen bei immer heimisch, wie Bananen, Kokosnüsse und möglicherweise Ingwer.
200 °C etwa zwanzig Minuten Zu nennen sind daneben Yams, eine Wurzelpflanze, sowie Sago, das aus
backen. In der Zwischenzeit das dem Mark der Sagopalme hergestellt wird und noch heute als Verdi­
Schweinefleisch grillen. ckungsmittel zum Kochen und für die Zubereitung von Brot dient. Ein
wichtiger Energielieferant der damaligen Zeit war das Knollengewächs
Taro, das ebenfalls südostasiatischer Herkunft ist. Während die essbaren
Blätter viele Vitamine enthalten, ist die Wurzel sehr stärkehaltig. For­
schern gelang es, Rückstände von Bananen und Taro unter anderem an
den Schneiden prähistorischer Steinwerkzeuge von Neuguinea zu ermit­
teln und deren Alter zu bestimmen. Demnach wachsen die beiden Pflan­
zen dort schon seit mindestens zehntausend Jahren. Speziell Taro bekam
jedoch später Konkurrenz, als erneut Seefahrer ihren Weg in die Südsee
fanden. Diesmal trafen spanische Entdecker ein – im Gepäck hatten sie
die Süßkartoffel, die sie aus Südamerika über die Philippinen einführten.
Die Bewohner Ozeaniens fanden Gefallen an dieser neuen Knolle, denn
sie war anspruchsloser als Taro. So konnten mit weniger Aufwand größe­
re Mengen produziert werden. Mittlerweile ist die Süßkartoffel eines der
wichtigsten Nahrungsmittel der Region.
Dennoch spielt Taro weiterhin eine Rolle. Es wird bis heute nach al­
A na
liza
/ Fo
tol
ia
ter Tradition in Erdöfen zubereitet. Die Köche erhitzen dabei zunächst
.de
mehrere Steine in einem Feuer. In der Zwischenzeit wickeln sie Fleisch,
Knollen und die restlichen Zutaten in Bananenblätter und bedecken die
Päckchen anschließend gemeinsam mit den heißen Steinen für einige
Zeit mit Erde und Blattwerk, bis die Mahlzeit durch die Hitze gar ist.
Genau so wurde wohl schon in prähistorischer Zeit gekocht.

80 Abenteuer Archäologie 2/2007


NeuGuineas Bewohner entwickelten
die ersten Pflanzenkulturen als Gärtner in
Feuchtgebieten.

Pfosten oder Pfählen fest und stellten mit


Hilfe von Rinnen die Entwässerung des
Gebiets sicher. Offenbar begannen die
Menschen bereits, vereinzelt mit der Kulti­
vierung von Pflanzen, ernährten sich aber
nach wie vor hauptsächlich vom Jagen und
Sammeln.
Nach und nach errichteten die ange­
henden Ackerbauern Hügel, die dank ih­
rer aufgelockerten und daher gut durch­
lüfteten Erde den Anbau in einer ansons­
ten sehr feuchten Umgebung ermöglich­
ten. Auch hier gab es kurze Rinnen, mit
denen der Wasserhaushalt der Felder regu­
liert werden konnte. So bewahrten sie
wohl Wasser für eine eventuelle Trocken­
heit, bei großer Feuchtigkeit sorgten sie
hingegen für eine Entwässerung. Mögli­
Okapia cherweise wurden in dieser Zeit Taro, Ba­
nanen und Zuckerrohr nebeneinander an­
gebaut. Während jedoch Zuckerrohr und
h intergru nd Bananen besser auf den Erdhügeln gedie­
hen, wuchs Taro eher in den Rinnen, da
es viel Feuchtigkeit vertrug. Befunde die­
Fruchtbare Tropen ser so genannten intensiven Kultivierung
stammen aus der Zeit vor etwa 6500 Jah­
Vor rund siebentausend Jahren betrieben die Menschen auf Neuguinea erstmals Landwirt- ren und markieren nach Ansicht von Den­
schaft – offenbar ohne jeden Einfluss von außen. ham den eigentlichen Beginn der Land­
wirtschaft auf Neuguinea. Mit der Zeit
Als der australische Archäo- durchführte, unterstützen die Theorie ei­ machten sich die Einwohner daran, ein
loge Jack Golson in den 1960er ner unabhängigen Entwicklung der Pflan­ Netz aus langen und geraden Gräben zur
und 1970er Jahren verkündete, dass sich zenzucht auf Neuguinea, wonach der An­ Wasserkontrolle anzulegen, die mit gro­
auf Neuguinea bereits vor etwas mehr als bau beispielsweise von Taro und Bananen ßen Entwässerungskanälen verbunden
zehn Jahrtausenden und unabhängig von schon vor etwa 6500 Jahren stattfand. ­waren. Solche Anlagen sind beispielsweise
äußeren Einflüssen Ackerbau entwickelt Weitere Kulturpflanzen aus Südostasien von etwa 4350 bis 2800 Jahren vor heute
hatte, stieß er auf heftige Missbilligung. kamen später hinzu. belegt. In drei weiteren Phasen, die bis ins
Die Kritiker hielten seine Ergebnisse für 19. Jahrhundert reichten, erweiterten die
zu unsicher, zudem habe Golson seine Er­ Anbau im Sumpfgebiet Ackerbauern ihr ausgefeiltes System.
gebnisse nicht ausreichend publiziert und Der Ort, der Licht ins Dunkel brachte, Auch heute noch ist der Pflanzenanbau
bezeichne als Ackerbau, was allenfalls eine liegt im Hochland von Neuguinea, ge­ von zentraler Bedeutung im Alltag der
erste Kultivierung einzelner Pflanzen dar­ nauer im Kuk-Sumpfgebiet des Wahgi- Ozeanier. Es gilt weiterhin, was der
stellte. Andere Wissenschaftler gingen Tals, etwa 1560 Meter über dem Meeres­ ­Ethnologe Bronislaw Malinowski (1884 – 
vielmehr davon aus, dass erst vor etwa spiegel. Dort identifizierte Golson seiner­ 1942) Anfang des 20. Jahrhunderts in
3500 Jahren spätere Einwanderer aus zeit sechs Stufen des Pflanzenanbaus. In ­seinem Buch »Korallengärten und ihre
Südostasien bereits Kulturpflanzen und der ersten Phase vor etwa zehntausend Jah­ Magie« schrieb: »Der Trobriander ist vor
domestizierte Tiere sowie landwirtschaft­ ren war das Grasland der Umgebung arm allem ein Gärtner, der mit Vergnügen
liche Praktiken nach Ozeanien eingeführt an Rohstoffen, weswegen die damaligen gräbt und mit Stolz sammelt.« l
hatten. Einwohner für den Anbau das Kuk-
Neue Forschungen aber, die ein Team Feuchtgebiet vorzogen. Wie entsprechende
um den Archäologen Tim Denham, eben­ Spuren heute vermuten lassen, legten sie Die Autorin ist freie Journalistin in Karlsruhe.
falls Australier, in den letzten Jahren dort Gruben an, banden die Pflanzen an

4/2006
Abenteuer Archäologie 2/2007 81
NUBIE N I I

Rettung für Ramses Von Regina Heilmann

Nicht weniger als 644 Kulturdenkmäler umfasst das Unesco-Welterbe derzeit,


und ständig werden neue Anträge gestellt. Den Anfang dieser Erfolgsgeschichte
machten die vom Nassersee bedrohten Felsentempel von Abu Simbel.

Das Spektakel hätte Ramses Nubien ließ Ramses zwischen dem ersten war (15 Jahre später schloss der Pharao
dem Großen sicher gefallen, und dem zweiten Katarakt mehrere Hei- mit dem hethitischen Großkönig den ers-
der Anlass vermutlich nicht: Mehr als drei ligtümer bauen, darunter um 1254 v. Chr. ten überlieferten Friedensvertrag der Ge-
Jahrtausende nach seinem Tod rettete ein zwei nach dem neuzeitlichen Ort Abu schichte). Zur gekonnten Selbstdarstellung
internationales Team von Ingenieuren Simbel benannte Felsentempel am westli- gehörte auch ein geheimnisvolles Schau-
zwei Felsentempel des Pharaos vor den chen Ufer des Nils (siehe Karte auf S. 30). spiel: Zweimal im Jahr fiel im Allerheiligs-
Fluten eines Stausees und die ganze Welt Den größeren schlugen die Steinmetze ten Sonnenlicht auf verschiedene Statuen,
nahm regen Anteil. Zweifellos gehört 64 Meter tief in den Felsen hinein; er war darunter die des Pharaos. Auf mystische
dieses Unternehmen zu den größten kul- den Gottheiten Re-Harachte, Amun-Re, Weise erneuerte dieses heilige Spektakel
turellen Leistungen des 20. Jahrhunderts. Ptah sowie Ramses selbst geweiht. Der die geistigen und körperlichen Kräfte des
Für den jungen Staat Ägypten war es zu- Muttergöttin Hathor und seiner Lieb- Königs zum Wohl des Landes. Offenbar
dem eine großartige PR-Aktion. Nur we- lingsfrau Nefertari widmete der König die mit Erfolg: Ramses II. regierte mehr als
nige wissen, dass der bis in den Sudan rei- deutlich kleinere, etwa hundert Meter ent- sechzig Jahre lang und setzte dutzende
chende Stausee auch dort Rettungsmaß- fernte Anlage. Sie war 21 Meter tief und Nachkommen in die Welt.
nahmen erforderlich machte, doch jenen die Statuen der Fassade erreichten »nur« Niemals wieder sollte einer wie er den
schenkte die Welt weit weniger Aufmerk- zehn Meter Höhe. Pharaonenthron besteigen, niemals wieder
samkeit. Renommee gewann zudem die sollte Ägypten so mächtig sein. Vielmehr
Unesco als Organisatorin der Unterneh- Ramses – König und Gott begann dessen Stern zu sinken. Die
mung. Und natürlich auch Ramses II. (er Dargestellt wurden Ramses und Nefertari, Fremdherrschaft nubischer Könige im 8. r
regierte von 1279 – 1213 v. Chr.). Seine Letztere in gleicher Größe wie ihr könig-
22 Meter hohen Sandsteinstatuen waren licher Gemahl – das war ungewöhnlich
schließlich Meisterwerke der Selbstinsze- und sicher ein Ausdruck seiner Wertschät- Die tempel von abu simbel –
nierung, zeigten sie ihn doch als Inkarna- zung und Liebe. Farbige Reliefs in den hier der große Ramsestempel – gehören
tion des Sonnengottes Re. Kammern und Hallen des großen Tem- zu Ägyptens beliebtesten Attraktionen.
Dergleichen konnte sich der König pels rühmten Ramses’ Erfolge wie den Als sie in den 1960er Jahren in einem
durchaus erlauben, denn unter seiner Re- Sieg über die Hethiter in der Schlacht von Stausee zu versinken drohten, fand sich
gierung erblühte Ägypten. Zur Demons- Kadesch 1274 v. Chr. – obwohl diese eher die Welt trotz Kaltem Krieg zu einer
tration seiner Macht im unterworfenen mit einem Unentschieden ausgegangen einmaligen Rettungsaktion zusammen.

82 Abenteuer Archäologie 2/2007


Mit frdl. Gen. von: Hochtief AG

Abenteuer Archäologie 2/2007  83


r Jahrhundert v. Chr. konnte der Nilstaat raum durch einen Militärschlag streitig zu vanni Battista Belzoni den Eingang freizu-
zwar noch einmal abschütteln, doch 525 v. machen, kannte Europa das Reich der Pha- legen. Er handelte im Auftrag des briti­
Chr. fiel er an die Perser. Sie besiegte Ale­ raonen kaum noch. Das sollte sich ändern. schen Konsuls Henry Salt, doch aus heu-
xander der Große rund 200 Jahre später. Wissenschaftler, die das Expeditions­korps tiger Sicht waren ihre Motive wenig ehren­
Ägypten ernannte ihn zum Pharao. Doch begleiteten, präsentierten nach ihrer Rück- haft: Ägypten war schnell in den Fokus
der Preis erneuter Eigenständigkeit war kehr – der Feldzug war ein Fehlschlag und des Antikenmarkts geraten, Henry Salt
hoch: Fortan hatten Griechen im König- rasch zu Ende – Kupferstiche der Ruinen und der französische Konsul wetteiferten
reich das Sagen, die legendäre Pharaonin und Statuen. Europa war begeistert und ein um die schönsten Altertümer für das Bri-
Kleopatra VII. war die letzte in der Reihe regelrechter Ägypten-Boom brach aus. tish Museum beziehungsweise den Louvre.
der ptolemaischen Herrscher. Im Jahr 30 Einer der Ersten, den das Abenteuer Von den Reliefs und Skulpturen zwar be-
v. Chr. änderten sich erneut die Besitzver- dorthin lockte, war der Schweizer Johann eindruckt, in der Hoffnung auf antike
hältnisse. Den Römern war das fruchtbare Ludwig Burckhardt, der als Scheich Ibra- Schätze jedoch enttäuscht, nahm Belzoni
Niltal als Kornkammer willkommen. Die him Ibn Abdullah verkleidet den Orient alsbald wieder Abschied. Andere kamen,
Antike endete in Ägypten, als arabische bereiste. Im März des Jahres 1813 ent- um die Ramsestempel auszugraben und zu
Reiterheere im Jahr 642 das Land über- deckte er am Westufer des Nils, in unmit- erforschen. Der deutsche Ägyptologe Karl
rannten und den Islam etablierten. 1517 telbarer Nähe der Ortschaft Abu Simbel, Richard Lepsius (1810 – 1884) ließ sie im
schließlich übernahm das Osmanische den großen Ramsestempel – beziehungs- Jahr 1844 vermessen und dokumentieren.
Reich die inzwischen verarmte Provinz. weise das, was der in Jahrtausenden ange- Da Ägypten Ende des 19. Jahrhunderts
Als Napoleon 1798 dort mit seinem wehte Sand noch nicht bedeckt hatte: den bequem zu erreichen war, gleichzeitig exo-
Heer landete, um dem Erzfeind Großbri- oberen Fries der Fassade. Vier Jahre später tisches Flair und europäischen Komfort
tannien die Vorherrschaft im Mittelmeer- gelang es dem italienischen Ingenieur Gio­ bot, bereisten bald auch betuchte Touris-
ten das Land. Eisenbahn- und Schiffs­
linien erschlossen die Sehenswürdigkeiten
bis zum zweiten Katarakt. Wer hingegen
das Abenteuer suchte, monierte die über-
laufenen Stätten und den Ausverkauf ein-
heimischer Kultur. Der namhafte ameri-
kanische Ägyptologe James Breasted, der
in den Tempeln von Abu Simbel um 1905
Inschriften kopierte, warnte als einer der
Ersten vor einer anderen Folge des Mas-
sentourismus: Die feuchte Atemluft und
die Körperausdünstungen der Besucher
griffen die Reliefs an.

Kalter Krieg in der Wüste


Zu dieser Zeit waren die Ägypter einmal
mehr im Lauf ihrer wechselvollen Ge-
schichte nicht mehr Herren im eigenen
Land. Schuld daran war eine wirtschaft-
liche Fehlkalkulation: der Sueskanal, zwi-
schen Mittelmeer und Rotem Meer, er-
baut unter der Leitung des französischen
Diplomaten und Ingenieurs Ferdinand de
Lesseps (1805 – 1894). Für die Baukosten
kam eine Aktiengesellschaft auf, wobei an-
fangs 52 Prozent der Zertifikate in franzö-
sischer Hand lagen, 44 Prozent der Ein­

Das allerheiligste im großen


Tempel wartete zweimal im Jahr mit
Mit frdl. Gen. von: Hochtief AG

einem »Wunder« auf: Die Sonne fiel auf


Götterstatuen und beschien auch eine
Darstellung des Pharaos. Auf diese
mystische Weise erneuerte der Gottkönig
immer wieder seine Kraft.

84 Abenteuer Archäologie 2/2007


ein pharao verliert sein
gesicht – das Foto oben ging
1965 um die Welt. In viele tausend
Teile zersägt und mit Stahlankern
versehen, wurden die beiden Tempel
mit ihrem Schmuck an anderer
Stelle wieder zusammengesetzt.

lagen besaß der ägyptische Vizekönig, Ver-


treter des Osmanischen Reichs. Für den
Überseehandel Großbritanniens, Deutsch-
lands oder Österreich-Ungarns erwies sich
die Direktverbindung schnell als profita-
bel, die Kanalgebühren deckten aber lange
nicht dessen Betriebskosten. Ägypten stand
vor dem Bankrott. 1875 erwarb Großbri-
tannien die Aktienanteile des Vizekönigs
und suchte fortan die Landespolitik zu be-
einflussen. Eine militante anti­britische Be-
wegung diente wenige Jahre später als Vor-
wand, Ägypten zu besetzen. Auch nach

Mit frdl. Gen. von: Hochtief AG


der Aufhebung des Protektorats im Jahr
1922 behielt sich England die Kontrolle
über den Sueskanal vor.
Im Zweiten Weltkrieg sollten die Karten
neu gemischt werden: Die Sowjetunion
als neue Großmacht rang mit den West-

Mit frdl. Gen. von: Hochtief AG


mächten in einem kalten Krieg um Ver-
bündete. Afrika war einer dieser Kriegs-
schauplätze.
Als Ägyptens Präsident Gamal Abdel
Nasser (1918 – 1970) den Plan fasste, die
Wirtschaft seines Landes durch einen gi-
gantischen Stausee am Nil voranzubrin-
gen, beantragte er Kredite bei der Welt-
bank und den USA. Die Zusagen waren
an eine Kontrolle über die Finanzmittel
geknüpft, damit nichts in die Rüstung
fließe. Insbesondere sollten damit keine
Waffen im Ostblock erworben werden.
Als der Präsident dies verweigerte, wurden
die Zusagen zurückgezogen. Daraufhin
verstaatlichte Nasser den Sueskanal, um
sein Vorhaben über die Gebühreneinnah-
men und einen sowjetischen Kredit zu fi-
nanzieren. Israelische, britische und fran-
zösische Truppen griffen das Land an,
mussten sich auf internationalen Druck
aber nach einigen Wochen wieder zurück-
ziehen. Eine Folge der »Sueskrise« war,
dass der Bau des Assuanstaudamms in
sowjetischer Hand lag.
Insgesamt 2000 Ingenieure und 30 000
Arbeiter waren zwischen 1960 und 1971
daran beteiligt – ein Prestigeprojekt. Der
nach Nasser benannte Stausee sollte sich r

Abenteuer Archäologie 2/2007  85


r über mehrere hundert Kilometer bis in den schotten, andere eine Kuppel darüber bau- erfolgreich versetzt hatte. Eine vergleichs-
Sudan erstrecken. Zwangsläufig würde er en, wieder andere die Heiligtümer auf weise einfache Aufgabe, denn dieses Hei-
eine Unzahl archäologischer Hinterlassen- schwimmende Pontons setzen. ligtum, großteils aus römischer Zeit stam-
schaften verschlingen, darunter die Tempel Am Ende setzte sich die Idee des ägyp- mend, war nicht in Fels geschlagen wor-
von Abu Simbel. Auch wenn Damm und tischen Bildhauers und Hochschulrektors den. Allerdings stand es auf Grund eines
Stausee für eine neue, bessere Zeit standen, Ahmad Osman durch. Er schlug vor, die schon Anfang des 20. Jahrhunderts errich-
waren die Zeugnisse der glorreichen Antike Bauwerke in große Blöcke zu zerlegen und teten kleineren Damms bei Assuan alljähr-
für die nationale Identität nicht minder
symbolträchtig.
Die Sowjetunion war in diesem Fall we- Bei der feierlichen Wiedereröffnung am 22. September 1968
nig hilfsbereit. Sie bekundete, lieber Men­ waren vermutlich mehr Menschen zugegen
schen zu Brot zu verhelfen, als Geld für
als bei der Einweihung des Tempels vor 3300 Jahren
die Tempel größenwahnsinniger Könige
zu verschwenden. Schließlich ergriff die
­Unesco 1960 die Initiative, Abu Simbel auf sicherem Terrain wieder aufzubauen. lich monatelang unter Wasser. Das Zeit-
wurde ihr Renommierstück. Es gelang der Mit der Ausführung wurde ein Konsorti- fenster war eng, der Abbau musste noch
noch jungen Weltorganisation, fast fünfzig um von sieben internationalen Firmen be- bei fallendem Wasserspiegel beginnen.
Nationen als Geldgeber zu gewinnen, un- traut, darunter das deutsche Unternehmen Skorpione und Schlangen zwangen Hoch-
ter ihnen auch Ostblockstaaten. Doch als Hochtief aus Essen, das vor der Sueskrise tief dazu, die Arbeiter auf Booten unterzu-
das Wasser drei Jahre nach Baubeginn be- für den Bau des Assuanstaudamms im Ge- bringen statt in Zelten.
reits zu steigen begann, lagen noch immer spräch gewesen war. Die Entscheidung fiel Erst 1964 konnten die Arbeiten bei
lediglich Ideen für die Rettung der Tempel nicht zuletzt deswegen für das Unterneh- Abu Simbel beginnen, als das Wasser
auf dem Tisch. Einige Experten wollten sie men, weil es bereits den ebenfalls vom schon zu steigen begann. Ein eilends er-
eindeichen oder mit riesigen Wänden ab- Stausee bedrohten Tempel von Kalabscha richteter provisorischer Damm verschaffte
eine Atempause, doch die Zeit drängte.
Zudem erforderte der brüchige Sandstein
ein behutsames Vorgehen. Um die Fassa-
den nicht zu beschädigen, während der
Fels über den Hallen und Kammern abge-
tragen wurde, hat man sie meterdick mit
Sand zugeschüttet. Nur durch ein Stahl-
rohr gelangten die Arbeiter ins Innere
eines Tempels. Stahlgerüste stützten des-
sen Decken. Italienische Marmorspezialis-
ten wiesen einheimische Arbeiter im Um-
gang mit den manuell zu bedienenden
Steinsägen ein. Zwei bis fünf Meter maßen
die Kanten der Blöcke, der Haupttempel
allein wurde in mehr als tausend solcher
Quader zerlegt. An Stahlankern, in Boh-
rungen geschoben und mit Epoxydharz fi-
xiert, brachte man die Quader ins Freie.
Später wurden sie 180 Meter landein-
wärts und 65 Meter höher wieder aufei­
nandergesetzt. Um das einige tausend
Teile umfassende Puzzle, etwa 350 000
Tonnen Gestein, wieder passgenau zusam-
menzufügen, waren mehr als 300 000 Ver-
messungspunkte notwendig. Stahlbeton-
gewölbe stabilisieren die Tempel, eine
Mit frdl. Gen. von: Hochtief AG

auch das landschaftsbild


der Felsentempel sollte möglichst original­-
getreu rekonstruiert werden. Dazu wurde
über jedem Tempel eine Stahlbetonkuppel
errichtet und mit Gestein verkleidet.

86 Abenteuer Archäologie 2/2007


Joachim Willeitner
Felsverkleidung ahmt das ursprüngliche zu einer Nachschicht. So verlor der Koloss Abu simbel heute : Einst konnte
Land­schaftsbild nach. Da der Wiederauf- nicht erst am 11., sondern bereits am Mor- der Pharao mit der königlichen Barke
bau schon anlaufen konnte, während die gen des 10. Oktober sein Gesicht – die direkt anreisen. Heute ist dergleichen
Tempel noch zerlegt wurden, war das Konkurrenz saß da noch beim Frühstück. zwar nicht mehr möglich, doch dafür
Werk nach nur knapp fünf Jahren voll- Bei der feierlichen Wiedereröffnung am werden die Heiligtümer noch lange
bracht, weitaus schneller als geplant. 22. September 1968 waren vermutlich erhalten bleiben.
Die Medien begleiteten das Projekt mehr Menschen zugegen als bei der Ein-
und informierten die Weltöffentlichkeit weihung des Tempels vor 3300 Jahren.
über den Verlauf. Begeistert sah ein großes Ein großer Verlust war durch eine techni­ matgefühl. Dazu gehört auch die Pflege
Publikum den Film »Pharao muss wan- sche Meisterleistung abgewendet worden. des Nubischen in einer arabischsprachigen
dern«. Was von Hochtief lediglich als Do- Deren Anlass aber erwies sich als weit we- Umgebung. Nur wenige durften im Ge-
kumentation geplant war, entwickelte sich niger gelungen. Der 1976 gefüllte Stausee biet von Abu Simbel bleiben. Die Felsen-
dank Kameramann Horst Nagel und der produzierte kaum die Hälfte des erwar- tempel von Abu Simbel wurden so auch
Unesco-Vertreter vor Ort zu einem Klassi- teten Stroms, der zurückgehaltene Nil- zum Symbol der Vertreibung.
ker des Dokumentarfilms. Noch heute schlamm wird ihn auf Dauer verlanden Doch bislang gehört diese Region zu
kann man ihn im Hilton-Hotel Kairo lassen, während er den Bauern im Unter- den ärmsten Landstrichen Ägyptens, der
beim Zimmerservice bestellen. lauf des Flusses fehlt und durch Kunstdün- Tourismus bildet die einzige Einnahme-
ger ersetzt werden muss. Das Ergebnis: quelle. Das soll sich bald ändern: Die Re-
Welche Zukunft Die Wasserqualität nimmt ab, fehlende gierung plant trotz der Bedenken von Geo­
hat die Vergangenheit? Nährstoffe haben zudem den Fischbestand logen und Biologen, wenige Kilometer von
Popularität brachten dem Projekt auch Be- in Nil und Mittelmeer zurückgehenlassen. Abu Simbel entfernt die größte Pumpsta-
richte in Magazinen, etwa die von Georg Kaum jemand aber nahm zur Kennt- tion der Welt zu bauen. Das Wasser des
Gerster im »National Geographic«. Exklu- nis, dass der Stausee nicht nur archäolo- Nassersees soll das Wüstenplateau in ein
siv hielt der Fotograf und Journalist 1965 gische Stätten bedroht hatte. Etwa Paradies verwandeln und Abu Simbel in
jenen Moment im Bild fest, da der erste 100 000 Bewohner Unternubiens waren ein Wirtschaftszentrum.  l
Steinblock aus Ramses’ Anlitz gezogen zwangsweise umgesiedelt worden, der
wurde. Um sich dabei von einer Filmcrew Großteil in das Gebiet von Assuan und
nicht die Schau stehlen zu lassen, über­ Kom Ombo. Entwurzelt und ihrer Le- Regina Heilmann promovierte in Vorderasiatischer
redete Gerster den Baustellenleiter, dem bensgrundlage, des fruchtbaren Schwemm­ Archäologie. Sie erforscht unter anderem die Rezeption
Epoxydharz für die Anker Schnellhärter lands, beraubt, entwickelt erst die zweite des Alten Orients in den Medien.
beizugeben, und motivierte die Arbeiter und dritte Generation dort ein neues Hei-

Abenteuer Archäologie 2/2007  87


r  r  r Deutsches Archäologisches Institut

china

Ganz ohne Nägel


Im Nordwesten der Volksrepublik lebt eine Volksgruppe, die seit
Hunderten von Jahren ganz eigentümliche Häuser baut.

q Weniger als hunderttausend forscher, Dendrochronologen, nügend Bäume gab, konnte


Menschen zählt das kleine Tech­nik-Ethnologen und Ar- man sich die materialinten-
Volk der Salaren. Ihre Vorfah- chäologen mehrere rund siven Konstruktionen leisten.
ren siedelten einst im Gebiet zweihundert Jahre alte Ge- Als der Baustoff immer kost-
von Samarkand im heutigen höfte. Diese wurden anläss- barer wurde, mussten alte
Usbekistan – bis sie im 13. lich von Hochzeiten, Gebur- Teile wiederverwendet wer-
Jahrhundert von dort mit dem ten oder Todesfällen immer den. Auch kam nun zuneh-
Heer Dschingis Khans an den wieder umgebaut und zeugen mend Lehm zum Einsatz.
Nordrand des Tibet-Plateaus so – gleichsam wie ein Stamm­ Als die Wissenschaftler im
zogen. Heute gehören die Sa- buch – von der langen und Inneren des Hauses die mit
laren zu den 56 in China offizi- bewegten Geschichte einer Schnitzereien dekorierten,
ell anerkannten Minderheiten Familie. aber auch mit Zeitungen und
und bewohnen ein Gebiet, das Schuldscheinen beklebten
ungefähr dreimal so groß ist Wohltäter in der Familie? Wände erkundeten, machten
wie Hamburg. Im Fall des Kreisbeamten Ma sie übrigens – zur Freude der
Doch wie lange die isla- etwa konnten die Wissen- Besitzer – einen seltsamen
misch geprägten und bis in schaftler die Chronologie des Fund. Seit jeher wurde in der
die 1960er Jahre polygam le- Hauses bis zu seinem Bau im Familie nämlich vom Besuch
benden Salaren ihre ursprüng- Jahr 1816 über fünf Gene­ eines Beamten der Qing-Dy-
liche Lebensweise noch fort- rationen zurückverfolgen. Ge­ nastie (1644 – 1911) erzählt.
führen, ist ungewiss. In der tra­gen wird es von einem Sogar ein geheimnisvolles
rasch expandierenden Indus- ­hölzernen Skelett, dessen ein­ Schriftstück habe er hinterlas-
triegesellschaft streben auch zelne Glieder nur ineinander- sen. Aber das sei längst ver­
sie nach Modernisierung. Wer gesteckt wurden. Nägel hat- loren gegangen. Doch an ei-
kann, verkauft seinen Besitz ten die Bauherren seinerzeit ner der Wände, hinter vielen
und zieht in die Stadt. nicht verwendet. Zum Schutz Schichten Papier, tauchte es
Zu den Traditionen, die das vor Fäulnis stand das Gerüst nun plötzlich wieder auf.
Volk in seine neue Heimat mit- auf steinernen Sockeln, die, Der Text berichtet von De-
brachte, gehörte die typische das haben die Forscher he­ tails des Umbaus der Hua-
Bauweise der Höfe. Während rausgefunden, zudem Schutz Moschee. Das Jahr wird leider
die alteingesesse­nen Men- vor Erdbeben boten. nicht genannt, aber die Mo-
schen der Region in Häusern Im letzten Jahrhundert kam schee gibt es heute noch. Sie
aus Lehm wohnten, errichte- es immer wieder zu Umbau­ beherbergt eine der größten
ten die Salaren ihre Gehöfte ten und Erweiterungen: Mal Koranschulen der Region. Um
aus Holz – bis es nach vielen kam ein Anbau hinzu, mal 1670 hatte ein reicher Mann
Generationen in den Bergen ein Ladenlokal. Vor zwanzig namens Ma den Garten sei-
kaum mehr Bauholz gab. Jahren schließlich wurde der nes Hauses für die Erwei­
Vor zwei Jahren kamen For- Hof vererbt und weitere Ge- terung der Moschee gestif-
scher um Mayke Wagner vom bäude errichtet. Doch bei all tet. Ob der Wohltäter ein Vor-
DAI zusammen mit Denkmal- diesen Arbeiten wurde nie fahr des Kreisbeamten Ma
pflegern der Provinz Qinghai wieder so viel Holz verwendet war, an dessen Zimmerwand
in die abgelegene Gegend. wie beim Bau des Gehöfts. das Schriftstück heute klebt,
Dort erkunden seither Bau- Nur damals, als es noch ge- bleibt jedoch ein Rätsel. l

88 Abenteuer Archäologie 2/2007


DAI International

Für ihre Häuser


verwendeten die Salaren
ursprünglich nur Holz –
bis es in den Bergen keine
Bäume mehr gab.

DAI

Abenteuer Archäologie 2/2007  89


r  r  r M Y T H O P O L I S – di e S a g e n -S o a p

Die Nibelungen (Teil 3 )

Zwei Hochzeiten und ein Mord


Wenn Stuten sich ineinander verbeißen, kommen selbst gestandene Recken
unter die Räder.

Von Ernst F. Grillinski gen Funken sprühten. Who the hell was keine Prüfung bestanden: Einen Felsen,
Brunhild? den zwölf Männer kaum tragen konnten,
König sein ist auch nicht Ein zauberisches Weib sei sie, meldete schleuderte Brunhild fast zwanzig Meter
mehr das, was es mal war, bald darauf der Flurfunk, womöglich eine weit und übersprang ihn sogleich. Der
dachte Gunther, Herrscher über das Bur- Walküre. Hoch im Norden habe sie ihr Xantener warf weiter – und Gunther tat
gunderreich. Sicher, da gab es die Krone, Reich, von Odin selbst mit einem Feuer- ein wenig als ob. Dann packte Siegfried ihn
den Palast und edle Ritter. Aber zurzeit wall umgürtet. Wer diese Waberlohe bei der Hüfte und hopste über den Felsen,
brachte der Job nur Ärger, und der hatte durchdringe und um Brunhilds Hand höher als die Walküre. Wütend schleu­derte
einen Namen: Siegfried von Xanten, sei- freie, der müsse sie in drei Wettkämpfen diese einen gewaltigen Speer, und der drang
nes Zeichens Nibelungenkönig und Dra- besiegen. Doch bislang habe noch jeder durch den Schild des Freiers wie durch ei-
chentöter. Eine Figur wie ein Kastenbrot Bewerber dabei den Kopf verloren. nen Krapfen. Siegfried aber fing die Waffe
und auch in etwa dessen IQ, dabei aber »Was soll das?«, stellte Kriemhild ihren mit seiner unverwundbaren Haut ab.
unverwundbar und mit der Kraft von Bruder zur Rede. »Soll ich jetzt den Speer werfen?«, flüs-
hundert Männern gesegnet. Nur weil er »Aber Schwesterlein, ich bin des Single- terte er. »Dann ist sie aber tot?«
für Gunther ein feindliches Heer besiegt daseins müde. Und wird eine Königin an »Ein wichtiger Sicherheitshinweis«,
hatte, pochte der Knabe auf die Vermäh- meiner Seite nicht auch dich entlasten?« wisperte der Burgunder zurück. »Warum
lung mit Schwesterherz Kriemhild, doch drehst du das Ding nicht einfach um?«
die weigerte sich. Der unsichtbare Dicke Das tat Siegfried denn auch, täuschte
»Bekommt er Kriemhild nicht zur Also daher weht der Wind, dachte Kriem- kurz an und holte Brunhild von den Fü-
Frau«, seufzte Gunther, »erklärt uns Sieg- hild. Ich soll ausgebootet werden. Nun ßen. Sie schäumte vor Zorn, doch was soll-
fried den Krieg. Das würde eine kurze Sa- denn, erst einmal muss Gunther gegen die te sie machen? Sie hatte verloren, ihre Zu-
che. Zwingen wir SIE zur Ehe, erklärt SIE Walküre bestehen. kunft lag in Worms.
uns den Krieg. Und der kann dauern.« Als der seine Mannschaft zusammen- Es war eigentlich eine ganz nette Fahrt,
»Dürfte ich einen Vorschlag machen?«, stellte und auch Siegfried auswählte, da den Rhein hinauf, nur dieser kichernde
ertönte hinter ihm eine Stimme. Erschro- freute sie sich doppelt. Wie hieß es doch Siegfried ging der designierten Königin
cken fuhr er herum. Alberich, der Zwer- so schön: Mitgegangen, mitgehangen! Wie auf die Nerven.
genkönig, Siegfrieds PR-Berater? sollte Kriemhild auch den Plan des Zwer- »Gibt es in deinem Reich eine Behin-
»Wie seid ihr unbemerkt …?« genkönigs durchschauen! dertenquote, oder warum hast du ausge-
»Zwergentricks, Herr. Doch höret mei- »Ich mag nicht, Onkel Alberich«, hatte rechnet diesen Kretin mitgenommen?«,
nen Rat. Denn nichts liegt mir mehr am der Drachentöter gejammert. »Im Norden beschwerte sie sich. Denn sie dachte, Sieg-
Herzen als das Wohl meines Herrn. Und ist es kalt und dunkel! Außerdem will ich fried gehöre zu Gunthers Gefolge. Und
dieser begehrt nun einmal das schöne um Kriemhild werben.« der unterließ es, sie aufzuklären. Ein
Fräulein.« Tatsächlich wünschte der Lis­ »Aber genau darum geht es doch, Herr«, mächtig großer Fehler.
tige Siegfried alles Gute – solange es nicht beschwichtigte der Zwerg. »Eine Doppel- Denn als Kriemhild lieber Nibelungen-
im Nibelungenland zu finden war. hochzeit, das wäre ihr sehnlichster Wunsch! königin als fünftes Rad am königlichen
»Wisst Ihr einen Zaubertrank, der Doch Gunther braucht Eure Hilfe.« Wagen sein wollte, als Worms in Erwar-
Kriemhild in Liebe entbrennen lässt?« »Ja, wenn das so ist. Was sind denn das tung einer Doppelhochzeit das Festgewand
»So etwas ist reine Fantasy! Doch ich für Wettkämpfe? Sachen abzählen viel- anlegte und alles ganz toll hätte werden
kenne das weibliche Geschlecht, auch leicht? Da könnte ich vorsagen. Mit der können, da zickte Brunhild herum: »Du
wenn Zwerginnen ihre Bärte nicht rasie- Tarnkappe, weißt du.« beleidigst deinen Thron und damit mich,
ren wie Menschenfrauen.« »Vortrefflicher Gedanke. Ich vermute wenn du deine Schwester einem Gefolgs-
Und so kam es, dass Gunther beim allerdings, Eure Rechenkünste werden we- mann zur Frau gibst!«
Abendessen verkündete, er wolle um die niger gefragt sein als Eure Körperkraft.« »Das ist eine lange Geschichte, Liebste,
edle Brunhild freien. Überrascht blickten Und so war’s denn auch. Die Waberlohe doch jetzt haben wir dafür zu viel zu tun.
sich die versammelten Recken an (ausge- loderte zwar gerade nicht – wohl wegen Nur so viel: Siegfried hat selbst ein König-
nommen Siegfried, den ein Krapfen in sei- eines Lecks in der Gasleitung. Doch ohne reich. Dorthin wird er bald mit Kriemhild
nem Bann hielt), während Kriemhilds Au- den unsichtbaren Siegfried hätte Gunther aufbrechen.«

90 Abenteuer Archäologie 2/2007


Abenteuer Archäologie / Christian Hansen
Das hätte er vielleicht nicht sagen sol- »Das ist schlecht«, fluchte Hagen von Der Jäger wird zur beute
len, denn Alberich frönte wieder einmal Tronje, der seinen Herrn am Morgen Eine Auerochsenjagd im wildreichen
der Neigung, unsichtbar anderen zu lau- schnarchend an der Wand vorfand. Odenwald entpuppt sich als heimtücki-
schen. So hatte er sich das nicht gedacht. »Sehr schlecht«, pflichteten Gernot und sche Falle für den lästigen Siegfried.
Siegfried sollte bitte schön glücklich wer- Dankwart bei.
den, aber doch bitte schön in Worms, da- »Oberschlecht«, ergänzte Siegfried, der
mit im Nibelungenreich wieder normale es für ein Spiel hielt. »Gut, gut«, seufzte Gunther geduldig,
Verhältnisse einkehrten. Blutige Turniere »Es ist katastrophal, denn sie weiß jetzt, »nehmen wir also an, ich bin eine Biene
statt Krapfenwettessen. Und kein Gemau- dass sie die Stärkere ist.« Gunther seufzte. und Brunhild ist eine Narzisse.«
le von Zwerginnen mehr, der König habe »Siegfried, du musst noch mal ran. Du »Könnte sie nicht eine Tulpe sein? Die
ihre Bärte unsittlich berührt. hast das Ius primae noctis.« mag ich lieber.«
Doch Alberich wäre nicht Alberich ge- »Nein, ganz bestimmt nicht. Vielleicht »Auch gut. Und ich möchte diese Tul-
wesen, hätte er nicht rasch eine List erson- hast du es irgendwo liegen lassen?« pe, äh, bestäuben. Aber sie, äh, verschließt
nen. Unsichtbar schlich er vor Brunhild Nein, Königsein war wirklich nicht ihren Blütenkelch und, äh, brät mir mit
her und zog sich mit einem »Huch, das mehr das, was es einmal war. den Blättern eins über.« Siegfried staunte:
blöde Ding« die Tarnkappe vom Kopf. »Das würde auch nicht helfen, Gun- »So was machen Tulpen?«
Ehe die Verblüffte etwas sagen konnte, ther«, gab Gernot zu bedenken. »Sie muss »Nur manche. Worum ich dich bitte,
war er wieder verschwunden. dich sehen und spüren.« Mit offenem ist ganz einfach: Du sollst heute Nacht
Ein Zwerg, der sich unsichtbar machen Mund hörte Siegfried zu. Worum ging es ihre Blätter fest- und, äh, die Blüte offen
konnte, und ein kleiner Untersetzter, der da eigentlich? halten. Unsichtbar.«
des Königs Schwester heiratete? Da »Um das Ius primae noctis, das Recht So geschah es, und Gunther nahm sich,
stimmte doch etwas nicht! Als Gunther in auf die erste Nacht. Sex!« Das machte es was ihm von Rechts wegen gebührte. Sieg-
der Hochzeitsnacht mit einem »Hey Baby, nicht besser. fried aber erlebte in dieser Nacht, wie es ist,
hier kommt dein Prinz« sein Recht einfor- »Um Bienen und Blumen?« wenn eine Blüte gegen ihren Willen be-
derte, packte ihn die Walküre und hängte »Ach so. Das kenne ich, davon hat mir stäubt wird. Es gefiel ihm nicht. Es ver-
ihn an einen Flurleuchter. Alberich erzählt.« wirrte ihn. Und in seiner Verwirrung steck- r

Abenteuer Archäologie 2/2007  91


MYT H O PO LIS

r te er einen goldenen Ring ein, der Brun- »Ein Ring! Und was für ein schöner. Ist es nicht jedem recht machen.« Und so
hild beim Kampf vom Finger geglitten war. der für mich?« ward Siegfrieds Tod beschlossen.
Was Siegfried nicht wusste: Diesem Ring »Nein. Ja. Äh …« Bloß – wie tötet man einen Unkaputt-
verdankte die Walküre ihre Kraft, Gunther »Bitte gib ihn mir, BITTE! Ich bin baren? Da kam Hagen eine teuflische Idee.
würde künftig keine Hilfe mehr benötigen. doch dein Schaaatz!« Er suchte Kriemhild auf. »Ich fürchte,
Seltsame Zeichen waren in das Da gab Siegfried auf und Kriemhild Siegfried ist in großer Gefahr. Man mun-
Schmuckstück eingraviert, und als Sieg- griff hastig nach dem Schmuckstück. kelt von Giftanschlägen. Bestimmt steckt
fried es genauer betrachtete, immer noch Doch als sie die geheimnisvollen Schrift- dieser Zwergenkönig dahinter. Irgendwas
unsichtbar in einer Ecke der Palastküche zeichen sah, schreckte sie zurück. führt der Kerl im Schilde.«
kauernd, da war ihm, als flüstere eine »Das ist Elbisch. Eine Zaubersprache »Zum Glück kann kein Schwert mei-
Stimme: »Ein Ring, sie zu knechten, sie von der Elbe. Woher hast du den?« nen Mann auch nur ritzen.«
alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und Der Drachentöter wirkte plötzlich zer- »Bist du da so sicher? Man sagt doch,
ewig zu binden.« Die Stimme erstarb und brechlich – ein sehr starker Effekt bei der dass sich ein Blatt auf ihn legte, als er im
Siegfried ahnte, dass Unheil bevor stand. Statur. Seine Augen füllten sich mit Trä- Drachenblut badete. Ich nehme an, Albe-
Gunther freilich war zufrieden. Er hat- nen, als er stotternd alles erzählte. rich weiß, wo. Mein Gott, wenn ich diese
te seinen Spaß gehabt, besaß endlich eine »So, so«, meinte Kriemhild versonnen. Stelle nur wüsste, mit meinem Leben wür-
voll funktionsfähige Gemahlin. Und war »Alles wird gut, mein Gemahl. Lass mich de ich sie verteidigen.«
gewiss, dass Kriemhild bald aus Worms nur machen.« »Sie liegt …«, Kriemhild zögerte. »Sie
verschwinden würde. Als am nächsten Sonntag die Glocken liegt zwischen seinen Schulterblättern. Er
Siegfried aber war verändert. Er ver- zur Messe riefen, lauerte sie Brunhild auf bat mich …, ihn dort zu kratzen. Die
suchte niemanden mehr im Fingerzählen und eilte die Stufen zum Portal hinauf, Haut ist da sehr trocken. Ich … könnte
zu schlagen, kauerte oft stumm in einer um vor ihr die Kirche zu betreten. Eine ein Zeichen auf sein Hemd nähen.«
Ecke, versäumte sogar Mahlzeiten. Wenn Provokation! Am nächsten Tag lädt Gunther seinen
er sich unbeobachtet glaubte, streifte er Schwager zu einer Jagdpartie. Nachdem
den Ring über und dann waren sie wieder Ein Ende mit Schrecken der Xantener ein halbes Dutzend Auer-
da, die Geister jener Nacht. Was sollte das »Sind deine Augen getrübt, liebste Schwä- ochsen mit bloßen Händen zur Strecke
alles bedeuten? Und wurde von ihm erwar- gerin? Reihe dich nur in mein Gefolge gebracht hat, plagt ihn der Durst.
tet, dass er Kriemhild ebenso … bestäubte? ein, wie es der Frau eines Gefolgsmanns »Nicht weit von hier weiß ich eine
Des Königs Schwester entging das ei- ziemt.« Quelle«, verrät Hagen.
gentümliche Verhalten ihres Angetrauten »Welch böser Geist verwirrt euch, teure Doch wie der Nibelungenkönig sich
zunächst. Sie war im Gegenteil froh, dass Brunhild, dass ihr nicht erkennt, wem der dort niederbeugt, um zu trinken, ergreift
er sie in Ruhe ließ. Denn sie musste sich Vorrang gebührt?« Und damit riss sie das Hagen einen Sauspieß und sticht zu.
auf den täglichen Schlagabtausch mit Portal auf und schritt hindurch. Schmerz, körperlicher Schmerz! Wie
Brunhild konzentrieren. Gunther bekam Selten erfüllte solch ein Hass die heili- viele Jahre sind es her, seid er so etwas
davon natürlich nichts mit, wie sollte er gen Hallen. Nach der Messe fing Brunhild empfunden hat? Siegfried streckt die Fin-
auch? Männer, ha! Sie waren so blind, so ihre Konkurrentin ab, um sie so richtig ger aus. Eins, zwei, drei … Dann bricht
blind! Wie hatte diese Zicke gelästert? rundzumachen. Kriemhild hörte gelang- der Drachentöter zusammen.
»Lebte niemand außer dir und Siegfried, weilt zu – und hielt der Schwägerin plötz- Er entsprach nicht gerade dem Ideal-
dann würdet ihr herrschen. Aber nicht, lich den funkelnden Ring vor die Nase. bild eines Helden und es hatte ja auch ir-
solange Gunther da ist.« Was meinte die »Woher … ?«, keuchte die Ex-Walküre. gendwie so kommen müssen, wegen der
Kuh damit? Siegfried war ein König und Da höhnte Kriemhild: »Denkst du Ehre und so weiter. Doch richtig wohl ist
besaß den größten Schatz der Welt! wirklich, Gunther hätte dich bezwungen? keinem der Beteiligten. »Keine Presse!«,
Und was machte der eigentlich, hockte Beim Wettkampf? Im Bett? Du Ärmste, mahnt Gunther. Vergeblich.
in der Ecke und blies Trübsal. Moment. mein Siegfried war es.« Ach ja, Brunhild verfiel bald dem
Woher wusste Siegfried, wie das ging? So nahm das Unheil seinen Lauf. Na- Wahnsinn. Kriemhild heiratete wenige
Warum war er nicht auf Krapfenjagd? türlich stritt Gunther alles ab: »Siegfried? Jahre später den Hunnenkönig Etzel. Es
Und was war das für ein goldenes Ding, Lächerlich. Der kann sich nicht einmal al- nutzte nichts, dass Hagen den Nibelun-
mit dem er spielte? lein die Schuhe binden. Hahaha!« Doch genschatz im Rhein versenken ließ, um
»Was hast du da, mein Gemahl?« Brunhild glaubte ihm nicht. Sie fühlte ihre Macht zu brechen: Sie lockte sie alle
Erschreckt blickte der Xantener auf, er sich gedemütigt, und irgendjemand muss- in eine Falle. Als Kriemhild die blutigen
hatte Kriemhild gar nicht kommen hören. te dafür bezahlen: »Siegfried muss sterben. Körper sah, murmelte sie »Das war’s« und
»Ach nichts. Das ist nur so ein … ein Er hat uns beleidigt!« entleibte sich selbst. Und Alberich? Wegen
Nichts.« Eine solche Lösung verstieß gegen min- des verlorenen Schatzes vorzeitig in den
»Darf ich es mal sehen. Bitte.« destens einen Ehrenkodex, doch als Ha- Ruhestand versetzt, hatte er viel Zeit zum
»Es ist … Nein, weil …« gen von Tronje brummte »Ich konnte den Nachdenken. Die Sage berichtet, im Alter
»BITTE!« Kerl noch nie leiden«, da zuckte Gunther habe der Zwerg oft nur so dagesessen, sei-
Zögernd öffnete Siegfried die Hand. mit den Achseln: »Vermutlich kann man ne Finger zählend. l

92 Abenteuer Archäologie 2/2007


r  r  r R E Z E N S I O N E N

Hadrian reloaded zusetzen, wenn man die Provinzen als Mitglieder


eines Reichsverbands, als membra imperii, behandel­
Ein wenig mehr von der Umtriebigkeit des römischen te. Dementsprechend ließ er ihnen Fürsorge angedei­
Kaisers hätte man den Lektoren der deutschen Über- hen, respektive den Städten als tragenden Säulen des
setzung gewünscht. Imperiums.
Überall im Reich hinterließ der rastlose Kaiser
Q Aus der Filmbranche weiß man, dass ein Remake Monumente, zum Beispiel das gigantische (heute
dem Original nicht immer das Wasser reichen kann. noch zu bewundernde) Stadttor im jordanischen Ge­
So verhält es sich leider auch mit dem vorliegenden rasa. Freilich vergaß er auch nicht, sich in Rom zu
Ha­drianporträt aus der Reihe »Zaberns Bildbände verewigen, etwa durch sein Mausoleum (die heutige
Anthony Birley zur Archäologie«, der verkürzten Fassung eines eng­ Engelsburg), das Pantheon als Tempel aller Götter
Hadrian lischen Originals aus dem Jahr 1997. Und das ist des Reichs – ganz zu schweigen von Hadrians Pracht­
Der rastlose Kaiser schade, denn Hadrian gehört zu den interessanteren villa nahe dem heutigen Tivoli.
Aus dem Englischen Persönlichkeiten unter den römischen Kaisern. Das Remake aus dem Hause Zabern wird dem
von Heide Birley Als gebürtiger Spanier stammte er selbst aus der Anspruch, ein »aktuelles Hadrianbild« zu vermitteln,
Provinz und Roms Peripherie galt stets seine volle leider nur teilweise gerecht. Zeugnisse, die dessen
[Philipp von Zabern, Mainz Aufmerksamkeit. Zehn Jahre lang, fast die Hälfte sei­ Herrschaftsverständnis am ehesten erschließen, die so
2006, 124 S., € 24,90] ner Regierungszeit (117 – 138 n. Chr.), bereiste die­ genannten Provinzmünzen, bleiben in der deutschen
★★ ser volksnahe und überaus umsichtige Potentat mehr Fassung außen vor. Zudem ist das Buch nicht auf
als dreißig der damals zweiundvierzig Provinzen. dem neuesten Stand der Forschung, sonst hätte der
Denn als Konsequenz aus dem Scheitern der Expan­ seit Jahren bekannte Triumphbogen bei Beth Shean,
sionspolitik seines Vorgängers Trajan richtete Had­ der anlässlich des Sieges über die Juden im Jordantal
rian alle Energie auf die Konsolidierung des Imperi­ errichtet wurde, erwähnt werden müssen. Trotz zahl­
ums. Dieser Schöngeist, der keinen Hehl aus seiner reicher Abbildungen bleibt das Buch recht farblos.
Vorliebe für alles Griechische machte, förderte die Wer Hadrian näher kommen will, sollte besser zum
Grenzverteidigung und die Schlagkraft des Heers. englischen Original greifen.
Friedenssicherung durch Kampfbereitschaft hieß sei­
ne Devise, und die war nur dann in die Realität um­ Theodor Kissel ist Althistoriker in Mainz.

Kleiner Zettel, große Wirkung


Spannender kann kein Tatort sein: Eine Notiz
brachte italienische Sonderermittler auf die Spur
internationaler Antikendealer.

Q Marion True ist verbittert. Die ehemalige Leiterin


der Antikenabteilung des Getty-Museums fühlt sich
zum Sündenbock abgestempelt. Erst hoch angesehen,
muss sie sich seit 2005 vor einem Gericht in Rom
Peter Watson und und nun auch noch in Athen wegen Beihilfe zum
Cecilia Todeschini Antikenschmuggel, ja sogar wegen Mitgliedschaft in
Die Medici- einer kriminellen Vereinigung verantworten. Dabei
Verschwörung hatte sie nur getan, was die meisten Museumsmana­
Der Handel mit Kunst- ger bis vor Kurzem zu tun pflegten: attraktive Stücke
schätzen aus Plünde- auf dem internationalen Kunstmarkt erwerben, ohne
rungen italienischer Gräber deren Herkunft genau zu hinterfragen. Weil das
und Museen ­Getty-Museum im kalifornischen Malibu dank der
Ölmilliarden seines legendären Gründers das reichste
Aus dem Amerikanischen der Welt ist, hatte Marion True stets gute Karten.
von Ulrike Seith Dass unbekannte Meisterwerke, die plötzlich auf
und Jana Plewa dem Markt auftauchen, möglicherweise aus Raubgra­
bungen stammen, bereitete ihr aber selbst Sorge. Des­
[Parthas, Berlin 2006, halb überzeugte sie ihre Vorgesetzten 1995, strengere
300 S., € 34,–] Richtlinien für die eigene Akquisition zu erlassen. Verräterische Skizze
★★★★ Doch es war schon zu spät. Ein Sonderkommando Ein Organigramm offenbarte die
der italienischen Carabinieri hatte bereits Ermitt­ r Struktur des illegalen Antikenhandels.

94 Abenteuer Archäologie 2/2007


★ wenig empfehlenswert ★★ bedingt empfehlenswert ★★★ empfehlenswert ★★★★ sehr empfehlenswert

Kurz & knapp

Frank Meier: Von allerley Spil und Kurzweyl – Spiel und Spielzeug in der Geschichte ★★★
[Jan Thorbecke, Ostfildern 2006, 192 S., zahlreiche Farbabbildungen, € 24,90]

Q Der Pädagoge Meier reitet mit dem Steckenpferd durch die Antike, wirft Murmeln mit Ovid und kämpft
bei König Artus im Turnier. Im Anhang erfährt der Leser, wie aus einem Tannenzapfen und einem Ledersack
ein mittelalterlicher Fußball wird oder nach welchen Regeln die Wikinger den nordischen Winter lang Hne­
fatafl spielten. Viel Stoff auf knappem Raum – da bleiben Wünsche offen. Einige Kapitel enden, kaum dass
sie begonnen haben.

Rainer Vollkommer: Neue Sternstunden der Archäologie ★★★


[C.H.Beck, München 2006, 276 S., Schwarz-Weiß-Abbildungen, broschiert, € 11,90]

Q Sechs Jahre nach seinem Bestseller »Sternstunden der Archäologie« legt der Historiker Rainer Vollkommer
nach und erzählt Forschungsgeschichte. Die Pyramiden von den ersten Grabungen bis zur Untersuchung von
Gängen mit einer ferngesteuerten Roboterkamera, die Entzifferung der Hieroglyphen – der Autor ringt auch
hinlänglich bekannten Themen noch neue Seiten ab. Die Forscher stehen dabei im Vordergrund, der Archäo­
logiefan freut sich. Warum ihm aber Napoleon auf zwanzig Seiten dasselbe Zitat gleich mehrfach entgegen­
schleudert, wird sich ihm nicht erschließen.

Rainer Crummenerl: Versunkene Städte ★★★★


[Tesslof, Nürnberg 2006, Was ist Was, Band 14, 48 S., € 8,90]

Q Das gibt der Archäologe seiner Familie. Denn der 14. Band der Wissensreihe für Kinder und Jugendliche
erklärt anhand des Phänomens Stadt die Archäologie, ihre Entstehung, ihre Methoden. Troia, Babylon, Pom­
peji, Chitzen Itza – das Buch liefert einen spannenden Rundumschlag über Kontinente und Kulturen. Selbst
komplizierte Sachverhalte werden sehr anschaulich dargestellt. Nur selten vereinfacht der Autor zu stark,
wenn er etwa die Djoser-Pyramide als ersten monumentalen Steinbau der Menschheit bezeichnet und dabei
den Kultplatz Göbekli Tepe und die Tempel der europäischen Megalithkulturen vergisst.

Bernd Rosenheim: Die Welt des Buddha. Frühe Stätten buddhistischer Kunst in Indien ★★★★
[Philipp von Zabern, Mainz 2006, 211 S., 233 Farb- und 78 Schwarz-Weiß-Abbildungen, € 39,90]

Q Der Ruhestand ab 67 ist wohl kein Thema für den Maler, Bildhauer, Fotografen, Mäzen und Drehbuch­
autor Bernd Rosenheim: Im Alter von 75 Jahren zeichnet er in Wort und Bild die Entwicklung des Buddhis­
mus in Indien nach. Nicht zuletzt ist dieses Werk die Frucht einer Fernsehreihe, die Rosenheim in den 1980er
Jahren drehte. Wer kennt hier zu Lande schon die buddhistischen Großhöhlen nördlich von Bombay, in de­
nen ganze Klöster aus dem Fels geschlagen wurden? Oder die Wandmalereien von Ajanta, in denen die My­
then über Buddhas frühere Inkarnationen lebendig werden? Rosenheim hat aber nicht nur fotografiert, son­
dern auch in Zeichnungen Verlorenes rekonstruiert und anhand englischer Reiseberichte des 19. Jahrhunderts
sogar selbst eine Höhle wiederentdeckt. Dieses Buch ist sein Vermächtnis. Ein bisschen weniger wäre vielleicht
mehr gewesen – die Seiten sind mit Bildern überladen. Gern würde man auch beim Betrachten durch eine
Legende etwas über den Gegenstand erfahren, ohne erst die Abbildungsnummer im Text suchen zu müssen.

Alle rezensierten Bücher, CD-ROMs und DVDs können Sie in unserem Science-Shop bestellen.
Direkt bei: www.science-shop.de | Per E-Mail: shop@wissenschaft-online.de | Telefonisch: 06221 9126-841 | Per Fax: 06221 9126-869

Abenteuer Archäologie 2/2007  95


REZENSIONEN

r lungen aufgenommen, die inzwischen die Welt des Die Ermittlungen konzentrierten sich daraufhin zu­
Antikenhandels erschüttert und Marion True in den nächst auf den Chefhehler Giacomo Medici. In sei­
Abgrund gezogen haben. nem Lager im Freihafen von Genf beschlagnahmte
Wie es dazu kam, beschreibt das hervorragend re­ die Polizei 3800 archäologische Objekte sowie ein
cherchierte und ebenso spannend wie informativ ge­ umfangreiches Bildarchiv. Minutiös hatte Medici
schriebene Buch des englischen Journalisten Peter darin den Weg einzelner Stücke vom Kofferraum des
Watson und seiner italienischen Kollegin Cecilia To­ italienischen Raubgräbers über die Werkstatt eines
deschini. Das Autorengespann erregte bereits 1997 Schweizer Restaurators bis in die heiligen Hallen
Aufsehen, als es illegale Machenschaften des Londo­ großer amerikanischer Museen dokumentiert.
ner Auktionshauses Sotheby’s aufdeckte und damit Die Beweise waren so eindeutig, dass das Getty-
erreichte, dass dieses seine Antikenauktionen in Eng­ Museum, das Metropolitan Museum und andere
land einstellte. Nun haben die beiden einen noch führende amerikanische Häuser inzwischen viele ih­
größeren Coup gelandet. Sie erhielten Zugang zu rer besten Erwerbungen der letzten dreißig Jahre an
den Ermittlungsakten des noch laufenden Verfahrens Italien zurückgeben mussten. Der Fall ist noch kei­
gegen True und ihren Mitangeklagten Robert Hecht, neswegs abgeschlossen, unter anderem waren auch
eine graue Eminenz des internationalen Antikenhan­ deutsche Museen in Medicis Archiv vertreten.
dels. Ihr Buch macht sichtbar, was bisher nur vermu­ Dieses spannende Buch sollte Pflichtlektüre im
tet werden konnte: ein dicht geknüpftes Netz zwi­ deutschen Bundestag werden. Es mag helfen, die Be­
schen Händlern, Sammlern, Museen, Schmugglern, denken derjenigen zu zerstreuen, die dem Beitritt der
Hehlern und Raubgräbern. Bundesrepublik zum Unesco-Kulturgüterschutz-Ab­
Der entscheidende Schlag gelang den italienischen kommen immer noch skeptisch gegenüberstehen.
Behörden, als sie in der Wohnung eines Verdächtigen
eine unscheinbare Skizze entdeckten, die sich als Or­ Daniel Graepler lehrt Archäologie an der Universität Göttingen und
ganigramm des illegalen Antikenhandels entpuppte. befasst sich seit vielen Jahren mit dem Problem der Raubgrabungen.

Schummriges Ägypten
Unterwasserarchäologe Franck Goddio zeigt viel
Schönes und ein wenig Spektakuläres.

Q Nach mehr als zehn Jahren Taucharchäologie vor


der ägyptischen Mittelmeerküste präsentierte der
Franzose Franck Goddio rund 500 seiner schönsten
Funde 2006 erstmals der Öffentlichkeit. Der opu­
Franck Goddio und lente Begleitband zur Wanderausstellung liefert stim­
Manfred Clauss (Hg.) mungsvolle Unterwasseraufnahmen und wunderbare Kopf einer Pharaonenstatue
Ägyptens Fotos der Ausstellungsstücke; zudem auch reichlich
versunkene Schätze Informationen über jenen Küstenstreifen Ägyptens, bei Ägyptologen als Sensationsfunde, wie etwa eine
der vermutlich im 7. Jahrhundert n. Chr. nach einem monumentale Stele, die ein Dekret des Pharaos Nek­
[Prestel, München 2006, schweren Erdbeben im Meer versank. Dank mo­ tanebos I. ziert. Das Besondere daran: Dieser König
464 S., € 29,–] dernster Sonartechnik war es Goddios Team gelun­ war der letzte, der aus Ägypten stammte, nach ihm
★★★★ gen, das Hafenbecken der antiken Metropole Ale­ kamen persische und griechische Fremdherrscher.
xandria zu erforschen und deren Vororte Thonis-He­ Und wer über geheimnisvollen Skulpturen im Blau­
raklion sowie Kanopos zu lokalisieren und teilweise grün des Mittelmeers nicht vergisst, den Kleinfunden
zu kartieren. Beide Vororte existierten schon vor der Beachtung zu schenken, Zeugnissen des antiken All­
Gründung Alexandrias 332 v. Chr., doch keiner war tags, dem führt der Katalog eines sehr schön vor Au­
jemals so bedeutend, wie es die aufwändige Präsenta­ gen: In den Jahrhunderten um die Zeitenwende war
tion suggeriert. Diese spiegelt wohl eher die Rivalität diese Küstenregion kulturell und politisch eng mit
Goddios mit dem ebenfalls in Alexandria arbeitenden dem übrigen Mittelmeerraum und der hellenisti­
Archäologen Jean-Yves Empereur – einen Wettstreit schen Welt verbunden, an die vorangegangenen fast
um wissenschaftliches Renommee, Publicity und drei Jahrtausende pharaonischer Herrschaft erinnerte
Sponsorengelder. kaum noch etwas. So bietet der lesenswerte Band
Freilich: Objekte wie die sechs Tonnen schweren Wissen und optischen Genuss in einem.
Statuen eines Herrscherpaars und eines Nilgotts,
einst Schmuck eines Tempeleingangs, versetzen den Joachim Willeitner ist Ägyptologe und lebt als freier Autor in Gröben-
Betrachter in atemloses Staunen. Andere gelten auch zell bei München.

96 Abenteuer Archäologie 2/2007


T A U B E E M P F I E H LT

Liebe Leserinnen und Leser,


hier endet das Abenteuer Archäologie – zumindest für die aktuelle Ausgabe. An dieser Stelle möchte ich Ihnen
­einige Anregungen zum Weiterlesen geben, sei es zur Vertiefung oder einfach zum Vergnügen.

Ihr Stefan Taube


vom Science-Shop

»Das gute Leben der Etrusker«: Außerdem:


Giovannangelo Camporeale Robert Harris
Die Etrusker Imperium
Geschichte und Kultur Roman, aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Artemis & Winkler, 2003, 617 S., € 19,95 Heyne, 2006, 475 S., € 19,95
Das erste große Kulturvolk Italiens, präsentiert Rom vor zweitausend Jahren. Ein Homo novus,
vom Ausgräber der etruskischen Siedlung Mas- einer ohne Adelsstammbaum, will ganz nach
sa Marittima (Toskana) oben: Marcus Tullius Cicero. So spannend kann
Politik sein (siehe Artikel S. 72).

Mauro Cristofani (Hg.) Charles Bonnet, Dominique Valbelle


Die Etrusker Pharaonen aus dem schwarzen Afrika
Geheimnisvolle Kultur im antiken Italien Zabern, 2006, 216 S., € 69,90
Mit Texten von Mauro Cristofani, Michel Gras, W. V. Harris u. a. Nubier auf dem Pharaonenthron? In der antiken
Belser, Sonderausgabe 2006, 255 S., € 19,95 Stadt Kerma im heutigen Suda­n bringen Ar­
Mehr als 430 farbige Abbildungen nehmen den chäologen beeindruckende Zeugnisse jener Zeit
Leser mit auf eine kulturgeschichtliche Bilder- ans Licht (siehe Artikel S. 28).
reise durch die antike Toskana. Führende Ex-
perten erzählen etruskische Geschichte. Wolfram zu Mondfeld, Barbara zu Wertheim
Piraten
Schrecken der Weltmeere
Franco Falchetti, Antonella Romualdi Theiss, 2007, 320 S., € 22,90
Die Etrusker Die wahre Geschichte der Seeräuberei fernab
Theiss, 2001, 208 S., € 39,90 von Holzbein-, Augenbinden- und Freibeuter­
Dieses Buch wurde 2002 mit dem Ceram-Preis romantik (siehe Artikel S. 64)
des Rheinischen Landesmuseums Bonn ausge-
zeichnet, denn: »Quellen, schriftliche Überliefe- Daniel Furrer
rung und Sprachwissenschaft sind überzeu- Wasserthron und Donnerbalken
gend verbunden und werden für ein breites Pu- Eine kleine Kulturgeschichte des stillen Örtchens
blikum spannend dargelegt.« Primus, 2004, 192 S., € 19,90
Ein Stück Alltagsgeschichte, das gerne übergan-
gen wird. Dabei verrät der Umgang mit der Not-
Stephan Steingräber durft viel über Scham, soziale Unterschiede,
Etruskische Wandmalereien ­Hygieneverständnis und auch den Fortschritt in
Von der geometrischen Periode bis zum Hellenismus einer Gesellschaft (siehe Artikel S. 26).
Schirmer/Mosel, 2006, 326 S., € 128,–
Farbenpracht, Themenvielfalt und Originalität – Almut Bick
die etruskischen Wandmalereien verblüffen Die Steinzeit
durch ihren ungewöhnlichen Stil. In diesem ver- Theiss, 2006, 175 S., € 19,90
schmelzen auch orientalische und griechische Ein kompakter Abriss von den Urmenschen Afri-
Einflüsse, wie der Prachtband mit seinen fünf- kas über die Jäger der Eiszeit bis zu den ersten
zig Farbtafeln zeigt. Bauern der Jungsteinzeit (siehe Artikel S. 58).

Mehr Informationen zu den Titeln finden Sie unter: www.science-shop.de/abenteuer-archaeologie

Abenteuer Archäologie 2/2007  97


r 

r r VORSCHAU 
  Abenteuer Archäologie 3/2007 erscheint am 1. Juni 2007

Mordsache
Winckelmann
Am 8. Juni 1768 beobachtet in der
Triester Osteria Grande der Kellner
Andreas Harthaber die Ermordung des
prominenten Gelehrten und Begrün-
ders der Archäologie Johann Joachim
Winckelmann. Der mutmaßliche Täter
wird rasch gefasst – und in einem
spektakulären Prozess verurteilt

BPK (Gemälde von Anton von Maron, 1768)


Athens Rhetorikmeister Stadt in den Felsen
AKG Berlin

Als Griechenland unter die Herrschaft des Die lykische Bergstadt Arykanda erstreckt
makedonischen Königshauses zu geraten sich über fünf künstliche Plateaus und
drohte, erkannte nur Athens wortgewaltiger wurde im 11. Jahrhundert aufgegeben –
Redner Demosthenes den Ernst der Lage nach drei Jahrtausenden Besiedlung Abenteuer Archäologie / Hakan Baykal

Demosthenes (384 – 322 v. Chr.) Die Agora von Arykanda in der Nähe von Antalya

98 Abenteuer Archäologie 2/2007