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Buchbesprechungen

Psychotherapeut 2016 · 61:271–272 Carsten Spitzer


DOI 10.1007/s00278-016-0106-3 Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn, Rosdorf bei Göttingen, Deutschland
Online publiziert: 9. Mai 2016
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016

Redaktion
B. Strauß, Jena
Hoffmann SO (2016)
Psychodynamische Therapie von
Angststörungen
Einführung und Manual für die kurz- und
mittelfristige Therapie, 2. Aufl. Schattauer,
Stuttgart, ISBN 978-3-7945-3118-9 (Preis:
19,99)

nur für eine einmalige Lektüre (um dann der psychoanalytischen Therapie“ (1919)
möglicherweise als Zierde im Bücherre- einer Störungsorientierung das Wort re-
gal zu landen), sondern lädt zu einem le- det. Auch im Verlauf und an prägnan-
bendigen Austausch darüber ein, wie die ten Stellen wird immer wieder auf Freud
Behandlung von konkreten Angstpati- und seine wenig rezipierten Empfehlun-
enten unmittelbar gestaltet werden kann gen rekurriert, z. B. zur selbstgeleiteten
und sollte. Er wird somit seinem Unter- Angstexposition.
titel sowohl als Einführung als auch als Entsprechend seinen Wurzeln als For-
Manual im besten Sinne einer „Handrei- scher und Kliniker ist es Hoffmann ein
chung“ und Anleitung mehr als gerecht. zentrales Anliegen, nicht nur die theore-
Dies spiegelt sich auch in der Zwei- tischen Grundlagen anschaulich zu ma-
teilung in „Grundlagen“ und störungs- chen, sondern auch deren angemessene
orientierte Behandlung wider, die Hoff- Umsetzung in die Praxis zum Wohle der
mann gleichermaßen als kenntnisreichen Patienten zu gewährleisten. Ein Instru-
Wissenschaftler und erfahrenen Prakti- ment auf diesem Weg ist die aus der For-
ker ausweisen. In den ersten vier Ka- schung stammende Manualisierung. In
piteln beschäftigt er sich mit den zen- seiner kritisch-konstruktiven Diskussion
tralen Grundlagen psychodynamischer der Vor- und Nachteile von manualisier-
Psychotherapie von Angststörungen. Da- ten Behandlungen fordert er mit Lubor-
zu fokussiert er einleitend auf eine Be- sky, dass die Behandlungsanleitungen so
Um es direkt zu sagen: Die Lektüre dieses griffsklärung und macht gleich zu Beginn vollständig ausgearbeitet sein sollten, wie
konzisen Buches ist in jeder Hinsicht ein zwei wichtige Aspekte deutlich: Psycho- es die Therapieart zulässt, und dass die
Gewinn! Neben der klaren Gliederung, dynamische Therapie (PDT) bezieht sich Behandlungsprinzipien zu verdeutlichen
der luziden Sprache und der anschauli- auf die Psychoanalyse als Referenzsys- sowie dem Therapeuten Handlungsan-
chen Darstellung sind es die profunden tem, geht jedoch mit den grundlegen- weisungen zu geben sind. Erfüllen Ma-
Kenntnisse der Psychodynamik von Pa- den „Konzepten des dynamischen Unbe- nuale diese Forderungen, können auf ih-
tienten mit Angsterkrankungen und die wussten, der Abwehr, der Übertragung rer Grundlage gute therapeutische Er-
sehr praxisnahen Anleitungen zur Um- und der Gegenübertragung“ (S. 5) in der gebnisse erzielt werden; die Studienlage
setzung in die Behandlung, die dieses Praxis anders um, sodass PDT als Mo- zur PDT im Allgemeinen und zur PDT
Werk nicht nur für psychodynamisch ori- difikation, aber keineswegs als „Minus- bei Angststörungen im Besonderen wird
entierte Therapeuten, sondern auch für variante der Psychoanalyse“ zu begrei- allgemeinverständlich dargestellt.
jene, die sich anderen Schulen verpflich- fen ist. Gewissermaßen als Kronzeuge Das zweite Kapitel widmet sich nach
tet fühlen, äußerst lesenswert machen. für diesen anderen Umgang beruft sich einem Exkurs zuraktuellenKlassifikation
Dabei eignet sich der Band keineswegs Hoffmann auf Freud selbst, der in „Wege der Angststörungen insbesondere ihrer

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Entstehung unter psychodynamischen was sich wiederum positiv auf das Be-
Gesichtspunkten. Hoffmann stellt unter handlungsergebnis auswirken dürfte.
Verweis auf Freuds zentrale Signalangst- Hoffmann stellt in den letzten Ab-
theorie drei überzeugende Angstmodelle schnitten seines Buches noch zwei wich-
vor, die bei den verschiedenen Angster- tige Ansätze aus anderen Arbeitsgrup-
krankungen in je unterschiedlicher Ge- pen vor. Die „Panic-Focused Psychody-
wichtung wieder aufgegriffen werden. Im namic Psychotherapy für Panikstörun-
sich anschließenden Abschnitt erläutert gen“ von Milrod und Mitarbeitern ist
Hoffmann profunde und praxisnah die nicht nur empirisch als erfolgreich va-
„allgemeinen Vorgehensweisen in der lidiert worden, sondern weist viele Ähn-
PDT“. Er beschäftigt sich ausführlich mit lichkeiten mit den zuvor formulierten
Therapiezielen und -planung, (Kontra-) Überlegungen und Handlungsanweisun-
Indikationen, der Durchführung und gen auf. Analoges gilt für das „Vereinheit-
zeitlichen Begrenzung. In diesem Kon- lichte Psychodynamische Therapieproto-
text werden auch die Modifikationen koll für Angststörungen“ von Leichsen-
im Umgang mit dem Unbewussten, der ring und Kollegen, das neun manualisier-
Abwehr, der Übertragung und der Ge- te Module umfasst und für alle Formen
genübertragung expliziert und zwar sehr von Angststörungen gilt, aber dem Be-
anschaulich, indem Hoffmann konkrete handler in der Anwendung auf eine be-
therapeutische Interventionen ausfor- stimmte Angsterkrankung Freiheit lässt.
muliert. Diese Praxisnähe wird noch Dieser letzte Aspekt – die dialektische
intensiver, wenn er im vierten Kapitel Spannung zwischen Vereinheitlichung
die generellen Prinzipien und das Vor- und Manualtreue einerseits und Indi-
gehen auf die PDT von Angststörungen vidualität und therapeutischer Freiheit
überträgt und dabei die besonderen andererseits – durchzieht wie ein roter
therapeutischen Herausforderungen im Faden das ganze Buch. Glücklicherweise
Umgang mit Angstpatienten herausstellt. löst Hoffmann dieses Spannungsverhält-
Eine kurze Einführung in die supportiv- nis nicht auf, sondern plädiert vielmehr
expressive Therapie von Luborsky rundet für einen spielerischen Umgang. In dem
das Kapitel gelungen ab. Maß, wie dem Therapeuten dies gelingt,
Der zweite große Teil des Buches fo- kann er auch seinen Patienten Iden-
kussiert auf die störungsorientierten psy- tifikationsangebote zum Umgang mit
chodynamischen Kurzzeittherapien und Ambivalenz (um nicht zu sagen Angst)
umfasst in drei Kapiteln konkrete Manu- machen und somit nochmals auf einer
alisierungen für soziale Ängste, für ge- anderen Ebene hilfreich sein.
neralisierte Ängste und abschließend für Die zweite ist im Vergleich zur ersten
die Panikstörung und Agoraphobie. Alle Auflage deutlich überarbeitet und hin-
Abschnitte folgen der gleichen Struktur: sichtlich der praktischen Beispiele erwei-
Das psychodynamische Verständnis der tert worden, ohne dabei an Präzision und
jeweiligen Störung wird zusammenfas- klinischer Griffigkeit zu verlieren. Das
send dargestellt, um daraus die Grund- Buch hat den Rezensenten durch seine
züge und die notwendigen Modifikatio- stringente Verbindung von Theorie und
nen abzuleiten; schlussendlich werden Praxis mehr als überzeugt. Es ist allen
die spezifischen Therapieelemente aus- nachdrücklich zu empfehlen, die Patien-
führlichst herausgearbeitet und wieder ten mit Angsterkrankungen behandeln –
anhand konkreter Beispiele veranschau- unabhängig davon, ob sie sich in Aus-
licht. So wie sich der Patient in der The- bildung befinden, Berufsanfänger oder
rapie jederzeit orientieren können muss langjährig erfahrene Therapeuten sind.
– eine Forderung von Hoffmann un-
ter Bezug auf Luborsky –, so kann sich Korrespondenzadresse
der Therapeut mithilfe der in diesem
Buch formulierten Behandlungsrichtli- Prof. Dr. C. Spitzer
nien und Handlungsanweisungen auch Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn
37124 Rosdorf bei Göttingen, Deutschland
jederzeit orientieren. Diese Orientierung c.spitzer@asklepios.com
und Struktur bieten sowohl dem Patien-
ten als auch dem Therapeuten Sicherheit,

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