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Die Ethnogenese der Germanen

1. Einleitung:

In diesem Text beschäftige ich mit der Frage, ob man von einer Ethnogenese der
Germanen sprechen kann und ob Caesar im Rahmen seiner Feldzüge im heutigen
Frankreich, Schweiz und Belgien die Germanen erfunden hat. Wenn ja, wozu tat er
das? Können wir von einer indigenen Ethnogenese der Germanen sprechen?

1.1. einige Grundbegriffe:

Zuerst möchte ich einige Grundbegriffe definieren, die dann im weiteren Verlauf des
Textes benutzt werden sollen. Was versteht man in der Ethnologie unter Ethnie?
Dieser Begriff kommt aus dem Griechischen von Ethnos = Volk. Dies ist "eine
Menschengruppe mit gemeinsamer Abstammung, Stammesüberlieferung und Wir-
Bewusstsein. .Der Begriff Ethnie entspricht am ehesten dem deutschen Terminus
'Stamm'. . Die Eigenweltlichkeit wird durch Identifikation mit Gruppenmitgliedern und
Negation der Fremdethnien konstituiert" (vgl. Hirschberg, 1988, 134). D.h., dass sich
diese Gruppe durch eine Wir-Gefühl und eine Abgrenzung zu Ausstehenden
auszeichnet. Unter Ethnogenese versteht man die "Entstehung und Ursprung eines
Ethnos. ... Danach ist das Produkt eines ethnogenischen Prozesses eine neue,
vorher nicht dagewesene Ethnie" (vgl. Hirschberg 1988, 128-129). Eine sehr wichtige
methodische Unterscheidung ist die folgende: emisch-etisch, womit gemeint ist "ein
Begriffspaar, das die Interpretation soziokultureller Phänomene von 'innen' her (nach
den Kategorien der Handelnden) oder von 'außen' her (nach den Kategorien des
wissenschaftlichen Beobachters) bezeichnen soll" (vgl. Hirschberg 116). Bei den
römischen Autoren, wie Caesar und Tacitus, gab es keinen Versuch die fremden
Gesellschaften aus emischer Perspektive zu verstehen, d.h., mit deren Augen zu
sehen (vgl. Lund 1990, 19-35). Ein wichtiger Begriff in der antiken Ethnologie war der
Barbarenbegriff: hierunter verstand man alle diejenigen Ethnien, die außerhalb der
römisch-griechischen Welt lebten und auf einer niedrigeren Evolutionsstufe standen
als die Römer und Griechen. Damit sind die sogenannten primitiven Stämme der
Antike gemeint. Sie bildeten den Gegensatz zu den kulturell und sozial weiter
entwickelten Römern und Griechen. Hierbei muss zwischen zwei Wertungen des
Barbarenbegriffs unterschieden werden: der negative Barbarenbegriff sieht die
Barbaren (und die Germanen sind ein Beispiel für Barbaren) fast als Tiere an, die
jähzornig, unberechenbar, grausam und wild sind. Die andere Wertung geht davon
aus, dass die Barbaren noch in einer Zeit lebten, als sie noch nicht verdorben waren
von den negativen Einflüssen der sogenannten Zivilisation. Laut dieser Ansicht
bedeutet die Höherentwicklung einer Kultur letztendlich den Anfang vom Niedergang
und deswegen konnten die Gallier zum Beispiel, wie wir im Folgenden sehen
werden, auch von Caesar besiegt werden, im Gegensatz zu den Germanen (vgl.
Lund 1990, 3-19). Unter Nation, aus dem lateinischen Wort natio (Geburt, Abkunft)
wurden in der Antike die Bewohner einer Stadt, Region oder eines Gebiets
verstanden, die miteinander durch ihre gemeinsame Herkunft und ihren Ursprung
verbunden waren. Hierbei kann sich um einen Teil eines Volkes, ein Volk oder einen
Völkerverbund handeln, die letztendlich im Laufe der Geschichte die Bildung eines
eigenen Staates erreicht hat. Hierbei liegt dann eine zentralisierte politische
Organisation, heterogene Bevölkerungen, eine sozial geschichtete und wirtschaftlich
spezialisierte Gesellschaft vor. Die Mitglieder einer Nation sind die Bewohner eines
bestimmten Territoriums (vgl. Hirschberg 336). Unter dem Begriff Volk versteht man
eine historisch gewachsene menschliche Gemeinschaft, "die eine ähnliche
genetische Abstammung (Endogamie, Inzesttabu), gleiche Sprache, ähnliche
Lebensgewohnheiten (Sitten) und ein Zusammengehörigkeitsbewusstsein verbindet.
Ein Volk ist lebendes, offenes System höherer Ordnung, das aus den Untersystemen
'Population' (Abstammungsgemeinschaft), 'materielle Kultur', und 'psychosozialer
Komplex' zusammengesetzt ist. Das Zusammengehörigkeitsbewusstsein wird aus
Gemeinschaft in Tradition und Schicksal gebildet" (vgl. Hirschberg, 1988 508). Unter
Ethnizität versteht man in der Ethnologie die kulturelle Identität einer Gemeinschaft
gegenüber dem Rest der Gesellschaft oder allgemein gegenüber den
Nichtmitgliedern, d.h., den Fremden. Ethnizität ist jedoch ein dynamischer Begriff und
damit auch veränderbar im Laufe der Geschichte. Es handelt sich um keine festen
Eigenschaften und Einstellungen, sondern um dynamische Elemente, wie zum
Beispiel die Sprache, die eine Ethnie spricht (vgl. Hirschberg 1988, 126-127 und
Wernhart und Zips 2008, 91-94, 99-110)
2.1 Das Germanenbild des Caesar

Der römische Politiker und Militär Gaius Julius Caesar (100 bis 44 vor Christus)
beschäftigte sich in seinem "Gallischen Krieg" (auf lateinisch "COMMENTARIORUM
LIBRI VII DE BELLO GALLICO") auch mit den Germanen. Wie in antiken
historiographischen Texten üblich, baute auch Caesar in seinen Bericht von der
Eroberung Galliens ethnographische Exkurse ein, die dazu dienten, das Geschehen
zu unterbrechen, den Leser zu informieren und zu unterhalten (vgl. Trüdinger 1918,
146, 166-170,). Er erklärte, dass die Gallier links des Rheines wohnen würden, also
linksrheinisch wären und die Germanen, auf lateinisch Germani, rechts des Rheines
ihre Wohnsitze hatten (vgl. "Der Gallische Krieg", ab hier abgekürzt GK I, 2,3, I,27,4,
I,28,4 und IV, 16,3-4, ). Auf dem linken Ufer war das römische Herrschaftsgebiet und
auf dem rechten Rheinufer lebten die Germanen, die frei von römischer Herrschaft
waren (Lund 1998, 86-97). In den folgenden Abschnitten des Gallischen Krieges hat
Caesar ethnographische Exkurse, die sich mit den Germanen beschäftigen,
eingebaut:GK IV, 1-3 (zu den Sueben), GK IV, 10 (zur Völkerverteilung der
Germanen an Maas und Rhein) und GK VI, 21-24 (zu den Germanen insgesamt). In
den Kapitel GK IV, 1-3 behandelt Caesar die rechtsrheinischen Sueben, die von
Caesar als Idealtyp der Germanen angesehen werden (vgl. Lund 1990, 60-75). Er
stellt sie als die idealen Krieger dar, die nicht sesshaft sind, bzw. ihre Felder jeweils
nur ein Jahr bestellen dürfen ehe sie weiterziehen müssen. Dies soll dazu dienen,
dass sie nicht verweichlichen (vgl. IV, 1, 7 und VI, 22,3-4). Die Sueben essen kein
Getreide, nur Fleisch und trinken Milch (GK IV, 1, 8) Die Sueben setzen sich aus 100
Gauen zusammen und jeder dieser Gaue stellt jährlich 1000 Krieger für den Kampf.
(vgl. GK IV, 1,4). Ihre ganze Lebensweise dient dem Krieg, denn bereits die Knaben
werden abgehärtet, müssen Strapazen und Anstrengungen ertragen und sollen sich
des Geschlechtsverkehrs mit Frauen bis zum 20.Lebensjahr enthalten, damit ihre
Kraft erhalten bleibt (vgl. GK IV,1, 3-10). Caesar stellt den König der Sueben,
Ariovist, als typischen Barbar dar, denn er ist unberechenbar, jähzornig und
gefährlich (vgl. GK I, 33, 3-4). In den Kapiteln GK VI, 11-24 stellt Caesar die
Germanen den Galliern gegenüber, wobei er unter anderem bemerkt, dass die
Gallier sich kulturell durch römischen Einfluss weiter entwickelt hätten und die
Germanen im Gegensatz dazu noch auf einer niedrigeren Kulturstufe stünden und
daher den Erstgenannten überlegen waren (vgl. GK VI, 24, 4-6). Die Sitten der
Germanen würden sich in vielen Punkten von denen der Gallier unterscheiden, zum
Beispiel haben sie keine Druiden, verehren nur Götter, die sie auch wahrnehmen
können, leben allein für die Jagd und den Krieg, haben praktisch keinen Grundbesitz
an Boden, sind nicht sesshaft und leben in ärmlichen Verhältnissen, während die
Gallier durch Reichtum und eine verfeinerte Lebensart verweichlicht wurden (vgl. GK
VI, 21-24). Es findet sich auch im Gallischen Krieg ein ethnographischer Exkurs zu
den Britanniern (vgl. GK V, 12-14).

2.2 Der Germanenbegriff des Caesar und die Erfindung der Germanen

Laut Caesar waren die Germanen anfangs nur eine Anzahl linksrheinischer Stämme,
die sich selbst Germanen nannten (vgl. GK II,4,10, und Lund 1998, 48, 49). Dies
würde bedeuten, dass es sich hierbei um einen emischen Begriff, also eine
Eigenbezeichnung handeln würde. Caesar führte aus politischen Gründen den
geographischen Begriff der Germanen im Sinne von rechtsrheinischer Bewohner
Germaniens ein, um so deren Gebiet vom römischen Herrschaftsbereich
abzugrenzen (vgl. Lund 1998, 49, 50). Caesar schürte bewusst die Angst vor den
kriegerischen und gefährlichen Germanen und knüpfte an den sogenannten Furor
teutonicus an, um die Eroberung Galliens zu rechtfertigen (vgl. Lund 1990, 60, Künzl
2006, 23). Die Germanen würden nicht nur die römische Provinz Gallia narbonensis
bedrohen, sondern ganz Gallien und Italien. Caesars Aufgabe war es daher die
Gallier und die Römer vor den aggressiven, wilden und nomadisierenden Germanen
zu beschützen (vgl. GK I, 33,4, Müller 1997, 408, Bleckmann 2009, 63, Lund 1990,
60).

2.3. Wie Tacitus Caesars Darstellung der Germanen ausbaute

Tacitus übernahm in seiner "Germania", der einzigen bekannten römischen


Ethnographie, die im Jahr 98 nach Christus erschien, Caesars Germanenbegriff und
erwähnt diesen auch als einzige Quelle namentlich. Er baute dessen Darstellung der
Germanen aus (vgl. Germania 1 und 28, Lund 1997, 57). Die Germania lässt sich in
zwei Teile einteilen: 1-28 behandelt die Kultur der Germanen im Allgemeinen und 29-
46 geht auf einzelne Stämme ein. Im ersten Teil der Schrift geht Tacitus auf die Ehe,
das Kriegertum und Heerwesen, die Religion, die Gastfreundschaft, die Trinkkultur
und Nahrung, die politische Organisation und Gerichtsbarkeit, etc. ein und er stellt
die Germanen den Römern als positives Gegenbild zur eigenen Gesellschaft dar,
was meistens als Sittenspiegeltheorie in der Forschung bezeichnet wird (vgl. Müller,
1997, 438, 439, 442). Kapitel 38 bis 45 beschreibt unter anderem die suebischen
Stämme. Tacitus übernahm den geographisch-kulturellen Begriff der Germanen von
Caesar und bauten diesen in seiner Germania aus. Diese Darstellung wurde
wiederum im 19. und 20.Jahrhundert (bis zum Ende des 2.Weltkriegs) von vielen
Wissenschaftlern als wahr angenommen, um so eine germanische Vorgeschichte
und Kultur konstruieren zu können, jedoch "muss man vor diesem Hintergrund
zwangsläufig feststellen, dass diese Nachbarwissenschaften dabei selbst auf den
Germanenbegriff der antiken Römer zurückgreifen, der gleichfalls eine Fiktion, eine
gelehrte Konstruktion ist" (vgl. Lund 1998, 57).

3. Schluss:

Um zum Abschluss zu kommen, möchte ich nun auf die Anfangsfrage zurück
kommen, ob wir von einer Ethnogenese der Germanen sprechen können? Wir
können auf jeden Fall nicht davon sprechen, dass die Germanen als Volk oder als
Völkergruppe entstanden sind durch einen inneren Prozess.Die Germanen als
ethnische Gruppe und politische Größe gab es bis zu Caesars Zeiten nicht und die
Menschen, die von den Römern als Germanen bezeichnet wurden, nannten sich
gewöhnlich Chatten, Cherusker, etc. und es gab keine Art von germanischer Identität
oder politischer Organisation (vgl. Bleckmann 2009, 9-34). Caesars Versuch seine
Aussagen zu den Germanen auf indigene keltische Quellen zu stützen, erscheint mir
wenig glaubwürdig angesichts seiner eigenen politischen Interessen (vgl. Lund 1990,
63 f. und Teil 2.2 dieses Artikels). Die innenpolitischen Gründe stehen eindeutig im
Mittelpunkt und motivieren die Darstellung der Germanen bei Caesar.

4. Bibliographie:

• Gaius Julius Caesar "Der Gallische Krieg", 1980, Übersetzt und herausgegeben von
Marieluise Deissmann, Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart
• (Publius) Cornelius Tacitus "Germania Lateinisch/Deutsch", 1972, übersetzt, erläutert und
herausgegeben von Manfred Fuhrmann, Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart
• Peter L. Berger und Thomas Luckmann "Die gesellschaftliche Produktion der Wirklichkeit.
Eine Theorie der Wissenssoziologie", 1995, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main
• Allan A. Lund "Die ersten Germanen. Ethnizität und Ethnogenese", 1998, Universitätsverlag
C. Winter Heidelberg
• Walter Hirschberg (Hg.), "Neues Wörterbuch der Völkerkunde", 1988, Dietrich Reimer Verlag
Berlin
• Allan A. Lund "Zum Germanenbild der Römer. Eine Einführung in die antike Ethnographie",
1990, Universitätsverlag C. Winter Heidelberg
• Klaus E. Müller "Geschichte der antiken Ethnologie", 1997, Verlag Rororo, Rowohlts
Enzyklopädie, Reinbek bei Hamburg
• Ernst Künzl "Die Germanen", 2006, Theiss
• Dieter Timpe "Der Namenssatz der taciteischen Germania", Chiron 23, 1993, 322-352
• Karl Trüdinger "Studien zur Geschichte der griechisch-römischen Ethnographie". 1918,
Birkhäuser, Basel
• Karl R. Wernhart und Werner Zips "Ethnohistorie. Rekonstruktion und Kulturkritik. Eine
Einführung.", 2008 Promedia Wien