Sie sind auf Seite 1von 6

medizin ı psychotherapie

Auf dem Prüfstand


Rund jedem zehnten Patienten geht es nach einer Psychotherapie schlechter als davor. ­
Die Psychotherapeuten Carsten Spitzer, Rainer Richter und Bernd Löwe vom Univer­sitäts-
klinikum Hamburg-Eppendorf sowie Harald Freyberger von der Universität Greifs-
wald informieren über Risiken und Nebenwirkungen der Behandlung seelischer Leiden.

Von Carsten Spitzer, Rainer Richter, Bernd Löwe und Harald Freyberger

32 G&G 7-8_2010


Cinetext
Au f ei n en B l ic k D ie panischen Angstzustände des Patienten
ließen trotz intensiver Behandlung nicht
nach. Er konnte nirgendwo hingehen, ohne sich
im klinischen Alltag als auch in der Psychothe-
rapieforschung kaum eine Rolle. Doch keine
Disziplin darf sich nur an ihren Erfolgen, son-
Riskante vorher zu vergewissern, dass ein Arzt in unmit- dern muss sich auch an ihren vergeblichen Be-
Behandlung telbarer Nähe war. Seit 30 Jahren suchte er re- mühungen messen lassen.
gelmäßig psychiatrische Kliniken auf. Dort kon- Unerwünschte und schädliche Wirkungen

1 Bei etwa jedem


zehnten Patienten
verschlimmern sich die
frontierten ihn die Therapeuten jedes Mal vor-
sichtig mit seiner Furcht vor Menschen: Er übte,
finden sich in allen Psychotherapierichtungen.
Sie reichen von Symptomverschlimmerungen
nach und nach wieder ins Dorf zu gehen, unter bis zu bleibenden negativen Veränderungen
Beschwerden nach der
Leute – eigentlich eine bewährte Methode. der Persönlichkeit (siehe Kasten S. 34). Daneben
Psychotherapie.
Die behandelnden Ärzte waren jedoch uner- kommt es zu indirekten Problemen, etwa wenn

2 Therapeuten unter-
schätzen die Zahl
ihrer Misserfolge; Psycho-
fahren und hatten kein durchdachtes Konzept.
Sie bemerkten nie, dass ihr Patient große Angst
vor seinem gewalttätigen Vater hatte. Das er-
ein Patient von Freunden oder Angehörigen
schief angesehen wird, weil er eine Therapie
macht. Abgesehen davon leiden Betroffene be-
therapieforscher küm- fuhr erst die Therapeutin Erica Brühlmann- sonders darunter, wenn körperliche und psy-
mern sich bislang zu Jecklin, als sie eines Tages vertretungsweise die chische Beschwerden zunehmen oder neue da-
selten um das Problem. Visite übernahm und den ihr unbekannten zukommen. Wer sich in Psychotherapie begibt,
Mann kurz nach seiner Geschichte fragte. »Bis sollte daher genauso vor Risiken und Neben­

3 Warum eine Therapie


scheitert, ist schwer
zu sagen. Wahrscheinlich
heute bin ich überzeugt davon, dass bei diesem
Patienten ein massiver Behandlungsfehler be-
wirkungen gewarnt werden wie vor den uner-
wünschten Effekten eines Medikaments. Doch
gangen wurde«, berichtet sie in dem Buch »The- während die Beschreibung von Nebenwirkun­
spielen nicht nur die
rapieschäden« (siehe Literaturtipp S. 37), in dem gen bis hin zu Häufigkeitsangaben in der Phar-
Probleme der Patienten
etliche ähnliche Fälle geschildert werden. mazie standardisiert ist, steht eine verbindliche
und die Fähigkeiten der
Heute besteht kein Zweifel mehr daran, dass Systematik für die Psychotherapie aus.
Therapeuten eine Rolle,
Psychotherapie vielen Menschen helfen kann.
sondern auch, wie gut
Demgegenüber ist nach wie vor unzureichend Eine Frage der Schule
beide zueinander passen.
geklärt, was sie wann bei wem und wie bewirkt. Die spärlichen Angaben zur Häufigkeit von Sym­
Sie hilft nicht immer – und schlimmstenfalls ptomverschlechterungen variieren erheblich,
kann sie sogar schaden. weil sie in den verschiedenen Therapieschulen
Psychotherapeuten selbst haben zu den unterschiedlich definiert und erfasst werden.
möglichen Misserfolge und Nebenwirkungen So reagieren Verhaltenstherapeuten alarmiert,
ihrer Behandlung ein zwiespältiges Verhältnis. wenn sich die Stimmung verschlechtert, wäh-
Einerseits geben sie an, dass nur bei einem ver- rend Analytiker dies unter Umständen als Teil
gleichsweise geringen Prozentsatz ihrer Patien­ des Heilungsprozesses betrachten. Letztere wer-
ten ungünstige Therapieverläufe vorkommen. den dafür bei Veränderungen der Persönlichkeit
Das fand Michael Märtens – damals an der Fach- hellhörig. Bei einer Gruppentherapie wiederum
hochschule Frankfurt am Main – in einer 2005 fallen neue Probleme im Umgang mit Mit-
publizierten Arbeit heraus. Andererseits weisen menschen eher auf als im Einzelgespräch.
Studien 20 bis 40 Prozent negative Effekte nach. Auch die Art, wie Psychotherapieforscher
Dies ergaben zum Beispiel Untersuchungen ­typischerweise vorgehen, macht es schwierig,
von Norman und Ann Macaskill. Sie befragten Misserfolge systematisch zu erheben. Meist
Psychotherapeuten nach den persönlichen Er- werden zwei oder mehr Patientengruppen mit
fahrungen, die sie bei Ausbildungstherapien ge- unterschiedlichen Verfahren behandelt und die
sammelt hatten. Zu den unerwünschten Fol- Ergebnisse miteinander verglichen. Das klassi­
gen zählten etwa Eheprobleme und depressive sche Beispiel ist die so genannte randomisierte
Episoden. klinische Studie, bei der Probanden mit einer
Dabei ist die Wahrnehmung vom Gelingen bestimmten Erkrankung zufällig der Interven-
Berufspessimist oder Misslingen sowie von Nebenwirkungen tions- oder der Kontrollgruppe zugewiesen wer-
»Natürlich mache ich auch eine ­einer Psychotherapie sicher abhängig von der den. Die Patienten in der Interventionsgruppe
Psychoanalyse, aber erst 15 jeweiligen Perspektive. Was ein Therapeut als erhalten das Psychotherapieverfahren der Wahl,
Jahre. Ich gebe meinem Analyti- Fortschritt auf dem Weg zur Genesung betrach- während die übrigen einer anderen Behandlung
ker noch ein Jahr, dann pilgere tet, mag in den Augen des Patienten eine Belas­ unterzogen werden. Beim Vergleich der beiden
ich nach Lourdes«, lästerte tung darstellen. Wohl auch deshalb spielt die Gruppen gehen jedoch die Einzelschicksale un-
Woody Allen in seinem Film Auseinandersetzung mit diesem Problem trotz ter, weil sich die individuellen Fälle beim statis­
»Der Stadtneurotiker« von 1977. der augenscheinlich großen Relevanz sowohl tischen Mitteln »verlieren«.

www.gehirn-und-geist.de  33
Bei vielen Psychothera­ So könnte es etwa sein, dass eine Behandlung kam die 1954 begonnene Langzeitstudie, weil sie
piestudien fallen die bei der Mehrheit der Patienten ganz hervorra- in der Menninger Clinic in Houston (Texas, USA)
gend wirkt, beim Rest jedoch überhaupt nicht. durchgeführt wurde. Zwar hat die Untersu-
Misserfolge unter den
Wird nun die Gruppe als Ganzes betrachtet, chung ihre methodischen Mängel, aber sie ging
Tisch. Denn die For­ zeigt sich im Durchschnitt ein gutes Behand- zum ersten Mal zwei zentrale Schwierigkeiten
scher blicken vor allem lungsergebnis, was im Einzelnen aber nicht un- der Nebenwirkungsforschung an: Um von den
auf den Durchschnitt bedingt zutrifft. Genau hier liegt das Problem subjektiven Beurteilungen der Patienten und
der Patienten bei der Beurteilung von Nebenwirkungen und Psychotherapeuten wegzukommen, schätzten
Symptomverschlechterungen. unabhängige Beurteiler die Behandlungseffekte
Einen Meilenstein der Psychotherapiefor- ein. Vor allem aber sahen sich die Forscher die
schung stellt die einflussreiche Menninger-Stu- Resultate der einzelnen Patienten an – und da
die dar, welche die Wirkung von klassischer Psy- herrschte nicht nur Grund zur Freude. Während
choanalyse mit der einer einfachen unterstüt- sich bei etwa 60 Prozent der behandelten Fälle
zenden Begleitung verglich. Zu ihrem Namen positive Effekte zeigten, wurden 27 Prozent der
Patienten in Psychoanalyse und 25 Prozent der
unterstützend Begleiteten in die Gruppe »Zu-
stand verschlechtert« eingeordnet. Mit anderen
Misserfolge, Nebenwirkungen, Schäden Worten: Bei einem Viertel der Patienten blieben
In Psychotherapien kann viel passieren, was nicht beabsichtigt war. Die The- heilsame Wirkungen nicht nur aus – die Be-
rapeuten Sven Olaf Hoffmann, Gerd Rudolf und Bernhard Strauß schlugen schwerden nahmen sogar zu!
2008 eine Sprachregelung vor, um die verschiedenen unerwünschten Wir- Auch neuere Forschungsarbeiten gingen der
kungen differenziert zu betrachten: Fra­ge nach, bei wie vielen Patienten sich die
• Misserfolge: Die ausgesprochenen oder unausgesprochenen Behandlungs- Symptome während einer Psychotherapie ver-
ziele werden nur schlecht oder gar nicht erreicht. schlimmern. Um das herauszufinden, befragen
• Nebenwirkungen: Es treten Effekte auf, die nicht erwünscht waren und für Ärzte ihre Probanden meist zu Beginn und am
die Patienten nachteilig sind. Ende der Behandlung mit Hilfe von standardi-
• Schäden: Die nachteiligen Auswirkungen der Therapie halten lange an und sierten Fragebögen. Mit dieser Methode zeigten
sind für die Patienten erheblich. Henning Schauenburg von der Universität Hei-
delberg und seine Mitarbeiter 1998, dass sich
Hoffmann und Kollegen erstellten auch eine Liste der wichtigsten Neben- bei etwa sechs Prozent der Patienten in ambu-
wirkungen: lanter Kurzpsychotherapie die Symptome so
• Verschlechterung oder Chronifizierung der vorhandenen Symptome stark verschlechtert hatten, dass dies nicht mehr
• Auftreten neuer Symptome durch zufällige Schwankungen erklärbar war.
• Auftreten von Suizidalität mit der Folge von Suizidversuchen oder Suizid Für psychoanalytisch orientierte Gruppen-
• Missbrauch der Behandlung durch den Patienten, ohne dass der Therapeut therapien in Kliniken berichteten die Arbeits-
dies verhindert. Ein Patient kann beispielsweise die Therapie benutzen, um gruppen um Susanne Davies-Osterkamp und
Konflikten aus dem Weg zu gehen und über seine Probleme nur zu reden Franziska Geiser 1996 beziehungsweise 2001
statt aktiv zu werden von einer Negativquote von 8,5 und 14 Prozent.
• Überforderung des Patienten durch irreale Ziele des Therapeuten Wir kamen 2008 in einer eigenen Studie zur sta-
• Abhängigkeit vom Behandelnden tionären Psychotherapie zu vergleichbaren Er-
• Vertrauensverlust des Patienten durch schwere Enttäuschungen in der gebnissen: 15 von 130 untersuchten Patienten
Therapie (11,5 Prozent) berichten zum Ende der Behand-
• bleibende nachteilige Persönlichkeitsveränderungen lung von signifikant mehr Beschwerden als zu
Beginn. Jeder Proband hatte sich bei der Aufnah-
Die Ursachen therapeutischer Fehlschläge lassen sich nach Hoffmann so ein- me selbst eingeschätzt und unterschiedliche
teilen: Symptome wie beispielsweise Depressivität
• Nebenwirkungen einer angemessenen Therapie (wobei im Einzelfall nur oder Angst auf einer Skala bewertet. Bei der Ent-
schwer feststellbar ist, ob wirklich die Behandlung an den neuen Proble- lassung füllten die Patienten den Fragebogen
men schuld ist) erneut aus. Wer sich bei »Depressivität« anfangs
• Patient und Therapeut harmonieren nicht eine »10« gegeben hatte und nun eine »2« an-
• Schäden durch unprofessionelle Durchführung der Therapie (im Prinzip kreuzte, hatte von der Behandlung profitiert.
justiziabel, aber schwer zu beweisen) Patienten, die jetzt die »18« wählten, litt mittler-
• unethisches Verhalten des Behandlers (in schweren Fällen sind Klagen aus- weile stärker unter der Depression.
sichtsreich) Diese Befunde werfen die Frage auf: Weshalb
erlebt etwa jeder zehnte Patient während seiner

34 G&G 9_2010


Psychotherapie zumindest subjektiv eine Zu-

DPA / EPA / Richard Avedon


nahme der Beschwerden? Schon Sigmund Freud
beobachtete, dass es zu einer »Verschlimme-
rung während der Kur« kommen kann. In »Das
Ich und das Es« von 1923 prägte er dafür den Be-
griff der »negativen therapeutischen Reaktion«.
Laut Freud gesteht sich ein Patient beispiels­
weise nicht ein, dass er Schuldgefühle hat, und
fühlt sich stattdessen krank. Wer aber die Ursa-
che seiner Probleme nicht sehen wolle, dem
könne die Psychoanalyse auch nicht helfen.
Symptomverschlechterungen während der
Therapie wären damit ausschließlich dem Pa­
tienten anzulasten und nicht etwa auf Fehler
des Therapeuten oder das Behandlungskonzept
zurückzuführen. Aber stimmt das? In Wirklich-
keit beeinflussen sowohl die Eigenarten und das
Verhalten des Patienten als auch des Therapeu­
ten das Behandlungsresultat.

Zwischenmenschliche Probleme
60 bis 70 Prozent der Unterschiede in den Be-
handlungsergebnissen lassen sich auf Patien-
tenmerkmale zurückführen, wie der Therapie­
forscher Bruce Wampold von der University of
Wisconsin 2001 in seiner umfassenden Analyse
gezeigt hat. Welche Merkmale genau das Risiko
einer Beschwerdezunahme erhöhen können,
untersuch­te der Mediziner David Mohr von der
Northwestern University in Chicago (USA) schon
1995 genauer. Als schlechtes Zeichen stellte sich
die so genannte Borderline-Per­sön­lich­keits­orga­­
nisa­tion heraus. Dieses Konzept wurde von dem Patienten entwickeln Folgebeschwerden, mögli- STERN MIT SCHATTEN
prominenten Psychoanalytiker Otto Kernberg cherweise weil sie auf wichtige Bestandteile der Mehrere Therapeuten konn-
entwickelt und deckt sich nicht ganz mit der Therapie nicht ansprechen. ten Marilyn Monroe offenbar
Borderline-Störung, wie sie die aktuellen Diag­ Ein weiterer Risikofaktor auf Seiten der Pa­ nur wenig helfen. 1962 starb
nosesysteme definieren. Nach Kernberg haben tienten ist die Vorstellung, dass Psychotherapie die Schauspielerin vermutlich
Betroffene die kindliche Unterteilung der Welt ein schmerzloses Verfahren sei. So schildert die durch Suizid.
in Gut und Böse nicht richtig überwunden, kön- amerikanische Verhaltenstherapeutin Edna Foa
nen schlecht mit Aggressivität umgehen und be­ von der Temple University in Philadelphia (USA)
sitzen auch kein sicheres Gefühl für ihr eigenes beispielsweise ungewöhnliche Probleme bei der
Selbst. Solche Patienten zeigen in traditionellen Behandlung eines Zwangspatienten. Der 29-jäh-
Therapien besonders ungünstigste Behandlungs­ rige Laborarzt wusch sich jedes Mal minuten-
verläufe, wenn sie zusätzlich auch noch große lang, wenn er mit etwas in Berührung kam, das
Probleme im Umgang mit anderen Menschen aus der Stadt stammte, in der er Medizin stu-
haben. Moderne Behandlungskonzepte wie die diert hatte. Damals war es in seinem Labor zu
dialektisch-behaviorale Therapie können dage- einem nicht weiter gefährlichen Zwischenfall
gen auch Borderline-Patienten gut helfen. mit radioaktivem Material gekommen. Danach
Das Zwischenmenschliche spielt überhaupt hatte der Arzt auf einmal Angst, Labortiere In einer klassischen
eine große Rolle für den Therapieerfolg – aller- könnten ihn mit einer gefährlichen Krankheit Studie ging es 27 Pro-
dings in beiden Richtungen: Patienten mit vie- anstecken. Eine Konfrontationstherapie schlug
zent der Patienten
len interpersonalen Problemen profitieren zwar an, aber eine neue Furcht entstand. Der Medizi-
stark von Psychotherapie. Doch sind auch Sym- ner ließ sich wiederholt behandeln – immer mit
nach einer Psycho­
ptomverschlechterungen in dieser Gruppe un- demselben Ergebnis: Nach schnellen Fortschrit- analyse schlechter als
gewöhnlich häufig. Insbesondere misstrauische ten bei der Bewältigung der alten Phobie ent- vorher


www.gehirn-und-geist.de 35
Freud Museum, London
Geschlecht noch Alter von denjenigen, die von
der Behandlung profitierten; auch bei Familien-
stand, Bildung, Ausbildungsgrad und aktueller
beruflicher Situation gab es keine relevanten
Abweichungen vom Durchschnitt. Klinische
Merkmale wie die zur Therapie führende Haupt-
diagnose oder weitere Nebendiagnosen standen
ebenfalls nicht in Zusammenhang mit der Be-
schwerdezunahme. Allerdings litten Patienten,
bei denen sich der psychische Zustand ver-
schlechterte, minimal häufiger unter einer Per-
sönlichkeitsstörung.
Wir untersuchten auch die Selbst- und Fremd-
wahrnehmung der Patienten sowie ihr Bin-
dungs- und Kommunikationsverhalten – keiner
der Faktoren hatte einen messbaren Einfluss da-
rauf, ob sich die Symptome während der Thera-
pie verstärkten. Dies hing auch nicht davon ab,
ob die Betroffenen vorher besonders schwere
Störungen oder außergewöhnlich viele Pro-
Der Wolfsmann stand bald eine neue. Wie sich hinterher heraus- bleme in ihren Beziehungen zu anderen hatten.
Sigmund Freuds Patient Sergei stellte, löste die Konfrontation mit den Zwangs- Es scheint daher kein signifikanter Zusammen-
Konstantinovitch Pankejeff, gedanken jedes Mal starke Schamgefühle bei hang zwischen einer Persönlichkeitsstörung
wurde von einem Traum dem Patienten aus. Um die tief gehende Aus­ und dem Auftreten von unerwünschten Effek-
geplagt, in dem er Wölfe auf einandersetzung mit der Angst zu vermeiden, ten zu bestehen.
einem Baum sitzen sah. Zur übertrug er seine Furcht unbewusst von einer Zusammengefasst bedeutet das: Keiner der
Therapie malte »der Wolfs- Vorstellung auf eine andere. zu Behandlungsbeginn erfassten Parameter auf
mann« seine Visionen, doch Die wenigen bekannten Risikofaktoren für Patientenseite gibt sicher Aufschluss darüber,
Freud konnte ihm nicht helfen. eine Therapie spiegeln sich nur bedingt in un- ob die Therapie gelingen wird. Wir glauben da-
Später versuchten Psycho­ serer eigenen Untersuchung wider: Wir konn- her nicht, dass Patientenmerkmale wie bei-
analytiker, diesen Misserfolg ten kaum Patienteneigenschaften herausarbei- spielsweise ein unbewusstes Strafbedürfnis für
zu vertuschen. ten, die mit einer Symptomverschlechterung einen ungünstigen Behandlungsausgang ver-
bei stationärer Psychotherapie in Zusammen- antwortlich sind.
hang standen. So unterschieden sich Betroffene, Vielmehr vermuten wir, dass problematische
die negative Effekte erlebten, weder hinsichtlich Aspekte auf Seiten des Therapeuten erheblich

Vielen geht’s besser, 4,0

einigen nicht
3,5
weder noch
Die Praxisstelle für Psychotherapie der Universi-
3,0
tät Bern analysierte das Behandlungsresultat von
Gesamtwert Therapieende

363 Patienten. Der Zustand jedes Patienten wird verschlechtert


2,5
durch einen Punkt symbolisiert. Je weiter rechts
dieser liegt, desto höher war die Symp­tom­ 2,0
verbessert
belastung vor der Therapie. Je weiter oben die
Markierung erscheint, desto stärker waren die 1,5
Beschwerden nach der Behandlung. Sind beide
Werte etwa gleich und liegen demnach auf der 1,0

Diagonalen, blieben die Symptome etwa gleich.


0,5
Allen Patienten, deren Punkte in die linke obere
klinisch bedeutsam verbessert
Diagrammhälfte fallen, ging es schlechter als
0,0
vorher, den anderen (zumindest etwas) besser. 00 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0

Gesamtwert Therapiebeginn
(Gehirn&Geist / Quelle: Lutz, W. et al.: Modelle und Konzepte zur empirischen Unterstützung der Evaluation des Psychotherapiebedarfs und der Therapieverlängerung. In: Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin 25(4), S. 503 – 527, 2004)

36 G&G 9_2010


zum Misslingen einer Psychotherapie beitra- schwierigsten Aufgaben des Therapeuten. Schei- Wenn Patienten keine
gen. Laut David Mohrs Analyse von Mitte der tern Patient und Behandelnder daran, kommt großen Mühen und
1990er Jahre sind ein Mangel an Empathie und es zu Therapieabbrüchen oder Symptomver-
Probleme in ihrer The-
ungünstige bewusste und unbewusste Reaktio­ schlechterungen.
nen des Therapeuten auf den Patienten beson- Bisher untersuchten nur wenige Forscher, ob
rapie erwarten, schei­
ders kritisch. Wenn Enttäuschung, Ärger, Feind- auch unvorhersehbare Wechselwirkungen zwi- tern sie offenbar eher
seligkeit oder Langeweile die Beziehung zwi- schen Therapie, medizinischen oder sozialen In-
schen Patient und Arzt bestimmen, entsteht terventionen und dem ganz normalen Leben
das, was in der Fachliteratur als »negativer the- des Patienten zu einem negativen Ergebnis bei-
rapeutischer Prozess« bezeichnet wird. Jeffrey tragen. Selbstverständlich können auch unlieb-
Binder und Hans Strupp, beide Psychothera- same Ereignisse, die außerhalb und vollkom-
peuten und Psychotherapieforscher, fassten men unabhängig von der Psychotherapie vor-
ihre Erfahrungen zu diesem Thema 1997 zu- kommen, ungünstig wirken. Interessanterweise
sammen. Sie kamen zu dem Schluss, dass der haben negative Erlebnisse, die während der The-
negative therapeutische Prozess deutlich häu- rapie auftreten, einen stärkeren Effekt auf das Quellen
figer vorkommt und vor allem schwerer zu Behandlungsergebnis als positive, wie Paul Pil- Binder, J. L., Strupp, H. H.: »Ne­
überwinden ist, als allgemein anerkannt wird. konis und seine Mitarbeiter von der University gative Process«: A Recurrent­
Er stellt also ein unterschätztes Problem dar! of Pittsburgh in Pennsylvania (USA) bereits 1984 ly Discovered and Underesti­
nachgewiesen haben. mated Facet of Therapeutic
Therapeut-Patienten-Verhältnis Schließlich ist auch denkbar, dass sich hinter Process and Outcome in the
Dass darüber hinaus unethisches und unpro- einer Beschwerdezunahme eine so genannte Individual Psychotherapy of
fessionelles Verhalten des Therapeuten das Leid spontane Verschlechterung verbirgt. Damit ist Adults. In: Clinical Psycholo­
des Patienten vergrößern kann – etwa in Form gemeint, dass der natürliche Verlauf der Krank- gy: Science and Practice 4,
von finanziellem oder sexuellem Missbrauch –, heit mit einer Verschlimmerung der Symptome S. 121– 139, 1997.
versteht sich von selbst. Damit eine therapeu- einhergeht. Über dieses Phänomen wissen wir Hoffmann, S. O. et al.: Uner­
tische Beziehung gelingt, müssen die Protago- jedoch noch viel zu wenig. wünschte und schädliche
nisten gut zueinander passen. Wie Mohr he- Was bedeuten die dargestellten Befunde für Wirkungen von Psychothera­
rausfand, profitieren misstrauische Patienten die Praxis? Etwa jedem zehnten Patienten geht pie. In: Psychotherapeut 53,
eher von distanzierten und weniger von warm- es nach seiner Psychotherapie schlechter als S. 4 – 16, 2008.
herzig-zugewandten Therapeuten. vorher – dieser Missstand muss klar als solcher Mohr, D. C.: Negative Out­
In diese Richtung weisen indirekt auch Be- benannt werden. Therapeuten und Forscher come in Psychotherapy: A Cri­
funde aus unserer Studie. Denn der Argwohn sollten sich intensiver und offensiver als bisher tical Review. In: Clinical Psy­
der Patienten kann von Traumatisierungen in mit dem Risiko auseinandersetzen. Menschen, chology: Science and Practice
der Kindheit und Jugend herrühren. Die betrof- die eine Psychotherapie erwägen, sollten sich 2, S. 1 – 27, 1995.
fenen Patienten verhalten sich in ihren Bezie- über mögliche Nebenwirkungen mit ihrem The- Spitzer, C., et al.: Symptom­
hungen oft widersprüchlich. Menschen, die er- rapeuten austauschen und ihre Sorgen und Be- verschlechterung während
fahren haben, dass Personen, die sie eigentlich denken artikulieren. stationärer Psychotherapie:
schützen und trösten sollten, sie auch jederzeit Die wichtigste Empfehlung bleibt jedoch, Wer ist betroffen? In: Psycho­
bedrohen, ängstigen und verletzen können, be- sorgfältig darauf zu achten, ob »die Chemie dynamische Psychotherapie
gegnen anderen natürlich mit großer Vorsicht. stimmt« – denn der größte Risikofaktor ist eine 7, S. 3 – 15, 2008.
Aber eben auch mit dem stark ausgeprägten problematische Beziehung zum Therapeuten.
Wunsch nach Unterstützung, Hilfe und Halt. Als Faustregel gilt: Wer in den ersten Sitzun- Weitere Literaturhinweise im
Unserer Studie zufolge ging es nach einer gen keinen guten Draht zum Behandelnden be- Internet: www.gehirn-und-
Psychotherapie tendenziell solchen Patienten kommt, sollte sich einen anderen suchen. Stel- geist.de/artikel/1039582
schlechter, die sexuell missbraucht oder emo­ len sich die Probleme jedoch später ein, sollten
tional stark vernachlässigt worden waren. Ein Patient und Therapeut erst einmal gemeinsam Literaturtipp
Grund dafür könnte sein, dass sie eher warm- nach Ursachen und Auswegen suchen. Ÿ Märtens, M., Petzold, H. (Hg.):
herzige Therapeuten hatten. Wenn Patienten Therapieschäden. Risiken
misstrauisch sind und sich zugleich nach Un- Carsten Spitzer ist Facharzt für Psychiatrie und und Nebenwirkungen von
terstützung sehnen, ergibt dies eine »explo- Psychotherapie, Rainer Richter ist Psychologe und Psychotherapie. Matthias-
sive« Mischung für die Gestaltung von Bezie- Psychoanalytiker und Bernd Löwe ist Facharzt für Grünewald, Mainz 2002.
hungen. Sie kann zu einer erheblichen Belas­ Innere sowie Psychotherapeutische Medizin. Sie Eine Orientierungshilfe für
tungsprobe für die therapeutische Arbeit arbeiten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppen- Patienten, Psychothera-
werden. Dies zu erkennen und aus dem Weg zu dorf. Harald Freyberger ist lehrt Psychiatrie und peuten und Krankenkassen
räumen, ist eine der wichtigsten, aber auch Psychotherapie an der Universität Greifswald.


www.gehirn-und-geist.de 37