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ISBN 978-3-652-00 646 - 0

4 1948 75 51 0002 87

M Y T H O S

Sumerer, Assyrer, Babylon:


NR. 87

Die Hochkulturen zwischen Euphrat und Tigris


BABYLON
3300 –500 v. Ch r .
Die Ge bur t der Ziv i l i sa t i on

Deutschland € 10,00 · Schweiz 18,60 sfr · Österreich €11,40


Benelux €11,80 · Dänemark dkr 110,– · Italien €13,50
MAGAZINE,
DIE GESCHICHTE SCHREIBEN

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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

s ist ein hochfahrender Plan der Götter und des Überflus

E der Mesopotamier, von dem


das 1. Buch Mose berichtet:
„Auf!“, so hätten sich die Be
wohner des Landes zwischen Euphrat
und Tigris gegenseitig angespornt: „Bau
ses, deren Bewohner beständig
feierten.

toriker Herodot brachte die


sagenhafte Größe des Ortes
en wir uns eine Stadt und einen Turm mit dazu, in gewaltiger Übertrei
einer Spitze bis zum Himmel und ma bung von einer 89 Kilometer
chen wir uns damit einen Namen.“ Doch langen und gut 100 Meter ho
als Gott das anmaßende Treiben sah, sei hen Schutzmauer zu schreiben, die als
er zur Erde herabgefahren und habe die ein monumentales Viereck wie ein Pan monmuseum zu sehen.
Sprachen der Menschen verwirrt, die zer die Stadt umgeben habe. Oder der im ersten vorchristlichen
Für den hellenischen Geschichts Jahrtausend angelegten Königinnengrä
schreiber war Babylon „die berühmteste, ber der assyrischen Metropole Nimrud,
mächtigste und schönste Stadt unter in denen Archäologen vor einigen Jahren
überwältigende Goldschätze entdeckten.
liche Autoren von dem Evangelisten Mehr als 25 Jahrhunderte lang ruh
Johannes bis zu Martin Luther dagegen ten die Grabstätten unter den Ruinen
war die Metropole, deren Bewohner sich eines Palastes nahezu unberührt. Doch
der Hybris gegenüber Gott schuldig ge 2015 haben die Fanatiker des „Islami
schen Staats“ begonnen, die Monumente
kadnezar II. die Juden ins dort (und im wenige Kilo
Exil zwang, eine Metapher meter entfernten Ninive)
des Bösen: ein Hort der systematisch zu vernichten.
Frevler und Götzendiener, Ausgerechnet in jener
des Lasters und der Hurerei. Gegend, in der einst die
In diesem Heft schau Wiege der Kultur stand,
1563 malt Pieter Bruegel d. Ä. den en wir hinter den Mythen breitete sich nun eine zer
unvollendeten Turm zu Babel, von schleier, der Babylon und störerische Barbarei aus, die
dessen Bau die Bibel berichtet die Reiche der Sumerer und im Namen ihrer Reli gion
Assyrer umgibt. dieses besondere Erbe aus
Wir suchen nach der löschen will.
historischen Wirklichkeit, Fachberatung: Die Auch darüber berich
ander nicht mehr verstanden und so ihr die in den Legenden steckt. Altorientalistin und ten wir in diesem Heft.
Vorhaben nicht verwirklichen konnten. Keilschriftexpertin Es ist bedrückend,
Daher, so heißt es in der Bibel wei lenWundernderWelt Annika Cöster-Gilbert dass diese Ausgabe über das
ter, wurde die Stadt „Wirrsal“ genannt, gend, in der unsere Zivilisa antike Zweistromland einen
hebräisch „Babel“ – Babylon. tion ihren Ursprung nahm:
Die Erzählung vom Turmbau zu jener Region, in der in der ersten Groß tige Zeit schlagen muss.
Babel ist der bekannteste Mythos zur stadt der Geschichte die Schrift und Erst recht wollen wir Ihnen daher
Geschichte Babylons, viele Künstler ha die Mathematik entwickelt wurden; in auf den folgenden 160 Seiten jene faszi
ben sich mit ihr beschäftigt; der Nieder der einfallsreiche Geister die künstliche nierenden Jahrhunderte nahebringen, in
länder Pieter Bruegel der Ältere etwa Bewässerung und den Pflug erfanden; in denen sich die Menschen in Mesopota
schuf Mitte des 16. Jahrhunderts gleich der zuerst Gesetze, Friedensverträge und mien einst aufmachten, die Zivilisation
mehrere Gemälde zu diesem Thema. Literatur aufgeschrieben wurden. zu erfinden.
Aber sie ist bei Weitem nicht die Mesopotamien war zudem das
einzige Legende, die seit Jahrtausenden Land grandioser Prachtbauten und Herzlich Ihr
über die Metropole des Zweistromlandes Kunstschätze – so des wirklichen Turms
verbreitet wird. So priesen die Babylo von Babylon, dem 90 Meter hohen Tem
nier selbst ihre Stadt als Mittelpunkt des pel des Stadtgottes Marduk.
Erdkreises, Sitz des Lebens, Licht der Oder des ebenfalls dort errichteten
Himmel – und ihre Heimat als die Stadt Ischtar Tors mit seiner Fassade aus tief Michael Schaper

GEO EPOCHE Babylon 3


62
MIT DER KRAFT
DER POESIE
Im Zweistromland
wirken die frühesten
Literaten der Ge-
schichte: Ihre Werke
erzählen von Göttern
und mythischen
Helden.

DIE ERSTE METROPOLE

26 Um 3300 v. Chr. blüht am Euphrat


die älteste Großstadt der Welt
auf: Uruk, dessen Einwohner nach
straffen Regeln leben.

52
JÄGER DES VERLORENEN
SCHATZES
Jahrtausende nach
der Glanzzeit der Stadt
Ur reist ein britischer
Archäologe in den Irak
und macht einen
sensationellen Fund.

132
EINE STADT

38
DIE ERFINDUNG
TRIFFT IHREN GOTT
Um 570 v. Chr. ist
Babylon die Kapitale
eines gewaltigen Rei-
DER SCHRIFT
Beamte entwickeln
im Zweistromland vor
rund 5000 Jahren
90
HAMMURABI – DIE
ches – und Schauplatz
prächtiger Feste.

die Keilschrift – eine MACHT BABYLONS


kulturelle Revolution. Mit Diplomatie und
Krieg treibt der
König den Aufstieg
seiner Stadt zur
Großmacht voran.

4 GEO EPOCHE Babylon


INHALT
20
PRÄCHTIGES UR
Prolog: Das Erbe des Zweistromlandes
DIE GEBURT DER ZIVILISATION
Karten: 3000 Jahre Mesopotamien
6

Einer der mächtigsten LAND DER HOCHKULTUREN 22


frühen Staaten Mesopo-
Uruk – um 3300 v. Chr.
tamiens ist die Stadt
DIE ERSTE METROPOLE 26
Ur, deren verstorbene
Herrscher mit edlem Zeichensystem – um 3300 v. Chr.
Grabschmuck ausge- DIE ERFINDUNG DER SCHRIFT 38
stattet werden.
Entzifferung von Tontafeln
EIN GEHEIMNIS, FAST ENTHÜLLT 44
Wandel der Keilschrift
VOM BILD ZUM ZEICHEN 47

DIE GEBURT DER


6 Hieroglyphen
DIE SCHRIFT DER PHARAONEN 48
Die Königsgräber von Ur – um 2600 v. Chr.
ZIVILISATION
Einzigartige Artefakte JAGD AUF EINEN VERLORENEN SCHATZ 52
zeugen von den Literatur – um 2250 v. Chr.
kulturellen Leistungen MIT DER KRAFT DER POESIE 62
der Mesopotamier.
Akkad – um 2300 v. Chr.
BEGINN EINER NEUEN ÄRA 70
Assur – um 1900 v. Chr.

150
GESPRENGT UND GERAUBT
DIE STADT DER HÄNDLER
Strafrecht – um 1900 v. Chr.
MORD IN NIPPUR
72

82
Der Altorientalist Walter Sommerfeld
über die Zerstörung antiker Monu
- Babylon – ab 1792 v. Chr.
mente – und das Geschäft damit. HAMMURABI – DIE MACHT BABYLONS 90
Assyrien – ab 883 v. Chr.
DER KRIEGERKÖNIG VOM TIGRIS 108
Wissenschaft – um 700 v. Chr.
IM LAND DER ERKENNTNIS 122
Babylon – um 570 v. Chr.
EINE STADT TRIFFT IHREN GOTT 132
Zerstörtes Erbe
GESPRENGT, GERAUBT, VERKAUFT 150
Zeitleiste DATEN UND FAKTEN 152
Bildquellen 158
Impressum 159
Die Welt von GEO 160
Vorschau DAS JAHR 1968 162

Titelbild: Tim Wehrmann für GEOEPOCHE. Alle Fakten, Daten und Karten sind vom Verifikations team auf ihre Richtigkeit überprüft worden. Kürzungen in
Zitaten sind nicht kenntlich gemacht.Redaktionsschluss: 25. September 2017.Schreibweisen: Bei geographischen Angaben verwenden wir in der Regel die historischen
Bezeichnungen. Zeitgenössische Begriffe und Namen werden in lateinischer Schrift aus Gründen der besseren Lesbarkeit ohne die in der Wissenschaft üblichen Sonderzeichen
wiedergegeben; die Transkription orientiert sich an der antiken Aussprache, sofern sich keine abweichende Schreibweise eingebürgert hat (etwa Hammurabi statt Chammurabi).
Chronologie: Bei der häufig umstrittenen Datierung von Ereignissen orientieren wir uns an der in der Wissenschaft weitverbreiteten „mittleren Chronologie“. 5
Das Erbe des Zweistromlandes

DIE
GEBURT
DER
ZIVILISATION
Zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris beginnt vor mehr als 5000 Jahren eine
einzigartige Blüte der Kultur. Die ersten Städte und Reiche, die dort, in Mesopotamien,
entstehen, übertreffen an Größe und Macht alles, was es zuvor gegeben hat. Die
Ideen ihrer Bewohner werden die Geschichte der Menschheit für immer verändern.
Und schließlich steigt eine Stadt zur größten und prächtigsten Metropole der
Welt auf: Babylon Bildtexte: INSA BETHKE, FRANK OTTO, SAMUEL RIETH

6 GEO EPOCHE Babylon


Kunst für die
Ewigkeit: Die Skulptur
dieses Ziegenbocks
aus Gold, Silber und
Lapislazuli – gefunden
in einem rund 4600
Jahre alten Prachtgrab –
zeugt vom Reichtum
des Adels in den
ersten Metropolen im
Zweistromland

GEO EPOCHE Heftthema 7


DIE KRAFT
DER ZEICHEN

Keine Erfindung der Mesopotamier ist so folgen-


reich wie diese: Beamte in Uruk, der ersten Metropole
der Welt, entwickeln ab etwa 3300 v. Chr. aus
einfachen, in Ton gedrückten Markierungen ein
raffiniertes Zeichensystem – die Keilschrift

Bürokraten erschaffen die Schrift


als Hilfsmittel, um die stetig wachsende
Wirtschaft der Großstadt Uruk zu
organisieren. Auf dieser Tafel verweist das
Zeichen unten rechts vermutlich auf die
Verteilung von Lebensmitteln. Die anderen
Symbole bezeichnen bestimmte
Maß einheiten, etwa eine Ration von
rund fünf Litern Korn

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Heftthema
Babylon
In Keilschrift rühmen
sich Herrscher ihrer Taten,
schließen Geschäftsleute
Verträge, verfassen Rei-
sende Briefe und Dichter
Verse. Hier lässt ein König
Reformen gegen Ämter-
missbrauch und überhöhte
Abgaben auflisten

Das Erbe des Zweistromlandes

GEO EPOCHE Babylon


Heftthema 9
TOR DER
GÖTTER

Die Mesopotamier sind


Pioniere der Wissenschaften,
etwa der Mathematik. Zudem
erweisen sie sich als große
Architekten und Baumeister.
Sie schaffen Aquädukte,
Paläste, Tempeltürme, die fast
100 Meter in den Himmel
ragen – und in Babylon ein
monumentales Stadttor

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Heftthema
Babylon
Schon von Weitem sehen Reisende um 570 v. Chr. den blauen Glanz des Ischtar-Tores
von Babylon, benannt nach der Göttin der Liebe und des Krieges. Seine Farbe verdankt
das Portal glasierten Ziegeln, die Wände sind zudem verziert mit Stieren und Drachen.
Dieses 15 Meter hohe Vortor steht heute im Berliner Pergamonmuseum

GEO EPOCHE Heftthema 11


Solche Statuen stellen
nicht etwa große Könige
dar oder ruhmreiche
Krieger – sondern erstmals
in der Geschichte lassen
sich ganz gewöhnliche
Menschen abbilden: Die
Figuren sollen an ihrer
statt die Götter anbeten
(um 2700 v. Chr.)

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Heftthema
Babylon
IM NAMEN DER
UNSTERBLICHEN

Sie schicken Krankheiten oder Heilung, bestimmen


über Triumph oder Niederlage: Hunderte von Göttern
prägen das Leben der Mesopotamier. Die Gläubigen
verehren deren Statuen, als wären sie lebendig – und
lassen auch Abbilder von sich selbst anfertigen,
um mit den Jenseitigen zu kommunizieren

Das Erbe des Zweistromlandes


Eine weibliche Figur,
aufgestellt in einem Tempel
zu Ehren einer Göttin.
Die Mesopotamier halten
solche Statuen, die sie
von sich erstellen lassen, für
weitaus mehr als bloße
Bildnisse: Die Kunstwerke
gelten als tatsächliche
Vertreter jener Menschen,
die sie zeigen

GEO EPOCHE Babylon


Heftthema 13
Sturm auf das Zentrum des Feindes: Soldaten des Nach dem Sieg über den Herrscher von Elam um
Kriegerkönigs Assurnasirpal II. erklimmen auf Leitern die 650 v. Chr. werfen assyrische Krieger die abgeschlagenen
Mauern einer belagerten Stadt (Relief, 9. Jh. v. Chr.) Köpfe ihrer getöteten Gegner auf einen Haufen

Diese Wandplatte
zeigt einen Angriff der
assyrischen Armee auf
eine Festung: Bogen-
schützen beschießen die
Mauern der Bastion,
während drei hochrangige
Amtsträger der gegneri -
schen Seite, von denen
zwei sich an aufgeblase-
nen Tierhäuten festhalten,
sich schwimmend
zu retten versuchen
(um 870 v. Chr.)

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EPOCHE
Heftthema
Babylon
DIE ERFINDUNG DES
KRIEGES

Mord und Totschlag gibt es, seit es Menschen gibt. Doch für
den Krieg bedarf es staatlicher Organisation – und die
entsteht besonders früh im Zweistromland. Dort werden aus
Überfällen beute lustiger Horden um 3500 v. Chr. erstmals
organisierte Feldzüge straff geführter Armeen

Das Erbe des Zweistromlandes

GEO EPOCHE Babylon


Heftthema 15
EINE NEUE FORM
DES ZUSAMMENLEBENS

Als in Mesopotamien die ersten Großstädte entstehen,


werden sie bald Teil eines ausgedehnten Handelsnetzes. So
importieren die Bewohner von Ur kostbare Farbsteine aus
Indien und tiefblaue Lapislazuli aus Afghanistan – aus denen
Künstler farbenprächtige Mosaike fertigen

Dieses um 2600 v. Chr. gefertigte Mosaik auf einem Holzkasten erzählt von Krieg und Frieden im
Reich eines sumerischen Königs. Die hier abgebildete Seite zeigt eine siegreiche Armee: unten die Armada der
Streitwagen, darüber Fußsoldaten sowie nackte Gefangene, die wohl in die Sklaverei geführt werden

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Auf der »Friedens-
seite« des Kastens ist
ein königliches Bankett
wiedergegeben. Der
Herrscher, größer als die
anderen Figuren (links
oben), thront über seinen
Untertanen, die ihm
ihre Gaben darbrin-
gen, etwa einen Stier,
Fische und Ziegen

GEO EPOCHE Babylon


Heftthema 17
MONUMENTE
DER
MACHT

Als Zeichen ihrer Größe


bauen sich mesopo tamische
Könige prächtige, zum
Teil mit Kühlanlagen und
fahrbaren Öfen ausgestattete
Residenzen. Kolossale
Reliefs und Statuen zieren
die Mauern dieser Paläste –
und lassen Besucher in
Ehrfurcht erstarren

Aus Stein gehauene,


angsteinflößende Misch-
wesen bewachen viele
Palast- und Stadttore des
Zweistromlandes. Sich
selbst feiern die Herrscher
mit monumentaler Kunst:
Diese um 700 v. Chr.
errichtete, mehr als fünf
Meter hohe Statue (l.)
zeigt einen königlichen
Helden, der über einen
Löwen triumphiert

18 GEO
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EPOCHE
Heftthema
Babylon
Das Erbe des Zweistromlandes

GEO EPOCHE Babylon


Heftthema 19
BEGLEITER INS
JENSEITS

Die Mesopotamier glauben an ein Leben nach dem Tod, statten Gräber mit Speisen
und Getränken für die Verstorbenen aus. Und ihre Herrscher sollen auch in der Unterwelt
nicht auf die Pracht verzichten müssen, die sie zu Lebzeiten genossen haben

Dieser goldüberzogene
Kopf eines Stieres stammt
aus einem Herrschergrab.
Das Tier spielt in der meso-
potamischen Mythologie
eine wichtige Rolle, tritt etwa
als himmlisches Wesen im
Epos über den sagenhaften
Helden Gilgamesch auf

20 GEO EPOCHE Babylon


Ein nackter Held
ergreift zwei Stiere mit
Männerköpfen, Tiere
veranstalten ein Bankett:
Diese Szenen zieren –
wie der Stierkopf links –
eine rund 4600 Jahre
alte Harfe, die in einem
Grab in der Stadt Ur
(siehe auch Seite 61)
gefunden wird

GEO EPOCHE Babylon


Heftthema 21
3000 Jahre Mesopotamien

Die Hochkulturen zwischen


Euphrat und Tigris
Drei Jahrtausende währt die große Zeit des Zweistromlandes. Aus Siedlungen werden Metropolen,
aus Städten Stadtstaaten – und schließlich mächtige Imperien. Eine große zivilisatorische Kraft entfaltet
sich in dieser Region. Doch sie ist auch ein Ort des Krieges und der Gewalt. Bis heute
——— Text: SAMUEL RIETH;Karten: STEFANIE PETERS

esopotami der Euphrat und der Tigris; Um dennoch Getreide als ein Dorf. Und so stellen

M en ist die
Wiege der

tion. Seine
Bewohner erfinden Schrift,
Literatur und Bürokratie
sowie die Zeiteinteilung in
ihnen verdankt sie auch ihren
Namen: Zweistromland – auf
Griechisch Mesopotamia ,
„Land zwischen den Strö
men“. Heutige Karten ver
zeichnen dort den Irak sowie
Teile Syriens und der Türkei.
anzupflanzen, erschafft das
Volk der Sumerer – das um
4500 v. Chr. in dieser Region
lebt – ein komplexes Bewäs
serungssystem. Das Anlegen
der Kanäle aber kann nur eine
größere Gemeinschaft meis
Beamte, um etwa die Menge
ge
halten, immer komplexere

wickeln ein raffiniertes Zei


chensystem – die Geburt von
Mathematik und Keilschrift.
Stunden, Minuten, Sekunden. Es ist auch der Mangel, tern, mit effektiver Führung, Bald darauf entstehen
Schon vor 5000 Jahren – als der im Zweistromland die Administration, Arbeitstei in der Region größere Herr
die Menschen in Europa fast erste Hochkultur der Welt lung: eine Gemeinschaft wie schaftsgebiete, werden Städte
durchweg noch in primitiven entstehen lässt. Denn das die 25000 Bürger von Uruk , wie Kisch, Lagasch und Ur zu
Weilern leben – wohnen sie Land hat zwar fruchtbare Bö der ersten Metropole der Stadtstaaten. Ihr Wohlstand
in Großstädten, konstruieren den, doch das regenarme Kli Welt, die vor 5300 Jahren am lockt Nomaden an, die ab
prächtige Paläste und Tempel. ma im Süden Mesopotamiens Ufer des Euphrat entsteht. 3000 v. Chr. in immer größe
Zwei Flüsse bilden die ist für den Ackerbau eigent Eine Großstadt verlangt rer Zahl einwandern – und
Lebensadern dieser Region, lich zu trocken. weitaus mehr Organisation mit wachsendem Einfluss.
Schließlich drängt Sar-
gon, ein Nachkomme dieser
Immigranten, auf den Thron
einer der Herrschaften, unter
wirft um 2300 v. Chr. die an
deren sumerischen Stadtstaa
ten und erschafft das Reich
von Akkad, das fast ganz Me
sopotamien umfasst – es ist
das erste Imperium in der
Geschichte der Menschheit.
Als es nach rund 150
Jahren zerbricht, haben die
Sumerer bereits einen Teil

rückgewonnen und gründen


bald darauf sogar ein eigenes
Reich, das Reich von Ur. In
Die Zikkurat der Metropole Ur (rekonstruiert): Solche Tempel sind für die Sumerer dieser Phase schreiben sie die
Orte der Anbetung – und die wirtschaftlichen Zentren ihrer Städte ältesten überlieferten Gesetze

22 GEO EPOCHE Babylon


DIE SUMERISCHEN STADTSTAATEN
Um 2500 v. Chr. Kaspisches
e Urmia-
g e b irg see Meer
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Tutub ge
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Wüste Sippar
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Kisch
Nippur
Adab
Isin Umma
Schuruppag Girsu
Uruk Lagasch
Larsa
Stadtstaaten um 2500 v. Chr. Ur Pe r
sis
Quellen der Karten S. 23 und 24: W. Sallaberger, I. Schrakamp (Hg.), Arcane, Bd. 3, ch
Brepols; Der Große Ploetz, Vandenhoeck & Ruprecht; Tübinger Atlas des Vorderen er
Orients, Dr. Ludwig Reichert Verlag; Der Neue Pauly, Historischer Atlas der antiken G
0 200 km ol
Welt, J. B. Metzler Verlag u. a. f
Alle Karten des Heftes mit dem damaligen Küsten- und Flussverlauf GEOEPOCHE-Karte

Fruchtbares, fast ebenes Land erstreckt sich zwischen den Strömen Euphrat und Tigris. Dort bilden sich vor mehr als
5000 Jahren viele Städte, manche so groß wie nirgendwo sonst auf der Welt. Fast alle liegen im Süden Mesopotamiens,
der an den Persischen Golf grenzt. Um 2500 v. Chr. gibt es bereits mehrere Stadtstaaten, darunter Uruk, Ur, Kisch

DAS BABYLON DES HAMMURABI


1760 v. Chr. Kaspisches
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Ninive
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Assur
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Babylon

Uruk
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größte Ausdehnung des babylonischen Reiches und f
1760 v. Chr. GEOEPOCHE-Karte

Nach der Ära der Stadtstaaten beginnen einzelne Herrscher, größere Reiche zu erobern. Um 1760 v. Chr. steigt eine
zuvor kaum bedeutende Stadt am Euphrat zur Kapitale eines Imperiums auf, das bald fast ganz Mesopotamien umfasst:
Babylon. Den Triumph verdankt sie ihrem Herrscher Hammurabi, der etliche Nachbarreiche bezwingt
DAS GROSSREICH ASSYRIEN
860 v. Chr. Kaspisches
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g e b irg Meer
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ASSYRISCHES Ninive Arbail


Kalchu
REICH (Nimrud)

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BABYLONISCHES
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Babylon REICH
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Uruk
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f
assyrisches Reich unter Assurnasirpal II. um 860 v. Chr. GEOEPOCHE-Karte

Nach Hammurabis Tod gibt es im Zweistromland jahrhundertelang keine Vormacht. Doch um 860 v. Chr. beginnt die
große Zeit der nordmesopotamischen Assyrer. Ihr König Assurnasirpal II., der Kalchu zur Residenzstadt erhebt, befehligt
das schlagkräftigste Heer Vorderasiens. Jeden, der sich nicht unterwirft, erwartet ein grausamer Tod

BABYLON UNTER NEBUKADNEZAR II.


600 v. Chr.
e Kaspisches
g e b irg Meer
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ur
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BABYLONISCHES
REICH Assur
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Damaskus Sippar
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Babylon
Nippur
Jerusalem
Uruk
JUDA Pe r
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größte Ausdehnung des babylonischen Reiches f
unter Nebukadnezar II. um 60 0 v. Chr. GEOEPOCHE-Karte

Mit dem Fall des assyrischen Imperiums gelingt es Babylon, das Territorium der Assyrer weitgehend zu übernehmen.
König Nebukadnezar II. herrscht vom Persischen Golf bis zum Taurusgebirge und an die Grenzen Ägyptens. Doch nur
23 Jahre nach dem Tod des Monarchen fällt das Zweistromland unter die Oberherrschaft der Perser
ZE H N H ER R S C H E R ,
die Geschichte machen

der Geschichte nieder. Doch PUABI


um 2000 v. Chr. zerfällt dieses Königin von Ur
Imperium; Mesopotamien (um 2600 v. Chr.)
besteht nun erneut aus Klein Königin der sumerischen Metro-
staaten. Auch eine Stadt im pole Ur, als es in Mesopotamien
nur Stadtstaaten gibt.
Norden wird auf diese Weise
eigenständig: Assur. SARGON
Dank ihres verzweigten König von Akkad
Handelsnetzes steigt die Stadt (um 2324 – um 2285 v. Chr.)
Der Eroberer begründet das erste
haben denKaufmannsmetro Großreich der Geschichte.
pole auf. Noch ist die Macht Mauern und Türme sollen die assyrische Hauptstadt
URNAMMA
der Assyrer eine rein ökono Ninive vor Feinden schützen König von Ur
mische; erst gut 1000 Jahre (2110– 2093 v. Chr. )
später werden sie ein Reich Der Herrscher lässt im Reich von
begründen, das über die ge Ur den ältesten bekannten Gesetzes -
samte Region herrschen wird. stromlandes – das Zeitalter König Nabopolassar und des kodex der Welt verfassen.
Zuvor erhebt sich eine der mesopotamischen Groß sen kurz darauf gekröntem
HAMMURABI
Stadt am Euphrat aus der Be mächte. Die Hauptrolle spielt Sohn Nebukadnezar II. große König von Babylon
deutungslosigkeit: Babylon. darin zunächst Assur. Teile des assyrischen Herr (1792– 1750 v. Chr.)
Ihr Herrscher Hammu rabi Die assyrischen Herr schaftsgebiets. Der Feldherr begründet das
scher verwandeln die einstige 70 Jahre später geht ihr erste babylonische Reich.
reiche und gebietet ab 1760 Handelsstadt um 860 v. Chr.
MURSCHILI I.
v. Chr. über fast das gesamte in eine schlagkräftige Militär kadnezars Nachfolger hat sich König der Hethiter
Zweistromland. Unter seinen macht: Assurnasirpal II. und bei den eigenen Untertanen (um 1620– um 1590 v. Chr.)
Nachfolgern aber schrumpft seine Nachfolger erobern das so unbeliebt gemacht – etwa Der fremde Herrscher erobert
das babylonische Reich wie ganze Zweistromland sowie durch die Anbetung eines an im Jahr 1595 v. Chr. Babylon und
der und wird 1595 v. Chr. von deren Gottes –, dass sie Baby stürzt Hammurabis Dynastie.
den aus Anatolien angreifen siens und Ägyptens und er lon nicht gegen den 539 v.
ASSURNASIRPAL II .
den Hethitern erobert. richten das bis dahin gewal König von Assyrien
In den folgenden 750 tigste Reich der Geschichte. könig Kyros II. verteidigen. (883 – 859 v. Chr. )
Jahren gelingt es keinem Mo Doch ihre Feinde, dar Der macht Mesopotamien zu Der Kriegerfürst schmiedet das um
narchen, die Vorherrschaft unter Babylon, vereinen sich einem Teil seines Reiches. die Stadt Assur entstandene
zwischen Euphrat und Tigris und besiegen die Assyrer 609 Mehr als zwei Jahrtau assyrische Reich zur Großmacht.
zu erringen. Dann beginnt v. Chr. Deren Riesenreich sende lang steht die Region
ASSURBANIPAL
das letzte Kapitel in der Ge existiert indirekt weiter: Die nun unter fremde Kontrolle: König von Assyrien
Babylonier übernehmen unter Um 330 v. Chr. verdrängt Al (669 – um 630 v. Chr.)
exander der Große die Perser, Unter seiner Herrschaft erreicht das
später herrschen unter ande Imperium seine größte Ausdehnung.
rem die Araber und dann für
NABOPOLASSAR
rund 400 Jahre die Osmanen
König von Babylon
über das Zweistromland, ehe (626 – 605 v. Chr. )
nach dem Ersten Weltkrieg Der Monarch begründet
Briten und Franzosen folgen. nach dem Fall Assyriens das
Erst 1921 entsteht mit neubabylonische Reich.
der Gründung des Irak wie
NEBUKADNEZAR II .
der ein eigenständiger Staat.
König von Babylon
Doch heute bedrohen dort (605 – 562 v. Chr. )
Krieg und Terror das Erbe der Unter dem Herrscher ist die Metropole
Mesopotamier, deren uralte so mächtig wie nie zuvor.
Stätten und Artefakte.
KYROS II .
König von Persien
Samuel Rieth, Jg. 1990, hat
(559 – 530 v. Chr. )
dieses Heft gemeinsam mit Der Herrscher besetzt 539 v. Chr.
Mit Reliefs geflügelter Mischwesen schmücken die Dr. Anja Fries , Jg. 1967, als Babylon – und beendet die Eigen-
Assyrer ihre königliche Residenz Kalchu (heute Nimrud) Textredakteur betreut. ständigkeit Mesopotamiens.

GEO EPOCHE Babylon


Uruk – um 3300 v. Chr.

DIEERSTE
METROPOL
26 GEO EPOCHE Babylon
Am Ufer des Euphrat erhebt sich ein
gewaltiger Komplex (unten) aus dem Häuser -
meer Uruks. Vermutlich feiert der Herrscher
der Stadt dort religiöse Zeremonien

Nirgendwo auf der Erde drängen sich um 3300 v. Chr. so viele Menschen auf engstem Raum
wie in einer Siedlung im Süden Mesopotamiens: Die 25 000 Einwohner von Uruk organi-
sieren ihr Zusammenleben nach straffen Regeln – und erschaffen so die erste Großstadt der
Geschichte Text: BERTRAM WEISSund ANJA FRIES; Illustrationen exklusiv für GEO EPOCHE : TIM WEHRMANN

GEO EPOCHE Babylon 27


Einst, vor sehr, sehr langer Zeit, unter-
drückte Gilgamesch, der sagenhafte Kö-
nig von Uruk, sein Volk und erzürnte
dadurch die Götter. Daher schufen sie
ein wildes, behaartes Wesen namens
Enkidu, das den Despoten bezwingen
sollte: So jedenfalls erzählt es das Gilga-
mesch-Epos, einer der ältesten über lie-
ferten Mythen der Menschheit.
Doch keiner der beiden Kontrahen -
ten konnte den anderen im Kampf be -
E
Utnapischtim, der vor Menschengeden-
ken als einziger Mann eine von den Göt -
tern gesandte Flut überlebt hatte.
Sechs Tage und sieben Nächte, so
riet der Weise, solle Gilgamesch wachen
– dann werde er den Tod überwunden
haben. Doch schon im nächsten Augen -
blick übermannte den König der Schlaf.
Enttäuscht und geläutert kehrte Gil -
gamesch schließlich nach Uruk zurück;
aus dem Tyrannen wurde ein vorbildlicher
Strom dehnen sich sumpfige Schilfrohr-
gürtel aus, Brackwassertümpel und mo-
rastige Pappelhaine. Doch einige Kilo-
meter weiter verändert sich das Bild:
Schmale Kanäle durchziehen wie Adern
das Erdreich, umrunden Weiden und
Äcker. Auf den Getreidefeldern ernten
Bauern Gerste oder dreschen Ähren.
Dann tauchen an den Kanälen Dör -
fer mit flachen Gebäuden aus Lehm auf.
Menschen beugen sich über Gemüse -
siegen, und da wurden die zwei Freunde. Herrscher. Und vor mehr als 5000 Jahren beete, die unter Obstbäumen in Gärten
Sie bestanden zusammen Aben - soll er eine gewaltige Mauer zum Schutz gedeihen. Andere treiben Esel voran, die
teuer, erschlugen den dämonischen seiner Kapitale errichtet haben. Körbe tragen, Töpfe und Säcke.
Wächter des Zedernwaldes im Libanon, Das ist die Legende über die Urzeit Bald erheben sich am Horizont
fällten viele der kostbaren Bäume, bau- Uruks – ein Epos mit Göttern, Dämo- mächtige Bauwerke. An einem Ufer fin-
ten daraus eine 30 Meter hohe Tür und nen und titanischen Helden. Das wirk - den sich gleich mehrere Prachtbauten,
stifteten sie dem mächtigen Gott Enlil liche Geschehen jedoch und die Namen umgeben von zahllosen Häusern. Wenn
für dessen Tempel in der sumerischen der tatsächlichen Schöpfer Uruks über- man die Siedlung schließlich erreicht
Stadt Nippur. liefert die Dichtung nicht. Es ist die Ge - und sich ihrem Zentrum nähert, erkennt
Als das Freundespaar im Triumph schichte von den Ursprüngen der ersten man, wie dicht die Gebäude stehen, wie
nach Uruk zurückkehrte, verliebte sich Me tropole der Menschheit. zahlreich die Kanäle sind und die Wege.
die Göttin Ischtar in Gilgamesch. Doch Händler und Lastenträger eilen
der König verschmähte ihr Eheangebot. durch die Gassen; in Manufakturen
Daraufhin schickte die Zurückge - Wer an einem Tag um 3300 v. Chr. am setzen Arbeiter Geräte in Gang, deren
wiesene den Himmelsstier, um ihn zu Euphratufer in Mesopotamien wandert, Geräusche bis nach draußen dringen;
töten. Zwar konnten die zwei Gefährten bemerkt irgendwann, wie sich die Um- Passanten schwatzen, Esel scharren, Kin-
das mächtige Tier erlegen. Zur Strafe gebung verändert, wie der Mensch sie der lärmen. Dies ist Uruk, die Stadt von
aber ließen die Götter Enkidu sterben. gestaltet. Denn der Weg führt aus einer König Gilgamesch.
Außer sich vor Trauer über den Sumpflandschaft mitten in ein pulsieren - In diesem Zentrum am Euphrat
Verlust des Freundes, reiste Gilgamesch des Zentrum voller Leben. wird der Mensch in jener Zeit nach und
bis ans Ende der Welt, auf der Suche Anfangs erstrecken sich noch weit- nach vom Bauern zum Großstädter: zum
nach dem ewigen Leben. Dort traf er hin feuchte und grüne Ebenen. Am Händler und Kaufmann, zum Baumeis -

28 GEO EPOCHE Babylon


ter, Handwerker und Verwalter. Hier zu einem Zentrum der Innovationen, das Es gibt nun eine Elite von Verwaltern,
werden Waren gehandelt, Ideen entwi- nie da gewesene Möglichkeiten und Vor- aber auch Handwerker, Händler, Arbei-
ckelt und Neuerungen genutzt. In Uruk teile bietet – mehr noch: grundlegende ter. An der Spitze steht ein Herrscher.
lässt sich zum ersten Mal all das gleich- Veränderungen. Es geht um: • Versorgung. Die Menschen küm-
zeitig beobachten, was in heutigen Städ- • Arbeitsteilung. Die Einheimi - mern sich nicht mehr nur um sich oder
ten selbstverständlich erscheint: Handel schen erkennen, dass sie mehr erwirt- ihre Sippe, sondern arbeiten für die Ge-
und massenhafte Produktion, Bürokratie schaften, wenn sich Spezialisten auf be- meinschaft – und werden umgekehrt von
und organisiertes Bauwesen, Schrift und stimmte Aufgaben konzentrieren. ihr versorgt. Eine zentrale Verwaltung
systematisches Sammeln von Wissen. • Massenproduktion. Um Stückzah - organisiert die Produktion von Gütern.
Nirgendwo auf der Welt drängen len zu erhöhen, werden Arbeitsabläufe • Wissen. Die Menschen sammeln
sich so viele Menschen auf kleinem strukturiert und standardisiert. Erkenntnisse, um die Welt zu verstehen
Raum wie in Uruk: gut 25 000 auf 2,5 • Verwaltung. Um die immer grö- – und das göttliche Wirken zu erkennen.
Quadratkilometern. Hinzu kommen ßer werdende Siedlung zu organisieren, • Vernetzung. Der Einfluss von
Tausende, die in den Weiden und Fel- brauchen die Menschen eine komplexe Uruk reicht weit über die Stadt hinaus.
dern ringsum siedeln. Bürokratie. Die Menschen betreiben systematisch
Doch nicht die Größe allein lässt • Schrift. Administratoren entwi - Handel mit fernen Regionen und ver -
Uruk über alle anderen Siedlungen hin - ckeln ein System von Zeichen, um der walten eine Vielzahl kleinerer Siedlun-
ausragen. Die vielen Menschen erfordern wachsenden Wirtschaft Herr zu werden. gen in der Umgebung.
auch eine völlig neue Organisation des • Hierarchie. Besitz und Einfluss Für fast jede dieser Neuerungen ha-
Zusammenlebens. Und so wird die Stadt verändern die Struktur der Gesellschaft. ben Forscher Anzeichen auch in Sied-
lungen gefunden, die noch weitaus früher
gegründet wurden als Uruk. Doch allein
die Stadt am Euphrat weist um 3300 v.
Chr. erstmals all diese Merkmale gleich-
zeitig auf. Und gilt daher nicht mehr nur
als frühe Stadt, sondern: als Metropole.

Uruk
en Weg dorthin bereiten die ers -

D ten Bauern, die ab etwa 9000


v. Chr. in einem sichelförmigen,
ungemein fruchtbaren Land -
strich, der von der Ostküste des Mittel -
meers bis zum Persischen Golf reicht,
Ackerbau und Viehzucht erfinden.
Die Ackerleute leben nicht länger
in Höhlen oder provisorischen Hütten,
sondern errichten einfache, aber dauer-
hafte Häuser. Darin beherbergen sie ihre
Familien und bewahren ihre Güter auf.
Anfangs bevorzugen die Menschen
in der Region runde oder ovale Bauten.
Mitunter lassen sie die in Gruben ein,
deren Wände sie mit Steinen befestigen.
So umgehen sie das Problem, frei stehen-

Zahlreiche Mosaike in
Zickzack-, Netz- oder Rauten-
muster zieren eine Halle,
die zu dem großen Komplex
am Ostufer des Euphrat
gehört. Zwölf rechteckige
Mauerblöcke tragen das
Gebäude, Öllampen auf
Säulen lassen es erstrahlen

GEO EPOCHE Babylon 29


de Mauern zu konstruieren, die manns
hoch und dennoch stabil sind.
Doch schon bald errichten die
Menschen auch rechteckige, solide Häu
ser. Vielerorts bauen sie außerdem weit
hin sichtbare Plattformen aus Lehmzie
geln, auf denen Behausungen aus dem
gleichen Baumaterial entstehen.
Mit Pfeilern im Inneren und an den
Außenwänden stützen sie zuweilen die
flachen Dachkonstruktionen aus Holz,
Pflanzenfasern und Lehm.

n manchen Orten wachsen die

A ersten Dörfer zu Großsiedlun


gen heran – so in Jericho nahe
dem Toten Meer, wo sich um
8000 v. Chr. vielleicht 3000 Einwohner
zum Schutz vor Feinden oder Sturzfluten
aus den nahen Bergen mit einer hohen
steinernen Mauer umgeben.
Oder in Çatalhöyük im Süden der
heutigen Türkei. Dort leben um 6000
v. Chr. vermutlich bis zu 8000 Menschen.
Allein aufgrund seiner Größe bezeichnen
einige Forscher diesen Ort als erste Stadt
überhaupt.
Dicht an dicht, Wand an Wand er
richten die Bewohner von Çatalhöyük
niedrige eingeschossige Häuser. Doch
noch gibt es weder Straßen noch Plätze,

bäude. Es ist, als wucherte diese Sied


lung ohne jede Struktur – und sie erstickt
sich womöglich selbst: Denn schon um
5700 v. Chr. wird sie aus unbekannten
Gründen wieder aufgegeben.
Doch über 1000 Kilometer weiter
im Süden entsteht etwa zu jener Zeit eine
Gemeinschaft, die sich als weitaus stabiler
erweisen wird. Im Land der zwei Ströme
Euphrat und Tigris: in Mesopotamien.
Hier hat die Natur einen Ort ge
schaffen, der ideal erscheint, um vielen

Dicht an dicht stehen


Tausende aus Lehmziegeln
errichtete Wohnhäuser in
Uruk, 250 Kilometer südlich
des heutigen Bagdad. Die
meisten Waren gelangen über
den Euphrat (Bildmitte) in
die Stadt, werden auf Flößen
und Schiffen angelandet

30 GEO EPOCHE Babylon


Spitzmarke

GEO EPOCHE Babylon 31


Menschen eine Heimat zu bieten. Die Über Jahrhunderte lagern sich die Sedi und Tigris Menschen nieder. Woher
beiden Flüsse entspringen im Nordwes mente in den Flussbiegungen ab und sie kommen, kann heute niemand mit
ten in den Anhöhen des waldreichen Gewissheit sagen. Und auch der Name
Taurusgebirges, die durchzogen sind von wasser über die Fluten ragen. schumeru(deutsch: „Sumer“) für das Land
tiefen Schluchten und reißenden Bächen. Nirgendwo in weitem Umkreis ist stammt nicht von diesen Siedlern, son
Von dort strömt das Wasser nach Süd dern von ihren späteren semitischen
osten, passiert ausgedehnte Steppen und lichen Mesopotamien, nirgendwo gibt es Nachbarn im Norden, den Akkadern.
ergießt sich nach Vereinigung der beiden so viel Wasser, Schilfrohr und Weidegras, Die Sumerer selbst nennen sich
Flüsse in den Persischen Golf. so viele Fische und Wasservögel. Die gigga, „die schwarzköpfigen Menschen“,
Je näher die beiden Ströme dem einige Meter höher gelegenen Flächen und ihr Land kiengi, was sich wohl mit
Meer kommen, desto mächtiger werden sind ideale Rückzugsorte für Siedler. „Ort der noblen Herren“ übersetzen lässt.
sie und tragen nährstoffreichen Schlamm Etwa 1000 Jahre lang leben diese
heran, in dem Pflanzen bestens gedeihen. sen sich an den Unterläufen von Euphrat frühen Sumerer in kleinen Clans als Hir

32 GEO EPOCHE Heftthema


ten, Jäger und Sammler. Doch erst als das Städter wurde. Sie erkennen: Uruk ist
Klima um 4500 v. Chr. etwas kühler wird, nicht nur ein großes Dorf. Es ist eine
der sumpfige Boden Mesopotamiens ein Welt, die ganz eigenen Gesetzen folgt.
wenig trockener, beginnen die Menschen
Eines der prächtigsten das Land wahrhaftig zu erobern. önnte man um das Jahr 3300
Gebäude der Stadt errichten
die Menschen in Uruk wohl
unter anderem zu dem Zweck,
die Gestirne zu beobachten.
Aus einem mauerumgrenz-
Zwar ist das Schwemmland frucht-
bar, aber um es urbar zu machen, müssen
die frühen Bauern enger zusammenar-
beiten als zuvor – sie müssen ihre Arbeit
koordinieren. Nach und nach entwickeln
K v. Chr. aus der Vogelperspektive
auf Uruk herabblicken – man
sähe ein Mosaik aus braunen
und grünen, gelben und blauen Flächen.
Man würde auf ein Netz von Wasser-
ten Hof führt eine Treppe zu sie ein ausgeklügeltes Be- und Entwäs- läufen und Straßen schauen, auf Häu-
dem weiß getünchten serungssystem, welches das Ackerland ser und Gärten, auf Viehkoppeln und
Tempel, der auf einer zwölf das ganze Jahr über gleichmäßig feucht Wasserreservoirs.
Meter hohen Terrasse aus hält, ob in Dürreperioden oder in Zeiten
Lehmziegeln steht der Überschwemmung.
Die Bauern beobachten den Pegel
der Flüsse, planen Kanal- und Deich -
bauten und bestimmen, wer an welcher Die Erde ist in
Stelle Wasser schöpfen darf. Dank ihres
Geschicks, das Nass zu beherrschen,
gelingt es den Sumerern, das Land dau- Mesopotamiens
erhaft ertragreich zu bewirtschaften.
Ein Prozess beginnt, der sich immer
weiter selbst antreibt: Mehr Nahrung
bedeutet, dass mehr Kinder großgezogen
SÜDEN
werden können; mehr Kinder bedeuten
mehr Arbeitskräfte; mehr Arbeitskräfte besonders

Uruk
bedeuten höhere Produktivität.
Deshalb bahnt sich allmählich ein
Wandel in der Lebensweise der Men -
schen an: Ab etwa 3900 v. Chr. bilden
fruchtbar
sich mehr und mehr Dörfer, kleine
Städte – allesamt Gemeinschaften, die
sich selbst erhalten und selbst ernähren.
Ihre Bewohner erfüllen alle weitge- Das schimmernde Band des Eu -
hend die gleichen Aufgaben. Und ihr phrat verleiht dem Durcheinander
Blick reicht kaum über die Grenzen der Struktur. Von dort ziehen sich Seiten-
Felder hinaus, von deren Ertrag sie leben. arme durch die gesamte Stadt. Auf den
Nur an einem Ort entsteht etwas Wasserstraßen gleiten Boote aus Schilf-
gänzlich Neues: Etwa 250 Kilometer süd- rohr und Holz, verpicht mit Bitumen,
lich des heutigen Bagdad verbinden sich durch die Kapitale und tragen Waren
am Ufer des Euphrat mehrere sume ri- und Roh stoffe in fast jedes Viertel.
sche Siedlungen zu einem Gemeinwesen, An manchen Orten ist das Klackern
Uruk, das sich aus den Überschüssen von schnell drehenden Töpferscheiben zu
speist, welche die Menschen im Umland hören. Rotierende Schwungräder halten
erwirtschaften – und das schon bald weit über Achsen die steinernen Arbeitsplat -
über seine Grenzen hinaus wirkt. ten in Bewegung. So lässt sich Ton viel
Das finden später deutsche For - schneller zu einem Gefäß formen als
scher heraus. Ab 1912 beginnen Berliner mit den Händen allein. Im Minutentakt
Archäologen die Spuren freizulegen, die fertigen die Töpfer irdene Terrinen und
Jahrtausende im Wüstensand überdauert Schüsseln, Henkelgefäße und große
haben. Aus Mauerresten und Keramik- Krüge mit schmaler Öffnung.
scherben, Tontafeln und Steinwerkzeu- Nicht jeder macht in diesen kleinen
gen vermögen Wissenschaftler heute ein Manufakturen jeden Handgriff: Wäh -
Bild jenes Ortes zu rekonstruieren, an rend ein Arbeiter die Scheibe bedient,
dem der Mensch zum organisierten sortiert ein anderer die Gefäße, stellt sie

33
nach dem Vortrocknen an der Luft be Auf diese Weise entwickeln sie nach
und nach eine regelrechte Massenpro
barer Keramik gehärtet werden können.
Und während einer der Männer materials von Uruk: Lehmziegel.
gereinigten Ton mit Wasser zu einer
formbaren Masse vermischt, zählt ein eden Sommer ist es Zeit für die
anderer, welche Stückzahl an diesem Tag
erzielt wurde. Wieder andere verzieren
Gefäße mit einfachen Linien – für mehr
bleibt keine Zeit.
Die Bewohner von Uruk haben
J Herstellung der flachen Quader.
In Erd kuhlen und Bottichen ver
mengen die Arbeiter lehmige
Erde und faserige Stoffe wie etwa ge
häckseltes Stroh mit Wasser. Dieses
etwas Wichtiges gelernt: Wenn nicht Gemisch pressen die Männer in eckige
mehr jeder für sich all das produziert, Holz rahmen, dann stellen sie die Ziegel
was er für sein Leben benötigt, lässt sich in langen Kolonnen auf den Boden.
ungleich mehr erreichen. Zu Tausenden härten sie in der sen
Während die einen Kanäle graben, genden Sonne. Denn nur jetzt ist es heiß
Gebäude errichten, Felder bestellen oder und trocken genug, um jene Millionen
Herden hüten, müssen andere für Werk von Lehmziegeln anzufertigen, die für
zeuge und Alltagsgegenstände wie Klei den Bau der Stadt benötigt werden. Sie
dung oder Geschirr sorgen. verleihen den Gebäuden Uruks eine war
Erstmals in der Geschichte der me, zart ockergelb schimmernde Farbe.
Menschheit ist Arbeitsteilung allgegen Die Wohnhäuser reihen sich ent
lang enger Gassen und breiter Straßen,
sie haben kleine Luken kurz unter dem
Dach, keine Verzierung.
Hinter den Mauern der Gebäude
Immer liegt in der Regel ein Innenhof mit
Kochstellen; durch Türen gelangen die
Bewohner von dort aus zu kleineren
KOMPLEXER Räumen, die kühl und dunkel sind. Trep
pen und Leitern führen hinauf auf die
flachen Dächer, auf denen Obst und
wird das Fleisch dörren.
Die meisten Nahrungsmittel pro
duzieren die Bewohner von Uruk nicht

soziale Gefüge selbst, sondern lassen sie aus Siedlungen


in der Umgebung für ihre Märkte anlie
fern. Feldarbeiter karren Knoblauch,

in der Stadt tende Wildkräuter, Gerste und Oliven


durch die Gassen. Eselkarawanen schlep
pen Säcke und Töpfe heran, gefüllt mit Hohe Nischen
Datteln und Nüssen, mit Granatäpfeln, gliedern die Fassade
wärtig – und gibt es Berufe. Anders als Weintrauben und Feigen. des Weißen Tempels.
in Dorfgemeinschaften ist nicht Selbst Viele Waren erreichen die Stadt Das Sakralgebäude hat
versorgung das wichtigste Prinzip der über den Euphrat. Auf Flößen und eine Grundfläche von
Ökonomie, sondern die Spezialisierung. Schiffen kommen selbst Waren aus weit fast 400 Quadratmetern
In Uruk wird nicht mehr in jeder entfernten Orten nach Uruk. Händler und wurde bereits um
Behausung gemahlen und gekocht, ge liefern Silber und Kupfer aus den Minen 3450 v. Chr. errichtet
töpfert und geflickt, sondern es gibt nun im persischen Bergland an, Seefische
Werkstätten, in denen Experten diese aus den Lagunen des Persischen Golfs,
Aufgaben verrichten. blauen Lapislazuli aus Afghanistan,
Handwerker verfeinern dort ihre Schmucksteine wie Karneol oder Achat
Kunst, nutzen ihre Rohstoffe immer ef aus den Bergwerken im Osten sowie Ze
fizienter, vereinfachen Arbeitsabläufe, dernstämme aus der Levante, die für den
vereinheitlichen Formen und Muster. Bau großer Gebäude benötigt werden.

34 GEO EPOCHE Babylon


Spitzmarke
Der Handel mit all diesen Waren che Material. Oder sie rollen vorsichtig nehmen die Aufgabe der Verwaltung in
befeuert den unvergleichlichen Auf- eine Steinwalze über Tonplaketten. der Stadt: Manche organisieren die Pro -
schwung Uruks – und macht die Stadt Dies sind Rollsiegel, versehen mit duktion oder Verteilung von Gütern,
um 3300 v. Chr. zur wahrscheinlich feinen Vertiefungen, die im Ton Abdrü- andere verpflichten Arbeitskräfte für
reichsten und größten Siedlung auf dem cke zurücklassen. Die Zeichen auf den öffentliche Großbauten und Transporte,
Planeten. Plaketten stehen für bestimmte Waren, wieder andere schlichten Streit, verbrie-
Umtriebig drängen sich Lastenträ - die Siegel verweisen auf die jeweils ver- fen Leihgaben oder Adoptionen.
ger, Händler und Schiffer an den Kais antwortliche Institu tion – beide Vorgän- Auf diese Weise bildet sich bereits
am Ufer des Euphrat. Während Arbeiter ge stehen für erste Schritte der Mensch - um 3300 v. Chr. eine einflussreiche Elite
die Lieferungen von den Kähnen wuch- heit auf dem Weg zur Schrift (siehe mit besonderen Kompetenzen.
ten, zählen Aufseher die Handelsgüter. Seite 38). Schon aus der Ferne erkennen die
Sie befestigen Anhänger aus Ton an den Einige wenige Bevollmächtigte Menschen, wenn ein Mitglied der vor-
Waren und drücken Zeichen in das wei - (darunter vielleicht auch Frauen) über- nehmen Klasse mit seinem Gefolge

GEO EPOCHE Babylon 35


durch die Straßen von Uruk schreitet. ab oder legen die Grabstöcke in den Mächtiger mit Hofstaat, der allen Bewoh
Fußgänger und Lastenträger, Boten und Gemüsegärten beiseite. Vorarbeiter wei nern Ehrfurcht einflößt.
Händler weichen aus und knien nieder. sen ihnen Tagesrationen zu, abgewogen Er ist es, so jedenfalls lässt sich
Gesegnet ist, wer einen Blick auf den in kleinen genormten Töpfen aus Ton spekulieren, der als Einziger über alles
Schmuck aus Perlen oder edlen Steinen verfügen kann, der gibt und nimmt.
erhaschen kann. geschirr später vieltausendfach finden). Womöglich ist er sogar der Garant
Im Schatten der Palmen kauern die dafür, dass der Wille der Götter umge
enn wer in Uruk über Einfluss Männer, verzehren Getreidebrei, Linsen, setzt wird. Stellt also eine Verbindung

D verfügt, der versucht, es alle se


hen zu lassen. Inzwischen haben
sich deutliche Unterschiede im
sozialen Gefüge entwickelt, ist Besitz
auch ein Zeichen von Rang und Prestige.
Bohnen. Nur selten essen sie noch wie
ihre Vorfahren mit der Familie, scharen
sich mit der Sippe um Feuerstellen.
Je größer und komplizierter ein so
ziales Gefüge wird, desto eher bedarf es
dar zwischen Diesseits und Jenseits, zwi
schen Irdischem und Göttlichem.
Und wer weiß, vielleicht dienen

bäude, die zu beiden Seiten des Eu phrat


Kunstvoll gefertigte Gefäße mit einer straffen Organisation. emporragen, als Orte, in denen er Ver
Steinintarsien – so teuer, dass nur Reiche An der Spitze dieser städtischen sammlungen abhält und religiöse Zere
sie sich leisten können – lassen keinen Hierarchie steht ein einzelner Mann. monien feiert.
Zweifel daran, dass in der städtischen Zwar ist nicht viel über ihn bekannt, Westlich des Flusses erhebt sich
Gesellschaft inzwischen einige wenige noch nicht einmal sein Name ist über eine zwölf Meter hohe Terrasse aus
Mächtige über all den anderen thronen. liefert. Doch vermutlich herrscht – so wie Lehmziegeln, auf der Arbeiter ein 22
wenige Jahrhunderte später – bereits zu Meter langes und 17,5 Meter breites
hörigen der Oberschicht lassen sich in jener Zeit ein König über Uruk. Ein Haus errichtet haben; das strahlend weiß
ihren Häusern von Dienern verwöhnen.
Bei ausgedehnten Mahlzeiten nehmen
die Herrschaften edle Speisen zu sich,
Lamm und Ochsen, Euphrat Karpfen,
Wildvögel, Brot aus Gerste, Datteln,
Granatäpfel, Weintrauben, mit Bienen
honig gesüßtes Naschwerk. Durch lange
Halme schlürfen sie Gerstenbier.
Immer deutlicher zeichnen sich in
Uruk soziale Unterschiede ab. Denn der
Reichtum der Elite beruht auf der Aus
beutung der Armen.
Tausende buckeln Tag für Tag –
und besitzen doch nichts (ob Felder,
Viehherden und Werkstätten Gemeingut
sind, ist nicht bekannt). Im Gegenzug
für ihre Leistung erhalten die Arbeiter
von der Oberschicht zwar Lebensmittel,
doch keineswegs die Garantie, dass das
Gemeinwesen sie mit allem versorgt.
Zur Mittagszeit strömen Heerscha
ren von Arbeitern von den Baustellen,
stellen für einen Augenblick ihre Lasten

Durch kleine Fenster-


öffnungen fällt Tageslicht in
den Mittelsaal des Weißen
Tempels, der zudem von Öl-
lampen erleuchtet wird. Ein
Altar dient den Priestern
von Uruk wahrscheinlich für
Rituale, in denen sie ihren
Göttern Opfer darbringen

36 GEO EPOCHE Babylon


getünchte Gebäude gehört zu den erha - seinen Schrecken zu nehmen, ist nicht und Wohnviertel. Entstehen große Städ -
bensten der Stadt und diente vermutlich mehr aus der Welt zu schaffen. te auch in anderen Regionen, die ähn -
unter anderem der Sternenerkundung. Denn in Uruk wandelt sich das Ver- liche Vorteile bieten wie das mesopota-
Im Osten liegen gleich mehrere im - hältnis des Menschen zu seiner Umwelt. mische Schwemmland – etwa am Nil in
posante Bauwerke, darunter eines mit Zum ersten Mal ist nicht mehr die Natur Ägypten oder im Tal des Indus.
einem Flachdach, das von zwölf recht- seine Heimat. Stattdessen baut er sich Was am Euphrat beginnt, breitet
eckigen Mauerblöcken getragen wird. eine künstliche Welt aus Lehm. Wer sie sich nach und nach über den gesamten
Man kann es von allen im Jahr 3300 v. Chr. Planeten aus. Überall ziehen Menschen
Seiten betreten und dabei durchwandert, dem mag in Großstädten zusammen. Jede Kultur
die mehr als 70 verschiede- sie im Vergleich zu den und jedes Reich trägt das Vermächtnis
nen Muster der Mosaiken Dörfern der Ackerbauern von Uruk weiter. Sie wählen einen Ort
aus schwarz, weiß und rot LITERATURTIPPS bereits wie der Nabel der zum Zentrum ihrer Gemeinschaft, an
gefärbten Keramikstiften Welt erscheinen. Doch dem sich Macht, Wohlstand und Ideen
bewundern. Zwar ist nicht »Uruk – 5000 Jahre dies ist erst der Anfang. verdichten – und ebnen so den Weg zur
sicher, welchen genauen Megacity« Denn von Uruk geht ein heutigen Zivilisation.
Zweck die Bauten erfüllen. Umfangreicher Begleitband zu Sog aus, in den immer Denn die Sumerer zeigen der Welt,
Doch es ist ziemlich wahr- einer spektakulären Ausstellung mehr Menschen geraten. was geschieht, wenn Menschen eng zu-
scheinlich, dass es unter (Michael Imhof Verlag). Um 3000 v. Chr. bietet die sammenrücken: Sie steigern die eigene
anderem Kultstätten der Stadt auf einer Fläche von Produktivität, erhöhen die Vielfalt der
Stadtgöttin Ischtar sind Stefan M. Maul mehralsfünfQua drat kilo- Gesellschaft, fördern Kreativität, Erfin-
(die die Sumerer „Innana“ »Das Gilgamesch-Epos« metern bereits über 50 000 dergeist und Wissensdrang.
nennen), in denen Rituale Das älteste literarische Werk Menschen eine Heimat. Uruk, die Mutter aller Metropolen,
abgehalten werden. der Geschichte in neuer Sie umgeben sich mit existiert noch weitere gut 3500 Jahre.
Schließlich ist das Übersetzung, versehen mit einer gewaltigen Stadt- Und in diesen Jahrtausenden offenbart
ganze Leben der Bewoh- informativen Kommentaren mauer: mindestens sieben sich die ganze Wucht eines grundlegen-
ner Uruks durchwirkt vom (C. H. Beck). Meter hoch und fünf Me - den Prinzips des Zusammenlebens: Je
Glauben an die Macht der ter stark, im Abstand von mehr soziale Kontakte die Menschen
Götter. Manchmal etwa neun Metern mit halbrun - pflegen, desto größer ist der Wohlstand,
erhebt sich eine einzelne den Bastionen verstärkt. den sie erzielen können. Desto schneller
Stimme über das Summen Das Bollwerk zieht auch verändert sich die Gemeinschaft,
der Stadt. Dann kann man beobachten, erstmals in der Geschichte Mesopota - folgt eine Innovation der nächsten.
wie ein Bewohner auf dem Dach seines miens eine Grenze zwischen der archai- Auch Uruk verändert sich im Lauf
Hauses Mehl ausstreut, die Hände gen schen und der urbanen Welt, zwischen seiner Geschichte ständig. Viele Völker
Himmel streckt, ein Amulett aus erlesenen Land und Stadt, Natur und Zivilisation. und Dynastien erringen dort zeitweilig
Steinen schwenkt und laut um Schutz, Es ist jene Mauer, von der im Epos die Macht: Amurriter, Babylonier, Assy-
Gesundheit oder Fruchtbarkeit bittet. berichtet wird, dass König Gilgamesch rer, Perser, Seleukiden, Parther, Sassa-
Doch um zu erahnen, wie die Göt - sie errichtet habe. niden. Doch nie mehr erlangt die Stadt
ter die Menschen führen werden, müs- eine Bedeutung wie zur Zeit ihres Auf-
sen die Erdenbewohner die Welt genau uch im Umland rücken die stiegs. Bis heute rätseln Forscher, warum
beobachten. Und so werden manche im
Gefolge des Königs zu Denkern, For-
schern, Faktensammlern. A Menschen nun nach und nach
immer enger zusammen. Von
den Hunderten Dörfern in der
Bisweilen sieht man die Gelehrten Flussebene bleiben nur einige Dutzend
durch die Straßen schreiten, sie befragen bestehen, die aber immer größer werden.
sie ihre Anziehungskraft verliert und
wohl um die Mitte des 1. Jahrtausends
n. Chr. für immer verlassen wird.
Die Bewohner von Uruk erleben
auf diese Weise über viele Generationen
Arbeiter und Händler. Lassen sich von Manche Orte, wie etwa Eridu und nicht nur, welche Kraft sich entfaltet,
Reisenden aus der Ferne berichten, von Kisch, sind längst zu Städten herange- wenn Menschen zusammenrücken. Son -
ergiebigen Rohstoffquellen und Routen wachsen, andere werden folgen, darunter dern auch, dass diese Kraft irgendwann
durch die Wildnis. Akribisch analysie- Ur, Lagasch und Akkad, Assur und Ba- erlahmt.
ren sie Ernten und Fluten, Dürren und bylon. Rasch flammt zwischen den Wäre es anders, wäre Veränderung
Stürme. Und so gewinnen die Gelehrten Stadtfürsten Rivalität auf. Erbittert rin - nicht möglich.
etwas, was Uruk mehr Macht verleiht als gen sie um die Vorherrschaft in Meso-
jedes materielle Gut: Wissen. potamien – und der Glanz von Uruk Bertram Weiß, Jg. 1983, ist Redakteur
Noch sind Ratio und Götterglaube verblasst nun zusehends. im Team vonGEO kompakt. Dr. Anja Fries,
in der Gedankenwelt der Menschen eng Fortan errichten die Menschen an - Jg. 1967, gehört zur Redaktion von
miteinander verbunden. Doch der Drang, dern orts prächtige Tempel, mächtige GEO EPOCHE. Tim Wehrmann, Jg. 1974,
das Unbekannte zu erforschen und ihm Paläste und Werkstätten, Wallanlagen arbeitet als Illustrator in Hamburg.

GEO EPOCHE Babylon 37


Schreibkunst – um 3300 v. Chr.

EBLA, UM 2350 V. CHR.


Im Lauf der Jahrhunderte breitet sich die
um 3300 v. Chr. in Uruk erfundene Schrift im
gesamten Vorderen Orient aus. Speziell
ausgebildete Schreiber drücken nun etwa
im syrischen Ebla keilförmige Zeichen
in Tafeln aus weichem Ton

38 GEO
GEO
EPOCHE
EPOCHE
Heftthema
Babylon
Die

Erfindung
der

SCHRIFT
Vor mehr als 5000 Jahren vollzieht sich in der
mesopotamischen Stadt Uruk eine kulturelle Revolution:
Die Entwicklung der Schrift macht es erstmals
möglich, Gedanken und Geschehnisse, Erfahrungen und
Fakten fest zuhalten und sie anderen zugänglich zu
machen. Von nun an besitzt die Menschheit einen dauer-
haften Faktenspeicher, der Daten über lange Zeit
bewahrt. Nicht Dichter oder Philosophen aber erfinden
dieses faszinierende Instrument des menschlichen
Geistes – sondern pedantische Beamte
Text: CAY RADEMACHER

GEO EPOCHE Babylon 39


Die Antwort: Schrift ist ein sparsames Sys-

V
tem aus einer begrenzten Anzahl von Zeichen,
das alle Wörter einer Sprache sichtbarund dauer-
haft macht. Sichtbar, weil Menschen die Wörter
nun nicht mehr bloß hören, sondern eben lesen
können. Und dauerhaft, weil man tausend Jahre
oder tausend Kilometer vom Schreiber entfernt
immer noch dessen Worte versteht. Genau das
aber ist die entscheidende Schwierigkeit: Der
Leser muss exakt das gleiche Wort – in vielen
Fällen sogar exakt den gleichen Satz – in genau
der Sprache und genau so lesen können, wie es
der Schreiber einst geschrieben hat.
Vor gut fünf Jahrtausenden gelingt einem unbe- Die Tonfigur einer Göttin oder ein Rich -
kannten Genie in der mesopotamischen Stadt tungspfeil auf einem Schild oder eine Gesichts-
Uruk eine der folgenreichsten Erfindungen der bemalung in einem bestimmten Muster sind des -
Menschheit: die Erfindung der Schrift. halb zwar Symbolefür etwas, aber eben keine
Heute umgibt sie uns überall, vom Medi- Schriftzeichen; sie sind nichts, das jemand Wort für
zinbuch bis zum Namensschild an der Tür, vom Wort lesen könnte.
Roman bis zum Grundgesetz. Die Schrift hält Selbst komplexe Systeme wie Zahlen oder
das Gedächtnis von Einzelnen wie von Völkern Musiknoten sind keine Schrift, denn mit ihnen
fest – in Archiven und Geschichtswerken, in Ta- kann man keine gesprochene Sprache nachahmen.
gebüchern oder graviert im Grabstein. Sie regelt Jede Sprache umfasst Tausende Wörter, zu-
und dokumentiert unsere Gegenwart, und wir sammengezwungen durch eine oft genug willkür-
nehmen mit ihr sogar Einfluss auf die Zukunft – liche Grammatik. Ein simples Verb wie „gehen“
in Lehrbüchern, mit denen Kinder ausgebildet, kann, je nach Person und Zeit, auch als „gehe,
mit Parolen, die an Hauswände gesprüht werden. gehst, geht, ging, gegangen“ geformt werden, es
So allgegenwärtig ist dieses Zeichensystem, kann am Anfang, in der Mitte oder am Ende eines
dass man glauben möchte, ihr Erfinder in jener Satzes stehen. (Gehst du dorthin? Er geht dorthin.
uralten Metropole Uruk müsse ein Dichter gewe - Wir sind dorthin gegangen.)
sen sein oder ein Philosoph oder ein weiser Herr- Es ist schlicht unmöglich, in dieser schier
scher oder gar ein erleuchteter Religionsstifter. unendlichen Vielfalt für jedes gesprochene Wort
Nichts könnte falscher sein. ein eigenes Zeichen zu schreiben. Das Geniale
Denn dieses großartige Werkzeug des eines Schriftsystems ist es also, dass man mit nur
menschlichen Geistes ist tatsächlich die Erfin - relativ wenigen Zeichen irgendwie doch jedes
dung von pedantischen Beamten. Die Schrift ist dieser zahllosen Wörter exakt darstellen kann.
Die Menschen haben während der Steinzeit
fast alle Regionen der Welt besiedelt und dabei
unzählige Sprachen hervorgebracht. Aber über
Aus archaischen Zeichen wird ein Zehntausende Jahre ist es nirgendwo einem Volk
gelungen, seine Sprache in eine Schrift zu fassen.
KOMPLEXES SYSTEM Überall hat jedes Wort nur so lange überdauert
wie der Atemhauch seines Sprechers.
Bis sich dann in zwei Regionen des Nahen
Ostens, in Ägypten und im Zweistromland, die
nicht etwa geschaffen worden, um einer Gottheit Sprache von der Stimme gelöst hat. Unter ande -
oder einer Geliebten in Hymnen zu huldigen, rem in einer Stadt namens Uruk.
sondern, um Ziegen und Getreide zu erfassen, um
Listen zu führen und Waren zu etikettieren. er Ort, vor mehr als 6000 Jahren in den
Kurz: Die Schrift – genauer gesagt die
Keilschrift – ist das P rodukt und die Essenz der
mesopotamischen Bürokratie.
Wer verstehen will, wie es einst zur Erfin-
dung dieses Zeichensystems gekommen ist, muss
D feuchten Schwemmgebieten Mesopo -
tamiens gegründet, ist die erste Metro -
pole der Menschheit (siehe Seite 26).
Mit der Größe der Stadt Uruk nimmt im Laufe
der Jahre auch die Zahl der Bürokraten zu: Rich-
zuerst eine nur auf den ersten Blick simple Frage ter, königliche Berater, Bürgermeister, Verwalter
beantworten: Was ist eigentlich eine Schrift? der Heiligtümer.

40 GEO EPOCHE Babylon


dessen Verwalter diese Abgabe, indem er zehn
Woll-Zählmarken knetet. Damit er später noch
weiß, dass diese zehn Ballen zusammengehören,
formt er zusätzlich eine Art Hülle aus Ton, in die
er die Zählmarken steckt. Und damit er später
weiß, was in dieser Hülle enthalten ist, drückt er
die Zählmarken zuvor wie Stempel in die Außen -
seite der Hülle. Am Ende hat er eine Tonhülle,
die im Innern zehn Marken bewahrt und in die
außen zehn Wollsymbole geprägt sind. Diese
Hülle verwahrt er als Teil seiner Buchführung.
Einige Jahrhunderte lang geht das so: Ein
Zählstein steht für eine Ware – mehrere Zähl -
steine in einer markierten Hülle sind wie ein
Archiv. (Etwa 80 unbeschädigte Tonhüllen sind
bislang von Forschern geborgen worden, aber erst
fünf wurden zur Analyse der Zählmarken geöff-
net. Denn man müsste den inzwischen längst
getrockneten Ton der Hüllen unwiederbringlich
zerstören, wollte man ihren Inhalt in Händen hal -
ten. In den USA sind allerdings manche niemals
geöffnete Hüllen in Krankenhäusern mit Tomo -
graphen durchleuchtet worden. )

wischen 3300 und 3100 v. Chr. nimmt

Schreibkunst
URUK, UM 3300 V. CHR. Uruks Einwohnerzahl deutlich zu, von
Mit Etiketten wie diesem kennzeichnen vielleicht 25000 auf 50 000 Menschen;
die Sumerer ihre Waren (unten ist ein das sind annähernd doppelt so viel wie
Loch zum Aufhängen zu erkennen) und in den nächstgrößeren Siedlungen auf der Welt.
benennen deren Herkunftsort oder 50 000 Menschen: Das sind 50 000 Unter -
Lieferanten. Was genau auf dieser Tafel tanen, deren Mägen man irgendwie mit Brot und
steht, ist jedoch unbekannt Bier versorgen muss. 50000 Käufer und Verkäufer,
die mit Getreide und Ziegen, mit Leder und Töp -
ferwaren, mit Elfenbein und Lapislazuli handeln.
Unmöglich, das alles im Kopf zu behalten.
Unmöglich, das alles noch mit ein paar primitiv
geformten Tonklumpen zu verwalten. Das System
stößt an seine administrativen Grenzen.
Da entwickelt ein namenloser Verwalter –
Zwar benutzen Händler und Beamte schon kein Dichter, kein Prophet, kein weiser Mann –
seit langer Zeit kleine „Zählmarken“, um ihre ein Verfahren, um der ausufernden Bürokratie
Transaktionen zu dokumentieren. Aber irgend - Herr zu werden: die Keilschrift. Er entwirft stan -
wann reicht dieses archaische Prinzip (von dem dardisierte Zeichen, um all die Bestandslisten und
heute nicht mehr bekannt ist, wie es funktio nierte) Warenetiketten schneller zu erstellen, Zeichen, mit
offenbar nicht mehr aus. Und so verbessern ab denen bald Beamte und Bürger auch Verträge
3500 v. Chr. wohl vor allem Tempelbedienstete dauerhaft und eindeutig festhalten werden.
das System, entwickeln handliche Objekte, vor Doch wann und wie und wo genau sich
allem aus Ton, die jeweils eine Ware symbolisieren. diese entscheidende Erfindung der Menschheit
Ton ist im südlichen Mesopotamien fast zugetragen hat, wird die Forschung wohl nie her-
überall zu haben: leicht formbar, ein praktisches ausfinden.
Allerweltsmaterial. Eine Scheibe aus Ton mit ein Denn die ältesten Keilschrift-Tontafeln sind,
paar eingeritzten Linien etwa ist ein mit nur we - von der Sonne hart getrocknet, noch in uralten
nigen Handgriffen geformtes Symbol für Wolle. Zeiten zusammen mit zerbrochenen Krügen oder
Liefert nun beispielsweise ein Sumerer zehn zertrümmerten Ziegeln als Füllmaterial verwendet
Ballen Wolle bei einem Tempel ab, registriert worden. Archäologen haben bis heute mehr als

GEO EPOCHE Babylon 41


URUK, UM 3100 V. CHR.
Eine Abrechnung über 40 Liter Gerste.
Quer über den Text abgedrückt ist das
Rollsiegel eines hochrangigen Mannes
(erkennbar etwa am linken unteren Rand),
wohl als Bestätigung für den Erhalt
der Ware (siehe Seite 45)
5000 archaische Tafeln fast ausschließlich aus an- Bild ist nicht nur einfacher zu fertigen als ein
tikem Bauschutt geborgen. Unmöglich zu sagen, Modell – man kann es auch sehr simpel mit wei-
wer sie wann und zu welchem Anlass geschrieben teren Bildern kombinieren, die man einfach auf
hat. Unmöglich zu sagen, ob es noch einfachere derselben Tonfläche danebensetzt.
Vorläufer jener Tafeln gegeben haben könnte. Denn wenn jener Verwalter erst einmal die-
Die ältesten jener archaischen Tafeln sind im sen entscheidenden Schritt gegangen ist, das Mo -
Tempelbezirk Eana von Uruk ausgegraben wor- dell durch das Bild zu ersetzen, dann folgt darauf
den. Nehmen wir also an, dass an diesem Platz geradezu eine Explosion des Abstrakten. Statt
der Ursprungsort der Schrift zu finden ist.
Sicher ist, dass die Keilschrift im Verlauf
von wohl gut 500 Jahren zu einem noch nicht
vollständigen, aber schon brauchbaren und hoch- Bald schon stehen die Keilschrift
-
komplexen System herangereift ist. Und ziemlich
sicher ist ebenfalls, dass dafürzwei entscheidende
Schritte getan werden mussten:
zeichen auch fürSILBEN
• Zum einen wurden konkrete Modellevon
konkreten Dingen (etwa eine Woll-Zählmarke für
einen Wollballen) durch Zeichenabgelöst; die Mo- zehnmal das Wollzeichen einzuritzen, reicht es
delle wurden nicht länger aus Ton geformt,sondern doch, es einmal zu zeichnen und einen Kreis da-
es wurden Zeichen in den Ton gedrückt ; zuzutun, als Symbol für die Zahl der Ballen.
• zum anderen konnten diese Zeichen nicht Das ist Schrift, wenn auch noch ganz der
mehr nur ausschließlich für Dinge stehen, son- Welt der Hauptwörter (genauer: der Dinge) und
dern zugleich auch für Laute. Jede Silbe, die ein der Zahlen verhaftet.
Mensch in Uruk aussprechen konnte, ließ sich Kombiniert man etwa die Zeichen „Wolle“,
irgendwann auch durch ein Zeichen darstellen. „zehn“ und „Haus“, dann mag das bedeuten: „In
diesem Haus liegen zehn Wollballen.“

Schreibkunst
er erste Schritt. Stellen wir uns einen Aber dieser einfache Satz kann eben noch

D überforderten Beamten im Tempel-


bezirk Eana vor, der von einer stetig
wachsenden Zahl Untertanen Wolle
geliefert bekommt. Welche Arbeit es macht, jede
Lieferung durch Zählsteine abzuarbeiten, wie viel
nicht geschrieben werden, alle Verben, Artikel, Prä-
positionen, Zeitformen sind durch solche quasi-
dinglichen Bildzeichen allein nicht darzustellen.
Und selbst diese drei Zeichen sind längst
nicht eindeutig – das Beispiel kann ja ebenso gut
Platz es kostet, die gefüllten Tonhüllen zu stapeln! als „Zehn Wollballen sind so viel wert wie dieses
Da kommt dem Verwalter aus schierer Not Haus“ gelesen werden oder als „Die Wolle eines
eine geniale Idee: Statt beispielsweise Woll-Zähl- Wollballens wird auf zehn Häuser verteilt“.
steine in eine Tonhülle zu stopfen, die außen mit
Woll-Zeichen markiert ist, reicht es doch, nur er zweite Schritt. Sumerisch, das Idiom
Woll-Zeichen in den Ton zu ritzen!
Dann braucht er auch keine Hülle mehr, es
reicht eine flache Tontafel, in die jene Symbole
geritzt werden. Das System ist viel schneller, viel
effizienter und viel platzsparender.
D der Einwohner von Uruk, ist eine ag-
glutinierende Sprache. In ihr wird, ähn-
lich wie heute noch beispielsweise im
Japanischen oder Ungarischen, der Wortstamm
nicht gebeugt, sondern je nach Fall um Vor- oder
Vor allem aber: Es ist erstmals abstrakt. Nachsilben ergänzt. Zudem ist Sumerisch eine
Denn das, was uns heute als geradezu schrei- Sprache mit sehr vielen einsilbigen Hauptwörtern
end selbstverständlich erscheint, war eben jahr- und Verben. Ein Wort – eine Silbe.
hundertelang alles andere als offensichtlich. Die Die zweite, nun wahrhaft geniale Idee hat
Verwalter blieben bei ihren Zählsystemen stets ein weiterer Beamter vielleicht um das Jahr
konkret: Ein kleiner Zählstein stand für einen 3000 v. Chr.: Das eingedrückte Bild kann nicht
Ballen Wolle; es wurde bloß ein großes Objekt bloß einen konkreten Gegenstandsymbolisieren,
durch ein kleines ausgetauscht. Alles blieb drei- sondern auch dessen Aussprache ! Also genau die
dimensional, konkret – im Wortsinn be-greifbar. Silbe, aus der das Wort besteht.
Die neuen Zeichen hingegen sind abstrakt: Ein Beispiel: Drei mit wenigen Strichen sti -
Ein Ballen Wolle ist plötzlich ein in eine Tontafel lisierte Pflanzen auf einem geraden Strich symbo-
gedrücktes Viereck mit ein paar Linien darin. lisieren „Garten“. Ein Bild – ein Gegenstand.
Das ist, wohlgemerkt, noch immer ein Bild, Das einsilbige Wort für „Garten“ ist sar.
wenn auch ein sehr schematisches. Aber ein Genauso wird zufällig aber auch das Verb für

GEO EPOCHE Babylon 43


„schreiben“ ausgesprochen. Das Geniale ist nun,
dass der Schreiber auch dann einen kleinen stili-
sierten Garten in den Ton drückt, wenn er das
Wort „schreiben“ verdeutlichen will. EIN GEHEIMNIS,
Dieses kleine, primitive Bild-Zeichen bleibt
einerseits das Wort für den Garten – es hat eine FAST ENTHÜLLT
logographische Bedeutung. Aber es kann nun auch
die Aussprache einer Silbe anzeigen – es hat zu- Gesetze, Briefe, Warenlisten: Mit der Keilschrift
sätzlich eine phonetischeBedeutung. lassen sich Texte aller Art niederschreiben. Doch
Und das ist bereits eine vollständig entwi- lange Zeit gibt es niemanden, der sie lesen kann
ckelte Schrift; sie besteht aus kleinen Bildzeichen,
die jedermann als Symbole für ein Wort oder als
Symbole für eine Silbe lesen kann. Damit lässt
sich nun jeder Laut der Sprache festhalten – und ithilfe der Keilschrift verfassen Beamte
damit auch jeder beliebige Satz.
Man denke an eine moderne Analogie: In
unsere heutige Schrift – die nach jahrtausende -
M in Mesopotamien vom 4. Jahrtausend v.
Chr. an auf Tontafeln große Mengen von
Verwaltungstexten, um die Bestände in Vorrats-
langer Entwicklung nur noch Buchstaben kennt, lagern zu erfassen. Durch Trocknen oder Brennen
die Laute angeben – haben sich inzwischen werden die Tafeln fest. Es gibt drei Formate:
auch wieder einfache Bildzeichen eingeschlichen. • einfache Täfelchen, durchbohrt, um sie
Das allein mag „Herz“ oder „Liebe“ oder etwa etwa an Waren befestigen zu können, mit wenigen
„heart“ oder „love“ bedeuten. Es ist einSymbol, Schriftzeichen;
aber so noch kein Schriftzeichen , denn es ist ja eben • etwas größere Tafeln mit Schrift- und
nicht eindeutig. Kombiniert man es jedoch mit Zahlzeichen sowie Vermerken zu bestimmten
anderen Zeichen, vor allem solchen, die eindeu- Personen;
tige Laute wiedergeben, sieht es ganz anders aus: • Tafeln, die durch Linien in Spalten einge-
„Ich Hamburg.“ teilt sind (siehe rechts) und jeweils mehrere Grup-
„Anja hat ein großes .“ pen von Informationen enthalten.
„ lich“ / „ og“ / „Sc “. Anfangs notieren die Mesopotamier vor al-
Hier kann das gleiche Bild plötzlich eindeu- lem Wirtschaftsdaten. In den folgenden drei Jahr -
tig gelesen werden: Liebe, Herz und als Silbe oder tausenden entstehen unter anderem auch wissen -
Wortbestandteil von herzlich, Herzog, Scherz. Das schaftliche Aufzeichnungen, Gesetze, Dichtung
ist somit zum Schriftzeichen geworden! sowie unzählige geschäftliche und private Briefe.
Das Beispiel zeigt die Flexibilität dieses Im 1. Jahrhundert n. Chr. wird der wohl
Schriftsystems – aber auch seine Grenzen. Ein letzte Text in Keilschrift verfasst, danach gerät sie
Bild, das eine Kultur womöglich schon seit Jahr- in Vergessenheit. Bis im Jahr 1802 ein Gymnasial-
hunderten kennt, kann auf einmal für ganz unter - lehrer aus Göttingen auf die Probe gestellt wird.
schiedliche Wörter und Laute benutzt werden. Denn Georg Friedrich Grotefend, der Rätsel
Schier unendlich viele Wörter lassen sich prinzi- und Geheimschriften mag, behauptet: Er könne
piell nun auf relativ wenige Zeichen reduzieren. einen Text entziffern, ohne dessen Sprache,
Andererseits muss man, um solch ein Bild Schrift und Inhalt zu kennen. Aber ein Freund
als Schrift lesen zu können, eben den gesamten will ihm ohne Beweis nicht glauben. Grotefend
Kontext kennen, als Zeichen allein ist es noch zu versucht sich an einer Grab inschrift – ein persi-
uneindeutig. scher Großkönig ließ darin seine Vorgänger auf-
zählen. Da einige dieser Herrschernamen bereits
enau so, und eigentlich noch etwas aus griechischen Quellen bekannt sind, gelingt es

G komplizierter, entwickelt sich die


Schrift in Uruk: Aus konkreten Bil-
dern werden flexible Schriftzeichen.
Das Zeichen DU beispielsweise – ein paar in den
Ton gedrückte Keile, die einen menschlichen Fuß
Grotefend tatsächlich, einzelnen Zeichen Laute
zuzuordnen. Es ist der Beginn der systematischen
Erforschung der Keilschrift.
Doch noch heute ist der Inhalt der meisten
Tontafeln ungeklärt – weltweit gibt es nur wenige
darstellen – kann für „gehen“ (du), „stehen“ (gub), Hundert Experten, die die Schrift der Mesopo -
„tragen“ (de) und „Geräusche machen“ (scha) ver- tamier lesen können.
wendet werden. Damit steht ein und dasselbe
Zeichen zugleich für die vollkommen unter-
schiedlich klingenden Silben du, gub, de, scha.

44 GEO EPOCHE Babylon


URUK, UM 3000 V. CHR. VORGANG EINER LIEFERUNG
Auf dieser Tafel sind unter anderem Da es sich um eine Verwaltungsliste
die Mengen an Gerstenschrot und und keine Rezeptur handelt, sind nur
Malz verzeichnet, die wohl von einem Angaben über die Zutaten ent-
Lagerverwalter ausgegeben wurden, halten, jedoch keine Anleitung zur
etwa um Bier zu brauen Herstellung der Produkte

7
1

2 6

8
5

Die Mengen an Rohstoffen, die laut dieser Tafel ausgeliefert wurden, reichen, um neun verschiedene Getreideprodukte
(welche genau, ist nicht überliefert) herzustellen und acht Biersorten zu brauen. Vor allem Zahlen sind hier verzeichnet (als
Mengenangaben) sowie Symbole, die Getreide oder Biere bezeichnen (noch ist nicht die Bedeutung aller Zeichen bekannt).
Die Sumerer verwenden drei Zahlensysteme, darunter das sogenannte Bisexagesimal-System, bei dem Zahlen durch die
Ziffern 1, 10 und 60 sowie deren Vielfache dargestellt werden. Die Informationen im Detail:
10.

teils gefüllten Halbkreise sind die Zeichen für 60, also insgesamt 120. Daneben steht das Zeichen für Bierkrüge. Rechts
daneben ist oben die Menge an Gerstenschrot aufgeführt, die für die 120 Bierkrüge erforderlich ist, darunter die Menge des
Malzes. | (blau:) Links steht die Zahl 1800, die sich wohl auf Rationen eines bestimmten Getreideproduktes (das Zeichen
rechts unten im Rechteck) bezieht, sowie rechts die Menge von Gerstenschrot, die für die Herstellung nötig ist

GEO EPOCHE Babylon 45


Hat man erst einmal Silben geschrieben, die heutigen Forscher nicht – vielleicht lassen sie
dann kann man sie zudem, wie in einem Rebus, sich so einfacher in den Ton stanzen.
immer neu kombinieren: gi zum Beispiel ist das Zudem werden die Zeichen immer reduzier -
„Schilf“ und bedeutet zugleich, da es genauso aus- ter, immer abstrakter. Nach einigen Jahrhunderten
gesprochen wird, „zurückkehren“. Doch auch der haben sich die Keilschriftzeichen so verändert,
Name von Uruks Nachbarstadt Girsu kann mit dass sie oft keine Ähnlichkeit mehr mit irgend -
dem Zeichen geschrieben werden, wenn man als welchen Gegenständen haben.
zweites Zeichen das für die Silbe su setzt. Man könnte auch (sehr verkürzt und nicht
In Uruk werden Texte deshalb nicht, wie hundertprozentig korrekt) sagen: Aus dem Bild
heute, gelesen, sie werden eher interpretiert. ist ein Buchstabe geworden. Die Schrift ist also
Jeder Schreiber kann prinzipiell jedes Zei-
chen frei nutzen: als Bild für irgendetwas – oder
als Lautzeichen für eine Silbe. Und jeder Leser
muss erst herausfinden, wie der Schreiber das ge-
meint haben mag: Ist beispielsweise das Zeichen
DU tatsächlich als Symbol für „gehen“ gemeint?
Oder steht da jemand, oder trägt er irgendetwas?
Oder wird damit vielleicht eher eine Stadt ange -
sprochen, deren Name mit „Du...“ beginnt?
Erst wer als Leser den Kontext begriffen hat,
kann einen Satz verstehen. (Um im Beispiel zu
bleiben: Wer erkennt, dass es in einem Text um
den Transport von Waren geht, wird das Zeichen
als de lesen, „tragen“.)

b jenen namenlosen Beamten, der

O gegen 3300 v. Chr. im Tempelbezirk


von Uruk die Schrift erfindet, ein
Heureka-Gefühl durchströmt? Ein
Moment des puren, reinen Glücks der Erkennt -
nis? Ob er sich bewusst ist, dass er der erste
Schreiber der Menschheitsgeschichte ist?
Wohl kaum. Doch mit der (noch sehr ein -
fachen) Keilschrift hat er zum ersten Mal die
Möglichkeit eröffnet, die Welt um uns auf ein
paar einfache Zeichen zu reduzieren.
Auf Zeichen, die man schließlich nicht nur
als Bild für ein Wort, sondern auch als Silbe (du,
gub, de, scha) lesen kann. Auf Zeichen, die sich in
beliebiger Reihenfolge und beliebiger Länge kom-
binieren lassen – und die demnach jedes Wort,
jeden Satz, jeden Text, der sich überhaupt ausden-
ken lässt, exakt festhalten können.
Der Rest ist bloß noch eine Fortentwicklung
jener genial flexiblen Erfindung.
In Uruk selbst löst sich die Keilschrift im
Verlauf der folgenden Jahrhunderte nach und
nach vom Bild. Schon um 3000 v. Chr. werden die
Bilder etwa um 90 Grad nach links gedreht. Da -
mit liegt beispielsweise bei DU nun der Fuß, der
ursprünglich fest auf dem Boden stand, so auf der URUK, UM 3100 V. CHR
Seite, dass die Zehen gewissermaßen in die Luft Auch bei dieser Tafel geht es um die
ragen. Die Pflanzen, die im Symbol für „Garten“ Abrechnung von Getreide – hier den Mengen
ursprünglich aus dem Boden wuchsen, werden zu für zwei Produkte. Die kreisförmigen
waagerechten Strichen links von einer senkrechten Vertiefungen sind Maßangaben, das stili-
Linie. Warum die Zeichen gekippt werden, wissen sierte Gesicht mit dem Napf rechts unten
bedeutet, dass etwas zugeteilt wird

46
älter als der Buchstabe, und es dauert Jahrhunder- VOM BILD ZUM
te, bis sie nur noch aus Buchstaben (im Sinne von
abstrakten Zeichen) besteht. ABSTRAKTEN ZEICHEN
Diese Zeichen werden in Ton gesetzt. Das
Material ist dauerhaft und wird ohnehin schon Die sumerische Keilschrift besteht aus mehreren Hundert
lange von Bürokraten genutzt. Zeichen, die sich beliebig kombinieren lassen. Doch im Lauf
der Zeit verändert sich die Form der einzelnen Elemente
um Schreiben formen die Sumerer vier-

Z eckige, oftmals gut handgroße Platten,


die Vorderseite glatt gestrichen, die
Rückseite leicht gewölbt: solide Tafeln,
die man bequem in einer Hand halten kann. Ein
Schreiber braucht keinen Tisch, kein Pult – er
CA. 3300
V. CHR.
CA. 3000
V. CHR.
CA. 2500
V. CHR.
CA. 1800
V. CHR.
CA. 700
V. CHR.
BEDEU-
TUNG

HIMMEL/
GOTT
hockt im Schneidersitz auf dem Boden, er könn-
te aber auch, zum Beispiel wenn er angelieferte
Waren inspizieren muss, mit seiner Tafel stehend GEBIRGE

oder sogar gehend arbeiten.


Feuchter Ton ist allerdings zäh. Hätten die
KOPF
Sumerer (wie es andere Zivilisationen tun wer-
den) Materialien mit festerer Oberfläche benutzt,
Papyrus, Papier, Leder, Baumrinde, dann hätten MUND
sie darauf mit einem Pinsel Zeichen gemalt.
Der Ton zwingt sie jedoch dazu, die Zeichen
einzudrücken. Statt Pinsel oder Schreibfeder be- WASSER

nutzen sie deshalb einen gut 20 Zentimeter lan -


gen Griffel, der aus einem Schilfrohr geschnitten
VOGEL
ist. Mit der Spitze des Griffels stanzen sie – je
nach dem Winkel, in dem sie ihn halten – mehr
oder weniger große Keile in den Ton. FISCH
Das ist die Keilschrift: eine Tafel Ton und
ein Schilfrohrgriffel, der wie ein präziser Stempel
RIND
dort hineingedrückt wird. Keine Farben, keine
Bilder, keine Bücher.
Ein sumerischer Schreiber muss jedes Zei-
chen aus einer Kombination verschiedenförmiger
Keile zusammensetzen – aus Zeichen, die er je- Aus Bildzeichen (Piktogrammen) werden im Verlauf
weils einzeln einstanzen muss. Das ist einerseits der Entwicklung immer abstraktere, aus Keilen zusammen-
aufwendig. Andererseits reicht, dank der vielen gesetzte Symbolzeichen. Die ursprünglichen Motive,
einsilbigen Begriffe, oft genug ein einziges Zei- etwa der Kopf (3. Zeile von oben, links), sind im letzten
chen aus, um ein Wort darzustellen. Stadium kaum noch zu erkennen. Doch dafür können
Nach 3000 v. Chr. entwickeln die Sumerer die Schreiber die Zeichen in ihrer neuen Form schneller
ihr Schriftsystem weiter, sodass sie ihre aus Tau- mit ihren Schilfgriffeln in den Ton drücken
senden Wörtern bestehende Sprache mit etwa
600 Zeichen schreiben können. Diese paar Hun -
dert Zeichen lassen sich beliebig kombinieren, sie
lassen sich als ganze Wörter und Silben lesen, und
mit ihnen kann jedes Wort, das jemand spricht,
exakt wiedergegeben werden. Das Keilschrift- ner“ bedeutete, eine Reminiszenz ans Buchhalte-
zeichen für „Gott“ (dingir) kombiniert mit dem rische. (Erst später werden sie sich „Schreiber“
Silbenzeichen ra bedeutet „des Gottes“. nennen: dub-sar.)
Dank der Bürokraten sind die ältesten Texte Die ersten Texte sind karg. Einer lautet:
der Menschheit zugleich ihre langweiligsten: Lie- „Zwei Sklaven Enpap und Sukkalgir / Besitzer
ferlisten und Etiketten. Die Geschichte der Welt - Galsal“. Ist das ein Kaufvertrag, der beweist, dass
literatur beginnt mit dem Kleingedruckten. Galsal diese zwei Menschen erstanden hat? Oder
Ein Schreibkundiger wird in der Frühzeit eher eine Art Ausweis, den die beiden Unfreien
umbi-sag genannt, was ursprünglich wohl „Rech- bei sich tragen, um anzuzeigen, wem sie gehören?

GEO EPOCHE Babylon 47


DIE SCHRIFT DER Gut 90 Prozent der ältesten Schriftstücke
der Welt sind sperrige Texte dieser Art. Den Rest
PHARAONEN machen Wörterbücher aus – genauer: Wörter-
listen auf großen Tontafeln, die Spalte für Spalte
Auch in Ägypten entwickeln Beamte um bestimmte Wörter aufführen.
3000 v. Chr. eine Möglichkeit, Wissen dauerhaft Am wichtigsten ist ein Verzeichnis der Be-
festzuhalten: mit Hieroglyphen rufe. An erster Stelle steht dort das Wort nam-
schita-gisch(Herrscher), weiter unten dann nam-di
(Oberrichter) und nam-uru (Bürgermeister). Die-
se Liste ist zum einen eine Art Wörterbuch: Jeder
ie Schrift ist mehrmals unabhängig von- Schreiber kann sofort sehen, wie jeder Beruf kor-

D einander erfunden worden: außer im


Zweistromland etwa auch in Ägypten, in
China sowie in Mittelamerika unter anderem von
rekt zu schreiben ist. Zum anderen aber – so wich-
tig für Bürokraten! – ist sie ein Organigramm, das
genau anzeigt, welcher Posten in der gesellschaft-
den Maya. Nach jetzigem Wissensstand sind die lichen Hierarchie an welcher Position steht.
Keilschriftzeichen von Uruk die ältesten über- Wohl zur gleichen Zeit entstehen weitere,
haupt – oder die Hieroglyphen der Ägypter. weniger verwaltungstechnische Wortlisten: Tafeln
Denn wie die ersten mesopotamischen Texte mit allen Vogelnamen, Fischnamen, Baumnamen
stammen auch einige Elfenbeinplättchen und und allen Bezeichnungen für Vorräte.
Tongefäße, die in den Gräbern eines Friedhofs im Immer mehr Wörter werden so gewisser-
oberägyptischen Abydos gefunden worden sind, maßen offiziell in ihrer richtigen Schreibweise
aus dem späten 4. Jahrtausend v. Chr.: Die auf festgelegt – ein Duden der Keilschrift.
ihnen eingeritzten Symbole sind wohl frühe Hie -
roglyphen und sollten wahrscheinlich zur Identi- chon die angehenden Schreiber werden
fikation der Verstorbenen im Jenseits dienen.
In Ägypten wird jedoch schnell Papyrus zum
bevorzugten Schreibmaterial, das sich mit Feder
und Pinsel leicht beschriften lässt. Wie die Keil-
schrift, die in Tontafeln gedrückt wird, entwickeln
S diese Wörterlisten auswendig lernen müs-
sen. Schulen (e-dub-ba-a, „das Haus, das
Tontafeln zuteilt“) sind zwar erst für spä-
tere Zeiten ab etwa 2000 v. Chr. durch erhaltene
Texte nachweisbar, vermutlich sind sie aber unge-
sich Hieroglyphen von Bild- zu Silbenzeichen, fähr so alt wie die Schrift selbst.
die grundsätzlich auch für andere Sprachen nutz - Ein Lehrer, der „Vater der Schule“, unter-
bar sind. Doch anders als Mesopotamien bleibt richtet in seinem Haus wohl ein bis fünf Eleven,
Ägypten jahrtausendelang ein sprachlich weitge- die im Alter von fünf Jahren bei ihm eintreten.
hend einheitliches Reich – und so werden Hiero - Man muss sich das als kleinen Handwerks-
glyphen nie zu einem universalen Schriftsystem. betrieb vorstellen. Ob die Väter der Schulen auch
Mädchen aufnehmen, ist ungewiss. Doch sind ab
etwa 2100 v. Chr. schreibkundige Frauen belegt,
Händlerinnen etwa oder Palastbedienstete.
Pro Monat lernt ein Schüler 24 Tage lang,
drei Tage sind religiösen Festen vorbehalten, den
kargen Rest hat er frei. Wie lange währt diese
Schinderei? Schwer zu sagen, vermutlich haben
Schreiber als Jugendliche ausgelernt.
Anfangs üben sie wahrscheinlich, den Grif-
fel richtig mit Daumen und Zeigefinger zu halten
und die Zeichen korrekt einzudrücken. Geschrie -
ben wird von links nach rechts und von oben nach
unten. Ist die Vorderseite voll, wird auf der Rück-
seite weitergeschrieben und zur Not auch noch
THEBEN, UM 2040 V. CHR. auf dem Rand, sofern die Tafel dick genug ist.
Die Hieroglyphen auf dieser Stele für einen Auf einigen später gefundenen Schul-
hohen Beamten am Hof des Pharao berichten von Tontafeln hat der Meister in einer Spalte links die
berühmten Zeitgenossen des Verstorbenen richtigen Schreibweisen eingedrückt, rechts muss
der Schüler sie kopieren (manche dieser unge-
lenken Texte, einschließlich vieler Fehler, haben
die Zeiten überdauert). Beherrscht der Lernende

48 GEO EPOCHE Babylon


Schreibkunst
EBLA, UM 2350 V. CHR.
Zahlreiche Städte und Dörfer Mesopo-
tamiens sind auf dieser Tontafel verzeichnet,
die in einem Königspalast im heutigen
Syrien gefunden wurde. Die Form der
Schriftzeichen ist bereits viel abstrakter
als in den Jahrhunderten zuvor

GEO EPOCHE Babylon 49


die Zeichen, schreibt er vermutlich Listen und
Verträge ab, Jahr um Jahr. Er lernt den Stolz auf
sein Handwerk, denn auch Sprichwörter muss er
kopieren: „Ein Schreiber ohne gute Handschrift
ist wie ein Sänger ohne Stimme.“

merische Bürokratie. Denn fertig ausgebildete


Schreiber werden wohl zumeist als Beamte in den
Staatsdienst aufgenommen und dorthin versetzt,
wo man sie braucht. In einem Dokument findet
sich der Hinweis auf einen „Schreiber, zuständig
für: die Esel des Katasterleiters, die Felder, die
Sklavinnen, die Mühle, die Schafe und das Klein
vieh, die Klagefrauen...“
Schon in seinen Wörterlisten lernt ein junger
Mann, dass ein einfacher Schreiber bei den Beru
fen unter den Handwerkern eingeordnet ist: pres
tigereicher als ein Kupferschmied, aber weniger
angesehen als ein Schreiner. Seine Bezahlung im
Staatsdienst – 60 Liter Gerste im Monat – ist so
hoch wie die eines Kochs oder Töpfers.
Doch auch dieses Sprichwort hat sich erhal
ten: „Du bist ein hochgestiegener Schreiber, wahr
lich kein niederer Mann.“
Denn zumindest für spätere, besser doku
mentierte Epochen gilt: Schriftgelehrte sind Bü
rokraten, und Bürokraten machen Karrieren. Es
sind Schreiber bekannt, die es bis zum Leiter der
Staats und Tempelverwaltung bringen, andere
werden Richter. In den Palästen lernen Höflinge
nach und nach schreiben, schließlich werden sogar
Königssöhne als Schreiber ausgebildet.

chrift, das ist anfangs beinahe ausschließ

S lich Bürokratie und Macht. Zu Wissen


schaft und Glaube, Poesie und Alltag
finden sich aus jener Zeit dagegen keine
Texte. So rasch sich aus primitivsten Anfängen
die Keilschrift entwickelt, so dauerhaft bleibt sie
doch der Verwaltung verhaftet.
Fünf lange Jahrhunderte dauert es, bis sie
zum ersten Mal aus den Amtsstuben ausbricht:
Erst ab etwa 2700 v. Chr. lassen Könige ihre Taten
in Inschriften verewigen. Hundert Jahre später
werden die ersten Hymnen und andere literarische
UR, UM 2050 V. CHR. Werke verfasst (siehe Seite 62). Und auf etwa
Dieses Keilschrift-Dokument eines 2400 v. Chr. sind die ältesten Briefe datiert.
sumerischen Schreibers namens Urgigir aus Da hat die Keilschrift längst ihre letzte gro
der Stadt Ur verzeichnet in Form einer ße Revolution vollzogen: Denn diese Schrift, die
Liste die Löhne, die vom Staat beschäftigte einst genutzt wurde, um eine Sprache dauerhaft
Pflüger bekommen, und enthält Angaben festzuhalten, ist so flexibel, dass sie prinzipiell
über das ihnen zugeteilte Land auch in den anderen Sprachendes Zweistromlands
verwendet werden kann.
Und als um 2000 v. Chr. das Sumerische
nach und nach aus dem Zweistromland verschwin
det (es wird zur verehrten, aber toten Sprache

GEO EPOCHE Babylon


KEILSCHRIFT UND HIEROGLYPHEN

Hattuscha
HE TH ITER Kaspisches
UR A RTÄ ER Meer

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HIEROGLYPHEN 0 400 km
GEOEPOCHE-Karte

Mithilfe von bildhaften Zeichen halten Ägypter und Sumerer vor etwa 5000 Jahren erstmals
komplexere Informationen fest. Im Nilland entwickeln sich daraus Hieroglyphen, in Mesopotamien entsteht
die Keilschrift. Die verbreitet sich später bis nach Anatolien im Nordwesten und Persien im Südosten

einer untergegangenen Zeit, ähnlich wie heute Die letzte hergestellte Keilschrifttafel – zu
das Latein) und die Menschen in Mesopota mien mindest die letzte, die bis heute gefunden worden
nun Akkadisch sprechen, können sie die Schrift ist – wird von Wissenschaftlern auf das Jahr
der Sumerer dennoch nutzen. 75 n. Chr. datiert. Längst schon sind die Zeichen
Denn da jedes Zeichen der Keilschrift ja LITERATURTIPPS im Laufe der Jahrtausende immer abstrakter ge
auch als Silbenzeichen gelesen werden kann, worden. Die kleinen Bilder für Fuß oder Garten,
vermögen die Zeichen ebenfalls Laute fremder Christopher Woods (Hg.) die einstmals in Uruk in den Ton gestanzt wur
Sprachen zu imitieren – und so lässt sich auch »Visible Language« den, haben sich über Generationen hinweg in
Akkadisch in Keilschrift schreiben. Später nutzen Guter Überblick über die komplizierte Gebilde aus unterschiedlich langen
weitere Völker, darunter die Hethiter, die Keil Entwicklung der Keilschrift, aberKeilenverwandelt.
schrift – wenn auch mit modifizierten Zeichen. auch über das Wesen der Und doch scheint sich über drei Jahrtausende
Mehr als drei Jahrtausende lang werden die Schrift überhaupt (OIMP). mit diesem unscheinbaren Dokument ein Kreis
Menschen des Nahen Ostens ihre verschiedenen zu schließen. Es ist eine astronomische Tabelle,
Sprachen in Keilschrift schreiben. Doch in der Zainab Bahrani (Hg.) also ein vergleichsweise pedantischnüchterner,
»The Invention of allein auf Nützlichkeit gerichteter Text, ganz so
hebräischen, Griechischen, Lateinischen – echte Cuneiform« wie die allerersten Schriftzeugnisse.
Alphabete, in denen jeder Buchstabe einen Laut Anschauliche Studie über Und ganz so, wie wir den allerersten Verfas
wiedergibt. Statt Hunderte Zeichen müssen nur die sumerische Schrift (Johns ser eines Keilschrifttextes nicht kennen, ist auch
noch ein paar Dutzend gelernt werden. Pikto Hopkins University Press). der letzte Schreiber der Keilschrift namenlos
gramme sind überflüssig, jedes Wort kann sofort geblieben.
und eindeutig gelesen werden.
Diese neuen Schriften sind noch schneller, Cay Rademacher, Jg. 1965, ist langjähriger
noch flexibler. Und so verdrängen sie, nach und Redakteur und Autor im Team von GEO EPOCHE .
nach und ganz langsam, die Keilschrift. Er lebt in Frankreich.

GEO EPOCHE Babylon 51


Die Königsgräber von Ur – 2600 v. Chr.

Die Stadt Ur blüht um 2600 v. Chr. am Ufer des Euphrat. Nach ihrem Untergang
liegen die Mauern der Metropole lange Zeit im Wüstensand verborgen, wie auch die Gräber
und Geheimnisse ihrer Könige. Fast 4500 Jahre später reist ein britischer Archäologe
in den Irak – und macht den Fund seines Lebens Text: JOHANNES STREMPEL

52 GEO EPOCHE Babylon


Der Brite Leonard
Woolley kommt 1922
in den Irak und legt
in jahrelanger Arbeit
die Artefakte der
Sumerer frei – hier
eine Statue, die als
Opfergabe diente

JÄ GERDES
VERLOREN
SCH AT ZE S

GEO EPOCHE Babylon 53


kerinnen mit Harfen, Zimbeln, Rasseln.
Wagenlenker dirigieren einen Schlitten
mit zwei Ochsen als Zuggespann den
steilen Weg hinunter. Allein für diese Grube müssen

E
Mehr als 20 Frauen und Männer Woolleys 200 einheimische Helfer
finden sich schließlich am Grund des
entfernen. Der Archäologe entdeckt
zeremonie irgendwann in der Mitte des die Ruinen von Palästen, Wohn-
3. Jahrtausends v. Chr. Die Soldaten neh und Lagerhäusern – sowie auf einem
men ihre Position am Zugang zur Rampe Friedhof 1850 Gräber
ein, die Musikerinnen in zwei Reihen am
hinteren Ende der Grube. Und dann –
vielleicht zum lieblichen Klang der Ins
trumente – trinkt jeder der Anwesenden richt nicht von Außenstehenden gelesen
aus einem Becher Gift. wird, fasst der Oxford Absolvent sein
Noch einmal kommen nun wohl Telegramm auf Lateinisch ab.
Entbehrungsreich und karg ist das Le Diener den Schacht hinab, setzen die Die nie von Grabräubern geplün
ben in der Unterwelt. Auf den Feldern Leichname in Position, töten die Ochsen derte Gruft der Herrscherin Puabi wäre
wächst kein Korn, die Schafe geben keine und bedecken Körper und Grabbeigaben schon für sich eine Sensation. Doch
Wolle, Flüsse liegen ausgetrocknet. mit Matten aus Schilf. Zuletzt füllen sie Woolley, der seit mehr als fünf Jahren in
Wer seinem Stand gemäß im Jen Schacht und Rampe mit Erde auf. der südirakischen Wüste die Ruinen der
seits residieren will, darf sich daher Puabi und ihr Hofstaat haben die antiken Stadt Ur erforscht, hat noch viel
nicht mit leeren Händen auf den Weg Reise ins Reich der Schatten angetreten. mehr entdeckt: einen ganzen Friedhof.
machen. Er benötigt Speise und Trank Rund 1850 Gräber aus fünf Jahr
für die lange Reise. Könige brauchen hunderten wird er im Lauf der Zeit aus
Kleider, Möbel, Schmuck, um Hof zu Rund viereinhalb Jahrtausende später,
halten. Die Götter des Totenreichs er am 4. Januar 1928, gibt der englische Ar gen, 16 aber (darunter das von Puabi) so
warten Geschenke und Opfergaben von chäologe Leonard Woolley in der Stadt prächtig und aufwendig ausgestattet, dass
den Neuankömmlingen, Dämonen und Basra im Irak ein Telegramm auf. Darin Woolley sie „Königsgräber“ nennt.
Tor wächter kleine Aufmerksamkeiten berichtet er einem seiner Auftraggeber, Bald berichten Zeitungen aus aller
für ihr Wohlwollen. Und so tragen denn dem University Museum in Philadel phia, Welt von den Funden. Die Leser sind vor
Diener Kostbarkeit um Kostbarkeit in dass es ihm gelungen sei, die letzte Ru allem von dem unheimlichen Ritual der
die Grabkammern ihrer verstorbenen hestätte einer Königin zu bergen, ein „Gefolgschaftsbestattung“ fasziniert: dem
Herrin: Puabi, der Königin von Ur. „intaktes Grab, aus Steinen erbaut und Hofstaat, der den jeweiligen Herrscher
Schalen aus purem Gold sollen die mit Ziegeln überwölbt“. offenbar in den Tod begleitet hat.
sumerische Herrscherin auf ihrer Reise Woolley ist sich der Bedeutung sei Wissenschaftler zeigen sich begeis
ins Jenseits begleiten, Schüsseln aus nes Fundes bewusst: Damit die Nach tert von dem Alter der Gräber, die zu
schwarzem Obsidian und grünem einem großen Teil aus dem Früh
Kalzit, Krüge aus Straußeneiern, dynastikum stammen: einer Epo
silberne Gießgefäße, eine Schna che der mesopotamischen Ge
beltasse aus Lapislazuli; Behälter schichte, die von 2900 bis 2300
aller Art, die wohl mit Fleisch v. Chr. dauerte und über die 1928
und Fisch beladen, mit dickflüs noch kaum etwas bekannt ist.
sigem Bier gefüllt sind. Dazu ein Vor allem aber ist es die
Trinkhalm aus Gold und Lapis schiere Menge und große Quali
tät der vielen Tausend geborge
döschen aus Muschelhälften. nen Artefakte, die den Friedhof
Und es sind nicht nur Ge von Ur zu einer derart spektaku
genstände, die Puabi mitnimmt lären Ausgrabung machen. So
in die Unterwelt. aufsehenerregend ist der Fund,
Nachdem die Gruft mit ih dass daneben für eine Weile sogar
rem Leichnam – die am Boden die bedeutendste archäologische
eines tiefen Schachtes liegt – mit Entdeckung aller Zeiten zu ver
tels Steinen und Lehmziegeln blassen scheint: die 1922 gefun
verschlossen worden ist, schreitet dene Grabkammer des ägypti
vermutlich eine Prozession von schen Pharao Tutanchamun.
Höflingen die Rampe hinab in Gut fünf Jahre ist es her,
die Grube. Bewaffnete Wachen dass der Privatforscher Howard
Zu Woolleys prächtigsten Funden zählt Carter die Grabstätte des jungen
diese Skulptur eines Ziegenbocks, gefertigt
aus Gold, Muscheln und Lapislazuli
54 GEO EPOCHE Babylon
GEO EPOCHE Babylon 55
Ägypten finanziert. Der Lord will den
jungen Wissenschaftler unbedingt in
seine Dienste nehmen. Doch Woolley,
Pharao aufgespürt hat. Carter ist ein Au - der sich inzwischen immer stärker für in Ägypten: Während Howard Carter
todidakt und Außenseiter, umso größer die noch wenig erforschten Kulturen des schon im fünften Jahr ohne nennens -
war die Sensation, als er im November Zweistrom landes interessiert, lehnt ab – wertes Ergebnis das Tal der Könige
1922, nach langer Suche, im ägyptischen und Carnarvon schickt an seiner Stelle durchkämmt, gräbt Woolley rund 300
Tal der Könige fündig wurde. Howard Carter ins Tal der Könige. Kilometer nilabwärts Wohnhäuser in
Persönlich kennen sich die beiden Woolley reist lieber an den Euphrat Amarna aus, der ehemaligen Hauptstadt
Briten Woolley und Carter nur flüchtig, und leitet die Ausgrabung der Stadt Kar - des Pharao Echnaton.
aber in dieser Zeit der archäologischen kemisch, einer Hethitersiedlung aus dem Doch Ägypten kann Woolley auf
Entdeckungen sieht jeder Ausgräber im 2. Jahrtausend v. Chr. Sein Assistent und Dauer nicht fesseln: Zu viel ist schon
anderen einen Rivalen. Sehr wahrschein- Vertrauter dort ist ein weiterer Oxford- ausgegraben, zu viel publiziert, zu viel
lich, dass Woolley eifersüchtig auf den Absolvent mit dem Namen Thomas Ed - von Grabräubern gestohlen. Daher sagt
Ruhm seines Kollegen ist – denn es hätte ward Lawrence, der später als „Lawrence er zu, als ihm das British Museum und
durchaus auch er selbst gewesen sein von Arabien“ die Beduinenstämme der das Museum der University of Penn-
können, der auf Tutanchamun stieß. Arabischen Halbinsel gegen das Osma- sylvania die Leitung eines Projekts im
nische Reich führen wird. Zweistromland anbieten. Im November
eonard Woolley wird 1880 als drit- Noch vor dem Ausbruch des Ersten 1922 – jenem Monat, in dem Carter die

L tes von elf Kindern eines Pfar- Weltkriegs unternehmen die beiden
rers in London geboren, studiert abenteuerlustigen Männer eine Aufklä-
in Oxford Theologie und Alter - rungsmission für den britischen Geheim -
tumswissenschaften und macht ab 1907 dienst in der Negev-Wüste. Während des
erste Erfahrungen bei Ausgrabungen in Krieges dient Woolley als Nachrichten-
versiegelte Tür zu Tutanchamuns Grab
öffnet – beginnt Woolley seine Arbeit.
Ziel dieser Grabungskampagne ist
die Erforschung einer 20 Meter hohen
Erhebung in der Wüste: uralter, von
Nord england, der Nubischen Wüste und offizier in Ägypten und gerät für zwei Sand bedeckter Bauwerke aus Ziegeln.
Italien. Im Sommer 1911 lernt er Lord Jahre in türkische Gefangenschaft. „Tell el-Muqejjir“ nennen die Beduinen
Carnarvon kennen, einen reichen briti - 1921 beteiligt er sich doch noch diesen Ort 300 Kilometer südöstlich von
schen Aristokraten, der Forschungen in an einer archäologischen Expedition Bagdad – den „Pechhügel“, da seine Er-

Jeden Tag kurz nach Sonnenaufgang ist Woolley (mit Hut) auf dem Grabungsgelände,
leitet die Arbeiter an, legt in mühevoller Kleinarbeit Artefakte frei. Anschließend verbringt er
die halbe Nacht an seinem Schreibtisch, um die Funde des Tages zu dokumentieren
ben durch das Areal ziehen lassen. Im
Erdreich des einen fanden die Arbeiter
Gefäße, Werkzeuge, Schmuck – offen-
bar waren sie auf Grabbeigaben eines
Friedhofs gestoßen. Doch statt der Sache
nachzugehen, ließ der Brite den Such-
schnitt wieder zuschütten: Den einhei -
mischen Arbeitern, so seine Einschät-
zung, fehlte es zu dieser Zeit noch an
Erfahrung, ihm selbst an Wissen über
die Entwicklung der Stadt Ur.
Nur Fragmente dieses Kastens mit Mosaik sind erhalten,
als die Ausgräber es finden – später wird sein mutmaßliches rst in der fünften Grabungssaison
Aussehen rekonstruiert (siehe auch Seite 16)

bauer Bitumen, natürlichen Asphalt, als rüstung. Woolley lässt einen Stachel-
E 1926/27 glaubt Woolley sich und
sein Team bereit für das uner-
forschte Areal im Südosten der
Zikkurat – und binnen drei Monaten
finden die Männer rund 600 Gräber.
Mörtel verwendeten. Er ist eine sumeri - drahtzaun errichten. „Es ist kein idea- Die meisten sind eher schlicht. Aus
sche Siedlung, in der sich eine Zikkurat, les Land, um zu graben“, schreibt er in der Lage der Knochen lässt sich rekon-
ein stufenförmiger Tempelturm, erhebt. einem Brief, „hoffnungslos unkundige struieren, dass die Toten mit angewinkel-
Schon seit den 1850er Jahren, als Arbeiter, viel Ärger mit den lokalen ten Armen und Beinen seitlich in eine
ein Hobbyarchäologe in den Fundamen- Scheichs.“ Grube gebettet wurden, manche in ei -
ten beschriftete Rollsiegel fand, ist auch Eine Grabungssaison dauert von nem einfachen Sarg, manche in Schilf-
bekannt, wie die untergegangene Sied- Oktober bis März, im Sommer macht matten gewickelt. Ein paar Gegenstände

Königsgräber von Ur
lung hieß, die zu den ältesten Städten der die Hitze jede Arbeit unmöglich. Aber – Becher, Rollsiegel,Waffen – begleiteten
Menschheit zählt: Ur. auch in den übrigen Monaten sind die sie auf ihrer Reise in die Unterwelt.
Bedingungen hart: Im Winter weht ein Über etwa fünf Jahrhunderte haben
so kalter Wind, dass den Ausgräbern die Bewohner des antiken Ur immer
Jeder fromme Christ kennt diesen Na- das Wasser in den Trinkbechern gefriert
men: Denn Ur wird im Alten Testament und sie das vor Jahrtausenden gewon-
erwähnt. „Terach nahm seinen Sohn nene Bitumen zum Heizen verwenden
Abram“, heißt es dort, „seinen Enkel Lot, müssen. Dazu kommen Monsunregen
den Sohn Harans und seine Schwieger - und Sandstürme. Einmal, zwischen zwei
tochter Sarai, die Frau seines Sohnes Grabungskampagnen, fressen weiße STADT AM EUPHRAT
Abram, und sie wanderten miteinander Ameisen im Expeditionshaus mehrere
aus Ur in Chaldäa aus, um in das Land Papiere und Karten Woolleys auf.
Tig

Kanaan zu ziehen.“ Probegrabungen ergeben, dass die


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Ur war die Heimatstadt von Abram, Zikkurat (siehe Seite 22) Teil eines gro- Eu
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dem späteren Abraham, Stammvater der ßen Tempelkomplexes gewesen sein t
Juden, Christen und Muslime. muss. Woolley lässt in den ersten Jahren Kü
Doch trotz dieser Erkenntnis geriet die Treppenaufgänge und Terrassen des in dstenver
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der Ruinenhügel in der Wüste bald wie- Turmes von Geröll und Sand befreien e
Ur
der in Vergessenheit. und gräbt Mauern und Fundamente ei -
Pe Gol

Im Herbst 1922 reist Leonard nes Palasts sowie der Residenz der Ho-
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sch

400 km
Woolley über Port Said und Basra nach hepriesterin und eines Lagerhauses aus,
er

GEOEPOCHE-Karte
Ur. Bei ihm sind zwei Assistenten und zudem Teile einer zwölf Meter breiten
sein arabischer Vorarbeiter Hamoudi, der Mauer, die den heiligen Bezirk um-
schon in Karkemisch für ihn gearbeitet schloss. Ur zählte einst zu den
hat. Die Männer heuern rund 200 Ein - Jenseits davon stoßen die Ausgrä- mächtigsten Metropolen des
heimische als Arbeiter an und errichten ber auf ein Wohnviertel mit kleinen, Zweistromlandes. Vor 4500
aus den Ziegeln der Ruinen ein großes zweistöckigen Häusern. Die meisten Jahren verlief die Küstenlinie
Expeditionshaus. Bauwerke stammen aus der Zeit des drit - des Persischen Golfs unweit
Eine Woche nach ihrer Ankunft ten vorchristlichen Jahrtausends, als die der Stadt – erst durch eine
überfallen Beduinen das Camp, töten Dritte Dynastie von Ur weite Teile Me - Veränderung des Klimas zog
eine Wache und stehlen Teile der Aus- sopotamiens beherrschte. sich das Meer zurück
Bereits zu Beginn der Feldarbeit hat
Woolley zwei lange, schmale Probegrä-
GEO EPOCHE Babylon 57
neue Gräber auf dem Friedhof Woolley in den Schichten direkt
angelegt, im Erdreich über den über den Gräbern findet, belegen,
alten Gräbern oder einfach in dass der Friedhof bereits um
diese hinein, an manchen Stellen 2600 v. Chr. entstanden ist.
liegen zehn, zwanzig Beerdigte
übereinander. Zentimeter für
Zentimeter arbeitet sich Woolley Damals hatte sich noch kein gro-
nun in den Untergrund vor, bis ßes, einheitliches Reich im Zwei-
eine gewaltige Grube von zehn stromland gebildet. Vielleicht
MeterTiefeentsteht. 30 unabhängige Stadtstaaten
Die einheimischen Arbeiter breiteten sich im Süden des
bilden Teams aus fünf bis sechs Gebiets zwischen Euphrat und
Männern: Der Erfahrenste arbei - Tigris aus, konkurrierten um
tet mit einer Hacke, ein zweiter Einfluss, führten Kriege, trieben
mit einem Spaten, die anderen Die Sumerer legten auch solche Brettspiele Handel. Eine der mächtigsten
sind Korbträger, die Sand und in die Gräber von Ur: Die Verstorbenen sollten und reichsten dieser Städte war
Schutt aus der Grube nach oben sich im Jenseits nicht langweilen Ur. Denn ihre Herrscher kon -
transportieren. trollierten den Handel über den
Jeder Gruppe wird ein abge- Persischen Golf.
stecktes Areal von zwei mal drei Der Euphrat floss vermut -
Metern zugewiesen. Und damit die Aber es ist keine glückliche Ehe: lich direkt an der südwestlichen Flanke
Männer nicht der Versuchung erliegen, Katharine ist attraktiv und charmant, der Siedlung (heute liegt sein Bett
die oft winzigen Artefakte zu stehlen, aber auch kalt und von Stimmungs - nordöstlich davon), und auch das Meer
zahlt Woolley ihnen ein für die Region schwankungen beherrscht. Ihr erster war nicht weit entfernt. Ur war eine Ha -
außerordentlich hohes Gehalt sowie Be- Ehemann hat auf der Hochzeitsreise fenstadt, durchzogen von Kanälen, auf
lohnungen für jeden wichtigen Fund. Selbstmord begangen, angeblich soll denen Schiffe hinaus auf den Fluss und
Sobald die Arbeiter ein Objekt im er sich am Fuße der Cheops-Pyramide die offene See steuerten und an deren
Erdreich auszumachen glauben, sind sie erschossen haben; ihre zweite Ehe mit Kaianlagen Waren aus fernen Ländern
verpflichtet, die Vorarbeiter zu rufen. Das Woolley wird wohl nie vollzogen (in der entladen wurden. Breite Straßen führten
Gleiche gilt für eine veränderte Färbung Hochzeitsnacht hat sie ihn im Badezim - vorbei an Gemüsegärten, Kornfeldern
der Erdschicht oder Löcher im Boden mer eingeschlossen). und Palmenhainen jenseits der Mauern.
(die ein Hinweis sind auf einen Gegen - Doch sie ist ihrem Mann – der Südöstlich der Tempelanlage lag
stand aus organischem Material wie meist bis zwei Uhr morgens die Funde der Friedhof, auf dem sich die Herrscher
Holz, das sich zersetzt hat). in seinem Arbeitszimmer auswertet und von Ur bestatten ließen. Woolley findet
Halten die Vorarbeiter die Entde - eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang 16 dieser Königsgräber, aber kaum Hin-
ckung für wichtig, informieren sie Wool- schon wieder auf dem Grabungsfeld zu weise, wer die Regenten darin waren.
ley, der dann die Arbeiter wegschickt, finden ist – eine unentbehrliche Hilfe. Auch Königin Puabi bleibt ein
sich selbst mit Messer und Pinsel auf den Woolley wird nicht nur durch sei- Geheimnis. Ihr Name, den Woolley auf
Boden legt und vorsichtig die Artefakte nen Fleiß berühmt, sondern auch durch einem Siegel neben der Totenbahre ent-
aus dem Sand befreit. Bei komplizierte- innovative Grabungstechniken: Als er deckt, bedeutet wahrscheinlich „Das
ren Funden, etwa den verstreuten Perlen zwei ungewöhnliche Löcher im Erdreich Wort des Vaters“. Mehr ist über sie nicht
eines aufwendigen Geschmeides, kann entdeckt, die etwa 80 Zentimeter in die bekannt. Dass auf dem Siegel kein Name
das Tage dauern. Tiefe reichen, gießt er Gips in die Hohl - eines Ehemanns auftaucht, könnte be -
Eine der wenigen Personen, der räume, die durch verwesendes Holz ent- deuten, dass sie einst als eigenständige
Woolley diese präzise Arbeit ebenfalls standen sein müssen, und verstärkt ihn Regentin geherrscht hat, nicht etwa als
zutraut, ist seine Ehefrau. mit Draht. Nachdem der Gips gehär- Gemahlin eines Königs.
tet ist, löst Woolley den Abguss einer
atharine Keeling ist im Frühjahr kompletten Harfe aus dem Boden, sogar

K 1924 als Zeichnerin zu der Expe- die zehn Saiten des Instruments hat der
dition gestoßen und fertigt seit - Gips nachgebildet. An der Vorderseite
her Abbildungen der Artefakte des Abgusses haften ein prächtiger Stier-
für Kataloge und die Presse an. Eine al- kopf aus Kupfer und ein Plättchen aus
leinstehende Frau in einem Camp voller Muschelschale – das Einzige, was von
In Körben schleppen Einheimische
Sand und Schutt aus den Gruben.
Nur die erfahrensten dürfen mit
Hacke und Spaten arbeiten. Woolley
Männer sorgt schnell für Gerede, und als dem In strument erhalten geblieben ist. bezahlt seine Helfer gut, damit
sich die Geldgeber darüber beschweren, Im Lauf der Ausgrabungen wird sie keine Fundstücke unterschlagen
heiratet Woolley sie kurzerhand. immer deutlicher, dass die Gräber viel und zum Verkauf anbieten
älter sind als anfangs gedacht. Rollsiegel
mit eingeprägten Herrschernamen, die
58 GEO EPOCHE Babylon
Königsgräber von Ur

GEO EPOCHE Babylon 59


Woolleys Frau Katharine (mit Hut) unterstützt ihn (vorn rechts) bei der Arbeit. Die Funde in Ur erlangen so
große Bekanntheit, dass viele Gäste die Ausgrabungsstätten besichtigen, darunter der belgische König – und die
Krimiautorin Agatha Christie, die sich von dem Besuch zu einem Roman inspirieren lässt

Wer immer die To- lensträngen, das in Gold gibt ihm deshalb den Namen „Standarte
ten in den Königsgräbern und Silber, im Blau des von Ur“. Wissenschaftler aber vermu-
waren: Die Grabbeigaben LITERATURTIPPS Lapislazuli und dem Rot ten heute, dass es sich um den Teil eines
bezeugen ihren Reichtum. des Karneols geschimmert Musikinstruments oder einfach eine
Und nirgendwo fin- Lee Horne, haben muss, wenn sie sich Schatulle gehandelt haben könnte.
det Woolley solche Schät- Richard Zettler (Hg.) darin bewegte. Die Mosaiken zeigen auf der einen
ze wie in Puabis Gruft. »Treasures from the Dazu trug Puabi Seite Männer, die Ochsen und Ziegen -
Wohl 1,50 Meter Royal Tombs of Ur« einen breiten Perlengür- böcke führen, Fische und Säcke tragen,
groß war die Herrsche - Lesenswerte Essays und mehr tel, schwere Ohrringe aus und darüber einen König, der wohl mit
rin und etwa 40 Jahre alt, als 200 Fotografien der Schätze Gold, am Knie ein Band seinem Hofstaat ein Bankett feiert.
als sie starb. Von ihrem aus den Königsgräbern (Univer- aus Gold und Lapislazuli, Auf der anderen Seite ist vermutlich
Leichnam haben nur ei - sity of Pennsylvania Museum). goldene Haar- und Klei - der gleiche König abgebildet: diesmal,
nige Knochen die Zeit dernadeln sowie zehn gol- wie er in den Krieg zieht, dazu Soldaten
überdauert, aber das Ge- H. V. F. Winstone dene Ringe an den Fin - und Gefangene. In der unteren Bildleiste
schmeide, das sie trug, liegt »Woolley of Ur« gern. Neben ihrer Bahre sind die von Wildeseln gezogenen Streit-
noch auf dem Totenbett. Biografie über den Archäologen lagen Amulette. wagen des Königs zu sehen. Als grafi-
Ihr Kopfschmuck ist (Secker & Warburg). In einem anderen sches Mittel ändern die Tiere von links
konstruiert aus Hunderten Grab findet Woolley einen nach rechts die Gangart – erst Schritt,
von Einzelteilen: goldenen ehemals wohl hölzernen dann leichter Galopp, schließlich Jagd-
Ringen, Kränzen, Bändern, Kasten, 47 mal 20 Zenti- galopp – und wecken so beim Betrachter
Rosetten, Goldplättchen in meter groß, der auf den ein Gefühl von Tempo.
Form filigraner Weiden- und Pappel - Längsseiten mit einem Mosaik aus Mu - Die zugleich rätselhaftesten und
blätter sowie einer blütenförmigen Krone. scheln, Lapislazuli und rotem Kalkstein wunderbarsten Kunstwerke aus den Grä-
Gekleidet war sie in ein prächtiges verziert ist. Woolley hält den Gegenstand, bern sind Skulpturen zweier aufgerich-
Cape aus vermutlich 50 verknüpften Per- vermutlich zu Unrecht, für ein Hoheits - teter Ziegenböcke, deren Vorderbeine auf
zeichen, das ein Krieger an einer Stange
vor sich hergetragen haben könnte, und
60 GEO EPOCHE Babylon
Aber wie viel höher sind da die An-
sprüche eines Königs! Er benötigt nicht
nur Speisen und Trank, sondern auch
Zweigen ruhen. Gesicht, Beine und Ge - Wagen und Ochsen für die lange Reise, Als Woolley die Skelette von Puabis
schlechtsteile der Tiere sind mit Gold Möbel für seine Paläste, standesgemäße Hofstaat ausgräbt, fällt ihm dagegen, wie
beschichtet, die Hörner, Pupillen und Geschenke für die Götter. Und natürlich er schreibt, als Erstes die „Friedlichkeit“
Ziegenbärte aus Lapislazuli, das Fell aus seinen Hofstaat, damit er in dem ge - der Toten auf. Die Musikerinnen – so
weißen Muscheln. wohnten Luxus, der vertrauten Bequem- Woolleys Rekonstruktion der Knochen –
Die Bedeutung der Figuren ist un - lichkeit im Jenseits weiterleben kann. liegen einander gegenüber, eine der Frau-
klar, aber sie sollen wohl eineVerbindung Auf solche „Gefolgschaftsbestattun- en fasst noch in die Saiten der Harfe.
zwischen Tier- und Pflanzenwelt symbo- gen“ sind Archäologen in vielen Kulturen Und bei allen Leichen finden die Aus -
lisieren (ursprünglich waren die gräber einen Becher, in dem sich,
Böcke mit einer Silberkette an da hat Woolley keinen Zweifel,
die Zweige gefesselt, von denen das tödliche Gift befand.
sich nur noch Rückstände im Bo - Bis heute ist seine Deutung
den finden) sowie Fruchtbarkeit die wahrscheinlichste: dass es der
und Regeneration versinnbildli- Hofstaat als Ehre empfand, Pua -
chen. Die „Widder im Gestrüpp“, bi in die Schattenwelt zu folgen.
wie Woolley die Skulpturen Dass der Tod für die Diener ein
nennt, sind aber nicht nur Kunst - Privileg, nicht eine Strafe war.
werke. Sie dienten auch als Ge-
brauchsgegenstände: Im Nacken
der Tiere finden sich goldene Berichte über den Friedhof von
Zylinder, an denen ein Tablett Ur locken ab Ende der 1920er
oder eine Tischplatte befestigt Jahre Besucher aus aller Welt in
werden konnte. Ein exquisites den Süd irak. Die Autorin Aga-
Möbelstück also, das der Verstor- tha Christie liest einen Artikel
bene mit sich ins Jenseits nahm. Woolleys über Puabis Grab und
den toten Hofstaat und ist so fas -
ie malten sich die Be- ziniert, dass sie 1928 per Orient-

W wohner von Ur das


Leben in jenem Reich
aus, in das ihr Geist
sich aufmachte, wenn der Körper
starb? Kaum eine Quelle aus
express in Richtung Bagdad reist.
Sie wird später einen Assistenten
Woolleys heiraten und 1936 den
Krimi „Mord in Mesopota mien“
veröffentlichen. Die Handlung
der Zeit gibt hier Auskunft, das spielt auf einer Grabungsexpedi-
meiste muss aus späteren Schrif- tion im Irak – das Mordopfer äh -
ten geschlossen werden, vieles Woolley findet nur Reste mehrerer Harfen nelt auffallend Katharine Woolley.
bleibt geheimnisvoll. im Boden – Jahrzehnte später gelingt es, Deren Mann ist nun einer
Aber offenbar stellten sich dieses Instrument wiederherzustellen der berühmtesten Ausgräber aller
die Sumerer das Totenreich wie Zeiten. Anders als Howard Carter
eine Spiegelung der ihnen ver- genießt Woolley die Öffentlich-
trauten Welt vor. Auch im Jen- keit. 1935 schlägt die Queen ihn
seits gibt es demnach Tempel und gestoßen, von China über Westafrika zum Ritter. Sein Buch „Ur in Chaldäa“
Paläste, in denen die Götter und Könige bis Mittelamerika. Mesopota mi sche wird zum größten Bestseller der Archäo-
wohnen. Beamte, die sich um die Ver- Texte aber schweigen über das Ritual, logie. Bis ins hohe Alter bleibt der Brite,
waltung kümmern. Mauern, Tore, Stra- und die Forscher können lediglich Ver- der 1960 stirbt, der Wissenschaft ver-
ßen, Häuser, Kanäle. Nur ist alles dunk- mutungen anstellen: Haben nur die Kö - pflichtet, hält Vorträge in aller Welt.
ler und trauriger. Die Jenseitsvorstellung nige von Ur und nur in dieser Epoche Woolley habe die große Gabe der
der Sumerer ist pessimistisch: Kein Pa- ihre Diener mitgenommen ins Toten - Vorstellungskraft besessen, schreibt Aga-
radies wartet nach dem Tod, nicht einmal reich? Handelte es sich um eine brutale tha Christie. Führte er Besucher durch
ein angenehmeres Dasein als Belohnung Machtdemonstration von Tyrannen? die Ruinen von Ur, sei der Ort für ihn so
für die Mühsal auf Erden. Oder folgte der Hofstaat seinem Herrn real gewesen wie Jahrtausende zuvor. „Es
Soll es dem Geist des Toten gut freiwillig ins Jenseits? war seine Vorstellung von der Vergan-
gehen, müssen die Hinterbliebenen ihm Manche Forscher glauben, dass genheit, und er glaubte daran – und jeder,
mitgeben, was sie entbehren können. Könige ihre Diener vor aller Augen er- der ihm zuhörte, glaubte auch daran.“
Und regelmäßig Opfer bringen, damit morden und in die Grabanlagen bringen
ihr Ahn nicht Hunger und Durst leidet ließen, um ihre Autorität über alles Johannes Strempel, Jg. 1971, ist Autor im
und seine Angehörigen darum heimsucht. Lebendige und Tote unter Beweis zu Team von GEO EPOCHE .
stellen: damit für immer Angst und
Schrecken das Volk beherrsche.
GEO EPOCHE Babylon 61
62 GEO EPOCHE Heftthema
Literatur – um 2250 v. Chr.

Mit der
KRAFT
der
POESIE
Als um 2250 v. Chr. politische Unruhen ihre
Heimatstadt in Mesopotamien erschüttern, versucht eine
Königstochter mit einem Lied göttliche Hilfe herbei-
zuschreiben: Ihr episches Werk wird Enheduana zur ersten
uns bekannten Autorin der Geschichte machen
Text: CONSTANZE KINDEL

Enheduana (im Bild


Die Dichterin Enheduana rechts) bekleidet das höchste
beschwört in ihren Versen die religiöse Amt im Reich:
Schutzmacht ihrer Familie: Sie ist Hohepriesterin am
Ischtar, die oft als geflügeltes Tempel des Mondgottes
Wesen dargestellte Göttin (hier bei einem Opfer)
der Liebe und des Krieges,
die die Sumerer Innana
nennen

GEO EPOCHE Babylon 63


N
Nichts ist ihr geblieben. Alles hat man ihr genom-
men, ihren Titel, ihre Würde, ihre Macht. Man
hat sie aus dem Amt gejagt und aus der glänzen-
den Hafenstadt Ur am Persischen Golf vertrieben.
Ihre Zukunft ist ungewiss. Nur die Götter, so
glaubt sie, können ihr jetzt noch helfen.
Und so sitzt sie an ihrem Zufluchtsort und
schreibt um ihr Leben, drückt mit dem Rohrgrif -
fel Wortzeichen in weichen Ton, dichtet Zeile um
Zeile jenes Lied, das ihr Schicksal bestimmen soll
den rund 40 Jahren seiner Regierung hat ihr Vater
alle Städte Sumers unterworfen, hat das erste
Großreich der Geschichte gegründet und seine
Residenzstadt Akkad zu dessen Kapitale erhoben
(siehe Kasten Seite 69).
Seither regieren Sargons Statthalter die
Städte Sumers. Seither auch ersetzt das Akkadi-
sche der Eroberer als offizielle Sprache das alte
Sumerische. Und Sargons Tochter verfügt als
Priesterin in der Hafenmetropole Ur über den
und auch das der Stadt, in der sie bis zu ihrer Tempel des Mondgottes und somit über die ge -
Flucht das höchste religiöse Amt im ganzen Land samten Einkünfte des mächtigen Heiligtums.
bekleidet hat. Doch als Enheduana um das
Es ist eine Klage, eine Be- Jahr 2250 v. Chr. ihr Lied für die
schwörung, ein Opfer an Innana, Göttin Innana dichtet, ist Sargon
die Göttin der Liebe und des längst tot. Auf dem Thron sitzt
Krieges, den Menschen auf der
Erde sichtbar als Morgen- und
Ihre nun ihr Neffe Naramsin, ein En -
kel Sargons, aber im sumerischen
Abendstern: Herrin über die gött- Süden wächst der Widerstand
lichen Mächte, die unzähligen,
Licht, das strahlend aufgegangen ist,
WAFFE gegen die akkadische Dynastie.
Mehrere Stadtstaaten haben
Frau voll gewaltiger Taten, in glei
- sich gegen die Vorherrschaft der
ßendem Schreckensglanz … ist das Invasoren verbündet. In Ur, ei-
Nichts ist ihr geblieben – nem der wichtigsten Zentren im
außer ihrer einzigartigen Gabe, Zweistromland, dort, wo Enhedu -
Worte zu erdenken, so wirkmäch- geschriebene ana als Hohepriesterin über den
tig und von solcher Schönheit, Tempel wacht, ist die Rebellion
dass sie ihr, so ist sie überzeugt, offen ausgebrochen.
die Gunst der Göttin bringen Wort Lugalane nennt sich der
und damit ihr Schicksal wenden Mann, der die Macht dort an sich
können: Enheduana bin ich – ein gerissen hat: „König, erwählt von
Gebet will ich nun zu dir sprechen. An“, dem Himmelsgott. Und er
Enheduana, „Zierde des hat es gewagt, Enheduana aus
Himmels“ – diesen Namen trägt die Vertriebene, ihrem Amt als Hohepriesterin zu treiben. Offen -
seit sie den Thron der Hohepriesterin des Mond - bar hofft er, dass sie sich das Leben nimmt.
gottes in der Stadt Ur bestiegen hat. Sie ist eine Enheduana schreibt dazu: Nachdem er trium-
stolze Frau, Tochter des Reichsgründers Sargon I. phierend dagestanden war, hat er mich aus dem Tem -
von Akkad, des bedeutendsten Königs, den das pel vertrieben. Wie eine Schwalbe vom Fenster ließ
Land zwischen den Strömen je gekannt hat. In er mich fliegen, hat mich zum Dorngestrüpp des

64 GEO EPOCHE Babylon


Insgesamt 153 Zeilen
in sumerischer Keilschrift
umfasst das Lied, das

griffel in Tontafeln drückt;


der Text ist vollständig
erhalten. Sie fordert darin
Rache für erlittenes Unrecht,
beklagt ihr Leid, beschwört
Innana, die Schutzgöttin
ihrer Familie, die den Aufruhr
beenden und das Schicksal
der Hohepriesterin wenden

Literatur
soll. Und hebt ihren eigenen
Namen mehrmals selbst
bewusst hervor, etwa in den
ersten fünf Zeilen dieser
Tafel (siehe Rahmen): »Ihr
liegen Feindland und Wasser
flut zu Füßen. / Diese Frau
ist wahrhaft gewaltig – die
Stadt wird sie vor sich erzittern
lassen. / Tritt (vor Gericht),
damit sie mir in ihrem Herzen
beruhigt sei! / Enheduana
bin ich – ein Gebet will ich
nun zu dir sprechen! / Meinen
Tränen, wie gesüßtem Bier: /
Dir, schicksalbestimmende
Innana, lasse ich ihnen
nun freien Lauf«

GEO EPOCHE Heftthema 65


Feindlandes verschleppt. Die Krone des Hohepries
tertums konnte er mir entreißen. Ein Stilett gab er
mir: „Das ist für dich geschmückt!“, sagte er mir.
Doch die Hohepriesterin kann aus der Stadt
fliehen. Und sie ergibt sich nicht in die Vorsehung,
die von Menschen gemacht scheint. Nur die Göt
ter sollen richten dürfen über ihre Zukunft und
die Geschicke der Stadt Ur. Sie will Gerechtigkeit.
Sie will Rache. Vom Mondgott Nanna aber glaubt
sie sich verlassen:Muss ich sterben, weil ich mein
schicksalbestimmendes Lied angestimmt habe? Mein
Nanna hat nicht nach mir gefragt, als man mich ver
nichtete im abtrünnig gewordenen Land.
Und so beschwört sie in ihrem Lied Innana,
die Schutzgöttin ihrer Familie (die andere Völker
des Zweistromlandes Ischtar nennen). Innana, so
glauben die Herrscher Akkads, verdanken sie den
Aufstieg ihrer Dynastie: Wasserflut, die von oben

höchste, von Himmel und Erde, die Innana bist du!


Mit ihrer Dichtung will Enheduana den
Zorn der Göttin entfachen. Innana soll den Auf
stand niederschlagen und die Rebellen um Luga
lane strafen: Dass du gegen das feindliche Land
brüllst, soll bekannt sein! Dass du die Häupter zer
schlägst, soll bekannt sein! Dass du wie ein Raubtier
Kadaver frisst, soll bekannt sein!
Worte als Waffe. Enheduanas Lied, 153 Zei
len lang, soll ihr eigenes Leben retten und den
drohenden Untergang des Reiches von Akkad
aufhalten. Seinen Titel erhält es von seinen ersten

lichen Mächte, die unzähligen.


In immer neuen Abschriften werden Kopis
ten dieses Lied in Mesopotamien überliefern. Fast
100 Tontafeln und Fragmente haben die Jahrtau
sende überdauert, sodass seine Zeilen lückenlos
erhalten sind: Ich bin Enheduana.
Enheduana stammt Das „Ninmeschara“ ist das älteste Werk der
aus der mächtigsten Literaturgeschichte, dessen Verfasser bekannt ist –
Familie des Zweistrom
- und Enheduana die erste Dichterin, die der Welt
landes: Von seiner ihren Namen nennt.
Kapitale Akkad aus
hat ihr Vater König ie Priesterin ist eine Ausnahme unter
Sargon I. (oben)
alle Städte Sumers
bezwungen D den Dichtern Mesopotamiens. Über
zwei Jahrtausende hinweg bleibt die
Literatur im Zweistromland eine weit
gehend anonyme Kunst, der Autor hebt sich nicht
selbst hervor. Nur selten erscheint der Name eines
Verfassers im kolophon, jener Schlussformel am

66 GEO EPOCHE Babylon


Ende eines Textes, die Auskunft gibt über Verfasst werden sie meist auf Sumerisch,
die Zahl der Zeilen und Tafeln, die er das vor allem im Süden Mesopotamiens
umfasst, und den Namen des Schreibers, gesprochen wird. Nur vereinzelt entstehen
der ihn kopiert hat. Wichtiger als sein Texte in der Sprache der neuen akkadi
ursprünglicher Verfasser ist den Men schen Herrscher, die im Norden des Lan
schen im Zweistromland das Alter eines des überwiegt.
Textes, seine Herkunft aus einem der Auch Enheduana dichtet nicht in
traditionellen Machtzentren Mesopota ihrer Muttersprache Akkadisch, sondern
miens, seine göttliche Inspiration. auf Sumerisch, der Sprache der Literatur.
Als Enheduana um 2250 v. Chr. ihr
„schicksalbestimmendes Lied“ schreibt, enig ist bekannt über
ist die Literatur gerade erst geboren.
Die Keilschrift, einst für Verwal
tungszwecke erfunden (siehe Seite 38),

wickelt, von Zählsymbolen zu Zeichen,


W die erste Autorin, die
der Welt ihren Namen
nennt. Erst mit ihrer
Amtseinsetzung tritt sie überhaupt in
Erscheinung, und selbst danach bleiben
die erst für Wörter und schließlich für die Umrisse ihres Lebens vage.
Laute und Silben stehen. Um 2700 v. Chr. Doch so viel lässt sich sagen: Als
ist der Prozess abgeschlossen – und Me Hohepriesterin verkörpert Enheduana die
sopotamiens Schreiber produzieren von Gemahlin des Mondgottes Nanna. Wie
nun an neben Rechtsurkunden, Kaufver bei anderen Priesterinnen auch ähnelt ihr

Literatur
trägen und Weihinschriften auch erste Gewand vermutlich mit seinen Volants
den Kleidern der Göttinnen. Ihre Haare
lungen von Sprichwörtern, die sich mit wird sie nicht wie andere Frauen der
Fragen der Landwirtschaft, aber auch Oberschicht zu einem Knoten aufgesteckt
mit mensch lichen Verfehlungen wie der tragen, sondern in losen Locken, ge
Eitelkeit be fassen. Dazu Kompendien schmückt mit dem breiten Kronreif, der
mit Beschwörungsformeln gegen giftige Zeichen ihres Amtes ist.
Skorpione und für glückliche Geburten. In ihrer Residenz im Tempel lebt sie
Darüber hinaus bringt die mesopo in klosterähnlicher Zurückgezogenheit,
tamische Dichtkunst die ersten Hymnen vollzieht tägliche Reinigungsriten, mahlt
hervor – Lobpreisungen, die Göttern, Der Aufruhr die Gerste für die Speisung ihres Gottes
Königen und Tempeln gewidmet sind. gegen Enheduanas
Aber auch Ermahnungsliteratur wie den „Rat des Dynastie wird bald sionen wie etwa denen des Neujahrsfestes.
Schuruppak“, in dem Vater und Schwiegervater niedergeschlagen. In Ur, der Stadt des Mondes, wird dieser
ihren Kindern Ratschläge geben: „Wenn du Bier Die Dichterin kehrt wichtigste religiöse Ritus des Jahres zu Anfang
getrunken hast, prozessiere nicht!“ an den Tempel in
Und schon in der Anfangszeit des Reiches Ur zurück – als habe kalenders begangen, also gebunden an die Tag
von Akkad, um 2300 v. Chr., entstehen die ersten und Nacht Gleichen. Das Fest beginnt jeweils am
Epen – jene Erzählungen, die welterschütternde sächlich den Zorn Tag des Neumonds.
Ereignisse und Heldentaten schildern: die wich der Innana (oben In der dunkelsten Nacht des Monats verlässt
tigste Literaturgattung Mesopotamiens. Mythi eine Alabasterstatue der Gott Nanna den Tempel und zieht vor die
sche Dichtungen berichten von der Ordnung des aus dem 3. Jahr Stadt. Die Hohepriesterin führt die Prozession zu
Kosmos und der Erschaffung des Menschen, he hundert v. Chr.) nahe gelegenen Kaianlagen, wo dem Gott ein
roische Epen vom Leben legendärer Herrscher. gegen die Rebellen Zuhause auf Zeit errichtet worden ist, bis er in
Wie alle Werke der mesopotamischen Lite entfacht den ersten Tagen des neuen Monats mit dem zu
ratur sind auch die Epen des späten 3. Jahrtau nehmenden Mond strahlend zurückkehrt nach Ur.
sends v. Chr. für den mündlichen Vortrag gedacht Als Priesterin ist Enheduana eine Mittlerin
und werden anfangs auch nur mündlich überlie zwischen den Welten, lebendes Symbol der Ein
fert, bis sie schließlich jemand niederschreibt. tracht zwischen Göttern und Menschen, die dem

GEO EPOCHE Babylon 67


Reich Wohlstand und Sicherheit bringt – so je - sie den meisten Forschern als Verfasserin eines
denfalls war es bis zum Ausbruch des Aufstands. weiteren Liedes an die Göttin Innana mit dem
Und die Rebellion des Lugalane ist auch Titel „Herrin mit starkem Herzen“. Bei anderen
nicht von Dauer. Von Enheduanas Neffen Na- Texten, wie einem Lied auf den Mondgott und
ramsin hat sich ein Denkmal erhalten, auf dem er der mythischen Dichtung „Innana und Ebic“, las-
als siegreicher König gezeigt wird, der über seine sen Inhalt und Stil vermuten, dass es die Werke
geschlagenen Feinde hinwegschreitet, angetan mit der Hohepriesterin sind.
einer Hörnerkrone, wie sie die Götter tragen. Auch eine Sammlung von Hymnen an Tem -
Wie und wann Enheduana wieder nach Ur pel in Sumer und Akkad soll sie zusammengestellt
zurückkehrt, ist nicht überliefert. Eine von Na - und bearbeitet haben. Eine Nachschrift weist sie
ramsins Töchtern wird ihr schließlich als Hohe- als deren Schöpferin aus: „Die Urheberin dieser
priesterin in Ur nachfolgen. Tafel ist Enheduana; oh mein König, was ich ge-
Doch so, wie Enheduna mit ihrem Lied schaffen habe, hat niemand je zuvor geschaffen.“
versucht hat, den Zorn der Innana zu entfachen, Nicht zuletzt ihr enormes Selbstbewusstsein
muss sie ihn nun auch wieder besänftigen. Am als Autorin macht Enheduana einzigartig unter
Ende muss Hoffnung herrschen, muss die Har - den Dichtern ihrer Zeit. Es wird 2000 weitere
monie wiederkehren, die Eintracht, für die sie als Jahre dauern, bis auch in der Wahrnehmung der
Priesterin steht und die sie aufrechterhalten muss. Welt einzelne Texte mit bestimmten Autoren ver-
Dass sie überzeugt ist, mit ihrem Appell an bunden werden, bis die Aufmerksamkeit für ein
die Göttin die Einheit des Reiches von Akkad Werk auch dessen Verfasser gilt.
gerettet zu haben, verrät die Inschrift einer gro ßen
Alabasterscheibe aus Ur, die die Zeiten überdauert ie Epoche, in der En -
hat: Auf der Rückseite der runden Tafel schreibt
die Hoheprieste rin, sie habe einen
Altar gestiftet im Tempel der In -
nana – offenbar als Dank für die
Niederschlagung des Aufstands.
D heduana gewirkt hat,
steht am Beginn der
Blütezeit der mesopo-
tamischen Literatur. In den Schu -
len des Landes, in denen Staats-
Der Reliefstreifen auf der
Vorderseite der Scheibe zeigt ein
Das Land beamte ausgebildet werden, regelt
spätestens ab 2000 v. Chr. ein
Ritual vor dem Altar. Hinter ei- einheitlicher Lehrplan, welche
nem kahlköpfigen Mann, der ein
Trankopfer darbringt, steht eine
zwischen den literarischen Werke zu erlernen
und abzuschreiben sind.
Frau im gerafften Gewand, die Der Unterricht im edubbaa,
Haare fallen offen über den Rü- Strömen wird im „Haus, das Tontafeln zuteilt“,
cken. Ein Gesicht im Profil mit bestimmt so über den Kanon der
scharfen, entschlossenen Zügen, Werke, der über Jahrhunderte
die Hand zum Gruß erhoben: das zum Hort des weitergegeben wird.
einzige gesicherte Bildnis der ers- Dabei handelt es sich vor al-
ten namentlich bekannten Dich - lem um Hymnen auf Könige und
terin der Weltliteratur. WISSENS Götter. Aber auch um Städte -
klagen, in denen die Autoren die
iemand kann sagen, Niederlagen und Verluste ver-

N wie lange Enheduana


gelebt hat, wo sie ge-
storben, wo sie begraben ist. Auch ist
unbekannt, wie umfassend ihr literarisches Schaf-
fen war, ob sie es als Teil ihres Amtes begriff oder
schiedener Metropolen im Kampf
um die Vorherrschaft in Mesopo-
tamien rechtfertigen oder beklagen. Und schließ-
lich um jene fantasiereichen Dispute, in denen
sich Gegenstände wie beispielsweise Hacke und
ihr die Dichtung zur Passion geworden war. Pflug – aber auch Lebewesen wie etwa Vogel und
Immerhin: Ein halbes Dutzend erhaltene Fisch, Tamariske und Dattelpalme – über ihre
Texte werden Enheduana zugeschrieben. So gilt jeweiligen Vorzüge und Tugenden streiten, bis

68 GEO EPOCHE Babylon


DAS ERSTE IMPERIUM

Kaspisches
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geb Meer
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NEUEN ÄRA Karkemisch o p
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Mithilfe innovativer Kriegstechnik

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entsteht in Mesopotamien um 2300 ch eb

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v. Chr. das weltweit erste Großreich r ir

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um 2300 bis 2200 v. Chr.
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ür den einen der beiden Fürsten ist

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dies der Moment seines größten nachgewiesene maximale Größe

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Tri umphs – für den anderen aber vermutete maximale Größe

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GEOEPOCHE-Karte

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wird das Datum auf ewig verbunden Feldzüge (Auswahl)
unterworfene Stadtstaaten Quellen: Der Neue Pauly, Historischer Atlas der
sein mit dem Gefühl tiefster Schande. antiken Welt, J.B. Metzler; Putzger, Historischer
Akkad: vermutete Lage Weltatlas, Cornelsen Verlag
Denn an diesem Tag irgendwann
um 2300 v. Chr. führt Fürst Sargon von
Akkad seinen mächtigsten Widersacher, König Sargon von Akkad unterwirft um 2300 v. Chr. alle Stadtstaaten zwischen
den Herrn von Uruk und Anführer einer Euphrat und Tigris. Zudem erobert er wohl weitere Gebiete etwa in Anatolien und
Koalition sumerischer Städte, nackt und im Libanon. Das neue, straff organisierte Reich überdauert rund 150 Jahre
gefesselt vor einen Tempel in Nippur.

rischen Königs Lugalzagesi will Sargon


aller Welt zeigen, dass der Gott der
Winde und der Erde allein ihn zum
Herrscher über ein vereintes Mesopota Mit seinem Sieg richten, siedelt in den sumerischen Städ
mien bestimmt hat. zagesi geführte Koalition der Sumerer ten Akkader an. Statthalter wachen dort
Noch wenige Jahrzehnte zuvor ist im Jahr 2300 v. Chr. wird Sargon zum über die Befolgung seiner Befehle.
das Land an Euphrat und Tigris in Dut bedeutendsten Herrscher seiner Zeit. Er In allen Teilen des Reichs gilt fortan
zende Stadtstaaten zersplittert, besteht schmiedet nun ein Imperium, das sich akkadisches Recht. Akkadische Beamte
aus zahlreichen Gemeinwesen wie Ur, bald vom Oberlauf des Tigris bis zum
Lagasch oder Kisch, regiert von regio Persischen Golf erstreckt. Es ist das erste lichen Gewichte und Maße. Das Akka
len Fürsten. Großreich der Geschichte – eine revo dische wird alleinige Amtssprache.
In jedem dieser Kleinststaaten gel tio näre Neuerung in einer Welt, in der Auch Wirtschaft und Handel för
ten eigene Gesetze, Maße und Ge wichte, eine Stadt als höchste politische und dert der Monarch. Die eroberten Länder
beten die Menschen zu verschiedenen religiöse Institution gilt, als Abbild des bieten Absatzmärkte für Produkte wie
Göttern des mesopotamischen Pan Kosmos und Wohnsitz der Götter. Wolle, Kleidung und Bier. Zugleich
theons. Und ihre Herrscher kämpfen Sargon unterwirft das iranische braucht Sargon Rohstoffe für Bau und
immer wieder erbittert gegeneinander Königreich Elam, erobert fast ganz Me Rüstungsvorhaben, etwa Holz sowie Zinn
um Grenzen, Wasserläufe, Weideland. sopotamien. Wahrscheinlich führen ihn und Kupfer für die Bronzeherstellung.
Kaum einem Fürsten ist es bisher seine Feldzüge sogar über Syrien bis nach Rund 40 Jahre beherrscht Sargon
gelungen, sein Territorium über das Um Anatolien und in den Libanon. Als Zei sein Reich. Seine Nachfolger verehren
land seiner Stadt hinaus auszudehnen – chen seiner Machtfülle, so künden meh ihn als Gott.
bis sich Sargon um 2325 v. Chr. zum rere Inschriften, wäscht er seine Waffen
König von Akkad aufschwingt und mit im Mittelmeer und nennt sich fortan Sein Erbe aber
überlegener Kriegstechnik die Hegemo „König des Universums“. erhaft bewahren. Geschwächt durch
nie in Zentralmesopotamien erringt. Seine Hauptstadt Akkad, wohl am Thronkämpfe und Rebellionen unter
Seine Truppen, nur mit Kurzspee worfener Völker, zerbricht das Reich von
ren, Pfeil und Bogen bewaffnet, sind bauen, regiert von dort als absoluter Akkad rund 150 Jahre nach Sargons Sieg
Herrscher, setzt Verwandte in wichtige über die Sumerer unter dem Ansturm
rischen Städte, die sich nun gegen ihn Staatsämter ein und erhebt seine Tochter der persischen Gutäer.
zusammenschließen und deren Soldaten Enheduana zur Hohepriesterin. Doch noch über ein Jahrtausend
in geschlossener Formation mit schweren Sargons Macht stützt sich vor allem später werden mesopotamische Könige
Schilden und langen Lanzen kämpfen. auf das Militär. Er lässt Garnisonen er Sargon als Vorbild ansehen. Dirk Hempel

GEO EPOCHE Babylon 69


König Naramsin, Enheduanas Neffe,
schlägt zahlreiche fremde Armeen und
bricht brutal den Widerstand gegen
die akkadische Dynastie (Stele aus dem
Große
23. Jahrhundert v. Chr.)
EPEN
Das Epos verbindet die

eine Gottheit schließlich ein


ergründen das Erschaffung des Menschen mit
der Erzählung einer Sintflut,
Machtwort spricht und den Ge - Strafe der Götter, die der Pries-
winner benennt.
Von etwa 1500 v. Chr. an
menschliche ter Atramchasis in einem eigens
gebauten Schiff überlebt.
arbeiten Schreiber nicht mehr Und schließlich schafft ein
im „Haus, das Tontafeln zuteilt“.
Sie fertigen nun immer häufiger
Schicksal akkadischer Autor aus mehreren
kurzen sumerischen Geschich-
in Palast- oder Tempelbibliothe- ten über König Gilgamesch,
ken Abschriften für die Archive den sagenhaften Herrscher von
an, um die Texte zu bewahren. Zu Uruk (siehe Seite 26), jene große
dieser Zeit existieren in der Literatur Mesopo - Erzählung über das menschliche Streben nach
tamiens immer noch zwei Sprachen neben ein- ewigem Leben, die zum bekanntesten Werk der
ander. Als Alltagssprache haben akkadische Dia- mesopotamischen Literatur überhaupt werden
lekte, der babylonische und der assyrische, zwar wird: das Gilgamesch-Epos.
das alte Sumerisch verdrängt, aber als Sprache Es ist das Porträt eines Übermenschen, um -
der Gelehrten wird es noch bis um die Zeiten - getrieben vom Willen zu leben und zu überleben,
wende gepflegt. dessen Anstrengungen ihn bis ans Ende der Welt
führen, bis er schließlich sein Schicksal als Sterb-
ine eigene akkadische Literatur entsteht licher annehmen kann.

E ab etwa 1800 v. Chr. Was sumerische


Autoren zuvor geschaffen haben, dient
den akkadischen nun als Vorbild. Sie
ersinnen neue Formen, entwickeln althergebrachte
weiter, versuchen schreibend die Welt zu ergrün-
Die Verfasser beider Epen sind unbekannt.
Anders als Enheduana, die Autorin, die der Welt
selbstbewusst ihren Namen hinterlässt, treten sie
hinter ihre Werke zurück.
Und doch haben die Dichter Mesopota -
den, zu verstehen. miens, die ersten Literaten der Menschheits -
Dieses Streben nach Erkenntnis bringt LITERATURTIPPS geschichte, ein großes Erbe hinterlassen. Die Fra-
die Weissagungstexte hervor, die auf logischer Benjamin R. Foster gen, die sie stellen, beschäftigen die Literatur
Schlussfolgerung gründen und durch Beobach- »The Age of Agade« bis in die Gegenwart. Und die Geschichten, die
tung dessen, was ist, Zusammenhänge zwischen Umfassende Monografie sie erzählen, werden immer wieder neu nieder-
Ereignissen finden wollen: Ein scheinbar einzig- über die akkadische Ära, in geschrieben – so wie die Geschichte der großen
artiges Geschehen wird als göttliche Botschaft der König Sargon und Sintflut und des Mannes, der sie in einem Schiff
gedeutet, die das Herannahen eines zweiten seine Tochter Enheduana übersteht, das er mit eigenen Händen gebaut hat.
Ereignisses ankündigt. Diese Zusammenhänge wirkten (Routledge). Es ist eine uralte Erzählung. Wohl der Erste,
werden in Listen gesammelt und auf Dutzenden von dem berichtet wird, er habe einen Überle-
Tontafeln zu Abhandlungen zusammengefasst. Karen Radner benden der alles vernichtenden Flut getroffen, ist
Der Wunsch nach Antworten, nach Welt - »Mesopotamien. Die König Sargon I. von Akkad, Enheduanas Vater.
erklärung treibt die akkadischen Autoren um, frühen Hochkulturen an Und weit mehr als ein Jahrtausend nachdem
auch in mythischen Erzählungen. Schon das erste Euphrat und Tigris« die Epen von Atramchasis und Gilgamesch sie
große Werk der akkadischen Literatur geht weit Knapper, anschaulicher erwähnen, wird ein weiteres Werk die Geschichte
hinaus über alles, was die mesopotamische Dich- Abriss zur Geschichte der Sintflut erzählen. Der Mann, der sich, seine
tung bis dahin hervorgebracht hat: Die 1200 des Zweistromlandes Frau und alle Tierarten in einer hölzernen Arche
Zeilen des Atramchasis-Epos, entstanden um (C. H. Beck). vor dem göttlichen Strafgericht rettet, heißt Noah.
1700 v. Chr., stellen größere Fragen als alle sume- Das Buch, das von ihm und seinen Taten
rischen Mythen zuvor. Die Geschichte des Hel- berichtet, ist das 1. Buch Mose.
den Atramchasis erklärt der Menschheit ihre Das erste Buch der Bibel.
Ursprünge und ihre Sterblichkeit, den Sinn und
Wert ihres Lebens, ihre Aufgabe im Universum, Constanze Kindel,
ihre Bindung an die Götter. mäßigen Autoren inGEO EPOCHE .

GEO EPOCHE Babylon 71


Assur – um 1900 v. Chr.

STADT de r

Wenig ist bekannt über Assurs Gestalt um 1900 v. Chr., nicht einmal der genaue Verlauf seiner Mauern. Die von einem Archäologen
angefertigten Zeichnungen oben – hier das Haupttor – und auf den folgenden Seiten zeigen die Stadt zu einer späteren Blütezeit

72 GEO EPOCHE Babylon


HÄ N D L E R

Der hier wohl dargestellte


Kriegsgott Assur ist Namensgeber
und Beschützer der Stadt

Hinter den Mauern Assurs feilschen


Kaufleute um Waren, wiegen Beamte mit
geeichten Gewichten Zinnbarren ab, brechen
Karawanen mit kunstvoll gewebten Textilien
zu wochenlangen Reisen auf. Um 1900 v. Chr.
ist die Stadt am Tigris eine perfekt orga-
nisierte Handelsmetropole. Nirgendwo im
Zweistromland schlagen Händler mehr Güter
um und agieren geschickter
Text: RALF BERHORST,Illustrationen:WALTER ANDRAE

GEO EPOCHE Babylon 73


mehr über den Ort bekannt als seine
Lage. Kein Gebäude ist erhalten auf dem
Felsplateau oberhalb des Tigris, wo sie

D
einst lag, 100 Kilometer südlich von mit privater und geschäftlicher Korres
Mossul im heutigen Irak. Nicht einmal pondenz – wertvolle Artefakte, die die
der Verlauf der Stadtmauer lässt sich im Zeiten in Kanesch, einem entlegenen
Gelände nachvollziehen.
Und doch wissen wir über Assurs imperiums, unbeschadet überstanden
Bewohner mehr als über viele andere haben.
Es sind Briefe wie jener, den eine
stromlandes. Denn ein außergewöhnlich Frau gemeinsam mit ihrer Schwägerin
umfangreicher archäologischer Fund, irgendwann um das Jahr 1885 v. Chr. am
750 Kilometer Luftlinie von Assur ent Tigris mit dreieckigen Zeichen in eine
fernt in den vom Erdreich überdeckten feuchte Tontafel schreibt. Der Adressat
Ruinen der Stadt Kanesch in der heuti ist ihr Ehemann, der vor langer Zeit sei
Die Stadt Assur ist um 1900 v. Chr. ein gen Türkei geborgen, ermöglicht uns ne Heimat verlassen hat und in Kanesch
bedeutendes Gemeinwesen: als Zentrum einen einzigartigen Einblick in den All Geschäfte macht. Ein Mann, der über der
eines weitgespannten Handelsnetzes und tag vor 4000 Jahren. Gier nach immer mehr Gewinn offenbar
Wohnstatt eines mächtigen Gottes, des Insgesamt 23 000 Keilschrifttafeln seine Gemahlin, seine Schwester und
sen Namen sie trägt. Dennoch ist wenig haben Wissenschaftler dort gefunden, seine Geburtsstadt vergessen hat.

74 GEO EPOCHE Babylon


natürlichen Rohstoffe, produziert keine
begehrten Güter. Doch er liegt strate
gisch günstig, um an den Warenströmen
Die beiden Frauen flehen den teilzuhaben, die Mesopotamien in alle Unabhängig jedoch ist das Gemein
Himmelsrichtungen durchfließen. wesen nicht. Um 2100 v. Chr. gehört es
kehren: „Wir haben die Frauen befragt, Den Beamten, Kaufleuten und Kö zum Machtbereich der Könige von Ur,
die Orakel deuten und Omen aus den nigen von Assur gelingt es in dieser Zeit,
Eingeweiden toter Tiere lesen und die ein Handelsnetz zu knüpfen, das sich legenen Metropole, deren Herrscher
mit den Geistern unserer Vorfahren vom Tigris über das nördliche Syrien bis auch zahlreiche andere Städte und Fürs
Zwiesprache halten. Der Gott Assur gibt nach Zentralanatolien spannt. Für meh tentümer in Mesopotamien unterworfen
dir eine ernstliche Warnung: Du liebst rere Generationen wird Assur so zu einer haben. Assur muss regelmäßig Tribut
das Geld! Du hasst dein Leben! Kannst bedeutenden kommerziellen Macht im zahlungen leisten an die sumerische
du nicht Assur hier in deiner Heimat Nahen Osten. Stadt im Süden.
Als aber um 2000 v. Chr.
tigen? Bitte, wenn du die das von Kriegen und inne
sen Brief vernommen hast, ren Unruhen geschwächte
komm zurück, blicke Assur Imperium von Ur zerfällt,
ins Angesicht und rette kann sich Assur unter seinem
dein Leben!“ Anführer Sulili von dem
Der Adressat dieser fremden Einfluss be freien.
Tontafel heißt Imdilum Die Stadt wird nun selbst ein
und ist einer der reichsten unabhängiges Königtum.
Bürger von Kanesch. Ein Seine Monarchen leiten
Geschäftemacher, vermö ihre herausgehobene Position
gend geworden durch den Die Kaufleute beurkunden ihre Geschäfte mit Rollsiegeln – vom Gott Assur ab, als dessen
Handel mit Stoffen und zylindrischen Steinen mit eingravierten Schriftzeichen oder, wie hier,Statthalter sie sich sehen. Sie
Zinn, der zu seinen besten bildlichen Szenen (o. l.), die in Ton gedrückt werden (o. r.) regieren aber keineswegs als
Zeiten über flüssige Mit absolute Autokraten, besitzen
tel in Höhe von 120 Kilo nicht einmal einen Palast,
gramm Silber verfügt. sondern wohl nur ein größe

Assur
40 Tagesreisen von Assur entfernt, Aber hätten Archäologen nicht im res Wohnhaus. Und sie teilen sich die
mitten in Zentralanatolien, hat dieser fernen Anatolien die Briefe von Män Macht mit einem Ältestenrat und einer
Mann sich ein Haus gekauft und ein nern wie Imdilum ausgegraben, wüssten Stadtversammlung. In diesem Gremium,
zweites Leben begonnen. Mit knappen, wir über diese Blütezeit wohl nichts. das Recht spricht und bei allen wichti
gen Beschlüssen beteiligt ist, dominiert
täfelchen, die ebenfalls noch existieren, ur schemenhaft sind Assurs eine Elite wohlhabender Händler. Sie
dirigiert er von Kanesch aus Karawa
führer und Agenten, ermahnt säumige
Schuldner, umwirbt Geschäftspartner, N Anfänge bekannt. Um 2500 v. lenken maßgeblich die Geschicke der
Chr. lassen sich erstmals Sied Stadt – und gewiss sind sie eingebunden
in eine Entscheidung, mit der um das
kontrolliert sogar seine Söhne – stets in ufer des Tigris nieder – damals existieren Jahr 1975 v. Chr. Assurs Aufstieg zu
der Sorge, betrogen zu werden. in Sumer im südlichen Zwei stromland einem Handelsimperium beginnt.
Mit seinem Geschäftssinn ist der längst hochentwickelte Zivilisationen,
Kaufmann Imdilum ein typischer Ab sind Großstädte wie Uruk schon seit
kömmling Assurs. Der Stadtstaat gebie Jahrhunderten bevölkert (siehe Seite 26). Bis dahin ist der Stadtstaat nur eine von
tet über kein großes Heer, besitzt keine Hoch auf dem Felsen über dem vielen Stationen in dem ausgedehnten
Tigris errichten die Neuankömmlinge Wegenetz, das die Eselkarawanen der
zwei Tempel und widmen einen davon mesopotamischen Händler bereisen und
dem Gott Assur, dessen Name wohl bald
Assurs Mauern erheben sich auch auf die Ansiedlung übergeht. stromlandes hinaus erstreckt. Es reicht
im Norden Mesopotamiens am Wenig lässt sich über die Größe der vom heutigen Afghanistan im Osten
Ufer des Tigris. Als König Ortschaft jener Ära sagen: Einige Tau über das Hochplateau des Iran sowie von
Iluschuma um 1975 v. Chr. die send Menschen mögen bald hier leben. den Häfen am Persischen Golf entlang
Einfuhrzölle auf Importwaren Sicher ist, dass die Wohnviertel rasch zu der Ströme Euphrat und Tigris hin auf
abschafft, wächst die Stadt einem Labyrinth aus engen Gassen bis nach Syrien und Anatolien, führt von
rasant: Insbesondere Händler wachsen, in dem die Häuser dicht an dort bis zur Küste der Ägäis und zu den
aus dem Süden kommen nun in dicht stehen. Denn wie einige der später Gestaden des Schwarzen Meeres.
die neue Steueroase, um dort gefundenen Briefe bezeugen, ist in Assur Fortan aber wollen die Machthaber
Luxusgüter zu verkaufen Baugrund teuer, und die Stadtmauer Assurs stärker von den Warenströmen
muss in den kommenden Jahrhunderten
mehrmals erweitert werden, um Platz für
neue Gebäude zu schaffen.
GEO EPOCHE Babylon 75
DIE WEGE DER WAREN

Durhumit n
profitieren. Etwa 25 Jahre nach der l i
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t o Kanesch
Un abhängigkeit von Ur befreit König A n
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Iluschuma alle Händler, die aus dem Sü e b i r g e
Puruschaddum r u s g
den des Zweistromlandes in seine Stadt a u
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kommen, von den Importsteuern auf mit Hahhum Ti
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geführte Waren (so hält es eine Inschrift
fest). Sein Nachfolger bekräftigt das
Edikt und nimmt ausdrücklich Silber, M
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Gold, Kupfer, Zinn und Gerste vom Ein hr s
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Durch den Verzicht auf Steuerein a

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sur einen enormen Vorteil: Kaum sind ch

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die Erlasse bekannt, ziehen immer mehr S
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Händler mit Luxusgütern aus dem Sü Hauptrouten zwischen Assur und Kanesch
0 200 km
den in die Stadt, um sie am Tigris zu weitere Handelsrouten Babylon
Durhumit und Puruschaddum: vermutete Lage GEOEPOCHE-Karte
verkaufen, wo ihr Gewinn nicht durch
Abgaben geschmälert wird wie andern
orts im Zweistromland. Sie haben duf In der Metropole am Tigris kreuzen sich die Routen eines ausgedehnten
Handelsnetzes, das vom heutigen Afghanistan über das Hochplateau des Iran,
steine wie blauen Lapislazuli, in Rot vom Persischen Golf bis an die Küsten der Ägäis und des Schwarzen Meeres
und Brauntönen funkelnde Karneole, reicht. Die meisten der aus dem Süden importierten Güter setzen die
dazu kostbare Textilien, Stofftücher von Kaufleute von Assur in Anatolien ab: In der Stadt Kanesch gründen sie um
vier mal viereinhalb Metern, aus Schaf 1950 v. Chr. eine Handelskolonie, die direkt der Mutterstadt untersteht
wolle gewebt von Frauen in den Metro
polen des Schwemmlandes im Süden.

or allem aber bringen sie einen

V begehrten Rohstoff in das


neue Königreich: Zinn. Das
Metall stammt von weither,
Minenarbeiter haben es im nördlichen
Afghanistan, in Usbekistan und Tad
Kaufleuten aus Assur künftig, die aus
dem Süden importierten Textilien und
Zinnbarren gegen eine festgesetzte
Etwa um die gleiche Zeit wird
Imdilum geboren, sein erster Sohn. Der
Junge, der mit drei Brüdern und einer
Schwester aufwächst, besucht wahr
schikistan aus Erzbrocken erschmol tümern Anatoliens zu verkaufen. scheinlich eine Schule (von den wenigen
zen. Zusammen mit Kupfer ergibt Zinn Von diesem Arrangement profitie Tontafeln, die in Assur gefunden wurden,
Bronze, eine extrem belastbare Legierung, ren beide Seiten: Die assyrischen Händ enthalten die Hälfte Texte für den Un
aus der Schmiede Waffen, Kessel und ler erhalten exklusiven Zugang zu einem terrichtsgebrauch). Er übt sich darin, den
Gerätschaften für den Ackerbau formen. großen Absatzmarkt. Die Herrscher im Wert bestimmter Waren in Silbersche
Doch all diese Waren sind nicht in Norden wiederum sichern sich durch den keln anzugeben, der assyrischen Wäh
erster Linie für den Konsum vor Ort Zoll regelmäßige Einnahmen und erhal rung, einem exakt abgewogenen Stück
gedacht – sondern für den Export. Denn ten Zugriff auf das Zinn sowie kostbare des Edelmetalls von gut acht Gramm.
die Assyrer wissen längst, dass es jenseits Stoffe, wie sie niemand in Anatolien zu Und er lernt, wie viele Jungen und
des Zweistromlandes einen großen Ab weben vermag. Dass sie ihre eigenen manche Mädchen seiner Heimatstadt, die
satzmarkt für die Güter aus dem Süden Händler von diesem Warentausch weit Keilschrift zu entziffern und die Zeichen
gibt, und diesen Markt wollen sie nun gehend ausschließen, nehmen sie dafür mit einem eckigen Griffel aus Schilfrohr
erobern. offenbar billigend in Kauf. selbst in ein weiches Tontäfelchen zu
Und so begründet in den ersten All diese Bestimmungen lassen sich setzen. Es sind für jeden angehenden
Jahrzehnten nach Verkündung des Ver einem Vertragsentwurf entnehmen, der Fernhändler wichtige Fähigkeiten.
zichts auf Importsteuern eine wagemu erhalten geblieben ist, sowie ähnlichen Offenbar entwickeln sich die Ge
tige Generation assyrischer Kaufleute Abkommen aus späterer Zeit und priva schäfte seines Vaters gut, und vermutlich
den Fernhandel mit Anatolien. In der ten Schreiben von Geschäftsleuten.
dicht besiedelten Region schließen sie Zu den Akteuren des Anatolien gewirr Assurs bald ein größeres Anwesen
handels gehört auch Imdilums Vater mit Lagerräumen und Eselställen, ist das
abkommen mit zunächst etwa 20 Stadt Schulaban, der wohl vom Jahr 1914 v. Chr. Haus ein geschäftiger Ort, von wo aus
staaten. Die Verträge erlauben es den an in seiner Heimatstadt regelmäßig Karawanen nach Anatolien abreisen und
Textilien und Zinnbarren kauft und sich
damit immer wieder auf den Weg nach
Norden macht.
76 GEO EPOCHE Babylon
Geschäftsleute darüber auf Tontafeln
Buch. Dann verschließen sie die Taschen
und versiegeln sie – erst in Anatolien
wohin sie Monate später von dort zu - dürfen sie wieder geöffnet werden. In wohl weniger als andere Störungen des
rückkehren. einem Frachtbrief, der den Reisenden Handels: Aufstände in der Region sowie
Als Imdilum herangewachsen ist, vorauseilt, erhalten Geschäftspartner am Scharmützel zwischen den Kleinstaa-
betraut ihn der Vater erstmals damit, Zielort eine genaue Aufstellung der Wa- ten Syriens und Anatoliens machen die
selbst eine Karawane zu begleiten. Eine ren, mit exakten Anweisungen, was mit Landwege immer wieder unpassierbar –
verantwortungsvolle Aufgabe. Jeder ihnen geschehen soll. und zwingen die Kaufleute, wochenlang
Transport erfordert hohe Investitionen; Wahrscheinlich schließen sich an- in den Städten auszuharren.
scheitert er, droht der ganzen Familie dere Geschäftsleute mit ihren Eseln Im - Im Süden der heutigen Türkei ga-
Ruin. Wahrscheinlich ist es Frühjahr dilums Treck an. Es ist sicherer, in Grup- belt sich der Weg. Zwei Routen führen
oder Sommer. Zu dieser Zeit verlassen pen von mindestens 20 Lasttieren und von hier auf die Hochebene Anatoliens:
mehrmals im Monat Karawanen die ebenso vielen Treibern zu reisen. Imdilum und seine Gefährten können
Stadt Richtung Anatolien, um vor An - Im grauen Licht vor Sonnenauf - sich entweder nach Westen zum Euphrat
bruch des Winters zurück zu sein. gang kommen noch einmal Verwandte wenden, den Fluss mit einer Fähre que-
und Freunde zusammen, um die Männer ren und dann auf engen Pfaden das Tau-
zu verabschieden. Ein letztes Mal kon- rusgebirge erklimmen. Durch die vielen
Und so macht sich wohl auch Schula- trollieren die Eseltreiber den Sitz der Täler und Pässe des Bergmassivs, dessen
ban irgendwann in je ner Jahreszeit mit Ladungen und Gurte; Beamte der Stadt - Gipfel sich ringsum bis auf 3500 Meter
seinem Erst geborenen auf den Weg versammlung prüfen, ob die Waren kor- erheben, gelangen sie schließlich auf die
zur Stadtversammlung von Assur. Das rekt deklariert und versiegelt sind und Hochebene. Oder sie überwinden den
mehrstöckige Gebäude ist nicht nur die Exportsteuer bezahlt ist. Bei Sonnen- Euphrat auf einer nördlicheren Route bei
Versammlungsort und Gerichtsstätte, aufgang öffnen Wachen das Stadttor. der Stadt Hahhum und ersteigen von
sondern zugleich Getreidespeicher, Vor den Händlern liegen gut 1000 dort das Plateau.
Schatzhaus und zentraler Umschlagplatz Kilometer, sechs Wochen wird ihre Rei-
mit Geschäften und Büros, wie es viele se dauern. Zuerst wenden sich die Män - elche der beiden Strecken
der erhaltenen Briefe beschreiben.
Hier können die Einheimischen
Zinn, Stoffe und Edelsteine von den
ner gen Nordwesten. In der Sommerhitze
halten sie es nicht länger als sechs Stun-
den im Freien aus, etwa 25 Kilometer legt W auch immer die assyrischen
Händler wählen: Nach etwa
40 Tagesreisen erreichen

Assur
Händlern aus dem Süden kaufen, hier die Karawane so am Tag zurück. die Männer eine fruchtbare Ebene und
prüfen Beamte die Metalle auf Reinheit Doch die Assyrer haben den Han - erblicken auf einem Hügel vor sich die
und wiegen sie mit geeichten Gewichten del längst perfekt organisiert. Entlang Häuser des Stadtstaats Kanesch, ihr Ziel.
ab. Hier zahlen die Assyrer die Steuer auf des Weges liegen Raststätten und Her - Das ana tolische Königreich ist der wich-
die Exportwaren und können – falls not - bergen. Helfer laden die Packsättel tigste Handelspartner Assurs und der
wendig – gegen Zinsen Kredit bei der abends vom Rücken der Esel, versorgen bedeutendste Umschlagplatz im Han -
Stadt aufnehmen. die Tiere mit Stroh und Wasser. Erst bei delsnetz der Kaufleute vom Tigris.
Hier wohl auch mieten Schulaban Tagesanbruch geht es wieder weiter. Durch eines der streng bewachten
und Imdilum Esel und heuern Treiber Die Kaufleute durchqueren den Tore erhalten die Reisenden Einlass.
sowie einen erfahrenen Karawanenführer Norden Syriens und passieren etliche Über gepflasterte Straßen treiben sie ihre
an, der eine möglichst schnelle und un- Städte und Königtümer, doch bei Strafe Esel direkt zum Königspalast.
gefährliche Route kennt. Und irgend - ist es ihnen verboten, unterwegs die Sie- Dort muss Imdi lum die Waren sei-
wann in diesen Wochen schlachten die gel aufzubrechen und Waren anzubieten. nes Vaters nun offiziell deklarieren und
Kaufleute ein Schaf und opfern es dem Die Karawane mit ihrer reichen verzollen. Beamte des Herrschers öffnen
Gott Assur, um ihn gnädig zu stimmen. Fracht muss eine Versuchung sein für sämtliche versiegelten Behältnisse. Für
Dann ist der Tag des Aufbruchs viele Dorfbewohner und umherziehende jede mit Zinnbarren voll beladene Sei-
gekommen. Noch vor Morgengrauen Beduinenbanden. Die Verträge mit den tentasche zahlt Imdilum ein Kilogramm
beladen Helfer die Esel im Hof des Va- örtlichen Herrschern schützen die Assy - des Inhalts an Steuern, für jede Stoff-
ters mit der kostbaren Fracht. In die Sei - rer nur im Zielgebiet ihrer Wanderung bahn eine Importabgabe von fünf Pro -
tentaschen der Packsättel schichten sie vor Überfällen; die Fürsten dort haben zent. Der Herrscher von Kanesch hat
je 32,5 Kilogramm schwere Zinnbarren sich verpflichtet, Räuber zu verfolgen zudem ein Vorkaufsrecht auf ein Zehntel
oder bis zu 35 Stoffbahnen, eingewickelt und zu verurteilen, in manchen Fällen aller mitgeführten Güter. Mit den edlen
in wasserfestes Tuch – jede einzelne von müssen Verluste sogar ersetzt werden. Geweben aus Südmesopotamien zeich-
ihnen ist so viel wert wie ein Sklave. Für den Weg durch Syrien aber gilt net der König gern verdiente Höflinge
In eine dritte Tasche auf dem Rü - dieser Schutz oft nicht. Die Händler sind aus, oder er verschenkt sie an verbündete
cken der Tiere laden sie weitere Ware, bis auf ihrem Weg ganz sicher mit Schwer- Fürsten.
jeder Esel 80 Kilogramm zu schleppen tern und Messern bewaffnet, aber sie Den Rest seiner Ware kann Imdi -
hat. Minutiös führen die assyrischen lassen sich nicht von bezahlten Wächtern lum auf den Märkten von Kanesch frei
begleiten (Kosten für derartige Eskor-
ten tauchen in den Abrechnungen jeden -
falls nicht auf). Sie fürchten Überfälle
GEO EPOCHE Babylon 77
Mehrmals im Monat brechen von Assur aus Karawanen 40 Tage brauchen die Gruppen bis nach Kanesch. Die Route
nach Anatolien auf. Die Kaufleute beladen jedes Lasttier mit ist gut organisiert: Es gibt Raststationen, und Verträge mit örtlichen
rund 80 Kilogramm Waren, darunter wertvolle Gewürze Herrschern schützen die Händler in Anatolien vor Raubüberfällen

verkaufen oder bei Agenten und Ge - Doch um das Jahr 1894 v. Chr. stirbt Kolonie“, das in den Briefen immer wie-
schäftspartnern seines Vaters abliefern. Schulaban, wie sich aus der Geschäfts- der erwähnt wird, beaufsichtigt auch die
Bezahlt wird er in Silberschekeln. korrespondenz ableiten lässt. Die Lei- rund 30 anderen assyrischen Handels-
Für die Textilien erhält er in Kanesch das tung des Familienunternehmens geht auf posten in Anatolien. Die so gegründete
Dreifache des Einkaufspreises, für Zinn einen von Imdilums Onkeln über, der Kolonie Kanesch untersteht direkt der
das Doppelte. Nach Abzug sämtlicher im Rang über dem Erstgeborenen einer Mutterstadt und zahlt regelmäßig Ab -
Kosten und Steuern beträgt sein Profit Familie steht. Und dieser Onkel schickt gaben in die Heimat.
etwa 50 Prozent; übergibt er die Ware Imdilum in die Fremde. Der junge Kauf- Im Quartier unterhalb des Hügels
Agenten auf Kredit und lässt sich das mann soll sich in Kanesch niederlassen, wächst eine eigene Welt mit Geschäften,
Silber erst einige Monate später durch um dort die Waren aus Assur in Emp - Tavernen und Werkstätten. Dutzende
einen Boten übersenden, liegt der Ge - fang zu nehmen und gewinnbringend zu Händler aus Assur besitzen hier inzwi-
winn sogar noch höher. Ein äußerst verkaufen. schen eigene Häuser – große, zweistö-
lukratives Geschäft, für das die Assyrer Imdilum ist vielleicht Anfang 20. ckige Gebäude, erbaut im anatolischen
die Strapazen des weiten Weges vermut- Seine Ehefrau und die drei Kinder blei - Stil: mit Steinfundament, getünchten
lich sehr gern auf sich nehmen. ben in Assur zurück. In den folgenden Lehmziegelwänden und hölzernen Pfos -
16 Jahren wird er seine Heimatstadt ten, die das Dach tragen.
echtzeitig vor Anbruch des kaum noch wiedersehen.

R Winters kehrt Imdilum nach


Assur zurück, bevor zwischen
Dezember und April Schnee
und Eis die Wege im Gebirge unpassier-
bar machen.
Nachdem die Generation der Pio -
niere den Handel mit Kanesch und den
anderen Stationen des Handelsnetzes
von Assur aufgebaut hat, nimmt der
Warenstrom kontinuierlich zu. Mindes-
Auch Imdilum erwirbt dort ein Anwe-
sen. Mit Tontafeln koordiniert er von
hier aus die Geschäfte der Familie und
seine eigenen Transaktionen. Und offen-
Schulaban ist offenbar zufrieden tens vier Tonnen Zinn und 3800 Stück bar fertigt er von jedem Schreiben, das
mit seinem Ältesten, denn immer wieder Textilien verschicken die Kaufleute Jahr er Richtung Heimat schickt, eine Ab -
schickt er Imdilum in den kommenden für Jahr durchschnittlich allein über schrift an und legt sie in seinem Archiv
Jahren auf die Reise. Doch der Ton ist Assur nach Anato lien. Mehr als 600 ab. Die Kopie dient ihm als Gedächtnis -
rau zwischen Vater und Sohn, auf einer Kilogramm Silber fließen zurück an den
Tontafel erteilt der Patriarch ihm die Tigris.
schroffe Ermahnung: „Dringend! Sei Bald ist es für jede Exportfirma in
vorsichtig und lass mich dich handeln Assur unerlässlich, einen festen und ver- Da das von fruchtbaren
sehen wie ein Mann!“ trauenswürdigen Ansprechpartner in Feldern umgebene Assur
In Assur gründet Imdilum eine Anatolien zu haben, am besten einen rasant wächst, müssen seine
eigene Familie: Er heiratet, zeugt zwei Verwandten. Immer mehr Geschäfts leute Mauern im Laufe der Zeit
Söhne und eine Tochter. Und er bleibt lassen sich dauerhaft in Kanesch nieder. mehrmals erweitert werden.
ein Unter gebener seines Vaters – auch Sie errichten Häuser in der durch eine Am Flussufer erheben sich
wenn er, so wie alle seine Brüder und Mauer geschützten Unterstadt östlich mächtige Tempel und Paläste,
nahen Verwandten, Geschäfte auf eigene des Palasthügels. dahinter liegen in engen
Rechnung und mit eigenem Silber ma - Die Fremden haben eine eigene Gassen unzählige Wohn-
chen kann. Verwaltung und Rechtsprechung, ihre und Lagergebäude
Führer beraten sich regelmäßig, rufen
bei Bedarf eine Vollversammlung der
assyrischen Händler ein. Ein „Büro der
78 GEO EPOCHE Babylon
reicher, kauft von Kanesch aus mehrere
Häuser in Assur für die enorme Summe
von jeweils bis zu elf Kilogramm Silber.
stütze, um Waren- und Geldströme je - Sein Bar vermögen beläuft sich auf mehr anderen Geschäftsleuten. 200 Esel sind
derzeit nachvollziehen zu können. Einen als das Zehnfache dieser Menge – Geld, erforderlich, um die wertvolle Last durch
Kunden, der für vier gelieferte Textilien welches er vermutlich immer wieder aufs die Steppe und über das Gebirge auf die
nur drei Schekel Gold zahlen will, lässt Neue in Handelskarawanen investiert Hochebene zu schleppen.
er wissen, dass er diese Summe bloß als oder gegen 30 Prozent Zinsen an andere
Anzahlung betrachte. Einen anderen Kaufleute verleiht. chon bald bauen die Assyrer in
Geschäftspartner drängt er zur Bar zah- Mit einer besonders reich belade-
lung – angeblich, weil er selbst in finan- nen Karawane werden eines Tages von
zieller Not sei: „Ich habe hier ein Haus Assur aus gleich zwölf Tonnen Zinn nach
gebaut und habe die fünf Kilogramm Kanesch transportiert – das ist dreimal
Silber, die ich besaß, ausgegeben. Ich so viel, wie die Stadt sonst innerhalb ei-
S Anatolien einen zweiten Wa-
renkreislauf auf: Im Königtum
Durhumit, etwa 220 Kilo meter
nordwestlich von Kanesch gelegen, tau-
schen sie Zinn und Stoffe gegen Kupfer
habe kein Geld verfügbar.“ nes ganzen Jahres in die Ferne verschickt. und verfrachten dieses tonnenweise auf
Dabei gehen Imdilums Geschäfte Allein 1410 Kilogramm der Fracht ge- Ochsenkarren in das vier Tagesreisen
in Wahrheit glänzend. Er wird immer hören Imdilum, der Rest stammt von ent ferntePuruschadduminWestana to-

Assur

GEO EPOCHE Babylon 79


laufen gut; längst schon arbeiten auch
seine beiden Söhne in dem Betrieb.
Allerdings behandelt er sie streng.
lien, wo sie es schließlich gewinnbrin- Seinen älteren Sohn herrscht Imdilum meinem Außenstand, von dem ich nichts
gend für Silber verkaufen. beispielsweise eines Tages in einem weiß, lass zahlen, schicke mir dann das
Es muss eine rauschhafte Zeit für Schreiben an, unverzüglich zu ihm nach Silber und mache so mein Herz froh!“
die Händler sein, von denen viele als Kanesch zu kommen: „Am Tage, da du Imdilum hält seinen Sohn für un -
Helfer ihrer Väter begonnen haben. Die meine Tafel vernimmst, mach dich auf zuverlässig und wirft ihm vor, „sich nur
10 000 Briefe aus den Familienarchiven und reise hierher ab! Steig auf deinen für Brot und Bier zu interessieren“. Er
in Kanesch, die Wissenschaftler bislang Esel und komm her!“ müsse „lernen zu gehorchen“. Einmal
entziffert haben, handeln fast nur von Den Jüngsten, der als Verlader für glaubt er gar, sein Jüngster habe etwas
Geld und Profit. ihn arbeitet, drängt er, ausstehende Geld- von seinem Silber unterschlagen und da-
beträge einzutreiben: „Wo sich auch nur mit eigene Geschäfte gemacht, und lässt
uch Imdilum lässt sich von der ein Schekel Silber von mir befindet, lass dessen Abrechnungen überprüfen.

A Gier erfassen. Niemand weiß,


wann er die Tontafel seiner
Gemahlin und seiner Schwes-
ter mit der eindringlichen Bitte um
Rückkehr erhält – das Schreiben ist, wie
es zahlen! Auch jeden Schekel Silber von

Mit Prozessionen huldigen die


Der Sohn rechtfertigt sich in ei -
nem langen, unterwürfigen Brief vor
seinem Vater: „Ich schwöre, dass ich,
seit ich dir helfe, nie etwas Falsches
oder Un gehöriges getan habe. Ich habe
die meisten privaten Briefe aus Assur, Bürger und Könige von Assur die harschen Worte vergessen, die du
undatiert. Niemand auch vermag zu sa- ihren Göttern (u.). Rund 100 Jahre mir gegenüber ausgesprochen und mir
gen, ob er den beiden Frauen je geant- lang beschert der Handel ihnen geschrieben hast, sowie die Tatsache,
wortet hat. großen Reichtum. Doch als um dass fünf oder sechs Kollegen hier da-
Klar aber ist, dass er die Aufforde- 1863 v. Chr. in der Niederlassung mit beauftragt wurden, meine Konten zu
rung, seinem Leben eine neue Wendung in Kanesch mehrere Kaufleute prüfen. Das verdiene ich wahrlich nicht.
zu geben, ignoriert. Warum auch sollte sterben, zerfällt das assyrische Es möge mein Körper erlahmen, wenn
er Kanesch verlassen? Die Geschäfte Handelssystem: Die Jahre des ich die Unwahrheit sage!“
grenzenlosen Profits sind vorbei

80 GEO EPOCHE Babylon


beiden Ehen gekostet haben. Es ist die
Bilanz eines Gescheiterten.

lums brennt wohl nieder. Die dritte Ge


dilums Tochter nach Kanesch. Dort Acht Jahre nach seiner Rückkehr aus neration der Assyrer flieht aus der Han
heiratet sie zunächst einen Assyrer und Kanesch taucht Imdilums Name ein letz delskolonie, ohne die in den Archiven
nach dessen Tod einen Anatolier – somit tes Mal in einem Schreiben auf, zwei lagernden Tontafeln mitzunehmen.
Jahre später muss er im Alter von knapp Zwar kehren assyrische Kaufleute
dilums in der Fremde. Die Söhne heira 50 Jahren gestorben sein. Die Geschäfte einige Jahre später nach Kanesch zu
ten ein heimische Frauen. Und ihre Mut seiner Familie verebben. Für das Jahr rück und bauen ihr Viertel wieder auf.
ter verbringt die Tage in Assur in noch 1864 v. Chr., vier Jahre nach Imdilums Doch die goldenen Jahre sind vorüber.
größerer Einsamkeit. Es gibt keine gemeinsamen Geschäfte
Um das Jahr 1878 v. Chr. aber, nach weisbar. Kurze Zeit später bricht auch mehr, der Handel erreicht kaum den
mehr als 15 Jahren in der alten Umfang.
Fremde, muss Imdilum Und so assimilieren sich
doch noch zurück in seine die Assyrer in der Fremde
Heimat stadt: Sein Onkel, immer mehr, heiraten anato
der das Familiengeschäft lische Frauen und unterste
geführt hat, ist gestorben. hen schließlich dem König
Nunmehr ist Imdilum der im Palast auf dem Hügel von
Ranghöchste unter seinen Kanesch.
Verwandten. Jetzt soll er
die Geschäfte von Assur as Handelsnetz, das
aus leiten. Einer seiner
Brüder sowie die beiden
Söhne übernehmen seine
Aufgaben in Kanesch.
Erneut tritt Imdilum
Kein Siegel, keine Tontafel kündet heute mehr vom Schicksal der
Handelsmacht Assur: Bald nach Eroberung durch einen Nachbarstaat D Assur groß und
reich gemacht hat,
zerfällt. Als im Jahr
1808 v. Chr. verlieren sich die Spuren der Stadt für Jahrhunderte 1808 v. Chr. ein König aus
dem Nachbarstaat Ekallatum
die Reise von 40 Tagesmär die Handelsstadt am Tigris
schen an und begibt sich erobert, endet die Zeit der
zurück in die Stadt des Gottes Assur. Er die Korrespondenz der meisten anderen Unabhängigkeit: Assur ist nun wieder
Kaufleute in Kanesch mit der Mutter Teil eines fremden Imperiums.
sammen. Wie mögen die beiden nach so stadt Assur abrupt ab. Hat es sich plötz Einige Jahrzehnte darauf brechen
langer Zeit mitein ander ausgekommen lich nicht mehr gelohnt, schwer bepackte die Quellen ab – keine Inschrift, keine
sein? Aus dieser Periode sind keine ihrer Karawanen in Richtung Norden zu schi Tontafel ist aus dieser Zeit mehr erhal
Briefe erhalten. cken? Blieb der Nachschub an Textilien ten. Die Spuren der Stadt verlieren sich
Aber es müssen zuletzt harte, er und Zinn aus? erneut im Dunklen.
folglose Jahre gewesen sein. Denn der Anscheinend hat der Niedergang Die Wohnhäuser der großen Kauf
Mann, der einstmals riesige Karawanen einen weitaus simpleren Grund: Um das leute werden im Lauf der Zeiten zerstört
in Bewegung gesetzt hat, Jahr 1863 v. Chr. sterben
handelt jetzt nur noch mit binnen Kurzem mindes tragen und überbaut, darunter auch die
Kleinwaren – Kämmen, große, geschäftige Halle, in der Imdilum
Flakons, Bechern, Schrott, reiche Händler in Ka und sein Vater unzählige Transaktionen
wie eine seiner Tontafeln LITERATURTIPPS nesch. Sie waren gut abgewickelt haben.
verrät. Den Grund des vernetzt, haben einander Erst 200 Jahre später, um 1550
Abstiegs nennt das Schrei Mogens Trolle Larsen vertraut, sich gegenseitig v. Chr., wird die Geschichte Assurs lang
ben aber nicht. »Ancient Kanesh« Geld geliehen, gemeinsam sam wieder greifbar, kommt es zu einer
Von seiner einzigen Lebendige, kenntnisreiche große Karawanen auf den zweiten Blüte des Gemeinwesens am
Tochter, die weiterhin in Darstellung zur Geschichte der Weg geschickt. Ihre Erben Tigris. Doch diesmal (siehe Seite 108)
anatolischen Handelskolonie aber schaffen es offenkun machen die Assyrer nicht als Kaufleute
dilum sich vernachlässigt (Cambridge University Press). dig nicht, die alten Bande und Händler von sich reden.
und nicht genügend ge weiter Sondern als Krieger.
würdigt angesichts der fi Karl Hecker u. a. delssystem der Assyrer
nanziellen Opfer, die er für »Kappadokische bricht zusammen. Dr. Ralf Berhorst, Jg. 1967, ist Autor
sie erbracht hat. Verbittert Keilschrifttafeln« 30 Jahre später zer im Team vonGEO EPOCHE . Der deutsche
beschwert er sich in einem Enthält die Aufzeichnungen stört eine Feuersbrunst die ArchäologeWalter Andrae (1875–1956)
Brief an sie über die hohen des assyrischen Kaufmanns Unterstadt in Kanesch. leitete von 1903 bis 1914 die Ausgrabung
Ausgaben, die ihn ihre Imdilum mit Übersetzung Wahrscheinlich verheeren der Ruinen von Assur.
(Enigma). feindliche Truppen Stadt
und Umland. Auch das
einstige Wohnhaus Imdi
GEO EPOCHE Babylon 81
Strafrecht – um 1900 v. Chr.

82 GEO EPOCHE Babylon


MORD
IN
NIPPUR
Früh schon existiert in Mesopotamien
eine Urform des modernen Rechtsstaats:
Gerichte prüfen Indizien und Beweise,
Richter fällen Urteile auf der Grundlage
verbindlicher Gesetze. Als um 1900 v. Chr.
in der Tempelstadt Nippur ein Priester

lieferten Mordprozess der Geschichte


Text: IRENE STRATENWERTH

Aus den Händen eines Gottes empfängt


König Urnamma (im Bild rechts) die
Symbole der Gerechtigkeit: einen Maßstab
und ein Senkblei. Der Herrscher über das
Reich von Ur ist um 2100 v. Chr. wohl
der erste Monarch der Geschichte, der
Gesetze in Stein meißeln lässt

GEO EPOCHE Babylon 83


D
Die Anklage lautet: Mord. Denn Luinanna, ein
Diener der Unsterblichen, ist tot. Und es war
nicht etwa hohes Alter oder eine unheilbare
Krankheit, was den Priester niedergerungen hat.
Nein, er wurde Opfer eines Verbrechens, und die-
ses Verbrechen gilt es zu sühnen.
Beschuldigt werden drei Männer und eine
Frau. Die Männer sollen Luinanna heimtückisch
umgebracht haben, einen hochrangigen Priester
aus Nippur: Die Stadt, 200 Kilometer südöstlich
des heutigen Bagdad gelegen, ist die Wohnstätte
des Gottes Enlil – und eines der bedeutendsten
religiösen Zentren Mesopotamiens.
Die Frau war zwar nicht am Tatort, gilt aber
dennoch als Schlimmste von allen: Nindada ist
die Witwe des Getöteten – und angeblich hat sie
die Männer zu der Bluttat angestiftet.
Hatte sie eine außereheliche Beziehung, viel-
leicht sogar mit einem der Mörder? Ließ sie ihren
Gatten deshalb aus dem Weg räumen?
Ihr Schweigen hat die Frau verraten; so ist
es jedenfalls in einem knappen Bericht über den
Fall zu lesen: 60 kurzen Zeilen, die ein Schreiber
vor rund 4000 Jahren mit kantigen Griffeln in den
weichen Ton einer Tafel drückt.
Denn Nindada zeigte die Mörder nicht an,
obwohl sie angeblich deren Namen kannte. Au-
ßerdem habe sie ihren Mann nicht geehrt. Ist
diese Frau also gar keine trauernde Witwe, son- Der Kodex, den König Urnamma in Stein
dern eine mörderische Ehebrecherin? meißeln lässt (oben das älteste erhaltene
Diese Frage soll kein Hinterbliebener des Fundstück der Geschichte), gewährt
Opfers beantworten, der möglicherweise auf Blut- den Bürgern seines Reiches eine gewisse
rache sinnt, und auch keine zornige Menschen - Rechtssicherheit, denn nun wissen sie
menge, die vielleicht nach Lynchjustiz trachtet. verbindlich, was ihnen verboten ist und mit
Stattdessen wird ein Gericht über Schuld und
Bestrafung der vier Verdächtigen befinden. verstoßes rechnen müssen

84 GEO EPOCHE Babylon


Mesopotamien kennt nicht nur Straf-, So beginnt in der heiligen Stadt Nippur um
sondern auch Zivilrecht. Die Bewohner 1900 v. Chr. der Prozess gegen Nindada. Und da
schließen Privatverträge, dokumentieren Forscher kein älteres Dokument kennen, ist es der
schriftlich Besitzverhältnisse – hier lässt erste überlieferte Bericht über einen Mordprozess
ein babylonischer König um 1180 v. Chr. in der Menschheitsgeschichte.
eine Landschenkung an seinen Sohn
festhalten. Der Text ist auf der Rückseite esopotamiens Justizsystem weist
dieser Stele festgehalten, die Front
zeigt Symbole mesopotamischer Götter,
etwa Mond und Sonne (oben) M überraschend moderne Züge auf:

den prüfen Gerichte Indizien und


Beweise, fällen Urteile und legen Strafen fest. Die
Verfahren folgen bestimmten Regeln und geste
hen dem Angeklagten das Recht auf Verteidigung
zu, und sei er auch ein mutmaßlicher Mörder.
Selbstjustiz ist nicht erlaubt: Allein vom Kö
nig oder dessen Statthaltern berufene Gerichte
dürfen nach für alle Untertanen verbindlichen
Gesetzen Kriminelle bestrafen.
Die Geschichte der Rechtsprechung beginnt
wohl im 3. Jahrtausend v. Chr. – und zwar hier im
Zweistromland. Die archaische Kultur von Jägern
und Sammlern ist längst einer Wirtschaftsform
gewichen, die auf Ackerbau, Privatbesitz und
Handel basiert. Anfangs leben in den Siedlungen
vor allem Großfamilien, die Streitigkeiten um
Güter und Reichtum in brutalen Fehden ausfech

Strafrecht
ten, Mord und Totschlag durch Blutrache sühnen.
Dann aber beginnen Fürsten und Könige
über Städte und Dörfer zu herrschen: als Verwal
ter der Götter auf Erden. In Mesopotamien ver
ehren die Menschen Hunderte Gottheiten, in
Nippur opfern Priester schon früh vor allem Enlil,
dem Gott ihrer Stadt.
Die Herrscher haben die Pflicht, Frieden zu
stiften und für Ordnung zu sorgen. Doch erst
mithilfe der Schrift setzen sie eine Art Gewalt
monopol durch: Nur von ihnen autorisierte Ge
richte dürfen nach allgemein gültigen Gesetzen
Recht sprechen. Wohl spätestens ab 2000 v. Chr.
lernen angehende Schreiber auch juristisches
Grundwissen. Denn nach der Ausbildung stellen
einige von ihnen als Verwaltungsbeamte staatliche
Urkunden aus, andere arbeiten als Richter (viele
der von ihnen aufgezeichneten Texte, Verträge
und Prozessberichte werden Jahrtausende später
bei Grabungen entdeckt).
Als Erster lässt wahrscheinlich König
Urnamma, Gebieter über die Metropole Ur, um
2100 v. Chr. Gesetze in Stein meißeln und die
Tafeln in Tempeln aufstellen. Er präsentiert sich
damit, so der Prolog zu den Paragrafen, als Herr
scher, der für Gerechtigkeit und Frieden sorgt und
den Schutz der Schwachen garantiert.
Der Monarch lässt traditionelle Regeln sam
meln – neues Recht hingegen setzt er kaum: Mord
etwa war auch in den archaischen Gesellschaften

85
Der Kodex Hammurabi (um 1750 v. Chr.) ist die »Wenn ein Bürger einen Sklaven
umfangreichsteGesetzessammlung des oder eine Sklavin kauft und ein Monat
Zweistromlandes. Darin heißt es unter anderem noch nicht vergangen ist und die
(hier hervorgehoben): »Wenn ein Bürger bennu-Krankheit über ihn fällt, darf er
einen Bürger bei einer Rauferei schlägt und ihm ihn an seinen Verkäufer zurückgeben.
eine Wunde beibringt, dann soll dieser Der Käufer soll das gezahlte Geld
Bürger schwören: ›Ich habe nicht mit Absicht zurückerhalten«, so diese Rechts
regel
geschlagen‹, und den Arzt zahlen« (gelesen von rechts nach links)

geächtet. Doch mit der Aufzeichnung und öffent späteren Kodex 30 Schekel. Wer einer Sklavin das
lichen Proklamation der Gesetze schafft er Si Gleiche antut, muss hingegen nur fünf Schekel
cherheit: Jeder Bürger kennt nun seine Rechte –
und jeder Verbrecher die mögliche Strafe. Über ersatz für das Kind, das schon vor der Geburt zum
die Einhaltung wacht der König, stabilisiert so Eigentum des Sklavenhalters zählt.
sein Staatswesen und die eigene Macht. Doch die auf Tontafeln und in Stein gemei
Urnammas Gesetzessammlung ist eine der ßelt überlieferten Gesetze des Zweistromlandes
bedeutendsten Errungen beschäftigen sich mit weitaus
schaften der Geschichte. mehr als nur Gewaltverbre
Viele der rund 50 erhalte chen. Sie sollen auch die Kon
nen Paragrafen handeln
GESETZE SOLLEN flikte des Alltags lösen – und
von Mord, Körperverlet Ordnung schaffen, wo Chaos
zung, Ehebruch und se GEWALTAUSBRÜCHE droht, weil Menschen mit sich
xueller Gewalt, und sie widersprechenden Interessen
drohen zum Teil mit dra
konischen Strafen. Etwa:
VERHINDERN aufeinandertreffen: als Ge
schäftspartner, als Nachbarn,
Ein Mörder muss hinge als Mieter und Vermieter, als
richtet werden. Als ebenso schlimm gilt es, wenn Sklaven und Freie; ja zuweilen auch als Ehepart
eine verheiratete Frau ihren Ehemann betrügt. ner, als Kinder und Eltern.
Auf Körperverletzungen stehen Geldbußen; Denn je vielschichtiger eine Gesellschaft
ausgeschlagene Zähne beispielsweise ziehen eine wird, desto komplexer ist das Regelsystem, das sie
Strafe von zwei Schekeln nach sich (dem Preis für braucht, um zu funktionieren. Und in manchen
vier Schafe), eine abgeschnittene Nase schlägt mit Metropolen Mesopota miens leben um 2000 v. Chr.
bereits Tausende Menschen zusammen. Sie regie
ren als Herrscher oder schuften als Sklaven, als
beschädigung: Ist die Frau eines freien Mannes Köche, Schuster oder Gärtner, als Schreiber, Gast
betroffen, beträgt die Strafzahlung laut einem wirte, Musikerinnen. Sie arbeiten in Geschirr

86 GEO EPOCHE Babylon


oder Stoffmanufakturen, verkaufen als Händler wohl nur wenn sich die Parteien nicht einigen
Gewürze und Edelsteine aus fernen Landen oder können, bringen sie ihren Fall vor Gericht.
als Prostituierte ihre Körper.
Die Bewohner leben und arbeiten miteinan
der, sind aufeinander angewiesen und konkurrieren
zugleich um Besitz und Einfluss. Gesetze sollen
als verbindliche Regeln auch verhindern, dass bei
jedem Interessenkonflikt Gewalt ausbricht.
Z lienleben ein. So etwa ein Kodex, der
um 1930 v. Chr. entsteht: Er listet unter
anderem die Pflichten von Vätern und
Ehemännern auf. Ein Mann darf demnach seine
Gemahlin nicht verstoßen, wenn sie schwer er
bilienkäufe etwa, Darlehen oder Eheverträge – krankt, und er ist für die Ausbildung aller seiner
werden nun zunehmend schriftlich festgehalten. Kinder verantwortlich. Mitunter muss er auch die
Tausende davon sind auf Tontafeln überliefert. Versorgung der Abkömmlinge übernehmen, die
er mit Pro stituierten zeugt. Zwar darf er mehrere
teiligten Parteien unter dem Vertragstext in den Frauen heiraten, muss sie aber alle ernähren. Und
Ton drücken, die Echtheit der Dokumente.
Wie die Gesetze sollen auch solche Privat tinnen, macht er sich strafbar, wie eine andere
verträge offenen Streit und gewalttätige Fehden Gesetzessammlung verfügt.
zwischen den Großfamilien verhindern. So entwickeln sich an verschiedenen Orten
Späteres Recht geht noch einen Schritt wei zwischen Euphrat und Tigris nach und nach
ter und regelt Ansprüche auf Schadenersatz: unterschiedliche Kodizes mit straf
Wenn etwa jemand von einem Hund gebissen rechtlichen Bestimmungen. Eine erstaunliche
wird, haftet dessen Besitzer. Und wenn zwei wü Entwicklung, wenn man bedenkt, dass um diese
tende Stiere aufeinander losgehen und die Hörner Zeit wohl nirgendwo sonst auf der Welt ein Herr
des einen den anderen aufschlitzen, müssen ihre scher etwas Vergleichbares hervorbringt.
Eigentümer den Wert des lebenden und des toten Den umfassendsten Kodex legt im Jahr 1754
Bullen je zur Hälfte untereinander aufteilen. Doch v. Chr. König Hammurabi vor, der Gebieter über

Strafrecht

»Wenn ein Baumeister einem Bürger »Wenn ein Bürger die künftige Gattin
ein Haus baut, aber seine Arbeit eines anderen Bürgers, die noch keinen
nicht auf solide Weise ausführt, sodass Mann erkannt hat und noch im Hause
das Haus, das er gebaut hat, einstürzt ihres Vaters wohnt, knebelt und in ihrem
und es den Tod desEigentümers Schoß liegt, und wenn man ihn dabei
des Hauses herbeiführt, dann wird erwischt, so wird dieser Bürger getötet;
dieser Baumeister getötet« diese Frau geht frei aus«

GEO EPOCHE Babylon 87


Neben den Angeklagten nehmen gemäß
Prozessbericht elf Männer an der Verhandlung
teil, darunter vermutlich ein Vertreter des Königs,
mehrere Personen ohne Berufsbezeichnung
(wahrscheinlich rechtskundige Schreiber) sowie
– gewissermaßen als Schöffen – ein Töpfer, ein
Vogelfänger, ein Gärtner und ein Soldat.
Welche Beweise vorgebracht werden oder
wie die Angeklagten sich der Vorwürfe erwehren,
bleibt unerwähnt. Gut möglich, dass Zeugen aus
sagen (was der Prozessbericht ja erwähnt), wie es
um die Ehe von Nindada und Luinanna bestellt
war. Die Zeugen sind zur Wahrheit verpflichtet:
Wer sich weigert, seine Angaben mit einem
Schwur auf einen Gott zu beeiden, gilt als Lügner
und macht sich strafbar.
Das Verfahren läuft nicht gut für Nindada.
Die Mehrheit der Versammlung ist offenbar da
von überzeugt, dass sie ihren Mann hat ermorden
lassen. Nur zwei Männer, der Gärtner und der
Soldat, versuchen sie zu verteidigen. Sie äußern
Zweifel: Wäre es überhaupt rechtens, die Ange
klagte für einen Mord zum Tode zu verurteilen,
Für viele Verbrechen sehen die Gesetze den sie nicht eigenhändig begangen hat?
die Todesstrafe vor. Manche Verurteilte Die meisten aber vertreten eine Auffassung,
sterben unter entsetzlichen Qualen: wie sie ähnlich noch heute im deutschen Strafge
Bei der Hinrichtung durch Pfählen tritt setzbuch steht: Wer andere zu einem Verbrechen
der Tod oft erst nach Tagen ein anstiftet, kann wie die eigentlichen Täter bestraft
werden. Die Richter in Nippur gehen noch weiter:
„Ihre Schuld ist größer als die der Männer, die
ihren Ehemann getötet haben“, erklären sie: Denn
das babylonische Reich (siehe Seite 90). In eine
mächtige
grafen meißeln, die oftmals schärfere Strafen vor
sehen als zuvor im Zweistromland üblich. Viele
Taten werden mit dem Tod geahndet, etwa eine
Falschaussage in einem Mordprozess.

ine Gewaltenteilung mit unabhängiger

E Justiz kennt Mesopotamien allerdings


noch nicht: Als Verwalter der Götter
erlässt der König die Gesetze – und
wacht über deren Einhaltung. Bei Kapitalverbre
chen wie Mord oder Ehebruch durch eine Frau
dürfen in Nippur die Strafen nicht ohne Billigung
des Herrschers exekutiert werden.
So wird auch nach der Ermordung des Pries
ters Luinanna der amtierende König Urninurta
unterrichtet. Der Monarch ordnet an, den Fall an
jenem Ort zu verhandeln, wo die Tat geschah.
Ein Ermittler trägt vor Beginn des Prozesses
Beweise und Zeugenaussagen zusammen. Dann Zuweilen werden Verurteilte
folgt die Verhandlung, die über Schuld oder Un lebendig gehäutet – so wie diese Kriegs-
schuld der Witwe und ihrer angeblichen Kompli gefangenen assyrischer Truppen.
zen entscheidet. Hat Nindada die drei tatsächlich Gefängnisstrafen hingegen gibt es
dazu getrieben, ihren Gatten zu ermorden? im Zweistromland kaum

88 GEO EPOCHE Babylon


es gilt als besonders verwerflich, einem Mühlstein beschwert. Wer
wenn eine Frau ihren Gatten sich retten kann, gilt als unschul-
„nicht wertschätzt“. dig; wer ertrinkt, ist der Falsch-
aussage überführt.
rauen sind in Mesopo - Die Prüfung muss der An -

F tamien vielfach benach-


teiligt. Bei Hochzeiten
und in Ehekontrakten
sind sie zu bloßen Vertrags-
gegenständen degradiert. Nur in
geklagte jedoch nicht selbst beste-
hen: Frauen dürfen für ihre Män -
ner ins Wasser steigen, Reiche
und Mächtige Untergebene an
ihrer statt in die Fluten schicken.
Ausnahmefällen können sie sich In Nippur fällt das Gericht
scheiden lassen. Und ausschließ- ohne göttliche Hilfe sein Urteil:
lich Frauen werden für Ehebruch Es spricht alle vier Angeklagten
bestraft, selbst die Vergewalti- schuldig. Beim Strafmaß dürfen
gung einer Jungfrau verletzt nach die Witwe und ihre Komplizen
dem Verständnis der Mesopota- nicht auf Milde hoffen, für Mord
mier nicht etwa die Betroffene, kann es nach dem Gesetz nur eine
sondern beschädigt die Ehre des Strafe geben. Zwar gibt es in Me-
Bräutigams oder mindert den sopotamien auch Gefängnisse, sie
Marktwert einer Sklavin. Nach dienen aber vor allem dazu, Ver-
einem späteren assyrischen Ge- dächtige oder säumige Schuldner
setzbuch darf der Vater eines Ver- eine Zeit lang festzusetzen.
gewaltigungsopfers sich sogar an Und so befindet die Mehr -
der Gattin des Täters vergehen. heit der Gerichtsversammlung:
Nur im Geschäftsleben „Alle drei Männer und auch die
und vor Gericht haben Frauen Frau sind zu töten.“ Die Hinrich -
eine bessere rechtliche Stellung. Nicht alle Missetäter werden mit dem tung soll vor dem Priesterstuhl des
Gastwirtinnen, Ammen, Ehefrau - Tod (hier durch Enthauptung) bestraft. Ermordeten erfolgen, im spiri-
en, wohl auch Prostituierte und Auf Körperverletzung etwa stehen tuellen Sinn also vor den Augen
Priesterinnen können als Zeugen abgestufte Geldbußen: je schwerer die des Tatopfers.
aussagen und Klage erheben. Verletzung, desto höher der Betrag Wer eine richterliche Ent -
Wohlhabende Frauen dürfen scheidung für ungerecht hält,
nach dem Gesetz über ihren Be - kann wohl beim König eine Art
sitz – Sklaven, Häuser, Vieh – Berufung einlegen. Doch falls die
weitgehend frei verfügen, wenngleich Ehemänner vier Mörder von Nippur von dieser Möglichkeit
oder männliche Verwandte sie vielfach in ihren Gebrauch machen, bleibt der Versuch erfolglos.
Rechten einschränken. Wie sie sterben, ist nicht überliefert. Gut
Frauen, deren Ehemann stirbt oder sich LITERATURTIPPS möglich, dass das Gericht die Verurteilten pfählen
scheiden lässt, werden oft zum neuen Haushalts- lässt, wie es spätere Gesetze fordern – wahrschein-
vorstand ihrer Familie und stehen als solche auch Ulrich Manthe (Hg.) lich öffentlich, damit Verbrecher zur Abschre-
unter dem Schutz des Gesetzes. »Die Rechtskulturen ckung vor aller Augen qualvoll verenden.
Eine Witwe namens Innasaga etwa beweist der Antike« Die Strafen mögen grausam sein, und doch
um 2000 v. Chr. durch einen Kaufvertrag und Darstellung der Entwicklung weist das Justizsystem schon viele Merkmale auf,
Zeugenaussagen, dass sie die rechtmäßige Eigen- des Rechts u. a. in Ägypten, die noch heute ein Gerichtsverfahren ausmachen:
tümerin ihres Hauses und einer Sklavin ist. Den Mesopotamien, Griechen - • Der Staat hat das Gewaltmonopol bei der
Prozessgegnern verbietet das Gericht daraufhin, land und Rom (C. H. Beck). Bestrafung von Verbrechern;
je wieder Anspruch auf diesen Besitz zu erheben. • die Tat ist vor einem Gericht mit Zeugen
Doch solchen Schutz kann nur eine schuld - Elisabeth Meier Tetlow zu beweisen, auf Basis schriftlicher Gesetze;
los verwitwete Frau in Anspruch nehmen – nicht »Women, Crime and • oft können Verurteilte einen Schuldspruch
eine mutmaßliche Mörderin wie Nindada. Das Punishment in Ancient sogar anfechten.
Gericht in Nippur scheint nicht an ihrer Schuld Law and Society« Mit anderen Worten: Auf alten Tontafeln ist
und der der drei Männer zu zweifeln. Erklärt die Stellung der nachzulesen, wie in Mesopotamien bereits vor
In anderen Regionen des Zweistromlandes Frauen in den Kodizes des 4000 Jahren das Urmodell des modernen Rechts -
ziehen Richter höhere Mächte zu Rate: Um ein Alten Orients (Bloomsbury). staats aufscheint.
Gottesurteil einzuholen, werden Beschuldigte
mitunter in einen Fluss gestürzt; zuweilen mit Irene Stratenwerth, Jg. 1954, ist Autorin in Hamburg.

GEO EPOCHE Babylon 89


Babylon – 1792 bis 1750 v. Chr.

Insgesamt gut vier Jahrzehnte


herrscht Hammurabi über Babylon.
Bekannt ist er bis heute auch als
Schöpfer eines umfangreichen
Gesetzeswerks

HAMMUR
Die Macht Babylon
In nur vier Jahren baut König Hammurabi um 1765 v. Chr.
die zuvor unbedeutende Stadt Babylon zum mächtigsten
Reich des Zweistromlandes aus. Als meisterhafter Staatsmann

einander aus – und besiegt sie dann alle


Text: CAY RADEMACHER

90 GEO EPOCHE Babylon


92 GEO EPOCHE Babylon
die Verteilung von Land und Ernte etwa,
Krieg und Frieden, Fragen, die das Leben
seiner Untertanen dramatisch beeinflus-
sen – aber er muss sich darauf verlas- Rund vier Jahrtausende trennen uns

K
sen können, dass diese Entscheidungen von jenem Staatsmann des Zweistrom-
auch dann befolgt werden, wenn seine landes, doch die Kunst, die Hammurabi
Untertanen ihn nicht regelmäßig sehen, von Babylon so meisterhaft beherrscht,
wenn sie Dutzende Kilometer von ihm hat sich in jener langen Zeit ihrem We -
entfernt leben. sen nach kaum gewandelt.
Für seine Macht braucht ein König
also Verwalter, Soldaten, Bürokraten. Er
braucht Regeln, die für alle seine Unter- Um 1800 v. Chr. steht das Zweistrom-
tanen gelten und an die sie sich auch land, steht eigentlich der ganze Nahe
dann halten, wenn er nicht anwesend ist. Osten auf Treibsand. Vom Persischen
König Hammurabi von Babylon ist der Er braucht Speicher, Festungen, Golf bis zu den südlichen Gebirgszügen
erste Politiker der Weltgeschichte. Ge- Straßen für seine Gefolgsleute. Er der Türkei, vom Iran bis an die Mittel-
nauer: Er ist der erste Mensch, in dessen braucht Vorräte oder Geld, um sie zu ver- meerküste ringen wenige größere und
Handeln die Quellen den Politiker deut - sorgen, und dafür wiederum muss er von viele kleinere bis kleinste Stadtstaaten
lich erkennenlassen. Das ist nicht wirklich seinen Untertanen Abgaben einziehen. um Macht, Territorien, Handelswege,
überraschend, denn im Land zwischen Kurz: Erst im Stadtstaat wird aus Bodenschätze. Es ist eine Epoche der
Euphrat und Tigris ist, neben so vielen einem Häuptling ein König. ewigen Kriege, der ständig wechselnden
anderen Dingen, schließlich auch die Denn erst ein König ist ein Staats - Allianzen.
Politik erfunden worden. mann, der über einen Apparat gebietet. Für Forscher ist praktisch kaum
In Mesopotamien haben sich aus Und die Politik ist im Grunde nichts noch rekonstruierbar, wer in welchem
den Siedlungen der Sumerer die ersten anderes als die Kunst, einen solchen Jahr Feldzüge gegen wen führt, wer ge-
Stadtstaaten entwickelt. In ihnen haben Staatsapparat aufzubauen, zu erhalten rade welche Stadt besetzt hält, welche
sich erstmals nicht bloß Dutzende, und die eigene Macht darin zu sichern. Bündnisse wann geschmiedet und wann
sondern Tausende Menschen zu einer Nun hat es selbstverständlich schon wieder aufgelöst werden.

Hammurabi
Gemeinschaft vereint. in den ersten Stadtstaaten Mesopota - Die Lage wird noch unübersicht li-
Zwar zogen schon die frühesten miens Könige gegeben. Doch die sind für cher, weil in vielen der verfehdeten Mini-
Jäger und Sammler in Horden über das uns meist kaum mehr als Namen auf Staaten ethnische und kulturelle Span -
Land, und die Bauern des Neolithikums Keilschrifttafeln (sofern überhaupt ihre nungen herrschen – was genau geschieht,
lebten in Dörfern. Bereits in diesen klei- Namen überliefert sind). ist ebenfalls nur schwer einzuschätzen.
nen Gruppen ist die Macht ungleich Selbstverständlich verfügen auch Offenbar haben sich aus den Steppen
verteilt gewesen: Häuptlinge, Älteste die Pharaonen im zeitgleich aufblühen - eingewanderte, Amurritisch sprechende
bestimmten die Geschicke. den Ägypten über immense politische Gruppen im Kampf um die Vormacht in
Doch deren Macht ist eine persön- Macht. Doch was alle diese frühen Herr - Mesopotamien gegen ältere, hauptsäch-
liche: Der Häuptling lebt inmitten seiner scher genau getan und gedacht, wie sie lich in den Städten lebende, Akkadisch
Gruppe, jeder kennt ihn, er gibt alle An - die Kunst der Politik gehandhabt haben, sprechende Volksgruppen durchgesetzt.
weisungen selbst, und im Zweifelsfall das ist schwer nachzuvollziehen. Nur wenige Reiche sind inmitten
muss er sie auch selbst durchsetzen. In Dafür ist einfach zu wenig von dieses Chaos einigermaßen stabil (siehe
den Stadtstaaten des Zweistromlandes ihnen überliefert – bis kurz nach 1800 Karte Seite 107). Zu ihnen gehören:
jedoch sehen viele Untertanen ihren v. Chr. ein Herrscher die Bühne der • Larsa am Unterlauf von Euphrat und
Herrscher wohl bloß noch aus der Ferne Weltgeschichte betritt, der zu einem der Tigris,
(bei religiösen Zeremonien etwa). erfolgreichsten Machtmenschen des • Eschnunna am Mittellauf des Tigris,
Der Herrscher kann seine Macht Altertumswird. • Elam, östlich des Zweistromlandes,
nicht länger allerorten persönlich ausüben, Und der darüber hinaus erstmals so • Mari am Mittellauf des Euphrat.
er muss sie institutionalisieren. Er muss viele Zeugnisse seines Tuns hinterlässt, Das Königreich Babylon (der Name
über fundamentale Fragen entscheiden, dass man in ihm tatsächlich den Prototyp ist abgeleitet vom Akkadischen bab ilim,
des Politikers erkennen kann: Hammu - „Gottes Tor“) liegt gewissermaßen mit-
rabi, der König von Babylon. ten im Chaos: ein zu dieser Zeit rund
In Hammurabis jahrzehntelanger 400 Jahre alter Stadtstaat, etwa 60 mal
Der Sonnengott Schamasch (im Bild rechts) Regentschaft kann man nämlich zum 160 Kilometer groß, südlich des heutigen
überreicht Hammurabi Stab und Ring ersten Mal detailliert das Wesen der Po- Bagdad gelegen. Die Könige von Baby-
als Symbole der Macht. Detail der Stele mit litik sehen: in seiner Willensstärke und lon haben ein, zwei benachbarte Städte
der eingemeißelten Gesetzessammlung Skrupellosigkeit, in seinem Gespür für unterworfen, doch der Staat ist nicht so
des Königs (siehe auch Seite 96) das richtige Timing und für das Mach - groß wie seine Nachbarn.
bare, in seiner raffinierten Diplomatie
nach außen und seiner nicht minder raf -
finierten Propaganda nach innen.
GEO EPOCHE Babylon 93
Die Stadt Kisch, die sich einst hinter diesen Befestigungsmauern
verbarg, gehört zum Einflussgebiet Babylons, als Hammurabi
die Herrschaft von seinem Vater übernimmt. Der Ort ist von großem
symbolischem Wert: Als bedeutende frühe Monarchie der Sumerer
ist er weithin berühmt, der Titel »König von Kisch« ein Ehrenzeichen.
Und so kümmert sich Hammurabi auf besondere Weise um die
Stadt, pflegt sie, etwa indem er Tempel ausbessern lässt

94 GEO EPOCHE Babylon


Hammurabi

GEO EPOCHE Babylon 95


Im Jahr 1792 v. Chr. besteigt Ham gesehen – als zuverlässigen, langweiligen,
murabi als Erbe seines Vaters diesen weitgehend ungefährlichen Monarchen.
zweitrangigen Thron. Er muss da noch
ein junger Mann sein, denn er wird die sehen, um den Machtwillen hinter die
sen Platz in den nächsten 43 Jahren nicht sem harmlosen Auftreten zu erkennen.
mehr räumen. Wie alt er genau ist, weiß
man heute nicht mehr.
Niemand kennt den Namen seiner Denn in jenen Jahren, in denen sich
Mutter, niemand weiß, wie viele Ge seine Nachbarn in endlosen Feldzügen
schwister er hat. Niemand weiß, wer verkämpfen, scheint Hammurabi sein
seine Frauen sind. Von seinen wahr Reich zu stärken, systematisch und effi
scheinlich zahlreichen Kindern sind bloß zient. Gleich nach seiner Thronbestei
drei Söhne namentlich bekannt. Der gung, so verkündet es eine erhaltene
älteste – Sumuditana – ist der Kronprinz, Inschrift, „schafft er Gerechtigkeit im
doch irgendwann verschwindet er aus Land“; gemeint ist damit, dass er Schul
den Quellen. Stirbt er vor dem Vater? den erlässt.
Fällt er in Ungnade? Niemand weiß es. In Babylon kann man schnell
In offiziellen Texten lässt sich pleitegehen: 20 Prozent Zinsen muss ein
Hammurabi als „König von Babylon“, Schuldner auf Kredite in Silber zahlen,
manchmal jedoch auch als „Vater des 33,3 Prozent auf Getreide. Die meisten
amurritischen Landes“ titulieren. Auch Schulden sind indirekte Steuerschul
sein Name ist wahrscheinlich halb akka den: Ein Untertan kann die Abgaben an
disch, halb amurritisch: hammu rabi be den Staat nicht leisten und verschul
deutet „der mächtige Verwandte“ oder det sich, um sie rechtzeitig zahlen zu
„das mächtige Volk“. Seine Dynastie können, bei privaten Finanziers. Säumi
stammt also von den Neueinwanderern gen Zahlern droht im schlimmsten Fall
ab, die sich in Babylon irgendwie zu Her die Sklaverei.
ren aufgeschwungen haben müssen. Indem Hammurabi – darin durch
aus seinen Vorgängern ähnlich – zum
Regierungsantritt Schulden erlässt, ver

W
rabi, wie die meisten Köni zichtet er zwar auf Einnahmen für die
Staatskasse, erringt jedoch großes politi
alphabet, der die Keilschrift sches Kapital.
seinen Schreibern überlässt.
Sicher glaubt er an Orakel lität seiner Untertanen gleich doppelt.
– denn auch das magische Denken teilt Zum einen nimmt er ihnen drückende
Hammurabi wohl mit fast allen Zeitge Lasten ab (die Finanziers werden vom
nossen –, lässt sich bei Entscheidungen Kodex Hammurabi: Der Monarch König entschädigt). Zum anderen bringt
von Sehern beraten und die Zukunft lässt diese in Basalt gehauene Gesetzes- er sie in die Lage, zukünftige Abgaben
etwa aus der Beschaffenheit von Lebern sammlung 1754 v. Chr. aufstellen. Sie wieder direkt an den Staat zu zahlen,
geopferter Schafe deuten. enthält fast 300 Vorschriften, etwa zu ohne Hilfe privater Kreditgeber. So bin
Viel mehr weiß man nicht über Eigentumsfragen und zur Agrikultur det Hammurabi seine Untertanen direkt
Herkunft und Bildung dieses Königs, an sich und schaltet die Macht einer
über seine Sicht auf die Welt, über die reichenVermittlerschichtaus.
Menschen, die ihm nahe sind. Der König ist zudem nicht bloß
Erstaunlicher noch: Auch aus den dort, wo er doch irgendwie hineingezo
folgenden 28 – achtundzwanzig! – ersten gen wird, selten allein den Krieg wählt,
Jahren auf dem Thron sind nur relativ sondern sich den mächtigeren Königen tionalien. In einer Inschrift prahlt er,
wenige Ereignisse überliefert. Fast drei als abhängiger, verlässlicher Verbündeter für die Kriegsgöttin Ischtar von Babylon
Jahrzehnte lang ist Hammurabi offenbar andient, ein Juniorpartner der Großen. einen Thron errichtet zu haben „mit
ein unauffälliger Herrscher in chaotischer Wäre er nach diesen 28 Jahren ge Gold und Silber, Halbedelsteinen und
Zeit, ein Mann, der sich aus den außen storben, wäre er für uns bloß ein ge Lapislazuli, wie ein Lichterglanz“.
politischen Abenteuern des Nahen Os sichtsloser Name in der langen Liste Der Herrscher lässt zudem Kanäle
tens oft jahrelang heraushält. Und der mesopotamischer Herrscher geblieben. durch sein Reich ziehen. Damit bewässert
Und wahrscheinlich haben ihn die da
maligen Könige auf den anderen Thro
nen an Euphrat und Tigris auch lange so
96 GEO EPOCHE Babylon
Eschnunna; damit ist für Elam der Weg
ins Herzland Mesopotamiens frei. Baby
lon gehört zur Kriegsallianz des mächti
er mehr Land als zuvor, die Ernten fallen gen Elam – wieder nur als Juniorpartner. ammurabi, dieser viele Jahre

H
reichlicher aus und damit auch die Ein unauffällige König, wird nun
nahmen des Staates. rabi nun eine Depesche, in der er ihn offenbar zum Gehirn einer
Während sich die Nachbarn be auffordert, ihm auch Hilfstruppen für die rasch geschmiedeten, weit ge
kämpfen, wird Babylon auf diese Weise Eroberung des Königreichs Larsa zu spannten Allianz. Statt sich
immer wohlhabender. Und während die schicken. Für den Herrn von Elam ist der gegenseitig zu überfallen, rü
Nachbarn bluten, rüstet Hammurabi auf. König von Babylon dabei kaum mehr als cken Babylon und Larsa zusammen. Und
Für sein sechstes bis zehntes Regierungs ein Befehlsempfänger. SollteHammurabi Hammurabi bemüht sich, Herrscher für
jahr sind zwar einige Plünderungszüge nicht gehorchen, so schreibt Siwepalar ein Bündnis gegen Elam zu gewinnen.
gegen schwächere Nachbarn überliefert, huppak auf einer Tontafel, „werde ich Letztlich will er wohl alle Mächtigen
wobei er aber offenbar keine Territorien dich zur Verantwortung ziehen“. gegen den einen großen Feind aus dem
erobert. Hauptsächlich konzentriert er Hammurabi antwortet zunächst Osten zusammenbringen.
sich auf die Errichtung von Verteidi konziliant, ja demütig: „Wie du mir Für Historiker ist Hammurabis
gungsanlagen im eigenen Reich. geschrieben hast, so ist meine Armee neue Aktivität ein doppelter Glücksfall.
„Ich baute die Stadtmauer von mobilisiert und bereit zum Angriff. In Zum einen wird da praktisch über Nacht
Sippar hoch wie einen Berg“, rühmt er dem Moment, in dem du angreifst, aus einem eher unbedeutenden Herr
sich in einer Inschrift. „Selbst in fernster wird meine Armee ausrücken, um dir zu scher ein Staatsmann auf internationaler
Vergangenheit hat kein König unter helfen.“ Bühne, dessen Entscheidungen nicht
Königen je solch eine Mauer für meinen Dann jedoch erfährt Hammurabi mehr bloß ein paar wenige Städte betref
Herrn errichtet, den Gott Schamasch. von Larsas König – niemand weiß mehr, fen. Zum anderen wird er dank seiner
Ich nannte die Festung Auf-Befehl-des- warum –, dass auch dieser eine ähnlich Diplomatie auch zum ersten Mächtigen,
Gottes-Schamasch, möge-Hammurabi-kei - harsche Depesche aus Elam erhalten hat: dessen Handlungen man wirklich rekon
nen-Rivalen-haben.“ Er solle Truppen bereitstellen – damit struieren kann.
28 Jahre lang bindet Hammurabi so Denn der Staat, den Hammurabi
sein Volk mit Geld und Glauben an sich, vor allem umwirbt, ist Mari. Und dessen

Hammurabi
baut er Babylon vom kleinsten Kanal bis Gesandte schreiben an ihren Herrscher
zur höchsten Mauer zu einem stabilen, Tontafeln mit Augenzeugenberichten
starken Staat aus.
Und erst dann schlägt er zu, so
Der König vom Hofe Babylons. Diese Depeschen
aus dem Herzen der Macht sind von
rasch und so hart, wie es wohl niemand
je erwartet hätte. schmiedet eine den 1930er Jahren an zu Tausenden von
Archäologen in den Ruinen von Mari
ausgegraben worden.

Da wir Hammurabis Motive nicht ken


nen, wissen wir nicht, ob das, was nun
Allianz
gegen Das sind, endlich, jene Quellen, die
plötzlich einen genaueren Blick auf einen
Politiker des Altertums zulassen.
folgt, das Resultat einer von langer Hand
geplanten Strategie ist. Oder ob Ham
murabis radikaler Politikwandel zuerst
den intriganten Als Hammurabi, so schreibt ein
Gesandter Maris, von Elams Doppelspiel
erfahren habe, „gab er Befehle an seinen
aus schierer Not geboren worden ist und
sich dann rasch verselbstständigt hat.
Von 1765 v. Chr. an jedenfalls wan
Gegner Außenminister Sinbelaplim sowie an
einen seiner Verwalter und schickte sie
beide zum Königreich Larsa. Sie residie
delt sich die Dimension der ewigen ren nun bei Sinmuballit (dem Bruder des
Kriege, die um Babylons Grenzen herum Königs; die Red.)
toben. Der Auslöser ist Elam, ein Riese Siwepalarhuppak mit ihrer Hilfe Babylon kansapir, während ein Gesandter des
unter den Zwergen des Nahen Ostens: erobern könne!
Der Staat, der sich über 700 Kilometer Hammurabi erkennt das Doppel rabi residiert. Neuigkeiten von Rimsin
östlich des Tigris bis ins Zagrosgebirge spiel des Herrschers von Elam: Dieser erreichen Hammurabi regelmäßig, und
im heutigen Iran ausdehnt, liegt am ordert babylonische Truppen, um Larsa Neuigkeiten von Hammurabi erreichen
Rande Mesopotamiens, seine Märkte anzugreifen, und Soldaten aus Larsa, um Rimsin regelmäßig.“
sind für viele Reiche des Zweistromlan Babylon zu unterwerfen. Am Ende, das Babylon und Larsa tauschen nun
des aber die wichtigste Quelle für Zinn, wird Hammurabi wohl schnell klar, will
Lapislazuli, Halbedelsteine und Holz. Siwepalarhuppak beide Reiche zerschla ander, um weitere Intrigen wie die aus
König Siwepalarhuppak von Elam gen und möglicherweise alle anderen Elam zu unterbinden. Und der Beobach
erobert in diesem Jahr das Nachbarreich Staaten Mesopotamiens dazu. ter aus Mari macht klar, dass Hammu rabi
Niemand ist mehr sicher – und
nichts ist in der Diplomatie so wirksam
wie ein gemeinsamer Feind.
GEO EPOCHE Babylon 97
98 GEO EPOCHE Babylon
Das Reich von Elam ist einer der großen Gegenspieler Babylons – ein Duell, das
Hammurabi schließlich für sich entscheidet, als er sich mit den Feinden Elams
verbündet. Später gewinnen die elamitischen Herrscher ihre Souveränität wieder
zurück und errichten nahe ihrer Hauptstadt Susa dieses Heiligtum. In seiner
Mitte ragt ein Tempel auf, umfasst von drei Mauerringen. Der größte birgt unter
anderem eine weitläufige Residenz für die Könige und deren Gefolge. Aus der
Vogelperspektive zeigt sich die typische Landschaft: steinige Kargheit neben
äußerst fruchtbaren Gefilden entlang der Flüsse, Ströme und Kanäle

Hammurabi

GEO EPOCHE Babylon 99


Moment lang, ist nicht stark genug ge -
gen diesen mächtigen Feind.
Doch schon bald darauf wird Elams
dabei die Initiative ergriffen hat. Mit Riesenarmee von Meutereien geschüt- Skrupellosigkeit. Von den wenigen grö-
König Zimrilim von Mari schließt Ham - telt. Und im unterworfenen Eschnunna ßeren Staaten Mesopotamiens sind be -
murabi eine Allianz. Die Herrscher tref- bricht ein Aufstand aus. Das Land befreit reits zwei geschwächt: Eschnunna durch
fen sich nicht persönlich, sondern be- sich von Elam, wird unter einem neuen den Angriff Elams und die spätere Re -
schwören vor Gesandten und anderen König wieder unabhängig. Siwepalar- bellion gegen die Eroberer – sowie Elam
Zeugen jeweils Eide, die auf Tontafeln huppak muss seine Invasionstruppen durch Eschnunnas Rebellion und die
festgehalten werden. schmählich zurückziehen, der Angriff auf Massenmeutereien.
Daher hat Hammurabis Eid über - das Zweistromland bricht zusammen. Plötzlich bleiben nur noch zwei
dauert – ein Beistandspakt, wie er vor Hammurabis Bündnis hat sich be - weitere große Akteure auf der politischen
vier Jahrtausenden geschlossen worden währt – genauso wie er selbst sich be- Bühne übrig: Larsa südöstlich von Ba-
ist: „Bei dem Gott Schamasch im Him - währt hat. Dass er sich auch in höchster bylon und Mari im Nordwesten. Larsa
mel, dem Herrn des Landes, und bei dem Not dem heranbrandenden Feind nicht hat Babylon im Stich gelassen, hat seine
Gott Adad im Himmel, dem Herrn der unterworfen hat, dürfte ihm Ruhm ein - Hilfegesuche ignoriert. Ist dies nicht, so
Entscheidungen, hat Hammurabi, Sohn getragen haben. Er selbst prahlt in einer mag Hammurabi denken, der perfekte
des Sinmuballit, König von Babylon, das Inschrift, „mit der Hilfe der Götter die Anlass, den Nachbarn zu erobern und die
geschworen: Von diesem Tag an und so Armeen von Elam besiegt“ zu haben. Vormacht in der Region zu erringen?
lange ich lebe, werde ich Krieg führen Das ist geschönt, aber man darf glauben, Aus den Depeschen von Maris Ge -
gegen Siwepalarhuppak. Ich werde nicht dass die Menschen im Zweistromland in sandten ist zu erfahren, dass dessen Kö-
Diener oder Boten von ihm empfangen, ihm tatsächlich den großen Sieger jenes nig Zimrilim jene Soldaten, die er nach
und ich werde ihm keine solchen schi- Konflikts sehen. Babylon geschickt hat, nun gern wieder
cken. Ich werde nicht Frieden schließen Und nun? in sein Reich holen würde. Doch Ham -
mit Siwepalarhuppak ohne Zustimmung murabi bittet um Aufschub, Bedenkzeit,
von Zimrilim, König von Mari. Wenn nennt Vorwände – und macht schließlich
ich Frieden mit Siwepalarhuppak schlie- ein ebenso hinterhältiges wie verlocken-
ßen möchte, werde ich zuvor mit König des Angebot: Babylon und Mari könnten
Zimrilim konferieren, um zu hören, ob doch, da ihre Truppen ja gerade eh ver-
ich Frieden schließen soll. Wir werden einigt sind, gemeinsam Larsa überfallen.
Frieden mit Siwepalarhuppak nur ge-
meinsam schließen. In aller Ehrlich-
keit und Aufrichtigkeit habe ich das vor Was nun folgt, man darf das ruhig so
meinen Göttern Schamasch und Adad schreiben, ist eine Abfolge von Blitzkrie-
geschworen.“ gen im Altertum. Hammurabi, der sich
jahrzehntelang aus den meisten gewalt-
ls eine der ersten Maßnahmen tätigen Konflikten herausgehalten und

A
schickt Mari Truppen nach Ba - den ersten großen Krieg, den er dann
bylon. Sie erreichen die Stadt, führen musste, nur mit viel Glück über-
so ist es den Tontafeln zu ent- standen hat, führt nun auf einmal mit
nehmen, in mehreren Kontin - seiner Armee eine Reihe systematischer,
genten – mal 600, mal 1300 gnadenloser Schläge.
Soldaten. Aus Larsa jedoch kommt kein Wohl im Jahr 1763 v. Chr. berichtet
einziger Mann; Rimsin zögert offenbar, einer von Maris Diplomaten: „Die Ge -
dem Pakt beizutreten. sandten von Rimsin sind verhaftet und
Elam hingegen rollt mit einer wohl Hammurabi prahlt mit seiner Frömmigkeit. werden im Palast festgehalten. Ham-
mehr als 30 000 Mann starken Armee Diese Statue zeigt ihn kniend vor einer murabi fährt fort, sich bei mir über sie zu
aus dem Osten heran. (nicht mehr erhaltenen) Gottesfigur beschweren. Keine Boten von Rimsin
Im Jahr 1764 v. Chr., als der Krieg kommen mehr nach Babylon, und es
tatsächlich ausbricht und Hammurabis gibt keine Boten Hammurabis mehr in
Grenzstadt Upi bereits brennt, ist Baby- Maschkanshapir.“
lon in Not. Der König lässt sogar Skla- Noch könnte das ein weiterer jener Wenig später versammelt Ham -
ven frei, um sie als Soldaten an die Front ewigen Kriege des Nahen Ostens sein: murabi seine Armee – und Maris Ge -
zu werfen. Und er sendet einen Hilferuf Ein Reich überfällt andere, die Angegrif- sandter überliefert den Wortlaut der
an Rimsin von Larsa, der aber weiter- fenen wehren sich. Würde die Allianz königlichen Rede: „Niemand ist an mei-
hin keine Truppen schickt. Hammurabis nun zerbrechen, würden neue, kleine ner Seite außer den großen Göttern, die
Allianz, so scheint es einen dramatischen Kriege auflodern, es wäre das übliche mich gerettet haben, und König Zimri -
Chaos.
Hammurabis Genialität zeigt sich
nun in seinem Timing und in seiner
100 GEO EPOCHE Babylon
lim, der mir mehr als einmal das Leben
gerettet hat. Nachdem die großen Götter
die Bedrohung durch Elam beseitigt ha -
ben, tat ich viele gute Dinge für den
Mann aus Larsa, aber er tat es mir nicht
gleich. Nun habe ich mich bei den Göt -
tern Schamasch und Marduk darüber
beklagt, und sie haben geantwortet: Ja.
Ich greife nicht ohne die Zustimmung
der Götter an. Geht! Möge der Gott vor
euch marschieren!“
Meisterhafte Diplomatie, meister -
hafte Propaganda, in der Tat.
Meisterhafte Diplomatie, weil Mari
bei dem Überfall auf den Verbündeten
von gestern mitmacht, obwohl es dabei
zunächst nur wenig gewinnen kann.
Denn da Mari und Larsa ja keine ge -
meinsame Grenze haben, kann Mari,
anders als Babylon, von Eroberungen
kaum profitieren.
Meisterhafte Propaganda, weil
Hammurabi seine Soldaten persönlich
aufpeitscht. Weil er die Götter und die
Orakel herausstellt. Seinen Verbündeten

Hammurabi
Zimrilim gebührend lobt. Dem Gegner
die Schuld gibt, dessen Namen nicht ein -
mal mehr nennt, ja, weil er ihm schon vor
dem Krieg den Rang raubt: Aus dem
König ist der „Mann aus Larsa“ gewor-
den, ein Herrscher ohne Legitimität,
eigentlich gar kein Herrscher mehr.
Dieser „Mann aus Larsa“, Rimsin,
verteidigt sich zäh. Sechs Monate lang
hält er seine Residenzstadt gegen die
Angreifer, dann erst bricht sein Wider-
stand. Aus dem Feldlager erhält der Kö-
nig von Mari einen der wohl ältesten
Frontberichte der Geschichte: „Nachdem
die Verstärkung eingetroffen war, konn-
ten die babylonischen Truppen eindrin-
gen und die Mauern besetzen. Diesen
Morgen drangen die Männer ein. Aber
Rimsin entkam lebendig.“
Nicht für lange allerdings: Rimsin
wird gefangen und nach Babylon ver-

Hände und Gesicht der Königsstatue


sind mit Gold überzogen. Hammurabi
ist ein Meister der Propaganda – und
beruft sich bei seinen Kriegszügen
auf den Willen der Götter

GEO EPOCHE Babylon


102 GEO EPOCHE Babylon
Um 1763 v. Chr. erobert Hammurabi die Stadt Ur in Südmesopotamien,
in deren Zentrum diese Zikkurat steht: ein Stufentempel zu Ehren des Mond-
gottes (siehe auch Seite 22). Als er im Jahr 1754 v. Chr. seinen Kodex mit
Regeln des Zusammenlebens formulieren und in einer Stele festhalten lässt, setzt
Hammurabi damit in gewisser Weise die Pionierarbeit eines der Könige
von Ur fort: Der hatte um 2100 v. Chr. als erster Herrscher der Geschichte
verbindliche Gesetze verfassen und niederschreiben lassen

Hammurabi

GEO EPOCHE Babylon 103


Beamte aus Babylon auf die wichtigs
ten Posten gesetzt werden, bekommt er
den unterworfenen Nachbarn dauerhaft
schleppt. Dort verschwindet er aus den unter seine Kontrolle. das sich gerade erst von Elams Joch be
Annalen, sein Schicksal ist ungewiss. In seinem 30. Regierungsjahr sitzt freit hat. Dem neuen Herrscher dort hat
Larsa wird von Hammurabi mit Hammurabi nun auf dem Thron eines Hammurabi eine Tochter als Frau gege
raffinierter Milde regiert. Er schleift die Reiches, das das fruchtbare Land vom ben – er brauchte Eschnunna, um den
Befestigungsmauern, verschont aber die mittleren Euphrat und Tigris bis zum Rücken frei zu haben, als er Larsa erobert
Persischen Golf überspannt. Der unauf hat. Aber jetzt? Larsa ist besiegt, Elam
tanen die Schulden, wie einst bei seiner fällige König ist zum mächtigsten Herr geschwächt; wer würde Eschnunna noch
Thronbesteigung – allerdings ist sein scher des Nahen Ostens aufgestiegen. beistehen?
Schuldenerlass diesmal so gestaltet, dass Tatsächlich lässt Hammurabi im
die privaten Finanziers nicht entschädigt
werden, viele sind daraufhin ruiniert. Kaum hat der König von Babylon Larsa erprobten Truppen auf den Verbündeten
Auf diese Weise zerschlägt er einen besiegt, blickt er kalt und gierig nach und Schwiegersohn los. Die Einzelheiten
Teil der alten Elite Larsas. Da zudem Nordosten. Denn dort liegt Eschnunna, sind nicht überliefert, doch offenbar er
obern die Angreifer Eschnunna binnen
weniger Monate.
Damit beherrscht Babylon wich tige
Grenzfestungen und Furte an Euphrat
und Tigris. Alle Zugänge und damit
Handelswege Elams nach Me sopotamien
sind jetzt in seiner Hand, das einst mäch
tige Reich Elam spielt in der Politik
des Zweistromlandes keine bedeutsame
Rollemehr.
Nördlich von Eschnunna existieren
fast nur noch winzige Stadtstaaten, die
nicht der Mühe wert sind, dauerhaft be
setzt zu werden. Hammurabi wird zwar
Plünderungszüge bis an die Grenze der
heutigen Türkei unternehmen und in
innere Angelegenheiten dieser Nachbarn
eingreifen, aber sie nicht vollends seinem
Reich einverleiben.

in einziger bedeutsamer Staat

E
besteht noch in Mesopotamien
neben Babylon: Mari mit König
Zimrilim, der seit Jahrzehnten
auf dem Thron sitzt. Zwar ist er
seit Jahren ein Verbündeter
Hammurabis, doch die Allianz ist fragil.
Die Nachbarn streiten um Einfluss,
Ansprüche auf Grenzstädte und Boden
schätze. Bisher haben sie Konflikte stets
diplomatisch ausgetragen – der Kampf
gegen die anderen Mächte in der Region
hat sie aneinander gebunden. Nun jedoch

Babylon blüht auf unter Hammurabi. Der


König lässt Kanäle bauen, stiftet Tempel,
schafft mithilfe von Beamten einen gut
organisierten Staat (Alabasterstatue eines
hohen Würdenträgers, um 2400 v. Chr.)

104 GEO EPOCHE Babylon


Soldaten kommen näher mit dem Befehl,
nach Ekallatum (von Babylon abhängiger
Kleinstaat, die Red.)zu marschieren.‘ Doch
fehlt ihnen der gemeinsame Feind. Und als sie die Stadt Sapiratum erreicht hat wichtigsten Dokumente werden nach
Hammurabis Ehrgeiz scheint grenzenlos. ten, verließen sie die Straße nach Ekal Babylon gebracht, darunter von Ham
Bietet sich ihm jetzt nicht die gol latum und nahmen die hohe Straße nach murabi diktierte Briefe. (Sie gelten heu
dene Gelegenheit, mit allen Rivalen auf Norden. Vielleicht gehen sie nach Kara te als verloren.)
zuräumen? Was scheren ihn die Allianzen na oder Andarig. Ich weiß es nicht.“ Alle anderen Dokumente stapeln
von gestern, wenn morgen doch reiche Der 500 Mann Trupp ist in den die Eroberer in Kisten, beschriften sie
Beute winkt? Hammurabi lässt seine Weiten Maris verschwunden, ohne dass mit Etiketten, packen sie im Palast von
jemand ahnt, wo die Kämpfer genau sind. Mari weg – und vergessen sie. Rund 3700
nunna Richtung Mari weitermarschieren. So sickern Hammurabis Soldaten quer Jahre später werden Archäologen die
Es ist dabei nicht so, dass Zimri ses wohlgeordnete Archiv in genau dem
lim blind oder naiv wäre und ihm die
drohende Gefahr entginge. Er hat seine linge beiseitegeräumt hatten. Deshalb
Gesandten in Babylon, er hat sogar Höf
linge Hammurabis bestochen, dass sie
ihm Informationen zustecken. Und von
Systematisch rabis Ränke und Winkelzüge.
Nach wahrscheinlich nicht einmal
einem reisenden Kaufmann, der in Ba 48 Monaten Krieg hat Hammurabi mehr
bylon gewesen ist, wird er gewarnt: „Das
ist es, was Hammurabi auch gesagt hat:
plündern Land erobert als in 28 Jahren Regent
schaft zuvor. Er ist jetzt der Herr über
‚Zwei Monate sind lang genug, um es das Zweistromland.
ihm (Zimrilim, die Red.) heimzuzahlen
und ihn zu Boden zu zwingen.‘“
babylonische ein Staat ist keine neuzeitliche

Soldaten die
S
Nation, sondern selbst nach den
rilim ein wenig zu stark auf die Götter. Maßstäben des Altertums –
Denn er befragt verschiedene Orakel, verglichen etwa mit Ägypten
und alle sagen ihm den Sieg im nahen
eroberte Stadt oder Rom – ein eher amorphes

Hammurabi
den Konflikt voraus: „Du wirst Ham
trum. Rund 300 Kilometer südöstlich
wältigen. Seine Tage sind gezählt, und reicht Hammurabis Herrschaft nun, bis
er wird nicht mehr lange leben.“ Wie es zum Persischen Golf; 700 Kilometer wei
scheint, wartet Zimrilim einfach ab, dass durch das Nachbarreich und sammeln ter nordwestlich erstreckt sie sich die
Hammurabi ihn angreift. sich in dessen Norden. Ströme Euphrat und Tigris hinauf.
Genau das tut der König Babylons Gern wüsste man dann mehr über Doch die Grenzen im Westen und
auch – allerdings ganz anders, als es sein Kriegslisten, Schlachtenberichte, Erobe Osten verlaufen im Ungefähren der
Nachbar wohl gedacht hat. Hammurabi rungen. Doch es bleibt von Hammura Steppen. Und das Reich hat keinen ein
lässt 4000 Mann an der Grenze zum bis wohl letztem großen Krieg nur ein heitlichen Namen, Hammurabi wird auf
nördlich gelegenen Mari aufmarschie ominöses Schweigen: Die Berichte der seinen Inschriften Staaten (besiegte Ri
ren. Zugleich schmuggelt er Soldaten Gesandten Maris brechen schlagartig ab valen und von diesen oder von Babylon
quer durch Maris Staatsgebiet. Die sol und mit ihnen jene Augenzeugenreports bereits zuvor eroberte Städte), über die
len sich nördlich von Mari mit mehreren aus dem Zentrum der Macht. er gebietet, einzeln aufzählen.
Tausend Soldaten vereinen, die dort wohl Und doch: In seiner Kultur, den bei
in einem der von Babylon abhängigen nate nach der Eroberung Eschnunnas den Sprachen Akkadisch und Sumerisch,
Stadtstaaten stationiert sind. Dann wird stürmen Hammurabis Soldaten auch in der Keilschrift, der Religion ist Ham
Mari. König Zimrilims Schicksal ist rät murabis Reich schon recht homogen.
frontenkrieg verwickeln. selhaft, kein Chronist erwähnt ihn je Seine Armee ist die schlagkräftigste
Die Reiche Mesopotamiens gehö wieder. (Ein Kleinkönig der Region wird Truppe Mesopotamiens – mächtig ge
ren zu den ersten Staaten der Ge schichte, nug, um den Staat gegen Angriffe von
doch man darf sie sich nicht als moderne hundert später den gleichen Namen zu außen zu schützen und Rebellionen im
Staaten vorstellen: als Staaten mit gut legen – ein Indiz dafür, dass Zimrilim in Innern niederzuwerfen.
kontrollierten, gar hermetisch gesicher Maris Erinnerung als verehrungswürdi Hammurabi, der Abkömmling einer
ten Grenzen etwa. So schlägt ein Offizier ger Herrscher fortlebt. Möglicherweise Nomadenfamilie, sieht sich, wie er in
gegenüber König Zimrilim Alarm: „Drei hat er nie gegen Hammurabi verloren, einer Inschrift verkündet, als „Hirte, aus
Tage bevor ich diesen Brief schrieb, ha sondern ist betagt gestorben – und da erwählt vom Gott Enlil“. Und andern
ben meine Wächter, die auf Erkundung nach hat sein babylonischer Rivale das orts: „Die verstreuten Völker des Landes
waren, mich gewarnt: ‚500 babylonische Reich problemlos erobert.) Sumer und Akkad sammelte ich und gab
Babylons Soldaten plündern nun
systematisch den Königspalast von Mari.
Beamte durchsuchen das Archiv. Die
GEO EPOCHE Babylon 105
destens rund 350 Jahre zuvor damit be-
gonnen, Regeln in Stein oder auf Ton-
tafeln niederzuschreiben (siehe Seite 38).
ihnen Weiden und Wasserstellen. Ich Doch kein anderer Kodex ist so umfas- Tiere ausleiht) – und schließlich um
behütete sie im Überfluss und ließ sie an send erhalten wie der von Hammurabi. Sklaven (Besitzrechte).
friedlichen Orten leben.“ So kann man Fast jedes Gesetz fängt an mit Seltsam allerdings ist, dass man-
das Resultat von vier Jahren Eroberungs- einem „Wenn ...“, das ein Verbrechen che Delikte bis ins kleinste Detail hinein
kriegen auch darstellen. beschreibt, es folgt ein „dann...“ mit der verhandelt werden: „Wenn das Schiff
Tatsächlich wiederholt der Herr - jeweiligen Strafe. eines Ruderschiffkapitäns
scher in seinem Großreich das, was sich „Wenn ein Bürger das Schiff eines Segel-
schon in Babylon selbst bewährt hat: Er einem anderen Bürger ein schiffkapitäns rammt und
baut Festungen auf, ehrt die Götter, lässt Auge blendet, dann soll versenkt, dann soll der
Kanäle graben. Eine etwa 160 Kilometer man ihm ein Auge blen- LITERATURTIPPS Eigentümer des versenk-
lange Wasserstraße tauft er Hammurabi- den. Wenn er einem ande- ten Schiffes alles, was in
ist-der-Überfluss-des-Volkes. ren Bürger einen Knochen Marc Van De Mieropp seinem Schiff verloren ge-
In seinem 39. Regierungsjahr (1754 bricht, dann soll man ihm »King Hammurabi gangen ist, vor einem Gott
v. Chr.), das verraten Details im Text, einen Knochen brechen.“ of Babylon« angeben, und der Ruder-
lässt der alternde König schließlich ein „Wenn ein Bürger Eine gute und gut geschriebene schiffkapitän soll ihm sein
Monument aufstellen, das zu den be - einem Palastangehörigen Biografie des Herrschers Schiff und sein verlorenes
rühmtesten Denkmälern des Altertums ein Auge blendet oder ei- (Blackwell Publishing). Gut ersetzen.“
zählen wird: den Kodex Hammurabi. nem Palast angehörigen Andere Straftaten
Es ist eine Stele aus poliertem einen Knochen bricht, soll Heinz-Dieter Viel hingegen kommen kaum
schwarzem Basalt: ein glänzendes, 2,25 er ein Pfund Silber zahlen. »Der Codex Hammurapi« vor, zum Beispiel Mord.
Meter hohes Steinmonument. Das obere Wenn er einem Sklaven Komplette Übersetzung des Auch Verpflichtungen
Viertel zeigt im Relief den thronenden eines Bürgers das Auge steinernen Gesetzeswerkes, das der Untertanen gegen-
Schamasch, den Sonnengott und obers - blendet oder einem Skla- um 1900 auf der Akropolis über dem Staat (wie etwa
ten Richter, der dem vor ihm stehenden ven eines Bürgers einen von Susa geborgen wurde Abgaben zu leisten) sind
Hammurabi Stab und Ring überreicht, Knochen bricht, dann soll (Edition Ruprecht). Hammurabi nicht ein
Symbole der Macht und damit wohl er die Hälfte seines Kauf- Keilschriftzeichen wert.
auch des Rechts zu strafen. preises zahlen.“ Ist der Kodex Ham -
Darunter sind in 51 horizontalen „Wenn ein Baumeis- murabi deshalb überhaupt
Spalten (von denen nahezu alle erhalten ter für einen Mann ein ein Kodex, der eine voll-
sind) Keilschriftzeichen in den Stein ge- Haus baut und sein Werk nicht auf so lide ständige Gesetzessammlung darstellt?
hauen; die Stele wirkt wie ein Buch ganz Weise ausführt, sodass das Haus einstürzt Eine Art babylonisches BGB, allerdings
aus Basalt (siehe Seite 86). und den Eigentümer tötet, dann wird der mitsamt Strafrecht?
Wahrscheinlich lässt der König das Baumeister getötet. Wenn es einen Sohn Schwierig zu entscheiden.
Monument in der Stadt Sippar aufstel - des Besitzers tötet, dann soll ein Sohn
len, in welcher der Gott Schamasch tra- des Baumeisters getötet werden.“ underte Urteile, Verträge, Brie-

H
ditionell besonders verehrt wird. Noch in Etwa jedes zehnte Gesetz verlangt fe aus Babylonien haben sich
der Antike wird die Stele verschleppt die Todesstrafe. Viele weitere Bestim- auf Tontafeln erhalten. Prak-
und beschädigt, 1902 von französischen mungen dekretieren Augen blenden, tisch in keinem dieser Doku-
Archäologen in Persien ausgegraben, Zunge herausschneiden, öffentliches mente jedoch beruft sich ein
heute steht sie im Louvre. Auspeitschen als Strafen. Untertan juristisch auf diesen
In den ersten 303 Zeilen rühmt sich Die Gesetze folgen einer gewissen Kodex (beispielsweise in der Form:
Hammurabi seiner engen Bindungen an Systematik. Zunächst geht es um le gale „Hammurabi hat dies dekretiert, also
die Götter, die ihm die Macht geschenkt Fragen, Gerichtsprobleme (falsche Zeu- wird jenes Urteil gefällt...“).
haben: „Ich bin der reine Fürst, dessen genaussagen zum Beispiel), dann um Nur ein einziges Mal – und das auch
Gebet der Gott Adad kennt, der den Eigentumsdelikte (Diebstahl, Einbruch, erst unter Hammurabis Nachfolger –
Gott Adad besänftigt, der Held in der Sklavenflucht) sowie um Fragen, die findet sich wenigstens ein Hinweis auf
Stadt Karkar, der die Richtigen in den Grund und Boden betreffen (Anbau, die Gesetzessammlung. Da beklagt sich
Eudgalgal-Tempel beruft.“ Bewässerung). Dem folgen Paragrafen zu ein Händler in einem Brief über die
Dann folgen – das macht die Stele Schulden, Krediten und Zinsen, zur Fa - hohen Silberlöhne der Weber und ver-
so berühmt – auf rund 40 Spalten fast milie (Scheidung, Erbrecht), zu körper- weist auf niedrigere, „die auf der Stele
300 Gesetze. (Da das Monument be - lichen Angriffen und Schäden sowie zu festgehaltensind“.
schädigt ist, ist die genaue Zahl der Gebühren und Einnahmen (etwa für Andererseits stehen auf ebendieser
Gesetze nicht bekannt.) Zwar haben Ärzte, Baumeister, Bootsbauer). Stele unter Einleitung und Gesetzen
mesopotamische Herrscher bereits min - Gegen Ende geht es um die Land - noch weitere 499 Zeilen. Und in denen
wirtschaft (Ochsen, Beschäftigung von
Arbeitern und Handwerkern), um Leih -
gebühren (wenn man etwa Boote oder
106 GEO EPOCHE Babylon
AUFSTIEG ZUR GROSSMACHT

Kaspisches
Meer
am Kahat
Karana Ninive

ur
riti
Andarig

sch
H a bur
Euphra

eN
Mit t e lme e r

t Ekallatum

om
Assur

a
en

d
1761 v. Chr.

Tig

Z
Mari

ag
ris
e Sapiratum

ro
c h
is g

s
r 1762 v. Chr. eb
Sy st
e ir
ü Sippar ge
W Eschnunna
Upi
babylonisches Reich unter Babylon Masch-
Hammurabi um 1765 v. Chr. kansapir Susa

gebiet unter Hammurabi um 1760 v. Chr. 1763 v. Chr.


eroberte Nachbarreiche mit Larsa ELAM
Jahr der Eroberung Pe r
0 200 km
si
Hauptstadt Stadtstaaten
GEOEPOCHE-Karte G o sc h e
für einige Städte vermutete Lage lf r
Quellen: Der Große Ploetz, Die Enzyklopädie der Weltgeschichte, Komet Verlag u. a.

Hammurabi triumphiert als Feldherr: Binnen weniger Jahre erobert er Nachbarreiche wie Larsa, Eschnunna – und schließlich
auch Mari. Um 1760 v. Chr. erstreckt sich sein Herrschaftsgebiet vom Norden Mesopotamiens bis an den Persischen Golf

verkündet Hammurabi, für wen er das die Gesetze als finaler Ausdruck institu sein Sohn Samsuiluna nach. Von dem hat
Monument gesetzt hat: für seine Unter tionalisierter Macht. sich ein Brief an einen hohen Beamten
tanen und für seine Nachfolger. „Ein Schon in Mesopotamien wird der erhalten, doch leider nur in Fragmenten:
Text vielfach kopiert, in späteren Gene „Der König, mein Vater ... Ich habe mei
sache bekommt, möge vor meine Statue nen Platz auf dem Thron von meines
(namens; die Red.) ‚König der Gerechtig murabi, stellen sich – fälschlich – als Vaters Haus eingenommen, um das Land
keit‘ treten, meine beschriftete Stele dessen Blutsverwandte dar, um sich mit zu regieren.“
möge er lesen, meine überaus wertvollen der Glorie eines legendären Herrschers Das kann man so ergänzen, dass
Worte möge er sprechen, meine Stele zu schmücken. Ein Echo des Kodex Hammurabi krank geworden ist: „Der
möge die Rechtssache ihm klären, seinen hallt anscheinend in der Bibel nach König, mein Vater, ist krank.“ Demnach
Richterspruch möge er ersehen, sein („Auge um Auge, Zahn um Zahn“), hätte Hammurabi, gebrechlich im Alter,
Herz möge er aufatmen lassen.“ Und und Par allelen finden sich auch noch im den Thron rechtzeitig an den Sohn wei
später: „Für immer in der Zukunft möge römischen Recht, das wiederum zum tergegeben, der zunächst noch als Regent
jeder König, der dieses Land regiert, die Fundament unserer modernen Jurispru amtiert, bis der Alte irgendwann sein
Worte der Gerechtigkeit beachten, die denz geworden ist. Leben aushaucht. Andererseits könnte
ich auf meine Stele schrieb.“ Noch nach mehr als 3770 Jahren die Lücke aber auch durch „... ist krank
Der Kodex Hammurabi ist wohl wirkt die Propaganda, denn Hammurabi und gestorben“ oder ganz simpel durch
deshalb Gesetzessammlung und gilt selbst uns Heutigen, die wir wenig „... ist tot“ ausgefüllt werden.
ganda, ist Grundlage der Gerechtigkeit vom Altertum wissen, als weiser Herr So oder so: Die letzte authentische
und ein Herrscherdenkmal (jeder Unter scher und Gesetzesschöpfer. In gewisser Nachricht vom Leben und Sterben des
tan soll sehen, wem die Götter die Ge Weise ist der Kodex damit Hammurabis Königs ist kein persönliches Schrei
walt verliehen haben). größter politischer Triumph. ben, kein Zeichen der Trauer oder des
Weitere gefundene Fragmente legen Schmerzes, sondern eine regierungsamt
nahe, dass Hammurabi solche Stelen liche Nachricht und also ein politisches
Hat jener Mann, der seine Macht so Dokument.
weise sogar in vielen Städten errichten lange und so klug organisiert hat, Kein Nachruf hätte besser zu dem
ließ: der König im Angesicht des Gottes, schließlich auch seinen eigenen Abgang Politiker Hammurabi gepasst.
von der politischen Bühne inszeniert?
Man könnte es glauben, doch sicher ist
das nicht: Im Jahr 1750 v. Chr. folgt ihm
GEO EPOCHE Babylon 107
Assyrien – 883 bis 609 v. Chr.

Die assyrischen Herrscher (hier ein König bei der Jagd) verstehen sich als Hohepriester ihres Reichsgottes Assur. Im
Dienst dieser höchsten aller Gottheiten dehnen sie – wie Assurnasirpal II. – das Reichsgebiet immer weiter aus, vernichten
jeden, der sich ihnen entgegenstellt (einige der hier gezeigten Illustrationen sind nachträglich koloriert worden)

108 GEO EPOCHE Babylon


Der
KRIEGER
-
KÖNIG
vom Tigris
Assurnasirpal II. ist ein Liebhaber der Künste,
großzügiger Gastgeber und aktiver Bauherr – vor allem
aber ein brutaler Feldherr. Seine Truppen morden,
foltern, zerstören, und immer wieder rühmt sich der
Herrscher der grausamen Taten, die in seinem Namen
begangen werden. Mit ihm beginnt der Aufstieg
des Königreichs Assyrien zum gewaltigsten Imperium,
das es bis dahin in der Geschichte gegeben hat
Text: MATHIAS MESENHÖLLER;Kolorierung
der Illustrationen: TIM WEHRMANN

GEO EPOCHE Babylon 109


meines Erbsohnes“) zumindest theore-
tisch den Gehorsam der ganzen Welt.

S
Zwar ist der König auch ein gebil-
deter Kenner und Liebhaber der Künste,
Erbauer von Tempeln und Palästen,
ein Schlemmer, Weintrinker und Lust -
mensch. Ein geschickter Verwalter. 80 Kilometer von
Dennoch erhofft er sich Ruhm vor der alten Hauptstadt
allem vom Glanz der Beute, die er raubt; Assur entfernt lässt
von der Anzahl der Städte, die er unter Assurnasirpal II. die
seine Herrschaft bringt; und von der neue Residenz Kalchu
Menge der Menschen, deren Leben er (heute: Nimrud)
auslöscht, je grausamer und erniedrigen- errichten. Am Ufer
der, desto besser. des Tigris entsteht
So spricht König Assurnasirpal II. von Der Erfolg gibt ihm recht. Mit der ein prächtiger Palast
Assyrien und lässt es in Stein meißeln: Regentschaft Assurnasirpals II. beginnt (Rekonstruktion,
„Ich nahm viele Krieger lebend gefangen. Assyriens Aufstieg zur Vormacht erst im 19. Jahrhundert)
Ich schnitt einigen Arme und Hände ab; nördlichen Mesopotamien, dann in der
anderen schnitt ich Nasen, Ohren und weiteren Region. Am Ende herrschen
Extremitäten ab. Ich stach vielen Krie- seine Nachfolger über das bis dahin
gern die Augen aus. Ich machte einen gewaltigste Imperium der Welt.
Haufen mit Lebenden und einen mit Ein Großreich – gegründet auf
Köpfen. Ich hängte ihre Köpfe um die militärische Stärke, rücksichtslose Härte
Stadt herum an Bäumen auf. Ich ver- und entschlossene Ausbeutung.
brannte ihre heranwachsenden Jungen Fast ein Jahrtausend ist vergangen,
und Mädchen. Ich schleifte, zerstörte, seit König Hammurabi von Babylon
verbrannte, vernichtete der mächtigste Herr -
die Stadt.“ scher im Zweistromland
Diese Worte, für war. Seine Nachfolger
die Nachwelt festgehal-
ten auf Relieftafeln in
Sich konnten das von ihm
geschaffene Imperium
einem Tempel der Stadt nicht bewahren, um
Kalchu am Tigris, ste- 1600 v. Chr. zerbrach es
hen zwischen zahlrei- zuwider - endgültig im Kampf
chen ähnlichen Sätzen. gegen das Volk der
Voller Stolz verkünden Hethiter, die aus Ana-
sie die stets gleichen set zen tolien und Syrien ein-
Taten:Schlachtensiege, marschierten.
gefolgt von Massakern, Dann konkurrier -
Raub und Zerstörung.
Assurnasirpal II.
ist ein ten jahrhundertelang
sechs Mächte um Herr -
herrscht von 883 bis 859 schaftsgebiete und Ein-
v. Chr. über Assyrien,
und er ist ein Krieger-
F RE VEL fluss in der Region, dar-
unter die Ägypter sowie
König. Ein Eroberer die Kassiten und Ela-
und Beutemacher, der in miter aus Persien (siehe
fast jedem seiner Jahre auf dem Thron Karte Seite 155).
zu mindestens einem Feldzug aufbricht Doch es sind die Assyrer, die sich
und dem kein Mittel zu schmutzig, nach dieser Ära die Vorherrschaft in
kein Triumph zu blutig, keine Gewalt zu Mesopotamien erkämpfen. Sie gebieten
brutal ist, wenn er damit seine Macht ab etwa 850 v. Chr. über ein riesiges
ausweiten kann. Reich – bis es nach rund 250 Jahren
Und mit ihr das Reich seines Got - selbst durch Gewalt fällt und von seinen
tes Assur, des höchsten aller Götter: Zu Feinden mit einer solch erbitterten Wut
dessen Ruhm beansprucht Assurnasirpal zerstört wird, dass die Zeugnisse seiner
(der Name bedeutet „Assur ist Wächter einstigen Größe für viele Zeitalter im

110 GEO EPOCHE Babylon


Assurnasirpal II.
(4. v. l.) bringt den
Göttern nach einer
erfolgreichen Bullen-
jagd ein Trinkopfer
dar. Stets zeigen
die assy rischen Bild-
hauer den König
als einen kräftigen
Mann mit harten
Gesichts zügen

Assyrien

GEO EPOCHE Babylon 111


Ein vielköpfiger
Hofstaat ist Assy-
riens Herrschern
in ihren mit Statuen
geschmückten
Residenzen zu Diens-
ten (Königspalast
in Ninive, Illustra-
tion von 1912)

112 GEO EPOCHE Babylon


Schutt der Ruinen versinken. Und mit deshalb geloben sie bei ihrer Krönung, Vorzeichen zu lesen, göttliche Warnun
ihnen das Andenken an die Taten des Assyriens Grenzen im Auftrag und im gen und okkulte Hinweise auf die Pläne
Königs Assurnasirpal II. Namen des Reichsgottes auszudehnen. des Feindes.
Das aber bedeutet: Wer sich ihnen Das eigentliche Heer ist bunt und
u Beginn des 2. Jahrtausends widersetzt, begeht ein Sakrileg – im vielgestaltig. In den Kolonnen marschie

Z v. Chr. blüht am Westufer des


oberen Tigris die Stadt Assur,
ein bedeutendes Handelszen
trum (siehe Seite 72). Das Oberhaupt
dieser Metropole gilt als irdischer Statt
Zweifel sogar gegen den Willen der
eigenen örtlichen Götter, denen Assurs
Vorrang bewusst ist.
So wird die Expansion zur Pflicht
und der Krieg zu einem Teil der Religion.
ren Krieger mit ihren jeweils eigenen
Uniformen, Haartrachten und Waffen.

nuchen. Fast alle tragen Sandalen, man


che nur einen knappen Rock, andere
halter jenes mächtigen Gottes, der dem knöchellange Gewänder. Darüber glänzt
Ort seinen Namen gegeben hat. zuweilen ein Panzerhemd. Viele besitzen
Nach schweren Niederlagen gegen Im späten 10. Jahrhundert v. Chr. kehrt nicht einmal einen Helm.
Konkurrenten und einfallende Nomaden endlich auch das Schlachtenglück zu
aber reißen in der zweiten Hälfte des rück. Die Assyrer können einige Nach wagenkämpfer ist einheitlich ausgerüstet:
18. Jahrhunderts v. Chr. die Berichte über barn besiegen und deren Truppen ihrer Jeder trägt ein Schwert, einen konischen
die Stadt weitgehend ab. Erst rund 200 Streitmacht einverlei Helm sowie einen lan
Jahre später taucht Assur erneut in den ben. Dabei hilft es ih gen, mit Metallplatten
Quellen auf – zunächst als Verbündeter, nen, dass während der besetzten Schutzmantel.
später als Vasall eines Reiches namens
Mittani.
unruhigen Epoche zuvor
auch andere Reiche zer
Die Ihre wendigen,
zweirädrigen Gefährte
Dessen Zusammenbruch Mitte des splittert sind oder sich werden von zwei oder
14. Jahrhunderts nutzen Assurs Könige, zurückgezogen haben: drei Pferden gezogen
um nun ihrerseits das Umland zu unter Große Teile des Nahen Waffe des und sind jeweils mit
werfen. Bis etwa 1200 v. Chr. entsteht ein Ostens sind um diese einem Lenker besetzt,
größerer Flächenstaat: Assyrien. Er um Zeit geprägt von Klein einem Bogenschützen
fasst das ganze nördliche und westliche Königs und einem Schildträger,

Assyrien
Zweistromland, für kurze Zeit auch geizigen,entschlossenen der die beiden ande
Babylon. Dann jedoch lassen innerer Feldherrn liegt darin ren deckt und dagegen
Zwist sowie vermutlich der Ansturm von
Nomadenstämmen das Reich zerfallen,
eine seltene Chance.
Seine Bildhauer
ist sichert, aus dem unge
federt dahin jagenden
und am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. zeigen Assurnasirpal II. Wagen geschleudert
besteht Assyrien neuerlich aus wenig
mehr als einem Kern um die Stadt Assur.
als kräftigen Mann mit
wallendem Haupthaar
T ERROR zu werden. Die Streit
wagenkämpfer können
Dieses Auf und Ab hat die gleiche und mächtigem Bart.
Ursache wie die frühe kommerzielle Fliehende Stirn, breite ren als gewöhnliche Ka
Blüte: Assyrien liegt zentral zwischen Wangen, starke Nase. Harte Züge. Ein vallerie – und sind besser geschützt.
Draufgänger. Noch im Jahr seiner Die Reiter dagegen müssen um
leute – aber eben auch Invasoren – auf Thronbesteigung, 883 v. Chr., ruft er das ständlich in Paaren kämpfen, weil ihnen
natürliche Barrieren stoßen würden. Ver Heer zusammen, um Assurs nordöstli das Zaumzeug noch keinen freihändi
ches Hinterland neu zu unterwerfen. gen Galopp erlaubt; und so verschießt
manente Bedrohung verwandelt sich das Gemäß ihrem heiligen Auftrag einer der beiden während einer Schlacht
Handelszentrum mit der Zeit in einen gleicht jede ausrückende Armee einer Pfeile, während der andere die Zügel bei
autoritären Militärstaat. Prozession. Träger mit Statuen und Bil der Pferde hält und zum Schutz einen
Grundsätzlich sind alle Unterta dern Assurs und anderer Götter mar Schild oder eine Lanze führt.
nen zum Heeresdienst verpflichtet. Der schieren vor den Bewaffneten her. Auch die Masse der assyrischen In
Herrscher hat die absolute Befehlsgewalt Vertrauensvoll blicken die Männer fanterie besteht aus Bogenschützen. Ihre
inne – und rechnet sich nichts so sehr zur auf die Himmlischen, die buchstäblich Waffe ist zwischen 110 und 125 Zenti
Ehre an wie Ungestüm und Siege auf an ihrer Seite kämpfen werden: Während meter lang, oft zwei bis drei Zentimeter
dem Schlachtfeld. Mehr noch: Der Krieg einer Schlacht fahren die Abbilder, auf dick und aus verschiedenen Materialien
ist ein Gottesdienst der Hohepriester Streitwagen montiert, die Angriffe mit. gefertigt, etwa aus Horn, aus verleimtem
Assurs auf Erden, als welche sich die Darüber hinaus gehören Magier der Holz von Zedern oder Akazien. Die Bo
Könige nach wie vor verstehen. Streitmacht an, die Feuer auf den Feind gensehne besteht aus Darm, Leinen oder
Denn Assur gilt ihnen als oberster regnen lassen, ihn mit Krankheit, Natur einer Büffelsehne.
aller Götter, und die politische Ordnung katastrophen oder Mutlosigkeit schlagen Manche Nachbarvölker verwenden
muss diese Hierarchie widerspiegeln; sollen. Sie vermögen gute und schlechte

GEO EPOCHE Babylon 113


struktionen, doch die Assyrer zögern panzerten Wagen, in deren Schutz die der König von Beginn an eine besonders
lange, ehe sie Bewährtes ersetzen. Und assyrischen Soldaten schwere, vermut brutale, aber effiziente Waffe: Terror.
ihre Pfeile mit den eisernen Spitzen ha lich an Seilen schwingende Rammböcke Fürsten und Städte, die freiwillig
ben nach wie vor eine verheerende Wir gegen den Wall prallen lassen. Tribut zahlen, werden verschont. Wer
kung. Selbst einen Streitwagenangriff sich aber wehrt, geht ein enormes Wag
können die Bogenkämpfer stoppen, in nis ein – denn wird er doch besiegt, darf
dem sie gezielt die kaum geschützten er auf keine Gnade rechnen.

S
Pferde zu Fall bringen. Dann fallen die Assyrer mordend,
Doch als Assurnasirpals Heer auf plündernd und vergewaltigend über die
seinem Vorstoß nach Nordosten im Jahr Unterlegenen her, brennen Häuser nie
883 v. Chr. den rund 100 Kilometer von der, verwüsten Felder, töten Zivilisten
Assur entfernten Vorposten Arbail er oder führen sie als Beute fort. Heran
wachsende werden vor den Augen ihrer
furten weiter vorrückt, stellt sich ihm Eltern verbrannt; der König mag es als
niemand zur Schlacht. Dankopfer an Assur verstehen.
Vielmehr erwarten seine Gegner Nicht selten wütet Assurnasirpal
den assyrischen König offenkundig si zunächst im Umland einer stark befes
Schlagen diese Mauerbrecher die ent tigten Metropole. Lässt beispielsweise
stromland sowie das benachbarte Syrien scheidende Bresche in die Befestigung die abgeschnittenen Köpfe gefallener und
und Palästina sind Landschaften mit um Libe? Oder werden die Panzerwagen ermordeter Landsleute vor den Mauern
kleinen und großen Städten. Ihre Herr womöglich Opfer von Brandpfeilen und der Ausharrenden stapeln oder aufhän
scher residieren hinter Mauern aus Stein geschleuderten Fackeln der Verteidiger, gen, als Einschüchterung.
und Ziegeln, bisweilen zehn Meter hoch gehen in Flammen auf und ihre Mann Oder er führt den Belagerten ihr
oder mehr, breit wie Häuser, oft noch schaften mit ihnen? drohendes Schicksal vor Augen, indem
geschützt durch einen Graben davor. Vielleicht müssen es ja Mineure er Gefangene zu Hunderten pfählen
richten, die unterirdische Kriechgänge lässt: Den Gefesselten wird eine stumpf
anlegen, um in die Stadt zu gelangen abgerundete Holzstange in den After
Der Sturm auf eine solche Festung ist oder die Mauer einstürzen zu lassen. gestoßen und dann aufgerichtet, sodass
auch für die hochgerüsteten Assyrer ein Auch das ist hochgefährlich: Zuweilen ihr eigenes Körpergewicht die Opfer
Risiko. Selbst wenn sie im Abwehrfeuer graben die Verteidiger Gegentunnel, fal langsam daran herabzieht, der Pfahl sich
aus Pfeilen, Steinen und Brandgeschos len in den engen Schächten über die durch ihre Innereien schiebt. Der Todes
sen Teile des Grabens aufzufüllen ver Angreifer her, räuchern sie aus oder er kampf kann Tage dauern.
mögen, mit Erfolg Sturmleitern anlegen, tränken sie in hineingepumptem Wasser. Anderen Gefangenen werden Arme
ja die Mauer bezwingen, drohen ihnen oder Füße abgeschlagen, die Augen aus
empfindliche Verluste. sirpals Männern, die Mauern von Libe gestochen, Nasen, Zunge, Ohren oder
Die erste befestigte Stadt, die das zu bezwingen. In den schmalen Gassen Lippen abgeschnitten.
Heer attackiert, heißt Libe, und wir wis der Stadt aber sind ihre Bögen kaum
sen von diesem Kampf, weil er auf einer noch von Nutzen, und so beginnt wohl
Relieftafel in Kalchu erwähnt wird. ein mörderischer Nahkampf von Haus Der besondere Zorn des Königs aber gilt
Vielleicht gelingt den Angreifern ein zu Haus, Mann gegen Mann, geführt mit Verrätern und Abtrünnigen. Als er im
Handstreich – später wird Assurnasirpal Kurzschwertern, Dolchen und Streitkol Herbst des Jahres 883 v. Chr. erfährt, dass
wiederholt in Nachtmärschen auf Fes ben. Assurnasirpal selbst spricht nach der Meuterer in der Stadt Suru am Habur,
Einnahme Libes von einem Massaker. einem Zufluss des Euphrat, den assyri
artig einzunehmen. Wahrscheinlich muss Eine erhebliche Anzahl Kämpfer schen Gouverneur erschlagen und einen
die Truppe das Belagerungsgerät einset kann zwar in das umliegende Bergland eigenen König ausgerufen haben, eilt
zen, das sie gewöhnlich mitführt. fliehen. Die Assyrer jedoch setzen ihnen Assurnasirpal voller Ingrimm mit dem
nach und stellen die Flüchtenden: „Ich Heer dorthin. Um sich selbst zu retten,
fertigten Bohlen und lehmverstärktem färbte die Berge rot mit ihrem Blut“, liefert die Bevölkerung den Usurpator
Flechtwerk, die wohl auf Rädern laufen verkündet der König im Triumph. Viele und dessen Gefolgsleute aus.
und die meisten Mauern überragen. Von Assurnasirpal lässt sie bei lebendi
diesen Plattformen aus schießen die Bo bächen umgekommen. gem Leib häuten.
genschützen auf die Verteidiger. Assurnasirpals Grausamkeit ist kei Die bestialische Quälerei dauert
Dadurch geben die Türme Sonder ne Laune. Mit jedem Tagesmarsch, den wahrscheinlich gut eine Stunde; immer
kommandos Deckung, die mit Hacken die Sieger weiterziehen, wächst für die wieder fallen die Gemarterten in eine
und Stemmeisen nach vorn gehen, um Überlebenden die Verlockung, wieder gnädige Ohnmacht – und werden un
die Mauer aufzubrechen. Aber auch ge abtrünnig zu werden. Auch deshalb nutzt barmherzig geweckt. Die Glücklicheren

114 GEO EPOCHE Babylon


Assyrische Reiter
verfolgen einen
Araber auf einem
Kamel. Fast in jedem
Jahr seiner Regie -
rungszeit bricht
Assurnasirpal II. zu
einem Feldzug auf
(Abzeichnung eines
Reliefs, 1850)

Assyrien

Niemand, der sich Assurnasirpal II. widersetzt, darf auf Gnade hoffen. Unterlegene
Gegner lässt er pfählen oder bei lebendigem Leib häuten – oder aber seine Soldaten schlagen
ihnen die Köpfe ab und spielen anschließend damit (links unten)

GEO EPOCHE Babylon 115


Durch die prunkvolle neue Residenz in Kalchu will Assurnasirpal II. vor allem seine
Macht demonstrieren, die er durch erfolgreiche Überfälle stetig weiter ausbaut. Mit der Beute
seiner Feldzüge finanziert der König Palast und Tempelbauten

Auch im Innern
von Assurnasirpals
Palast in Kalchu
sind gigantische
Wandreliefs und
Statuen zu finden,

reichen Taten des


Königs feiern

116 GEO EPOCHE Babylon


sterben am Schmerzschock, andere erst beinerne Throne, Geschirre oder Truhen Die Szenen sind mit kräftigen, bun -
binnen Stunden oder gar Tagen an Blut- ebenso fort wie die Palastfrauen, Schwes- ten Farben ausgemalt. Oberhalb prunken
und Flüssigkeitsverlust, Auskühlung, tern und Töchter bezwungener Gegner. Friese aus glasierten Ziegeln und weiß
Infektionen. Ihre abgezogenen Häute Viele der Unterworfenen verpflichtet er glänzendem Alabaster.
stellt der König im ganzen Reich aus, zur Zwangsarbeit, oft direkt in Assyrien. Nicht minder farbsatt sind die ko -
lässt sie an Stadttoren und Mauern auf - Denn dort, 80 Kilometer den Tigris lossalen Statuen geflügelter Löwen- und
spannen, um Schausäulen winden. aufwärts, lässt Assurnasirpal die Provinz- Stierleiber mit menschlichen Köpfen
Es ist eine eindrückliche Botschaft stadt Kalchu (heute Nimrud) zu einer ausgeführt, die neben den Toren und
des jungen Herrschers an jeden, der mit glänzenden Residenz ausbauen; mögli- Durchlässen Wache stehen (siehe auch
seinem Machtanspruch hadert. Eine cherweise ordnet er dies an, weil ihm die Seite 18). Etliche tragen Hauben aus
Botschaft im Namen Assurs, die sich Bevölkerung der alten Hauptstadt Assur Fischhaut – eine Anspielung auf die sie-
noch oft wiederholen wird: Immer wie- allzu selbstbewusst geworden ist – oder ben Weisen, halb Fisch, halb Mensch, die
der lässt Assurnasirpal mitleidlos Ab- auch nur, um seine grandios gesteigerte der assyrischen Mythologie zufolge einst
trünnigen, Meuterern, Feinden öffent- Macht zu demonstrieren. den Überlebenden der Sintflut Künste
lich die Haut abziehen, sie pfählen oder und Wissen gebracht haben. Assurnasir-
lebendig ausweiden. pal achtet Gelehrsamkeit und Bildung.
Jahr für Jahr zieht er nun ins Feld, 360 Hektar wird die neue Kapitale An den Kolossen vorbei betreten
systematisch gegen einen Nachbarn nach schließlich groß sein, eingefasst von einer die Gäste den mehr als 45 Meter langen,
dem anderen. Seine Sklaven schlagen mit 7,5 Kilometer langen 10,5 Meter breiten und
eisernen und kupfernen Hacken und Pi - Mauer, überragt von ei- vielleicht acht Meter
cken Trassen durch Bergrücken, um den ner gewaltigen Zitadelle. hohen Thronsaal.
Streitwagen eine Rollbahn zur Front zu
schaffen. Tausende Männer samt Waffen
In dieser Festung liegt
der Königspalast: ein Auf Auch hier bede-
cken mächtige Reliefs
und Gerät queren auf Pontonbrücken 28 000 Quadratmeter die Wände. Sie zeigen
den Tigris. Setzen in eigens gezimmerten großes Ensemble aus den König im Krieg, auf
Booten und an aufgeblasenen Ziegen- Innenhöfen, Prunksälen, VE RRAT der Jagd. An der Stirn-
bälgen über den Euphrat. Schreibstuben, Lager- seite erscheint er gleich

Assyrien
Wo sich doch einmal ein Gegner räumen sowie den kö- in doppelter Gestalt, be-
zur Schlacht stellt, geht er im Hagel der
Pfeile, dem Ansturm der Streitwagen-
niglichen Privatgemä-
chern, den Harems.
stehen die gleitet von geflügelten
Schutzgottheiten und
Armada unter. Und immerzu wächst das Der Luxus ist er- gesegnet von einem
assyrische Heer an um die verschonten
Kontingente der Bezwungenen.
lesen. Es gibt Bäder und
Heizungen, fahrbare
höchsten ebenfalls geflügelten As-
sur im Strahlenkranz.
Kohlefeuer. Mit kunst- Mehr noch als die
m das Jahr 875 v. Chr. be- vollen Bronzebändern
Qualen Größe der Anlage über -

U herrscht Assurnasirpal weite


Gefilde nördlich und östlich
des Tigris sowie das Land
zwischen Tigris und Euphrat. Er hat sich
viele der Städte und Stämme, die schon
beschlagene Tore aus
Zeder, Tamariske oder
Zypressenholz verströ-
men beim Öffnen und Schließen einen
wältigen diese 2,20 bis
2,70 Meter hohen Plat -
ten den Betrachter. Eine
derart lebendige Kunst ist in Vorderasien
würzigen Hauch. Warme, farbenfrohe noch nie zu sehen gewesen. Versessen
einmal Assyrien gefolgt sind, erneut Vorleger mit Quasten in der Form von auf opulente Bilder seiner Macht, lässt
untertan gemacht – und so in etwa das Lotosblüten bedecken die Böden. Viele Assurnasirpal die Steinmetze Werke er-
frühere Reich Assurs wiederhergestellt. Möbel und Zierrate sind aus Elfenbein schaffen, die unverwechselbar sind und
Dabei hat er gewaltige Schätze er- oder Ebenholz, tragen Bronzeapplika- einen eigenen Stil begründen: bewegt
beutet, Tribute erzwungen. Herden von tionen, Einlegearbeiten, Vergoldungen. und expressiv, zugleich streng, Ehrfurcht
Schafen und Ochsen strömen in sein Das Herzstück der Anlage aber, gebietend – und schön.
Reich, Dromedare, Pferde, Maultiere, das Zentrum des ganzen Reiches, ist der Vor dem grandiosen Herrscherpor-
beladen mit Gold, Silber, Juwelen, bron- Thronsaal. trät erhebt sich ein ebenfalls mit Reliefs
zenen Pfannen, Schüsseln und Töpfen, In seinem Vorhof warten Boten aus geschmücktes Podest für den Thron.
mit seltenen und teuren Bauhölzern, der Provinz, Große des Hofes, auswärtige Darauf sitzend erwartet der Gewaltige
Alabaster, Zinn, Eisen, Waffen und Aus- Gesandte darauf, vorgelassen zu werden. seine Gäste. Vielleicht trägt er seine
rüstung aller Art, mit Gewürzen, feinem Meterhohe, in Stein gehauene Schmuck - prächtigen, rot-schwarz gefärbten San-
Öl, erlesenem Wein, Rohleinen, gefärb- reliefs lassen sie wissen, was von ihnen dalen und ein kunstvolles Gewand, in das
ter Wolle und kostbaren Gewändern. erwartet wird: In langen Schlangen sind Lebensbäume eingewebt sind, Jagd-
Assurnasirpals Karawanen führen darauf Besucher zu sehen, die Assyriens szenen oder ruhende Gazellen, umrandet
goldbeschlagene Elfenbeinmöbel, elfen- König huldigen, ihren Tribut darbringen. von bunten Säumen und Quasten.

GEO EPOCHE Babylon 117


Edelsteinbesetzte Geschmeide Kolonisten angesiedelt, um brachliegen-

W
zieren seine Ohren, den Hals, die Stirn. des Land urbar zu machen.
Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Wieder andere werden auf eine
Vermutlich imitieren sie Blumen, Gra- der Palast- und Tempelbaustellen ver-
natäpfel oder Trauben: Bilder aus dem schleppt, die der ebenso prunkliebende
Tier- und Pflanzenreich, die Frucht bar- wie fromme König unterhält: Neben
keit und Überfluss beschwören – eben- Assur verehren er und seine Untertanen
jenen Überfluss, der als Tribut, Beute zahlreiche weitere Götter, etwa Ischtar,
und Zwangsarbeit nach Kalchu strömt die für Liebe und Krieg zuständig ist,
und die Stadt zu einem luxuriösen Para- oder Schamasch, der als Sonnengott auch
dies macht. In einem Nebenraum des über die Gerechtigkeit wacht. Auch sie
Thronsaals findet sich denn auch eine Während die neue Residenz langsam haben jeweils eine bestimmte Stadt als
Sammlung königlicher Standardmaße, heranwächst, setzt Assurnasirpal seine Hauptsitz, wo Assurnasirpal ihre Hei -
um Gewicht und Umfang der Tribute Feldzüge fort und trägt sie nun weit über ligtümer beschenkt und ausbaut.
sofort zu überprüfen. Assyriens Grenzen hinaus. In einem tri - Doch nichts übertrifft den Auf -
Ist der König seinem Besuch gewo- umphalen Marsch führt er um 870 v. Chr. wand, den der König in Kalchu treibt.
gen, so lässt er ihn möglicherweise hinab sein Heer gar durch Syrien bis an die
zu den Auen des Tigris geleiten. Teils in Küste des Mittelmeers, in dessen Wasser
Käfigen hält der Herrscher hier Löwen, er seine Waffen rituell reinigt, bevor er Wahrscheinlich um 865 v. Chr. weiht er
Tiger, Panther und Bären, Herden von den Göttern Dankopfer bringt – wie an - den dortigen Palast offiziell ein, indem
verschiedenen Hirscharten, von Wild- derthalb Jahrtausende zuvor Sargon, der er ein grandioses, ein maßloses Fest gibt.
büffeln, Straußen, Elefanten. Manche der Begründer des ersten Großreichs der Auf einer Steinstele lässt der König fest-
Tiere lässt er im eigenen Reich fangen. Weltgeschichte (siehe Seite 69). halten: Alle 16000 Siedler seiner jungen
Andere, vor allem exotische Exemplare Widerstand bricht er mit der übli - Stadt habe er bewirtet, 5000 ausländische
wie einige große Affen, erhält er als chen Grausamkeit, jedoch entrichten Würdenträger und Gesandte, 47 000 Ar -
hoch geschätztenTribut. viele Fürsten entlang des Weges freiwil- beiter aus allen Reichsteilen – insgesamt
Denn der Tierpark ist mehr als ein lig Tribut – allerdings haben die reichen fast 70 000 Männer und Frauen, denen er
bloßes Vergnügen, er ist zugleich ein und mächtigen phönizischen Kauffah - zehn Tage lang Schwelgerei und Trank
Symbol: Sein Besitzer herrscht über die rerstädte an der Küste des Libanon dabei geboten habe, köstliche Salbungen und
nahe und ferne Welt; das Reich ist die nicht etwa Unterwerfung im Sinn, son - erfrischende Bäder.
Zivilisation, die der wilden Natur gebie- dern sehen diese Abgabe als Geste des Der Text lässt die goldenen, silber-
tet, sie zähmt und sich untertan macht. guten Willens und künftigen Handels. nen und bronzenen Aufsätze der Ban -
Mit der gleichen Botschaft und Andere Territorien aber verleibt der ketttische nur ahnen, die Liegen, das
ähnlichem Stolz präsentiert der König König seinem Reich ein, manche als Pro- bunte Gewebe der Kissen, die umher-
seinen herrlichen, von einem eigens ge- vinzen mit einem assyrischen Gouver- eilenden, nachschenkenden Eunuchen.
grabenen Kanal bewässerten botanischen neur an der Spitze, andere als Vasallen Den aufreizenden Klang der Musik,
Garten, in dem Weinreben, Granatäpfel unter ihren angestammten Herren. Dabei Tänze und trunkenes Gelächter unter
und Oliven wachsen, Obstbäume aller mag es eine bewusste Perfidie sein, dass einem weiten Abendhimmel. Die Stim -
Art, Lilien, Zedern, Zypressen und an - die Unterworfenen für ihre hohen Steu - men der Sängerinnen, die einst als Tribut
dere Gehölze aus den Ländern, zu denen ern und Tribute die eigenen Regenten in Assurnasirpals Besitz gekommen sind.
Assurnasirpal vorgedrungen ist. Ihr Duft verantwortlich machen – sodass allmäh- Die Kleider der Mächtigen, ihre
durchströmt die Fußwege und Pavillons, lich der Zusammenhalt in diesen Ge - funkelnden Fuß- und Armreife, Ketten,
ein weiterer Kanal ergießt sich in einer meinwesen zerfällt. Und sie umso leich- Ohrgehänge und Diademe. Den Rauch
funkelnden Kaskade und speist zahl- ter zu beherrschen sind. der Feuer, erfüllt von Aromen verbren-
reiche kleinere Wasserläufe. Auf eine komplette Zerstörung je - nenden Fetts und feiner Gewürze.
Eines der prunkenden Reliefs mag des Widerstandswillens zielen die mas- Mehr als 16 000 Schafe und Läm -
in diesem Idyll angesiedelt sein und zeigt senhaften Deportationen, denen Assur - mer habe er für sein Fest herbeigeschafft,
Assurnasirpal als Genießer, Wein trin- nasirpal immer größere Gruppen von erklärt Assurnasirpal. Zudem viele Hun-
kend, während Diener ihm kühlende Besiegten unterwirft. dert fette Ochsen, Enten und Gänse,
Luft zufächeln. Doch auch in dieser Zu Tausenden müssen die Überle- 1000 Hirsche, mehr als 20 000 Tauben
friedlichen Umgebung vergisst der Herr- benden ihre Sachen packen und in lan - und andere Kleinvögel, gegart in feinem
scher nicht, die Betrachter daran zu er- gen Trecks an ferne Orte ziehen, Adelige Öl und Butterschmalz, mit Senf und
innern, wie er zu seiner Macht gekom- wie Handwerker, Soldaten wie Bauern, Honig, dazu jeweils 10000 Fische und
men ist: Einer der Lakaien ist schwer Männer, Frauen und Kinder. Eier, gewaltige Mengen Bier, Wein und
bewaffnet mit Schwert, Bogen und ei- Manche ersetzen die Gefallenen in Milch, riesige Gebinde süßer Trauben,
nem mit Pfeilen prall gefüllten Köcher. der Armee der Sieger; andere werden als Granatäpfel, Datteln, Pistazien und Nüs -

118 GEO EPOCHE Babylon


Geflügelte
Tierstatuen mit
Menschenköpfen
wachen an den
Eingängen zum
Palast Assurnasir-
pals. Manche
sind einem Stier
nachempfunden,
andere wie hier
einem Löwen
(Zeichnung eines
Archäologen,
um 1850)

Assyrien

Viele Reliefs im Palast Assurnasirpals verherrlichen die Taten der mesopotamischen


Götter. Neben ihrem Reichsgott Assur verehren die Assyrer zahlreiche weitere Unsterbliche,
etwa den Kriegsgott Ninurta, der hier ein Fabelwesen bekämpft

GEO EPOCHE Babylon 119


Kalksteinstele
Assunasirpals II.
Nach 24-jähriger
Herrschaft stirbt der
König im Jahr 859
v. Chr. Doch über
seinen Tod hinaus
erinnern Reliefs die
Einwohner des
assyrischen Reiches
an den grausamen
Herrscher

120 GEO EPOCHE Babylon


se, Brot ohnehin, Getreide, Gemüse jeg- nete. Jeder Bewaffnete will bezahlt sein, riesigen Distanzen hinweg lässt sich eine
licher Art. An nichts sollte es seinen am besten aus Beute. effiziente Verwaltung und Kontrolle
Gästen fehlen: „So ehrte ich sie und Nicht zuletzt brauchen Assyriens kaum mehr aufrechterhalten. Umso hei-
sandte sie heim nach ihren Ländern in baufreudige Könige immer mehr Arbei- ßer schwelt der Grimm der Unterworfe -
Frieden und Wonne.“ ter und Kolonisten, und so erreichen nen. Und schließlich sammeln sich jen-
Lösen die gigantische Anlage, der auch die Deportationen unter Assur - seits der Grenzen neue Feinde, so im
im Überfluss dargebotene Luxus bei Un- nasirpals Nachfolgern neue Ausmaße. persischen Bergland die wilden, geheim-
tertanen, Fremden und Vasallen Ehr - Wohl Hunderttausende werden ver - nisvollen Stämme der Meder.
furcht und Dankbarkeit aus? Oder eher schleppt; im Lauf von drei Jahrhunderten
Neid und Hass, ja Verachtung für den sind es manchen Schätzungen zufolge inige Jahre nach Assurbanipals
verschwenderischen Räuber und brutalen mehr als vier Millionen Deportierte.
Erpresser auf dem Thron? Zwar muss das Imperium immer
Im Jahr 859 v. Chr. stirbt Assurna- wieder Rückschläge hinnehmen. Doch
sirpal II. – woran und in welchem Alter, reagieren seine Machthaber nur umso
ist nicht überliefert. Wohl aber, wie er in entschlossener: Im Jahr 689 v. Chr. etwa
E Tod um 630 v. Chr. beginnt im
wiederaufgebauten Babylon
neuerlich eine Revolte. Dies-
mal gelingt es den wohl zerstrittenen
Erben des assyrischen Königs nicht, die
Erinnerung bleiben will. unterdrückt die Armee Rebellion rasch niederzuwerfen. Viel-
Auf vielen Reliefs, Statuen, einen Aufstand Babylons, mehr machen die Babylonier gemeinsa-
Obelisken finden sich In - indem sie fast alle Ein- me Sache mit den nach Mesopotamien
schriften, die er so signie- wohner tötet, die ehrwür- eindringenden Medern.
ren lässt: „Ich bin König, LITERATURTIPPS dige Stadt dem Erdboden Im Jahr 614 v. Chr. können die Al-
ich bin Gebieter, ich bin zu gleichmacht, dann gar den liierten Assur erobern. 612 folgt Ninive,
preisen, ich bin erhaben, Joachim Marzahn u. a. Euphrat über das verwüs- etwa zur gleichen Zeit wird Kalchu ge-
ich bin groß, ich bin herr- »Könige am Tigris. Assyri- tete Areal lenkt. plündert. Drei Jahre später fällt der letz-
lich, ich bin der Erste, ich sche Palastreliefs in Dresden« Ein Vierteljahrhun - te assyrische König – wohl im Kampf.
bin ein Held, ich bin ein Bilderreicher Band zu Kalchu/ dert später führt König Mit ihm erlischt der Widerstand.
Krieger, ich bin ein Löwe, Nimrud (Philipp von Zabern). Assurbanipal das assyri- Die Rache der Sieger an den eins-
und ich bin potent.“ sche Heer bis ins ferne ti gen Herren der Welt ist fürchterlich.
A. Kirk Grayson (Hg.) Ägypten, dringt zu dem Alle drei Hauptstädte werden vollständig
»Assyrian Rulers of the Early heiligen, 1800 Kilometer zerstört, ihre Bewohner niedergemetzelt,
Die Siege und Reformen First Millennium BC I südwestlich von Ninive die Provinzen zwischen Medern und
Assurnasirpals II. bedeuten (1114–859 BC)« gelegenen Theben vor und Babylonaufgeteilt.
für das assyrische Reich Mit 200 Seiten Assurnasirpal plündert es. Im Osten er - So gründlich ist die Verheerung
einen Neuanfang. Es hat im O-Ton – so abstoßend obert er Susa, die Haupt - Assyriens, dass selbst die Erinnerung an
die politische Offensive wie faszinierend (University stadt des alten Rivalen das vordem gewaltigste Imperium der
zurückgewonnen und ge- of Toronto Press). Elam am Rand der persi - Welt bis auf Anekdoten verloren geht:
nug Stabilität erlangt, um schen Hochebene, zerstört Der griechische Söldnerführer und
auch schwächere Könige sie und lässt den besieg- Schriftsteller Xenophon, der 200 Jahre
zu überstehen. ten Herrscher köpfen. Von später an den Ruinen von Kalchu und
Im 8. Jahrhundert v. jenseits Elams sendet der Ninive vorbeizieht, weiß bereits nichts
Chr. unterwirft Tiglatpilesar III. die Herr des jungen Persien lieber gleich mehr von deren Erbauern.
reichen phöni zischen Städte am Mittel- Tribut und Geiseln nach Ninive. Erst moderne Forscher werden As -
meer sowie in Palästina die Königtümer Auf dem Höhepunkt der Herr - surs Königen und ihren großen, grausi-
Israel und Juda und macht sich zum schaft Assurbanipals erstreckt sich das gen Taten wieder auf die Spur kommen.
Herrn über Babylon. Etwas später las- Imperium vom Mittelmeer bis zum Per - Sie werden, etwa in Kalchu und Ninive,
sen Revolten der Stadtbevölkerung den sischen Golf, von Afrika bis Anatolien die Monumentalfiguren, gran diosen Re-
Hof von Kalchu erst ins nahe Durschar - (siehe Karte Seite 157). Assyrien ist längst liefs und massiven Tafeln der assyrischen
rukin, dann nach Ninive übersiedeln, eine Supermacht – und ihr Herrscher Könige in großer Menge aus graben, ihre
eine blühende Handelsstadt 35 Kilometer nun tatsächlich der „König der vier Bauten rekonstruieren und Inschriften
den Tigris aufwärts, etwa beim heuti- Weltgegenden“, wie sein stolzer Titel entziffern.
gen Mossul. verkündet. Darunter auch jene über und über
Längst nährt der Krieg den Krieg, Allein: Das Riesenreich trägt bereits wiederholten Zeilen Assurnasirpals II.:
ist die Expansion Selbstzweck. Jeder den Keim seines Zerfalls in sich. „Ich schleifte, zerstörte, verbrannte, ver-
Ausbau von Verwaltung und Truppe er- Denn es ist hoffnungslos überdehnt. nichtete die Stadt.“
fordert neue Tribute und Steuern. Jede Viele Provinzen sind längst mehrfach
Unterwerfung schafft potenzielle Rebel- ausgeraubt und verheert, Tribute und Dr. Mathias Mesenhöller , Jg. 1969, ist
len; jede Revolte fordert mehr Bewaff- Steuereinnahmen gehen zurück. Über die Autor im Team vonGEO EPOCHE .

GEO EPOCHE Babylon 121


Wissenschaft – um 700 v. Chr.

Im Landder
Sie stellen mathematische Berechnungen an und erkunden systematisch den Himmel, sie erforschen Krank
nach die Grundlagen für die moderne Wissenschaft. So kann um 688 v. Chr. nahe der Stadt Ninive ein

122 GEO EPOCHE Babylon


Die Mesopotamier begründen die Mathematik und die Astronomie. Dieses Relief zeigt ein Gartenfest im Palast
des Königs Assurbanipal in Ninive, in dessen Bibliotheken unzählige wissenschaftliche Werke lagern

Erkenntnis
heiten und die Wirkung heilender Substanzen. Über drei Jahrtausende schaffen Mesopotamier nach und
Bauwerk entstehen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat: ein Aquädukt Text: MARION HOMBACH

GEO EPOCHE Babylon 123


ten, Feldern und Menschen verlässlich mit dem

E
wichtigsten aller Güter zu versorgen, Wasser.
Deshalb soll der neue, 35 Kilometer lange
Kanal frisches Nass aus dem Zagrosgebirge zum
Fluss Hazur bringen, der Ninive durchströmt. Um

nieure etwa 30 Kilometer nordöstlich von Ninive


ein Flussbett überbrücken: eine Senke, die etwa
sieben Meter tief in die Ebene einschneidet.
Sanherib ist wahrscheinlich der erste Bau

struktion in Auftrag gibt: Sein Aquädukt wird zu


Es ist das größte Bauvorhaben während der Re einem frühen Meisterwerk der Ingenieurskunst.
gentschaft des assyrischen Königs Sanherib: Aus Schon der Transport jedes einzelnen Qua
mehr als 200 000 behauenen Felsblöcken lässt der ders ist ein Kraftakt. Gut 17 Kilometer weit müs
Herrscher um 688 v. Chr. einen Aquädukt errich sen die Arbeiter die Felsblöcke, jeder 250 Kilo
ten – eine Wasserbrücke mit fünf Bögen, 22 Meter gramm schwer, vom Steinbruch zur Baustelle
breit und 280 Meter lang. bewegen; eine Aufgabe, die sie wohl dadurch
Das Bauwerk ist Teil eines in die neue Ka bewältigen, dass sie die Blöcke auf Schlitten hie
pitale Ninive führenden Kanalsystems. Denn die ven und ziehen oder auf Rundhölzern rollen.
liegt zwar am Tigris, aber dessen Fluten reichen Zunächst lassen die Baumeister unten im
nicht aus, um die wachsende Stadt mit ihren Gär Flussbett ein Fundament aus Felsbrocken verle

Arbeiter laden Holz ab. Der Rohstoffbedarf für Bauten lässt Ärzte dokumentieren die Wirkung pflanzlicher
sich durch mathematische Operationen nun genau kalkulieren Arzneien – etwa des Mohns, den dieser Gott trägt

124 GEO EPOCHE Babylon


gen. Auf diesem Unterbau führen die Maurer nun 15 Monaten fertiggestellt, wie es der König in
die Pfeiler für die fünf Bögen des Aquädukts in einer Inschrift verkündet.
die Höhe, fügen die Steinquader Lage für Lage Der Herrscher ist so stolz auf sein Projekt,
mit einem Gemisch aus schlammigem Sand und Die dass er die Inschrift in jeden Pfeiler des Bauwerks
gebranntem Magnesiumkalk zusammen. meißeln lässt: „Sanherib, König der Welt, König
Um die Bögen zu formen, verbreitern sie die von Assyrien: Weit entfernt vom Fluss Hazur ließ
Pfeiler dabei in jeder Lage ein Stück, bis sich Berech- ich einen Kanal hin zu den Auen von Ninive gra
schließlich die jeweils einander zugewandten Bo ben. Über tief eingeschnittene Schluchten spannte
genhälften am Scheitelpunkt treffen. ich einen Aquädukt aus Steinblöcken; die Wasser
Der wohl schwierigste Teil des Unterneh nungen ließ ich über ihn fließen.“

systeme anlegen, um Wasser in seine Kapitale zu


steinpflaster in ein etwa 40 Zentimeter dickes Bett werden führen. Am Ende haben alle Kanäle, kanalisierten
aus Mörtel. Diese Schicht ist an der einen Seite Flussläufe, Tunnel und Wehre zusammen eine
des Bauwerks etwas mächtiger als an der anderen Länge von wohl gut 150 Kilometern.
und erlaubt es ihnen so, die Neigung der Trasse immer
optimal an das erforderliche Gefälle anzupassen. ass Sanheribs Ingenieure den Aquädukt
Am Ende fließt das Nass mit einem Gefälle
von 90 Zentimetern pro Kilometer in Richtung
Kapitale. Wie lange die Arbeiter für den Aquä
dukt selbst benötigt haben, ist nicht bekannt. Den
gesamten Kanal aber haben die 70 Bauleute in nur
komplexer
D so präzise planen und zudem die Nei
gung der Wassertrasse für eine derart
lange Strecke so exakt bestimmen kön
nen, verdanken sie vor allem ihren Kenntnissen
der Mathematik. D ie ist wie auch die Schrift wohl

Wissenschaft

Um Ninive mit Wasser zu versorgen, lässt König Sanherib um 688 v. Chr. einen präzise berechneten Aquädukt errichten.
Wie auf diesem Relief gezeigt, schaffen unzählige Arbeiter Material für das Meisterwerk der Ingenieurskunst herbei

GEO EPOCHE Babylon 125


eine Erfindung der Bürokraten Mesopotamiens. Auch wenn nicht bekannt ist, wann genau
Bereits um 3300 v. Chr. halten sie die Menge die Bewohner des Zweistromlandes beginnen, zu
etwa von Waren oder Vieh nicht mehr mittels multiplizieren, geometrische Figuren zu entwi-
Zählsteinen fest, sondern mit in Ton gedrückten ckeln, Wurzeln zu ziehen oder das Raummaß der
Zeichen (siehe Seite 38). königlichen Bauvorhaben auszurechnen, so ist
Da in jener Zeit Menge und Vielfalt der doch klar, dass sie ab spätestens 2500 v. Chr. die
Güter immer weiter zunehmen, erfordert dies Mathematik nutzen, um ihren zunehmend kom -
auch ein immer komplexeres Zählsystem. So ent- plexer werdenden Alltag in den Städten zu bewäl-
sprechen auf einer bis heute erhaltenen Tafel tigen. Das belegen Tontafeln mit Rechentabellen
bestimmte Markierungen jeweils einem Gegen - aus jener Zeit.
stand, ein Kreis hingegen symbolisiert zehn
Einheiten. Die Nummernzeichen unterschei- ie Mesopotamier kalkulieren Marktprei-
den sich auch je nachdem, was gezählt oder ver-
messen werden soll – Tage, Getreide oder ein
Stück Land.
Mit der Zeit werden die Kalkulationen abs -
trakter, lösen sich von den Aufgaben des Alltags.
D se und Zinsen, ermitteln, wie Rampen
und Befestigungsanlagen konzipiert sein
müssen oder wie viele Leute benötigt
werden, um eine Arbeit in einer bestimmten Zeit
zu erledigen.
Ein Gelehrter, der weiß, wie man anhand der Dabei verwenden sie ein eigens entwickel-
Seitenlängen eines Grundstücks dessen Größe tes Zählsystem, das die genauen Maßeinheiten
ermittelt, kann nun auch die Fläche eines belie- festlegt, basierend auf der Zahl 60. So teilen die
bigen erdachtenRechtecks berechnen. Mathematiker des Zweistromlandes die Stunde

Ninives Bewässerungssystem speist auch die hier gezeigten Im Arm einen Steinbock, in der Hand eine Lotosblume (links):
prächtigen Gärten, die Sanheribs Palast umgeben Die Mesopotamier erforschen auch die Pflanzen- und Tierwelt

126 GEO EPOCHE Babylon


Ihre mathematischen Kenntnisse nutzen die Ingenieure des Zweistromlandes auch für Innovationen in der Kriegstechnik:
Sie konzipieren Rampen und Befestigungsanlagen, verbessern Streitwagen sowie rollende Belagerungsmaschinen (Bildmitte)

in 60 Minuten und die Minute in 60 Sekunden, die an der Mauer einer zu erobernden Stadt an -
den Kreis in 360 Grad. gelegt werden sollen, sofern man nur die Entfer-

Wissenschaft
Sie wählen die 60 wohl deshalb als Aus- nung zur Mauer und deren Höhe kennt.
gangszahl, weil sie sich durch besonders viele Mesopotamier bereits ersinnen eine Nähe -
Zahlen teilen lässt. Damit lassen sich viele der rung an jene Zahl, die hilft, die Fläche, den Um-
alltäglichen Rechengeschäfte erledigen. fang oder den Radius eines Kreises zu berech-
Und damit Kaufleute und Handwerker mit nen – und die die Hellenen viel später als „Pi“
den gleichen Gewichtseinheiten arbeiten, legen bezeichnen werden.
die Mesopotamier auch dafür eine Maßeinheit
fest, das talent, das sich aus 60 steinernen
Sie Und schließlich arbeiten sie bereits mit dem
Wissen, das dereinst als Satz des griechischen
Datteln zusammensetzt. Eine solche Dattel wiegt Naturphilosophen Thales von Milet bekannt wird:
in Babylon rund ein Pfund – das absolute Gewicht
schwankt aber je nach Region und Zeit. Eine der
berechnen Er besagt, dass ein Dreieck, dessen Grundseite
dem Durchmesser eines Kreises entspricht und
gebräuchlichsten Einheiten ist der Schekel, der dessen Spitze ebenfalls auf dem Kreis liegt, stets
60. Teil einer steinernen Dattel. sogar das rechtwinklig ist.
Glatt polierte, eiförmige Steine zeigen als Mithilfe ihrer mathematischen Kenntnisse
Mustergewichte auf Märkten, in Werkstätten und gelingt es den Mesopotamiern erstmals, den Lauf
in Läden an, ob Händler die richtige Menge ihrer Tempo der Gestirne vorauszusagen. Sie erfassen schon im
Waren abgeben. 2. Jahrtausend v. Chr. die Bewegungen der hell am
Abendhimmel leuchtenden Venus.
esopotamische Mathematiker entwi - des In astronomischen Tagebüchern notieren sie

M ckeln zudem etliche Kenntnisse, die


lange Zeit jüngeren Kulturen zuge-
schrieben wurden. So wissen Gelehrte
im Zwei stromland schon 1000 Jahre vor dem
griechischen Mathematiker Pythagoras, dass bei
Mondes
die Dauer der Sichtbarkeit des Mondes, die Pla -
netenaufgänge, den Vorbeizug von Kometen sowie
alle regelmäßigen und unregelmäßigen Himmels-
erscheinungen. Ab 747 v. Chr. zeichnen Astrono-
men systematisch und bis 75 n. Chr. durchgehend
einem Dreieck, das einen rechten Winkel besitzt, das Geschehen am Himmel auf.
die Quadrate, die man über den beiden Schenkeln Sie berechnen, welche Strecke die Sonne pro
des 90-Grad-Winkels bildet, in ihrer Fläche dem Tag zurücklegt und mit welcher Geschwindigkeit
Quadrat über der gegenüberliegenden Seite ent - sich der Mond bewegt. So können sie exakt für
sprechen. Auf diese Weise lässt sich zum Beispiel jeden Tag ermitteln, wie viel Zeit zwischen dem
berechnen, wie lang die Sturmleitern sein müssen, Auf- und dem Untergang der Sonne vergeht.

GEO EPOCHE Babylon 127


Geometrie: Forscher erkennen die Geographie: Erstmals zeigen kartogra
- Astronomie: Die Mesopotamier
Prinzipien von Kreis und Dreieck phische Werke die ganze bekannte Welt können den Lauf der Gestirne exakt
(mathematische Tafel, 1750 v. Chr.) (babylonische Weltkarte, 6. Jh. v. Chr.) voraussagen (Sternkarte, 650 v. Chr.)

Die Sternkundigen gliedern darüber hinaus Zeitgenossen –, dass Götter und Dämonen den
das Jahr nach dem Lauf des Mondes in zwölf Menschen krank machen. Das hindert sie aber
Monate und fügen nach exakter Berechnung zu - nicht daran, Kuren zu testen, etwa mit Tinktu-
sätzliche Tage ein, um mit dem etwas längeren ren aus Süßholzwurzel oder dem Speichel eines
Sonnenjahr im Einklang zu bleiben – auch wenn Bullen.
bis heute ungeklärt ist, wie ihnen diese Beobach- Auch Salben, Einläufe und Tränke sind gän-
tungen ohne optische Hilfsmittel wie etwa Fern - gige Anwendungen. So heißt es in einer babylo-
rohre oder Teleskope gelingen konnten. nischen Anleitung, dass ein Mann, der Nieren-
Die Forscher des Zweistromlandes notieren, schmerzen habe und dessen Urin erst weiß sei wie
vergleichen, berechnen: immer mit dem Ziel, Zu- der eines Esels, später dann blutig, folgender-
sammenhänge zu ermitteln, Geschehnisse vorher- maßen behandelt werden solle: Man koche zwei
sagen zu können. Mit dieser Empirie gehen sie die Schekel Myrrhe mit zwei Schekeln Harz der
ersten Schritte hin zu einer modernen Wissen - Baluhhu-Pflanze und zwei Sila-Maßen (je knapp
schaft – dem systematischen Versuch, aus Beob- Trümmer ein Liter) Essig in einem Krug, lasse dies abküh-
achtungen und Ereignissen Wissen abzuleiten. len und vermische es mit gepresstem Öl. Die eine
Hälfte werde dem Patienten mit einem Kupfer -
uch beim Heilen von Krankheiten ver- bergen rohr in die Harnröhre eingeführt, die andere über

A lassen sich die Gelehrten nicht auf ein-


malige Beobachtungen. Im 1. Jahrtausend
v. Chr. schreiben mesopotamische Ärzte
bereits Symptome auf, stellen anhand dieser
Kennzeichen fest, woran der Patient leidet, womit
das
Nacht, mit bestem Bier vermischt, stehen gelassen
und dem Patienten am folgenden Morgen auf
leeren Magen zu trinken gegeben.
Welche dieser Behandlungen tatsächlich
Wirkung haben, lässt sich heute meist nicht mehr
er behandelt werden kann und ob Hoffnung für Wissen ermitteln. Sicher werden auch der Auftritt des
ihn besteht. Vermutlich basiert dieses Wissen auf Mediziners und Beschwörungsformeln bei einigen
den Erkenntnissen vieler vorangegangener Ärzte- Krankheiten zur Heilung beigetragen haben.
generationen, die ihre Versuche und Irrtümer Allerdings helfen Vorschriften, nach denen
dokumentiert haben. die Toten einer Epidemie möglichst schnell beer-
Geisteskrankheiten, Geschwüre, Lepra, digt und die Quartiere rituell gereinigt werden
Zahnweh, Lungenentzündung, Tuberkulose oder müssen, ebenso, die Ausbreitung von Krankhei-
Blindheit: All diese Leiden versuchen die Ärzte ten zu vermeiden, wie die Wundbehandlung mit
in Babylon, Ninive und Assur systematisch zu einem Antiseptikum aus Alkohol, Honig und
ergründen und zu behandeln. Und die Erkennt - Myrrhe – oder die Sitte, dass sich Heilkundige
nisse aus ihren Beobachtungen halten Schriftkun - vor der Behandlung die Hände säubern.
dige in umfangreichen Handbüchern fest. Zwar Das Handbuch rät auch, gewisse Patienten
glauben auch die Mesopotamier – wie viele ihrer zu isolieren: etwa solche, die an Fieber leiden.

128 GEO EPOCHE Babylon


Zum vielleicht ersten Mal in der Geschichte er vielleicht auch Alpenveilchen und Rosen, Zimt,
kennen Heilkundige, dass manche Krankheiten Kurkuma und Thymian.
ansteckend sind. Ein Wissen, das später wieder Möglicherweise, so vermuten einige For
verblassen wird. scher, liegt hier, in den Palastgärten von Ninive,
der Ursprung der Legende von den „Hängenden
gnose für den Patienten. Bei dem Nierenkranken Gärten der Semiramis“, die griechische Autoren
etwa schließt die Behandlungsanweisung optimis Jahrhunderte später als eines der sieben Weltwun
tisch: „Er wird gesund werden.“ Für manch ande der der Antike beschreiben werden.
ren Patienten lautet die Voraussage allerdings
lakonisch: „So wird er sterben.“ as prächtige Ninive überdauert seinen
Zudem enthalten die Keilschrifttafeln ge
naue Anweisungen, wie ein Chirurg für den Tod
eines Patienten haftet: Misslingt etwa ein Eingriff,
für den ein größerer Schnitt in den Kopf notwen
dig war, soll dem Operateur die Hand abgeschla
D königlichen Bauherrn aber nur für zwei
Generationen. Sanherib selbst wird nur
acht Jahre nach der Vollendung des
Aquäduktes im Jahr 680 v. Chr. von einem seiner

gen werden. Nicht überliefert ist, ob eine solche lition aus Babyloniern und Medern die Stadt.
Strafe je zum Vollzug gekommen ist. Die feindlichen Krieger erobern Haus um Haus,
Wie die Mediziner setzen auch Mesopota wüten in den königlichen Palästen, töten oder
miens Bauexperten gewonnene Erkenntnisse sys verschleppen die Einwohner, plündern und zer
tematisch in die Praxis um. So legen Ingenieure LITERATURTIPPS stören die assyrische Kapitale.
Einer der größten Schätze Ninives aber ent
kanälen fest, sondern errechnen unter anderem Markham Geller geht ihnen – und wird unter den Trümmern der
auch das Gewicht von Ziegelmauern und die »Ancient Babylonian Stadt die Jahrtausende überstehen: die königliche
Lasten, die diese zu tragen vermögen. Medicine« Bibliothek.
Die Architekten von Ninive, der neuen Ka Unterhaltsame wissenschaft- In den Ruinen der Paläste des Assurbanipal
pitale des Königs Sanherib, nutzen um 700 v. Chr. liche Darstellung der und seines Großvaters Sanherib werden britische
Lehmziegel in Standardformaten, die es ihnen Heilverfahren in Mesopota- Archäologen bei Ausgrabungen im 19. Jahrhun
ermöglichen, den Materialbedarf und die Baukos mien (Wiley-Blackwell). dert mehr als 30 000 mit Keilschrift beschriebene
ten zu kalkulieren. Die Baumeister umschließen Tontafeln entdecken. Darunter Texte zur Gesetz
die Hauptstadt mit einer zwölf Kilometer langen Eleanor Robson gebung, Korrespondenzen mit den Höfen der
und 25 Meter hohen Doppel mauer, durch die »Mathematics Nachbarreiche, Finanzangelegenheiten, Lobprei
18 Tore führen. in Ancient Iraq« sungen der Götter.
Ebenfalls aus genormten Ziegeln bauen sie Preisgekröntes Werk über Aber auch: Berichte über Himmelszeichen,
den Königspalast, mehr als 80000 Quadratmeter die Ursprünge der Omen, Wahrsagungen, un zählige Listen, die bei
groß, auf einer gewaltigen Plattform von 450 mal Mathematik (Princeton spielsweise Pflanzen aufzählen oder Vokabeln
220 Metern. Als Wächter an den Eingängen University Press). verschiedener Sprachen, dazu Werke zur Medizin
thronen geflügelte Statuen mit Tierkörper und und zur Astronomie – und die epische Erzählung
Menschenkopf. Um diese monumentalen Figuren über den mesopotamischen Helden Gilgamesch,
überhaupt aufstellen zu können, braucht es das eine der frühesten Schriften der Welt literatur, die
gesamte Know how der Ingenieure. zurückreicht bis in die Zeiten der Sumerer.
Sie lassen die bis zu 50 Tonnen schweren Es ist eine unermessliche Sammlung, die
Blöcke im Steinbruch zunächst roh behauen. Assurbanipal in den 42 Jahren seiner Herrschaft
Dann hebeln Arbeiter die unfertige Statue mit hat zusammentragen lassen; getrieben von der
langen Stangen auf einen Holzschlitten. Mehrere Vision, eine Bibliothek mit dem gesamten Wissen
Seilschaften schleppen den Steinblock so in die des Zweistromlandes zu erschaffen. Eine Samm
Stadt. Bildhauer vollenden die Figuren wohl erst lung, so reich, dass Forscher noch heute an ihrer
direkt vor dem Palast. Erschließung arbeiten.
Rund um die Residenz werden weitläufige Und somit sind es nicht in erster Linie die
Gärten bewässert. Wahrscheinlich mithilfe von Ruinen der Wasserkunst des Sanherib und seines
über Brunnen aufgestellten Seilwinden wird das
Nass aus der Tiefe geschöpft und dann auf die bliothek, die davon künden, wie in Mesopotamien
höher gelegenen Ebenen der terrassenförmigen die Wissenschaft ihren Anfang nahm – und ein
Anlage verteilt. In den Gärten spenden Zypressen, Fundament legte für die weitere Entwicklung der
Maulbeerbäume und Palmen Schatten, blühen Zivilisation.
Blumen und Kräuter, heimische und exotische
Pflanzen: Wein, Granatäpfel, Lotosblumen, Dr. Marion Hombach, Jg. 1975, ist Autorin in Berlin.

GEO EPOCHE Babylon 129


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Babylon – um 570 v. Chr.

Immer im Frühling
begehen die Babylonier
ein prächtiges Neu -
jahrsfest. Für eine
Prozession am achten
Tag der Feierlichkeiten
holen Tempeldiener
die bunt bemalte
Holzstatue ihres Stadt-
gottes Marduk aus
dem Allerheiligsten
des Esangil-Tempels

132 GEO EPOCHE Babylon


Eine Stadt
trifft ihren
GOTT

Nie ist Babylon so wohlhabend und mächtig wie in


den Jahren um 570 v. Chr. Die Metropole am Euphrat ist
Mittelpunkt eines gewaltigen Reiches und die größte

Einmal im Jahr vergessen die Untertanen des Königs


Nebukadnezar II. ihren Alltag – und feiern am Neujahrsfest
den Gott, dem sie alles verdanken
Text: OLIVER FISCHER; Illustrationen exklusiv für GEOEPOCHE : TIM WEHRMANN

GEO EPOCHE Babylon 133


134 GEO EPOCHE Babylon
Vor dem Tor des Esangil-Tempels
(links) bejubeln Tausende Menschen
die Statue Marduks, die auf einem
Streitwagen dem allein voranschrei
-
tenden Nebukadnezar II. folgt.
Hinter den Gläubigen erhebt sich
der siebenstufige Turm Etemenanki;
mit wohl 90 Metern ist er eines
der höchsten Bauwerke der dama-
ligen Welt. Eine steile Treppe führt
hinauf zu einem dem Stadtgott
gewidmeten Heiligtum, das mit
blauen Ziegeln verkleidet ist

Babylon

GEO EPOCHE Babylon 135


Über eine 20 Meter breite Straße bewegt sich die Neujahrsprozession auf ein
monumentales Stadttor (im Vordergrund) zu, das der Kriegs- und Liebesgöttin Ischtar
gewidmet ist. Von dessen Zinnen aus betrachtet, wirken die Streitwagen, auf denen
sich Marduk und andere Gottheiten durch Babylon bewegen, winzig klein. Deutlich
zeichnen sich hingegen der Tempelturm Etemenanki (hinten rechts) und der Palast
des Königs Nebukadnezar (vorn rechts) im Stadtbild der Metropole ab

136 GEO EPOCHE Babylon


Babylon

GEO EPOCHE Babylon 137


Der Schöpfer des Universums wohnt in
einer dunklen Kammer mitten in der
größten Stadt. Marduk ist sein Name,
und kein Einwohner Babylons wird so
gut versorgt wie er: Viermal täglich ser
vieren Tempelbedienstete ihm Köstlich
keiten wie Gazelleneintöpfe oder mit
Honig gesüßtes Bier.
Nicht nur Berge, Flüsse, den Him
DGroß wie ein Mann sitzt er auf einem
mit Edelsteinen besetzten Streitwagen,
gezogen von Pferden.
Jubelt die Menge schon? Einzelne
tun dies vielleicht. Doch die meisten bli
cken ängstlich auf die Skulptur: Schaut
Marduk ernst? Öffnet er den Mund?
Schließt er die Augen?
Die Einwohner Babylons sind da
eigens zum Fest aus einer der Nachbar
städte angereist und hat die Nacht im
Esangil Tempel verbracht. Nabus Ge
lin Taschmetu ist ebenfalls erschienen.
Ein Prozessionszug reiht sich auf,
mit Musikern, die auf Rohrflöten und
Trommeln spielen, und Sängern, die Lo
beshymnen auf die Stadt Babylon an
stimmen. Auch Tänzer sind zu sehen,
mel und die Menschen hat dieser All von überzeugt, dass diese Statue der Gott dazu Scharen von Priestern und Statt
selbstist: ein lebendiges Wesen, das ohne haltern aus den umliegenden Städten.
lon – jene Stadt, die er sich einst am Ufer Zweifel seine Gesichtszüge verändern Ganz vorn im Zug erkennen die
des Euphrat als Wohnsitz erbauen ließ. kann. Hat es nicht jeder schon einmal Babylonier ihren König: Nebukadne
Die meiste Zeit lebt er hier abgeschirmt selbst gesehen? Oder kennt zumindest zar II. Seit mehr als 30 Jahren herrscht
im Allerheiligsten des Esangil Tempels. jemanden, der es gesehen hat? er von Babylon aus über ein Reich, das
Doch immer im Frühling, wenn die Ba Aus Marduks Miene, so glauben die sich vom Euphrat bis zum Mittelmeer
bylonier das Neujahrsfest feiern, verlässt Menschen, lassen sich Vorzeichen für das erstreckt. Mit den Steuereinnahmen und
er seine Kammer, zieht durch die Straßen neue Jahr ablesen. „Wenn Marduk seine Tributen aus seinem Imperium hat er die
und zeigt sich den Menschen. Augen geschlossen hat“ – so heißt es in Hauptstadt in den vergangenen Jahr
Eine Stadt trifft ihren Gott. einem babylonischen Verzeichnis guter zehnten prachtvoll ausbauen lassen.
Es ist der achte Tag des Festes, ir und schlechter Omen –, „werden die
gendwann um 570 v. Chr.; Tausende Menschen im Land unglücklich sein.“ angsam ziehen die Prozessions
drängen sich vor dem Tor des Esangil

pulver gerötet und sich in ihre kostbars


ten Gewänder gehüllt. Die Reichen tra
Ein ernster Blick des Gottes kün
Tempels im Stadtzentrum. Frauen und digt eine Hungersnot an. Wenn Marduks
Männer haben ihre Wangen mit Ocker Gesicht aber glänzt, stehen der Stadt und
dem Land herrliche Zeiten bevor.
Wie gut, dass zur Zeit des Neujahrs
L teilnehmer an den Zuschauern
vorbei auf die Hauptstraße
Richtung Norden. Vor ihnen
ragt der imposanteste von Nebu kadnezar
errichtete Bau auf: der Tempelturm Ete
gen Ketten und Armreife, verziert mit festes meist die Sonne scheint in Baby menanki („Haus der Fundamente von
Perlen aus Silber und Onyx. Weniger lon! Marduks Antlitz strahlt im Licht, Himmel und Erde“). Vielleicht 90 Meter
Begüterte haben sich von Bekannten als die Pferde seinen Wagen auf die hoch reckt er sich in den Himmel.
Schmuck geliehen und an die Kleider Straße ziehen. Freudenrufe brausen auf, Der Turm ist aus sieben mächtigen,
geheftet, alles zu Ehren Marduks. Menschen fallen bewegt auf die Knie. aus Ziegeln gemauerten Quadern zusam
Und da erscheint der Gott auch Neben Marduk – dem Schutzherrn mengesetzt, die sich wie bei einer Pyra
schon in der Tordurchfahrt des Esangil der Stadt und König der zahllosen baby mide nach oben hin verjüngen.
Tempels – eine bunt bemalte Holzfigur, lonischen Götter – rollen noch weitere An der Spitze ist ein weiteres Hei
die Marduk vermutlich so zeigt, wie er Himmelswesen auf Wagen aus dem ligtum für Marduk untergebracht. Gläu
auch auf Siegelbildern zu sehen ist: in Tempeltor. Unter ihnen Ischtar, die Göt bige erreichen es über eine lange, steile
Menschengestalt, mit hohem Hut und tin der Liebe und des Krieges. Und Zar Treppenrampe an der Südseite. Der Auf
brustlangem Bart, in den Händen Stab panitu, die Frau Marduks. Nabu, sein stieg ist so erschöpfend, dass auf halber
und Ring als Zeichen seiner Würde. Sohn, ist sogar (wie andere Götter auch) Höhe Ruhebänke aufgestellt sind.

138 GEO EPOCHE Babylon


Vor der Mauer, die den Tempelturm Chor aus Tausenden Stimmen jubeln: rischen Königen kontrolliert. Sie resi-
umfasst, führt die Hauptstraße einmal „Babylon ist in Freude.“ Anschließend dierten 400 Kilometer nördlich von Ba-
nach rechts, dann nach links, anschlie- verwöhnen sie ihn und die anderen Göt - bylon in Ninive, herrschten von dort über
ßend geradeaus nach Norden. Speziell ter bei Festbanketten, servieren ihnen das gesamte Zweistromland sowie über
für das Neujahrsfest hat Nebu kadnezar große Mengen feinster Speisen. Und der Syrien und Palästina bis an die Grenzen
sie zu einem 20 Meter breiten Triumph - König legt an Marduks Thron Geschen - Ägyptens. Aufstände schlugen ihre star-
weg für Marduk erweitern lassen. In ke von unermesslichem Wert nieder. ken Armeen mühelos nieder. Es war das
knapp 1000 Meter Entfernung erkennen Auch in der Stadt feiern die Men - bis dahin größte Reich in der Geschich -
die Gläubigen ein monumentales Stadt - schen. In den Tempeln verteilen Diener te der Menschheit.
tor, das in der Sonne leuchtet wie ein Fleisch an das Volk – für viele Babylonier Und doch wagte im Jahr 626 v. Chr.
Ozean – denn es ist über und über be - ist es wohl das einzige Mal im Jahr, dass ein Mann namens Nabopolassar eine
deckt mit tiefblau glasierten Ziegeln. sie so etwas genießen. An der Hauptstra- weitere Revolte. Er stammte aus Uruk im
Die besten Kunsthandwerker hat ße unterhalten Akrobaten das Publikum südlichen Zweistromland und nannte
Nebukadnezar beauftragt, um diese An- mit Kunststücken, Ringer umklammern sich „Sohn eines Niemand“. Damit woll-
lage zu schaffen, die nach der Göttin einander keuchend bei Schaukämpfen. te er wohl kaschieren, dass sein Vater ein
Ischtar benannt ist. Ausgelassen lassen die Menschen hoher Beamter im Dienst der verhassten
Hunderte fein gearbeitete, in Rei - ihren Gott und jene Stadt hochleben, die Assyrer war. Mit den Machtverhältnissen
hen untereinander angebrachte Reliefs er so sichtbar gesegnet hat: Noch nie in in Ninive war Nabopolassar jedenfalls
schmücken den Bau (siehe Seite 10). gut vertraut: Als er seinen Aufstand
Manche von ihnen zeigen Wild - anzettelte, waren die Assyrer nach
stiere, die elegant einherschreiten – einem internen Kampf um die
Symbole des Wettergottes Adad. Nachfolge eines verstorbenen Kö-
Auf anderen ist das heilige Tier nigs noch geschwächt.
Marduks zu erkennen: der Drache
Muschchuschchu, dessen Vorder-
Nebukadnezar Und so hatte Nabopolassar
rasch Erfolg: Seine Krieger, die er
läufe Löwenpranken gleichen, wäh- vermutlich unter den Unzufriede -
rend die Hinterbeine die eines macht Babylon nen in Uruk rekrutiert hatte, dran -

Babylon
Adlers sind und sein Schwanz die gen nachts in Babylon ein und ver-
Gestalt eines Skorpionstachels hat. trieben nach kurzem Straßen kampf
Staunenswert ist die Leucht - zu seiner die wohl eher kleine assyrische Gar-
kraft dieser Bilder; sie ist der kom- nison. Anschließend unterschätzte
plizierten Glasurtechnik zu verdan- der Feldherr, den der neue Herr -
ken, bei der die Handwerker Reliefs
und Ziegel mit einer Schicht aus
HAUPT- scher in Ninive zu den Abtrünni -
gen schickte, die Gefahr: Er ließ
geschmolzenem Glas überziehen. ein viel zu schwaches Heer an den
Die Prozession passiert die
48 Meter zwischen dem Haupt-
STADT Eu phrat marschieren, und so miss-
lang die Rückeroberung Babylons.
und dem Vorbau des Ischtar-Tors, Dessen Einwohner, die anfangs
schreitet über Schwellen aus Erz, zum großen Teil gezögert hatten,
vorbei an mit Bronze beschlagenen die Revolte zu unterstützen, schlos-
Toren aus Zedernholz, bewegt sich sen sich nun Nabopolassar an und
dann zu einem Kanal unweit des machten ihn zum König ihrer Stadt.
Euphrat. Dort warten schon Bootsbesat - seiner Geschichte war Babylon so mäch- Doch noch war die assyrische
zungen. Behutsam bringen Tempelbe- tig und wohlhabend wie heute. Noch nie Kriegsmaschinerie nicht besiegt. Jahre-
dienstete die Götterstatuen an Bord. standen Handel, Kunst und Medizin in lang dauerten die Kämpfe an und ver-
Auch der König und sein Gefolge solcher Blüte. Nur noch verblasste Erin- wüsteten große Teile Mesopotamiens.
besteigen ein Schiff, das mit Goldplatten nerung sind die Zeiten, in denen Meso - Erst als im Jahr 615 v. Chr. die im persi-
und Edelsteinen verziert ist, und fahren potamien ein kriegszerrissenes Land war. schen Bergland lebenden Meder eben-
den Fluss entlang zum Neujahrsfesthaus Und Babylon eine Stadt unter dem Joch falls die Assyrer atta ckierten, wankte
– einem Tempel im Norden der Stadt, in fremder Herrscher. deren Macht. Nabopolassar verbündete
dessen Innenhof Gärten blühen und sich mit den Medern, eroberte gemein -
Bäume Schatten spenden. sam mit ihnen die feindliche Hauptstadt
Drei Tage lang werden Würden- Denn es ist noch keine zwei Generatio- Ni nive und zerstörte sie.
träger und einfache Gläubige dort nun nen her, dass sich die Stadt am Euphrat Bald danach begann ein weiterer
Marduk feiern. Sie werden ihn auf einen von diesem Joch befreit hat. Mehr als Krieg, diesmal mit Ägypten. Nabopolas-
Thronstuhl setzen und dann in einem 100 Jahre lang wurde Babylon von assy- sar kämpfte gegen Pharao Necho II. um

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140 GEO EPOCHE Babylon
Bald nachdem die Neujahrsprozession das
blau glänzende Ischtar-Tor (hinten links) durchquert
hat, erreicht sie nördlich der Stadtmauer einen
Seitenkanal des Euphrat. Hier werden die Statuen
Marduks und der übrigen Götter behutsam
auf Boote verladen. Auch König Nebukadnezar
und sein Gefolge besteigen ein Schiff

Babylon

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die zuvor assyrischen Gebiete in Syrien anderem aufgrund von Angaben in
und Palästina. 605 v. Chr. trafen die Ar- Keilschrift-Texten.)
meen aufeinander, und die Babylonier Das neue Babylon sollte glanzvoll
schlugen die Ägypter vernichtend. sein, aber auch wehrhaft. Daher ordnete
Was für ein Triumph! Abgesehen der König den Bau einer mächtigen
von einigen Gebieten im Norden Meso - Mauer im Osten der Stadt an. Arbeiter
potamiens, die die Meder kontrollierten, und Kriegsgefangene setzten sie vor die
waren die Babylonier nun die Herren im schon existierenden Wälle.
Reich ihrer einstigen Unterdrücker. Neun Kilometer misst die neue An -
lage, konstruiert aus zwei Ziegelmauern,
n der Spitze jener Armee, die die 25 Meter voneinander entfernt ste-

A diesen Triumph errungen


hat, stand Nabopolassars
Sohn Nebukadnezar – ein
ehrgeiziger junger Mann, versessen dar-
auf, weitere große Taten zu vollbringen.
hen. Den Zwischenraum ließ der König
mit Erde auffüllen. Dieses Bollwerk
ist dadurch so breit, dass auf der Krone
Pferdegespanne wenden können.
Der Abstand zwischen alter und
Die Gelegenheit dazu bekam er noch neuer Mauer beträgt teils mehr als einen
im selben Jahr: Sein Vater starb, und er Kilometer. Durch diese Freifläche zieht
wurde neuer König von Babylon. sich ein 80 Meter breiter Kanal, gespeist
Zum ersten Mal seit Jahrhunderten vom Euphrat. Zudem finden sich hier
war die Stadt nun wieder Mittelpunkt Haine mit Dattelpalmen.
eines großen Reiches. Doch nach den Die Mauern schützen Viertel auf
langen Kriegsjahren waren viele Gebäude beiden Seiten des Euphrat. Der größere
vernachlässigt oder verfallen. Zwarhatte Teil der Stadt liegt am Ostufer. Hier ver-
schon Nabopolassar begonnen, einige läuft – parallel zum Fluss – die Haupt -
Tempel instand setzen zu lassen, das straße, an der der Königspalast und die
Bauprogramm seines Sohnes aber war großen Tempel zu finden sind. Den klei-
nun weitaus radikaler: Babylon sollte sich neren Westteil erreichen die Babylonier
in eine Metropole verwandeln, welche über eine gut 120 Meter lange Brücke aus
die ganze Welt staunen lässt. Holzbalken, die auf Pfeilern aus Stein
Nebukadnezar II. ließ die Haupt - und Ziegeln ruhen. Neben zahlreichen
straße und das Ischtar-Tor zu einer mo - Straßen durchziehen die Stadt auch Ka -
numentalen Kulisse für Marduks Festzug näle, auf denen die Einwohner Waren
umbauen, erneuerte den Esangil-Tempel transportieren.
und kleidete die Innenräume mit Gold Der neue Rang als Hauptstadt so -
aus. Zudem errichtete er in der Nähe des wie die Bauprojekte des Königs locken
Euphrat einen Palast mit 600 Räumen, Menschen aus allen Teilen des Reiches
dessen Dächer mit Zedernholz aus dem an. Und so ist Babylon um 570 v. Chr., 35
Libanon gedeckt wurden und in den ein Jahre nach Nebukadnezars Regierungs-
Heer von Lakaien, Boten, Köchen, Fri- antritt, auf rund 200 000 Einwohner an -
seuren und Harfenspielern einzog. gewachsen: die größte Stadt der Welt.
Und wohl westlich des Palastes, Eine vibrierende Metropole, in der
direkt am Fluss, ließ Nebukadnezar jene Kaufleute, Ärzte und Schreiber, Hand-
spektakuläre Parkanlage konstruieren, werker und Krämer ihren Alltag leben.
die als Hängende Gärten von Babylon zu ihren Lagern. Ihre Häuser sind fast alle
den sieben Weltwundern gezählt wurde. dunkel und karg. Fenster gibt es so gut
Mehrere Terrassen steigen hier direkt Wie dieses Leben aussieht, lässt sich aus wie keine, um zu verhindern, dass Staub
über dem Ufer stufenförmig auf, be- jenem Teil der Stadt rekonstruieren, den und Hitze eindringen.
pflanzt mit Bäumen, sodass sie aus der Archäologen bisher ausgegraben haben, Die meisten Bewohner Babylons
Ferne aussehen wie ein bewaldeter Berg- sowie aus den Überlieferungen der Ba- schlafen auf den Fußböden, die sie mit
hang. (Allerdings gibt es außer Berichten bylonier, die auf Tontafeln festgehalten Matten aus Schilf oder Wolle auslegen.
anti ker Autoren keine Belege für den wurden, und aus Vergleichen mit anderen Betten und weiteres Mobiliar besitzen
Standort der Gärten; sie könnten sich Orten Mesopotamiens. nur die Reichen, etwa Kaufleute und
auch im 612 v. Chr. zerstörten Ninive Die Tage in der Stadt Marduks be - Hofbeamte.
befunden haben – davon gehen zumin - ginnen stets sehr früh. Schon zu Sonnen - Die Wohlhabenden nutzen mor -
dest einige moderne Forscher aus, unter aufgang erheben sich die Menschen von gens eigene Toiletten und Bäder. Zum

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Die Boote, auf denen diebabylonischen Gottheiten vom
Anleger (hinten Mitte) zum Neujahrsfesthaus außerhalb des
Stadtzentrums gelangen, sind aufwendig geschmückt. Allein für
Marduks Gefährt verwenden die Schiffbauer des Königs
740 Edelsteine und zahlreiche Rotgoldplatten. Unter einem
Baldachin sitzt die Statue des Gottes auf einem Thron

Ihr Frühstück nehmen die Babylo ges Gebäck zu sich, das sie mit Äpfeln, Babylon
asche oder Natron, reiben ihre Körper nier, die oft in Großfamilien zusammen Trauben und Datteln füllen. Die Frauen
dann mit Zypressen und Zedernöl aus leben, vermutlich in den Innenhöfen ihrer des Hauses bereiten außerdem feines
der Levante ein. In ihren Residenzen Häuser ein. Außen liegen Wohnräume Püree aus Kichererbsen zu oder gerös
fließt das Abwasser durch Rohrleitungen und Küche, in der meist ein aus Ziegeln tete und gesalzene Linsen. Dazu trinken
zu zehn Meter tiefen Sickerschächten, gemauerter Herd steht. Dort reihen sich die Menschen Granatapfelsaft oder mit
Frischwasser schleppen Diener vom Tongefäße, gefüllt mit Wasser, Öl und Wasser verdünnten Joghurt.
Fluss oder aus Brunnen herbei. Korn. Zudem stehen in der Küche und Nach dem Frühstück brechen die
Weniger gut Gestellte waschen sich anderen Räumen kleine Götterfiguren Männer zur Arbeit auf, einige Frauen
am Fluss, tragen anschließend das billi aus Ton, die vor Unheil schützen sollen. ebenso. Die leben recht eigenständig,
gere Sesamöl auf die Haut auf; viele Zur ersten Mahlzeit des Tages neh können Besitz erwerben und verkaufen
verzichten wohl auch ganz auf Hygiene. men die Familien Brot und kuchenarti und vor Gericht als Klägerinnen auftreten

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(auch gegen den Ehemann). Zur Schule Wein aus Kilikien. An einem Kanal laden heimischen auch Aramäisch, Ägyptisch,
aber gehen wohl nur Jungen – und zwar Töpfer Krüge und Schalen in Boote, Griechisch, Persisch und Elamisch.
die reicher Eltern. Die meisten anderen bringen sie über die Wasserwege zu Kun- Von überallher ziehen Menschen in
beginnen früh, ein Handwerk zu lernen. den in anderen Stadtteilen. diese Metropole, um als Söldner, Schrei-
Zuweilen sind auf den Straßen Ba - ner oder Schiffszimmerer zu arbeiten.
bylons auch Männer zu sehen, die ange- Einwanderer aus Ägypten betätigen sich
Gleichgültig, in welchem Stadtteil ein spannt auf den Boden blicken: Es sind oft als Sänger und Traumdeuter.
Babylonier am Morgen sein Haus ver- Ärzte, unterwegs zu einem Patienten. Gelegentlich mischen sich hebräi-
lässt: Fast immer tritt er hinaus auf eine Die Heilkunst der Mesopotamier sche Ausdrücke in die Wortwechsel.
Straße, in der sich ein- und zweistöckige ist eng mit der Magie verwoben. Daher Tausende Juden leben in Babylon, wenn
Häuser aneinanderreihen – erbaut mit achten Mediziner schon beim Gang zum auch nicht freiwillig: Der König hat sie
Ziegeln aus Lehm, jenem Stoff, der im Kranken auf Vorzeichen, die eine Pro- hierher verschleppen lassen.
Schwemmland vor der Stadt reichlich zu gnose über seinen Zustand geben könn - Nach Nebukadnezars Sieg über die
finden ist. Damit die Straßenfluchten ten. Eine aufrecht stehende Tonscherbe Ägypter im Jahr 605 v. Chr. hatte sich der
nicht eintönig wirken, stehen die Häuser am Straßenrand etwa bedeutet, dass die König von Juda ihm zunächst als Vasall
oftmals ein wenig versetzt zueinander. Lage des Patienten so verzweifelt ist, dass unterworfen, doch in den folgenden Jah-
Manche Fassade zieren zudem zur Auf- man sich ihm gar nicht erst nähern sollte. ren versuchten die Judäer zweimal, sich
lockerung Rillen, Nischen oder vorste- Doch beherrschen die Ärzte auch von den Fremdherrschern zu befreien.
hende Pfeiler. anspruchsvolle chirurgische Techniken: Beide Male rückte Nebukadnezar mit
Tausende Menschen laufen morgens Mit Skalpellen und Spateln aus Tierkno - seiner Armee nach Jerusalem aus und er-
an solchen Häusern vorbei durch oberte die Stadt. Er ließ rund 10 000
die Stadt: über Straßen, die – abseits Mitglieder der Oberschicht – Groß -
des Zentrums – häufig ungepflastert grundbesitzer, Offiziere, Priester –
sind, staubig im Sommer, ver- nach Babylon abführen. Zudem
schlammt im Winter. Zudem liegen zerstörte er 587 v. Chr. ganz Jerusa-
auf den Wegen oft große Mengen lem und den Tempel Salomons, das
Tonscherben und Abfall.
Weberinnen und Spinnerin -
Es soll höchste Heiligtum der Juden.
Schon häufig haben die Herr -
nen begeben sich zu Textilwerk- scher des Zweistrom landes Men-
stätten. Mit Spindeln und an Web - den schen aus eroberten Ländern de -
stühlen stellen sie aus Flachs und portiert, um die Unterworfenen von
Schafwolle Stoffe her und verzieren Rebellionen abzuschrecken oder
sie zuweilen mit Stickereien und
Bordüren. Kaufleute bringen die
GÖTTERN die Führungsschicht vom Volk ab-
zusondern. Einen Großteil der
Textilien mit Karawanen und Juden haben die babylonischen
Booten in Nachbarländer und ver - an nichts Beamten in verlassenen Dörfern
kaufen sie mit Gewinn. angesiedelt, wo sie als Pächter des
Jeden Morgen machen sich Königs nun kleine Stücke Land
auch die Schreiber auf den Weg zu mangeln bestellen. Andere arbeiten auf
ihren Arbeitsplätzen, die im Kö- Großbaustellen in Babylon.
nigspalast liegen. Es sind hochge- Die Juden sind aber keine
bildete Männer, jahrelang haben sie Gefangenen oder Sklaven, sondern
in Schulen die Keilschrift studiert, werden meist so behandelt wie die
zudem Kenntnisse in Jura, Buch- Einheimischen. Sie dürfen weiter
haltung und Literatur er worben. In zu ihrem Gott Jahwe beten und
den Büros der königlichen Verwaltung chen können sie Schädel und Brustkörbe leben in ihren Siedlungen unter Leitung
drücken sie nun mit Griffeln aus Schilf- öffnen, etwa um Blut und Eiter abfließen von Ältesten zusammen.
rohr Vertragstexte in feuchte Tontafeln, zu lassen. Vor solchen Eingriffen reichen Doch während sich andere Fremde
führen Steuerlisten. sie den Kranken vermutlich Alkohol zur im Laufe der Jahre mit den Babyloniern
Besonders tüchtige Schreiber macht Betäubung. vermischen, in deren Familien einheira-
der König zu seinen Beratern, und wäh- Bis zum frühen Nachmittag, wenn ten und anfangen, Marduk und weitere
rend der Neujahrsprozession dürfen sie die Hitze unerträglich wird, schieben Götter zu verehren, bewahren die Juden
in seinem Gefolge mitlaufen. sich Menschen durch die Stadt, ist an ihre Identität – dank einer Reihe von
Während die Sonne höher steigt, den Kais, am Ischtar-Tor und vor den Ritualen, die sie überhaupt erst im Zwei-
klopfen Krämer an die Türen der Häuser Tempeln ein Gewirr von Sprachen zu stromland entwickeln: Erst hier, im „Ba-
der Reichen, bieten Spezialitäten an wie hören – neben dem Akkadisch der Ein - bylonischen Exil“, kommt der Brauch

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DIE METROPOLE AM EUPHRAT

nal werfen. Wer durch die Höfe läuft, be-


Ka
merkt Altäre, auf denen silberne Gefäße
r
aue Schamasch- mit brennendem Weihrauch stehen. Sieht
tadtm Tempel
eS zwischen den aufsteigenden Schwaden
ßer

Euph
Ä u Ninurta-Tempel
Esangil Schafsbeine oder tote Tauben, außerdem

rat
(Marduk-Tempel) Gefäße voller Gerste, Wein und Bier –
l
Kana
alles Opfergaben, welche die Gläubigen
Etemenanki
(Großer Turm) hier Tag für Tag abgeben.
Um die Höfe reihen sich Wirt -
schaftsräume, in denen Tempelangestell-
Inne

te und Sklaven die Gaben weiterver-


re

Südburg
arbeiten: Sie machen in Brauereien aus
Stad

Westliches Vorwerk
Ninmach-Tempel Gerste Bier, lösen in Metzgereien Fleisch
tmau

Ischtar-Tor Hauptburg Nord von Knochen, bereiten daraus in Küchen


er

die beliebten Eintöpfe zu. Auch Back-


Nordburg
stuben, Magazine und Büros liegen hier.
Neujahrsfesthaus Und schließlich die Wohnstatt des
0 600 m (Lage nicht gesichert)
Tempel
Gottes, das Allerheiligste: ein fenster-
GEOEPOCHE-Karte Palastbezirk
loser Raum. Vom Eingang blickt man
direkt auf eine Nische in der Rückwand.
Babylons Zentrum mit den wichtigsten Heiligtümern wird durch eine eigene Darin ein Podest, auf dem die Götter -
Mauer geschützt. Im Norden der Stadt liegt das Ischtar-Tor, durch das die figur steht – und damit nach babyloni -
alljährliche Prozession mit der Statue Marduks zum Neujahrsfesthaus gelangt schem Glauben der Gott selbst.
Nur Priestern und ausgewählten
Personen ist es erlaubt, dieses Gemach
zu betreten. Viermal am Tag kommen sie
singend und betend hierher, servieren der

Babylon
Statue auf Tabletts die Köstlichkeiten,
auf, neugeborenen Jungen die Vorhaut zu Noahs – und forderten so Jahwe heraus. die die Tempelköche bereitet haben.
entfernen, als Zeichen der Treue zu Jahwe. Der erkannte, was sie vereint zustande Die Priester und ihre Helfer ver -
Und erst hier fangen die Juden an, am bringen könnten: „Ein Volk sind sie und sehen diesen Dienst mit größter Gewis -
siebten Tag der Woche in ihren Familien haben alle die gleiche Sprache“, meinte senhaftigkeit. Denn die Versorgung der
einen Gottesdienst zu feiern und sich so er. „Fortan wird ihnen nichts mehr uner- Götter mit Essen ist die vornehmste
von den Babyloniern abzugrenzen, die reichbar sein, was sie sich vornehmen.“ Pflicht des Menschen. Allein aus diesem
wöchentliche Feiertage nicht kennen. Also stiftete Jahwe Verwirrung un- Grund hat Marduk ihn einst erschaffen,
Die meisten Juden halten am Glau - ter den Menschen, ließ sie statt in einer so erzählt es ein Mythos: Die Götter, die
ben ihrer Vorfahren fest. Dennoch muss nun in vielen Sprachen reden, dass keiner bis dahin selbst in harter Arbeit Äcker
es ihnen oft vorkommen, als sei Jahwe mehr den anderen verstand. Daher blieb fruchtbar gemacht hatten, wollten sich auf
schwach und machtlos, etwa wenn sie laut der Bibel der Turm zu Babel unvoll- diese Weise von solcher Mühsal befreien.
an Neujahr den Zug der Götter statuen endet – anders als der reale Etemenanki. Damit es den Göttern nie an Spei -
sehen, die laut dem Propheten Jeremia sen mangelt, hat der König den Tempeln
nur „Vogelscheuchen im Gurkenfeld“ n Babylon lässt sich der Turm nicht gewaltige Ländereien übertragen, die
sind – und doch von den Massen tosend
gefeiert werden. Oder wenn sie an den
prächtigen Kultstätten vorbeikommen, in
denen die Einheimischen beten.
Im gewaltigsten dieser Bauwerke,
I übersehen, genauso wenig wie die
anderen Monumente der Stadt:
etwa die Tempel für Ninurta, den
Gott des Ackerbaus, für den Sonnengott
Schamasch und für die Muttergöttin
meist Pächter bewirtschaften.
Zudem müssen alle Babylonier ein
Zehntel ihrer Einkünfte an einen Tempel
in ihrer Nähe abtreten. Die meisten zah -
len in Naturalien wie Datteln oder Gers -
dem Etemenanki-Turm, sehen die Juden Ninmach. Mindestens 35 dieser Kult- te. Vermögende Kaufleute begleichen
offenbar ein Symbol der Gotteslästerung. bauten gibt es in der Metropole. ihren Anteil oft mit Silberstangen, die
Davon zeugt jene Geschichte, welche Bitu, Haus, heißen die Tempel auf sie als Zahlungsmittel nutzen (da Münz -
das biblische Buch Genesis um die Ent - Akkadisch. Und tatsächlich sind sie auf- geld noch nicht verbreitet ist, rechnen
stehung des Monuments webt. gebaut wie Wohnhäuser, nur viel größer. die Menschen Käufe und Verkäufe oft
„Lasst uns eine Stadt und einen Durch Tore gelangen die Gläubigen mit standardisierten Mengen Silber ab;
Turm bauen, dessen Spitze bis an den in einen oder mehrere weite Innenhöfe. ein Schekel etwa sind 8,4 Gramm des
Himmel reiche“, sagten laut Altem Am Eingang stehen oft Kästen, in die Edelmetalls, eine Mine ein Pfund). Die
Testament einstmals die Nachkommen Wohlhabende Silberstücke als Spende Tempel haben auf diese Weise große

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Babylon

Nach einer kurzen Fahrt auf dem


Euphrat kommen die Boote mit den
Götterstatuen am Neujahrsfesthaus
an, einem gewaltigen Tempel, des-
sen Lage nicht genau bekannt ist.
Drei Tage lang huldigen hier Priester
und einfache Gläubige Marduk.
Währenddessen gehen die Festlich -
keiten auch in der Stadt weiter

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Reichtü mer angesammelt. Um nicht die Hei ligtum in diesen Stunden für die hat deine Herrschaft groß gemacht.“ Nun
Über sicht zu verlieren, beschäftigen Gläubigen gesperrt, und vermutlich tritt gibt er dem König die Insignien zurück.
manche Kultstätten eigene Grundstücks - der König allein in einen der Innenhöfe. Als der Herrscher wieder mit Kro-
verwalter und gut 20 Schreiber. Mitarbeiter des Tempels reichen ne und Zepter angetan dasteht, ohrfeigt
Die Gotteshäuser sind neben dem ihm eine Wasserschale, in der er sich der Priester ihn ein weiteres Mal. Weint
Königshof die wichtigste Wirtschafts- die Hände wäscht. Dann erscheint der Nebukadnezar jetzt, bedeutet das, dass
macht im Reich – und mehren ihr Oberpriester und führt ihn in einen Marduk ihm sehr zugewandt ist. Wenn
Vermögen, indem sie an die Babylonier Raum, der Marduks Sohn Nabu geweiht nicht, zürnt ihm der Gott. (Freilich wird
Silber verleihen. Die Zinsen sind enorm: ist. Hier nimmt er dem Monarchen seine der Priester seine Schläge stets so dosie-
20 Prozent zahlt ein Beamter, der ren, dass sicher Tränen fließen.)
ein Haus kaufen will, oder ein Bau- Dieses Ritual ist beispiellos.
er, der einen Pflugochsen braucht. Wohl nirgendwo sonst muss ein
Es sind sehr weltliche Ge- Herrscher eine derart herabwür -
schäfte, die die Verwalter der Tem- digende Behandlung über sich
pel hier treiben – und doch geht ergehen lassen. Über den Sinn
die Verbindung zur Religion nicht Elf Tage haben Forscher lange gestritten.
ganz verloren: Zurückzahlen müs- Am wahrscheinlichsten ist, dass es
sen die Schuldner ihre Darlehen dem König verdeutlichen soll: Er
immer im Frühjahr, wenn auf den lang verdankt sein Amt allein Marduk.
Feldern die Ernte eingebracht wird Daher muss er seine Insignien
und die Babylonier ihr höchstes abgeben und sein Amt symbolisch
Fest begehen: die Neujahrsfeier zu
Ehren Marduks.
FEIERN niederlegen. Daher muss er dann
vor Marduk treten, ihm Rechen -
schaft abliefern und versichern, dass
die er im vorangegangenen Jahr nichts
Die Zeremonie beginnt stets zur Unrechtes getan hat. Erst jetzt gibt
Zeit der Tag-und-Nacht-Gleiche der Priester ihm Krone und Zepter
im Frühling. Doch man muss kein Babylonier zurück, setzt ihn damit erneut als
Astronom sein, um das Heran - König von Babylon ein.
nahen des Festes zu bemerken: Zudem ist diese Zeremonie
Schon Tage zuvor sind in Babylon – wie viele andere Elemente des
Hirten zu sehen, die Herden von Festes – verknüpft mit einem um
Opfer tieren in die Tempel treiben. 1000 v. Chr. aufgeschriebenen
An der Hauptstraße beginnen Arbeiter, Würdezeichen ab – Krone, Zepter, Keu- Mythos. Er berichtet, wie Marduk einst
die Pflasterplatten aus Kalkstein und fein le und Seil –, trägt sie ins Allerheiligste. das Universum erschaffen hat.
geädertem Breccia zu putzen. Und im Als er zurückkehrt, wagt er etwas, Keine Geschichte ist für die Baby-
Tempel des Esangil polieren Bedienstete wofür wohl jeder Untertan augenblick- lonier wichtiger. Denn sie deutet ihnen
die bunte Statue Marduks, machen sie lich mit dem Tode bestraft würde: Er ihre eigene Existenz, die ihrer Stadt und
bereit für die Prozession. hebt die Hand und schlägt dem Herr - der Welt. Der Mythos erzählt von einem
Überwältigend ist die Vielzahl der scher ins Gesicht. Dann zieht er ihn an Kampf zwischen den Göttern – ausgelöst
Zeremonien, die in den elf Festtagen be- den Ohren, zerrt ihn hinüber ins Aller - von der Urgöttin Tiamtu, die die Gestalt
gangen werden: Bußrituale und zeremo- heiligste und zwingt ihn, sich vor Mar- des Meeres hat, und ihrem Gemahl
nielle Waschungen, Gebete, Umzüge und duks Statue auf den Boden zu kauern. Apsu. Die beiden fühlen sich vom Lärm
Festmahlzeiten. Bei einigen dieser Feiern „Ich habe nicht gesündigt, oh Herr ihrer zahlreichen Nachkommen so ge-
ist das Volk anwesend, viele andere wer- aller Länder“, muss Nebukadnezar nun stört, dass Apsu beschließt, sie zu töten.
den im Verborgenen begangen. beteuern – so legen es die auf Tontafeln Doch einer der jungen Götter
Und ein Ritus ist so unerhört, dass überlieferten Vorschriften des Neujahrs- kommt Apsu zuvor, ermordet ihn. Tiam-
sich die Babylonier vermutlich nur mit rituals fest. „Ich war nicht nachlässig tu will den Tod ihres Mannes rächen,
gesenkter Stimme davon erzählen: Ihr deiner Göttlichkeit gegenüber. Ich habe schafft elf Ungeheuer für den Kampf.
König, jener Mann, der Babylon groß Babylon nicht zugrunde gerichtet. Ich Die jüngeren Götter versuchen
und prächtig gemacht hat, muss sich da- habe die Bürger nicht ins Gesicht ge - daraufhin, sie mit Beschwörungen von
bei vom Oberpriester wie ein ungehor- schlagen, sie nicht gedemütigt.“ ihrem Plan abzubringen, scheitern aber.
samer Schuljunge behandeln lassen. Nach kurzer Pause spricht der Schließlich erklärt sich Marduk bereit,
Stets am Nachmittag des fünften Oberpriester: „Fürchte dich nicht. Bel“ gegen die Urmutter zu kämpfen – unter
Festtages begibt sich Nebukadnezar II. – das ist einer der Titel Marduks und der Bedingung, dass die anderen Götter
zum Esangil-Tempel. Gewiss ist das bedeutet „Herr“ – „erhört dein Gebet. Er ihn zu ihrem König machen. Er zieht

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aus, und tatsächlich gelingt es ihm, ten. Wohl deshalb ist ein Sitzplatz mit nezar II. im Jahr 562 v. Chr. nach mehr
Tiamtu zu vernichten. Ihren toten Leib roter Wolle bedeckt – als Symbol für das als 40 Jahren Regentschaft stirbt, beginnt
bricht er „wie einen Dörrfisch entzwei“, Blut der getöteten Göttin. der Niedergang. Rasch wechseln sich in
formt daraus Himmel und Erde. Marduks Statue sitzt auf einem den folgenden Jahren die Herrscher ab.
Bald darauf erschafft er den Men Thron, umgeben von den anderen Göt
schen als Diener der Götter – wofür die tern, als am Abend Tempelbedienstete
anderen so dankbar sind, dass sie ihm hereinkommen und das Essen servieren. Sechs Jahre nach Nebukadnezars Tod
Babylon als Wohnsitz erbauen. Dort fei Hunderte Stücke Fleisch stellen sie vor gelangt in Babylon ein Mann namens
ern sie dann ein großes Fest, bei dem sie den Standbildern ab: Hammel, Hirsch Nabonid aus dem Norden des Reiches
Marduk als ihrem König huldigen. und Zicklein. Dazu Fische, Vögel und an die Macht. Er vernachlässigt Marduk,
Viele Riten der Neujahrsfeier spie Mehlspeisen, außerdem Wein und Bier fördert lieber die Verehrung eines Mond
len auf diesen Mythos an – etwa wenn in großen Mengen. Da die Skulpturen die gottes aus seiner Heimatstadt.
Speisen nicht wirklich zu sich nehmen, Bald fallen auch die Neujahrsfeste
kadnezar Krone und Zepter zurückgibt werden diese Köstlichkeiten an den Kö aus, denn Nabonid residiert (aus heute
und so Marduks Erhebung zum König nig und seine Begleiter weitergegeben, die nicht mehr bekannten Gründen) zehn
der Götter nachvollzieht. in einem der angrenzenden Räume feiern. Jahre lang in einer arabischen Oase, 1000
Und Marduks Auszug in den Kampf Daneben verteilen Diener die Speisen an Kilometer von Babylon entfernt – die
gegen Tiamtu versinnbildlicht die große Gläubige, die sich im Innenhof und vor Feiern aber können nur stattfinden, wenn
Prozession am achten Tag, wenn die Sta der Tempelmauer versammelt haben. der König in der Stadt ist.
tue des Gottes an der Spitze eines langen Mehrere Abende lang dauern diese Priester und Volk sind darüber
Zuges die Stadt durch das Ischtar Tor Festbankette für Götter und Menschen höchst aufgebracht, wenden sich von
verlässt, auf einem Boot den Euphrat ihrem Herrscher ab. Als der Perserkönig
hinauffährt und schließlich das Neu nezar erlesene Geschenke vor Marduks Kyros II. im Jahr 539 v. Chr. beginnt,
jahrsfesthaus erreicht. Thron: Gold, Silber, Salböl und Wein. Mesopotamien zu erobern, überlassen die
Tags darauf fährt die Festgemeinde Babylonier ihm kampflos ihre Stadt –
ls das Boot an der Anlege mit Marduk wieder zurück nach Baby auch weil Kyros sich vermutlich ge

A stelle festmacht, wartet dort


schon eine große Menge.
Einige Menschen sind von
Babylon herübergelaufen, andere kom
men aus den Dörfern des
lon. Die Passagiere auf den Booten sehen
noch einmal die ganze Pracht dieser

kadnezar so glanzvoll erneuern ließ:


die gewaltigen Mauern,
schickt als Verehrer Marduks präsentiert
hat. (Nach seinem Machtantritt wird er
den Babyloniern ihr Neujahrsfest lassen.)
Damit ist das Reich, das Nebukad
nezar und sein Vater geschaffen haben,
Umlands. Die Gläubigen denhimmel stürmenden nach kurzer Blüte wieder untergegangen.
jubeln, als die Statuen Etemenanki Turm und die Zugleich endet die Epoche der
Marduks und der anderen üppigen Gärten und Plan Eigenständigkeit des Zweistromlandes,
Götter an Land gebracht LITERATURTIPPS tagen, die sich am Ufer das zwei Jahrtausende lang große Reiche
worden. Manche heben ausbreiten. hervorgebracht hat: das von Akkad und
ihre Kinder hoch, halten Joachim Marzahn, Durch das blau glän
sie in Richtung der Figu Günther Schauerte (Hg.) zende Isch tar Tor zieht lonier und Assyrer. In diesen Reichen
ren – damit göttlicher Se »Babylon – Wahrheit« die Prozession wieder in haben Menschen erstmals begonnen,
gen auf sie überspringe. Großartiger Katalogband mit Babylon ein. Die Götter Schriftzeichen in Ton zu setzen. Hier
Götter und Priester, Aufsätzen über Alltag, Religion, wagen rollen die Haupt ordneten königliche Beamte die ersten
König und Hofstaat zie Wirtschaft und Wissenschaft straße hinab, biegen in den Gesetzessammlungen, kamen Medizin,
hen über eine Zedernallee in Babylon (Hirmer). Hof des Esangil Tempels Mathematik und Astronomie zu einer
in den Innenhof des Fest ein. Tempeldiener brin frühen Blüte. Mehr als 1000 Jahre wer
hauses. Helfer tragen erst Julye Bidmead gen Mar duk zurück in die den vergehen, bis das Zweistromland
Marduk, dann die anderen Nische im Allerheiligsten unter der Herrschaft der Abbasiden Ka
Götter ins Allerheiligste. Sehr lesenswerte Monografie und setzen ihn vorsichtig lifen von Bagdad wieder Mittelpunkt
Es ist ein ungewöhn über das babylonische auf dem Podest ab. Nach eines Imperiums sein wird.
lich großer Raum, denn er Neujahrsfest (Gorgias Press). den langen, turbu lenten Jetzt aber herrschen erst einmal die
muss Platz bieten für min Festtagen muss er nun, so Perser in Mesopotamien. Und Kyros, der
destens ein halbes Dut heißt es in einem Hym Eroberer, deutet die Veränderungen so:
zend Statuen – und für das nus, erst einmal ausruhen. Marduk hat sich für Babylon, seine Stadt,
wohl üppigste Bankett im Noch einige Jahre einen anderen König erwählt.
ganzen Reich. Es soll an das Festessen lang richtet der König diese prächtigen
erinnern, mit dem die Götter Marduk Neujahrsfeste aus, dauert die Blüte von Oliver Fischer, Jg. 1970, ist Autor in
einst nach dem Sieg über Tiamtu feier Stadt und Reich an. Doch als Nebukad Hamburg.

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Zerstörung

GESPRENGT,
GERAUBT, VERKA
Im Zweistromland herrschen heute weithin Krieg und Chaos, mit dramatischen
Folgen für die archäologischen Stätten. Der Altorientalist Walter Sommerfeld
über die systematische Zerstörung von Monumenten und den Handel mit
mesopotamischen Artefakten, die auch in Europa Abnehmer finden

GEO EPOCHE : Herr Professor Sommerfeld, wie steht Antikenhandel. Die hat der IS systematisch
es um die jahrtausendealten Altertümer im in seinem gesamten Herrschaftsgebiet durch -
Zweistromland? geführt. Aber auch die anderen Bürgerkriegs-
WALTER SOMMERFELD:Sehr schlecht – zum Bei- parteien in Syrien und die Regierungstruppen
spiel in Nimrud, dem alten Kalchu. Die jahr- bedienen sich an dem kulturellen Erbe.
tausendealte Stadt war eines der archäologi-
schen Glanzstücke aus dem Alten Orient: eine Wie läuft der Handel ab?
der prachtvollsten assyrischen Metropolen, Statuetten, Tontafeln, Rollsiegel werden außer
mit einem völlig unberührten Königinnen- Landes geschmuggelt, nach Kurdistan, in die
grab. 2015 haben die Kämpfer des sogenannten PROFESSOR Türkei und die Arabischen Emirate. Dort über -
„Islamischen Staats“ die Monumente systema- WALTER nehmen Händler, die ihre weltweiten Ver-
tisch zerstört – mit Fassbomben gesprengt, mit SOMMERFELD triebsnetze über Jahrzehnte aufgebaut haben.
Bulldozernaus einandergerissen. war mehr als 50-mal im
Irak und hat viele Wer sind die Käufer?
Warum dieser Hass? der heute zerstörten Sammler in Europa, den USA, Israel. Und in-
Der IS sagt: „Die Mesopotamier waren Anhän - Stätten besucht zwischen zunehmend auch reiche Araber aus
ger heidnischer Götter, und wir rotten jede Art Golfstaaten. Sie legen die Fundstücke in ihre
von Polytheismus aus – egal ob in der Gegen- Tresore – als Kapitalanlage – und warten ab, bis
wart oder in der Vergangenheit.“ Niemand der Nachschub an mesopotamischen Antiqui -
sonst in der islamischen Welt sieht das so. Der täten versiegt und sich der Wert enorm steigert.
Koran weist immer wieder auf die Überreste Terroristen des »Islami- Aber auch Museen haben sich früher an dem
untergegangener Reiche und Städte hin: als schen Staates« haben Handel beteiligt, besonders in den USA.
Warnung für Menschen, die kein gottgefälliges zahlreiche Monumente
Leben führen. Nirgendwo steht, dass man sie vernichtet, hier ein Ist der Verkauf nicht verboten?
zerstören soll. Relief in der Ruinen- Mittlerweile ja. Aber im Westen waren die
stadt Nimrud Märkte für gestohlene Antiqui -
Welche Schäden hat der IS noch täten jahrelang legal. Inzwischen
angerichtet? gibt es dagegen internationale
Die Öffentlichkeit hat viele Konventionen der UNESCO
Zerstörungen kaum regis - sowie Schutzgesetze. Der Han-
triert – nämlich die Raub - del wird so in den Untergrund
grabungen für den illegalen abgedrängt, der Ablauf dadurch
immer unüberschaubarer. Aber

150 GEO EPOCHE Babylon


es geht eben um riesige Sum
men: Für eine Löwen statue,
die 1930 im Zweistrom land logen war der Deutsche Robert
ausgegraben wurde, hat ein Koldewey. Seinetwegen steht
anonymer Privatkäufer vor das Ischtar Tor von Babylon
ein paar Jahren 57 Millionen heute im Berliner Pergamon
Dollar gezahlt. museum.
Der IS zerstörte nicht Wer das Tor sieht, denkt:
Welche Rolle spielt Deutschland? nur jahrtausendealte Koldewey hat es so in Babylon abtransportiert
Unser Land war leider immer ein Eldorado Städte wie Nimrud (o.), und in Berlin wiederaufgebaut. Die wenigs
für den Handel mit gestohlenen Antiquitäten. sondern organisierte ten Besucher wissen, dass er 500000 Einzel
auch systematische teile in Hunderten Kisten mitbrachte. Und dass
gungen unternommen, ihn zu unterbinden. Raubgrabungen 30 Arbeiter mehrere Jahre lang aus diesen
Bis dahin konnten solche Objekte ganz legal Bruchstücken das Tor wieder zusammengesetzt
oder zumindest weitgehend unbehindert ver haben. Das war ein gigantisches Puzzlespiel.
kauft werden. Ohne diesen enormen Aufwand gäbe es das
Ischtar Tor heute überhaupt nicht.
Das Erbe des Zweistromlandes leidet aber nicht
erst seit dem Aufstieg des „Islamischen Staats“. Aber gehört das Tor nicht ins Nationalmuseum
Nein. Schon die von den USA angeführte In von Bagdad?
vasion im Irak 2003 hat durch die Untätigkeit Die Funde aus dem Zweistromland sind Ei
der Amerikaner das Land den Raubgräbern gentum der dortigen Staaten – aber eben auch
preisgegeben. Die dadurch entstandenen Schä Weltkulturerbe. Ich könnte gut damit leben,
den gehören zu den schlimmsten in der Welt dass westliche Museen alle Objekte an die Ur
geschichte. Sie sind viel schlimmer als alles, was sprungsländer zurückgeben: wenn die in Bag
der IS angerichtet hat – weil sie den ganzen dad dann genauso zugänglich für internatio
Irak betreffen, ein weitaus größeres Gebiet. Die nale Wissenschaftler wären wie jetzt in Berlin,
US Truppen haben außerdem auf den Ruinen Paris oder London. Das ist aber nicht in Sicht.
Babylons ein Militärlager aufgebaut und dort
einen Hubschrauberlandeplatz angelegt. Das Wie groß ist der Verlust für die Forschung durch
sollte zwar auch dem Schutz der Anlagen die die Plünderungen?
nen, hat aber die archäologische Substanz des Er ist unermesslich und unersetzlich. Wenn
Ortes stark beschädigt. jahrtausendealte Städte dem Erdboden gleich
»Auch gemacht werden, ist eine unendliche Fülle von
Angeblich gab es bereits vor dem Einmarsch der Museen haben Informationen, Dokumenten, Architektur ein
westlichen Truppen konkrete Bestellungen von fach weg. Und wir wissen nicht, ob es Tausende
Sammlern antiker Objekte.
sich in der oder Hunderttausende Objekte sind, die aus
Das haben mir irakische Kollegen nachdrück Vergangenheit dem Boden geholt wurden und in privaten
lich so versichert. Im Nationalmuseum in am Handel mit Sammlungen verschwunden sind. Allein in
Bagdad kam es nach der Invasion 2003 nicht Syrien sind etwa 1500 antike Stätten durch
nur zu planlosen Plünderungen, sondern es gestohlenen illegale Grabungen beschädigt oder auch ganz
wurden auch bestimmte Objekte ganz gezielt Antiquitäten zerstört worden. Und Satellitenaufnahmen
mitgenommen – wahrscheinlich als Beute gut zeigen, dass viele Quadratkilometer Fläche
vorbereiteter Auftragsdiebe.
beteiligt« im Irak jetzt von Raublöchern durchzogene
Walter Sommerfeld Mond landschaftensind.
Wo aber liegt für Sie der Unterschied zwischen
den heutigen Raubgräbern und jenen europäi Was sagen Sie Leuten, die meinen: Im Angesicht
schen Forschern des 19. Jahrhunderts, die viele von Krieg und Terror gibt es Wichtigeres, als ein
Schätze, die sie bei Grabungen fanden, außer paar uralte Statuen und Tontafeln zu bewahren?
Landes brachten? Dieser Gegensatz gefällt mir nicht. Natürlich
Diese Forscher besorgten sich seinerzeit meist ist der Schutz von Menschen entscheidend.
offizielle Lizenzen von der damaligen osmani Aber zum Menschsein gehört eben auch die
schen Regierung in Istanbul: Sie beachteten Kultur, das Interesse an der Vergangenheit.
also internationales Recht, die Funde wurden
dann geteilt. Heute würde man so ein Vorge Das Interview führten der Textredakteur Samuel Rieth
hen natürlich ganz anders bewerten. und die Fachberaterin Annika Cöster-Gilbert.

GEO EPOCHE Babylon 151


Daten und Fakten

Die Geschichte Mesopotamiens


Über Jahrtausende prägen die Hochkulturen zwischen Euphrat und Tigris die
Menschheitsgeschichte. Die Mesopotamier errichten die ersten Metropolen und Großreiche
der Welt, sie fördern Kultur, Handel und Wissenschaften. Bis 539 v. Chr. eine fremde
Macht die Region erobert ——— Text: ANDREAS SEDLMAIR, aKrten: STEFANIE PETERS

AKK A D : D A S E RS TE IM P E RIU M D E R G E SC H IC H TE
2290 v. Chr.
Die Anfänge der
Kaspisches
Zivilisation e b irg
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VON DER NEO- us
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Karkemisch
REVOLUTION BIS REICH
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ZUR ENTSTEHUNG VON AKKAD


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Mesopotamien (griechisch s Akkad bi


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des heutigen Irak liegende
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Gebiet um die zum Teil Ur rs isc
fast parallel verlaufenden he
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Flüsse Euphrat und Tigris, olf
die vom Taurusgebirge zum Reich von Akkad unter Sargon um 2290 v. Chr.
nachgewiesene maximale Größe vermutete maximale Größe
Persischen Golf fließen.
Akkad: vermutete Lage
Um das Jahr 9000 v.
Quellen der Karten S.152–159: Der Große Ploetz, Die Enzyklopädie der Weltgeschichte, 0 300 km
Chr. ändert sich im Norden Vandenhoeck & Ruprecht; Tübinger Atlas des Vorderen Orients, Dr. Ludwig Reichert
Verlag; Der Neue Pauly, Historischer Atlas der antiken Welt, J. B. Metzler Verlag u. a. GEOEPOCHE-Karte
dieser Region – wie kurz
zuvor auch in Anatolien –
die Lebensweise der Be Nach dem Aufstieg von Siedlungen wie Uruk, Nippur und Ur dominieren um
wohner: Statt wie zuvor als 2500 v. Chr. Stadtstaaten das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Doch
Nomaden umherzuziehen, um 2300 v. Chr. unterwirft der über Akkad herrschende Monarch die gesamte
betreiben viele Menschen Region: König Sargon errichtet das älteste Großreich der Weltgeschichte. Dessen
nun Ackerbau und werden Grenzen reichen möglicherweise bis ans Mittelmeer und in den Iran
sesshaft. Diese „Neolithi
sche Revolution“ (von Neo
lithikum, Jungsteinzeit)
schafft die Voraussetzun potamiens erbauen nun die Ablagerungen der ertragreicher Ackerbau nur Tigris durch zunehmend
gen für Arbeitsteilung und beispielsweise Häuser aus zwei großen Ströme sind mit künstlicher Bewässe komplexe Kanalsysteme auf
handwerkliches Spezialis Lehmziegeln, und sie for die Böden hier besonders rung möglich. So beginnen ihre Felder zu leiten. Um
tentum und ermöglicht so men Gefäße aus Keramik. fruchtbar, doch durch kli die Menschen in dieser das zu erreichen, müssen
zahlreiche Erfindungen, die Im 5. Jahrtausend lassen matische Veränderungen Region (für die später der sie sich aber in größeren,
sich auch im Süden Meso fällt, anders als in den nörd Name „Babylonien“ auf straffer strukturierten
lisation entstehen lassen. potamiens immer mehr lichen Regionen, immer kommen wird) damit, das Gemeinschaften zusam
Die Bewohner Nordmeso Menschen nieder. Durch weniger Regen; daher ist Wasser von Euphrat und menschließen als zuvor.

152 GEO EPOCHE Babylon


Erste Blüte der AS S U R: H A N D E L SS TA D T A M TIG R IS Ableben nahe zu sein. Wie
sumerischen Hochkultur 1780 v. Chr. oft es in Mesopotamien zu
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URUK g e b ir
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(um 3900 v. Chr. bis ur bestattungen“ kommt, ist
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2900 v. Chr.) jedoch nicht bekannt.
Schubat-Enlil
Wohl durch die gemein Ninive
Euphr um 2475 v. Chr.
schaftliche Organisation at Ekallatum
Assur
der Bewässerung entsteht König Urnansche vereinigt

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in Südmesopotamien all die südmesopotamischen

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Gesellschaft, in der es ir und Nimin unter seiner
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Herrschende und Unterge Herrschaft und begründet
Babylon in dem so entstandenen
triert sich die Besiedlung Staat eine neue, über Ge
Uruk Per
immer mehr an besonders s nerationen regierende
Ur G o ische
günstigen Stellen – bald lf r Dynastie. Mit zahlreichen
bilden sich erste Städte nordmesopotamisches Reich des
erhaltenen Inschriften lässt
0 200 km
heraus, in denen mehrere Schamschiadad um 1780 v. Chr. sich Urnansche für seine
Ekallatum: vermutete Lage GEOEPOCHE-Karte
Tausend Menschen leben. Tempelbauten würdigen.
Religiöse und weltliche
Macht sind in den neuen Die Stadt Assur erblüht ab etwa 2000 v. Chr. zu einer wohlhabenden um 2450 v. Chr.
Siedlungen nicht getrennt: Handelsmetropole. Doch rund 200 Jahre später wird sie vom König der Auf einer Stele lässt König
Die Regierung liegt meist Nachbarstadt Ekallatum erobert. Lange gilt dessen Herrschaftsgebiet Eanatum von Lagasch
in der Hand von Fürsten, in der Wissenschaft als »altassyrisches Reich« – tatsächlich ist Assur zwar einen Sieg über den Nach
die über die Kontrolle der Teil des Imperiums, aber nie dessen Machtzentrum
Tempel auch ökonomische lichen. Da die Inschrift des
Macht ausüben. Monuments die Bedin
Zum weitaus bedeu gungen für einen Frieden
tendsten dieser neuen Zen Herausbildung einer der nur auf ihr unmittelbares nicht verwandte Sprache: zwischen den zwei Rivalen
tren wird Uruk – die erste ersten Hochkulturen der Umland erstreckt. Uruk ist das Akkadische. auflistet, bezeugt die
Metropole der Weltge Geschichte – treiben vor nun nur noch ein Macht Stele den ersten Friedens
schichte. In der Stadt am allem die Sumerer voran, zentrum unter vielen. Die um 2900 v. Chr. vertrag der Geschichte.
Euphrat leben um 3300 ein Volk unbekannter Her Städte, darunter Ur, In Uruk errichten Arbeiter
kunft, das möglicherweise Lagasch und Kisch, führen die wohl erste große um 2324 v. Chr.
200 Jahre später sind es um 5000 v. Chr. nach Süd häufig untereinander Krieg, Stadtmauer der Geschich König Urukagina von
doppelt so viele. Um den mesopotamien eingewan schließen sich dazu in te. Einer sagenhaften Lagasch verfasst zu Be
immer komplexer werden dert ist. Der Norden des wechselnden Koalitionen Überlieferung zufolge ist ginn seiner zehnjährigen
den Anforderungen in Zweistromlandes, während zusammen. Da manche ihr Schöpfer Gilgamesch, Regierungszeit eine
Wirtschaft und Verwaltung ihrer Herrscher zeitweilig der mythische Protagonist Reihe von Dekreten, mit
gerecht zu werden, entwi tion noch führend, fällt in eine Erbfolge innerhalb der eines später niederge denen er die Wirtschaft
ckeln Beamte ein System seiner Entwicklung zurück eigenen Familie etablieren schriebenen Heldenepos. seines Staates reformieren
von Zeichen, die sie mit und verliert für rund 1500 können, bezeichnen Histo will. Sie sollen etwa den
Schilfgriffeln in Tontafeln Jahre an Bedeutung. riker die Epoche zwischen um 2600 v. Chr. Schutz sozial Schwacher
drücken. Daraus entsteht in 2900 und 2300 heute als In Ur wird die verstorbene garantieren und die öko
den folgenden Jahrhunder Frühdynastische Zeit. Königin Puabi beigesetzt. nomischen Beziehungen
ten – parallel zur Entwick Könige und Dynastien Neben die Sumerer tritt In ihr Grab nimmt die
lung der Hieroglyphen DIE SUMERISCHEN eine neue Bevölkerungs Herrscherin nicht nur zahl palast und dem Tempel
in Ägypten – das System STADTSTAATEN gruppe: Semitische Stäm reiche Schmuckgegen der Stadt neu regeln.
der Keilschrift, durch das (um 2900 v. Chr. bis me wandern von Norden stände und Lebensmittel
die Menschen nun Worte 2300 v. Chr.) aus in Babylonien ein. mit, sondern auch mehr als um 2315 v. Chr.
dauerhaft festhalten und Sie adoptieren schnell die 20 Angehörige ihres Hof Lugalzagesi, König des
weitergeben können. tausends entwickelt sich in höher stehende sumeri staates. Die Männer und Stadtstaates Umma, be
Die Entwicklung solcher Südmesopotamien ein sche Kultur, schreiben etwa Frauen töten sich anschei siegt nacheinander den
zivilisatorischen Techniken System von Stadtstaaten, in Keilschrift, verbreiten nend durch Gift, um ihrer Herrscher von Uruk und
in Uruk – und damit die deren Territorium sich meistaber ihre dem Sumerischen Königin auch nach deren Urukagina von Lagasch

GEO EPOCHE Babylon 153


und erschafft so für kurze BABYL ON : H AM M U RA BIS ER O BER U N G EN So führen sie einen einheit
Zeit ein einheitliches süd 1760 v. Chr. lichen Kalender und neue
mesopotamisches Reich. Maß
heiten ein, sorgen für die
Ausbildung spezialisierter
Das erste Großreich Ninive Beamter und den Einsatz
der Geschichte Eup standardisierter Formulare,
AKKAD Assur

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(um 2300 v. Chr. bis fähiges Wege und Kanal

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Das Zeitalter der südmeso immer stärkerer auswärti
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potamischen Kleinstaaten ir ger Feinde hält sich ihre
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Sippar ge
endet, als Sargon, ein Mon Dynastie nur rund 100
arch aus dem Norden Ba Babylon Jahre lang an der Macht.
byloniens, um 2300 eine Uruk Per
Koalition sumerischer Städ si um 2110 v. Chr.
Ur G o sche
te unter König Lugalzagesi lf r In seiner Hauptstadt Ur
vernichtend schlägt. Die so errichtet Urnamma einen
0 200 km
eroberten Territorien ver größte Ausdehnung des babylonischen Reiches und monumentalen Tempel
1760 v. Chr. GEOEPOCHE-Karte
bindet er mit seinen Besit für den Gott Nanna. Der
zungen im Norden zu ei dreistufige Bau, auf dessen
nem einheitlichen Reich. Ab 1765 v. Chr. zieht Hammurabi, der König von Babylon, gegen oberster Terrasse das
Die Sprache der Sieger, das seine Nachbarn in den Krieg – und zwingt sie nach und nach alle nieder. Heiligtum für die Gottheit
Akkadische, setzt sich nun 1761 v. Chr. gebietet er über fast das gesamte Zweistromland. steht, wird wegweisend
in ganz Babylonien durch, Doch bereits mit der Regentschaft seines Sohnes beginnt das Reich für zahlreiche ähnliche
zudem gelten überall im zu schrumpfen, als im Süden Aufstände ausbrechen Bauten in Mesopotamien,
Reich Sargons Gesetze. die Forscher „Zikkurats“
Zur Hauptstadt seines Im nennen.
periums bestimmt der
Herrscher den Ort Akkad mesopotamiens gegen lischarri fällt das Reich Die Meister der um 2100 v. Chr.
Akkad. Nur mit Mühe von Akkad unter einer Bürokratie Urnamma lässt in Tempeln
tigen Bagdad gelegen), kann Sargons Enkel und Vielzahl schnell wechseln DAS REICH VON UR in seinem Reich Tafeln
den er zu einer prächtigen Nachfolger Naramsin den der Herrscher in Anarchie. (2110 v. Chr. bis aufstellen, in die zahlreiche
Residenzstadt ausbaut. Aufstand niederschlagen. Nach einem Ansturm der 2003 v. Chr.) Rechtsvorschriften einge
In den folgenden Jahr Nach seinem Sieg erklären Gu täer, eines Volkes aus Der im Jahr 2110 v. Chr. an meißelt sind. Die Paragra
zehnten kann Sargon, der Naramsins Untertanen die Macht gelangte König fen legen etwa die Strafen
rund 40 Jahre lang regiert, den König zum Gott und potamien gelegenen Berg Urnamma von Ur kann sich für Verbrechen wie Mord
seinen Herrschaftsbereich errichten ihm zu Ehren in land, zerfällt das erste bald gegen die übrigen oder Ehebruch fest. Der
auch auf den Norden Me Akkad einen Tempel. Großreich der Geschichte Stadtstaaten Mittel und „Kodex Urnamma“ ist das
sopotamiens, Teile Syriens und verschwindet schließ Südmesopotamiens durch älteste bekannte Geset
und Irans ausweiten und duana, von ihrem Vater lich um 2142 v. Chr. setzen und begründet ein zeswerk der Geschichte.
so das erste Großreich der als Hohepriesterin des Etwa 30 Jahre lang be Reich, das in kleinerem
Geschichte begründen. Mondgottes am Tempel herrschen die Gutäer nach Maßstab die Herrschaft 2093 v. Chr.
Doch bleibt dieses Macht von Ur eingesetzt, dichtet dem Ende des Reiches der Akkader fortsetzt. Die Nach etwa 17jähriger
gebilde stets instabil, sehen ein 153 Zeilen langes Lied, von Akkad Babylonien. vormals eigenständigen Herrschaft stirbt König
Sargon und seine Nachfol in dem sie sich an die Über dieses Interregnum Fürsten sind nun Statthalter Urnamma während eines
ger sich Unabhängigkeits Göttin Innana wendet. ist jedoch nur wenig be Urnammas. Doch anders Feldzuges gegen die
bestrebungen und Aufstän Das Klagegedicht ist das kannt. Im Süden erringen als im Reich von Akkad Gutäer, die sich mit dem
den der unterworfenen erste literarische Werk die alten Stadtstaaten wie dürfen sie ihre inneren An östlich von Babylonien
Regionen ausgesetzt. der Geschichte, dessen Lagasch und Ur ein gewis gelegenheiten weitgehend gelegenen Reich von Elam
Autorin bekannt ist. ses Maß an Unabhängig autonom regeln. zusammengetan haben.
um 2250 v. Chr. keit, und um 2111 v. Chr. Urnamma und seine
Unter der Führung von um 2181 v. Chr. kann der Fürst von Uruk Nachfolger reformieren um 2056 v. Chr.
Kisch und Uruk erheben Nach dem Tod von Sar Verwaltung und Wirtschaft Urnammas Sohn Schulgi
gons Urenkel Scharka tamien verjagen. ihres Reiches grundsätzlich.beginnt mit dem Bau einer

154 GEO EPOCHE Babylon


Mauer im Norden seines und wird als Gefangener Handelsstadt um 2000 v. Chr. die wichtigste Quelle für
Machtbereichs. Das am nach Elam verschleppt. im Norden Sulili, wahrscheinlich ein die altassyrische Zeit sind.
Ende insgesamt 250 Kilo Die Sieger zerschlagen ASSUR Mann aus dem einfachen Zwar kehren später viele
meter lange Bollwerk soll das Reich von Ur und ver (um 2000 v. Chr. bis Volk, lässt sich zum Herr Assyrer nach Kanesch
das Reich von Ur vor den wüsten dessen Kapitale. etwa 1750 v. Chr.) scher von Assur prokla zurück, doch erlangt die
Amurritern schützen – Nach dem Niedergang Mit dem Verfall des Rei mieren. Nach dem Unter Handelskolonie nicht mehr
aggressiven Nomaden von Ur wird die politische ches von Ur erlangt auch gang des Reiches von Ur ihre frühere Bedeutung.
stämmen aus der syrischen ist er wahrscheinlich der
Steppe, die Mesopotami miens erneut von einer tamiens gelegene Kauf erste unabhängige König 1808 v. Chr.
en zunehmend bedrohen. Vielzahl von Kleinstaaten mannsstadt Assur ihre der Stadt am Tigris. Schamschiadad, der amur
Einen dauerhaften Schutz geprägt. Die nomadischen Unabhängigkeit. In macht ritische Herrscher einer
gegen diese Gefahr ver Amurriter, einst als An politischer Hinsicht weiter um 1830 v. Chr. Nachbarstadt von Assur,
greifer ins Land gekom hin unbedeutend, wird Ein Feuer zerstört die Un erobert die Metropole am
struktion jedoch nicht men, werden allmählich der Ort jedoch durch eine terstadt von Kanesch und Tigris und besteigt deren
zu erbringen. sesshaft und passen sich geschickte Handelspolitik damit auch die Häuser Thron. Im Folgenden un
an die sumerisch um 1975 v. Chr. zu einer assyrischer Händler, die terwirft er den gesamten
2003 v. Chr. dische Kultur an. blühenden Metropole. Vor sich in der anatolischen Norden und errichtet ein
Ibbisin, der letzte Herr allem durch den FernhandelStadt niedergelassen ha großes Reich, in dem As
scher der von Urnamma tamiens, bislang meist mit dem anatolischen Ka ben. Bei ihrer Flucht nach sur jedoch nur eine unter
begründeten Dynastie, dem Süden untertan und nesch und anderen Städten Assur lassen die Kaufleute geordnete Rolle spielt.
unterliegt einer Koalition kulturell rückständig, in der heutigen Türkei häu ihre umfangreichen Archi
der Elamiter mit einem gewinnt nun zunehmend fen assyrische Kaufleute ve mit beschriebenen Ton 1775 v. Chr.
seiner eigenen Generäle an Bedeutung. großen Reichtum an. tafeln zurück, die heute Schamschiadad stirbt
nach mehr als 50 Jahren
Herrschaft. Seine Söhne

Daten und Fakten


können das von ihm er
GLEICHGEWICHT: D IE ZE IT D E R S E CH S REICH E schaffene Reich nicht zu
1350 v. Chr. sammenhalten, und so ist
Nordmesopotamien bald
Hattuscha wieder in zahlreiche Ein
zelstaaten aufgesplittert.
Kaspisches
Meer In Assur regieren Nach
HETHITISCHES
REICH kommen Schamschiadads
noch bis etwa 1750, doch
Waschschukanni
mit ihrem Sturz verliert
MITTANI sich die Geschichte der
Assur Stadt für einige Jahrhun
derte im Dunkeln.
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ÄGYPTEN 1595 v. Chr.)


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altorientalische Reiche Unter dem amurritischen


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0 300 km
um 1350 v. Chr.
Waschschukanni : vermutete Lage GEOEPOCHE-Karte
König Hammurabi, der
1792 v. Chr. den Thron von
Babylon besteigt, wird der
Über Jahrhunderte herrscht ein politisches Patt im Alten Orient. Zwischen etwa zuvor unbedeutende Stadt
1600 v. Chr. und 1100 v. Chr. bestehen dort sechs bedeutende Staaten: Babylon staat südlich des heutigen
und das später von Assur abgelöste Reich Mittani sowie die Imperien der Hethiter Bagdad zur Vormacht Me
und Ägypter und das iranische Elam. Mitunter bekriegen sie einander, sind sopotamiens. In den 43 Jah
aber auch diplomatisch – und durch Eheschließungen – verbunden ren seiner Regentschaft

GEO EPOCHE Babylon 155


das nordwestlich von auch die Verhältnisse in um 1325 v. Chr.
Babylon gelegene Mari. Mesopotamien bestimmt. Durch interne Kämpfe
PF LUG , KLO, SCH ULEN Einige Jahrhunderte lang um die Thronfolge
1754 v. Chr. prägen nun mehrere Groß - geschwächt, fallen die
Die Erfindungen und Errungenschaften Auf eine Stele aus schwar - mächte das Geschehen. Herrscher von Mittani in
der Mesopotamier zem Basalt meißeln die Neben das Pharaonenreich AbhängigkeitvomHethi-
Schreiber Hammurabis in Ägypten und die anatoli - terreich. Der assyrische
fast 300 Gesetzesverord- schen Hethiter tritt ab etwa König Assuruballit I. nutzt
nungen, die Strafen für 1500 in Nordmesopota - den Machtverlust des
eine Vielzahl von Verge - mien und Nordsyrien das Nachbarstaates aus, indem
hen festsetzen. Der „Ko- bis heute kaum bekannte er vormals zu Mittani
dex Hammurabi“ unter - Reich von Mittani. gehörende Gebiete unter
scheidet sich von früheren Zu diesem Kreis zählt seine Kontrolle bringt.
Gesetzessammlungen auch das wiedererstarkte Zudem gelingt es dem
durch seinen Umfang und Babylonien, wo Herrscher Assyrer, in die diplomati -
die Härte seiner Bestim - aus dem früheren Noma - sche Korrespondenz der
mungen: Auf etwa jede denvolk der Kassiten den Großmächte einbezogen
zehnte Straftat steht die Thron Hammurabis beset - zu werden – trotz des Pro-
Todesstrafe. zen, sowie ab etwa 1350 testes der Babylonier. Das
Assur, das zuvor zum Reich von Mittani verliert
1750 v. Chr. Machtbereich Mittanis in den folgenden Jahr-
Die ersten Kochrezepte: 25 Eintöpfe, Hammurabis Sohn Sam- gehört hat, nun aber all
- zehnten immer mehr Ge-
vier davon vegetarisch (um 1750 v. Chr.) suiluna folgt seinem Vater mählich dessen Stellung biete und hat schließlich
auf dem Thron nach. einnimmt. Östlich Mesopo - keinen Einfluss mehr
• Abwasserleitung • Mathematik Schon bald muss der neue tamiens kann sich das irani - auf die Geschehnisse
König den Süden seines sche Reich von Elam als in Mesopotamien.
• Astronomie • Metropole
Landes aufgeben, in dem Machtfaktor etablieren.
• Bronze* • Mordprozess Aufstände toben. Unter Die Großmächte unter- 1215 v. Chr.
• Bürokratie* • Pflug späteren Herrschern ge- halten in diesen Jahrhun - Truppen des Assyrerkönigs
• Friedensvertrag • Schrift* hen weitere Besitzungen derten intensive diploma - Tukultininurta I. erobern
• Gesetzeskodex • Schulen verloren, sodass das Reich tische Beziehungen, die Babylon, verwüsten die
• Glas* • Toilette* der Dynastie Hammura- vor allem auf Heiraten Stadt und verschleppen
• Großreich • Zeiteinteilung bis schließlich nur noch zwischen Mitgliedern der den König nach Assur.
den Rang eines mittleren Herrscherfamilien und ge - Babylon kann jedoch etwa
• Horoskop in Stunden,
Kleinstaates hat. genseitigen Geschenken 30 Jahre später seine Un-
• Kanäle Minuten
beruhen. Im Schriftverkehr abhängigkeit wiederher -
• Kochrezepte und Sekunden 1595 v. Chr. untereinander verwenden stellen. Das assyrische
• Literatur König Murschili I., Herr
- die Machthaber und ihre Reich erlangt unter Tukul -
scher über das anatolische Beamten zumeist die baby - tininurta I. nun zuvor un
-
* etwa zur gleichen Zeit auch anderswo nachweis
- Hethiterreich, unternimmt lonische Form des Akkadi - gekannte Ausmaße, muss
bar, u. a. in Ägypten, Anatolien oder Syrien einen Raubzug durch Me- schen, das so zur ersten aber nach der Ermordung
sopotamien und erobert Lingua franca des Vorderendes Herrschers 1197
dabei auch Babylon. Orients wird. starke Gebietseinbußen
hinnehmen.
um 1430 v. Chr.
kann der Herrscher durch 1765 v. Chr. Machtgleichgewicht Am Euphrat begegnen um 1200 v. Chr.
eine planmäßige Stärkung Mit einem Angriff auf DIE ZEIT DER sich der babylonische Aus unbekannten Grün-
von Wirtschaft und Gesell- das Nachbarreich Larsa DIPLOMATIE König Karaindasch und den bricht das Hethiter-
schaft und eine geschickte beginnt Hammurabi eine (1595 v. Chr. bis Pharao Thutmosis III. Das reich in Anatolien zusam -
Eroberungsstrategie ein Serie von Kriegen gegen 1076 v. Chr.) Gipfeltreffen der beiden men. Damit bahnt sich
Imperium erschaffen, vormals mit ihm verbün - Nach dem Ende des altba - Herrscher markiert den auch das Ende der Mäch-
das in seinen Ausmaßen dete Staaten. Nach Larsa bylonischen Reiches bildet Beginn der diplomatischen tekonstellation im Vorde -
dem Reich von Akkad unterwirft er in den folgen
- sich im gesamten Vorderen Beziehungen zwischen ren Orient an. In den fol-
ähnelt – aber auch in sei- den Jahren auch Eschnun- Orient eine neue Macht- dem kassitischen Babylon genden Jahrhunderten
ner Kurzlebigkeit. na östlich des Tigris sowie konstellation heraus, die und Ägypten. werden die Geschehnisse

156 GEO EPOCHE Babylon


in Mesopotamien weniger verlieren die babyloni - assyrische Könige ab 935 Assyrer auf immer neue Regierungszeit kann der
als zuvor von fremden schen Könige die Macht Region um Region, erschaf - Eroberungen und die damit König den assyrischen
Mächten beeinflusst. über ihr Land, und die fen sie nach und nach das verbundenen Beutezüge Machtbereich durch regel-
staatliche Ordnung löst bis dahin größte Imperium und Tributerhebungen an - mäßige Feldzüge um
um 1165 v. Chr. sich weitgehend auf. der Geschichte. Auf sei - gewiesen, und so überdeh - weite Gebiete vergrößern.
Der König von Elam Um 1000 v. Chr. erle- nem Höhepunkt reicht das nen sie ihr Reich allmählich.In seinen Inschriften rühmt
erobert Babylonien und ben die beiden einstigen neuassyrische Reich von er sich detailreich der
bringt wertvolle Kunst - Großreiche Mesopotami- Anatolien bis Ägypten, um 935 v. Chr. grausamen Behandlung
schätze in seine Haupt- ens eine Schwächephase. von der Levante bis weit Mit der Rückeroberung seiner Feinde.
stadt Susa, darunter ein Während der Niedergang in den Iran. Auch Babylon aramäisch besetzter Städ-
Kultbild des Gottes Mar- jedoch in Babylonien muss sich dem Macht- te leitet König Assurdan II. 853 v. Chr.
duk. In weiteren Kämpfen noch jahrhundertelang willen der Assyrerkönige den Wiederaufstieg Assy- In der Schlacht von Karkar
der Babylonier mit dem andauert, gewinnt im beugen. Viele Unterwor - riens ein. Unter seinen am Orontes kann eine
Nachbarreich aus dem Norden Assyrien wieder fene deportieren sie, um sie direkten Nachfolgern ge- Allianz von Aramäern,
Osten geht schließlich die an Stärke – und wird als Soldaten einzusetzen lingt die Konsolidierung Phöniziern, Israeliten,
seit rund 400 Jahren zur Supermacht. oder in schwach bevölker - der Macht in ganz Nord- Ägyptern und Arabern
regierende Dynastie der ten Gebieten des Reichs mesopotamien. den assyrischen Vormarsch
Kassiten unter. Erst nach anzusiedeln. in Syrien vorläufig zum
einigen Wirren kann eine Die Herren der Welt Wichtigste Grundlage 865 v. Chr. Stehen bringen.
neue Herrscherfamilie DAS NEUASSYRISCHE dieses Expansionismus ist Assurnasirpal II. verlegt die
dem Reich am Euphrat REICH eine perfekt organisierte Hauptstadt seines Reiches um 730 v. Chr.
wieder Stabilität verleihen. (935 v. Chr. bis Militärmaschine, schließlichvon Assur nach Kalchu Tiglatpilesar III. erobert
Um 1110 v. Chr. besiegt 609 v. Chr.) sogar mit einem stehenden (heute Nimrud) und lädt Babylon, verleibt die alte
der babylonische König Ausgehend von ihrem Heer. Doch um diese ge - zur Einweihungsfeier Königstadt aber nicht
Nebukadnezar I. das Reich nordmesopotamischen waltige Streitmacht finan - - direkt seinem Reich ein.

Daten und Fakten


von Elam und holt das Kernland um Assur, erobernzieren zu können, sind die rend seiner 24-jährigen Vielmehr regiert er Assy -
um 1165 geraubte Kult- rien und Babylon fortan
bild des Marduk in seine in Personalunion. Trotz
Hauptstadt zurück. dieser zurückhaltenden
ASS Y RIE N : D IE H ER REN D ER W EL T Behandlung kommt es in
1076 v. Chr. der unterworfenen Stadt
627 v. Chr.
Tiglatpilesar I., seit 1114 immer wieder zu Auf -
König Assyriens, stirbt. Kaspisches ständen unzufriedener
Meer
Unter ihm hat das nord- Teile der Bevölkerung.
mesopotamische Reich
einige der zuvor einge- Euphr Ninive 689 v. Chr.
at
büßten Gebiete zurück- Assur Nach anderthalbjähriger
Tig
ris

erobern können. In den Belagerung macht der


Mari
folgenden Jahrzehnten Assyrerkönig Sanherib
Mittel- Sippar
gehen diese Territorien meer Babylon dem Erdboden
Babylon
jedoch unter dem An- gleich. Die Bevölkerung
sturm der Aramäer, noma- Uruk der rebellischen Euphrat-
Pe
discher Stämme unbe- Metropole lässt der
rsi
sc

kannter Herkunft, erneut Herrscher zu großen


he
r

verloren. Assyrien ist nun Teilen töten.


Go
lf

wieder auf die Größe ei-


Nil

nes Stadtstaates reduziert. 667 v. Chr.


Theben 0 300 km
größte Ausdehnung des assyrischen König Assurbanipal von
1026 v. Chr. Reiches unter Assurbanipal 627 v. Chr. GEOEPOCHE-Karte
Assyrien dringt in Ägypten
Mit dem Tod ihres letzten bis Theben vor und ver-
Herrschers erlischt die Dy- Mit einem Heer, dessen Kampfkraft kein Staat der schafft dem Assyrerreich
nastie Nebukadnezars I. Region etwas entgegenzusetzen hat, erobern Assyriens Könige damit die größte Ausdeh-
Durch die ganz Mesopo- ein Imperium auf zwei Kontinenten, denn sogar Teile nung seiner Geschichte.
tamien erschütternde Zu- Ägyptens fallen zeitweise unter ihre Herrschaft. So entsteht Schon wenige Jahre später
wanderung der Aramäer das bis dahin größte Reich der Geschichte gehen die ägyptischen

GEO EPOCHE Babylon 157


F O T OV E R M ER K NACH S E I TE N
Eroberungen jedoch der Sohn König Nabopo 552 v. Chr.
Anordnung im Layout: l.= links, r.= rechts,
o.= oben, m.= Mitte, u.= unten wiederverloren. lassars, ein Heer Pharao König Nabonid von Baby
Nechos II. Durch den Sieg
TITEL: Tim Wehrmann für GEOEPOCHE
um 630 v. Chr. über die ägyptischen Trup bien und verbringt dort
EDITORIAL: Privat (2)
INHALT: Tim Wehrmann für GEOEPOCHE: 4 l. o., Mit dem Tod Assurbani pen kann der babylonische zehn Jahre in einer Oase.
5 u.; ullstein bild: 4 r. o.; RMNGrand Palais/bpkima
ges: 4 l. m.; alamy: 4 r. m.; Erich Lessing/akg images: pals beginnt der Verfall Thronfolger, der noch im Zum Ärger der babyloni
4 u.; Courtesy of Penn Museum: 5 o.; Olaf M. Teßmer/
Vorderasiatisches Museum, SMB/bpk images: 5 m. o.; des Reiches. Unter seinem selben Jahr selbst zum schen Eliten propagiert
Kirsten Nijhoff für GEO EPOCHE: 5 m. u.
DIE GEBURT DER ZIVILISATION: akg images:
neuen König Nabopolas König wird, die vom Assy der exzentrische Herrscher
6/7, 12, 14 l. o., 14 r. o.; RMN
Grand Palais/bpkimages: sar befreit sich Babylon rerreich übernommene den Kult des Mondgottes
8, 9; Olaf M. Teßmer/Vorderasiatisches Museum, SMB/
bpk images: 10/11; Art Archive/FOTOFINDER: 13, 626 v. Chr. von der Ober Sin und vernachlässigt
14/15 u.; The Trustees of the British Museum/bpk
ges: 16/17, 17; alamy: 18/19; Courtesy of Pennseum:Mu herrschaft Assyriens. syrien behaupten. darüber die Verehrung des
20, 21 Stadtgottes Marduk.
DIE HOCHKULTUREN ZWISCHEN EUPHRAT
UND TIGRIS: fotolia: 22; Stefanie Peters für
612 v. Chr. um 600 v. Chr.
GEO EPOCHE: 23, 24; imago: 25 o.; Barry Iverson/ara
Eine Koalition aus Truppen Nebukadnezar II. lässt 539 v. Chr.
bianEye: 25 u.
DIE ERSTE METROPOLE: Tim Wehrmann für Babylons und des irani einen Tempelturm errich Kyros II. aus der Dynastie
GEO EPOCHE
DIE ERFINDUNG DER SCHRIFT: Fototeca Gilardi/ schen Volks der Meder ten, auf dessen Spitze ein der Achämeniden, Herr
akg images: 38; Olaf M. Teßmer/Vorderasiatisches
Museum, SMB/bpkimages: 41, 45 (l.), 46; The Metro erobert Ninive, seit 704 v. Heiligtum des Stadtgottes scher über das zu einer
politan Museum of Art/bpkimages: 42; Tim Wehrmann Chr. Hauptstadt Assyriens. Großmacht erstarkte Per
für GEOEPOCHE: 45 r., 47; alamy: 48; akg images: 49,
50; Stefanie Peters für GEOEPOCHE: 51 Drei Jahre später reiben nanki („Haus der Funda serreich, kann Babylon
JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES: The Trus
tees of the British Museum/bpkimages: 52/53, 61; die Babylonier das letzte mente von Himmel und kampflos einnehmen – un
akg images: 54, 56, 58; The Trustees of the British
Museum: 55, 59, 60; ullstein bild: 57 l.; Stefanie Peters
Heer des Gegners auf und Erde“) ist mit einer Höhe ter anderem wohl auch
für GEOEPOCHE: 57 r. besiegeln so das Ende des von 90 Metern eines der deshalb, weil Teile der
MIT DER KRAFT DER POESIE: ullstein bild: 62;
Courtesy of Penn Museum: 63; Stéphane Maréchalle/ neuassyrischen Reiches. gewaltigsten Gebäude der Bevölkerung mit der Poli
RMN Grand Palais/bpkimages: 65; Ingrid Stüben/
bpk images: 66; Franck Raux/RMNGrand Palais/bpk Welt und wird zum Vorbild tik König Nabonids unzu
images: 67; Stefanie Peters für GEO EPOCHE: 69; für die biblische Erzählung frieden sind und keinen
Bridgeman Art Library: 70
STADT DER HÄNDLER: Tim Wehrmann für Letzter Glanz vom „Turm zu Babel“. Die Widerstand leisten. Kyros
GEO EPOCHE unter Verwendung von: Ernst Walter
Andrae, Das Wiedererstandene Assur. J. C. Hinrichs Konstruktion des Monu fördert Kultur und Reli
Verlag Leipzig 1938): 72/73, 74/75, 78/79, 80; Jürgen NISCHE REICH ments ist Teil eines radika gion der eroberten Stadt,
Liepe/Vorderasiatisches Museum, SMB/bpk images:
73; Erich Lessing/akgimages: 75, 81; Stefanie Peters (626 v. Chr. bis len Bauprogramms, mit nimmt den Babyloniern
für GEOEPOCHE: 76; Art Archive/FOTOFINDER:
78 l.; Granger/Interfoto: 78 r. 539 v. Chr.) dem Nebukadnezar II. aber ihre staatliche Eigen
MORD IN NIPPUR: Hermann Buresch/bpkimages:
82/83; akgimages: 84, 88 (2), 89; United Archives/
Nach dem Untergang seine Hauptstadt in eine ständigkeit. Damit endet
Mauritius Images: 85; V. Scheil: Mémoires, Tome IV, der Assyrer kann eine aufsehenerregende Metro die mehr als 2000jährige
Textes, Élamites – Sémantiques, Deuxième Série, Mi
nistère De L’Instruction Publique Des Beaux Arts, Paris von dem babylonischen pole verwandelt. Um
1902/Bayerische Staatsbibliothek: 86, 87 (4)
HAMMURABI – DIE MACHT BABYLONS: Erich Herrscher Nabopolassar 570 v. Chr. leben vielleicht mischen Königtums.
Lessing/akgimages: 90/91, 92; De Agostini/Getty begründete Dynastie
Images: 94/95; RMNGrand Palais/bpkimages: 96,
100, 101, 104; François Guénet/akg images: 102/103; den Besitz der Nachbarn Babylon und machen die Auf die Perserkönige, unter
Stefanie Peters für GEOEPOCHE: 107
DER KRIEGER-KÖNIG VOM TIGRIS: Alinari/Getty weitgehend übernehmen Stadt am Euphrat damit denen Babylonien eine
Images: 108/109, digital koloriert von Tim Wehrmann und Babylonien zur Vor - zur größten der Welt. gewisse Autonomie behält
für GEOEPOCHE; Austen Henry Layard/British Li
brary: 110/111, 116 u., 119 (2), alle digital koloriert von macht im Nahen Osten und wirtschaftlich wie kul-
Tim Wehrmann für GEOEPOCHE; Mary Evans Picture
Library/picture alliance: 111, digital koloriert von Tim machen. Nebukadne- 587 v. Chr. turell prosperiert, folgt 331
Wehrmann für GEOEPOCHE; Bridgeman Art Library:
112, 115 (2), alle digital koloriert von Tim Wehrmann für zar II., der bedeutendste Zum zweiten Mal inner v. Chr. nach seinem Sieg
GEO EPOCHE; alamy: 116 o., digital koloriert von Tim
Wehrmann für GEOEPOCHE; Mauritius Images: 120,
Herrscher des neubabyloni - halb von zehn Jahren er über die Perser der Make -
digital koloriert von Tim Wehrmann für GEO EPOCHE schen Reiches, führt Meso - obern babylonische Trup donenkönig Alexander der
IM LAND DER ERKENNTNIS: ullstein bild: 122/123;
Bridgeman Art Library: 124 l.; RMN Grand Palais/bpk potamien noch einmal zu pen Jerusalem. Um sich Große, der wie Kyros II.
images: 124 r., 128 r.; Interfoto: 125; images:
akg 126 (2);
United Archives International/imago: 127; United Archi einer einzigartigen Blüte. das Reich von Juda dauer von der Bevölkerung Baby -
ves: 128 l.; The Trustees of the British Museum/bpk Doch nur 23 Jahre nach haft untertan zu machen, lons mit Jubel empfangen
images: 128 m.
EINE STADT TRIFFT IHREN GOTT:Tim Wehrmann dem Tod des Königs fällt zerstören sie den Tempel wird. Bald nach dem Tod
für GEOEPOCHE 132–149; Stefanie Peters für GEO
EPOCHE: 145 Babylon an das Perserreich, in der Hauptstadt und des Eroberers gehört Me -
GESPRENGT, GERAUBT, VERKAUFT: löst sich das letzte eigen- verschleppen große Teile sopotamien bis 142 v. Chr.
hoff für GEOEPOCHE: 150 o.; ullstein bild: 150 u., 151
ZEITLEISTE: Stefanie Peters für GEOEPOCHE: 152, ständige Staatsgebilde im der jüdischen Bevölke zum griechischen Seleu -
153, 154, 155, 157, 159; Yale Babylonian Collection: 156
VORSCHAU: Popperfoto/Getty Images: 162 l. o.; Pri
Zweistromland auf. rung. Bis zum Ende des kidenreich, danach zum
vatsammlung: 162 r. o.; Josef Koudelka/Magnum Pho Reiches Nebukadnezars II. Imperium der Parther, eines
tos/Agentur Focus: 162 l. u.; Wolfgang Kunz/FOTO 605 v. Chr.
FINDER: 162/163; Robert Ellison/Camera Press/ddp müssen die Judäer nun iranischen Volkes. An deren
images: 163 o.; ZUMA/Imago: 163 m. r.; Michael Ochs
Archives/Getty Images: 163 r. u. Bei Karkemisch am Euph im „Babylonischen Exil“ Stelle als Herren über das
© GEO 2017 Verlag Gruner + Jahr, Hamburg, rat besiegt Nebukadnezar, ausharren. Zweistromland treten im
für sämtliche Beiträge.

158 GEO EPOCHE Babylon


Das Magazin für Geschichte

Gruner + Jahr GmbH & Co KG,


NEB U KADNEZA R: DA S NEU BA BY LON IS CH E RE ICH Sitz von Verlag und Redaktion: Am Baumwall 11, 20459 Hamburg.
Postanschrift der Redaktion: Brieffach 24, 20444 Hamburg.
600 v. Chr. Telefon: 040 / 37 03-0, Telefax: 040 / 37 03 56 48,
Internet: www.geo-epoche.de

CHEFREDAKTEUR: Michael Schaper


STELLVERTRETENDER CHEFREDAKTEUR: Dr. Frank Otto
ART DIRECTION: Tatjana Lorenz
Eup TEXTREDAKTION: Dr. Anja Fries und Samuel Rieth (Konzept dieser Ausgabe),
hr
at Jens-Rainer Berg, Insa Bethke, Joachim Telgenbüscher, Johannes Teschner
Assur Mitarbeit: Justine Prüne

Tig
er

AUTOREN: Jörg-Uwe Albig, Dr. Ralf Berhorst,

Za
ris
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Mari Dr. Mathias Mesenhöller, Johannes Strempel

gr
BILDREDAKTION: Christian Gargerle (Leitung),

os
ge
tte

bi Roman Rahmacher, Edith Wagner; Mitarbeit: Jochen Raiß


Damaskus rg
Mi

e VERIFIKATION: Lenka Brandt, Fabian Klabunde, Olaf Mischer,


Sippar Alice Passfeld, Andreas Sedlmair; Mitarbeit: Dr. Eva Danulat, Svenja Muche
LAYOUT:Jutta Janßen, Eva Mitschke; Mitarbeit: Lena Oehmsen
Babylon WISSENSCHAFTLICHE BERATUNG: Annika Cöster-Gilbert
KARTOGRAPHIE: Stefanie Peters
Jerusalem SCHLUSSREDAKTION: Dirk Krömer, Olaf Stefanus; Mitarbeit: Antje Poeschmann
Pers CHEF VOM DIENST TECHNIK: Rainer Droste
i
G o scher REDAKTIONSASSISTENZ: Ümmük Arslan, Angelika Fuchs, Helen Oqueka;
lf
Anastasia Mattern, Thomas Rost (Buchrecherche)
0 300 km HONORARE: Petra Schmidt
das babylonische Reich unter Nebukadnezar II. GESCHÄFTSFÜHRENDE REDAKTEURIN: Maike Köhler
um 600 v. Chr. GEOEPOCHE-Karte
VERANTWORTLICH FÜR DEN
REDAKTIONELLEN INHALT:Michael Schaper

Nach dem Untergang des assyrischen Reichs steigt Babylon PUBLISHER: Dr. Gerd Brüne
PUBLISHING MANAGER: Toni Willkommen
unter König Nebukadnezar II. zum Hegemon Mesopotamiens auf. DIRECTOR DISTRIBUTION & SALES:
Es wird die letzte einheimische Vormacht zwischen Euphrat
und Tigris sein: 539 v. Chr. erobern die Perser das Territorium, und EXECUTIVE DIRECTOR DIRECT SALES:

fortan gebieten fremde Herren über das Zweistromland VERANTWORTLICH FÜR DEN INHALT
DER BEILAGEN:Daniela Krebs – Director Brand Solutions

Es gilt die jeweils gültige Anzeigen-Preisliste unter www.gujmedia.de


MARKETING: Kristin Niggl
HERSTELLUNG:
3. Jahrhundert n. Chr. die nach dem Ersten Welt Einen dramatischen
ebenfalls aus dem Iran krieg entsteht mit der Rückschlag erleidet die Heftpreis: 10,00 Euro (mit DVD: 17,50 Euro)
ISBN: 978-3-652-00646-0; 978-3-652-00640-8 (Heft mit DVD)
kommenden Sassaniden, Gründung des Irak im Jahr Erkundung der Altertümer
ISSN-Nr. 1861-6097
die an die Tradition des durch die Entwicklung nach © 2017 Gruner + Jahr, Hamburg
achämenidischen Perser ständiges Staatswesen der von den USA angeführ Bankverbindung: Deutsche Bank AG Hamburg,
IBAN: DE 30 2007 0000 0032 2800 00, BIC: DEUTDEHH
reichs anknüpfen. in Mesopotamien. ten Invasion des Irak 2003. Litho: 4mat Media, Hamburg
Einen dramatischen Ein Schon Jahrzehnte zuvor Seither sind dort archäolo Druck: appl druck GmbH,
Senefelderstraße 3–11, 86650 Wemding
schnitt bringt der Region imhat die wissenschaftliche gische Grabungen kaum Printed in Germany
7. Jahrhundert der Aufstieg Erforschung der Kulturen noch möglich, Kriege und
des Islam: Die arabischen des Alten Orients begon Raubgrabungen dezimieren G EO-LE SER SER V IC E
Fragen an die Redaktion
Anhänger des Religions nen. Ab etwa 1850 bege archäologische Fundstellen.
gründers Mohammed er ben sich zumeist europäi 2015 haben zudem die E-Mail: briefe@geo-epoche.de
Die Redaktion behält sich die Kürzung und Veröffentlichung
obern auf ihrem Siegeszug sche Archäologen auf die Terroristen des sogenann
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Vorschau

GEOEPOCHE EDITION GEO kompakt

25

GRÜNE HEILKRAFT
DER FRÜHLING
Sandro Botticelli,
u m 1482

eist, Macht und Genuss,

G das ist der Dreiklang der


Renaissance in Florenz.
So spottet der einflussreiche
Kaufmann Lorenzo de’ Medici
über Sandro Botticelli, der Maler
rolle nach Einladungen heim
„wie ein volles Fass“. Der Mäzen

Warum der Wald unserer Seele


sieht es Botticelli (dessen Name
sich von „Fässlein“ ableitet) nach.
Denn der Künstler verewigt
Lorenzo und seinen Clan, die
in offiziellen Herrscher über die
Arnometropole, in leuchtenden,
anspielungsreichen Bildern. So
versammelt „Der Frühling“ Ge -
stalten der antiken Mythenwelt
zu einem anmutigen Reigen – und
ist wohl mit Huldigungen an den
Auftraggeber übersäht. Lorbeer -
bäume etwa, rechts am Bildrand
zu sehen, sind ein Emblem der
Medici. Die Orangen deuten ver -
und unserem Körper guttut
mutlich auf einen berühmten
Hain in einem ihrer Paläste hin.
Und die Blütenzier des Kleides
der Blumengöttin Flora erin-
nert an ein spektakuläres, von
einem Medici- Fest überliefertes
Gewand. Insgesamt feiert das
Gemälde sinnenfroh die Blüte der
Stadt Florenz unter dem mäch -

rst allmählich erkennen Forscher, welche


tigen Lorenzo.

36 GEO EPOCHE EDITION


E komplexen Prozesse im Wald ablaufen – und
wie wichtig sie für unser seelisches und kör-
perliches Wohlbefinden sind.Wie dieses Ökosys -
Geniestreich: Der »Frühling« von Botticelli tem funktioniert, welche Geheimnisse es birgt und
warum es so wichtig für uns ist: in GEOkompakt.

GEOkompakt »Unser
100 MEISTERWERKE Wald« hat 156 Seiten
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die heimische Wildnis
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Themen: Die Klima-
Maschine / Was der Wald

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ie neue Ausgabe von GEO EPOCHE

D
uns gibt / Die heim-
EDITION widmet sich nicht wie sonst lichen Herrscher / Ein
Warum wir ihn brauchen
einer Kunstepoche, sondern präsentiert die Jahr im Leben eines Welche Geheimnisse er birgt

Deutschland 9,
Was er uns schenkt
Baums / Wildpflanzen
ergreifendsten, prägendsten, schönsten Gemälde PSYCHOLOGIE KOMMUNIKATION GESUNDHEIT KLIMA-MASCHINE

für den Kochtopf Warum das Grüne Die geheime Sprache Forscher entdecken Wie jedes Gehölz die

der gesamten Kunstgeschichte – von der Steinzeit unserer Seele guttut der Pflanzen die Waldmedizin Luft verbessert

bis zur Gegenwart. In kurzen Texten werden die


Schöpfer und ihre Bilder vorgestellt sowie deren
außergewöhnliche Strahlkraft ergründet. Das Heft
gleicht einem virtuellen Museum, dessen Schau die GEO WISSEN ERNÄHRUNG
Redaktion zusammengestellt hat – in dem Wissen
natürlich, dass es weitaus mehr als 100 bedeu-
tende Gemälde gibt. Und so ist die Auswahl denn
auch keine Rangliste, sondern ein Dialogangebot FIT FÜR DEN WINTER
an unsere Leser zu einer Diskussion über Kunst
anhand einer Riege von beeindruckenden, heraus - Wie wir uns in den dunklen Monaten
ragenden Bildern: Meisterwerken eben. am sinnvollsten ernähren

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Das Heft kostet
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DIE GESCHICHTE DER KUNST 9,50 Euro, mit DVD
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durch Herbst und Winter
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Ernährung für die Psyche
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und Vermeer, von Manet,
Kraft der Knollen und
Matisse und Courbet,
Rüben / Mythos
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von Edward Hopper und


Winterspeck / Dossier:
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David Hockney. Das Heft Psyche Kohl Wildfleisch Ingwer

von der Steinzeit bis zur Gegenwart


Können wir uns
glücklich essen?
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160
GEOEPOCHE PANORAMA GEO LIVE

1871—1914

UNTERWEGS MIT
GEO-REPORTERN

Die Welt mit anderen Augen sehen Autoren und Fotografen


präsentieren ihre Arbeit,
Reporter darunter der Wüsten reporter
16 GEO EPOCHE PANORAMA
Wer sich im Paris der Belle Époque amüsieren will und etwas auf sich hält, geht inOper
die . 1875 öffnet der Prunkbau
seine Tore. Fast ebenso wichtig wie der Zuschauerraum sind die marmorgeschmückten Treppen des Musiktheaters. Sie sind
die Bühne, auf der sich das Bürgertum präsentiert. Ärmere Bewohner hingegen können sich einen Besuch kaum leisten
live erleben Michael Martin.

Monument der Belle Époque: die Oper von 1875 Vier Reporter, vier
spektakuläre Foto-Vorträge:
• 10. November 2017,
Wüstenabenteurer Michael Martin:
Neue Bilder aus Hitze und Eis
GEO-Expeditionsleiter Lars Abromeit:
Kosmos Ozean: Die bedrohte Pracht der Meere
Hamburg, Laeiszhalle
Tierfotograf Klaus Nigge:
Auf der Suche nach der Saiga-Antilope
Fotoreporter Manuel Bauer:
Aufbruch im Himalaya: Ein Dorf zieht um
• 13. November 2017,
Hannover, Theater am Aegi
PARIS Fr. 10.11. 19.30 Uhr
Hamburg, Laeiszhalle

Mo. 13.11. 19.30 Uhr


Hannover, Theater am Aegi

Fr. 24.11. 19.30 Uhr


Bremen, Die Glocke
•24. November 2017,
Bremen, Die Glocke
Ein Jahrhundert der französischen Informationen und Online-Kartenvorverkauf unter www.geo.de/event

Metropole in historischen Fotografien

reimal binnen weniger Jahrzehnte steht

D Paris am Rande einer Katastrophe – und


wird danach stets aufs Neue zur weltweit
verehrten Metropole. So erwächst aus dem Bür -
GEOEPOCHE- Kalender

gerkrieg von 1871 die „Belle Époque“, das moderne BILDER FÜR 2018
Paris entsteht. Nach den Schlachten des Ersten
Weltkriegs, die zum Teil nicht weit entfernt statt -
fanden, verwandelt sich die Stadt abermals: in ein ie schönsten Fotos aus der Ausgabe von
internationales Zentrum der künstlerischen Avant -
garde. Die dritte Wiedergeburt erlebt Paris nach
der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg.
D GEO EPOCHE PANORAMA über deut -
sche Burgen und Schlösser sowie die be-
eindruckendsten Gemälde aus der Ausgabe von
Philosophen und Literaten machen die Stadt zur GEO EPOCHE EDITION zum Impressionismus
Heimat einer neuen intellek tuellen Boheme. gibt es nun auch als Kalender: Monat für Monat
GEO EPOCHE PANORAMA über die Ge schichte faszinierende Ansichten im imposanten Großfor -
der Seine-Metropole zwischen 1871 und 1968 – die mat (im Buchhandel; „Burgen und Schlösser“ auch
Biografie einer aufregenden Weltstadt. unter www.geo-shop.de und 040 / 42 23 64 27).

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Die Geschichte der Seine-Metropole in historischen Fotos
und kostet 15 Euro

161
Vorschau

GEOEPOCHE

DAS JAHR 1968


Studenten proben den Umsturz, die USA taumeln in Vietnam, die Sowjetunion
schickt Panzer nach Prag: Dramen eines Jahres, das unsere Welt bis heute prägt

Die Grateful Dead erfinden


einen neuen Sound

Wieder stirbt ein


Kennedy: Robert
wird am 5. Juni
1968 nieder-
geschossen

Der Einmarsch
der Roten Armee
im August 1968
beendet den
»Prager Frühling«

s ist das Jahr, das zur Chiffre wird. Zum den Erdball. Angefacht von Fernsehen, Radio und

E Symbol für das Aufbegehren der Nach-


kriegskinder gegen ihre Väter, für den
Kampf gegen den Vietnamkrieg und
überkommene Traditionen, für die Hoffnung auf
eine gerechtere Welt, ein Leben ohne Zwang: 1968.
Presse, verbreitet sich der Geist des Widerstandes
in der ganzen Welt. Von Westberlin bis Mexiko-
Stadt fühlen sich junge Menschen plötzlich als Teil
einer einzigen revolutionären Bewegung, deren
Sieg kurz bevorzustehen scheint. Selbst jenseits
In jenen dramatischen zwölf Monaten er - des Eisernen Vorhangs, in der Tschechoslowakei,
schüttert die erste globale Revolte der Geschichte beginnt ein kurzer Frühling der Freiheit.

Die s e Ausgabe von er scheint am 13. Dezem ber 2017

162
Dschungelkrieg:
1968 erkennen
die USA, dass sie
in Vietnam nicht
gewinnen können

Träumt von der


Revolution: Rudi
Dutschke, Anführer
der deutschen
Studentenbewegung

Nach der Ermordung


des Bürgerrechtlers
Martin Luther King im
April 1968 eskaliert die
Gewalt in den USA

Hippies suchen
nach einem Leben
jenseits aller
Normen – und
finden es in
Kommunen

Doch nicht allein die wütenden Studenten bestim - Über das Erbe von 1968 wird immer noch
men den Lauf dieses Jahres – sondern auch tragische heftig gestritten; heute ist die Chiffre auch ein
Helden wie der Prediger Martin Luther King und Kampfbegriff. Was hat damals wirklich begonnen:
der US-Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy, die Demokratisierung der Gesellschaft oder, wie
die beide bei Attentaten sterben. Über sie berichtet manche Kritiker behaupten, ihr Verfall?
GEO EPOCHE ebenso wie über jene Pioniere, die da- Die nächste Ausgabe von GEO EPOCHE ver-
mals mithelfen, unsere Gegenwart zu erschaffen: Com - sucht eine Antwort auf diese Frage – und erzählt
puteringenieure, Herzchirurgen, Frauenrechtlerinnen. das ganze Drama eines fiebrigen Jahres.

163
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GESCHICHTE

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