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Paoli, Die italienische Mafia 2

Die italienische Mafia


Paradigma oder Spezialfall organisierter Kriminalität?

von Letizia Paoli

Zusammenfassung
Der Artikel behandelt schwerpunktmäßig die historischen und aktuellen Erscheinungsformen der
italienischen Mafia vor dem Hintergrund einer anhaltenden wissenschaftlichen Debatte über Art und
Inhalt der Definition organisierter Kriminalität.
Nach einer Einführung über die verschiedenen Darstellungen der Mafia in der Literatur und Wis-
senschaft seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden Kultur, Struktur und Handlungsmuster der zwei be-
deutendsten Mafia-Vereinigungen beschrieben: die sizilianische Cosa Nostra und die kalabresische
‘Ndrangheta. Ein weiterer thematischer Schwerpunkt behandelt die aktuelle Krise und die Reaktio-
nen beider Mafia-Vereinigungen auf die konsequenteren staatlichen Bekämpfungsmaßnahmen in den
letzten fünf Jahren.
Welchen Platz haben Cosa Nostra und ‘Ndrangheta in der internationalen Debatte um organisierte
Kriminalität? Können sie als universal gültiges Paradigma der organisierten Kriminalität gelten oder
stellen sie nur einen Spezialfall respektive eine Ausnahme im Panorama des internationalen Ver-
brechens dar? Der Artikel zeigt auf, daß die zwei Mafia-Vereinigungen nur dann allgemeingültige Pa-
radigmen organisierter Kriminalität sind, wenn man darunter eine Ansammlung krimineller Organi-
sationen versteht. Wenn aber der Ausdruck »organisierte Kriminalität« auf illegale Märkte und ihre
Akteure bezogen wird, gibt es keinen Grund dafür, in der Cosa Nostra und der ‘Ndrangheta ein uni-
verselles Vorbild zu sehen. Im Gegenteil: Sie sind Spezialfälle, das Produkt bestimmter historischer,
sozialer und kultureller Konditionen, welche nicht einfach wiederholt werden können.

1. Die Mafia: Was ist das eigentlich?


Seit der Begriff »Mafia« durch Giuseppe Rizzottos 1863 uraufgeführte Komödie »I mafiusi
de la Vicaria« populär wurde, hat er viele, zum Teil auch konträre Bedeutungen erhalten.
So wurde mit der Vereinigung Italiens durch Garibaldi im Jahre 1860 die Mafia Inhalt hit-
ziger intellektueller und politischer Debatten. Für einige Zeitgenossen, speziell aus dem
Süden Italiens, war die Mafia lediglich eine Verhaltensweise mutiger Männer, die sich
selbst zu helfen wußten (Pitré [1889] 1993). Für andere, nicht zuletzt für die meist nord-
italienischen Repräsentanten der Staatsgewalt war sie eine gemeingefährliche, fest organi-
sierte kriminelle Vereinigung, welche mit allen Mitteln bekämpft werden mußte (Pezzino
1987).
Heute, gut 100 Jahre später, läßt sich zweifelsfrei feststellen: Ungeachtet der Vielzahl
von Bedeutungen und Eigenschaften, die dem Begriff der Mafia im Laufe der Jahrzehnte
zugeordnet wurden, besteht das Phänomen Mafia in seinem Kern aus zwei stabilen und
strukturierten Organisationen – der Cosa Nostra in Sizilien und der ‘Ndrangheta im süd-
lichen Kalabrien.
Nachdem das Bestehen organisierter Mafia-Strukturen in der Wissenschaft lange ange-
zweifelt wurde (Hess [1970] 1993; Blok [1974] 1988; Schneider & Schneider 1976; Arlacchi
[1983] 1989), kam der Umschwung mit Tommaso Buscetta, dem ersten wichtigen Pentito1,
und seinen Aussagen gegenüber Richter Giovanni Falcone im Jahr 1984 (TrPA 1984).
Seitdem bewiesen ferner die Aussagen von über 700 früheren Mitgliedern der Cosa Nostra

1 Pentito (wörtlich »reuig«) beschreibt umgangssprachlich einen Kronzeugen.


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und ‘Ndrangheta sowie zahlreiche anschließende Untersuchungen deren Existenz als


Organisation. Viele dieser gerichtlichen Untersuchungen, unter ihnen der erste maxi-
processo von Palermo (TrPA 1986), wurden nachträglich von der höchsten Gerichtsinstanz
Italiens, dem Corte di Cassazione, bestätigt.
Außerdem fand man durch die Aufarbeitung alter Prozeßakten und Recherchen in Ar-
chiven Hinweise auf Vorläufer der heutigen Mafia-Organisationen, welche bis in die Mitte
des vorigen Jahrhunderts reichen (Pezzino 1995; Lupo 1993).
Somit ist heute unser Wissen über die beiden wichtigsten Mafia-Vereinigungen detail-
lierter und präziser als jemals zuvor. Was aber stellen Cosa Nostra und ‘Ndrangheta dar?
Im folgenden soll ein kurzer Abriß der Forschungsergebnisse der letzten fünfzehn Jahre
gegeben werden.

2. Cosa Nostra und ‘Ndrangheta: Struktur und Kultur


Cosa Nostra und ‘Ndrangheta sind Zusammenschlüsse von jeweils über 90 Mafia-Fami-
lien. Polizeiquellen rechnen mit etwa 3 200 Mitgliedern für die Cosa Nostra und etwa
4 500 für die ‘Ndrangheta.
Die meisten Mafia-Familien der Cosa Nostra sind im westlichen Teil Siziliens kon-
zentriert: in Palermo (55 Familien) und in der benachbarten Provinz Trapani (15). Ob-
wohl nur der Cuntrera-Caruana-Clan Sizilien endgültig verlassen hat, unterhalten meh-
rere Cosa Nostra Cosche2 über Mitglieder und Vertreter Verbindungen nach Norditalien
und ins Ausland: zum Beispiel nach Frankreich, Deutschland, Venezuela und den Verei-
nigten Staaten (Ministero dell‘Interno 1995; DIA 1993 a; 1993 b; 1993 c).
Die ‘Ndrangheta Cosche konzentrieren sich auf die Provinz Reggio Calabria. Aber an-
ders als bei der Cosa Nostra verlegten Untergruppen und sogar ganze Abteilungen ihren
Sitz nach Norditalien, vor allem in das Hinterland von Mailand und Bologna, sowie nach
Kanada und Australien. Einzelne ‘Ndrangheta-Mitglieder sind auch in den meisten euro-
päischen Staaten präsent (Ministero dell’Interno 1994; PrRC 1995 passim; Paoli 1994).
Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich beide Organisationen einem Zentralisie-
rungsprozeß unterzogen, der zur Ausbildung übergeordneter Einrichtungen führte. Im
Gegensatz zu ihrem kalabresischen Pendant begann die Cosa Nostra damit bereits in den
50er Jahren. 1957 gründeten die Mafia-Familien um Palermo eine Provinzkommission be-
stehend aus den einflußreichsten Mafia-Chefs, den sog. capimandamento. Nach diesem
Modell entstand dann Mitte der 70er Jahre eine weitere Kommission, welche die Famili-
enchefs aller sechs Cosa Nostra-Provinzen einschloß (ohne Messina, Siracusa und Ragusa,
wo die Cosa Nostra keine Abteilungen hat). In Kalabrien wurde ein ähnliches Koordina-
tionsorgan erst zu Beginn der 90er Jahre gegründet, vor allem um einen fünf Jahre langen
Mafia-Krieg zu beenden, der mehr als 1 000 Todesopfer forderte (TrPA 1986, Band V;
Arlacchi 1994; PrRC 1993 und 1995).
Entgegen der in den Medien weitverbreiteten Vorstellung können diese drei Kommis-
sionen jedoch nicht mit den Führungsgremien (Vorstand oder Verwaltungsrat) großer
Firmen verglichen werden. Ihre Macht ist in Wirklichkeit beschränkt. Denn sie wurden
hauptsächlich für den Zweck gegründet, durch die Regulierung der Gewaltanwendung die
Sichtbarkeit der kriminellen Organisation in der Öffentlichkeit zu vermindern. Die Un-
auffälligkeit und Sicherheit der gesamten Organisation wird speziell dadurch gewährlei-
stet, daß die Kommissionen die Gewaltanwendung bei internen Konflikten und gegen
Repräsentanten des Staates regulieren und sanktionieren. Jedoch werden deren Entschei-

2 Der Ausdruck »cosca« (im sizilianischen Dialekt Artischocke) ist heute zum Synonym für Mafia-
Gruppierungen geworden und symbolisiert den starken Zusammenhalt.
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dungen nicht immer respektiert. Auch ist ihr Einfluß auf die ökonomischen Aktivitäten
der einzelnen Familien gewöhnlich sehr niedrig und läßt ihnen eine hohe Autonomie
(Paoli 1997; Paoli 1999 a).
Ungeachtet des geringen Alters und der Schwäche der kollegialen Entscheidungsgre-
mien kann die strukturelle und organisatorische Geschlossenheit sowohl der Cosa Nostra
als auch der ‘Ndrangheta nicht bezweifelt werden. Das haben bisher alle Pentiti überein-
stimmend bestätigt. Wie in vielen vormodernen »segmentierten« Gesellschaften (Durk-
heim [1893, 1902] 1964, 176-177; Smith 1974, 98 ff.) wird die innere Geschlossenheit die-
ser beiden Mafia-Vereinigungen durch gemeinsame innere Strukturen, eine gemeinsame
Kultur und gemeinsame Normen gewährt. Das gilt besonders für die Zeit vor der Einfüh-
rung kollegialer Entscheidungsgremien.
Folgende Elemente stärken die innere Geschlossenheit und Einheit sowohl der Cosa
Nostra als auch der ‘Ndrangheta:
– Rituale und Symbole;
– Organisationsstruktur;
– Werte und Normen.

2.1 Rituale und Symbole


Jede Aufnahme in eine Cosa Nostra- oder ‘Ndrangheta-Familie wird von einer Initia-
tionszeremonie begleitet. Dieser feierliche Rite de Passage (van Gennep [1909] 1960) legt
sozusagen die Zugehörigkeitsgrenzen zwischen Insidern und Outsidern fest und zwingt
den Neuling, seinem neuen Status gerecht zu werden.
Obwohl beide, Cosa Nostra und ‘Ndrangheta, ihre eigenen Rituale haben, gibt es trotz
aller lokaler Unterschiede wichtige Gemeinsamkeiten. Insbesondere besteht die Initia-
tionszeremonie in beiden Mafia-Vereinigungen aus den folgenden drei Phasen:
– ein Familienmitglied präsentiert der Gruppe den Kandidaten;
– der Chef der Familie erklärt die geheimen Regeln und Gesetze;
– das neue Mitglied schwört der ganzen Gruppe den Treueid (Paoli 1997).
Beide Zeremonien haben Bezüge zur Terminologie und Vorstellungswelt der katholi-
schen Religion und zur Bedeutung des Blutes. Nicht von ungefähr nennt man in der
‘Ndrangheta diesen ganzen Ritus »Taufe« (TrMI 1994, 147-149; Ciconte 1992, 32-35). Der
wichtigste Moment der Initiation oder Aufnahme ist in beiden Organisationen ohne
Zweifel der Treueschwur: Das neue Mitglied verbrennt in seiner Hand ein Heiligenbild,
auf das es vorher eigenes Blut träufelte.
Alle diese Rituale und Symbole sind allerdings nicht nur das unbedeutende Erbe längst
vergangener Zeiten. Noch heute erfüllen sie durchaus eine sehr wichtige Funktion. Durch
die Einführungszeremonie binden beide Mafia-Organisationen ihre neuen Mitglieder
nicht in der Art, wie es etwa moderne Firmen oder Bürokratien in Form eines – mit Max
Weber gesprochen – »Zweck-Kontraktes« tun. Vielmehr erlegen sie einen »Status-Kon-
trakt« auf, der vom Mafiosi »eine Veränderung der rechtlichen Gesamtqualität, der uni-
versellen Stellung und des sozialen Habitus« erfordert (Weber [1921] 1972, 402). Sie bean-
spruchen auf diese Weise die ganze Person des Mafioso, sein ganzes Selbst, und zwar ein
Leben lang.
Mit dem Eintritt in eine Mafia-Familie muß der Neuling auf Dauer eine neue Identität
annehmen und alle seine bisherigen Bindungen – welcher Art auch immer – der Mitglied-
schaft unterordnen. Es geht um einen Pakt auf Lebenszeit. Wie der Richter und Mafia-Er-
mittler Giovanni Falcone bemerkte, »verpflichtet der Eintritt in die Cosa Nostra einen
Mann sein ganzes Leben. Mafioso zu werden, ist gleichbedeutend mit der Konversion zu
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einer Religion. So wie man nie aufhört, Priester zu sein, hört man nie auf, Mafioso zu sein«
(1991, 97).
Gleichzeitig wird der Neuling durch die Zeremonie der Initiation aufgefordert, den
anderen Mitgliedern ein Bruder zu werden und ihnen gegebenenfalls ohne Aussicht auf
Gegenleistung zu helfen. Mit anderen Worten, er wird aufgefordert, Mitglied einer Fami-
lie zu werden, und nicht von ungefähr nennen die Mafiosi ihre Gruppen »Familien«. Der
Status-Kontrakt ist gleichzeitig ein »Verbrüderungsvertrag« (Weber 1972, 402).

2.2 Die Organisationsstruktur


Innerhalb der Mafia-Bünde Cosa Nostra und ‘Ndrangheta sind trotz kleiner lokaler
Variationen die Familien jeweils nach dem gleichen Modell organisiert und mit ähnlichen
Entscheidungsgremien ausgestattet. Das soll hier nicht im Detail ausgeführt werden.
Wichtiger sind die teils beträchtlichen Unterschiede zwischen beiden Vereinigungen.
Die traditionelle Organisation einer Cosa Nostra-Familie beruht zumindest im Ideal-
fall auf den Prinzipien der direkten Demokratie. Es gibt keine Rangordnung, und jeder
kann im Prinzip in die Führungsgremien gewählt werden. Diese Schlüsselpositionen sind
für alle Cosa Nostra-Familien gleich: rappresentante (Vertreter), consigliere (Berater),
capodecina (Chef einer Zehnergruppe). Obwohl diese Posten oft von den mächtigsten
Mafiosi okkupiert werden, betonen fast alle Pentiti übereinstimmend die demokratischen
Wahlprozeduren zur Besetzung dieser Positionen (TrPA 1986, Bd. V, 810–814; 875–877).
In der ‘Ndrangheta sind Verwandtschaftsbindungen sehr viel wichtiger. Trotzdem
dürfen die einzelnen Cosche nicht mit Vereinigungen von Mafiosi auf rein verwandt-
schaftlicher Basis verwechselt werden. In der Tat zeichnen sich die ‘Ndrangheta Cosche
durch ein hochentwickeltes System von Rängen und Führungsposten aus, das nicht selten
quer zu den tatsächlichen Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Mitglieder steht,
wie etwa zwischen Vater und Sohn, Onkel und Neffe (TrMI 1994, 155 ff.).
Der Grund für dieses komplizierte System liegt vor allem in der Notwendigkeit, den
Kopf der Mafia, die eigentlichen Bosse, vor der öffentlichen Aufmerksamkeit und den
Strafverfolgungsbehörden zu schützen. Die rangniederen Mitglieder bilden also einen
»Puffer-Rayon« (Simmel 1999, 445) zwischen dem geheimen Teil der Mafia-Familie und
der Öffentlichkeit.

2.3 Die Werte und Normen der Mafia


Das System der inneren Legitimation der Mafia beruht in der Hauptsache auf zwei Wer-
ten: Ehre und Omertà (Verschwiegenheit). Der Ehrenkodex verpflichtet dazu, sich gegen
jeden Angriff oder jede Beleidigung zu wehren, und zwar ohne Hilfe von Polizei und Ge-
richten3. Seit Ende des letzten Jahrhunderts behaupten die Mitglieder der sizilianischen
und kalabresischen Mafia-Bünde von sich, geradezu ein Idealbild an Ehre zu verkörpern.
Nicht zufällig nennen sie sich uomini d’onore (Ehrenmänner) und ihre Organisation eine
»ehrenwerte Gesellschaft«. In einem vom Altgriechischen beeinflußten Dialekt, welcher in
Südkalabrien noch gebräuchlich ist, bedeutet ‘Ndrangheta »Gesellschaft der Ehren-
männer« (Martino 1988), und der Ausdruck »Onorata Società« wird von den Mitgliedern
beider Vereinigungen verwendet.
Die zweite Säule der Mafia-Ideologie ist die Omertà. Allgemein gesagt verbietet diese
die Zusammenarbeit mit staatlichen Autoritäten, etwa im Fall von Ermittlungen, und un-

3 Zum Thema Ehre im Mittelmeerraum hat sich in den letzten 40 Jahren eine große Debatte in
Anthropologie und Soziologie entwickelt, welche im Rahmen dieses Beitrages nicht zusammen-
gefaßt werden kann. Vgl. u.a. Pitt-Rivers 1968 a; Davis 1977; Herzfeld 1980; 1987; Fiume 1989.
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tersagt die Inanspruchnahme des Staates selbst dann, wenn man Opfer eines Verbrechens
wird (Paoli 1997, 137 ff.; Paoli 1999 a).
Historisch gesehen förderten diese beiden Grundwerte die Akzeptanz und Legitima-
tion der Mafia gegenüber der lokalen Bevölkerung, welche diese auch pflegte. Noch heute
spielen sie deshalb eine wichtige Funktion in der Mafia. Omertà, das Schweigegelöbnis, ist
die absolut notwendige Voraussetzung für jede kriminelle Gruppe, die per definitionem
auf der falschen Seite des Gesetzes überleben will. So muß jedes neue Mitglied einen
Schwur zur totalen Verschwiegenheit leisten. Omertà bleibt die erste und wichtigste
Norm, die ein Mafioso sein ganzes Leben lang unbedingt beachten muß.
Der Ehrenkodex dagegen sichert die Andersartigkeit des ganzen Mafia-Systems gegen-
über dem Staat. So berichtet der sizilianische Pentito Vincenzo Calcara folgende Worte
vom Tag seiner rituellen Aufnahme: »Die Cosa Nostra erkennt die Autorität des Staates
nicht an, zu dem sie immer im Gegensatz stand und stehen wird. Wir kümmern uns nicht
um den Staat. Unsere Heimat ist die Mafia-Familie, die wir bis zum letzten Blutstropfen
verteidigen müssen« (Bettini 1994, 86–88).
Ehre und Omertà haben mehrere andere konkrete Verpflichtungen zur Folge. Zu-
sammen mit den Aufnahmekriterien und -prozeduren bilden sie ein normatives System,
das – obwohl ungeschrieben und rudimentär – als eine Alternative zum staatlichen Nor-
mensystem gesehen wird. Die eigentlichen Instanzen für Sanktionen sind die capifamiglia
(Familienführer), deren Zusammenkünfte oder neuerdings vor allem die schon erwähnten
Kommissionen. Sie alle können darüber entscheiden, ob jemand gegen ein Gesetz oder
gegen eine Norm verstoßen hat und was dann eventuell mit dem Schuldigen zu tun ist
(Paoli 1997, 202–240; Romano [1917] 1977; Fiandaca 1994).

3. Die Vielfalt von Mafia-Aktivitäten


Nicht selten beschreibt man Mafia-Vereinigungen als kriminelle Wirtschaftsunternehmen
– und in der Tat haben sie in den letzten drei Jahrzehnten immer häufiger solche Aktivi-
täten verfolgt, die hohe Gewinne versprechen. Es wäre jedoch irreführend, das Phänomen
Mafia nur im Sinne eines Wirtschaftsunternehmens zu verstehen, oder gar Mafia-Familien
auf das eine Ende einer Skala zu plazieren, deren anderes Ende legale Wirtschaftsunter-
nehmen darstellen.
Schon ihre Geschichte zeigt: Cosa Nostra- und ‘Ndrangheta-Familien haben immer
eine Vielzahl von Aktivitäten verfolgt, von denen die meisten nicht mit illegalen Waren
und Dienstleistungen in Zusammenhang stehen. In den letzten 100 Jahren haben die Mit-
glieder sowohl der sizilianischen als auch der kalabresischen Mafia-Vereinigungen die
Vorteile ihrer Mitgliedschaft für die unterschiedlichsten Zwecke eingesetzt und verwen-
det. Und zwar nicht selten im offenen Gegensatz untereinander. Deshalb ist es so gut wie
unmöglich, die diversen Aktivitäten der einzelnen Mafia-Familien oder die Motive ihrer
Mitglieder auf einen einzigen Zweck wie den ökonomischen Profit zu reduzieren.
Manchmal zeigten sich die Mafiosi aufgeschlossen für die Bedürfnisse ihrer Umgebung,
häufiger haben sie sich jedoch verweigert und ihren Willen mit Gewalt durchgesetzt.
Manchmal boten sie anderen Schutz, nicht selten haben sie aber ein erpresserisches
Regime ausgeübt (Schutzgelderpressung). Meist haben sie die Interessen der oberen so-
zialen Schichten unterstützt, etwa indem sie Kandidaten Wahlstimmen zur Verfügung
stellten. Von Zeit zu Zeit verteidigten sie jedoch die Interessen des einfachen Volkes.
Sie sind immer ganz verschiedenen wirtschaftlichen Aktivitäten nachgegangen. Seit
Ende des 19. Jahrhunderts haben Mafiosi versucht, lokal beschränkte Monopole durchzu-
setzen. Allerdings muß dabei beachtet werden, daß sich je nach dem Stand der wirtschaft-
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lichen Entwicklung und der Gesellschaft insgesamt auch die von den Mafiosi bevorzugten
Waren änderten. Soweit die illegalen Märkte betroffen sind, kam es in Bezug auf die Art
der Waren und den Umfang des Mafia-Engagements zu plötzlichen und großen Verände-
rungen – natürlich immer in Abhängigkeit von den Trends der internationalen illegalen
Wirtschaft und der Fähigkeit der sizilianischen und kalabresischen Mafiosi, mit den neuen
Herausforderungen erfolgreich fertig zu werden (Paoli 1997).
In diesem Zusammenhang müssen auch die politischen Aktivitäten der Mafia stärker
als bisher üblich hervorgehoben werden. Besonders durch die Anwendung von Gewalt
versuchen Cosa Nostra- und ‘Ndrangheta-Familien, ihrer Umgebung den eigenen Willen
und den Respekt vor ihren Regeln aufzuzwingen. Mit Max Weber kann man deshalb diese
beiden Mafia-Vereinigungen als »politische Verbände« betrachten (1972, 29): D. h., es
handelt sich um solche Organisationen, die durch Gewaltandrohung oder Gewaltanwen-
dung ihre mafiose Rechtsordnung in einem bestimmten Territorium sicherstellen. Diese
politische Dimension zeigt sich darüber hinaus durch ihre Beteiligung an mindestens drei
geplanten Staatsstreichen in Italien in den letzten 50 Jahren, in der Ermordung zahlreicher
Repräsentanten des Staates und durch terroristische Anschläge im Jahre 1993 (Stille 1995).
Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Macht der Mafia geradezu äquivalent zur
Schwäche der staatlichen Institutionen. Wenigstens bis zur Herrschaft der Faschisten war
der Staat nie in der Lage, sein Machtmonopol überall im Mezzogiorno durchzusetzen und
sich gegenüber der lokalen Bevölkerung als rechtmäßig auszuweisen. Die Folge war eine
de facto-Machtteilung zwischen Staat und Mafia. Da die Chefs und Mitglieder der Mafia
eine Reihe von sozialen Integrationsfunktionen erfüllten, hielt man in der Bevölkerung
ihre auf allgemeingültige kulturelle Werte und Normen gegründete Macht für legitim.
Nach den 60er Jahren veränderte sich diese Machtteilung zwischen Staat und Mafia. Im
Zuge der Industrialisierung und Modernisierung verloren die Mafiosi nach dem Krieg
einige ihrer sozialen Integrationsfunktionen. Gleichzeitig schwächte sich das kulturelle
und normative Wertesystem ab, welches bislang den Mafia-Familien ihre kollektive Iden-
tität und die Rechtfertigung zur Ausübung politischer Macht lieferte.
Um den Verlust ihrer Vorrangstellung in der Bevölkerung zu verhindern, verwendeten
seit den 50er Jahren immer mehr Mafiosi ihre Verbindungen zur Mafia primär für die An-
häufung von Wohlstand. Dieser Anpassungsprozeß wurde besonders durch zwei überge-
ordnete Faktoren begünstigt, durch die es vor allem Mafia-Gruppen in Sizilien und
Kalabrien zu bislang unvorstellbarem Reichtum bringen sollten:
a) die globale Expansion illegaler Märkte vor allem für Tabak und Drogen (Paoli 1998 b;
TrPA 1986, Bd. V);
b) die enorm steigenden Staatsausgaben für den Mezzogiorno (Paoli 1997; TrPA 1991;
1993b; 1997; PrRC 1995).

4. Die heutige Legitimationskrise


Ihre gestiegenen wirtschaftlichen Aktivitäten führten auch zu einer Machtsteigerung der
Mafia in der Gesellschaft vor Ort. So vergrößerten sich nicht nur ihre finanziellen und
militärischen Ressourcen; beide, Cosa Nostra und ‘Ndrangheta, verstärkten auch ihren
Zugriff auf den lokalen Arbeitsmarkt in seiner legalen wie illegalen Form. Und sie sicher-
ten sich nun vor allem die Kontrolle über viele Wahlstimmen als eine Art politischer
Tauschware. Zwar konnte diese unternehmerische Transformation der Mafia den anhal-
tenden Prozeß der Delegitimation mafioser Gewalt verlangsamen, aber nicht stoppen –
schon alleine deshalb, weil es sich dabei sozusagen um ein Nebenprodukt des weitaus
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größeren wirtschaftlichen und kulturellen Modernisierungsprozesses handelt, der seit der


Nachkriegszeit ganz Italien, sogar die entlegensten Gebiete des Mezzogiornos erfaßte.
Diese unternehmerische Transformation stürzte gerade auch die Ideologie der Mafia in
eine anhaltende Krise – jene Ideologie, durch welche die Mafia-Führer schon immer ihre
Macht gegenüber ihren lokalen Gemeinschaften und ihrer Gefolgschaft legitimierten. Be-
droht ist heute vor allem die spezielle Subkultur der Ehre, mit der Mafiosi stets ihren pri-
vaten Gebrauch von Gewalt und ihre politische Autorität gerechtfertigt haben. Bedroht ist
aber auch die zentrale Bedeutung der Verwandtschaftsbeziehungen, seien sie nun fami-
liärer oder fiktiver Art. Man kann insgesamt durchaus von einer Systemkrise sprechen, der
Cosa Nostra und ‘Ndrangheta durch die drastischen Veränderungen der gesamten
italienischen Gesellschaft ausgesetzt sind.
Jene von der Cosa Nostra und der ‘Ndrangheta in über 100 Jahren erschaffene Festung
aus Werten, Normen, Vorschriften und Ritualen, welche einzig dem Zweck dient, die
Mitglieder sozial einzubinden und ihre Loyalität auf Dauer zu sichern – diese Festung
scheint heute zu zerbrechen. Mehr und mehr Mafiosi sind sich bewußt, daß dieses sym-
bolische Instrumentarium mit seinen teils altmodischen, teils abschreckenden Verpflich-
tungen nicht selten von den mächtigsten Mafia-Brüdern zur Durchsetzung ihrer privaten
Interessen mißbraucht wird. So hat denn auch die Autorität der Mafia in der Öffentlich-
keit abgenommen, und zwar ungeachtet der Waffenarsenale und Reichtümer, welche die
Mafia-Chefs während der letzten 30 Jahre anhäufen konnten.
Dieser Delegitimationsprozeß wurde nicht zuletzt durch die Mafia-Kriege innerhalb
der Cosa Nostra und der ‘Ndrangheta während der 80er Jahre verstärkt. Die Folgen wa-
ren mehr Furcht in der Bevölkerung, mehr Aufmerksamkeit der Medien und der Öffent-
lichkeit und schließlich mehr Anti-Mafia-Maßnahmen des Staates.
Gerade in Sizilien beschleunigten einige Mordserien der Cosa Nostra gegen Politiker
und Repräsentanten des Staates seit den späten 70er Jahren diesen Prozeß. Heute sieht
man den Wendepunkt in der spektakulären Ermordung des Generals Alberto Dalla
Chiesa am 2. September 1982 in Palermo auf offener Straße. Zwei Wochen nach dem
Mord, dem 15 weitere vorausgegangen waren, trat das nach dem im April 1982 ermorde-
ten sizilianischen Kommunistenführer benannte »La Torre-Gesetz« in Kraft. Zum ersten
Mal werden die Mitgliedschaft in mafiosen kriminellen Vereinigungen strafbar (Art. 416
bis StGB) und die Beschlagnahmung von illegal erworbenem Mafia-Besitz möglich. Allein
zwischen 1982 und 1986 wurden fast 15 000 Personen in Italien der Mafia-Beteiligung
nach Art. 416 bis angeklagt. In Palermo wurden 406 Personen vor Gericht gestellt und
mehr als die Hälfte zu hohen Strafen verurteilt.
Die staatliche Anti-Mafia-Kampagne wurde durch die große Zustimmung der Bevöl-
kerung getragen. Seit dem Mord an Dalla Chiesa entstand eine »vielgestaltige Anti-Mafia-
Bewegung« (Schneider & Schneider 1994), und nach Rückschlägen schöpfte diese zu Be-
ginn der 90er Jahre wieder neue Kraft. Die Morde an den Richtern Giovanni Falcone und
Paolo Borsellino im Jahre 1992 bewegten das ganze Land. Auch der Staat reagierte mit
einem groß angelegten Gegenangriff, der umfangreichsten Anti-Mafia-Aktion der letzten
30 Jahre.
Der Erfolg der Gerichte und ein Zeugenschutzprogramm lösten geradezu eine Pentiti-
Lawine aus, durch die sich die internen Spannungen und Widersprüche der beiden Mafia-
Vereinigungen um ein Vielfaches verstärkten. Speziell im Falle der Cosa Nostra stieg die
Zahl der Pentiti schlagartig an, und selbst frühere Mafia-Bosse – wie etwa Giovanni
Brusca – wurden Kronzeugen der Justiz (Ministero dell’Interno 1996).
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Heute sieht sich die Cosa Nostra mit der ernsthaftesten Krise der letzten 50 Jahre
konfrontiert. Mit einigen Ausnahmen sind die meisten ihrer Führer zu langjährigen Haft-
strafen verurteilt. Die Geschäfte laufen ebenfalls nicht mehr gut. So hat die Rolle, die die
Cosa Nostra im internationalen Drogenhandel seit den späten 80er Jahren gespielt hat,
immer mehr an Bedeutung verloren. Seit dieser Zeit wurden Bauaufträge des Staates zur
Haupteinnahmequelle. Bedingt durch die Mani-Pulite-Untersuchungen zur Korruption
und die starke Reduzierung von Staatsausgaben für den Mezzogiorno ist aber auch diese
Quelle seit Anfang der 90er Jahre fast versiegt. Zudem ist seit 1992 das politische und
institutionelle Beziehungsnetz der Cosa Nostra zur Zielscheibe der Mafia-Ermittler ge-
worden. Selbst der frühere Premierminister Giulio Andreotti steht wegen Mafia-Mitglied-
schaft vor Gericht (PrPA 1995 a; Arlacchi 1995; Lupo 1996; vgl. aber auch Andreotti 1994).
Die ‘Ndrangheta ist hingegen in einer besseren Position. Ihr stärkerer Rückgriff auf
Verwandtschaftsbindungen im nichtfiktiven Sinne hat die Zahl der Pentiti klein gehalten.
Da keine hochrangigen Mitglieder Kronzeugen wurden, blieben ihre politischen Verbin-
dungen bisher meist unaufgedeckt. Auch ist die kalabresische Anti-Mafia-Bewegung eher
schwach. Im Großen und Ganzen erhalten die ‘Ndrangheta-Familien mehr Zustimmung
aus der Bevölkerung als ihre sizilianischen Pendants. Durch ihre weite Verzweigung im
nördlichen Italien spielt die ‘Ndrangheta immer noch eine wichtige Rolle bei Import und
Großhandel von illegalen Drogen (Paoli 1997; 1998b).
Doch auch die ‘Ndrangheta-Familien sind unter starkem Druck. Vor allem im Norden,
aber auch in Kalabrien selbst, haben die Strafverfolger in den letzten Jahren wichtige
Erfolge erzielt (PrRC 1995). Ganze Mafia-Familien wurden ausgehoben und ihre Mitglie-
der verurteilt. Zudem müssen beide Organisationen sich heute der Konkurrenz einer
wachsenden Zahl ausländischer Gruppen stellen, die sehr gewaltbereit sind und von ihren
direkten Verbindungen zu den drogenproduzierenden und -handelnden Ländern profitie-
ren.

5. Die italienische Mafia und die internationale Debatte


Die süditalienischen Mafia-Gruppen – speziell Cosa Nostra und ‘Ndrangheta – sind heute
weltweit für die breite Öffentlichkeit die Prototypen organisierter Kriminalität per se. Für
die sizilianische Mafia gilt das spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg, und zwar deshalb,
weil sie schon immer als Mutterorganisation der amerikanischen »La Cosa Nostra« gese-
hen wurde. Diese hielt man in den USA lange Zeit für fast gleichbedeutend mit organi-
sierter Kriminalität an sich (U.S. Senate 1951; 1957; 1963) – dem Land, in dem der Begriff
entstanden ist und organisierte Kriminalität erstmals ein zentrales Thema der öffentlichen
und wissenschaftlichen Debatte wurde.
Bis in die Mitte der 80er Jahre wurde organisierte Kriminalität für ein Problem gehal-
ten, das nur eine begrenzte Zahl von Ländern betrifft. Überall auf der Welt waren viele
Menschen fasziniert von den Mafia-Berichten in Zeitungen, Romanen und Filmen (Smith
[1975] 1990). Aber mit Ausnahme einiger Strafverfolger dachten die meisten, daß es orga-
nisierte Kriminalität nur in den Vereinigten Staaten, in Italien und vielleicht noch in ein
paar anderen Ländern gebe.
Mit den späten 80er Jahren änderte sich die Situation allerdings schlagartig. Seitdem hat
die Thematik großes Interesse bei internationalen Organisationen, staatlichen Institutio-
nen und in der Öffentlichkeit auch solcher Länder geweckt, welche sich bislang von die-
sem Problem nicht betroffen fühlten (Paoli 1998 a). Der Ausdruck »organisierte Krimina-
lität« wird in der Tat als Schlagwort benutzt und zwar vor allem, um die steigende Furcht
der Öffentlichkeit auszudrücken, aber auch die Besorgnis nationaler und internationaler
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Institutionen vor der weltweiten Ausbreitung illegaler Märkte, die steigende grenzüber-
schreitende Mobilität Krimineller und deren negative Folgen für den legalen Wirtschafts-
sektor und die Politik.
In der neueren Debatte verliert auch das italienische Wort Mafia seine Herkunftsbe-
deutung und wird vielmehr zum Synonym für eine große Bandbreite krimineller Grup-
pierungen und Personen: In der Presse sowie in speziellen Reportagen wird heutzutage
häufig etwa von der russischen, der albanischen, der polnischen Mafia gesprochen.
Gleichzeitig werden Cosa Nostra und ‘Ndrangheta häufig als Modelle für organisierte
Kriminalität gesehen. Ist diese Darstellung korrekt? Kann man Cosa Nostra und
‘Ndrangheta wirklich als Paradigmen für das globale Phänomen der organisierten Krimi-
nalität verwenden? Oder sollten sie nicht eher als ein Spezialfall in der großen Bandbreite
der organisierten Kriminalität betrachtet werden? Dies hängt davon ab, wie man organi-
sierte Kriminalität auffaßt: ein sehr vieldeutiger Begriff, der in den letzten 40 Jahren ganz
unterschiedlich definiert wurde.

6. Zwei widerstrebende Konzeptionen organisierter Kriminalität aus den USA


Manche definieren organisierte Kriminalität als eine Reihe von verschiedenen Organisa-
tionen, welche illegal in se sind, oder deren Mitglieder routinemäßig eine Vielzahl von
Verbrechen begehen. Hierzu der US-amerikanische Kriminologe Peter Reuter: »Organi-
sierte Kriminalität meint Organisationen mit Dauerhaftigkeit, Hierarchie und vielfältigen
kriminellen Aktivitäten« (1983, 175). Eine ethnisch-lastige Variante dieser Definition
war lange in den USA vorherrschend. Der offizielle, von den Strafverfolgungsbehörden,
einigen Parlamentsausschüssen und den Medien verbreitete Standpunkt identifiziert
organized crime mit einer landesweiten, zentralisierten Organisation, die von einer sizilia-
nischen Mutterorganisation abstammt: La Cosa Nostra. Sie wurde in den folgenden Jahr-
zehnten für Millionen Amerikaner und Europäer zum nicht selten von den Medien
romantisierten Idealtyp von organized crime (Smith 1976; [1975] 1990).
Diese Interpretation wurde 1967 von Donald Cressey, Berater der »President’s Task
Force on Organized Crime«, wissenschaftlich systematisiert (Task Force 1967). In seinem
Buch »The Theft of the Nation« machte sich Cressey die ethnisch-lastige Position der
Strafverfolger zu eigen. Die italo-amerikanische La Cosa Nostra repräsentiere »bis auf
einen kleinen Rest das gesamte organisierte Verbrechen« in den USA. Sie beruhe auf den
traditionellen Werten, Normen und der Kultur der Sizilianer, sei aber auch eine hierarchi-
sche und »rational geplante« Organisation. Das ist eine Definition ganz im Sinne von Max
Webers Idealtyp einer legal-rationalen Bürokratie (Cressey 1969).
Allerdings wurde diese als »alien conspiracy« bezeichnete Theorie seit den 60er Jahren
von der Mehrheit der amerikanischen Sozialwissenschaftler zurückgewiesen. Ihre Argu-
mente waren: sie sei ideologisch, würde politischen Interessen dienen und sei wissen-
schaftlich und empirisch nachweislich falsch (Smith 1976; Moore 1974; Hawkins 1969).
Nun konzentrierte man sich statt dessen auf das offensichtlichste Betätigungsfeld der or-
ganisierten Kriminalität: dem Geschäft mit illegalen Produkten und Dienstleistungen. Um
ethnische Stereotype zu vermeiden und die Aufmerksamkeit auf die Märkte zu richten,
haben verschiedene Autoren den Ausdruck »illegale« oder »unerlaubte (illicit) Unterneh-
men« als Ersatz für den ethnisch-lastigen Begriff organized crime vorgeschlagen (Smith
1976; 1990; Haller 1970; 1990). Um es mit Dwight Smith zu sagen: »unerlaubte Unter-
nehmen sind die Ausweitung von erlaubten Marktaktivitäten in normalerweise verbotene
Gebiete, um Profit zu machen und als Antwort auf eine latente, aber unerlaubte Nach-
frage« (1990, 335).
Paoli, Die italienische Mafia 11

Meistens hat man aber organized crime mit der Verbreitung illegaler Waren und
Dienstleistungen gleichgesetzt. So auch Alan Block und William Chambliss: »Organisierte
Kriminalität sollte definiert werden als (oder besser begrenzt werden auf) illegale Aktivi-
täten, die das Management und die Koordination von illegalen Geschäften und Verhalten
betreffen« (1981, 13). Organized crime ist so zum Synonym für illegale Unternehmen ge-
worden.
Diese letzte Position wird heute von den meisten nordamerikanischen Wissenschaft-
lern vertreten. Nach einer von Frank Hagan (1983) zusammengestellten Übersicht
herrscht weitgehend Übereinstimmung darüber, daß von organisierter Kriminalität dann
gesprochen wird, wenn 1. ein dauerhaft angelegtes und 2. rational operierendes Unter-
nehmen darauf ausgerichtet ist, 3. Gewinne durch illegale Betätigungen zu erzielen. In den
meisten dieser Definitionen gibt es allerdings keine Kriterien für die Größe, die interne
Organisation und die Lebensdauer der illegalen Unternehmen.
Die US-amerikanische Debatte bewegte sich in den letzen 20 Jahren zwischen zwei
Polen: 1. organized crime verstanden als eine Reihe krimineller Vereinigungen und
2. organized crime als Bezeichnung für illegale unternehmerische Aktivitäten. Beide Defi-
nitionen wurden in die internationale Debatte eingebracht, so vor allem in die Vereinten
Nationen und in EU-Institutionen.
Die Verwendung beider Definitionen – oft sogar im gleichen Text – verwirrt unnöti-
gerweise die wissenschaftliche und politische Debatte. Um ein Beispiel zu nennen: Sogar
die Verhandlungen für die »UN Convention against Transnational Organized Crime«
wurden durch dieses Definitionsproblem nachhaltig belastet. Bis Anfang 1999 war es nicht
möglich, eine alle Parteien befriedigende Definition von organized crime zu finden
(United Nations 1998).

7. Die Debatte in Deutschland


Auch in Deutschland sowie in allen mitteleuropäischen Ländern, die über keine genuine
Mafia-Erfahrungen verfügen, schwankt man zwischen den beiden erwähnten Auffassun-
gen von organisierter Kriminalität.
Einerseits berichten die Medien immer wieder über verschiedenste Mafia-Typen und
betrachten sie als gefährliche, hochorganisierte kriminelle Vereinigungen (Lindlau 1988;
Roth & Frey [1992] 1995).
Andererseits beziehen sich deutsche Wissenschaftler eindeutig auf die zweite Defini-
tion von organisierter Kriminalität: organized crime als enterprise crime. Seit dem Bericht
von Hans-Jürgen Kerner (»Professionelles und Organisiertes Verbrechen« 1973) kamen
die meisten empirischen Studien zu dem Ergebnis, daß Netzstrukturen die typischen
Merkmale der organisierten Kriminalität in Deutschland seien. Obwohl einige Studien
auch von festen ausländischen Gruppierungen sprechen, liege das Schwergewicht eindeu-
tig bei den lockeren Straftäterverflechtungen (Rebscher & Vahlenkamp 1988; Dörmann
u.a. 1990; Weschke & Heine-Heiß 1990; z.T. anderer Auffassung Sieber & Bögel 1993).
Die Strafverfolgungsbehörden schwanken zwischen diesen zwei Definitionen. Im
strafrechtlichen Diskurs wird organisierte Kriminalität klar mit dem Straftatbestand der
»kriminellen Vereinigung« identifiziert (§ 129 StGB). Die Bande, die einen qualifizierten
Tatbestand oder erschwerende Umstände für mehrere Delikte darstellt, soll nur eine Vor-
stufe zur organisierten Kriminalität sein, weil ihr Bedrohungs- und Organisationsgrad im
Vergleich wesentlich niedriger ist. Der Begriff der Bande wird in der Tat sehr locker ver-
wendet, und nach der gültigen Rechtsprechung sind bereits zwei Personen eine Bande,
Paoli, Die italienische Mafia 12

falls sie sich zusammentun, um eine unbestimmte Zahl von Verbrechen zu begehen
(Schönke & Schröder 1997, 1738; Pütter 1998).
Der Straftatbestand »kriminelle Vereinigung« wird aber in der Praxis kaum benutzt,
zum einen wegen der geringen Strafandrohung, zum anderen wegen der schwierigen
Nachweisbarkeit, sofern es sich nicht um terroristische Gruppen handelt. Zumindest in
den letzten 10 Jahren wurde er selten angewandt. Laut Statistik wurden wegen dieses
Straftatbestandes zwischen 1987 und 1996 62 Personen abgeurteilt und 42 verurteilt
(Strafverfolgungsstatistiken 1987-1996). Obwohl es keine eindeutigen Erkenntnisse gibt,
schätzt man, daß die meisten Angeklagten Mitglieder der PKK gewesen sind.
Andererseits sieht die von Polizei und Justiz seit 1990 benutzte halb-offizielle Defini-
tion keine feste Organisation als Charakteristikum vor und ist stark beeinflußt von der
nordamerikanischen »illegal enterprise«-Theorie. Die Definition der sog. »Gemeinsamen
Richtlinien«4 aus dem Jahr 1990 stellt nicht nur auf die großen kriminellen Organisationen
ab und verlangt lediglich »mehr als zwei Beteiligte auf längere oder unbestimmte Dauer«.
Sie betont die Gewinnerzielung als primäres Ziel organisierter Kriminalität und spricht
von »der von Gewinn oder Machtstreben bestimmten planmäßigen Begehung von Straf-
taten«. Ferner sieht diese Definition das Vorliegen »gewerblicher oder geschäftsähnlicher
Strukturen« als eine von drei alternativen Zusatzvoraussetzungen vor (BKA 1997).
Diesen Einfluß des »illegal enterprise«-Paradigmas auf die deutsche Auffassung der or-
ganisierten Kriminalität bestätigen auch Strafverfolgungsbeamte. So erklärte der Frank-
furter Staatsanwalt Peter Korneck in einem Interview mit dem Journalisten Werner Raith:
»Experten ... gehen davon aus, daß es sich [bei organisiertem Verbrechen] um die Tä-
tigkeit von Personen handelt, die mit vorausgreifender Planung arbeitsteilig und dauerhaft
in Gewinnerzielungsabsicht schwere Straftaten begehen. Wenn Sie aus dieser Definition
das Merkmal der ‚ schweren Straftaten’ weglassen, kommen Sie zu einer Beschreibung der
Tätigkeit, die in Deutschland und in der ganzen westlichen Welt als unternehmerische
Tätigkeit beschrieben wird« (Raith 1989, 267).
Das bedeutet, daß man diese Definition von organisierter Kriminalität nicht nur auf die
Mitglieder von dauerhaften kriminellen Organisationen im strikten Sinn des Wortes
anwenden kann, sondern auch auf solche relativ kleinen und losen Partnerschaften und
Teams, die zum Zweck profitorientierter Verbrechen entstehen. Das belegen die Daten,
die das BKA seit 1991 jährlich über die entsprechenden Ermittlungsverfahren in allen
Bundesländern sammelt. In 56 % aller zwischen 1991 und 1997 liegenden Untersuchun-
gen sind weniger als 10 Verdächtigte verwickelt. In 38 % liegt die Zahl zwischen 11 und
49. Lediglich in 6 % der Ermittlungsverfahren sind mehr als 50 Verdächtigte involviert
(Paoli 1999 b).

8. Paradigma oder Spezialfall? Abschließende Überlegungen


Sind die süditalienischen Mafia-Organisationen ein Paradigma oder ein Spezialfall der or-
ganisierten Kriminalität? Die sizilianische Cosa Nostra und die kalabresische ‘Ndrangheta
entsprechen eher der ersten Auffassung (organized crime verstanden als eine Reihe krimi-
neller Vereinigungen) als der zweiten (organized crime verstanden als illegale unternehme-
rische Aktivitäten).
Sie erfüllen alle Kriterien von Peter Reuters Definition, aber sie sind nicht identisch mit
dem Bild der organisierten Kriminalität, wie es die »alien conspiracy«-Theorie zeichnet.

4 »Gemeinsame Richtlinien der Justizminister/-senatoren und der Innenminister/-senatoren der


Länder über die Zusammenarbeit von Staatsanwaltschaft und Polizei bei der Verfolgung der Orga-
nisierten Kriminalität«.
Paoli, Die italienische Mafia 13

Weder Cosa Nostra noch ‘Ndrangheta sind moderne, hierarchische und »rational ge-
plante« Bürokratien à la Max Weber. Sie sind statt dessen ziemlich dezentralisierte Ge-
bilde, sozusagen das Produkt einer jahrzehntelangen, sozialen und kulturellen Entwick-
lung und haben im Laufe ihrer Existenz verschiedene Funktionen ausgeübt.
Selbst die zweite Voraussetzung der »alien conspiracy«-Theorie wird nicht erfüllt, der-
zufolge die amerikanische Mafia die lukrativsten illegalen Märkte in den Vereinigten
Staaten kontrolliert. Auch gibt es keinen Grund anzunehmen, daß Cosa Nostra und
‘Ndrangheta jemals die illegalen Märkte in Italien monopolisiert haben, auch nicht den
Drogenmarkt. Lediglich in ihren Hochburgen – den Provinzen Reggio Calabria und
Palermo – kontrollieren beide die wichtigsten illegalen Märkte (mit Ausnahme der Pro-
stitution). Und in Kalabrien monopolisierten Mafia-Familien einige Märkte für legale Wa-
ren wie beispielsweise die Fleisch- und die Automärkte in Reggio Calabria (PrRC 1995,
6318–6405; TrRC 1994 a, 124–126; Paoli 1997, 288–296). Aber nicht einmal in ihren Hei-
matregionen ist die Vorherrschaft der Cosa Nostra- und ‘Ndrangheta-Familien unange-
fochten. In Süd- und Ostsizilien sowie in Nord-Kalabrien müssen sich beide Mafia-Ver-
einigungen dem harten Wettbewerb zahlreicher anderer illegaler Konkurrenten stellen,
von denen einige bereits unter Beweis gestellt haben, daß sie gefährliche und hartnäckige
Rivalen sind: so die »Stidda« in den Provinzen Agrigento, Trapani und Ragusa und krimi-
nelle Gangs in den Provinzen Catania und Siracusa (TrPA 1993 a; Ministero dell’Interno
1994, 202–211; 1995, 37–39; PrCT 1993).
Cosa Nostra und ‘Ndrangheta stellen sozusagen eine entmythologisierte Version der
Definition von organisierter Kriminalität dar, die seit den fünfziger Jahren von den US-
Behörden in Zusammenarbeit mit Sozialwissenschaften und Massenmedien entwickelt
wurde.
Wenn man aber unter organisierter Kriminalität eine Reihe von illegalen Unterneh-
mungen wirtschaftlicher Art versteht, so können die zwei größten süditalienischen Mafia-
Organisationen nicht als ein Paradigma gesehen werden. Dies ist festzuhalten. Erst seit
etwa 15 Jahren versteht man Mafia-Gruppen und ihre Mitglieder im Sinne von Wirt-
schaftsunternehmen. Seither rückten die von den Mafiosi ausgeführten legalen und illega-
len ökonomischen Aktivitäten in den Brennpunkt der meisten wissenschaftlichen Analy-
sen (Arlacchi 1983; Centorrino 1986; Santino 1986; Pizzorno 1987; Catanzaro 1988;
Santino & La Fiura 1990). Es gibt in der Tat keine Zweifel mehr, daß die Mitglieder der
Cosa Nostra und ‘Ndrangheta heute in eine Vielzahl illegaler Geschäfte verwickelt sind.
Trotzdem ist es falsch, wenn man sie nur als Firmen sieht und ihre Bedeutung und Ge-
fährlichkeit auf die illegalen Märkte reduziert. Cosa Nostra und ‘Ndrangheta sind multi-
funktionale Organisationen, und im Laufe ihrer Geschichte haben sie neben ihren Ge-
schäften mit illegalen Waren viele andere Aktivitäten getätigt.
Cosa Nostra und ‘Ndrangheta stellen keinesfalls ein allgemeingültiges Modell für Ak-
teure in den illegalen Märkten dar. In Deutschland hört man von Strafverfolgern häufig
das Argument: »Organisierte Kriminalität, die auffällt, ist schlecht organisierte Krimina-
lität«. Das impliziert, daß große hierarchische Organisationen Produktion und Vertrieb
illegaler Waren regeln. Das stimmt nicht unbedingt mit der Wirklichkeit überein. Wenn
man den Ausdruck »organisierte Kriminalität« benutzt, um auf illegale Märkte und ihre
Akteure hinzuweisen, dann sollten keine Zweifel bestehen: In diesen Märkten gibt es
keine Tendenz hin zu großen kriminellen Unternehmen. Um noch einmal Peter Reuter zu
zitieren: Vieles, was im illegalen Markt geschieht, sei »disorganized crime« (1983; 1985).
Oder besser gesagt, es ist in dem Sinne organisiert, daß es geplant ist, und daß die Aufga-
ben unter verschiedenen Personen verteilt sind. Aber es gibt kaum große »Firmen«, die
Paoli, Die italienische Mafia 14

mit illegalen Gütern und Dienstleistungen Geschäfte machen und mit entsprechenden
Firmen auf dem legalen Markt verglichen werden können. Genau genommen ist es der
illegale Status der Produkte, der die Produktion und den Vertrieb dieser Waren stark
nachteilig beeinflußt und der bis jetzt verhindert hat, daß sich große kriminelle Unter-
nehmen dauerhaft konsolidieren konnten.
Wie mehrere Studien in verschiedenen Teilen der Welt zeigen, werden städtische ille-
gale Märkte normalerweise von zahlreichen relativ kleinen und oft nur kurzlebigen Un-
ternehmen bevölkert. Bei einigen handelt es sich um Gruppen, welche um einen (charis-
matischen) Anführer entstanden sind, ein gewisses Maß an Stabilität erreichten und rudi-
mentäre Formen von Arbeitsteilung entwickelten. Allerdings läßt sich die Mehrheit dieser
Unternehmen besser als Crews beschreiben: lose Verbindungen zwischen Menschen, die
sich bilden, zerbrechen und wieder entstehen, wenn sich erneut eine Gelegenheit dazu er-
gibt. In diesen Crews sind die Aufgaben und Positionen gewöhnlich austauschbar, und
Exklusivität ist nicht notwendig. Tatsächlich sind manche Crew-Mitglieder in mehreren
kriminellen Unternehmen engagiert5.
Für außenstehende Betrachter erscheinen illegale Unternehmen oft als ein Netzwerk.
So sind es Ketten aus Einzelpersonen, Crews und kleinen Gruppen, die illegale Produkte
von einem Land in das andere bringen. Der Netzwerkbegriff ist durchaus nützlich, um das
Verteilungssystem illegaler Waren zu beschreiben. Jedoch sollten die Stärke und der
Zusammenhalt der meisten illegalen Netzwerke nicht überbewertet werden. Obwohl zwi-
schen den einzelnen Mitgliedern eines Netzwerkes auch Langzeitbeziehungen entstehen
können, sind die meisten doch sehr eng begrenzte Käufer-Verkäufer-Beziehungen, die
weder exklusiv noch zentral organisiert sind (Paoli 1999 c).
Im Gegensatz zu den illegalen Unternehmen sind Cosa Nostra und ‘Ndrangheta nicht
das Ergebnis der Dynamik der modernen illegalen Märkte. Wie schon gezeigt wurde, ging
ihre Entstehung den zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich entwickelnden Märkten voraus.
Beide Vereinigungen sind beim Handel mit illegalen Produkten deren charakteristi-
schen Zwängen und Nachteilen unterworfen. Weder Cosa Nostra noch ‘Ndrangheta ope-
rieren als eine geschlossene, hierarchisch strukturierte Organisation bei der Planung und
Durchführung ihrer Geschäfte. Jede ihrer vielen Mafia-Familien ist vollkommen unab-
hängig und selbst deren höherrangige Mitglieder dürfen eigene illegale Aktivitäten aus-
führen. Und alle Mafiosi ungeachtet ihres Ranges sind im legalen Sektor der Wirtschaft
vollkommen autonom (Paoli 1997, 306–330). Daher ist es völlig verfehlt, die Entschei-
dungsgremien der Mafia mit den Verwaltungs- oder Aufsichtsräten großer Firmen zu ver-
gleichen, oder gar anzunehmen, Cosa Nostra und ‘Ndrangheta funktionierten wie multi-
nationale Konzerne.
Abschließend läßt sich feststellen, daß Cosa Nostra und ‘Ndrangheta nur dann allge-
meingültige Paradigmen organisierter Kriminalität sind, wenn man darunter eine An-
sammlung krimineller Organisationen versteht. Wenn aber der Ausdruck »organisierte
Kriminalität« auf illegale Märkte und ihre Akteure bezogen wird, wäre es vollkommen
falsch, in der Cosa Nostra und der ‘Ndrangheta ein universelles Vorbild zu sehen. Sie sind
im Gegenteil Spezialfälle, das Produkt bestimmter historischer, sozialer und kultureller
Konditionen, welche nicht einfach wiederholt werden können. Die Annahme, daß alle
Akteure des illegalen Marktes wie die süditalienische Mafia organisiert sind oder in diese
Richtung tendieren, kann zu Schwierigkeiten bei der Analyse und Bekämpfung der orga-
nisierten Kriminalität führen. Das muß nicht der Fall sein.

5 Reuter 1983; 1985; Reuter & Haaga 1989; Adler [1988] 1993; Lewis 1994; Chin 1996; Rebscher &
Vahlenkamp 1988; Korf & Kort 1990; Fijnaut 1997; Becchi 1996; Arlacchi & Lewis 1990.
Paoli, Die italienische Mafia 15

Summary
The paper analyses the historical and current manifestations of the Italian mafia phenomenon in the
context of the on-going international debate about organized crime. In particular, after a brief
synthesis of the different conceptions of the mafia proposed from the mid-19th century, the article
focuses on the culture, structure, and action of the two largest and most stable Italian mafia
associations: the Sicilian Cosa Nostra and the Calabrian ‘Ndrangheta. Their contemporary
legitimation crisis and their reaction to the law enforcement efforts of the early 1990s are also
investigated.
Which is the position of the Italian mafia associations in the international debate about organized
crime? Can they be considered as a universally valid paradigm or are they a special case – if not an
exception – in the panorama of international crime? The paper argues that Cosa Nostra and
‘Ndrangheta represent a paradigm only if organized crime is understood as a set of criminal
organizations. If the expression is instead used to focus on illegal markets and their actors, there are
no reasons to regard Cosa Nostra and ‘Ndrangheta as an universal model. They are special cases, the
product of specific historical, social, and cultural conditions that cannot be easily replicated.

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rinvio a giudizio nei confronti di Abbate Giovanni + 706, novembre. – TrPA 1991, Ufficio del
Giudice per le Indagini Preliminari, Ordinanza di custodia cautelare in carcere nei confronti di Morici
Serafino + 4, 9 luglio. – TrPA 1993 a, Ufficio del Giudice per le Indagini Preliminari, Ordinanza di
custodia cautelare in carcere nei confronti di Puzzangaro Gaetano + 52, 8 marzo. – TrPA 1993 b,
Ufficio del Giudice per le Indagini Preliminari, Ordinanza di custodia cautelare in carcere nei
confronti di Riina Salvatore + 24, 18 maggio. – TrPA 1997, Ufficio del Giudice per le Indagini
Preliminari, Ordinanza di custodia cautelare in carcere nei confronti di Buscemi Antonino + 9, 2
ottobre. – TrRC (Tribunale di Reggio Calabria) 1994 a, Ufficio del Giudice per le Indagini
Preliminari, Ordinanza di custodia cautelare in carcere nei confronti di Labate Pietro + 17, 7 gennaio.
– United Nations, Ad Hoc Committee on the Elaboration of a Convention against Transnational
Organized Crime 1998, Revised Draft United Nations Convention against Transnational Organized
Crime, A/AC.254/4, 15 December. – U.S. Senate 1951, Third Interim Report of the Special
st
Committee to Investigate Organized Crime in Interstate Commerce (Kefauver Committee), 81
nd
Congress, 2 session. – U.S. Senate 1957, Judiciary Committee, Investigations on Improper Activities
in the Labor or Management Field, Hearings. – U.S. Senate 1963, Committee on Government
Operations, Hearings of Joseph Valachi before the Permanent Subcommittee on Investigations of the
Committee on Government Operations. – Weber, M. [1921] 1972, Wirtschaft und Gesellschaft:
Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen: J.C.B. Mohr. – Weschke, E. & K. Heine-Heiß 1990,
Organisierte Kriminalität als Netzstrukturkriminalität, Berlin, FH für Verwaltung und Rechtspflege.
(Anschr. d. Verf.: Dr. Letizia Paoli, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales
Strafrecht, Günterstalstr. 73, 79100 Freiburg i.Br.)