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I.A.

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Anthropologie

Wie ist die Welt wirklich? –


Perspektiven auf die Wirklichkeit entdecken
Anna Hauenschild

© Getty Images

Sind Wahrnehmung und Wissen Synonyme? Platon bestreitet das mit dem Verweis auf die Subjektivi-
tät, Relativität und Täuschungsanfälligkeit unserer Sinneseindrücke. Auch für Sokrates ist Wissen
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immer nur vorläufig und muss sich stets dem Disput stellen. Schon deshalb, weil wir, so Kant, in
unseren Erkenntnismöglichkeiten von den uns angeborenen Möglichkeiten abhängen und über die
Dinge an sich nichts aussagen können. Ist Wirklichkeit aber nicht das, was wir „naiv“ Wirklichkeit zu
nennen pflegen, was können wir dann mit Gewissheit über unser Umfeld aussagen? Diese Einheit
sensibilisiert für die Grenzen unserer Sinneswahrnehmung und die Subjektivität unserer Perspektive.

KOMPETENZPROFIL
Klassenstufe: 5/6
Dauer: 10 Unterrichtsstunden + 2 Stunden zum Film „Erbsen auf halb 6“
+ 1 Stunde Lernerfolgskontrolle
Kompetenzen: Die Lernenden nehmen sich bewusst als Sinneswesen wahr. Sie
erkennen, dass unsere Sinneswahrnehmungen täuschungsan-
fällig, ungenau und subjektiv sind. Sie versetzen sich in andere
Wesen und betrachten die Welt aus deren Perspektive. Sie reflek-
tieren die Möglichkeiten und Grenzen der Sinneswahrnehmung
anderer Lebewesen. Sie erkennen, dass objektive Erkenntnis
der Wirklichkeit nicht möglich ist. Sie schulen ihre Fähigkeit zur
Perspektivübernahme im Rollenspiel. Sie üben sich im Erfassen
philosophischer Texte.
Thematische Bereiche: Wahrnehmung und Wirklichkeit, Sinne und Sinneswahrnehmun-
gen, Perspektivität, Sinnestäuschung, Leben mit Behinderungen
Medien: Texte, Bilder, Filmauszüge, Hörbuchauszüge
Zusatzmaterialien: Arbeitsblätter zum Film „Erbsen auf halb 6“ und zum Hörbuch „Alles
Sehen kommt von der Seele“, MP3 mit Hörbuchauszug im Portal

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Fachwissenschaftliche Orientierung

Unsere Sinne – ein überlebenswichtiges Organ


„Gedanken ohne Inhalte sind leer. Anschauungen ohne Begriffe sind blind“, notiert Immanuel Kant
in seiner „Kritik der reinen Vernunft“. Jede Erkenntnis erwächst aus dem Zusammenspiel von Sinn-
lichkeit und Verstand. Die Sinnlichkeit bedarf des Verstandes, der unsere Sinneswahrnehmungen
ordnet. Ebenso ist der Verstand auf unsere Sinne angewiesen, deren Eindrücke und Empfindungen
die Begriffe des Verstandes erst mit Leben füllen.
Im klassischen Sprachgebrauch unterscheiden wir fünf Sinne: Hören (Ohren), Sehen (Augen), Rie-
chen (Nase), Schmecken (Zunge) und Tasten (Haut). Die moderne Physiologie kennt weitere Sinne:
den Temperatursinn, den Gleichgewichtssinn, das Körperempfinden und das Schmerzempfinden.
In der Umgangssprache spricht man vom sechsten Sinn, der Intuition, und vom räumlichen Orien-
tierungssinn. Verlässt uns ein Sinn, prägen sich die verbleibenden Sinne stärker aus und kompen-
sieren den Verlust. Blinde Menschen beispielsweise lernen, sich verstärkt über das Gehör zu orien-
tieren.
Was aber vermögen wir mithilfe unserer Sinneswahrnehmungen und unseres Verstandes mit
­Sicherheit auszusagen über das, was wir „Wirklichkeit“ nennen? Was wissen wir mit Gewissheit?

Das Erkenntnisvermögen des Menschen oder: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Sind Wahrnehmung und Wissen Synonyme? Das bestreitet Platon in seinem Dialog „Theaitetos“.
Zum Beleg verweist er auf die Subjektivität, Relativität und Täuschungsanfälligkeit menschlicher
sinnlicher Wahrnehmungen. Auch der Homo-mensura-Satz, der dem Sophisten Protagoras zuge-

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schrieben wird, problematisiert das Verhältnis von erkennendem Subjekt und Erkenntnisobjekt. Er
erachtet den Menschen zwar als Maß aller Dinge, nimmt aber im Zuge dessen zugleich drei Ein-
schränkungen vor: eine subjektivistische, eine sensualistische und eine relativistische. In letzter
Konsequenz ist alle Erkenntnis des Menschen subjektiv im Sinn eines nicht objektivierbaren Wis-
sens. Was wir zu wissen meinen, ist das, was uns so zu sein scheint. Das Maß des Protagoras ist
mithin beliebig.
Auch für Sokrates ist jedes Wissen nur vorläufig. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, so der Kern seiner
Lehre. Alles, was wir zu wissen meinen, muss sich dem Disput stellen. Letztgültige, unumstößliche
Wahrheit gibt es nicht. Erkenntnis wird gewonnen in der Auseinandersetzung mit dem jeweiligen
Gegenüber.
Auch für Immanuel Kant gilt, dass wir Wirklichkeit nicht erkennen können, wie sie wirklich ist. Er ist
es, der erstmals die These aufstellt, dass unserem Erkenntnisstreben unüberbrückbare Grenzen
gesetzt sind, die wir nicht überschreiten können. Denn Raum, Zeit und Kausalität, jene angeborenen
Anschauungsformen des Denkens, wurzeln nicht in der Realität. Sie sind in unserem Kopf verankert.
Indem wir Welt wahrnehmen, projizieren wir diese auf die Welt. Wir können Welt folglich nicht an-
ders als räumlich, zeitlich und kausal begreifen. Wir sind in unseren Erkenntnismöglichkeiten von
den uns angeborenen Möglichkeiten abhängig.
Neben dem Kritizismus Kants, welcher die gattungsspezifisch-menschliche Sichtweise auf die Wirk-
lichkeit von der Wirklichkeit an sich unterscheidet, existieren weitere Strömungen innerhalb der
neueren Erkenntnistheorie. Der Skeptizismus gibt zu bedenken, dass alle unsere begründeten Über-
zeugen über die Außenwelt falsch sein könnten. Der Konstruktivismus ist überzeugt, dass der Be-
trachter den von ihm erkannten Gegenstand im Vorgang des Erkennens selbst konstruiert. Die Fä-
higkeit, Realität objektiv zu erkennen, wird sowohl seitens des Skeptizismus als auch radikaler
Konstruktivsten infrage gestellt. Gemäßigte Konstruktivisten erörtern, ob über das Konstruierte zu-
mindest ein gemeinsamer Konsens möglich ist.

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Im Alltag gehen wir in der Regel von einer objektiv erkennbaren Wirklichkeit aus, die auf einer ersten
anthropologischen Ebene durch den Common Sense und durch die Ergebnisse der Wissenschaften
greifbar wird, sich auf einer tieferen Ebene letztlich aber nicht ergründen lässt.

Die Sinneswahrnehmungen der Tiere – Spezialisten auf ihrem Gebiet


Tiere verfügen über einen anderen sinnlichen Zugang zur Welt als wir Menschen. Ihr Zugang korre-
liert mit ihren Instinkten, die ihnen das Überleben sichern. Manche Tierarten nehmen Frequenzbe-
reiche wahr, die für das menschliche Ohr nicht hörbar sind (Elefanten beispielsweise hören Infra-
schall und Fledermäuse Ultraschall). Manche Tiere, beispielsweise Insekten, erkennen ultraviolettes
Licht, welches für das menschliche Auge nicht sichtbar ist.

Didaktisch-methodische Überlegungen
Welche Ziele verfolgt die vorliegende Einheit?
Ziel der vorliegenden Reihe ist es, die Lernenden zunächst für unterschiedliche Sinneswahrnehmun-
gen zu sensibilisieren. Im zweiten Schritt werden sie sich der Subjektivität (Befreiung vom naiven
Realismus) und der Begrenztheit ihrer Wahrnehmung bewusst. Sie erkennen die Unzugänglichkeit
unserer Erkenntnismöglichkeiten der Wirklichkeit an sich. Anschließend üben sie den Perspektiv-
wechsel und erkennen, dass Menschen und Tiere ihre Umwelt bedingt durch ihre Sinnesorgane
unterschiedlich wahrnehmen. Sie reflektieren den Begriff „Perspektivität“ und erkennen die Relati-
vität unserer Wahrnehmungen bezogen auf den räumlichen Standort.
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Wie bettet sich diese Reihe in den Lehrplan?


Das Thema „Wirklichkeit als Gegenstand sinnlicher Wahrnehmung“ ist fest verortet im Lehrplan der
Länder Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern für Klassenstufe 5. Auch in die Themen-
felder „Wahrnehmung und Wirklichkeit“ (Klasse 5, Lehrplan Bayern) bzw. „Wahrnehmung und
Wahrheit“ (Klasse 6, Sachsen) lässt sich diese Reihe sinnvoll einbetten. Da im Rahmen dieser ­Einheit
der Wirklichkeits- und somit auch der Wahrheitsbegriff auf dem Prüfstand steht, können sich im
Anschluss an diese Reihe Themen wie „Sich positionieren zum Umgang mit Unwahrheit“ (Klasse 6,
Lehrplan Sachsen) oder „Vertrauen als Grundlage meines Zusammenlebens mit anderen“ (Klasse 5,
Lehrplan Schleswig-Holstein) anschließen.

Wie geht diese Reihe methodisch vor?


Die Schülerinnen und Schüler nehmen zunächst spielerisch Kontakt mit ihren Sinnen auf. Sie evalu-
ieren, über welche Sinne wir verfügen und wie wir uns mit ihrer Hilfe in der Welt orientieren. In ar-
beitsteiliger Gruppenarbeit erkennen sie, dass unsere Sinneswahrnehmungen Täuschungen unter-
liegen und nicht verlässlich sind. Vertiefend setzen sie sich anhand von Hörbuch- und Filmauszügen
mit der Weltwahrnehmung Blinder und Gehörloser auseinander. Abschließend reflektieren die Ler-
nenden mithilfe von YouTube-Videos, wie Tiere die Welt sehen und wie, vor allem aber warum sie
die Welt anders wahrnehmen. Am Ende der Einheit nehmen die Schülerinnen und Schüler mithilfe
von Rollenkarten im Rahmen eines Gedankenexperiments unterschiedliche Perspektiven auf ein
und denselben Gegenstand ein. Erneut wird mit der Methode des szenischen Darstellens gearbeitet,
welche das Einfühlungsvermögen fördert.

Welche Kompetenzen werden im Rahmen dieser Einheit gefördert?


Ziel dieser Unterrichtsreihe ist es, das Bewusstsein der Lernenden für ihre Sinneswahrnehmungen
zu schärfen, ihnen die Perspektivität und die Grenzen menschlicher Wahrnehmung bewusst zu

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­ achen (Selbstkompetenz), den Perspektivwechsel zu schulen (Sozialkompetenz) und nicht zuletzt


m
die Unzugänglichkeit der Wirklichkeit an sich zu erkennen (Sachkompetenz).

Welche Materialien können Sie zusätzlich nutzen?


I Literatur für Lehrerinnen und Lehrer
ffCornell, Joseph: Cornells Naturerfahrungsspiele für Kinder und Jugendliche. Verlag an der
Ruhr, Mühlheim an der Ruhr 2015.
Kinder haben ein natürliches Bedürfnis nach unmittelbaren Sinneseindrücken. Naturerfahrungen
im Unterricht Raum zu geben, ist deshalb wichtig. Wie es gelingen kann, diese zu fördern, be-
schreibt Cornell in seinem Buch. Er benennt dabei vier Stufen: Begeisterung wecken; konzentriert
wahrnehmen; unmittelbar erfahren; andere an den eigenen Erfahrungen teilhaben lassen.
ffZimmer, Renate: Mit allen Sinnen die Welt erfahren – Der Bauernhof: Eine Schule der Sinne.
In: Hartkemeyer, Tobias; Guttenhöfer, Peter; Schulze, Manfred (Hrsg.): Das pflügende Klassen-
zimmer. Handlungspädagogik und Gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft. oekom Verlag,
München 2014.
Dieser engagierte Artikel erinnert uns an unsere Verantwortung, Kindern auch in einer konsum-
und medienorientierten Gesellschaft einen aktiven Zugang zu ihrer Lebenswelt zu ermöglichen
und die Empfindungsfähigkeit ihrer Sinne zu schärfen und zu bewahren.

II Internetseite
ff„Perfekt angepasst: So sehen Tiere die Welt“. Aus der Sendereihe „W wie Wissen“. ARD. Zu

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finden unter https://www.youtube.com/watch?v=4s-gAt76qmo.
Dargestellt werden die unterschiedlichen Ausprägungen des Sehsinns bei verschiedenen Tier­
arten.

III Hörbuch
ffBehrens, Katja: Alles Sehen kommt von der Seele. Die Lebensgeschichte der Helen Keller. Spre-
cherin: Marlen Diekhoff. 2 Audio-CDs, Hörcompany 2004. Auszug 00:00-07:34. ISBN 978-
3935036627.
Wie Helen Keller, seit frühester Kindheit blind und taub, um das Jahr 1900 ihre Kindheit erlebt und
als Erwachsene reflektiert, wird in diesem Hörbuch eindrücklich geschildert.

IV Filme
ff„Erbsen auf halb 6. Die wunderbare Geschichte einer blinden Liebe“. Regie: Lars Büchel,
2003. Freigegeben ab 6 Jahren. 66 Minuten.
Beide Hauptpersonen, eine von Geburt an blind, die andere durch einen Unfall erblindet, stehen
vor der Herausforderung, sich in einer Welt der Sehenden zurechtzufinden.
ff„Die Supersinne der Tiere 1. Das Sehen – Das Hören – Das Riechen“. Regie: John Dower,
BBC 2004, ASIN: 3831289778, Auszüge (insgesamt 10 Minuten):
1)  Aus „Das Sehen“ 13:00–16:00 (Bienen und Farben/Ultraviolett)
2)  Aus „Das Hören“ 00:00–03:30 (Fledermäuse/Ultraschall, Elefanten/Infraschall)
3)  Aus „Das Riechen“ 00:00–03:00 (Hund, Lachs/Erinnerung an Gerüche)
Eindrücklich werden die unterschiedlichen Wahrnehmungsbereiche verschiedener Tierarten in
diesem Film deutlich gemacht.

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Auf einen Blick

Welche Erkenntniswege gibt es? – Der Verstand und unsere fünf Sinne Stunde 1
M 1 Wie nehmen wir die Welt wahr? – Der Verstand und unsere fünf Sinne
/ Manche Dinge erschließen wir uns über den Verstand, andere über unsere
Sinne. Welchen Erkenntnisweg nutzen wir wann? Und wie sicher ist, was
wir mit Gewissheit zu wissen glauben? Ein Fragebogen lädt ein, die eigenen
fünf Sinne zu entdecken.

Wozu haben wir Sinne? – Sich orientieren, das Leben genießen Stunde 2
M 2 Welche Aufgabe haben unsere Sinne? – Ein Fragebogen / Anhand eines
Fragebogens, der in Partnerarbeit ausgefüllt wird, evaluieren die Lernen-
den, welche Informationen ihre Sinne ihnen übermitteln und inwiefern
sinnliche Eindrücke ihr Leben bereichern. Gemeinsamkeiten und Unter-
schiede in der sinnlichen Empfindung werden thematisiert.
Vorzubereiten: Blickdichter Beutel
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Können wir uns auf unsere Sinne verlassen? – Teste Augen, Ohren und Hände! Stunde 3
M 3.1 Können wir uns auf unsere Sinne verlassen? – Optische Täuschungen /
Im Rahmen arbeitsteiliger Gruppenarbeit untersuchen die Lernenden
optische Täuschungen. Sie erkennen, dass unsere Sinneswahrnehmungen
uns trügen.
M 3.2 Können wir uns auf unsere Sinne verlassen? – Hörmemory / Im
Rahmen arbeitsteiliger Gruppenarbeit testen die Lernenden ihr Hörverste-
hen. Sie ordnen Dosen gleichen Inhalts aufgrund des Geräusches einander
zu und erraten, was sich in den Dosen befindet. Deutlich wird, dass unsere
Sinne uns oftmals nur unkonkrete Informationen vermitteln.
M 3.3 Können wir uns auf unsere Sinne verlassen? – Tastspiel / Im Rahmen
arbeitsteiliger Gruppenarbeit testen die Lernenden ihren Tastsinn. Mit
verbundenen Augen versuchen sie, Gegenstände zu ertasten. Deutlich wird:
Was sie zu ertasten glauben, ist nicht immer das, worum es sich handelt.
Vorzubereiten: Acht blickdichte Dosen je Spielpaar gefüllt mit Reis, Steinen, einer Murmel,
Erde oder Ähnlichem. Je zwei der Dosen sind mit dem gleichen Material
befüllt. Es ergeben sich vier Dosenpaare. Bilden Sie vor der Stunde
Gruppentische.

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Stunde 4 Sind unsere Sinneswahrnehmungen relativ? – Im Gespräch mit Platon


M 4 Unsere Sinneswahrnehmungen sind relativ – Ein Dialog Platons / Ist
der Mensch das Maß aller Dinge? Oder ist relativ, was wir sicher zu wissen
meinen? Die Lernenden lesen einen Auszug aus einem Dialog Platons mit
verteilten Rollen und ergänzen fehlende Passagen sinnstiftend. Alles
Wissen, so wird deutlich, ist subjektiv. Konsens entsteht im Dialog.
Vorzubereiten: Schüssel mit lauwarmem Wasser.

Stunde 5 Alles eine Frage der Perspektive? – Unsere Weltwahrnehmung


M 5 Wie siehst du die Welt? – Perspektivität der Wahrnehmung / Vier
Menschen gehen im Wald spazieren. Sie entdecken einen Baum und stellen
im gemeinsamen Gespräch fest, dass dieser für jeden von ihnen etwas
anderes bedeutet. Die Welt um uns herum nehmen wir aus unserer
jeweiligen Perspektive wahr. Diese aber spiegelt nur einen Teil der Wirklich-
keit wider, niemals das ganze Bild.
Vorzubereiten: Ein Stück Pappe, auf der einen Seite rot und auf der anderen Seite blau.
Eventuell Requisiten für das Rollenspiel.

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Stunde 6 und 7 Wahrnehmung der Welt mit eingeschränkten Sinnen
M 6 Wie nehmen wir Welt wahr mit eingeschränkten Sinnen? – Die Welt
der Helen Keller / Helen Keller verlor als Kleinkind ihr Sehvermögen und
ihr Gehör. Sie beschreibt, wie sie die Welt als Kind wahrnahm und welchen
Horizont ihr als Erwachsene die Möglichkeit eröffnete, sich schriftsprachlich
auszudrücken.
Vorzubereiten: CD „Alles Sehen kommt von der Seele“ von Katja Behrens, CD-Spieler, bzw.
MP3 aus dem Portal herunterladen, MP3-Spieler, Schal oder Augenbinden
für die Lernenden. Als alternativer Einstieg: Ein Tonklumpen je Schüler/
Schülerin.

Stunde 8 und 9 Wie finde ich mich mit eingeschränkten Sinnen in meiner Umgebung zurecht?
M 7 Wie finde ich mich mit eingeschränkten Sinnen in meiner Umgebung
zurecht? – Der Film „Erbsen auf halb 6“ / Der Film „Erbsen auf halb 6“
erzählt die Geschichte zweier Blinder, die sich in der Welt der Sehenden
zurechtfinden müssen.
Vorzubereiten: Fernseher/Beamer/Laptop, Film „Erbsen auf halb 6“ in den Ausschnitten:
1)  00:03:39–00:37:49, ca. 34 Minuten
2)  00:46:16–00:52:13, ca. 6 Minuten
3)  01:03:58–01:06:12, ca. 3 Minuten
4)  01:10:21–01:12:18, ca. 2 Minuten

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5)  01:13:28–01:25:51, ca. 12 Minuten


6)  01:33:30–01:42:25, ca. 9 Minuten
(Insgesamt ca. 66 Minuten Laufzeit)

Wie nehmen Tiere die Wirklichkeit wahr? Stunde 10


M 8 Wie sehen Tiere die Wirklichkeit? – Perspektivwechsel üben / Ein Bild
lädt zu Beginn der Stunde ein, sich in die Perspektive eines kleinen Insekts
zu versetzen: Wie sieht es die Welt? Können wir das überhaupt erahnen?
M 9 Die Perspektive von Tieren auf die Wirklichkeit / Anhand von Auszügen
aus einem YouTube-Video setzen sich die Lernenden mit der Perspektive
von Tieren auf unsere Welt auseinander: Wie sehen Tiere die Welt? Warum
sehen sie diese anders als wir? Wie sind sie ausgestattet?
Vorzubereiten: Internetzugang, um das YouTube-Video „Perfekt angepasst: So sehen Tiere
die Welt“ (ca. 5 Minuten) zu zeigen. Optional: das im Handel erhältliche
Video „Die Supersinne der Tiere“ (BBC, Teil 1) in folgenden Auszügen:
1)  „Das Sehen“ 13:00–16:00 (Bienen und Farben/Ultraviolett)
2) „Das Hören“ 00:00–03:30 (Fledermäuse/Ultraschall, Elefanten/Infra-
schall)
3)  „Das Riechen“ 00:00–03:00 (Hund und Lachs/Erinnerung an Gerüche)
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Wie ist die Welt in Wirklichkeit? Stunde 11 und 12


M 10 Rollenkarten: Wie ist die Welt in Wirklichkeit? / Ein und dieselbe Blume
wird aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet: Ein Insekt, ein Maler,
ein kleiner Käfer und ein Blumenhändler schauen aus ihrer Perspektive auf
die Pflanze: Was erkennen sie? Was bedeutet ihnen die Blume? Sehen sie
wirklich alle ein und dieselbe Blume?
M 11 Die blinden Männer und der Elefant – Ein Gleichnis / Vier Männer
betrachten mit verbundenen Augen einen Elefanten. Jeder aber ergreift nur
einen Teil: Ein Bein, ein Ohr, den Schwanz. Welches Bild des Elefanten
entsteht vor ihrem inneren Auge? Was ist ihrer Meinung nach ein Elefant?
Und wer liegt „richtig“?
M 12 Protagoras und Sokrates: Wie ist die Welt in Wirklichkeit? / Können wir
erkennen, wie die Welt wirklich ist? Oder wissen wir allenfalls, dass wir
nichts wissen? Die Lernenden setzen sich mit den Positionen von Protago-
ras und Sokrates auseinander.

Lernerfolgskontrolle Stunde 13
M 13 Lernerfolgskontrolle / Anregungen für einen Aufsatz zur Überprüfung des
Lernerfolgs und ein Beurteilungsbogen mit Benotungsvorschlag schließen
die Reihe ab.

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M1 Wie nehmen wir die Welt wahr? – Der Verstand und


unsere fünf Sinne

In dieser Unterrichtseinheit machen wir uns Gedanken über den Menschen, die Welt, in der er lebt,
und die Frage, wie er Wirklichkeit wahrnimmt. Die Welt um uns herum erschließen wir uns über
unsere Sinne. Wir hören, riechen, sehen, tasten und schmecken. Hätten wir keine Sinne, könnten
wir nichts außerhalb unserer selbst wahrnehmen. Wissen über die Welt generieren wir also auf zwei
Wegen: Über unsere sinnliche Wahrnehmung und mittels logischer Schlussfolgerungen des Ver-
standes. Lies die nachfolgenden Aussagen und überlege, wie die Lücken zu füllen sind. Nutze dazu
wo notwendig deinen Verstand und wo sinnvoll deine Sinne.

Aufgaben
1. Ergänze die nachfolgenden Sätze zu wahren Aussagen.
2. Unterstreiche die Aussagen, für deren Ergänzung du deinen Verstand genutzt hast, rot.
Markiere die Aussagen, für deren Ergänzung du deine Sinne genutzt hast, blau.
3. Vergleiche deine Antworten mit denen deines Sitznachbarn: Was fällt euch auf?
4. Notiere hinter den blau markierten Sätzen den Sinn, der aktiv war. Kennt ihr weitere Sinne?

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2 + 4 = _____________.
Die Farbe der Tafel ist ______________________________.
Ein Schimmel ist immer ein _____________________ Pferd.
Heute ist das Wetter _______________________________.
Gerade sind im Raum __________________ Geräusche.
Wenn Sokrates ein Mensch ist und alle Menschen sterblich sind, dann ist auch Sokrates
____________________________________________________.
Der Tisch fühlt sich __________________________________ an.
Schokolade schmeckt __________________________________.
Jeder Mensch hat ________________________ Urgroßväter (lebende oder verstorbene).

Übersicht: Unsere fünf Sinne

Sinn

Meine bildliche
Darstellung
des Sinnes

Als weitere Sinne gelten:


• in der Umgangssprache: 
• in der Wissenschaft: 



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Hinweise: Welche Erkenntniswege gibt es? – Der Verstand und unsere fünf Sinne Stunde 1
Einstieg
Im Fokus der ersten Stunde steht die Unterscheidung von Verstandeserkenntnis und Sinneserfah-
rung. In Einzelarbeit bearbeiten die Lernenden die Aufgaben 1 und 2 zunächst für sich. Sie vervoll-
ständigen die Lücken auf dem Arbeitsblatt. Im zweiten Schritt reflektieren sie, welche Informa­
tionen sie sich logisch erschlossen haben und für welche Angaben sie auf Sinneseindrücke
zurückgegriffen haben. Anschließend werden die Lösungen im Plenum besprochen. Dabei liegt der
Schwerpunkt des Gesprächs auf einer differenzierten Wahrnehmung unserer Sinneseindrücke: Über
welche Sinne verfügen wir? Was nehmen wir mit unseren Sinnen wahr? Mit welchen Sinnen nehmen
wir was wahr?

Erarbeitungsphase
In Partnerarbeit setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit den Aufgaben 3 und 4 auseinander.
Sie führen sich den individuellen, zeitlichen und örtlichen Charakter von Sinneseindrücken vor
­Augen und aktivieren ihr Vorwissen zu den unterschiedlichen Sinnesorganen.

Präsentation der Ergebnisse


Im Gespräch stellen die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse zu den Aufgaben 3 und 4 vor.
Nicht benannte Sinnesorgane werden im Plenum gemeinsam ergänzt. Erarbeitet wird eine Über-
sicht über die gebräuchliche Einteilung unserer fünf Sinne.
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Ergebnissicherung
Für die Ergebnissicherung übernehmen die Schülerinnen und Schüler das Tafelbild auf ihr Arbeits-
blatt und zeichnen oder skizzieren die entsprechenden Sinnesorgane.

Vorschlag für ein Tafelbild

Unsere fünf Sinne

Sehen Hören Empfindungen der Geruch Geschmack


Haut/Fühlen/Tasten

© Zeichnungen Julia Lenzmann

Als weitere Sinne gelten:


• In der Umgangssprache: gibt es den sogenannten „sechsten Sinn“, die Intuition, und den
Orientierungssinn, der uns sagt, wo im Raum wir uns befinden.
• In der Wissenschaft: spricht man von Tiefenwahrnehmung, Körperempfinden oder Lagesinn,
Kraftsinn und Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn, Schmerzempfinden, Temperaturempfinden.

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Abschließende vertiefende Diskussion


Anschließend kann im Unterrichtsgespräch Folgendes diskutiert werden:
ffBenennt weitere Beispiele für den Gebrauch eurer Sinne im Alltag.
ffErläutert, wann welcher Sinn aktiv ist.

Erläuterungen (M 1)
Zu 1 und 2:
–– 2 + 4 = 6
• Die Lösung dieser Rechenaufgabe erschließen wir uns mithilfe des Verstandes.
–– Die Farbe der Tafel ist grün.
• Die Farbe der Tafel erschließen wir uns mithilfe des Sehsinnes/mithilfe des Auges.
–– Ein Schimmel ist immer ein weißes Pferd.
• Kennen wir die Definition des Begriffes, können wir die Aufgabe lösen mithilfe des Verstan-
des.
–– Heute ist das Wetter sonnig.
• Das Wetter ermitteln wir mithilfe unserer Sinne. Wir fühlen die Wärme der Sonnenstrahlen,
sehen den blauen Himmel, empfinden den Regen auf der Haut, spüren den Wind.
–– Gerade sind im Raum knisternde Geräusche.
• Geräusche nehmen wir mithilfe des Hörsinnes wahr.
–– Wenn Sokrates ein Mensch ist und alle Menschen sterblich sind, dann ist auch Sokrates
sterblich.

© RAABE 2019
• Diesen Sachverhalt erschließen wir uns rein logisch, mithilfe des Verstandes.
–– Der Tisch fühlt sich hart an.
• Den Tisch ertasten wir mithilfe unseres Tastsinnes.
–– Schokolade schmeckt süß.
• Die Feststellung beruht auf unserem Geschmackssinn. Wir ermitteln mit den Sinnen.
–– Jeder Mensch hat vier Urgroßväter (lebende oder verstorbene).
• Diese Aussage ermitteln wir mithilfe des Verstandes. Sie ergibt sich rein logisch.
Zu 3:
• Bei a), c), f) und i) sind die Ergänzungen eindeutig. Dies ermittelt der Verstand unabhängig von
Zeit, Ort oder Person.
• Bei b), d), e), g) und h) fallen die Antworten teilweise unterschiedlich aus, weil Eindrücke und
Vorlieben von Person zu Person variieren. Je nachdem, wo wir uns im Raum befinden und wie
das Licht fällt, wirkt die Tafel anders auf uns. Je nachdem, an welche Schokoladensorte wir
denken, schmeckt diese herb oder süß.
Zu 4:
• b) Sehen, aktives Sinnesorgan ist das Auge. d) Sehen oder Empfindungen der Haut. Wir fühlen,
tasten, riechen das Wetter. e) Hören, aktives Sinnesorgan ist das Ohr. g) Empfindungen der
Haut. Wir fühlen, tasten den Tisch, aktives Sinnesorgan ist die Haut. h) Geschmack, aktives
Sinnesorgan ist die Zunge.
• Weitere Sinne sind der Geruch (Sinnesorgan: Nase), der Bewegungssinn (Sinnesorgan: Körper)
und der Gleichgewichtssinn (Sinnesorgan: Innenohr).
• Alltagssprachlich spricht man vom Orientierungssinn und vom sogenannten „siebten Sinn“.
Mit dem Orientierungssinn gemeint ist die Erinnerung, was sich wo in der Umgebung befindet,
wo wir uns verorten. Als „sechsten Sinn“ bezeichnet man umgangssprachlich die Intuition oder
Ahnung, wie etwas sein oder werden könnte.

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Welche Aufgabe haben unsere Sinne? – Ein Fragebogen M2


Mit unseren Sinnen erschließen wir uns die Welt. Sie helfen uns, uns zurechtzufinden. Sie schützen
uns vor Gefahr und bereiten uns Freude. Dabei nehmen wir vieles wahr, wie andere Menschen auch.
Manches aber empfinden wir ganz anders. Teste dich mithilfe des folgenden Fragebogens.

Aufgaben
1. Beantworte die Fragen unten.
2. Tausche dann dein Blatt mit deinem Sitznachbarn/deiner Sitznachbarin. Lies dir im Anschluss
seine/ihre Antworten durch.
3. Stellt euch im Wechsel hinter euren Sitznachbarn/eure Sitznachbarin. Präsentiert eure Antwor-
ten der Gruppe.

• Was ist deine Lieblingsfarbe? 


• Woran erinnert dich deine Lieblingsfarbe? 
• Gibt es eine Farbe, die du nicht magst? Wenn ja, welche ist es? Warum magst du sie nicht?



• Was in der Natur schaust du dir gerne an? Begründe warum.
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• Was schmeckst du gerne? Begründe warum. Was schmeckst du nicht gerne? Notiere warum.



• Was riechst du gerne und warum? Was magst du nicht gerne riechen? Warum nicht?



• Was fühlst du gerne mit den Händen? Begründe warum.



• Was ist dein Lieblingslied bzw. deine Lieblingsmusik? Welches Lied oder welche Musikrichtung
magst du nicht? Hörst du Musik lieber laut oder leise? Notiere, warum das so ist.




Merksätze




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Stunde 2 Hinweise: Wozu haben wir Sinne? – Sich orientieren, das Leben genießen
Einstieg
Zum Einstieg in diese Stunde bieten sich zwei Spiele an, welche die Aufmerksamkeit der Lernenden
auf ihre sinnliche Wahrnehmung lenken. Sinnvoll ist es, beide Spiele draußen, außerhalb des Klas-
senraumes, zu spielen. Beide Spiele sind aber auch innen realisierbar.

Das „Farben-Spiel“ von Joseph Cornell


Die Lernenden wählen einen Ort aus. Von hier aus beobachten sie, welche Farben sie in ihrer Um-
gebung wahrnehmen. Wer das Spiel konkreter lenken oder im zweiten Schritt vertiefen möchte,
fragt gezielt: „Wie viele Grüntöne seht ihr?“, „Wie viele Rottöne könnt ihr unterscheiden?“ usw. Die
Antworten der Lernenden werden im Plenum eingesammelt.

Das „Wiedererkennen-durch-Tasten-Spiel“
Bitten Sie die Schülerinnen und Schüler, jeweils einen Gegenstand auszuwählen. Sind sie draußen,
kann das ein Stein oder Stock sein. Spielen Sie drinnen, können dies z. B. Gegenstände aus dem
Federmäppchen sein. Sammeln Sie die Gegenstände in einem blickdichten Beutel. Anschließend
stellen sich die Schülerinnen und Schüler im Kreis auf, mit dem Rücken zur Mitte. Nun zieht jede
Schülerin/jeder Schüler blind einen Gegenstand aus dem Beutel, sinnvollerweise nicht den, den er
oder sie zuvor hineingetan hat. Die Lernenden ertasten den Gegenstand und geben diesen im Uhr-
zeigersinn weiter. Erkennt jemand seinen eigenen Gegenstand, verlässt er den Kreis. Das Spiel ist zu
Ende, wenn jede/jeder den eigenen Gegenstand in der Hand hält.

© RAABE 2019
Erarbeitungsphase I
Anschließend werden die Erfahrungen aus dem Spiel besprochen. Leitfragen könnten sein:
ffWas hast du während des Spiels empfunden?
• Oft sind die Lernenden erstaunt, wie schwer es ihnen gefallen ist, den eigenen Gegenstand
wieder herauszufiltern und von anderen, ähnlichen Gegenständen zu unterscheiden. Da wir
sehr visuell geprägt sind, fällt es uns meist schwer, etwas wiederzuerkennen, wenn uns die
Augen als Wahrnehmungskanal nicht zur Verfügung stehen. Wie unterscheiden wir
verschiedene Stifte, wenn wir nicht sehen, welche Farbe sie haben? Meist sind alle anderen
Sinne weniger gut geschult. Wie ertastet man den Unterschied zwischen Stiften?
ffWas hat das Spiel in dir bewirkt?
• Die Lernenden sind sensibilisiert für unterschiedliche Sinneswahrnehmungen und die
Möglichkeiten verschiedener Wahrnehmungskanäle. Sie entwickeln ein Gespür dafür, wie
unscharf unsere Sinneseindrücke sind. Erkenntnisse sind oftmals nicht eindeutig.

Erarbeitungsphase II
Im Anschluss werden die Fragen „Wozu dient unser Sehsinn bzw. Tastsinn?“, „Warum verfügen wir
über unterschiedliche Sinne?“ vertiefend erarbeitet. Die Lernenden bearbeiten die Aufgaben 1 und
2. Wichtig bei der Präsentation der Ergebnisse ist, dass innerhalb der Lerngruppe eine Atmosphäre
der Toleranz gegenüber unterschiedlichen Vorlieben und Abneigungen herrscht. Diese stehen nicht
im Fokus der Aufmerksamkeit. Intention ist es zu verdeutlichen, dass Sinneserfahrungen nicht nur
dem Erkenntnisgewinn dienen, sondern auch mit Genuss und Lebensfreude verbunden sind. Das
Leben schmeckt, es riecht, es fühlt sich gut an. Sinne sind auch ein Gewinn für unser Wohlbefinden.

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Abschließende Diskussion
Im Plenum werden die Eindrücke aus der Partnerarbeit gebündelt. Leitfragen könnten sein:
ffWo habt ihr Gemeinsamkeiten bei Vorlieben und Abneigungen festgestellt?
ffWo seht ihr Unterschiede in Bezug auf eure Vorlieben und Abneigungen?
ffWoher rühren die Gemeinsamkeiten? Stellt Vermutungen an.
ffWelche Herausforderungen stellen sich, da wir unterschiedliche sinnliche Vorlieben haben?
ffWarum haben wir Menschen unterschiedliche Vorlieben? Stellt Vermutungen an.

Fazit zur Diskussion


In der Regel signalisieren unangenehme Empfindungen eine Gefahr für den Menschen: laute Ge-
räusche, Bitteres, Schmerzen etc. Deshalb empfinden (fast alle) Menschen diese als unangenehm.
Unterschiede in der Bewertung von Sinneseindrücken ergeben sich meist aufgrund unterschied­
licher Erfahrungshintergründe und Gewohnheiten.

Tipps
–– Hier bietet sich ein außerschulischer Exkurs zu einem „Erfahrungsfeld zur Entfaltung der
Sinne“ an. Solche Angebote existieren sicherlich auch in Ihrer Nähe.
–– Liegt Ihre Schule an einem Wald oder Park, können Sie selbst mit der Lerngruppe einen
(schweigenden) Wahrnehmungsspaziergang in der Natur unternehmen.

Waldbaden – Shirin Yoku

„Shinrin Yoku“ ist japanisch und bedeutet „Baden in der Waldluft“. Menschen tauchen ein in die
© RAABE 2019

Natur des Waldes, genießen die Luft, die Farbenvielfalt, spüren das Moos, die Farne, die Blätter
in den Händen. Waldbaden wirkt auf den menschlichen Organismus erholsam. Der Anblick ei-
nes Waldes senkt Stresshormone, hebt die Laune und sorgt für ein inneres Gleichgewicht.

–– Sinnvoll kann auch eine handlungspädagogische Aktion wie eine gemeinsame Ernteaktion sein.
–– Eine Reihe von Naturerfahrungsspielen offeriert Joseph Cornell, siehe Literaturliste.

Ergebnissicherung
Anschließend notieren die Lernenden zur Ergebnissicherung folgende Merksätze:

Merksätze
–– Unsere Sinne helfen uns, uns in unserer Umgebung zurechtzufinden/uns zu orientieren.
–– Unserer Sinneseindrücke bereichern das Leben/wir können das Leben genießen.
–– Es gibt Sinneseindrücke, die alle Menschen scheuen. Meist sind es diejenigen, die uns vor
Gefahr schützen. Bittere Pflanzen beispielsweise sind oft giftig.
–– Manche Sinneseindrücke mögen fast alle Menschen, z. B. Musik/ein schönes Konzert, Kunst-
werke/Bilder im Museum, Bauwerke/beeindruckende Architektur.
–– Manche Sinneseindrücke findet der eine gut, der andere mag sie nicht. Manche riechen gerne
Pfefferminze, manche nicht.

Erläuterungen (M 2)
Die Antworten sind individuell.

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M 3.1 Können wir uns auf unsere Sinne verlassen? – Optische


Täuschungen

Unsere Sinne können uns täuschen. Dies zeigen sogenannte „optischen Täuschungen“.

Aufgabe
1. Notiere, worin die optischen Täuschungen bei den Bildern unten jeweils bestehen.

a) 

b) 

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c) 

d) 


© Grafiken Getty Images

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Können wir uns auf unsere Sinne verlassen? – Hörmemory M 3.2


Unsere Sinneswahrnehmungen täuschen uns bisweilen. Teste deinen Hörsinn beim Hörmemory.

Aufgabe
1. Spielt gemeinsam das Hörmemory. Hast du zwei Dosen gefunden, die gleich klangen? Konntest
du herausfinden, mit was die Dosen gefüllt sind? Notiere, welche Füllungen du erkannt hast.
Dosenpaar 1: 
Dosenpaar 2: 
Dosenpaar 3: 
Dosenpaar 4: 

Wie funktioniert das Hörmemory? – Eine Anleitung

Bildet Paare. Vor euch stehen acht Dosen. Je zwei von ihnen sind mit gleichem Inhalt gefüllt.
Wählt abwechselnd zwei Dosen und schüttelt diese. Ist in ihnen dasselbe enthalten, dann ge-
hören die Dosen dem Ratenden. Dann darf er nochmals zwei Dosen wählen. Falls nicht, ist der
Partner/die Partnerin am Zuge. Das Spiel endet, wenn alle Dosenpaare richtig zugeordnet sind.
© RAABE 2019

Können wir uns auf unsere Sinne verlassen? – Tastspiel M 3.3


Unsere Sinneswahrnehmungen täuschen uns bisweilen. Teste, wie gut dein Tastsinn funktioniert.

Aufgabe
1. Spiele mit deinem Partner/deiner Partnerin das Tastspiel. Notiere, welche Eigenschaften von
Gegenständen sich blind ertasten lassen und welche nicht.




Wie funktioniert das Tastspiel? – Eine Anleitung

Schließe deine Augen. Binde gegebenenfalls einen Schal darum. Dein Partner/deine Partnerin
gibt dir einen Gegenstand in die Hand. Du versuchst nun, durch Tasten den Gegenstand mög-
lichst genau zu beschreiben und zu erraten, worum es sich handelt: Was kannst du über den
Gegenstand sagen? Was erfährst du durch Tasten nicht? Wechselt dann die Rollen.

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Stunde 3 Hinweise: Können wir uns auf unsere Sinne verlassen? – Teste Augen, Ohren
und Hände!
Einstieg
Zu Beginn der Stunde wird eine Schülerin/ein Schüler ausgewählt. Die anderen Lernenden sind auf-
gefordert, die Augen zu schließen. Der/die Ausgewählte positioniert sich im Raum und erzeugt ein
Geräusch. Die anderen Schülerinnen und Schüler zeigen mit geschlossenen Augen, von wo dieses
Geräusch kommt. Anschließend öffnen sie die Augen und überprüfen, ob ihre Einschätzung stimmt.
Anschließend stellen die Lernenden Vermutungen darüber an, welches Geräusch erzeugt wurde.
Vermutlich konnten nicht alle das Geräusch richtig orten oder genau sagen, um was für ein Ge-
räusch es sich handelte. Diese Erfahrung dient als Aufhänger für die nun zu untersuchenden Fragen:
„Wie exakt sind unsere Sinneseindrücke?“ und „Können wir uns auf unsere Sinne verlassen?“.

Erarbeitungsphase
Während der Erarbeitungsphase erforschen die Lernenden nun in arbeitsteiliger Gruppenarbeit
spielerisch ihre Sinnesfähigkeiten und deren Grenzen. Die Klasse wird in drei gleich große Gruppen
geteilt. Das erste Drittel widmet sich in Partnerarbeit zunächst den optischen Täuschungen. Die
zweite Gruppe setzt sich mit dem Hörmemory auseinander. Die dritte Gruppe spielt das „Tastspiel“
zu zweit. Nach ca. 10 Minuten wechseln die drei Gruppen die Aufgabe.

Wie gelingt das Hörmemory? – Tipps zur Durchführung


Jedes Pärchen erhält vier Dosenpaare, also insgesamt acht Dosen, von denen jeweils zwei dieselbe

© RAABE 2019
Füllung haben. Die Dosen werden in der Mitte gut gemischt auf den Tisch gestellt. Abwechselnd
schüttelt ein Schüler/eine Schülerin je zwei Dosen. Machen zwei Dosen das gleiche Geräusch, wan-
dern sie zu der Person, die das Pärchen entdeckt hat. Derjenige/diejenige ist noch einmal an der
Reihe. Haben die Dosen unterschiedliche Inhalte, ist der Partner/die Partnerin an der Reihe. Das
Spiel funktioniert wie das Memory mit Bildern.

Wie gelingt das Tastspiel? – Tipps zur Durchführung


Eine Person schließt die Augen, gegebenenfalls werden diese mit einer Augenbinde verbunden. Die
andere Person reicht ihr Gegenstände aus dem Raum, aus dem Schulranzen etc. Diese gilt es zu
ertasten, zu erraten und möglichst genau zu beschreiben. Anschließend wird gewechselt.

Im Unterrichtsgespräch werden die Antworten der Lernenden zu den Aufgaben 1 bis 3 besprochen.

Diskussion
Im gemeinsamen Gespräch können im Anschluss folgende Fragen diskutiert werden:
ffWelche Konsequenz hat es, dass unsere sinnliche Wahrnehmung ungenau und täuschungsan-
fällig ist?
ffWie können wir mit dieser Einsicht umgehen?
Deutlich werden sollte, dass wir uns auf unsere Sinne nicht gänzlich verlassen können. Sinnliche
Eindrücke können wir mit wissenschaftlichen Methoden prüfen und zu belegen suchen (z. B. durch
Messungen (Physik) oder Berechnungen (Mathematik)). Doch selbst dann sind Zweifel und Beschei-
denheit in Bezug auf unsere Erkenntnis der Wirklichkeit notwendig. Nichts wissen wir mit letzter
Sicherheit.

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Erläuterungen (M 3)
Zu 1:
a) Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als verliefen die horizontalen Linien leicht schräg
zueinander. In Wirklichkeit aber sind die Linien gerade und laufen parallel. Die Täuschung
kommt durch die weißen und schwarzen Quadrate zustande, die versetzt zueinander liegen.
b) Die sogenannte „Penrose-Treppe“ ist eine sogenannte „unmögliche Figur“. Sie wurde von dem
britischen Mathematiker Lionel Penrose und seinem Sohn Roger 1958 entdeckt und veröffent-
licht. Es handelt sich um eine zweidimensionale Darstellung einer dreidimensionalen Treppe
mit geschlossenem Innenraum, die in sich selbst zurückläuft. Erzeugt wird die Illusion, sie
führe unendlich hoch bzw. herunter. Sie ist physikalisch unmöglich. Es handelt sich um eine
Wahrnehmungstäuschung.
c) In die Gruppe der optischen Täuschungen, die durch Komplementäreindrücke im Sehfeld
außerhalb des visuellen Fokus erzeugt werden, gehört auch das Hermann-Gitter. Vor einem
schwarzen Hintergrund befinden sich graue Linien. An den Schnittpunkten sind weiße Kreise.
Schaut man auf diese Kreise, sind sie weiß, am Rand des Sichtfeldes wirken diese schwarz.
d) Auch wenn wir glauben, es mit eigenen Augen zu sehen: Es gibt kein Dreieck in der Mitte der
Grafik. Unser Gehirn strukturiert das Dreieck beim Betrachten nach dem bekannten Muster
aufgrund der Aussparungen.
Zu 2: Individuelle Schülerlösungen.
Zu 3: Formen und Beschaffenheit der Oberfläche lassen sich gut durch Tasten erkennen. Was sich
nicht ertasten lässt, sind Farben.
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M4 Unsere Sinneswahrnehmungen sind relativ – Ein Dialog


Platons

Platon war ein Philosoph. Er lebte im 4. Jahrhundert v. Chr. Er war ein Schüler des Philosophen
Sokrates. In den Dialogen, die er schrieb, lässt er seinen Lehrer Sokrates und andere Personen auf-
treten. Der folgende Text stammt aus dem von ihm verfassten Dialog „Theaitetos“.

Aufgabe
1. Führe den unten begonnenen Dialog weiter. Antworte aus Sicht des Theaitetos.

Sokrates: Lasst uns weitere Beispiele dafür finden, dass ein und derselbe Gegenstand dem einen
so und dem anderen so erscheint. Kannst du mir ein weiteres Beispiel geben?
Theaitetos: 

5 Sokrates: Protagoras sagt, der Mensch sei das Maß aller Dinge, der Seienden, wie sie sind, der
Nichtseienden, wie sie nicht sind. Du hast dies doch gelesen!
Theaitetos: Oftmals habe ich es gelesen.
Sokrates: Nicht wahr, er meint dies so: Wie ein jedes Ding mir erscheint, ein solches ist es auch
mir, und wie es dir erscheint, ein solches ist es wiederum dir. Ein Mensch aber bist du

© RAABE 2019
10 sowohl als ich.
Theaitetos: So meint er es sicherlich.
Sokrates: Wahrscheinlich doch wird ein so weiser Mann nicht Dummheiten reden. Lasse uns ihm
also nachgehen! Wird nicht manchmal, wenn derselbe Wind weht, den einen von uns
frieren, den andern nicht? Oder den einen wenig, den andern sehr stark?
15 Theaitetos: Jawohl.
Sokrates: Sollen wir nun in diesem Falle sagen, dass der Wind an und für sich kalt ist oder nicht
kalt? Oder sollen wir dem Protagoras glauben, dass er dem Frierenden ein kalter ist,
dem Nichtfrierenden nicht?
Theaitetos: So wird es wohl sein müssen.
Text ab Zeile 5: Platon: Sämtliche Werke. Bd. 2. Übersetzt von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher. Rowohlt Taschen-
buchverlag, Reinbek bei Hamburg. S. 551–662.

Merksätze



Wusstest du schon? – Worum es im Dialog Theaitetos geht

„Theaitetos“ ist ein in Dialogform verfasstes Werk Platons. Im Zentrum steht


die Frage, wie sich gesichertes Wissen von wahren, aber ungesicherten Be-
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hauptungen unterscheiden lässt. Wann können wir berechtigterweise für uns


in Anspruch nehmen, etwas sicher zu wissen? Um diese Frage zu beantworten,
bedarf es eines Kriteriums für Wahrheit. Der Dialog endet offen, ohne Lösung.

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Hinweise: Sind unsere Sinneswahrnehmungen relativ? – Im Gespräch mit Stunde 4


Platon
Einstieg
Drei unterschiedlich große Schülerinnen bzw. Schüler sind gebeten, aufzustehen und sich nebenein­
anderzustellen. Der Schüler/die Schülerin mit der mittleren Größe stellt sich in die Mitte. Anschlie-
ßend sehen sich die Lernenden mit folgender Frage konfrontiert: „Ist die Person in der Mitte groß
oder klein?“ Herausgearbeitet wird, dass die Person klein ist in Relation zur größeren Person neben
ihr und groß in Relation zur kleineren Person auf der anderen Seite. Sie ist also relativ groß und re-
lativ klein zugleich.

Erarbeitungsphase I
Zur Vorentlastung der nachfolgenden Lektüre, in der es um die Relativität von Wärme geht, wird
nun folgender Versuch zur Veranschaulichung unternommen. Dieser ist auch als Gedankenexperi-
ment durchführbar. Die Lehrkraft stellt eine Schüssel mit Wasser in Zimmertemperatur auf das Pult.
Nun bittet sie einen Schüler/eine Schülerin, mit warmen Händen hineinzufassen, und einen Schüler/
eine Schülerin mit kalten Händen. Anschließend stellt sie folgende Frage: „Ist das Wasser kalt oder
warm?“ Es bestehen zwei Antwortmöglichkeiten: Das Wasser ist kalt für diejenige Person, welche
zuvor warme Hände hatte, und wird als warm empfunden seitens derjenigen Person, deren Hände
zuvor kalt waren. Das Ergebnis wird an der Tafel gesichert.

Vorschlag für ein Tafelbild


© RAABE 2019

Unsere Sinneswahrnehmungen sind relativ


Wahrnehmungen, wie beispielsweise Größe oder Wärme, sind relativ. Das heißt:
• In Relation zu den ihn umgebenden Gegenständen kann ein und derselbe Gegenstand groß
oder klein wirken.
• In Relation zur Ausgangstemperatur der Hände kann sich das Wasser warm oder kalt anfühlen.

Erarbeitungsphase II
Im zweiten Schritt werden nun die beiden Philosophen Platon und Sokrates vorgestellt.

Wer war Sokrates?

Sokrates wurde geboren in Athen, um 469 v. Chr., als Sohn eines Bildhauers
und einer Hebamme. Er selbst hinterließ nichts Schriftliches. Überliefert sind
uns seine Lehren durch seine Schüler Platon („Apologie des Sokrates“) und
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Xenophon („Das Gastmahl“). Bekannt wurde Sokrates, weil er seine Mitmen-


schen mit Fragen löcherte und sie dazu anhielt, ihre Lebensführung zu reflek-
tieren. Seine Tätigkeit verglich er mit derjenigen einer Hebamme. Er selbst
bringe zwar keine Gedanken hervor, helfe aber anderen dabei, sie hervorzubringen. Diese Kunst
bezeichnet man seither als „Mäeutik“, als Hebammenkunst, deren Hauptwerkzeug die Frage
ist. Wegen angeblicher Jugendgefährdung und Missachtung der göttlichen Ordnung wurde er in
einem öffentlichen Prozess hingerichtet.

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Wer war Platon?

Platon wurde geboren um 428 v. Chr. in Athen. Er war Schüler des Sokrates
und Lehrer des Aristoteles. Zentral war für ihn die Frage, wie unzweifelhaft

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gesichertes Wissen möglich ist und wie man es von bloßer Meinung unter-
scheiden könne. Mit seiner Ideenlehre suchte er eine verlässliche Basis für
­sicheres Wissen zu legen. Er gründete die Platonische Akademie, die älteste
Philosophenschule Griechenlands. Seine Schriften beeinflussten jüdische, christliche und isla-
mische Philosophen. Er gilt als einer der einflussreichsten Denker des Abendlandes.

Anschließend lesen zwei Schülerinnen und Schüler den Dialog mit geteilten Rollen vor. Verständnis-
fragen werden im Gespräch gemeinsam geklärt. Die Lernenden bearbeiten die Aufgabe zu M 4 und
erweitern so ihr Verständnis von der Relativität menschlicher Wahrnehmungen.

Ergebnissicherung
Einige Schülerinnen und Schüler stellen ihre Antwortvarianten des Theaitetos vor. Diese werden
aufgenommen und in das Tafelbild eingefügt. Denkbar sind folgende Antworten:
• Ein und derselbe Gegenstand/die Tafel kann aus der Perspektive unterschiedlicher Personen
blau oder grün wirken.
• Das lauwarme Wasser kann aus der Perspektive unterschiedlicher Personen warm oder kalt
wirken.

© RAABE 2019
Anschließend übernehmen die Schülerinnen und Schüler das Tafelbild auf ihr Arbeitsblatt.

Diskussion
Mögliche Anreize für eine vertiefende Diskussion könnten sein:
ffBenennt Beispiele für relative Hörwahrnehmungen, Geschmackswahrnehmungen und/oder
Geruchswahrnehmungen.
• Ein Beispiel für relative Hörwahrnehmung könnte sein: Schwerhörige nehmen Töne, die
Menschen mit gutem Gehör als laut empfinden, als leise und gedämpft wahr.
• Ein Beispiel für relative Geschmackswahrnehmung könnte sein: Manche Menschen
empfinden ein und dasselbe Gericht als scharf, andere als milde.
• Ein Beispiel für relative Geruchswahrnehmung könnte sein: Für den einen riecht eine
Blume stark, der andere empfindet den Duft als weniger intensiv.
ffWelche Konsequenzen hat es für das Miteinander, dass unsere Sinneswahrnehmung relativ ist?
• Da Empfindungen relativ und somit nicht verallgemeinerbar sind, sollten wir die Wahrneh-
mungen, Vorlieben und Abneigungen anderer Personen tolerieren, auch wenn sie unserer
Wahrnehmung nicht entsprechen. Andere zu verstehen, gelingt besser, wenn wir uns in sie
hineinversetzen und zu verstehen suchen, was ihr Empfinden für ihren Alltag bedeutet.

Erläuterungen (M 4)
Individuelle Schülerlösungen sind denkbar. Zum Beispiel:
• Ein und derselbe Gegenstand kann aus der Perspektive unterschiedlicher Personen blau oder
grün wirken, je nach Lichteinfall.
• Wasser kann auf den einen warm wirken, auf den anderen kalt.

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Wie siehst du die Welt? – Perspektivität der M5


Wahrnehmung

Aufgaben
1. Lest die folgende Geschichte. Bildet anschließend Kleingruppen von vier bis sechs Personen.
2. Erarbeitet in der Kleingruppe eine szenische Darstellung der Geschichte „Der Wald“.
3. Ergänzt dann je für euch folgende Sätze:
a) Für den Naturliebhaber ist der Wald ein Ort, an dem .
b) Für die Holzhändlerin ist der Wald ein Ort, an dem .
c) Für den Förster ist der Wald ein Ort an dem .
d) Für die Dichterin ist der Wald ein Ort, an dem .
e) Für mich ist der Wald ein Ort, an dem .
f) Ich sehe den Ort aus der Perspektive eines/einer .
4. Benenne Beispiele dafür, dass ein und derselbe Ort bzw. ein und derselbe Gegenstand dir
einmal so und einmal anders erscheint. Wovon ist deine Perspektive auf die Wirklichkeit
abhängig?



© RAABE 2019

5. Wann macht es deiner Meinung nach Sinn, die „Perspektive zu wechseln“?




Was bedeutet „Perspektivität“? – Eine Begriffsdefinition

Schaue ich von meinem Platz aus auf einen Gegenstand, gewinne ich
einen Eindruck von diesem Gegenstand. Wechsle ich nun den Platz und
schaue aus einem anderen Blickwinkel auf denselben Gegenstand, so
verändert sich mein Eindruck. Es entsteht ein anderes Bild von diesem
Gegenstand, weil meine Perspektive sich geändert hat.
Genau diesen Sachverhalt beschreibt der Begriff „Perspektivität“. Er
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bezeichnet die Beobachtung, dass unsere Wahrnehmung ein und des-


selben Gegenstandes von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet
unterschiedlich sein kann. Wer eine bestimmte Perspektive einnimmt,
gewinnt eine bestimmte Sicht auf die Wirklichkeit – allerdings eine durch diese Perspektive be-
grenzte Sicht.
Die Relativität unserer Wahrnehmung aufgrund unseres jeweiligen Standpunktes bezeichnet
man als „Perspektivität“. Von Perspektivität spricht man nicht nur im Falle der sinnlichen Wahr-
nehmung, sondern auch bei interessegeleiteter Wahrnehmung.

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22 von 40 I.A.52 

Diesen Sachverhalt erläutert die nachfolgende Geschichte.

Der Wald
Das folgende Gespräch findet frühmorgens in einem Wald statt.
Ein Naturliebhaber: „Oh! Was für ein schöner Wald! Dieser Baum hier sieht besonders interessant
aus mit seinen vielen kleinen Blättern. Hier mache ich mein Picknick! Hier hört man so viele Vögel
singen. Ein wunderbarer Ort!“
5 Eine Holzhändlerin in der Nähe, welche die Worte des Naturliebhabers vernommen hat, tritt heran
und bemerkt: „Ja, das ist in der Tat ein interessanter Baum. Er scheint mir recht alt zu sein und aus
gutem, stabilem Holz. Viele Leute würden so ein Holz kaufen und gut dafür zahlen.“
Der Förster, der seinen Rundgang macht, tritt hinzu: „Jaja, wohl wahr. Aber bei einer solchen Ent-
scheidung muss man immer auch den Wald und seinen ganzen Baumbestand in den Blick nehmen.
10 Dort hinten, dort stehen die Bäume viel zu dicht. Sie bekommen kein Licht und können nicht wach-
sen. Dort werde ich mal lichten müssen. Aber hier in dieser Ecke sollte man das nicht tun.“
Eine Dichterin, die auf ihrem Waldspaziergang dem inspirierenden Vogelgesang gefolgt war, ist in-
zwischen auch an diesem Baum angekommen. Sie murmelt versunken vor sich hin: „Der Wald …
Baum … Baum im Sonnenaufgang … Frühnebel steigt aus einsam altem Baumbestand, es lichten
15 sich die weiten Astwerkräume … Schaudernd erwacht der dunkle Baumgeist, in die Sonne reckt er
sich hundertzweigig  …“ Die drei anderen hören andächtig zu. Die Dichterin, die anderen ent­
deckend, sagt überrascht: „Oh, guten Morgen!“
Autorentext.

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Wie funktioniert die Methode „szenisches Darstellen“?

Einigt euch, wer welche Rolle aus der Geschichte übernimmt. Versetzt euch dann in eure Rolle,
lest den Text einige Male leise und merkt ihn euch wenn möglich. Überlegt euch dann gemein-
sam, wie ihr die Szene darstellen wollt: Wer kommt von wo? Wie steht ihr zueinander? Welche
Requisiten benötigt ihr? Probt die Szene einige Male und stellt sie dann der Klasse vor.

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Hinweise: Alles eine Frage der Perspektive? – Unsere Weltwahrnehmung Stunde 5


Einstieg
Zum Einstieg wird ein Stück Pappe, das auf der einen Seite rot und auf der anderen Seite blau ist,
so vor die Lerngruppe gehalten, dass die Schülerinnen und Schüler auf der linken Seite des Raumes
die rote Seite und die Schülerinnen und Schüler auf der rechten Seite des Raumes die blaue Seite
sehen. Die Lernenden werden nun gefragt: „Welche Farbe hat das Stück Pappe?“ Die Antworten
fallen erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Daraus ergibt sich die weiterführende Frage: Kann ein
und dieselbe Pappe für den einen blau und den anderen rot sein? Ist unsere Wahrnehmung pers-
pektivisch? Das untersuchen die Lernenden nun im Folgenden genauer.

Erarbeitungsphase I
In Einzelarbeit lesen die Lernenden den Text und bearbeiten Aufgabe 1 in Stille. Anschließend bilden
sie Kleingruppen von vier, maximal sechs Personen. Diese übernehmen im Rollenspiel die Rollen der
vier Personen aus der Geschichte, eventuell den Baum und gegebenenfalls einen Erzähler/eine Er-
zählerin. Sie stellen die Geschichte mit verteilten Rollen dar. Ausgewählte Gruppen präsentieren
ihre Fassung im Plenum. Diese kreative Methode der Texterschließung wirkt in der Regel motivie-
rend. Meist gelingt es so leichter, sich in die agierenden Figuren hineinzuversetzen.

Erarbeitungsphase II
Anschließend bearbeiten die Schülerinnen und Schüler in Einzelarbeit die Aufgaben 2 bis 4. Im Ge-
spräch stellen die Schülerinnen und Schüler ihre Lösungen zu den Aufgaben zu M 5 vor.
© RAABE 2019

Erläuterungen (M 5)
Zu 2:
a) Für den Naturliebhaber ist der Wald ein Ort, an dem … er die Natur genießen kann.
b) Für die Holzhändlerin ist der Wald ein Ort, an dem … sie Geld verdienen kann.
c) Für den Förster ist der Wald ein Ort, an dem … er Pflege betreiben muss.
d) Für die Dichterin ist der Wald ein Ort, an dem … sie Inspiration erfährt.
e) Für mich ist der Wald ein Ort, an dem … man spielen kann.
f) Ich sehe den Ort aus der Perspektive eines … Kindes.

Zu 3: Beispiele könnten sein:


• Einmal erscheint mir der Schulweg lang, dann erscheint er mir wieder kurz.
• Manchmal erscheint mir mein Zimmer groß und manchmal erscheint es mir klein.
Einflussfaktoren auf meine Perspektive können sein: mein Standort im Raum, meine Interessen,
meine Stimmung, meine Gefühle, Körpertemperatur, Erfahrungen, Erlebnisse, Beruf, Vorwissen.

Zu 4: Ein Perspektivwechsel macht Sinn, wenn ich anderer Meinung bin als jemand anderes. Ver-
setze ich mich in seine Perspektive, gelingt es mir vielleicht besser, ihn zu verstehen.

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M6 Wie nehmen wir Wirklichkeit wahr mit eingeschränkten


Sinnen? – Die Welt der Helen Keller

Aufgrund einer schweren Krankheit als Kleinkind wurde Helen Keller (1880–1968) blind und taub.
Sie konnte ihre Umgebung von da an nur noch riechen und fühlen, aber nicht mehr sehen oder
hören. Als Erwachsene bekam sie Zugang zur Sprache und schrieb Texte. Folgende Zitate sind aus
ihrem Buch „Mein Weg aus dem Dunkel“.

Aufgaben
1. Tausche dich mit deinem Nachbarn/deiner Nachbarin darüber aus, warum Helen Keller die
Seele des Menschen in die Fingerspitzen legen würde.

© RAABE 2019
2. Beschreibe in eigenen Worten, wie Helen Keller der Welt gegenüber eingestellt gewesen wäre,
wenn sie zusätzlich zum Seh- und Hörsinn auch noch den Geruchssinn verloren hätte.

„Hätte ich einen Menschen erschaffen,


so würde ich sicherlich Gehirn und Seele
in seine Fingerspitzen gelegt haben.“
(Helen Keller)
Foto: dpa/picture alliance

Text: Behrens, Katja: Alles Sehen kommt von der


Seele. Die Lebensgeschichte der Helen Keller. Beltz
& Gelberg, Weinheim/Basel. S. 10.

60 RAAbits Ethik/Philosophie August 2019


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„Ich hatte einmal etliche Tage lang Geruch und Geschmack

Foto: Mauritius Images/Science Source/Library of Congress


verloren. Es kam mir unglaublich vor, wie ich so völlig von
allen Gerüchen getrennt war, wie ich die Luft einsog und nie-
mals auch nur den geringsten Duft wahrnahm. Dies Gefühl
5 glich wahrscheinlich, wenngleich in geringerem Grade, dem
eines Menschen, der zum ersten Mal seine Sehkraft verliert
und es nun gar nicht erwarten kann, das Licht wiederzu­
sehen.
Ich wusste, dass ich nach einer gewissen Zeit wieder würde
10 riechen können. Und doch – nachdem die Verwunderung vor-
bei war, kroch ein Gefühl von Einsamkeit über mich her. Die
zahlreichen, zarten Freuden, die durch den Geruch mein Ei-
gen werden, sie waren nun für eine lange Zeit zu trüben Er-
innerungen geworden. Als ich den verlorenen Sinn zurücker-
15 langte, da weitete sich mein Herz vor Freude.
Der zeitweilige Verlust des Geruchssinnes bewies mir außerdem, dass das Fehlen eines Sinnes die
geistigen Fähigkeiten nicht zu beeinflussen braucht und dass es die bildliche Vorstellung von der
Welt nicht verzerrt. Und so ziehe ich den Schluss, dass Blindheit und Taubheit nicht die innere Ord-
nung des Intellektes zu stören brauchen. Ich weiß, dass ich, selbst wenn es für mich keine Gerüche
20 gäbe, trotzdem noch einen beträchtlichen Teil der Welt besitzen würde. Eine Fülle von neuem und
Überraschendem würde sich mir auftun.“ (Helen Keller)
Text: Pieper, Werner (Hrsg.): Meine Welt. Blind, taub und optimistisch. Leben & Lernen der Helen Keller. Die Grüne Kraft,
© RAABE 2019

Medienexperimente, Löhrbach 2003. S. 12–14.

Merksätze


Wer war Helen Keller? – Einige Informationen

„Ich bin blind, aber ich sehe. Ich bin taub, aber ich höre.“
Dies war das Motto von Helen Keller. Vielen taubblinden Menschen
half die Amerikanerin, im Alltag zurechtzukommen. Sie half Blinden,
die Brailleschrift zu lernen, kämpfte für die Rechte der Schwarzen
und trat für Frauenrechte ein. Sie gilt als Engel der Blinden.
1880 als gesundes Kind geboren, erkrankte sie mit nicht einmal zwei
© Bild Corbis

Jahren, verlor ihr Seh- und Hörvermögen. Bald darauf hörte sie auf
zu sprechen. Sie zog sich in ihre Welt zurück. Erst ihrer Lehrerin
Anne Sullivan gelang es, Helen neuen Lebensmut zu geben. Sie
brachte ihr das Fingeralphabet bei. Als Helen Keller später die
Brailleschrift erlernte und wieder zu sprechen begann, schrieb sie sich am College ein, um
Fremdsprachen zu studieren.
Zeitlebens kümmerte sie sich um blinde und taube Menschen, hielt Vorträge und warb für Ver-
ständnis. Sie ist bis heute Vorbild für viele.

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Stunde 6 und 7 Hinweise: Wahrnehmung der Welt mit eingeschränkten Sinnen


Einstieg
Zum Einstieg in die Stunde hören die Lernenden einen Ausschnitt aus dem Hörbuch „Alles Sehen
kommt von der Seele“ von Katja Behrens. Hier berichtet sie vom Leben der Helen Keller mit einge-
schränkten Sinnen. Im Anschluss geben die Lernenden in eigenen Worten wieder, wovon der Hör-
beitrag handelt. Die MP3 mit dem Hörbuchauszug steht für Sie im Portal Ethik online zum Down-
load.
Im nachfolgenden Unterrichtsgespräch sollten folgende Punkte angesprochen werden:
• Durch eine schwere Krankheit als Kleinkind wurde Helen Keller blind und taub. Sie konnte ihre
Umgebung nur noch riechen und fühlen, aber nichts mehr sehen oder hören. Sie kannte keine
Farben. Gespräche bekam sie nicht mit. Sie wusste nicht einmal, dass sie einen Namen hatte.
Alles ging an ihr vorbei. Sie war allein. Sie fühlte sich wie eingemauert in sich selbst. Sie hatte
das Gefühl, nicht in der Welt zu sein.
• Als Erwachsene erhielt sie Zugang zur Sprache. Sie schrieb Texte und veränderte sich dadurch
so stark, dass sie von da an von sich als Kind nur noch in der dritten Person schrieb.

Fakultative vertiefende Erarbeitungsphase


Als alternativen Einstieg zum Hörbuchausschnitt oder als vertiefende Erarbeitungsphase erhält je-
der Schüler/jede Schülerin einen faustgroßen Klumpen Modellierton. Die Lernenden sind aufgefor-
dert, die Augen zu schließen und – gegebenenfalls mit einer Augenbinde versehen – aus dem Ton
etwas zu modellieren: eine Pflanze, ein Tier, einen Gegenstand ihrer Wahl. Sie haben rund 10 Minu-

© RAABE 2019
ten Zeit. Im Anschluss berichten sie über ihre Erfahrungen. Meist sind die Lernenden verwundert,
wenn sie die Augen wieder öffnen, was entstanden ist. Nicht immer ähnelt das Modell der Wirklich-
keit.

Erarbeitungsphase I
Das Spiel „Führen und blindes Geführtwerden, ohne zu reden“ kann sich anschließen. Es sollte au-
ßerhalb des Klassenraumes stattfinden, da dort mehr Platz ist. Einerseits handelt es sich um ein
Vertrauensspiel, andererseits ermöglicht es der Person, die geführt wird, in die Rolle einer blinden
Person zu schlüpfen und ihre Aufmerksamkeit für kurze Zeit stärker auf die anderen Sinne zu lenken
und mit diesen die Umgebung wahrzunehmen.

Wie gelingt das Spiel? – Eine Anleitung


Die Schülerinnen und Schüler bilden Paare. Person 1 bindet sich einen Schal oder ein Tuch um die
Augen. Sie wird von Person 2 langsam und achtsam eine gefahrlose Strecke geführt. Hier ist es
wichtig, den führenden Schülerinnen und Schülern ihre Verantwortung für die blinde Person vorab
bewusst zu machen. Nach ca. 5 Minuten wechseln die Paare ihre Rollen. Nun führt Person 1 Per-
son 2 für ca. 5 Minuten.

Im nachbereitenden Unterrichtsgespräch werden folgende Fragen erörtert:


ffWie war es für dich, zu führen?
ffWie war es, geführt zu werden?

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Erarbeitungsphase II
Vertiefend lesen die Schülerinnen und Schüler Text M 7 und bearbeiten die Aufgaben dazu in Part-
ner- bzw. Einzelarbeit. Einige Lernende stellen ihre Lösungen mündlich vor. Anschließend werden
folgende Merksätze übernommen:
• Fehlen Sinne oder funktionieren diese nur eingeschränkt, wird die Wirklichkeit oft durch die
anderen Sinne intensiver wahrgenommen. Diese gleichen fehlende Eindrücke aus und helfen,
sich in der Welt zu orientieren bzw. sich von ihr ein Bild zu machen. Da Helen Keller nichts sieht,
ertastet sie das Gesicht anderer. Ihre Seele, so drückt sie es aus, liegt in den Fingerspitzen.

Diskussion
Diese Eindrücke vertiefend, diskutieren die Lernenden, wie sich die Weltwahrnehmung verändern
würde, fehlte uns ein bestimmter Sinn. Wie verändert sich die Wahrnehmung durch den fehlenden
Sehsinn/Hörsinn/Geschmackssinn/Tastsinn/Geruchssinn? Wie verändert sich die Weltwahrneh-
mung, wenn ein anderer Sinn den fehlenden Sinn kompensiert? Und wie gelingt diese Kompen­
sierung?

Fazit
• Erfahrungsgemäß stellen die Lernenden zunächst fest, dass es eine große Umstellung bedeu-
ten würde, ohne einen Sinn auszukommen. Sie wären – zumindest in der Übergangsphase –
zunächst auf Hilfe angewiesen. Vor allem, wenn es sich um den Seh- oder Hörsinn handeln
würde.
• Der Verlust des Geruchs- oder des Geschmackssinns würde vor allem eine Einschränkung der
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Lebensqualität bedeuten. Hier ist jedoch kaum Hilfestellung von außen möglich.
• Kurzsichtigkeit oder das Unvermögen zu riechen (insbesondere bei Erkältung) kennen einige
Schülerinnen und Schüler vermutlich aus eigener Erfahrung.

Tipp
An dieser Stelle der Einheit bietet sich der Besuch der Lerngruppe in einem Dunkelcafé oder Dunkel-
restaurant an. Vielleicht hat ein Schüler/eine Schülerin auch schon einmal ein Dunkelcafé besucht
und kann davon berichten.

Erläuterungen (M 6)
Zu 1: Helen Keller hat aufgrund ihrer Blindheit und Taubheit ein sehr ausgeprägtes Tastgefühl ent-
wickelt. Für sie befindet sich „die Seele in den Fingerspitzen“.
Zu 2: Wenn Helen Keller zusätzlich zum Seh- und Hörsinn den Geruchssinn verlieren würde, würde
sie die Welt wieder neu entdecken müssen. Die „innere Ordnung“ würde sie beibehalten.

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M7 Wie finde ich mich mit eingeschränkten Sinnen in meiner


Umgebung zurecht? – Der Film „Erbsen auf halb 6“

Der Film „Erbsen auf halb 6“ aus dem Jahre 2004 hat zwei Hauptpersonen: Lilly, die von Geburt an
blind ist, und Jakob, der infolge eines Unfalls erblindet ist. Er konnte vorher sehen. Die beiden tref-
fen aufeinander, weil Lilly Jakob im Rahmen ihrer Tätigkeit im Rehabilitationszentrum für Blinde
dabei helfen soll, mit seiner neuen Situation zurechtzukommen.

Aufgabe
1. Beantworte die nachfolgenden Fragen stichpunktartig.
– Wie reagiert Jakob auf seine Erblindung?

– Was muss Jakob nun neu lernen?

– Wie orientiert sich Lilly? Wie „sieht“ Lilly die Welt?

© RAABE 2019
– Woher weiß Lilly, wo sich die Erbsen auf ihrem Teller befinden? Erstelle eine Zeichnung.

– In dem Film wird ein unfaires Verhalten gegenüber Blinden gezeigt. Welches Verhalten ist
zu beobachten und wer verhält sich unfair?

– Warum lässt Jakob Lilly nicht los?

– Warum sagt Jakob zu Lilly, dass er nichts für sie fühlt?

– Warum will Lilly nicht mit Paul und ihrer Mutter mit zurück?

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Hinweise: Wie finde ich mich mit eingeschränkten Sinnen in meiner Stunde 8 und 9
Umgebung zurecht?
Einstieg
Zu Beginn der Stunde wird auf das Vorhergehende zurückgegriffen. Die Lernenden wiederholen,
was mit der Weltwahrnehmung eines Menschen geschieht, wenn dieser erblindet. Deutlich wird,
dass sich die anderen Sinne stärker ausprägen, um den Verlust zu kompensieren.

Erarbeitungsphase I
Die Lernenden schauen den Film „Erbsen auf halb 6“ in den angegebenen Ausschnitten. Dabei ver-
setzen sie sich in die beiden blinden Hauptpersonen Lilly und Jakob. Folgende Ausschnitte sind zu
empfehlen und ergeben ein Gesamtbild:
1) 00:03:39–00:37:49, ca. 34 Minuten
2) 00:46:16–00:52:13, ca. 6 Minuten
3) 01:03:58–01:06:12, ca. 3 Minuten
4) 01:10:21–01:12:18, ca. 2 Minuten
5) 01:13:28–01:25:51, ca. 12 Minuten
6) 01:33:30–01:42:25, ca. 9 Minuten
Insgesamt sind dies 66 Minuten. Alternativ ist es bei Zeitnot möglich, die Vorführung auf die Ab-
schnitte 1 bis 3 zu beschränken. Dann müssten allerdings die Fragen 7 und 8 entfallen.

Erarbeitungsphase II
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Die Schülerinnen und Schüler beantworten parallel zur Filmvorführung die Verständnisfragen zum
Film auf dem Arbeitsblatt. Anschließend tragen einige Schülerinnen und Schüler ihre Antworten vor.

Diskussion
Die abschließende Diskussion kann und sollte über den Film und die Filmhandlung hinausgehen
und den Bogen zurück zur Lebenswirklichkeit der Lernenden schlagen. Erörtert werden kann bei-
spielsweise:
fWie können wir blinde Menschen im Alltag unterstützen?

Erläuterungen (M 7)
Zu 1: Wie reagiert Jakob auf seine Erblindung?
• Jakob ist verzweifelt. Sein Lebenswille schwindet. Er will sich nicht helfen lassen. Er
verdrängt seine Blindheit. Er vermisst das Sehen. Er will allein sein.
Zu 2: Was muss Jakob neu lernen?
• Jakob muss neu lernen zu lesen, zu schreiben, sich anzuziehen, er muss „hören lernen“,
lernen, den Blindenstock zu benutzen.
Zu 3: Wie orientiert sich Lilly? Wie „sieht“ Lilly die Welt?
• Lilly bewegt sich mit dem Blindenstock. Sie hat gelernt, konzentriert zu lauschen, sie
orientiert sich mithilfe der Finger und des Körpers.

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Zu 4: Woher weiß Lilly, wo sich die Erbsen auf ihrem Teller befinden? Erstelle eine Zeichnung.

Zeichnung: Julia Lenzmann.


Zu 5: In dem Film wird ein unfaires Verhalten gegenüber Blinden gezeigt. Welches Verhalten ist zu
beobachten und wer verhält sich unfair?
• Unfair verhält sich die Wirtin, als sie Lilly beim Telefonieren belauscht.
Zu 6: Warum lässt Jakob Lilly nicht los?
• Vermutlich braucht Jakob jemanden, der in derselben Situation ist wie er, der auch blind
ist, der Verständnis für seine Situation hat.
Zu 7: Warum sagt Jakob zu Lilly, dass er nichts für sie fühlt?

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• Jakob sagt dies, weil er denkt, dass es für Lilly nicht gut wäre, wenn sie für ihn Paul
verlassen würde.
Zu 8: Warum will Lilly nicht mit Paul und ihrer Mutter mit zurück?
• Lilly will nicht mit zurück, weil sie sich in ihrer Gegenwart so fühlt, als ob sie nichts
kann. Sie sagt: „Jetzt weiß ich, dass ich nur nicht sehen kann.“

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Wie sehen Tiere die Wirklichkeit? – Perspektivwechsel M8


üben

Betrachtet das nachfolgende Bild. Wessen Perspektive könnte hier dargestellt sein?
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M9 Die Perspektive von Tieren auf die Wirklichkeit


Wie sehen Tiere die Welt? Wissenschaftler haben entdeckt, dass die Wahrnehmung von Tieren sich
zum Teil sehr von der menschlichen Wahrnehmung unterscheidet. Einige Tiere beispielsweise hören
Töne, die im Ultra- oder Infraschallbereich liegen und die für das menschliche Ohr unhörbar sind.
Manche Tiere haben ein ultraviolettes Farbspektrum. Sie nehmen Farben anders wahr als Men-
schen.

Aufgaben
1. Wähle ein Tier aus. Stelle dir nun vor, du bist dieses Tier. Beschreibe, wie du dich fühlst, wo du
dich am liebsten aufhältst, was für dich wichtig ist und was du wie wahrnimmst.

2. Lies deine Beschreibung deinem Sitznachbarn/deiner Sitznachbarin vor und lass ihn/sie raten,
welches Tier du bist. Danach wechselt ihr die Rollen.
3. Schaue den Film „Perfekt angepasst: So sehen Tiere die Welt“ aus der Sendereihe „W wie
Wissen“ (ARD) auf YouTube an: https://www.youtube.com/watch?v=4s-gAt76qmo.
Beschreibe anschließend in Stichpunkten das Sehvermögen der folgenden Tierarten. Gehe dabei
auch darauf ein, warum diese Art zu sehen für die jeweilige Tierart Sinn macht:

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Qualle:

Pferd:

Jaguar:

Steinadler:

Biene/Schmetterling:

Wie ortet der Wal seine Nahrung?

Merksätze

Einige Begriffserklärungen zur Tierwahrnehmung

Infraschall ist Schall, dessen Schwingung so niedrig ist, dass er vom menschlichen Ohr nicht
wahrgenommen werden kann. Ultraschall ist Schall, dessen Schwingung so hoch ist, dass er
vom menschlichen Ohr nicht wahrgenommen werden kann. Ultraviolettes Licht hat eine so
kurze Wellenlänge, dass es für das menschliche Auge nicht wahrnehmbar ist.

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Hinweise: Wie nehmen Tiere die Wirklichkeit wahr? Stunde 10


Einstieg
Die Schülerinnen und Schüler betrachten das Bild. Es wird als stummer Impuls vorgelegt. Aus wes-
sen Perspektive könnte das Bild aufgenommen sein? Die Lernenden stellen Vermutungen an. Es
könnte sich um die Perspektive eines sehr kleinen Tieres handeln. Woraus schließen wir das? Wis-
sen wir, wie Tiere die Wirklichkeit wahrnehmen? Können wir das überhaupt wissen?

Erarbeitungsphase I
Die Lernenden bearbeiten die Aufgaben 1 und 2 auf Arbeitsblatt M 9. Sie versetzen sich in die
­Pers­pektive von Tieren. Wechselseitig lesen sie einander ihre Beschreibungen vor und raten, um
welches Tier es sich handelt. Im gemeinsamen Gespräch werden folgende Fragen diskutiert:
ffIst es euch gelungen, euch in das ausgewählte Tier zu versetzen?
ffHabt ihr dies als schwierig oder leicht empfunden? Warum war dies schwierig oder leicht?

Erarbeitungsphase II
Das Thema vertiefend, schauen die Lernenden den 5-minütigen Film „Perfekt angepasst: So sehen
Tiere die Welt“ aus der Sendereihe „W wie Wissen“ (ARD) an. Dieser ist auf YouTube verfügbar. An-
schließend bearbeiten sie in Einzelarbeit Aufgabe 3, um das Gesehene zu verarbeiten. Es bietet sich
an, den Film zweimal zu zeigen, da er sehr kurz ist, jedoch viele Informationen enthält.

Tipp
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Ergänzend können auch Ausschnitte aus dem sehenswerten Film „Die Supersinne der Tiere“, Teil 1
(von John Dower, BBC), gezeigt werden. Folgende insgesamt 10-minütige Ausschnitte bieten sich
hier an, um den Schülerinnen und Schülern neben dem anderen Farbspektrum (Ultraviolett) auch
das unterschiedliche Hörspektrum der Tiere (Infraschall, Ultraschall) nahezubringen:
• Aus „Das Sehen“ 13:00–16:00 (Bienen und Farben/Ultraviolett)
• Aus „Das Hören“ 00:00–03:30 (Fledermäuse/Ultraschall, Elefanten/Infraschall)
• Aus „das Riechen“ 00:00–03:00 (Hund und Lachs/Erinnerung an Gerüche)

Ergebnissicherung
Die Lernenden tragen ihre Bearbeitungen zu M 9 vor und übernehmen anschließend die Merksätze
zur Sicherung auf das Arbeitsblatt.

Vorschlag für Merksätze


Tiere nehmen die Wirklichkeit anders wahr als wir. Denn ihre Sinne sind anders ausgeprägt. Sie
nehmen vor allem wahr, was für ihr Überleben wichtig ist und was im Einklang steht mit ihren
­Instinkten.

Diskussion
Weiterführende Fragen in Bezug auf den Film könnten sein:
ffWelche Farbe hat die Blume aus dem Film in Wirklichkeit? Ist sie orange oder blau?
• Der Film verdeutlicht, dass jedes Lebewesen das wahrnimmt, was für sein Überleben
wichtig ist, entsprechend seiner Ausstattung. Die Frage nach der Erkenntnis der Wirklich-
keit an sich ist damit noch nicht behandelt: Vielleicht gibt es mehrere (subjektive) Wirklich-
keiten? Gibt es auch eine objektive Wirklichkeit? Können wir diese erkennen?

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Erläuterungen (M 8)
Das Einstiegsbild ist aus einer „Froschperspektive“ aufgenommen, aus der Perspektive eines sehr
kleinen Tieres, das im Gras lebt.

Erläuterungen (M 9)
Zu 1 und 2: Individuelle Schülerlösungen sind hier denkbar.
Zu 3:
• Qualle: Eine Qualle kann mit ihren einfachen Flachaugen nur hell und dunkel unterscheiden.
• Pferd: Ein Pferd kann mit seinen seitlich liegenden Augen auch nach hinten schauen. Dies ist
für das Pferd als Fluchttier sinnvoll.
• Jaguar: Ein Jaguar hat frontale Augen. So kann er seine Beute gut fokussieren. Aufgrund der
Pupillenerweiterung kann er auch im Dunkeln sehr gut sehen. Das ist für ihn als Jagdtier
sinnvoll.
• Steinadler: Ein Steinadler hat eine Art eingebautes Fernglas in den Augen. So kann er als Jäger
seine Beute aus mehreren Hundert Metern Entfernung sichten.
• Biene/Schmetterling: Insekten sehen mit ihren Facettenaugen unscharf. Dafür nehmen sie
ultraviolettes Licht wahr. So können sie gezielt auf Blüten oder auf die Flügel von Artgenossen
(Schmetterlinge) zusteuern.
• Wie ortet der Wal seine Nahrung? Der Wal sieht im dunklen Meer wenig. Seine Beute ortet er,
indem er hochfrequente (Ultraschall-)Töne aussendet.

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Rollenkarten: Wie ist die Welt in Wirklichkeit? M 10

Aufgabe
1. Versetze dich in die vorgegebene Rolle und fülle dein Kärtchen aus.

Stell dir vor, du bist ein Insekt. Beschreibe in Stichworten, Stell dir vor, du bist blind. Beschreibe in Stichworten, wie
wie du eine Blume aus deiner Perspektive wahrnimmst. du eine Blume aus deiner Perspektive wahrnimmst.
 
 
 
 

Stell dir vor, du stehst auf einem Turm. Beschreibe in Stich- Stell dir vor, du bist ein sehr kleiner Käfer. Beschreibe in
worten, wie du eine Blume aus deiner Perspektive wahr- Stichworten, wie du eine Blume aus dieser Perspektive
nimmst. wahrnimmst.
 
 
 
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Stell dir vor, du bist ein Maler. Du stehst mit deiner Staffe- Stell dir vor, du bist ein Blumenhändler. Beschreibe in
lei auf der Wiese, um zu malen. Beschreibe in Stichworten, Stichworten, wie du eine Blume aus deiner Perspektive
wie du eine Blume aus dieser Perspektive wahrnimmst. wahrnimmst.
 
 
 
 

© Getty Images

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M 11 Die blinden Männer und der Elefant – Ein Gleichnis


Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Es beschreibt einen Sachverhalt nicht begrifflich, sondern auf
einer bildhaften Ebene. Dinge und Lebewesen, die in einem Gleichnis auftauchen, verweisen im
übertragenen Sinne über sich hinaus. Das folgende Gleichnis „Die blinden Männer und der Elefant“
erzählt davon, wie lückenhaft unsere Sicht auf die Wirklichkeit ist.

Aufgaben
1. Lies die nachfolgende Geschichte. Zeichne anschließend ein Bild von dem Elefanten und von
den Männern, welche die verschiedenen Teile des Elefanten betasten.
2. Fülle anschließend den Lückentext aus. Verwende dabei die unten erklärten Begriffe „subjek-
tiv/subjektive/subjektiven“ und „objektiv/objektive/objektiven“.
3. Stellt das Gleichnis vom Elefanten szenisch dar. Ihr könnt die Rollentexte ergänzen und den
Streit in eigenen Worten darstellen. Gegebenenfalls fügt mithilfe der Begriffe „subjektive
Wirklichkeit“ und „objektive Wirklichkeit“ am Ende eurer Darstellung eine Auflösung hinzu.

Das Gleichnis vom Elefanten


Vier Männer stehen mit verbundenen Augen um einen Elefanten herum und betasten ihn.
–– Der erste, der das Elefantenohr betastet, sagt: „Der Elefant ist wie ein geflochtener Korb.“
–– Der zweite, der den Stoßzahn betastet, sagt: „Der Elefant ist wie ein spitzer Stock.“

© RAABE 2019
–– Der dritte, der den Fuß betastet, sagt: „Der Elefant ist wie ein Pfeiler.“
–– Der vierte, der den Schwanz betastet, sagt: „Der Elefant ist wie ein Besen.“
Anschließend fangen die vier einen Streit darüber an, wie der Elefant denn nun ist.

Lückentext
In dem Gleichnis „Die blinden Männer und der Elefant“ steht der Elefant für die ______________
___________________________ Wirklichkeit. Der Besen, der Korb, der Pfeiler und der Stock
­stehen für die ___________________________________________________ Wirklichkeit.

Subjektive und objektive Wirklichkeit – Eine Definition

• Die subjektive Wirklichkeit der Dinge bezeichnet die Perspektive eines einzelnen Menschen
auf die Wirklichkeit.
• Die objektive Wirklichkeit der Dinge bezeichnet die Wirklichkeit, die unabhängig vom
Menschen und seiner Wahrnehmung existiert.

Wie funktioniert die Methode „szenisches Darstellen“?

Einigt euch, wer welche Rolle übernimmt. Versetze dich dann in deine Rolle hinein, lies einige
Male deinen Text und merke ihn dir wenn möglich. Überlegt euch gemeinsam, wie ihr die Szene
arrangieren wollt: Wer kommt von wo? Wie steht ihr zueinander? Was braucht ihr für Requisi-
ten? Probt die Szene einige Male und stellt sie dann der Klasse vor.

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Protagoras und Sokrates: Wie ist die Welt in Wirklichkeit? M 12

Aufgaben
1. Lies den Text. Ergänze dann anhand des Beispiels der Blume den folgenden Lückentext.
2. Überlege: Welches Problem ergibt sich aus der Position des Protagoras?

3. Stimmst du Sokrates zu, wenn er sagt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Begründe deine
Meinung.
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Der Mensch, das Maß aller Dinge?


Der griechische Philosoph Protagoras sagt: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ Damit meint er,
dass die Wirklichkeit der Dinge vom jeweiligen Menschen abhängt, der sie wahrnimmt. Erinnere
dich an den Dialog „Theaitetos“. Dort heißt es: „Sollen wir dem Protagoras glauben, dass der Wind
dem Frierenden ein kalter ist, dem Nichtfrierenden nicht?“ Laut Protagoras gibt es nur die subjekti-
ve Wirklichkeit der Dinge. Eine objektive Erkenntnis der Wirklichkeit ist nicht möglich. Der griechi-
sche Philosoph Sokrates ist noch strenger. Er erkennt auch das subjektiv Wahrgenommene nicht als
wirklich an. Er sagt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Lückentext

Für Protagoras ist die Blume in subjektiver Wirklichkeit _________________________________

(nämlich aus der Perspektive eines/einer ________________________________________) und

in subjektiver Wirklichkeit ________________________________________________ (nämlich

aus der Perspektive eines/einer ________________________________________). Sokrates hin-

gegen würde sagen: Wie die Blume in Wirklichkeit ist, kann ich nicht wahrnehmen, denn mal er-

scheint sie ______________________________ und mal ______________________________.

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Stunde 11 Hinweise: Wie ist die Welt in Wirklichkeit?


und 12
Einstieg
Jeder Schüler/jede Schülerin erhält zu Beginn der Stunde eine der sechs Rollenkarten. Er/sie be-
schreibt in Stillarbeit seine/ihre Sicht auf die Blume aus der Perspektive seiner/ihrer Rolle. Zu jeder
Rolle sollte im Plenum mindestens ein Schüler/eine Schülerin sprechen.
Der Einstieg sensibilisiert die Lernenden dafür, dass ein und dieselbe Sache unterschiedlich wahr-
genommen wird. Die Vielzahl an Wahrnehmungen ein und derselben Wirklichkeit verweist darauf,
dass wir Menschen Wirklichkeit immer nur partiell, niemals aber vollständig wahrnehmen. Das
Gleichnis von den vier blinden Männern und dem Elefanten verweist ebenso auf die Lücken unserer
Wahrnehmungs- bzw. Erkenntnisfähigkeit.

Erarbeitungsphase I
Ein Schüler/eine Schülerin liest Text M 11 vor. Anschließend zeichnen die Lernenden den Elefanten
und die vier Männer. Ihre Erkenntnisse zusammenfassend, füllen sie den Lückentext aus. Zur Ergeb-
nissicherung bietet es sich an, alle Zeichnungen auf den Tischen im Sinne eines Galeriegangs aus-
zulegen, sodass alle Lernenden die Zeichnungen sehen können. Aufgabe 2, M 11 wird im Unter-
richtsgespräch besprochen.

Erarbeitungsphase II
Zur Vertiefung der zuvor gewonnenen Erkenntnis üben die Lernenden nun in Vierergruppen eine
szenische Darstellung des Textes ein. Abschließend bauen sie die Übertragungsebene des Gleich-

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nisses ein. Einige oder alle Gruppen präsentieren ihre szenische Darstellung des Gleichnisses.

Erarbeitungsphase III
Um das eben dargestellte Problem der lückenhaften Wirklichkeitserkenntnis in einen philosophie-
historischen Kontext einzuordnen, bearbeiten die Lernenden in Partnerarbeit die Aufgaben 1 bis 3.
Folgende Leitfragen bieten sich für das nachbereitende Plenumsgespräch an:
ffWie ist die Welt in Wirklichkeit? Kann ich mir mittels meiner Wahrnehmungen erschließen, wie
die Welt wirklich ist?
ffProtagoras sagt: Es gibt nur unsere subjektive Wirklichkeit. Die objektive Wirklichkeit vermögen
wir nicht zu erfassen.
ffSokrates sagt: Es gibt weder subjektive noch objektive Wirklichkeit. Wir wissen nicht, wie die
Welt wirklich ist.
Ein mögliches Fazit könnte sein: Meine Wahrnehmung der Welt ist immer subjektiv, niemals objek-
tiv. Denn ein und derselbe Gegenstand/Sachverhalt wird von unterschiedlichen Menschen verschie-
den wahrgenommen. Zugleich trägt meine Wahrnehmung zur Wirklichkeitserschließung bei. Ich
kann mich mit anderen Menschen über die Wirklichkeit verständigen, da sie diese ähnlich wahr-
nehmen wie ich. Wirklichkeit entsteht, würde Sokrates sagen, im Diskurs darüber, indem wir uns
über sie austauschen und einen gemeinsamen Konsens formulieren.

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Erläuterungen (M 10)

Stell dir vor, du bist ein Insekt. Beschreibe in Stichworten Stell dir vor, du bist blind. Beschreibe in Stichworten die
die Blume aus dieser Perspektive. Blume aus dieser Perspektive.
• Da mein Farbspektrum ein anderes ist und ich – an- • Ich betaste die Blume und rieche an ihr. Die Blüten-
ders als der Mensch – ultraviolettes Licht wahrnehmen blätter fühlen sich weich und dünn an, die Blume
kann, erscheint mir die Blume bläulich. Durch meine duftet.
Facettenaugen sehe ich die Blume nur in Pixeln.

Stell dir vor, du stehst auf einem Turm. Beschreibe in Stich- Stell dir vor, du bist ein kleiner Käfer. Beschreibe in Stich-
worten die Blume aus dieser Perspektive. worten die Blume aus dieser Perspektive.
• Die Blume erscheint mir von hier oben aus ganz klein, • Die Blume erscheint mir riesig. Ich schaue von unten
als gelber Punkt. den Stängel entlang und die Blütenblätter sehen wie
ein Dach für mich aus.

Stell dir vor, du bist ein Maler. Beschreibe in Stichworten Stell dir vor, du bist ein Blumenhändler. Beschreibe in
die Blume aus dieser Perspektive. Stichworten die Blume aus dieser Perspektive.
• Ich sehe verschiedene Überdeckungen und Schatten- • Ich sehe, dass die Blume noch frisch aussieht.
würfe in der Blume. Für mich ist sie ein Symbol für Menschen würden sich an ihr erfreuen und sie kaufen.
den anbrechenden Frühling.
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Erläuterungen (M 11)
Zu 1:
Zu 2: Im Gleichnis „Die blinden Männer und der Elefant“ steht
© Blind monks examinating

der Elefant für die objektive Wirklichkeit, der Besen, der Korb,
der Pfeiler und der Stock stehen für die subjektive Wirklich­keit.
Zu 3: Individuelle Schülerantworten sind hier denkbar.
elefant

Erläuterungen (M 12)
Zu 1: Für Protagoras ist die Blume in subjektiver Wirklichkeit klein (beispielsweise aus der Perspek-
tive eines Menschen auf dem Turm) und in subjektiver Wirklichkeit groß (beispielsweise aus der
Perspektive eines Käfers). Sokrates hingegen würde sagen: Wie die Blume in Wirklichkeit ist, kann
ich nicht wissen, denn mal erscheint sie klein und mal groß.
Zu 2: Wenn jeder seine subjektive Wirklichkeit absolut setzt und sie nicht in einen größeren Zusam-
menhang stellt, entsteht Streit, wie im Gleichnis von den vier blinden Männern. Wer glaubt, schon
alles zu wissen, stellt keine Fragen mehr. Er gibt sich mit seiner subjektiven Wirklichkeit zufrieden.
Das „Rätselhafte“ der Wirklichkeit wird nicht thematisiert.
Zu 3: Rein logisch betrachtet, könnte man sagen, dass Sokrates sich mit seiner Aussage selbst wi-
derspricht. Denn wer weiß, dass er nichts weiß, verfügt ja über eine Form von Wissen. Er weiß also
etwas und nicht nichts. Auf einer tieferen Ebene lässt sich seine Aussage jedoch anders deuten.
Sokrates fordert auf erkenntnistheoretischer Ebene Bescheidenheit von uns: Respektiere, dass die
Wirklichkeit an sich für uns ein Rätsel ist und es immer bleiben wird.

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M 13 Lernerfolgskontrolle

Aufgabe
1. Verfasse einen Aufsatz zum Thema „Niemand nimmt die Welt wahr wie ich“. Berichte von
deinen Erfahrungen. Belege diese anhand von Beispielen. Verwende und erläutere im Laufe
des Aufsatzes die Begriffe „relativ“ und „Perspektive“. Du hast eine Stunde Zeit.

Erwartungshorizont (M 13)

Der/Die Schüler/-in … Maximale Punktzahl

… wählt einen interessanten Einstieg. 5 Punkte

… schreibt ausgehend von authentischen Erfahrungen und 10 Punkte


benennt anschauliche Beispiele.

… verwendet den Begriff „relativ“ und erläutert ihn treffend. 10 Punkte

… verwendet den Begriff „Perspektive“ und erläutert ihn treffend 10 Punkte


und anschaulich.

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… formuliert ein abschließendes Fazit oder kommt zumindest zu 5 Punkte
einer interessanten offenen Fragestellung.

… baut den Aufsatz klar und verständlich auf. 10 Punkte

… schreibt sprachlich richtig. 5 Punkte

… beleuchtet das Thema mit Fachwissen oder philosophischen 5 Punkte


Aspekten (z. B. Verweis auf die Sinneswahrnehmung bestimmter
Tierarten; Verweis auf Zitate von Philosophen).

Gesamtpunktzahl 60

Ein möglicher Notenschlüssel

Erreichte Punktzahl Leistungsnote

60−53 sehr gut

52−45 gut

44−37 befriedigend

36−25 ausreichend

24−15 mangelhaft

14−0 ungenügend

60 RAAbits Ethik/Philosophie August 2019


www.RAAbits.de - Ethik - Ani Magalhaes Faria