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Originalarbeit 31

Konstruktion eines Fragebogens zu körperlichen


Aspekten von Abgrenzung, Scham und Ausdruck
(FK-ASA)
Development of a Questionnaire to Assess Body Dissatisfaction and Shame,
Body Boundary and Body Expression

Autoren Felicitas Michels-Lucht, Michael Lucht, Carsten Spitzer, Harald J. Freyberger

Institut Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald
im HANSE-Klinikum Stralsund

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Key words Zusammenfassung Abstract
䉴 body questionnaire
䊉 & &
䉴 body image
䊉 In der Studie wird ein neuer Fragebogen zur Er- A new questionnaire to assess body dissatisfac-
䉴 shame

fassung von Unzufriedenheit mit dem Körper tion and shame, body boundary and body ex-
䉴 body expression

䉴 psychoticism
sowie assoziierten Schamgefühlen, dem Erleben pression is presented. Scales Boundary and body

der körperlichen Abgrenzung und von Körper- psychoticism, body expression and body dissatis-
ausdruck vorgestellt. Für den neuen Fragebogen faction and shame were developed deductively.
wurden die Skalen Abgrenzung und Körperpsy- The first version was given to a sample of 134
chotizismus (AKP), Körperausdruck (KAD) und nurse students and 512 psychotherapeutic in-
Körperunzufriedenheit und Scham (KUS) zunächst patients. An item and factor analysis was con-
deduktiv konstruiert. Die ursprüngliche Fragebo- ducted in the total sample. A 3-factor solution
genversion erhielten 134 Krankenpflegeschüler was found in a confirmatory factorial analysis
und 512 stationäre Psychotherapiepatienten. Es (39 % variance explained). The final version of
erfolgte eine Item- und Faktorenanalyse an der the questionnaire consists of 46 items. The sca-
Gesamtstichprobe. Die konfirmatorische Fakto- les showed a satisfactory or good reliability and
renanalyse ergab eine 3-Faktorenlösung (39 % validity. To test criterion validity SCL-90-R and
Varianzaufklärung). Die Endversion des Frage- the body image questionnaire (FKB-20) were
bogens besteht aus 46 Items. Die Skalen wiesen used. All SCL-90-R subscales were highly cor-
zufriedenstellende bis gute Reliabilitäts- und Va- related with body dissatisfaction and shame
liditätswerte auf. Zur Prüfung der Kriteriumsva- (KUS) (r > 0.5). Body boundary and psychoticism
lidität wurden die Symptomcheckliste SCL-90-R scale (AKP) was correlated with SCL-90-R scales
sowie der Fragebogen zum Körperbild (FKB-20) psychoticism (r = 0.56), interpersonal sensitivity
verwendet. Hierbei zeigten sich hohe signifi- (r = .55) and anxiety (r = 0.51). Body dissatisfac-
eingereicht 20. Nov. 2007
akzeptiert 13. Okt. 2008
kante Zusammenhänge (r > 0,50) zwischen der tion and shame scale (KUS) was also correlated
Skala Körperunzufriedenheit und Scham (KUS) (r = 0.77) with scale rejection of the body of FKB-
Bibliografie und allen SCL-90-R Subskalen. Die Skala Abgren- 20. First results of the Questionnaire of physical
DOI 10.1055/s-0028-1103268 zung und Körperpsychotizismus (AKP) korrelierte aspects of boundary, shame and expression (FK-
Online-Publikation: 5.3.2009 mit den SCL-90-R Subskalen Psychotizismus ASA) suggest that the scales describe the postu-
Psychother Psych Med 2010; (r = 0,56), Unsicherheit im Sozialkontakt (r = 0,55) lated aspects of body image.
60: 31–38 und Ängstlichkeit (r = 0,51). Die Skala Körperun-
© Georg Thieme Verlag KG
zufriedenheit und Scham (KUS) korrelierte mit
Stuttgart · New York
ISSN 0937-2032
r = 0,77 mit der Skala „Ablehnende Körperbewer-
tung“ des Fragebogens zum Körperbild (FKB-20).
Korrespondenzadresse Die ersten Ergebnisse des Fragebogens zu kör-
Dr. Felicitas Michels-Lucht perlichen Aspekten von Abgrenzung, Scham und
Klinik und Poliklinik für Ausdruck (FK-ASA) deuten darauf hin, dass die
Psychiatrie und Psychotherapie Skalen die postulierten Aspekte des Körperbildes
der Ernst Moritz Arndt
abbilden.
Universität Greifswald
im HANSE-Klinikum Stralsund
Rostocker Chaussee 70
Haus 30
18437 Stralsund
michels@uni-greifswald.de

Michels-Lucht F et al. Konstruktion eines Fragebogens zu körperlichen Aspekten … Psychother Psych Med 2010; 60: 31–38
32 Originalarbeit

Einleitung Körperbildes“, die ihrerseits Selbstkonzeptkomponenten, Kör-


& perkonzepte oder Einstellungen zum eigenen Körper darstellen
Das subjektive Körpererleben ist bei zahlreichen psychischen [15].
Störungen verändert, z. B. bei somatoformen Störungen, Ess-Stö- Im deutschsprachigen Raum werden zurzeit eine Reihe gut vali-
rungen, körperdysmorphen Störungen und Schizophrenien dierter Körperfragebögen verwendet. Diese Fragebögen erfassen
[1, 2]. Körpererleben ist vielgestaltig, flüchtig und ständigen Ver- mehrdimensional unterschiedliche Bereiche der o. g. Konstrukte.
änderungen unterworfen und somit schwer zu erfassen. Der Der Fragebogen zur Beurteilung des eigenen Körperbildes (FBeK)
Forschungsbereich Körpererleben ist außerdem durch eine Viel- von Strauß et al. umfasst insgesamt in der revidierten Fassung 4
zahl zum Teil unklar definierter und abgegrenzter Begriffe ge- Skalen [9], die sich hauptsächlich mit dem Konstrukt der Kör-
kennzeichnet. Wiedemann spricht in diesem Zusammenhang perzufriedenheit beschäftigen. Eingesetzt wird der Fragebogen
von einer „babylonischen Sprach- und Denkverwirrung“ [3], bei Jugendlichen und Erwachsenen im klinisch-psychosoma-
was die Notwendigkeit einer Präzisierung der verwendeten tischen Bereich, in der Verlaufsdiagnostik sowie in der Differen-
Konstrukte verdeutlicht. ziellen- und der Sportpsychologie, weiterhin in sexualwissen-
Röhricht et al. [4] wiesen in einem „Konsensuspapier zur termi- schaftlichen Fragestellungen. Der Fragebogen zum Körperbild
nologischen Abgrenzung von Teilaspekten des Körpererlebens in (FKB-20) von Clement und Löwe erfasst Körperbildstörungen
Forschung und Praxis“ ebenfalls auf die Heterogenität des Be- auf den Skalen „ablehnende Körperbewertung“ und „vitale Kör-
griffs Körperbild im deutschen und im angloamerikanischen perdynamik“ [16]. Der Fragebogen soll der Diagnosestellung ei-

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Sprachraum hin. Körpererleben wird hier definiert als ein „Kon- ner Körperbildstörung ab dem 16. Lebensjahr dienen sowie sub-
tinuum zwischen einem somatischen und einem mentalen Pol“. jektive Aspekte des Körperbildes erfassen. Die Frankfurter Kör-
Die Autoren unterscheiden perzeptive (Körperschema und perkonzeptskalen (FKKS) von Deusinger sollen auf 9 Skalen
Körper-Perzepte), emotional affektive (Körper-Kathexis) und kog- Körperkonzepte einschätzen [17]. Es sollen individuelle Einstel-
nitiv-evaluative (Körperbild) Teilaspekte unter einem Oberbe- lungen zum eigenen Körper im Sinne von Kognitionen, Emo-
griff „Körpererleben”. Diese Begriffe werden als operationali- tionen und Verhalten dem Körper gegenüber erfasst werden.
sierbare „kompromisshafte“ Annäherung an eine Ganzkörper-/ Der Fragebogen ist ab dem 12. Lebensjahr bis ins hohe Erwach-
Leiberfahrung verstanden. Abgegrenzt hiervon wird der Bereich senenalter einsetzbar. Der Fragebogen soll für Forschung und
Körperbewusstheit als eigener Bereich „reflektierter Körperer- Praxis angewendet werden. Er soll mögliche Veränderungen in
fahrung“ verstanden [4]. Ähnlich definiert Fisher Körperbe- den einzelnen Körperkonzepten messen, die laut Theorie mit
wusstsein als die Ausprägung, in der sich ein Mensch seines Kör- psychischen Veränderungen einhergehen können.
pers bewusst ist, bzw. inwieweit er seine Körperteile differen- Diese Fragebögen bilden allerdings einige Dimensionen des Kör-
ziert wahrnimmt [5]. pererlebens nicht oder nicht vollständig ab. In der vorliegenden
Cash definierte Körperbild weiter als mehrdimensionales Kon- Arbeit soll ein Körperfragebogen vorgestellt werden, der zusätz-
strukt, das „jemandes körperbezogene Selbstwahrnehmungen lich zum Aspekt der Körperzufriedenheit weitere wichtige As-
und Einschätzungen, einschließlich Gedanken, Überzeugungen, pekte des Körperbildes erfassen soll, nämlich die Dimension
Gefühle und Verhaltens“ umfasst („one’s body-related self-per- Körperabgrenzung bis in den Bereich körperpsychotischen Erle-
ceptions and selfattitudes, including thoughts, beliefs, feelings, bens sowie den Körperausdruck. Die Notwendigkeit, einen neuen
and behaviours“) [6]. Fragebogen zu entwickeln, lag auch in der Idee, Körpertherapien
Im Rahmen der Konstruktion des hier vorliegenden Fragebogens besser evaluieren zu können.
soll vom Begriff Körperkonzept in seiner Bedeutung als erleb- Zur Evaluation der Therapie körperassoziierter psychotischer
bare körperliche Dimension des Selbstkonzeptes ausgegangen Zustände könnte eine entsprechende Skala von Nutzen sein.
werden [7], wobei die Begriffe ansonsten ähnlich wie bei Röhricht Körpertherapie zeigte sich wirksam in Hinblick auf die Negativ-
[4] verwendet werden. Das Körperkonzept kann – ähnlich wie symptomatik bei Schizophrenen in einer randomisierten kon-
bei Röhricht [4] das Körpererleben – in die Aspekte Körper- trollierten Studie [18]. Wir ließen uns auch durch Befunde lei-
schema und Körperbild unterteilt werden [8]. Körperschema ten, wonach insbesondere bei Körpertherapien wie z. B. der tie-
beschreibt die Repräsentanz der Teile und Grenzen des Körpers fenpsychologischen Tanztherapie, Veränderungen des Körper-
in der Wahrnehmung einer Person [9]. Der Begriff Körperbild ausdrucks mit dem Therapieerfolg assoziiert sind [19, 20]. Des-
kann weiter in die Aspekte Körperbewusstsein, Körperausgren- halb fand auf einer eigenen Skala der Körperausdruck, d. h. die
zung, sowie Körperkathexis bzw. -zufriedenheit (Letzteres ist Einschätzung der eigenen Bewegungsfreude und Dynamik, eine
bei Röhricht [4] Teil des Körpererlebens) untergliedert werden besondere Berücksichtigung.
[10]. Die beiden Skalen Körperabgrenzung und Psychotizismus und
Körperzufriedenheit meint im Wesentlichen die subjektive Zu- Körperausdruck sind in dieser Zusammensetzung in anderen
friedenheit mit dem Körper bzw. mit einzelnen Körperteilen Fragebögen nicht enthalten. Eine dritte Skala soll die subjektiv
[11]. Cash und Henry konnten eine Zunahme der Prävalenz von erlebte Körperunzufriedenheit erfassen, hier unter besonderer
Personen mit Körperunzufriedenheit über die Zeit feststellen Berücksichtigung körperassoziierter Schamgefühle. Schamge-
[12]. Verwandte Begriffe sind Wertschätzung oder Akzeptanz fühle stellen auch zentrale körperbezogene und besonders
des eigenen Körpers. schwer aushaltbare Affekte mit einer hohen Therapieresistenz
Als weiterer für den hier vorgelegten Fragebogen wichtiger Be- dar [21]. Diese Skala deckt sich inhaltlich am ehesten mit der
griff beschreibt Körperausgrenzung das Ausmaß, in dem sich Skala ablehnende Körperbewertung im FKB 20 und der Skala
eine Person von seiner Umwelt abgegrenzt erlebt [13]. Dieses Selbstunsicherheit/Misstrauen des FBeK [9].
Erleben ist vor allem bei Menschen mit psychotischer Sympto-
matik verändert [14].
Die Messung von Körpererleben geschieht auf der Grundlage
„bewusstseinsfähiger und verbalisierbarer Komponenten des

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Material und Methode und vor allem das damit verbundene Gefühl Scham abbilden
& sollen, wie z. B.:
Stichprobenbeschreibung §„Das Zeigen meines Körpers fällt schwer“.
Mit dem unten näher spezifizierten Fragebogenset wurden ins- §„Es ist mir peinlich, sehen mich andere“.
gesamt 646 Probanden untersucht. Der Fragebogen wurde einer §„Ich bemühe mich um ein möglichst attraktives Aussehen
Patientenstichprobe (n = 512) und einer Stichprobe Krankenpfle- (z. B. durch Kleidung, Frisur und Kosmetik)“.
geschüler (n = 134) vorgelegt. Die Patientenstichprobe bestand Diese Skala definierte sich zunächst aus 41 Items.
aus 156 Männern und 304 Frauen mit einem Durchschnittsalter 3. Skala Abgrenzung und Körperpsychotizismus (AKP): In Anleh-
von 37 ± 11,8 Jahre (52 Probanden machten keine Angabe zu Al- nung an die Psychotizismus-Skala der SCL-90-R soll diese Ska-
ter und Geschlecht). Die Stichprobe der Krankenpflegeschüler la ein mildes Gefühl der Entfremdung vom eigenen Körper
setzte sich aus 16 Männern und 118 Frauen mit einem Alters- sowie ein Erleben der Körperbesorgnis bis hin zu psycho-
durchschnitt von 20 ± 4,9 Jahren zusammen. Die Patienten wur- tischem innerlich erlebtem körperlichen Zerfall abbilden
den auf einer Psychotherapiestation (vorwiegende ICD-Diagno- [14, 27]. Diese Skala soll aus dem Konstrukt der Körperaus-
sen affektive (F3) und Angststörungen (F4)) der Klinik und Poli- grenzung von Fischer abgeleitet werden [13]. Menschen, die
klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Greifs- ihre Körpergrenzen als gefährdet erleben, vermeiden häufig
wald im HANSE-Klinikum Stralsund rekrutiert. Ausschlusskrite- ein Gefühl der Nähe [28], was bedeutende Auswirkungen auf
rien waren die Diagnosen Bipolare Störung und Schizophrenie, interpersonelle Beziehungen hat [22].

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Intelligenzminderung und Demenz. Die zweite Stichprobe wur- Infolgedessen wurden folgende Items vorgeschlagen:
de an der Krankenpflegeschule des HANSE Klinikums Stralsund § „Ich habe Angst jemanden zu verletzen beim Anfassen“.
erhoben. Für diese Gruppe bestanden keine Ausschlusskriterien. § „Meine inneren Organe verändern sich, sterben ab“.
Die Befragung erfolgte anonym und freiwillig. § „Manchmal sehe ich mir von außen zu und denke fast: Wer
ist denn das?“.
Messinstrumente Diese Skala bestand zunächst aus 21 Items.
Itemgenerierung: Die Items des Fragebogens wurden zunächst Nach Entwicklung der Skalen erfolgte eine erste Validierung
von den Autoren gemäß der Körperbildtheorie (deduktive Item- durch klinisch und wissenschaftlich ausgewiesene Experten
konstruktion) entwickelt. Diese Itemsammlung wurde an Kör- (Psychologen, Körpertherapeuten, Psychiater), die die Items
pertherapeuten und klinische Experten (Psychiater, Psycholo- nochmals korrigierten und ergänzten. Zur Messung der Kriteri-
gen) versandt, mit der Bitte um Ergänzung und Korrektur. Dieser umsvalidität wurde der Fragebogen zum Körperbild (FKB-20)
erste Itempool bestand aus 84 Items, die inhaltlich 3 Skalen zu- eingesetzt [16]. Der FKB-20 wurde nur der Gruppe der Kranken-
geordnet wurden. Die Quantifizierung erfolgte auf 4-stufigen pflegeschüler vorgelegt. Die Patientenstichprobe wurde im Rah-
Liekert-Skalen (trifft nicht zu, trifft wenig zu, trifft ziemlich zu, men eines komplexen stationären Evaluationsprogrammes er-
trifft stark zu). Es soll das aktuell empfundene Körpererleben ab- hoben. Des weiteren wurde die Symptom-Checkliste SCL-90-R
gebildet werden. von Derogatis (SCL-90, 1977, deutsche Version) verwendet [27].
1. Skala Körperausdruck (KAD): Der Begriff Körperausdruck um- Der Selbstbeurteilungsfragebogen soll die psychische Symptom-
fasst zum einen statische Aspekte wie Haltung, Mimik, Gestik, belastung einer Person mit 9 Skalen und 3 globalen Kennwerten
aber auch die Bewegung im Raum wie Laufen, Gehen, Tanzen, erfassen.
Springen [22]. In körperorientierten Therapieverfahren
müssen solche Bewegungserfahrungen häufig reaktiviert bzw. Auswertung
neu eingeübt werden. Bewegungen sind zudem immer eng Der ursprüngliche Itempool von 84 Items wurde nach Über-
mit dem eigenen Selbstempfinden verbunden, was sich in der prüfung der Interkorrelation der Items zunächst einer Itemana-
Alltagssprache widerspiegelt, als „Beben vor Zorn“, „Springen lyse unterzogen. Anschließend wurden die Items auf ihre Taug-
vor Freude“ und „Zittern aus Angst“ [23]. lichkeit hin untersucht. Der Verbleib der Items erfolgte nach
Hierzu wurden folgende Items zusammengestellt, folgenden Kriterien: (1) Der Schwierigkeitsindex liegt innerhalb
§„Wenn ich froh bin, spiegelt sich dies in meinen Bewegungen der Grenzen von 0,05 bis 0,95, wie von Richter-Appelt vorge-
wider“. schlagen [29]. (2) Die Trennschärfekoeffizienten sind > 0,3 [30].
§„Tägliche Bewegung ist mir wichtig“. Zur Bestimmung der Reliabilität wurde die interne Konsistenz
§„Ich bewege mich gerne zu Musik“. (Cronbach’s α) sowie die Paralleltestreliabilität nach der Split-
Diese Skala setzte sich zunächst aus 22 Items zusammen. half Methode [31] heramgezogen. Die Kriteriumsvalidität wurde
2. Skala Körperunzufriedenheit und Scham (KUS): Die subjektive mit dem Spearman-Brown-Koeffizienten für nonparametrische
Körperzufriedenheit bzw. Unzufriedenheit als wahrgenom- Verfahren bestimmt. Zur Berechnung der Konstruktvalidität
mene Diskrepanz zwischen dem Selbstbild eines Menschen wurde der Fragebogen einer Faktorenanalyse unterzogen. Es
und seinem Idealbild [24] beeinflusst das Körperbild eines zeigten sich sowohl in den orthogonalen als auch in den obli-
Menschen stark. Lokken et al. fanden in ihrer Studie eine sig- quen Rotationen der Faktorenanalyse stabile Faktoren, sodass
nifikant erhöhte Ideal- und Realkörperbilddiskrepanz bei wir uns im Sinne einer besseren Interpretierbarkeit für die or-
Frauen im Vergleich zu Männern [25]. Pöhlmann und Jorasch- thogonale Rotation entschieden [32]. Nach Item- und Faktoren-
ky erklären dies mit zunehmender Diskrepanz zwischen re- analyse wurden aus den verbleibenden 46 Items für jede Skala
aler Größen- und Gewichtszunahme und den durch die Medi- Summenscores gebildet.
en präsentierten Idealen bei Frauen. Neuere Befunde zeigen, Die Daten wurden mittels des Kolmogorov-Smirnov-Tests auf
dass auch zunehmend Männer betroffen sind [26]. Zur Erfas- Normalverteilung untersucht. Mittelwertunterschiede der nicht
sung des Grades der Körperunzufriedenheit wurden Items normalverteilten Daten wurden mit dem Wilcoxon-Test für non-
formuliert, die das eigene körperliche Aussehen einschätzen parametrische Verteilungen überprüft. Korrelationsanalysen
wurden mit der Methode nach Spearman-Brown berechnet.

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Mittels einer MANOVA wurden rein explorativ mögliche Effekte einem α von 0,61 eine niedrigere innere Konsistenz in der Grup-
des Alters und Geschlechts auf die drei Skalen des FK-ASA (ab- pe der Krankenpflegeschüler auf.
hängige Variablen) überprüft. Wegen der Interkorrelation der Die Split-half Reliabilität lag mit r = 0,82 in der Gesamtstichpro-
abhängigen Variablen wurde eine MANOVA verwendet. Alle Be- be in einer nach Fisseni wünschenswerten Höhe [31], wobei sich
rechnungen erfolgten mit dem Statistikpaket SPSS Version 11.5. für die Patientengruppe ein Wert von r = 0,84 bestimmen ließ.
Die Split-half Reliabilität fiel in der Gruppe der Pflegeschüler mit
r = 0,75 etwas niedriger aus.
Ergebnisse Die Konstruktvalidität wurde zum einen mittels einer Faktoren-
& analyse berechnet, zum anderen rein explorativ mit einer Analy-
Itemanalyse se von Alterseffekten und Geschlechtsunterschieden.
Alle Items konnten nach der Iteminterkorrelation zunächst im Fra- Einzig die Faktorenanalyse wurde nur an der Gesamtstichprobe
gebogen verbleiben, da die Interkorrelationen < 0,9 lagen. 23 Items durchgeführt, da laut Bühner [32] erst ab einem n = 500 eine
mussten vor der Itemanalyse entsprechend der Ausrichtung der Faktorenanalyse sinnvoll durchgeführt werden kann.
Skala umgepolt werden. Die Schwierigkeitsindizes lagen im mittle- Die drei theoriegeleitet konstruierten Skalen wurden mittels ei-
ren Bereich zwischen 0,30 und 0,65. Zwei Items („Ich bin zu groß“; ner Faktorenanalyse empirisch belegt. Die drei extrahierten Fak-
„Körpergeruch empfinde ich als ekelhaft“) mussten wegen zu ho- toren klären 39 % der Varianz auf. Für die Bestimmung der Fak-
her Schwierigkeit entfernt werden. Der Trennschärfekoeffizient für toren wurden nur Items mit einem Eigenwert > 1 und einer La-

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die Skala Körperunzufriedenheit und Scham wies eine Höhe von dung > 0,40 akzeptiert. Items, die auf zwei Faktoren gleichzeitig
0,87 auf. Für die Skala Körperausdruck ergab sich ein Trennschärfe- luden, wurden inhaltlich dem Faktor mit der höchsten Ladung
koeffizient von 0,81, für die Skala Abgrenzung und Körperpsychoti- zugeordnet [32]. Dabei handelte es sich um 5 Items. („Ich fühle
zismus von 0,79. Aufgrund der Überprüfung von Schwierigkeit und mich lebendig“; „In manchen Situationen empfinde ich manche
Trennschärfe mussten 30 Items aus dem Fragebogen entfernt wer- Körperteile als störend“; „Es ist mir peinlich, wenn andere mich
den. sehen“; „Wenn ich mich bewege, könnten alle lachen“; „Ich fühle
Die Interkorrelationen (Spearman-Brown) der Skalen Abgren- mich wohl in meinem Körper“) (䊉䉴 Tab. 3).
zung und Körperpsychotizismus (AKP), Körperunzufriedenheit Nach Item- und Faktorenanalyse besteht die Skala Körperunzu-
und Scham (KUS) und Körperausdruck (KAD), berechnet nach friedenheit und Scham (KUS) aus 24 Items. 4 Items („Ich tue
Spearman-Brown, fielen niedrig aus ( ≤ 30; vgl. 䊉䉴 Tab. 1). Nur die gerne etwas für meinen Körper“; „Ich fühle mich lebendig“; „Ich
Skalen Abgrenzung und Körperpsychotizismus (AKP) und Körper- mag meinen Körper“; „Ich bemühe mich um ein möglichst at-
unzufriedenheit und Scham (KUS) zeigten eine hohe Korrelation traktives Aussehen“) müssen umgepolt werden. Die Skala Kör-
von r = 0,65. Dies deutet daraufhin, dass beide Skalen eine inhalt- perausdruck (KAD) wird durch 12 Items definiert und die Skala
liche Nähe aufweisen. Abgrenzung und Körperpsychotizismus (AKP) besteht aus 10
Die als Reliabilitätsmaß verwendete interne Konsistenz Items. Die beiden letztgenannten Skalen sind unipolar.
(Cronbach’s α) der drei Skalen ist als gut zu bewerten (Cronbach’s Bei der explorativen Überprüfung der Effekte von Alter und Ge-
α: Bereich 0,76–0,90), wobei die der Skala Abgrenzung und Kör- schlecht auf die 3 Skalen wiesen die Skalen Abgrenzung und Kör-
perpsychotizismus (AKP) mit einem α von 0,76 in der Gesamt- perpsychotizismus (AKP) und Körperausdruck (KAD) keinen Ge-
stichprobe am niedrigsten ausfällt (䊉䉴 Tab. 2). In der getrennten schlechterunterschied auf. Dagegen schätzten die Frauen der Ge-
Berechnung für die Patientengruppe und die der Krankenpflege- samtstichprobe ihre Körperunzufriedenheit signifikant höher ein
schüler fiel die interne Konsistenz für die Skalen Körperunzufrie- als die Männer (䊉䉴 Tab. 4). Die Probanden erlebten mit zuneh-
denheit und Scham (KUS) und Körperausdruck (KAD) ebenfalls in mendem Alter mehr Unzufriedenheit und Schamgefühle den
beiden Gruppen hoch aus (Cronbach’s α Bereich 0,71–0,91). Nur Körper betreffend. Entfremdungserleben und das Gefühl man-
die Skala Abgrenzung und Körperpsychotizismus (AKP) weist mit gelnder körperlicher Abgrenzungsfähigkeit nahmen ebenfalls zu.
Zur Kriteriumsvalidität fanden sich signifikant positive Zusam-
menhänge zwischen der Skala Ablehnende Körperbewertung
(AKP) des FKB-20 und den Skalen Körperunzufriedenheit und
Tab. 1 FK-ASA Interkorrelationen nach Spearman-Brown (Gesamtstich-
Scham (KUS) und Abgrenzung und Körperpsychotizismus (AKP)
probe).
des Fragebogens. Die Skala Körperausdruck (KAD) korrelierte
KUS KAD stark positiv mit der Skala Vitale Körperdynamik des FKB-20.
KAD Korrelationskoeffizient − 0,300 Ansonsten ergaben sich keine Korrelationen > 0,3 zwischen den
Sig. (2-seitig) 0,000 Skalen der beiden Körperfragebögen (䊉䉴 Tab. 5).
n 644 Signifikante Zusammenhänge fanden sich zwischen den Skalen
AKP Korrelationskoeffizient 0,650 − 0,150 Abgrenzung und Körperpsychotizismus (AKP) sowie Körperunzu-
Sig. (2-seitig) 0,000 0,000 friedenheit und Scham (KUS) und allen Subskalen des SCL-90-R.
n 642 642 Die numerisch höchsten Zusammenhänge ergaben sich zwischen
Korrelation ist auf dem Niveau von 0,01 signifikant (2-seitig) der Subskala Körperunzufriedenheit und Scham (KUS) und den

Tab. 2 FK- ASA: Innere Konsistenz der Skalen des Körperfragebogens.

Cronbach’s α
Skala Gesamt-Stichprobe Patienten-Stichprobe Pflege-Schüler
1 Abgrenzung und Körperpsychotizismus AKP 0,76 0,78 0,61
2 Körperausdruck KAD 0,83 0,81 0,71
3 Körperunzufriedenheit und Scham KUS 0,90 0,91 0,86

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Tab. 3 Faktorenanalyse Körperfragebogen (FK-ASA). Rotierte Komponentenmatrix (die Rotation ist in 5 Iterationen konvergiert). Extraktionsmethode: Haupt-
komponentenanalyse. Rotationsmethode: Varimax mit Kaiser-Normalisierung. Die 3 Komponenten erklären insgesamt ca. 39 % der Varianz (n = 646)

Rotierte Komponentenmatrix Komponente


1 2 3
1 Ich habe manchmal das Gefühl, Arme und Beine gehorchen mir gar nicht. 0,678
2 Manchmal fühle ich nur Schmerz in meinem Körper. 0,672
3 Manchmal spüre ich meinen Körper gar nicht. 0,630
4 Körper fühlt sich zerschlagen an. 0,616
5 Ich habe das Gefühl, dass mein Körper anders funktioniert als ich möchte. 0,611
6 Wenn mich jemand berührt, erstarre ich vor Angst. 0,602
7 Mein Körper fühlt sich verbraucht an. 0,590
8 Ich denke manchmal, meine inneren Organe verändern sich oder sterben ab. 0,573
9 Mein Körper ist unzuverlässig. 0,547
10 Wenn sich jemand anderes so bewegt wie ich verliere ich das Gefühl für meinen Körper. 0,530
11 Manchmal sehe ich mir von außen zu und denke fast, wer ist denn das? 0,509
12 Ich habe Angst, mich zu bewegen, weil: Ich kann vielleicht nicht wieder aufhören. 0,484
13 Ich habe Angst, jemand anzufassen, weil ich ihn verletzen könnte. 0,469

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14 Manchmal erschrecke ich bei Berührung. 0,463
15 Körperpflege ist im Grunde eine lästige Pflicht. 0,434
16 Wenn mich jemand berührt, löse ich mich auf. 0,425
17 Ich bewege mich gern zu Musik. 0,671
18 Meine körperliche Beweglichkeit ist gut. 0,661
19 Ich kann mich gut durch Körperbewegungen ausdrücken. 0,651
20 Ich achte auf die Körpersprache anderer Menschen. 0,643
21 Wenn ich fröhlich bin, spiegelt sich das in meinen Körperbewegungen wider. 0,640
22 Ich tanze gern. 0,630
23 Tägliche Bewegung ist mir wichtig. 0,598
24 Ich kann Zärtlichkeit sehr genießen. − 0,584
25 Ich tue gern etwas für meinen Körper. − 0,578
26 Ich bemühe mich um ein möglichst attraktives Aussehen. − 0,574
27 Ich fühle mich körperlich aktiv. 0,556
28 Ich tanze allein, wenn mich keiner sieht. 0,493
29 Ich fühle mich lebendig. 0,446 − 0,490
30 Ich kann Gefühle oder Gedanken anderer Menschen an ihrem Körper ablesen. 0,480
31 Ich treibe gern Sport. 0,474
32 Ich achte darauf, wie ich mich bewege oder welche Körperhaltung ich einnehme. 0,436
33 Ich wünsche mir, bestimmte Teile meines Körpers könnten anders aussehen. 0,770
34 Es fällt mir schwer, meinen Körper vor anderen zu zeigen. 0,721
35 Teile meines Körpers passen nicht zu mir. 0,713
36 Es ist mir unangenehm, wenn andere mich auf meinen Körper ansprechen.
37 Ich fühle mich zu dick. 0,634
38 In manchen Situationen empfinde ich einige Körperteile als störend. 0,622
39 Ich mag meinen Körper. − 0,450 0,602
40 Es ist mir peinlich, wenn andere mich sehen. 0,596
41 Wenn ich mich bewege, könnten alle lachen. 0,437 0,590
42 Mein Körper ist mir eine Last. 0,429 0,553
43 Ich wünsche manchmal, bestimmte Teile meines Körpers wären gar nicht vorhanden. 0,531
44 Ich fühle mich wohl in meinem Körper. 0,468 − 0,501
45 Andere finden mich hässlich. _ 0,431
46 Manchmal empfinde ich Ekel, wenn mich jemand anfasst. 0,424

Faktor Eigenwert % der kumulierte Varianz


Varianz
1 7,562 14,005 14
2 6,741 12,484 26,49
3 6,723 12,450 38,94

Subskalen Unsicherheit im Sozialkontakt und Psychotizismus des Diskussion


SCL-90-R. Die Skala Körperausdruck (KAD) wies mit allen Subska- &
len des SCL-90-R Korrelationen unter r = 0,30 (䊉䉴 Tab. 6) auf. Ziel dieser Studie war die Entwicklung eines neuen Fragebogens
zur Erfassung von Körperunzufriedenheit und Scham, Körper-
ausdruck und körperlicher Abgrenzungsfähigkeit. Wir konnten
drei weitgehend neue Skalen Körperunzufriedenheit und Scham

Michels-Lucht F et al. Konstruktion eines Fragebogens zu körperlichen Aspekten … Psychother Psych Med 2010; 60: 31–38
36 Originalarbeit

Tab. 4 FK-ASA: MANOVA zur Überprüfung der Effekte von Alter und Geschlecht auf die 3 Faktoren des Körperfragebogens (abhäng. Variablen).

Geschlecht Mittelwert SD n
Körperunzufriedenheit und Scham (KUS) M 1,78 0,47 168
W 1,89 0,57 419
Gesamt 1,86 0,54 587
Abgrenzung und Körperpsychotizismus (AKP) M 1,46 0,43 168
W 1,50 0,50 419
Gesamt 1,49 0,48 587
Körperausdruck (KAD) M 2,32 0,62 168
W 2,36 0,56 419
Gesamt 2,35 0,57 587

Abhängige Variable df F p
Alter Körperunzufriedenheit und Scham (KUS) 1 8,838 0,003
Abgrenzung und Körperpsychotizismus (AKP) 1 6,766 0,010
Körperausdruck (KAD) 1 78,513 0,000
Geschlecht Körperunzufriedenheit und Scham (KUS) 1 7,006 0,008
Abgrenzung und Körperpsychotizismus (AKP) 1 1,476 0,225

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Körperausdruck (KAD) 1 0,190 0,663

Tab. 5 FK-ASA: Korrelationen zwischen den Skalen des Körperfragebogens


suchten Stichproben eine nach Fisseni wünschenswerte Höhe
(FK-ASA) und des Fragebogens zum Körperbild (FKB-20). von r = 0,80 [31].
Erwartungsgemäß korrelierte die Skala Körperausdruck (KAD),
Ablehnende Vitale die u. a. eher positive Körperaspekte wie Bewegungsfreude ab-
FK-ASA FKB-20 Körper- Körper- bildet, negativ und schwach mit allen SCL-90-R Skalen, die wie-
bewertung dynamik derum pathologisches Erleben erfassen. Die Skalen Abgrenzung
Abgrenzung und Körper- r 0,350 0,010 und Körperpsychotizismus (AKP) und Körperunzufriedenheit und
psychotizismus (AKP) Scham (KUS) wiesen dagegen mit allen Skalen des SCL-90-R
Sig. (2-seitig) 0,000 0,900 hohe Korrelationen auf. Dieser Befund spricht dafür, dass Pro-
n 134 134 banden mit hohen Werten auf beiden Skalen des Körperfragebo-
Körperausdruck (KAD) r − 0,050 0,550 gens in allen Dimensionen der SCL-90-R stärker psychisch belas-
Sig. (2-seitig) 0,000 0,000
tet sind.
n 134 134
Die Interpretation der Geschlechterunterschiede ist problema-
Körperunzufriedenheit r 0,770 − 0,290
und Scham (KUS)
tisch, da die Krankenpflegeschülerstichprobe und die Patienten-
Sig. (2-seitig) 0,000 0,001 stichprobe überwiegend aus Frauen bestanden. Rein explorativ
n 134 134 fanden wir jedoch, dass mit zunehmendem Alter verstärkt kör-
perliche Schamgefühle angegeben wurden. Dies widerspricht
Befunden von Clement und Löwe, die fanden, dass Frauen mit
(KUS), Körperausdruck (KAD) und Abgrenzung und Körperpsy- zunehmendem Alter weniger körperliche Unzufriedenheit be-
chotizismus (AKP) entwickeln und validieren. klagten [33]. Die unterschiedlichen Ergebnisse könnten darauf
Die ursprüngliche Fragebogenversion wurde einer Patienten- hinweisen, dass die Skala Körperunzufriedenheit und Scham
stichprobe und einer Pflegeschülerstichprobe vorgelegt. Der Fra- (KUS) unseres Fragebogens andere Aspekte der Körperunzufrie-
gebogen besteht nach Item- und Faktorenanalyse aus 46 Items, denheit abdeckt, als die Skala ablehnende Körperdynamik des
die den o. g. Skalen zugeordnet sind. Die Annahme, dass sich die- FKB-20.
se Aspekte des Körperbildes auf unabhängigen Faktoren abbil- Die Skala Körperunzufriedenheit und Scham (KUS) zeigte mit
den lassen, wurde hiermit bestätigt. Die Itemkennwerte und die allen Skalen des SCL-90-R die engsten Zusammenhänge. Dies
Varianzaufklärung der Faktorenanalyse zeigen zufriedenstel- deckt sich mit Befunden von Gilbert et al. [34], die ebenfalls in
lende bis gute psychometrische Eigenschaften des Instrumentes. ihrer Studie bei psychiatrischen Patienten enge Zusammen-
Die drei Faktoren klären fast 40 % der Varianz auf, was nahe legt, hänge zwischen Schamgefühlen und SCL-90-R Skalen fanden.
dass noch weitere Faktoren beteiligt sind. Die interne Konsistenz Dem Körpererleben kommt im Alltag und bei verschiedenen kli-
des Fragebogens ist in der Gesamtstichprobe als gut zu bewer- nischen Störungen eine zunehmend bedeutendere Rolle zu.
ten. Einzig die Höhe des Cronbach’s α der Skala Abgrenzung und Gleichzeitig ist das Konstrukt des subjektiven Körpererleben
Körperpsychotizismus (AKP) fällt mit 0,76 eher niedrig aus. Ver- schwer zu erfassen, da nicht jedes Erleben auf Körperebene
glichen mit anderen Körperfragebögen wie etwa den Körper- durch Sprache erfasst und abgebildet werden kann. Hier liegt
konzeptskalen (FKKS [17], Cronbachʼs α: 0,40-0,91) ist das Er- der Nachteil eines Fragebogens im Gegensatz zu z. B. projektiven
gebnis gut auch in Hinblick auf die Skalenlänge (10 Items). Die Verfahren begründet. Dennoch bleibt ein weiter Bereich des
interne Konsistenz fällt in der Gruppe der Pflegeschüler niedrig Körpererlebens, der nicht präverbal verankert und nicht unbe-
aus. Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass diese Skala wusst ist, d. h. auch mittels Sprache symbolisiert werden kann.
Items abbildet, die eher krankheitsbezogene Aspekte abfragt. Ein weiteres Problem der Erfassung liegt darin, dass Körperer-
Insofern ist hier in der Gruppe der Gesünderen weniger Varianz leben in eher zeitstabile (trait) und veränderliche (state) Aspekte
zu erwarten. Die Split-half Reliabilität fand in fast allen unter- unterteilt werden kann. Thompson et al. [35] wiesen auf die Be-
deutung von Entwicklung und Ausgestaltung des Körpererle-

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Originalarbeit 37

Tab. 6 FK-ASA: Korrelationen zwischen den Skalen des Körperfragebogens (FK-ASA) und der Symptom-Checkliste von Derogatis (SCL-90-R).

SCL-90-R Körperunzufriedenheit Abgrenzung und Körper Körperausdruck (KAD)


und Scham (KUS) psychotizismus (AKP)
Somatisierung r 0,530 0,470 − 0,250
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,000
n 518 518 518
Zwanghaftigkeit r 0,550 0,510 − 0,210
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,000
n 534 534 534
Unsicherheit im Sozialkontakt r 0,630 0,550 − 0,120
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,004
n 546 546 546
Depressivität r 0,580 0,460 − 0,260
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,000
n 512 512 512
Ängstlichkeit r 0,530 0,510 − 0,240
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,000
n 540 540 540

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Aggressivität/Feindseligkeit r 0,530 0,450 − 0,100
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,020
n 552 552 552
phobische Angst r 0,540 0,500 − 0,290
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,000
n 544 544 544
paranoides Denken r 0,540 0,490 − 0,070
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,123
n 544 544 544
Psychotizismus r 0,620 0,560 -0,170
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,000
n 537 537 537
GSI r 0,620 0,490 − 0,260
Sig, (2-seitig) 0,000 0,000 0,000
n 353 353 353

bens durch z. B. Eltern, Peers und Medien hin, alleine z. B. „er- Eine weitere Einschränkung der Untersuchung liegt darin, dass
scheinungsbasierte Konversation“ („appearance based conversa- die Prüfung der Reliabilität und der externen Validität in einer
tion“) oder Lästern scheint einen bedeutenden Einfluss auf das Studie überprüft wurde. Diese Überprüfung sollte in weiteren
Body Image auszuüben. Verlaufsuntersuchungen könnten hier Studien getrennt durchgeführt werden. Bei 52 Probanden fehl-
eine Differenzierung zwischen trait und state-Aspekten des Fra- ten Angaben zu Geschlecht und Alter. Da die primären Hypothe-
gebogens liefern. Sicherlich aber ist Körpererleben, wie andere sen in der Gesamtstichprobe geschlechts- und altersunabhängig
Bereiche des Selbstkonzeptes, wiederum auch durch Psychothe- überprüft wurden, den Patienten Anonymität zugesichert wur-
rapie veränderbar. de und die Fragebögen ansonsten vollständig beantwortet wur-
den, konnten sie in der Analyse belassen werden. Der Anonymi-
tät wegen liegen auch keine Einzeldiagnosen vor, Patienten mit
Methodenkritik Ausschlussdiagnosen (Psychosen) erhielten von vorneherein
& keine Fragebögen. In weiteren Untersuchungen sollten Diagno-
Eine methodische Einschränkung stellt der Mangel geeigneter sen mit erhoben werden, da sie vermutlich Ausprägung der Be-
Kriterien zur Überprüfung der Kriteriumsvalidität dar. Weiter- antwortung der Skalen des FK-ASA beeinflussen.
hin ist die Auswahl der beiden Stichproben nicht geeignet, um
allgemeingültige Aussagen treffen zu können. Die Stichproben Der Fragebogen ist kostenlos bei michels@uni-greifswald.de als
der Patientengruppe und der Krankenpflegeschüler erlaubten pdf-Version erhältlich.
einen Vergleich zwischen depressiven und neurotisch erkrank-
ten Personen in der 5. Lebensdekade mit jungen altershomo-
genen eher gesunden Probanden um das 20. Lebensjahr. Eine
weitere Erhebung an einer Normalstrichprobe (Medizin- und
Psychologiestudenten, Mitarbeiter der Klinik und Krankenhaus-
verwaltung) wird derzeit durchgeführt. Weiterhin werden Da-
ten an gut charakterisierten Patientenstichproben (depressive
und Angststörungen, Schizophrenie) erhoben. In der vorlie-
genden Arbeit wurde Abgrenzungs- und Entfremdungserleben
der Skala Abgrenzung und Körperpsychotizismus nur an nicht
psychotischen Patienten erhoben.

Michels-Lucht F et al. Konstruktion eines Fragebogens zu körperlichen Aspekten … Psychother Psych Med 2010; 60: 31–38
38 Originalarbeit

Fazit für die Praxis 15 Pöhlmann K, Thiel P, Joraschky P. Entwicklung und Validierung des
Dresdner Körperbildfragebogens (DKB-35). In: Joraschky P, Lausberg
Der Fragebogen zu körperlichen Aspekten von Abgrenzung, H, Pöhlmann K, Röhricht F, Hrsg. Körperorientierte Diagnostik und
Scham und Ausdruck (FK-ASA) soll in Zukunft als Diagnose- Psychotherapie bei PatientInnen mit Essstörungen Gießen: Psychoso-
und Verlaufsbeurteilungsinstrument für Körpertherapien zial-Verlag; 2008
16 Clement U, Löwe B. Fragebogen zum Körperbild (FKB 20). Göttingen:
dienen. Hier soll die Fragestellung beantwortet werden, ob Hogrefe; 1996
der FK-ASA Veränderungen abbildet und prädiktive Eigen- 17 Deusinger IM. Die Frankfurter Körperkonzeptskalen (FKKS). Göttingen:
schaften besitzt in Hinblick auf Therapie-Outcome. So Hogrefe; 1998
könnten niedrige Werte für Körperunzufriedenheit und 18 Röhricht F, Priebe S. Effect od body-oriented psychological therapy on
negative symptoms in schizophrenia: a randomized controlled trial.
Scham und hohe für Körperausdruck prädiktiv für einen The- Psychol Med 2006; 36: 669–678
rapieerfolg sein. Eine Erhebung an verschiedenen Diagnose- 19 Lausberg H, Wietersheim J von, Wilke E et al. Bewegungsbeschreibung
gruppen soll prüfen, ob die Skalen hinsichtlich verschiedener psychosomatoscher Patienten in der Tanztherapie. Psychother Psych
Med 1996; 38: 259–264
Diagnosen differenzieren. Ein Fragebogen mit maximal 25
20 Moore CA. Dance Movement Therapy in the Light of Trauma: Resarch
Items wäre aus ökonomischen Gründen wünschenswert, das Findings Of A Multidisciplinary Project. Berlin: Logos; 2006
hier vorgelegte Instrument liegt mit 46 Items vergleichswei- 21 Wurmser L. Die Maske der Scham. Heidelberg: Springer; 1998
se im unteren bis mittleren Umfang vergleichbarer Instru- 22 Schatz DS. Klassifikation des Körpererlebens und körperpsychothera-
peutische Hauptströmungen. Psychotherapeut 2002; 47: 77–82
mente.
23 Trautmann-Voigt S, Voigt B. Bewegte Augenblicke im Leben des
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