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September 2019 / Nummer 38 L’OSSERVATORE ROMANO Wochenausgabe in deutscher Sprache

10 Apostolische Reise nach Madagaskar

Begegnung mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen im Collège Saint Michel in Antananarivo

Männer und Frauen des Lobpreises


Ansprache von Papst Franziskus am 8. September

Bei dem Treffen mit rund 1.500 Ordensleu- den Katechismus lehrt. Wenn ihr einen Kranken
ten und Priestern in Madagaskar hat Papst besucht und betreut oder die Tröstung der Ver-
Franziskus diesen für ihren selbstlosen Einsatz söhnung bringt. In seinem Namen siegt ihr,
gedankt. Das Treffen, der letzte Programm- wenn ihr einem Kind Nahrung gebt und eine
punkt auf der südostafrikanischen Insel, fand Mutter vor der Verzweiflung bewahrt, alles allein
auf einer Wiese vor einer von Jesuiten gegrün- tun zu müssen, oder wenn ihr einem Familien-
deten Hochschule in Antananarivo statt. Im vater Arbeit verschafft … Ein Kampf, ein siegrei-
Anschluss an die Begegnung traf Papst Fran- cher Kampf ist auch die Bekämpfung der Unwis-
ziskus noch zu einem rund einstündigen pri- senheit durch Bildungsangebote; man bringt
vaten Gespräch mit Jesuiten in der Kapelle der die Gegenwart Gottes auch, wenn man dazu
Hochschule zusammen. Zu den Priestern, Or- beiträgt, dass alle Geschöpfe gemäß ihrer Ord-
densleuten und Seminaristen sagte er: nung und Vollkommenheit respektiert werden,
ohne sie nur zu benutzen oder auszubeuten; es
sind auch Zeichen eures Sieges, einen Baum zu
Liebe Brüder und Schwestern, pflanzen oder einer Familie Zugang zu sauberem
als man mir diesen Tisch hierherbrachte, Wasser zu ermöglichen. Welch ein Zeichen der
dachte ich, es gäbe etwas zu essen, das ist aber Niederlage des Bösen ist es, wenn ihr euch dafür
nicht so, er ist für das Gespräch gedacht! engagiert, dass Tausende von Menschen ihre Ge-
Ich danke euch für euren herzlichen Emp- sundheit wiedererlangen!
fang. Meine ersten Worte möchte ich vor allem Macht weiter in diesen Kämpfen, aber immer
an all die Priester und gottgeweihten Frauen und im Gebet und im Lobpreis, im Lobpreis Gottes!
Männer richten, die wegen gesundheitlicher Wir erleben diesen Kampf auch in uns selbst.
Probleme, wegen ihres hohen Alters oder ande- Gott fegt den Einfluss des Bösen weg, der uns so
rer Schwierigkeiten nicht anreisen konnten. Be- oft »eine übertriebene Sorge um die persönlichen
ten wir alle in Stille gemeinsam für sie. gen einen reichen Schatz von Erfahrung mit sich Bereich. Solche Diskussionen stehen dann Räume der Selbständigkeit und der Entspan-
[Stilles Gebet] und geben alles, was sie gesehen und gehört ha- schließlich an erster Stelle und im Mittelpunkt nung« einflößt, »die dazu führt, die eigenen Auf-
Nun, da mein Besuch in Madagaskar hier mit ben, weiter. Ihr habt den Mut gehabt, hinauszu- unserer Aufmerksamkeit. Und das führt uns gaben wie ein bloßes Anhängsel des Lebens zu
euch zum Abschluss kommt, und ich eure Freude gehen und die Herausforderung anzunehmen, nicht selten dazu, dass wir apostolische Pro- erleben, als gehörten sie nicht zur eigenen Iden-
sehe, aber auch an alles zurückdenke, was ich in das Licht des Evangeliums in jeden Winkel dieser gramme erträumen, die immer größer, akribi- tität. Zugleich wird das geistliche Leben mit eini-
dieser kurzen Zeit auf eurer Insel erlebt habe, Insel zu bringen. scher und besser gestaltet sind, aber das ist ty- gen religiösen Momenten verwechselt, die einen
kommen mir diese Worte Jesu im Lukasevange- Ich weiß, dass viele von euch unter schwieri- pisch für besiegte Generäle, die am Ende unsere gewissen Trost spenden, aber nicht die Begeg-
lium in den Sinn, als er freudig bewegt sagte: »Ichgen Bedingungen leben, wo es an grundlegenden Geschichte verleugnen – so wie die eures nung mit den anderen, den Einsatz in der Welt
preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Dingen – Wasser, Strom, Straßen, Kommunikati- Volkes –, die glorreich ist als eine Geschichte und die Leidenschaft für die Evangelisierung
Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen ver- onsmittel – oder an finanziellen Ressourcen für von Opfer, Hoffnung, täglichem Ringen, dem im nähren« (Apostolisches Schreiben Evangelii gau-
borgen und es den Unmündigen offenbart hast« das Leben und die pastorale Tätigkeit mangelt. Dienst aufgeriebenen Leben und der Beständig- dium, 78). Auf diese Weise kann es passieren,
(10,21); und diese Freude wird durch eure Zeug- Viele von euch tragen auf ihren Schultern – um keit in mühevoller Arbeit (vgl. Apostolisches dass wir eher zu »Profis des Heiligen« als Männer
nisse bestätigt, denn auch die Dinge, die ihr als nicht zu sagen: zu Lasten ihrer Gesundheit – die Schreiben Evangelii gaudium, 96). und Frauen des Lobpreises werden. Machen wir
Probleme aufgezeigt habt, sind Zeichen einer le- Bürde der apostolischen Bemühungen. Ihr ent- Im Lobpreis bekommen wir ein Gespür dafür, es umgekehrt: Besiegen wir den bösen Geist auf
bendigen Kirche, einer engagierten Kirche, die je- scheidet euch jedoch dafür, zu bleiben und bei nicht den Überblick zu verlieren, um nicht die seinem eigenen Terrain: Wo er uns einlädt, uns an
den Tag danach strebt, den Herrn zu vergegen- eurem Volk, nahe an eurem Volk, mit eurem Volk Mittel zum Zweck zu machen und das Überflüs- wirtschaftliche Sicherheit, Räume der Macht und
wärtigen. Einer Kirche, wie Schwester Suzanne zu leben. Vielen Dank dafür! Herzlichen Dank für sige mit dem Notwendigen zu verwechseln; wir der menschlichen Anerkennung zu klammern,
gesagt hat, die darum bemüht ist, jeden Tag näher euer Zeugnis, dem Volk nahe zu sein, danke erlernen die Freiheit, Prozesse in Gang zu setzen, antworten wir mit evangeliumsgemäßer Verfüg-
am Volk zu sein: Löst euch nie vom Volk, geht im- dafür, dass ihr dortbleiben und die Berufung nicht anstatt Räume zu besitzen (vgl. ebd., 223); wir barkeit und Armut, die uns dazu bringt, unser
mer mit dem Volk Gottes! zu einem »Sprungbrett für ein besseres Leben« lernen, großzügig alles zu fördern, was das Volk Leben für die Sendung hinzugeben (vgl. ebd., 76).
machen wollt! Danke Gottes wachsen, reifen und Früchte tragen lässt, Bitte, lassen wir uns die missionarische Freude
Ich weiß, dass viele von euch unter schwierigen dafür und auch, dass ihr anstatt uns eines bestimmten pastoralen »Ver- nicht nehmen!
Bedingungen leben, wo es an grundlegenden Dingen – bewusst dort bleibt, wie dienstes« zu brüsten, der einfach und schnell zu Liebe Brüder und Schwestern, Jesus preist
Wasser, Strom, Straßen, Kommunikationsmittel – oder Schwester Suzanne sagte: erreichen, aber nicht nachhaltig ist. In gewisser den Vater dafür, dass er diese Dinge den »Klei-
an finanziellen Ressourcen für das Leben und die »Trotz unseres Elends und Weise hängt viel von unserem Leben, unserer nen« geoffenbart hat. Wir sind klein, weil unsere
pastorale Tätigkeit mangelt. Viele von euch tragen auf unserer Schwächen set- missionarischen Freude und Fruchtbarkeit von Freude, unser Glück, genau diese Offenbarung
ihren Schultern – um nicht zu sagen: zu Lasten zen wir uns von ganzem dieser Einladung Jesu zum Lobpreis ab. Wie der ist, die er uns gegeben hat; das einfache »Sehen
ihrer Gesundheit – die Bürde der apostolischen Herzen für die große Mis- weise und heiligmäßige Romano Guardini gerne und Hören« dessen, was weder Weise noch Pro-
Bemühungen. Ihr entscheidet euch jedoch dafür, sion der Evangelisierung betonte: »Wer – seiner innersten Gesinnung nach pheten noch Könige sehen und hören können:
zu bleiben und bei eurem Volk, nahe an eurem Volk, ein.« Gottgeweihte Perso- und auch, sobald es dafür Zeit ist, wirklich, im le- nämlich die Gegenwart Gottes in den Kranken
mit eurem Volk zu leben. Vielen Dank dafür! nen (im weitesten Sinne bendigen Akt – Gott anbetet, ist in der Wahrheit und Bedrängten, in denen, die hungern und dürs-
des Wortes) sind Frauen, behütet. Er mag noch so vieles falsch machen; ten nach Gerechtigkeit, in den Barmherzigen
sind Männer, die es ge- noch so sehr erschüttert werden und ratlos sein (vgl. Mt 5,3-12; Lk 6,20-23). Selig seid ihr – selig
Dies ist eine Einladung, sich dankbar an all lernt haben und die den Willen haben, im Herzen – im Letzten sind die Richtungen und Ordnungen ist die Kirche der Armen und für die Armen, denn
jene zu erinnern, die keine Angst hatten und auf ihres Herrn und im Herzen ihres Volkes zu blei- seines Daseins sicher« (Glaubenserkenntnis, sie lebt durchdrungen vom Duft ihres Herrn, sie
Jesus Christus und sein Königreich setzten; und ben. Das ist der Schlüssel: das Bleiben im Herzen Mainz 1997, 17), im Lobpreis, in der Anbetung. lebt freudig und verkündet die Frohe Botschaft
ihr habt heute teil an ihrem Erbe. Da sind diese des Herrn und im Herzen des Volkes! Den zweiundsiebzig Jüngern war bewusst, den Verworfenen dieser Erde, denen, die Gott am
Wurzeln aus der Zeit vor euch: die Wurzeln der Als Jesus seine Jünger, die voller Freude dass es für den Erfolg ihrer Mission entscheidend meisten am Herzen liegen.
Evangelisierung hier. Ihr seid das Erbe. Und auch zurückkehren, empfängt und ihnen zu- war, sie »im Namen des Herrn« erfüllt zu haben. Übermittelt euren Gemeinschaften meine Zu-
ihr werdet anderen ein Erbe hinterlassen. Ich hört, lobt und preist er als erstes seinen Vater. Das Das brachte sie zum Staunen. Es waren nicht ihre neigung und Nähe, mein Gebet und meinen Se-
denke an die Lazaristen, die Jesuiten, die Josef- weist auf einen grundlegenden Aspekt unserer Fähigkeiten, Namen oder Titel; sie hatten keine gen. Bei diesem Segen, den ich euch im Namen
schwestern von Cluny, die Brüder der christli- Berufung hin. Wir sind Männer und Frauen des Werbeflyer mit ihren Gesichtern darauf; es war des Herrn erteilen werde, lade ich euch ein, an
chen Schulen, die Missionare Unserer Lieben Lobpreises. Die Person des gottgeweihten Lebens nicht ihr Ruhm oder ihr Projekt, das die Men- eure Gemeinschaften, an die Orte eurer Sendung
Frau von La Salette und alle anderen Pioniere, ist in der Lage, die Gegenwart Gottes überall zu er- schen faszinierte und rettete. Die Freude der Jün- zu denken, damit der Herr weiterhin all jene
Bischöfe, Priester und Gottgeweihten. Aber auch kennen und aufzuzeigen. Sie will in dieser Ge- ger stammte aus der Gewissheit, die Dinge im Menschen segnen kann, da, wo sie sind. Möget
an die vielen Laien, die in den schwierigen Zeiten genwart leben, die sie gelernt hat zu genießen, zu Namen des Herrn zu tun, seine Vorsehung zu le- ihr weiterhin ein Zeichen seiner lebendigen Ge-
der Verfolgung, als viele Missionare und Ordens- verkosten und mitzuteilen. ben, sein Leben zu teilen; und das hatte in ihnen genwart unter uns sein.
leute gehen mussten, diejenigen waren, die die Im Lobpreis finden wir unsere schönste Zu- eine so große Liebe entzündet, dass sie diese auch Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten
Flamme des Glaubens in diesen Ländern am Le- gehörigkeit und Identität, weil sie den Jünger von mit anderen teilen mussten. und für mich beten zu lassen.
ben erhielten. Dies lädt uns ein, uns an unsere der Angst vor einem »das sollte man tun…« – die- Es ist interessant zu beobachten, wie Jesus Abschließend fügte der Papst folgende Worte
Taufe zu erinnern, als das erste und große Sakra- ser nagenden Angst, die kaputt macht – befreit das Werk seiner Jünger zusammenfasst, indem er des Dankes hinzu:
ment, dank dessen wir das Siegel der Gotteskind- und ihm die Lust an der Mission und am Zusam- vom Sieg über die Macht Satans spricht, einer Bevor ich ende, möchte ich einer gerechten
schaft empfangen haben. Alles weitere ist Aus- mensein mit seinem Volk zurückgibt; der Lob- Macht, die wir nie allein mit unseren eigenen Dankespflicht nachkommen. Dies war die letzte
druck und Manifestation jener ursprünglichen preis hilft ihm, die »Kriterien«, an denen er sich, Kräften, gewiss aber im Namen Jesu überwinden von neun Ansprachen, die von Pater Marcel über-
Liebe, zu deren Erneuerung wir immer eingela- andere und alle missionarischen Aktivitäten können. Jeder von uns kann von diesen Kämpfen setzt wurden. Wahrscheinlich wird er jetzt ein
den sind. misst, so abzustimmen, dass sie nicht manchmal Zeugnis geben… und auch von einigen Niederla- wenig rot im Gesicht, denn er wird auch das
Der Satz des Evangeliums, auf den ich mich wenig vom Geschmack des Evangeliums haben. gen. Wenn ihr die unzähligen Felder erwähnt, in übersetzen müssen, aber ich möchte dem Über-
bezogen habe, ist Teil des Lobgebetes, das der Oftmals können wir in die Versuchung gera- denen ihr euren Dienst der Evangelisierung aus- setzer, Pater Marcel [er wendet sich ihm zu], für
Herr angestimmt hat, als er die 72 Jünger emp- ten, stundenlang über »Erfolge« oder »Misser- übt, unterstützt ihr diesen Kampf im Namen Jesu. diese Arbeit danken, die du geleistet hast, danken
fing, die von ihrer Mission zurückkehrten. Sie folge«, den »Nutzen« unseres Handelns oder den In seinem Namen besiegt ihr das Böse, wenn ihr für die Genauigkeit und auch für die Freiheit, die
hatten, wie ihr, die Herausforderung angenom- »Einfluss« zu sprechen, den wir vielleicht haben, lehrt, unseren himmlischen Vater zu loben, und den Worten der Übersetzung Sinn verleiht. Ich
men, eine Kirche »im Aufbruch« zu sein. Sie tra- in der Gesellschaft oder irgendeinem anderen wenn ihr in aller Einfachheit das Evangelium und danke dir sehr, der Herr segne dich.